Felix Eitner, unterschätzer Komödiant

Hinterm roten Teppich

Der geborene Komödiant Felix Eitner ist Feinschmeckern des Fernsehens eher unbekannt. Dabei kann er weit mehr als Schnulzen mit debilen Namen wie Alles für meine Tochter (Freitag, 20.15 Uhr, ARD), für die er sein Talent zur Authentizität verschwendet.

Von Jan Freitag

Humor ist, wenn es optisch kracht, wenn Gesichtsausdrücke gute Pointen ersetzen und Gesten gehaltvolle Worte. Aufgerissene Augen zum Beispiel, die funktionieren immer. Der schmallippige Schmollmund natürlich auch. Nicht zu vergessen dieses halbseitige Lächeln, Typ ironische Zustimmung – geht alles eigentlich immer, sobald der Fernsehvorabend beginnt. Zumindest, falls die ARD dort lustig sein will und diesen Versuch obendrein Heiter bis tödlich tauft.

Also hieß es eine Weile lang auch für Felix Eitner: Augen auf, Lippen schmal, Lächeln halbieren, vor einem Jahr etwa, fast vier Monate am Stück. Da verkörpterte der rührige Schauspieler nämlich im neuesten Schmunzelkrimi, dem seriellen Quotendesaster vor Thomas Gottschalks, die männliche Hauptfigur Paul Degen. Dessen weibliches Pendant hieß Klara Kleinert (Wolke Hegenbarth), was nicht nur putzig alliteriert, sondern den noch putzigeren Titel Alles Klara herausforderte. Was seinerseits nun auch nicht richtig lustig war. Wie überhaupt die ganze Reihe um einen Kommissar und seine nebenbei ermittelnde Tippse, die es in der Harzer Provinz mit überraschend tödlichen Verbrechen in Reihe zu tun haben, alles Mögliche ist. Außer sonderlich lustig.

„Finden Sie?“, fragt Felix Eitner da ehrlich erstaunt. Lachen, beteuert er, rechtfertige doch grundsätzlich jeden Humor, und der in Alles Klara werde schon seine Lacher finden. Die eigenen zum Beispiel, obwohl Eitner selbst eher auf schwarzen Humor stehe, besonders den britischen, „es darf gern böse sein“. So wie im Ersten, dessen heiter gemeinte Vorabendermittlungen Schwerstverbrechen zur Pointe erheben, die wiederum Missverständnisse kultivieren und Dialoge erzeugen wie folgenden, den Felix Eitner beim Interview mit Alsterblick aus dem Nichts auf die publikumslose Interviewbühne in Hamburg zaubert:

Einer sagt was.

„Was hast du gesagt?“

„Du hörst mir gar nicht zu!“

„Natürlich hör ich dir zu!“

„Also was hab ich eben gesagt?“

„Warum soll ich dir sagen, was du gesagt hast?“

„Weil ich wissen will, ob du es gehört hast?“

„Warum soll ich das nicht gehört haben?“

„Weil du mich gefragt hast.“

„Was jetzt?“

Und dann komme, wie im hiesigen Formathumor üblich, ein Dritter hinzu und verwirre sie alle, Prinzip Missverständnis eben. „Mir gefällt das.“ Und wie der Mittvierziger Eitner mit dem kreisrund gelichteten Haar es verteidigt, mit Händen und Füßen, mit Showeinlange, Hüsteln, Stirnrunzeln, aber ohne spürbares Konzept, voll aus dem Bauch, da spürt man: Der brennt für seine Sache. Nur – wie sehr er brennt, das wissen die wenigsten, wie überhaupt die wenigsten wissen, wer Felix Eitner eigentlich ist.

Sein filmischer Aggregatszustand ist schließlich die personifizierte Nebenrolle, der Sidekick, ein Ergänzungsspieler, seit jeher im zweiten Glied, so wie er es auch morgen im berechenbar schnulzigen ARD-Freitagsfilm mit dem berechenbar debilen Holzhammertitel Alles für meine Tochter tut. Seit er als 14-Jähriger die erst Kinderrolle übernahm und 2001 als Fluchthelfer im preisgekrönten Drama Der Tunnel das „History-Event“ als TV-Genre gebären half. Es war eine ernste Rolle, gespielt mit jener beiläufigen Leichtigkeit, die Felix Eitner auszeichnet, die ihm ein durchaus erträgliches Schauspielerleben gewährleistet, aber eben keins auf den Titelseiten der Aufmerksamkeitsindustrie.

„Bevor ich den roten Teppich betrete, höre ich oft das Kameragewitter“, er lächelt ein bisschen bitter, „aber wenn ich drauf bin, hört es auf.“ In diesem Schaufenster nicht erkannt, geschweige denn „von der Celebrity-Reporterin nach der Marke meines Mantels gefragt“ zu werden, sagt er im Singsang seiner badischen Heimat, „das tut schon auch brutal weh“. Da gehe er lieber hinten rein – und spielt sich von da aus ins Rampenlicht, ganz leise. Denn Felix Eitner spielt alles und das regelmäßig, er tut es im Arthaus-Kino wie Doris Dörries Kirschblüten – Hanami oder in ZDF-Hochglanz wie Margarethe Steiff, in der ARD-Klamotte Für immer 30, wo er kürzlich mal die Besetzungsliste anführte, ebenso wie im Stuttgarter Tatort, wo er kürzlich sogar Dialekt sprechen durfte. Er kann fast alles, sogar Hochdeutsch. Am besten aber kann er Komödie.

Das wusste schon Rainer Matsutani, als er Felix Eitner 1995 in der Zombie-Groteske Nur über meine Leiche besetzte. „Ein neuer Tony Randall“, schwärmte der Regisseur damals. Jener Zuspieler also, der gern als überdrehter Spießer zwischen Rock Hudson und Doris Day vermittelte. Dieser Typus liegt auch dem früheren Klassenclown mit späterer Clownausbildung, dem Sohn zweier Lehrer, der selbst einer werden wollte und jetzt immerhin hier und da spielt, geprüft und abgenommen von seiner volljährigen Tochter.

Früh geheiratet, rasch Vater, Häuschen im Allgäu, Haarausfall ohne Kopfrasur, Spießer als Paraderolle – Felix Eitner grinst: „Es gibt bei mir einen gewissen Zug zum Bodenständigen“. Und sei es nur, um sich im hektischen Filmbetrieb mit all seinen Eitelkeiten zu erden. Er pflegt diesen Zug auch in der ARD-Schnulze zum Wochenende wie er es eben bei Alles Klara pflegte. Dass das weder lustig noch gehaltvoll ist – an Felix Eitner liegt es nicht.

Der aktualisierte Text ist i m April 2012 in der Berliner Zeitung und Frankfurter Rundschau erschienen

Patrick “Silas” Bach, Hamburg 2009

Fortsetzung? Sofort!

Patrick Bach war Silas, Patrick Bach war Jack Holborn, Patrick Bach war Annas Rollstuhlfreund, jetzt ist Patrick Bach Mitte 40 und irgendwie immer noch der Kinderstar vom Weihnachtsmehrteiler, den er 1981 mit einem verkauften Zirkusjungen zu neuen Höhen mit 25 Millionen Zuschauern schwang. Ein Gespräch zum 45. Geburtstag mit dem zufriedenen Familienvater aus Hamburg über alte Klischees, neue Rollen, gescheiterte Kinderstars und was Schauspielen mit Golf zu tun hat.

freitagsmedien: Patrick Bach, Sie waren 12, als Silas aus einem Hamburger Jung eine Kinderstar gemacht hat. Ist man das ein Leben lang oder wächst er sich irgendwann raus?

Patrick Bach: So ganz nie. Es steckt in den Köpfen der Leute drin, das merk ich noch heute. Wenn es um neue Rollen geht, da wird es schon noch erwähnt. Aber das ist in Ordnung. Es war eine wunderbare Serie und wenn mich Leute nun drauf ansprechen, freue ich mich doch. Nach 25 Jahren – das muss man erst mal schaffen.

Ist es eine Alters- oder Karrierefrage, sich davon zu lösen?

Beides. Man muss sich halt beruflich weiter entwickeln. Bei mir kommt hinzu, dass ich zehn Jahre jünger aussehe als ich bin und gemütlich für 30 durchgehe. So unterstütze ich das Älterwerden nicht optisch, das macht es schwieriger, sich vom früheren Image zu lösen. Ich finde es schön, mich darauf beziehen zu können, nur ist es so, dass die Rollen für 28- bis 35-jährige Männer ohnehin eher rarer gesät sind.

Ach was.

Ja. Für den jungen Wilden wird man nicht mehr besetzt, dafür gibt’s Robert Stadlober und wie sie alle heißen. Und den gestandenen Familienvater kriegt jemand wie ich auch noch nicht, obwohl ich selber einer bin. Aber das ist nur eine Frage der Zeit; alt werde ich auf jedem Fall.

Sind Sie zuvor in ein Loch gefallen?

Nein, aber dieses Jahr war es sehr ruhig. Ich habe eine Comedy mit Jeanette Biedermann gemacht, die nicht gesendet wurde. Da war auch ein bisschen Pech dabei, denn es war absolut sendefähig, eine Flaschengeistgeschichte, mit Rollen- und Körpertausch.

Auch nichts Tiefschürfendes.

Nein, aber sehr witzig, mit hintergründigen, subtilen Drehbüchern. Nicht Stromberg, aber auch nicht der plumpe Latrinenhumor des Comedy-Durchschnitts. Dennoch war Sat1 mit dem Gesamtkonzept unzufrieden und hat es – was heute ja gern gemacht wird – ins Regal gestellt.

Siegt dann die Eitelkeit des Schauspielers, gesendet werden zu wollen, oder der Familienvater, der seinen Job gemacht und dafür Geld gekriegt hat?

Da siegt der Ärger darüber, von etwas überzeugt zu sein, was trotzdem nicht gesendet wird. Zum einen, weil mir dadurch Präsenz auf dem Bildschirm fehlt. Zum anderen, weil wir nur sechs statt zwölf Folgen gedreht haben, womit das Jahr gut gefüllt gewesen wäre. Außerdem war es für mich ein neues Gebiet, auf dem ich mich hätte etablieren können, zumal mir der eine oder andere durchaus komödiantisches Talent nachgesagt.

Wurde bei dem Versuch der alte Silas oder der neue Patrick besetzt?

Definitiv Patrick. Es gibt genug Angebote. Auch Die Wache

Wo sie einen Polizisten spielen.

… war doch fernab vom Kinderstar, ein gestandener Mann mitten im Leben, ernst angelegt. Ich habe kein Problem damit, ein Kinderstar gewesen zu sein, auch wenn es immer mal reinspielt in meinen Beruf. Es schwebt nicht wie ein Damoklesschwert über mir, das mir alles verbaut.

Ist die Zahnlücke noch da?

(Zeigt sie und lacht) Klar. Die war mal weg und plötzlich kam sie wieder.

Solche Markenzeichen, die ersten Meriten können ja mehr Ballast als Kredit sein.

Absolut und in Deutschland herrscht dieses Schubladendenken überall. Ein Claude-Oliver Rudolph spielt nun mal immer den Bösen. Jeder hat sein Rollensegment, in dem er primär besetzt wird und das wird im Fernsehen recht selten gebrochen. Im Kino schon eher, aber insgesamt bleibt die Familienmutter gerade in der Serie immer Familienmutter. Damit muss man sich positiv abfinden, akzeptieren, dass es trotzdem weitergeht, und hoffen, dass es sich irgendwann ändert.

Aus eigener Kraft?

Auch. Ich habe in diesem Jahr einen Kurzfilm mit Helmut Zierl in Krefeld gedreht, wo ich einen Gauleiter spiele, für den man mich normalerweise überhaupt nicht besetzt. Viele von denen, die mir so was nicht zugetraut hätten, waren positiv überrascht.

Zu dumm, dass Kurzfilme selten im Fernsehen laufen.

Ja, er ist für die Berlinale gemacht, aber es hieß, man könnte eineinhalb Stunden draus machen, denn die Zeit ist deutlich zu kurz für das Thema. Es geht um einen Schuster, der von mir den Auftrag erhält, für die Hitlerjugend Schuhe herzustellen, während sein Sohn in die örtliche Swingbewegung gerät und am Ende von den HJ-Jungs in den Schuhen seines Vaters totgetreten wird. Ein Low-Budget-Film fürs Herz. Aber weil die Figuren nicht annähernd durch erzählt werden, böte er Stoff für mehr.

Wie fühlt es sich an, den Bösen zu spielen?

Böse. Aber ich habe ja auch zuvor eher Böse gespielt. Allerdings hab ich kein böses Aussehen. Ein böses Gesicht kann ich nicht, das wäre für mich der falsche Weg. Ich muss das eher mit einem fiesen Lächeln spielen, wie der Mafioso: Ah, du magst also deine Familie. Bene…

Kann man Sie nicht böse schminken?

Da müsste man einiges machen. Deshalb wird mir so was selten angeboten.

Waren Sie aufgeregt, so gegen den Strich besetzt zu werden?

Aufgeregt nicht, aber die Herausforderung ist schon größer, man macht sich mehr Gedanken. Aber dafür hatte ich gar keine Zeit, mich vorzubereiten, mir mal einen Gauleiter im Film anzusehen.

Man kennt die ja auch.

Zur Genüge, den klassischen Nazi sieht man oft. Das Ausdruckslose, mit Stock im Hintern.

Wie war es als Kind – wann wurden Sie vom Kinderdarsteller zum Schauspieler?

Eigentlich erst bei Anna, meiner dritten Rolle. Da war ich 18. Bei meinen ersten beiden – mit 12 und 14 – hab ich mir noch nicht viele Gedanken gemacht. Das war eher Ponyhof, mehr Abenteuerurlaub, alles toll. Es war auch anstrengend, fiel mir aber leichter.

Was gab es dafür damals?

Ich glaube Silas gab 20.000 Mark komplett. Die zweite Gage für Jack Holborn hab ich sogar selbst mit dem Produzenten verhandelt, in der Kneipe. Ich wollte mehr Geld. Er fragte dann, wie viel, und ich meinte, glaube ich, das Doppelte.

Viel Geld. Kommen Sie aus wohlhabendem Haus?

Es gab schon einen gewissen Rückhalt; das macht es in dem Beruf ein wenig einfacher, wenn die Existenz nicht ständig auf dem Spiel steht. Schließlich bringt der Job immer wieder Höhen und Tiefen mit sich.

In dem Alter können Geld und Erfolg den Menschen ganz schön versauen.

Na ja, meine Mutter ist Regieassistentin. Bei uns zuhause liefen Leute wie Jutta Speidel und Horst Frank rum. So gesehen waren Stars für mich normale Leute und die Arbeit ein normaler Job. Ich besaß gar nicht dieses Wunschdenken nach Glamour und Ruhm und wollte nach den Serien auch gar kein Schauspieler werden. Deswegen bin ich immer auf dem Teppich geblieben. Ich habe einen Traumberuf mit Abwechslung und Kreativität, aber man muss immer damit leben, dass man morgens aufwacht und plötzlich ist es zu Ende.

Haben Sie diese Angst noch?

Nicht wirklich. Da ist es gut, dass ich Kinderstar war. Ich habe mir dadurch etwas aufgebaut, was schwer kaputt zu kriegen ist.

Renommee oder finanziell?

Vor allem mein Name, meine Popularität, die zum Glück dazu führt, dass es immer weitergeht. Ich bin von Haus aus Optimist.

Den sie mal neben Selbstbewusstsein und Humor als ihre positiven Eigenschaften genannt haben. Wie ist es mit Kritikfähigkeit?

Ich kann nicht klagen. Wenn man als Schauspieler keine Kritik verträgt, tut man sich nur selber weh. Jeder noch so große Schauspieler hat schließlich mal was gemacht, das niemandem gefällt. Wie in anderen Berufen auch. Auch Manager kriegen tolle Abfindungen für noch so schlechte Bilanzen (macht Ackermanns Victory-Zeichen). Man kann nicht immer gut sein, dann wäre man Gott.

Die Kritik an Ihnen könnte lauten, dass Sie seit Anna keine feuilletonistisch anspruchsvolle Rolle mehr gespielt haben. Alles eher leichte Unterhaltung.

Teilweise sogar seicht, aber das ist doch in Ordnung. Bei Schauspielern kommt immer die Frage, was denn die große Traumrolle sei, ob man nicht mal nach Amerika möchte. Für mich ist es ein Beruf, mit dem ich meine Familie ernähren will und mir macht auch eine seichte Familienserie Spaß, ich kann dort Rollen entwickeln. Klar würde ich drei ganz tolle Kinoproduktionen im Jahr machen, aber nicht auf Biegen und Brechen. Ein Heiner Lauterbach macht eben nur das und wird sonst für nichts gebucht.

Weil er sich nicht buchen lässt?

Das ist eben das Problem in Deutschland. Viele werden für viele Rollen gar nicht erst angedacht, weil es heißt, das macht der oder die ja ohnehin nicht, und im Zweifel hat man einfach nicht gefragt.

Klingt nach einem Kommunikationsproblem.

Sicher, jeder kocht sein eigenes Süppchen. Aber in meinem Fall kann ich sagen: Es liegt nicht an mir. Die Filmemacher sagen, das ist ein Serienstar, die Öffentlich-Rechtlichen sagen, das ist eine RTL-Nase, Theaterleute tun sich schwer mit Filmschauspielern und umgekehrt. Ich glaube, Schauspieler haben viel weniger Probleme zu springen, als Besetzer, Caster, Produzenten, Regisseure, Verleiher denken. Und weil ich das weiß, versuche ich nicht auf Krampf ins Kino zu kommen. Dafür mach ich das zu lange. Ich bleib schön im Serienbereich und freu mich umso mehr, wenn ein Angebot wie aus Krefeld kommt.

Haben Sie denn nie vom Kinotriumph geträumt?

Also ich hab noch keinen Traum verloren, weil ich mich trotz der langen Zeit im Geschäft immer noch wie am Anfang meiner Karriere fühle. Die Rollen die ich noch spielen möchte, muss ich erst noch spielen, weil mir einige vielleicht noch nicht so viel zutrauen und sagen, da besetzen wir erst mal noch den Heino Ferch (lacht), die üblichen Verdächtigen halt. In zehn Jahren sieht das alles schon ganz anders aus und bis dahin mache ich eben die Sachen, mit denen ich meinen Lebensunterhalt verdiene, ohne mich bis auf die Knochen zu blamieren.

Haben Sie dafür je eine Schauspielausbildung absolviert?

Nein. Alles learning by doing. Und in meinem Alter ist das auch bald mal zu spät. Aber es gibt ja auch alle möglichen Workshop-Fortbildungen.

Die haben Sie aber gemacht?

Nee, ich hab mich aber durch Dinge wie Synchronsprechen verbessert, was ich seit Mitte der Neunziger mache. Außerdem spreche ich Werbung. Modulation, Sprechtechnik, Stimmstützen, all so was. Das erspart einem jeden Kursus. Die renommierten Tonmeister, mit denen ich bislang gearbeitet habe, meinten, ich hätte eine wunderbare Stimme, mit der ich auch im Theater bis ganz nach hinten käme.

Wo Sie aber – abgesehen von den Karl-May-Festspiele – keine Erfahrung haben.

Vielleicht ändert sich das ja bald. Ich habe jedes Jahr Angebote. Aber bislang fielen die bei mir immer mit Dreharbeiten für meine Serien zusammen. Und Fernsehen ist natürlich lukrativer.

Die meisten Schauspieler gönnen sich die Bühne auch zur künstlerischen Verwirklichung, während das Fernsehen eher Broterwerb ist.

Genau, wenngleich man da auch nicht von der Hand in den Mund lebt. Ich habe den Vorteil, dass man mich nicht einkauft, weil ich so ein grandioser Bühnenschauspieler bin, sondern weil sie meinen Namen haben wollen. Und was ich daraus mache, ist immer ein Sprung ins kalte Wasser. Auf der anderen Seite hab ich in Bad Segeberg gemerkt, dass mir die Bühne liegt. Ich bin eben kein introvertierter Typ, deshalb weiß ich, dass ich nicht ungeeignet wäre. Ein Komödienboulevardstück, etwas seichtere Unterhaltung, würde mir da sicher liegen.

Ihr Nachfolger als Weihnachtskinderstar Hendrik Martz hat es gerade in Berlin als Woyzek versucht. Ist das ein höherer oder nur ein anderer Anspruch als eine leichte Komödie?

Komödie ist gar nicht so einfach, im Gegenteil. Da ich aber zur Komödie neige, hätte ich eher Respekt vor klassischen Rollen. Ich denke der Unterschied ähnelt dem von Kino und Fernsehen: Kino wird als höherer Anspruch empfunden. Dabei ist es nur eine andere Kamera, ein anderer Bildausschnitt, andere Auflösung, hochwertigere Technik. Doch die Schauspieler machen im Grunde das gleiche: Sie spielen ihre Rollen, allerdings nicht automatisch besser. Der Hamlet kommt einem nur bigger vor.

Nervt das den, der ihn nicht spielt?

Ich bin da nicht anspruchs- oder leidenschaftslos, aber wenn ich ein Leben lang Serien mache, weil nichts anderes kommt, werde ich damit trotzdem glücklich. Das ist wie beim Golf: Man kann noch so toll abschlagen, man wird nie perfekt spielen, alles mit einem Schlag. Wer das permanent im Hinterkopf behält, wird als Schauspieler nicht glücklich.

War das ein Plädoyer gegen Perfektionismus?

Nein, nein. Ich bin Perfektionist. Ich komme immer bestens vorbereitet zum Set und will immer 100 Prozent geben. Aber man sollte auch mal mit sich zufrieden sein und das fällt vielen schwer. Die ertränken das dann gern mal im Alkohol oder geben auf, während ich Realist bin. Ich bin Widder. Ich steh mit beiden Beinen auf dem Boden. Für mich ist meine Familie das Wichtigste und wenn ich Getränke austragen müsste, um es ihr gut gehen zu lassen, würde ich auch das gern tun. Mein Job ist der schönste, den ich mir vorstellen kann, aber er ist nicht alles. Das heißt nicht, keine Ziele zu haben.

Klingt ungemein bodenständig.

Absolut. Und ich bin froh darüber. Mir einen Hut quer aufzusetzen, in Lotterhosen auf Smokingpartys rum zu laufen, auf künstlerisch zu machen – das ist nicht mein Stil. Das wird oft als Mangel an Ehrgeiz ausgelegt, aber ich bin auch glücklich, wenn ich die Leiter, deren Ende sowieso nicht erkennbar ist, nicht versuche bis ganz hinauf zu steigen.

Liegt das daran, dass Sie in den Beruf eher hineingeraten sind?

Ich glaube, das ist eher eine charakterliche Frage.

Von den vielen Kinderstars der Weihnachtsserien hat es nur Katja Studt zu ganz großen Rollen gebracht. Thomas Ohrner, Sylvia Seidel, Josef Gröbmayr oder Sie sind dagegen nie über Serien und Shows hinausgekommen.

Für meine Ansprüche decke ich alle Bereiche ab. Natürlich war da viel Familiäres dabei, aber ich habe mir eine gewisse Vielschichtigkeit erarbeitet. Bei Thommy war’s so, dass er als Erwachsener seine jugendliche Frische verloren hat. Die Chance, nach dem Stimmbruch interessant zu bleiben, ist eben gering. Ein Rezept gibt’s da nicht und bei Thommy hat es nicht geklappt, obwohl er gern als Schauspieler weitergemacht hätte. Aber Moderation ist auch keine leichte Sache. Ist mir auch angeboten worden, hätte ich womöglich auch gekonnt, aber dann ist die Schauspielerei vorbei.

Sie sagten erst kürzlich, über Angebote nicht klagen zu können – viele Kollegen müssten sich mit Synchronrollen rumschlagen. Ist das Geschäft so hart?

Zum einen, bestehen große Teile des Programms aus Shows, Soaps, Telenovelas, wo man als seriöser Schauspieler sagt: Das ist nicht mein Sendeplatz. Und für den Rest gibt es so um die 30 Schauspieler, die sich draufsetzen. Das sind übers Jahr gerechnet ein paar Tausend Rollen, die wegfallen. Mit der Maueröffnung kamen zudem viele gute Schauspieler hinzu, die teils zu Preisen gespielt haben, die ein Westschauspieler nicht akzeptiert hätte. Dadurch haben sich Sondergagen durchgesetzt, Abschläge, dazu weniger Sendeplätze, viel Comedy – Angebot und Nachfrage haben sich zum Angebot hin verschoben. Da war es gut, dass ich auf die Synchronschiene geraten bin und Hörbücher mache. So kommt noch etwas Geld rein.

Gibt es Silas als Hörbuch?

Meines Wissens nicht. Das wäre aber auch mal eine Variante, warum nicht.

Als DVD läuft es gut?

Ich glaube ja.

Wenn man auf wunschliste.de geht…

Steht Silas ganz oben.

Und es gibt Hunderte aktuelle Einträge von Fans, von Eltern, die ihre Söhne Silas genannt haben. Kennen Sie einen Silas?

Ich hab mal einen kennen gelernt, als wir die Strandclique gedreht haben.

Ihren eigenen Sohn so zu nennen, kam aber nicht infrage.

Um Gottes Willen, nein. Das wäre ja völlig gestellt. Der Name ist mir auch zu weit weg. Das ist Historie, keine Gegenwart.

Warum gibt es den Weihnachtsmehrteiler eigentlich nicht mehr?

Der ist dem Trend der Schnelligkeit erlegen. Die ersten fünf, sechs waren noch echte Erfolge, danach hatten die ihren Zauber verloren. Als die Privaten auf Sendung gingen und den Markt zugepflastert haben, gingen zudem die Quoten in den Keller. Wenn man heute im Vorabendprogramm mit einer Serie im Schnitt viereinhalb Millionen hat, kannste jubeln. Jack Holborn hatte 46 Prozent, das sind 25 Millionen.

Wenn man Ihnen anbieten würde, eine Fortsetzung von Silas zu drehen – würden Sie das machen.

Jo. Sofort. Es müsste zwar passen und ich glaube, Silas ist zu weit weg. Aber die Schwarzwaldklinik hat ja auch noch mal funktioniert.


Selbstunbefriedigung

fragezeichen_1_Es gibt eigentlich nur zwei Sorten Filme, in denen onaniert wird: Echte Pornos, und da machen das meist andere für einen. Oder ARD-Dramen, und da ist das eine triste Angelegenheit. Merkwürdig

Man kann es fast an einer Hand abzählen, was auch in Film und Fernsehen mit fünf Fingern der Selbstbefriedigung dient, aber nicht strikt pornografisch inszeniert wurde: Der Altschauspieler Jürgen Vogel hat es mal als zwanghafter Vergewaltiger im Kinofilm Der freie Wille getan, der Jungschauspieler Jonas Ney als verliebter Teenager im ARD-Drama Homevideo, der US-Schauspieler Evan Handler als geiler Schriftstelleragent im Serien-Erfolg Californication: masturbiert. Schon die Tatsache, dass zwei der drei für diese schonungslose Eigenauslieferung mit Preisen überhäuft wurden, zeigt schließlich, wie selten die vermutlich verbreitetste Sexpraktik der Welt generell visualisiert wird.

Das hat zunächst ästhetische Gründe; es gibt ja schönere Anblicke als masturbierende Frauen, von Männern ganz zu schweigen. Dann wären da psychosoziale; denn so gern Kameras dem Geschlechtsakt als Paar- und Gruppenveranstaltung beiwohnen, gilt er solo als Beleg latenter Vereinsamung. Womit wir bei der stichhaltigsten Erklärung wären, die in etwa so profan ist wie jene, warum uns so wenig reale Morde gezeigt werden: Während gefilmter Beischlaf auch als Fiktion Ausdruck ausgezeichneter Virilität bei Mimen und Echtmenschen ist, lassen sich die wenigsten freiwillig bei der Selbstbefriedigung filmen, und sei sie bloß angedeutet. Ist vielleicht auch besser so…