Club-Mausoleum: Ernst-Merck-Halle

frumpy-2-540x304Schlägerei inklusive

Dritte Folge des Club-Mausoleums, in dem die freitagsmedien vertriebene, geschlossene, abgerissene, umgewidmete Institutionen der Hamburger Musikszene vergangener Jahrzehnte wieder auferstehen lässt. Diesmal: Die Ernst-Merck-Halle (Foto: Michael Laukeninks) im Karoviertel, gleich bei Platen un Blomen (1956-1986).

Von Jan Freitag

Wenn es um Coolness geht, gelten Eltern gemeinhin als Antithese, zumindest für Jugendliche. Was Eltern so machen, ja selbst was sie vor Urzeiten gemacht haben, als sie auch mal jung waren, ist per se Spießerkrams. Punkt. So weit die Regel. Kommen wir also zur Ausnahme. Ich war ungefähr zwölf, also klein genug, um die Worte meines Vaters vorbehaltlos für bare Münze zu nehmen, aber groß genug, um darauf keinen Pfifferling mehr zu geben, als er mir von etwas erzählte, das mich vor Ehrfurcht niederknien ließ: Papa habe, sagte er mit kaum sichtbar stolzem Grinsen zur vorbildfunktional ernsten Miene, einen Konzertsaal zerlegt.

Boah!

Regeln brechen, Stühle werfen, Fäuste schwingen, selbst gegen die angerückte Polizei, fuhr er fort. Das volle Randaleprogramm. Ein gewisser Bill Haley war 1958 nach Hamburg gereist, um aufzuführen, was meines Vaters Eltern als Ausgeburt der Hölle galt: Rock’n’Roll. Und weil dieser Satanist zeitgenössischer Jugendkultur die Massen anzog wie der Antichrist sündiges Fleisch, gab es seinerzeit nur einen Ort, der ihm gerecht werden konnte: Die Ernst-Merck-Halle. Benannt nach einem Pfeffersack mit sozialer Ader, der seiner Heimatstadt aus den sprudelnden Handelsquellen des väterlichen Unternehmens 100 Jahre zuvor an nahezu gleicher Stelle einen Zoo geschenkt hatte und auch sonst allerlei gönnerhafte Gaben.

Am Dammtor war das, dort wo später „Planten un Blomen“ entstand, eine ruhige Ecke damals, blumenumrankt, verkehrsarm, ländlich. Die verschnörkelt schöne Halle, in der schon damals – wenngleich ohne Stromgitarren – Konzerte klangen, wurde zwar im Krieg zerstört, doch ziemlich rasch wieder aufgebaut. Nun also stand mein Vater mittendrin und das Schicksal nahm seinen Lauf. Da Saalordner den Ordnungsbegriff an jenem Oktobertag ungleich enger auslegten als heute, verboten sie der aufgeheizten Menge, nein – nicht zu randalieren: zu tanzen! Die folgerichtigen Tumulte vom „Rock’n’Roll-Wahnsinn befallener Jugendlicher“, wie die Zeit damals indigniert schrieb, führten erst zum Abbruch, dann zur Massenschlägerei nebst Mobiliardemolierung. Konsequenz: 20.000 Mark Sachschaden. Elvis Presleys Absage, dem der Skandal offenbar die Hosen verfüllte. Außerdem ein legendäres Gebot von realsatirischem Ernst: Das Gestühl, stand fortan auf der Ticketrückseite, sei „nur als Sitzplatz zu verwenden“. Für Schäden aus „anderweitiger Benutzung“, habe der Besucher aufzukommen.

So war das damals, im größten Saal weit und breit. 6000 Leute, pro Quadratmeter einer, passten rein und noch viel mehr davor. Wo die St. Petersburger Straße nun das massive Verkehrsaufkommen an den mächtigen Messehallen vorbei zum mächtigeren Fernsehturm führt, durchschnitt damals ein besserer Feldweg das bewaldete Naherholungsgebiet. Rein äußerlich dürfte die betonklobige Kastenkonstruktion der neuen Ernst-Merck-Halle vor 60 Jahren daher nicht nur in den Augen erwachsener Besitzstandswahrer eine Anmaßung gewesen sein. Doch die aufblühende Jugend atmete auf: Endlich genug Platz für Superstars, der bis dato selbst im angrenzenden St. Pauli knapp war. Endlich ein Ort kollektiven Austobens!

Also wurde getobt. Und wie.

Wo Bundespräsident Heuß 1953 in aller Würde die weltwichtige IGA eröffnet hatte, sorgte „schon ein Louis Armstrong für erste Randale“, erzählt Messesprecher Karsten Broockmann lachend aus einer Chronik, die demnächst erscheint. Ausschreitungen beim betulichen Jazz-Onkel – das ging ja gut los… Und es ging so weiter. Gebucht auf Großereignisse war die EMH, wie man sie rasch nannte, ein steter Quell polizeilicher Überstunden. Die Beatles, AC/DC, Rolling Stones, The Who, Queen – wenn die Ikonen ihrer Zeit auftraten, ging es vor, während, nach dem Konzert hitzig zu. Vielleicht ja wegen der atomsphärischen Mängel.

Die Bühne war zu hoch, der Sound miserabel, das Ambiente trotz Empore und Baldachinen am Bühnenrücken eher Kuhhändlerhalle als Club. Im Sommer raubte das viele Ober-, Seiten-, Neonlicht viel Stimmung, im Winter alle Wärme. Und wenn die Halle mal schlecht gefüllt war, das durfte ich Mitte der Achtziger bei meinem einzigen Besuch dort erleben, als der großhallenuntaugliche Joe Jackson lustlos gegen die leeren Ränge anjazzrockte, glich ihre Aura allenfalls der Alsterdorfer Sporthalle. Turnmattenausstrahlung.

Dass die EMH 1986 abgerissen wurde, hatte aber ganz andere Gründe: bauliche, politische, wirtschaftliche, vor allem die. Der Messestandort wurde zu bedeutsam für kulturelle Befindlichkeiten. So sehr, dass am Ort des letzten innerstädtischen Konzerthauses dieser Größe nun ein fünfzehnstöckiges Messehotelmonster den Blumenpark samt Spielplatz gegenüber verschattet und auch sonst jedes Maß einer milieugerechten Bebauung sprengt. Mein Vater und seine halbstarken Rock’n’Roll-Rabauken würden der Lobby vermutlich mal einen Besuch abstatten. Ist vielleicht ganz gut, dass er das nicht mehr erleben muss.

Vorab veröffentlicht unter http://www.zeit.de/hamburg/kultur/2014-12/ernst-merck-halle-hamburg-musikklub

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