Schulz-Ende & Abendgeschichten

Die Gebrauchtwoche

27. November – 3. Dezember

Ach Mainz, du große Provinzhauptstadt, du kleine Hauptstadtprovinz, du Leuchtturm bundesdeutscher Betulichkeit im wilden Meer der Globalisierung, du Hort knuddeliger Comicmännchen und pfälzischer Innereiengerichte – da erschaffst du im mausgrauen Leitmedium der formierten Gesellschaft eine Talkshow ohne Phrasendrescherei, und was tust du in deinem Kleinmut mit Schulz & Böhmermann? Setzt das einzig experimentelle Talkformat der vierten Säule öffentlich-rechtlicher Grundversorgung neben Krimi, Krimi, Krimi und ein paar Nachrichten ab, einfach so. Tschüss.

Das allein wäre schon schlimm genug, würde das Abschiedsargument nicht wie so oft lauten, die Quote sei halt einfach unzureichend gewesen. Leider, leider. Schade. Äh, Quote? Bei ZDFneo? Dem kultiviert gemeinten Kanal für die Generation Discman, auf dem dann aber doch eher Wiederholungen aus der Generation Walkman laufen und nur sehr selten mal was für die Generation iPhone? Als Oli Schulz und Jan Böhmermann gestern letztmals die Regeln des Gesprächsgenres zertrümmert haben, war damit auch eins der letzten Reste Aberwitz mit Eigensinn für Zuschauer diesseits der 40 im linearen Programm Geschichte.

Das ist umso deprimierender, als Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf bei Pro7 einfach immer weitermachen mit der Unterwanderung tradierter Sehgewohnheiten – und das zur besten Sendezeit. Am Samstag zum Beispiel war Die beste Show der Welt zwar bis an den Rand der Unzurechnungsfähigkeit albern, dabei jedoch inspirierter, lustiger, vor allem glaubhaft leidenschaftlicher als alles, was ARD und ZDF fürs jüngere Publikum zustande bringen. Zumal erstere vor ein paar Tagen angekündigt hat, bald das nächste Reisebüro des TV-Kriminalwesens zu eröffnen.

Die Frischwoche

4 – 10. Dezember

Mit Hannes Jaenicke als Holländer. Beim Mörderjagen in Amsterdam. Es ist sooo ermüdend, so wahnsinnig ermüdend. Und diesen Donnerstag geht ja schon der nächste Kommissar auf Butterfahrt ins benachbarte Ausland, genauer: Über die Grenze. Zur besten Sendezeit leitet Thomas Sarbacher fortan eine deutsch-elsässische Polizeieinheit. Zum Auftakt beginnt das gleich mal erwartbar hölzern. Und auch, wenn das Ganze im Laufe der 90 Minuten durchaus Eigensinn entwickelt – das ARD-Motto bleibt adenauerhaft: Keine Experimente.

Dabei gibt es sie doch, die Momente kreativer Herausforderung, die Augenblicke unerwarteter Verstörung. Man muss sie halt nur etwas suchen. In der ARD zum Beispiel, wo Stephan Lamby und Egmont R. Koch heute Abend um 22.45 Uhr mit ihrer Dokumentation Bimbes – Die schwarzen Kassen des Helmut Kohl abermals beweisen, wie viel Kraft investigativer Journalismus entfalten kann. Auch der NDR versteckt seine Perlen lieber zur Geisterstunde. Denn wenn der österreichische Satiriker Dirk Stermann am Freitag zum vierten Mal vier Gäste zur Geschichte eines Abends in ein verschrobenes Mietlokal auf St. Pauli lädt, wird es mit Ulrich Matthes, Karoline Herfurth, Mario Basler, Ina Müller abermals grandios. Grandios versoffen, grandios verraucht, grandios anarchistisch, auch mal grandios schweigsam, ergo: grandios grandios.

Tummeln wir uns also einfach weiter in den Abseiten des Fernsehens. Beim gleichen Sender etwa, wo am Dienstag zur selben Uhrzeit die eindrückliche Dokumentation Deportation Class von Carsten Rau und Hauke Wendler über eine Sammelabschiebung von der Planung über die Festnahme bis zu Ankunft im Fluchtland läuft. Ein artverwandtes Thema, allerdings mit erfrischend optimistischem Tonfall, behandelt der BR in der wunderbaren Reportage Girls Don’t Fly. Auf dem Dokumentarfilmplatz DoX handelt sie am Mittwoch um 22.45 Uhr von einer Gruppe junger Frauen, die im zutiefst chauvinistischen Ghana eine Flugschule besuchen, anstatt den vorgezeichneten Weg als Hausfrauen und Mütter zu beschreiten.

Den emanzipatorischen Sound darf man auf keinem Fall mit dem auf Vox vergleichen, wo sechs prominente Mütter von Ute Lemper bis Verona Pooth ab Dienstag ihr Leben Mit Kind und Karriere schildern. Das ist aus zwei Gründen strikt systemerhaltend: Zum Einen werden Menschen skizziert, die von Alltagssorgen weiter entfernt sind als RTL2 von einem Vollprogramm. Zum anderen müssen mal wieder Frauen erklären, wonach man Männer noch immer nie fragt: wie man Beruf und Brut vereinbart. Das alles manifestiert ein Geschlechterbild jener Epoche, die Netflix ab Freitag mit der 2. Staffel von The Crown beleuchtet: Das Nachkriegszeitalter der englischen Monarchie.

Das Kriegszeitalter des Faschismus koloriert die ursprünglich schwarzweiße Wiederholung der Woche nach. Zum 100. UFA-Geburtstag zeigt Arte heute (23.35 Uhr) Veit Harlans indoktrinierenden Durchhaltefilm über ein deutsches Städtchen namens Kolberg, dessen Bevölkerung sich tapfer Napoleons Truppen entgegenstellt. Ein subtiles Propagandawerk von 1944, das im Licht der Erkenntnis allerdings sehr sehenswert wird. Historisch parallel spielt Peter Weirs Blockbuster Master and Commander von 2003 (Mittwoch, 20.15 Uhr, K1). Augenscheinlich ein typischer Mantel-und-Degen-Film, entspinnt sich unter der Bildgewalt ein brillantes Psychogramm menschlichen Machtstrebens mit Russell Crowe als Kapitän auf Rachefeldzug. Weniger opulent, aber irgendwie auch psychoaktiv ist der Tatort-Tipp: Mittwoch (21 Uhr, HR) kehrt Ulrich Tukur nochmals in Das Dorf zurück, wo sein krebskranker Kommissar Murot 2011 den zweiten Einsatz hatte. Bizarrer geht’s kaum.

Advertisements

Babylon Berlin, Nabihah Iqbal, Cherry Dolls

Babylon Berlin

Filmmusik ohne den zugehörigen Film zu sehen, das gleicht meist einem exzentrischen Drei-Sterne-Menü für Schnupfenkranke, denen man auch getrost Stampfkartoffeln vorsetzen kann – sie kauen zwar, schlucken, verdauen. Schmecken tun sie nix. Und gerade in Zeiten wie dieser, wo vom Blockbuster bis zum Serienevent fast jedes Format mit einer lückenlosen Soundkruste überzuckert wird, wäre der Score ohne visuellen Reiz noch sinnloser als früher. Witzigerweise gibt es nun eine Ausnahme, die dramaturgisch Blockbuster und Serienevent vereinigt, tonal ab der ersten Sekunde vollumfänglich verkleistert wird – und dennoch einen Soundtrack hervorgebracht hat, der auch ohne Bildschirm funktioniert.

Die Serie heißt Babylon Berlin und hat das öffentlich-rechtliche Fernsehen mit ihrer 38 Millionen Euro teuren Gangsterballade der Goldenen Zwanzigerjahre mit Hilfe von Sky kürzlich ein klein wenig revolutioniert. Und das liegt auch an einer Musik, die auch ohne Filme fabelhaft wirkt. Zusammengestellt vom Regisseur Tom Tykwer und seinem Tonmeister Johnny Klimek lassen die 34 Tracks der Doppel-CD nämlich nicht nur die Bilder vorm inneren Auge Karussell. Die mal wuchtige, mal feingliedrige, vielfach hypermoderne, aber angemessen nostalgische Arbeit des Leipziger Radio Symphonie Orchesters mithilfe der New Yorker Band Absolute Ensemble schafft es, sich angereichert um Chansons und Charleston jener Zeit vom Werk zu emanzipieren. Allerfeinstes Kopfkino.

Radio Symphonie Orchester Leipzig – Babylon Berlin OST (BMG)

Nabihah Iqbal

Schon klar, Google-Suchen sind wegen der kommerziell gesteuerten Algorithmen vergiftete Recherchen. Aber man kann es ja mal versuchen und den Begriff “Krautrockambient” eingeben. Trefferzahl: 137. Umgedreht ergeben die sphärischen Großklangwelten sogar 17 Hits weniger, darunter ein netter Konzertbericht über den Berliner Auftritt von Denzel + Huhn, was vermutlich eine Band ist. Das Kombi-Genre scheint also bislang eher unbekannt zu sein, aber die Überschrift der titelfreudigen taz macht schon mal ein schönes Angebot: “Wucherndes Klanggestrüpp”. Da nähern wir uns dann mit großen Schritten dem Debütalbum von Nabihah Iqbal, dessen Sound mit Krautrockambient keinesfalls ausreichend, aber doch annähernd beschrieben wird.

Vieles auf Weighing Of The Heart wäre einst wohl gut und gern als Filmsscore von Trainspotting durchgegangen, einiges erinnert an eine Jam-Session von Jean-Michel Jarre mit Tangerine Dream in der Hängematte von Bonobo und Sade. Wie beim unvergleichlichen Label Ninja Tune üblich, hat die Platte einen spürbar elektronischen Background. Schimmernde Synths und Samples grundieren jeden der elf Tracks mit lyrischer Tiefe. Darüber legt die britische Radiomoderatorin mit dem orientalischen Namen allerdings nicht nur ihren durchscheinenden Gesang, sondern auch eine Reihe echter Instrumente vom treibenden Bass bis zur wimmernden Santana-Gitarre. Das macht die Fusion aus Ambient und Krautrock so ergreifend. Vor allem aber: vielschichtig.

Nabihah Iqbal – Weighing Of The Heart (Ninja Tune)

The Cherry Dolls

Fliegersonnenbrille, Motorradlederjacke, Siebzigerjahrematte, dazu dreckig verzerrtes Gitarrengeschrammel, ein paarmal „Come on!“ im Chor und kräftig „Uaaahhh Yeah“ obendrauf: australischer Pubrock hat sich seit den Stadion-Ausgaben von AC/DC bis Rose Tattoo bereits mehrfach gehäutet, aber nie wirklich grundlegend geändert. Obwohl ihr Debütalbum Viva Los Dolls mit Psycho-Grooves und Sixties-Elementen durchsetzt ist, stehen demnach auch The Cherry Dolls in dieser Tradition. Mit stoischen Phil-Rudd-Drums und schlichten Bon-Scott-Vocals rotzt das Quintett aus Melbourne einen Sound zu Boden, der sich nie die Mühe macht, außergewöhnlich, elaboriert, gar intellektuell daherzukommen.

Tausendfach reproduzierte Refrains wie „I’m addicted to love“ führen das Metier eben lieber auf den Kern des Augenblicks zurück. Riffs, Refrain, Bridge darf, muss aber nicht sein, der polternde Bass wie eine Kneipenschlägerei, one-two-three-four ab die Post! Wenn Josh Aubry, Jacob Kagan, Jim Stirton, Brendan West und Thomas van der Vliet die Bühne betreten, tropft Whisky und Schweiß von der Decke, bis alles darunter klebt. Für Außenstehende ist das nichts als ein tausendfach reproduzierter Junggesellenabschied, für alle anderen die Quintessenz der Nacht.

The Cherry Dolls – Viva Los Dolls (Golden Robot Records)