Roseannes Ende & Successions Anfang

Die Gebrauchtwoche

28. Mai – 3. Juni

Wenn sich Schauspieler selbst spielen, ist das dramaturgisch oft von untergeordneter Bedeutung, sorgt aber für eine seltsam wahrhaftige Form der Fiktionalität. Bastian Pastewka zum Beispiel spielt in Pastewka ohne Bastian davor eine Figur, die so ungeheuer authentisch wirkt, dass sie kaum etwas anderes als echt sein kann. Ist sie aber natürlich nicht. Im Gegenteil. Das Gleiche gilt für all die Larry Davids, Luke Mockridges, Sarah Silvermans der – meist komödiantischen – Fernsehwelt: Auch der Klarname täuscht nie darüber hinweg, das Fernsehcharaktere eben genau das sind.

Fernsehcharaktere.

Dummerweise ist das bei Roseanne Barr anders. Die unverstellt beleibte und deshalb unverschämt beliebte Darstellerin spielt ihren einfach gestrickten, spürbar populistischen Trump-Fan gleichen Namens nicht nur; sie ist auch im echten Leben einer. Und so kommt ihr Tweet, mit dem sie eine Beraterin Barack Obamas rassistisch beleidigt, keinesfalls unerwartet. Unerwartet kam hingegen, dass ABC die unlängst reanimierte Quotenkönigin sofort vom Sender nahm. Das ist letztlich konsequent, am Ende aber natürlich Futter für die Hass-Kanonen anderer Trump-Fans, Trump eingeschlossen.

Wobei der sich seine Realität ohnehin selber bastelt – wie 3000 Zitate zeigen, mit denen der US-Präsident laut einer dankenswerten Recherche der Washington Post die Realität seit seinem Amtsantritt wissentlich verbogen oder gar falsch wiedergeben, vulgo: gelogen hat. Wenn Journalisten wie der ukrainische Korrespondent Arkady Babchenko, der kurz nach seiner angeblichen Ermordung durch Putins Russen von den Toten auferstanden ist, jedoch weiterhin Trumps Märchen von der Lügen-Presse füttern, dann können seriöse Zeitungen noch so lange zählen…

Wir zählen derweil die Tage bis zur WM, und was uns dort von Reporterseite erwartet, legte das ZDF beim Testspiel am Samstag gegen Österreich nahe. Nach Abpfiff fragte Boris Büchler den Nationalspieler Marco Reus folgendes: Ob er sich nach zwei Jahren Länderspielpause über die Rückkehr gefreut habe und heiß aufs Turnier in Russland sei. Danke Boris, du investigativer Bluthund. Aber gut – it’s just football. Oder wie Bertie Vogts bei der WM 1978 in der argentinischen Folterdiktatur sagte: Ich hab keine politischen Gefangenen gesehen.

Die Frischwoche

4. – 10. Juni

Weil das vielen Fußballfans so geht, schenkt ihnen die ARD nach dem Testspiel gegen Saudi-Arabien am Freitag von 23.30 Uhr an fünf Stunden lang die Höhepunkte der Nationalmannschaft seit dem 30-jährigen Krieg. An der realen Wirklichkeit versucht sich indes ausgerechnet RTL2. Donnerstag um 20.15 Uhr beleuchtet die Reportage Hartes Deutschland fast zwei Stunden, wie es sich am Rande eines stinkreichen Landes lebt. Wie es sich an der Spitze eines gespaltenen Landes lebt, macht HBO ab heute auf Sky zu einer der besten Drama-Serien dieser Tage. Mit Wackelkamera und großer Intensität skizziert Succession, wie die Familie eines greisen Medien-Tycoons das Erbe aufteilt, während Logan Roy (Brian Cox) noch auf der Intensivstation liegt, und dabei mehr noch als bei Denver und Dallas im eigenen Machtsumpf versinkt.

Wie es sich an den Konfliktherden lebt, zeigt an selber Stelle die Doku-Reihe Augenzeugen. Produziert von Michael Mann berichten vier Kriegsreporter ab morgen an gleicher Stelle von vier Schlachtfeldern. Starker Tobak ist auch das Drama Im Todestrakt (Donnerstag, 22.15 Uhr, Arte), mit dem der deutsche Regisseur Oliver Schmitz nach wahren Begebenheiten im südafrikanischen Apartheid-System ein Fanal gegen die Todesstrafe setzt. Kaum milder, aber schlichtweg genial ist der Mittwochsfilm im Ersten: Unterwerfung. Nach der umstrittenen Islamisierungsdystopie von Michel Houllebecq kompiliert Titus Selge den gefeierten Bühnen-Monolog seines Vaters Edgar zu einem furiosen Theaterfilm.

Bei so viel Härte ist es vielleicht mal an der Zeit für was Leichtes: Helena Hufnagels ARD-FilmDebüt etwa, das Dienstag um 22.45 die Nöte der Mittzwanzigerin Isi (Luise Heyer) ins Zentrum einer hinreißend flapsigen Komödie stellt. Und das ist noch gar nichts gegen die wunderbare Hipster-Abrechnung The Last O.G. über einen Ex-Gangster, der am Donnerstag auf TNT und Sky nach 15 Jahren Knast humorvoll ins gentrifizierte Brooklyn zurückkehrt. Noch ein Tipp vor den Wiederholungen der Woche: in seinem Biopic The Program entlarvt Stephen Frears den Radprofi Lance Armstrong (Ben Forster) am Dienstag um 20.15 auf 3sat als Teil eines verbrecherischen Doping-Syndikats. Jetzt aber: Die Hexen von Salem (Montag, 21. 55 Uhr, Arte), eine schwarzweiße französisch-ostdeutsche Koproduktion von 1958, ist nach einem Drehbuch von Jean-Paul Sartre auch 60 Jahre später noch ein verstörendes Werk über die Ursprünge des Puritanismus in den USA.

Das Regiedebüt Moon von David Bowies Sohn Duncan Jones (2009) brilliert demgegenüber heute um 0.05 im WDR farbig mit Sam Rockwell als vereinsamter Astronaut im Weltraum. Und der sächsische Tatort entführt uns am Mittwoch um 22.05 Uhr im MDR mit dem Gespann Sodann und Ehrlicher in Ein ehrenwertes Haus von 1995.


Nemec/Wachtveitl: BR-Tatort & Reichsbürger

Hast du grad Kollegen gesagt?

Fast 80 Fälle in 6541. Jahren – Miroslav Nemec & Udo Wachtveitl ermitteln schon so lange im Tatort, dass ihnen kaum noch etwas Neues widerfahren dürfte. Freies Land (Foto: Hendrik Heiden) allerdings führt sie dieses Wochenende ins Milieu der Reichsbürger. Ein Gespräch über ihr Odd-Couple Batic/Leitmayr, wie sie unter karnevalesken Nazis zurechtkommen und wie lange das Team noch beieinander bleibt.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Nemec, ganz am Anfang von Freies Land korrigiert Kollege Wachtveitl ihren Satz, etwas mache Sinn grantig mit „ergibt Sinn“.

Udo Wachtveitl: Wenn Sie ein Tatort-Enzyklopädist wären, wüssten Sie, dass das schon ein paarmal vorgekommen ist.

Miroslav Nemec: Wir haben das irgendwann mal als eine Art Spiel eingeführt, deshalb macht der Franz das ständig.

Wachtveitl: Und zwar völlig zu Recht! Ich finde diese Verunstaltung auch privat furchtbar, aber im Film geht es ja nicht eigentlich um Grammatik. Es geht um darunterliegende Emotionen und Charakterzüge, Besserwisserei oder angespannte Stimmungen zwischen den beiden. Wenn es auch noch szenisch was hergibt, umso besser.

Nemec: Interessanterweise ertappe ich mich jetzt auch selber dabei, mich zu korrigieren, sobald ich etwas wie „macht Sinn“ sage. Ich leide also auch privat unterm Franz (lacht).

Wachtveitl: In unserem Tatort steckt zwar so wenig Privates und so viel Persönlichkeit wie möglich. Aber wenn es mal passt und den Figuren dient – warum nicht …

Dringt das Persönliche nach 78 Fällen in 27 Jahren organisch ins Spiel ein oder folgt es stets dem Drehbuch?

Nemec: Das Persönliche dringt durch uns ins Drehbuch ein, um dann bei der Umsetzung das organische Spiel zu ermöglichen.

Wachtveitl: In diesem präzise aufeinander abgezirkelten Apparat müssen sich bis hin zum Ton-Mann, der die Mikro-Angel hält, alle darauf verlassen können, dass wir wiederholbare Abläufe einhalten. Beim Proben wird schon mal improvisiert, aber dann wird „eingeglast“.

Und wie viel polizeilicher Naturalismus steckt in diesem Odd-Couple des Krimis?

Nemec: Wir informieren uns natürlich an zuständiger Stelle über Sachverhalte, aber wir setzen nicht den Polizei-Alltag um. Es bleibt Fiktion.

Wachtveitl: Unsere Ermittlungsarbeit muss ja ein bisschen interessanter anzuschauen sein als in der Realität. Wenn man 90 Minuten bei der echten Polizei am Tatort ist, sind vermutlich 80 davon  ohne den geringsten Schauwert.

Nemec: Im strammen Dienstplan der Polizei stehen nicht unbedingt die privaten Befindlichkeiten der Handelnden im Vordergrund.

Wachtveitl: Unser Realismus besteht darin, wie wir miteinander reden, streiten, interagieren. Man muss den Figuren glauben können, dann kauft man auch so manches, was nicht im dokumentarischen Sinne dem Polizeialltag entspricht.

Nemec: Der Rest ist größtmögliche Verdichtung, sowohl im Dialog, als auch im Szenischen.

Wachtveitl: Und für die richtige Prise Naturalismus sorgen oft auch Komparsen, da sind nämlich regelmäßig echte Polizisten zu sehen.

Nemec: Von den Kollegen …

Wachtveitl: Hast du grad Kollegen gesagt?

Nemec: War das jetzt Amtsanmaßung…? Also von denen lernt man echtes Handwerk. Wie man Verdächtige richtig ins Auto schiebt, wie man die Waffe hält, Zeugen korrekt anspricht, aber auch juristische Grenzen.

Meistens ist Batic dabei der Impulsivere, während Leitmayr zur Ruhe neigt. Wieso ist es im Fall renitenter Reichsbürger umgekehrt?

Nemec: Weil sich Leitmayr in seinem juristischen Rechtsempfinden angegriffen fühlt, während es bei mir oft ein impulsiver Gerechtigkeitssinn ist, den Batic in diesem Fall versucht, nicht hochkochen zu lassen.

Wachtveitl: Hier passt es ganz gut, weil Leitmayr einen idyllischen Landausflug erwartet und plötzlich mit Leuten konfrontiert wird, die sein gesamtes Staatsverständnis herausfordern. Da fühlt er sich persönlich angegriffen.

Nemec: Wobei wir nicht sicher waren, ob man seine Wut erst außerhalb oder noch innerhalb des Münchner S-Bahn-Bereichs ansetzen sollte. Wir haben uns dann entschieden, dass es an dieser Reichsbürgerfestung beginnt.

Wachtveitl: Da wird er wirklich missionarisch.

Hätten Sie diesen Eifer gegen den Staatsboykott der Reichsbürger auch privat?

Nemec: Vermutlich. Da wäre ich dann eben auch impulsiver, weil mir diese Leute so realitätsfern vorkommen.

Wachtveitl: Und zugleich gibt es ja auch den karnevalistisch absurden Aspekt, aber das hören die vermutlich nicht gern. Klar ist: Wo das Gewaltmonopol des Staates in Frage gestellt wird, da gibt‘s kein Vertun, das muss sanktioniert werden.

Nemec: Mir macht der Gedanke dieser völligen Rechtsstaatsverweigerung auch Angst, weil Kriegsverbrecher wie Milosevic und Karadzic vorm Strafgerichtshof in Den Haag ganz real so vorgegangen sind.

Wachtveitl: Wobei deren juristische Munitionierung von anderer Qualität war als die der Reichsbürger.

Würden Sie persönlich mit solchen Totalverweigerern überhaupt noch reden?

Nemec: Nur, wenn’s was bringt. Und bei unseren Reichsbürgern im Film bringt’s eigentlich nix mehr.

Wachtveitl: Ich bin grundsätzlich immer für Gesprächsangebote. Aber wenn es um die Sanktionierung strafrechtlich relevanter Dinge geht, ist die Zeit des Redens vorbei.

Nemec: Das beginnt ja schon damit, Geldbußen nicht zu zahlen, weil man die StVO ablehnt.

Wachtveitl: Wehret den Anfängen. Unser Grundgesetz ruft seine Bürger aktiv dazu auf, das Gemeinwesen, die Rechtswirklichkeit kritisch zu verbessern, aber nur, wenn sie die Grundlage nicht infrage stellen. Wer an diesem Ast sägt, disqualifiziert sich für den Diskurs.

Werden die Reichsbürger im Film deshalb nicht wertfrei dargestellt?

Nemec: Werden sie das nicht?

Sie halten sich ständig im Umfeld steinalter, staubumnebelter Sperrmüllmöbel auf und gruppieren sich beim Essen zu einer Art christlichem Abendmahl …

Nemec: Das ist absolut gewollt, dieses Messianische, und eben auch verdichtet bis zur Kenntlichkeit.

Wachtveitl: Wir nehmen uns da die Freiheit, Partei zu ergreifen. Aber die haben die Reichsbürger ja auch und können mit uns das Gleiche tun.

Nemec: Machen sie ja!

Wachtveitl: Wobei es auch in diesem Spektrum unterschiedliche Leute gibt. Es gibt ja durchaus Beispiele, wo Staatsgründungen im Staate durchaus eine andere Note haben sind. Nehmen Sie Christiania in Kopenhagen oder Polit-Clownerien wie Staatsgründungen auf verlassenen Bohrinseln. Aber diese hier sind gefährlich!

Nemec: Grad weil sie so rechtskundig, manchmal gar gewitzt agieren. Die Sache mit dem „Personalausweis“ zum Beispiel, der uns zum „Personal“ einer BRD-GmbH macht.

Stimmt eigentlich der Eindruck, dass ihre Figuren dem durchschnittlichen Alterungsprozess widersprechen und nicht alterskonservativ werden, sondern altersprogressiv?

Nemec: (lacht) Nein, wir waren eigentlich immer schon so. Das hat auch damit zu tun, dass Franz aus kleinen Münchner Verhältnissen stammt und ich aus dem jugoslawischen Sozialismus.

Wachtveitl: Wir werden auch nicht unbedingt progressiver, sondern erkennen die Segnungen des Rechtsstaats. Ist eigentlich ein alter Hut, aber wenn Sie das inzwischen wieder als progressiv wahrnehmen… Ivo ist emotionaler, Franz analytischer.

Nemec: Es gab mal die Tendenz, dass ich laxer mit dem Recht umgehe und Franz buchstabengetreuer.

Wachtveitl: Trotzdem hab ich zuletzt schon mal jemanden eine verpasst.

Nemec: Und im Wüstensohn habe ich einen Araber im Affekt mal „Kameltreiber“ genannt, was ich privat nicht täte. Aber mit dem Alter hat all dies glaube ich nicht so viel zu tun.

Apropos – seit Sie im Dienst sind, spielt jeder 10. Tatort in München. Ist da ein Ende absehbar?

Wachtveitl: Vom Ende weiß man bisher nur, dass es kommen wird. Irgendwann.

Nemec: Unsere Redaktion hat schon Stoffideen für uns über das Tatort-Jubiläum im Jahr 2020 hinaus.

Sind Sie nach so langer Zeit eigentlich auch privat befreundet?

Wachtveitl: Na ja, alles andere wäre ein bisschen merkwürdig, oder? Andererseits haben sich unsere Lebensentwürfe auseinanderentwickelt. Miro lebt jetzt in einer langweiligen Vorortsiedlung mit Frau und Kind, ich bleibe ein wildes Großstadtkind.

Nemec: Urban und schmutzig. Wir waren allerdings schon bei meiner Familie in Istrien. Was ich wirklich vermisse, ist, dass wir mal zum Charles einen trinken gehen.

Wachtveitl: Aber keine Sorge, wir verbringen noch genug Zeit miteinander. Schon, weil wir, anders als viele Tatort-Kollegen am Set, im selben Wohnmobil hausen.

Nemec: Aber wir haben getrennte Betten.

Wachtveitl: Das kürzen die uns auch noch, wirst sehen.


Danger Dan, Moffat & Hubbert, McGowan

Danger Dan

Wenn man auf der richtigen Seite steht, also bei den Guten, den Klugen, den Reflektierten, dann darf man auch schon mal Blödsinn verzapfen. Kraftklub zum Beispiel haben der Ex eines Mitglieds auf ihrer letzten Platte kürzlich als “verdammte Hure” zur Hölle gewünscht, was von, sagen wir, fast jeder anderen Band schwer verachtenswert gewesen wäre. Jetzt haut der Berliner Conscious-Rapper Danger Dan auf seiner Solo-Platte erst jemandem aufs Maul (womöglich sich selbst) und glorifiziert danach (ein bisschen) Heroin – aber hey, wer mit der Antilopen Gang zuvor den deutschen HipHop gerettet hat und damit ein bisschen uns alle, der darf das.

Zumal der multiinstrumentell begabte Grenzgänger auch sonst ein Album von hinreißender Polarisationslyrik hingelegt hat, das dem Genre einen wirklich wunderbaren Crossover-Pop verpasst und uns allen dabei lebenslustig, aber durchaus ernst in die zivilisationsmüden Seelen blickt. Es heißt daher nicht umsonst Reflexionen aus dem beschönigten Leben. Ach, klänge klassenbewusster Rap doch immer so fröhlich verkopft, so sachlich enthemmt, so kraftvoll emanzipiert und dabei ulkig. “Es ist uns eine Ehre / mit euch verfeindet zu sein”. Love it!

Danger Dan – Reflexionen aus dem beschönigten Leben (Check Your Head)

Aidan Moffat & RM Hubbert

Was große Erfahrung, noch größere Gelassenheit und grandiose Virtuosität auch aus Stimmen heraus kitzelt, die weder singen noch rappen, sondern einfach so vor sich hin erzählen, belegt eine Band der betagteren Art: Aidan Moffat, allenfalls Nischenkundigen vom Slowcore-Duett Arab Strap bekannt, hat sich mit seinem schottischen Landsmann RM Hubbert zusammengetan, der zumindest daheim in Glasgow als einer der besten Indierock-Gitarristen unserer Zeit gilt. Gemeinsam machen die zwei Mittvierziger einen Sprechgesang, der in seiner musikalischen Verschwiegenheit ganz stumm macht – obwohl er einiges zu berichten hat.

Wie Spukgeschichten düster und rau brummt Moffat verschrobene Poesie über die Narben des Lebens und die Liebe als Balsam über die Inselgruppen seines meisterhaften Pickings. Oberflächlich gehört ist das – schon wegen des ortsüblichen Idioms – so unzugänglich, dass man die Texte eher als Grundraunen wahrnimmt. Dank der eindrücklichen Aura aus Geigen, Drones, Percussion und dem feenhaften Gastgesang von Siobhan Wilson, wird Here Lies The Body jedoch zum Manifest der maximalen Wirkung durch minimalen Einsatz. Ein Album zum Absinken.

Aidan Moffat & RM Hubbert – Here Lies The Body (Rock Action)

Seán McGowan

Wer es als Erfüllung eines ganz großen Traumes bezeichnet, den unverzagten Klassenkämpfer Billy Bragg auf Tour begleitet zu haben, der offenbart zwei Dinge von sich: Offenbar steht er noch am Anfang seiner Karriere. Und er trägt das Herz am linken, also rechten Fleck. Die Rede ist von Seàn McGowan, ein Mittzwanziger aus dem südenglischen Southampton, der seinem bald dreimal so alten Idol in vielerlei Hinsicht ähnelt, ohne ihm zu gleichen. Schon der Titel seines Plattendebüts Son of the Smith verströmt eine proletarisch geprägte Streitlust, die anders als hierzulande eher durch galligen Folkrock Gehör verschafft als im artigen Bergmannschor.

Doch wie ihr Mentor beschränkt sich Seán McGowans Band nicht darauf, parolenhaft die Verhältnisse anzuprangern. Mit Fiddel und Krach und Melancholie und, ja, gehöriger Wut macht sie daraus eine Art folkloristischen Spaßpunk, der nicht nur wegen des breiten Cockney-Slangs an Jamie T und die Levellers erinnert. Liebeskummer hat darin ebenso viel Raum wie Gerechtigkeitsfuror. Und zu beidem kann man Arm in Arm von einer besseren Welt träumen oder entfesselt durch den Club hüpfen. Billy wäre entzückt.

Seán McGowan – Son of the Smith (Xtra Mile Recordings)