Frau Kraushaar, Σtella, Huffduff

Frau Kraushaar

Frau Kraushaar, das klingt nach einer Sat1-Comedy der frühen Neunziger, aber Frau Kraushaar – bürgerlich: Silvia Berger (was wiederum nach einer Sat1-Erotiksprechstunde der frühen Neunziger klingt) – macht weder schlechtes Privatfernsehen noch schlechte Sexberatung, Frau Kraushaar macht ganz wunderbare Musik. Nur: welche eigentlich? Eine Antwort dazu versteckt die Kunstfigur aus St. Pauli auch auf ihrer dritten Platte hinter Tonabfolgen, die eigentlich gar keine Musik sind.

Zugleich aber die denkbar schönste. Denn was Frau Kraushaar auf Bella Utopia serviert, ist zauberhaft verspieltes, elektrophil vertracktes Fieldrecording, das vom Vogelgezwitscher bis zum Metal-Solo allem sein warmes Plätzchen bietet. Wenn sie mit anämisch-schönem Gothic-Falsett “Ich habe Gefühle / die sind einfach da da da” singt, erinnert es dabei an eine harmonische Version des sadomasochistischen Gaga-Kollektivs HGich.T, bisschen wie Techno im Froschteich, die schönste Utopie des Popmusiksommers.

Frau Kraushaar – Bella Utopia (Staatsakt)

Σtella

Die schönste Utopie aller Popjahreszeiten ist hingegen das Verschmelzen kultureller Stile, die dabei zwar ihre Deutungshoheit verlieren, aber nicht den Charakter. Wenn sie beim fließenden Übergang ineinander ganz bei sich bleiben und zugleich außer sich geraten. Wenn sie also ungefähr das tun, was Σtella damit anstellt. Die Songwriterin mit Lebensmittelpunkten in London und Athen schickt griechische Volksmusik durch unbehausten Psychopop und macht dabei vieles richtig.

Mit Bouzouki und Kaffehausgitarre, ägäischer Fiebrigkeit und britischem Cool mäandert Up and Away  zehn Stücke lang englisch betextet durch die musikalischen Schwemmgebiete ihrer zwei Heimaten. Dabei erschafft sie eher Emulsionen als Mash-ups, die weder folkloristisch klingen noch überfrachtet, sondern in ihrer zurückhaltenden Schlichtheit einfach schön sind, ohne hübsch sein zu wollen. Σtella malt schließlich auch sehr komplexe Bilder. Das hört man.

Σtella – Up and Away (Sub Pop)

Huffduff

Komplex ist auch die Platte von Huffduff mit dem vielsagenden Titel AI, der Künstliche Intelligenz ebenso abkürzt wie American Idol oder das Selbstbedienungsprinzip All Inclusive, von alledem aber kaum weiter entfernt sein könnte. AI ist schließlic psychedelischer Noiserock der analogsten Art, mit Gitarre (Abacha Tunde Jr.), Bass (V. Sputnikova) und Drums (Mr. Fust), der Sänger, besser noch: Telefonseelsorger Durian Gray artifizielle DIY-Instrumente aus dem Fundus früher Elektronica unterjubelt.

So verachten die vier Hamburger:innen das Prinzip Harmonie, ohne deren Lehre mitzuverachten. Manchmal mathrockig, meistens surfpunkig, sägen die acht Stücke des zweiten Albums gerne haarscharf am Tinnitus vorbei. Abgemischt und aufgenommen vom ortsansässigen Kettenraucher Rick McPhail klingt das nach Übungsraum im Stahlwerk, aber es klingt fantastisch roh und verbissen wie ein Horrorfilm auf MDMA. Kann man nicht besser beschreiben, sorry. Muss man (etwa auf Bandcamp) hören.

Huffduff – AI (Red Wig/Fidel Bastro)



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