Ruben Jonas Schnell: ByteFM & UKW

Ich bin ein obsessiver Typ

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Schon lange, bevor Ruben Jonas Schnell (Foto: Miguel Ferraz) von Hannover über Freiburg nach St. Pauli gekommen ist, hat er Radio gemacht. Mit ByteFM erfüllte er sich vor 13 Jahren sogar den Traum eines eigenen Musiksenders. Jetzt wechselt er vom Internet auf UKW und nimmt damit den nächsten Schritt zur Vollreife. Ein Gespräch über seine Leidenschaft fürs Hören, Analogie in digitaler Zeit und ob wie politisch Pop sein kann.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Ruben Jonas Schnell, Sie machen mittlerweile mehr als die Hälfte Ihrer 53 Jahre Radio…

Ruben Jonas Schnell: Mehr als die Hälfte meines Lebens?! Das habe ich mir so noch nie vergegenwärtigt…

Woher rührt die langjährige Leidenschaft für Ihr Medium?

Die rührt noch aus meiner Kindheit. Radio will ich eigentlich machen, seit ich 13 bin. Wenn ich damals von der Schule nach Hause kam, sah ich meine Mutter meistens am Radio sitzen, Zeitung lesen und die NDR-Sendung – Ältere erinnern sich – Musik für junge Leute hören. In einer Zeit, als auch ich mich langsam intensiver für Musik zu interessieren begann, brachte mir das die Emotionalität im Radio so nah, dass ich später den Nachtclub mit Kopfhörer unter der Bettdecke gehört habe und so was ähnliches auch machen wollte.

Wobei wir da von den achtziger, fast noch siebziger Jahren sprechen, als das Radio noch vorm Fernsehen uneingeschränktes Leitmedium war.

Wahnsinn.

Wie haben Sie die Liebe zum Radio aus der analogen Epoche in die digitale gerettet?

Das hat wohl damit zu tun, dass ich ein obsessiver Typ bin. Wenn ich mich geschmacklich in irgendetwas festbeiße, lasse ich nicht so schnell los und bleibe dem treu. Diese Loyalität meinen eigenen Entscheidungen gegenüber ist vermutlich Teil meines Charakters. Als Teenager war ich zwar auch fasziniert vom Fernsehen, hatte ihm aber nie die gleiche Bedeutung beigemessen wie dem Radio und deshalb auch keinen Fernseher, als ich von zuhause ausgezogen bin.

Bis heute?

Bis heute. Wenn ich als Student in Freiburg Twin Peaks sehen wollte, ging das nur auf der Glotze meiner damaligen Mitbewohnerin – schon, um nicht ständig der Versuchung des Fernsehers zu erliegen. Ich habe damals nicht mal Zeitung gelesen.

Weil Sie so ein akustischer Typ sind, dem das Visuelle weniger wichtig ist?

Eher, weil mir Musik so wichtig war und ist. Obwohl ich mich für visuelle Medien oder bildende Kunst interessiere, gibt Radio mir bis heute alles, was ich brauche. Neben der Vermittlung von Inhalten bietet es die Möglichkeit, sich zum Erzählten Gesichter vorzustellen, ohne mich ablenken zu lassen. Diese Fokussierung bedeutet mir verglichen mit Film und Fernsehen am meisten.

Wie erklären Sie sich das Revival des Hörens auf der Podcast-Welle – haben die Leute genug vom Overkill der Bilder auf Messenger- und Streamingdiensten?

Ich kann bis heute nicht ganz nachvollziehen, ob und wie Abertausend Podcasts auf so viele Ohren treffen. Aber sie werden offenbar gehört; von daher war meine ursprüngliche Haltung bezüglich Podcasts, don’t believe the hype, wohl falsch. Ich glaube aber nicht, dass die Podcast-Welle mit Netflix und Instagram zu tun hat. Eher mit der Tatsache, was sie leisten können, nämlich gut gemachtes, inhaltsreiches Radio auf Abruf. 

Weil sich darin Tradition und Moderne vereinigen?

Ich glaube nicht, dass es Hörer*innen bewusst ist, aber die Mischung aus traditionellen Radio-Inhalten und Nichtlinearität scheint zu gefallen.

Profitiert ByteFM von dieser neuen Sucht nach gehörtem statt gezeigtem Text?

Mittlerweile sind Podcasts ein flächendeckend genutztes Informations- und Unterhaltungsmedium. Wir bieten mit ByteFM drei Podcasts in Kooperation mit dem Reeperbahn-Festival, den Deichtorhallen und dem Frankfurter Städel Museum an. Aber auf unser Hauptprogramm hat das kaum Auswirkungen. Ich habe nichts dagegen, dass es auch bei uns Formate mit höherem Wortanteil gibt, aber wir bleiben ein musikjournalistisches Radio. Wenn man es gut machen will, gilt: je höher der Wortanteil, desto aufwändiger die Produktion.

Inwiefern?

Eine Sendung über 60 und mehr Minuten so auszugestalten, dass die Leute dranbleiben, erfordert enorm viel Vorarbeit und Konzentration. Nur wegen der Podcast-Welle mehr Redeanteil ins Programm zu nehmen, würde am Ende zur Laberei führen. Für mich war ohnehin immer klar, dass zu meiner Art von Radio immer die Musik gehört.

Ihre Art Radio war bis zur Gründung von ByteFM vor 13 Jahren noch ziemlich analog. Jetzt haben Sie eine UKW-Frequenz beantragt. Hat das auch mit Nostalgie zu tun?

Wir senden ab Januar sogar auf zwei Frequenzen, aber das hat keine nostalgischen, sondern ganz pragmatische Gründe: wenn wir auf UKW zu empfangen sind, bespielen wir in und um Hamburg 180 Kilometer Autobahn, und wenn uns auch nur ein paar Prozent der Leute gut finden, die morgens zur Arbeit fahren, wird unsere Hörer*innenschaft schlagartig größer. Auch wenn UKW ein totgesagtes Medium mit erheblichen Kosten ist, wird es also unsere Reichweite und damit den Förderverein stärken, der unseren Sender maßgeblich finanziert. Außerdem stellt es für viele eine Aufwertung unserer Arbeit dar, dass ByteFM künftig nicht nur im Netz sendet, sondern wie „Radio in echt“.

Quasi haptisch erlebbar wie früher?

Obwohl man Radio nicht anfassen kann, mag ich den Vergleich. Auch im Web war das Programm von ByteFM immer traditionelles, lineares Radio, bei dem sich die Hörer*innen in derselben Zeitzone befinden wie die Moderator*innen. Das hat beinahe was Romantisches.

Wird es auch inhaltlich etwas ändern?

Nur insofern, als wir von 7-9 Uhr ein kulturelles Stadtmagazin anbieten, das sich gezielt an Hamburger*innen wendet, mit Gesprächspartner*innen aus dem kulturellen Leben unserer Stadt. Außerdem ab Januar neu auf UKW: Kulturnachrichten aus Hamburg im Anschluss an die Deutschland-Nachrichten.

Kann es da Zufall sein, dass der NDR Ihren Rahmenvertrag ausgerechnet dann gekündigt, als Sie ihm mit diesem Stadtmagazin zur besten Radio-Zeit Konkurrenz machen?

(lacht) Äh… Also… Der NDR stellt sein Programm gerade um und verzichtet im Zuge seiner Sparmaßnahmen dabei auch auf Autor*innen. Ich habe auch schon gehört, dass meine Kündigung mit der UKW-Lizenz von ByteFM zu tun haben könnte, aber das ist Geraune.

Sie gehen im Frieden auseinander?

Absolut, ich bin dankbar für die lange Zeit beim NDR. Ohne diese Erfahrungen hätte ich Byte wohl nicht machen können. Mittlerweile ist der Arbeitsaufwand aber ohnehin so gewachsen, dass ich anderes Radio nicht mehr schaffen würde. Perfektes Timing also, ByteFM ist in der Lage, meine Stelle und die von acht Festangestellten zu bezahlen, das wäre vor zwei Jahren schwierig gewesen. Ich bin total happy.

Vom Geschäftsführergehalt eines Online-Radios mit UKW-Welle kann man leben?

Ja, auch wenn das Gehalt klein ist. Aber wir alle hier haben viele Jahre unentgeltlich für ByteFM gearbeitet, auch ich.

Gab es 1990, als Sie bei Radio Dreyeckland in Freiburg mit dem Radiomachen angefangen haben, schon Geld?

Nein! Jedenfalls nicht für Moderator*innen. Aber darum ging es auch nicht. ByteFM haben wir ebenfalls nicht gestartet, um Geld zu verdienen, sondern den Traum vom guten musik-journalistischen Radio umzusetzen. Dass sich inzwischen neun Mitarbeiter*innen festangestellt tätig sind, hätten wir 2008 nicht zu hoffen gewagt.

Radio Dreyeckland war explizit politisches Radio – hat es sie mitpolitisiert oder sind Sie damals dorthin gegangen, weil es Ihrem Politisierungsgrad entsprach?

Ich wünschte, jetzt sagen zu können, damals schon total politisiert gewesen zu sein. War aber nicht so. Ich wollte Radio machen und dass Radio Dreyeckland in der Anti-AKW-Bewegung entstanden ist, fand ich weniger wichtig als die Möglichkeit, Musiksendungen nach meinem Geschmack machen zu können. Meine politische Haltung passte zwar zu dem, wofür der Sender stand. Das hat sich aber nicht bewusst auf meine Arbeit ausgewirkt.

Ist Musikradio tendenziell unpolitisch?

Nee, im Gegenteil. Gut, dass Sie fragen. Von der Songauswahl bis zur Moderation kann alles politisch sein, aber halt weniger direkt, eher hintergründig.

Wie wird eine Sendung über, sagen wir: schottischen Jazzrock politisch?

Allein schon, sich eine Stunde lang mit schottischem Jazzrock, den Menschen dahinter, ihrem sozialen Umfeld zu beschäftigen, setzt ein kulturpolitisches Verständnis für die Verhältnisse voraus, das weit über die Musik hinausweist. Womöglich ist das sogar politischer, als sich in derselben Zeit mit linksradikalem Hardcore auseinanderzusetzen, der sich viel konkreter, also ersichtlicher positioniert. Wenn Kunst gleich welcher Art nicht nur „ich liebe dich“ flötet, ist vom Gemälde bis zum Popsong alles potenziell politisch – schon als Kommunikationsmittel, das die Menschen durch seine Präsentation beeinflussen kann. Bei uns etwa durch Interviews und welche Zitate daraus verwendet werden. Hinter allem, was wir tun, stecken ja unsere Haltungen und Meinungen, die auch in jeder Radiosendung spürbar werden.

Haben Sie dabei so was wie ein didaktisches Verständnis von Radio, das den Hörenden also etwas nahe-, womöglich gar beibringen will – etwa, den Menschen im Autotune-Gewitter des Formatradios andere Blickrichtungen auf Musik zu eröffnen?

Obwohl auch Autotune-Gewitter mit Kompetenz und Liebe gemacht sein können, versuche ich schon eine Differenzierung vorzunehmen, was darüber hinaus möglich ist. Im öffentlich-rechtlichen Radio sollte das sogar die Aufgabe sein, mit der ich mich – auch wenn ich nicht mehr dafür tätig bin – voll identifiziere. Dieser musikalische Bildungsauftrag bietet großes Potenzial.

Haben Sie als obsessiver Radiomacher manchmal was Missionarisches, Menschen am Tresen von besserer Musik zu überzeugen?

Ich habe schon eine sehr klare Meinung darüber, was ich gut finde und was nicht, lasse aber jede andere gelten. Am Tresen würde ich niemanden belehren, aber bei Byte darf ich entscheiden, wer moderiert und in seinen Sendungen gute von schlechter Musik unterscheidet.

Ist das so eine Art Richtlinienkompetenz als Geschäftsführer?

Schon. Aber es geht da um Zugang und Kompetenz und auch darum, wer Musik vermitteln kann, nicht um meinen Musikgeschmack.

Welcher wäre das denn ungefähr?

Genres sind mir inzwischen tatsächlich egal, ich höre alles. Es muss mich beeindrucken oder berühren.

Und bei ByteFM?

Stumpfe Abarbeitungen der Charts hätten jedenfalls keine Chance. Und falls jemand noch mal den Hardcore-Punk der Siebziger analysieren möchte: nur zu. Besonders von einer Frau; beim Männerüberhang unserer Branche würde ich jede mit gleicher Kompetenz vorziehen.

Sind Sie trotz dieser modernen Sicht auf Gender eigentlich Nostalgiker, mit Vinylsammlung und Retromobiliar?

Im Gegenteil. Obwohl ich das haptische Gefühl verstehe, ist Vinyl unwichtig für mich. Weil es mir schon immer egal war, wie ich Musik höre, streame ich sie digital. Ist am einfachsten. Auch wenn man Platten natürlich kaufen sollte. Aber ich empfinde Radiohören auch gar nicht als nostalgisch, sondern ohne viel Aufwand tagesbegleitend. Ich will einfach nicht die ganze Zeit wählen, was läuft, sondern lasse mich gern überraschen.


Juliane Löffler: Ippen & Reichelt

Das war kein Alleingang

Das Ippen-Investigativ-Team um die 35-jährige Juliane Löffler (Foto: Paulina Hildesheim) hat mit ihrer Recherche zu Springer und Julian Reichelt maßgeblich dazu beigetragen, den Machtmissbrauch des ehemaligen Bild-Chefs an die Öffentlichkeit zu bringen und ihn damit zu stürzen. Ein journalist-Interview über Enthüllungstechniken und Jagdinstinkte, #MeToo und arbeiten für die Tonne.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Löffler, Sie haben vor gut vier Wochen Mediengeschichte geschrieben und mit Ihren Recherchen keinen Geringeren als den Bild-Chef gestürzt. Wie schauen Sie heute auf das, was Mitte Oktober passiert ist?

Vielen Dank, aber das war kein Alleingang. Es gab viele mutige Quellen, ohne die diese Recherche nie möglich gewesen wäre, unsere Team von Ippen Investigativ hat mitgearbeitet und unterstützt und die Kolleg:innen vom Spiegel hatten selber Rechercheergebnisse und haben uns wahnsinnig schnell den Platz und sehr umfangreich Unterstützung zur Verfügung gestellt. Die Tage um die Veröffentlichung herum waren ein sehr wilder Ritt für alle Beteiligten und es wird noch etwas dauern, bis ich da mit Ruhe und Abstand drauf schauen kann. Es fühlt sich aber auch nicht so an, als wäre jetzt alles vorbei – in meinem Postfach ist noch gar keine Ruhe eingekehrt, auch weil sich neue Quellen aus ganz verschiedenen Bereichen melden.

Geht der Chefredakteurswechsel bei Bild aus ihrer Wahrnehmung mit echten Veränderungen bei Springer einher?

Der Fokus der öffentlichen Debatte nach der Veröffentlichung lag sehr stark auf den betroffenen Frauen. Was bisher wenig gefragt wurde: Welche Personen haben bei Springer dieses System von Machtmissbrauch wissentlich übersehen, es zugelassen, oder sogar unterstützt? Was ist es für eine Unternehmenskultur, in der derartige Missstände über Jahre möglich sind, ohne dass sie gestoppt werden? Welche Rolle spielt Angst, welche Rolle Sexismus, welche Rolle spielen andere mächtige Männer in dem Unternehmen? Wie ernsthaft und nachhaltig Springer das aufarbeiten und verändern will, wird das Unternehmen selbst entscheiden.

Hatten Sie in den letzten Wochen Kontakt mit Ihren Informanten? Wie geht es den Betroffenen nach der Veröffentlichung?

Ein Kontakt mit Quellen geht immer über die Veröffentlichung hinaus, aber natürlich reduziert er sich dann sehr stark und das muss auch so sein, damit Kapazitäten für neue Recherchen frei werden. Die Reaktionen der Quellen waren unterschiedlich, aber viele haben mir signalisiert, dass sie sehr erleichtert waren, dass das Fehlverhalten Reichelts nun Konsequenzen hatte. Eine Nachricht hat mich besonders gefreut. Eine Quelle schrieb mir: „Ich denke jetzt kann Ruhe einkehren in alle Herzen und dafür danke“.

Haben sich denn jetzt noch neue Informanten gemeldet?

Es melden sich derzeit sehr viele Menschen aus ganz unterschiedlichen Bereichen. Die Woche nach der Veröffentlichung haben mich so viele Nachrichten erreicht, das fand ich regelrecht schockierend. Da wurde mir noch einmal ganz klar: Missbrauch – nicht immer, aber meist gegen Frauen – ist in der Medienbranche, aber auch in so vielen anderen Branchen so weit verbreitet, davon haben wir nur ansatzweise eine Vorstellung. Ich glaube, dass wir mit den #MeToo-Recherchen aus den letzten Jahren noch immer am Anfang stehen, einen tiefen Abgrund jahrzehntelanger Missstände aufzuklären. Presse spielt in diesem Prozess eine wichtige Rolle, aber sicher nicht die einzige.

Wird das durch investigativen Journalismus wie diesen das Renommee der Medien als vierte Gewalt hierzulande gestärkt oder geschwächt?

Im Fall von Reichelt hatte ich einen Job zu tun, nämlich Missstände an die Öffentlichkeit zu bringen. Dabei kann ich keine Rücksicht darauf nehmen, ob es der Branche hilft oder schadet. Aber wenn wir uns als Branche eigene Schwächen und Fehler eingestehen, stärkt das unsere Arbeit doch, weil das die Grundlage dafür ist, sie besser machen. Das öffentlich zu diskutieren kann schmerzhaft sein, aber erhöht auch den Druck, etwas zu verändern. Das trifft übrigens nicht nur auf Missbrauch, Sexismus oder Gewalt zu, sondern auch unsere Arbeitsbedingungen, oder wie wir uns für unserer Leserschaft positionieren, also zum Beispiel, wie transparent wir unsere Arbeitsmethoden machen.

Bezeichnen Sie sich eigentlich selbst als investigative Journalistin?

Ich habe zumindest in den vergangenen drei Jahren investigativ gearbeitet.

Aber sollte das nicht der Anspruch aller sein, die Journalismus betreiben?

Natürlich sollte „Investigation“ im Sinne von „aufspüren“, „untersuchen“, „überprüfen“ idealerweise Teil jeder journalistischen Arbeit sein. In der Investigation geht es aber darum, etwas Neues aufzudecken, was Behörden oder Unternehmen selbst nicht aufdecken können, wollen, oder verschleiern. Es geht darum, Hürden zu überwinden und manchmal auch sehr lange an Themen dranzubleiben. Meine Rolle ist es, diese Informationen an die Öffentlichkeit zu bringen und weniger, sie zu bewerten oder zu kommentieren.

Ist dieser Aufdeckungsanspruch am Ende damit auch politisch, statt nur journalistisch?

(überlegt lange) Mit der Frage, was recherchieren, was veröffentlichen wir, nimmt man natürlich Themensetzungen vor, die schon deshalb gesellschaftlich etwas bewirkt, weil sie sich daran orientiert oder auch auslotet, welche Art der Berichterstattung vom gesellschaftlichen Diskurs gedeckt ist. Was wir zum Beispiel über Julian Reichelt publiziert haben, wäre ein paar Jahre vor der #MeeToo-Debatte vielleicht so nicht möglich gewesen.

Hat Investigativer Journalismus demnach auch mit informationeller Nachfrage zu tun?

Zumindest insofern, als diese Nachfrage juristische, gesellschaftliche, politische Widerstände gegen oder für eine Berichterstattung prägt. Welches Risiko zum Beispiel Quellen eingehen, namentlich in einer öffentlichen Debatte aufzutauchen und im Anschluss womöglich diffamiert zu werden oder welche rechtlichen Folgen sich für sie und uns daraus ergeben. Dass nach #MeToo-Veröffentlichungen noch heute debattiert wird, ob Betroffene selber Schuld seien, macht es noch schwieriger; da werden teils ganz grundsätzliche Mechanismen von Machtmissbrauch gar nicht verstanden. Die Grenzen des Sag- und Machbaren immer wieder aufs Neue auszuloten, ist nicht nur, aber auch Aufgabe des investigativen Journalismus.

Hat investigativer Journalismus thematische Konjunkturen, die ihn schwieriger oder leichter, akzeptabler oder umstrittener machen?

In der Regel spezialisieren sich Journalist*innen auf bestimmte Themen, veröffentlichen gegebenenfalls dazu und werden von der Öffentlichkeit als Expert*innen dieser Bereich angesehen und bei Missständen früher informiert als andere, um konkret etwas zu bewirken. Expertise macht ansprechbar und für die Quellen dahingehend verlässlich, dass Informationen von ihnen etwas bewirken.

Ist das Thema #MeToo, also sexualisierte Gewalt und die Machtstrukturen dahinter, eigentlich erst durch den Fall Harvey Weinstein und die anschließende Debatte zu ihrem Arbeitsschwerpunkt geworden?

Ich hatte schon vorher viel zu Frauenrechtsthemen gearbeitet, allerdings beim Freitag, wo ich nicht in der Rolle war, investigativ zu arbeiten, weil das Medium ein anderes ist. Vom ersten Verdacht gegen Julian Reichelt an habe ich mehr als ein Jahr an dieser Geschichte gearbeitet, davon die vergangenen drei Monate abgesehen von ein paar kürzeren Texten und laufenden Recherchen fast ausschließlich. Diese Freiheit unabhängig vom aktuellen Produktionsdruck findet man in wenigen Redaktionen.

Vom Kosten-Nutzen-Denken vieler Medien in Zeiten des Sparzwangs ganz zu schweigen…

Ganz genau, Journalismus muss eben auch bezahlt werden. In die Position, dass man mir die Freiheit zu so langen Recherchen auch im Bereich von #MeToo finanziert, bin ich erst durch BuzzFeed News und Ippen Investigativ gekommen.

Und war Ihr Interesse daran auch biografisch, also weiblich geprägt, oder rein journalistischer Natur?

Journalistisch bin ich von einem Gerechtigkeitsdenken getrieben, ich möchte Menschen, die Ungerechtigkeit erleben, eine Stimme geben. Aber natürlich bin ich als Frau oder später Studentin der Kulturwissenschaften auch biografisch vom Thema Gleichberechtigung geprägt. Als Journalistin ist es meine Aufgabe, unabhängig zu sein, aber natürlich ist man immer auch in der eigenen sozialen Rolle geprägt. Deshalb finde ich es so wichtig, dass Medienhäuser diverser werden. Wer einmal grundsätzliche Ungerechtigkeiten erkannt hat, wie etwa die gesellschaftliche Schlechterstellung von Frauen, kann das nicht mehr ungesehen machen. Wenn man durch diese Tür geht, kommt man nicht mehr zurück. Das ist Antrieb und Auftrag zugleich.

Dennoch: ist persönliche Betroffenheit tendenziell förderlich oder hinderlich für sachliche, rechtlich sichere Auseinandersetzungen?

Eigene Erfahrungen mit dem Berichtsgegenstand helfen natürlich, ein Thema oder eine Person zu verstehen und eine Systematik dahinter zu begreifen – das kann helfen, aber das kann auch hart sein. Ich glaube, eine journalistische Auseinandersetzung mit einem Thema ist nie objektiv, aber es es gibt Recherchemethoden, die objektivierbar sind. Also: Wie lässt sich ein Missstand einordnen? Wann kann man ihn veröffentlichen? Aber vermutlich haben fast alle Journalist*innen irgendwelche Themen, die ihnen zu nahe gehen, um darüber nüchtern zu berichten, und die sie lieber andere mit ähnlich hoher Kompetenz überlassen.

Wie gelingt es Ihnen bei Recherchen zum Thema #MeToo, die gebotene Nüchternheit nicht von der persönlichen Betroffenheit beeinträchtigen zu lassen?

Indem ich mich generell gut von meiner Arbeit abgrenzen kann, das ist auch Übung. Aber auf diesem Feld ist es in der Tat oft eine extrem große Herausforderung, sich seiner eigenen Rolle bewusst zu werden. Man baut zu den Quellen ein großes Vertrauen und oft eine große Nähe auf, das wirkt dann in beide Richtungen. Es ist immer eine große Verantwortung und auch Herausforderung, diesem Vertrauen gerecht zu werden und gleichzeitig die eigene Rolle als Journalistin zu bewahren. Und manchmal klafft das Bedürfnis an Aufklärung der Öffentlichkeit, und dem, was Journalismus tatsächlich leisten kann, auseinander – dann hat man etwa sehr viele Informationen, kann aber nur einen kleinen Teil davon veröffentlichten.

Gibt es bestimmte Mechanismen, Empathie und Distanz ausgewogen und konstruktiv in Einklang zu bringen, oder ist das eine Mentalitätsfrage?

Von beiden etwas, aber die Kompetenz dafür kann man definitiv erwerben. Wir arbeiten zum Beispiel viel mit dem Dart Center für Journalismus und Trauma und haben uns da schulen lassen. Mit Pascale Müller, einer tollen ehemaligen Kollegin aus dem Investigativ-Team, habe ich zudem selber schon Seminare über den Umgang mit traumatisierten Quellen gegeben oder Vorträge gehalten, wie man Gespräche führt, Grenzen setzt oder mit welchen Quellen man in Ausnahmefällen entscheidet, nicht zusammenzuarbeiten. Das passiert zwar eher selten, aber die Rechercheprozesse und vielen Fragen können halt erschöpfend und retraumatisierend sein. Da haben wir ja auch eine Fürsorgepflicht.

Und wie steht es mit der Fürsorgepflicht für sich, also die Journalistin und Frau?


Natürlich müssen wir auch auf unsere eigene Gesundheit achten. Die Heldenerzählung, als lonely wolf umherzuziehen und ungeachtet der eigenen Person bedeutsame Geschichten einzusammeln, gibt es noch immer. Sich Be-, zuweilen gar Überlastung einzugestehen, schwächt unseren Journalismus ja nicht, sondern stärkt ihn. Wenn ich so erschöpft bin, dass ich angesichts der Schilderungen selbst weinen muss, geht das zulasten der Quelle, für die ich physisch wie psychisch stabil und erreichbar sein sollte. Da geht es weniger um meine Befindlichkeit, sondern dass ich meine Arbeit möglichst gut machen kann. Wir haben bei Ippen Investigativ etwa eine psychologische Supervision, die wir konsultieren können, wenn wir an besonders belastenden Recherchen arbeiten.

Waren Sie schon mal am Punkt, eine Recherche abzubrechen, weil sie Ihnen zu belastend oder emotional nah war?

Nee.

Weil Neugierde und Ehrgeiz gesiegt haben?

Eher die Einschätzung meiner Kapazitäten. Als ich kürzlich Hinweise auf einen Fall von Kindesmissbrauch bekommen hatte, galt mein Heidenrespekt davor nicht der emotionalen Belastung, sondern dem zu erwartenden Rechercheaufwand, der allein schon deshalb Monate dauern dürfte, weil ich mich juristisch in ein völlig neues Feld einarbeiten muss. Wenn ich nicht ausreichend Zeit und Wissen für eine Recherche habe, versuche ich sie an Kolleg*innen zu vermitteln, die tiefer im Stoff stecken und dem Anspruch, mit der Recherche wirklich etwas zu bewegen, weiterkommen.

Hat Ihre Enttarnung von Julian Reichelts System sexualisierter Machtausübung wirklich etwas bewegt, ist #MeToo seither weitergekommen?

Natürlich wollen alle Journalist*innen, dass ihre Recherchen gesellschaftspolitische Folgen haben oder mindestens Diskurse anstoßen. Die allerdings bestehen ja immer auch darin, uns Kampagnenjournalismus vorwerfen oder Schuldfragen dahingehend umzudrehen, Betroffene seien für den Machtmissbrauch der Täter mitverantwortlich. Das sorgt, wie ich finde, bei den Quellen nachvollziehbarerweise für Irritationen und führt womöglich dazu, andere abzuschrecken. Dass solche Debatten alle Haltungen zum Thema abbilden, ist Teil der Demokratie, darf aber nie zur Relativierung objektiver Missstände führen und übergriffiges Verhalten zur Privatsache erklären. In diesem Fall haben unserer Recherchen weitere Betroffene ermutigt, sich an uns und andere zu wenden. Daran sehe ich, dass vieles auch dank von Recherchen heutzutage sagbarer ist und auf offenere Ohren stößt.

Über die mediale Öffentlichkeit in Deutschland wird gesagt, sie kümmere sich mehr ums System sexualisierter Gewalt als dessen Opfer – ist das Einzelschicksal aus Ihrer Sicht berichtenswerter oder die Strukturen dahinter?

Tiefgreifende Recherche würdigt den Einzelfall, um das System dahinter zu verstehen. Besonders im Fall von #MeToo ist es jedoch wichtig, die Namen der Täter zu nennen, also auch all jene im Springer-System, das Julian Reichelt über Jahre getragen hat. Das Amerikanische hat dafür die Formulierung holding power to account, damit sich Menschen in Machtpositionen aktiv mit ihrem Fehlverhalten auseinandersetzen. Das geht nur, wenn man konkrete Namen nennt.

Verstärkt es den Veränderungsprozess, wenn auch die der Opfer genannt werden?

Vielleicht, aber das verhindert abgesehen vom Quellenschutz schon die Sorge der Betroffenen vor rechtlichen, beruflichen, sozialen Konsequenzen von Verleumdungsklagen über Hasskommentare bis hin zur stigmatisierenden Opferrolle. Wir Journalist*innen firmieren da als Schutzwälle anonymer Quellen, die Auseinandersetzung gegebenenfalls an ihrer Stelle juristisch und kommunikativ auszutragen.

Sind dem Springer-Konzern die Namen der Opfer von Julian Reichelt bekannt?

Einige sind im Konzern bekannt, andere nicht. Wobei Springer auf die Vorwürfe laut eigener Aussage teilweise nicht reagiert hat, weil sie anonym waren – was schon deshalb seltsam ist, als die Betroffenen nicht heimlich Zettel in Briefkasten gesteckt haben, sondern offiziell mit der Agentur Freshfields gesprochen, also jener Kanzlei, die Springer zur Aufklärung der Vorwürfe gegen Julian Reichelt beauftragt hatte. Dass Mathias Döpfner noch immer von „Hintermännern“ spricht, die angeblich eine Rufmord-Kampagne betreiben, ist erstaunlich. Meine Quellen haben sich entschieden, mit der Presse zu sprechen, weil sie selbst wollten, dass die Missstände aufgeklärt werden.

Gibt es im investigativen Journalismus eine Art Jagdtrieb, Täter zur Strecke zu bringen?

Jagdtrieb?

Den Ehrgeiz, Prominente wie Julian Reichelt, der als Kollege ja auch berufsethische Regeln bricht, unschädlich zu machen und als Trophäe erfolgreicher Recherche in die Vitrine zu stellen?

Davon abgesehen, dass mir weder das Wort „Jagdtrieb“ noch „Trophäe“ hier gefällt, ist meine Herangehensweise anders. Erst nach der Frage zum Missstand geht es um die handelnde Person, deren Bekanntheitsgrad oder das öffentliche Interesse daran. Als sich meine #MeToo-Recherchen noch auf weniger prominente Personen bezogen haben, war mein Handwerk exakt das gleiche. Klar freue ich mich über das öffentliche Interesse, das die Reichelt-Recherche erzeugt, würde mir aber wünschen, dass es auch bei weniger prominenten Fällen entsteht.

Zum Beispiel?

Mein Kollege Thomas Vorreyer und ich haben mal zu einem Berliner HIV-Arzt recherchiert, der schwule Patienten mutmaßlich sexuell missbraucht hat. Obwohl die Folgen für seine Opfer kaum weniger gravierend waren als bei der Bild, mussten wir kämpfen, überhaupt Öffentlichkeit herzustellen. Trotzdem stelle ich mir stets die Frage, inwieweit unsere Recherche systemisches Versagen offenlegt, und da ist die Erzählung hinter Julian Reichelt ungleich größer als der Fall selbst. Wie ist Macht in Unternehmen generell verteilt? Erlaubt und fördert sie Sexismus und Missbrauch? Und wie kann man als Konsequenz Betroffene vor toxischen Unternehmenskulturen schützen?

Dieser Unternehmenskultur bei der Bild-Zeitung war Ippen-Investigativ ja schon vorm Compliance-Verfahren gegen Julian Reichelt auf der Spur.

Genau.

Kamen die ersten Hinweise seinerzeit aus der Redaktion oder von außen?

Zu den Quellen kann ich nichts sagen, aber einige wollten zunächst das Compliance-Verfahren abwarten, in der Hoffnung, Springer würde wie versprochen ernsthafte Konsequenzen aus den Vorwürfen ziehen. Als in der Pressemitteilung dann aber unter anderem stand, es habe keine strafrechtlich relevanten Handlungen gegeben und Reichelt werde auf seinen Posten zurückkehren, war die Enttäuschung und der Frust groß, auch über diese Art der Begründung. Danach entschieden einige, den Weg über die Öffentlichkeit zu gehen, und mit uns zu reden. Was mir sehr wichtig ist zu sagen: der Mut der Quellen, zu sprechen, ist das wichtigste an der Verdachtsberichterstattung, und ihnen gilt mein größter Dank.

An welchem Punkt von Verdachtsberichterstattungen konfrontieren investigative Journalist*innen die Objekte erstmals mit ihrem Kenntnisstand – gibt es da ungeschriebene Regeln?

Da gibt es sogar sehr feste Regeln, die gar nicht mal so ungeschrieben sind. Eine der wichtigsten lautet, dass auch Beschuldigte ein Anrecht auf Fairness im Sinne des Presserechts haben. Und dazu gehört zwingend, sie irgendwann mit dem Stand der Vorwürfe zu konfrontieren und zwar so, dass sie genügend Zeit haben, darauf adäquat zu reagieren.

Also nicht 60 Minuten vor Abdruck, wie die Bild einst Christian Drosten ließ, um sich zum Vorwurfe angeblich „grob falscher“ Covid-Studien zu äußern.

Nein (lacht). Wie viel früher, hängt vom Umfang des Materials ab, dessen Inhalten, oder wie weit die Vorwürfe zurückreichen. Die Zeit für eine Stellungnahme kann von Stunden bis Wochen reichen. Bei einer medienunerfahrenen Privatperson kann die Frist länger sein als etwa bei Tageszeitungen oder Konzernen mit professionellen Rechts- und Öffentlichkeits-Abteilungen, aber in jedem Fall muss die Konfrontation in enger Kooperation mit unserer Rechtsabteilung frühzeitig genug erfolgen, um presserechtlich auf der sicheren Seite zu sein.

Was muss, was soll, was darf in diese Konfrontation genau rein, ohne den kompletten Kenntnisstand preiszugeben und sich damit angreifbar zu machen?

Es ist wichtig, alle Recherche-Informationen ausreichend und ausführlich zu schildern. Das kann vom recherchierten Verdacht bis zum konkreten Beleg grundsätzlich alles sein, wozu man sich von der beschuldigten Person oder Einrichtung Erhellendes erwartet, damit Beschuldigte die Gelegenheit bekommen, dazu Stellung zu nehmen. Allerdings hat sich da die Praxis eingeschliffen, dass auf Konfrontationen mit Anwaltsschreiben geantwortet wird. So kommt man eher nicht an Informationen, die sich etwa aus einem direkten Gespräch ergeben könnten.

Sondern erzeugt tendenziell eher Panik beim Beschuldigten.

Ach, die erzeugt man in der Regel sowieso. Denn natürlich muss ich zeigen, was ich recherchiert habe. Das bedeutet manchmal, auch im Bereich von #MeToo, dass Betroffene ein Stück weit identifizierbar werden, damit die Beschuldigten sich überhaupt zu den Vorwürfen äußern können – auch das muss man natürlich mit den Quellen vorher genau absprechen. Ich jedenfalls neige dazu, möglichst umfassend zu konfrontieren.

Auch mit Gerüchten, Mutmaßungen, Suggestivfragen, von denen man sich ungeachtet der Belegbarkeit Selbstentlarvungen erhofft?

Na ja, ein Mindestmaß an Indizien und Belegen sollte für die Konfrontation schon vorhanden sein. Dass bloße Mutmaßungen Beschuldigte unfreiwillig aus der Reserve locken, empfinde ich persönlich eher als unlauter, und es ist in der Regel auch eher illusorisch, dass man darauf sinnvolle Antworten erhält, die dann für eine Veröffentlichung dieser Mutmaßungen reicht.

Auch, weil potenziell betroffene Unternehmen oder Institutionen mittlerweile medienerfahrener sind und damit abgebrühter?

Weil ich das nicht seit 15 Jahren mache, fehlt mir hier ein bisschen der Vergleich, inwiefern sich das verändert hat. Aber es gibt eine Studie der Otto-Brenner-Stiftung, die zeigt, dass es zunimmt, dass im Vorfeld versucht wird, Berichterstattung durch Drohschreiben zu unterbinden. Das kann gerade auf weniger erfahrene Journalist*innen eine abschreckende Wirkung haben.

Fühlen Sie sich als erfahrenere Journalistin davon auch manchmal noch abgeschreckt?

Ich kenne das ja auch erst seit wenigen Jahren. So ein Anwaltsschreiben macht mir weniger Angst oder Sorgen. Aber ich habe mal eine Recherche veröffentlicht, die den zentralen Standards der Verdachtsberichterstattung genügt hatte und die Veröffentlichung wurde trotzdem gerichtlich untersagt. Das Gericht warf uns damals vor, mit zu viel Detailtiefe über den Fall berichtet zu haben – ein merkwürdiges Urteil, gegen das wir zwar erfolgreich in Berufung gegangen sind; aber es hat eine Schere in meinem Kopf geöffnet, wie viel, besser: wie wenig Informationen über gut recherchierte Sachverhalte erlaubt sind. Um sowas vor Gericht durchzukämpfen, braucht man nicht nur viel Zeit, sondern auch Medienunternehmen im Hintergrund, die das so lange finanzieren.

Wie sichern Sie sich im Vorweg einer Recherche ab, um nicht kostenlos für die Tonne zu arbeiten?

Juristisch, indem ich mich an die Rechtsabteilung von Ippen Investigativ oder wie im Fall von Buzzfeed News an eine extern beauftragte Kanzlei wende, sobald die Beleglage für eine mögliche Veröffentlichung reicht. Erst nach dieser Wasserstandsmeldung geht es weiter. Journalistisch binde ich die Chefredaktion, bei Julian Reichelt also Daniel Drepper, frühzeitig in den Recherchestand ein, auch da gilt aber weiterhin der Quellenschutz. Finanziell versuche ich vorher abzuschätzen, wie viel Zeit und Geld die Recherche erfordern wird. Als Redakteurin arbeite ich da in der Regel aber frei von festen Budgetzwängen.

Davon können Freelancer vermutlich nur träumen.

Ganz gewiss sogar. Ich selbst habe zwar nie freiberuflich gearbeitet, weiß aber von Freelancern, ihre Arbeit sei nicht selten extrem prekär – was gerade im Bereich der Verdachtsberichterstattung heikel ist. Auch die rechtliche Absicherung ist klarer gegeben, wenn man durch die Anstellung einen Verlag im Rücken hat. Redaktionen sind seltener bereit, Freien so langwierige Recherchen zu bezahlen, deshalb können auch #MeToo-Geschichten schwieriger von denen gestemmt werden. In einer Branche, die zu Dreivierteln aus Freien besteht, ist es schade, wie viel Recherche-Power da von Leuten mit großer Kompetenz schlichtweg verloren geht.

Belastet die Möglichkeit, eine Geschichte, die Ihnen am Herzen liegt, könne platzen, dafür emotional, gibt es da so etwas wie Verlustängste?

Natürlich passiert es mal, zwei Wochen an was zu arbeiten, das dann nicht funktioniert. Aber es ist mir noch nie passiert, dass eine durchrecherchierte Geschichte mit Freigabe der Quellen unveröffentlicht blieb. Auch bei der Recherche zu Julian Reichelt fand sich, nachdem Dirk Ippen sie nicht bringen wollte, eine Lösung. Was allerdings immer passieren kann ist, dass sich Quellen zurückziehen, also nicht mehr Teil der Recherche sein wollen. Das ist besonders auf sensiblen Feldern wie #MeToo nicht selten, und ich finde es auch verständlich.

Eine andere, vergleichsweise neue, zuweilen physische Form von Druck lastet in unserer Zeit enthemmter Diskurse durch soziale Medien auf Journalistinnen wie Ihnen, die sich mit Themen und Haltung stark exponieren. Spüren Sie ihn seit dem Erstarken rechtspopulistischer Kräfte seit 2013 stärker?

Bisher nicht, aber natürlich treffe ich mittlerweile Sicherheitsvorkehrungen, um es auch künftig zu vermeiden. Vor der Veröffentlichung der Recherchen zu Julian Reichelt habe ich etwa meinen Instagram-Account deaktiviert. Der neue ist jetzt rein beruflich. Außerdem kann man als Journalist*in versuchen, wenn man sich mit potenziell mächtigen Gegnern anlegt, eine Auskunftssperre für das Melderegister zu bekommen. Hasspost kriege ich wie alle anderen in diesem Beruf zwar auch mal, aber physisch bedroht wurde ich noch nicht. Den größten Druck erlebe ich demnach juristisch.

Gegen Sie persönlich?

Auch. Ein Anwalt hat mich mal schriftlich wie mündlich wissen lassen, wenn ich weiter so zu seinem Mandanten recherchiere, würde er sich mal umhören, was man so alles gegen mich herausfinden könne. Ich habe dann weiter recherchiert, aber der Versuch mich einzuschüchtern war unverkennbar.

Beugen Sie dem dadurch vor, dass Sie sich der unbedingten Rückendeckung Ihrer Auftraggeber versichern?

Juristisch gibt es keine explizite Vereinbarung über etwaigen Rechtsbeistand durch meine Arbeitgeber, aber ich versuche früh im Rechercheprozess zu klären, wie weit im Zweifel verteidigt wird – wenn man bis vor den BGH geht, ist man im Zweifel ja schnell im sechsstelligen Kostenbereich.

Wie haben Sie sich angesichts dieses Vertrauensvorschusses denn gefühlt, als Dirk Ippen die Recherche über Julian Reichelt mit dem Argument ablehnte, angeblich nicht negativ über Mitbewerber reden zu wollen?

Extrem enttäuscht. Zumal wir uns Springer gegenüber ja dadurch exponiert, also vulnerabel gemacht hatten, dass die Konfrontationsfragen bereits raus waren und damit waren in Teilen auch die Quellen erkennbar.

Sind Sie und Ihr Team im Reinen mit ihrem Arbeitgeber, dem Ippen Verlag, und Verleger Dirk Ippen?

Inzwischen hat sich Dirk Ippen entschuldigt, und das erkenne ich auch an. Für die Quellen war die Nachricht natürlich auch hart. Eine Person war am Telefon sehr verzweifelt und hat gesagt: Wie kann es sein, dass man uns jetzt schon wieder nicht zuhört? Umso klarer war, dass eine Lösung her musste, die Rechercheergebnisse so gut und schnell es geht zu veröffentlichen.

Und diese Lösung war der Spiegel.

Diese Lösung war der Spiegel.

Auch die New York Times?

Ben Smith, war früher Chefredakteur von BuzzFeed News in den USA und unser Vorgesetzter; daher kennen wir uns und haben bei einem gemeinsamen Essen in Berlin schon diesen Sommer gemerkt, dass uns das gleiche Thema interessiert – wobei sein Interesse Springer im Allgemeinen galt und meines Julian Reichelt im Besonderen. Wir haben also ausgemacht, unsere Veröffentlichungstermine zu koordinieren.

Ist es schmeichelhaft oder schmerzhaft, wenn die legendäre NYT dann eigene Recherchen vorwegnimmt?

Ich war froh, dass die Informationen an die Öffentlichkeit kamen. Dennoch wäre es toll gewesen, parallel zu veröffentlichen. Ben Smith ist einer der besten Medienjournalisten in den USA, und natürlich hat er wie geplant veröffentlicht, so war er dann eben der erste mit der Geschichte.

Dieses Kompliment hat er Ihnen in einem Zeit-Interview auf Deutschland bezogen zurückgegeben.

Ja, das war sehr freundlich von ihm.

Herrscht in den USA eine grundlegend andere Kultur der Verdachtsberichterstattung?

Ich kenne die presse- und persönlichkeitsrechtlichen Regeln der USA nicht so genau, aber es ist dort definitiv gebräuchlicher, mit Klarnamen zu arbeiten – was auch für Quellen gilt, die sich häufiger selbst kenntlich machen als hier, wo das Persönlichkeitsrecht stärker gewichtet wird, wenn es um die Abwägung geht, was presserechtlich zulässig ist. In Deutschland entscheidet man vielleicht eher, Rechercheergebnisse, welche die Privat- oder Intimsphäre betreffen, nicht zu veröffentlichen, das haben wir auch bei der Recherche zu Reichelt genau abgewogen und uns in einigen Aspekten dagegen entschieden.

Ach.

Auch fürs Privatleben eines Bild-Chefs müssen die presserechtlichen Standards gelten und geschaut werden: Wie schwer sind die Vorwürfe, wie groß das öffentliche Interesse, wo wiegt die Privatsphäre schwerer? In den USA werden #MeToo-Debatten auch anders geführt, weil die rechtlichen oder arbeitsrechtlichen Grundlagen andere sind. Während die Initiative von Springer, dass Mitarbeiter*innen künftig interne Liebesbeziehungen offenlegen sollen, auch vom DJV massiv kritisiert wird, weil rechtlich Liebesbeziehungen zwischen Beschäftigten eines Unternehmens Privatsache sind, haben in den USA mehrere Konzernchefs wegen hausinterner Liebesbeziehungen ihre Jobs verloren. In Deutschland dagegen wurde über viele #MeToo-Vorwürfe verschiedener Branchen noch gar nicht berichtet. Das zu verändern ist auch Aufgabe von Verlagen und Medienhäusern.

Sie haben in einem Beitrag für den journalist Anfang 2020 geschrieben, sexuelle Übergriffe zu thematisieren sei trotz #MeToo kaum einfacher geworden. Wie ist es zwei Jahre und einen Bild-Chefsturz später?

Das ist zwar nur ein subjektiver Eindruck dessen, was auf meinen Kanälen bei mir ankommt, aber nach der Recherche zu Julian Reichelt haben sich sehr viele Menschen mit weiteren Vorwürfen aus verschiedenen Bereichen bei mir gemeldet. Dieses „ich auch“, das #MeToo zum Ausdruck bringt, wirkt mit jeder personellen Konsequenz und jeder journalistischen Veröffentlichung, weil Menschen verstehen, dass andere ähnliche Erfahrungen gemacht haben, wie sie, und es eine Möglichkeit sein kann, sich an die Presse zu wenden. Die große Frage wird also sein, ob Medienhäuser Kapazitäten für Recherchen über jede Art von Machtmissbrauch und Ungerechtigkeiten bereitstellen und auch Journalist*innen dafür einstellen.

Ist die Frage eher ein pessimistischer Konjunktiv oder ein optimistischer Indikativ?

Ich bin schon zuversichtlich, dass es Stück für Stück besser wird als heute. Dazu gehört auch, dass in den Medienhäusern stärker auf Quoten und Diversität geachtet wird, um unterschiedliche Kompetenzen jeder Art von persönlichem Hintergrund zu bündeln. Das ist ein Prozess, von dem ich nicht weiß, wie lange er dauern wird. Noch heute höre ich allerdings von Kolleg*innen, dass ihre Recherchen zu Missbrauchsthemen in den Verlagen kein Gehör finden. Es könnten also noch viele Jahre sein.


Paul Ronzheimer: Bild, Boulevard & Reichelt

Wir befragen alle gleich hart

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Paul Ronzheimer (Foto: Nikita Teryoshin) hat es in 13 Springer-Jahren vom Parlaments- zum Chefreporter der Bild gebracht. Das Interview mit dem 36-jährigen Ostfriesen fand kurz vor Julian Reichelts Entlassung wegen fortgesetzten Machtmissbrauchs statt. Danach wollte er sich leider nicht zum Ende seines befreundeten Chefs äußern – obwohl und weil er sich im Gespräch so positiv über ihn äußert. Spannend ist der Blick in einen Hauptdarsteller des entfesselten Boulevards trotzdem.

Von Jan Freitag

Herr Ronzheimer, ist das Ihr Reportagereisen-Vollbart wie einst Kai Diekmann, als er aus dem Silicon Valley zurückgekommen ist?

Paul Ronzheimer: Ich habe vermutlich schon vor Kai Diekmann Vollbart getragen. Obwohl – ich weiß gar nicht, ob mir damals schon einer gewachsen ist (lacht). Diesen hier habe ich jedenfalls in der Tat ein wenig länger wachsen lassen, weil es in Afghanistan unter der Herrschaft der Taliban definitiv besser ist, einen zu haben. Außerdem hatte ich noch keine Zeit zum Rasieren.

Sie sind heute erst aus Kabul zurückgekehrt.

Um 13 Uhr, vor fünf Stunden also.

Noch Jetlag?

Nö, ich hatte ja einen Tag Aufenthalt in Doha, wo ich erstmal einen PCR-Test machen musste und ein paar Botschaftsvertreter getroffen habe. Eigentlich bin ich relativ entspannt.

Aber voller Eindrücke aus einem Land, das im Chaos zu versinken droht, nehme ich an.

Das stimmt. Vor allem aber mit dem Eindruck der Verwunderung, es so schnell rausgeschafft zu haben. Da hätte ich mit deutlich längerer Zeit gerechnet.

Länger, was die technischen und bürokratischen Hürden der Taliban betrifft?

Genau, die sind momentan sehr kompliziert. Und darüber hinaus trage ich natürlich all die Erlebnisse von dort mit mir herum. Ich kriege auch jetzt viele Nachrichten von Leuten, die noch vor Ort sind, die Hilfe suchen, um ebenfalls von dort wegzukommen. Nicht nur, dass die Taliban alles dichtgemacht haben, Nachbarländer wie Usbekistan lassen auch keinen mehr rein. Das lässt mich ebenso wenig los wie die Sorge, was denn jetzt aus dem Land wird.

Eines, das Sie allein im Sommer zweimal bereist haben.

Im Juli vier Wochen, Ende August weitere drei. Da waren vor allem die Unterschiede der einzelnen Schicksale gravierend, die wir getroffen haben. Eine Englischlehrerin zum Beispiel hat vor zwei Monaten noch gearbeitet und jetzt ihren Job verloren. Oder ein paar Models, die vor sechs Wochen bei einer Fashion-Show in Kabul gelaufen sind und sich nun in Kellerlöchern versteckt halten. Da die Taliban sie womöglich für schwul halten, könnten sie am Checkpoint erschossen werden. Da ist es echt seltsam, nach Berlin inmitten des Bundestagswahlkampfes zurückzukehren.

Kann sich der erfahrene Krisenberichterstatter vom Menschen dahinter lösen und diese Entwicklung rein beruflich betrachten?

Nein. Natürlich darf man den klaren Blick auf die Situation nie ganz verlieren. Aber wen das nicht auch als Mensch berührt, hat aus meiner Sicht den falschen Beruf. Wer Gefühle nicht selber empfindet, kann sie nur schwer beschreiben. Von daher hat mich das auch persönlich sehr mitgenommen. Allein schon, weil Freunde und Bekannte von mir dortgeblieben sind, empfinde ich aber auch Wut.

Wut worüber?

Gebrochene Versprechungen des Westens, das politische Scheitern, die Geschwindigkeit, in der sich das Land radikal verändert hat und nun von Leuten regiert wird, die vielleicht noch nie zuvor eine Stadt gesehen hatten oder mir in der letzten umkämpften Provinz bereits Handschellen angelegt, um mich abzuführen – diese Unberechenbarkeit bleibt fast noch mehr hängen als die Gefahr, in die man sich als Reporter begibt.

Zumal man bei Ihnen das Gefühl kriegt, Sie würden diese Gefahr nicht nur hinnehmen, sondern suchen. Fühlen Sie sich in Krisen-, gar Kriegssituation wie in Syrien, Irak, der Ost-Ukraine oder jetzt Afghanistan erst richtig als Reporter, also Journalist?

Nein. Deshalb habe ich auch in keinem meiner Kriegs- und Kriseneinsätze ständig die vorderste Front gesucht. Kollegen, die genau da tagelang embedded sind, gibt es auch ohne mich schon genügend; das treibt mich weniger an. Mir ist wichtiger, dort vor Ort zu sein, wo man beide Seiten trifft, um beide Seiten zu verstehen – sei es die Taliban, seien es ihre Opfer. Klar kann es auch dabei gefährlich werden, aber ich versuche die Gefahr vorab durch bestmögliche Planung kalkulieren zu können.

Sie verspüren also keinen Katastrophen-Thrill?

Das nicht, aber es war schon immer meine Passion, dort zu sein, wo Weltgeschichte geschrieben wird. Da hat es mich fast körperlich geschmerzt, nicht gleich am Tag, als Kabul gefallen ist, vor Ort gewesen oder fast schlimmer noch: zwei Wochen zuvor nicht einfach geblieben zu sein. Deshalb war mein unbedingter Wille, sofort wieder hinzufliegen und dafür alle Umwege in Kauf zu nehmen, enorm – persönlich, vor allem aber beruflich. Dieser Drang macht mich erst richtig zum Reporter.

In ihrer Definition oder einer allgemeingültigen?

Das ist meine Definition. Was den Job als Reporter ausmacht, ist für mich persönlich die absolute Selbstaufgabe, diesem alles unterzuordnen – Beruf, Familie und alles drumherum. Das kann man natürlich nicht von jedem verlangen, der sich genausgut Reporter nennen darf, aber bei mir galt das auch schon im Lokalteil der Emder Zeitung. Wenn ich da über Kickers Emden berichtet habe, war ich oft 20 Stunden damit beschäftigt, habe hier noch Hintergründe eingeholt, dort Spieler getroffen. Und auch in der Innenpolitik geht mein Arbeitstag im Zweifel abends an der Hotelbar weiter, um noch mehr Informationen zu kriegen.

Das muss man sich allerdings auch leisten können.

Klar, da habe ich auch Glück, einen Verlag hinter mir zu haben, der mir die nötige Zeit dafür gewährt. Bei mir hat sich das dadurch fast zur Sucht ausgewachsen. Trotzdem käme ich nie auf die Idee, anderen Reportern meine Berufsbezeichnung abzusprechen, weil sie das nicht in selber Intensität machen. Zumal sich das bei mir auch erst entwickelt hat. Als ich angefangen habe, hätte ich doch nie gedacht, irgendwann mal in Krisengebieten zu landen; eigentlich bin ich nämlich eher ein ängstlicher Typ.

Wovor haben Sie denn Angst?

Vorm Fliegen zum Beispiel. Aber schon als 16-Jähriger fürs lokale Anzeigenblatt war ich so hartnäckig, nach der Gemeinderatssitzung die Vertreter abzugreifen und mehr über die Story zu erfahren als die vier Tageszeitungen der Region. Darin unterscheidet sich das politische Ostfriesland übrigens nicht vom politischen Berlin, und damals wie heute bestand mein unbedingter Wille darin, morgens zu lesen, dass wir die bessere Geschichte im Blatt haben.

Die bessere oder die emotionalere, im Zweifel polarisierendere Geschichte?

Na ja, Boulevard-Geschichten, wie wir sie machen, sind natürlich andere als Lokal-Geschichten. Meine Definition von Live-Journalismus ist es, nicht irgendwo zu sein, um dort zu sein, und mich nach Ankunft ins Hotelzimmer zurückzuziehen, sondern zu zeigen, was wirklich passiert. In Afghanistan zum Beispiel war ich auf einem Independence Day der Taliban, wo es sogar 3G gab.

Internet oder Impfstatus?

(lacht) Internet, die haben da nicht mal Masken. Tausende Taliban, darunter viele, die nie zuvor jemanden aus dem Westen gesehen haben. Und ich mittendrin, um mit ihnen Interviews zu führen. Das ist, was mich an einem Live-Journalismus interessiert, den man für alle Plattformen auswerten kann.

Aber die Bild will doch nicht nur zeigen, was ist, sondern auch, was ihrer Haltung entspricht, Kritiker meinen: ihrer Agenda.

Natürlich haben wir eine Haltung, und wenn Sie es am Beispiel Afghanistans als solche empfinden, die Politik des Westens dort als Riesendesaster zu beschreiben, können Sie das gern so sehen. Trotzdem kann ich da nur für mich sprechen und sage als Reporter: ich will im Zweifel immer beide Seiten zeigen.

Aber wenn man sich etwa die Berichterstattung über die SPD betrachtet, hat Bild sie in den Bundestagswahlkämpfen seit Kurt Schumacher abgesehen von Gerhard Schröder 1998 doch durchweg benachteiligt – von Linken und Grünen ganz zu schweigen.

Dem würde ich widersprechen. Verglichen mit früher gehen wir mit der SPD extrem fair um, da würde ich ausgerechnet auf Gerhard Schröder verweisen. Kai Diekmann selbst hat mal eingeräumt, was wir mit dem in der Berichterstattung zur Agenda 2010 gemacht haben, ging gar nicht. Das Gleiche gilt fürs Kanzlerduell gegen Edmund Stoiber, den wir danach als einziges Medium zum Sieger erklärt haben. Das ist allerdings lange her. Fragen Sie demgegenüber mal Olaf Scholz, ob er sich in unseren Interviews schlechter behandelt fühlt. Ich glaube nicht.

Am Vorwurf eine agendagetriebenen Kampagnen-Journalismus, der seit Jahrzehnten massiv erhoben wird, ist aus Ihrer Sicht also überhaupt nichts dran?

Boulevardjournalismus lebt halt Personalisierung, Emotionalisierung, also Zuspitzung. Aber politisch betrachtet, könnte ich Ihnen vermutlich ebenso viele kritische Berichte über Armin Laschet zeigen wie einst über Olaf Scholz. So fair wie heute, haben wir noch nie über beide Kanzlerkandidaten berichtet.

Beide? Mit Annalena Baerbock, die ebenso wie ihre Partei weit mehr von der Bild abkriegt als Christian Lindner oder Markus Söder, gibt es doch drei?

Ich finde, wir behandeln sie absolut gleichberechtigt Allein dieses Jahr habe ich dreimal mit ihr gesprochen. Nach den Enthüllungen um ihr Buch und den Lebenslauf ist sie allerdings in die innere Immigration gegangen. Auch da hat man ja versucht, Springer eine Kampagne zu unterstellen. Aber wenn Sie sich die Berichterstattung ansehen, hat anfangs nur Bild darüber berichtet, bevor drei bis vier Tage später alle auf die Geschichte gegangen sind, inklusive taz, die gefordert haben, Baerbock solle die Kandidatur an Habeck abgeben. Verglichen damit waren wir fast zurückhaltend. Und erinnern Sie sich an die Interviews bei Bild Live mit Friedrich Merz?

Schießen Sie los.

Es waren vermutlich jene zwei, die ihm am meisten geschadet haben. Bei Anna von Bayern hat er sich auf die Frage nach seinem Reichtum als gehobener Mittelstand bezeichnet. Und als Kai Weise wissen wollte, ob er einen schwulen Bundeskanzler akzeptieren würde, sagte er ja, die sexuelle Orientierung ginge die Öffentlichkeit nichts an, solange sie sich im Rahmen der Gesetze bewege und nicht Kinder beträfe. Ganz egal, ob es um Laschet, Scholz oder Baerbock geht – wir befragen alle gleich hart.

Dann lassen Sie uns doch mal Bild-Zeitungen der vergangenen Tage durchblättern. Da ging es zum Beispiel um Olaf Scholz Aussage, in der Corona-Krise seien Millionen Deutsche, ihn inklusive, Besuchskaninchen gewesen. Zwei Ausgaben lassen kein gutes Haar am Vergleich, zitieren dazu aber ausschließlich politische Gegner.

Olaf Scholz hat diese Aussage ja sogar selber wiederholt. Insofern darf man schon in Frage stellen, welchen Erkenntnisgewinn es brächte, Olaf Scholz selber dazu zu befragen. Ob darüber hinaus politisch Verbündete von ihm angefragt wurden? Vielleicht waren alle abgedruckten ja die besten Stimmen, die es dazu gab.

Bringen allerdings zum Ausdruck, es gäbe keine Gegenposition zur Bild-Kritik, keine Sichtweise also, der Versuchskaninchen-Vergleich sei vielleicht sprachlich heikel, aber inhaltlich vertretbar. Das nenne ich unausgewogen.

Wie gesagt, es war Olaf Scholz, der Geimpfte als Versuchskaninchen bezeichnet hat.

Ist Aufregung der spannendere Bild-Aspekt als die Auseinandersetzung damit?

Weil die Wortwahl in dem Fall ausschlaggebend war, ja. Aber wer eine philosophische Auseinandersetzung damit lesen möchte, liest dann womöglich die falsche Zeitung. Da eignet sich ein Gastbeitrag der Zeit besser.

Definiert die Bild Begriffe wie Objektivität und Ausgewogenheit einfach anders als andere Redaktionen?

Ich weiß nicht, wie sie woanders definiert werden, aber unser Anspruch ist natürlich der, dass im Fall eines Vorwurfs von unserer Seite stets derjenige zu Wort kommen darf, den er betrifft. Wenn Sie sich mal im politischen Berlin umhören, kommt wahrscheinlich die Einschätzung, die Bild wäre da sogar weitaus fairer als andere Medien.

Welche zum Beispiel?

Ich werde hier jetzt keine Medienschelte betreiben, weiß es aber von Politikern, die mir sagen, wir fragen wenigstens immer an.

Wenngleich, wie im Falle Christian Drostens, auch mal mit einer Frist von einer Stunde.

Das war sicherlich zu knapp und ein Fehler, das haben wir auch so gesagt. Allerdings ist zeitlicher Druck für alle Journalisten tägliche Realität, und die Frist hätte bei Nachfrage auch verlängert werden können.

Interessant bei Fragen zur Ausgewogenheit der Bild ist, mit welcher Innbrunst sie zugleich die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender für den Mangel daran kritisiert – zuletzt etwa im Fall eines retuschierten Bild-Logos auf einem Mikrofon des MDR.  

Wenn jemand bei uns etwas raus retuschieren würde, würde er nicht mehr hier arbeiten. Das ist nämlich ein erheblicher Eingriff in die journalistische Berichterstattung.

war dieser Fehler ein Ausrutscher oder sehen Sie ihn als sinnbildlich fürs öffentlich-rechtliche System insgesamt?

Ich finde wichtig, dass es öffentlich-rechtlichen Rundfunk gibt. Aber wie er momentan aufgestellt ist, sehe ich kritisch und mache das zum Beispiel an der Berichterstattung in Kabul fest. Seine Reporter kamen erst viele, viele Tage nach mir, obwohl es in der Nähe ein eigenes Studio gibt, obwohl er über ein dichtes Korrespondentennetz verfügt, obwohl ihm acht Milliarden Euro Gebührengeld zur Verfügung stehen.

Die Gegenargumentation könnte lauten, der Ronzheimer kommt alle paar Monate mal für ein paar Wochen an und fährt dann zurück ins lauschige nach Berlin.

Das stimmt so nicht, wenn ich innerhalb von drei Monaten fast zwei dort bin. Und ich frage mich, wieso in allen Krisenregionen der Welt zwar der BBC vor Ort war, aber ARD und ZDF gar nicht oder später kommen. Ich betrachte die Situation gern aus einer Perspektive, die ich selber erlebe. Dass das dort nicht bei allen der Fall ist, liegt allerdings nicht an den Reportern, sondern der Bräsigkeit und dem Auftreten des Systems.

ARD aktuell meint dazu auf Nachfrage, aus Sicherheitsgründen würden deren Korrespondenten derzeit von Istanbul aus berichten, verweist aber auch auf freiberufliche Reporter vor Ort.

Ich war anfangs der einzige deutsche Reporter. Später kam noch Christoph Reuter und Thore Schröder vom Spiegel hinzu und eine Woche nach mir Markus Spieker vom Ersten oder Katrin Eigendorf vom ZDF. Ich will da aber gar kein Wettrennen draus machen.

Machen es aber dennoch, und zwar im Bereich öffentlich-rechtlicher Kernkompetenz, der Information.

Weil Sie mich zu meiner Sicht darauf gefragt haben. Und wenn ich sehe, wie oft deren Reporter in Krisenregionen fehlen, betrachte ich das als systemisch und frage mich, wohin die vielen Gebührengelder denn gehen, wenn nicht in diesen Sektor. Wahrscheinlich eher in Volksmusik und Fußball.

Dass ARD und ZDF diesbezüglich ein Gewichtungsproblem haben, steht außer Frage. Aber sie stellen ja schon gewissermaßen die Existenzberechtigungsfrage.

Nein, aber im Vergleich mit der BBC machen die mit mehr Geld sehr viel weniger. In der digitalen Medienwelt ist es heute mehr denn je entscheidend, Reporter on the ground zu haben und nicht von Neu-Delhi oder Istanbul aus über den Kontinent dazwischen zu berichten. Das führt zu Fehlwahrnehmungen. Mir geht es da nicht um Bashing, sondern nötige Diskussionen, die ich auch als Gebührenzahler führe, der mit Bild TV ein Alternativ-Angebot macht.

Wie ist denn angesichts dieser Sicht das Verhältnis anderer Journalistinnen und Journalisten vor Ort zu denen der Bild?

Ich habe mit allen, auch internationaler Medien, ein extrem gutes Verhältnis. Man hilft sich gegenseitig, tauscht Kontakte aus, insbesondere in Sicherheitsfragen. Dass jemand anderen nichts von einer Geschichte erzählt, um sie exklusiv zu haben, passiert selten mal. So kollegial wie dort erlebe ich es fast nirgends.

Also auch nicht im politischen Berlin?

Die Konkurrenz ist hier jedenfalls größer als an Krisenorten. In der Innenpolitik geht es schon darum, mehr zu haben als die anderen. Trotzdem gibt es auch großen Respekt vor Bild-Kolleginnen und -Kollegen, die mit ihren Insights und Exklusivgeschichten – wie andere allerdings auch – gute Jobs machen. Deswegen kann ich den Vorwurf der Voreingenommenheit so einfach nicht stehen lassen.

Wird der Vorwurf des Kampagnenjournalismus hausintern sozusagen als Kampagne gegen die Bild empfunden?

Ach, was sollen wir denn machen? Ich sage mir: viel Feind, viel Ehr! Als größte Tageszeitung Europas, größtes Online-Portal in Deutschland, seit neuestem mit eigenem TV-Sender, muss man sich Kritik gefallen lassen. Unterschiedliche Meinungen sind in einer Demokratie wichtig, und sie sitzen jetzt ja auch vor mir, stellen kritische Fragen und ich beantworte sie.

Fühlen Sie sich von Kritik an der Bild auch persönlich betroffen?

Nein. Wenn Freunde mich fragen, warum wir so ungerecht zu den Grünen sind, antworte ich denen das Gleiche wie Ihnen: ich empfinde das nicht so. Gerade im Wahlkampf steht Springer aber anders im Fokus als andere und dient dabei auch gern mal als Grund, schlechte Umfrageergebnisse zu rechtfertigen.

Trifft „Viel Feind, viel Ehr“ auch darauf zu, dass die Bild-Gruppe in den vergangenen zehn Jahren verlässlich ein Drittel aller Presseratsrügen abkriegt?

Natürlich machen wir Fehler wie alle anderen auch. Bei allem, was an ungerechtfertigter Kritik kommt, darf man sich daher nicht zu sehr in die innere Immigration begeben und gerechtfertigte Kritik nicht annehmen. Deshalb wird darüber besonders in den Redaktionskonferenzen sehr offen diskutiert.

Bei einer Chefredaktion, die mit Tanja May von der Bunten demnächst aus zehn Personen besteht. Wie kann man sich die Diskussionen dort vorstellen?

Da gibt es diverse Runden, in denen vom Volontär bis zum Redakteur alle zugeschaltet werden können, um sich zu allem zu äußern. Wir kommunizieren in so offener Form, wie es bei Bild noch nie der Fall war und nutzen Slack für positives wie negatives Feedback. Es gibt Runden, in denen Alexandra Würzbach und Julian Reichelt Rede und Antwort stehen. Jeder, der mich anruft, bekommt eine Reaktion. Ich bin auch schon 13 Jahre hier, und die Kommunikationskultur ist offener denn je. 

Heißt das, die Kommunikationskulturen unter Julian Reichelts Vorgängern Kai Diekmann und Tanit Koch waren grundsätzlich andere?

Ganz automatisch, weil die Situation, wie Journalismus gemacht wird, mit der heutigen kaum vergleichbar war. Vor 13 Jahren ging es langsam los mit Online, der Fokus lag noch vor allem auf der Zeitung. Autoritäre Strukturen, wie sie noch frühere Redaktionen hatten, sind mit den Journalisten heutiger Prägung nicht mehr möglich. Es gibt viel mehr Gespräche, Debatten und Selbstkritik als ich sie selber noch vor 13 Jahren erlebt hatte.

Wird die Bild eher durch ihr Personal geprägt oder das Personal durch die Bild?

Natürlich prägen Menschen und ihre Haltungen, Beiträge, Ideen auch die Zeitung, an der sie arbeiten. Aber sie verändern sich immer auch durch das, was sie erleben. Ich jedenfalls habe mich im Laufe meines Reporterlebens definitiv verändert.

In welche Richtung, was hat Bild aus Ihnen gemacht?

Das kann ich schlecht von den Orten, an denen ich für die Bild war, und den Menschen dort trennen.

Wie sehr hat Sie am Ende denn Julian Reichelt geprägt, unter dem Sie zum stellvertretenden Chefredakteur und Moderator von Bild TV geworden sind?

Es ist ja kein Geheimnis, dass wir beste Freunde sind und uns gegenseitig geprägt haben. Ich kenne ihn, seit er Chefreporter war, und habe viel von ihm gelernt, was Kriegs- und Krisengebiete betrifft. Wenn man sich anschaut, aus welchen Regionen er überall berichtet hat, ist Julian für mich einer der besten Reporter, die Bild je gesehen hat – das wird in der Debatte über ihn gelegentlich vergessen, wie oft er sein Leben eingesetzt hat, um auch aus Afghanistan zu berichten. Darüber hinaus pflegen wir eine sehr offene Streitkultur. Denn während wir außenpolitisch oft übereinstimmen, gehen unsere Meinungen innenpolitisch, etwa zu Corona, auch mal auseinander.

Reichelts Streitkultur stand im März kurze Zeit heftig zur Debatte, als ihm besonders gegenüber Redakteurinnen Machtmissbrauch vorgeworfen wurde. Es war von Angstkultur der Angst die Rede, weshalb ihm Alexandra Würzbach zur Seite gestellt wurde.

Beide sind ja schon lange zusammen bei BILD. Und wir haben ein Kulturprojekt gestartet, in dem wir gemeinsam sehr offen darüber sprechen, wie wir in Redaktion und Verlag zusammenarbeiten wollen.

Konnten Sie die Vorwürfe als jemand, der ihm so nah steht, seinerzeit bestätigen?

Nein. Aber der Fall ist abgeschlossen, dazu möchte ich mich nicht weiter äußern.

Auf anderer Ebene wurde Bild, die ansonsten keiner Rauferei aus dem Wege geht, selbst Opfer von Übergriffen. Nachdem sich das gesellschaftliche Klima im Zuge von Pegida und dem Aufstieg der AfD ab 2015 massiv aufgeheizt hatte, stand plötzlich die Bild unterm Lügenpresse-Vorwurf der alten Klientel.

Unsere Reporterin Angelique Geray wurde im März auf einer Querdenker-Demo angespuckt, das ist absolut unsäglich und hat seinerzeit die Diskussion entfacht, ob man in solchen Situationen keine Sicherheitskräfte bräuchte. Das halte ich persönlich für wenig hilfreich, da es noch etwas mehr Distanz zwischen Volk und Reporter bringt. Aber das ist eine Realität, der sich alle Reporter in Deutschland stellen müssen.

Hat das demütig gemacht oder angriffslustig?

Weder noch. Und es ist auch nicht so, als wären Bild-Reporter vorher nie angegangen wurden. Mit dieser Gefahr muss man leben, es soll allerdings nicht dazu führen, mit dem Berichten aufzuhören.

Beim anschließenden Berichten über die Corona-Maßnahmen der Bundes- und Landesregierungen allerdings hatte man das Gefühl, sie würden es den Querdenkern nun recht machen wollen. Gelegentlich klangen Bild-Artikel wie Aufrufe zum zivilen Ungehorsam.

Wenn Sie Kommentare zu Freiheitsrechten gleich als Aufruf zu zivilem Ungehorsam verstehen? Eine kritische Auseinandersetzung mit den Corona-Maßnahmen halte ich für die journalistische Aufgabe aller Medien.

Haben die Ereignisse der letzten sechs Jahre, in denen sich öffentliche Diskurse von sozialen Medien lautstark befeuert vom Elfenbeinturm der Politik auf die Straße verlagert haben, dazu geführt, dass Bild den Schwerpunkt vom gedruckten zum gesendeten Wort forciert?

Weil unsere Live-Berichterstattung erst vor rund anderthalb Jahren begonnen hat und Bild TV auch erst einige Wochen alt ist, kann man da schon rein zeitlich keine Parallelität ziehen. Und mit dem Erstarken der AfD nach 2015 hat die Bild schon deshalb nichts zu tun, weil wir uns immer klar von ihr abgegrenzt haben. Sie finden – zumindest im Q&A-Interview – keine Politiker dieser Partei im Blatt. Wir positionieren uns da sehr klar.

Die Frage zielte darauf ab, ob der Live-Journalismus, wie Bild ihn gerade vorantreibt, auch mit der gesellschaftspolitischen oder nur der technischen Entwicklung zusammenhängt?

Ich glaube, er hängt vor allem mit einer langgehegten Sehnsucht zusammen, die mit Facebook Live angefangen hat und bei mir etwa auf Periscope, wo ich Flüchtlinge über Wochen hinweg begleitet habe. Diese Fokussierung auf den Moment hat uns schon immer fasziniert. Gleichzeitig konnte man in den vergangenen Jahren erleben, dass bestimmt Themen besonders öffentlich-rechtlich nicht vorkamen. Da wären wir wieder in Kabul, wo wir Wochen vorm ersten ARD-Reporter waren. Das ist unser Anspruch und führt etwa dazu, in der Pandemie praktisch ein eigenes Genre erschaffen und während der Ministerpräsidentenkonferenzen Servicejournalismus angeboten zu haben, der den Leuten da draußen die Lage in Echtzeit erklärt.

Aber geht dieser Drang zur Echtzeit zugunsten schneller Information nicht zulasten von Analyse, Ausgewogenheit, Objektivität?

Nein, denn das sind unterschiedliche Genres. Uns geht es zunächst um die News, da wollen wir die Schnellste sein. Ohne dass das eine das andere ausschließen muss, kommen die Analysen im Anschluss.

Ist Bild TV bereits ein Vorbote, dass sie gedruckte Zeitung nicht nur an Auflage, sondern auch Bedeutung für den Springer Verlag verliert?

Überhaupt nicht. Die Zeitung ist wahnsinnig wichtig und prägt entscheidend die Marke. Online ist wichtig, Live ist wichtig, die Zeitung ist es aber auch.

Wissen Sie, wie das Standing von Bild TV im Verlag ist.

Keine Ahnung, ich bin ja kein Shareholder (lacht). Axel Springer investiert jedenfalls mit über 20 Millionen Euro in 2021 deutlich in BILD TV.

Was sagt denn Mathias Döpfner?

Das müssen Sie Mathias Döpfner fragen.

Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass Bild TV beim Duell, Triell, Quatriell zur Bundestagswahl 2025 mit am Tisch sitzt?

Für sehr wahrscheinlich. Zur Eröffnung des Senders hatten wir die Spitzenkandidaten von CDU und SPD nacheinander live im Studio. Außerdem kann theoretisch jeder, der will, so eine Wahlkampfdebatte organisieren. Andererseits fand ich unsere Interviews mit Laschet, Scholz und Baerbock spannender, vor allem inhaltsreicher als alle Trielle zusammen.

Haben Sie sich vor Ihrem inneren Auge umso mehr in die Studios geträumt, um es anders, womöglich besser zu machen als die Platzhirsche von ARD bis RTL?

Ich war damals zwar noch in Kabul, aber als Innenpolitikjunkie habe ich es auch von dort aus verfolgt und war doch sehr verwundert, warum die Außenpolitik abgesehen von Afghanistan keine Rolle gespielt hat oder der Umgang mit Russland, den USA.

Und die große Leerstelle Europäische Union.

Genau, besonders die Entwicklung in Polen oder Ungarn. Hat mich sehr gewundert, aber ich möchte den Kollegen jetzt auch keine Noten geben; die bemühen sich alle nach Kräften.

Kommen wir mal zu Ihrem Bemühen: glauben Sie eigentlich an den menschengemachten Klimawandel?

Ja.

Und lässt er sich nur auf der Basis freiwilliger Anreize in den Griff kriegen oder darf, ja muss man dafür auch Freiheitsreiche einschränken, also Verbote aussprechen?

Ich glaube, dass man statt Freiheitsrechte einzuschränken lieber auf technische Innovationen setzen sollte.

Da sind Sie mit Bild voll auf Linie.

Vermutlich, aber es gibt gewiss auch Redakteure, die das anders sehen. Klimawandel-Leugner habe ich allerdings noch keine erlebt bei uns.

Wären die oder auch Corona-Leugner im Rahmen der redaktionellen und thematischen Meinungsvielfalt akzeptabel?

Beide bekämen jedenfalls keine Gelegenheit, die Existenz von Corona oder Klimawandel in einem Kommentar zu leugnen. Beide habe ich persönlich aber auch noch nicht bei uns erlebt.

Was für ein Auto fahren Sie?

Gar keins, ich fahre Bahn und Uber.

Gendern Sie manchmal?

Nein.

Aus Prinzip?

Es missfällt mir einfach akustisch. Außerdem ich halte ich es für problematisch, dass öffentlich-rechtliche Sender gendern, obwohl es 60, 70 Prozent der Bevölkerung ablehnen. Ich versuche deshalb, von Kollegen und Kolleginnen statt Kolleg:innen zu sprechen und nehme es auch im persönlichen Gespräch mit Freunden und Bekannten, die dem linken, feministischen Spektrum zuzuordnen sind, nicht wahr, dass alle konsequent gendern.

Essen Sie Fleisch?

Ja.

Auch mal keins?

Joa.

Lesen Sie heimlich auf der Toilette die taz?

(lacht) Gerne sogar und gar nicht heimlich. Die Titelseiten sind toll.

Haben Sie vor irgendwas außer dem Fliegen richtig Angst?

Weil ich es vor ein paar Jahren erlebt habe, wie mein bester Freund mit 34 an Magenkrebs gestorben ist: vor Krankheit. Und geliebte Menschen zu verlieren, klar.

Angst vor großen Tieren?

Schon als Hundeliebhaber: Nein.

Mussten Sie sich das erarbeiten oder wurde es Ihnen in die journalistische Wiege gelegt?

Das ist natürlich auch eine Frage der Erfahrung. Wenn man als junger Journalist seinen ersten Minister trifft, hat man mehr, sagen wir: Respekt. Aber ich war schon als Jugendlicher großer Fan von Formten wie BBC HARDtalk oder Michel Friedman, in denen Politiker hart angefasst werden.

Da müsste Marietta Slomka ja, obwohl sie beim ZDF arbeitet, ihren Respekt haben.

Den hat sie, Marietta Slomka finde ich im Interview ebenso toll wie Sandra Maischberger oder auch Frank Plasberg. Es gibt überall gute Journalisten.

Sie sagten mal, Live-Interviews seien besser als gedruckte, weil sie nicht redigiert werden können.

Da haben Sie recht.

Darf ich dann davon ausgehen, dass Sie dieses Interview nicht hübsch korrigieren?

(lacht) Schlaue Frage. Hätten wir ein Live-Interview geführt, könnten Sie sich darauf verlassen. So muss ich erst mal schauen, was Sie draus machen.


Jörg Draeger: Heißer Preis & netter Zonk

Ich bin ein Zocker, aber nicht suchtgefährdet

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Nach elf Jahren Geh aufs Ganze! verschwand Moderator Jörg Draeger (Foto: Frank Hempel/Sat1) 2002 weitestgehend aus dem Rampenlicht. Jetzt hat Sat1 den Mittsiebziger fürs Revival der Rateshow zurückgeholt und damit sofort Topquoten erzielt. Ein Gespräch über Anarchie und LED-Wände, Casino-Besuche und den legendären Zonk.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Draeger, haben Sie sich in Vorbereitung zur Neuauflage eigentlich ein paar alte Ausgaben von Geh aufs Ganze! angesehen?

Jörg Draeger: Ja, aber es war wie so oft bei Leuten, die vor der Kamera auftreten: ich kann mich da selber nicht so gut ertragen, konnte ich schon früher nicht. Wenn meine Tochter für die Premiere der Neuauflage eine Party mit Großbildleinwand gibt, werde ich mich zwischendurch vielleicht heimlich verdrücken.

Immerhin drohen bei der Fortsetzung nicht diese knallbunten Riesenklamotten der frühen Neunziger!

So war damals halt die Mode, aber bei uns war sie schon deshalb so bunt und groß, weil wir in Köln gedreht haben. Nichts gegen den rheinischen Karneval, aber was die Leute teilweise anhatten, war schon grenzwertig. Andererseits sagt man in 30 Jahren vermutlich das Gleiche über unsere Klamotten heute.

Versucht Sat1 die Zeit von damals zurückzudrehen oder zu modernisieren?

Die Nostalgie, die sich von Wetten, dass…? bis TV Total niederschlägt, ist toll, aber auch durch Zufall und den Fernsehgott gelenkt. Die Senderchefs haben sich ja nicht abgesprochen und gesagt: Lasst uns jetzt die Retrowelle starten. Der Spruch unserer Väter, früher sei alles besser gewesen, hat zwar noch nie gestimmt, aber unser Gehirn schaltet am Früher gern die negativen Aspekte aus und besinnt sich auf die positiven. Das gilt auch fürs Fernsehen, wo früher definitiv nicht alles besser war, aber vieles ruhiger, entspannter, unprofessioneller. Die Rückbesinnung auf Formate von damals ist auch ein Statement gegen die Hektik von heute. Unsere Kunst besteht darin, dass Nostalgische zu erhalten, aber dem Zeitgeist entsprechen zu lassen.

Woran zeigt sich das bei Geh aufs Ganze!?

Am Geist der alten Spiele, den wir mit den technischen Möglichkeiten von heute erwecken, ohne den Charme von damals zu beeinträchtigen.

Der auch darin bestand, dass vieles improvisiert wirkte.

Fast ein bisschen anarchistisch sogar. Es erinnerte manchmal an Stand-up, so unstrukturiert war vieles im Studio. Das ist für 30 Minuten am Nachmittag völlig okay, auf dreifacher Länge in der Primetime nicht. Wobei mich vor drei Jahren fast der Schlag getroffen hat, als ich bei Let’s Dance erstmals in die Halle kam – diese Perfektion macht dich fast schon andächtig.

Und im Geh-aufs-Ganze!-Studio?

Dachte ich ebenfalls, ich bin im LED-Walhalla. Jedes Licht, jeder Ton, jede Dekoration – alles perfekt aufeinander abgestimmt und auch in dieser Form nötig. Denn als man Sendungen wie Ruck Zuck oder Der Preis ist heiß mit Methoden von damals reanimieren wollte, ist das glaube ich ganz schön in die Hose gegangen. Die Spiele sind im Geist der Neunziger, die Technik ist 21. Jahrhundert – unterstützt von Daniel Boschmann, der im Gegensatz zu mir nun wirklich Gegenwart ist.

Und ihr Schnauzbart ist ebenfalls noch derselbe?

Der ist derselbe. Ich habe ihn mir vor Jahren mal abgenommen, als ich bei Sat1 die Nachrichten sprach; damals galt die Regel, dazu passt kein Schnäuzer. Aber ich habe damals Zuschriften gekriegt, wo der denn sei. Da habe ich ihn wieder wachsen lassen und seither nie mehr abgenommen. Wie ein Talisman geworden. Es darf also durchaus etwas so aussehen wie damals bei Geh aufs Ganze!.

Aber hoffentlich nicht die Präsentationsdamen, deren einzige Aufgabe darin bestand still und adrett zu sein!

Die Debatte hatten wir auch zu Beginn der Vorbereitungen und empfanden das als so unzeitgemäß, dass es jetzt natürlich auch Männer gibt, die präsentieren – und auch Daniel wird diese Aufgabe übernehmen. Sie sehen – der Modernisierungsfaktor war uns bei aller Nostalgie wichtig.

Was an Ihnen einst auffiel: Sie waren anders als andere Showmaster kein Verbündeter, sondern Gegner der Kandidaten, der sie bewusst in die Irre führt. Haben Sie dieses Talent zur Manipulation als Hauptmann der Bundeswehr geschärft?

Nee (lacht), das waren einfach die Erfordernisse einer solchen Zockershow. Denn wer zockt, kann verlieren. Punkt. Meine Kunst bestand eher darin, den Menschen beim Verlieren das Gefühl zu geben, nicht herabgewürdigt zu werden. Unter anderem durch den Zonk. Während es bei den Amerikanern mal 1000 ausgebrannte Glühbirnen gab, mal 100 Meter kaputten Jägerzaun, hatten wir eine Plüschfigur als Trostpreis, die etwas Warmes ausstrahlte.

Aber dennoch zum Synonym fürs Verlieren wurde.

Nur irgendwie positiv besetzt, wenn es schon nicht zum Hauptpreis gereicht hat. Aber dem wollte ich nun mal vermeiden. Daniel ist in der Neuauflage so ein bisschen der Verbündete unserer Kandidatinnen und Kandidaten. Die Spielerseele in mir dagegen will und muss gewinnen.

Auch privat?

Gerade privat! Ich wette für mein Leben gern und spiele bei jeder Gelegenheit. Jetzt gerade bin ich mit meiner Frau im Wohnwagen an der Ostsee, wo außer Wildschweinen keine Sau ist, und wir spielen Domino, wir spielen Backgammon und es muss bei mir auch immer um einen Einsatz gehen. War schon bei meinen Kindern so.

Ums Taschengeld dann?

Heute schon (lacht). Damals ging es eher ums Müllrausbringen. Ich gehe auch wahnsinnig gern ins Casino und spiele Black Jack. Aber noch lieber schaue ich anderen beim Spielen zu.

Was würden Sie denn heute machen, wenn Ihnen der Moderator ein Tor schönredet – sind Sie der 5000-Euro-sicher-Typ oder der vielleicht-ein-Auto-Typ?

Ach, ich bin im Grunde schon der 2000-Euro-sicher-Typ, Vogel in der Hand. Ich setze mir im Casino auch stets ein Limit und trinke Null Alkohol, um mich dran zu halten. Ich bin zwar ein Zocker, aber überhaupt nicht suchtgefährdet.

Außer nach Fernsehen, so scheint es. Obwohl Sie vor 20 Jahren erstmals ihren Abschied angekündigt haben, waren Sie nie ganz weg und sind jetzt richtig wieder da. Warum?

Das muss gar nichts mit dem Fernsehen zu tun haben. Was man gern tut, davon kann niemand gut lassen. Ich bin nun allerdings in einem Grenzalter, wo es irgendwann lächerlich wird. Ein Johannes Heesters, der auf die Bühne geschoben wird, will ich nie werden. Deshalb habe ich auch lange überlegt, noch mal Geh aufs Ganze! zu machen. Den richtigen Zeitpunkt zu finden ist schwierig, aber irgendwann muss mal Schluss sein. Da meine Kinder mit ihren Familien noch bei mir im Haus leben, hoffe ich sehr, die sagen mir Bescheid, wenn es so weit ist.


Peter Maffay: Wettsofas & Begegnungen

Harmonie ist mir unheimlich wichtig

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Peter Maffay (Foto: Magenta) ist mehr als 50 seiner 72 Jahre im Showgeschäft, aber fürs Reden war er darin weniger bekannt als fürs Singen. In der Magenta-Reihe Begegnungen lädt er sich jetzt Prominente wie Thomas Gottschalk oder Sahra Wagenknecht in seine Scheune nach Bayern und redet über dies und das. Ein Gespräch mit dem Talkshow-Neuling über Fragenkataloge und Nostalgie, Lampenfieber und wann genau er streitlustig wird.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Maffay, als Thomas Gottschalk kürzlich sein Revival von Wetten, dass…? gefeiert hatte, saßen Sie gar nicht wie sonst üblich auf dem Sofa. Wie kam das denn nach bislang 17 bis 19 Besuchen?

Peter Maffay: Sie sagen es ja: Ich war schon so oft dabei, dass ich auch mal Pause machen kann. Aber ich schätze Thomas sehr. Deshalb haben wir ihn ja auch als ersten Gast unserer Begegnungen eingeladen.

Sitzen Sie da auf einem Sofa oder Stühlen?

So ein Mittelding, sofaähnliche Stühle, in denen man es gut zweieinhalb Stunden aushält.

Zweieinhalb Stunden? Was haben Sie ihn denn in dieser langen Zeit gefragt?

Alles Mögliche, unter anderem über unsere vielen Begegnungen, Live-Auftritte, gemeinsame Freunde, Songs und deren Künstler, die in unseren Leben eine Rolle spielen, Familie, eben alles.

Sie haben also in Erinnerungen geschwelt, aber nicht nur.

Genau. Sonst hätte der Episodentitel nicht Für immer jung, sondern Für immer alt heißen müssen. Wir sind schließlich beide sehr aktive, energiegeladene Menschen, die viel gesehen haben, was in unserem Zirkus geschehen ist.

Gibt es Fragekataloge, die Sie abarbeiten oder liefen die Gespräche eher impulsiv?

Für Gespräche aus dem Stegreif bin ich im Moderationsfach zu unerfahren, es gab daher vorgefertigte Fragen, die ich allerdings nicht sklavisch abgearbeitet habe. Wir haben schließlich Publikum in der Scheune; wenn man da anfängt, zu stammeln, wird es für alle unangenehm. Außerdem dürfen Profis wie Tommi auch eine gewisse Professionalität von mir erwarten.

Was liegt Ihnen persönlich denn mehr: interviewen oder interviewt werden?

Ganz klar letzteres. Schon vor dem Hintergrund meiner eigenen Unerfahrenheit ist Reagieren viel leichter als Agieren. Nicht dass ich Angst vorm Fragen hätte, aber ein gehöriger Respekt ist anders als beim befragt werden schon da. Sonst wird es schwierig, mit einem abgebrühten Politprofi wie Sahra Wagenknecht zurecht zu kommen. Ihr muss und möchte ich auf Augenhöhe begegnen. Wenn das Eis durch gute Recherche und Atmosphäre gebrochen ist, kann man ja immer noch ein Stück tiefer hindurch dringen.

Sie erwähnten gerade Gesprächsprofis. Von denen gibt es zweifellos viele, die das Fach grundsätzlich besser beherrschen als Sie. Was prädestiniert Peter Maffay abgesehen von der Prominenz, die gewiss große Namen anlockt, zu solch einem Format?

Nichts. Sich dem Publikum zu stellen, das entweder den Daumen senkt oder hebt, gehört zwar zum Beruf des Bühnenkünstlers dazu, davor scheue ich mich nicht. Aber „prädestiniert“ bin ich, ehrlich gesagt, nicht, sondern allenfalls „legitimiert“: durch meine Neugierde. Ich bin und war schon immer neugierig auf Menschen – ob nun neben mir auf der Bühne oder unten im Publikum. Durch Neugier entsteht Energie, aus Energie Spannung und aus Spannung Fortschritt – und in diesem Fall hoffentlich gute Unterhaltung.

Meinen Sie Spannung auch im Sinne von Anspannung, gar Lampenfieber?

Darin kann es bestehen, muss aber nicht.

Welche Gesprächspartner haben da für mehr Spannung gesorgt: jene, bei denen es auch mal knirschen kann oder jene, mit denen man sich gut versteht?

Für aufklärerische Gesprächsrunden ist ersteres sicherlich besser. Ich denke da an Frank Plasberg oder Anne Will; die behandeln Konflikte und wollen enthüllen. Darum geht es uns überhaupt nicht. Meine Gäste sollen sich vor allem wohlfühlen und nicht mehr preisgeben, als sie preisgeben wollen.

Sind Sie selbst eher harmoniesüchtig oder streitfreudig?

Harmonie ist mir unglaublich wichtig, aber wenn sie getrübt wird, kann ich auch streitfreudig werden. Und so schön Harmonie als menschlicher Zustand ist, muss man für seine Haltungen und Positionen auf dem Weg zum guten Kompromiss im Zweifel auch mal lautstark eintreten, sofern man davon überzeugt ist. Man darf es nur nicht zum Wesenskern einer Gesprächssendung wie meiner machen. Deren Gewinner sollte schließlich nicht nur der Interviewte noch der Interviewende sein. Sondern auch das Publikum.

Das erinnert ein wenig an die Gespräche von Blacky Fuchsberger oder Reinhold Beckmann, in denen es nie um Konfrontation, sondern Nähe ging.

Gute Beispiele: Blacky, der eigentlich Showmaster war, und Reinhold, bei dem ich meinerseits mal zu Gast war, sind im besten Sinne Gesprächspartner auf der Suche nach Dialogen.

Sind Sie dem Entertainer Blacky dennoch näher als dem Moderator Beckmann?

(lacht) Als Musiker bin ich ja keins von beiden so richtig. Wenn uns alle irgendetwas verbindet, dann der Begriff Unterhaltung. Jeder auf seine Art.

Unterhalten Sie sich bei Begegnungen lieber mit Kollegen und Kolleginnen vom eigenen oder fremden Fachbereich?

Die Mischung macht’s. Deshalb fand ich eine Dreierkonstellation wie mit Joey Kelley und Sahra Wagenknecht mit am interessantesten. Unter Gleichgesinnten verfällt man schnell mal ins Anekdotische und Fachsimpelei, das ist nicht für alle gleichermaßen unterhaltsam.


Hackedepicciotto: Neubauten & Grenzbereiche

Es kann auch alles wieder gut werden…

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Einstürzende Neubauten-Bassist Alexander Hacke ist einer der wenigen deutschen Weltstars, seine Frau Danielle Picciotto kennt zumindest die Berliner Boheme bestens. Gemeinsam (Foto: Sven Marquardt) machen sie seit Jahren Musik, die man als Industrial Folk bezeichnen könnte. Ein Gespräch über ihr neues Album The Silver Threshold, Lockdowns als Horizonterweiterung, Touren in der Klimakrise und welches Instrument selbst Hacke zu laut ist.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Bei der Ouvertüre von The Silver Threshold kam kurz die Befürchtung auf, es könnte ein sphärisches, gar esoterisches Album werden. Soll der Einstieg bewusst irritieren, um den beatlastigeren, weniger organischen Anschluss vorzubereiten?

Alexander Hacke: Wieso Befürchtung? Wir wollten auch insgesamt ein sphärisches, esoterisches Album machen.

Danielle Picciotto: (lacht) Dieser Einstieg ging weniger von Alex als von mir aus. Ich komme aus der Klassik und dachte im Angesicht von Pandemie und Klimakrise, ein opernhafter Anfang würde passen. Ich beschäftige mich seit langem mit Umwelt und wollte damit den Naturzustand beschreiben – bis am Ende der Ouvertüre der Mensch kommt, was sich in bedrohlichen Geräuschen zeigt. Dieser Kontrast zieht sich durchs ganze Album, ist also nicht esoterisch, sondern ganz praktisch.

Hacke: Bei Silver Threshold geht es ja schon dem Titel nach um Grenzbereiche unserer Zeit, die unglaubliches Potenzial in beide Richtungen hat: Bei dieser Weichenstellung kann ja alles noch viel schlimmer werden.

Picciotto: Könnte!

Hacke: Könnte. Es kann aber auch alles wieder gut werden.

Sind Sie da eher misanthropisch oder philanthropisch?

Picciotto: Wie unser Album bin ich da in der Mitte – manchmal deprimiert, manchmal aber auch auf der Suche nach Strohhalmen guter, positiver Nachrichten. Es kann auch aus Sicht der Wissenschaft jederzeit in beide Richtungen kippen.

Hacke: Es ist zwei Minuten vor zwölf, aber eben nicht nach. Das bringen wir auch musikalisch zum Ausdruck, denn Musik hat die Möglichkeit, dir Kraft, Sicherheit und das Gefühl zu geben, nicht allein zu sein. An dieser Form von Energieerzeugung arbeite ich seit jeher.

Picciotto: Trotzdem regen wir in den Texten auch zur Nachdenklichkeit an. Obwohl ich nicht religiös erzogen wurde, transportiert „Babel“ zum Beispiel meinen Eindruck, dass selbst gute Freunde im Zuge der Pandemie kaum noch zu verstehen sind und oft verschiedene Sprachen sprechen, während „The Watered Garden“ am Schluss wieder vom Grenzbereich handelt, den wir nur mit einer gemeinsamen Sprache zum Guten verlassen.

Hat das Album musikalisch den Anspruch, die Leute wieder auf der Tanzfläche zu versammeln? Anders als die zwei Vorgängerplatten ist es jedenfalls deutlich rhythmischer.

Hacke: Perseverantia und Menetekel waren zuvor in der Tat droniger, flächiger. Seit The Current versuchen wir unsere Musik unabhängig vom Zeitgeschehen energetisch aufzuladen. Aber die Sehnsucht nach Bewegung und Versammlung manifestiert sich natürlich schon auch im Rahmen unserer künstlerischen Arbeit.

Picciotto: Wir haben das Album so gemacht, wie es ist, weil wir Lust dazu hatten. Aber weil Veränderung nun mal aus Energie entsteht, passt es auch zu seiner Zeit. Inmitten der Pandemie ein Depri-Album zu machen, erschien uns irgendwie unangebracht.

Künstler*innen mögen es oft nicht, wenn ihre Kunst von außen gelabelt wird, aber statt Depri-Album wäre Industrial Folk passend, irgendwie organischer Techno.

Hacke: Solange ich mir selber keines ausdenken muss, kann ich mit fast jedem Label gut leben. Wir hatten kurz mal sowas wie „cinematic drone“ vor Augen, aber wenn man das googelt, werden einem nur fliegende Kameras angeboten.

Wie hoch ist darin der analoge, wie hoch der digitale Anteil?

Hacke: Ich spiele die Saiteninstrumente und viele der Percussions, also oft richtige Trommeln, die wir bislang elektronisch eingespielt hatten. Aber weil „The Silver Threshold“ in einem richtigen Studio mit Toningenieur eingespielt wurde, anstatt alles wie üblich unterwegs, ging das mal. Danielle spielt viele der klassischen Instrumente – Drehleier, Geige, Kemence.

Picciotto: So ein türkisches Cello. Bis auf die elektronischen Sounds von Alex ist alles live und analog. Ich spiele übrigens noch so eine türkische Flöte.

Hacke: Das ist keine Flöte, sondern die Surna, eine Art persischer Oboe.

Picciotto: Ein ewiger Streit, aber weil ich sie spiele, darf ich sie nennen, wie ich will (lacht). Ich bin schon deshalb so stolz darauf, weil es das einzige Instrument ist, was Alex trotz der Neubauten jemals zu laut war.

Hacke: Unglaublich, was da für ein Geschrei rauskommt.

Verändert es eigentlich die Musik, wenn man sie als Paar macht, anstatt mit Bandkolleginnen?

Hacke: Auf jeden Fall. Wir kennen uns besser und haben daher ein Vertrauensverhältnis, das ich zu Kollegen nicht habe. Die Tatsache, dass wir im romantischen Sinne ein Paar sind, wird aber natürlich nochmals dadurch verstärkt, dass wir seit nahezu zwei Jahren sieben Tage die Woche 24 Stunden beisammen sind, weshalb wir uns in keiner Form irgendwie briefen müssen für das, was wir planen.

Kann auch anstrengend sein.

Picciotto: Aber genau das macht unsere Zusammenarbeit im Guten wie im Schlechten persönlich, intensiv und wurde durch die Pandemie nochmals verstärkt. Normalerweise sind wir Nomaden, die seit zehn Jahren ohne festen Wohnsitz um die Welt reisen. Von daher war es für uns toll, wegen der Pandemie mal wieder an einem festen Ort zu sein und zum Beispiel Berlin ganz neu kennenzulernen.

Hacke: Vor allem den Osten. Als Westberliner ist der Blickwinkel da gern mal ein wenig eingeschränkt.

Picciotto: Die Stadt wurde plötzlich ungleich größer.

Hacke: Das war auch wichtig, denn eigentlich hatten wir geplant, 2020 komplett auf Tour zu sein. Anfang des Jahres hatten wir gerade mal vier Shows statt weiterer 20 geschafft. Weil auch die Neubauten unterwegs gewesen wären, wollten wir eigentlich gar unsere Studios aufgeben. Glücklicherweise habe ich die Kündigungsfrist verpasst, weshalb wir die Orte während der Lockdowns noch hatten.

Picciotto: Ansonsten hätten wir nur so ein kleines Bürozimmer gehabt, zwölf Quadratmeter. Umso mehr konnten wir die ersten Monate des Herunterfahrens genießen – auch, weil ich nach zehn Jahren Jetlag erstmal vier Monate durchgeschlafen habe. Nicht müde zu sein, das kannte ich vorher gar nicht mehr. Super.

Aber ploppen Sie dann jetzt trotzdem wie die Sektkorken aus der Flasche, wenn der Normalzustand wieder hergestellt wäre?

Picciotto: Normalzustand schon deshalb nicht, weil sich unser Reisen durch den Klimawandel massiv ändern wird. Wir sind schon vor Pandemie innerhalb Europas kaum noch geflogen, sondern Zug gereist. Das wird sich jetzt nochmals verstärken.

Hacke: Wir versuchen unseren Fußabdruck auch nach der Pandemie klein zu halten. Aber auch sonst hat sie den Blickwinkel auf alles dahingehend verändert, Routinen abzubauen. Das wird nicht spurlos an uns vorrübergehen. Die ersten paar kleinen Shows haben uns bereits gezeigt, was es bedeutet, auch nur Soundcheck zu machen oder Gepäckstücke zu bewegen. Wie es sich anfühlt, mit vielen Menschen auf engstem Raum zu sein, wissen wir da noch gar nicht.

Picciotto: Ich hatte kürzlich eine Ausstellungseröffnung, wo wir einige Lieder gespielt haben – da waren 300 Leute, Wahnsinn! Und alle waren kurz vorm Heulen, inklusive mir. Ich bin es als Tochter eines Vaters in der US-Armee gewohnt, umherzuziehen, aber dieses Ankommen an einem Ort unter Menschen, die man alle kennt, war rührend. Weil wir sicher nicht ewig touren, ist unser Ziel seit langem, ein Kulturhaus eröffnen, zu dem die Leute hinkommen, anstatt dass wir ständig zu ihnen reisen. Das kann ich mir durch die Pandemie besser vorstellen.

Das Interview ist vorab beim MusikBlog erschienen


Giovanni Zarrella: Castingpop & Schlagershow

Probleme löse ich allenfalls zuhause

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Nach seiner Pop-Karriere mit Bro’Sis steckte das Casting-Gewächs Giovanni Zarrella (Foto: Tobias Schult) eine Weile lang im Loch einer Resterampen-Karriere. Dann sang der Schwabe Italienisch, feierte Erfolge und darf Samstag zum zweiten Mal im ZDF Die Giovanni Zarrella Show“ moderieren.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Giovanni Zarrella, kennen Sie eigentlich Vicco Torriani?

Giovanni Zarrella: Natürlich kenne ich den, ein großer Kollege.

Seit den späten 50er Jahren war er so eine Art italienisches Fernwehmaskottchen des Nachkriegsfernsehen. Verbindet ihn das ein wenig mit Ihnen?

Abgesehen davon, dass er Schweizer war und einer sehr komplizierten Zeit entsprungen ist, hat Vicco Torriani tatsächlich versucht, das italienische Fernweh der Deutschen zu bedienen. Interessanterweise spüre ich diese Sehnsucht nach dem dortigen Dolce Vita seit den Siegen bei der EM und dem ESC wieder ein bisschen mehr. Viele hier bringen Genuss, Entspannung, Lebensfreude ja noch immer mit der Heimat meiner Eltern in Verbindung.

Und das bedienen Sie auch?

Ich hoffe! Es ist schließlich Teil meiner Aufgabe, das Publikum einer Live-Show wie dieser für zwei, drei Stunden aus dem Alltag zu befreien. Das habe ich übrigens schon in der Pizzeria meiner Eltern im Schwabenland gelernt. Wenn ich ausgeholfen habe, war es meine Challenge, dass die Menschen zufrieden nach Hause gehen. Deshalb hat mein Papa mich gern zu Leuten geschickt, die besonders gestresst waren. Giova, meinte er dann (simuliert den italienischen Akzent seines Vaters) – du gehste da hinne, singste, machste sie glucklisch.

Sie haben am Tisch gesungen?

Ja. Und ich habe es geliebt. Nicht nur, weil es angesichts der Konkurrenz von mindestens sieben italienischen Restaurants in Hechingen auch eine Werbung für uns war, sondern weil es mir schon damals wirklich wichtig war, Menschen glücklich zu machen. Vor 23 Uhr, indem ich alle Italo-Hits vom Band laut mitgesungen habe. Nach 23 Uhr, als nur noch Stammgäste da waren, zu Papas Gitarre am Tresen. Für Gastgeber ist die Gastronomie die denkbar beste Schule. Und weil ich aus der italienischen komme, stille ich dabei auch ein bisschen das Fernweh meines Publikums.

Klingt trotzdem klischeehaft.

Aber wenn es alle Beteiligten doch gut finden und niemand darunter leidet? Ich finde es toll, dass Italien hierzulande selbst im Fußball wieder mehr Fans hat. Das merkte man besonders bei der EM, als uns viele Deutsche die Daumen gedrückt haben.

Aber auch ein wenig aus Mitgefühl für die fürchterlichen Pandemie-Bilder aus Bergamo ein Jahr zuvor, oder?

Ganz bestimmt sogar, die Bilder von Särgen überall vergisst niemand mehr, der sie gesehen hat. Aber nicht nur Bergamo, auch Rom, es war damals überall furchtbar. Auch im Angesicht der schweren Zeit, die wir alle auch in Deutschland grad durchmachen, möchte ich die Leute kurz aus ihrem Alltag holen, damit sie es sich einfach mal gutgehen lassen.

Es gibt dafür einen Begriff, der es selten gut meint mit dem Fernsehen: Eskapismus.

Kenne ich.

Er besagt ja nicht nur, Menschen aus dem Alltag zu holen, sondern sie zu sedieren.

Niemand behauptet, dass Unterhaltung Probleme lösen kann. Probleme löse ich allenfalls zuhause, mit meiner Frau und meinen Kindern. Wenn es irgendjemandem in meinem Umfeld schlecht geht, kann ich keine gute Zeit haben, unmöglich. Das geht so weit, dass Jana manchmal zu mir sagt, ich solle mich selbst dabei nicht vergessen. Auf der Bühne versuche ich, für Entspannung zu sorgen, also buchstäblich für ein paar Stunden Druck vom Publikum zu nehmen, denn Druck ist kontraproduktiv, unter Druck brechen Dinge.

Druck kann aber auch motivierend wirken. Manche sind ohne Druck unproduktiver.

Das stimmt, die definieren Druck dann eben anders; was aber nicht heißt, dass er für sie nicht dennoch zu groß werden kann.

Spüren Sie Druck, auf diesem immer noch wichtigen Sendeplatz am Samstagabend im ZDF ein Millionenpublikum beliefern zu müssen?

Nein, ich betrachte das als großes Geschenk, eine Spielwiese, auf der ich mich austoben kann.

Wobei diese Spielwiese gar nicht ihr eigenes Biotop ist. Als Mitglied der Casting-Band Bro’Sis kommen Sie ja eher aus dem Pop. Entspringt der Weg in den Schlager da echter Überzeugung oder doch eher dem Pragmatismus, damit erfolgreicher zu sein?

Ich stehe zu 1000 Prozent hinter diesem Weg, denn wer mich kennt, weiß genau: wenn ich etwas tue, zu dem ich nicht stehe, würde es mir dabei absolut nicht gut gehen. Das gilt auch für die letzten zwei Alben, auf denen ich deutsche Hits auf Italienisch singe. Nach Bro’Sis war erst mal 14 Jahre Sendepause, 14 Jahre, in denen es keinen wirklich interessiert hatte, was ich musikalisch mache. Jetzt hole ich als Italo-Deutscher eben alles aus den zwei Kulturen, die mich geprägt haben und die Leute glauben mir, dass ich es ehrlich meine. Außerdem ist Schlager 2021 nicht das Gleiche wie Schlager 1971.

Er ist viel poppiger geworden.

Und klingt darin ganz schön nach dem Italopop der Achtziger, von dem die Leute auch dachten, das sei Schlager. Ist er aber nicht. Es ist Pop. Von Pragmatismus also keine Spur.

Ist es denn Pragmatismus oder Überzeugung, sich so bereitwillig ins Rampenlicht zu stellen, dass sogar während der Schwangerschaft Ihrer Frau ständig die ProSieben-Kameras bei den Zarellas mitliefen?

Zu der Zeit, 2008, wollten wir eine Sendung machen, die das Schönste, was es für einen Italiener und eine Brasilianerin gibt, zeigen wollte, nämlich eine Familie zu gründen. Wenn das ein Klischee ist – bitte. Aber lieber Klischees von Herzen als Gefühle nach Drehbuch. Damit kann ich mich auch deshalb voll identifizieren, weil uns niemand aufgefordert hat, Dinge zu tun oder sagen, die gescriptet sind. Deshalb gibt es bei aller Bereitschaft, etwas öffentlich von mir preiszugeben, Formate, in denen man mich nie sehen wird.

Stichwort Dschungelcamp.

Oder Promiboxen, Big Brother, alles durchaus lukrativ. Aber selbst in weniger guten Jahren, von denen es einige gab, kam so was nie infrage. Das ist ein Lifestyle, für den ich mich später vor meinen Kindern nicht rechtfertigen möchte.

Aber „Giovanni & Jana Ina – wir sind schwanger“ würden Sie heute nochmal machen?

(überlegt lange) Ich würde es nur aus einem Grund nicht mehr machen: Weil es eine bessere Zeit hatte, die vorüber ist. Mein Popstars-Casting war das erste, bei denen Männer dabei waren, und es hat mir erstmals die Möglichkeit gegeben, das beruflich zu tun, was vorher nicht richtig geklappt hatte. Von der Schwangerschaftsdoku gab es damals eine im gesamten Jahr. Heute sind die Sender voll von solchen Real-Life-Formaten, der Charme ist nicht mehr von damals.


Christoph Nickel: Beleuchtung & Blackout

Zuhause heißt mein Lichtkonzept gemütlich

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Christoph Nickel hat von Homeland bis Babylon Berlin schon viele Serien erhellt, mit Blackout (seit 14. Oktober bei Joyn+) betritt aber auch der erfahrene Oberbeleuchter aus Kiel Neuland. Wie man Licht ins Dunkel eines europaweiten Stromausfalls bringt und was deutsche von amerikanischer Beleuchtung unterscheidet.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Nickel, in der Joyn-Serie Blackout fällt der Strom in ganz Europa aus. Wie beleuchtet man glaubhaft und dennoch sichtbar die Dunkelheit?

Christoph Nickel: Das Gleiche hat mich die Produktionsseite auch gefragt und meinte, das könne ja nicht so aufwändig sein – ist ja eh dunkel.

Im Scherz, nehme ich an?

Klar, die Sache ist ja doch komplizierter. Fangen wir draußen an. Wenn man nicht grad auf offenem Feld dreht, lässt sich die Dunkelheit mit vorhandenem Restlicht wunderbar erzählen. Dummerweise fällt in einer Stromausfallserie auch in der Stadt alles weg, was sonst leuchtet. Straßenlaternen zum Beispiel oder Wohnungsfenster. Klassischerweise imitiert man dann Mondlicht mit hartem, kühlen Gegenlicht. Unser Ansatz war es, No-Light Situationen zu schaffen.

No-Light?

Zum Beispiel eine bewölkte, mondlose Nacht ohne andere Lichtquellen. Wir haben große flächige, an Kränen hängende, Leuchtquellen gebaut, um möglichst schattenarmes Licht zu erzeugen. Oder selbstleuchtende Heliumballons, von denen ich bei dieser Serie mehr eingesetzt habe als in 30 Berufsjahren vorher zusammen. Da dürfen Kameraleute keine Angst vor Dunkelheit haben, und bei Kolja Brandt wusste ich, dass er wie ich bereit ist, viel Dunkelheit im Bild zuzulassen. Wir haben aber auch mit Feuer, Autoscheinwerfern, Blaulicht von Polizei und Feuerwehr oder Petroleumlaternen gearbeitet – Lichtquellen, die es auch beim Stromausfall noch gibt.

Vom Leuchten der Smartphones ganz zu schweigen.

Ganz wichtig. Eine Krankenhausszene haben wir ausschließlich mit einer Reihe batteriebetriebener Baumarktlampen beleuchtet – mit denen würde ich sonst eher den Weg zum Catering beleuchten.

Was ist aus Ihrer 30-jährigen Berufserfahrung heraus denn herausfordernder: Tag oder Nacht, Helligkeit oder Finsternis?

Die Herausforderung, Dinge nachts sichtbar zu machen, ohne dass es künstlich wirkt, ist allgemein schon größer, auch spannender. Aber hier war es auch tagsüber anspruchsvoll, weil die Regisseure keine Sonne erzählen wollten, sondern fahles, winterliches Licht. Da kämpft man dann mit vielen großen Segeln gegen die direkte Sonne, die ja auch wandert, sodass man ständig korrigieren muss.

Zumal es mit jedem Tag „Blackout“ dunkler zu werden scheint.

Und da haben wir uns mit Regie, Kamera und Szenenbild Timelines erstellt, welche technischen Geräte wann innerhalb der sieben, acht Handlungstage den Geist aufgeben. Wenn die Kraftwerke stoppen, gehen Deckenlampen sofort aus, aber die Akkus sind noch voll. Wir haben da – auch mit der Continuity – genau überlegt, an welchem Punkt des Drehbuchs selbst mit Taschenlampen Schluss ist, um es von Tag zu Tag dystopischer wirken zu lassen.

Wie eng arbeitet der Oberbeleuchter darüber hinaus mit dem restlichen Team – stehen Sie von Anfang an mit der Regie in Verbindung?

Manche Regisseurinnen und Regisseure haben genaue visuelle Vorstellungen, auch übers Licht. Da fängt die Kommunikation dann schon sehr früh an, und es gibt auch beim Dreh einen engen Austausch. Meist sind es aber die Kameraleute, mit denen ich mich als erstes treffe und ein Konzept erstelle. Man arbeitet dann aber auch eng mit den anderen Gewerken, vor allem dem Szenenbild, zusammen – besonders bei so einem Projekt wie diesem, wo viele Lichtquellen ja auch Teil der Ausstattung sind.

Dafür haben Sie zu Beginn Ihrer Karriere vermutlich noch mit analogem Licht gearbeitet, Kilowatt-Strahlern, womöglich gar Glühbirnen.

Bis in die 80er gab es eigentlich nur Glühlicht und HMI-Scheinwerfer fürs Tageslicht. Mitte der 90er kamen Kino-Flos auf den Markt – filmtaugliche, nicht grünstichige Leuchtstoffröhren in leichten Gehäusen, die das Leuchten in Innenräumen sehr vereinfacht haben. HMI und Glühlicht sind weiterhin tolle Leuchtmittel – allerdings hat LED-Technik die Filmbeleuchtung mittlerweile revolutioniert.

Und das ist auch gut so?

Das ist auch gut so. LED-Lampen sind mittlerweile farblich hervorragend vielseitig, ohne aufwändige Dimmertechnik wireless steuerbar, und nicht zuletzt energiesparend. Wenn es nicht gerade richtig große Sets sind, bei denen ich einen Dimmeroperator brauche, steuere ich im Prinzip alles per Software vom Ipad. Und LED wird auch von der Lichtqualität her ständig verbessert, man kann es mit jeder anderen Quelle mischen, jede erdenkliche Farbe erzeugen. Ich kann heute Kerzenschein mit einer LED-Lampe verlängern. Das war vor drei Jahren so nicht möglich.

Woher rührt eigentlich die spürbare Leidenschaft fürs Licht – hatten Ihre Eltern ein Lampengeschäft?

(lacht) Nee. Und ich komme eigentlich auch aus der Fotografie. Als ich Ende der Achtziger nach Berlin kam, hatte ich Geografie studiert und bin durch so eine Filmclique an der Uni zur Kamera gekommen, das war mein erster Traum. An der Filmhochschule bin ich dann zwar nicht genommen worden, aber gleichzeitig bei kleinen Projekten gelandet, wo ich das Licht gemacht habe, mit null Erfahrung, aber Zeit, Dinge auszuprobieren. Als ich gemerkt habe, wie kreativ und abwechslungsreich das ist, war meine Leidenschaft geweckt.

Also alles Zufall?

Eher Glück, würde ich sagen. Auch, früh mit Kameraleuten gearbeitet zu haben, mit denen ich kreativ auf einer Wellenlänge lag und die offen für meine Ideen waren. Der Job des Oberbeleuchters hat drei Aspekte: Kreativität, Organisation, Technik. Ich hab‘ schnell gemerkt, dass diese drei Dinge, und vor allem die Kombination, mich herausfordern und mir Spaß machen, besonders der technische Aspekt in den letzten Jahren, all die Innovationen für mich zu entdecken.

Laufen Sie mit dem Lötkolben am Set rum und basteln sich das perfekte Licht selbst?

Ich hab‘ immer gern verrückte Sachen, die es so zuvor noch nicht gab, gebaut. Da liegt so Einiges in den Regalen unseres Lagers. In meiner Crew habe ich aber meist jemanden, der darauf spezialisiert ist, am Set mal schnell was zu basteln. Es sind auch ziemlich professionelle Lampen entstanden, zum Beispiel ein umfangreiches Set von LED-Panels in diversen Größen und Formen mit Steuerungstechnik.

Sind Beleuchter denn alles ausgebildete Lichttechniker?

Ab und an gibt’s da mal einen Veranstaltungstechniker, professionelle Rigger, und bei großen Institutionen wie dem Studio Hamburg, auch noch richtige Lichtmeister. Aber die meisten der freien Filmwirtschaft sind Quereinsteiger wie ich, die sich aber zunehmend fortbilden müssen, zum Beispiel zum Thema Strom.

Die größte Serie, die Sie bislang beleuchtet haben, war vermutlich Babylon Berlin.

Hierzulande schon. Aber noch größer war zum Beispiel Homeland, da habe ich bei einer Staffel mitgemacht. Mir gefällt die deutsche Einschränkung. Ich mag es, aus der Not eine Tugend zu machen.

Arbeiten amerikanische Beleuchter anders als deutsche?

Im amerikanischen System gibt es Beleuchter, die nur für Lampen zuständig sind, und Grips, die mit Fahnen oder Segeln arbeiten – das ist in Europa nicht getrennt. Was amerikanische Produktionen aber definitiv unterscheidet: der Beleuchtungsaufwand ist viel größer. Größere Sets, höheres Lichtlevel, mehr Freiheit beim Spiel mit Lichtrichtungen. Diesen Aufwand können sich deutsche Produktionen so in der Regel nicht leisten.

Wäre das denn besser?

Es gibt Geschichten wie die eines oscarprämierten Kameramanns, der für einen Zugüberfall im Western megaaufwändig ausgeleuchtet hat, mit vielen Lichtkränen. Die hat er dann allerdings ausschalten lassen und die Szene mit einer offenen 5000-Watt Halogenbirne vorn auf der Lokomotive gedreht. Dafür würde dir hier jeder Produzent den Kopf abreißen. Aber ehrlich? Mir gefällt die deutsche Einschränkung. Ich mag es, aus der Not eine Tugend zu machen; daraus entsteht oft etwas viel Besseres, als wenn man alle Optionen hat. Manchmal kreiert der Zufall die tollsten Dinge.

Wie schauen Sie selbst denn Filme anderer an – zuerst mit Blick aufs Licht?

Nee, ich lasse mich fallen, wenn der Film mich einfängt, und wenn ich Kamera und Licht toll finde, schaue ich oft ein zweites Mal und achte auf die Visualität und technische Umsetzung.

Und ist Ihre Wohnung nach einen speziellen Lichtkonzept ausgeleuchtet?

(lacht) Ich habe schon viele Lampen, auch schöne, aber keine komplizierten Installationen mit smarter Regulierung. Zuhause heißt mein Lichtkonzept gute Atmosphäre und Gemütlichkeit.


Guido Marie Kretschmer: Shopping & Wedding

Erfahrung, Liebe, Energie

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Dank seiner endlosen Empathie ist der hilfsbereite Designer Guido Maria Kretschmer (Foto: Enver Hirsch/SpotOn) everybodys darling. In seiner Vox-Show Guidos Wedding Race hat er Linda nun Linda de Mols Traumhochzeit nun eine Frischzellenkur verpasst. Nach der ersten Folge wurde sie zwar vorübergehend abgesetzt, aber ein Interview (vorab auf DWDL) über Äußerlichkeiten, Geschlechtergerechtigkeit, Homophobie und wo selbst der 55-jährige Harmoniefan wütend wird, ist dennoch immer ein Fest.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Kretschmer, können Sie das Erfolgsgeheimnis Ihrer Fernsehkarriere in einem Satz zusammenfassen?f

Guido Maria Kretschmer: Eine schöne Verbindung aus Kreativität, Freude am Menschen und derjenigen, mit ihnen besondere Momente zu teilen. Was wäre denn Ihr Satz?

Ich kann Ihnen den meiner Frau nennen, ein großer Fan. Sie meint: Weil er uns, also Frauen, so aufrichtig liebt.

(lacht) Schön. Ich wurde ja vornehmlich von Frauen sozialisiert wie meinen äußerst speziellen Großmüttern – eine sehr intellektuell, eine sehr modeverdreht; sonst wäre ich heute ein anderer. Dass ich ihnen so viel zu verdanken habe, hängt aber auch damit zusammen, Frauen immer besonders zugehört zu haben. Das ging von meiner Schwester bis hin zu Lehrerinnen. Ich spürte einfach, dass von denen mehr zu holen war als von Männern.

Nämlich was genau?

Erfahrung, Liebe, Energie. Ich glaube bis heute, die Welt wäre ein entspannterer Ort, würden Männer Frauen mehr Raum lassen. Deshalb hat mir im Bundestagswahlkampf auch am meisten die Geschlechtergerechtigkeit gefehlt. Wir reden zwar viel übers Gendern, haben es aber noch immer nicht geschafft, für gleiche Arbeit gleiches Geld zu bezahlen. Dieser Irrsinn verleitet mich dazu, Frauen in meinen Sendungen viel mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Auch wenn ich Männer, wie Sie sich denken können, sehr mag, feiere ich die Frauen, wo ich kann.

Wobei Sie, so scheint es zumindest in Ihren Shopping-Shows, dabei vor allem das Äußere der der Frauen feiern, um nicht die Oberfläche zu sagen.

Na ja, die Oberfläche ist eben Teil meines Berufes als Designer, aber anders als manch andere Kollegen dringe ich vom Äußeren möglichst schnell ins Innere vor. Schließlich sage ich immer, Mode ist die Haut der Seele. Wer das nicht glaubhaft machen würde, könnte doch nicht erfolgreich das einzige Frauenmagazin mit einem Männernamen machen.

Guido!

Das ist ein wunderbares Vehikel, um Frauen das Handwerkszeug für echte Selbstachtung zu vermitteln. Ich versuche ja auch bei Shopping Queen nicht nur, das Äußere zu optimieren, sondern damit neues Selbstbewusstsein zu erzeugen, das auch andere spüren.

Können Sie das Innere eines Menschen über sein oder ihr Äußeres erkennen?

Ich glaube schon. An ihrem Auto zum Beispiel kann man sich sowohl anhand der Marke als auch der Aufkleber, des Nummernschilds oder dem Zeugs auf der Rückbank ein erstes Bild von Ihnen machen. Das Gleiche gilt fürs Zuhause, wo schon ein Blick durch den Flur reicht, um die Bewohner grob einschätzen zu können. Auch das gehört ja zum Beruf des Designers. Der ist nämlich idealerweise ein enger Vertrauter seiner Kundinnen – was mir als schwulem Designer nochmals leichter fällt. Wenn ich mit ihnen auf der Bettkante sitze, müssen sie sich keine Sorgen machen, dass ich mit ihnen hineinspringen will. So kann eine unvoreingenommene Art von Nähe entstehen. Für mich war Mode daher auch immer eine Möglichkeit, Menschen näher als andere zu kommen, fast wie ein Psychologe. Von daher bin ich im Grunde der letzte, der nur an Äußerlichkeiten interessiert wäre.

Bei Ihrer neuen Vox-Show Guidos Wedding Race geht es also auch ums Innere der Teilnehmer?

Natürlich ist so eine Show zunächst mal visuell; ich bin schließlich Fan von Linda de Mols Traumhochzeit aus den Neunzigern, an der sich das Wedding Race orientiert. Ich versuche darin besonders Frauen zu helfen, sich klarzumachen, was genau sie von Hochzeit und Ehe eigentlich wollen, warum sie ihre Auserwählten so lieben, dass sie es aller Welt mitteilen. Dafür blicke ich hinter die Kulissen, lerne ihre Verwandtschaft kennen, aber auch die Budgets – denn heutzutage verschulden sich viele für dieses besondere Ereignis im Leben.

Und darum kämpfen die Paare der Sendung daher im harten Wettstreit?

Eher Rennen als Wettstreit, daher der Name Wedding Race. Jeweils drei Paare fahren im E-Auto von Süd nach Nord und kriegen übers Navi Aufgaben zum Erledigen. Die Sieger erhalten gewissermaßen ihre Traumhochzeit 3.0, bei der ich dann die Traurede halte. Aber auch die Verlierer bekommen etwas. Von mir kreierte Eheringe zum Beispiel, das Brautkleid, auch nicht schlecht. Bei mir sind alle Gewinner.

Sie sind also wie immer auf der Seite von allen?

Absolut. Mein Anspruch ist, allen Paaren – so unterschiedlich sie auch sind – die Hochzeit zu ermöglichen, bei der ich gerne als Gast dabei wäre.

Wenn man betrachtet, wie Sie auch in dieser Sendung also auf Seiten aller sind: Können Sie eigentlich auch mal richtig konfrontativ und sauer werden?

Sauer schon, aber es ist nicht in meiner DNA kodiert, auf andere draufzuhauen. Aus meiner Sicht hat jeder Mensch das gleiche Recht, mit größtmöglichem Respekt behandelt zu werden. Versagen abzufeiern, liegt mir nicht. Ich bin als Christ stets darum bemüht, ein anständiger Mensch zu bleiben. Es gibt im Fernsehen viele, die provozieren wollen und das auf ihre Art auch sehr unterhaltsam tun. Die müssen sich dann aber auch fragen, was das bei den Menschen hinterlässt, die es abkriegen. Ich glaube ans Prinzip der Subsidiarität.

Inwiefern?

Wenn jemand Hilfe braucht, nehme ich ihn wie einen Vogel auf den Finger und füttere ihn durch.

Aber wann werden Sie denn dann mal richtig sauer?

Wenn Leute dumm, radikal, intolerant daherreden. Aber selbst da werde ich mit Anstand und Würde wütend. Ich würde auch keine Mitarbeiter zusammenstauchen und bin selbst im Straßenverkehr die Ruhe selbst.

Wie reagieren Sie denn zum Beispiel auf Homophobie?

Schon auch mal wütend, aber wenn mich Leute fragen, was die beste Reaktion ist, antworte ich gerne: Homosexualität ist kein Ausbildungsberuf. Den Umgang anderer damit muss jeder auf seine Art selber erlernen, mit dem Einmaleins des Lebens an sich.

Wie viel Homophobie erfahren Sie denn am eigenen Leib?

Wenig. Und ich habe in meinem Leben generell nie Ausgrenzung erlebt – vielleicht, weil ich mich noch nicht mal öffentlich outen musste und seit jeher offensiv damit umgehe, schwul zu sein, ohne andere damit zu verängstigen. Natürlich bekomme ich auch mal homophobe Post, aber die meiste beinhaltet eher Danksagungen von Leuten, denen mein Umgang mit Homosexualität Mut gemacht hat. Umso trauriger ist es natürlich, wie die Emanzipation in Ländern wie Polen oder Russland gerade zurückgedreht wird.

Macht der Grad an Prominenz, wie Sie ihn haben, anfälliger für Homophobie oder im Gegenteil gefeiter davor?

Gute Frage, ich glaube beides. Ich bin zwar exponierter, aber womöglich auch abwehrfähiger als weniger prominente Personen. Umso wichtiger ist es, mit Offenheit, Toleranz und Bildung für Normalität zu sorgen. Am Ende wär’s mir am liebsten, das Thema wäre viel zu gewöhnlich, um darüber ständig zu reden.

Wie wir jetzt.

Wie wir jetzt.


ARD-Programmdirektorin Christine Strobl

Ich bin keine Zukunftsforscherin

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Seit Mai ist Christine Strobl (Foto: ARD/Laurence Chaperon), Tochter von Wolfgang Schäuble und Frau des baden-württembergischen CDU-Innenministers Thomas Strobl, Programmdirektorin der ARD. Ein Interview mit der 50-jährigen Medienmanagerin über gläserne Decken, föderale Strukturen, die Konkurrenz amerikanischer Konzerne und was wichtdiger ist: Information oder Entertainment.

Von Jan Freitag

Frau Strobl, Sie sind jetzt schon eine Weile Leiterin der ARD-Programmdirektion. Lassen Sie sich eigentlich als Frau Direktorin anreden?

Christine Strobl: Quatsch (lacht). Leute, die ich noch nicht so gut kenne, siezen mich, alle anderen duzen mich. Und ich bin hier ja auch keine Unbekannte.

Verläuft man sich dennoch gelegentlich in den Fluren dieses Verwaltungsapparates?

Wenn ich mich hier manchmal verlaufe, liegt das vor allem daran, dass ich über ein schlechtes räumliches Orientierungsvermögen verfüge. Schon in meiner Funktion bei der Degeto war ich in enger Abstimmung mit meinem Vorgänger Volker Herres, also alle paar Wochen vor Ort. Und auch sonst sind ja oft Sitzungen der ARD beim Bayerischen Rundfunk. Die Degeto war immer als wichtige Programmzulieferin im fiktionalen Bereich eng mit der Programmdirektion verzahnt.

Können Sie für Außenstehende schildern, was eine Programmdirektorin genau macht?

Die ARD ist ein einzigartiges föderales Gebilde von neun Landesrundfunkanstalten, die alle ein eigenständiges Angebot von Filmen und Serien über Dokumentationen und Nachrichten bis hin zu Quiz, Sport oder Shows redaktionell verantworten und produzieren. Wir hier in München sind für das zuständig, was diese neun Häuser gemeinschaftlich machen, also das Erste Deutsche Fernsehen und die ARD-Mediathek. Wir entscheiden zusammen mit den Redaktionen der Häuser und unseren Koordinationen, was gesendet und eingestellt wird, vernetzen die Inhalte, gewichten sie, sorgen für Präsenz in Presse und Social Media, für die Kommunikation mit den Zuschauern und sind für die für strategische Ausrichtung und Weiterentwicklung zuständig. 

Klingt volkwirtschaftlich ausgedrückt wie Nachfragepolitik, die das Angebot am Abnehmer ausrichtet.

Unsere Arbeit orientiert sich an den Vorgaben unseres Auftrags, und der lautet ganz klar: Angebote für alle Bevölkerungsschichten anzubieten und dabei zu bilden, zu unterhalten, Orientierung zu geben, einzuordnen und damit Meinungsbildung zu fördern, also zum demokratischen Prozess beizutragen. Am Ende tragen wir die Verantwortung für die Gemeinschaftsangebote der ARD.

Ist eine ARD-Programmdirektorin dennoch anders als die Degeto-Geschäftsführerin kein gestalterischer, sondern koordinierender Posten?

Auch wenn ich hier anders als bei der Degeto keine Drehbücher mehr lese, ist mein Anspruch natürlich, gemeinsam mit den Redaktionen vor Ort Programm, also Inhalte zu gestalten. Verantwortung ohne Gestaltungsmöglichkeit ist substanzlos. Verschiedene Haltungen zu programmatischen Fragen zu diskutieren und am Ende zusammenzubringen, ist allerdings jetzt für mich noch wichtiger geworden.

Haben Sie wie die Bundeskanzlerin demnach so etwas wie eine Richtlinienkompetenz?

Lustiger Vergleich. Und nein: Die Redaktionen sind – nicht nur, aber besonders in der politischen Berichterstattung – unabhängig, unterstehen also allenfalls disziplinarisch den Direktorinnen und Direktoren. Die redaktionelle Hoheit für die Tagesschau und Tagesthemen liegt bei den Kollegen von ARD aktuell und damit beim NDR. Richtlinienkompetenz gehört auch aber dort nicht zum öffentlich-rechtlichen Sprachgebrauch. Wenn etwas schiefläuft, tragen wir aber zusammen die Verantwortung, insofern auch, wenn etwas gut läuft.

Erhofft sich die ARD durch die doppelte Erneuerung in Gestalt einer jüngeren Frau als Nachfolgerin älterer Herren diesbezüglich eine grundlegende Veränderung, um nicht gar Revolution zu sagen?

Ach, meine Person ist dabei nicht so wichtig. Wir verstehen unsere Verantwortung ohnehin als Teamarbeit. Meine Kollegen, Florian Hager, der auch für die ARD-Mediathek verantwortlich ist, und Oliver Köhr als Chefredakteur, sind männlich, aber jünger als ich. Die grundlegende Veränderung betrifft ja vor allem unser Angebot und hier geht es um unser Kernthema – das deutlich veränderte Nutzungsverhalten.

Also die massive Wanderungsbewegung vom linearen zum digitalen Angebot.

Genau. Wobei die Sehdauer im Fernsehen zwar weiterhin steigt, aber eben vor allem bei eher Älteren. Das führt dazu, dass wir in bestimmten Zielgruppen mit dem klassischen Fernsehen nicht mehr relevant sein können, weil dieses Medium nicht mehr genutzt wird. Wenn ich mit 25-Jährigen übers Fernsehen rede, ist klar, dass sie darauf noch zurückgreifen, wenn Fußball läuft, die Tagesschau, der ESC und der Tatort. Ansonsten nutzen sie ihr Medienangebot zeitunabhängig über Smartphone oder Tablet. Wenn sich die Welt so verändert, müssen auch wir unsere Angebote danach ausrichten.

Und in welche Richtung?

Na ja, der schönste Zustand für uns Fernsehmacher war doch, als es exakt ein Bewegtbildangebot gab, nämlich die ARD. Das mussten alle schauen (lacht).

Und es wollten jahrzehntelang auch alle schauen.

Die meisten unserer Zuschauer zeigen sich in Umfragen sehr zufrieden mit unserem Angebot, das sie in seiner gesamten Bandbreite als hohes Gut betrachten. Demgegenüber gibt es allerdings wachsende Bevölkerungsgruppen, die diesen Schatz nicht mal kennen, geschweige denn, schätzen. Weil auch diese Gruppen uns über die Rundfunkbeiträge finanzieren, lautet unsere Grundprämisse, auch für sie Inhalte zu liefern. Unser Anspruch ist ein Angebot für alle – und das im Angesicht des sich verändernden Nutzungsverhalten.

Vor allem die auch nicht mehr ganz neue Konkurrenz der Unterhaltungskonzerne und Streamingdienste.

Mit der völlig selbstverständlichen Nutzung fast aller Zuschauergruppen von Netflix bis Amazon müssen wir uns auseinandersetzen und messen. Nicht im Nachrichten- und Informationsbereich, da stehen wir auch im Vergleich mit den Privatsendern nach wie vor gut da. Aber es muss und wird unser Anspruch sein, mit unserem fiktionalen und dokumentarischen Angebot konkurrenzfähig zu bleiben, ebenso wie zum Beispiel in der Comedy. Unsere Gesellschaftsbilder, Meinungsvielfalt, Emanzipation werden ja nicht nur durch die Vermittlung von Information und harten Fakten geprägt, sondern eben auch durch das Erzählen von Geschichten.

Also was genau heißt dann Angebot für alle?

Angebot für alle, heißt ein Angebot für alle. Grundsätzlich müssen wir unseren Auftrag für alle Gesellschaftsschichten und Milieus erfüllen.

Aber wie wollen Sie denn Leute zur ARD holen, die nicht mal mehr genau wissen, wie ein Fernseher aussieht?

Weil die nicht mehr zum guten alten Fernsehgerät zurückkehren, müssen wir dorthin, wo sich ihr Nutzungsverhalten abspielt. Dafür ist es unerlässlich, on demand Angebote wie die ARD-Mediathek so zu positionieren, dass sie mit ihrem Angebot auch auf anderen Plattformen gefunden wird. Im Ergebnis heißt das auch, dass wir in das „Produkt“ Mediathek investieren müssen und dies auch tun. Nur, wenn sie nutzerfreundlich ist und die Inhalte auffindbar sind, die die jeweiligen Nutzer interessiert, sind wir attraktiv für diese Zielgruppen. Es reicht eben nicht mehr, zu einer bestimmten Zeit Programm abzuspielen und darauf zu warten, dass viele Zuschauer dazu stoßen. Wir müssen dort sein, wo die Nutzung stattfindet und in der Qualität, die dort State of the Art ist, also auf den Smartphones mit Apps und so weiter. Das kostet natürlich Geld.

Von dem die Öffentlich-Rechtlichen ja auch nicht wenig haben…

Das stimmt, aber Sie wissen ja auch, welche Millionenbudgets im Zweifel hinter jeder Netflix-Dokumentation stehen, von fiktionalen Serien ganz zu schweigen! Da bereiten uns die Zusammenschlüsse großer amerikanischer Konzerne schon Sorge.

AT&T kauft TimeWarner, Disney kauft FOX, Amazon kauft MGM.

Und da weiß man doch, mit welcher Marktmacht die auch den deutschen Markt überschwemmen können. Das ist für nationale Anbieter wie uns natürlich herausfordernd.

Begegnet die ARD der Gefahr, indem sie Angebote für den deutschsprachigen DACH-Raum macht oder mit international anschlussfähigen Formaten wie Babylon Berlin die Welt im Blick behält?

Ich halte es sogar für zwingend notwendig, auch international ausgerichtet zu sein. Andernfalls berauben wir uns wichtiger Kooperationsmöglichkeiten. Babylon Berlin zum Beispiel war nicht nur eine Zusammenarbeit mit Sky, sondern Firmen wie Beta Film, die daran glaubten, dass sich eine deutsche Serie in deutscher Sprache aus deutscher Produktion in über 100 Ländern verkaufen lässt. Dadurch hatten wir Geld zur Verfügung, das im heimischen Markt gar nicht vorhanden war – mit dem Ziel vor Augen, Geschichten auf Deutsch in die Welt zu tragen und damit deutsche Geschichte aus unserer Sicht zu erzählen. Denn es macht schon einen Unterschied, ob wir mit unseren Kreativen, unseren Produzentinnen und Produzenten und unserer Schauspielerriege das Berlin der 1920er Jahre zum Leben erwecken oder amerikanische, gar russische Produzenten.

Weil sich die ARD diesbezüglich für historisch verantwortungsvoller hält?

Naja, ich glaube, weil wir historisch zuständiger, also näher dran sind. Der Anspruch als überzeugte Europäer sollte es sein, unsere Geschichte, aber auch unsere Vorstellungen von Gesellschaft und Demokratie selbstbewusst zu verkaufen.

Aber können Gebührenzahler nicht erwarten, dass sie im Mittelpunkt Ihrer Programmplanung stehen und nicht der globale Markt?

Absolut! Unsere Aufgabe ist es nicht, Programm fürs Ausland zu produzieren. Das schließt aber doch nicht aus, Look and Feel deutscher Koproduktionen auf internationalem Niveau zu machen und unsere Geschichten, die wir für das deutsche Publikum erzählen, auch in die Welt zu schicken.

Heißt das im Umkehrschluss, unter Ihrer Führung macht die ARD mehr Babylon Berlin und weniger Um Himmels Willen?

Ganz unabhängig vom anstehenden Urteil des Bundesverfassungsgerichts über die Erhöhung des Rundfunkbeitrags müssen wir uns da ehrlich machen: Die Mittel, die uns für Programm zur Verfügung steht, sind endlich. Es gilt einerseits, durch internationale Kooperationen wie Babylon Berlin mit dem Produktionsniveau von Netflix konkurrenzfähig zu sein, wir brauchen aber andererseits genauso Unterhaltungsserien wie Um Himmels Willen oder auch Charité. Wir wollen für alle Zielgruppen relevant bleiben.

Während meine Eltern den klassischen Fernsehkonsum der Achtzigerjahre an mich vererbt haben, haben meine Kinder keinerlei Bezug mehr zum linearen Programmangebot. Ohne pietätlos wirken zu wollen: Stirbt mit der Generation Um Himmels Willen irgendwann nicht das Fernsehen als Ganzes aus?

Ich bin keine Zukunftsforscherin, glaube aber, dass der Bedarf nach klassischem Fernsehangebot länger überleben wird als vielerorts befürchtet. Zugleich ist mir allerdings bewusst, dass die Zahl derer, die woanders nach Unterhaltung und Information suchen, langfristig immer weiter ansteigt. Um das eine zu tun und das andere nicht zu lassen, braucht die ARD-Mediathek also ein eigenständiges, ein anderes Angebot. Sie mit 90 Prozent des linearen Angebots zu füllen, wird langfristig nicht reichen, um jüngere Zielgruppen an uns zu binden.

Heißt das auch, mehr Informations- und Nachrichtenformate eigens fürs Internet zu produzieren?

Wir haben ja schon heute mit der ARD-Mediathek und hier dem Angebot der Tagesschau aktuelles Informationsprogramm bewusst in den Vordergrund gestellt, das unterscheidet uns von den Streamern und anderen Anbietern. Im Übrigen natürlich auch über die App. Und es gibt schon heute Informationsprogramme bei funk, die ausschließlich fürs Internet entstehen. Diesen Weg werden wir konsequent weitergehen, und am Ende wird es auch Nachrichtenformate eigens fürs Internet geben. Entsprechendes Informationsprogramm wie Dokumentationen, die für die ARD-Mediathek entstehen, soll es zeitnah geben.

Welche lizenzrechtlichen Belange müssen Sie bei der Erstellung eigener Inhalte fürs digitale Programm berücksichtigen?

Lizenzen müssen sie erwerben, und die sind im Zweifel teuer, denken Sie an Serien und Sport. Der Gesetzgeber hat uns zudem weitere Beschränkungen auferlegt; amerikanische Serien dürfen wir gar nicht und europäische nur für eine beschränkte Verweildauer einstellen.

Wie gehen Sie angesichts dieser Entwicklung zur Mediathek als zentrale Abspielplattform mit Kritik von der FDP um, dass sich ARD und ZDF ganz aus der Unterhaltung zurückziehen sollten?

Unsere Kritiker vergessen dabei gerne, dass unser Auftrag explizit Unterhaltung beinhaltet. Davon abgesehen hat jeder das Recht, sich gut unterhalten zu lassen. Auch bei der Unterhaltung kann ich im Übrigen klare Unterscheidungen zu den Privaten erkennen. Wir setzen auf Sendungen wie „Klein gegen Groß“ und lassen dort die Protagonisten selbst im Wettkampf mit Respekt und Wertschätzung für die Leistung begegnen. Wir setzen niemanden herab oder wollen ihn auch nicht bloßstellen, wie ich es bei einigen Angeboten der Privaten durchaus beobachte. Als jemand, der ursprünglich vom Kinderfernsehen kommt und dort gelernt hat, wie früh Menschen durch Bewegtbilder geprägt werden, ist mir dieser respektvolle Umgang sehr wichtig. Soziale Kompetenzvermittlung ist auch etwas, dem wir verpflichtet sind.

Und wie wird die idealerweise vermittelt?

Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen sehr klar, wie sehr es Kinder, aber auch Erwachsene beeinflusst, wenn sämtliche Helden Männer sind oder selbst geschlechtsneutrale Figuren maskuline Stimmen haben. Oder nehmen Sie die Biene Maja…

Früher eine geruhsame Comicfigur.

Heute vor allem nicht mehr mit dickem Bauch, sondern Wespentaille. Fernsehen muss sich an dieser Stelle seiner Verantwortung bewusst sein, und ich bin froh, dass wir den KiKa an dieser Stelle haben. Aber auch darüber hinaus müssen wir darauf achten, das Thema Diversität in all seinen Facetten ernst zu nehmen; Frauen in Führungspositionen oder Handwerksberufen etwa müssen bei uns genauso selbstverständlich vorkommen wie Moderatorinnen im Fußball. Da haben wir ja gerade mit Esther Sedlaczek eine neue tolle Kollegin hinzugewonnen, die ihren Einstand bei der ARD direkt bei der EM feiert. Dem Thema Diversität insgesamt gerecht zu werden, ist öffentlich-rechtlicher Anspruch.

Allerdings ohne erhobenen Zeigefinger.

Absolut, der hilft niemandem.

Wie erklären Sie da, dass das Image öffentlich-rechtlicher Information hervorragend sein mag, das der eigenen Fiktion aber trotz einiger Leuchtturmprojekte miserabel?

Diese Einschätzung teile ich weder noch kenne ich sie. Wo ich Ihnen recht gebe, ist, dass wir gerade für jüngere Zielgruppen noch zu wenig fiktionale Angebote haben. Aber zum Beispiel mit All you need ist ein Anfang gemacht.

Eine Serie über Homosexueller in Berlin, die sich mal weniger um Diskriminierung und Emanzipation dreht als um Freundschaft und Spaß.

Die Serie ist speziell auf die Mediathek zugeschnitten. Wir sind zwar in den Hauptsendezeiten klar vor den Privatsendern, aber wir müssen auch für Jüngere im Netz erkennbar bleiben.

Aber warum nutzen Sie diesen Vertrauensvorschuss nicht dafür, All you need mal in der Donnerstagsprimetime zu zeigen, anstatt es in der Mediathek zu verstecken?

Weil die Mediathek in meiner Vorstellung nichts versteckt, sondern im Gegenteil gleichberechtigt ist und wie die lineare Primetime Highlights braucht. Deshalb wird die Mediathek unter der gemeinsamen Leitung von Florian Hager und Oliver Köhr Mittel erhalten, um dem veränderten Anforderungen noch gerechter zu werden.

Trotzdem bleibt die Frage nach dem mangelnden Mut, auch die Kernzielgruppe über 60 mal mit so etwas zu fordern.

Wir wollen niemanden erziehen, niemandem etwas abfordern. Das ist nicht unsere Aufgabe. Wir machen Angebote und mit der Mediathek können diese zielgruppenspezifischer ausfallen. Im Übrigen: Unterschätzen Sie mir das ältere Publikum nicht. Auch Ältere suchen und finden ihre Inhalte in der Mediathek heute völlig selbstverständlich.

Klingt, als hätte Ihr Vorgänger Volker Herres am falschen Ende gespart…

Nein. Er hat ja die Entwicklung bereits eingeleitet und wichtige Strukturen geschaffen. Die möchten wir nun mit Leben füllen. Das dauert eben. Daneben müssen sich die Kolleginnen und Kollegen in Mainz, die bei ARD online für das Produkt zuständig sind, auch um die Usibility der Plattform, ihre Bedienungsfreundlichkeit, kümmern. Ich bin mir sicher, wenn wir uns in zwei Jahren hier zum Gespräch treffen, werden Ihre Fragen nicht mehr unterstellen, die Mediathek sei ein Versteck.

Na ja – Volker Herres hatte zwar gebetsmühlenartig wiederholt, Dokumentarfilmern sei es egal, zu welcher Zeit sie wo laufen. Aber wann immer man die fragte: jeder, wirklich jeder versicherte, liebend gern in der ARD-Primetime laufen zu wollen, aber die sei nun mal mit Krimis verstopft. So egal scheint 20.15 Uhr im Ersten nicht zu sein…

Das Fernsehen wird bekanntermaßen am Abend am intensivsten genutzt, im Radio ist es anders, dort wird die Morgenstrecke am meisten genutzt und in der Mediathek finden die Inhalte die größte Beachtung, die wir beim Seitenaufruf ganz oben, auf der sogenannten „Stage“, haben. Volker Herres‘ Ansatz war der, wenn fünf Millionen Zuschauer die Krimireihe nach der Tagesschau sehen wollen…

Genau da sind wir wieder beim Thema Angebots- oder Nachfragepolitik: vorm Entstehen der Mediatheken gab es um 20.15 Uhr im Ersten soziokulturell relevante Dokumentationen ohne Tiere, aber mit Millionenpublikum! Heute starrt die ARD wie das Kaninchen vor der Schlange auf Sehgewohnheiten und programmiert lieber erfolgreiches als anspruchsvolles Programm.

Da unterstellen Sie, Anspruch und Erfolg beim Publikum seien Gegensätze. Das ist mir zu hypothetisch. Da reden wir eher über Geschmack und Macharten: Ich will nicht einfach nur zeigen, was gefällt, sondern auch anspruchsvolle Themen so erzählen, dass wir damit möglichst viele ansprechen und gewinnen, sich damit auseinanderzusetzen.  Ich wurde bei der Degeto oft gefragt, ob man Freitagabend den Tod erzählen darf. Klar darf man das, kommt nur drauf an, wie. Komödie ohne Fallhöhe funktioniert auch nicht. Lineares Fernsehen bedeutet, zu einer bestimmten Zeit eine Verabredung mit dem Zuschauer einzugehen, und natürlich müssen wir die Bedürfnisse dieser um diese Uhrzeit ernst nehmen. Alle anderen können zeitunabhängig aus einem bunten Angebotsreigen auswählen. Aber an der Unterscheidbarkeit des Angebots gegenüber dem klassisch linearen Programmangebot müssen wir noch massiv arbeiten.

Heißt dieses massive Arbeiten auch, die Mediatheken von ARD und ZDF mit Arte, 3sat, One und Neo zusammenzulegen?

Arte-Inhalte sind seit einigen Wochen bereits in der ARD-Mediathek integriert, aber weiterhin klar als Produktionen von Arte erkennbar. Wir wollen einerseits eine möglichst barrierefreie Navigation durch das öffentlich-rechtliche Angebot, aber auch die Pluralität und die eigenständigen Programmangebote erhalten. Wenn ich den Intendanten des ZDF, Herrn Thomas Bellut, richtig verstanden habe, geht es auch ihm darum, die „User Journey“ technisch zu vereinfachen, ohne die inhaltliche Unterschiedlichkeit zwischen ARD und ZDF zu verwischen.

Bereitet es Ihnen da Sorge, dass Privatsender wie ProSieben gestandenes ARD-Personal wie Linda Zervakis oder Matthias Opdenhövel abwerben, um ihr Nachrichtenportfolio zu stärken?

Konkurrenz finde ich immer gut, sonst droht die Gefahr, träge zu werden. Deshalb schätze ich auch die des ZDF besonders im journalistischen Bereich sehr. Und wenn Sender wie ProSieben oder RTL jetzt mit ARD-Leuten auf Informationskompetenz setzen, spricht das zunächst mal für uns und unsere Leute, die hier Glaubwürdigkeit und Expertise erhalten haben. Aber natürlich geht ein Sender wie ProSieben die Themen völlig anders an als wir. Ich würde nie so weit gehen, einer politischen Führungskraft nach dem Interview Beifall zu klatschen. Aber wir blicken neugierig auf die Nachrichtenoffensive der Privatsender und sind selbstbewusst genug, das einordnen zu können. Über 40 Prozent Informationsanteil bei uns im Vergleich zu knapp 20 bei den Privaten können sich, glaube ich, sehen lassen. Aber da, wo wir was lernen können, sollten wir es auch tun.

Was zum Beispiel?

Auch hier: die Ansprache junger Menschen. Wie nähert man sich Erstwählern? Wie sieht das Rahmenprogramm dieser Berichterstattung aus? Arbeitet man vielleicht mal mehr mit Musik oder anderem Schnitt? Ganz grundsätzlich gilt aber auch, dass ProSieben überrascht, wenn dort die grüne Spitzenkandidatin interviewt wird, von ARD und ZDF erwartet man das. Mit unserer Informationskompetenz können wir niemanden überraschen.

Aber sollte ProSieben seine Nachrichtenkompetenz verstetigen und state of the news art werden – ist die ARD in der Lage und bereit, sich diesem Zeitgeist anzupassen?

Bei allem Respekt vor den Privaten und ihrer Arbeit: ob ProSieben seinen aktuellen Kurs verstetigt oder das Ganze doch eher ein Marketing-Instrument bleibt, warten wir mal ab. Erstens. Zweitens sehe ich bei allem Respekt die großen amerikanischen Medienkonzerne, die mit sehr viel Geld und internationalem Einfluss in den deutschen Markt drängen, als Hauptkonkurrenz im Kampf um Aufmerksamkeit – weniger RTL oder ProSieben. Und drittens finde ich es absolut erstrebenswert, im Bereich harter Fakten tendenziell eher seriös als lässig rüberzukommen – auch wenn das eine das andere nicht ausschließen muss. Aber das machen wir schon seit Jahren.

Womit genau?

Mit Townhall-Meetings zum Beispiel, in denen wir vor Wahlen als Erste im deutschen Fernsehen Politiker mit Bürgerinnen und Bürgern und ihren Fragen konfrontiert haben. Wir haben für diese Wahl auch für die Mediathek ganz neue Angebote, mit denen wir speziell Erstwählern ein spannendes Angebot bieten wollen. Stimmst du? ist so ein multimediales Angebot, ein Instagram-Format mit einer Staffel von Bewegtbild-Content in der ARD-Mediathek. Die Protagonisten greifen in unterschiedlichen Regionen Deutschlands jede Woche ein politisches Thema auf, sammeln Erfahrungsberichte und zeigen Lösungsansätze der zur Wahl stehenden Parteien auf. Sound of Germany ist ein Roadmovie für die ARD-Mediathek. Olli Schulz nutzt die Musik, um mit Menschen an unterschiedlichsten Orten ins Gespräch zu kommen. Er spricht mit Rappern über ihre Texte, geht auf ein Techno-Event und trifft Klaus Meine. Die Frage der dreiteiligen Reihe: Wie klingt Deutschland?

Wie ist es mit denjenigen, die sie nicht wegen ihres Alters, sondern der Ansichten verloren haben – Querdenker zum Beispiel oder AfD-Wähler?

Das ist eine extrem schwierige Herausforderung. Die Ablehnung sogenannter Systemmedien ist ja nicht Teil einer sachlichen Auseinandersetzung, sondern hat zum Teil einen Kampagnencharakter, den einige Medien sogar unterstützen. Als beitragsfinanzierte Sender haben wir den Vorteil, aber auch die Verantwortung, uns auch offensiv gegen populistische Vorwürfe zur Wehr zu setzen. Wir müssen aber eigene Fehler explizit auch im Bereich Social Media vermeiden und falsche Vorhaltungen per Faktencheck widerlegen. Wir müssen uns nicht alles bieten lassen, dafür aber auch wehrhaft in Debatten einsteigen.

Heißt das auch, Rechtspopulisten in Talkshows einzuladen?

Sofern sich Rechtspopulisten diesseits der Brandmauern menschenverachtender, strafrechtlich relevanter Aussagen und Taten bewegen, schon. Natürlich müssen wir da aufpassen, wem wir eine Plattform zur Verbreitung kruder Thesen geben. Aber da vertraue ich unseren Redaktionen.  Es ist aber sicher ein ständiger Abwägungsprozess, der nicht einfach ist.

Der auch in den Gremien dieses föderalen Organismus ARD entschieden wird. Wissen Sie, wie viele Menschen darin arbeiten und von Ihren Entscheidungen abhängig sind?

Es gibt natürlich viele Gremien der Landesrundfunkanstalten. Für die Gemeinschaftsprogramme der ARD ist der Programmbeirat zuständig, der uns inhaltlich kontrolliert. Die sogenannte Gremienvorsitzendenkonferenz ist zudem für die grundsätzliche und strukturelle Ausrichtung aller gemeinsamen Programminitiativen der ARD zuständig. Das sind in der Summe knapp vierzig Personen.

Und wie hoch ist der Frauenanteil?

Das schwankt immer wieder, weil ja die Verbände, Gewerkschaften, Kirchen, Regierungen ihre Mitglieder entsenden. Aber es sind meines Erachtens keine 50%.

Gibt es bei der ARD noch Männerbünde und gläserne Decken?

Allein die Tatsache, dass wir beide darüber reden, zeigt – wie die Tatsache, dass ich als erste Frau auf dieser Position bin – ja, dass es noch ein Weg bis zur Gleichberechtigung ist. Aber wir haben jetzt vier Intendantinnen, so viele wie wahrscheinlich noch nie in der Geschichte der ARD – und ab 2022 mit Frau Schlesinger eine starke ARD-Vorsitzende. Ich glaube fest daran, dass das etwas bewirkt. Mir persönlich macht es ja auch mehr Freude, wenn in den Sitzungen mehr als eine Frau mit am Tisch ist. Wir halten da auch ganz gut zusammen, das tut wirklich gut. Trotzdem sind wir noch nicht da, wo wir sein sollten, und ich empfinde das explizit als meine Aufgabe, daran weiterzuarbeiten – besonders natürlich im unmittelbaren Einflussbereich.

Sind Sie diesbezüglich eine Netzwerkerin?

Ja.

Auch ein Quoten-Fan?

Wenn weibliches Netzwerken – übrigens gern gemeinsam mit Männern – nichts bringt und die gläserne Decke hält, bin ich am Ende auch für die Frauenquote. Aber lieber wäre mir, wir würden es ohne schaffen.

Hatten Sie selber je das Gefühl, benachteiligt zu sein?

Nein. Umso mehr habe ich in der Verantwortung gelernt, wie selten das für viele Kolleginnen gilt. Deshalb sehe ich mich in meiner Position auch in der Pflicht, das zu verändern – etwa durch die noch bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf für Führungskräfte, aber auch durch die gezielte Förderung von Frauen. Da haben wir als Öffentlich-Rechtliche eigentlich gute Möglichkeiten, müssen sie aber auch nutzen.

War Ihr familiärer Hintergrund als Wolfgang Schäubles Tochter und Mann des Baden-Württembergischen CDU-Landesvorsitzenden mit eigenem Parteibuch dabei je hinderlich oder förderlich?

(lacht) Darum kann es ja nicht gehen. Familiärer Hintergrund oder die Mitgliedschaft in einer Partei darf in meinem Job nie eine Rolle spielen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass das immer, wenn ich in der Vergangenheit meinen Job gewechselt habe, auch durchaus kritisch kommentiert wurde. Es ist mir am Ende der jeweiligen Aufgabe dann, glaube ich, aber auch immer gelungen, dass das niemand mehr thematisiert hat. Ich habe bei der Degeto in neun Jahren 1900 Filme verantwortet, da steht die Arbeit am Ende für sich und ist auch überprüfbar.

Aber eben auch für Haltungen, Meinungen, Sichtweisen.

Die habe ich wie jeder Mensch, bin aber nicht nur in der CDU oder in der katholischen Kirche, sondern beim DJV, im Museumsverein oder in Umweltverbänden. Wichtig ist, dass meine private Haltung nicht meine Arbeit beeinflusst – so ist mein Verständnis journalistischer Standards, die für alle gelten müssen. Dass ich dennoch einer besonderen Aufmerksamkeit unterliege, finde ich nachvollziehbar undvöllig in Ordnung. Ich fühle mich dadurch aber eher herausgefordert als gestresst.