Ouzo Bazooka, Rhonda

Ouzo Bazooka

Die Siebziger sind die Achtziger sind die Neunziger sind die Nuller sind die Gegenwart ist Europa ist Asien ist Afrika ist Amerika ist die ganze Welt ist Licht ist Luft ist Sound ist ein einziges großes zeitlos wirrtes Durcheinander. Wer diese Küchenweisheit der Postpostpostmoderne nicht nur lesen, sondern auch hören will, derdie sollte es vielleicht mal mit Ouzo Bazooka versuchen. Ohne je dem Fetisch des digitalen Baukastenpop zu verfallen, macht die Band aus Israel seit fünf Jahren einen zutiefst analogen Baukastenpop, der danach gar nicht klingt und gerade deshalb so umfassend, vor allem aber: überwältigend ist.

Mit flatternder Orgel, psychoaktiver Gitarre und einem drollig blechernen Gesang zelebriert das dreiviertelmännliche Quartett um den Späthippie Uri Brauner Kinrot eine Nostalgie, die zwar oft altmodisch nach psychedelischen Krautrock klingt, aber die Grenze der selbstreferenziellen Kiffermucke dabei um Tausend Orte, Zeiten, Zustände erweitert. Auch ins vierte Album Transporter fließt daher Balkanfolklore ebenso ein wie Surfrock, Britpop, Oriental, Postpunk und vor allem eine gehörige Ladung Live-Energie, die all dies mit viel Tanzflächenschweiß schmiert. Enthemmend!

Ouzo Bazooka – Transporter (Stolen Body Records)

Rhonda

Auch ein bisschen psychedelisch, auch unverfroren nostalgisch, dabei jedoch weder grenz- noch genre- oder gar länderübergreifend klingt dagegen das dritte Album von Rhonda. Zur gleichen Zeit wie die seelenverwandten Ouzo Bazooka aus den Trümmern der lokal erfolgreichen Neo-Mods Trashmonkeys in Hamburg hervorgegangen, ist die norddeutsche Band auf den regional überaus angesagten Soul-Train gesprungen, fühlt sich dort seither ersichtlich wohl – und lässt ihr wachsendes Publikum mit großer Eleganz daran teilhaben.

Irgendwo zwischen Shirley-Bassey-Klassizismus und Amy-Winhouse-Adaption flaniert You Could Be Home Now über den Boulevard der Sixties und pickt dabei alles vom Asphalt auf, was für die Retro-Disco so taugt: basslastige Filmscores, gefällige Bläsersequenzen, verkopfte Jazz-Passagen und vor allem viel Gefühl für die zeitgenössische Mischung aus Ironie und reiner Lehre. Und dank der wuchtigen, aber nie aufdringlichen Stimme von Milo Milone kann man Rhonda zum Glück auch jenseits der vielen hanseatischen Soul-Clubs gut hören – und so ganz ohne politischen Input genießen. Auch mal schön.

Rhonda – You Could Be Home Now (popup records)


Christian Friedel: Babylon & Parfum

Meine Musik ist persönlicher

Der Schauspieler Christian Friedel (Foto: Jakub Bejnarowicz/ZDF) brilliert nicht nur mit seiner leicht gehetzten Intensität, er ist auch als Musiker recht erfolgreich. Zuletzt (und weiterhin in der ZDF-Mediathek) war er in der ersten großen Eigenproduktion von Neo als Hauptfigur der Roman-Adaption Parfum zu sehen. Ein Gespräch mit dem 39-jährigen Magdeburger über Spätstarter, verschrobene Figuren und wofür er sogar in die Muckibude ginge.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Friedel, wenn Sie sich aussuchen dürften, worum es im Interview geht – wäre das die neue Platte ihrer Band Woods of Birnam oder der ZDF-Mehrteiler Parfum?

Christian Friedel: Oh, böse Frage… Weil es vom künstlerischen Ausdruck her etwas äußerst Persönliches ist, würde ich dem Album kurz Vorrang geben. Seine Serienfigur über so lange Zeit entwickeln zu dürfen, macht natürlich auch Parfum zum tollen Gesprächsthema. Aber das Album liegt mir zurzeit noch mehr am Herzen.

Weil Sie es als Kopf der Band selber verantworten?

Schon. Aber obwohl ich die Songs meist mit meinem Gitarristen schreibe, sehe ich uns unbedingt als Kollektiv; sonst hießen wir ja Christian Friedel & Band oder so. Dennoch kann ich beim Film mehr Entscheidungen abgeben. Die Figur und wie ich sie spiele, ist abhängig davon, wie der Autor sie ins Buch geschrieben und der Regisseur sie umgesetzt sehen möchte. Meine Musik ist definitiv persönlicher.

Was soweit geht, dass Sie vor fünf Jahren ihr Engagement am Dresdner Staatstheater zugunsten der Musik beendet haben?

Schon. Aber die Bühne hat auch meine Filmarbeit beeinträchtigt. So sehr ich das Theater liebe, konnte ich mich im starren Konstrukt fester Spielpläne nicht so vielfältig ausdrücken, wie ich es wollte. Trotzdem mache ich damit weiter, zuletzt auch als Regisseurin Göttingen.

Hätte ein zeit- und kostenaufwändiges Projekt wie sechs Stunden Parfum denn den Vorzug erhalten, wenn es mit Theater oder Musik kollidiert wäre?

Wenn mich ein Projekt wirklich packt, krieg ich‘s im Zweifel irgendwie hin, es mit anderen zu koordinieren. Als ich Das weiße Band gedreht habe, war mir klar, bis zur Vertragsauflösung am Theater darum zu kämpfen. Ich setze daher manchmal Prioritäten gegen oder für das eine oder andere. Meine Jungs in der Band wissen das; wir haben sogar beim Abschlussfest der Dreharbeiten zu Parfum gespielt.

Was hat die mehrmonatige Arbeit daran so spannend gemacht?

Die Charaktere, ihre Vergangenheiten und Geheimnisse. Man merkt, dass sie jemand ersonnen hat, der sich mit der menschlichen Psyche auskennt. Das geht weit über die übliche Frage des whodunnit hinaus. Auch wenn ich einzelne Szenen beim Lesen schwach fand, hat mich das Gesamte immer mehr hineingezogen. Und Philipp Kadelbach hat das so umgesetzt, dass dieser Sog am Bildschirm erhalten bleibt.

Wenn Sie sich den Charakter darin selbst hätten aussuchen dürfen – wäre die Wahl auf den verschrobenen Außenseiter Daniel Sluiter gefallen?

Absolut! Ich verwandle mich lieber in skurrile Figurenwie diese mit den falschen Zähnen. August Diehls Rolle des Parfümeurs fand ich auch spannend, aber die arme Seele mit dem versteckten, unfreiwilligen Humor liegt mir definitiv mehr.

Ist es also eine Typfrage, dass sie oft so verhuschte, leicht fiebrige Figuren wie Georg Elser spielen, oder bietet man Ihnen auch gar nichts anderes an?

Ich bin sehr froh über das breite Spektrum was man mir anbietet und bislang kein Schauspieler, den man sofort mit einer bestimmten Sorte Film oder Figur verbindet. Bei Babylon Berlin wurde ich gleich für zwei Rollen gecastet. Man wollte mich dabeihaben, war sich aber noch nicht sicher für welchen Part. Es wurde der Fotograf und so wie es jetzt mit ihm weitergeht, regt es meine Spiellust ungeheuer an.

Sie sind relativ spät zum Film gekommen sind.

Definitiv. Wenn Michael Haneke nicht mit Das weiße Band auf mich zugekommen wäre, würde ich hier vermutlich nicht sitzen– zumindest nicht mit einer Hauptrollen wie jetzt. Das ich die nun bekomme, macht mich sehr dankbar. Umso mehr hoffe ich, dass die Produzenten und Caster den Blick weiter in die Branche schweifen lassen. Da gibt es so viele unentdeckte Perlen, die wegen der deutschen Krankheit, oftmals dieselben Gesichter zu besetzen, im Verborgenen bleiben.

Ist es eine bewusste Entscheidung Ihrerseits, relativ wenige Filme zu drehen oder hat es damit zu tun, dass Sie trotz allem noch immer zu diesen Perlen im Verborgenen zählen?

Vermutlich beides. Ich war von der Qualität des Weißen Bands so verwöhnt, dass es mir schwerfiel, neue Rollen zu finden. Zum Glück meinten einige Kollegen zu mir, das sei eine Ausnahme gewesen, daran solle ich nicht alles messen. Ich bin weit weg von einem Star.

Könnte die erste Serie Ihrer Karriere daran etwas ändern?

Theoretisch schon – zumal im Fernsehen, dem ich lang kritisch gegenüberstand. Dann aber kam mein erster Fernsehfilm zur Odenwaldschule…

Die Auserwählten.

Mit Uli Tukur, Julia Jentsch, spannend umgesetzt von Christoph Röhl. Meine Rolle darin war zwar unangenehm, schauspielerisch aber ungemein herausfordernd. Da dachte ich mir: wenn so was kommt, bin ich auch künftig nicht abgeneigt. Und dass dem neuen Sehverhalten jetzt auch in Deutschland Rechnung getragen wird und hochwertige Serien entstehen, betrachte ich als große Chance.

Ist Parfum da noch Ausnahme oder schon Regel?

Irgendwas dazwischen, der Stoff lässt sich über eine Staffel hinweg weiterdenken. Bad Banks zum Beispiel ist auch großartig! Dark hat einen Sog auf internationalem Niveau entwickelt und Babylon Berlin ist sowieso unvergleichlich gut, ein Geschenk dabei sein zu können. Es gibt sehr ambitionierte Autoren, Regisseure und Projekte, die einen Fokus verdienen. Alles, was wir brauchen, ist ein bisschen mehr Mut.

Darf es demnach bei Ihrer nächsten Serie ein Charakter mit mehr Sexappeal sein?

Natürlich. Einen verkopften Romeo mit unterschwelligem Humor, also dafür geh ich sogar in die Muckibude.


Fernsehjahr 2019: Apple-TV & 8 Tage

Die Freizeit von morgen

Das lineare Fernsehen, darüber herrscht fast flächendeckende Einigkeit, wird es auch weiterhin noch geben. Die Bewegung am Markt der Videoportale und Streamingdienste ist jedoch längst mehr als ein lang anhaltendes Erdbeben in Fernsehland. Ein komprimierter, konzentrierter, hoffnungsfroher Ausblick.

Von Jan Freitag

Hundert Milliarden! Man muss diese Zahl kurz mal Null für Null durchgehen, um ihr Ausmaß zu begreifen. Zwölf davon hat nämlich der Börsenwert einer Videothek in Dollar, die auch 22 Jahre nach der Gründung rote Zahlen schreibt. Und dabei ist Netflix noch nichts gegen Apple! Der Tech-Gigant aus Cupertino agiert zwar hochprofitabel; wäre allerdings jene Billion Dollar, die er seit August wert ist, das Bruttoinlandsprodukt einer Nation: mit 123.000 Mitarbeitern rangierte Apple nur knapp hinter Indonesien auf Platz 16 der wirtschaftsstärksten Länder.

Das sollten auch die Mitbewerber von Sky bis Amazon im Kopf haben, wenn sie das neue Jahr planen. Denn Apple, man darf das als Drohung verstehen, will 2019 ins boomende Streaming-Geschäft einsteigen. Parallel drängt der Medien-Multi Warner auf einen Markt, der erneut um 30 Prozent auf 31 Milliarden Euro Umsatz explodiert ist. Und da war vom weltweit wertvollsten Entertainer Disney, dessen gewaltiger Filmfundus künftig auch online abrufbar sein wird, noch nicht mal die Rede.

Das sollte aber nicht nur die Internet-Branche im Kopf haben. Auch das alte Fernsehen blickt gespannt auf die neuen Dienste. Schließlich machen sie ihm gerade hierzulande Feuer unterm Ohrensessel. Prime Video zum Beispiel adaptiert die populäre Kinderfilmreihe Bibi & Tina grad als Serien-Event und bindet künftige Versandkunden damit von klein auf an die kalifornische Konsumkrake. Benno Fürmann zeigt sich derweil als Held des europäischen Reihenthrillers Hanna, während der britische Aberwitz von Good Omens sechs Teile lang ganz entzückend an Dirk Gentley’s Holistische Detektei erinnert, mit der Netflix seit 2016 Furore macht.

Dort plant man drei Jahre später gleich fünf deutschsprachige Serien: Die Barbaren wird ein römisch-germanisches Game of Thrones, den Tribes of Europe ins postapokalyptische Morgen verlegt. Die Milieustudien Skylines oder Dont’t try this at home wildern mit Gangstarap und Gangsterchic in der konsumfreudigen Zuschauerzielgruppe von 4 Blocks bis Narcos. Und dann mischt der Frischling mit einem Weihnachtsmehrteiler auch noch die Familienkuschelecke der Platzhirsche auf. Was die dagegen wohl machen – na? Genau: Weiter wie bisher.

Das Erste etwa verlagert den Quotenerfolg der Charité am 19. Februar in den Nationalsozialismus. Vor der Tagesschau debütieren Watzmann-Ermittler, im Anschluss Irland-Krimis und nachdem Tom Schilling Brecht verkörpert das Mauerfall-Drama Wendezeit. Zum 30. Jahrestag setzt auch das Zweite mit dem Zweiteiler Walpurgisnacht auf zweitstaatliche Zweit-, äh Zeitgeschichte. Dazu gibt‘s ein Rührstück zum 100. Bauhaus-Geburtstag und die Brauerei-Erzählung Bier Royal. Sicher: mit Montagsfilmen und Mittwochsdramen, Infotainment und Nachrichtenkompetenz setzen ARZDF samt Arte und Neo weiter die Maßstäbe seriöser Vollprogrammversorgung.

Neue Serien jedoch dreht eher andere. Nun muss man wegen Der Bulle & das Biest, einer Exhumierung von Kommissar Rex von Sat1, sicher ebenso wenig die Filmpreisjurys alarmieren wie im Fall von RTL-Reihen mit Klempnerin und Nachtschwestern oder einer TNT-Mockumentary über Helikoptereltern im März. Immerhin versuche es die Privaten aber mit Stoffen jenseits des medizinisch-kriminologisch-juristischen Mainstreams. Weltgeltung indes ist offenbar nur im Tandem mit Videoportalen denkbar. Amazon arbeitet weiter an der Deutschland-Saga von RTL, Netflix stellt fröhlich Pro7Sat1-Serien online. Und da Babylon Berlin ein ähnlicher Erfolg im Ersten war wie Ende 2017 bei Sky, wird das Projekt mit Topstars in Topkulissen fortgesetzt, die man sich einzeln kaum leisten könnte. „Erst durch solche Kooperationen sei es aus Sicht von Sky-Vize Elke Walthelm möglich, „Content zu produzieren, der im internationalen Vergleich absolut mithalten kann“. Im zunehmenden Wettbewerb gebe es also einen Zug zum Miteinander. Umso mehr machen Digitalkanäle der einst analogen Konkurrenz auf ihrem Kerngebiet Konkurrenz: Herausragender Fiktion mit kriminalistischem Kern.

Ab 25. Januar jagen Nicholas Ofczarek und Julia Jentsch daher im Stile der Brücke einen Serienkiller aufs Sky durchs österreichisch-deutsche Grenzgebiet. Und im März schlagen sich Mark Waschke und Christiane Paul 8 Tage durch eine präapokalyptische Zivilisation vorm Meteoriteneinschlag. Alles hochwertig, spannend, oft couragierter als das Regelprogramm. So richtig Geld aber wird dann doch durch einen Koproduktionsdeal über 250 Millionen Dollar mit HBO – dessen Bestseller Game of Thrones im Juni bei Sky endet – bewegt.

Wenn Netflix zugleich neunstellige Summen in Mafiafilme von Martin Scorces steckt, wenn Warner sein Spielfilmarchiv ins Netzstellt, wenn selbst YouTube Inhalt produziert – dann stellt sich allerdings die Frage: Wer soll das eigentlich alles gucken, um es wie genau noch mal zu finanzieren? Selbst Serienjunkies haben ja nur 24 Stunden Zeit zum Binge-Watching. Das Angebot Hunderter Portale und Sender übersteigt die Nachfrage ja schon jetzt. Es ist wie im Fußball: Weil Spielergagen ins Unermessliche steigen, wird das Publikum mit aufgeblähtem TV-Sport gemästet bis die Liebe Verdruss weicht. So faszinierend das neue Fernsehen also ist: es muss bald mal rentabel wirtschaften. Anders als das Sportportal DAZN sind Streamingdienste nicht nur einem Milliardär, sondern Aktionären verpflichtet. Von den Gläubigern gigantischer Kredite, die besonders Netflix aufnimmt, ganz zu schweigen.

Gerade darin allerdings liegt womöglich auch die Chance des alten Fernsehens. Winzlinge wie Funk oder Neo zeigen ja mit drolliger Lowbudget-Fiktion, wie viel wenig erreichen kann. Bei den Scheinriesen hingegen macht das ZDF Frank Schätzings Schwarm und RTL ein Remake von M – Eine Stadt sucht einen Mörder, Jörg Kachelmann kehrt ins Erste zurück und ProSieben mit einer – padautz! – Datingshow auf den Kuppelmarkt. Allenfalls Arte traut sich mit einer deutsch-französischen Fiktion übers Flüchtlingselend an Europas Stränden gelegentlich aus der Deckung gefälliger Unterhaltung. Aber wo genau bitte sind die noch mal auf der Fernbedienung?

Auch wegen seiner strukturellen Randlage stärkt der Kulturkanal daher wie niemand sonst im linearen Segment seine Mediathek und positioniert sich somit im Grunde längst zwischen den echten Onlinern. Nur: Was die bisweilen für einzelne Hochglanzformate raushauen, damit finanziert Arte mit Mühe ein Senderquartal. Und durch die neuen, milliardenschweren  Konzerne im Starthaus wird der Markt gewiss nicht luftiger. Christoph Schneider zeigt sich im Münchner Industrie-Gebiet zwar fast aufreizend gelassen, wenn der deutsche Geschäftsführer von Amazon Prime Video beteuert, „angesichts der vielen Pläne, von denen da dauernd zu hören ist, muss man erst mal sehen, was am Ende des Tages umgesetzt wird.“ Aber falls Disney mit Superhelden ums Portaleck biegt, Warner mit Harry Potter und beide mit Originalserien, dann kriegt das selbst sein mächtiger Handelskonzern zu spüren. Und das Niveau sowieso. Masse, ganz gleich welcher Güte, siegt 2019 wohl doch über Klasse.