Baerbocks Winnetou & Tschirners Antwort

TV

Die Gebrauchtwoche

23. – 29. August

Was in diesem Fall aber nicht an den Moderatoren lag. Gut, Pinar Atalay und Peter Kloeppel haben der Grundhaltung ihres Arbeitgebers gemäß Olaf Scholz Sonntagabend über 109 Minuten hinweg dreimal so oft unterbrochen wie Armin Laschet und den Unionskandidaten auch sonst öfter ungeschoren gelassen (was sie allerdings mit ARD-Chefredakteur Oliver Köhr gemeinsam hatten, der seinen Sommergast Markus Söder kurz zuvor mit jeder Sozialismus-Polemik davonkommen ließ). Ansonsten war ihr Auftritt maximal souverän.

Damit haben sie sich minimal von der Anschlussanalyse unter Leitung von, kein Witz: Regenbogen-Reporterin Frauke Ludowig, unterschieden. Während die Schwarze Tanz-Jurorin Motsi Mabuse voll auf Seiten Baerbocks war, schlug sich der weiße Millionär Günther Jauch noch viel voller auf die von Armin Laschet, derweil beide mit Micky Beisenherz (Moderator), Louisa Dellert (Influencerin), Nikolaus Blome (Salon-Zyniker) beherzt auf Scholz eindroschen. Überhaupt – Blome: einst neoliberalkonservative Kampfsau der Bild, bei RTL durchaus präsidial im Ton.

Das passt perfekt zur Seriositätsoffensive der Privatsender. Nach einer Woche verblüffend gehaltvoller Interviews mit klarer Kante gegen alles links der FDP, fiel die Kritik an Bild TV nach einer Sendewoche da eher durchwachsen aus. Was ProSiebenSat1 mit abgekauftem ARZDF-Personal auf die Beine stellt, steht indes noch aus. RTL extra dagegen scheitert bislang furios am eigenen Anspruch, dem zurückgebliebenen ARZDF-Personal auch nur im Abspann Konkurrenz zu machen. Mit Pensionären wie Jan Hofer

Apropos: während Schauspieler*innen wie Benedict Cumberbatch oder Suzanne von Borsody den Gender Pay Gap kritisieren, kritisiert Dieter Hallervorden lieber das Gendern.  Damit befindet er sich in Gesellschaft grauer Alpharüden wie Heiner Lauterbach, die mit der Moderne ja grundsätzlich fremdeln – und das übrigens auch dürfen. Schließlich ist es ein Privileg des Alters, an der Vergangenheit zu hängen.

Die Frischwoche

30. August – 5. September

Das Privileg Todgeweihter hingegen ist es, der Welt alle Sympathie zu entziehen. Kida Khodr Ramadans Krebs-im-Endstadium-Patient Nabil murrt sich Dienstagabend deshalb sehr glaubhaft durch die erste Viertelstunde des ARD-Dramas In Berlin wächst kein Orangenbaum, bevor sein Regiedebüt den Tonfall wechselt. Denn zurück in Freiheit lernt der Polizistenmörder seine 17-jährige Tochter kennen und mit ihr die Lebensfreude. Das ist zwar nicht frei von Klischees, aber sehr real anrührend.

Zum Glück gilt das nicht für The Handmaid’s Tale, die am Donnerstag bei Magenta TV in die 4. Staffel geht. Zu absurd ist die misogyne Dystopie, zu verstörend, aber eben auch unverdrossen brillant. Das sagen Krimi-Fans ebenfalls über den britischen Vierteiler Guilt um einen innerfamiliären Todesfall mit Folgen, zeitgleich (22 Uhr) bei Arte. Für Comedy-Fans empfehlenswert ist zwei Tage zuvor Only Murders in the Building auf Disney+ von und mit dem unverwüstlichen Steve Martin um drei New Yorker True-Crime-Fans, die zehn Folgen lang plötzlich Real-Crime erleben.

Am Sonnabend sucht Nora Tschirner im Arte-Infotainment Die Antwort auf fast alles von Wissenschaft über Kultur bis Tralala, seit Douglas Adams bekanntlich die 42. Und am Abend zuvor startet der sehr sympathische Ralf Schmitz bei Sat1 sogenannte Paar Wars, die ein bisschen an Linda de Mol bei der 100.000-Mark-Show erinnern. Neo zeigt dienstags ab 23.45 Uhr die queere Comedy The Drag on Us, Starzplay sonntags die RomComSerie Live Life. Und dann steuern wir fast schon aufs nächste Triell zu, also Entertainment, das wir mit Armin Laschets Bitte beenden, er wolle von Olaf Scholz nur drei Worte hören: „Nicht mit der Linken.“


Hofer blödelt & Mädel liefert

TV

Die Gebrauchtwoche

16. – 22. August

Die groß angekündigte, personell fremdgespeiste Nachrichtenoffensive deutscher Privatsender ist seit Monaten zumindest brancheninternes Gesprächsthema Nr. 6-7. Mit allerlei Abwerbungen öffentlich-rechtlicher Journalist*innen (zuzüglich Matthias Opdenhövel) wollen Vollprogramme wie RTL und ProSieben (zuzüglich Sat1) ja künftig den Platzhirschen von Tagesschau oder heute Konkurrenz machen. Gute Idee! Aber die Umsetzung?

Nun ja…

Als RTL Direkt Anfang voriger Woche nach dem heute-journal, also parallel zu den Tagesthemen auf Sendung ging, war das Bemerkenswerteste daran die fehlende Krawatte von Jan Hofer – schon, weil der eben kein Moderator, sondern Ansager ist und mit seinem Studiogast Annalena Baerbock herzlich wenig anzufangen wusste. Schlimmer noch: während Marietta Slomka im echten Interview mit einem Bundeswehr-Insider über die Lage in Afghanistan zu Tränen gerührt war, schaltete der reaktivierte Rentner zu einem Komiker und machte das Infotainment-Format mit Talkshowelementen endgültig zur Farce.

Einer Farce mit Ausbaupotenzial immerhin, aber der westlich verordneten Katastrophe am Hindukusch mit so wenig Empathie und Kompetenz entgegenzutreten, das war schon ein veritables Armutszeugnis. Zumal es Hofers dortige Kolleg*innen sind, die mit einem Berufsverbot der Taliban sogar noch gut bedient wären, tendenziell aber doch eher ums nackte Überleben kämpfen. Womit wir, über Umwege, bei seiner kaiserlichen Heiligkeit, Georg Friedrich Prinz von Preußen sind, den man nun gerichtsfest „klagefreudig“ nennen darf.

Klagefreudigklagefreudigklagefreudig.

Der Hohenzollern-Zögling kämpft verbissen darum, die nationalsozialistische Vergangenheit seiner Sippe so kleinzureden, dass er all jene Reichtümer zurückerhält, die sie auf Leichenbergen geknechteter Untertanen erwirtschaften konnte. Dass auch der nächste Versuch, die Berichterstattung darüber zu behindern, abgewiesen wurde, dürfte ihn aber bei seinem Feldzug gegen Presse- und Meinungsfreiheit nicht weiter stören.

Die Frischwoche

30. August – 5. September

Wenn der standesbewusste Preußenprinz fernsieht, dürfte er morgen statt Tagesthemen oder RTL Extra also lieber also lieber Disney und SWR einschalten. Ersterer zeigt um 20.15 Uhr das Adelsfest Victoria, die junge Kaiserin, in dem der Hochadel prächtig wegkommt, letzteres holt (23.15 Uhr) die Schwarzweißromanze Ein Herz und eine Krone aus der Mottenkiste. Und das ZDF kommt schon deshalb nicht für Georg Friedrich infrage, weil es statt der üblichen Königshausdoku die Politikdoku Volksparteien ohne Volk zeigt.

Besser dürfte ihm da eine Serienoffensive von TVNow gefallen. Der RTL-Dienst streamt ab Donnerstag die erste von drei Kostümserien aristokratischer Glanzzeiten namens Belgravia. Sechs Teile lang geht es darin um dynastische Liebesfragen im London nach der Niederlage Napoleons geht. Noch früher und damit noch spekulativer, aber auch noch aufregender wühlt die dritte Staffel der Sky-Serie Britannia ab morgen in der englischen Geschichte. Womit der klagefreudig Fritz vermutlich weniger anfangen kann, ist die Dokumentationsreihe Fight for Power, in der die Schwarze Basketball-Legende Kareem Abdul-Jabbar auf History Play durch amerikanische Protestbewegungen der vergangenen 100 Jahre reist.

Geliefert mit Bjarne Mädel als prekärer Paketbote mit pubertierendem Sohn (Freitag, 20.15 Uhr, Arte) dagegen dürfte zu sozialkritisch sein, weshalb ihm dies empfohlen sei: Staffel 1 der dunklen Amazon-Komödie Kevin Can F*** Himself über weibliche Selbstermächtigung, die Disney-RomCom Vacation Friend um seltsame Mexiko-Urlauber oder die sechsteilige Sky-Satire The White Lotus aus einem Luxusresort auf Hawaii, alles freitags. Abends zuvor startet joyn+ Staffel 4 der Fremdschäm-Komödie Jerks mit Fahri Yardim & Christian Ulmen als Fahri Yardim & Christian Ulmen. Noch was? Nein. Denn dass die Journalismus-Simulation Bild nun eine TV-Lizenz hat, muss ja wohl eine Fake-News à la Springer sein…


Martin Gore, Tropical Fuck Storm, Villagers

Martin Gore

Wenn Bandlegenden fremdgehen, gibt es meist nur zwei Durchbruchsvarianten: maximale oder minimale Distanz zum Hauptwerk. Mike Patton macht seit vielen Jahren ersteres und klingt in keinem seiner Sideprojekte ansatzweise nach Faith No More. Karl Barthos macht ähnlich lang letzteres und klingt dabei genau wie Kraftwerk. Martin Gore wählt dann doch den Zwischenweg. Schon mit seiner Kollaboration MCMG hat der Keyboarder den Sound von Depeche Mode auf Minimal House gebürstet. Jetzt bringt er sein drittes Soloalbum heraus, und es klingt ein bisschen, als hätte man Dave Gahan geknebelt in heißes Wachs geworfen und beim Zappeln aufgenommen.

 

Zu nostalgischem Kellerclub-Industrial der späten Achtzigerjahre, schwitzt Martin Gore rustikalen Techno aus, als sei er auf einer der ersten Love-Parades hängengeblieben. Es muss allerdings gutes Zeugs gewesen sein, denn besonders die reduzierten Hallsequenzen überm treibenden Beat entfalten ungeheure Sogwirkung. Ursächlich sind dafür Elektroniker von JakoJako über Jlin bis Chris Liebing, denen er Remixe widmet, die mit Depeche Mode alles und nichts zu tun haben. Deren Ideenreichtum ist spürbar, mangels Gesang aber leicht vereinsamt – und dennoch tanzbar.

Martin Gore – The Third Chimpanzee (Mute)

Tropical Fuck Storm

Ob man den Namen eines Musiklabels buchstäblich auf dessen Bands anwenden sollte, sei mal dahingestellt, aber dass die australischen Harmonie-Zerstörer Tropical Fuck Storm ihr neues, viertes Album nun ausgerechnet bei Joyful Noise veröffentlichen, ist schon bemerkenswert. Dabei passt der zweite Namensteil noch wie Eisenträger auf Wellblech. Das Quartett aus Melbourne mit dem Drones-Gründer Garreth Liddiard an der Gitarre, macht ja seit Jahren schon eine Art Noise, der bis zum Tinnitus Schmerzgrenzen auslotet. Aber freudebringend?

Für Fans dystopischen Antipops auf jeden Fall! Der zottelige Hahn im Drahtkorb der Soundforscherinnen Fiona Kitschin, Lauren Hammel und Erica Dunn schreibt schließlich Stücke von so überfrachteter Gerissenheit, dass krasser Krautrock perfekt mit Punk Blues und Alternative Jazz disharmoniert. Deep States, das sich inhaltlich ziemlich originell mit den Abgründen zeitgenössicher Politik und Kultur befasst, mag zwar nichts für den Sommernachmittag im Schrebergarten sein. Nur – wer will das auch schon…

Tropical Fuck Storm – Deep States (Joyful Noise)

Villagers

Stichwort Sommernachmittag, Stichwort Schrebergarten, Stichworte Disharmonie und Abgründe: Wenn an einer Platte nichts zusammenzupassen scheint und doch alles ineinander übergeht wie Emulisionen aus Saft und Sahne – dann sind wir schnell beim irischen Singer/Songwriter Conar O’Brian und seiner absolut hinreißenden Folkpopband Villagers. Als würde er mit einer Kreuzfahrtschiff-Kapelle Zappa interpretieren, planscht die Band im Flachwasser des Easy Listening und wühlt es dennoch gehörig auf.

Schließlich fläzt sich das halbe Dutzend Bandmitglieder auf einer Bläserluftmatratze voller Saxofon-Kissen aus dem Höllenpfuhl der Achtzigerjahre, schmiert quietschbunte Keyboard-Cocktails mit öligen Orgeltupfen ein und fettet sogar noch den kratzigen Schmusegesang des Taktgebers so nach, dass Sommernachtmittage im Schrebergarten plötzlich sehr erstrebenswert scheinen. Mit dem richtigen Soundtrack. Diesem hier: Fever Dreams.

Vilagers – Fever Dreams (Domino)


Fritz Wepper: Schwiegersohn & Grantler

80wepper

Humor ist auch Selbstironie

Er ist Harry Klein und dessen Parodie, verhinderter Hollywoodstar und Schnulzenschauspieler, ewiger Schwiegersohn, alternder Dickschädel und für kurze Zeit angeblich rechtsradikal. Fritz Wepper (Foto ARD/Barabara Bauriedl) war schon immer von Vorurteilen bedroht, die er sich nicht selten selbst eingebrockt hat. Beim Gespräch über ältere Rollenprofile und falsche Ehrendoktorwürden aber zeigte er sich vor 15 Jahren aufgeschlossen und freundlich. Die Dokumentation eines alten Interviews zum 80. Geburtstag.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Wepper, Sie waren bis ins hohe Erwachsenenalter hinein auf den Typ juveniler Traumschwiegersohn abonniert, bis Sie plötzlich auf alternde Grantler und Dickköpfe gebucht wurden.

Ein bisschen. Das erklärt sich aus der professionellen Sicht des Schauspielers; man nennt es Charakterfach.

Das Fernsehen erweckt insgesamt den Eindruck, als übernähmen alternde Darsteller vor allem den halsstarrigen Part einer Geschichte.

Ich empfinde das nicht ganz so, aber wenn ich den lieben Gott oder den Teufel spielen sollte, dann doch lieber den Teufel. Nicht aus Sympathie For The Devil, der Förster vom Silberwald wäre mir jedoch zu glatt. Beim Faust würde mich der Mephisto mehr reizen. Es gibt Helden oder Bösewichter, dazwischen bewegt sich das klassische Theaterfach älterer Figuren mit mehr Lebenserfahrung als die Schwiegersöhne von damals. Das ist reizvoll, weil sie innerhalb der Geschichte Entwicklungen durchmachen. Sei es eine Läuterung, sei es ein Erfahrungsgewinn, meistens ausgelöst von Partnern oder in diesem Fall der Tochter.

Dickköpfigkeit ist also keine Frage des Alters, sondern der Biografie.

So würde ich das sehen. Ich habe ja im Film ein fortgeschrittenes Alter und stehe von einem Tag auf den anderen ohne Beruf da. Ein leidenschaftlicher Gärtner, der mit den Händen denkt, gern wachsen sieht und plötzlich von einem Großmarkt des amerikanischen Systems verdrängt wird. Das entspricht der Situation von vier Millionen Menschen in unserem Land. Wobei sich ja ein Silberstreif am Horizont abzeichnet. Dennoch zeigt sich, dass nicht jeder unbedingt seines Glückes Schmied ist und so ein sozialer Absturz in einer spätkapitalistischen Phase ist gar nicht so einfach.

Das spricht gegen den Titel Ein unverbesserlicher Dickkopf.

Der Titel ist okay, aber unverbesserlich klingt zu starrhalsig und Dickkopf zu stumpf, beschreibt er doch nur die Richtung der Figur, die ja ihre Chancen nutzt, dazuzulernen. Wenn man mit dem Kopf durch die Wand will, tut es spätestens bei der ersten Berührung weh.

Sie haben sich selbst als sturköpfig bezeichnet, weil sie im Gespräch – etwa mit Ihrer Tochter – gern auf ihrer Position beharren.

Aber das heißt ja nicht unbedingt stur. Unterschiedliche Ansichten sind nichts Verwerfliches; ein Herz und eine Seele zu sein, erklärt sich nicht darin, dieselben Gedanken zu denken, gerade wenn es sich um zwei Generationen handelt. Eltern verhalten sich zum Beispiel anders zu ihren Kindern als Großeltern, bei aller Liebe. Bei meiner Großmutter hätte ich im Bereich des Verträglichen alles tun können. Wie bei Freunden, wo man einen Riesenkredit hat, ihn aber gar nicht abhebt, ohne Druck, ohne erhobenen Zeigefinger. Eltern müssen strenger sein und ich bin immer noch das Kind meiner Mutter und nicht Fritz, sondern Fritzi. Die ist zwar 88 aber das bleibt so.

Eltern hassen Großeltern oft für deren Nachsicht mit den Enkeln.

Bei uns ist das nicht so und es ist ja auch kein Konkurrenzunternehmen. Meine Tochter geht einmal in der Woche mit meiner Mutter zum Essen und das finde ich als Vater toll. Deshalb sehe ich mich nicht als Dickkopf, wenngleich es wenig schmeichelhaft ist, sich belehren zu lassen. Auch im Alter bin ich lernfähig, wie im Golf, wo man sich immer verbessern kann.

Vor über 30 Jahren hatten Sie mal die Gelegenheit, sich beruflich zu verbessern: Nach der Rolle Cabaret stand Ihnen der Weg nach Hollywood offen.

Ich hatte eine Einladung zur Oscar-Verleihung und mein TV-Produzent hat mich nicht fahren lassen, was ich ihm heute noch übel nehme. Aber es gab eine Nachlese. Die MCA, Amerikas größte Agentur, eigentlich acht Anwälte, haben mir ein Stück am Broadway und zwei Filme angeboten. Das war im Mai 1972 und ich sagte, ich hätte noch einen Vertrag für dieses Jahr und eine Option aufs nächste. Ich bin so doof, ich halte meine Verabredungen immer ein, und die sagten nur: Okay, forget it. Das war der härteste Satz, den ich in meinem Berufsleben je hören musste. Damals war ich 31 und wäre selbst in dem Bewusstsein gern nach Hollywood gegangen, dass man keine Hauptrollen kriegt und meistens den Deutschen spielt.

Bereuen Sie es heute?

Nein, denn es war wie es war. Und echten Mutterwitz kann man ohnehin nur zuhause spielen. Auch die Körpersprache muss genetisch angewölft sein. Ich hätte nie an Walther Matthau und Jack Lemmon herangereicht.

Dafür muss man Muttersprachler sein.

Es ginge auch mit deutschem Akzent, aber die Selbstsicherheit, die professionelle Gelassenheit, kannst du nur bringen, wenn du dir der Mittel, deines Handwerks sicher bist. Die Sprache zu betonen, zu ironisieren, dafür musst du deiner Sprache absolut mächtig sein. Das ist eine Mentalitätsfrage.

Denken Sie heute manchmal an damals?

Ja, jetzt wo Sie es sagen (lacht). Nein, ich wache nicht nachts auf und grüble. Das ist abgehakt, auch wenn es eine knallharte Lektion bleibt: Forget it, kalt formuliert, aber that’s New York und die Branche und nicht drum rum geredet. Hier kriegst du ja den Mund manchmal nicht auf, weil dir so viel Honig um den Bart geschmiert wurde. Und ein bisschen mitspielen durfte ich danach ja auch noch.

Gab es andere Dinge, die Sie bereut haben. Etwa, so lange im Serienfach zu bleiben?

29 Jahre, um genau zu sein. Nein, denn ich hab ja zwischendurch was anderes gemacht. Außerdem gibt es viele Krimiformate, aber anscheinend haben wir die Frage, wo waren Sie letzte Nacht, besser gefragt als andere, sonst wären wir mit Derrick nicht in 102 Länder verkauft worden. Es gibt eben phänomenale Konstellationen wie mit dem Autor Herbert Reinecker. Es gab unlängst eine Fritz-Wepper-Nacht auf Premiere.

Ist nicht wahr?

Doch, mit Zwei Brüder, Derrick und der Persiflage von Harald Schmidt – Harry, hol schon mal den Wagen. Irrsinnig schmeichelhaft. Ich hab festgestellt, dass solche Serien eine ungemeine Präsenz bringen. Kollegen wie mein Bruder machen tolle Einzelfilme, aber diese Präsenz kriegt man sonst nirgends. Und dann ich hatte später auch noch großes Glück mit Um Himmels Willen, womit ich den Spagat geschafft habe von Harry zu Wöller, das war ein glücklicher Umstand. Es gibt in Deutschland Worte wie Häme und Neid, da kann ich mich doch glücklich schätzen, weiter gemacht zu haben.

Letzte Reue-Frage: Haben sie es bereut, kürzlich die Ehrendoktorwürde einer fiktiven Deutschen Nationalakademie mit Satzungspassagen aus Mein Kampf und dem NPD-Programm angenommen zu haben, die in Wahrheit das Magazin Tempo verliehen hatte.

Nein, denn das war eine ganz linke Nummer. Ich habe ja das Anschreiben gar nicht gelesen, sondern nur beim dazugehörigen Anruf gesagt, mich geehrt zu fühlen, so eine Würde angetragen zu bekommen. Das war Vorspiegelung falscher Tatsachen, die vor Gericht gehört. Wenn es da nicht einige Namen gegeben hätte, mit denen ich mich nicht verbünden wollte, hätte ich eine Gemeinschaftsklage vorgeschlagen. Eine ganz üble Falle, wodurch diese Zeitschrift womöglich sogar PR erzielt hat.

Müssen Sie sich nicht eine gewisse Unachtsamkeit und Nachlässigkeit vorwerfen?

Hören Sie, es war ein fünf Seiten langer Brief, der zudem zuvor telefonisch abgefangen wurde. Und so eine Doktorwürde klingt natürlich erst mal, obgleich ich skeptisch war. Es gab keine inhaltliche Auseinandersetzung, sondern nur eine Terminabsprache. Ich möchte mal Sie in so einem Fall erleben. Bei einem Terminvorschlag lese ich nicht fünf Seiten.

Hat die Sache Ihrem Ruf geschadet?

Nein, das war ein Rohrkrepierer. Was die sich erhofft haben, war verwerflich und hat nicht mal den Charme von Vorsicht Kamera, man müsste fast sagen: Vorsicht Presse!

Nun gut, der Gedanke dahinter war ja eher: Vorsicht Rechtsradikale! Sind wir da wirklich aufmerksam genug…

Aber das soll man doch bitte nicht auf diese Art herausfinden. Mit der Unwahrheit zu arbeiten ist nie sehr ruhmreich. Jeder fällt schließlich mal auf irgendwas rein. Wir sind da alle anfällig und da soll mir bloß keiner einen Strick draus drehen. Ich bin alles andere als rechtsradikal.

Sind Sie denn selbstkritisch? Der Zeichentrickversion von Derrick, dem Sie Ihre Stimme geliehen haben, gilt als Misserfolg.

Das empfinde ich nicht so. Ich war bei zwei Premieren dabei und es gab herzliches Gelächter und lang anhaltenden Applaus. Und dann muss man die Entstehungsgeschichte sehen: wir mussten unsere Texte sprechen, bevor die Bilder da waren, dann haben wir nochmals drüber gesprochen, bis es erneut gepolisht wurde. Aus dieser Perspektive war der Film ein Erfolg. Dass das erwartet große Publikum nicht kam, war etwas anderes. Kino ist eben nicht gleich Fernsehen, und viele, die Derrick gemocht haben, wollten ihn nicht verunglimpft sehen. Wir, Tappert und ich, hatten Abstand und Humor genug, uns zu karikieren.

War das der endgültige Abschied von Derrick?

Nein, das war die letzte Folge. Und mit viel Wehmut verbunden. Erinnern Sie sich an die Darstellung in Samstag Nacht? Horst Tappert meinte zu mir, Fritz, wir werden da verunglimpft, da meinte ich, Horst, wir werden wahrgenommen! Humor ist auch Selbstironie. Meine Mission des Humors, über den man trotzdem lacht, ist erfüllt.


Sebastian Kurz & Die Schläfer

TV

Die Gebrauchtwoche

9. – 15. August

Querdenkende, das hat Geradeausdenkende im ersten Pandemiesommer ebenso fasziniert wie erschüttert, können beim Volkssturm bedeutender Gebäude ganz schön viel Wirbel hervorrufen. Während sie die Objekte ihrer kleinen Machtübernahme auf der Reichstagstreppe tatsächlich ein bisschen ins Schwitzen gebracht hatten, herrscht nach der neuesten Besetzungsaktion allenfalls heitere Gelassenheit.

Anfang voriger Woche wollte ein Häuflein argumentationsresistenter Impfgegner*innen das Hauptquartier der honorigen BBC in London erobern, landete allerdings fünf Meilen davon entfernt in einem verwaisten Verwaltungsgebäude und pöbelten entsprechend vor verschlossener Tür. Klingt lustig, ist lustig, aber trotz und wegen der Dusseligkeit natürlich auch ein weiterer Beleg dafür, wie sehr die Pressefreiheit unter rechtem Beschuss steht. Teilweise regierungsamtlich.

In Österreich zum Beispiel ließ der angehende Autokrat Sebastian Kurz einen ORF-Direktor installieren, der zwar kein offizielles ÖVP-Parteibuch im Maßanzug hat. Seinem Ministerpräsidenten dürfte Roland Weißmann dennoch auch künftig treu ergeben sein und damit das fördern, was der leiwande Basti besonders mag: Servile Hofberichterstattung anstatt kritischem Journalismus. Obwohl – dafür brauchen deutsche Medien keine Regierungsintervention, im Gegenteil.

Die moralisch biegsame Bild hat ihr Rückgrat gerade ganz freiwillig Richtung rechtsaußen versteift und in Gestalt einer Titelseite („Wir wollen EINIGKEIT und RECHT und FREIHEIT“) fürs Ende aller Corona-Maßnahmen gefochten, das Dreiviertel aller Bundesbürger ablehnen. Wie nie zuvor hat der Springer-Verlag damit (vermutlich) unbezahlte Wahlkampfwerbung für die AfD geschaltet. Jener Partei also, die Deutschlands Demokratie gerne Diktatur schimpft, schlimmer als einst im Osten.

Die Frischwoche

16. – 22. August

Wie es dort wirklich zuging, belegt ein Blick auf den besten Neustart der Fernsehwoche. Ab Donnerstag zeigt Arte in Dreifachfolgen Die Schläfer, eine Dramaserie aus Tschechien, in der zwei Dissidenten den Albtraum stalinistischer Abwehrgefechte kurz vorm Mauerfall am eigenen Leib zu spüren bekommen. Ihr sechsteiliger Dreifrontenkrieg im erodierenden Ostblock ist allerdings nicht nur lehrreich, sondern auch sehenswert.

Das gilt eher aktuell als historisch auch für die norwegische Coming-of-Age-Serie Nudes, Untertitel: Nackt im Netz. Die ARD zeigt den Zehnteiler übers Phänomen, unser Privatleben für alle Welt sichtbar online auszubreiten, morgen ab 22.50 Uhr am Stück. Im Nachbarland spielt derweil die erste Staffel des deutsch-schwedischen Spionage-Thrillers Hamilton (montags, 22.15 Uhr ZDF) mit dem Untertitel für Doofe Undercover in Stockholm. Ohne Untertitel erbaulich scheint dagegen das belgisch-französische Krimikomödienformat Die Wache mit dem sehr unterhaltsamen Benoit Poelvoorde werden.

Das gänzlich unkomische, aber hochinteressante Terrorismus-Szenario Am Anschlag dagegen spielt ab Donnerstag (ZDF-Mediathek) in Wien, während die True-Crime-Fiktion Dr. Death um einen realexistierenden Scharlatan zeitgleich bei TV Now in den USA beheimatet ist. True Crime ohne Fiktion liefert Sky parallel mit der zehnteilige Doku-Reihe Exhumed um Morde, die erst durch Ausgraben der Opfer gelöst werden. Na ja. Oh ja, ist man dagegen immer geneigt zu sagen, wenn Nicole Kidman irgendwo mitmacht.

Bei der Amazon-Serie 9 Perfect Strangers aber kommt das schauspielerische Talent der Oscarpreisträgerin als New-Age-Coach ab Freitag nicht so recht zur Geltung. Ob die ähnlich tolle Sandra Oh in der #MeToo#BLM-Serie Die Professorin zur Geltung kommt, würde man an dieser Stelle ebenso gern sagen – allerdings gab es von Netflix wie so oft vorab nichts zu sehen. Und so darf man heute am meisten auf das neue Nachrichtenmagazin RTL Direkt gespannt sein, in dem Jan Hofer um 22.15 Uhr den Tagesthemen Konkurrenz macht.


Sølyst, Genetikk

Sølyst

21-solyst

Anfang der Neunziger, selbst Postpunk war seinerzeit schon wieder Retro, half Thomas Klein dabei, die elektronische Musik auf ein noch vertrackteres Niveau als am Kraftwerk-Standort Düsseldorf üblich. Man muss das wissen, um zu verstehen, wie der Schlagzeuger sein epochales Trio Kreidler an strukturierter Sperrigkeit noch überbieten konnte. Sølyst heißt sein Solo-Projekt, mit dem der Pionier bereits auf drei Alben Hörgewohnheiten strapazierte. Jetzt kommt mit Spring das vierte, und es ist der perfekte Soundtrack einer gleichsam dystopischen wie lethargischen Welt radikaler Veränderungen.

Durchdrungen von Drones und Bässen, verklebt von Synths und Samples, betrieben von Sequencer und Drumpatterns schichtet Thomas Klein Klangflächen in Moll übereinander und verdichtet sie mit hektischem Downbeat zu einer Welle schlechter Prognosen, aus denen man irgendwie Optimismus herauszuhören glaubt. Ständig hämmert jemand auf kaputtes Blech, dengelt es damit aber scheinbar glatt. Mit einer Portion gesunder Misanthropie im Gepäck wird daraus zukunftstauglicher Pop für die Nische und damit perfekt fürs abgesagte Regenfestival.

Sølyst – Spring (Buereau B)

Genetikk

21-gen

Dazu passt – unbewusst, versteht sich – der Titel des neuen Albums von Genetikk: Mass Destruction New Age, kurz MDNA, was natürlich nur zufällig an illegalisierte Aufhellungsdrogen erinnert. Anonyme Avatare ihrer selbst, pflegt das HipHop-Duo aus Saarbrücken seit zehn Jahren schon ein übellauniges Inkognito, rappen über die dampfende Kacke der Mehrheitsgesellschaft und entziehen sich damit Kategorisierungen von Gangsta bis Conscious. Wenn sie auf ihrer ungefähr zehnten Platte “Ich hab so viel Flow / ich lass Deutschrapper ertrinken” sprechsingen, ist das also auch eine Isolationsgeste.

Und was für eine. Denn auf Great Adventure MDMA mischen Kappa und Sikk wie immer vollverschleiert mit so furiosem Leck-mich-Gestus Harmonien in Schutt und Asche, dass selbst die vielen Streichersamples klingen wie ein Tinnitus – wenngleich ein sehr rhythmischer. Ungefähr so, als säßen Freundeskreis seit Jahren in der Gummizelle, scheppert das Album vor technoider Eleganz und klingt dabei gern so wie Industrial im Kiffermodus. Wem AggroB und Hamburger Politrap zu berechnend sind, findet im Saarland Bauchhöhlen-HipHop vom Feinsten.

Genetikk – MDMA (Outta This World)


Markus Lanz: Talkshow & Pandemie

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Wir kalkulieren nicht mit Krawall

Es ist noch keine sieben Jahre her, da galt Markus Lanz wahlweise als Kasper oder Streber, Nervensäge oder Langweiler. In der Pandemie allerdings hat sich der 52-jährige Südtiroler zur wichtigsten Stimme des Talkfernsehens entwickelt. Ein – vorab im Medienmagazin journalist – veröffentlichtes Gespräch über Sitzordnungen, Krisengewinnler, Katharsis und die Angriffshaltung der Cobra

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Lanz, erinnern Sie sich noch an Der heiße Stuhl?

Markus Lanz: Ja, klar. RTLPlus. Erst Ulrich Meyer, später Olaf Kracht. Die Provokation bestand darin, Politikern harte Fragen zu stellen und dann auch noch auf einer Antwort zu bestehen. Frechheit! (lacht) Später machte Uli Meyer dann Einspruch!, Norbert Blüm gegen Franz Schönhuber – da hat’s richtig geknallt. Einmal ließ er sich von Rainer Langhans das Leben in der Kommune1 erklären und kommentierte die Ausführungen abschließend mit dem Satz: „Ah, verstehe, erst Meditation, dann Penetration.“ Da blieb mir die Spucke weg. Aber das Original blieb Der heiße Stuhl.

Wobei er vom Publikum zumindest anfangs geliebt, vom Feuilleton hingegen verrissen wurde.

Ich spüre, worauf Sie hinauswollen.

Erst geht es um die Sitzordnung. Gibt es bei Markus Lanz auch einen heißen Stuhl, aus Zuschauersicht gleich rechts neben Ihnen?

(lacht) Das mögen manche so sehen. Wobei ich Ihnen Unions-Politiker nennen könnte, die genau dort sitzen wollen. Vermutlich, weil sie ahnen, dass man auf diesem Platz besondere Aufmerksamkeit erfährt.

Dafür aber auch Feuer unterm Hintern vom Moderator.

Als Gastgeber so herumzuzappeln, wie ich das manchmal mache, und dabei immer näher an den Gast heranzurücken, wirkt über den Bildschirm viel zu raumgreifend und verstößt eigentlich gegen jede Fernsehregel. Ich mache das unbewusst, aber ich brauche wohl diese Nähe zum Gegenüber.

Für den Energiefluss?

Vielleicht. Als Friedrich Merz das erste Mal direkt neben mir Platz genommen hatte, war ich beeindruckt von der Kraft, die dieser Mann ausstrahlt. Ich habe ihn dann ein bisschen provoziert und ihm prophezeit, er würde in seiner Partei ohnehin nichts mehr werden, man würde ihn einfach auflaufen lassen. Da schoss er wie eine Kobra nach vorne und meinte: Das wollen wir doch erstmal sehen! Bei Markus Söder vibriert die Luft genauso, ich mag das.

Woher nehmen Sie das Selbstbewusstsein, als gelernter Radiomoderator aus Südtirol ebenfalls die Cobra zu machen, um mit solchen Alphatieren auf Augenhöhe in den Infight zu gehen?

Empfinden Sie das so?

Sie wirken zumindest relativ angstfrei.

Das bedeutet aber keineswegs, keinen Respekt vor Alphatieren zu haben. Das hat auch damit zu tun, dass ich eben nicht der Meinung bin, die erste und zweite Reihe der deutschen Politik bestünde aus Leuten, die es nicht können – ganz im Gegenteil. Da sind viele sehr kompetente Menschen unterwegs, die aber häufig mit Widersprüchlichkeiten zu kämpfen haben, weil sie an bestimmten Stellen völlig quer zu ihrer Partei liegen wie etwa Winfried Kretschmann, der sich, wenn’s sein muss, als Grüner auch schon mal für den Verbrennungsmotor einsetzt. Um sie mit ihren Widersprüchen zu konfrontieren, begebe ich mich gedanklich in einen Tunnel und lasse es dann mithilfe einer gewissen Routine laufen.

Sie machen also nicht in ihrer rotgestrichenen Garderobe 15 Minuten Feueratem, um Kraft für den Kampf zu tanken?

Nein, natürlich nicht (lacht)! Ich treffe die Gäste ganz kurz vorher, dann geht’s direkt los. Interessant ist, dass die Profis unter Druck erst richtig gut werden. Mit Olaf Scholz zum Beispiel ging es vor einiger Zeit um die Cum-Ex-Geschäfte der Hamburger Warburg Bank, natürlich nicht sein Lieblingsthema. Wir haben das vorher angekündigt, und es hätte mich nicht überrascht, wenn eine Absage gekommen wäre. Doch Scholz stellte sich. Das ist nicht nur professionell, sondern zeigt auch, wie ernst er die Dialektik aus Politik und freier Presse nimmt. Die Aufgabe war die größte im deutschen Polittalk.

Nämlich?

Olaf Scholz dazu zu bringen, nicht wie Olaf Scholz zu gucken. Denn dann weiß selbst Olaf Scholz nicht mehr, was Olaf Scholz wirklich denkt. Er ist darin unschlagbar, weiß aber auch wie alle anderen, die bei mir sind, was auf sie zukommt.

Eine Streitkultur am Rande des Krawalls.

Nein, da gibt es offenbar ein Missverständnis über meine Rolle. Die besteht nämlich ganz simpel darin zu klären, was Reden einerseits und Handeln andererseits in der Politik für dieses Land bedeuten. Und wer es mit Floskeln versucht, muss damit rechnen, dass die Nachfrage kommt. Ich habe immer das Gefühl: Profis wie Malu Dreyer, Peter Tschentscher, aber auch ein Armin Laschet schätzen das sogar. Denn die wissen: Da draußen warten Erdogan, Putin, Trump. Es wäre anmaßend und lächerlich zu glauben, dass die mit mir nicht fertig werden.

Kitzeln Sie damit auch das Ego Ihrer Gäste?

Das müssten Sie die Gäste fragen, aber was wir immer wieder gespiegelt kriegen, ist: Ja, die Sendung ist manchmal unberechenbar und deshalb auch gefährlich. Auf der anderen Seite gibt es im deutschen Fernsehen kaum eine bessere Gelegenheit, mal auf so langer Strecke seinen Standpunkt klarzumachen. Ein intensives Gespräch mit Stephan Weil kann locker 40 Minuten dauern. Als ein anderer Gast neulich zu ihm sagte, „ich will sie nicht zu hart kritisieren, aber…“, da antwortete er nur lachend: „Machen Sie ruhig, ich bin hier anderes gewohnt.“ So lässig kann man das auch machen.

Sein Platz war wie bei Friedrich Merz tags drauf gleich rechts von Ihnen. Alice Weidel dagegen saß tags zuvor einen Stuhl weiter. Hat das mit ihrem Geschlecht zu tun? Weniger rauflustig ist sie ja nun nicht…

Nee, das hatte eher mit der restlichen Besetzung zu tun. Sie saß zwischen der Spiegel-Journalistin Ann-Katrin Müller und FDP-Generalsekretär Wolker Wissing.

Wenn man die Sitzordnung der vergangenen sechs Wochen sieht, saßen 21 Männer auf dem heißeren Stuhl, aber nur vier Frauen, die wiederum wohl den Platz neben Ihnen geräumt hätten, wenn Markus Söder oder Wolfgang Schäuble nicht nur per Video zugeschaltet worden wären. Ist das etwa kein geschlechterpolitisches Kalkül?

Wunder Punkt, den Sie da gerade berühren. Ich könnte jetzt sagen, das hat vor allem was mit Aktualität, Persönlichkeitsprofilen, Prominenz und so weiter zu tun. Die Wahrheit ist: es hat vor allem mit den Machtverhältnissen in unserer Gesellschaft zu tun, die nach wie vor mehr Männer als Frauen an die Spitze befördern. Das bedauere ich tatsächlich sehr. Mir sagen zwar selbst Frauen, sie möchten nicht über Quoten besetzt werden; aber wenn ich mir allein unsere Sendung so ansehe, würde ich sagen: vielleicht übergangsweise doch!

Zumal wir jahrtausendelang Männerquoten der Macht hatten, nämlich 100 Prozent.

Genau. Am Ende entscheidet die Redaktion organisch, wer wann kommt und wo genau sitzt. Wenn Sahra Wagenknecht eine gesellschaftspolitische Rollbombe auf den Weg bringt wie ihr letztes Buch Die Selbstgerechten, in dem sie von „Lifestyle-Linken“ spricht, dann ist klar, wo sie sitzt. Dann bauen wir um ein solches Thema herum schon mal die ganze Sendung. Trotzdem zwingt uns die Nachrichtenlage manchmal dazu, noch am Tag der Aufzeichnung Gäste ein- oder wieder auszuladen. Dann entsteht die Sendung beim Senden.

Was Ihre Vorbereitung nicht leichter machen dürfte…

Und ein Grund mehr ist, warum meine Stichwortkarten meistens unbenutzt neben mir liegen. Es hat lange gedauert, bis ich mich das getraut habe, aber ich habe irgendwann kapiert, dass man ein echtes Gespräch ja ebenfalls ohne Karteikarten führt…(lacht) Deshalb missfällt mir auch der Vergleich mit dem Heißen Stuhl. Da war nämlich manches offensichtlich gescripted. Wenn Ihr Eindruck ein anderer ist, akzeptiere ich das, aber wir wollen eben nicht holzschnittartig zuspitzen, sondern differenziert diskutieren. Ich glaube im Übrigen, dass die Leute genau das auch schätzen. Nur zur Erinnerung: Der heiße Stuhl wurde nach knapp 160 Folgen wieder abgesetzt, wir sind bei Folge 1540. Wir kalkulieren nicht mit Krawall.

Andererseits wäre es doch fast schon widernatürlich, wenn ein polarisierender Gastgeber wie Sie mit polarisierenden Gästen wie Merz oder Weidel nicht auch mal aneinander rasselt. Wie finden sie da die Balance zwischen Krawall und Diskurs?

Da haben Sie einen Punkt. Wichtig ist mir nur, dass es irgendwann in der Sendung immer auch den Moment der Erlösung geben muss.

Lanz’sche Katharsis.

Bei der jemand, mit dem ich vielleicht gerade noch im Sparring war, auch Zustimmung erhält. Oder wir lachen gemeinsam, Humor ist ganz wichtig. Und es geht darum, dem Gegenüber klarzumachen: Ich verstehe, was Dich treibt. Jeder hat etwas, das ihn wirklich bewegt. Es geht darum, diese Punkte zu finden.

Punkte oder wunde Punkte?

Egal, es geht um die intrinsische Motivation ihres Handelns. Um es mal mit meiner eigenen Küchenpsychologie zu sagen: Wer das Gefühl hat, gesehen zu werden, wird offener. Jemanden wie Friedrich Merz in die Chauvi-Kiste zu stecken, ist einfach und wohlfeil. Ich finde es spannender, bei aller Kritik, die man an seinen Positionen haben kann, zu zeigen, dass er eben kein Chauvi ist.

Ach!

Das kann man daran sehen, wie respektvoll er hinter den Kulissen mit Frauen umgeht. Und es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn sich die Tatsache, dass der Rest seiner Familie aus vier Frauen besteht, nicht irgendwie aufs Weltbild auswirkte, oder?

Privat kein Chauvinist zu sein, schließt allerdings nicht aus, chauvinistische Politik zu machen, die sich bei ihm gerade stark um seinen Kampf gegen das Gendern richtet.

Da macht er sich definitiv angreifbar. Aber interessanter ist die Auseinandersetzung mit ihm doch beim Thema Klimaschutz, wo er unverdrossen behauptet, der Markt regle schon alles – und das, obwohl Joe Biden ausgerechnet den Turbokapitalismus in den USA gerade auf eine Art ökologische Planwirtschaft umstellt. Noch interessanter finde ich allerdings etwas ganz anderes.

Na?

Wie redet man mit Leuten, die im Grunde auserzählt sind? Die jedes Argument bereits kennen und das Gegenargument sowieso? Die also komplett druckfest sind? Deshalb ist der Stuhl neben mir am Ende vielleicht doch entscheidend. Da ist der Druck höher als zwei Stühle weiter, man bringt die Leute auf dem Weg zur Selbstentlarvung zumindest ab und zu aus dem Tritt. Wird im Fernsehen jeden Tag gelogen, dass sich die Balken biegen? Auch nicht mehr als woanders… (lacht). Aber wenn es zumindest gelegentlich mal einen Augenblick der Wahrhaftigkeit gibt, freue ich mich.

Haken Sie in solchen Augenblicken Strichlisten ab, welche Politiker sich mit welcher Sache selbst entlarvt haben?

Keine Strichlisten, aber eine Form professioneller Genugtuung, wenn sich zeigt, dass jemand rumeiert wie Friedrich Merz zuletzt bei Fragen zu Hans-Georg Maaßen. Übrigens interessant, wie unterschiedlich die Leute reagieren, wenn sie unter Druck geraten. Olaf Scholz zum Beispiel wird dann plötzlich lustig oder nennt Friedrich Merz einen Waschlappen. Solche Kleinigkeiten erzählen was und zeigen den Zuschauern, wen genau sie eigentlich wählen.

Wobei Sie das im Grunde gar nicht als Moderator, sondern Interviewer tun.

Lieber wäre mir noch: Gesprächsleiter.

Ihr Kollege Micky Beisenherz hat Sie in der Süddeutschen Zeitung „Deutschlands schönste Grillzange“ genannt.

Schreiben Sie so was im Jahr 2021 mal über eine Frau! Das gäbe direkt Ärger – und zwar völlig zu Recht.

Ist in ihrem Fall aber gleich doppelt schmeichelhaft.

Als jemand, der seit Jahren schon interessante Formulierungen von Journalisten und in wachsender Zahl auch von Journalistinnen sammelt, fand ich es vor allem einfach lustig und originell.

Gelegentlich verheddert sich die Grillzange jedoch in der glühenden Kohle. Immer dann nämlich, wenn Sie hart fragen, aber die Antwort mit Nachfragen unterbrechen und den Gesprächsfluss so stoppen. Ist das Ihrer Anspannung geschuldet?

Nein, das ist Inkompetenz.

Sie kokettieren.

Leider nicht. Ich bin wie eingangs erwähnt mit meiner Art zu reden, zu gestikulieren, zu sitzen, zu sein fürs Fernsehen eigentlich völlig ungeeignet. Um noch ein bisschen damit weitermachen zu dürfen, muss ich mich daher gelegentlich selbst überprüfen.

Durch intensives Videostudium Ihrer Sendungen?

Im Gegenteil: ich sehe mir nichts von mir an, niemals. Ich ertrage das nicht. Wenn ich irgendwo auftauche, schalte ich sofort um.

Weil Sie etwas sehen, das Sie nicht an sich mögen?

Zum einen, weil ich mir die Erinnerung an die Situation nicht kaputt machen möchte. Vor allem aber, weil ich mich nicht kontrollieren will. Wie sehen Sie mich denn am Bildschirm?

Sie haben so was Raubkatzenartiges, immer zum Sprung bereit, dadurch aber auch auf gelegentlich unangenehme Art nervös, beinahe gehetzt. Dazu ihr abgeknickter Zeigefinger, mit dem Sie auch jetzt hier im Interview gerne fuchteln…

(lacht) Immerhin abgeknickt, nicht ausgestreckt. Die ehrliche Antwort ist: das mit dem ausgestreckten Zeigefinger hab‘ ich mir bewusst abgewöhnt. Über alles andere denke ich nicht nach und übe schon gar nichts ein. Wer anfängt, sich zu beobachten, fängt bald an, sich zu kontrollieren. Und um ein Modewort der Selbstoptimierungsgesellschaft zu benutzen: dann ist man nicht mehr bei sich oder, schlimmer noch, authentisch. Wer ständig seine eigene Projektionsfläche ist, wird irgendwann auch sein eigenes Klischee. Das möchte ich nicht. Meine Mutter sagte früher allerdings öfter zu mir, Junge, leg doch deine Stirn nicht immer so in Falten. Inzwischen hat sie aufgegeben.

Typische Klugscheißer-Mimik.

Aber auch die ist nicht antrainiert, ich kann das nur so. So guckte auch schon mein Vater. Am Anfang meiner Karriere dachte ich gar, die schmeißen mich deswegen raus – verrückt! Wenn man nicht ist wie Thomas Gottschalk, nämlich die völlige Abwesenheit von Komplexen, dann hilft nur eins: sich mit Anlauf an dieser Diskussion vorbei ins Wasser werfen. Sonst kommt man ins Grübeln und verliert den Spaß.

Sie haben Spaß an Ihrer Sendung?

Ja, was denn sonst? Sonst würde ich das Ganze doch nicht machen! Wer wie ich seine Eigenarten und Marotten vor der Kamera ausstellt, macht sich angreifbar, am Ende also verletzlich. Hätte ich dabei keinen Spaß, würde ich mir das ersparen, glauben Sie mir.

Aber wie verhindert man, dass Ihre Art – also alles von den Marotten bis zur unterbrechenden Hartnäckigkeit – selbstreferenziell wirkt?

Indem ich vorher darüber nachdenke, an welchem Punkt ich mir beides besser verkneife. Mit Schaum vorm Mund einen AfD-Vertreter zu zerlegen, kann böse nach hinten losgehen. Das ist erwartbar, vielleicht sogar ein bisschen billig. Mein Partner Markus Heidemanns ist nicht nur in dieser Hinsicht sehr, sehr wichtig für mich. Wir tauschen uns oft darüber aus und versuchen, wann immer es geht, gegen das Klischee zu bürsten. Deshalb war das Gespräch mit dem FDP-Generalsekretär aus meiner Sicht sogar härter als das mit Alice Weidel in derselben Sendung.

Weil der sich als Liberaler neben einer Rechtsradikalen vor Angriffen sicherer fühlt?

Vielleicht. Seiner Lockdown-Kritik konnte der Epidemiologe Timo Ulrichs einfach sehr fundiert widersprechen. Was Alice Weidel angeht: Ich würde Ihrer Einschätzung widersprechen. Frau Weidel ist sehr widersprüchlich: politisch extrem konservativ, privat ganz anders. Und, ja, sie hat Sachen gesagt, die klar rassistisch und nicht akzeptabel sind. Aber ist sie wirklich eine Rechtsradikale? Was sie macht, ist: Sie setzt mit voller Absicht Punchlines, um zu provozieren. Und wenn es sich dann im Kreis dreht, werde ich so nervös, wie Sie es gerade geschildert haben. Wer Sendezeit verschwendet, macht mich ungeduldig.

Gibt es Momente, in denen Sie es sich verbieten, sich einfach mal locker zurückzulehnen und damit Druck vom Kessel zu nehmen?

Ja, die gibt es, denn manchmal möchte man sein Gegenüber nicht in Sicherheit wiegen. Die Momente, in denen ich ruhiger werde, sind die, in denen jemand ein Argument vorträgt, das ich so noch nie gehört habe. Dann höre ich einfach erst mal entspannt zu.

Haben Sie beim Gegenüber eine Präferenz zwischen Raufbold und Gesprächspartner?

Das ist zwar ein bisschen tagesformabhängig, würde aber auch wieder unterstellen, mir ginge es um den Krawall, nicht die Sache. Vielleicht so: Als Kind kleiner Leute werde ich manchmal etwas ungeduldig, wenn Kinder größerer Leute zu abgehoben, zu selbstreferentiell, zu sehr aus dem Elfenbeinturm heraus argumentieren.

Sagen Sie deshalb Dinge wie „das interessiert mich jetzt als Bürger dieses Landes“?

Ja. Ich habe darüber viel gelernt auf meinen Reportage-Reisen. Vor allem 2016 in die USA, kurz vor der Wahl Donald Trumps. Da wurde allen, die dabei waren, das erste Mal wirklich klar, wie tief die Gräben zwischen Arm und Reich, aber auch zwischen Stadt und Land und vor allem zwischen Gebildet und Ungebildet mittlerweile sind. Ein Jahr später bin ich dann auf einer Reise durch Deutschland zu meinem großen Erstaunen auf ähnliche Phänomene gestoßen. Wer das als Journalist nicht versteht, verliert den Anschluss an die eine oder andere Seite. Das will ich um jeden Preis vermeiden.

Haben Sie bei Subjekten der Macht wie dem Intensiv-Pfleger Ricardo Lange daher größere Beißhemmungen als bei Objekten wie Friedrich Merz, der Ihnen drei Stühle näher saß?

Einen Friedrich Merz muss man schon deshalb härter angehen, weil er sonst unter Umständen zu lange redet… (lacht) Im Ernst: Merz ist medialer Vollprofi, der eine Nebelkerze nach der anderen wirft, wenn man nicht aufpasst. Dem begegne ich natürlich anders als einem Mann wie Ricardo Lange, der nicht jeden Tag vor einer Kamera sitzt. Mich hat bewegt, was er berichtet hat, ehrlich und direkt. Den eigentlichen Gänsehaut-Moment hatte ich aber nach der Sendung, als er erzählte, dass manche COVID19-Patienten noch im Sterben behaupten, Corona sei nur eine Erfindung.

Puh… Diskutieren Sie lieber mit Laien oder Profis?

(Schweigt lange)

Anders gefragt: Wo spielen Sie Ihre Kernkompetenzen besser aus – im mitfühlenderen Gespräch wie einst Kollege Beckmann oder im investigativeren wie jetzt Kollegin Will?

Idealerweise spielt man in meiner Position die ganze Klaviatur und vermeidet dabei, bloß Erwartungen erfüllen zu wollen – entweder als harter investigativer Hund oder als sanfter mitfühlender Menschenversteher. Das Gleiche gilt allerdings für meine Gäste. Ich will in jedem Fall etwas erfahren. Von wem genau, ist dabei gar nicht so entscheidend. Jeder hat eine Geschichte.

Erinnern Sie sich noch an jene Hinrichtung, durch die Ihre Sendung von der gefälligen Plauderei mit Wendler-Effekt zur konfrontativen Talkshow mit politischen Topstars wurde?

Falls Sie Sarah Wagenknecht vor sieben, acht Jahren meinen: das war keine Hinrichtung.

Dafür alle gegen eine und nicht durchweg über der Gürtellinie.

In der Presse war sogar von „Blutrausch“ die Rede! Aber wer sich die Sendung heute ansieht, wird sie womöglich für vergleichsweise unspektakulär halten. Der damalige Stern-Chef Ulrich Jörges war vielleicht wirklich etwas auf Krawall gebürstet, aber ich mochte Frau Wagenknecht damals, ich mag sie heute, wir haben uns nach der Sendung bei aller Irritation die Hand gegeben. Sie gehört zu den wenigen, die man zu jeder Tages- und Nachtzeit anrufen könnte, und sie würde zu fast allem etwas wirklich Fundiertes beitragen können.

Sie sind ja richtiger Fan!

Eher voller Respekt für Ihre Sachkenntnis und Recherchen, aber auch für ihre Gabe, wirklich gute Texte zu schreiben und Dinge auf den Punkt zu bringen. Die Sendung, die Sie beschreiben, fiel übrigens in die Zeit, in der es ohnehin sehr en vogue war, mir wegen Wetten, dass…? so richtig eins überzubraten. Sahra Wagenknecht hat da nicht mitgemacht, weil sie zunächst mal unvoreingenommen an Dinge herangeht.

Gleichwohl hätten Sie damals das sein müssen, was Ihnen weit weniger liegt, nämlich Moderator zwischen Jörges und ihr.

Stimmt. Aber mein Punkt war die Präambel des linken Programms. Darin stand sinngemäß, die EU sei eine Militärdiktatur. Das als Partei zu behaupten, die mit ihrer eigenen diktatorischen Vergangenheit nie richtig aufgeräumt hat, habe ich ihr vorgehalten. Was dann folgte, war – übrigens auch mit Blick auf Gleichberechtigung: eine Frau gegen zwei Männer – sicher nicht das Innovativste, was wir je gemacht haben. Aber interessanterweise flog dieser EU-Satz kurz darauf klammheimlich aus der Präambel.

Macht Markus Lanz Politik?

Nein, aber es wäre doch toll, wenn das gute alte Fernsehen öfter mal wirklich etwas bewirken könnte. Damals erschien mir das so – und das auf dem Höhepunkt meines Tiefpunktes.

Wenige Wochen später war der dann damit vollendet, dass Sie mit Wetten, dass…? ein bundesdeutsches Kulturgut beerdigt haben. Was hat der Entertainer davon mit in den Hauptberuf als politischer Journalist genommen – eine gewissen Shitstorm-Resilienz?

Vermutlich. Es gab Schlagzeilen, die waren echt hart. Die härteste lieferte wenig überraschend die Bild-Zeitung: „Halt die Fresse, Lanz!“

Na ja, die Bild-Zeitung

Was es nicht weniger verwerflich macht. Das war Steinigung vom Sofa aus. Wer solche Erfahrungen macht, wird in beide Richtungen misstrauisch. Lob und Tadel, das habe ich gelernt, sind immer ebenso subjektiv wie vergänglich und nähren das Bedürfnis, den Durchschnitt zu leben.

Heißt das, Sie wollten einerseits vom Streber-Image weg, dass Ihnen als Talkshowmoderator anhaftete, andererseits vom Kasper-Image der Samstagabendshow, um ein wenig feuilletonistischer zu werden?

Unterbewusst vielleicht. Von da an wollte ich jedenfalls seltener Kompromisse machen, sondern mit dem Erfolg haben, was ich wirklich machen möchte – notfalls um den Preis, aufzuhören. Ich habe mir irgendwann mal vorgenommen, mit 50 als Skilehrer für fitte Senioren in den Dolomiten zu arbeiten; das war damals näher denn je. Jetzt bin ich knapp über 50 und denke, Gott sei Dank habe ich es nicht gemacht. Ich hätte sonst die besten Jahre meines Lebens verpasst.

Müssen Sie sich manchmal kneifen, um zu glauben, dass Sie vom Publikum grad gleichermaßen gewürdigt werden wie vom Publikum?

Schon (lacht). Eigentlich muss man sich im Fernsehen immer entscheiden, ob man vom Feuilleton oder vom Publikum gemocht werden will. Deshalb löste eine gute Kritik in der Süddeutschen früher bei RTL oft Alarm aus, nach dem Motto: Vorsicht, die finden das gut, wir werden bald abgesetzt… (lacht). Und umgekehrt galt: je schlechter die Kritiken, desto besser die Quote. Dass bei uns momentan beides möglich zu sein scheint, hat aber deutlich mehr mit dem Krisenkontext zu tun als mit meiner vermeintlichen Begabung, Massen- und Hochkultur miteinander zu versöhnen. Außerdem ist Fernsehen wie kaum ein anderes Feld Teamwork. Beim Radio war ich damals auf mich selbst zurückgeworfen, also alleiniger Herr des Verfahrens. Markus Lanz ist ohne Team gar nichts; deswegen sage ich in der Sendung auch meistens „wir“ und nicht „ich“.

Dass sollten Stürmer nach sechs Toren im Finale auch sagen…

Trotzdem ist es mehr als eine Höflichkeitsfloskel. Als Team machen wir ja nicht nur gute Zeiten gemeinsam durch, sondern auch die harten. Es gab Moment, da musste man sich mehr oder weniger dafür entschuldigen, bei mir zu arbeiten. Deswegen freut es uns alle, dass sich der Wind irgendwie gedreht hat. Die Redaktion versorgt mich perfekt mit Dossiers aus einem dicht gesponnenen Netzwerk heraus, die ich für eine optimale Vorbereitung brauche.

Ein bisschen vom früheren Streber ist also noch vorhanden.

Ach Streber – Sie würden es mir doch noch viel mehr vorwerfen, wenn ich dreimal pro Woche schlecht vorbereiteten Schrott abliefern würde. Im Grunde basiert das ganze Geschäft noch immer auf der alten Showbusiness-Weisheit von Rudi Carrell: Wenn Du ein Ass aus dem Ärmel ziehen willst, musst Du vorher eins reinstecken.

Sie machen Showbusiness?

Mit Informationen, die meine Redaktion und ich wirklich aufsaugen. Wir sind Faktenfresser, die ihre Köcher mit möglichst vielen Pfeilen füllen. Im Unterschied zu Formaten geschätzter Kollegen wie Maybrit Illner oder Frank Plasberg, deren Konzepte auf exakter Orchestrierung beruhen, feuern wir aber nicht zwingend alle ab, sondern lassen es situativ wachsen.

Passt Markus Lanz also deshalb so gut zur Pandemie, weil auch die keinem Konzept zu folgen scheint, sondern ihr Wesen manchmal minütlich verändert?

Der Gedanke gefällt mir.

Sind Sie ein Krisengewinnler?

Das Wort würde ich angesichts dieses globalen Desasters wirklich gerne vermeiden. Wir alle haben in dieser Pandemie verloren. Aber die hohe Frequenz unserer Sendung hat uns sicher dabei geholfen, größere Bedeutung zu erlangen. Im Grunde funktionieren wir eher wie Netflix-Serien, die mit Cliffhangern von Folge zu Folge gehen, deren Inhalt sich komplett wandeln kann. Ein gutes Beispiel dafür ist Karl Lauterbach. Wir haben uns früh entschlossen, Experten wie ihn konsequent zu Wort kommen zu lassen.

Wann genau?

Ende Januar 2020, eine Sendung mit SPD-Schwerpunkt, in der er auf die Bemerkung eines Gastes hin, das neue Virus aus China werde uns nicht so richtig betreffen, plötzlich meinte: Da muss ich massiv widersprechen, das wird ein Fiasko. Da schluckten erstmal alle – auch im Publikum.

Publi… was?

Echte Menschen im Studio (lacht). Daran kann man sich kaum noch erinnern, oder? Dass wir seither ohne Zuschauer senden, hat übrigens etwas sehr Nachhaltiges bewirkt: Den populistischen Ausfallschritt für den schnellen Applaus traut sich heute kaum noch einer.

Aber sie werden, sobald es möglich ist, wieder vor Publikum talken?

Ganz ehrlich? Keine Ahnung! Aber ich persönlich würde es lassen. Die Stille im Studio hat die Sendung intensiver gemacht. Und ich glaube, es hat uns dabei geholfen, eine Instanz zu werden, die kurz vor Mitternacht noch einmal das oft verwirrende Geschehen des Tages einordnet.

Sind Sie mit dieser Sendezeit also zufrieden oder sehnen sich wie alle Entertainer nach der Primetime?

Ehrlich gesagt, nein. Ich habe mich – auch nicht vor, nach oder während Wetten, dass…? – je danach gesehnt, um Viertel nach acht die Showtreppe runterzulaufen. Schon deshalb fühle ich mich am späten Abend so gut aufgehoben. Einzige Einschränkung: Wir werden da manchmal unglaublich herumgeschoben. Es kann sein, dass wir an einem Dienstag um 22.45 Uhr anfangen und am Dienstag darauf zehn vor zwölf. Diese sehr spezielle ZDF-Schnitzeljagd sorgt nicht nur bei der Redaktion gelegentlich für Frust, sondern auch bei denen, um die es geht: den Zuschauern. Wer eine Sendung kaputtprogrammieren will, nimmt ihr jede Verlässlichkeit. Ich würde aber andererseits vermuten, dass das ja eigentlich nicht gewollt ist.

Auch der Hauptabend wird halt von Aktualität geprägt…

Trotzdem kriegen die Kollegen im Ersten komischerweise ein verlässliches Sendeschema hin. Ähnliches gilt übrigens für Dokumentationen, für die die Autorin Silke Gondolf, das Kamerateam und ich oft viele, viele Wochen arbeiten und auch hohe gesundheitliche Risiken eingehen wie jüngst in Schweden. Diese Dokus laufen meist sehr erfolgreich, und viele Zuschauer fragen sich: Warum sendet man so etwas nachts um halb zwölf, während um 20.15 Uhr der Currywurst-Test läuft? Ich habe keine Antwort darauf.

Vielleicht, weil jüngere Menschen Ihre Sendung ohnehin in der Mediathek sehen?

Mag sein. Aber ehrlich: Da könnte man sich dann ja auch den Currywurst-Test anschauen. Warum sind eigentlich immer wir die aus der Mediathek?! (lacht)

Zitieren Sie da gerade aus Debatten mit der Programmdirektion?

Das haben Sie gesagt. Aber letztlich sind wir wie Wasser und finden unseren Weg zum Publikum.

Dasselbe gilt, um ein letztes Mal Wetten, dass…? anzusprechen, für Thomas Gottschalk. Können Sie sich vorstellen, wie er irgendwann wieder Radio zu machen, womit sie einst ja angefangen haben, bis Sie ihr Sender in Hamburg dafür rausgeschmissen hat, unangemeldet Ihren Protestsong „Fuck Chirac“ gespielt zu haben?

Wir liebäugeln zumindest mit dem artverwandten Thema Podcast. Zumal unsere Sendung in Struktur, Zusammensetzung und Länge abzüglich der Bewegtbilder gar nicht so weit davon entfernt ist. Wir entwickeln zurzeit eine charmante Idee mit Richard David Precht.

Also nicht Radio Südtirol?

Nee. Irgendwann werde ich die Studiotür verlassen und nie wieder zurückgehen, um etwas völlig anderes zu machen.

Ökobauer auf der Seiser Alm?

Sie lachen, aber das ist konkreter als Sie denken. Vorher will ich aber noch was anderes sein: Reporter. Einfach nur Reporter.


Bruchs Feixen & Denzels Sohn

TV

Die Gebrauchtwoche

2. – 8. August

Am Freitag ist es offenbar so weit: Dann schluckt der drollige Unterhaltungssender RTL ganz offiziell den honorigen Presseverlag Gruner + Jahr. Komische Vorstellung. Als würde ein Kind seine Eltern adoptieren oder Hunde ihr Herrchen aus dem Tierheim holen. Weil die Fusion Synergie-Hoffnungen renditeorientierter Medienmanager folgt, fürchten Brancheninsider kaum zu Unrecht massiven Personalabbau auf beiden Seiten.

Bertelsmann-CEO Rabe mit dem urdeutschen Vorstandsstandardvornamen Thomas nennt das Fusionsergebnis zwar ein „journalistisches Powerhouse mit der Inhalte-Kompetenz von mehr als 1500 Journalistinnen und Journalisten“. Deren Seriosität allerdings dürfte schon deshalb gehörig leiden, weil künftig der Ballermann-Kanal und seine rotzfrechen Töchter die Tonlage vorgeben – um den Streamingdiensten Paroli zu bieten, aber auch der öffentlich-rechtlichen Konkurrenz, die endlich mal positive Nachrichten und dann auch noch in eigener Sache verkünden durfte.

Das Bundesverfassungsgericht hat die Erhöhung der Rundfunkgebühr um lausige 86 Cent nicht nur für rechtens, sondern zwingend geboten erklärt, und die Blockadehaltung der sachsen-anhaltinischen, also maximal rechtspopulistischen CDU im gleichen Atemzug für illegal. Zeit also, das Einstimmigkeitsprinzip der Bundesländer zu überarbeiten, damit Landesregierungen künftig nicht wieder Wahlkampf zu Lasten der Pressefreiheit betreiben.

Umso mehr sollte sich die Milliarden-Empfängerin ARD vielleicht mal dazu durchringen, sich offen von Volker Bruch zu distanzieren. Gut drei Monate nach seiner Schmutzkampagne #allesdichtmachen hat der Verschwörungsmystiker, im Nebenberuf Schauspieler, nämlich längst alle Distanz zum rechten Rand abgelegt und zeigte sich feixend mit dem Querdenker Anselm Lenz und dessen demokratiefeindlicher Propagandapostille Demokratischer Widerstand. Zeit also, die Sky-Serie Babylon Berlin, an der Bruch gerade arbeitet, zu boykottieren.

Zuschauerboykotte standen auch angesichts der Olympischen Spiele im Raum, die das IOC gegen jede (epidemiologische, nicht kapitalistische) Vernunft in Tokio durchboxte. Am Ende waren es aber auch ohne Publikum inspirierende 17 Tage – deren Übertragung bei ARD und ZDF der Rechteinhaber Discovery angesichts der miserablen Einschaltquoten bei Eurosport 2024 womöglich nochmals überdenken könnte…

Die Frischwoche

9. – 15. August

Nun also, nach zwei Wochen sportlicher Druckbetankung, wieder zurück zum televisionären Normalbetrieb. Wobei Normalbetrieb einerseits bedeutet, dass die 1. Bundesliga am Freitag bei der Neuauflage von ran Sat1 Fußball mit dem Klassiker Gladbach-Bayern auf den Bildschirm zurückkehrt. Andererseits gibt es nur vergleichsweise wenig neue Streamingformate von Belang. Die Familienserie Heels jedenfalls, die ab Sonntag bei Starzplay im amerikanischen Wrestler-Milieu spielt, ist jedenfalls eher Durchschnitt.

Originellere Unterhaltung liefert hingegen das paranoide Action-Drama Beckett. Denzel Washingtons Sohn John David einen Griechenland-Touristen zeigt, der in ein politisches Komplott verwickelt, das ihn im Laufe von anderthalb Stunden ab Freitag zu einer Art Bruce Willis im Hostel-Modus für Hitchcock-Fans bluten lässt, also von Verfolgungsjagd zu Verfolgungsjagd ein bisschen mehr versehrt.

RTL zeigt uns zeitgleich mit der dümmlichen Tiershow Top Dog Germany oder drei Tage zuvor in Gestalt der zynischen Kuppel-Sause Schwiegertochter gesucht, worüber die G+J-Zeitschriften von Brigitte bis Stern bald positiv zu berichten genötigt sein könnten. Da kann man eine Rom-Com wie Mich hat keiner gefragt (Donnerstag, 20.15 Uhr, ZDF) in der Maike Droste die feministische Mutter einer konservativen Tochter spielt, fast schon wieder loben.


Erdogan Atalay: 25 Jahre Cobra 11

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Die Welt retten und dabei draufgehen

Genau 25 seiner 54 Jahre fährt Erdoğan Atalay (Foto: Gordon Mühle) aus Hannover bei RTL Autos zu Schrott. Ein Jubiläumsgespräch übers Erfolgsgeheimnis von Cobra 11, wie viel Realität drinstecken darf, was die Endlosserie zur Diversität beiträgt und wie er abtreten will, falls es nach der 26. Staffel, die heute beginnt, womöglich nicht weitergeht.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Atalay, wissen Sie, wie viele Autos in 25 Jahren Cobra 11 geschrottet wurden?

Erdoğan Atalay: (lacht) Tausende. Die Zahlstelle weiß da vermutlich näheres. Ich nicht.

Wissen Sie denn, wie viele Verbrecher Ihre Figur Semi Gerkhan erschossen hat oder in Gefahr war, selbst draufzugehen?

Keine Ahnung, aber wenn man zusammenzählt, dürfte er nach fast 400 Fällen der effizienteste Killer der Geschichte sein. Immerhin waren seine Opfer stets die Bösen. Und das Besondere an Serienhelden wie meinem ist ja: wenn die Guten getroffen werden, genesen sie bis zur nächsten Folge.

Normale Polizisten wären entweder in psychiatrischer Behandlung oder tot. Was bewahrt Semi Gerkhan realistisch betrachtet vor beidem?

Das Wissen, im Recht und meist ohne Alternative gehandelt zu haben. Anfangs habe ich ihn tatsächlich noch so gespielt, dass er Probleme mit der Gefahr für sich und andere hat. Mittlerweile pflastern so viele Leichen seinen Weg, dass wir Cobra 11 in Semis Traumata umbenennen müssten, wenn ihm das allzu naheginge. So ein alter Hase wie er hat zu viel auf dem Kerbholz, um alles an sich ranzulassen. Das zu thematisieren, wäre nicht Ziel unserer Serie.

Was ist dann ihr Ziel?

Entertainment. Punkt (lacht).

Das sich bei aller Unterhaltsamkeit in der Realität abspielt. Wie viel davon darf, wie viel muss so seine Serie enthalten, um weder Fantasy noch der Tatort zu sein?

So viel wie nötig, so wenig wie möglich. Schließlich gibt’s noch nicht mal eine Autobahnpolizei in der Form, wie wir sie spielen. Was in der Realität auf 1000 Abteilungen verteilt wird, macht Cobra 11 ja im Alleingang – bis hin zur Entschärfung von Atombomben.

Geil!

Nicht wahr? Es ist eine Mischung aus Fantasy und Tatort, die sich an der Realität orientiert, aber nicht widerspiegeln will. Was im Gegensatz zur Action allerdings unbedingt authentisch sein sollte, sind die Emotionen der Beteiligten. Und da sind wir definitiv erwachsener geworden, erdiger als früher, wo sich alles den Stuntszenen unterordnen musste.

Warum dieser Wandel? Das alte Konzept war doch erfolgreich.

Das hat mit den Neunzigerjahren zu tun, in denen unser Konzept halt funktionierte. Aber auch damit, dass wir mit dem Personalwechsel der 25. Staffel angesichts der horizontalen Entwicklung am Streamingmarkt den großen Cut wollten, anstatt uns zu wiederholen. Außerdem sind lange Serien wie Persönlichkeiten: die verändern sich mit dem Alter auch. Und wer uns von Anfang an begleitet, wird mir zustimmen, dass sich kaum eine andere mehr gewandelt hat.

Ach.

Ja! Schon durch die ständigen Wechsel meiner Partner kamen immer neue Einflüsse, die das Publikum mitbekommen hat.

Ein Publikum, dass überwiegend aus Männern bestehen dürfte.

Wir waren halt eine testosterongesteuerte Vereinigung (lacht).

Wie reagiert diese Stammkundschaft, dass Ihr Kollegium diverser wird – zum türkischstämmigen Chefermittler gesellen sich ja nicht nur ein Rollstuhlfahrer, sondern mittlerweile auch zwei Frauen?

Davon sind nicht alle megabegeistert. Aber das hat auch was mit der Liebe zur Kontinuität zu tun, die ich selbst von mir kenne. Ich bin abgesehen von meiner Filmtochter der einzig übriggebliebene Charakter. Dass Sender wie Netflix ihre Hauptfiguren nach kurzer Zeit sterben lassen, finde ich persönlich irritierend.

Entspringt der Wandel zu mehr Diversität bei „Cobra 11“ dem Zeitgeist oder echter Überzeugung?

Beides ein bisschen. Und weil die Einschaltquoten okay, aber ausbaufähig waren, bot sich ein kleiner Paradigmenwechsel an. Über den gab es intensive Diskussionen und ebenso intensive Tests, was die Akzeptanz beim Publikum betrifft.

Die muss von Beginn an hoch gewesen sein. Als Semi Gerkhan vor 25 Jahren bei Cobra einstieg, waren Menschen mit Migrationshintergrund im deutschen Fernsehen entweder Täter oder Opfer.

Das stimmt.

War ihre Herkunft in der Serie je Thema?

Nein. Es gab zunächst die Überlegung, dass ich Semi in gebrochenem Deutsch spiele, aber ich wollte ihn an mir selbst orientieren, hier geboren und aufgewachsen, mit ein, zwei türkischen Elternteilen. Das Einzige, wo seine halbkriminelle Herkunft in Köln-Kalk durchschimmert, ist sein Bedürfnis, ein kleiner Patriarch zu sein. Aber wenn er „zuhause mach‘ ich die Ansagen“ sagt, weiß jeder, dass das Wunschdenken bleibt. Diese Ironisierung mag ich sehr.

Sehen Sie sich und Ihre Figur daher Integrationsmodelle?

Wenn Film und Fernsehen die Menschen dahingehend beeinflussen, ihr Denken zu verändern, wäre das wunderschön. Aber ich glaube nicht daran. Selbst „Türkisch für Anfänger“ hat nicht zu Akzeptanzschüben geführt. Im Gegenteil. Wer sich die Medienberichte von heute ansieht, erkennt da eher Rückwärtstendenzen. Ich halte es mit Spike Lee, der mal sagte, ein Denzel Washington sei gar kein Schwarzer, sondern Schauspieler.

Aber ist nicht genau das ein Zeichen von abklingendem Rassismus, wenn die Hautfarbe schlicht keine Rolle mehr spielt?

Schon. Aber wenn man mit Brechts Worten statt Theater Fernsehen fürs Volk machen wollte, müsste dieses Volk zugucken. Immer dann jedoch, wenn Filme bewusst zum Nachdenken anregen wollen, schauen meist nur die ohnehin Nachdenklichen zu, nicht die Denkfaulen. Trotzdem ist es wünschenswert, dass wir Diversität nebenbei als Normalität darstellen. Von daher glaube ich schon, dass mein Auftritt vor 25 Jahren unterbewusst etwas bewirkt haben könnte.

Wenn man sich an jenen Tag im März erinnert, hieß der Bundeskanzler Helmut Kohl, der Papst Johannes Paul II. und die Nummer 1 im Tennis Steffi Graf. Alle längst weg. Sie sind noch da. Spricht das eher für ihr Beharrungsvermögen oder das der Serie?

Ach, dazu werde ich schon meinen Teil beigetragen haben, aber es liegt doch eher am Format. Andererseits steckt bei allem Drang zur Veränderung in jedem von uns der Keim des Bewahrens, eine Art instinktiver Heimatsuche – und die endet gelegentlich auch in Fernsehformaten, deren Hauptfiguren für eine Kontinuität stehen, die seltener wird. So gesehen ist Semi schon ein Anker in die Vergangenheit.

Sind Sie als Darsteller dahinter denn eine so treue Seele oder womöglich in einer Schublade gefangen, aus der es nach 25 Jahren längst schon kein Entrinnen mehr gibt?

Entrinnen klingt, als müsste ich vor irgendwas fliehen. Mir hat das all die Jahre einfach so irre Spaß gemacht, dass es keinen Grund dazu gab. Natürlich gab es auch mal Zeiten, in denen es schwerfiel, sich um vier Uhr morgens aus dem Bett zu quälen, um zwei Stunden später vom Helikopter ins Eiswasser zu springen. Aber ich würde die Serie auch ohne Rolle darin sehen.

Sagen Sie das jetzt, weil Sie müssen?

Ich muss gar nix sagen! Obwohl es durchaus zwischendurch Überlegungen gab, mal was anderes zu machen, hab‘ ich am Ende immer auch Verantwortung für die Serie als solche empfunden. Je länger ich dabei bin, desto größer ist die Gefahr, ihr und damit all den Menschen, die dafür arbeiten, durch einen Abschied zu schaden. Und das möchte ich nicht.

Klingt nach einer Art Fürsorgepflicht.

Nehmen Sie Pflicht raus, dann passt es.

Aber gibt es nicht auch eine Pflicht ihrem Renommee gegenüber? Im Feuilleton gilt die Serie seit Anbeginn als Synonym für hirnloses Macker-Fernsehen.

Tja.

Hat Sie das je gestört?

Früher schon. Nach einer Weile aber dachte ich, wer so denken will, soll so denken, ich denke anders. Was mich allerdings bis heute stört, ist die Pauschalisierung, was Action ist oder auch Komödie, müsse anspruchsloser Mainstream sein. Das ist mir schon deshalb zu einseitig, weil ich Mainstream überhaupt nicht als minderwertig betrachte. Aber die Kritik hat nachgelassen, mittlerweile ist Cobra bisschen Kult. Was auch an den besseren Drehbüchern von heute liegt. Und letzten Endes werde ich lieber von Zuschauern gemocht als von Fernsehkritikern.

Stimmt es, dass Staffel 26. die vorerst letzte sein soll?

Da laufen Gespräche. Schließlich ist Cobra 11 die teuerste Serie Europas, da muss RTL gerade in Zeiten von Corona die Kosten immer wieder neu abwägen. Ich bin gespannt.

Gehen wir mal davon aus, irgendwann sei Schluss: Welches Ende wünschen Sie sich für Semi Gerkhan – Tod in der Massenkarambolage oder leiser Abtritt in den Sonnenuntergang?

Unbedingt megamäßig die Welt retten, dabei draufgehen und danach kurze Zusammenfassung meiner geilsten Stunts.


Kameltreiber & Mr. Corman

TV

Die Gebrauchtwoche

26. Juli – 1. August

China attackiert westliche Medien, weil sie chinesische Sportler*innen angeblich in ehrverletzender Art zeigen, in der Provinz Zhengzhou werden ausländische Korrespondenten derweil stellvertretend für einen BBC-Kollegen auf offener Straße attackiert, da er „unfair“, ergo: kritisch über dortige Überschwemmungen berichtet haben soll. Währenddessen ist die Pressefreiheit in Japan auf ein Minimum sportlicher Grundversorgung reduziert. Weiterhin schlechte Zeiten für den Journalismus – und das scheint von Fernost nach Weitwest abzufärben.

Als ein deutscher Radfunktionär seinen Schützling vor laufender Kamera auffordert, zwei „Kameltreiber“ vor ihm einzuholen, sagte der ZDF-Reporter, das habe im Sport nichts zu suchen. Andernorts also schon? Alles also sehr aufschlussreich, was abseits der zuschauerlosen Medaillenjagd publizistisch so vor sich geht in Tokio. Aufschlussreicher jedenfalls als ein anderer Trend, der gerade vom Rechteinhaber Eurosport in die Zukunft schwappt.

Nach seinem Gold-Triumph nämlich wurde Alexander Zverev gestern nicht ins Studio nach Deutschland geladen, sondern projiziert und stand – kaum als Illusion erkennbar – zum Gespräch mit den zwei Moderatoren bereit. Noch ist das ebenso eine Spielerei wie Kameras, die um Dreispringer kreisen. In Zeiten von Homeoffice und Videokonferenzen aber dürfte es bald die Regel werden. Und damit ein vermeintlicher Ausnahmefall nicht zur Gewohnheit wird, legt sich auch Scarlett Johansson gerade mit einem mächtigen Gegner an.

Weil der Entertainment-Multi Disney ihren Superheldinnen-Blockbuster Black Widow zeitgleich auf der eigenen Videoplattform mit Plus am Ende streamt, klagt die Schauspielerin auf Umsatzbeteiligung – wenngleich (hoffen wir mal) wohl weniger aus Selbstbereicherungsmotiven, sondern aus Prinzip. Schließlich geht es bei der Parallelprogrammierung, die auch Konkurrenten wie Netflix pflegen, um nicht weniger als die Rettung des alten Kinos vorm neuen Fernsehen.

Die Frischwoche

2. – 8. August

Das natürlich auch die neue Woche gegen das alte Fernsehen dominiert. Netflix etwa startet Dienstag mit dem sehr überraschenden Doku-Prequel Shiny Flakes zur deutschen Erfolgsserie How To Sell Drugs (Fast), Disney+ folgt am Mittwoch mit den ersten zwei Staffeln der unterhaltsamen Twen-Dramedy Good Trouble. Richtig gut ist zeitgleich bei AppleTV+ die Tragikomödie Mr. Corman, in der sich Joseph Gordan-Levitt als einsame Frohnatur, der vergeblich versucht, sich seine Angststörungen schönzulächeln.

Am Donnerstag dann überzeugt Prime Video mit dem zehnteiligen Psychothriller Cruel Summer um eine entführte Highschool-Schönheit der 90er und was ihre missgünstige Mitschülerin damit zu tun haben könnte. Freitag startet die israelische Actionserie Hit and Run bei Netflix. Und Sonntag zeigt Sky, das Donnerstag zuvor die unfassbare Mordserie des Intensivpflegers Niels Högel zur vierteiligen Doku Schwarzer Schatten zusammenfasst, das Neo-Noir-Drama The Burnt Orange Heresy von Giuseppe Capotondi, dessen Kinostart 2020 der Pandemie zum Opfer gefallen war.

Die Öffentlich-Rechtlichen? Tja. Da wechselt der nette Sportmoderator Sven Voss hausintern ins Boom-Genre Tod in… und rollt zunächst in der ZDF-Mediathek uralte Kapitalverbrechen von Ostfrieslang über Wales bis Berlin auf. Spitzenidee. Ähnlich jener, Sabine Heinrich als zweiter Frau neben Barbara Schöneberger eine Samstagabendshow anzuvertrauen, allerdings Das große Deutschland-Quiz, das erstmals auf die 20.15 Uhr springt. Anything else? Die niederländische Kriegsverbrechensfiktion High Flyers tags zuvor auf Neo.

Das war’s.