Nation & Konterrevolution

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

23. – 29. Juni

Wer es mit Nationalismus oder seiner unwesentlich gelasseneren Version – dem Patriotismus – hält, erlebt bei der aktuellen Weltmeisterschaft eine Art Parallelturnier. Auch das findet zwar nominell in Brasilien statt, doch nirgendwo lassen sich all die Überbietungswettbewerbe ausschweifender Vaterlandsliebe besser bestaunen als am heimischen Bildschirm. Da wird man als Zuschauer dann Zeuge von Teams, deren Ergriffenheitsgrad beim Absingen der Nationalhymne irgendwo zwischen Orgasmus und Geburtserlebnis liegt. Da bejubeln im Bierwerbespot schicke Schanzen-Hipster, die man in realen Stadien unter all den Bieder- bis Ballermannfans seltsamerweise vergebens sucht, deutsche Tore leidenschaftlicher als Sechser im Lotto. Da werden Staatsgebilde samt ihrer Insignien generell so innig gefeiert, als hätten sie in der Menschheitsgeschichte nie irgendwas Negatives wie Krieg und so Sachen provoziert. Und immer vorne dabei eine Personengruppe, besser: Spezies, die berufsbedingt zur Überparteilichkeit verpflichtet ist: Moderatoren.

Es ist eine absolute Schande für den Journalismus, wie unverschämt kritiklos Fernsehprofis unterm Deckmantel wohlfeiler Unterhaltung einen Patriotismus als Information verkaufen, der vom Nationalismus dann doch nur noch einen inneren Reichsparteitag entfernt ist. Dabei treibt er Blüten wie die der geistig offenbar schlichten Katrin Müller-Hohenstein, Hansi Flicks tolle Gesichtsbräune live zu lobpreisen, als stünde sie nicht auf der Gehaltsliste des öffentlich-rechtlichen ZDF, sondern eines Hybrids aus RTL und Bild.

Dennoch: So debil der allen Ernstes von Angesicht zu Angesicht geäußerte Satz zum morgendlichen Ablaufplan des Co-Trainers („manchmal auch ein bisschen in die Sonne? Sie haben eine tolle Farbe“) auch sein mag – er steht stellvertretend für ein Genre, das sich sämtlicher Distanz zum Berichtsgegenstand zusehends entledigt. Aber er ist auch ein Grund mehr, sich mal die Kraft der Worte jener Medien vor Augen zu halten, die Journalismus weiter als solchen betreiben. Worte wie in der Süddeutsche-Kolumne „fern gesehen“, die täglich den Irrsinn deutscher Berichterstattung mit Sätzen wie den aufs Korn nimmt, Ex-Schiri Urs Meier fordere bei seinen seltsam kurzen Auftritten zwischen den Olivers Welke & Kahn „in einer Art zeremoniellem Ritual die Einführung von Profi-Schiedsrichtern, das ZDF zeigt den nächsten Film – und schwups ist Meier wieder verschwunden wie eine Marionette“. So geht Informieren mit Unterhaltungswert.

TV-neuDie Frischwoche

30. Juni – 6. Juli

Dass das auch ohne WM geht, scheint dieser Tage allerdings unvorstellbar. Mittwoch nämlich ereignet sich zwar Außergewöhnliches: es gibt nicht ein einziges Fußballspiel von nirgendwo mit niemandem; trotzdem geben sich ARD und ZDF nicht die allergeringste Mühe, ihre freigewordene Sendezeit innovativ zu füllen. Das Erste wiederholt auf seinem wichtigsten Spielfilmplatz die muntere, aber biedere Seniorenselbstbestimmungskomödie Spätzünder mit Jan Josef Liefers als Jan Josef Liefers mit Gitarre. Das Zweite wiederholt JBK auf der Suche nach Unsere Besten als JBK auf der Suche nach Deutschlands Beste. Was ähnlich jubelpatriotisch ist wie 2003, als JBK erstmals Beliebtheit mit Güte verwechseln ließ – aber gerade deshalb natürlich ganz gut in die schwarzrotgoldene Fähnchenlaune im Land passt.

So gesehen muss man den darauf folgenden Tag schon fast als konterrevolutionär einordnen. Dort zeigt die ARD im Rahmen ihrer FilmDebüt-Reihe zwei charmante Geschichten vom Rande der Gesellschaft. Andi Rogenhagens Ein Tick anders präsentiert das Tourette-Syndrom der jungen Eva (Jasna Fritzi Bauer) nicht als arglistigen Feind, sondern leicht komplizierten Freund. Nach Mitternacht beschreibt Dan Tangs I Phone You die Irrungen Wirrungen der Generation Multimediazwang am Beispiel einer jungen Chinesin zwischen ihrer Heimat und Berlin, was zwar zuweilen etwas zuckrig ist, aber insgesamt recht schlüssig.

Alles andere als zuckrig, dafür noch schlüssiger ist dagegen der Auftakt der jahreszeitüblichen ARD-Reihe SommerKino. Darin gelingt es Meryl Streep als Die Eiserne Lady, Margaret Thatcher privat zu sezieren, ohne das politische Alphatier davor zu vergessen. Dafür gab es zu Recht Streeps dritten Oscar und vom Ersten einen erstaunlich guten Sendeplatz für gute Fiktion. Gutes Sachfernsehen gibt es gewohnt erst später, andernorts oder beides in einem. Zum Beispiel Krieg der Patente. Ein hochbrisantes Stück über Sinn und Unsinn des Erfindungsschutzes, leider morgen erst um 22.45 Uhr auf Arte. Oder auch das grandiose Naturschauspiel Operation Eisberg, gleicher Sender, fast gleiche Zeit, bloß am Freitag. Und bevor der Fußballwirbel des Viertelfinals am gleichen Tag alles in den Strudel aus Patriotismus und Freizeit zurückzieht, noch zum Tipp der Woche: Stanley Kubricks brillante Nabokovs Romanverfilmung Lolita (Mittwoch, 23.15 Uhr, 3sat) von 1962.


freitagsmediensommerpausenverkündigung

winkeWerte Lesende,

festival-, ferien- und auslandsreportagenbedingt machen die freitagsmedien bis einschließlich 22. Juli überwiegend Urlaub. Zwischendurch wird es – Überraschung! – womöglich bei Gelegenheit hin und wieder vielleicht wer weiß ab und an einen Beitrag von unterwegs geben, vor allem in der Zeit vom 30. Juni bis 11. Juli; mit der beliebten Regelmäßigkeit ist für die kommenden drei, vier Wochen allerdings Schluss.

Grämt euch nicht und kommt wieder, wenn ich es tue!

Eure freitagsmedien aka Jan Freitag


Anarchie & Seitenwechsel

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

16. – 22. Juni

Es war das aufrichtigste Wort der bisherigen WM-Übertragungen: „Nein.“ Ein Lichtfleck im Dunkel der Redundanz. „Nein.“ Ein Körnchen Wahrhaftigkeit im dauernden Drama, Drama, Drama. „Iran gegen Nigeria“, sprach die neunmalkluge Nervensäge Matthias Opdenhövel am Montag zum Co-Moderator Scholl. „Hast du dazu noch was zu sagen?“ Und der antwortete, was wie ein Damm war im Sturzbach leerer Worte: „Nein.“ Einfach so. Ach, wie würde man seinen Kollegen dies innere Nein wünschen, statt wie Wolf-Dieter Poschmann Kicker im besten Landser-Duktus „Kameraden“ zu nennen, die bei Béla Rethy „durchmarschieren“, wenn sie nicht „bei Kaffee und Kuchen“ sitzen, wofür Claus Kleber die kostbare Sendzeit des seriösen „heute-journals“ verschwendete. Da war Scholls Überflussverweigerung geradezu von anarchistischer Schönheit.

Dass die Menschen am Ende aber doch jede Quasselei klaglos erdulden, um nur die maximale Dosis WM zu erhaschen, zeigt nicht erst Deutschlands Turniereinstieg mit erwartbaren 80 Prozent Einschaltquote. Sondern mehr noch das Auftaktspiel Brasiliens, dem kaum weniger als jene 30 Millionen Zuschauer beiwohnten – Public Viewing nicht mitgerechnet. Davon profitiert auch das Restprogramm, dem im Sog des Fußballs erstaunliche Anteile zuteil werden. Etwa das „Wort zum Sonntag“, in der Halbzeitpause einer Samstagspartie.

Und so durften ein paar mehr dem beiwohnen, was sonst nur eine Handvoll Hängengebliebener um diese Zeit im wachen Zustand erleben. In diesem Fall das debile Gefasel der Frankfurter Pastoralreferentin Verena Maria Kitz, die sich über den Seitenwechsel ein paar wirre Gedanken machte. Und so gab es die Woche drauf folgerichtig einen veritablen Shitstorm zu ihren Einlassungen, doch einfach mal andere Bier holen zu lassen, statt sich mühsam aus dem Fernsehsessel zu quälen. Oder probehalber in die Favela zu ziehen, um deren Leid zu erspüren.

 

TV-neuDie Frischwoche

23. – 29. Juni

Ja, das wäre eine Möglichkeit, liebe Frau Pastoralreferentin – was immer das sein mag. Die andere ist zwar ein bisschen weniger unmittelbar, aber mindestens ebenso ergreifend. Der Overkill medialer Aufarbeitungen zum Ersten Weltkrieg geht langsam seinem Ende entgegen, da zeigt Arte endlich das Schlachtendrama schlechthin: „Im Westen nichts Neues“, heute parallel zum letzten Vorrundenmatch der Brasilianer. Zugeben, das schwarzweiß knisternde Meisterwerk wurde schon öfter gezeigt, aber noch nie mitsamt all jener Szenen, die 1930 erst der amerikanischen, dann der deutschen Zensur als wehrkraftzersetzend zum Opfer gefallen waren. Was die anschließende Doku „Geschundenes Zelluloid“ im Übrigen nochmals eingehend schildert.

Obendrauf gibt es im Anschluss sogar noch Gabriel Le Bomins preisgekröntes Regiedebüt „Die Geschichte des Soldaten Antonin“, der 2006 die Probleme heimgekehrter Krieger vor 100 Jahren zum Spielthema macht. Ansonsten heißt es im WM-Rahmenprogramm auch diese Woche: Im Ersten, Zweiten, Dritten, Privaten nichts Neues. Und falls doch, zeigt ihn die ARD lieber nach dem pappeflachen Politrührstück „Mord in bester Gesellschaft“ mit Vater und Tochter Wepper. Das weit anspruchsvollere Drama „Die Unsichtbare“ mit dem gewohnt furiosen Ulrich Noethen als berühmter Regisseur, der von einer Nachwuchsschauspielerin diabolisch Besitz ergreift, gibt es dagegen erst zur Nacht – und das obwohl der DFB sein letztes Vorrundenspiel schon um sechs hat.

Wenn dessen Schlusspfiff ertönt, kann man dafür den zweiten Noethen des Abends genießen. Als schmieriger Provinzbulle in „Das unsichtbare Mädchen, Dominik Grafs grandioser Fiktionalisierung des realen Mordfalls Peggy auf Arte. Kurz vor Ende der Geisterstunde gibt’s dann die nächste Folge vom „FilmDebüt im Ersten“, also wenn garantiert niemand mehr zusieht. Dann erzählt die türkischstämmige Schweizerin Güzin Kar in „Fliegende Fischer müssen ins Meer“ die Geschichte einer Alleinerziehenden (Meret Becker), die ihrer Tochter (Elisa Schlott) so peinlich ist, dass sie ihr einen Mann besorgt, um nicht mehr mit ihr allein sein zu müssen. Das ist dramaturgisch jetzt wenig herausragend, aber mit einem besonderen Farbkonzept erstellt, was es zumindest ästhetisch sehenswert macht.

Also beinahe neu. Ganz im Gegenteil zu dem, was uns die Kommerzkanäle als solches verkaufen. Zum Beispiel wenn GNTM-Juror Jorge González ab Dienstag Allerweltsfrauen auf Vox Model-Glamour verpasst. Da ist jede Wiederholung innovativer. Etwa die „Tipps der Woche“: Mittwoch, 22.30 Uhr, RBB: Roberto Savianos Mafiaporträt „Gomorrha“ mit Laiendarstellern von 2008. Oder aus dem gleichen Jahr „Abgedreht“ mit Jack Black als Videothekar, der versehentlich alle Filmbänder löscht und mit eigener Kamera nachdreht, was selbst synchronisiert zum Herzerweichen schön ist (Mi, 2015, EinsFestival).


Indiefriday: CYHSY, Hundred Waters

Clap Your Hands Say Yeah

Mit Understatement hat es Alec Ounsworth nie so richtig gehalten. Bereits vor neun Jahren legte der Sänger, Songwriter, Kopf und Bauch von Clap Your Hands Say Yeah seine Stimme so melodramatisch übers bandbetitelte Debütalbum, dass die wesensverwandten Waterboys dagegen klangen wie lebensbejahender Powerpop. Auch die nächsten zwei Platten hielten sich emotional selten zurück. Stets war da diese leichte Schwermut im Grundton, eine Art optimistischer Larmoyanz im Arrangement. In den besseren Momenten klang das dann wie Radiohead auf milder Partydroge. In den schlechteren wie Radiohead beim Kater danach.

Clap Your Hands Say Yeah, die Band mit einem der großartigsten Namen überhaupt, hat zum höflichen Händeklatschen schon immer weit mehr Anlass gegeben als zum Yeah-Sagen. Jetzt aber fällt auch Ersteres nicht mehr so richtig leicht. Only Run, das vierte Album nämlich, ergeht sich so in aufdringlicher Weinerlichkeit, dass man dem Titel beim Zuhören rasch Folge leisten möchte. Wenn sich Ounsworths Stimme im Auftaktstück As Always über eine jeanmicheljarreske Synthiefläche legt, zersetzt vom Hall einer Plätschergitarre im The-xx-Stil, ist das selbst in depressiver Stimmung nur schwer erträglich. Erinnert sich der Hörer auch nur entfernt an Frühlingserwachen, schütteln ihn die Fluchtimpulse.

Und zwar zehn Lieder lang, fast unentwegt. Vom seltsam U2-haften Blamelessüber Little Moments im Coldplay-Gedächtnis-Pathos bis hin zum bombastischen Titeltrack, der wie so vieles auf diesem Album versiert durchproduziert ist, aber einen Verdacht erzeugt: Viele Empfindungen, die sie wachrufen soll, sind nur Teil eines groß angelegten Plans zur emotionalen Unterwanderung, Alec Ournsworths ganz persönliche PR mit dem Subtext der Propaganda. Schließlich ist Clap Your Hands Say Yeah mehr denn je zentralistisch gesteuert. Seit dem jüngsten Wegfall zweier Mitglieder zeigt sich das gleichberechtigte Kollektiv früherer Tage zusehends als Gruppe von Begleitmusikern, die das Werk vom Boss nur erfüllen helfen. Betrachtet man nun die Entwicklung des einst recht dynamischen US-Indierocks von der Westküste unter Britpopeinfluss hin zum orchestralen Emowave voller Choräle und Geigen, aber ohne Tempo, ohne Verve, gibt das Anlass zur nächsten Spekulation: Womöglich waren Robbie Guertin (Gitarre) und Tyler Sargant (Bass) vor ihrem Abgang Reduktionskorrektive der Band, die Ounsworths Gefühligkeit ein wenig geerdet haben.

Auch ohne sie bleibt nun natürlich nicht alles mies auf Only Run. Das Ganze ist wie üblich professionell und stimmig arrangiert. Es hat seine lichten Momente, etwa die Bonusversion von Impossible Request zum Schluss. Dazu mag das Timbre nicht jedermanns Sache sein, ist aber so ungewöhnlich, dass es von Byrne bis Bowie zu Recht prominente Fans hat. Clap Your Hands Say Yeah machen ja keine Musik für jeden Geschmack in jeder Laune. Aber ein bisschen weniger schlechter Geschmack bei schlechter Laune hätte es diesmal ruhig sein dürfen.

Clap Your Hands Say Yeah – Only Run (Xtra Mile); mehr Text’n’Files’n’Kommentare unter http://blog.zeit.de/tontraeger/2014/06/06/clap-your-hands-say-yeah_18225

Hundred Waters

Manche Musik braucht einfach kein festes Schuhwerk: Flower Power und Folk, Ethno und einiges an Americana, mit oder ohne “Neo” davor, ob von Zivilisationsverdruss angetrieben oder bloß partiellem Fluchtimpuls – ein Sound aus vornehmlich hölzernen Instrumenten und naturbelassenen Stimmen wird immer Leute dazu bringen, barfuß zu tanzen. Kompliziert wird es erst, wenn der Klang elektronisch generiert wird, wenn das Gehörte also synthetisch ist und artifiziell. Im Technofach heißt das dann Goa und geht meist mit bewusstseinsverändernden Drogen einher. Aber im Pop?

Da gibt es Bands wie Hundred Waters, die so konsequent zwischen affektiert und natürlich traumwandeln, dass es einem förmlich die Schuhe auszieht. Schon das Debütalbum des Quartetts aus den Südstaaten der USA hatte vor zwei Jahren die lose Grenze zwischen Digitalität und Analogie überwunden (wie zuletzt höchstens die grandiosen Poliça hoch aus dem amerikanischen Norden) und dabei gleich noch ein vermeintlich neues Genre namens “Sound of Florida” geschaffen. Sein Nachfolger mit dem Titel Moon Rang Like a Bell aber lässt die Konturen von damals noch ein wenig weicher erscheinen, die Trennlinien unschärfer.

Es ist ein episches Synthiepopalbum, das sein Instrumentarium aus Paul Gieses elektronischen Effektgeräten und Nicole Miglis’ Keyboards plus Querflöte, aus Trayer Tryons Gitarre und Zach Tetreaults Drums im Kopf verschwimmen lässt wie betörende Einschlafmusik. Schon der Sirenengesang von Show me Love zum Auftakt erinnert an die furiose Taufszene im Coen-Film Oh Brother, Where Are Thou und legt die Messlatte des Absurden somit niedrig. Auch danach geht es in verstörender Schönheit weiter. Jedes der zwölf Stücke blickt zaghaft über den Tellerrand der eigenen Soundstruktur, was die andere Seite so treibt und entdeckt dort immer wieder etwas Neues für sich selbst.

Hundred Waters – The Moon Rang Like a Bell (!K7 Records); mehr Text’n’Files’n’Kommentare unter http://blog.zeit.de/tontraeger/2014/06/02/hundred-waters_18152


Oli Kahn: Fußballhassliebe & Fußballsidekick

Als Torwart lebst du im Tunnel

Man kann ihn mögen, man kann ihn hassen, bloß ignorieren kann man ihn nicht. Sechs seiner 26 Jahre im Profifußball kommentiert Oliver Kahn seinen Sport schon im Fernsehen und hat sich dabei fast so viele Freunde oder Feinde gemacht,  wie seinerzeit als bester Torwart der Welt. Zurzeit steht er täglich hoch über der Copacabana und erklärt ihr mit seinem meckernden Hehe die Fußball-WM in Brasilien. Interview mit einem, der polarisiert und trotzdem in sich zu ruhen scheint.

Interview: Jan Freitag

Oliver Kahn: Bitte sehen Sie es mir bitte nach, dass ich etwas müde bin; ich bin heute sehr früh aufgestanden.

freitagsmedien: Aber das ist man doch als junger Vater gewöhnt?

Das „jung“ würde ich jetzt mal in Frage stellen. Günther Netzer hat sehr richtig gesagt, dass Hochleistungssportler mit Mitte 40 schon ein bisschen älter sind als normal.

Diesen Hochleistungssport haben Sie 20 Jahre Ihres Lebens ausgeübt, bevor Sie zum Fernsehen gewechselt sind.

Was ich auch schon wieder sechs Jahre mache. Puh.

Ab wann ungefähr werden Sie mehr Sportjournalist als Exfußballer sein?

Schwer zu sagen, da ich keins von beiden wirklich bin. Ich begreife mich schon lange nicht mehr als Exfußballer und noch lange nicht als Sportjournalist, höchstens sportjournalistischer Zuarbeiter. Mit Informationen ist der Zuschauer schließlich bis zum Abwinken überversorgt; deshalb versuche ich nur, sie ein bisschen besser einzuordnen. In unserer Gesellschaft geht es mir also eher darum, Wissen zu bewerten. Das ist eine Aufgabe, die ein … ein…

Experte?

So nennt es jedenfalls das ZDF.

Vielleicht Sidekick?

Gerne! Weil der Blick auf die Vergangenheit helfen kann, die Gegenwart ein bisschen besser zu begreifen, gebe ich als solcher Einblicke in meine aktive Zeit, aber auch in fußballerische Gefühlswelten, die ich aus eigener Erfahrung schildern kann, ohne nur bestehendes Wissen wiederzukäuen.

Hat man Sie dafür als Kenner der Materie eingekauft oder doch eher als prominentes Zugpferd?

Nur als prominenter Name würden Sie in der Branche nicht lange überleben; nee – man muss schon auch was liefern.

Und das trauen die Sender offenbar vor allem Ex-Bayern zu, so viele davon mittlerweile als Experten-Sidekicks tätig sind…

Das hat aber eher damit zu spielen, dass beim FC Bayern immer nationale und internationale Topleute gespielt haben, die viel von der Welt gesehen, hochklassig gespielt, also ein großes Bild vom Fußball im Kopf haben. Umso interessanter wäre es, für diesen Job jemand aus den Niederungen des Fußballs zu nehmen.

Die dann allerdings das Rampenlicht weniger gewohnt sind als Sie.

Aber auch für mich ist es nicht so einfach, zusätzlich zu den Länderspielen jetzt auch noch alle 14 Tage Champions League in einer ständigen Live-Situation vor vielen Millionen Menschen zu machen, die Dinge blitzschnell zu erfassen und mit dem richtigen Tonfall analysieren, ohne dass die Leute einschlafen. Das kann man nicht nur, weil man schon früher öfter mal vor der Kamera gestanden hat.

Was qualifiziert Sie dann dazu?

Mehrere Faktoren. Erstens die Erfahrung aus 14 Jahren FC Bayern, da gehörte die Kamera zum Alltag. Zweitens die Weiterentwicklung, also an eigenen Fehlern zu arbeiten, ohne sich überzuanalysieren. Außerdem gibt es noch eine gewissen Routine. Da helfen meine 15 bis 20 Vorträge im Jahr auch.

Als Key-Speaker, wie es auf Ihrer Homepage so schön heißt. Würde man Sie auch ohne den Namen Kahn so oft als Redner in Wirtschaftsdingen buchen?

In meinen Vorträgen versuche ich, Parallelen zwischen Wirtschaft und Sport zu vermitteln. Und weil mein Name da für Begriffe wie Disziplin, Motivation, mentale Stärke steht, ist er nicht davon zu trennen. Das kann hilfreich sein, aber als Unternehmer auch Nachteile haben, wenn es auf bestimmten Terminen nur darum geht, mal den Oli Kahn kennen zu lernen, als etwas übers Geschäftliche. Deshalb hab ich meinen Master of Business Administration gemacht. Dennoch wäre es hanebüchen zu glauben, den Vorsprung den andere im Business haben, mit meinem Namen oder dem MBA auszugleichen. Und wenn man substanziell etwas bewirken will, ist ein Name manchmal eher Malus.

Sie waren als Fußballer auf ein Thema fokussiert und sind nun sehr breit aufgestellt. Ist das nur eine Übergangsphase, um sich irgendwann auf ein Feld zu konzentrieren?

Die Fokusverbreiterung war anfangs in der Tat die größte Herausforderung, bei der ich mich mehr denn je gefragt hatte, ob ich sie überhaupt schaffe. Als Torwart lebst du im Tunnel, jetzt bin ich da raus und genieße es sehr, nicht mehr in dieser sichtbeschränkten Welt des Fußballs zuleben. Momentan ist aber auch alles noch miteinander verzahnt. Der Begriff „selbstständig“ führt ja in die Irre: wer alles selbst macht, kriegt früher oder später Burnout. Auch ich musste erst lernen, was wichtig ist und was unwichtig, was ich gut kann und was ein anderer besser.

Können Sie Sportjournalismus denn schon so gut, dass Sie mal eine eigene Sendung machen oder ein Spiel kommentieren?

Ganz sicher nicht! Mittlerweile hab ich zwar so viel über den Fußball gelernt, worüber ich mir früher nie Gedanken gemacht hatte, dass mir ohne Fernsehen definitiv was fehlen würde. Die aktuelle Aufgabe macht mir aber vor allem Spaß – auch wenn sie mir 2008 auch helfen sollte, den Übergang in die Gegenwart zu schaffen, ohne gleich ganz den Stecker zu ziehen.

Kann man sechs Jahre später die Aufregung des Moderators und des Spielers vor einer WM vergleichen?

Nein, das sind völlig verschiedene Paar Schuhe. Schon weil sich meine Anspannung sofort auf den Bildschirm übertragen würde, gehe ich als Experte mit einer gewissen Lockerheit in so ein Turnier rein, was früher weniger einfach war. Aber das hat sich gebessert. Wenn ich verkrampft bin, kann ich nicht kreativ sein. Andererseits weiß ich genau, was in mir vorginge, wenn ich selber spielen würde, und das fühlt sich nicht immer positiv an.

Inwiefern?

Als ich 2010 mit Katrin Müller-Hohenstein das Finale Spanien gegen Holland moderiert hab, da kam mir auch mein Finale von 2002 in Japan und Südkorea ins Gedächtnis…

Wo Sie den Ball vor Ronaldos Füße fallengelassen haben.

Sehen Sie! Das kam da auch bei mir wieder hoch. Andererseits ist es gut, dass ich das aktiv vor der Kamera aufarbeiten kann. Ich habe alles verarbeitet und gehe auch deshalb entspannt an diese Aufgaben ran, weil ich mit vielen Dingen meinen Frieden gefunden habe.

Auch damit, bis heute in der Öffentlichkeit zu polarisieren.

[lacht und schweigt]

Es gab ja nur zwei Sorten von Zuschauern: Die, die Sie hassen. Und die, die Sie lieben.

Ach, das hat sich durch meine Fernsehrolle schon verändert. Mittlerweile können mir sogar Dortmund-Fans freundlich gegenübertreten, was für mich Beweis ist, dass ich den Job neutral mache, also richtig. Man kann mir nicht vorwerfen, nur der Pro-Bayern-Hansl zu sein.

Im Gegenteil – ihr alter Club kriegt das meiste Fett von Ihnen weg.

So wie Lehrerkinder immer die schlechtesten Noten von den eigenen Eltern kriegen, genau. Momentan ist es dennoch schwer, Kritikpunkte an den Bayern zu finden.

Ging es Ihnen je darum, gemocht zu werden?

Nein. Es ist nicht verkehrt, gemocht zu werden; mir ging es aber immer eher um Respekt dafür, alles mit 100 Prozent Einsatz zu tun und zwar auf einem möglichst hohen Niveau. Als Mensch gemocht werden zu wollen, ist oftmals ein verzweifelter Akt. Das schafft niemand auf Krampf. Schon gar nicht jetzt, wo es in den digitalen Medien für den kleinsten Furz einen Shitstorm gibt.

Sind die Medienfigur Oliver Kahn und der Privatmensch eigentlich deckungsgleich?

Absolut. Denn sobald ich am Bildschirm nicht mehr ich bin, bin ich nicht mehr gut. Das führt dazu, dass ich mich selbst korrigiere, sobald ich das Gefühl habe, nicht mehr authentisch zu sein. Als Fußballer gab es schon zwei Seiten; so wie ich im Spiel gegrätscht habe, war ich als Mensch nie. Heute brauche ich keine Ritterrüstung mehr.

Was sagt der Privatmensch, wer Weltmeister wird, und was sagt der ZDF-Experte im Dienste möglichst großer Euphorie des Fernsehpublikums?

Da beide deckungsgleich sind, kann ich nur mit einer Zunge tippen: Entweder Brasilien oder Deutschland. Aber das ist reines Wunschdenken. Ich habe leider keine Glaskugel.


Wort zum Sonntag: Jubilar & Pausenclown

Duftender Shitstorm

Als die Pastorin beim vorigen Wort zum Sonntag in der Halbzeitpause wirres Zeug über Seitenwechsel faselte, zeigte sich zweierlei: auch nach 60 Jahren bleibt die ARD-Predigt ein Kuriosum der Fernsehlandschaft, kann aber immer noch die Gemüter erregen. Eine kleine Stilgeschichte zum runden Geburtstag.

Von Jan Freitag

Es gibt so Fragen der Medienrezeption, die würden katholische Dogmatiker vom Schlag eines Benedikt wohl mit dem Bann der Ketzerei belegen. Zum Beispiel, was DSDS und Das Wort zum Sonntag gemein haben könnten. Antwort: Die Quote war bei beiden spitze, doch weder das debile RTL-Casting noch die züchtige TV-Predigt will am Ende wer gesehen haben. Kein Wunder, dass die Partylaune abseits der ARD gering ist, wenn Deutschlands älteste Sendung nach der Tagesschau nicht grad biblische, aber stattliche 60 Jahre alt wird.

Da feiert also ein Anachronismus Geburtstag, was er womöglich nur deshalb darf, weil der Rundfunkstaatsvertrag den Öffentlich-Rechtlichen „Verkündigungssendungen“ auferlegt. Seit das Transistorradio erfunden wurde und die CSU zuletzt in der bayerischen Opposition saß, reden katholische und evangelische Prediger Woche für Woche früher zehn, heute vier Minuten im Wechsel über Gott in der Höh und zusehends auch die Welt darunter. Aus einem Medium, das Konservativen anfangs sehr suspekt, eher zuwider war. Kein Wunder, dass ein Kabelbruch, der die Premiere am 1. Mai 1954 verhinderte, von protestantischer Seite als papistischer Sabotageakt gedeutet wurde.

Kein Wunder aber auch, dass der Hamburger Pastor Dittmann eine Woche später zum Auftakt noch über diese komischen Apparate in deutschen Wohnstuben rätselte, „da sprechen Menschen irgendwo, sie singen und spielen, und in einem ganz anderen Raum, Hunderte von Kilometern davon entfernt, kann man sie nicht nur hören und verstehen, sondern auch sehen und beobachten, so dass man mit ihnen im gleichen Zimmer zu sitzen meint.“ Mit Käseigel, Bier und Reval ohne (Filter) zur Hand.

Verrückte Neuzeit.

Aber die hat sich letztlich ja doch durchgesetzt – im realen Leben wie im christlichen. Heute hat man Touchpad, Smartphone, Remote mit (Internetzugang) zur Hand, wenn man zwischen Tagesthemen und Spätfilm nicht rasch genug aufs Klo gerannt ist. Und aus dem Flatscreen kommt keine psalmenreiche Andacht gottesfürchtiger Seelsorger im vollen Ornat, sondern weltliches Zeugs mit religiösen Restbezügen von Menschen, die 15 Jahre nach dem ersten Samstagswort sogar X-Chromosomen tragen durften. Annette Behnken zum Beispiel, geboren in dem Jahr, als mit der Bayerischen Mütterwerkerin Liselotte Nold die erste Frau auf der Fernsehkanzel stand, würde schon rein optisch in jede Milchschnittenwerbung passen.

Und dann spricht die telegene Mittvierzigerin das Jubiläumswort auch noch live von Hamburgs Reeperbahn. Dort also, wo Deutschland auch dieses Jahr offiziell den Eurovision Song Contest ballermannisiert. Während sich das Schlagerpartyvolk somit gerade warmgrölt fürs ESC-Finale in Kopenhagen, erzählt die doppelte Mutter Behnken im Sündenpfuhl aus Flatratesuff und Pornoschuppen mit modernem Vokabular Erbauliches darüber, was der Vater im Himmel mit den feiernden Söhnen hier unten und dem europäischen Geist mittenmang zu tun hat. Und weil das ein zugkräftiger Rahmen ist, hört ausnahmsweise mehr als jenes Zehntel der 16 Millionen Zuschauer weg, äh: zu, die das Format ohne private Konkurrenz einst hatte.

Man kann das Zielgruppenranschmeiße nennen oder Zeitgeist; in jedem Fall müht sich die Sendung, zwischen kommerzieller Spaßdiktatur und öffentlich-rechtlicher Anpassung Gehör zu finden. Wie sehr das in die Hose gehen kann, zeigte allerdings am vorigen Wochenende eine Verena Maria Kitz. In der Halbzeitpause des samstäglichen WM-Spiels faselte die Frankfurter Pastoralreferentin so betonierten Müll über Seitenwechsel, den Gläubigen doch auch daheim mal vollziehen mögen, indem sie einfach mal jemand anders das Bier holen lassen oder für kurze Zeit in die Favela ziehen, dass es einen veritablen Shitstorm hagelte – wenngleich einen eher duftenden. Denn die Reaktionen analoger wie digitaler Medien auf den unfreiwilligen Slapstick stoiberscher Art zeigten ja auch, wie sehr das Format noch Gemüter erregen kann.

Genau das hat die ARD schon immer versucht, wenngleich weniger mit Inhalten als Figuren. Unter den gut 300 Predigern standen in sechs Jahrzehnten bereits die zur Nonne konvertierte Kabarettistin Isa Vermehren vor der Kirchenkamera, natürlich der neomoralische TV-Pastor Fliege, dazu ein Hund und mit Johannes Paul nebst Benedikt gleich zwei der letzten drei Päpste. Außerdem hat Alltagssprache das Bibelzitat verdrängt und Jeans den Talar. Die Sprecher kriegen Sprach-Coaching plus PR-Schliff. Gepredigt wird von Einkaufszentren und Parlamenten, von Autobahnbrücken oder Kreißsälen. Doch der Spott vom „Hörfunk mit Passbild“, bei dem „selbst Gott einschläft“, hält sich beharrlich. Das Wort zum Sonntag, es sei eben doch Fernsehen von gestern. Klingt irgendwie schwer nach DSDS.


Falsche Reporter & fliegende Kühe

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

9. – 15. Juni

Man mag sich gar nicht vorstellen, was die Elenden der Welt angesichts des Aufwands wohl dächten, den weit weniger Elende betreiben, um ihre Karikatur des Elends zu bekämpfen. Nur mal hypothetisch: Was empfindet wohl ein Flüchtling, dem die medizinische Notversorgung versagt bleibt oder ein Obdachloser, der vorm Einkaufszentrum vertrieben wird, wenn er hört, wer sich in Deutschland dort verortet, wo sich Günther Wallraff gern mal hinverkleidet: ganz unten?

Dort verortet sich schließlich auch Christian Wulff im Titel seiner Autobiografie, die er vorige Woche präsentierte, also tief im Keller des sozialen Rankings. Und das, nachdem er als Bundespräsident doch mal ganz oben war. Schuld daran, schreibt Wulff, seien „die Medien“. Böse Medien. Pfui! Erst nehmen sie (also Bild) ihn im Fahrstuhl mit aufwärts. Dann schicken sie (also nicht nur Bild) ihn wieder abwärts. Dass sie (also Bild und viele andere) ihn jetzt aber nicht mehr nach oben lassen, obwohl er doch freigesprochen wurde, nimmt der gefallene Regent mit 200.000 Euro Apanage jährlich allen (also Bild samt Weltgesellschaft) nun übel.

Doch zurück zu den wirklich Elenden und was sie so empfinden mögen über uns Unelende. Etwa, wenn ein Höhlenkletterer in ein sehr tiefes Loch klettert und nicht wieder rauf kann. Was da für eine Hilfsmaschinerie anläuft! Damit könnte man glatt ein brasilianisches Urwaldstadion zum Krankenhaus umrüsten. Noch unverhältnismäßiger war da nur, wie selbst seriöse Medien über ein Individuum berichteten, das aus reiner Abenteuerlust in menschenfeindliche Gefilde geklettert und dort verunglückt ist. Oder war es bereits das Sommerloch?

Nein, denn das ist dieser Tage kleiner als sonst. Kaum war allerdings die Auftaktwoche der WM in Gang, zeigte Michael Antwerpes, dass Fußballreporter bei ihren Leisten bleiben sollten, sonst nirgends. Seine Reportage Tour de Brasil war von so beklagenswerter Schlichtheit, dass Favelas darin zu possierlichen Reisezielen wurden, weil die aufmarschierte Polizei darin ja nur Gutes tue, während Drogen und Mord Synonyme zu sein scheinen. Und drohte es doch mal heikel zu werden, baggerte sich der ARD-Mann nach einer Caipi beim Beachvolleyball die Fußballwelt wieder schön. Willkommen zur WM der guten Laune!

Und der tollen Quoten.

Mit 60 Prozent Marktanteil schon zum Eröffnungsspiel, der es gerade den privaten Konkurrenten ungeheuer schwer macht, dem Sog des Fußballs ein Alternativprogramm entgegenzusetzen.

TV-neuDie Frischwoche

16. – 22. Juni

Also versuchen sie es gar nicht erst. Frisches Fernsehen mit Anspruch findet somit diese Woche mehr denn je nur öffentlich-rechtlich statt. Natürlich hält man sich auch da mit teuren Erstausstrahlungen zurück, wenn nebenan praktisch alle Zuschauer vom gebührenfinanzierten Volkssport abgegriffen werden. Trotzdem gibt es für Fußball-Abstinenzler durchaus was zu sehen in den kommenden sieben Tagen. Man muss nur genauer hinschauen.

Heute etwa parallel zum deutschen Turnierauftakt in der ARD: eine ZDF-Doku, die sich mit den Maschen der Wellness-Branche (19.25 Uhr) befasst, während der Infokanal des Zweiten um 20.15 Uhr Das Geschäft mit Halloween illustriert und der Kultur-Ableger zeitgleich die grandiosen Mumfort & Sons live aus Colorado zeigt. Und da ist noch nicht mal vom brüllend bissigen Zweiteiler Aufschneider die Rede, in dem der österreichische Kabarettist Josef Hader heute und morgen bei 3sat als verschrobener Pathologe brilliert.

Mittwoch dagegen, wenn das übliche ARD-Drama vom Spiel Chiles gegen Spanien verdrängt wird, bittet iberische Fiktion der Extraklasse eine Alternative auf Arte. In der vielfach preisgekrönten Komödie des Argentiniers Sebastián Borensztein Chinese zum Mitnehmen fällt nämlich – nach realer Vorlage – eine Kuh aus dem Flugzeug und wirbelt das Leben des Eigenbrötlers Roberto so bizarr durcheinander, dass das Tiki Taka des Weltmeisters zum besseren Bolzplatzkick schrumpft. Gar nicht lustig, aber kaum weniger famos ist demgegenüber die TV-Premiere von Was bleibt, Donnerstag ebenfalls auf Arte. Mit Lars Eidinger als Corinna Harfouchs Sohn, lässt Regisseur Bernd Lange eine bürgerliche Familie so feinsinnig und leise implodieren, dass man danach gleich seine Lieben anrufen möchte, um rasch alles auf den Tisch zu packen, was irgendwann mal zum falschen Zeitpunkt herauskommen könnte.

Und dann ist da ja noch das FilmDebüt im Ersten, das gleich darauf Aron Lehmanns Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel ins Rennen schickt, wo der Filmemacher von 33 Jahren einen Kollegen gleichen Namens (Robert Gwisdek) mit der Adaption des berühmten Kleist-Stoffs betraut. Es ist die pure Freude zu beobachten, wie das fiktive Projekt von Beginn an in die Hose geht und gerade dabei die volle Kraft der Figuren entfaltet. Wie diese Kraft wirkt, wenn man sie bloß persifliert, kann man Freitag ab 22.20 Uhr (Sat1) drei Stunden lang wunderbar bei Switch Reloaded beobachten. Ähnliche Kraft, nur ohne Persiflage, entwickelt am Sonntag drauf Bad 25, wo Regisseur Spike Lee die Popplatte schlechthin zum 25. Jubiläum seziert. Und zwischendurch verleiht der Tipp der Woche dem Begriff Kraft ohnehin eine neue Dimension: Die Liebenden von Pont Neuf von 1991, dem Durchbruch von Juliette Binoche als erblindende Künstlerin, die sich in einen Obdachlosen verliebt.


Interviewfriday: Mike “Passenger” Rosenberg

PassengerFucking hell!

Wer sich mit Mike Rosenberg alias Passenger kurz vor einem unangemeldeten Konzert – Busking genannt – in einer Hamburger Fußgängerzone zum Interview trifft, muss damit rechnen, dauernd von Fans unterbrochen zu werden. Das ist insofern bemerkenswert, als sein Singer/Songwriter-Folk vor fünf Jahren, als der Brite aus Brighton sein Geld noch als Straßenmusiker verdiente, nur wenige interessiert hat. Heute dagegen sind die Mumfords und Sheerans Topstars mit Top-Ten-Garantie, die auch Rosenbergs neues Album Whispers spielend erreichen dürfte. Ein Interview vorm Straßengig über seine Wurzeln, den Lärm unserer Zeit und ob er manchmal neidisch auf Neulinge im Geschäft ist.

freitagsmedien: Mike, wenn du gleich hier auf der Straße in einer Stadt wie Hamburg spielst – welcher Song käme dir da in den Sinn?

Mike Rosenberg: Oh, Hamburg, das muss dann wohl einer von den Beatles sein. Hilf mir.

Get back…

… to where we once belonged, richtig. Ich habe viele Jahre fast ausschließlich auf der Straße gespielt. Da ist es an dem Ort, wo die Beatles ihre Karriere begonnen haben, natürlich noch schöner, genau dort zu spielen. Aber ich habe auch im Hinterkopf, dass es oft keine leichte Zeit war, als Straßenmusiker. Ich hatte nichts, kein Label, keine Platten, oft kaum Zuschauer, nur meine Gitarre und mich, der versucht hat, damit ein paar Pfund zu verdienen.

Was funktioniert hat?

Mal mehr, mal weniger. Aber am Anfang fast jeder Musikkarriere, die nicht gerade bei einer Castingshow entsteht, gibt es dieses Dilemma: Man möchte seine ganze Energie, sein Leben in diese Aufgabe stecken, muss am Ende des Tages aber auch mal was essen und dafür mehr arbeiten, als einem manchmal Spaß macht.

Das klingt, als wärst du froh, diese Zeit hinter dir zu haben.

Froh ist nicht das richtige Wort. Versteh mich nicht falsch: Busking war für mich die Chance, im unmittelbaren Kontakt mit dem Publikum ein bisschen Geld dazu zu verdienen und zugleich fünf Stunden am Tag zu üben. Das war toll. Ohne Busking wäre ich ein schlechterer Musiker.

Und hier und jetzt?

Lerne ich dadurch noch immer, nehme dafür natürlich kein Geld mehr, aber liebe es noch immer so sehr, für Menschen zu spielen, die mein Konzert nicht als Tauschgeschäft für ihren Ticket-Kauf sehen, sondern als gegenseitiges Geschenk.

Auch, um sich von den großen Hallen, die du mittlerweile füllst, wieder ein bisschen zu erden?

Definitiv. Und um es mit den Beatles auszudrücken – ja, ich kehre damit immer wieder ein bisschen heim. Ich spiele wirklich gern vor vielen Leuten in großen Hallen, aber das hier gibt mir ein Gefühl von Herkunft, das ich niemals missen möchte. Als mit All The Little Lights und vor allem Let Her Go der Erfolg kam, als ich ständig auf Tour war, Interviews geben musste, im Rampenlicht stand, aber keine Zeit mehr zum Busking hatte, spürte ich ein großes Loch in meinem Herzen. Ich war wirklich unglücklich, denn je mehr du über Musik sprichst, desto weniger Zeit hast du, sie zu machen. Ich will einfach nur spielen, egal vor wie vielen Leuten.

Kennst du Ricky Dean Howard?

Den Namen hab ich schon mal gehört. Ein Folkmusiker?

Ein Singer/Songwriter aus London, fast wie du. Nur, dass er zurzeit noch in kleinen Clubs spielt wie gestern in St. Pauli.

Ah, St. Pauli! Ich kenne kein besseres Publikum. Nicht so leicht in Wallung zu bringen, aber sehr konzentriert und unglaublich aufmerksam. Wo hat Ricky gespielt?

Im Rock Cafè, sehr klein. Er hat ein Lied von dir gecovert.

Oh, welches?

Riding to New York.

Wow, cool!

Vorher sagte er, dass du längst jede Riesenhalle füllst, aber ebenfalls vor 80 Zuschauern begonnen hast und darauf womöglich manchmal neidisch wärst. Bist du das?

(lacht) Dafür hatte ich zu viele Gigs vor weniger als 80 Leuten. Sicher, manchmal vermisse ich diese Intimität, aber Mann, solche Auftritte sind echt hart. Die Leute quatschen, während du dir da vorn einen abkämpfst, gehen zwischendurch rauchen, klatschen aus Höflichkeit. Ich bin zu glücklich mit der Gegenwart, um die Vergangenheit durch die rosa Brille zu verklären. Ich wollte ja genau dahin, wo ich heute stehe und hatte nach Let Her Go bloß Angst, die Leute wollen nur dieses eine Stück hören und sonst keines mehr. Aber nun hören sie sich auch alle anderen vier Platten an und setzen sich mit mir auseinander. Das ist ein Riesengeschenk, das ich nicht mehr gegen mehr Nähe und Vertrautheit tauschen möchte. Also kein Neid, höchstens Respekt vor allen, die dort stehen und sich durchboxen.

Was ist denn aufregender – 5000 zahlende Gäste zu bedienen oder 50 zufällige?

Schwer zu sagen. Gestern hab ich in Hannover vor 25.000 Leuten gespielt. Wahnsinn! Am Tag davor war ich in Berlin auf dem Alexanderplatz vor vielleicht 600. Aber witzigerweise waren die 25.000 oft andächtiger und konzentrierter, also leiser, als die 600 und beides war auf seine Art wundervoll. Aber Mann, 25.000 – das hätte mir vor drei Jahren einer sagen sollen…

Wie erklärst du dir den derzeitigen Erfolg von Folk und Singer/Songwriting?

Damit, dass Musik immer in Kreisläufen funktioniert. Als ich vor zehn Jahren meine Gitarre ausgepackt hab, haben viele gelacht, weil damals der DJ das Maß aller Dinge war. Dass Ed Sheeran oder Marcus Mumford jetzt Stadien füllen, liegt also sicher auch am miesen Niveau der Popmusik von heute. Wie willst du zu Miley Cyrus eine persönliche Beziehung aufbauen? Die Leute wollen wieder mehr berührt werden.

Und vielleicht dem Lärm der Gegenwart entfliehen?

Absolut. Wir sind umgeben von Lärm – für die Ohren, die Augen, fürs Gemüt. Da kriegt Ruhe und Einfachheit, Understatement, ein Flüstern plötzlich eine neue Bedeutung, denn die Zeiten mögen sich geändert haben – viele Menschen nicht, sie wollen etwas fühlen. Und das ist der fucking fundamentale Grund aller Musik, die von Herzen kommt: etwas zu fühlen.

Was gibt ihnen dein neues Album Whispers über den Titel hinaus zum Fühlen?

Lustig, dass du das fragst, denn ein Song darauf – Crazy World – handelt genau von diesem Lärm und wie wir uns davon fortsehnen. So wie auch ich mich manchmal zurücksehne in die Zeit der Ruhe vorm Erfolg. Ich will mich nicht beschweren und niemanden bewerten, aber meine Songs sollen den Leuten Raum zum Nachdenken geben. Etwa dafür, das iPhone nach ein, zwei Fotos oder einem kurzen Film auch mal weg zu legen, anstatt das ganze Konzert durch den Bildschirm zu sehen. Sie sollen bei mir sein, nicht gedanklich bereits bei YouTube. Dafür steh ich doch da oben.

Wie läuft es, wenn du Zuschauer bist?

Gleich zu Beginn zwei Fotos, das war’s. Das gehört heute einfach dazu. So hab ich’s auch bei meinem letzten Konzert getan.

Nämlich?

Glaub es oder nicht – Robbie Williams. Fucking hell! Er ist so grandios. Als Musiker und als Mensch. Ich kannte ihn nicht, hab ihn aber vor zwei Tagen in Berlin getroffen, zum ersten Mal und er kam zu mir und meinte, du warst doch heute busking auf dem Alexanderplatz? Erzähl mir alles darüber! Er ist ein globaler Popstar, interessiert sich aber auch für das, was abseits der großen Bühnen passiert. Deshalb bin ich auf so vielen Konzerten wie möglich, egal ob kleine Clubs oder Stadien. Du lernst bei jedem einzelnen und besonders bei einem wie Robbie. Was für ein Entertainer!

Wenn du seinen Erfolg hättest – würde dich das als Person verändern?

Definitiv, das lässt niemanden unbeeinflusst. Wenn dein Leben so bizarr wird wie seins, kannst du nicht der Gleiche bleiben. Selbst auf meinem kleineren Level des Erfolgs verlierst du schnell die Bindung zu dir selbst. Aber genau da helfen mir zehn Jahre als Straßenmusiker. Ich hatte genug Zeit, die schwierigen Seiten meines Jobs zu erleben, um in den besseren nicht abzuheben und sich vor Augen zu halten, dass mein einer Hit der letzte sein könnte, wer weiß. Aber ehrlich – wenn es das war, bin ich damit zufrieden. Dann hatte ich dieses Erlebnis und kann einfach weiter Musik machen, die ich liebe.

Die du im Studio mit Band spielst, live aber ganz allein – warum?

Ich war schon häufiger in Bands und das hat einfach nicht so gut geklappt wie ich mit mir und meiner Gitarre auf der Bühne. Meine Musik handelt so sehr von meinen Gefühlen und Worten, dass andere Musiker eher Hürden aufbauen würden, das zu vermitteln. Im Studio kann man alles ausprobieren, aber live will ich mit meinem Publikum in Kontakt treten, nicht mit meinen Mitmusikern.

Das Interview ist zuerst erschienen bei http://www.musikblog.com/2014/06/die-leute-wollen-wieder-beruehrt-werden-passenger-im-interview/


Geheiminterview: JBK & Lanz & Pilawa

Charmant!

Jörg Pilawa ist zurück bei der ARD und avanciert dort nun zum Startalker, Starmaster, Starallesmögliche. Doch auch zuvor schon hat er alle gekriegt. Als sich das ZDF etwa von Johannes B. Kerner getrennt hatte, bat er dessen Nachfolger Markus Lanz zum Gespräch, lange bevor ihm das Wettsofa Hämnorhoiden verpasste. Die freitagsmedien waren dabei. Das Geheimprotokoll!

Jörg Pilawa: Johannes, Markus, Freunde – ihr seid ja nicht nur sehr erfolgreich, sondern auch äußerst nett.

Markus Lanz: Dito, danke.

Johannes B. Kerner: Finde ich auch, ein echter, und ich sag das nicht einfach nur so: Sympathieträger. Jeden Tag auf Sendung und nie ein böses Wort.

Lanz: Charmant, wie wir Österreicher sagen. Wie Johannes, den nennen ja alle JBK und das hat auch mit Respekt zu tun. Deine Gesprächsführung, die kann man nicht lernen, das liegt im Blut.

Kerner: Vor allem im Wiener Blut, Markus. Und im Hamburger, Jörg. Im Ernst, ihr beide, so völlig ohne Krawall wie die da bei Sat.1…

Deinem neuen Arbeitgeber.

Kerner: RTL, ich meinte RTL und diese ganzen Radaukanäle, RTL2, Vox, Arte. Aber du beim Ersten.

Zweiten.

Kerner: …Programm. Toll! Und immer einfach nur freundlich. Irre. Könnte ich gar nicht.

Aber Johannes, du bist doch quasi der Erfinder der freundlichen Gesprächsatmosphäre, die Fleisch gewordene Höflichkeit.

Kerner: Fleisch geworden, klasse! Aber ich kann, wenn ich will, und ich will ja, mit Verlaub, auch mal hart sein müssen zu meinen Gästen. Zum Beispiel der Eva Herman, dem Jan Ulrich oder Robert Hoyzer.

Lanz: Das stimmt, da warst du knallhart und das möchte ich jetzt auch sein auf deinem Sendeplatz. So richtig hart, aber herzlich.

Witzig, so hieß auch mal ’ne Fernsehserie.

Kerner: Ja, witzig (lacht nach innen). Ich glaube, der Markus kriegt das hin. Und sag mal, ich hoffe, das so offen fragen zu dürfen: Würdest du da wirklich so hart rangehen, wie ich bei der Herman. Kompromissloses Nachhaken, offensive Körpersprache, hochgezogene Augenbrauen und hinterher rausschmeißen, wenn’s langt? Ich hab mich immer so vorgebeugt, zur Eva. Herman.

Lanz: (Legt seine Stirn vertikal in Falten) Und?

Respektheischend. Johannes – deine härteste Mimik?

Kerner: Pass mal auf (faltet seine Stirn horizontal) – so hab ich sie alle weich gekocht, wenn ich wirklich, ich sag’s mal ganz salopp: was aus denen rauskitzeln wollte. Beichten, Geständnisse. Und wie ich den Jögi Löw zum Schweigen gebracht hab, nach dem Remis gegen Finnland.

„Das war schon arg“, hast du ihn da gefragt. Frech! Bist halt ein Sportass. Aber es gab ja auch mal Kritik, wie damals, als du gleich nach dem Amoklauf von Erfurt einen jungen Augenzeugen hattest.

Kerner: Na ja, Jörg, manchmal ist ja das Leben keine Quizshow.

Nicht?

Kerner: Dann schon eher Kochshow. Ich hatte Mälzer, Wiener.

Lanz: Schubeck, Henssler.

Beide: Lafer! Lichter! Lecker!

Lanz: Aber besser finde ich Leute mit ganz schlimmen Krankheiten. Oder neulich, nach dem Erdrutsch – da war gleich einer von den Gerutschten bei mir. Da muss man auch mal mittrauern.

Kerner: Die Verona hat bei mir in der Sendung geweint, erinnert ihr euch? Da hieß sie noch Feldbusch. Aber am liebsten red’ ich mit dem kleinen Mann: Langzeitarbeitslose, Streetworker, Kinder, Frauenrechtlerinnen, Terrorüberlebende, Kinder, Kassiererinnen…

Und Kinder, ganz wichtig.

Lanz. Krebskranke, Steuerzahler, Erdrutschopfer, Anlageberater, Lebensretter, Klingeltonanbieter, Mietrechtler, Kinderdorfmütter…

Kinder nicht zu vergessen.

Kerner: Ohne Promis geht es aber auch nicht. Politikerstars, Sportstars, Fernsehstars, Kochstars, Superstars, Supermodelstars, Superkinostars. Sogar der Will Smith war bei mir. Er hat mit den Ohren gewackelt.

Lanz: Irre, nur die ganz Großen!

(Plötzlich tritt Reinhold Beckmann ein) Geht’s hier um mich? Das interessiert mich.

Lanz: Sorry Reinhold, hier geht’s heute um JBK und mich.

Beckmann: Oh, dann bin ich weg (und ab).

Lanz: Ich hatte Schumi.

Kerner: Den kleinen. Bei mir war der große. Exklusiv! Wir duzen uns.

Lanz: Duzen, super.

Kerner: Außer Gäste wie Hoyzer, Ulrich, Herman. Obwohl, doch, die Eva… Aber Politiker duze ich nie. Die Wulffs, die Steinmeiers, von der Leyen, alle bei mir. Da wahre ich Distanz.

Lanz: Politiker lade ich gar nicht erst ein. Dafür waren bei mir die größte Familie, die jüngsten Eltern und ein echter Zoodirektor.

Kerner: Ehrlich, Markus – nicht schlecht. Superthema, wenn’s der jüngste Vater der größten Familie mit Zoo wäre. Ich hatte Sido. Harter Typ.

Lanz: Und wie der dich da angemacht hat, die ganze Zeit diese Gossensprache, fick disch, Schwuler, mit Schlägen hat er dir gedroht, aber du bist ruhig geblieben. Toll.

Kerner: Du Markus, das war nur eine Kopie, bei Switch reloaded. So eine Art Hommage an mich. Die ziehen – und ich hoffe, damit nicht falsch zu liegen – die richtig – falls mir gestattet ist, das so zu sagen – guten Fernsehleute – von denen ich ja nun, entschuldige diese vage Vorform großen Selbstbewusstseins, fraglos einer bin – durch den, ich würd’ mal so sagen: Kakao.

Lanz: Welche Sorte?

Kerner: Bonaqua, glaub ich. Oder Gutfried. Eine von den ganz köstlichen Sorten, bekömmlich und gar nicht teuer.

Und so gut für Kinder.

Kerner: Ich hab’s, Air Berlin, das ist der leckerste.

Grad für Kinder.

Kerner: Jörg, Verzeihung, immer diese Kinder. Also bei der Eva…

Lanz: Eva, Eva, du immer mit deiner Eva!

Also es sind ja doch die spannenden Momente, wo man sich Gedanken macht und überlegt, wie man weiter macht und die hab ich mir jetzt gemacht und mich entschieden, dass ich jetzt ohne euch weitermache, und dich Eva, äh – Markus, Johannes, jetzt verabschiede.

Lanz: Charmant!

Kerner: Nett!

Und Markus: Wenn dir irgendwann mal irgendwas am Samstagabend anbietet – lass die Finger davon! Die Showbühne ist zu groß für uns zwei beide…

Lanz: Wetten, dass nicht?

Kerner und Pilawa im Duett: Top!

Lanz: Um was wetten wir?

Ums die deutsche Fernsehshow!

Lanz: Angenommen!


Fußball & Fußballsimulationen

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

2. – 8. Juni

Die schlechte Nachricht vorweg: Weil ein CNN-Reporter die Frechheit besaß, voriges Jahr stundenlang über die Ereignisse rund um den Istanbuler Gezi-Park zu berichten, wurde er festgenommen, was Regierungschef Erdogan zu der spannenden Rechtfertigung hinriss, er sei ein „Agent“. Eine bessere Nachricht hinterher: es gab vorige Woche von Montag bis Donnerstag doch Wetter über Deutschland, obwohl es die Tagesschau Sonntag zuvor nicht angesagt hatte. Womit bewiesen wäre, dass die Realität gar keines Beweises in den Hauptnachrichten bedarf, um zu existieren. Schon mal ganz beruhigend… Noch beruhigender oder je nach Perspektive beunruhigend ist dagegen der Umstand, dass die Kanzlerin nicht alleinverantwortlich für alles ist, was ihre Regierungspartei zum Regieren beiträgt. Sonst wäre Angela Merkel als Telefonjoker beim Promi-Special von Wer wird Millionär? wohl nicht nur ans Telefon gegangen; sie hätte sicher auch gewusst, was DDR-Bürger(innen) mit der Waschmaschine „WM66“ neben der Wäsche noch angestellt haben – nämlich Obst einkochen (und nicht die West-Verlierer vom Wembley-Endspiel verhöhnen).

Somit blieb ihr Parteikollege zwar bei 500.000 Euro für den guten Zweck (wie üblich irgendwas mit Kindern) hängen, die Einschaltquote aber lag locker ums Dreizehnfache höher. Ein Rekordwert, den die Bild seinen PR-Buddies von RTL kaum kostenlos beschert haben wird, als sie eifrig für die Sendung mit Kanzlerin geworben hatte. Liebe ohne Gegenleistung ist kommerziellen Medien schließlich so fremd wie frische Ideen fürs eigene Programm. Darum holt Sat1 auch lieber die ebenso dämliche wie verstaubte Show Deal or no Deal aus er Kiste, wenngleich mit dem Moderationsneuling Wayne Carpendale (was garantiert gar nichts mit dem Engagement seiner Frau Annemarie Warnkross bei der gleichen Sendergruppe zu tun hat) am Mikro.

Ein derartiger Gebrauchtwarenhandel ist aber kein privates Fernsehphänomen. Der WDR plant für Oktober die Exhumierung von Geld oder Liebe, wenngleich mit dem überreifen Jürgen von der Lippe am Mikro. Und dem Schlager-It-Girl Helene Fischer 2015 die Schlager-Domina Andrea Berg entgegenzusetzen, ist jetzt auch keine so bahnbrechende Idee des ZDF im Kampf um die Lufthoheit im Showfernsehen mit der ARD.

TV-neuDie Frischwoche

9. – 15. Juni

Doch übers kreative Potenzial eines Formates entscheidet ja nicht immer der Grad an Innovation. Wenn das Filmdebüt im Ersten am Donnerstag bereits zum 15. Mal ARD jungen Regisseuren eine vergleichsweise prominente Plattform bietet, startet es mit der Kinoadaption Am Himmel der Tag, wo eine ungewollte Schwangerschaft der blutjungen Aylin Tezel die Partylaune vermiest. Das erinnert zwar schwer an das englischsprachige Pendant Juno, ist dadurch aber keinesfalls schlechter. Ganz ähnlich verhält es sich mit der US-Serie Dr. Monroe. Ab Freitag (21.45 Uhr) heilt der brillante Zyniker die vertracktesten Leiden, was natürlich nicht ganz zufällig an Dr. House erinnert, der jedoch anders als sein Kollege statt eines Privatlebens ernste Drogenprobleme hat.

Etwas mehr Innovationspotenzial bietet dagegen ein gewisser Paul Kemp. Serien über Dienstleister jenseits von Polizisten und Pastoren, Ärzten und Anwälten gibt’s zwar genug – zum Beispiel beim Import In Treatment über einen Psychiater, der sich zuweilen etwas arg persönlich mit seinen Patienten befasst. Einen professionellen Streitschlichter zum (Anti-)Helden fortlaufender Fiktion zu machen, ist aber zumindest ungewohnt. Wenigstens dass. Denn obwohl die 13 Teile auf den Erfahrungsberichten eines echten Mediators beruhen, sind die Fälle bereits zu Auftakt so unrealistisch inszeniert, dass es eigentlich nur einen Grund gibt, zuzusehen: Harald Krassnitzer. Der Österreicher verleiht seiner Titelfigur eine wunderbare Balance zwischen Zynismus und Empathie, was die Serie am Ende doch zu einem der Highlights dieser Woche macht. Aber das hat natürlich noch andere Gründe als die Güte des Gezeigten.

Schließlich steht das gesamte Programm fortan voll im Schatten von ihm, the one and only: King Fußball. Sobald Donnerstag im ZDF zur MEZ-Primetime die Eröffnungsfeier beginnt, bleibt der rechtelosen Konkurrenz nichts anderes übrig, als Ramschware zu versenden oder noch schlimmer: Surrogate. Daher schickt RTL2 heute in Ermangelung echter Journalisten ihr Auswandererprodukt Die Reimanns auf Brasilien-Check. Der NDR versucht es später am Abend (22.45 Uhr) immerhin mit dem talentierten Micky Beisenherz, aber auch sein Nationalteamporträt Fußball, Frauen, Fönfrisuren bleibt den Porträtieren naturgemäß ziemlich fern. Noch hilfloser wirkt da nur der Versuch privater Kanäle, realen Fußball durch filmischen zu ersetzen, Sat1 zum Beispiel morgen durch die Geschlechterkampfkomödie FC Venus und Kabel1 tags drauf mit Sönke Wortmanns Wunder von Bern.

Ansonsten ist es einen Monat vorm WM-Endspiel die Woche der TV-Finals. Hell’s Kitchen (Vox) und Hotter than My Daughter (RTL) bleiben uns ab Mittwoch erspart wie ab morgen Sing meinen Song (Vox). War noch was? Ach ja: Der Schwaben-Tatort ist pfingstbedingt auf heute verschoben. Morgen schickt das ZDF Vegetarier gegen Fleischesser ins Duell und ignoriert dabei, dass da neben der Gesundheit noch irgendwas mit Umweltschutz war. Wie man Dokumentationen ohne Populismus macht, zeigt parallel dazu Arte mit Doping, Drogen, Depressionen über Hochleistungssportler jeder Art. Und wie man mit Kitsch Weltstars macht, zeigt Pedro Almodovar im Tipp der Woche: Vor 25 Jahren machte sein „Fessle mich!“ einen gewissen Antonio Banderas berühmt.