Nation & Konterrevolution

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

23. – 29. Juni

Wer es mit Nationalismus oder seiner unwesentlich gelasseneren Version – dem Patriotismus – hält, erlebt bei der aktuellen Weltmeisterschaft eine Art Parallelturnier. Auch das findet zwar nominell in Brasilien statt, doch nirgendwo lassen sich all die Überbietungswettbewerbe ausschweifender Vaterlandsliebe besser bestaunen als am heimischen Bildschirm. Da wird man als Zuschauer dann Zeuge von Teams, deren Ergriffenheitsgrad beim Absingen der Nationalhymne irgendwo zwischen Orgasmus und Geburtserlebnis liegt. Da bejubeln im Bierwerbespot schicke Schanzen-Hipster, die man in realen Stadien unter all den Bieder- bis Ballermannfans seltsamerweise vergebens sucht, deutsche Tore leidenschaftlicher als Sechser im Lotto. Da werden Staatsgebilde samt ihrer Insignien generell so innig gefeiert, als hätten sie in der Menschheitsgeschichte nie irgendwas Negatives wie Krieg und so Sachen provoziert. Und immer vorne dabei eine Personengruppe, besser: Spezies, die berufsbedingt zur Überparteilichkeit verpflichtet ist: Moderatoren.

Es ist eine absolute Schande für den Journalismus, wie unverschämt kritiklos Fernsehprofis unterm Deckmantel wohlfeiler Unterhaltung einen Patriotismus als Information verkaufen, der vom Nationalismus dann doch nur noch einen inneren Reichsparteitag entfernt ist. Dabei treibt er Blüten wie die der geistig offenbar schlichten Katrin Müller-Hohenstein, Hansi Flicks tolle Gesichtsbräune live zu lobpreisen, als stünde sie nicht auf der Gehaltsliste des öffentlich-rechtlichen ZDF, sondern eines Hybrids aus RTL und Bild.

Dennoch: So debil der allen Ernstes von Angesicht zu Angesicht geäußerte Satz zum morgendlichen Ablaufplan des Co-Trainers („manchmal auch ein bisschen in die Sonne? Sie haben eine tolle Farbe“) auch sein mag – er steht stellvertretend für ein Genre, das sich sämtlicher Distanz zum Berichtsgegenstand zusehends entledigt. Aber er ist auch ein Grund mehr, sich mal die Kraft der Worte jener Medien vor Augen zu halten, die Journalismus weiter als solchen betreiben. Worte wie in der Süddeutsche-Kolumne „fern gesehen“, die täglich den Irrsinn deutscher Berichterstattung mit Sätzen wie den aufs Korn nimmt, Ex-Schiri Urs Meier fordere bei seinen seltsam kurzen Auftritten zwischen den Olivers Welke & Kahn „in einer Art zeremoniellem Ritual die Einführung von Profi-Schiedsrichtern, das ZDF zeigt den nächsten Film – und schwups ist Meier wieder verschwunden wie eine Marionette“. So geht Informieren mit Unterhaltungswert.

TV-neuDie Frischwoche

30. Juni – 6. Juli

Dass das auch ohne WM geht, scheint dieser Tage allerdings unvorstellbar. Mittwoch nämlich ereignet sich zwar Außergewöhnliches: es gibt nicht ein einziges Fußballspiel von nirgendwo mit niemandem; trotzdem geben sich ARD und ZDF nicht die allergeringste Mühe, ihre freigewordene Sendezeit innovativ zu füllen. Das Erste wiederholt auf seinem wichtigsten Spielfilmplatz die muntere, aber biedere Seniorenselbstbestimmungskomödie Spätzünder mit Jan Josef Liefers als Jan Josef Liefers mit Gitarre. Das Zweite wiederholt JBK auf der Suche nach Unsere Besten als JBK auf der Suche nach Deutschlands Beste. Was ähnlich jubelpatriotisch ist wie 2003, als JBK erstmals Beliebtheit mit Güte verwechseln ließ – aber gerade deshalb natürlich ganz gut in die schwarzrotgoldene Fähnchenlaune im Land passt.

So gesehen muss man den darauf folgenden Tag schon fast als konterrevolutionär einordnen. Dort zeigt die ARD im Rahmen ihrer FilmDebüt-Reihe zwei charmante Geschichten vom Rande der Gesellschaft. Andi Rogenhagens Ein Tick anders präsentiert das Tourette-Syndrom der jungen Eva (Jasna Fritzi Bauer) nicht als arglistigen Feind, sondern leicht komplizierten Freund. Nach Mitternacht beschreibt Dan Tangs I Phone You die Irrungen Wirrungen der Generation Multimediazwang am Beispiel einer jungen Chinesin zwischen ihrer Heimat und Berlin, was zwar zuweilen etwas zuckrig ist, aber insgesamt recht schlüssig.

Alles andere als zuckrig, dafür noch schlüssiger ist dagegen der Auftakt der jahreszeitüblichen ARD-Reihe SommerKino. Darin gelingt es Meryl Streep als Die Eiserne Lady, Margaret Thatcher privat zu sezieren, ohne das politische Alphatier davor zu vergessen. Dafür gab es zu Recht Streeps dritten Oscar und vom Ersten einen erstaunlich guten Sendeplatz für gute Fiktion. Gutes Sachfernsehen gibt es gewohnt erst später, andernorts oder beides in einem. Zum Beispiel Krieg der Patente. Ein hochbrisantes Stück über Sinn und Unsinn des Erfindungsschutzes, leider morgen erst um 22.45 Uhr auf Arte. Oder auch das grandiose Naturschauspiel Operation Eisberg, gleicher Sender, fast gleiche Zeit, bloß am Freitag. Und bevor der Fußballwirbel des Viertelfinals am gleichen Tag alles in den Strudel aus Patriotismus und Freizeit zurückzieht, noch zum Tipp der Woche: Stanley Kubricks brillante Nabokovs Romanverfilmung Lolita (Mittwoch, 23.15 Uhr, 3sat) von 1962.

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freitagsmediensommerpausenverkündigung

winkeWerte Lesende,

festival-, ferien- und auslandsreportagenbedingt machen die freitagsmedien bis einschließlich 22. Juli überwiegend Urlaub. Zwischendurch wird es – Überraschung! – womöglich bei Gelegenheit hin und wieder vielleicht wer weiß ab und an einen Beitrag von unterwegs geben, vor allem in der Zeit vom 30. Juni bis 11. Juli; mit der beliebten Regelmäßigkeit ist für die kommenden drei, vier Wochen allerdings Schluss.

Grämt euch nicht und kommt wieder, wenn ich es tue!

Eure freitagsmedien aka Jan Freitag


Anarchie & Seitenwechsel

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

16. – 22. Juni

Es war das aufrichtigste Wort der bisherigen WM-Übertragungen: „Nein.“ Ein Lichtfleck im Dunkel der Redundanz. „Nein.“ Ein Körnchen Wahrhaftigkeit im dauernden Drama, Drama, Drama. „Iran gegen Nigeria“, sprach die neunmalkluge Nervensäge Matthias Opdenhövel am Montag zum Co-Moderator Scholl. „Hast du dazu noch was zu sagen?“ Und der antwortete, was wie ein Damm war im Sturzbach leerer Worte: „Nein.“ Einfach so. Ach, wie würde man seinen Kollegen dies innere Nein wünschen, statt wie Wolf-Dieter Poschmann Kicker im besten Landser-Duktus „Kameraden“ zu nennen, die bei Béla Rethy „durchmarschieren“, wenn sie nicht „bei Kaffee und Kuchen“ sitzen, wofür Claus Kleber die kostbare Sendzeit des seriösen „heute-journals“ verschwendete. Da war Scholls Überflussverweigerung geradezu von anarchistischer Schönheit.

Dass die Menschen am Ende aber doch jede Quasselei klaglos erdulden, um nur die maximale Dosis WM zu erhaschen, zeigt nicht erst Deutschlands Turniereinstieg mit erwartbaren 80 Prozent Einschaltquote. Sondern mehr noch das Auftaktspiel Brasiliens, dem kaum weniger als jene 30 Millionen Zuschauer beiwohnten – Public Viewing nicht mitgerechnet. Davon profitiert auch das Restprogramm, dem im Sog des Fußballs erstaunliche Anteile zuteil werden. Etwa das „Wort zum Sonntag“, in der Halbzeitpause einer Samstagspartie.

Und so durften ein paar mehr dem beiwohnen, was sonst nur eine Handvoll Hängengebliebener um diese Zeit im wachen Zustand erleben. In diesem Fall das debile Gefasel der Frankfurter Pastoralreferentin Verena Maria Kitz, die sich über den Seitenwechsel ein paar wirre Gedanken machte. Und so gab es die Woche drauf folgerichtig einen veritablen Shitstorm zu ihren Einlassungen, doch einfach mal andere Bier holen zu lassen, statt sich mühsam aus dem Fernsehsessel zu quälen. Oder probehalber in die Favela zu ziehen, um deren Leid zu erspüren.

 

TV-neuDie Frischwoche

23. – 29. Juni

Ja, das wäre eine Möglichkeit, liebe Frau Pastoralreferentin – was immer das sein mag. Die andere ist zwar ein bisschen weniger unmittelbar, aber mindestens ebenso ergreifend. Der Overkill medialer Aufarbeitungen zum Ersten Weltkrieg geht langsam seinem Ende entgegen, da zeigt Arte endlich das Schlachtendrama schlechthin: „Im Westen nichts Neues“, heute parallel zum letzten Vorrundenmatch der Brasilianer. Zugeben, das schwarzweiß knisternde Meisterwerk wurde schon öfter gezeigt, aber noch nie mitsamt all jener Szenen, die 1930 erst der amerikanischen, dann der deutschen Zensur als wehrkraftzersetzend zum Opfer gefallen waren. Was die anschließende Doku „Geschundenes Zelluloid“ im Übrigen nochmals eingehend schildert.

Obendrauf gibt es im Anschluss sogar noch Gabriel Le Bomins preisgekröntes Regiedebüt „Die Geschichte des Soldaten Antonin“, der 2006 die Probleme heimgekehrter Krieger vor 100 Jahren zum Spielthema macht. Ansonsten heißt es im WM-Rahmenprogramm auch diese Woche: Im Ersten, Zweiten, Dritten, Privaten nichts Neues. Und falls doch, zeigt ihn die ARD lieber nach dem pappeflachen Politrührstück „Mord in bester Gesellschaft“ mit Vater und Tochter Wepper. Das weit anspruchsvollere Drama „Die Unsichtbare“ mit dem gewohnt furiosen Ulrich Noethen als berühmter Regisseur, der von einer Nachwuchsschauspielerin diabolisch Besitz ergreift, gibt es dagegen erst zur Nacht – und das obwohl der DFB sein letztes Vorrundenspiel schon um sechs hat.

Wenn dessen Schlusspfiff ertönt, kann man dafür den zweiten Noethen des Abends genießen. Als schmieriger Provinzbulle in „Das unsichtbare Mädchen, Dominik Grafs grandioser Fiktionalisierung des realen Mordfalls Peggy auf Arte. Kurz vor Ende der Geisterstunde gibt’s dann die nächste Folge vom „FilmDebüt im Ersten“, also wenn garantiert niemand mehr zusieht. Dann erzählt die türkischstämmige Schweizerin Güzin Kar in „Fliegende Fischer müssen ins Meer“ die Geschichte einer Alleinerziehenden (Meret Becker), die ihrer Tochter (Elisa Schlott) so peinlich ist, dass sie ihr einen Mann besorgt, um nicht mehr mit ihr allein sein zu müssen. Das ist dramaturgisch jetzt wenig herausragend, aber mit einem besonderen Farbkonzept erstellt, was es zumindest ästhetisch sehenswert macht.

Also beinahe neu. Ganz im Gegenteil zu dem, was uns die Kommerzkanäle als solches verkaufen. Zum Beispiel wenn GNTM-Juror Jorge González ab Dienstag Allerweltsfrauen auf Vox Model-Glamour verpasst. Da ist jede Wiederholung innovativer. Etwa die „Tipps der Woche“: Mittwoch, 22.30 Uhr, RBB: Roberto Savianos Mafiaporträt „Gomorrha“ mit Laiendarstellern von 2008. Oder aus dem gleichen Jahr „Abgedreht“ mit Jack Black als Videothekar, der versehentlich alle Filmbänder löscht und mit eigener Kamera nachdreht, was selbst synchronisiert zum Herzerweichen schön ist (Mi, 2015, EinsFestival).


Indiefriday: CYHSY, Hundred Waters

Clap Your Hands Say Yeah

Mit Understatement hat es Alec Ounsworth nie so richtig gehalten. Bereits vor neun Jahren legte der Sänger, Songwriter, Kopf und Bauch von Clap Your Hands Say Yeah seine Stimme so melodramatisch übers bandbetitelte Debütalbum, dass die wesensverwandten Waterboys dagegen klangen wie lebensbejahender Powerpop. Auch die nächsten zwei Platten hielten sich emotional selten zurück. Stets war da diese leichte Schwermut im Grundton, eine Art optimistischer Larmoyanz im Arrangement. In den besseren Momenten klang das dann wie Radiohead auf milder Partydroge. In den schlechteren wie Radiohead beim Kater danach.

Clap Your Hands Say Yeah, die Band mit einem der großartigsten Namen überhaupt, hat zum höflichen Händeklatschen schon immer weit mehr Anlass gegeben als zum Yeah-Sagen. Jetzt aber fällt auch Ersteres nicht mehr so richtig leicht. Only Run, das vierte Album nämlich, ergeht sich so in aufdringlicher Weinerlichkeit, dass man dem Titel beim Zuhören rasch Folge leisten möchte. Wenn sich Ounsworths Stimme im Auftaktstück As Always über eine jeanmicheljarreske Synthiefläche legt, zersetzt vom Hall einer Plätschergitarre im The-xx-Stil, ist das selbst in depressiver Stimmung nur schwer erträglich. Erinnert sich der Hörer auch nur entfernt an Frühlingserwachen, schütteln ihn die Fluchtimpulse.

Und zwar zehn Lieder lang, fast unentwegt. Vom seltsam U2-haften Blamelessüber Little Moments im Coldplay-Gedächtnis-Pathos bis hin zum bombastischen Titeltrack, der wie so vieles auf diesem Album versiert durchproduziert ist, aber einen Verdacht erzeugt: Viele Empfindungen, die sie wachrufen soll, sind nur Teil eines groß angelegten Plans zur emotionalen Unterwanderung, Alec Ournsworths ganz persönliche PR mit dem Subtext der Propaganda. Schließlich ist Clap Your Hands Say Yeah mehr denn je zentralistisch gesteuert. Seit dem jüngsten Wegfall zweier Mitglieder zeigt sich das gleichberechtigte Kollektiv früherer Tage zusehends als Gruppe von Begleitmusikern, die das Werk vom Boss nur erfüllen helfen. Betrachtet man nun die Entwicklung des einst recht dynamischen US-Indierocks von der Westküste unter Britpopeinfluss hin zum orchestralen Emowave voller Choräle und Geigen, aber ohne Tempo, ohne Verve, gibt das Anlass zur nächsten Spekulation: Womöglich waren Robbie Guertin (Gitarre) und Tyler Sargant (Bass) vor ihrem Abgang Reduktionskorrektive der Band, die Ounsworths Gefühligkeit ein wenig geerdet haben.

Auch ohne sie bleibt nun natürlich nicht alles mies auf Only Run. Das Ganze ist wie üblich professionell und stimmig arrangiert. Es hat seine lichten Momente, etwa die Bonusversion von Impossible Request zum Schluss. Dazu mag das Timbre nicht jedermanns Sache sein, ist aber so ungewöhnlich, dass es von Byrne bis Bowie zu Recht prominente Fans hat. Clap Your Hands Say Yeah machen ja keine Musik für jeden Geschmack in jeder Laune. Aber ein bisschen weniger schlechter Geschmack bei schlechter Laune hätte es diesmal ruhig sein dürfen.

Clap Your Hands Say Yeah – Only Run (Xtra Mile); mehr Text’n’Files’n’Kommentare unter http://blog.zeit.de/tontraeger/2014/06/06/clap-your-hands-say-yeah_18225

Hundred Waters

Manche Musik braucht einfach kein festes Schuhwerk: Flower Power und Folk, Ethno und einiges an Americana, mit oder ohne “Neo” davor, ob von Zivilisationsverdruss angetrieben oder bloß partiellem Fluchtimpuls – ein Sound aus vornehmlich hölzernen Instrumenten und naturbelassenen Stimmen wird immer Leute dazu bringen, barfuß zu tanzen. Kompliziert wird es erst, wenn der Klang elektronisch generiert wird, wenn das Gehörte also synthetisch ist und artifiziell. Im Technofach heißt das dann Goa und geht meist mit bewusstseinsverändernden Drogen einher. Aber im Pop?

Da gibt es Bands wie Hundred Waters, die so konsequent zwischen affektiert und natürlich traumwandeln, dass es einem förmlich die Schuhe auszieht. Schon das Debütalbum des Quartetts aus den Südstaaten der USA hatte vor zwei Jahren die lose Grenze zwischen Digitalität und Analogie überwunden (wie zuletzt höchstens die grandiosen Poliça hoch aus dem amerikanischen Norden) und dabei gleich noch ein vermeintlich neues Genre namens “Sound of Florida” geschaffen. Sein Nachfolger mit dem Titel Moon Rang Like a Bell aber lässt die Konturen von damals noch ein wenig weicher erscheinen, die Trennlinien unschärfer.

Es ist ein episches Synthiepopalbum, das sein Instrumentarium aus Paul Gieses elektronischen Effektgeräten und Nicole Miglis’ Keyboards plus Querflöte, aus Trayer Tryons Gitarre und Zach Tetreaults Drums im Kopf verschwimmen lässt wie betörende Einschlafmusik. Schon der Sirenengesang von Show me Love zum Auftakt erinnert an die furiose Taufszene im Coen-Film Oh Brother, Where Are Thou und legt die Messlatte des Absurden somit niedrig. Auch danach geht es in verstörender Schönheit weiter. Jedes der zwölf Stücke blickt zaghaft über den Tellerrand der eigenen Soundstruktur, was die andere Seite so treibt und entdeckt dort immer wieder etwas Neues für sich selbst.

Hundred Waters – The Moon Rang Like a Bell (!K7 Records); mehr Text’n’Files’n’Kommentare unter http://blog.zeit.de/tontraeger/2014/06/02/hundred-waters_18152


Oli Kahn: Fußballhassliebe & Fußballsidekick

Als Torwart lebst du im Tunnel

Man kann ihn mögen, man kann ihn hassen, bloß ignorieren kann man ihn nicht. Sechs seiner 26 Jahre im Profifußball kommentiert Oliver Kahn seinen Sport schon im Fernsehen und hat sich dabei fast so viele Freunde oder Feinde gemacht,  wie seinerzeit als bester Torwart der Welt. Zurzeit steht er täglich hoch über der Copacabana und erklärt ihr mit seinem meckernden Hehe die Fußball-WM in Brasilien. Interview mit einem, der polarisiert und trotzdem in sich zu ruhen scheint.

Interview: Jan Freitag

Oliver Kahn: Bitte sehen Sie es mir bitte nach, dass ich etwas müde bin; ich bin heute sehr früh aufgestanden.

freitagsmedien: Aber das ist man doch als junger Vater gewöhnt?

Das „jung“ würde ich jetzt mal in Frage stellen. Günther Netzer hat sehr richtig gesagt, dass Hochleistungssportler mit Mitte 40 schon ein bisschen älter sind als normal.

Diesen Hochleistungssport haben Sie 20 Jahre Ihres Lebens ausgeübt, bevor Sie zum Fernsehen gewechselt sind.

Was ich auch schon wieder sechs Jahre mache. Puh.

Ab wann ungefähr werden Sie mehr Sportjournalist als Exfußballer sein?

Schwer zu sagen, da ich keins von beiden wirklich bin. Ich begreife mich schon lange nicht mehr als Exfußballer und noch lange nicht als Sportjournalist, höchstens sportjournalistischer Zuarbeiter. Mit Informationen ist der Zuschauer schließlich bis zum Abwinken überversorgt; deshalb versuche ich nur, sie ein bisschen besser einzuordnen. In unserer Gesellschaft geht es mir also eher darum, Wissen zu bewerten. Das ist eine Aufgabe, die ein … ein…

Experte?

So nennt es jedenfalls das ZDF.

Vielleicht Sidekick?

Gerne! Weil der Blick auf die Vergangenheit helfen kann, die Gegenwart ein bisschen besser zu begreifen, gebe ich als solcher Einblicke in meine aktive Zeit, aber auch in fußballerische Gefühlswelten, die ich aus eigener Erfahrung schildern kann, ohne nur bestehendes Wissen wiederzukäuen.

Hat man Sie dafür als Kenner der Materie eingekauft oder doch eher als prominentes Zugpferd?

Nur als prominenter Name würden Sie in der Branche nicht lange überleben; nee – man muss schon auch was liefern.

Und das trauen die Sender offenbar vor allem Ex-Bayern zu, so viele davon mittlerweile als Experten-Sidekicks tätig sind…

Das hat aber eher damit zu spielen, dass beim FC Bayern immer nationale und internationale Topleute gespielt haben, die viel von der Welt gesehen, hochklassig gespielt, also ein großes Bild vom Fußball im Kopf haben. Umso interessanter wäre es, für diesen Job jemand aus den Niederungen des Fußballs zu nehmen.

Die dann allerdings das Rampenlicht weniger gewohnt sind als Sie.

Aber auch für mich ist es nicht so einfach, zusätzlich zu den Länderspielen jetzt auch noch alle 14 Tage Champions League in einer ständigen Live-Situation vor vielen Millionen Menschen zu machen, die Dinge blitzschnell zu erfassen und mit dem richtigen Tonfall analysieren, ohne dass die Leute einschlafen. Das kann man nicht nur, weil man schon früher öfter mal vor der Kamera gestanden hat.

Was qualifiziert Sie dann dazu?

Mehrere Faktoren. Erstens die Erfahrung aus 14 Jahren FC Bayern, da gehörte die Kamera zum Alltag. Zweitens die Weiterentwicklung, also an eigenen Fehlern zu arbeiten, ohne sich überzuanalysieren. Außerdem gibt es noch eine gewissen Routine. Da helfen meine 15 bis 20 Vorträge im Jahr auch.

Als Key-Speaker, wie es auf Ihrer Homepage so schön heißt. Würde man Sie auch ohne den Namen Kahn so oft als Redner in Wirtschaftsdingen buchen?

In meinen Vorträgen versuche ich, Parallelen zwischen Wirtschaft und Sport zu vermitteln. Und weil mein Name da für Begriffe wie Disziplin, Motivation, mentale Stärke steht, ist er nicht davon zu trennen. Das kann hilfreich sein, aber als Unternehmer auch Nachteile haben, wenn es auf bestimmten Terminen nur darum geht, mal den Oli Kahn kennen zu lernen, als etwas übers Geschäftliche. Deshalb hab ich meinen Master of Business Administration gemacht. Dennoch wäre es hanebüchen zu glauben, den Vorsprung den andere im Business haben, mit meinem Namen oder dem MBA auszugleichen. Und wenn man substanziell etwas bewirken will, ist ein Name manchmal eher Malus.

Sie waren als Fußballer auf ein Thema fokussiert und sind nun sehr breit aufgestellt. Ist das nur eine Übergangsphase, um sich irgendwann auf ein Feld zu konzentrieren?

Die Fokusverbreiterung war anfangs in der Tat die größte Herausforderung, bei der ich mich mehr denn je gefragt hatte, ob ich sie überhaupt schaffe. Als Torwart lebst du im Tunnel, jetzt bin ich da raus und genieße es sehr, nicht mehr in dieser sichtbeschränkten Welt des Fußballs zuleben. Momentan ist aber auch alles noch miteinander verzahnt. Der Begriff „selbstständig“ führt ja in die Irre: wer alles selbst macht, kriegt früher oder später Burnout. Auch ich musste erst lernen, was wichtig ist und was unwichtig, was ich gut kann und was ein anderer besser.

Können Sie Sportjournalismus denn schon so gut, dass Sie mal eine eigene Sendung machen oder ein Spiel kommentieren?

Ganz sicher nicht! Mittlerweile hab ich zwar so viel über den Fußball gelernt, worüber ich mir früher nie Gedanken gemacht hatte, dass mir ohne Fernsehen definitiv was fehlen würde. Die aktuelle Aufgabe macht mir aber vor allem Spaß – auch wenn sie mir 2008 auch helfen sollte, den Übergang in die Gegenwart zu schaffen, ohne gleich ganz den Stecker zu ziehen.

Kann man sechs Jahre später die Aufregung des Moderators und des Spielers vor einer WM vergleichen?

Nein, das sind völlig verschiedene Paar Schuhe. Schon weil sich meine Anspannung sofort auf den Bildschirm übertragen würde, gehe ich als Experte mit einer gewissen Lockerheit in so ein Turnier rein, was früher weniger einfach war. Aber das hat sich gebessert. Wenn ich verkrampft bin, kann ich nicht kreativ sein. Andererseits weiß ich genau, was in mir vorginge, wenn ich selber spielen würde, und das fühlt sich nicht immer positiv an.

Inwiefern?

Als ich 2010 mit Katrin Müller-Hohenstein das Finale Spanien gegen Holland moderiert hab, da kam mir auch mein Finale von 2002 in Japan und Südkorea ins Gedächtnis…

Wo Sie den Ball vor Ronaldos Füße fallengelassen haben.

Sehen Sie! Das kam da auch bei mir wieder hoch. Andererseits ist es gut, dass ich das aktiv vor der Kamera aufarbeiten kann. Ich habe alles verarbeitet und gehe auch deshalb entspannt an diese Aufgaben ran, weil ich mit vielen Dingen meinen Frieden gefunden habe.

Auch damit, bis heute in der Öffentlichkeit zu polarisieren.

[lacht und schweigt]

Es gab ja nur zwei Sorten von Zuschauern: Die, die Sie hassen. Und die, die Sie lieben.

Ach, das hat sich durch meine Fernsehrolle schon verändert. Mittlerweile können mir sogar Dortmund-Fans freundlich gegenübertreten, was für mich Beweis ist, dass ich den Job neutral mache, also richtig. Man kann mir nicht vorwerfen, nur der Pro-Bayern-Hansl zu sein.

Im Gegenteil – ihr alter Club kriegt das meiste Fett von Ihnen weg.

So wie Lehrerkinder immer die schlechtesten Noten von den eigenen Eltern kriegen, genau. Momentan ist es dennoch schwer, Kritikpunkte an den Bayern zu finden.

Ging es Ihnen je darum, gemocht zu werden?

Nein. Es ist nicht verkehrt, gemocht zu werden; mir ging es aber immer eher um Respekt dafür, alles mit 100 Prozent Einsatz zu tun und zwar auf einem möglichst hohen Niveau. Als Mensch gemocht werden zu wollen, ist oftmals ein verzweifelter Akt. Das schafft niemand auf Krampf. Schon gar nicht jetzt, wo es in den digitalen Medien für den kleinsten Furz einen Shitstorm gibt.

Sind die Medienfigur Oliver Kahn und der Privatmensch eigentlich deckungsgleich?

Absolut. Denn sobald ich am Bildschirm nicht mehr ich bin, bin ich nicht mehr gut. Das führt dazu, dass ich mich selbst korrigiere, sobald ich das Gefühl habe, nicht mehr authentisch zu sein. Als Fußballer gab es schon zwei Seiten; so wie ich im Spiel gegrätscht habe, war ich als Mensch nie. Heute brauche ich keine Ritterrüstung mehr.

Was sagt der Privatmensch, wer Weltmeister wird, und was sagt der ZDF-Experte im Dienste möglichst großer Euphorie des Fernsehpublikums?

Da beide deckungsgleich sind, kann ich nur mit einer Zunge tippen: Entweder Brasilien oder Deutschland. Aber das ist reines Wunschdenken. Ich habe leider keine Glaskugel.


Wort zum Sonntag: Jubilar & Pausenclown

Duftender Shitstorm

Als die Pastorin beim vorigen Wort zum Sonntag in der Halbzeitpause wirres Zeug über Seitenwechsel faselte, zeigte sich zweierlei: auch nach 60 Jahren bleibt die ARD-Predigt ein Kuriosum der Fernsehlandschaft, kann aber immer noch die Gemüter erregen. Eine kleine Stilgeschichte zum runden Geburtstag.

Von Jan Freitag

Es gibt so Fragen der Medienrezeption, die würden katholische Dogmatiker vom Schlag eines Benedikt wohl mit dem Bann der Ketzerei belegen. Zum Beispiel, was DSDS und Das Wort zum Sonntag gemein haben könnten. Antwort: Die Quote war bei beiden spitze, doch weder das debile RTL-Casting noch die züchtige TV-Predigt will am Ende wer gesehen haben. Kein Wunder, dass die Partylaune abseits der ARD gering ist, wenn Deutschlands älteste Sendung nach der Tagesschau nicht grad biblische, aber stattliche 60 Jahre alt wird.

Da feiert also ein Anachronismus Geburtstag, was er womöglich nur deshalb darf, weil der Rundfunkstaatsvertrag den Öffentlich-Rechtlichen „Verkündigungssendungen“ auferlegt. Seit das Transistorradio erfunden wurde und die CSU zuletzt in der bayerischen Opposition saß, reden katholische und evangelische Prediger Woche für Woche früher zehn, heute vier Minuten im Wechsel über Gott in der Höh und zusehends auch die Welt darunter. Aus einem Medium, das Konservativen anfangs sehr suspekt, eher zuwider war. Kein Wunder, dass ein Kabelbruch, der die Premiere am 1. Mai 1954 verhinderte, von protestantischer Seite als papistischer Sabotageakt gedeutet wurde.

Kein Wunder aber auch, dass der Hamburger Pastor Dittmann eine Woche später zum Auftakt noch über diese komischen Apparate in deutschen Wohnstuben rätselte, „da sprechen Menschen irgendwo, sie singen und spielen, und in einem ganz anderen Raum, Hunderte von Kilometern davon entfernt, kann man sie nicht nur hören und verstehen, sondern auch sehen und beobachten, so dass man mit ihnen im gleichen Zimmer zu sitzen meint.“ Mit Käseigel, Bier und Reval ohne (Filter) zur Hand.

Verrückte Neuzeit.

Aber die hat sich letztlich ja doch durchgesetzt – im realen Leben wie im christlichen. Heute hat man Touchpad, Smartphone, Remote mit (Internetzugang) zur Hand, wenn man zwischen Tagesthemen und Spätfilm nicht rasch genug aufs Klo gerannt ist. Und aus dem Flatscreen kommt keine psalmenreiche Andacht gottesfürchtiger Seelsorger im vollen Ornat, sondern weltliches Zeugs mit religiösen Restbezügen von Menschen, die 15 Jahre nach dem ersten Samstagswort sogar X-Chromosomen tragen durften. Annette Behnken zum Beispiel, geboren in dem Jahr, als mit der Bayerischen Mütterwerkerin Liselotte Nold die erste Frau auf der Fernsehkanzel stand, würde schon rein optisch in jede Milchschnittenwerbung passen.

Und dann spricht die telegene Mittvierzigerin das Jubiläumswort auch noch live von Hamburgs Reeperbahn. Dort also, wo Deutschland auch dieses Jahr offiziell den Eurovision Song Contest ballermannisiert. Während sich das Schlagerpartyvolk somit gerade warmgrölt fürs ESC-Finale in Kopenhagen, erzählt die doppelte Mutter Behnken im Sündenpfuhl aus Flatratesuff und Pornoschuppen mit modernem Vokabular Erbauliches darüber, was der Vater im Himmel mit den feiernden Söhnen hier unten und dem europäischen Geist mittenmang zu tun hat. Und weil das ein zugkräftiger Rahmen ist, hört ausnahmsweise mehr als jenes Zehntel der 16 Millionen Zuschauer weg, äh: zu, die das Format ohne private Konkurrenz einst hatte.

Man kann das Zielgruppenranschmeiße nennen oder Zeitgeist; in jedem Fall müht sich die Sendung, zwischen kommerzieller Spaßdiktatur und öffentlich-rechtlicher Anpassung Gehör zu finden. Wie sehr das in die Hose gehen kann, zeigte allerdings am vorigen Wochenende eine Verena Maria Kitz. In der Halbzeitpause des samstäglichen WM-Spiels faselte die Frankfurter Pastoralreferentin so betonierten Müll über Seitenwechsel, den Gläubigen doch auch daheim mal vollziehen mögen, indem sie einfach mal jemand anders das Bier holen lassen oder für kurze Zeit in die Favela ziehen, dass es einen veritablen Shitstorm hagelte – wenngleich einen eher duftenden. Denn die Reaktionen analoger wie digitaler Medien auf den unfreiwilligen Slapstick stoiberscher Art zeigten ja auch, wie sehr das Format noch Gemüter erregen kann.

Genau das hat die ARD schon immer versucht, wenngleich weniger mit Inhalten als Figuren. Unter den gut 300 Predigern standen in sechs Jahrzehnten bereits die zur Nonne konvertierte Kabarettistin Isa Vermehren vor der Kirchenkamera, natürlich der neomoralische TV-Pastor Fliege, dazu ein Hund und mit Johannes Paul nebst Benedikt gleich zwei der letzten drei Päpste. Außerdem hat Alltagssprache das Bibelzitat verdrängt und Jeans den Talar. Die Sprecher kriegen Sprach-Coaching plus PR-Schliff. Gepredigt wird von Einkaufszentren und Parlamenten, von Autobahnbrücken oder Kreißsälen. Doch der Spott vom „Hörfunk mit Passbild“, bei dem „selbst Gott einschläft“, hält sich beharrlich. Das Wort zum Sonntag, es sei eben doch Fernsehen von gestern. Klingt irgendwie schwer nach DSDS.


Falsche Reporter & fliegende Kühe

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

9. – 15. Juni

Man mag sich gar nicht vorstellen, was die Elenden der Welt angesichts des Aufwands wohl dächten, den weit weniger Elende betreiben, um ihre Karikatur des Elends zu bekämpfen. Nur mal hypothetisch: Was empfindet wohl ein Flüchtling, dem die medizinische Notversorgung versagt bleibt oder ein Obdachloser, der vorm Einkaufszentrum vertrieben wird, wenn er hört, wer sich in Deutschland dort verortet, wo sich Günther Wallraff gern mal hinverkleidet: ganz unten?

Dort verortet sich schließlich auch Christian Wulff im Titel seiner Autobiografie, die er vorige Woche präsentierte, also tief im Keller des sozialen Rankings. Und das, nachdem er als Bundespräsident doch mal ganz oben war. Schuld daran, schreibt Wulff, seien „die Medien“. Böse Medien. Pfui! Erst nehmen sie (also Bild) ihn im Fahrstuhl mit aufwärts. Dann schicken sie (also nicht nur Bild) ihn wieder abwärts. Dass sie (also Bild und viele andere) ihn jetzt aber nicht mehr nach oben lassen, obwohl er doch freigesprochen wurde, nimmt der gefallene Regent mit 200.000 Euro Apanage jährlich allen (also Bild samt Weltgesellschaft) nun übel.

Doch zurück zu den wirklich Elenden und was sie so empfinden mögen über uns Unelende. Etwa, wenn ein Höhlenkletterer in ein sehr tiefes Loch klettert und nicht wieder rauf kann. Was da für eine Hilfsmaschinerie anläuft! Damit könnte man glatt ein brasilianisches Urwaldstadion zum Krankenhaus umrüsten. Noch unverhältnismäßiger war da nur, wie selbst seriöse Medien über ein Individuum berichteten, das aus reiner Abenteuerlust in menschenfeindliche Gefilde geklettert und dort verunglückt ist. Oder war es bereits das Sommerloch?

Nein, denn das ist dieser Tage kleiner als sonst. Kaum war allerdings die Auftaktwoche der WM in Gang, zeigte Michael Antwerpes, dass Fußballreporter bei ihren Leisten bleiben sollten, sonst nirgends. Seine Reportage Tour de Brasil war von so beklagenswerter Schlichtheit, dass Favelas darin zu possierlichen Reisezielen wurden, weil die aufmarschierte Polizei darin ja nur Gutes tue, während Drogen und Mord Synonyme zu sein scheinen. Und drohte es doch mal heikel zu werden, baggerte sich der ARD-Mann nach einer Caipi beim Beachvolleyball die Fußballwelt wieder schön. Willkommen zur WM der guten Laune!

Und der tollen Quoten.

Mit 60 Prozent Marktanteil schon zum Eröffnungsspiel, der es gerade den privaten Konkurrenten ungeheuer schwer macht, dem Sog des Fußballs ein Alternativprogramm entgegenzusetzen.

TV-neuDie Frischwoche

16. – 22. Juni

Also versuchen sie es gar nicht erst. Frisches Fernsehen mit Anspruch findet somit diese Woche mehr denn je nur öffentlich-rechtlich statt. Natürlich hält man sich auch da mit teuren Erstausstrahlungen zurück, wenn nebenan praktisch alle Zuschauer vom gebührenfinanzierten Volkssport abgegriffen werden. Trotzdem gibt es für Fußball-Abstinenzler durchaus was zu sehen in den kommenden sieben Tagen. Man muss nur genauer hinschauen.

Heute etwa parallel zum deutschen Turnierauftakt in der ARD: eine ZDF-Doku, die sich mit den Maschen der Wellness-Branche (19.25 Uhr) befasst, während der Infokanal des Zweiten um 20.15 Uhr Das Geschäft mit Halloween illustriert und der Kultur-Ableger zeitgleich die grandiosen Mumfort & Sons live aus Colorado zeigt. Und da ist noch nicht mal vom brüllend bissigen Zweiteiler Aufschneider die Rede, in dem der österreichische Kabarettist Josef Hader heute und morgen bei 3sat als verschrobener Pathologe brilliert.

Mittwoch dagegen, wenn das übliche ARD-Drama vom Spiel Chiles gegen Spanien verdrängt wird, bittet iberische Fiktion der Extraklasse eine Alternative auf Arte. In der vielfach preisgekrönten Komödie des Argentiniers Sebastián Borensztein Chinese zum Mitnehmen fällt nämlich – nach realer Vorlage – eine Kuh aus dem Flugzeug und wirbelt das Leben des Eigenbrötlers Roberto so bizarr durcheinander, dass das Tiki Taka des Weltmeisters zum besseren Bolzplatzkick schrumpft. Gar nicht lustig, aber kaum weniger famos ist demgegenüber die TV-Premiere von Was bleibt, Donnerstag ebenfalls auf Arte. Mit Lars Eidinger als Corinna Harfouchs Sohn, lässt Regisseur Bernd Lange eine bürgerliche Familie so feinsinnig und leise implodieren, dass man danach gleich seine Lieben anrufen möchte, um rasch alles auf den Tisch zu packen, was irgendwann mal zum falschen Zeitpunkt herauskommen könnte.

Und dann ist da ja noch das FilmDebüt im Ersten, das gleich darauf Aron Lehmanns Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel ins Rennen schickt, wo der Filmemacher von 33 Jahren einen Kollegen gleichen Namens (Robert Gwisdek) mit der Adaption des berühmten Kleist-Stoffs betraut. Es ist die pure Freude zu beobachten, wie das fiktive Projekt von Beginn an in die Hose geht und gerade dabei die volle Kraft der Figuren entfaltet. Wie diese Kraft wirkt, wenn man sie bloß persifliert, kann man Freitag ab 22.20 Uhr (Sat1) drei Stunden lang wunderbar bei Switch Reloaded beobachten. Ähnliche Kraft, nur ohne Persiflage, entwickelt am Sonntag drauf Bad 25, wo Regisseur Spike Lee die Popplatte schlechthin zum 25. Jubiläum seziert. Und zwischendurch verleiht der Tipp der Woche dem Begriff Kraft ohnehin eine neue Dimension: Die Liebenden von Pont Neuf von 1991, dem Durchbruch von Juliette Binoche als erblindende Künstlerin, die sich in einen Obdachlosen verliebt.