Oliver Maurmann alias Olifr M. Guz

Rückbesinnung klingt so retro

Im Schreckensjahr 2020 ist einer von uns gegangen, der dem deutschsprachigen Pop mehr gegeben hat, als sein klitzekleines Herkunftsland vermuten ließe: Oliver Maurmann alias Guz (Foto: Facebook/Guz), Sänger der Aeronauten. Vor gut einem Jahr ist der große Alltagspoet aus Schaffhausen in Zürich gestorben. freitagsmedien dokumentiert deshalb hier noch mal ihr liebgewonnenes Interview mit ihm von 2006.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Oliver, wollen wir über die Schweiz reden?

Oliver Maurmann: (lacht) Oh, so viel Spannendes gibt es darüber nicht zu erzählen.

Was gibt es denn zumindest Wissenswertes über die Schweizer Musikszene zu berichten?

Hm, in der Schweiz wird halt ziemlich viel in Dialekt gesungen, das interessiert schon per se außerhalb nicht recht, weil es einfach niemand versteht. Unter den Dialekt singenden Bands gibt es zwar ein paar sehr gute. Ansonsten gibt es wie anderswo ne Million Bands und Leute, die irgendwas machen, aber fällt mir leider nichts Gescheites ein, was hängen geblieben wäre. Nimm eine Britpopband, fahr 30 Kilometer weiter und du findest die nächste Britpopband, die genauso klingt.

Also wird die Schweiz völlig zu Recht im Ausland nicht wahrgenommen.

Das ist schon so.

Wie ist es mit euch?

Da gehen auch nur Deutschland und Österreich, aber wie bekannt wir da sind, kann ich gar nicht richtig einschätzen. Ich merke nur an unseren Konzerten, dass da im Schnitt so um die 200 Leute kommen und in Deutschland kann ein guter Teil davon unsere Texte auswendig. Irgendwie hat schon jeder von uns gehört. Platten haben dagegen nicht so viele von uns, weil wir ja anscheinend als Liveband gelten. Aber wir sind ja auch faul geworden die letzten Jahre.

Im Studio?

Da waren wir früher fleißiger, aber jetzt haben wir endlich mal wieder eine neue CD gemacht, auf die Schnelle.

Könnt ihr davon leben?

Die meisten von uns haben beruflich irgendwie mit Musik zu tun, aber von den Aeronauten leben kann eigentlich keiner. Wir haben’s mal ein paar Jahre probiert, Ende der 90er, aber es ist mit fünf Leuten auch richtig schwierig, dass es mal lukrativ wird. Und dafür sind wir auch einfach ein bisschen zu schrullig.

Ihr müsst eure T-Shirts nach dem Konzert selber verkaufen.

Manchmal haben wir einen Kollegen dabei, der uns hilft, aber man kann es schon so sagen.

Seid ihr für den Durchbruch mittlerweile auch ein wenig zu alt?

Kann man so sagen. Wenn wir jetzt 21 wären, würde da vielleicht noch was gehen. Aber dann würden wir sicherlich auch andere Musik machen.

Also keinen Punkrock, zu dem ihr euch gerade zurückbesonnen habt.

Rückbesinnung klingt so retro. Wenn, dann Rückbesinnung auf unser Kerngeschäft. Da kommen wir her, das liegt uns. Wir haben zwischendrin was anderes ausgedacht, aber weil wir uns auf Hier nicht viel ausgedacht haben, ist eben Punkrock raus gekommen. Wir haben uns auch nicht mehr gefragt, ob man das im Radio spielen kann, sondern frei nach unserem Sinn gehandelt. Deswegen hat es aber auch sehr viel Spaß gemacht. Früher haben wir noch alles Mögliche ausprobiert, Computer, Stilwechsel, aber das ist alles in Arbeit ausgeartet, und richtig gebracht hat’s das nicht. Auf Hier sind alle Texte ziemlich direkt und dazu gehört eine direkte Musik.

Direkt heißt?

Punkrock eben, als große Klammer. Da ist natürlich auch Rhythm’n’Blues drauf, etwas Ska, so eine Art Folk, aber mit Punkrock beschreibe ich eher, dass die Aeronauten wirklich keine Profis sind und nicht dort mitspielen, weil sie ihr Instrument so toll beherrschen, sondern weil das hier eine Kumpelband ist, die hauptsächlich auf Spaß aus ist.

Der Punkrock daran ist also nicht Tempo und Geradlinigkeit.

Nein, Punkrock heißt, eine schnelle Idee, schnell gemacht, nicht viel überlegt und Spaß dabei. Was natürlich nicht heißt, dass wir nur eine Funpunkband wären, was hoffentlich aus den Texten ersichtlich wird, in denen immer ein gewisser fröhlicher Pessimismus steckt.

Heißt das, ernste Aussagen lieber humoristisch zu verpacken?

Für mich ja. Wenn ich Musik höre, habe ich immer gern eine gewissen Leichtigkeit und die geht nicht ohne ein gerüttelt Maß an Humor. Aber die Aussage ist mir wichtiger; Humor ist nur ihr Träger, der dazu einlädt, sich auf die Aussage einzulassen. Meine Idee dabei ist, dass es alle anders verstehen, was ich singe, jeder interpretiert es für sich. Das finde ich so okay. Ein Stück wie Hey Ozonloch kann mal als elende Zustandsbeschreibung unserer schlechten Welt betrachten, oder als Angstliste von Schisshasen.

Zieht man die Sorge ums Ozonloch damit nicht durch den Kakao?

Nicht das Ozonloch, sondern eher der Alarmismus um all diese Sachen, von denen sich einige als null und nichtig entpuppt haben. Wenn ein konkretes Problem da ist, nehme ich es ernst, aber ich bin als großer Zeitungsleser misstrauisch geworden gegenüber dem, was geschrieben wird. Deswegen möchte ich es durch den Kakao ziehen. Obwohl – das ist eigentlich ein doofes Wort; das meint eher Verarschung und die will ich vermeiden. Wenn zum Beispiel bei Punks nicht tot, Männer oder Frauen Leute vorgestellt werden, sind das immer vermeintlich andere Leute, aber am Ende bin es immer auch ein Stück weit ich selbst, die Idioten sind immer auch wir. Es hat eine gewissen Ironie oder Lakonie, keine Verarschung.

In eurem berühmtesten Lied Freundin schwingt ein Alarmismus gegen Naziskins mit, der sich selbst nicht wirklich ernst nimmt.

Schon, aber dass Naziskins blöd, schlimm und scheiße sind, wissen wir doch alle. Das müssen wir unseren Hörern nicht neu erzählen. Was wir machen, richtet sich immer an alle, die uns hören wollen, nicht von denen da drüben, den Nazis und Spießern, sondern von allen, die uns ähnlich sind. Aber auch über Freundin lacht man sich nicht nur einen ab, denn das Problem…

Nazis im Nacken, aber Single.

… haben alle im Hinterkopf. Aber es ist eben auf eine unterhaltsame Form gebracht. Viele kennen die Situation, im besetzten Haus rumzulungern und auf die Scheißnazis zu warten, damit endlich mal was los ist?

Seid ihr eine politische Band.

Tja, hm… Politische Band ist zu eng und zu weit gefasst in einem. Da denke ich an bots oder so. Ich denke, es wird klar, dass da ein paar Leute sind, die mit sich und ihrer Umwelt beschäftigen, aber nicht im Sinne einer Politik des Mach-dies-mach-das. Das muss jeder für sich rausziehen.

Du bist aber schon politisiert. In deiner Biografie steht: interessiert sich für linksextremen Politrock und Nazi-UFOs.

Ach, das ist Teil der Populärkultur. Da geht es bei mir eher um Flow de Cologne oder Cochise, also um Hippiekram. Natürlich kommt es aus einer politischen Ecke, hat aber letztlich nichts zu sagen.

Ist euch der Punkrock insgesamt zu humorlos?

Sicher, da hat sich eine große Witzlosigkeit eingeschlichen. Ich bin mit ihm in den Achtzigern aufgewachsen und es hat mich ziemlich schnell nicht mehr interessiert und als Ende Achtziger dann dieser Polithardcore, Amihardcore, Dingsbumshardcore aufgekommen ist wurde es mir echt zu ernst und Funkpunk war mir zu blöd. Natürlich gibt es immer wieder welche, die das zu durchbrechen versuchen, da hat mich lange nichts gepackt.Moderne Sachen hör ich mir eigentlich gar nicht mehr an. Zuhause hör ich Blues und…

Country.

Nein, das nicht, auch wenn wir es auf Jetzt Musik gesungen haben. Eine schöne Metapher, mehr nicht. Ich höre ältere Musik. Bei uns in der Band war Manu Chao mal ne große Nummer. Und was hier in der Schweiz an moderner Musik los ist, kriege ich dadurch mit, dass ich in einem Tonstudio arbeite, wo natürlich dieses und jenes durchgeht. Das war’s. Privat höre ich, was möglichst weit weg ist von dem, was ich selber mache.

Gibt es etwas Neues aus der Schweiz, das es bis nach Deutschland bringen könnte?

Hm. Es gibt die Low Income Entertainment Group, von der ich allerdings nicht glaube, dass sie es besonders weit bringen wird, schrammeliger Rock’n’Roll mit schönen Melodien und ich wünsche ihnen ganz viel Erfolg. Kann aber sein, dass es zu merkwürdig ist.

Seid ihr selbst in der Schweiz Stars?

Nein, das kann man sich so vorstellen, wie wenn die Schweiz ein deutsches Bundesland wäre. In Schaffhausen und Zürich haben wir Heimspiele, da kommen 400 Leute. Weil deutsch singen in der Schweiz auch nicht sehr verbreitet ist; das ist für viele eine eher blöde Sprache, die man halt in der Schule lernen muss. So redet der Nachrichtensprecher, aber nicht normale Leute. Da existiert also ein gewisses Ressentiment. Man wird nicht angefeindet, aber es liegt vielen nicht auf der Zunge. Wir reden Schweizerdeutsch.

Das würde ich vermutlich nicht verstehen.

(sagt etwas wie jafarachtirizien) Man kann sich da nach einer Weile reinhören.


Rückblick: Das Fernsehjahr 2020

Best- & worst-of Vintage TV

Serien, das ist die Erkenntnis des Fernsehjahrs 2020, waren nie wichtiger als im Seuchenjahr 2020. Mangels Alternative bestand die Unterhaltung nicht nur für Couch-Potatoes schließlich vorwiegend aus dem Angebot der Streaming-Portale und TV-Sender. Unter den prägendsten (wenn auch nicht unbedingt besten) Formaten finden sich daher natürlich auch horizontale Erzählungen. Bewegt haben aber auch Dokus, Filme, Reportagen, News. Manchmal sogar ein bisschen mehr als das neue Kino Serie.

Von Jan Freitag

1. ARZDF Extraspezial

Nachrichten sind ein alltägliches Geschäft, das selbst den Ausnahmefall versachlicht. Weil 2020 allerdings ein 365-tägiger Ausnahmefall war, hat die ARD im Anschluss der Tagesschau allein 73 Brennpunkte mit Corona-Fokus gebracht und das ZDF 60 Spezial genannte Sendungen. Bei aller Kritik an Verlautbarungsjournalismus, Redundanz und Panikmache: das war öffentlich-rechtliche Staatsvertragserfüllung in Bestform.

2. Tiger King, Netflix

Exzentrische Großkatzen-Halter mit bizarren Privatzoos, die Tierschützern Killer auf den Hals hetzen – wenn die Wirklichkeit auf Wahnsinn trifft und realistische True Crime am Rande des Denkbaren erschafft, war man 2020 garantiert bei der Netflix-Serie Tiger King. Acht Folgen lang hat sie Abermillionen Zuschauern in aller Welt dabei geholfen, den Lockdown besser zu ertragen und stand dafür wochenlang auf Platz 1.

3. Warten auf’n Bus, RBB

Entertainment setzt oft auf Spezialeffekte, Stars und Sensationen. Manchmal reicht aber auch ein offener Unterstand in der ostdeutschen Pampa, in dem herausragende Schauspieler wie Ronald Zehrfeld und Felix Kramer das Leben Langzeitarbeitsloser nach Oliver Bukowskis grandiosem Drehbuch zum Serienmanifest trotziger Beharrlichkeit adeln. Selten war so wenig so viel mehr als der aufgeblasene Rest.

4. Bridgerton, Netflix

Alle Sender aufgepasst: Historytainment mit Niveau ist möglich! Die Netflix-Serie Bridgerton handelt fast nur vom Heiraten in Londons Hochadel anno 1813 und überzuckert das saftige Kostümfest auch noch in dicken Pilcher-Farben. Süßstoff fürs Gemüt also. Da es Showrunner Chris van Dusen gelingt, den misogynen Snobismus nicht nur unterhaltsam, sondern sozialkritisch zu machen, aber auch fürs Gehirn.

5. Oktoberfest 1900, ARD

Dem Geschichtsschinken Oktoberfest 1900 dagegen sind Inhalte wie üblich im deutschen Reenactment völlig egal, solange die Kulisse glänzt. Das tut sie noch nicht mal, im pathetischen Kirmes-Krimi der ARD; schließlich geht es vor allem um Äußerlichkeiten. Aber die einen den opulenten Mehrteiler ja mit öffentlich-rechtlichem History-Mumpitz wie Unsere wunderbaren Jahre oder Club der singenden Metzger. Auweia.

6. Rechts.Deutsch.Radikal, ProSieben

Nein, Thilo Mischke ist beileibe nicht der beste Investigativ-Journalist im Fernsehland – dafür gibt sich der nette Pro7-Reporter schlicht zu naiv. Dass seine Doku Rechts.Deutsch.Radikal dennoch die wichtigste ihrer Art anno 2020 war, liegt daran, wie furchtlos, unvoreingenommen und doch haltungsstark sich der rehäugige Frontberichterstatter unter Demokratiefeinde von Querdenker bis Neonazis gemischt hat.


taz: journalist-Interview Winkelmann/Junge

Profitabel klingt toll

Seit August führen Ulrike Winkelmann und Barbara Junge (Foto: Conrad Bauer/journalist) die trotzige kleine, verblüffend erfolgreiche taz in Berlin als erste weibliche Doppelspitze einer deutschen Tageszeitung – und damit einem Leitmedium im Umbruch. Das ausführliche Interview des Medienmagazins journalist, hier in voller Länge.

Von Jan Freitag

freitagmsmedien: Ulrike Winkelmann, Barbara Junge, wie ist es, die Leitung eines chronisch schlingernden Schiffes wie die taz zu übernehmen?

Barbara Junge: Entschuldigung, die taz ist kein schlingerndes Schiff.

Aber seit Anbeginn ihrer Existenz finanziell auf Kante genäht.

Junge: Das mag sein, aber durch die Corona-Krise sind wir bislang deutlich besser gekommen als viele andere Medienhäuser.

Ulrike Winkelmann: Natürlich verzeichnen auch wir wie die gesamte Branche werktags rückläufige Abo-Zahlen im Printbereich, aber sie liegen immer noch überm Soll. Als ich die taz vor sechs Jahren verlassen hatte, war sie jedenfalls in viel schwererem Fahrwasser. Jetzt bin ich auch mit der Ansage zurückgekehrt, uns gehe es gut.

Junge: Wir haben dieses Jahr sogar erstmals allen MitarbeiterInnen einen Bonus ausgezahlt.

Liegt das ausschließlich an der Tatsache, dass die taz von Anzeigenerlösen unabhängiger ist als vergleichbare Medien?

Winkelmann: Zunächst mal lag es daran, dass die Corona-Berichterstattung sehr gut angenommen wurde und wird.

Junge: Und neben Werbeeinnahmen sind der Konkurrenz noch andere Ertragsfelder weggebrochen, die uns nicht betreffen, wie Kongresse, Luxusreisen oder Advertorials. Wir hatten also gute Startbedingungen.

Gab es dennoch Grundlegendes an der Arbeit Ihres Vorgängers Georg Löwisch zu verändern?

Winkelmann: Nein. Wichtige Weichen in Vorbereitung auf die anstehende Digitalisierung von Montag bis Freitag sind schon gestellt. Umso mehr denken wir, dass es jetzt wieder Zeit wird, die fachlich-inhaltliche Seite zu betonen und das linke, ökosoziale Profil zu stärken.

War beides zuvor geschwächt?

Winkelmann: Erst einmal sind alle traditionellen Medien durch die Konkurrenz aus dem Internet dazu gezwungen worden, ihre Profile zu stärken – wir auch. Durch die politische Situation ist außerdem das taz-typische Profil praktisch wie von selbst wieder mehr hervorgetreten; die taz glänzt seit jeher etwa durch starke Klima-Berichterstattung – ein Thema, das nun auch andernorts ernster genommen wird. Zu uns kommen außerdem viele junge Leute, die andere Ansprüche an Journalismus haben als ältere – mit stärkerer Betonung auf Antirassismus zum Beispiel. Wir wollen nun die ökologischen wie die sozialen Themen noch hervortreten lassen.

Wir, das heißt in diesem Fall zwei Chefredakteurinnen, was es in einer deutschen Tageszeitung noch nie gab. War das eine genderpolitische oder rein fachliche Entscheidung?

Junge: Die taz ist jedenfalls sehr stolz, eine rein weibliche Doppelspitze installiert zu haben. Das war einfach mal dran.

Winkelmann: Weil es nun wirklich genug Männer in den Chefredaktionen gibt, war es aber definitiv auch als politisches Signal gedacht, dass die taz auch in der Geschlechterfrage ganz vorn dabei ist.

Führen Männer Medien nur häufiger oder auch anders?

Junge: Frauen führen in der Tendenz anders als Männer, egal ob Medien oder andere Branchen. Ihr Führungsstil ist teamorientierter, also weniger von oben nach unten.

Winkelmann: Es gibt natürlich auch tolle männliche und nicht so tolle weibliche Führungskräfte. Wir reden daher nur von Tendenzen und Wahrscheinlichkeiten. Aber Frauen sind im Allgemeinen schon kooperativer, moderierender, also moderner.

Das gilt gemeinhin auch für Doppelspitzen, die sich langsam branchenweit durchsetzen.

Junge: Sich die Arbeit zu teilen, ist allein schon aus zeitlicher Sicht ein großer Vorteil. Über den ständigen Austausch hinaus bietet die Doppelspitze aber auch Raum für persönliche Stärken und Schwächen.

Winkelmann: Wir haben halt auch unterschiedliche Autorität in unterschiedlichen Themengebieten. Ich zum Beispiel komme aus der Innen- und Sozialpolitik, Babs aus der Außenpolitik, vor allem der transatlantischen.

Junge: Was den ökosozialen Kern der taz betrifft, sorge ich für den ersten Teil und Ulrike für den zweiten, wir teilen uns da bestens auf.

Das wäre inhaltlich. Und praktisch?

Junge: Kümmert sich Ulrike ums Juristische, ich ums Finanzielle und Personelle.

Winkelmann: Wobei sich auch unser Tonfall ergänzt. Babs drückt sich viel diplomatischer aus als ich.

Junge: Und Ulrike geht klarer geradeaus.

Winkelmann: Ein Laden wie die taz will sich nicht so einfach führen lassen – oder zumindest lieber nur dann, wenn die Situation grad besonders schwierig oder unangenehm ist. Für so ein Team ist das Konzept der fluiden Führung geeigneter als das der hierarchischen.

Junge: Wobei mich mein Sohn schon manchmal fragt, warum ich der Redaktion immer nur Vorschläge mache, anstatt mal zu sagen, wie es laufen soll.

Die Streitkultur der taz-Redaktion ist also kein Mythos, sondern Realität?

Winkelmann: Im Vergleich zum sehr disziplinierten Umgang beim Deutschlandfunk jedenfalls, wo ich die letzten Jahre gearbeitet habe, kann man das genauso feststellen.

Junge: Weil die taz recht paritätisch besetzt ist, bleibt der Umgangston aber dennoch vermutlich ein anderer als in männlich dominierten Medienhäusern.

Es gab auch bei der taz den Fall eines Bewerbers, der sich wegen einer divers-weiblichen Stellenausschreibung diskriminiert fühlte. Wie gehen die Männer mit der Situation um, dass hier mehr Frauen als andernorts den Ton angeben?

Winkelmann: Kann ich nicht beantworten, habe bislang aber nicht den Eindruck, dass sich die Männer in der taz diskriminiert fühlen.

Junge: Wüsste ich auch nicht.

Gibt es, einen Schritt weitergedacht, auch in den Räumen der taz Sexismus, Rassismus, Homophobie oder Neoliberalismus?

Winkelmann: Da hat Hengameh Yaghoobifarahs Polizeikolumne durchaus etwas angeschoben beziehungsweise wiedererweckt. Nämlich die Diskussion, ob es hausinternen Rassismus gibt und wir uns selbst dahingehend ausreichend überprüfen. Der Ruf nach check your privilege wurde auch bei uns laut und hat zu einer sehr intensiven Debatte und der Gründung von Arbeitsgruppen und Workshops geführt.

War das ein Selbstreinigungsprozess oder von oben dekretiert?

Junge: Den Begriff der Selbstreinigung finde ich schwierig, aber ja – wir diskutieren quer zu allen Hierarchien leidenschaftlich, bisweilen auch heftig, und hinterfragen dabei nicht nur die Inhalte, sondern auch unsere Rollen darin ständig. Unsere Funktion ist es da, fehlende Rücksichtnahme auszutarieren, wenn der Tonfall mal härter wird.

Entsteht dieser Tonfall automatisch, wenn sich eine Zeitung wie die taz auch journalistisch so sehr über ihre Haltung definiert?

Junge: Weil jede und jeder den Mund aufmachen darf, gehört das schlichtweg dazu. Bei der taz wird eben nicht abgewartet, bis die Ressortleitungen Platz nehmen.

Ist sie im Jahr 2020 nach außen hin noch die tägliche Dosis Gegengift aus den Gründungsjahren der Siebziger und Achtziger?

Junge: Die Verhältnisse sind doch ganz andere.

Winkelmann: In Abgrenzung zu anderen Zeitungen funktioniert das schon noch gelegentlich. Aber auch dort finden sich, wie in allen Gesellschaftsbereichen, längst traditionelle taz-Themen von Feminismus über Rassismus bis hin zur Ökologie. Natürlich sind wir oft noch ein wenig radikaler.

Junge: In der Diskussion um Privilegien und Rassismus fiel im Sommer schon auf, dass die Konkurrenz sehr genau darauf geschaut hat, wie wir damit umgehen. Wir sind definitiv in vielerlei Hinsicht Vorreiterin.

Führt das dazu, dass sich die taz wie Fridays for Future oder Viva con Aqua überflüssig macht, sobald ihre Forderungen erfüllt sind, oder wird sie ihrerseits Mainstream sein?

Junge: Also, wenn das Klima gerettet, Diskriminierung abgeschafft, und die Welt gerecht ist, können wir uns gern noch mal darüber unterhalten. Aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg.

Wie hoch darf denn die Giftdosis auf diesem Weg angesichts der veränderten Verhältnisse mit Blick aufs eigene Stammpublikum sein?

Winkelmann: Mir scheint, sie könnte sogar noch höher sein als bisher. Wenn ich Briefe der Leserinnen und Leser öffne oder mit GenossenschaftlerInnen rede, höre ich oft von der Forderung, die taz solle sich noch stärker als kritische Stimme einer Medienlandschaft positionieren, in der die Konkurrenz auf der anderen Seite steht. Während sich die taz selbst noch eher als Teil eines Konzerts sieht, in dem man etwa den freundlichen Kolleginnen und Kollegen von der FAZ bei aller Differenz nicht zu nah treten will, fordern viele da mehr Radikalität.

Genau die hat Hengameh Yaghoobifarah mit ihrer Polizeientsorgungskolumne geliefert. Passt sich die redaktionelle Radikalität darin gewissermaßen der des Publikums an?

Junge: Nein, denn es gab dazu weder im Haus noch beim Publikum auch nur annähernd eine einheitliche Meinung. Schon wegen der unterschiedlichen Perspektiven musste das Thema diskutiert werden. Also haben wir in aller Öffentlichkeit eine Debatte von gesellschaftlicher Bedeutung geführt – und zwar intern wie extern, mit hoher Einschaltquote. Eine der internen Aussprachen hatte bei Zoom 140 Teilnehmer. Wobei sich Kritik und Zuspruch sowohl bei Leserinnen und Lesern als auch in der Genossenschaft die Waage hielten.

Winkelmann: Ich war zu der Zeit noch gar nicht hier, habe aber auch von außen mitgekriegt, wie sich die Ereignisse überstürzen. Angesichts der Heftigkeit vieler Vorwürfe und Bedrohungen, musste sich die Redaktion da vor Hengameh stellen, auch wenn es in der Redaktion Kritik an Sprache und Stil ihres Textes gab.

Beim Satiremagazin Titanic heißt es, wenn mal wieder jemand Prominentes Strafanzeige erstattet, knallen in der Redaktion die Sektkorken, weil es so gute Werbung sei. War die taz entsprechend in Feierlaune, als Horst Seehofer damit drohte?

Junge: Wir führen solche Debatten nicht strategisch und holen auch keinen Schampus aus dem Keller. Aber klar – ist doch toll, wenn die taz öffentliche Diskussionen antreibt und dafür im Blickpunkt steht. Bei der Diskussion über Polizeigewalt war das zwar unfreiwillig, aber eben auch überfällig und damit gerechtfertigt.

Haben Sie als haltungsorientiertes Medium den PR-Gedanken wirklich nie im Hinterkopf, wenn taz-Schlagzeilen wie so oft stark polarisieren?

Junge: Welche Zeitung versucht noch mal nicht, sich bei Gelegenheit auch zum Wohle der Auflage zu profilieren?

Winkelmann: Es hat in der Tat oft genug Titel und Texte gegeben, wo die zuständige Person mutwillig die Provokation gewählt hat. Ich erinnere nur an den Balkensepp zum Kruzifixverbot, bei dem die Redaktion natürlich darauf spekuliert hatte, was die Kirche wohl dazu sagt.

Junge: Das ist in der Regel aber Lust an der Provokation, kein betriebswirtschaftliches Kalkül.

Winkelmann: Ein Mitarbeiter hat die Selbstbezeichnung „Redakteur für Krawall und Remmidemmi“, und das zielt natürlich nicht nur auf den Berichtsgegenstand ab. Provokation gehört zur taz dazu, das macht auch den Abenteueraspekt beim Arbeiten aus.

Ist es die Aufgabe der Chefredaktion, das eher zu mäßigen oder anzufachen?

Winkelmann: Bislang nicht.

Hat die die taz, abgesehen von der Debatte an sich, denn journalistische und betriebliche Konsequenzen aus der Debatte um die Polizei-Kolumne gezogen?

Junge: Ja, und zwar auf unterschiedlichen Ebenen. Wir haben zum Beispiel gelernt, wie man im rechten Shitstorm besteht, oder generell externe Einflussnahmen moderieren und interne Diskussionen strukturieren muss.

Winkelmann: Die Abstimmung von Social Media und dem Rest der Redaktion wurde verfeinert. Vor allem ist die Sensibilität gewachsen, Dissens und Diversität noch stärker zu reflektieren, um uns beim nächsten Mal nicht derart schmerzhaft zu streiten.

Junge: Trotzdem soll und wird nie der Anspruch herrschen, über Kolumnen Konsens herzustellen. Wir als Chefredaktion können da allenfalls vermittelnd eingreifen. Unsere Aufgabe ist es nicht, irgendwelche Texte zu unterdrücken. Den Rest regelt unser Redaktionsstatut schon sehr genau.

Winkelmann: Darüber hinaus ist wichtig, dass sich im Sprachgebrauch ein Sprachverständnis über unterschiedliche Wahrnehmungen geschichtlicher Ereignisse widerspiegelt. Man merkt zum Beispiel bei den Älteren in der Redaktion, dass die Shoah bei ihnen eine zentrale Rolle spielt. Jüngere dagegen beziehen sich zunehmend auf die Diskussion des Postkolonialismus. Das beeinflusst die politische Haltung, das beeinflusst das jeweilige Wert- und Sprachempfinden.

Für Außenstehende klingen solche Debatten schnell akademisch verkopft. Wie vermeidet man als linkes Medium moralisierenden Zeigefinger-Journalismus?

Winkelmann: Das beste Mittel dagegen ist Selbstironie.

Junge: Hier herrscht eine Kultur des Humors, die sich Neulinge fast automatisch aneignen.

Winkelmann: Natürlich gibt es auch, ich nenne es mal: Stunden des puren Idealismus, in denen die Leute mit äußerstem Engagement, größter Leidenschaft, aber auch Ernsthaftigkeit diskutieren. Humor ist kein Allheilmittel, aber bisweilen ein Rettungsanker.

Junge: Als Zeitung, die mit so großer Intensität substanzielle Sachen behandelt, muss man den gelegentlich werfen.

Auch, um eine Desillusionierung wegzulachen, dass die taz seit Jahrzehnten Dinge predigt, die zwar mittlerweile im Mainstream angekommen sind, aber das Alltagshandeln – Stichwort Klimawandel – dennoch zu langsam verändern?

Junge: Nein, trotz allem berichten wir ja, was ist, nicht was wir gerne hätten. Wir sind immer noch eine Zeitung, keine NGO. Außerdem ist es kein Anlass zur Desillusionierung, Erkenntnisse über späteres Allgemeingut früher als andere gewonnen zu haben. Darauf können wir im Gegenteil bei aller Enttäuschung übers Tempo der Veränderung stolz sein.

Erfordert die taz angesichts der Diskrepanz zwischen Wissen und Handeln dennoch höhere Stress-Resilienz, um den Kopf so hoch zu halten wie das Kollegium der FAZ, wo eher ein fortschrittsgläubiges Weiter-so vorherrscht?

Winkelmann: Erneut möchte ich den Kolleginnen und Kollegen der FAZ nicht zu nahetreten. Aber uns JournalistInnen rettet ja auch der tägliche Nachrichtenfluss, in dem durchaus Veränderungen zum Guten zutage treten. Das schützt mich anders als in mancher NGO gut vor Depressionen.

Sie haben unlängst einer sozialen Bewegung, nämlich Fridays for Future, wie bereits den Feinden der taz oder ProQuote für einen Tag die Redaktion überlassen. 

Junge: Wobei das nicht Fridays for Future, sondern KlimaaktivistInnen aller Richtungen waren.

Ist es also, um mit Hanns Joachim Friedrichs zu sprechen, doch richtig, sich mit einer Sache gemein zu machen, wenn es eine gute ist?

Winkelmann: Ich bin mir gar nicht so sicher, ob er da richtig zitiert wurde, oder noch schlimmer: ob er nicht schon lange strategisch fehlinterpretiert wird.

Junge: Dass die taz mit Haltung arbeitet, leugnet sie nicht. Aber wo die Grenze zwischen Aktivismus und Journalismus verläuft, muss in allen Themenfeldern ständig neu verhandelt werden. Und hier diskutieren wir gerade intensiv, ob die Klimakrise so existenziell ist, dass sie journalistische Regeln verändert.

Winkelmann: Wenn man das transparent macht, wird dadurch im Zweifel die Objektivitätsillusion der anderen deutlich. Schließlich ist allein schon die Themenauswahl aller Medien vorsortiert und haltungsgesteuert.

Überparteilichkeit hat also ihre Grenzen?

Junge: Selbstverständlich. Aber auch diese Grenzen sind Gegenstand permanenter Aushandlungen. Mit den KlimaaktivistInnen zum Beispiel haben wir hart über eine RWE-Anzeige diskutiert.

Mit dem Ergebnis, sie nicht zu drucken. Ist die Grenze zwischen Redaktion und Verlag da nicht gefährlich weit überschritten?

Winkelmann: In den Debatten hat sich jedenfalls gezeigt, dass man von einer sozialen Bewegung nicht erwarten kann, jahrzehntelang eingespielte Regeln und Gebräuche zur Trennung von Redaktion und Verlag zu kennen oder verstehen.

Junge: Ich würde sogar noch weitergehen. Weil es an diesem Tag nun mal deren Zeitung war, konnten wir den AktivistInnen offenkundig nicht zumuten, darin eine Anzeige eines Energiekonzerns wie RWE zu drucken.

Winkelmann: Davon abgesehen, dass Anzeigen in der taz ohnehin nur eine untergeordnete Ertragsquelle bilden – was uns traditionell freier macht von wirtschaftlichen Zwängen.

Hat es nur inhaltlich-publizistische Gründe, die Redaktion ab und zu anderen zu überlassen, oder ist das auch ein Stück weit PR?

Winkelmann: Teils teils. Als die Springer-Delegation hier mit Kai Diekmann an der Spitze für die „Feindes-taz“ den Laden übernommen hat, war sicher allen klar, dass es nicht ideologisch-publizistisch war, sondern eine Mischung aus Ironie und Werbe-Effekt.

Junge: Die Klima-taz ist anders entstanden. Wir haben voriges Jahr den Klima-Hub jüngerer KollegInnen gegründet, die außerhalb der Redaktion herausarbeiten, wie man Ziele der Bewegung noch stärker in die Gesellschaft tragen kann. Daraus ist eine größere Klima-Offensive der taz entstanden. Dieses Verständnis von diskursivem Journalismus gehört seit jeher zu uns.

Was lernt dieser diskursive Journalismus denn fachlich durch solche Kooperationen?

Winkelmann: Einiges. Zum Beispiel interessengruppenübergreifende Themenvielfalt. Eine türkisch-deutsche NGO zu porträtieren, die migrantisch geprägte Communitys an Umweltdebatten heranführt, fand ich sehr beeindruckend. Das hatten wir ebenso wenig wie die Idee der „U-30“-taz, manche Ressortgrenzen einfach zu sprengen.

Junge: Am nächsten Tag entsteht ja stets wieder die ganz normale taz, aber den Schwung solcher Projekte nehmen wir mit hinein, das wirkt sehr belebend und stärkt uns auf unserem weiteren Weg.

Ein Weg, der ja in absehbarer Zeit weg vom Papier führt. Wann genau ist es soweit?

Winkelmann: Das Szenario war mal 2022, aber ob wir die Zahl halten, steht dahin. Der aktuelle Produktentwicklungsprozess sieht verschiedene Stadien vor.

Welche Ertragsmöglichkeiten sind in diesem Prozess enthalten, um die taz auch mit nur einer gedruckten Wochenendausgabe profitabel zu halten?

Winkelmann: Profitabel klingt toll (lacht).

Junge: Bei uns macht das jedenfalls nicht McKinsey, sondern ein Team aus dem Haus, das grad erhebliche Fortschritte mit unserer App erzielt. Die Community wird weiter ausgebaut, bei der taz im Netz stehen wir vor wichtigen Entscheidungen, das gleiche gilt für die Print-Ausgabe am Wochenende. Welches Produkt in dem Mix das profitabelste wird, muss die Zukunft zeigen. Aber wir planen keine Paywall.

Winkelmann: Das freiwillige System „taz zahl ich“ hat sich erstaunlich gut bewährt.

Junge: Es sind etwa 24.000 Leserinnen und Leser, die regelmäßig zahlen.

Damit müssen Sie aber auch weiterhin auf die finanzielle Einsatzbereitschaft ihrer Klientel hoffen.

Junge: Und da der Großteil unserer Einnahmen nach wie vor über Abonnements der gedruckten Tageszeitung kommt, investieren wir in der Tat viel Gehirnschmalz, um diese Einsatzbereitschaft hoch zu halten. Und wir müssen auch alle jene mitnehmen, die bislang ihre Zeitung auch werktags auf Papier lesen wollen.

Winkelmann: Für diesen Prozess sind unsere Genossenschaftsversammlungen wie Thermometer. Da haben besonders langjährige AbonnentInnen zuletzt etwas weniger als früher aufs raschelnde Papier bestanden.

Sind für Print-Traditionalist*innen individualisierte Druckausgaben denkbar?

Junge: In der Herstellung vielleicht rein theoretisch schon, in der Vertriebskette allerdings nicht.

Winkelmann: Schon jetzt werden viele Tageszeitungen in abgelegeneren Regionen per Post geliefert, was mit dem Anspruch der Aktualität schwer vereinbar ist.

Junge: Alternativ könnten wir die taz höchstens noch persönlich vorbeibringen, aber das ist kaum finanzierbar.

Wo wir beim Thema Geld sind…

(beide stöhnen lächelnd)

Wie verträgt sich die chronische Unterbezahlung der taz-Belegschaft weit unter Tarif eigentlich mit dem sozialen Gewissen der Redaktion?

Winkelmann: Es gibt die taz nur, weil die Leute unter Tarif verdienen. Das war schon immer die Existenzbedingung. Problematischer als unser Gehaltsgefüge, das wurde mir nach meiner Rückkehr aus Köln auch persönlich schnell klar, sind hingegen die Mieten. Nachdem sich der Verdienst dem Berliner Durchschnitt zwischenzeitlich eher angenähert hatte, entfernt er sich gerade wieder – auch weil die Wohnkosten so explodiert sind. Darauf müssen wir Antworten finden.

Junge: Es laufen Gespräche darüber, die Gehälter etwas anzuheben. Aber selbst das wird mit der Mietentwicklung nicht schritthalten. Es ist auf der Basis auch nicht einfach, Externe für Leitungspositionen zu gewinnen. Hier ist der Unterschied zu anderen Häusern eklatant.

Zusammengefasst heißt das, die taz bleibt Talentschmiede und Ausbildungsbetrieb der besser zahlenden Konkurrenz, sowas wie der SC Freiburg für den FC Bayern?

Junge: Es gibt auch Talente, die nicht nur gern zu uns kommen, sondern die sogar wieder zurückkommen. Und wenn welche gehen und woanders ihren Weg machen, ist das auch okay.

Winkelmann: Die Tatsache allerdings, dass viele talentierte Menschen schon so lange bei uns sind, zeigt dass man in der taz auch etwas bekommt, was sich nicht mit Geld aufwiegen lässt.

War es davon unabhängig schwer zu vermitteln, dass die taz 20 Millionen Euro für ein neues Redaktionsgebäude ausgibt, aber zu wenig für die nächste Mieterhöhung zahlt?

Junge: Auch wenn es nicht der allgemeinen Stimmung entsprach, gab es diese Stimmen. Natürlich. Zugleich aber war allen klar, dass die Genossenschaft anstelle der Baukosten nicht die Gehälter erhöhen kann, das sind zwei verschiedene Baustellen.

Wie lautet Ihre Prognose: entsteht in diesem Missverhältnis 2040 noch die taz?

Winkelmann: Ich denke ja. Man wünscht niemandem was Schlechtes, weshalb ich jetzt nicht sage, die und die Zeitung wird es nicht so lange geben. Aber von den Überregionalen hat die taz besonders gute Aussichten, auch in 20 Jahren noch zu existieren.

Junge: Die taz hat einen harten Umbau vor sich, aber wenn es jemand schafft, dann wir.

Sind Sie dann noch dabei?

Junge: In 20 Jahren? Nein!

Winkelmann: Nett, dass Sie mich für so jung halten, aber auch ich bin da schon zu alt.

VITAE

Ulrike Winkelmann
Geboren 1971 in Wiesbaden, wächst Ulrike Winkelmann bei Paderborn auf, studiert in Hamburg und London Germanistik, Politologie, Staatsrecht und volontiert bei der taz, wo sie ab 1999 über Inland und Gesundheit schreibt. 2010 wechselt sie als Politikchefin zum Freitag und 2014 zum Deutschlandfunk. Im August kehrt sie als Chefredakteurin zurück.

Barbara Junge
Barbara Junge, geboren 1968 in Stuttgart, beginnt ihre berufliche Laufbahn bei der taz. 1996 wird sie Redakteurin, dann Ressortleiterin des Berlinteils. 2001 wechselt sie als US-Korrespondentin zum Tagesspiegel. 2016 kehrte sie als stellvertretende Chefredakteurin in die taz zurück und übernimmt dort im August eine Hälfte der Chefredakteurin.


Aggregat, Other Lives, Louis Philippe

Aggregat

Wer glaubt, Techno brauche zwingend binäre Codes, kennt die Segnungen analoger Electronica noch nicht. Doch während sich das handelsübliche Schlagzeug seit längerem schon an der Seite künstlich erzeugter Beats ausbreitet, fügt ihnen die norddeutsche Band Aggregat etwas hinzu, was nun wirklich niemand im Umfeld repetitiver Synthesizer-Flächen vermuten würde: Ein Cello nämlich – auch wenn das norddeutsche Trio das klassische Instrument so drastisch verfremdet, dass man schon vom Fach sein muss, um es herauszuhören.

Im Zusammenspiel jedenfalls erzeugt das Debütalbum mit dem schlichten Titel 1 einen synkopisch-wuchtigen Sound, der dank seiner analogen Synths gleichermaßen warum und zappelig klingt, irgendwie auf bassige Art schrill, also nichts für schlichte Gemüter, aber doch äußerst eingängig – als hätte das Electric Light Orchestra ein gedimmtes Mash-up mit Skrillex aufgenommen. Fehlt bloß noch die Möglichkeit, das Ganze live zu hören. Wir warten halt nicht aufs Christkind, sondern Festivals.

Aggregat – 1 (Best’s Friends)

Other Lives

Other Lives gehen da sogar noch einen Schritt weiter, obgleich ihre Musik mit der von Aggregat nahezu nichts zu tun hat: das Quintett aus dem Cowboystaat Oklahoma hat bereits mehrere Platten mit ihrer Mischung aus Americana, Folk und Postrock gefüllt; jetzt dickt es einige ihrer existierenden Tracks mit experimentellen Streichern an, streicht allerdings zugleich die Drums, bis daraus ein fast schon sinfonisches Werk der aufgeblasenen Zurückhaltung geworden ist.

Weil Frontmann Jesse Tabish die zehn alten neuen Stücke gemeinsam mit seiner Frau Kim in Süditalien ersonnen hat, hat er sie unter Sicily Sessions kompiliert. Das klingt zwar einerseits unfertig und roh, wirkt andererseits aber dank Tabishs melancholischem Gesang darüber auch so tiefschürfend schön, als hätte er Monate über jedem Wort gebrütet. Weil Weihnachtsmusik einfach immer ein bisschen scheiße ist, wäre das demnach der perfekte Festtagssoundtrack: wohlig und herzergreifend, ohne pathetisch zu sein.

Other Lives – Sicily Sessions (PIAS)

Louis Philippe & The Night Mail

Und wenn wir schon ins Dickicht abseits der ausgetretenen Pfade des Mainstreams vordringen, dürfen wir an dieser Stelle von Louis Philippe nicht schweigen. Der französische Produzent, seit Jahrzehnten bereits in den Grenzregionen von Pop und Jazz, E und U, Avantgarde und Hitparaden unterwegs, hat sich mit der Band The Night Mail um Paul Wellers früheren Bassisten Andy Lewis zusammengetan, um etwas zu kollaborieren, das – tja, was eigentlich ist?

Wer sich die 13 hinreißend verkopften Klangkaskaden aus kammermuskalischem Big Beat und nostalgischem Futurepop anhört, gräbt Stück für Stück vergeblicher im eigenen Erinnerungsfundus, um dafür Begriffe zu finden. Das liegt vor allem auch an Louis Philippes Kreuzfahrtbarpianostimme, die sich selbst viel zu ernst zu nehmen scheint und gerade dadurch unterhaltsame Ironie verbreitet. Vor allem aber liegt es an der Fähigkeit, mit großer Leichtigkeit dick aufzutragen.

Louis Philippe & The Night Mail – Thunderclouds (Tapete)


Jörg Pilawa: Quizshows & Nestwärme

Wie geil ist mein Job?!

Zehn Jahre nach dem letzten Quiz mit Jörg Pilawa holt es der Namensgeber nun nachmittags um 16.10 Uhr aus der Mottenkiste. Ein Gespräch mit dem nettesten Lächeln des Rätselfernsehens (Foto: Max Kohr/ARD) über den Zauber der Wiederholung, die Nestwärme der Neunziger und ein typisches Frühstück bei Pilawas zuhause.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Pilawa, vervollständigen Sie doch mal bitte folgenden Satz: Nur wer sich ändert…

Jörg Pilawa: (lacht) „…kommt zu seinen Anfängen zurück“, meinen Sie bestimmt, oder?

Fast. Wofür steht im Rahmen dieser Weisheit die Neuauflage einer Quizshow, mit der Sie bis vor zehn Jahren erfolgreich waren: Veränderung, Treue, beides?

Das Quiz steht für etwas, auf das ich in der ARD am häufigsten angesprochen werde und auch bei den Zuschauern am meisten Erwähnung findet. Weil die Farbe in der aktuellen Vorabendlandschaft fehlt, hatten wir uns daher schon oft überlegt, sie wiederzubeleben; es war ja eher ein Quiz-Talk, bei dem wir statt 15 auch mal nur drei Fragen geschafft haben, so viel war zu besprechen. 20 Jahre nach der ersten und zehn nach der letzten Sendung, schien der Moment also günstig, mal 80 Folgen zu machen.

Bleibt darin inhaltlich alles beim Alten, mit zwei Personen und vier Vetos?

Das bleibt gleich. Was sich ändert, ist der Einstieg mit einer offenen Frage für die Kandidaten. Beantworten sie diese korrekt, erfüllen wir einen kleinen persönlichen Wunsch und nur dann geht es auch weiter im Spiel.

Abgesehen vom Wunsch erinnert das etwas an Wer wird Millionär

Nee, das ist eher wie die Schredderfrage meiner ersten Quizshow bei Sat1.

Das wiederum war sogar ein Jahr vorm Wechsel zur ARD. Haben Sie nicht das Gefühl, nach zwei Schritten vorwärts drei rückwärts zu machen?

Überhaupt nicht. In die Zeit als Daily-Talker will ich echt nicht zurück, aber mein Quiz lief in der damals so genannten Todeszone vor 20 Uhr und hatte trotzdem sechs Millionen Zuschauer. Diese Messlatte als Maßstab ist kein Rückschritt, sondern eine Herausforderung, auf die ich mich sehr freue.

Allerdings eine, die man nachmittags um vier locker reißen kann.

Das kann auch in die Hose gehen, keine Frage. Aber genau diese Fallhöhe reizt mich. Außerdem könnte man es genauso gut als feige bezeichnen, die Neuauflage eines erfolgreichen Produkts nur deshalb nicht zu versuchen, weil die Spielidee schon bekannt ist oder der Sendeplatz ein anderer.

Sucht die ARD ungeachtet dieser Fallhöhe ein bisschen Nestwärme der frühen Nuller, als die Welt noch geordneter wirkte?

Vermutlich schon. Auch deshalb haben wir das allererste Paar der allerersten Sendung eingeladen, um mal zu sehen, was aus den Menschen so geworden ist. Die Paarkonstellation jedenfalls erzeugt definitiv Nestwärme. Wir haben diesmal zum Beispiel zwei Brüder dabei, die sich bis vor acht Jahren noch gar nicht kannten, nach einer zufälligen Begegnung im Fahrstuhl aber festgestellt haben, verschwistert zu sein. Diese Emotionalität ist ein guter Kontrast zu unserer Zeit, in der vieles furchtbar durcheinandergeraten ist.

Das heißt, der Nachmittag im Ersten, soll das Publikum vor den Härten des Hauptabends noch etwas entspannen?

Ja. Wir alle beschäftigen uns momentan mehr denn je mit globalem Geschehen. Corona, US-Wahl, Klimakrise – da ist es unerlässlich, zwischendurch auch mal abzuschalten.

Aber haben Sie als gelernter Journalist mit Nachrichtenerfahrung, der Medizin studiert und sogar mal eine Weile im Kibbuz gelebt hat, nicht ab und zu das Bedürfnis, härteres Zeug zu moderieren?

Klar, wer hätte das nicht. Aber mit 25 hat es mich mehr genervt, nicht mal für eine Dokumentation oder Reportage angefragt worden zu sein. Mittlerweile kann ich gut damit leben, dass es in Deutschland schwer vermittelbar ist, neben der Unterhaltung noch was Ernsteres zu machen.

Immerhin hat das den Vorteil, seltener im Shitstorm zu stehen als Georg Restle und Anja Reschke.

Wobei man nie vergessen darf, welchen Unterhaltungswert Journalisten wie Anja und Georg oder auch Linda Zervakis haben. Schon deshalb finde ich es verrückt, dass Information und Unterhaltung nur als Paralleluniversen gesehen werden. Aber ich bin ja positiv, es wird schon durchlässiger. Vor 15 Jahren hätte es ein glattes Nein gehagelt, wenn jemand aus den Nachrichten ins Entertainment wollte. Heute ist da viel mehr möglich. Wer aber immer mehr als Gast in Unterhaltungsshows kneift, sind Politiker.

Das war früher anders?

Da kamen sogar Minister gern mal in den Sendungen vorbei – hatten sie so doch die Chance, sich dem Publikum auch mal ungeschliffen natürlich zu zeigen. Heute kriegen deren Berater schon Pickel bei einer Anfrage. Könnte doch eine falsche Antwort oder ein menschlicher Patzer viral gehen. Schade, aber in meinem Genre nicht zu ändern…

In diesem Genre kommen Sie je nach Zählung auf ein knappes Dutzend Sendungen, in denen geraten wird. Was fasziniert Sie eigentlich ganz persönlich an diesem Thema?

Die Frage stelle ich mir jeden Morgen nach dem Aufstehen auch, beantworte sie mir aber jeden Tag im Studio aufs Neue damit, dass Quiz die tollste Wundertüte des Fernsehens ist. Wie beim Fußball weiß man nie, was passiert. Ich selber zum Beispiel kenne in der einen Sendung alle Antworten, in der nächsten keine einzige. Erst neulich hatte ich ein Ehepaar, dessen Mann als wandelndes Lexikon galt, und die Frau haut ihm in drei Fragen drei Vetos rein. Da hat sich auch auf menschlicher Ebene was gelöst. In Momenten wie diesen denke ich nur: wie geil, bitte schön, ist mein Job!

Sind Sie auch als Mensch der Homo Ludens, wie ihn Friedrich Schiller beschrieben hat, ein Spieler?

Ich glaube schon. Mit Worten und bis zum Wetten – ich spiele eigentlich immer gerne.

Steht am Esstisch der Familie Pilawa entsprechend hinter jedem Satz ein Fragezeichen?

Als die Ältesten noch zur Schule gingen, haben wir tatsächlich jeden Morgen gemeinsam das Rätsel einer großen Hamburger Tageszeitung gelöst und das Lösungswort eingesandt.

Erfolgreich?

Und wie. Wir haben mindestens alle zwei Wochen was gewonnen. Nichts Großes zwar, mal Kinokarten, mal ein Buch, aber es war stets eine Herausforderung. Und die suche ich immer.


Braune Ostfront & Trumps Bruder

Die Gebrauchtwoche

7. – 13. Dezember

Wer hätte gedacht, dass die gute alte, stets umkämpfte, aber irgendwie auf analoge Art ja auch liebenswert nostalgische Rundfunkgebühr zur politisch-kulturellen Stilbildung taugt, aber in Sachsen-Anhalt, kurz SA, war es so: weil der örtlichen CDU kritische Medien per se suspekt sind, lehnt sie eine rechtlich gebotene Beitragserhöhung um 86 Cent ab, biedert sich dafür der rechtsextremen Opposition an und siehe da: es wirkt! Unterm Deckmantel der Nichtbefassung hat die braune Ostfront alle anderen Bundesländer im Volkssturm erobert und damit gezeigt: die AfD muss gar keine Minister stellen, um die Demokratie zu beschädigen; es reicht, wenn konservative Steigbügelhalter regieren.

Da wird es fast zur Nebensache, dass die Klage der Öffentlich-Rechtlichen vorm Bundesverfassungsgericht schon deshalb Erfolg haben dürfte, weil die Erklärung zu links und zu westdeutsch anders als zu teuer und zu träge für Stammtische taugt, aber nicht zur rechtlichen Bewertung. Umso interessanter ist eine beachtliche Korrelation: die höchsten oder niedrigsten Inzidenzwerte neuer Covid19-Fälle decken sich meist mit denen der höchsten oder niedrigsten AfD-Wahlergebnisse. Was womöglich damit zu tun hat, dass es liberale, pluralistische, wahrhaftige Medien in der früheren DDR schwerer haben.

Ob es zur Gegenbewegung seriöser Information reicht, dass ProSiebenSat1 zehn Jahre, nachdem der Pharmavertreter Thomas Ebeling sie ausgelagert hatte, wieder eigene Nachrichten plant, statt sie von Springer zu beziehen? Egal, die Musik spielt eh woanders. Bei Disney zum Beispiel, das sein Abo-Ziel aller Streaming-Portale bis 2024 auf 350 Millionen vervierfacht und dafür gut 100 neue Produktionen ankündigt. Wobei neu… Das Gros sind Spin-Offs bekannter Formate aus dem Marvel- und Star Wars-Kosmos.

Ein stolzes Siebenhundertstes davon will Amazon den „Backstage-Helden“ der deutschen Medienbranche schenken, also den Menschen jenseits vom Rampenlicht, die Corona in Schwierigkeiten bringt. Zur Einordnung: 500.000 Euro verdient der routinierte Verdrängungskünstler Jeff Bezos pandemiebedingt nicht mehr wie zuvor in drei Minuten, sondern in drei Sekunden. Was seiner Videoplattform Investments in endloser Folge ermöglicht.

Die Frischwoche

14. – 20. Dezember

Während die anderen Dienste vor Weihnachten zurückhaltend sind, flutet Prime Video weiter den Markt. Mittwoch startet die 5. Staffel der extraterrestrischen Existenzsuche The Expanse, am Freitag geht die Jagdausgabe der Testosterondusche The Grant Tour mit dem spritsüchtigen Jeremy Clarkson online und zeitgleich das Debüt der spanischen Historienserie El Cid. Alles in den Schatten stellt ab Mittwoch aber die Dokumentation Bild.Macht.Deutschland?

Fast ein Jahr lang, verteilt auf sieben Episoden à 45 Minuten, hat der brutalste Onlinehändler der Welt das brutalste Boulevard-Blatt Deutschlands durch die Corona-Krise begleitet und das ist wirklich hochinteressant. Ansonsten sieht es wie gesagt mau aus. Disney+ etwa beschränkt sich ab Freitag auf die konzerntypische Doku-Serie En Point über eine New Yorker Ballett-Schule. Und jene, denen die AfDU selbst einen Inflationsausgleich per Rundfunkgebühr verweigern möchte. Na ja.

Wenn der NDR heute Abend seine Serienoffensive mit der bayrisch-friesischen Hochstapler-Komödie Da is ja nix fortsetzt und Olli Dittrich Donnerstag im Ersten mit House of Trumps als Präsidentenbruder die Realität erneut realistischer persifliert als sie ist, zeigen beide definitiv ihre Stärken. Zwei Abend drauf feiert die ARD aber doch nur sich selbst, schlimmer noch: Guido Cantz. Wie üblich beim Kölner Scherzkeks, wird er sich bei 40 Jahre Verstehen Sie Spaß? toller finden als alle Ahnen der unverwüstlichen Heiterkeitsrutsche.

Die Wiederholungen der Woche sind diesmal alle am Samstag: 20.15 Uhr zeigt RTLzwei Rob Reiners Teenager-Legende Stand by Me von 1986 mit dem blutjungen River Phoenix, zwei Stunden später bei SuperRTL: Die Reifeprüfung, Baujahr 1967. Weitere 15 Jahre älter, parallel beim SWR, die Schwarzweiß-Legende High Noon mit Gary Cooper als Einzelkämpfer gegen das Unrecht.


Stahlknechts Reich & Bettys Board

Die Gebrauchtwoche

30. November – 6. Dezember

Der Weg in die Zukunft von Kino und Fernsehen ist bekanntermaßen schwer vorherzusagen, aber Jason Kilar hätte mal eine Idde: Derjenige, „um der Gemeinschaft der Filmtheater das Wichtigste zu geben, was wir ihnen liefern können“, sagte der CEO von WarnerMedia vorigen Mittwoch in New York, sei „einen stetigen Strom neuer und frischer Filme, auf die Kinobesitzer und Zuschauer und sich verlassen können“. Sein Unterhaltungskonzern will nächstes Jahr nämlich alle Produktionen zeitgleich auf Bildschirm und Leinwand verbreiten.

Alle.

Klingt autoaggressiv, ist aber womöglich ein Ausweg, um Blockbuster finanzierbar, ergo: lukrativ zu machen und wirft ein grelles Licht in die schwach beleuchtete Sitzgarnitur deutscher Wohnstuben, wo gerade über den Betrag von 86 Cent eine Koalition zu kollabieren droht. Weil ihm die rechts-braun versiffte AfD nähersteht als der links-grün versiffte Regierungspartner, wurde Sachsen-Anhalts Innenminister – kein Scherz: Stahlknecht entlassen und die Entscheidung über die Erhöhung der Rundfunkgebühr vertagt.

Wenn das mal kein Serienstoff wäre. Allemal innovativer immerhin als die Übernahme fremder Formate, wie es TVNow mit der ARD-Soap Verbotene Liebe tut, Pro7 mit dem RTL-Abenteurer Jenke oder Amazon mit der Pro7-Parodie Binge aka Switch Reloaded. Dagegen erscheint Trumps repetitive Verschwörungsshow auch nach fünf Wochen fast so frisch wie die RTL-Idee, das Dschungelcamp 2021 nur als Castingshow fürs Dschungelcamp 2022 zu inszenieren.

Wirklich neu ist es indes, wie Netflix mit dem Coming-Out von Elliot Page (Umbrella Society) umgeht: dass er sich als Transgender bekennt, war dem Streamingdienst schlichtweg egal. Egal war es dem ZDF Samstag erneut, dass es Julian Reichelts menschenverachtender Bild mit der Übertragung ihrer zynischen Kinderkampagne (hoffentlich?!) kostenlos Werbung geschenkt hat. Zur Strafe für diese Selbstentwürdigung ignorieren wir das Zweite im Frischfernsehen und empfehlen nur Programm der kommerziellen Konkurrenz.

Die Frischwoche

7. – 13. November

Sat1 zum Beispiel, das morgen mit Zerrissen mächtig auf die Tränendrüse drückt. Trotzdem ist das Rührstück mit Alwara Höfels, die ihr verschwundenes Kind Jahre später als Tochter einer anderen (Katharina Wackernagel) entdeckt, relativ anspruchsvoll. Parallel zeigt Sky eine HBO-Serie, die das ZDF allenfalls bei Neo verklappen würde: In Chrystal Moselles Betty kämpfen fünf junge Skateboarderinnen aus New York acht Teile lang hinreißend authentisch um Anerkennung männlicher Platzhirsche.

In der gleichen Altersgruppe spielt Freitag auf (kauft nicht bei) Amazon die Lost-Variante The Wilds. Nachdem ihr Flugzeug vor einer einsamen Insel abstürzt, kämpfen neun Schülerinnen darauf ums Überleben, sind allerdings auch Teil eines bizarren Experiments. An gleicher Stelle startet zugleich die Gangsterballade I’m Your Woman, in der Mrs. Maisel Rachel Brosnahan vorm Vater ihres eigenen Kindes flieht und dem fiktionalen Entertainment ein Stück fesselnder Ereignisarmut hinzufügt.

Das kann man vom Netflix-Musical The Prom mit Nicole Kidman und Meryl Streep ab Freitag nicht behaupten, wäre in dem Genre aber auch ziemlich seltsam. Aus Deutschland wird übrigens auch was Bemerkenswertes gestreamt: In der TV Now-Serie Unter Freunden stirbt man nicht, versuchen Darsteller wie Berben und Lauterbach ihren toten Freund solange frisch zu halten, bis ihm ein Nobelpreis verliehen wird, den es nicht posthum gibt. 

Während der Mutterkanal RTL am Sonntag sein letztes F1-Rennen zeigt und damit die Ära des testosterongetränkten Scheißegal beendet, flutet Pro7 seine Mittwochsprimetime mit der hinreißenden Schnodderigkeit von Jeannine Michaelsen, die in der Show mit dem Sortieren irgendwas ordnet. Die Wiederholungen der Woche sind von heute: Als Das Mädchen in Uniform (20.15 Uhr, Arte) emanzipierte sich Romy Schneider 1958 von Sissi. Als Dr. Kimble Auf der Flucht (20.15 Uhr, Kabel 1) tat Harrison Ford gleiches 1993 mit Indiana Jones. Und der Tatort: Der Spezialist reist zu den Düsseldorfer Cops Flemming/Koch ins Jahr 1996.


Ducks on Drugs, Dreimalumalpha, Haiyti

Ducks on Drugs

Wenn sich “Schreck” auf “weg” reimt, “versäumen” auf “Bäumen” oder “knallt” auf “kalt”, wenn überhaupt jedes Zeilenende zwingend klingen muss wie das vorige und dazu die Keyboards krummes Zeug von sich geben, dann sind wir tief im deutschen Gaga-Pop aus Hamburg gelandet, der mit Fraktus einst sein selbstreferenzielles Eigenzitat in Fakedokuform gegossen hatte. Sich als, nun ja: “Band” in dieser Tradition zu verorten, kann also schnell in den Klamauk führen. Oder zum vielleicht mattesten Juwel der irren Vorweihnachtszeit.

Kein Wunder, wenn Daniela Reis, gleichbessere Hälfte des genialen Duos Schnipo Schranke, gemeinsam mit dem Off-Art-Schauspieler Ente Schulz unterm nom de guerre Ducks on Drugs ein Album aufnimmt, das sich im dunkelsten Eck der Hamburger Schule verortet. So, wie sich hier dadaistische, deutsch-englische, gern doppelt gesungene Dissonanzkollagen über unverzerrte Gitarren und wirre Samples wälzen, haben wir eine Art Kuschelpunk zum Sesselpogen, den man nach drei Takten überhat und dennoch auf Endlosschleife stellt. Audiolith eben. Geht gut mit Gin Tonic und Schlafentzug.

Ducks on Drugs – Stabil Labil (Audiolith)

Dreimalumalpha

Dass die Hamburger Schule schon vor geraumer Zeit größtenteils nach Wien gezogen ist, um dort Matura zu machen, führt bisweilen zu einer gewissen Kritiklosigkeit im Umgang mit jeder Art von Pop aus Österreich, als sei alles aus dem Alpenraum allein wegen der Herkunft schon auf exzessive Art lustvoll und kreativ. Aber gut. Ist ja auch so. Neuestes Beispiel: Dreimalumalpha, ein Jungstrio aus Innsbruck, das zwar nostalgisch nach norddeutscher Tiefebene klingt, aber doch neue Höhen deutschsprachiger Gitarrenmusik erklimmt.

Wenn Simon Rogina von seiner Kreisstadtjugend mit Kirmesfaktor singt, klingt das zwar, als würden – um im Bild zu bleiben – die späten Tocotronic den frühen Thees Uhlmann im Übungsraum von Die Nerven covern; seine Alltagslyrik krächzt stimmbrüchig über glockenklar verzerrte Postpunkriffs und Schlagzeuger Johannes Hahmann gibt dazu den dilettantischen Könner. In Zeiten hyperdigitaler Verschleierung echter Instrumente aber, ist grad dieses analoge Zerlegen klassischer Rockelemente ungemein originell. Austria eben. Schon wieder.

Dreimalumalpha – Jugend ans Geld verloren (Motor Music)

Hype der Woche

Haiyti

Tja, Haiyti. Haiytihaiytihaiyti. Deutschlands beste Rapperin aus den Tiefen St. Paulis hat sich in kurzer Zeit erarbeitet, was kaum jemand mit Undergroundanstand von sich behaupten darf: unantastbar zu sein. Wie dreist sie das Publikum auch mit Autotune druckbetankt, wie selbstgefällig dazu tranige Trapbeats über derbe Lyrics wälzen, wie kryptisch Zeilen wie “Wenn ich expandier / dann wie Andy Warhol” bleiben: mit vier Platten in fünf Jahren hat sie den Männerolymp des HipHop erklommen. Und die zweite allein 2020 wird sie dort gewiss nicht verdrängen. Ronja Zschoche, so heißt das Kind prekärer Verhältnisse, schafft es auf Influencer (Hayati/Warner) ja erneut, sich gleichzeitig überernst und auf die leichte Schulter zu nehmen. “Rap ist cool / doch dafür würd ich nicht mein Leben geben”, singt sie in Klunker, “wenn’s nicht klappt / überfall ich einfach Edelläden”. Zuzutrauen wär’s ihr. Und die Soundtracks zur Knastentlassung hat sie dann ja schon fertig. Einer krasser, nerviger, besser als der andere.