Maurice Summen, Buben im Pelz, St. Vincent

Maurice Summen

Es ist Zeit, Maurice Summen Dankeschön zu sagen. Dankeschön für dein wunderbares Label Staatsakt, das progressiver Popmusik aus Deutschland seit langem ein traurig schönes Schaufenster bietet. Danke für deine Hausband Die Türen, deine Radioshow Die Sendung, all den Einsatz für hintersinnige Nischenkultur also, der du seit zwei Jahrzehnten Beine machst. Zugegeben, am Anfang einer Kritik so lobzuhudeln, klingt leicht ranschmeißerisch, muss aber sein. Denn für den Einstieg in dein neues Soloalbum gibt es nur zwei Worte: Fick dich!

Denn so hintersinnig Summens rockelektronischer Eklektizismus durch Paypalpop schimmert: wie er seine Kreativität hier immer und immer und immer wieder mit Autotune verkleistert, ist nicht originell, ist nicht interessant, ist schon ganz und gar nicht ironisch, sondern einfach nur Bullshit. Vor allem aber beraubt es der anderen Hälfte dieser vielfältigen Platte ihrer diskursiven Wucht und sorgt bei seiner eigenen Altersgruppe für etwas fast schon verwerfliches: sich greisenhaft zu fühlen. Trotzdem schönes Album. Trotzdem scheiße.

Maurice Summen – Paypalpop (Staatsakt)

Die Buben im Pelz

Was soll man machen – Prinzipien reiten? Korinthen kacken? Sich selbst verleugnen? Wer langsam mal die Goschen voll hat vom ewigen Zufluss österreichischer Popkulturerretter*innen, wer also auch mal scheiße finden will, was aus Wien, Graz, dem Burgenland unablässig über die Alpen nordwärts rauscht, fände bei den Buben im Pelz gute Angriffsflächen für ein wenig Austrophobie. Knarzige Schweinegitarren, gepaart mit Reval-ohne-Gesang und einem Bandnamen aus dem Hitparadeneck der NDW – alles objektiv eher Wolfgang Ambros als Bilderbuch. Aber genug gemeckert.

Denn das neue Album der sechsköpfigen Retrorockband vom Naschmarkt mag gelegentlich klingen wie besoffene Fußballfans im Bierzelt; dass Alexander Hacke ersichtlich an Geisterbahn mitgearbeitet hat, ist auch nicht ganz zu leugnen. Dank ihm stürzen ständig akustische Neubauten über den Krautflächen ein und bohren so vielgestaltig industrielle Löcher in den Wiener Schmäh, bis sich selbst das totgenudelte Bella Ciao anhört, als käme es aus dem Wutzentrum der Kapitalismuskritik.

Die Buben im Pelz – Geisterbahn (Noise Appeal Records)

Hype der Woche

St. Vincent

Wenn jemand klingt wie ein Hybrid aus Tori Amos und Lady Gaga, kann er, besser: sie nicht so viel verkehrt gemacht haben. Wobei: Dass Annie Clark alias St. Vincent überhaupt mal irgendwas falsch machen könnte, klingt ja ohnehin abwegig. Seit ihrem Debüt vor 14 Jahren hat sie Grammys verschiedenster Kategorien ergattert, bei Nirvana Kurt Cobain ersetzt, David Byrnes Horizont erweitert und vier weitere Platten aufgenommen, die Gefälligkeit struppig definieren wie kaum je ein Popstar zuvor. Jetzt also Daddy’s Home (Loma Vista). 14 Stücke, 14 Heimorgelreiseberichte. Das virile Pay Your Way in Pain fährt gleich zu Beginn nach Minneapolis, um dort mit Prince zu flirten. Das cremige Somebody Like Me klingt später wie ein Karibik-Urlaub in Detroit. Jeder Track tingelt sommerlich beschwingt durch die Orchestergräben, nimmt hier mal eine Marimba mit, dort einen Moog und vernäht alles zu melodramatisch-fröhlichen Netzwerken wie den funkig verschwitzten Titelsong, den St. Vincent zum schlechteren Verständnis scheinbar durch Quark gezogen hat. Wackelpuddingpop. Lecker.


Lisa Bitter: Schlafschafe & Beischläfer

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Irgendwann hilft nur noch Abgrenzung

In der Neo-Serie Schlafschafe spielt Tatort-Kommissarin Lisa Bitter (36) eine Frau, die zur Verschwörungsideologin wird und damit ihre Familie zu zerstören droht. Ein Gespräch über Querdenker und Schmerzgrenzen, Cobra 11, Instant-Dramas oder wie es ist, in der Pandemie die Pandemie zu spielen

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Lisa Bitter, in der Neo-Serie Schlafschafe spielen Sie eine Frau, die während der Pandemie tief ins Querdenker-Milieu abgleitet. Kennen Sie solche Menschen persönlich?

Lisa Bitter: In meinem engeren Umfeld hat sich glücklicherweise niemand in dieser Weise radikalisiert. Darüber hinaus höre ich natürlich schon von Freundschaften, die zerbrochen sind oder Paaren, die sich trennen. Weil ich selbst keine Kinder habe, kriege ich zum Beispiel das in der Serie aufgegriffene Thema Maskenverweigerung in Kita oder Schule nicht so hautnah mit.

Wie würden Sie denn damit umgehen, wenn Ihr eigener Mann anfinge, Masken zu perforieren und Rauchmelder abzunehmen?

Ich würde vermutlich wie Lars bei Melanie im umgekehrten Fall versuchen, ihn mit allen Mitteln auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen oder zumindest im Gespräch zu bleiben. Ab einem bestimmten Punkt scheint mir das allerdings unmöglich. Eine Erkenntnis dieser Arbeit ist, dass Querdenker demokratische Spielregeln von Information und Teilhabe, auf die wir uns in einer funktionierenden Demokratie geeinigt haben, so ad absurdum führen, dass echter Austausch unmöglich wird.

Weil Gegenargumente nur als Indizien der jeweiligen Blindheit gelten?

Genau. Das macht dieses Dilemma schier unauflösbar und so dramatisch, weil die Gefahr, Menschen zu verlieren, die man liebt, gewaltig ist. Da hilft irgendwann nur noch Abgrenzung.

Grenzen Sie sich auch von 53 Kollegen und Kolleginnen ab, die unter #allesdichtmachen Figuren wie Lars und Sie als „Schlafschafe“ bezeichnen, Medien als gleichgeschaltet kritisieren und Lockdowns als übertrieben?

Ich distanziere mich von Haltungen, die zur Spaltung der Gesellschaft beitragen und empfinde die gesamtgesellschaftliche Stimmung da als sehr angespannt. Umso wichtiger erscheint es mir, mit Bedacht und Feinfühligkeit in die Kommunikation zu gehen.

Geht dieser Vorwurf auch an Ihre Kollegin Ulrike Folkerts vom Ludwigshafener Tatort, die anfangs auch mitgemacht hat?

Dazu möchte ich mich nicht äußern.

Bietet die Serie denn Strategien im Umgang mit Querdenkern an oder ist sie so fatalistisch, wie Sie gerade klingen?

Ich glaube, die Serie will nur abbilden, was in dieser Konfliktsituation passieren kann und wie schwer es ist, sich daraus einvernehmlich zu befreien. Kompliziert wird es für Leute wie Lars ja, weil sich Melanie aus einem Gefühl von Angst und Sorge auch um ihr Kind auf den Weg ins Dunkel macht; diese Ängste kann man ja nicht ignorieren. Ebenso wenig wie das Bedürfnis, auf Fragen einer komplizierter werdenden Welt simple Antworten zu suchen. Darin steckt ja das Perfide der Verschwörungsideologie, die zugleich für systematische Immunisierung gegen vielschichtige Betrachtungen sorgt.

Hat Ihre Figur demnach die Opfer- oder Täter-Funktion der Serie?

Verglichen mit Lars, der vor allem reagiert, ist sie in jedem Fall die Tätige im Sinne von Handeln. Wobei die meisten Verschwörungsgläubigen sich anfangs vermutlich in einer Opferrolle sehen, aus der sie sich befreien wollen. Eine gewisse Ohnmacht der sie scheinbar ausgeliefert sind. Der „Befreiungsakt“ und die Radikalisierung lässt sie dann eventuell zu Tätern werden.

Wie hat es sich für Sie denn angefühlt, das zu spielen – eher gut oder eher böse?

Mit dieser Form von Wertung tue ich mich als Schauspielerin generell schwer; schon, weil interessante Rollen nur selten das eine oder das andere sind. Da ich als „Tatort“-Kommissarin seltener mit dem Bösen assoziiert werde, habe ich mich unglaublich auf diese Figur gefreut, aber eher, weil ich ihre Denk- und Handlungsweise privat so ablehne. Trotzdem hatte ich bei ihrer Ausgestaltung kein Gefühl von gut oder böse, eher von stringent und logisch. Ich versuche meine Rollen nicht zu werten, sondern glaubhaft zu machen.

Wie war es denn dabei, in der Pandemie die Pandemie zu spielen?

Sehr befriedigend. Einen Themenkomplex von dieser aktuellen Relevanz habe ich zuvor noch nie gedreht. Oft war es so, dass die Nachrichtenlage vom Vortag morgens direkt in die Arbeit eingeflossen ist. Weil jeder eine Haltung dazu hatte, herrschte bei allen Beteiligten besondere Aufmerksamkeit für diese Art „Instant Fiction“, wie sie das ZDF nennt. So nah am Thema zu sein, finde ich toll, das darf sich gern wiederholen.

Glauben Sie, die Echtzeit-Verarbeitung der Realität macht Schule und wir sehen nach der Pandemie mehr Instant Fiction?

Das wäre doch mal ein cooles Überbleibsel einer Zeit, in der ich ständig denke, das Gröbste sei jetzt aber mal überstanden und alles wird besser, nur um sofort eines Besseren belehrt und wieder enttäuscht zu werden. Wer weiß: vielleicht ist die Pandemie nie ganz weg, vielleicht bleiben uns Masken und Abstand erhalten. Warum sollte uns da nicht auch diese Art der fiktionalen Erzählung erhalten bleiben? Das empfände ich als Zugewinn.

Spielen Sie generell lieber zeitgenössischen Realismus wie Schlafschafe als heitere Belanglosigkeit wie Beischläfer?

Ich finde, alles ist auf seine Art wichtig – Leichtigkeit und Humor genau wie Wahrhaftigkeit und Ernst. Trotzdem gefällt es mir schon besonders, wenn wir zum Beispiel im Tatort reale und aktuelle gesellschaftliche Themen aufgreifen und mit guter Unterhaltung verbinden. Man spürt regelmäßig an der Resonanz, wie viel intensiver Medien und Publikum darauf reagieren. Dennoch ist mir die Unterschiedlichkeit der Genres, mit denen ich mich beschäftigen darf, sehr willkommen.

Also auch Cobra 11, was vor zehn Jahren eher bei Ihnen vorkam als heute der Tatort Ludwigshafen oder Schlafschafe?

Ich bin jetzt seit 15 Jahren in dem Beruf und gerade am Anfang der Karriere ist es wichtig, viel zu arbeiten, um in möglichst vielen Genres Erfahrungen zu sammeln und das Handwerk zu schulen. Natürlich gibt es Formate, die einen eher künstlerisch ernähren, und solche, die es mehr finanziell tun. Diese Waagschale ist fair und völlig in Ordnung.

Aber wo wäre da denn Ihre Schmerzgrenze?

Nicht bei Cobra 11 jedenfalls. Das ist ein supererfolgreiches Format, bisschen Kindergeburtstag für Schauspieler*innen: es brennt, kracht, es knallt. Ihre Frage ist absolut berechtigt, zumal es beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk immer noch einen Bildungsauftrag gibt. Dem Publikum handwerkliche, hochwertige Unterhaltung zu bieten, ist völlig okay.

Sie pflegen also keinen Dünkel gegen Trash?

Keinen. Deshalb habe ich meine Agentur mal gebeten, mir Bücher nur ohne Nennung des zugehörigen Formats und Senders zu schicken, damit ich unvoreingenommen auf den Inhalt blicke. Wobei nein sagen zu können, ein Privileg ist.

Können Sie öfter Nein sagen, seit Sie 2014 Tatort-Kommissarin geworden sind?

Definitiv. Es verbessert aber nicht nur die Verhandlungsposition, sondern sorgt in meinem unsteten Beruf auch für mehr Planungssicherheit. Wer zwei Filme dieser Größenordnung dreht, kann in der Zwischenzeit sorgsamer auswählen. Dafür bin ich sehr dankbar.

Funktionieren Schauspielerinnen demnach wie Verlage, die sich literarische Perlen mit Massenware finanzieren?

Ein bisschen ist das so – obwohl ich es weniger drastisch formulieren würde. Auch in der Masse gibt es schließlich Perlen.

Zwei Tatorte im Jahr heißt dennoch: auch mal ein Studentenfilm ohne große Gage.

Sehr gerne sogar.


Bruchs Basis & Schlafschaf Lisa

Die Gebrauchtwoche

TV

3. – 8. Mai

Wäre Mark Zuckerberg nicht selbst eine so obskure Figur der Megaprofitmaximierung, man könnte meinen, er brächte grad Licht ins digitale Dunkel. Just nämlich, als auch seine Macht- und Geldmaschine droht, durch die geplante globale Unternehmenssteuer so etwas Bürgerliches wie Steuern zahlen, also dem Gemeinwohl dienen zu müssen, darf Facebook dem Nutzer auch weiterhin die Accounts sperren, der das mit allen Mitteln verhindern wollte. Nur um den Namen nach einer Zeit der Stille hier mal wieder hinzuschreiben: Donald Trump.

Ja, den gibt’s noch. Nur ist er eben kaum noch zu hören, seit ihm Twitter, Instagram und Facebook die Lautsprecher gekappt haben. Das dürfte Rassisten wie Jens Lehmann, den Sky dank der Beleidigung seines Moderationskollegen Dennis Aogo endlich rausgeschmissen hat, vermutlich ebenso missfallen wie Volker Bruch, der nach seiner als Meinungsbeitrag getarnten Demokratieattacke #allesdichtmachen nun folgerichtig bei der Querdenker-Partei Die Basis um Aufnahme gebeten hat. Womit ihn das größte Querdenker-Blatt im großen Bild-Interview aber nicht weiter behelligen wollte.

Derweil bejubelt Bruchs Buddy Jan Josef Liefers auf Twitter 14 Millionen Zuschauer des Tatort Münster. Schließlich hält er die Topquote für einen Beleg der bürgerlichen Akzeptanz seiner Gleichschaltungssuada und nicht das, was es eher sein dürfte: eine Art Populism Porn derer, die wissen wollten, ob sich JJLs Sicht auf Corona und Medien bei Professor Boerne wiederfindet. Tut sie nicht. Aber den neofeudalen Allwissenheitsdünkel teilen sich Figur und Darsteller schon.

Apropos Figur und Darsteller: Indem sich Billie Eilish halbnackt mit Fick-mich-Blick auf dem Vogue-Cover räkelt, schlägt die Body-Positive-Ikone all jenen Mädchen ins Gesicht, denen sie bislang das Bodyshaming austreiben konnte. Jetzt dürft ihr euch wieder schön schämen, nicht so dünn, sexy und fuckable zu sein wie euer Vorbild, liebes Click- and Pay-Vieh. Und damit wieder zurück zu Volker Bruchs Realitätsverdrehung.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

10. – 15. Mai

Die nämlich erhält ab morgen bei Neo fiktionale Weihen einer Instantserie. In Schlafschafe spielt Lisa Bitter eine Mutter, die während der Pandemie sechs Teile lang tiefer in Verschwörungsideologien abdriftet, bis ihre Familie (fabelhaft: Daniel Donskoy) auch an den Lügen eines Querdenkers (auch toll: August Zirner) zerbricht. Das ist auf ähnlich beklemmend, aber natürlich nicht annähernd so opulent wie Underground Railroad.

Oscar-Gewinner Barry Jenkins (Moonlight) verwandelt Colson Whiteheads gleichnamigen Roman dabei ab Freitag auf Amazon in ein achtstündiges Epos über die amerikanische Sklaverei vor knapp 200 Jahren, das einiges über die Situation Schwarzer in den USA George Floyds und Donald Trumps erzählt. Ebenfalls von PoC auf dem Weg der Emanzipation handelt eine Starzplay-Serie, die dennoch unterschiedlicher kaum sein könnte. Ab Sonntag erzählt Run the World die Geschichte vier Schwarzer Frauen um die 30 in New York – allerdings in einem Glamour, der an Sex and the City erinnert.

Umso erstaunlicher, dass die Charaktere beim Shoppen, Ficken, Schönsein Zeit haben, Rassismus und Misogynie anzuprangern – wenngleich sehr subtil. Eher ulkig geht die TNT-Serie The Mopes ab morgen mit einem Trendthema ohne Humorlobby um. Nora Tschirner spielt eine Fleisch gewordene Depression, die im Auftrag der Abteilung für psychische Krankheiten dafür sorgt, Betroffene wie einen gescheiterten Musiker zur Leidenseinsicht, also Therapiebereitschaft zu bringen. Ästhetisch auf Wes-Anderson-Niveau, ist das fast zu grotesk, um tiefgründig zu sein. Aber eben nur fast.

Geradezu grotesk komisch ist Joseph Vilsmaiers Amazon-Komödie Der Boandlkramer ab Freitag mit Bully Herbit als Tod und Hape Kerkeling als Teufel. Bierernst dagegen bleibt das Platzangst-Drama The Woman in the Window auf Netflix, wo parallel folgendes startet: die 2. Staffel der irren Kurzfilmreihe Love, Death & Robots, der holländische Gangsterfilm Ferry mit Huub Stapel sowie die deutsche Kino-Übernahme Und morgen die ganze Welt mit Mala Emde als verliebte Linksextremistin. Kleiner Tipp am Rande: Arte zeigt Mittwoch Der unverhoffte Charme des Geldes – ein Brennpunktmärchen um den gebildeten Pierre-Paul (Alexandre Landry), der als Paketbote arbeitet – bis er an die Beute eines Millionenraubes gerät…


Andreas Spechtl: Ja, Panik & Die Gruppe

Poesie muss nicht verständlich sein

Seit ihrem Umzug nach Berlin vor 15 Jahren zählen Band Ja, Panik zu den Stars im deutschsprachigen Pop-Underground. Stets im Rampenlicht: Andreas Spechtl, Sänger, Gitarrist, Texter und Außenminister des notorisch schwarzgekleideten Quartetts aus dem Burgenland. Ein Interview mit dem 36-Jährigen über Popkulturepochen, seine Politisierung durch G8-Gipfel, ein Musikerleben in der Merkel-Ära und warum das erste Album seit sechs Jahren schlicht Die Gruppe heißt.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Andreas Spechtl, gibt es für Musik so etwas wie Konjunkturen, also gesellschaftliche, politische, kulturelle Umstände, die sie begünstigen?

Andreas Spechtl: Ich denke schon, dass jede Zeit ihre Musik hat, aber interessanter finde ich die Frage, was zuerst da war – die Zeit oder ihre Musik. Macht Kultur Epochen oder machen Epochen Kultur?

Na, das ist ja mal ein kulturoptimistischer Ansatz zu glauben, Musik hätte die Möglichkeit, ihre Zeit zu prägen…

Ich meinte das eher im Sinne, dass die Kunst dafür geschaffen ist, Welten zu erfinden, in denen sich die Realität, wenn schon nicht verwirklicht, dann wenigstens verbildlicht. Kunst hat die Möglichkeit, ungedachte Ideen in die Welt zu setzen. Das merkt man schon daran, wie viel Underground irgendwann im Mainstream, gar in der Werbung landet. Am Ende ist es aber insofern ein Geben und Nehmen, weil man Kunst und Zeit gar nicht komplett voneinander trennen kann.

Gab es demnach gesellschaftliche, politische, kulturelle Umstände, die 2005 quasi organisch zur Gründung einer Band wie Ja, Panik geführt haben?

Die gab es bestimmt, wir alle sind Kinder unserer Zeit. Aber wenn die Umstände so prägend wären, würden wir noch dieselbe Musik machen wie damals. Obwohl wir in Bewegung waren, aus dem Burgenland nach Wien von da aus schnell nach Berlin, ist Ja, Panik eher aus einem persönlichen Zusammenhang als äußeren Umständen entstanden. Andererseits war damals gerade Genua passiert.

Ein G8-Gipfel, der 2001 in unfassbarer Polizeigewalt gipfelte.

Damals habe ich mich überhaupt erstmals als politisches Wesen wahrgenommen.

Hat sich dieses abrupte Ende der Neunziger, deren Hedonismus in 9/11, Dotcom-Blase, Finanzkrise und Genua explodierte, also auch auf euch als Band ausgewirkt?

Wenn die gesamte künstlerische Schaffensperiode deckungsgleich mit der Ära Merkel ist, wird das wohl so sein (lacht). Die verordnete Alternativlosigkeit ihres politischen Handelns spiegelt sich als Gegenimpuls gewiss auch in Ja, Panik wieder.

Passt das neue Album Die Gruppe demnach zum Ende der Ära Merkel, das ja spätestens durch die aktuelle Nachfolgedebatte in der CDU eingeläutet wird?

Eigentlich nicht, denn die Stücke sind anders als bei den Alben zuvor über einen so langen Zeitraum hinweg entstanden, dass einige davon ungefähr so alt sind wie die laufende Legislaturperiode. Als wir dann damit ins Studio gegangen sind, hat die Pandemie zwar alles verändert. Aber weil vorher auch schon vieles im Krisenmodus war, ist das einzig neue dieses Virus, das von Populismus bis zur Krise des Gesundheitssystems alles Virulente unserer Zeit wie unterm Brennglas sichtbar macht. So läuft es auch mit Ja, Panik: Die Gruppe beschäftigt sich zwar mit den Themen ihrer Zeit, aber auch über die kann man besser sprechen, wenn sie ein wenig zurückliegen. Ich finde es grundsätzlich interessanter, wie es zu etwas kommen konnte, als wie es gerade ist.

Klingen Stücke wie Gift oder On Livestream also nur zufällig nach Pandemieverarbeitung oder sind sie tatsächlich währenddessen entstanden?

Die sind interessanterweise älter. On Livestream ist während meiner Residency in Teheran entstanden, das Goethe-Institut hatte mich zwei Monate dorthin eingeladen. Mein Leben mit Lockdowns, in denen man meistens zuhause ist – dieses Leben hatte ich seinerzeit im Iran kennengelernt. Dort passiert eigentlich alles Private daheim, die Straße ist ein feindlicher Ort. Dass das nun auch für Berlin gilt, war beim Schreiben des Songs nicht zu erwarten, zeigt aber zum einen, welche Latenz Poesie haben kann, zum anderen, dass unser Leben schnell so werden kann wie jenes im Iran, wo der Lockdown quasi ein Dauerzustand ist.

Heißt das, die Pandemie hat auch ihr Gutes, weil man das eigene Leben mal kritisch hinterfragt und mit dem Rest der Welt ins Verhältnis setzt?

Unbedingt. Was unsere Normalität von damals bedeutet, merken wir womöglich erst jetzt und werden es nochmals neu entdecken, wenn wir wieder zu ihr zurückkehren. Das kann sehr erhellend sein.

Wie ist abgesehen von dieser Möglichkeit dein aktueller Seelenzustand?

Bis Ende 2020 war es für mich gar nicht so schlimm, weil ich intensiv an der neuen Platte gearbeitet habe und so gesehen im selbstverordneten Lockdown war. In der Jahreszeit bin ich eh relativ asozial, da war ich manchmal froh, mich einigeln zu können. Seit das Album fertig ist und der Platz im Kopf frei für normales Leben, schlägt sich die Pandemie aber schon auch darin nieder.

Sind eure Platten also, zurück zur Eingangsfrage, Spiegelbilder deiner inneren Verfassung oder der äußeren Umstände?

Der Grundversuch der ja, panischen Poesie war immer, die Welt durch die innere Verfassung von uns selber als kleinstem Teil darin ein bisschen besser zu verstehen. Völlig frei von den Verhältnissen über mein Gefühlsleben zu schreiben, hat mich noch nie interessiert. Ich kann mich ja nicht ohne das System denken, in dem ich lebe.

Umso erstaunlicher ist es, wie viel ihr den Zuhörer*innen abverlangt, diese Gedanken zu verstehen. Wollt ihr euer Publikum verwirren oder bin ich nur zu begriffsstutzig?

Letzteres würde ich niemandem unterstellen. Wir nehmen unsere Hörer*innen sehr ernst. Aber ich verlange von Musik, also Poesie überhaupt nicht, verständlich zu sein. Auch ich verstehe nicht alles, was ich schreibe. Auch bei anderen interessiert mich Kunst erst dann so wirklich, wenn sich ihr Sinn nicht sofort offenbart. Ich möchte nicht alles durchschauen. Die Welt hat ohnehin so viele ihrer Geheimnisse verloren, da finde ich es schön, nicht alles auf den ersten Blick zu begreifen. Entsprechend schade ist es, wenn jemand unsere Texte Wort für Wort auseinandernimmt.

Du verlierst dich also gern mal in der Schönheit der Sprache oder dem, was der HipHop Punshlines nennt?

Ich glaub jedenfalls fest an die Poesie der Schönheit. Wer sich mit einer konkreten Idee an Dinge setzt, vermittelt selbst dann Inhalte, wenn sie schwer zu begreifen sind. Das ist glaube ich das Wesen von Ästhetik.

Was sagt der maximal konkrete, gleichsam diffuse Titel „Die Gruppe“ da über den Inhalt aus?

Dass wir uns erstmal wieder darüber im Klaren werden wollten, was Ja, Panik überhaupt war, was an der Gruppe erhaltenswert, was erneuerungswürdig ist. Wir sind jetzt Ende 30. Da stellt man sich schon mal die Frage, welche Richtung unsere Existenzen nehmen. Zugleich geht der Titel über uns hinaus und stellt die Frage, wie Arbeit im Kollektiv generell funktioniert. Jeder hat seine Gruppen.

Meine Deutung war zunächst, Ja, Panik möchte sich und uns beweisen, dass sie mehr ist als Andreas Spechtl.

Das würde voraussetzen, es gäbe Klarstellungsbedarf. Ich bin nun mal eine Art Außenminister der Gruppe, darauf hätte niemand sonst Lust. Frag mal Stefan, ob er Interviews geben möchte! Der macht lieber das Cover, ein anderer die Tourposter. Ja, Panik funktionieren wie ein kleiner Staat mit Ressorts, in denen jeder seine Stärken ausspielt. Wir sind damit sehr zufrieden.


Wolfsrudelführer & Jenke.Crime

Die Gebrauchtwoche

26. April – 2. Mai

Liebe #Allesdichtmacher*innen – da euch fürs Marketing jedes Mittel recht ist, sollt ihr es kriegen. Trotz aller Stürme von links machen weiterhin die effektivste AfD-Reklame des ganzjährigen Wahlkampfes: Volker Bruch, Nina Gummich, Cem Ali Gültekin, Felix Klare, Vicky Krieps, Thorsten Merten, Maxim Mehmet, Wotan Wilke Möhring, Nina Proll, Miriam Stein, Ulrich Tukur, Nadja Uhl, Hanns Zischler – um nur die populärsten zu nennen. Ruhm und Ehre, wem Ruhm und Ehre gebührt…

Pasquale Aleardi dagegen, Peri Baumeister, Meret Becker, Martin Brambach, Ken Duken, Inka Friedrichs, Ulrike Folkerts, Heike Makatsch, Richy Müller, Nicholas Ofczarek, Trystan Pütter, Manuel Rubey und Kostja Uhlmann, um auch hier nur bekanntere aufzulisten, haben ihre Videos teils zerknirscht zurückgezogen. Die Wolfsrudelführer Jan Josef Liefers und Dietrich Brüggemann, wollen uns zwar weismachen, das sei allein aus Angst vorm Lynchmob linksradikaler Schlafschafe geschehen; doch wir glauben eher an Verstand, Empathie und etwas, das Mittfünzigern wie Liefers fremd ist: Selbstreflexion.

Daran dürfte sich auch nichts ändern, nur weil ihm Jan Böhmermann – Hobbysatiriker*innen aufgepasst: ironisch, statt populistisch – die Leviten liest (was man sich übrigens auch von Oli Welkes heute-show gewünscht hätte). Im Gegenteil, Liefers feuilletonistischer Deutschland-erwache-Move wurde ja noch dadurch geadelt, dass ihn Die Zeit zum Gedankenaustausch mit Jens Spahn lud und der WDR-Rundfunkrat Garrelt Duin idiotischerweise ein Auftragsverbot forderte. So viel Reputation für so wenig Substanz – vielleicht sollte man an dieser Stelle Corona kurz ganz leugnen, dann gibt’s womöglich ein Dinner mit Angela Merkel im Ersten.

Wobei: die erste Geige nachrichtlicher Relevanz spielt bald die Konkurrenz. Inmitten der Shitstorms um Meinungs- und Medienkorridore wurde publik, dass die Lügenpressevertreterin Linda Zervakis endlich aufgewacht ist und mit Matthias Opdenhövel zum deutschen CNN ProSieben wechselt, um dort im Herbst ein Wahlmagazin zu moderieren. Der Maskenverweigerer Volker Bruch könnte dasselbe dann ja mit dem abstandsverachtenden Dietrich Brüggemann und ihrem demokratiekritischen Spindoktor Paul Brandenburg für Jürgen Elsässers CompactMagazin machen oder gleich direkt in der AfD-Zentrale.

Die Gebrauchtwoche

3. – 9. Mai

Der zivilisatorische Impuls könnte nun gebieten, die Wochentipps mit Warnhinweisenzu versehen, was mit Allesdichtmachern besetzt wurde. Wir bleiben aber journalistisch und empfehlen ungeachtet aller Personalien folgendes: Jenke.Crime. Obwohl der Selbsterfahrungsreporter bei Pro7 ähnlich robust wie bei RTL die Grenzen der Objektivität übertritt, ist seine Talkshowreportage (dienstags, 20.15 Uhr) schon deshalb erhellend, weil er vier Verbrechern mit insgesamt 57 Jahren Knasterfahrung auf Augenhöhe begegnet, ohne ihre Opfer zu vergessen.

Von RTL kommt auch Eric Stehfest. Nie gehört? Null Problem! Der C-Promi war nur Fans von GZSZ oder Let’s Dance bekannt. Dann machte er seine Meth-Sucht publik. Sein Roman 9 Tage wach wurde ansehnlich für Pro7 verfilmt. Ab heute begibt er sich bei TVNow in Therapie, wobei Eric gegen Stehfest einen verblüffend reflektierten Mann Anfang 40 zeigt. Und weil es offenbar die Woche unterhaltsamer Selbstdarstellung ist: Donnerstag startet Joyn die Personality-Show Achtung, Aaron! mit einem Influencer namens Troschke.

Linear könnte man noch Goldjungs empfehlen. Als Groteske über die Insolvenz der Herstatt-Bank von 1974 getarnt, reproduziert der Mittwochsfilm aber doch nur den öffentlich-rechtlichen Drang zum Kostümfest. Origineller ist da, was öffentlich-rechtliche Mediatheken ab Freitag zeigen: die vierteilige Dramedy All You Need über schwule Millenials in Berlin (ARD) oder die heterosexuelle Sadcom Lu von Loser (ZDF), in der sich Regisseurin Alice Gruia nach eigenem Drehbuch als Schwangere mit Bindungsängsten inszeniert.

Zum Schluss drei Netflix-Streams: Mittwoch startet die vierteilige Serienkiller-Doku Sons of Sam, Donnerstag das Drama Monster! Monster? um einen Schwarzen Teenager, der zu Unrecht des Mordes beschuldigt wird, Freitag die Superheldenkinderserie Jupiter’s Legacy, begleitet von Staffel 2 der ulkigen Gamer-Comedy Mythic Quest bei Apple+.