AB Syndrom, Jo Goes Hunting, Naked Giants

AB Syndrom

Vor drei Jahren, die Welt drehte sich zwar im gleichen Tempo, war aber irgendwie doch eine völlig andere, tropfte plötzlich ein seltsam hybrider Elektropop aus den Boxen, der zugleich altbekannt und ziemlich neu klang. Es war das zweite Album des Berliner Duos AB Syndrom und schaffte es in ein und derselben Tonabfolge spielend, Bauch, Kopf und Seele überfallartig zu erreichen. Nun weckt eine Plattenkritik, die sich zu lang beim Vorgänger aufhält, naturgemäß den Verdacht, der Nachfolger halte da nicht mit. Und in der Tat: verglichen mit Hallo Herz ist Plastik nicht der ganz große Wurf. Einerseits. Denn verglichen mit dem großen Rest dieses kitschanfälligen Stils ist es andererseits wirklich wunderbar.

Der Songwriter Bennet Seuss und sein Schlagzeuger Anton Kırık schaffen es schließlich abermals, die loungig-gediegene Atmosphäre ihrer digitalen LoFi-Gespinste mit einem wattierten HipHop zu kombinieren, dass einem die Knie ganz weich werden und man sich hinlegen muss, am besten in eine Hängematte mit Seeblick. Besonders die pluckernde Percussion sorgt dann dafür, dass die getragene Aura nicht ins Schläfrige abgleitet und immer noch ein Aufspringimpuls zurückbleibt. Plastik ist die Quintessenz des Berliner Cool ohne Metropolengehabe, nicht so gut wie früher, immer noch besser als die Gegenwart im Ganzen.

AB Syndrom – Plastik (Herr Direktor)

Jo Goes Hunting

Wenn PR-Abteilungen ein Produkt beschreiben, muss man die Adjektiv-Kaskaden darin stets mit einer gewissen Vorsicht genießen. Falls allerdings das liebenswerte Alternative-Label Backseat eine Neuerwerbung im Portfolio mit “Beitrag zu mehr Kreativität und Mut im Indiepop” bewirbt, darf man kurz mal Milde walten lassen und dem Werbesprech ein wenig Aufmerksamkeit widmen. Denn Jo Goes Hunting ist genau das: kreativ und mutig, nur ohne verstiegen oder experimentell zu sein. Auf dem seifigen Feld der musikalischen Harmonielehre ist das ausgesprochen ehrgeizig, daher überaus selten und in diesem Fall sogar ziemlich hinreißend. Was vor allem an Jimmi Jo Hueting liegt.

Der singende Drummer aus den Niederlanden hat sich nämlich eine Kapelle zusammen gesucht, die seinem Anspruch von hörbarer Exzentrik Folge leistet. Auf dem Debütalbum verbindet das – so sagt man heute: Projekt Artrock, Discopop und New New Wave zu einer windschiefen, formschönen Mixtur aus englischen Vocals und globalen Arrangements, die an Grizzly Bear oder das deutsche Odd Couple erinnert. Nachdem das Ganze in Holland bereits alle Feuilletons begeistert hat, erscheint Come, Future nun auch hierzulande und dürfte die Hinwendung zum Sound des Nachbarlands weiter verstärken. Schon richtig so.

Jo Goes Hunting – Come, Future (Backseat)

Naked Giants

Seattle – wem es da nicht in den Ohren klingelt, ist entweder vorm Vietnam-Krieg geboren, nach dem Irak-Krieg oder anderweitig aus der Zeit gefallen. Seattle, das war vor bald 30 Jahren die Geburtsstadt dessen, was unterm Label Grunge den Rock mit einer Prise Punk wiederbelebt hat. Wenn eine Band wie Naked Giants von dort stammt, liegt die Messlatte demnach ganz schön hoch. Unter Revolte anzetteln oder Bilder stürmen läuft da wenig. Beides schaffen die drei Freunde von der nördlichen Westküste nicht. Alles andere, was mit ihrem Ursprung in Zusammenhang steht, aber schon: eine räudige, verwaschene, filigrane Spielfreude zum Beispiel, der man die Garage anhört.

Ihr Debütalbum Sluff klingt daher ein bisschen danach, wofür es steht: South Lake Union Fuck Face, was zwar mit der Tech-Branche zu tun hat, die Seattle seit längerem im Griff hat, mehr aber noch mit einer rotzigen DIY-Attitüde, die jedem der zwölf Postpunkohrfeigen entströmt. Mit kreischender Sixtiespsychorockgitarre, dem apokalyptisch drängenden Bass des Sängers Gianni Aiello und einem Schlagzeug, dass wenig auf Punktgenauigkeit, aber viel auf Einfallsreichtum gibt, macht das Trio den verschrobensten Sound der Stunde. Seattle liefert halt noch immer.

Naked Giants – Sluff (New West Records)

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The Terror: Weißer Tod & Mythenmonster

Der weiße Terror

Die fesselnde AMC-Serie The Terror erzählt seit Anfang der Woche auf Amazon Prime die halbwegs wahre Geschichte einer katastrophalen Polarexpedition der entdeckersüchtigen Zeit vor 170 Jahren (Foto: AMC) – mit reichlich Horrorelementen und doch ohne viel allzu Effekthascherei. Das macht den Zehnteiler jeden Dienstag aufs Neue so herausragend.

Von Jan Freitag

Manchmal, zugegeben sehr selten, dann aber umso sehnsüchtiger, wünscht man sich die Vergangenheit zurück. Im Herbst 1846 zum Beispiel hatte der Klimawandel die legendäre Nordwestpassage noch nicht enteist, weshalb Winter weltweit richtige Winter waren, Sommer echte Sommer und die Überlebenschancen der Menschheit auf dickerem Eis gebaut als das, was heutzutage den kanadisch-arktischen Archipel bedeckt. Wer sich seinerzeit jedoch jenes hausgemachte Tauwetter gewünscht hätte, das die Pole jetzt unaufhaltsam zum Schmelzen bringt, war die Besatzung eines Schiffs, dessen Name damals noch nicht für Islamisten, sondern Entdeckergeist stand.

Terror.

So hieß einer der beiden Zweimaster, auf denen die Exkursion des Polarforschers John Franklin vor 172 Jahren im Auftrag seiner Majestät den Pazifik durchs Packeis erreichen sollte. Seit Christoph Columbus war die Abkürzung der Handelsroute Richtung Asien ein europäischer Traum. Für die Besatzungen der HMS Erebus und Terror hingegen wurde er zum Albtraum. Der war zwar schon öfter Inhalt dokumentarischer und literarischer Werke; nun aber wird die berühmte Franklin-Expedition zum Stoff einer fiktionalen TV-Serie. Und auch wenn dessen Ausgang bekannt sein dürfte: Spannender, intelligenter und dabei unterhaltsamer kann man den Hergang dieser nautischen Katastrophe kaum erzählen.

Im Mittelpunkt der zehnstündigen Adaption von Dan Simmons‘ Tatsachenroman „The Terror“ steht dessen Kapitän Francis Crozier. Mit reduzierter Virtuosität macht der Shakespeare-Virtuose Jared Harris (The Crown) daraus das grüblerische Gegenstück zum Schwesterschiffkommandeur James Fitzjames, dem Tobias Menzies (Game of Thrones) seinerseits einen betriebsblinden Optimismus verleiht, der nur vom Reiseleiter Franklin (Ciarán Hinds) noch übertroffen wird. Während Crozier vorm zweiten dreier gnadenlos strenger Polarwinter rät, in sicheres Gewässer abzubiegen, schlägt der fast kindliche Enthusiasmus seiner Kollegen alle Warnungen in den eisigen Wind. Wie David Kajganich und Soo Hugh dieses Gefälle inszenieren, das ist mindestens zwei Seewölfe, drei Schatzinseln und vier Meutereien auf der Bounty entfernt von dem, was im Abenteuermetier zur See üblich ist.

Allenfalls unterlegt vom bedrohlichen Geräuschteppich synthetisch verstärkter Naturgeräusche, verbietet Produzent Ridley Scott sich und seinem Team nämlich alle Effekthascherei. Zur Eindrucksverstärkung bedarf der Überlebenskampf in so lebensfeindlicher Umgebung bedarf schließlich weder Geigenteppiche noch Gewaltorgien geschweige denn telegene Filmgesichter. Und dass bis auf seltene Rückblenden in die Zeit vor der Abreise auch keine Frauen im Cast nötig sind, ist eher der Epoche als Geschlechterklischees geschuldet. Zum Männerformat macht es den Zehnteiler nicht. Im Gegenteil.

Die Erbarmungslosigkeit von klirrender Kälte über ewige Dunkelheit bis hin zur Enge an Bord wird im Auftrag des US-Kabelkanals AMC selten dramatischer dargestellt als es die Umstände erfordern. Wenn 134 Männern im ewigen Dämmerlicht des arktischen Winters acht Monate nur bleiverseuchter Dosenfraß und die Ödnis totaler Untätigkeit vorgesetzt wird, sind Konflikte zwar unausweichlich; es ist allerdings das Verdienst der Shworunner, daraus keinen Actionthriller zu machen. Die Sitten an Bord bleiben abzüglich einiger Ausbrüche selbst dann sehr britisch, wenn die Besatzung auf unerklärliche Weise dezimiert oder die schwule Frohnatur Cornelius Hickey (Adam Nagaitis) für einen Anflug von Renitenz ausgepeitscht wird.

Im Zentrum der 600 Minuten steht daher trotz drastischer, gelegentlich bluttriefender Morde durch unsichtbare Schreckenswesen der regionalen Mythologie kein Horrorkabinett klaustrophobischer Exzesse, sondern die Frage: Warum dringt der Mensch notorisch dorthin vor, wo er nicht hingehört? Und was macht dieser Mensch daraus, sich dessen bewusst zu werden? Eine Antwort von The Terror ist das feine Austarieren von Humanität und Barbarei im Angesicht einer Natur, in der die vermeintliche Krone der Schöpfung bis zur Unkenntlichkeit schrumpft. Die Kamera fängt das besonders dann imposant ein, wenn sie wie so oft himmelwärts fährt und Mensch samt Material im gleißenden Weiß des ewigen Eises verschwinden lässt.

Es ist das Gegenteil opulent kostümierter Zeitsprünge in den Londoner Adel, der die abfahrbereiten Entdecker vor ihrer Abfahrt umjubelt. Denn nur einen Schnitt später schrumpfen die Popstars ihrer Epoche mit jeder Stunde, jedem Tag, jeder Woche, jedem Jahr mehr im eisigen Gefängnis der Arktis zu Opfern ihrer eigenen Zuversicht. „Diese Gegend will uns tot sehen“, sagt Kapitän Francis frühzeitig und dringt auf Umkehr, wofür ihm Kollege Fitzjames verächtlich vorwirft, „er verachtet den Ruhm, sogar den Ruhm eines guten Puddings“. Dass beide Recht haben? Am Ende einer herausragenden Serie, die so viel besser ist als alles, was dazu bislang bekannt war, wird das furchtbar egal sein.


Augenrollen & Terrorschiffe

Die Gebrauchtwoche

19. – 25. März

Es sind gerade die kleinen Dinge, mit denen Krankheit wie Heilung der Mediengesellschaft in einem verdeutlicht werden. Das Augenrollen der Shanghaier Journalistin Liang Xiangyi zum Beispiel, mit dem sie bei einer Pressekonferenz zum chinesischen Volkskongress bildmächtig zum Ausdruck brachte, wie lächerlich die devote Frage einer, nun ja, „Kollegin“ war. Die Beharrlichkeit, mit der aufrechte Blogger in Ermangelung einer freien Presse über die abgekartete Putin-, äh – Präsidentschaftswahl in Russland berichtet haben. Oder auch das Interview mit Mark Zuckerberg, der den Verlust/Verkauf/Verrat von mehr als 50 Millionen Datensätzen seiner Facebook-Kunden drei Tage später wie immer nett lächelnd, aber gewohnt unverbindlich bereut hat.

Jetzt also, beteuert die mächtigste und reichste Datenkrake der Welt mit seinem arglosesten Dackelblick, werde alles besser, also auch Hassposts jeder Art der Garaus gemacht und überhaupt die Erde ein besserer Ort dank Magic Mark und seiner Plattform, die doch für alle nur das Beste will, den Weltfrieden, globale Glückseligkeit, das Ende aller Gewalt und kostenlos Gummibärchen für alle. Weil Facebook für all dies aber wohl noch ein paar Wochen benötigt, trösten wir uns für den Moment mit dem kalendarischen Frühlingsanfang, der in den Wettervorhersagen noch nicht so rechten Widerhall findet, aber immerhin schon mal im öffentlich-rechtlichen Restprogramm.

Dort nämlich läuft seit Sonntag nicht mehr Woche für Woche von morgens bis abends Wintersport, Wintersport und nochmals Wintersport, sondern – nun ja, alles andere, was bekanntlich meistens Krimi, Krimi, nochmals Krimi und ein bisschen Traumschiff (ab Sonntag Barbara Wussow als Ersatz der abgeheuerten Heide Keller) ist. Das ZDF hat daher die irre Idee, nach den SOKO von Leipzig über München und Oer-Erkenschwick bis Tasmanien, der erdabgewandten Mondseite und Alpha Centauri am Dienstag um 18 Uhr endlich eine in Hamburg zu eröffnen. Schließlich hat die Hansestadt bislang überhaupt noch keine Fernsehermittler, weshalb man sich zusätzlich was wie ein „Großstadtrevier Hafenkante“ oder so ausdenken könnte, nur so als Vorschlag.

Die Frischwoche

26. März – 1. April

Auch die ARD versucht Mittwoch was total Neues: Ein Historiendrama vom Kriegsende, das ja nun wirklich überhaupt noch nie Teil einer Fernsehfiktion war. Zur Ehrenrettung muss allerdings erwähnt werden, dass Friedemann Fromms Adaption von Oliver Storz‘ Bestseller Die Freibadclique über fünf schwäbische Jungs zwischen Pubertät und Volkssturm schon sehr ordentliche TV-Unterhaltung ist. Und vielleicht findet das Erste dafür ja auch mal ein Thema ohne Nazis. Ist aber auch echt kompliziert. Denn obwohl im Arte-Film Junges Licht (Donnerstag, 22.30 Uhr) niemand mehr SS-Uniform trägt, ist die einfühlsam erzählte Story um ein sexuell erwachendes Kind im Ruhrpott der Sechzigerjahre so vom biederen Zynismus der Tätergeneration geprägt, dass die (auch real liierten) Lina Beckmann und Charly Hübner alle Mühe haben, ihr als Eltern mit humorvoller Leichtigkeit zu begegnen.

Schaffen beide aber sehr gut. Ganz im Gegensatz zu The Terror, was ja schon im Titel schwer spaßbefreit und schwer klingt, aber wirklich gar nichts mit Islamisten oder NSU zu tun hat. Vor 172 Jahren war es der Name eines Schiffes, auf dem der britische Polarforscher James Franklin die damals noch überwiegend vereiste Nordwest-Passage von Europa nach Asien durchfahren wollte. Ein Himmelfahrtskommando, Geschichtskundige wissen das. Produziert von Ridley Scott ist der Zehnteiler ab sofort auf Amazon-Prime dennoch bis zum fatalen Ende ansehnlich und spannend. Was vor allem damit zu tun hat, dass die Kammerspielatmosphäre im ewigen Eis praktisch ohne Effekthascherei und Streicherquark auskommt.

Beides gilt uneingeschränkt auch für Anne Zohra Berrachads umjubelten (aber nicht preisgekrönten) Berlinale-Beitrag 24 Wochen vom Vorjahr, in dem Julia Jentsch und Bjarne Mädel heute auf Arte mit der Nachricht eines schwer geschädigten Kindes im Mutterleib fertig werden müssen. Sie tun das ohne Melodramatik ganz wunderbar! Gewohnt albern, aber doch irgendwie liebenswert stümpern sich die Blockbustaz Eko Fresh und Ferris MC ab morgen (22.35 Uhr) wieder durch ihr prekäres Kifferdasein auf ZDFneo. Und wenn sich RTL fiktional am heiklen #MeToo-Thema vergreift, muss man trotz Torben Liebknecht in der Rolle als vergewaltigungsverdächtiger Familienvater in Das Joshua-Profil am Freitag skeptisch sein, ob das nicht doch nur die Oberfläche ankratzt. Ganz im Gegensatz zu Alan Balls Neuschöpfung Here and Now mit Holly Hunter und Tim Robbins als Eltern adoptierter Kinder aus aller Welt, denen das Fremdsein im eigenen Land peu à peu bewusst wird, ab Mittwoch bei Sky.

Zwei Sachtipps noch: Die Netflix-Reihe Rapture porträtiert zeitgleich HipHop-Stars in sehr sachkundigen Homestories. Und ebenfalls am Freitag kriegt der grandiose Infotainer Michel Abdollahi (Das Nazidorf) zur Geisterstunde die Late-Night-Show Der deutsche Michel beim NDR, die er zum Thema Gentechnik mit Wigald Boning eröffnet. Sehr unterhaltsam! Wie die Wiederholungen der Woche. Zum Beispiel Vernehmung der Zeugen (Montag, 23.05 Uhr, MDR), ein Defa-Film von 1986, der mit einem Mord unter Schülern viel über die DDR im Endstadium aussagt. Weniger schwer, obwohl es darin um zwei Krebskranke geht: Knockin‘ on Heaven’s Door mit den 1997 noch ziemlich jungen Til Schweiger und Jan Josef Liefers beim aberwitzigen Roadtrip ans Meer (Dienstag, 20.15 Uhr, Nitro). Und der Tatort-Tipp führt Fans zurück in die große, stille, bürgerliche Zeit des Formats (1977) wenn Gustl Bayrhammer als Kommissar Veigl (Dienstag, 20.15 Uhr, BR) unterm Titel Ende der Schonzeit ermittelt.


Talkshow-Geplauder & Fünfziger-Feminismus

Die Gebrauchtwoche

12. – 18. März

Es gab mal ein Genre, das so unabänderlich war wie die vulgärsexualisierte Frauenverachtung von Heidi Klum. Bislang. Denn nun kommt da ein scharfgescheitelter Frechdachs aus Lübeck und probt die Revolte: Als Klaas Heufer-Umlauf am Montag erstmals zur Late Night Berlin auf Pro7 lud, platzierte er seine Gesprächspartnerin nämlich zur Linken, statt zur Rechten, wie es das Branchengesetzbuch spätestens seit David Lettermans Zeiten fast zwingend vorschrieb. Gut – Anne Wills Sitzposition war abgesehen vom Moderator auch schon das Eindrucksvollste am Neustart einer brachliegenden Fernseh-Institution. Vom zehnminütigen Standup-Opener übers anschließende Sidekick-Geplauder bis hin zum Talk-Teil mit seiner Kollegin wirkte der Host nämlich spürbar eingepfercht in den Grenzen des Formats.

Sein Beritt ist schließlich die chaotische Improvisation nach Drehbuch – darüber täuschen auch permanent ekstatische Mietfans im Publikum oder der Wir-sind-Helden-Bassist Mark Tavassol in der Studioband nicht hinweg. Trotzdem: Sympathisch ist er ja schon, der Klaas. Und unterhaltsam sowieso. Dafür, unterhaltsam zu sein, überraschend und außergewöhnlich, fabelhaft fotografiert und sensationell gespielt, wunderbar ausgestattet und überhaupt sehenswert von der ersten bis zur letzten Sekunde, hat die Netflix-Serie Dark am Mittwoch sieben Grimme-Preise erhalten und damit immerhin die Hälfte der Sky-Serie Babylon Berlin, aber doppelt so viel wie der TNT-Sechsteiler 4 Blocks, womit praktisch alle Trophäen im Bereich Fiktion an nicht lineare Sender gehen, wenn sie am 13. April in Marl verliehen werden.

Immerhin im Sektor Information sahnen die Öffentlich-Rechtlichen wie gewohnt alles alleine ab. Schließlich sind sie die einzigen, die wirklich glaubhaft Wahrhaftigkeit von Populismus unterscheiden können. Und wollen. Denn auch wenn die EU-Kommission den Begriff „Fake News“ gerade auf Anraten einer Expertenkommission durch „Desinformation“ ersetzen ließ, bedarf es auch künftig zwingend gebührenfinanzierter Kanäle, um im Fernsehen seriös zu informieren. Die kommerzielle Konkurrenz kann dafür halt definitiv besser entertainen.

Die Frischwoche

19. – 25. März

Heute und Mittwoch zeigt das ZDF im 2. und 3. Teil 2 des Fünfzigerjahre-Panoramas Ku’damm 59 zwar, dass es Historytainment mit (toll ausgestattetem) Glamour und (soziokulturellem)Tiefgang kann. Sky aber zeigt ab Sonntag am Beispiel des Auftragskillers Barry von und mit dem Saturday Night Life-Star Bill Hader, der durch Zufall zum Theaterstar wird, wie hinreißend Humor sein kann, wenn man ihn und sich nicht allzu ernst nimmt. Nach demselben Prinzip holt Netflix ab Freitag in Heather Wordhams Teeny-Serie Alexa und Katie das Coming-of-Age-Genre aus seiner Blabla-Ecke und erweitert es um eine krebskranke Schülerin.

Spaß mit Randgruppen kann allerdings auch Arte verbreiten. Donnerstag (21.45 Uhr) läuft dort der französische Dreiteiler Ich liebe euch! am Stück, in dem ein schwules Paar die Fortpflanzung mit seiner lesbischen Mitbewohnerin plant. Eher unfreiwillig komisch könnte dagegen die RTL-Serie Tatverdacht sein, in der zwei Frankfurter Kommissare am fast zeitgleich (22.15 Uhr) zehnmal im Dokumentarstil Verbrecher jagen. Aber das ist natürlich ein Vorurteil. Musikalisch heiter wird es am Mittwoch um 1 Uhr, wenn die Metal-Pioniere Black Sabbath im MDR ihre Abschiedstour vom Vorjahr nachfeiern. Musik kann Netflix allerdings mindestens ebenso gut. Die Doku-Serie The Defiant Ones zeichnet ab Freitag vier Folgen lang die Karriere des Produzenten-Duos Jimmy Iovine und Dr. Dre nach, was den HipHop in seinen Grundfesten erklärt wie selten zuvor.

Die Wiederholungen der Woche fangen diesmal übrigens ausnahmsweise mit einer Erstausstrahlung an. Hannelore Hoger beendet am Samstag im ZDF nach fast einem Vierteljahrhundert ihre Karriere als übellaunige Ermittlerin Bella Block, was in nunmehr 38 Folgen am Drehort Hamburg spürbar selbstreflexiv geworden ist – zumal im Finale nochmals ihre alten Weggefährten Rudolf Kowalski und Devid Striesow Gastauftritte haben. So richtig alt, ein halbes Jahrhundert nämlich, ist dagegen der Sci-Fi-Klassiker Barbarella (Donnerstag, 0.15 Uhr, Arte) mit Jane Fonda als Dada-Weltraumreisende.

Bisschen jünger, ähnlich bizarr, dabei aber erschreckend real: Helmut Dietls Kino-Legende Schtonk von 1991 (Dienstag, 20.15 Uhr, Tele 5) mit Götz George als Hitlertagebuch-Fälscher in absoluter Bestform. Und zeitgleich bei Servus TV, noch jünger, noch bizarrer, eher am Rande realistisch, aber schon deshalb grandios, weil es von Wes Anderson ist: Darjeeling Limited, die irre Irrfahrt von Adrien Brody, Owen Wilson und Jason Schwartzman durch ein Nostalgie-Indien des Jahres 2007 auf Wiederverbrüderungskurs. Besser geht’s nicht!


Stolze, Superorganism, Blunck, Odd Couple

Alex Stolze

Die Geige ist nicht grad ein Standardwerkzeug der elektronischen Musik. Allenfalls als Sample eingefügt oder schlimmer noch: in Teppichform untergeschoben, dient das älteste Instrument der westlichen Klassik meist nur noch zur Garnierung. Und live gespielt wird es außerhalb des Orchestergrabens schon gar nicht mehr. Bei Alex Stolze hingegen ist die Geige absolut zentral. Fünfseitig und selbstgebaut lässt er sie über etwas fließen, in etwas prasseln, durch etwas rauschen, was im digitalen Pop bislang nur selten zu hören war. Schon als Teil des Berliner Trios Bodi Bill ließ Alex Stolze gern Violinenfetzen ins avantgardistische Mashup einfließen. Erstmals auf Solopfaden jedoch hebt er das Accessoire auf ein neues, höheres, hinreißend schönes Niveau.

Atmosphärisch erinnert Outermost Edge dabei an den französischen Dance-Virtuosen Chapelier Fou. Im Kern aber bleibt das Album ganz bei sich selbst. Stücke wie das verträumte Black Drop zum Auftakt, das schwungvolle Alkorhythmus danach oder die vielschichtige, fast poppige Videoauskopplung New arbeiten mit den fünf Saiten seines Instruments, als sei es nicht eines, sondern ein Dutzend. Mal zupft er es wie eine Harfe, mal streicht er wie ein Cello, mal brummelt es wie ein Bass, oft zerhackt es sich selbst in 1000 Teile und rekonstruiert daraus ein kleines Kammerorchester, das die Stimmung der getragenen Vocals darunter senkt oder hebt, je nach Tonart. Musik für den Ohrensessel, aber um drauf herumzuspringen.

Alex Stolze – Outermost Edge (Nonostar)

Superorganism

Pech und Schwefel, Arsch auf Eimer, Ying & Yang – wer mehr zu sein vorgibt als ein loser Zusammenhang mannigfaltiger Individuen mit verschiedenen Instrumenten, verwendet gern Gemeinschaftsattribute auf sich. Familie zum Beispiel, Freundeskreis, Band of Friends oder: Superorganism. Als solchen bezeichnen sich Orono, Emily, Harry, Ruby, Soul, Robert, Tucan und B aus London, und in der Tat: Die acht Freunde aus Großbritannien, Japan, Neuseeland, Südkorea, Australien leben nicht nur im selben Haus, sie kreieren dort auch einen Sound, der ebenso super wie organisch klingt. Das heillose Durcheinander aus Synths und Samples, Drums und Riffs bildet eine Art halbkybernetischen Orchesterpop.

Und er ist von so funkensprühender Natürlichkeit, dass artverwandt kuriose Bands von Bonaparte bis zum isländischen Gagaviruositätsprojekt Retro Stefson verglichen damit fast bodenständig wirken. Selbst, dass der Sound geschlechtertraditionell von den vier Jungs stammt, während die weiblichen Mitbewohner für den vielstimmigen Gesang zuständig sind: geschenkt! Dieses selbstbetitelte Debütalbum macht – besonders im Zusammenspiel mit den halluzinierenden Videos – unbedingt Lust auf eine Einladung zur nächsten WG-Party.

Superorganism – Superorganism (Domino)

Timo Blunck

Der Tod kann durchaus ein Lebenselixier sein. Timo Blunck zum Beispiel, kreativer Kopf des Hamburger NDW-Relikts Die Zimmermänner, stand nach deren Live-Comeback vor gut drei Jahren plötzlich vorm Himmelstor: Kollaps, Darmverschluss, Not-OP. Für einen Mann ab 50 eröffnet das eigentlich nur diese Perspektiven: Weitermachen, Neustart oder Midlife-Crisis. Timo Blunck jedoch hat alle drei zur vierten vereinigt und auf ein Soloalbum gepackt. Hatten wir nicht mal Sex in den 80ern? orgelt das Repertoire männlicher Überlebensstrategien nämlich mal trotzig, mal weise, hier gockelhaft, dort reflexiv, gelgentlich zotig, oft geschmackvoll durch und liefert damit zwar diverse Gelegenheiten zur Fremdscham.

Im Großen und Ganzen aber ist dieser vollständig allein eingespielte „Yacht-Rock-Porno“, wie ihn Bluncks Stadtmitbewohner Rocko Schamoni augenzwinkernd, zugleich aber höchst respektvoll genannt hat, zum Niederknien prickelnd und gut. Einerseits. Andererseits hinterlässt die Melange aus elektronischem Gossen-Funk und nostalgischem Pianobar-Pop auch abseits saftiger Titel wie Koks und Nutten das Gefühl, Männer werden halt nie so ganz erwachsen und sind sogar stolz aufs Gegenteil. Nur: wenn der zugehörige Sound so elegant ist – eigentlich auch egal.

Timo Blunck – Hatten wir nicht mal Sex in den 80ern? (Tapete)

Odd Couple

Es muss wirklich toll sein, kompetent und dämlich in einem zu sein, zugleich kindisch und seriös, ebenso irre wie kontrolliert. Das ziemlich junge Odd Couple Tammo Dehm und Jascha Kreft ist all dies und noch viel mehr. Zum Trio angewachsen macht das frühere Paar Landeier von der Nordseeküste am Standort Berlin einen Dadapostpunk, der von so gleißender Verschrobenheit ist, dass man vor jedem einzelnen der neun neuen Stücke des dritten Albums Yada Yada kurz ratlos in sich zusammenfällt, um dann aufzuspringen und herumzuhüpfen wie man noch nie ohne Drogenbeigabe herumgehüpft sein dürfte. Zum dreckig gewaschenen Gitarrenbrett hagelt es schließlich einen Sound, hinter dem die artverwandten Mudhoney klingen wie ein Knabenchor.

Oder besser: als hätten sie sich mit dem Palais Schaumburg gepaart. “Er will mein Geld / aber ich bin blank / das Bier vom Späti frisst ein Loch in mich / die Handy-Rechnung war auch ziemlich hoch “, singen scheinbar alle drei gemeinsam im grandiosen Opener Bokeh 21, fahren mit “der Selektionsvorteil ist klar / ich bin ehrgeizig und aus Stahl” ähnlich aberwitzig fort, und nichts an diesem HipRock ohne Punkt und Komma erweckt je den Anschein der Berechnung. Alles poltert scheinbar wahllos aus der Garage heraus, fortgespült von Bier und Spaß und Spielfreude und allem, was guter Popmusik auch sonst meistens fehlt. Das Album des Jahrtausends, wenn nicht der Neuzeit insgesamt.

Odd Couple – Yada Yada (Cargo Records)


Anja Reschke: Shitstorm & Panorama

Man gewöhnt sich dran

Spätestens, seit sie wegen eines Kommentars zur Flüchtlingskrise in einen gewaltigen Shitstorm geriet, ist Anja Reschke eine der prägnantesten Journalistinnen im deutschen Medienbetrieb. Ein Interview über den richtigen Umgang mit Hass im Netz, die Illusion nachrichtlicher Neutralität, das dicke Fell der Reporterin und wovor die furchtlose Panorama-Chefin dennoch wirklich Angst hat.

Van Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Reschke, wenn Sie so auf 2017 zurückblicken – das war besonders für eine politische Journalistin schon ein aufregendes Jahr oder?

Anja Reschke: Absolut. Es war zwar für alle aufregend, aber weil die Debatten ungefähr seit 2015 extrem polarisiert sind, macht sich das für Journalisten noch bemerkbarer. Schließlich werden gerade politische Linien gezogen, die für unsere Zukunft gravierend sind – und zwar gar nicht nur in Deutschland, sondern mehr noch in Europa oder den USA.

Ist das bereits ein echter Umbruch oder nur das Ende lieb gewonnener Gewohnheiten?

Da sich die Gegenwart für viele ausgesprochen unruhig anfühlt, kann man gar von Krise reden. Andererseits ist es immer gut, wenn alte Strukturen aufbrechen. Bei Panorama waren die letzten drei von 18 Jahren, die ich schon dabei bin, definitiv am spannendsten. Man hatte schon das Gefühl, wirklich was zur politischen Willensbildung beitragen zu können. Im Moment ist mein Eindruck, dass die großen Fragen gestellt werden. Was ist eine Demokratie? Welche Institutionen braucht sie? Welche Rolle spielen Parteien noch? Wie vermitteln wir in Zukunft Informationen? Brauchen wir dazu noch einen öffentlich-rechtlichen Rundfunk?

Sind Zeiten solcher Krisen mit solchen Fragen für politische Journalisten so gesehen gute Zeiten?

Wenn ich meinen Job so verstehe, Diskussionsprozesse nicht nur zu begleiten, sondern konstruktiv anzustoßen, ist das der Fall. Auseinandersetzung ist für Demokratie wichtig, besser als  die Bräsigkeit politisch ruhiger Zeiten. Das macht natürlich auch Journalismus spannender.

Ein ängstlicher Typ sind Sie demnach nicht?

Nein. Wenn ich auf einem Felsvorsprung stehe und runter schaue, dann habe ich Angst. Was die Zukunft betrifft, eher nicht.

Und das, obwohl Sie die Verwerfungen der weltpolitischen Lage weit besser überblicken als die meisten anderen Menschen!

Angst macht mir das nicht, aber durchaus Sorgen. Gerade mit Blick auf unsere Nachbarländer. Österreich mit seiner Mitte-Rechts Regierung muss man beobachten. Und die Entwicklung in Polen oder Ungarn mahnt, Errungenschaften wie unseren Rechtsstaat nicht mehr so selbstverständlich zu sehen. Die Gewissheit, es würde nie wieder Krieg geben und unsere Demokratie sei sicher, ist nicht mehr so vorhanden, wie vielleicht noch vor ein paar Jahren.

Erwächst aus dieser Sorge Angst um Ihr persönliches Wohlergehen?

Zunächst mal habe ich Angst um zivilisatorische Errungenschaften der Bundesrepublik vom Schutz von Minderheiten über die Emanzipation der Frau bis hin zum zivilisierten Miteinander, also die 20 Grundrechte. Um mein persönliches Wohlergehen musste ich nie wirklich fürchten. Dennoch hat mich die Verachtung, die einem teilweise aus dem Netz entgegen schlägt, wirklich erschüttert.

Heute tut sie das nicht mehr?

Doch, aber man gewöhnt sich dran. Ich weiß heute schon, wer da schreibt, kann das besser einsortieren, als am Anfang.  Das ist wirklich Erfahrung, die man da sammelt. Eine junge Kollegin bekam neulich, nach ihrem Beitrag über den Erfolg der AfD im Osten eine Welle von üblen Kommentaren ab, was sie natürlich getroffen und auch verunsichert hat. Da habe ich gemerkt, dass ich schon einen Schritt weiter bin. Ich weiß, welch kleinen Ausschnitt der gesamten Bevölkerung dieser Hass darstellt. Für den Betroffenen fühlt es sich immer immens an. Aber dieses Starren in soziale Netzwerke ist für keinen von uns gesund.

Ist Ihres Fell dicker als vor drei Jahren?

Das ist tagesformabhängig. Ich sehe heute vieles klarer, rationaler als damals, aber manchmal trifft mich ein Kommentar trotzdem frontal, dann packt mich die Wut. Als Journalist will man ja grundsätzlich Gutes erreichen; da nervt es umso mehr, wenn die Leute darauf so destruktiv reagieren.

Werden Journalisten in Ausbildung und Arbeitsalltag ausreichend darauf vorbereitet, auch mit der Rezeption ihrer Arbeit umzugehen?

In meiner Ausbildung gab es das nicht. Aber dieser unmittelbare Kontakt zum Zuschauer oder Leser ist ja auch ein neues Phänomen der digitalen Zeit. In der Redaktion reden wir natürlich schon oft darüber, wie man mit Kommentaren umgeht. Wichtig ist das vor allem für die Onliner, die den ganzen Müll filtern und moderieren. Auf die aufzupassen ist auch eine neue Verantwortung in Redaktionen. Wer sich dauernd mit verleumderischen, hasserfüllten Kommentaren beschäftigt, muss zwischendrin wirklich mal detoxen. Auf Dauer vergiftet einen dieser Hass. Ich selbst merke, wie wichtig es ist, möglichst viel mit echten Menschen von Angesicht zu Angesicht zu reden. Deshalb gehe ich auch auf so viele Podiumsdiskussionen oder Veranstaltungen. Natürlich gibt es da auch Kritik, aber eben auf eine zivilisierte Art und Weise.

Was würden Sie einer jungen Kollegin wie der Autorin des Afd-Beitrags denn mit auf den Weg geben, wenn sie um Rat bitten würde?

Man gerät im Falle eines Shitstorms schnell in eine Rechtfertigungsposition, um sich und seine Arbeit zu verteidigen. Da rate ich zum Bremsen. Schenk dem Hass nicht zu viel Aufmerksamkeit. Kommentare im Netz sind oft sehr böse und es sind nicht alle! Das Hate Mining Projekt der Uni Münster, das Hasskommentare und deren Quellen im Netz untersucht, hat errechnet, dass im Frühjahr 2016 beispielsweise bei welt.de 50 % der Anti-Flüchtlingskommentare gerade mal von 3,8% der Nutzer geschrieben wurden.

Fleißige Hater…

Und zersetzende. Denn wir selbst müssen uns angesichts dieser Zahl nicht nur fragen, was die Medien mit den Populisten, sondern was die Populisten mit den Medien gemacht haben. Man kann schon spüren, dass viele Journalisten durcheinander waren und vielleicht noch sind. Die verbalen und teils auch körperlichen Angriffe, die Lügenpresse Vorwürfe, das hatte ja Auswirkungen, das ging ja an die journalistische Substanz. Die Frage, welche Berichterstattung angemessen ist, welche kritisiert wird und warum, über was man berichten soll und wie, haben uns alle beschäftigt. Ich denke, dass bei vielen – gerade im Bereich der Flüchtlingsberichterstattung – der Kompass durcheinander geraten ist.

Haben sie ihn mittlerweile wiedergefunden?

Das ist ein Prozess. Journalisten gehen heute viel selbstkritischer mit sich und ihrer Rolle um, als noch vor ein paar Jahren. Das ist sicher positiv. Aber wir müssen auch aufpassen, dass wir uns nicht dauerhaft verunsichern lassen. Journalismus ist nicht dazu da, die Meinung der Rezipienten zu bedienen. Wo soll das hinführen? Wenn Holocaust-Leugner behaupten, es seien keine Juden ermordet worden und die Realität liegt bei sechs Millionen – einigt man sich dann gütlich bei drei? Das Beispiel hinkt vielleicht, aber es gibt keinen Kompromissjournalismus, um alle Meinungen zu bedienen. Es gibt nur Journalismus.

Haben Sie selbst erst zu positiv, dann zu negativ über Flüchtlinge berichtet?

Wir bei Panorama haben weder das eine noch das andere getan, aber ich hab mich schon gefragt, ob ich vor Silvester 2015 darüber berichtet hätte, dass es auf der Domplatte Belästigungen und Taschendiebstähle durch junge nordafrikanische Männer gibt. Vermutlich wäre uns das für eine bundesweite Sendung zu regional gewesen, aber ich würde zugeben, dass es gerade bei Themen, die rassistisch genutzt werden, bei Journalisten immer auch ein bisschen die Angst gibt, falsche Emotionen zu schüren. Das „pädagogische“ gehört zum deutschsprachigen Journalismus dazu. Das gab es übrigens schon vor dem Nationalsozialismus, in der Weimarer Zeit. Im angelsächsischen Journalismus wird unmittelbarer berichtet, ohne Gedanken oder Verantwortungsgefühl für die Folgen von Berichterstattung.

Wo verorten Sie sich da?

Nun ich bin ja auch noch im öffentlich- rechtlichen Rundfunk tätig, in dessen Leitlinien ja schon Dinge wie „Minderheitenschutz“ stehen, das heißt ich empfinde eine hohe Verantwortung für unsere Berichterstattung.

Umso mehr fällt auf, wie klar Sie an jenem 5. August 2015, auf den der heftige Shitstorm folgte, Position für Flüchtlinge bezogen haben.

Nein, ich habe keine Position für Flüchtlinge bezogen, ich habe Position gegen Rassismus und Hetze bezogen.

Wie sehr hat dieser Tag Ihr Leben privat und journalistisch verändert?

Das ist zwar mittlerweile fast drei Jahre her und ich bin etwas müde, immer und immer wieder darüber zu sprechen, aber gut: Ich war auch zuvor schon für pointierte Meinungen bekannt. Es war ja auch nicht mein erster Kommentar in den Tagesthemen. Trotzdem hat dieser eine  natürlich viel bewegt in meinem Leben. Er war knackig, zugegeben. Trotzdem hätte ich bei diesem Inhalt nicht diese Wirkung erwartet.

Haben Sie ihr journalistisches Selbstverständnis oder den Beruf im Ganzen danach je in Frage gestellt?

In Frage gestellt nicht, hinterfragt natürlich schon. Aber ich glaube, das haben alle Journalisten, alle alle alle getan. Das liegt aber nicht nur am Einfluss von Populismus und Fake News, sondern am Prozess der Digitalisierung insgesamt. Die Tatsache, dass Journalisten, Verlage und Sender aufgrund der technischen Entwicklungen nicht mehr die einzigen sind, die Nachrichten und Informationen verbreiten können, hat alles verändert. Jeder kann jetzt Informationen verbreiten, jeder kann Öffentlichkeit erreichen, damit haben wir Journalisten unsere Informationshoheit verloren. Das Alleinstellungsmerkmal der publizistischen Willensbildung durch Journalisten ist verloren. Die neue Frage lautet daher: Was ist der Unterschied, der Mehrwert von journalistischen Produkten im Gegensatz zu allen anderen, die da publizieren? Das ist ja entscheidend für die zukünftige Finanzierung des Journalismus.  Dieser Prozess ist längst noch nicht abgeschlossen.

Wie lautet aus Ihrer Sicht das Rezept im Umgang mit Tendenzmedien ohne Ethos, Redaktion, Handwerkszeug: mehr oder weniger Meinung?

Gedruckte Zeitungen müssen einen Mehrwert bieten, der den Kauf am nächsten Tag rechtfertigt. Mit der reinen Nachricht muss man einen Tag später ja nicht mehr kommen. Die war schon online überall. Deshalb bleibt dem klassischen Journalismus fast nur noch die Einordnung, der Hintergrund, vielleicht auch die Bewertung. Das gilt für Print in besonderem Maße, aber auch fürs Fernsehen, weil man ja nicht permanent alles live überträgt. Selbst das impulsive Radio ist bei Nachrichten im Zweifel langsamer als jede Push-News auf deinem Smartphone.

Klassische Medien bedürfen also zusehends der klaren Haltung?

Ich würde sie durch klare ethische, journalistische Maßstäbe ersetzen, in die eine persönliche Haltung dann fast unvermeidbar hineinfließt. Da ist Trennschärfe vonnöten. Andererseits ist völlige Neutralität seit jeher Humbug – auch wenn sie der Journalismus jahrzehntelang wie eine Monstranz vor sich hergetragen hat.

Panorama war schon lange vor ihrem Einstieg der Inbegriff eines haltungsgetriebenen Journalismus. Hat sich das Magazin dennoch verändert in den vergangenen Jahren?

Ich hoffe es! Wobei ich den Begriff „Meinungsmagazin“ nicht leiden kann. Unsere Berichte entstehen nicht durch Meinungen, sondern durch Recherche. Natürlich wird diese Recherche erstmal von einer gewissen Überzeugung bestimmt, sonst wüsste man ja gar nicht, wohin man loslaufen soll. Entscheidend ist, dass man auch die Argumente der Gegenseite berücksichtigt, im Prinzip wie ein Staatsanwalt. Wir versuchen schon, aus These und Antithese schlüssige Synthesen zu erstellen

Was ist Ihnen selber als Medien-Konsumenten wichtiger – Neutralität oder Haltung?

Ich finde Haltung, besser gesagt: Positionierung schon deshalb toll, weil man damit als Leser vielmehr gefordert ist. Es lädt ein zur Debatte, man kann sich an Argumenten reiben. Aber diese Position muss auch deutlich erkennbar sein und nicht unter einem pseudo Neutralitätsmäntelchen versteckt werden. Mehr Mut zur Ehrlichkeit, zur Transparenz, auch was die Herkunft von Informationen betrifft. Da hat das Fernsehen sogar einen Vorteil gegenüber Print, weil wir alles bebildern müssen.  Mit „wie aus informierten Kreisen zu hören war“ kommen wir nicht weit.

Sind Sie zuversichtlich, dass das Publikum diese Transparenz, den Mut zur Ehrlichkeit so wertschätzt, dass es weiter seriöse Medien nutzt und gegebenenfalls sogar bezahlt?

Da bin ich momentan ein bisschen ernüchtert. Der Wert von freier, unabhängiger, seriöser Presse ist nicht mehr jedem bewusst. Die Möglichkeit, dass jeder in Deutschland jederzeit seine Meinung sagen kann, dass auch Journalisten schreiben und kritisieren können, was sie für richtig halten, wird für selbstverständlich genommen oder durch „Lügenpresse“-Rufe sogar in die gegenteilige Richtung gedeutet. Ich weiß nicht, ob den Menschen bewusst ist, was sie verlieren können. Aber fangen privatwirtschaftliche Unternehmen wirklich auf, was der öffentliche Rundfunk leistet? Braucht eine Gesellschaft nicht auch Räume, die eben frei sind, von Marktinteressen? Einmal abgeschafft, wird es die jedenfalls nicht wieder geben.

Haben Sie die Sorge, das könnte auch hierzulande geschehen?

Auch unser öffentlich-rechtlicher Rundfunk steht unter Rechtfertigungsdruck. Das ist grundsätzlich auch richtig, denn alle Bürger bezahlen ihn. Wir müssen Umfang, Strukturen, Qualität, Kosten, immer wieder auf den Prüfstand stellen. Aber die Kräfte, die die Abschaffung des öffentlich-rechtlichen Systems in Deutschland fordern, haben vor allem ein politisches Interesse. Es geht in Wahrheit doch keinem um Volksmusik oder Sportrechte. Es geht darum, bestimmte politische Richtungen einzudämmen, auszublenden. All das, was eben die Bundesrepublik ausmacht, in ihrer Ausdifferenzierung von Rechten für Minderheiten, in ihrer Toleranz gegenüber anderen Religionen, anderen Formen des Zusammenlebens. All die zivilisatorischen Errungenschaften, die als „linksversifft“ gebranntmarkt werden. Und was bleibt dann?

Ihre Antwort?

Weiß ich nicht. Und wo Sie mich vorhin nach meiner Angst gefragt haben: Vor einer Gesellschaft, die sich in der Vermittlung von Informationen nur noch auf Marktinteressen, auf Algorithmen, auf Renditeziele verlässt, habe ich welche.

Das Interview ist vorab beim Medienmagazin journalist erschienen

Staubsaugervertreter & Alphatiere

Die Gebrauchtwoche

12. – 18. März

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie: Nur Tage, nachdem der frühere Versicherungsvertreter Thomas Ebeling an der Spitze des früheren Fernsehunternehmens ProSiebenSat1 durch den früheren Staubsaugervertreter Max Conze ersetzt wurde, wird der Onlinehandel-Konzern mit Plastikfernsehsparte nun im Deutschen Aktienindex durch einen Kunststoffhersteller namens Covestro ersetzt. Der Höhenflug des Ex-DAX-Konzerns scheint damit vorerst gestoppt, die Wandlung vom medialen Kerngeschäft zum eCommerce hingegen nicht, weshalb man das Programmangebot der zugehörigen TV-Kanäle in Kürze vermutlich vollends ignorieren darf.

Ignoriert hätte man nur allzu gerne auch den Auftritt des schwer reichen, schwerer nationalistischen, schwerst egomanischen Steve Bannon in Zürich. Doch als Donald Trumps gefallener Untergangsprophet dort unlängst vor geladenen Gästen seine Vision vom Königreich der Alphamänner absonderte, applaudierten ihm Menschen mit sehr viel Macht vor der eigenen Haustür. Dass sich der publizistisch tätige Rechtspopulist Roger Köppel, der nicht nur äußerlich an einen SS-Sturmbannführer im hiesigen Historytainment erinnert, mit Bannon gemein machte, war dabei kein Wunder. Aber dass es ihm der gefallene Handelsblatt-Chef Gabor Steingart, der zumindest wie ein fernsehfiktionaler SS-Sturmbannführer heißt, an selber Stelle gleicht… wobei – nein, ist eigentlich jetzt auch nicht sooo überraschend.

Ebenso wenig übrigens wie das Ende der einst weltweit wichtigsten Musikzeitschrift – dem britischen New Muscial Express. Stolze 64 Jahre lang war der wöchentliche NME das Maß aller Pop-Dinge, bevor er 2016 zur kostenlosen Ramschpostille verkam und nun ganz ins Internet abwandert. Ebenso wenig auch wie das Engagement des publicityfröhlichen Barack als Talkhost bei Netflix. Und sowieso ebenso wenig wie die Tatsache, dass partout niemand die Film-Company des skrupellosen Emanzipationsverlierers Harvey Weinstein kaufen will, die nicht nur übel beleumundet, sondern hoch verschuldet ist.

Die Frischwoche

19. – 25. März

Auch der britische Vierteiler Ende einer Legende porträtiert Donnerstag von 20.15 Uhr an auf Arte übrigens am Stück ein solches Alphatier unterm Verdacht des Machtmissbrauchs: Gespielt vom Hagrid der Harry-Potter-Reihe Robbie Coltrane, verliert ein früherer Comedy-Star durch Vergewaltigungsvorwürfe seinen Kultstatus. Und die Drehbuchautorin Annette Hess hat sich interessanterweise bereits zwei Jahre vor #MeToo eine Art deutschen Nachkriegs-Weinstein in die Fortsetzung des ZDF-Dreiteilers Ku’damm 56 geschrieben.

An gleicher Stelle einer Tanzschule der frauenfeindlichen Fünfziger betritt ab Sonntag der windige Filmregisseur Kurt Moser die Szenerie. Ulrich Noethen verleiht ihm dabei einen erschreckend nonchalanten Schmäh, mit der er seine Darstellerinnen sexuell auf die Besetzungscouch nötigt. Wie der Vorgänger (den 3sat Freitag zeigt) ist Ku’damm 59 zwar oft arg kaugummibunt nostalgiebesoffen, skizziert die aasige Frauenverachtung jener angeblich sittsamen Zeit jedoch unverblümter als alles, was fiktional bisher in Deutschland gedreht wurde.

Woran sich hingegen schon viele versucht haben, ist die Königsdisziplin des Infotainments: Late Night. Mit der Ortskennung Berlin hintendran versucht es heute Abend Klaas Heufer-Umlauf. Knapp 60 Minuten pro Woche darf die Allzweckwaffe von Pro7 ab 23 Uhr abzüglich einer gehörigen Ladung Werbung beweisen, ob die Fußstapfen von Harald Schmidt selbst für diesen äußerst talentierten Entertainer nicht doch zu groß sind. Ob das Thema Wohnungsnot zu groß für leichte ZDF-Kost ist, wird man dort erst ab 16. April sehen. Bis dahin beschäftigt sich die Web-Comedy Just Push Abuba auf Youtube mit einer WG, deren Geldsorgen zur Vermietung eines Zimmers an Berlin-Touristen führt – skurrile Begegnungen inklusive. Klingt ulkig, ist in der Realität aber womöglich zu ernst, um in der Fiktion nicht thematisiert zu werden.

Aber gut – Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Zumal die Wirklichkeit sachlich abgebildet schon trist genug ist. Das zeigt heute (23.30 Uhr, ARD) etwa Als das Gewissen geprüft wurde über die Wehrdienstverweigerung der Vorwendezeit. Noch schlimmer steht es um „Russland vor der Wahl“, dem Arte am Dienstag einen Themenabend mit bedrückenden Beiträgen wie Propaganda 3.0 und Moskauer Medienkrieg widmet. Auch Netflix hat eine Dokumentation von tragischer Tiefe im Angebot: Freitag wird in Take Your Pills die epidemische Sucht der USA nach legalen Schmerzmitteln behandelt. Das spielt, wenngleich heiterer, übrigens auch eine Nebenrolle in der amerikanischen Coming-of-Age-Serie On My Block, die – selber Tag, selber Sender – das Großwerden im derben South Central L.A. skizziert.

Ebenfalls an einem ziemlich verlotterten Ort, allerdings in Hamburg, spielt die Wiederholung der Woche namens Soul Kitchen (Mittwoch, 23 Uhr, RBB). Fatih Akins Meisterwerk über eine Party-Location im sozial schwierigen Stadtteil Wilhelmsburg war 2009 nicht weniger als der heiterste Beitrag zum Prekariat des Jahres. Noch schnell ein Schwarzweißtipp: Seilergasse 8 (Montag, 23.05 Uhr, MDR), ein Defa-Giftmordkrimi, der 1960 für DDR-Verhältnisse erstaunlich subversive klang. Und im Tatort (Dienstag, 22 Uhr, NDR) bekam es das Dortmunder Team vor drei Jahren mit der Hydra rechtsradikaler Milieus zu tun.