Nick & June, mESMO, Kid Koala

Nick & June

SSS ist eine echt fiese Abkürzung, die besser vermeiden sollte, wer nicht mit noch viel fieseren Neonazis der Sächsischen Schweiz oder anderswo in Verbindung gebracht werden möchte. Schon das Kürzel S/S für “Singer/Songwriter” ist demnach immer so ein bisschen heikel. Aber wie anders sollte man dann die bislang inexistente Gattung Singer/Songwriter-Screamo zusammenstauchen? Gut – gar nicht, am besten. Ist ja ohnehin Quatsch, das (fast ein bisschen zu niedliche) Indie-Duo Nick & June aus der fernen Pop-Diaspora Nürnberg auf irgendetwas wie SSS reduzieren zu wollen.

Der kreative Kopf Nick Wolf und sein Engelsstimmensidekick Julia Kalass schreddern ihr seelenruhiges Folk-Kompendium seit ein paar Jahren ja nicht nur gern mal mit dissonantem Geschrei am Ende der Harmonien. Auch ihr zweites Album My November My läuft wieder schier über vor Einfällen, die man in solcher Art handgemachtem Sound kaum erwartet. Da zwitschern die Mandolinen, da brummen die Celli, da klimpert das Glockenspiel, da poltern die Pauken, dass man dem samtig weichen Doppelgesang über alles und nichts schon sehr genau zu hören muss. Lohnt sich. Lohnt sich wirklich.

Nick & June – My November My (AdP Records)

mESMO

Das ungefähr exakte Gegenteil einer Pop-Diaspora ist Berlin. Vieles, was von dort stammt, ist ja schon durch die Herkunft allein Teil der globalen Msichkultur. Hier will alles hin, hier kommt vieles her, hier vermischt sich die Welt zu einem Brei, der gern mal nach allem schmeckt und nach nichts zugleich. Auch mESMO ist so ein Mansch, der dabei jedoch das Wunder vollbringt, ziemlich lecker zu sein. mESMO, das sind die zwei produzierenden Songwriter Vredeber Albrecht und Lars Precht, die in der deutschen Indie-Hauptstadt Hamburg mit Blumfeld einst eine Art von Antipop kreiert haben, der Berlin ferner ist als Understatement und Bescheidenheit. Gemeinsam haben die beiden jetzt ein Studioalbum produziert. Aber nicht allein.

Für The Same Inside haben mESMO, was Portugiesisch ist und “Das Gleiche” bedeutet, von Justine Electra über Jens Friebe Zwanie Jonson oder Pascal Finkenauer bis hin zu Dirk Von Lowtzow ein ganzes Heer von Gastmusikern gewonnen, die jedem der zehn Stücke mindestens ihre Stimme, oft auch die Seele leihen. Das Ergebnis ist ein funkensprühender Lofi-Bigbeat-Pop, dessen orchestrale Vielschichtigkeit nur einen Haken hat: Die Sprache. Inhaltlich wie aus dem Dictionary zusammengeschustert, wird sie von den Kartoffeln gesungen, als sei es eine Persiflage aufs Radebrechen, was wir mal nicht hoffen wollen, weil das ja doch eher Abivideo-Humor ist. Darüber hinaus: Hinreißendes Album voll kreativer Absurdität.

mESMO – The Same Inside (Staatsakt)

Kid Koala feat. Emilíana Torrini

Man muss sich die Ruhe im Dasein von Eric San als Tinnitus vorstellen. Um sich des irrealen, also im Hirn erzeugten Pfeifens zu entledigen, neigen Betroffene dazu, es mit realen, also im Ohr vernehmbaren Geräuschen zu übertönen. Unterm DJ-Namen Kid Koala jedenfalls kreiert er für gewöhnlich eine Soundwand, an der Stille meist abprallt wie das Meer am Fels. Wenn dem so wäre, dürfte man sich den Kanadier als geheilt vorstellen: Nach 20 Jahren im Genre ist dem Weltstar des opulent aufgeblasenen Turntableisms ein Album von geradezu aufreizender Lautlosigkeit gelungen.

Flüchtig, fast unsichtbar bebildert durch den Feengesang der Isländerin Emilíana Torrini, erzählt music to draw to: satellite die Liebesgeschichte zweier tragisch Getrennter als Dreampop-Oper in 18 Akten, deren reduzierte Schlichtheit eher an einen Soundtrack epischer Naturfilme aus Torrinis Heimat erinnert als an die sechste Platte des technoaffinen Scratchers. Umso mehr fasziniert die Eleganz, mit der sich Kid Koala auf fremdem Terrain bewegt. Wie er analoge Streicher und Samples mit digitalen Bits und Flächen zu einer Art Kammerambient verschmelzen lässt, als entspränge beides demselben Instrumentarium. Ein Album wie ein Film.

Kid Koala feat. Emilíana Torrini – music to draw to: satellite (Arts & Crafts) Die Review von Kid Koala ist vorab auf ZEIT-Online erschienen

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Tom Schilling: Romeo-Agent & Stil-Ikone

Ich bin manchmal anstrengend

Tom Schilling ist der Star des realistischen Kunstfilms – das hat er mit dem Kriegsepos Unsere Mütter, unsere Väter ebenso gezeigt wie im Großstadtgedicht Oh Boy. Um sein Portfolio zu erweitern, spielt der Ostberliner im ZDF-Dreiteiler Der gleiche Himmel seit Montag einen Romeo-Agenten der Stasi. Ein Gespräch über Anbaggern als Sport, Großfamilienfreizeit und warum er als Perfektionist Bauchmensch sein kann.

Interview: Jan Freitag

Herr Schilling, kannten Sie vor dieser Geschichte den Begriff „Romeo-Agent“?

Tom Schilling: Ja, ich habe vor langer, langer Zeit eine Fernsehdokumentation über die Stasi gesehen, in der es auch darum ging. Und im Spiegel stand mal das Porträt von solch einem Agenten, der sich allerdings wirklich in sein Zielobjekt verliebt und sie sogar geheiratet hat.

Wie haben Sie sich auf Ihren Romeo-Agenten vorbereitet – im Praxistest? 

Wenn man glaubhaft einen Soldaten spielen will, sollte man besser mal ein echtes Gewehr abgefeuert haben, um den Rückstoß und die Zerstörungskraft zu spüren, also nicht mit Platzpatronen… Aus dem gleichen Grund habe ich mich mit Ratgebern und Youtube-Tutorials sogenannter Pick-Up-Artists beschäftigt. Eine sehr armselige Bewegung, die das Erobern von Frauen durch gezielte Manipulation zum Sport erklärt hat. Ich habe dabei so viel gelernt, dass ich vermutlich jede kriegen würde.

Ernsthaft jetzt?

Natürlich nicht! Aber wenn man auf der Straße einer Frau in die Augen sieht und ihrem Blick standhält, bis sie ihn senkt, dann merkt man im zweiten Blick eine unglaubliche Veränderung im Gesicht. Habe ich gemacht, ist echt beeindruckend.

Und bringt es tatsächlich etwas, wenn man wie im Film gezeigt, das linke Auge fixiert, weil es die rechte, für Liebe zuständige Gehirnhälfte aktiviert?

Hier überhöht der Film vermutlich. Es geht nicht um das richtige Auge, sondern die richtige Intensität des Blickes, die vom festen Willen zeugt. Es gibt da einen großen Unterschied zwischen Starren und Fixieren.

Und testen Ihr neugewonnenes Wissen öfter mal in der Realität?

Nee. Ich bin viel zu sensibel, um so mit den Gefühlen anderer Menschen zu spielen. Diese Art von Manipulation ist mir völlig fremd.

Steckt dennoch etwas von Ihnen persönlich in dieser Rolle, wie man es zum Beispiel bei der in Oh Boy vermutet?

Eine Figur wie Oh Boy ist mir natürlich näher, weil sie in meiner Zeit und meinem Umfeld lebt; in ihr steckt aber viel mehr Autobiographisches vom Regisseur Jan-Ole Gerster als von mir. Trotzdem versuche ich jeden Film zu einer persönlichen Angelegenheit zu machen, sonst kann ich keine Wahrhaftigkeit erreichen. Deshalb spiele ich keine Figur bloß, ich bin diese Figur. Hätte ich das Gefühl, zu lügen, würde ich nicht funktionieren und damit auch die Szene nicht. Ich suche daher an jeder Figur Dinge, die mit mir zu tun haben.

Hier zum Beispiel?

Dass er wie ich ein totaler Perfektionist ist.

Worin äußert sich das?

In der Strenge gegenüber mir, meinen Kollegen und den Büchern, mit denen wir arbeiten. Ich bin sehr genau und dadurch manchmal vielleicht auch ein wenig anstrengend.

Haben Sie was von der alten Seele, die Ihnen in Der gleiche Himmel nachgesagt wird?

Was wäre denn eine junge Seele?

Spontaner, poppiger, Typ Springinsfeld, also anders als der charmante Nostalgiker mit den feinen Manieren im Film.

Na ja, trotz meines Perfektionismus bin ich ein totaler Bauchmensch, aber wenn das Gegenteil von alter Seele mit Oberflächlichkeit assoziiert wird, bin ich keine junge. Auch ich lese gerne Klassiker, aber ja nicht, weil sie alt, sondern gut. Damals wie heute waren 90 Prozent der Bücher Schrott. Zehn Prozent überleben ihre Zeit. Beschränkt man sich nicht nur auf Zeitgenössisches, ist die Auswahl natürlich viel größer. Mit Nostalgie hat das nichts zu tun.

Auch nicht, was Ihren Hang zu Anzug und Krawatte betrifft?

Was Sie nostalgisch nennen, nenne ich zeitlos. Deshalb denke ich bei Bildern von mir, die zehn Jahre und älter sind, auch nie – Gott, wie siehst du denn aus? Wer jeden Quatsch mitmacht, an dem bleibt auch viel Quatsch kleben. Wenn es kritische Distanz zum sogenannten Zeitgeist ist, die eine alte Seele ausmacht, dann bin ich wohl eine.

Kann man eigentlich sagen, dass Sie fast Ihr gesamtes Leben Schauspieler sind?

Ich habe jedenfalls schon mit sechs in der DDR meinen ersten Film gemacht, mit zwölf am Berliner Ensemble mit dem Theater begonnen, parallel mit 16 wieder gedreht und nach dem Abitur festgestellt, dass ich wahrscheinlich längst Schauspieler bin.

Was für einen Blick hat man auf diesen Beruf, wenn man ihn von Kindesbeinen an ausübt – abgebrüht, familiär, distanziert?

Hmm… Es macht allenfalls bewusst, wie schwer es ist, das Niveau zu halten, wenn man bei jedem Film den Anspruch hat, etwas Besonderes, Bleibendes zu schaffen. Deshalb mache ich selten Kompromisse und habe immer versucht, meine Biografie so sauber und gut wie möglich zu halten.

Mehr als zwei, drei Filme pro Jahr kommen da selten zusammen.

Genau.

Womit füllen Sie den Rest ihrer Zeit?

Mit drei Kindern, meiner Band und gelegentlich einem Hörspiel habe ich keinen Rest zu füllen. Zumal ich fast nur Hauptrollen spiele, was bei fast jedem Film sehr viel Vor- und Nachbereitung erfordert. Da ist also kaum Zeit übrig, weshalb ich auch viele Angebote ablehne.

Warum nicht das hier?

Das war eine strategische Entscheidung fürs Genre. Ich will mich nicht wiederholen! Nachdem dem sehr künstlerischen Oh Boy, wollte ich das totale Gegenteil und habe den Mainstream-Hacker-Film Who Am I? mit Elyas M’Barek gemacht, der eher im Multiplex- als im Arthaus-Kino läuft. Danach wollte ich gern eine Serie mit großer Reichweite drehen.

Ist Der gleiche Himmel nicht ein Dreiteiler?

Sie war ursprünglich als klassische 45-Minuten-Episoden-Serie konzipiert. Dem ZDF fehlt aber offenbar der Sendeplatz. Einen riesigen Cliffhanger hat sie natürlich trotzdem.

Würden Sie denn weitermachen?

(lächelt süffisant) Mal schauen…


Kerners Köche: Alter Wein & alte Schläuche

Kochklassentreffen

Nach neun Jahren Pause bitte Johannes B. Kerner von Lafer über Poletto bis Schuhbeck mal wieder Spitzenköche zum kollektiven Kochen vor die Kamera (ab Samstag, 1. April, 16.15 Uhr, ZDF). Beim Probelauf in einer Hamburger Showküche zeigte sich: alles beim Alten, mit dem der Kochboom am Bildschirm einst begann und partout nicht abzuflauen gedenkt.

Von Jan Freitag

Klassentreffen jeder Art suchen sich bekanntlich gern runde Zahlen als Anlass. Zehn Jahre Abi 2007 etwa, das Examenstutorium von 1967, ein Vierteljahrhundert Mittlere Reife – außergewöhnliche Ereignisse erfordern außergewöhnliche Zeitspannen. Da zeugt es vom außergewöhnlichen Wiedervereinigungsdrang einer Klasse, die sich am 31. Mai 2008 letztmals vor der Kamera getroffen und nun so große Sehnsucht nacheinander hat, dass sie ihr Treffen zum runden Abschiedsjubiläum ein Jahr vorzieht. Auf heute, um genau zu sein.

Gegen Mittag nämlich trifft sich das Stammpersonal einer, ach was, der Kochsendung schlechthin in einer coolen Showküche und feiert fröhliche Auferstehung: Kerners Köche. Kurz vor Weihnachten 2004 wurde die Keimzelle des hiesigen Zubereitungsbooms am Bildschirm im Rahmen von Johannes B. Kerners Talkshow geboren. Gut 13 Jahre später nun sind drei davon in die schwer angesagte Hamburger Gründerzeitperle Ottensen gereist, um einem „tiefsitzenden Drang“ zu folgen, wie Gastgeber JBK es leicht pathetisch ausdrückt. Als Kerners Köche durch Lanz kocht ersetzt wurde, sagt der Namensgeber von einst und heute, „war die Geschichte ja noch nicht auserzählt.“

Sie ging wie folgt: Fünf mehr oder weniger bekannte Küchenkünstler trafen sich Freitagsabend ganz in der Nähe des heutigen Klassentreffens und taten etwas, das vor laufender Kamera seinerzeit noch ungewöhnlich war: Sie quatschten beim Kochen, kochten beim Quatschen, kredenzten Gerichte von erlesener Güte scheinbar nebenbei. „Es war das reinste Chaos“, erinnert sich der Gastgeber, „für viele gar Anarchie“, doch dabei „sehr unterhaltsam und ziemlich beliebt“. Bis zu 17.000 Studiotickets hätte das ZDF damals pro Sendung verkaufen können. Mehr hatte nur Wetten, dass…?.

Wetten, was…?

Das erfolgreichste Lagerfeuer der hiesigen TV-Historie ist längst erloschen, Kerner jedoch entzündet sein eigenes aufs Neue und hat mit Alfons Schuhbeck, Cornelia Poletto und Johann Lafer drei zur offiziellen Präsentation geladen, die schon früher dabei waren. Und wie sie jetzt im gediegenen Hinterhof-Altbau interagieren, wie sie beim Kochen durchs chromblitzende Luxusmobiliär flitzen, wie sie hier eine Ingwer-Karotten-Suppe mit Jakobsmuscheln kredenzen (Schuhbeck), dort Winterkabeljau auf Beluga-Linsen (Poletto) und dazwischen kalorienarme Schwarzwälder Kirschtorte im Glas (Lafer), da wird man das Gefühl nicht los, Kerner hätte recht mit seinem Pathos vom kollektiven Drang zurück in die Zukunft.

Wobei keineswegs alles beim Alten bleibt. Der Sendetermin wandert vom Follow-up der Freitagskrimis auf den Samstagnachmittag um 16.15 Uhr, wo zuvor Lafer! Lichter! Lecker! lief. Zur Rezeptumsetzung kommt ein kleiner, nicht näher definierter Wettbewerb mit Publikumsbeteiligung hinzu. Und neben Veteranen von Mälzer über Wiener bis Rosin werden neue Gesichter im Bratendunst glänzen. Darunter vergleichsweise branchenfremde wie Sebastian Lege, der dem ZDF bislang nur als Lebensmitteltester diente und hier in Hamburg für den robusteren Teil der Haute Cuisine zuständig ist: Grüner Spargel im Speckmantel zu Wirsingchips aus der Mikrowelle. Mit den sichtbar gereiften Maîtres am Nebenherd wolle sich der junge „Food-Entertainer“ eben nicht messen. Deshalb trägt er als einziger in dem Quartett mit Kochausbildung keinen schneeweißen Kittel, sondern handwerkerdunkle Schürze. Deshalb sei sein Beitrag eher einfach als raffiniert. „Ich bin kein Mensch, der so viel nachdenkt.“

Andererseits: auch die Stars agieren gern aus dem Rückenmark. Wenn der fast doppelt so alte Sterne-Gastronom Alfons Schuhbeck ein paar Meter weiter mit bayerischer Mir-san-mir-Lässigkeit „Petersil‘ ist die Sonnenbrille des Menschen“ durch den Raum bellt, kommt es tief aus dem Bauch des Kochfernsehens. Auch sein süddeutscher Landsmann Lafer ist instinktiv im Studiomodus, wenn er die Zubereitung seiner Nachspeise wie ein Wasserfall kommentiert. „Ah geh, no‘h an Löffel Kirschwasser drüber, für’s Gemüt“, fertig ist die Show, selbst wenn nirgendwo Kameras laufen, sondern allenfalls die Smartphones der geladenen Reporter.

Und am Rande, eher dabei als mittendrin: Johannes B. Kerner. Ob er keine Angst habe, von der schubladenfreudigen Öffentlichkeit nun wieder in die des Kochonkels gesteckt zu werden? „Ach Gott“, antwortet er im Maßanzug mit Einstecktuch. Nach Tausenden von Talkrunden, Hunderten Shows, dazu dem ganzen Sport, hatte er „schon so viele Stempel“, dass der des Kochens „nach 126 Folgen doch eher klein war“. Außerdem, das ist ihm nach bald 30 seiner kaum 53 Jahre im Geschäft schon wichtig, „habe ich dem Drängen der Köche nachgegeben, nicht umgekehrt.“

Die Schuhbecks, Polettos, Lafers, Wieners, Mälzers also waren es, denen das Klassentreffen wichtig schien. Aufgezeichnet jeweils kurz vor der Ausstrahlung, sind ab Samstag zunächst mal 16. Sendungen geplant. Alles Weitere regelt die Quote. Und die Lust der wechselnden Belegschaft, unterhaltsame Informationen über leckeres, gesundes, gutes Essen mit einem Schuss Anarchie zu servieren. Um Nachhaltigkeit gehe es dabei schon auch, beteuert der Gastgeber im Angesicht von Klimawandel und Massentierhaltung. „Mehr aber noch um Wahrhaftigkeit“. Und natürlich Spaß, bellt Alfons Schuhbeck bayerisch robust und reibt noch etwas Ingwer in die Suppe. „An Guad’n!“

Der Text ist vorab auf DWDL erschienen

Serienquote & Agentenuntertitel

Die Gebrauchtwoche

20. – 26. März

Das stochastisch erfasste Fernsehpublikum ist schon ein komischer Haufen. Während die opulent produzierte, aber vielfach schematische Historisierung der Charité zum Auftakt am Dienstag mit 8,32 Millionen Zuschauern die meistgesehene ARD-Serie seit 25 Jahren war, blieb der glaubhaft kreativ um Eigenart bemühte Kommissar Pascha zwei Tage später auch im zweiten Teil unter jenen Erwartungen, die das Ammenmärchen Lena Lorenz parallel im ZDF millionenfach übertraf. Kein Wunder, dass dieses seifige Niveau basischer Stromlinienunterhaltung nur mit ätzender Säure zu kontern war – wofür am Mittwoch leider die Rückkehr des Terrors in Europa sorgte.

Nach der Attacke von London lieferte der erste ARD-Brennpunkt seit zwei Monaten, als Martin Schulz Sigmar Gabriel ersetzte, erneut den Beleg, dass politische relevante Information noch immer zur öffentlich-rechtlichen Kernkompetenz zählt. Für die  sorgen schließlich herausragende Journalist(inn)en wie Dunja Hayali. Ihr durchgedrücktes Rückgrat im beständig kochenden Echoraum des Internet ist schließlich mit dafür zuständig, dass Facebook erstmals Werbeverluste im Umfeld von Hass-Botschaften beklagt (was den Medienkonzern weit mehr von seiner Verantwortung fürs Ganze überzeugt als jeder Appell dahergelaufener Justizminister).

Nun aber hat Hayalis Hang, stets dorthin zu gehen, wo‘s wehtut, der falschen Seite gut getan. Ihr Interview mit der Jungen Freiheit sollte wohl zeigen, wie wichtig Dialog mit allen ist. Er verhalf der pseudointellektuellen Rechtspostille jedoch nur zu einer Aufmerksamkeit, die man ihrem Blut-und-Boden-Furor von demokratischer Seite besser vorenthalten sollte. Merke: Nicht jeder Diskurs ist ein guter Diskurs. Dafür ist jedes Original, pardon für den plumpen Übergang, ein gutes Original – zumindest, wenn es um Film und Fernsehen geht. Da hierzulande jedes fremdsprachige Format seit jeher zwanghaft ins Deutsche übersetzt wird, muss man nämlich jede Urfassung gleich welcher Sprache selbst dann bedingungslos feiern, wenn sie inhaltlich bloß besserer Durchschnitt ist.

Die Frischwoche

27. März – 2. April

Das gilt auch für The Company – einen deutsch-britischen Dreiteiler um drei Freunde, die den Kalten Krieg beiderseits des Eisernen Vorhangs für CIA oder KGB ausfechten, bis die Mauer fällt. Das ist durch annähernd fünf Jahrzehnte hindurch spannend inszeniert und trotz der aufdringlichen Musik unterhaltsam. Was den Spionage-Thriller von 2007 kennzeichnet, ist allerdings etwas anderes: die ARD zeigt ihn ab Freitag um 21 Uhr auf ihrem Bildungskanal Alpha im englischen Original mit deutschen Untertiteln, die per Videotext abrufbar sind.

Verglichen mit der übersetzten Fassung vor fünf Jahren bei Sat1 ist das ein Quantensprung, der endlich Schule machen sollte – technisch wäre es ebenso wie lizenzrechtlich kein Problem, entspräche moderner Sehgewohnheit und ist schlichtweg erträglicher. Selbst die Nebendarstellerin Alexandra Maria Lara klang als balletttanzende Agentenbraut in eigener Synchronisation wie ein Werbejingle für Waschmittel, von ihrem Lover Chris O’Donnell oder Michael Keaton als real existierender Spionagechef James Angleton ganz zu schweigen. Nicht ganz so real existierend, aber in seiner Ausgestaltung umso authentischer ist der andere Spion dieser Woche: Tom Schilling als Romeo-Agent, der sich 1974 im DDR-Auftrag an eine CIA-Kollegin in Ost-Berlin ranmacht, um den Kalten Krieg für sein Land zu entscheiden. Das ZDF zeigt Oliver Hirschbiegels Der gleiche Himmel von Montag bis Mittwoch und jeder Abend ist so gelungen, dass die Fortsetzung auch dank des Cliffhangers wohl nur Formsache ist.

Weil offenbar die Tage des Rückblicks angebrochen sind, startet am Dienstag die zweite Runde vom ZDF-Historytainment Das Jahrhunderthaus, in dem Michael Kessler nach der Liebe und dem Leben nun die Arbeit und den Urlaub der vergangenen 100 Jahre in Deutschland humorvoll nachstellt. Die problematische Gegenwart ist indes parallel dazu Thema eines ganzen Abends auf Arte, wo es ab 20.15 Uhr um Europa, Putin und die Populisten des Kontinents geht. Bedeutsamkeit deluxe, die Sat1 tags drauf bloß inszeniert, wenn es im „Extrem-Experiment“ Nacktes Überleben sechs Kandidaten unbekleidet in eine WG steckt. Wenn sie darin sechs Wochen lang erfahren sollen, was ihnen im Leben Materielles wichtig ist, geht es gewiss um soziokulturellen Mehrwert…

War noch was? Während das Erste die vielversprechende weil sperrige Bloch-Nachfolgerin Bibiana Beglau als Psychotherapeutin Über Barbarossaplatz mangels Stromlinienförmigkeit am Dienstag von der verdienten Primetime auf 22.45 Uhr verbannt, geht die Mysteryserie Zimmer 108 Donnerstag auf Arte zur besten Sendezeit ins Finale. Und am selben Abend startet nach Böhmermanns Neo Magazin Royale die Sketch-Comedy neo Maniacs, in der sich Youtuber Lars Fricke selber spielt, vor allem aber: vermarktet, bevor Samstag um 13 Uhr Kerners Köche auf den Mutterkanal zurückkehrt.

Besser kann der Übergang zu den Wiederholungen der Woche kaum sein: Aus der Schwarzweißära in Farbe: Cocktail für eine Leiche, Hitchcocks ungeschnittener Evergreen von 1948 (Freitag, 23.35 Uhr, BR). Mittwoch um 22.35 Uhr zeigt Kabel1 das Meisterwerk von Hitchcocks Erben, den Coen-Brüdern: No Country for Old Men von 2007 mit Javier Bardem als Inbegriff des stoischen Killers. Und die Tatort-Retorte: Wegwerfmädchen (Mittwoch, 22 Uhr, SWR; 2. Teil nächster Mittwoch) mit Charlotte Lindholm auf der Jagd nach Menschen, für die Menschen wirklich nur Material sind.


Reportage: Knastalltag & Kreisligaflucht

Die Schlacke von Santa FU

Grätschen hinter Gittern

Grantschlamm, Pöbeln, 0:4 – eigentlich war das Kreisklassenspiel unseres Autors eines wie so viele im Hamburger Amateurfußball. Wären die 8. Herren des FC St. Pauli dafür nicht in den Knast gereist, zu Eintracht Fuhlsbüttel, genannt Santa Fu, Mindeststrafe drei Jahre. Ein Selbsterfahrungsbericht.

Von Jan Freitag

Es regnet, natürlich. Erst leicht, bald strömend. Kein Wunder, schießt es mir Sonntagfrüh halb sechs beim ersten Blick ins Freie durch den Kopf: wenn im Film jemand beerdigt wird, öffnen sich aus trübgrauem Himmel ja auch stets die Schleusen. Und das hier, darauf deutet alles hin, wird eine Beerdigung erster Klasse: Wir treten zum Auswärtsspiel bei Eintracht Fuhlsbüttel an, unterste Liga, dort wo Hamburgs Amateurfußball noch Grantplatzasche und Schiris ohne Regelkenntnis kennt.

Wir, das sind die 8. Herren des FC St. Pauli. Und unser Gegner? Ist der Tabellendritte vom Flughafenviertel. Zuhause kaum besiegbar, auswärts ungeschlagen, obwohl – eigentlich auch sieglos. Fuhlsbüttel darf nicht reisen, weshalb die Kreisklasse B6 ihre Heimspiele komplett bei der Eintracht austrägt: Es ist Hamburgs einziges Knastteam im regulären Spielbetrieb und darin so erfolgreich, dass Kellerkinder wie wir den Hochsicherheitsknast nur zum Punkteliefern betreten. Bis dahin allerdings dauert es. 60 Minuten vorm Anpfiff beginnt am malerischen Eingangstor zur denkmalgeschützten JVA Baujahr 1879 ein bürokratisch eng getaktetes Ritual: Handys abgeben, Pässe auch, Taschenkontrolle, Leibesvisitation, erst dann geht es in die hermetische Welt des geschlossenen Strafvollzugs.

Müde, nass, ein wenig schüchtern und doch sonderbar aufgekratzt trotten 18 Herrenspieler gehobenen Alters ohne Zigaretten (bis auf zwei versiegelte Päckchen), aber mit trotzigem Zweckoptimismus (auf ein Fußballwunder) hinter die Mauer in malerischem Rotklinker. Beim Marsch durch die Zellentrakte öffnet der Wachmann insgesamt sechs mächtige Schlösser in sechs wuchtigen Türen, auch die Umkleidekabine schließt er hinter uns ab. Klackklack, Klackklack – es ist der Sound exekutiver Vollzeitbetreuung von 300 Häftlingen mit mindestens drei Jahren Haft für schwere Straftaten bis zum Kapitalverbrechen, die sich (wie kürzlich ein ZEIT-Artikel offenlegte) auf den JVA-Fluren durch ein Klima aus Gewalt und Angst fortsetzen, weil ihm ein fast grotesker Personalmangel gegenübersteht.

Den haben wir am eigenen Leib erlebt, als uns an einem sonnigen Herbstmorgen von der – kurz darauf ersetzten – Anstaltsleitung erklärt wurde, das Spiel falle wegen, genau, Personalmangels aus und werde 3:0 für uns gewertet. Es waren die ersten von nur drei sieglosen Spielen der Eintracht in dieser Saison. Sportlich ist die Aussicht, aus der Gefangenschaft etwas zurück in die Freiheit mitzunehmen, auch sechs Monate später also gering. Aber geht es an diesem Ort überhaut um Punkte? Die Tabelle? Fußball? „Wir spielen gegen harte Jungs“, bläut uns Spielertrainer Malte beim Umziehen ein, „aber nicht gegen schlechte Menschen“.

Das musste wohl mal gesagt werden angesichts dessen, was sein Kollege über die Eintracht sagt. Er betreue da Vergewaltiger, Räuber, Mörder und früher Mal, nach gut der Hälfte seiner 74 Jahren an der Seitenlinie im Knast scheint Gerhard Mewes fast stolz darauf zu sein, ein Mitglied der Terrorzelle vom 11. September. Wer in den Niederungen kickt, hat es naturgemäß mit rauen Sitten zu tun. „Fotze“ als freundlicher Hinweis auf die Rechtslage im vorigen Zweikampf gehört ebenso dazu wie Revanchefouls mit 40 Metern Anlauf. Aber das hier?

Intuitiv spanne ich den Schienbeinschoner fester vors Bein und schalte die Ohren auf Durchzug. Anderseits – hat nicht der Schiri bestätigt, was Knastspiele als urban legend umweht: „Es geht hier so zur Sache wie draußen“. Kreisklasse eben. „Aber die Spieler von Santa Fu haben mehr als drei Punkte zu verlieren.“ Das Privileg nämlich, dem Gefängnistrott zweimal pro Woche mit der Aussicht auf individuelle Erfolgserlebnisse zu entkommen. Die Statistik gibt ihm Recht: in 14 Spielen hat Fuhlsbüttel keine Karte kassiert. Disziplin durch Verlustangst; im Areal jener, deren Normalität von Entbehrung geprägt ist, klingt das dennoch kaum beruhigend. Im Gegensatz zum Ritual vorm Anpfiff. „Gebt mir ein F!“, ruft der schwarzweiß gestreifte Gegner im Kreis, „Gebt mir ein U! Gebt mir ein San-Ta-Fu!“. Corporate Identity unter Intensivtätern – das kontern mein flaues Gefühl im Magen mit einer Dosis Empathie.

Und die ist auch bitter nötig. Denn das Fußballspiel ist auf dem absurd schmalen Platz mit „Fußballspiel“ schnell falsch umschrieben. Mit jeder Sekunde Regen verwandelt sich der Boden mehr in ein Hochmoor. Bei meiner Einwechslung Mitte der 1. Halbzeit werde ich vom Zellenblock aus gleich mal lauthals für meine Frisur veräppelt, doch da steht es bereits 2:0 für jenes Team, das nach zehn Jahren Ligazugehörigkeit zwar stets ganz vorn mitspielt, aber wegen des Verbots von Auswärtsfahrten nicht aufsteigen darf. Geht also um nix, oder? Von wegen.

Für die Nummer 14 geht es um alles. Der Eintracht-Kapitän dribbelt und pöbelt und kämpft und foult und brilliert und beleidigt locker für zehn, also den Rest des Teams, das in etwa so zurückhaltend agiert wie erhofft und dabei äußerst intensiv spielt, aber praktisch nie unfair. Mein Gegenspieler rät mir nach einem Zweikampf freundlich, die Arme am Körper zu behalten, „der Schiri ist streng, den kenn’ ich“. Sein „Pitbull“ genannter Mitspieler auf der anderen Seite grunzt bisweilen wütend, wenn er zur Grätsche ansetzt. Am Ende ist aber auch er eher angemessen als übertrieben aggressiv.

Ob Eintrachts Torjäger, der dem Sozialpädagogen mit Trainerlizenz Mewes wegen einer Prügelei im Knastallag seit Wochen fehlt, die Stimmung aufgeheizt hätte, bleibt Spekulation. Es ist, wenn man so will, ein Spiel wie jedes andere. Nur dass wir durch sechs wuchtige Türen mit sechs mächtigen Schlössern eskortiert werden. Danach gibt es Frühstück bei Kay oder Mittag mit Familie, je nach Bedarf. So ein Ausflug in die Gefangenschaft hilft, sich das Privileg der Freiheit ganz neu vor Augen zu halten. Nächste Saison kommen wir wieder. Ich freue mich schon jetzt. Sofern es nicht regnet. Und das Personal reicht.

Der Artikel ist vorab auf ZEIT-Online erschienen

SororityNoiseJesusAndMaryChainCrystalFairy

Sorority Noise

Moderne? Post-Moderne? Post-Post-Moderne? Post-Post-Post-Gegenwart? Wer sich die Welt soziokultureller Begrifflichkeiten ansieht, muss sie als einzigen Post-Versand empfinden. Sobald irgendetwas einst Bedeutsames darin überholt ist, aber noch nicht gänzlich nutzlos, wird gerade in der Musik gern ein “Post” voran gestellt, um sich im revolutionären Bilderstum nicht ganz vom nostalgischen Individualbezug lösen zu müssen. Post-Rock, Post-Punk, Post-Core, Post-Pop – nichts, was sich nicht anbiedernd distanzieren würde von etwas, das man irgendwie noch immer macht, aber partout nicht mehr machen will. Auch Sorority Noise könnte man in diesem Duktus ein gutes Dutzend Posts verpassen. Könnte.

Sollte man aber nicht.  Denn so sehr die amerikanische Gitarren-Band von der Ostküste auch alles, was im Rock-Genre vor ihr war, zitatfreudig hinter sich zu lassen scheint: Das Quartett aus Connecticut versucht sich dabei weder vom schrägen Noise noch der schrägen Countryhaftigkeit, geschweige denn Punk, Emo, Hardcore, Pop zu lösen, sondern macht daraus ein überaus angenehmes Potpourri von allem, was den Rock naturgemäß kennzeichnet: Ein trotzig gefühlvoller Widerstand gegen den jeweils aktuellen Mainstream. Cameron Boucher, Adam Ackerman, Ryan McKenna und Charlie Singer liefern ihn auch auf ihrem dritten Album sehr überzeugend, energisch und schwungvoll. Nicht Post, nicht Prä – mittendrin.

Sorority Noise – You’re Not As _ As You Think (Big Scary Monsters)

The Jesus and Mary Chain

Und ein bisschen klingt Sorority Noise dabei manchmal wie eine Band aus Zeiten, da das Wort Post noch ausschließlich für den Briefversand Verwendung fand: The Jesus and Mary Chain. Vor mehr als drei Jahrzehnten bereits machte das Quartett aus Schottland eine Art Rock, dem damals etwas noch sehr Neues voran gestellt wurde: Alternative, Indie – damals Quintessenzen des Versuchs, Kommerz und Nische, Mainstream und Kellerclub mit scheppernden Gitarren in Einklang zu bringen. Auf den ersten fünf Alben bis 1994 ist das bestens gelungen, dann kam ein Break, später der Split, 2007 die Reunion und jetzt, zehn Jahre später ein neues Studioalbum.

Es klingt, nun ja, nicht unbedingt nach der Neuerfindung des Alternativeindierockrades. Aber Jim und William Reid schaffen es mit neuer Begleitung fast ein bisschen wie auf dem legendären Debüt Psychocandy, gut gelaunt, aber nie seicht zu klingen. Fröhlich peitscht die Orgel über locker verzerrte Fuzz-Riffs hinweg, während der Doppelgesang darunter durchhallt wie vom Sofa gesungen. Das ist 14 Songs lang von so geschmeidiger Lässigkeit, als wären die beiden Brüder nie weg gewesen, waren sie ja auch nicht. Sie haben sich abgesehen von ein paar Live-Auftritten und -Platten nur das Studio nicht mehr zugetraut. Gut, dass sie es gewagt haben. Super Gruppe, super Spaß.

The Jesus and Mary Chain – Damage And Joy (Artificial Plastic Records)

Crystal Fairy

Wobei – Supergroup ist ja auch schon wieder so ein männlich konnotierter Begriff des männerdominierten Rock-Biz, in dem Größe für viele der einzelnen Teile eben doch von Belang ist. Gut, dass bei dieser Supergroup hier eine Frau die Hosen anhat: Teri Gender Bender, Kopf und Stimme der radikalfeministischen Garagenpunkband Le Butcherettes. Zwischen Buzz Osborne und Dale Crover von den Melvins, Omar Rodriguez-Lopez (At The Drive-In) und einer Reihe Kollegen anderer Zusammenhänge bildet die klassenbewusste Mexikanerin das Herz ihres wunderbaren Side-Projektes Crystal Fairy.

Ganz im Stile der Mitglieder ist deren gleichnamiges Debütalbum ein elfteiliges Stück Metalpunkpop, das angeblich an einem Tag eingespielt und entsprechend roh zu genießen ist. Trotz Gender Benders operettenhaft psychedelischer Stimme, braucht das Album allerdings ein paar Tracks, bis es aus dem Duktus aufgehäufter Individualkompetenz kollektive Eigenart entwickelt. Ist es bis dahin solide brachial, befeuern vor allem Crovers entfesselte Drums das Ganze ab der Hälfte dann zu mehr Besonderheit im Hochtempo-Allerlei. So gesehen: feines Doom-Sludge-Gedresche für Fans von allem mit „Super“ davor.

Crystal Fairy – Crystal Fairy (Ipecac Recordings)


Sönke Wortmann: Charité & Fußballwunder

Nix als Fußball im Kopf

Kleine Haie machte ihn bekannt, Der bewegte Mann berühmt, Das Wunder von Bern unsterblich. Nun macht Sönke Wortmann (Foto: ARD/Nik Konietzny) die Charité (dienstags, 20.15 Uhr, ARD) zum Serien-Thema. Ein Interview über die Medizin-Hölle vor 130 Jahren, seinen Hang zur Unterhaltung und eine Jugend Grimm-Institut und Bolzplatz.

Interview: Jan Freitag

Herr Wortmann, wenn man heutzutage eine Krankenhaus-Serie dreht – wie viel Blut muss da spritzen, wie viel Gedärm quellen, um authentisch zu wirken?

Sönke Wortmann: Nicht viel, wie ich finde. Wir hätten Charité durchaus blutiger machen können, aber es war unsere bewusste Entscheidung des Filmemachers, nicht drastischer zu sein als die Realität. Denn die war hart und schmerzhaft genug. Außerdem sollte man der Phantasie im Kopf des Zuschauers stets ein wenig Spielraum lassen; das passiert mittlerweile leider zu wenig.

Eine Aorta ist allerdings schon vor 70 Jahren sehr plastisch geplatzt, als sie Professor Sauerbruch bei der Film-OP erwischt hat…

Da hat es uns geholfen, dass die Aorta bei der Blinddarm-OP am Anfang ziemlich weit weg ist. Uns war aber ohnehin wichtiger, die Zeit über Kostüme, Masken, Ausstattung als medizinischen Splatter zu erzählen.

Wie viel Realismus verträgt, wie viel davon braucht realistische Fiktion über eine Zeit, in der Hygiene, Anästhesie, die gesamte Heilkunde so infernalisch war wie 1888?

Wenn Sie alle sechs Teile sehen, gibt es jedenfalls noch reichlich Elend zu sehen und äußerst schmerzhafte Todesfälle von Charakteren, die einem ans Herz gewachsen sind. Es gibt keine Regeln, was man dem Publikum zugestehen oder vorenthalten sollte; ich selbst finde es aber falsch, Sensationslust schwerer zu gewichten als Inhalt. Das  Blutrünstige möglichst spektakulär auszustellen, hat mich einfach nicht interessiert.

Was hat Sie dann am Thema interessiert?

Die Epoche. In der habe ich noch nicht gearbeitet und selbst im Geschichtsunterricht ging es stets um andere Zeitalter als das Wilhelminische. Und das, obwohl es so wichtig war für die Phase danach bis hin zu Hitler und dem 2. Weltkrieg. Deshalb hat mich das „Dreikaiserjahr“, in dem Charité spielt, so fasziniert. Das Interesse an der Medizin kam erst später hinzu. Dann aber hat es mich richtiggehend gepackt, dieser Übergang von der reinen Pflege zur therapeutischen Heilung. Wer das Museum der Klinik besucht, möchte auf keinem Fall vor diesem Übergang krank gewesen sein. Und da reden wir noch nicht von weiteren 100 Jahren früher…

Soll Charité da aufklärerisch wirken?

Schon, aber es soll kein Lehrfilm sein. Für mich ist besonders die Emotionalität der Geschichte wichtig, die ja auf wahren Begebenheiten beruht. Nicht nur die Zeit, wie wir sie zeigen, ist historisch verbürgt; auch viele der handelnden Figuren sind es. Von acht Hauptrollen ist abgesehen von Georg Tischendorf nur Ida Lenze frei erfunden.

Ist die weibliche Hauptfigur dem Historiengenre geschuldet, wo sich eine starke Frau gegen mächtige Männer behaupten muss?

Nicht nur. Ida hat auch die Aufgabe, im medizinischen Umfeld unbedarfte Fragen zu stellen, die den akademischen Kontext brillanter Ärzte erklären. Sie nimmt da sozusagen die Rolle des Zuschauers ein, das empfinde ich als spannenden Kniff des Drehbuchs.

Trifft eine so emotionale Figur nur Ihren Geschmack als Regisseur oder als Zuschauer?

Das ist bei mir deckungsgleich. Ich mache nur, was ich selbst gern sehe, und dazu zählt zwingend eine emotionale Seite, die von einer Liebesgeschichte unterstützt wird. Wobei sich daraus hier keine Romanze entwickelt, sondern eher menschliches Drama.

Als Sie vor 30 Jahren mit Ihrem Produzenten Nico Hofmann in München studiert haben, lief gerade die Schwarzwaldklinik.

Verrückt oder?

Hätten Sie damals gedacht, dass eine Krankenhausserie aussehen könnte wie diese jetzt?

Überhaupt nicht, wobei wir auch jetzt nicht wissen, wohin die Reise in 30 Jahren geht. Es gab zwischendurch jedenfalls auch gute Krankenhausserien, vor allem Emergency Room hat da Türen geöffnet oder auf seine Art Dr. House. Das Thema hat die Menschen nie losgelassen.

Umso kritischer sah man es bestimmt an der Hochschule.

In der Tat. Ich wollte schon damals kein Arthaus machen, sondern Unterhaltung, also Filme fürs Publikum, nicht das Feuilleton. Deshalb habe ich seinerzeit mit Komödien angefangen; für einen Filmemacher gibt es ja nichts Schöneres als einen lachenden Kinosaal. Weil das nur ganz wenige von uns wollten, wurden wir an der Uni allerdings angesehen wie Aussätzige.

Gibt es diesen Standesdünkel noch?

Schon, er wird nur nicht mehr so offen kommuniziert. Und der Widerspruch zwischen U und E hat sich längst überholt, da verschwimmen zusehends die Grenzen. Nehmen Sie Toni Erdmann – komödiantisches Arthaus und das kommerziell erfolgreich.

Würden Sie einen Film wie das Wunder von Bern heute genauso machen wie 2003.

Genau wie?

Stark emotionalisiert, in Teilen fast pathetisch, sehr geigenumflort, große Gefühle eben, historisch eingebettet?

Ich bin noch nie irgendeinem Publikumsgeschmack hinterhergelaufen, falls Sie das meinen. Deshalb hab ich das auch damals so gemacht, weil ich es richtig fand. So mache ich es immer und hoffe, die Leute bleiben sitzen und gehen nicht raus, wie es übrigens auch bei „Toni Erdmann“ passiert ist. Aber gerade die Sache mit der Musik ist immer Geschmackssache, da hat jeder eine Meinung, das macht es für mich als Regisseur schwierig.

Haben Sie Charité deshalb vergleichsweise spärlich untermalt?

Hab ich gar nicht, aber eher piano- als geigenumflort.

Sie sind im Marl geboren und aufgewachsen, dort also, wo das Deutsche Fernsehfeuilleton quasi sein Gewissen hat.

Wegen der Grimme-Preise meinen Sie?

Genau. Hat dieses Umfeld Ihren Hang zur Unterhaltung – gewissermaßen als Protest gegen das kulturelle Anspruchsdenken geprägt?

Glaube ich nicht. Wobei man Anspruch auch damals durchaus unterhaltsam gestalten konnte und umgekehrt. In meiner Jugend hatte ich allerdings weder Film noch Fernsehen, sondern nix als Fußball im Kopf.

Und heute?

Zum Glück ist da nun mehr drin, obwohl er mich noch immer interessiert. Aber ich spiele ja selbst auch nicht mehr.