7 Fragen an … VDA-Sprecher Eckehart Rotter

VDA_Logo#1_PosFlexibilität, Effizienz, Komfort

Eckehart Rotter, Sprecher des Verbands der Automobilindustrie VDA

Interview: Jan Freitag

Herr Rotter, gibt es zu viele oder zu wenig Autos in Deutschland?

Eckehart Rotter: Die Frage ist nicht, ob es zu viele oder zu wenige Autos gibt, sondern genügend effiziente. Deutschland braucht individuelle Mobilität, aber sie muss sowohl klimaschonend als auch effizient, sicher, komfortabel und finanzierbar sein

Wird nicht auch mit so einer Flotte bald ein Sättigungsgrad erreicht sein?

Da nur zehn Prozent aller Neuwagenkäufe in Deutschland Erstkäufe sind und der Rest Ersatzbeschaffungen, erneuert sich der Pkw-Bestand bei einer Gesamtzahl von gut 42  Millionen Autos  und drei Millionen Neuzulassungen alle 14 Jahre komplett. Da geht es also nicht um Sättigungsgrad, sondern um Kundenzufriedenheit.

Und wie sähe es mit den Klimazielen aus, wenn Afrika irgendwann durchmotorisiert wäre?

Ich würde das zunächst mal durch China ersetzen, wo der Fahrzeugbestand vor zehn Jahren unter dem deutschen lag und nun über dem europäischen. Heute hat der Welt-Pkw-Markt ein Volumen von 70 Millionen Autos, im Jahr 2020 werden es 90 Millionen sein.  Das klimaneutraler zu schaffen, erfordert alternative Antriebe, also Elektromobilität. Dann sind die Ziele erreichbar.

Was ist eigentlich ein effektiver Jahreszins, mit dem die Autoreklame wirbt?

Da würde ich Sie gerne an die Vertriebsabteilungen der Hersteller verweisen, aber grob vereinfacht stellt  der effektive Jahreszins die Kosten dar, die Sie bei der Neuwagenfinanzierung haben. Die Alternative ist Barzahlung des vollen Kaufpreises beim Kauf. Angesichts des niedrigen Zinsniveaus ist die Finanzierung eines Neuwagenkaufs derzeit die Variante, die von den meisten Käufern genutzt wird.

Und was ist ein Preisvorteil?

Bei der Finanzierung haben Sie – im Gegensatz zur Barzahlung des gesamten Kaufpreises – eine geringere Kapitalbindung.

Was ist auf der Strecke Hamburg – München ökonomisch, ökologisch, zeitlich im Vorteil: Pkw, Bahn, Bus oder Flugzeug?

Wenn Sie allein reisen und nur einen Termin haben, der auch noch in Hauptbahnhofsnähe liegt, ist die Bahn  im Vorteil. Falls Sie aber eine Reihe von Terminen an verschiedenen Orten haben, ist das Auto am flexibelsten und komfortabelsten. Noch klarer wird der Vorteil des Autos,  wenn Sie mit einer vierköpfigen Familie unterwegs sind.

Wie fahren Sie persönlich die Strecke am liebsten und warum?

Wenn ich unter Termindruck stehe, fliege ich von Berlin nach München und nehme vor Ort einen Mietwagen. Privat nehme ich lieber das Auto. Ebenso wie bei der Fahrt ins Büro. Im eigenen Auto ist die Erkältungsgefahr doch deutlich geringer als in einer voll besetzten S-Bahn im Winter.


Henning Baum, Hamburg 2013

Das Bürgerliche ist ein guter Platz

Interview: Jan Freitag

Die wahre Würze liegt bekanntlich im Unerwarteten. Und von Henning Baum war bestenfalls Hausmannskost zu erwarten, als er über seine Paraderolle als stahlharte, unterschwellig zarte Hauptfigur der Sat1-Serie Der Letzte Bulle erzählen sollte. Dann aber wurde daraus ein Mehrgängemenü voll gediegener Zutaten eines Schauspielers um die 40, der exakt so männlich ist, wie seine Rollen, dem man das aber nicht recht übel nimmt, weil hinter Sechstagebart, Bikershirt und Riesenmuckis ein intellektueller, wacher, ja: emanzipierter (Frei-)geist steckt. Von einem lebhaften Interview mit Deutschlands größten Fernsehmacho über starke Kerle und starke Frauen, Machiavelli und Dorfrichter Adam.

Henning Baum: [bricht einem beim Händedruck fast die Finger] Oh, Handschuhe – Sie sind bei der Kälte mit dem Fahrrad hier? Respekt!

freitagsmedien: Aber Sie wären wahrscheinlich mit freiem Oberkörper gekommen.

[lacht] Das nicht, aber ich kann einiges vertragen.

Deshalb hab ich auch immer gedacht, Henning Baum sei ein Künstlername.

Nee, das ist schon der richtige Name. Passt aber oder?

So wie Leo Kraft.

Jetzt, wo Sie’s sagen: Steckt Löwe drin, steckt Power drin, stimmt, das war vielleicht Kalkül der Produzenten. Andererseits ist Leo in Mit Herz und Handschellen schwul, und als es vor zehn Jahren damit losging, hatte ich mein heutiges Image bestenfalls bei einigen Castern.

Was steht bei Castingagenturen in Ihrer Mappe – Raubein?

Kann schon sein. Kernig.

Einer, der halbnackt im Wildbach Fisch mit der bloßen Hand fängt.

Genau.

Haben Sie das schon mal selbst gemacht?

Natürlich. Zumindest mit der Harpune beim Tauchen.

Und so Männerzeugs wie als Letzter Bulle – allein in der Hütte zu sich selbst finden?

Klar, aber das ist doch kein Männerzeugs, das ist menschlich. Wenn man es in so einer Hütte etwas gemütlich macht, Kerze rein, warmes Wasser, ist das auch was für Frauen. Ich bräuchte das allerdings nicht, mir reicht es einfach.

Klingt alles so, als sei Mick von Henning gar nicht so weit entfernt.

Er raucht, das tue ich nicht. Nicht oft. Aber ich fülle die Figur so sehr mit mir aus, bringe so viel von mir ein, es gibt so viele Gemeinsamkeiten – das bin ich, das ist nicht nur eine Rolle, im Gegenteil. Wir hatten bislang nur noch nicht die Möglichkeit, meine Filmfigur in einer Komplexität zu erzählen, dass sie wirklich mir entspricht. Dem steht die Krimisituation im Weg. Sein wahres Naturell entwickelt sich am ehesten im Privaten.

Wo er zum Beispiel zeigt, was er sonst nicht zeigen darf: seine weichen Seiten?

Klar, sonst wäre er ja unvollständig. Anthropologisch hat die Evolution in der Tat dazu geführt, dass Männer ihre harten Seiten tendenziell verstecken. Aber was in Ihrer Frage mitschwingt, ist ja, dass Frauen keine harten Seiten hätten oder sie unterdrücken. [wird laut] Das bestreite ich energisch! Frauen können mittlerweile so knochenhart sein, dass die Unterschiede zum Mann verschwimmen. Dafür müssen sie nur nicht durch den Schlamm kriechen.

Sondern?

Frauen zeigen ihre Härte eher durch seelische Kälte, sprachlich, sozial. Giftmord ist weiblich.

Was für ein Männerbild transportiert aus Ihrer Sicht Der letzte Bulle?

Ein aufgeklärtes.

Ernsthaft bitte!

Ich bin ernst! Mick ist ein Mann, der sich nicht hinters Licht führen lässt. Er ist ein Mann, der die Dinge hinterfragt, bürokratische Strukturen, menschliche Vorgänge, einer, der es wissen will. Man dichtet ihm gern etwas Atavistisches an, aber das stimmt gar nicht. Er ist wertkonservativ, aber weil er das auch belegen kann und will, macht es ihn progressiv.

Zum Beispiel?

… schaltet er sein Handy gern ab, weil er die modernen Kommunikationsstrukturen als unkommunikativ betrachtet. Statt jeden Trend mitzumachen, entlarvt er ihn als Firlefanz, als Unsitte, als schlechtes Benehmen.

Reflektierte Machismo ist progressiver Machismo?

Das ist mir zu plakativ. Wichtig ist die Ironie dahinter. Er kann über sich selbst lachen und stellt sein Verhalten gegenüber seinen Kollegen zur Disposition. Darin ähnelt er mir besonders: Er provoziert gerne. Er mag Interaktion, will sie aber spielerisch.

Und da bedient sich Sat1 eines Tricks: Weil der Der letzte Bulle aus der Vergangenheit kommt, ist sein unmodernes Verhalten in der Gegenwart quasi entschuldigt.

Worin besteht da der Trick?

Darin, dass der Sender überkommene, aber massentaugliche Klischees gegenwartstauglich macht.

Das ist ein wenig überinterpretiert. Es geht nicht um trojanische Pferde, sondern die Lust am unmittelbaren Gegenüberstellen von damals und jetzt, damit sich das Gestern ein wenig übers Heute lustig machen kann und umgekehrt. Seit Mick ins Koma gefallen ist, kurz vorm Fall der Mauer, sind die Männer in unseren Breitengraden eben nicht nur emanzipierter geworden, sondern vor allem immer verwirrter. Das hat großes Unterhaltungspotenzial. Aber wenn Sie heute einen im Jemen fragen, was er vom neuen Mann hält, würde er schulterzuckend sein Quat kauen. Oder Niederbayern; da liest doch keiner Men’s Health und denkt, oh Gott, ich muss an meinem Waschbrettbauch arbeiten.

Aber die Moderne führt den Mann ja gerade weg von der Kraft, hin zum Femininen. Shoegazer, Hipster und Slacker gibt es längst sogar auf dem Land.

Was ist das denn alles?

Junge, dürre Männer mit Röhrenjeans, die trotz Vollbart ihre weiblichen Seiten pflegen.

Geile Begriffe, merke ich mir. Durch schwule Modemacher wie Tom Ford, den ich sehr verehre, ist da ist ein mehrheitsfähiger Stil entstanden, für den Männer früher für verprügelt wurden, aber so ist eben die Mode. Selbst harte Burschen wie Mick und ich dürfen sich bisweilen emanzipiert geben. Wobei Mich im Grunde mehr den frühen Sechzigern als den späten Achtzigern entstammt wie ich, als viele Geschlechterklischees längst aufgebrochen waren.

Wo standen Sie damals, Ende der Achtziger?

Da wo ich heute stehe. Ich bin vielleicht älter geworden, aber eigentlich immer gleich geblieben. Nicht mehr so ein Heißsporn, bisschen gelassener vielleicht. Wobei sich diese Gelassenheit auch aus der Ernüchterung speist, die Welt wohl doch nicht verändern zu können. Man vermag höchstens in seinem unmittelbaren Umfeld zu wirken, das ist ein Trost. Als junger Mensch möchte man an der Ungerechtigkeit in der Welt schier verzweifeln, als älterer lernt man sie, hinzunehmen.

Ist das Resignation oder Weisheit.

Weder noch. Ich würde mir wünschen, dass es Weisheit wäre. Am Ende ist es die Erkenntnis, dass sich Machtverhältnisse potenzieren, aber selten zum Nutzen aller. Wer Machiavelli liest, lernt, dass das Streben nach Macht immer eine Triebfeder menschlichen Handelns war.

Sie lesen Machiavelli?

Hab ich schon vor 20 Jahren getan.

Klingt nach einem bildungsbürgerlichen Ansatz.

Ansatz ist das richtige Wort [lacht]. Wie vertieft das ist, müssen andere beurteilen, aber ich bin schon bürgerlich groß geworden. Mein Vater war Arzt, so sah auch das Umfeld aus und ähnlich ist mein heutiges. Dieses Milieu ist mir vertraut, auch wenn ich gern mal daraus ausbreche. Und es ist mir auch wichtig. Damit unsere Gesellschaft nicht auseinander fällt. Das Bürgerliche ist ein guter Platz, um darin zu leben. Ein verlässlicher.

Sollten Sie was Verlässliches wie Ihr Vater?

Das nicht, aber als Rettungssanitäter hab ich damit geliebäugelt. Dann wollte ich aber doch lieber herausfinden, ob mein Talent zum Schauspielen hinreichend genug ist, um daraus einen Beruf zu machen. Das hab ich an der Schauspielschule Bochum getan. Aber ich finde es immer noch komisch zu sagen, ich sei Schauspieler. Ich kann mich damit nicht richtig identifizieren. Ich spiele gern, entspreche aber nicht dem Typus dieses Berufs im Ganzen.

Inwiefern?

Mir fehlt die Ganzheitlichkeit, Schauspieler durch und durch zu sein, immer in Pose, großer Künstler, vor allem am Theater. Ich bin diesem Typus schon 1995 begegnet, als ich meine erste Hauptrolle hatte. Marivaux, Der Streit, eine Geschichte aus der Aufklärung, wo vier Jugendliche isoliert voneinander in einem adligen Garten aufgezogen werden, bis er den Zaun wegnimmt und alles seinen Lauf nimmt und total aus dem Ruder läuft, bis bei uns in Bochum am Ende alle in Zwangsjacken gelandet sind.

Welche Rolle hatten Sie darin?

Eine sehr archaische, etwas wilder als die anderen. Meine Figur war noch eher am Affen angelegt. Das Stück war sehr physisch und wurde komplett nackt gespielt.

Sie veräppeln mich grad…

Nein, nein. Das ist nachzulesen.

Hat das die Körperlichkeit Ihres späteren Spiels geprägt?

Ich glaube jedenfalls, dass uns der Körper ungeheuer beeinflusst. Je nachdem, welchen wir haben, gibt er uns eine Grunddynamik vor. Hinter der Lokomotive des Körpers hängen wir die Haltung, die wir darin einnehmen, gewissermaßen an wie Waggons. Es ist nicht der Verstand, der spielt, sondern der Körper, der daraus Gefühle macht.

Äh…

Der Verstand leistet zwar die Vorarbeit, indem er den Text so weit durchdringt, dass er begreifbar wird. Doch erst der Körper macht daraus Stimmungen, die das Publikum spürt. Text alleine ist blutleer. Sie können einen Kleist ohne Verstand nicht begreifen, aber erst der Körper gibt ihm Dynamik. Wenn Sie den Zerbrochenen Krug spielen [springt auf] und Ruprecht steht vor Richter Adam, kann man ihn so spielen [druckst leise und gebeugt herum] oder so [rezitiert lautstark und aufrecht]. Der Text ist der Gleiche, die Haltung steuert den Sinn. Mein Ansatz ist es da, nach Brüchen zu suchen, ob im Fernsehen oder auf der Bühne. Das mache ich manchmal auch beim Letzten Bullen. Wenn das Drehbuch sagt, er regt sich auf und kriegt so’n Hals, dann bleibe ich manchmal erst recht ganz ruhig und kontrolliert. Das ist viel spannender.

Aber Ihr breites Kreuz wird dadurch ja nicht schmaler.

Kriegt aber eine andere Präsenz. Das hab ich von Kleist gelernt.

Sind Sie heute überhaupt noch für ein Kleist besetzbar oder als Star kommerzieller TV-Ware fürs Theater verbrannt?

Na ja, rein pyhsisch komme ich langsam ins Dorfrichter-Adam-Alter, aber warum nicht? Spannender fände ich allerdings Macbeth, einen liebenswerten, loyalen Menschen, der plötzlich in Machstrudel gerät und zum Mörder wird. Einer, der sich um 180 Grad dreht. Oder ein Hamlet. Super!

Schön, dass Sie es sich selbst zutrauen, aber wie ist es mit den anderen – Regisseuren, Produzenten, dem Feuilleton?

Fragen Sie die! Aber gerade das Theater ist bereit und in der Lage, ums Eck zu denken. Dafür bringe ich eine Physis mit, dessen Versprechen sich irgendwann einlösen wird, ganz sicher. Ich hatte gerade ein Angebot vom Theater, bin aber zu sehr vom Fernsehen eingebunden. Man kann nicht überall zugleich sein, selbst mit meinen Schultern.

Der Letzte Bulle, montags, 20.15 Uhr, Sat.1

Es gießt!

fragezeichen_1_Im Fernsehen sind die Unterschiede zwischen Duschen und Starkregen marginal. Da hat viel mit Brennweiten zu tun. Und noch mehr mit Symbolik

Von Jan Freitag

Kameras von heute sind hoch entwickelt. Selbst im Laufschritt erzielen sie fast unbewegte Bilder, für dreidimensionale Effekte brauchen sie nicht mehr zwei Objektive, und die perfekte Tiefenschärfe in HD-Qualität schafft heute jedes Grabbeltischmodell. Fragt sich nur, warum Regen in Film und Fernsehen nur dann erkennbar ist, wenn er in Strömen fällt. Die Antwort klingt ein bisschen langweilig: Durchschnittsniederschlag bricht kaum Licht. Nicht genug jedenfalls, um ausreichend sichtbar zu sein. So sichtbar nämlich, dass er tut, was er eben tun muss. In handelsüblichen Dramaturgien wäre das: Dramatik erzeugen.

Denn wer glaubt, in fiktionalen Formaten diene Himmelwasser meteorologischen Kreisläufen, der Natur also, ihren Gesetzen, der hat wenig Ahnung vom Medium. Wenn es am Bildschirm tropft, läuft garantiert gleich irgendwer herbei, bleibt vor irgendwem stehen und fleht, nicht zu fliegen/fahren/gehen. Bitte! Und das wirkt triefnass nun mal eindrücklicher als bloß befeuchtet. So wie aufgespannte Regenschirme bei Beerdigungen, Tatortsicherungen im Krimi und Einsamkeit, vornehmlich in abgelegenen Tälern oder beim Campen. Weil nur krasse Gefühle telegen sind, gibt’s also exakt zwei Wetterlagen: grelles Licht und starker Regen. Aber Kameras von heute sind ja wetterfest.


Halligalli und Holzbaroninnen

Werbung, RFT Color 20, FernseherRücksichtnahme

Die Fernsehwoche, die war: 18.-24. Februar

Von Jan Freitag

Im Fernsehhumor ist Saturday Night (zumindest ohne Fever hintendran) ein Qualitätsmerkmal, weshalb es von solcher Tragweite war, dass mit Christoph Waltz der erste Deutschsprachler den gleichnamigen Klassiker (mit Night hintendran) moderieren durfte. Und zwar so erfolgreich, dass es als Omen für seinen Oscar galt, dessen Verleihung Pr7 in der Nacht zu Montag inkl. Warm-up runde 7 überdrehte, aber unterhaltsame Stunden zeigte. Für etwas weniger Güte stand Montag zuvor derselbe Begriff (plus Party-Report hintendran), mit dem RTL2 insistierte, von Werbepausen weit mehr zu verstehen, als vom Programm dazwischen. Aber das teilt der sinnärmste aller sinnfreien Kanäle mit seinem leidlich sinnigeren Muttersender, dessen Bachelor sich Stunden nach der sinnlosen Verpaarung mit der sinnentleerten Hochhackenbarbie Alissa trennte, was für RTL insofern Sinn ergibt, als sich das zwar nicht kürzer ausschlachten lässt, als ein intaktes Trash-TV-Paar, aber lauter.

Ein anderes Trash-TV-Paar heißt Thomas Helmer und Yasmina Filali. Zum Auftakt von Shooting Stars durfte es an gleicher Stelle von neunmalklugen Gören irgendwas Bühniges lernen, was ungelogen den Wesenskern der neuen Freitagsshow mit dem Untertitel Promis am Limit darstellt, deren Moderatorin Kate Abdo ungelogen wie die geliftete Mutter der Dauerkandidatin Silvie van der Vaart aussah. Dagegen wirkte Wetten, dass…? fast edel, auch wenn Markus Lanz in der Rüstungsmetropole Friedrichshafen das alte Quotenkriegsklischee widerlegte, er könne besser talken als Gottschalk. Kann er nicht. Können kann er Wikipedia-Wissen abfragen. Aber das kann er richtig gut. Weshalb die Show künftig auch Ich hab gelesen, dass…? heißen könnte.

Apropos Lesen: Wenn ZDF-Programmchef Thomas Bellut wie vorige Woche angedroht seinen Ableger für Anspruchsvolle mit kultur hintendran abwickelt, fällt eines der letzten Angebote für jene fort, die neben der Fernbedienung auch noch wissen, wie man ein Buch bedient.

Aussichtsplattform

Die Fernsehwoche, die wird: 25.2.-3.3.

Fernsehen kann gesprächig sein, wie Bauerfeind, jeden Montag um 21.30 Uhr bei 3sat. Es kann informativ sein, wie der Arte-Themenabend zur japanischen Mafia Yakuza am Dienstag. Auch mal spannend, wie beim DFB-Viertelfinale Bayern-Dortmund tags drauf denkbar. Sogar fiktional kreativ wie in der zarten Korruptionskomödie Eine Hand wäscht die andere (wieder Arte am Freitag). Oder retrospektiv, wie die tägliche Seriennostalgie á la Magnum  auf ZDFneo. Fernsehen kann also echt erbaulich sein.

Muss aber auch nicht.

Denn oft ist Fernsehen wie Pro7 am Montag, wo Joko und Klaas machen, was Joko und Klaas ständig machen, nur diesmal unterm denkbar dusseligen Titel Circus Halligalli, was zwar nahezu mit Neo Paradise auf einem Sender identisch sein dürfte, der sein Publikum nicht verachtet – aber egal: geht ja nicht um Inhalt, sondern um Markenkerne, Quoten, Werbung. Deshalb läuft die lausige Krimiadaption Schneewittchen muss sterben nach Nele Neuhaus’ Bestseller zum Wochenauftakt zur besten Sendezeit im ZDF. Deshalb darf Christine Neubauer Dienstag auf gleichem Kanal als Holzbaronin erneut zeigen, dass ihr darstellerisches Talent jedes Schultheaterniveau unterbietet. Deshalb wird ein dämlicher Society-Roman der Bild-Chef-Gespielin Katja Kessler parallel bei Sat1 zum Filmevent namens Herztöne aufgeblasen. Deshalb nötigt RTL acht Paare zu 7 Tagen Sex vor der Kamera und verkauft die Mittwochsspannerei als dokumentarische Aufarbeitung ehelichen Libidoverlusts. Deshalb bittet Heidi Klum ihre bulimischen Zuchtgören zum Auftakt von Germany’s Next Top Model ab Donnerstag erst mal in Highheels zum Wüstenshooting.

Wegen alldem rät freitagsmedien jetzt mal als televisionäres Antidepressivum ausnahmsweise zu einer Wiederholung: The Royal Tenenbaums, Donnerstag, kurz nach zehn auf 3sat. Vielleicht lässt sich die tägliche Groteske des aktuellen TV-Pogramms ja mit einer Einzelgroteske von 2001 kontern.


Der große Sounddreck

Von Filmtönen in Tonfilmen

Der Ton führt auf Bildschirm und Leinwand ein Nischendasein. Und das, obwohl er immer lauter wird. Jan Freitag über die Hassliebe zum Filmgeräusch

Von Jan Freitag

Wer beim Zusehen nicht auf den Ohren sitzt, der kann, der muss es hören. Es gibt kein Entkommen: eine Katze, die kreischend aus dem Dunkel springt, wo auch das Böse hockt; jener Bass, der jedes Ereignis ankündigt und mit dem das ZDF Zeitgeschichte zum Event aufbläst; das Käuzchen, das notorisch aus dem Wald ruft, sobald bei Wallace der Landsitz im Nebel auftaucht. Dies alles Dräuen, Dröhnen, Detonieren, die Geigen, Trommeln, Soundkaskaden, das Brodeln und Glucksen, Hauen und Stechen, Reifenquietschen und Bangboombang – schon merkwürdig, bei einem visuellen Medium.

Doch rein visuell ist es eben nicht nur, meinen die Musikwissenschaftler Frieder Butzmann und Jean Martin. Jeder Blockbuster, jede  Dokumentation, jedes Fernsehspiel, heißt es in ihrer famosen Ode an den Ton namens Filmgeräusche, sei “ein kleines Paralleluniversum” sensorischer Eindrücke abseits von Dialog und Schauwert. Deshalb ersetzen sie den sinnlich limitierten Zuschauer durch ein Kunstwort: “Sehhörer”.

Sehhören wir uns also mal durch Kino und TV, werfen wir einen Hörblick in die Geschichte gedrehter Geschichten – und siehe da: Selbst Stummfilm war ohne Ton undenkbar. Man mag ihn zwar vornehmlich als Begleitmusik erleben, der im Idealfall echter Soundtrack statt Klangsoße ist und dann am besten, “wenn man sich nicht an sie erinnert”, wie die Medienforscherin Claudia Gorbman in Narrative Filmmusik schreibt. Doch Ton ist so viel mehr als bloß Untermalung. “Ton ist der halbe Film”, sagt mit George Lucas einer, dessen Star-Wars-Trilogie neue Wege des Sound Engineering ging, in der das Geräusch endgültig vom Nebendarsteller zur Hauptfigur wurde.

Ton ist ein Telefonklingeln, das im Thriller drängender, eben bedrohlich klingt, wenn es der Angerufene fürchtet. Ton ist ein Gewitter, dessen Donner den Blitz überholt, wenn sich der T-Rex bei Jurassic Park mit zitternden Pfützen ankündigt. Ton ist große Oper, wenn Tarantinos Songs mit den Szenen reden. Ton ist das utopische Computerfiepen im Hackerfrühwerk War Games und das dystopische Rechnerraunen der Matrix-Trilogie. Ton ist das infernalische Schlachten im Soldat James Ryan, das jede Kugel im Helm der Invasoren spürbar macht, er ist aber auch die Stille nach dem Schuss. Wenn alles wie in Watte wirkt.

Ton hat also nur bedingt mit Geräusch zu tun. Deshalb zeichnen im Abspann von The Artist 17 Experten dafür verantwortlich, obwohl erst im Finale mehr als Musik ertönt. Guter Ton glänzt also auch durch Abwesenheit. Umso lästiger wird das Leitmotiv schlechten Tons: Redundanz. Im Sperrfeuer akustischer Reizkanonaden geht es immer seltener darum, Handeln zu orchestrieren, Stimmungen zu evozieren, geschweige denn Realitäten abzubilden; der zeitgenössische Soundbrei soll wie manch visueller Effekt von Zappelschnitt bis Shutter-Technik das Denken dimmen; wer Massenware zwischen Piraten der Karibik und Sat1-Romanze sehhört, könnte glatt meinen: abzuschaffen.

Denn ob Phonem, Musik, Geräusch – kaum etwas bleibt unerzählt. Der Hindenburg droht bei RTL das Ende? Ein subkutanes Grollen zeugt davon ab Sekunde eins! Im Herrn der Ringe droht Mittelerde das Aus? Dem Ohr droht neun Stunden Tinnitus-Gefahr im Geigenhagel! Vaders Todesstern platzt? Ein gewaltiger Knall hallt durchs lautlose All! Ein Protagonist wird eingeführt?  Da nennt er gleich mal ungefragt Name, Alter, Filmfunktion! Gegen die Kakophonie übereifriger Tonmeister sind Inhalte zusehends chancenlos. Und seit der ZDF-Historiker Guido Knopp Zeitgeschichte eventtauglich machte, erinnert auch das Dokumentargenre an Wagneropern. Das Schallspektakel duldet keine Stille.

Deshalb gerät selbst leichtes Nieseln via Dolby Digital zu Starkregen, Papier rauscht wie Wellblech, Spaziergänge erinnern an Stechschritt, jede Bewegung erhält einen suggestiven Sound. Wenn ein vorbeihuschender Schatten die Angst der Tatort-Kommissarin im Parkhaus verdinglicht, erklingt eine virtuelle Pauke, und wenn sie zufällig den Täter passiert, ein sinistres Hauchen. Schwenkt die Kamera andernorts über Istanbul, ruft zwingend der Muezzin, und wo Bud Spencers Hiebe an Bauchklatscher erinnerten, landet Bruce Willis’ Faust nun am Kopf wie ein ICE im Turnmattenstapel. “Getrennt sind Sehen und Hören nur im Blindsein oder Taubsein”, sagt der Filmexperte Jürgen Palmer. Fusioniert aber beides zu bloßer Effekthascherei, fehlt für die lästige Frage nach dem Sinn genau der.

In diesem Spannungsfeld wird heute der nächste Nachfolger von Douglas Shearer gesucht, dessen Hölle hinter Gittern 1930 den ersten Oscar dieser Kategorie gewann. Mit Argo oder Life of Pi ist jedoch wie üblich optisch aufwändiger Radau favorisiert, dessen Bombast von Skyfall noch übertroffen wird, der Ton nicht als Empfindungshelfer versteht, sondern als Wahrnehmungspolizei, die einschreitet, sobald eigenes Denken den dramaturgischen Masterplan belästigt.

Dabei geht es auch anders. Das Grundrauschen in David LynchsEraserhead zeigt, wie Ton seinen eigenen Klangkosmos abseits visueller Wirklichkeiten herstellt, und das von Kubricks 2001, wie wenig Laute lärmen können. In Being John Malkovitch wird der schleichende Egoverlust im Kopf des Hauptdarstellers wie unter Wasser gefilmt verdeutlicht, und wenn sich die Figuren der letzten Lückenlasser des deutschen Films von Christian Petzold bis Dominik Graf in ihren Lebensentwürfen verirren, bleibt fürs Ohr oft nur lautes Atmen. Der Rest ist Interpretation – ein Wort, das man von ProSieben bis Spielberg nicht so gerne hört.

Aus ZEIT-Online: http://www.zeit.de/kultur/film/2013-02/oscar-filmgeraeusche-sound-effects


7 Fragen an … DB-Sprecher Reinhard Boeckh

Logo-Deutsche-Bahn-300x212Die zweite Jahreshälfte

Bahnsprecher Reinhard Boeckh

Von Jan Freitag

Eigentlich sollten hier die Antworten auf 7 Fragen an die Deutsche Bahn stehen. Eigentlich hätte die gewaltige DB-Pressestelle auch genug Zeit dazu gehabt. Eigentlich, könnte man meinen, würde eine(r) der mindestens zwei Dutzend Konzernsprecher(innen) schon zehn Minuten Zeit finden für ein paar erhellende Worte zu folgenden Anliegen:

1. Warum „erhält“ ein Zug „Einfahrt“, statt einfach „einzufahren“?

2. Warum gibt es auf den Toiletten der DB-Züge keine Klobürsten?

3. Warum ist die Seife aus Pulver?

4. Wie setzt ein Zugangsberechtigter einen Bahn-Comfort-Platz durch, wenn alle besetzt sind?

5. Welcher deutsche Topschauspieler war noch nie auf dem Cover von mobil?

6. Hat Hartmut Mehdorn eine 1. Klasse Bahncard-100 auf Lebenszeit und falls ja: warum?

7. Was sind die drei beliebtesten DB-internen Wortspiele zu Bahnchef Rüdiger Grube?

Keine komplizierten, geschweige denn kompromittierenden Fragen, weder Staatsbahngeheimnisse noch Betriebsinterna betreffend, nichts Anrüchiges also oder sonstwie Unangenehmes. Das Gespräch lief dann aber sinngemäß doch wie folgt ab:

Reinhard Boeckh: Herr Freitag, wir können Ihnen die Fragen gern beantworten, aber nicht jetzt sofort.

freitagsmedien: Oh, schön, wann denn dann?

Zweite Jahreshälfte.

Bitte?

Vorher geht’s nicht, keine Chance.

Sie finden in den nächsten fünf Monaten niemanden in Ihrer Pressestelle, der zehn Minuten Zeit für sieben unkomplizierte Fragen findet?

Herr Freitag, wenn Ihnen das nicht reicht, können wir das Interview auch ganz lassen.

Nein … äh … danke … also … melde ich mich … im Sommer.

Das wäre nett. Danke. Auf Wiedersehen.


Friedemann Fromm, Hamburg 2013

Mich stresst das Bombastische

Interview: Jan Freitag

Friedemann Fromm (im Bild links) mag zeithistorisches Fernsehen. Für die Vorwendeserie Weissensee hat er nationale Filmpreise geerntet, für den Nachkriegsvierteiler Die Wölfe gar internationale, jetzt dreht der frühere Tatort-Regisseur, was hierzulande jeder seines Fachs früher oder später mal dreht: Irgendwas mit Nazis. Allein – sein Reichstagsbrand-Drama Nacht über Berlin (20. Februar, 20.15 Uhr, ARD) ist weit besser als alles, was zuletzt über diese Zeit gefilmt wurde. Und das, obwohl der 49-jährige Schwabe eigentlich lieber die Drehbücher seines älteren Bruders Christoph als wie hier ein eigenes

freitagsmedien: Herr Fromm, ist Nacht über Berlin ein Film über den Reichtagsbrand oder bloß mit ihm?

Friedemann Fromm: Weder noch. Es ist einer, der den Reichstagsbrand ans Ende einer Entwicklung stellt und dessen Wirkung aus der Zeit heraus erzählt: die Schwäche der Republik, die Verachtung der Demokratie, die Entschlossenheit einer handelnden Gruppe und die Schwäche ihrer Gegner. Erst in dieser Gemengelage erhält das Feuer seine wahre Relevanz, ohne gleich die Hauptrolle zu spielen. Deshalb wollen wir auch nicht erklären, wer letztlich das Streichholz gelegt hat.

Bei Ihnen ist es doch Marinus van der Lubbe zu sein, der dafür hingerichtet wurde?

Nicht eindeutig. Denn wir verwenden nur Fakten, die aus unserer Sicht unwiderlegbar sind, also ziemlich wenige. Der Film erzählt von Möglichkeiten, und dafür ist viel entscheidender, dass der Reichstagsbrand den Weg in die Diktatur unmittelbar geebnet hat. Es gab ja direkt danach die ersten Massenverhaftungen.

Und so wie der Reichstagsbrand für die Nazis bloß Vehikel war, ihre Politik durchzusetzen, ist er, überspitzt gesagt, für Sie bloß ein Vehikel, ihre Lovestory zu erzählen…

Ich brauche doch keinen Reichstagsbrand, um Lovestorys zu erzählen; dann gäbe es ja nicht allzu viele. Aber es ist auch völlig legitim, ein historisches Ereignis mit einer Liebesgeschichte zu verknüpfen und die Historie in der Geschichte meiner Protagonisten zu spiegeln.

Was ist dabei wichtiger: die Emotionalität oder die Authentizität?

Beides gleichermaßen. Ich habe freue mich sehr, dass mir Historiker versichern, die Atmosphäre und Gewalt in den Straßen sei glaubhaft dargestellt. Aber genauso braucht die Liebe emotionale Authentizität, sonst wäre es bloß eine Schmonzette. Trotzdem hatte ich nie den beinahe dokumentarischenAnspruch wie bei Die Wölfe. Es ist ein zutiefst fiktionaler Film im historischen Rahmen.

Sind Sie denn grundsätzlich geschichtsinteressiert?

Ich bin zwar im weitesten Sinne ein Bildungsbürger, aber historisches Interesse übers Schulwissen hinaus wurde bei mir erst durch den Beruf geweckt.

Und scheint nun eine Art Steckenpferd zu sein.

Ich mag jedenfalls den Kontrast subjektiver Belange zur objektiven Realität, denn im wahren Umfeld wächst die emotionale Fallhöhe, etwa die Beziehung der Hauptfigur zu einem Juden. Heute hätte das kaum Relevanz, damals war es eine Entscheidung auf Leben und Tod, ob bewusst oder nicht. Insofern kann man im historischen Film Manches klarer erzählen. Auch wir müssen uns in 30 Jahren ja von unseren Kindern vorwerfen lassen, vieles nicht erkannt zu haben, was auf der Hand lag. Davon abgesehen macht es handwerklich großen Spaß, solche Welten zu kreieren.

Ist es da eine bewusste Entscheidung, dass Sie sie anders als im Genre üblich mit eher leisen Tönen kreieren?

Absolut, auch visuell – selbst die Kamera hält sich ja zurück, weshalb es auch nur eine einzige Kranfahrt gibt, kaum Totalen, wir bleiben konsequent am Boden, auch erzählerisch. Jeder Film hat seine Berechtigung, aber historische TV-Events müssen mittlerweile fast gesetzmäßig überfrachtet sein. Mich stresst das Bombastische auch als Zuschauer, weil es mir die Freiheit zur Interpretation nimmt – auch, wenn man so im Zweifel mehr Zuschauer kriegt.

Sind Ihnen die unwichtig?

Nein, auch ich will natürlich, dass man meine Filme sieht. Deshalb fühle ich mich so wohl im Fernsehen, weil dort selbst ein Flop mehr Zuschauer hat als ein Megaerfolg im Kino. Trotzdem nehme ich lieber in Kauf, einige weniger zu haben, als mich zu verbiegen und meine Filme mit Effekten, Kitsch und Krach zu überfrachten.

Muss man dafür mit Redakteuren und Produzenten kämpfen?

Ach, ich mache ja kein Geheimnis aus dem, was ich gerne möchte, sodass man immer schnell weiß, ob man zusammen passt. Ich bin ein großer Freund von Klarheit. Wenn man mich also für eine andere Art Film bucht, mir das aber deutlich sagt, hätte ich auch mal Spaß am Bombastischen. Ich gehe immer mit offenem Visier in die Verhandlungen, vielleicht muss ich deshalb so selten kämpfen.

Auch nicht ums Ende, das – ohne es vorweg zu nehmen – ungewöhnlich ist?

Doch, daher war der anfangs auch leichter. Aber wir waren uns schnell mit dem Sender einig, dass der Schluss wehtun darf, dafür aber länger nachhallt. Glatte Happyends haben selten Substanz, das ist mein Prinzip, auch als Autor.

Würden Sie sich als Autorenfilmer bezeichnen?

Schon deshalb nicht, weshalb ich letztlich aus der Not heraus wieder zu schreiben begonnen habe. Ich wollte weg vom Krimi, aber als Autorenfilmer müsste ich meine Filme auch noch selbst produzieren.

Und die Resonanz der Publikums völlig ignorieren.

Stimmt [lacht], das sagt man so. Aber letztendlich geht es doch immer um Authentizität – auch als Filmemacher. Ich habe noch nie einen Film gemacht, für den ich nicht einstehen konnte. Ich würde heute einige anders machen, kann aber zu jeden stehen.

Ist Filmemachen nicht Kompromissemachen?

Für mich ist Filmemachen wie eine Zwiebel. Es gibt den unverhandelbaren Kern, sonst gehe ich raus. Drumherum liegen die wichtigen, aber verhandelbaren Schichten. Außen ist die Schale, die man verwerten kann oder nicht. Ich lebe ja nicht autark. Die Zeiten, wo Fassbinder einem ängstlichen Produzenten sein Script auf Butterbrotpapier hinklatscht und jeden Etat dafür kriegt, sind vorbei. Heute ist allen klar, dass Filmemachen vor allem mit Respekt zu tun hat. Filmemachen ist Kommunikation.

Sie scheinen da besonders gern mit Ihrem Bruder zu kommunizieren, der Ihnen schon mehrere Drehbücher geliefert hat.

Es ist einfach toll, mit meinem Bruder zu arbeiten. Die Arbeitswege sind kurz, die Reibungsverluste gering, das schätze ich sehr.

Gibt es da ein Ranking – er als Älterer, Sie als Erfolgreicherer?

Alter spielt mit jedem Jahr mehr eine geringere Rolle. Ansonsten gibt es höchstens verschiedene Kompetenzen. Christoph recherchiert genauer, fast akribisch, ich bin der emotionalere Typ, da ergänzen wir uns blendend.

Ansonsten arbeiten Sie scheinbar nur noch mit einem Autoren lieber zusammen: sich selbst. Haben Sie gern die Kontrolle?

[lacht] Schon, aber dafür steht man ja auch voll in der Verantwortung, zeigt viel mehr von sich selbst, kann niemanden außer sich in Haftung nehmen. Außerdem kann ich mich Gott sei dank am Set komplett von meinen eigenen Büchern lösen. Es hat also weniger mit Kontrolle als mit Freiheit zu tun, Themen selber setzen zu können und Wege einzuschlagen, die andere nicht gehen wollen. Das Angebot guter Drehbücher ist ja nicht grenzenlos…

Sie sind also kein Kontrollfreak?

Bis zu einem gewissen Grad muss ein Regisseur Kontrolle ausüben, aber für meinen Beruf bin ich da noch harmlos.


Aber Mutter!

fragezeichen_1_Wer seine Mutter Mutter nennt und Vati Vater, ist entweder adelig, unterkühlt, Louis van Gaals Tochter – oder im Fernsehen. Mama sagen darin nur Kleinkinder.

Von Jan Freitag

Die ersten Worte sind selbst im Labermedium Fernsehen selten zu hören. Und wenn es doch mal frühkindlicher Artikulationsversuche zeigte – Babys würden nicht Mama sagen, sondern Mutter. Den Eindruck jedenfalls erweckt das aktuelle Programm, wo Kinder, sobald sie flügge sind, sprachliche Distanz zu ihren Erzeugern aufbauen. „Aber Mutter!“, dröhnt es durch Pilcher-Schnulzen, „Vater, bitte!“, durch jeden „Tatort“. Ja, wo leben wir denn?

Antwort: In der Vergangenheit! Denn im Mutter/Vater pflegt der Bildschirm auch als Flatscreen seinen Alterskonservatismus. Wo sich selbst blutjunge Paare, wie in Soaps, beharrlich „Schatz“ nennen; wo grundsätzlich, wie bei Inga Lindström, in weiß geheiratet wird; wo Königshochzeiten, wie in ARZDF, als relevante Ereignisse behandelt werden und das Restprogramm wie der Hausfunk eines Seniorenstifts, da sucht man auch semantisch die Nähe zu den Fünfzigerjahren.

Denn in denen hatte es sich schließlich geziemt, Eltern formal korrekt, emotional aber leicht unterkühlt anzureden. Damals, als das Gras noch grüner war und Vater Herr im Haus. Als Moral, Sitte, Anstand intakt waren und Mütter am Herd einfach glücklicher. Klingt nach Dr. Kleist? Komisch…


Pferdefleisch und Promitainment

Werbung, RFT Color 20, FernseherRücksichtnahme

Die Fernsehwoche, die war: 11.-17. Februar

Von Jan Freitag

Die Tagesschau funktioniert nach ziemlich festen Regeln. Nationale News vor globalen. Relevanz vor Entertainment. Politik vor Wirtschaft. Vor Kultur. Vor Sport. Vorm Wetter.  Und nie länger als 200 Sekunden pro Beitrag, es sei denn im Katastrophen- oder Weltmeisterfall. Man muss das wissen, um die Nachrichten der Vorwoche zu verstehen. Denn eigentlich ist Freitag wenig passiert, als ein Himmelskörper an der Erde vorbei flog und ein anderer zwar in Russland einschlug, aber auch nicht größer war, als zahllose anderer pro Jahr – nur eben öfter im Bild. Trotzdem fraßen beide fast die Hälfte der Tagesschau, gefolgt von viel Pferdefleischskandal, der so skandalös ist wie, sagen wir: ein herkömmliches Mettbrötchen. Oder Natascha Kampusch im Talksessel, wo Günther Jauch scheinbar ergriffen, am Ende aber doch nur höchst entertainmentbewusst Hass-Briefe ihrer Landsleute an sie verlas, um zu zeigen, wie fies Österreicher so sein können, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, dass Patrioten generell gern Opfer zu Tätern machen, sofern die Tat ihrem Heimatland im Ausland Schande bereitet. Was wiederum zeigt: Information soll im Fernsehen vor allem unterhalten, also tun, was Karneval dort nie täte.

Umso erstaunlicher, dass es auch 2013 bis Aschermittwoch tagelang voll davon war, nahtlos fortgesetzt von Unser Song für Malmö, der die Suche im Misthaufen ESC-tauglicher Musik als LSD-artigen LED-Fasching konzipiert, der sogar Mainz bleibt Mainz Freitag zuvor noch an Armseligkeit unterboten hat. Bemerkenswert immerhin ist, dass die Unterhose der Sängerin des Siegers Cascada selbst aus der Vogelperspektive noch gut unterm Minirock einsehbar war. Bei so viel Unrat am Bildschirm muss man einer Serienfigur ja beinahe nachtrauern, die Freitag zur letzten Staffel Ein Fall für zwei antrat: Claus Theo Gärtner, der als Privatdetektiv Matula in 32 Jahren 300 Folgen für wechselnde Anwälte auf Blutkapseln biss. Wir werden ihn vermissen. Sobald er weg ist. Vielleicht.

Aussichtsplattform

Die Fernsehwoche, die wird: 18.-24. Februar

Mit Mystery holt man seit Akte X eigentlich keinen Hund von Baskerville mehr hinterm Fernsehofen hervor. Bei der Vox-Serie Grimm indes stellen sich sogar dem mal kurz die Nackenhaare auf. In Portland, so der Kurzinhalt, haben all jene Monster der klassischen Märchenwelt Unterschlupf gefunden, denen dort einzig die Nachfahren der titelgebenden Gebrüder Paroli bieten. Das ist so bizarr, so kreativ und dabei für Genreverhältnisse recht zurückhaltend orchestriert, dass man es ab Montag, 20.15 Uhr, nicht nur müde zur Kenntnis nimmt, sondern aufgeregt einschaltet. Das lässt sich auch über die nächste Ausgeburt öffentlich-rechtlichen Event-Fernsehens mit Nazifokus sagen: Nacht über Berlin heißt die Geschichtsstunde am ARD-Mittwoch, und sie klemmt natürlich eine dampfende Lovestory über den Reichstagsbrand von 1933, das aber frei von süffigen Klischees, dafür mit einem echt überraschenden Unhappyend im erwartungsfreien Historytainment.

Dem überraschungsfreien Medicaltainment fügt Dr. Monroe ab Donnerstag auf Arte dagegen wenig wirklich Unerwartetes hinzu: Die Titelfigur ist ein brillanter Soziopath, nur ohne Krückstock. Aber immerhin darf er anders als Dr. House ein leidlich intaktes Privatleben haben. Kommen wir also zum Kernstück des neuen deutschen Fernsehens: Promitainment. Davon kippt uns RTL ab Freitag gleich zwei neue Formate hintereinander ins Abflussrohr schlichter Gemüter: Erst bringen Shooting Stars vermeintlich berühmte TV-Gewächse wie Sylvie van der Vaart an ihre Grenzen, dann müssen bei Es kann nur E1NEN geben noch vermeintlich berühmtere TV-Gewächse à la Bürger Lars Dietrich Tat oder Wahrheit spielen. Oder so.  Auch egal. In beiden Fällen will ohnehin niemand mit mehr als drei Büchern im Schrank wissen, um was genau es eigentlich geht. Da freut man sich doch fast ein bisschen mehr auf Wetten, dass…? am Samstag.


Der Zeitmillionär

Daniel Puntas Bernet

Herausgeber von Reportagen

Daniel Puntas Bernet liebt Journalismus, er liebt auch Belletristik, vor allem aber liebt er die Quintessenz aus beidem: eine gute Reportage. Deshalb gibt der Schweizer das einzige deutschsprachige Magazin des Genres heraus. Ein Besuch seiner Redaktion in Bern, die fast so schwer zu finden ist wie schöne Reportagethemen.

Von Jan Freitag

Zeit. Sie ist das Wesen, sie ist der Grund und Zweck von allem, auch im Journalismus. Zeit gilt ja ohnehin längst als wertvollste Ressource unserer Tage, so kostbar, so rar, dass sich nur, wer darüber verfügt, reich nennen darf. Wer Zeit bloß totschlägt, sagt der Volksmund, begehe Selbstmord, wer sie sinnvoll nutzt, der feiere das Leben.

Man muss sie sich also nehmen, die Zeit, denn ohne wird alles Handeln wertlos und arm. Daniel Puntas Bernet ist so gesehen Millionär und Bettler in einem. Der Verleger mit dem zufriedenen Lächeln handelt förmlich mit Zeit und hat davon doch viel zu wenig. Er druckt sie auf schönes Papier, bindet es in gediegenes Leinen, verkauft das Ensemble für stolze 15 Euro pro Stück, verdient damit am Ende dennoch recht wenig und ist doch unter seinesgleichen eine Art Krösus. Denn wenn er von irgendetwas reichlich hat, dann ist es Zeit – nur dass er sie anderen auszahlt, nie sich selbst. „Mein eigenes Zeitkonto“, sagt er und wirkt keinesfalls erschöpft, „ist bei 60 Stunden Arbeit aufwärts die Woche meistens ganz schön leer“.

Daniel Puntas Bernet, dieser seelenruhige Schweizer mit der sanften Stimme, er gibt das einzige Magazin im deutschsprachigen Raum heraus, in dem Zeit nun wirklich keine Rolle spielt und gleichsam die wichtigste. Reportagen heißt es so unprätentiös wie sein monochromes Cover daherkommt. Es ist ein anmutiges Zweimonatsheft im Buchformat, eine bildgewaltige Weltumseglung ohne Foto, ohne Schnickschnack, nichts als Text, viel Text, angereichert nur um ein paar simple Grafiken hier und schwarzweiße Illustrationskunst dort. „Das Wesentliche eben“, sagt sein Herausgeber, Macher, Finanzier: Mal sechs, mal sieben Versionen der journalistischen Königsdisziplin, verteilt auf gut 120 Seiten. Eine gehaltvoller als die vorige, inhaltlich keine wie die nächste, ein themensatter Mix jenseits aller Konventionen.

Da gibt es die Geschichte vom kinderlosen Ehepaar aus Persien, aufgeschrieben vom Nachbarn, der die Odyssee einer künstlichen Befruchtung über alle Vorbehalte der Scharia, alle behördlichen Widerstände und Männerbefindlichkeiten hinweg schildert, ohne einen einzigen Zeitzeugen zu befragen, mehr eine Novelle, nur dass sie der Realität entspricht. Da gibt es die epische Erzählung aus dem finanzkrisengebeutelten Irland, die sich inmitten des Kollapses ums Aufstehen, nicht ums Niedergehen dreht. Da gibt es Krebsdramen, die Tränen der Rührung erzwingen, und Clubschiffverrisse, bei denen es die des Lachens sind. Es gibt, sagt Daniel Puntas Bernet, keine Kriterien, keine Gesetze, nicht mal Regeln bis auf diese: „Alles außer Fiktion, alles außer Oberflächlichkeit.“ Schluss mit der Norm.

Die Standardreportage – szenischer Einstieg, Vorstellung relevanter Personen, Vertiefung des Thema in Richtung Problematik, Anhörung von Experten, Synthese im Finale, möglichst als Happyend – gleiche bisweilen ja doch Sat1-Melodramen, sei also leidlich unterhaltsam, aber leicht durchschaubar. Um nicht missverstanden zu werden: „Ich liebe gut gemachte Texte mit gewöhnlichen Mitteln“. Nur – die kriege man auch andernorts. Der Schöngeist im Reporter Puntas will allerdings mehr als Entertainment: eine Weltsicht nämlich zwischen den Zeilen statt blanker Kommentare, persönliche Eindrücke statt nackter Fakten, ein Stück Wahrhaftigkeit in der Belletristik. Und umgekehrt.

Daniel Puntas Bernet denkt umfassender als wesenverwandte Ressorts – inhaltlich, stilistisch, ästhetisch. Er rührt gefühlte zehn Minuten im Kaffee, versonnnen, aber hochkonzentriert, als er seinen verlegerischen Ansatz schildert, für den der Redakteur vor zwei Jahren eine sichere Stelle bei der Neuen Züricher Zeitung aufgab und mit ihr eine solide Gegenwart: Es gehe ihm ums Große Ganze Besondere, nicht um Aktualität, gar Chronistenpflicht. Reportagen sei folglich weit mehr als Lückenbüßer der wachsenden Leerstelle im Zeitschriftensegment. Ganz kurz ist hier mal der Verkäufer im Erzähler zu hören, wenn Puntas Bernet beteuert: „Wir vereinen das Beste aus Journalismus und Literatur.“

Verfassen lässt er es von Stars des Genres und Nachwuchsreportern, von großen Namen und kleinen Talenten, Schriftstellern oder Reportern, von Sibylle Berg also ebenso wie von Ruedi Leuthold oder auch mal einem Ernest Hemingway, Gattung: historische Reportage. Jedenfalls von echten Überzeugungstätern. „Sie sollten natürlich ihr Handwerk beherrschen“, sagt ihr wählerischer Auftraggeber. Dazu selbstredend brillant schreiben können und versiert recherchieren, ergänzt er das Anforderungsprofil für die rund 40 Druckplätze im Jahr. Außerdem, verstehe sich, überbordendes Interesse zeigen und ein Übermaß an Hingabe, Empathie, vor allem die.

Sie sollten also all das in ihre sprachlichen Kaleidoskope stecken, was Daniel Puntas Bernet von sich selbst erwarten würde, hätte er nur die Zeit. „Wer nicht mindestens zwei Wochen in die Recherche stecken mag und nochmals das Gleiche in Vor- und Nachbearbeitung“, hier legt sich die sonnengebräunte Stirn des Mittvierzigers fast feierlich in Falten, „der ist bei uns fehl am Platze.“ So viel Aufwand lässt er sich schließlich einiges kosten. Reportagen ist in der Herstellung fast so teuer wie im Handel, teuer ist es aber vor allem für ihn selbst. Puntas, macht er in seinem winzigen Büro mit Blick aufs Berner Bundeshaus glaubhaft, verdiene nur so viel an seinem Baby, dass es für Miete und Essen reiche. Nach eineinhalb Jahren trage es sich ja nicht mal annähernd allein.

Das halbe Dutzend ganzseitiger Anzeigern Schweizer Uhrenhersteller, österreichischer Tourismusvereine oder befreundeter Printmedien liefert bestenfalls die finanzielle Grundierung des Kleinunternehmens. Eine Handvoll Redaktionsmitglieder – drei Landsleute samt des deutschen Büroleiters Hannes Grassegger – werden eher ad hoc als geregelt beschäftigt. Puntas Bernets Frau Rocío, „ohne die hier gar nichts liefe“, arbeitet wie ihr Mann eher nach dem Prinzip Selbstausbeutung als Ertragsdenken. Richtig verdienen „tun eigentlich nur die freien Autoren“. Das allerdings nicht schlecht.

3000 Franken pro Auftrag, eher mehr. Je nach Umfang, Aufwand, Dauer, je nach Popularität und Renommee, das auch. Einen Roger Willemsen, um den er ein Jahr buhlte, bis der seinen Reisebericht „In Transit“ beisteuerte, könne man sich eigentlich gar nicht leisten, noch nicht. „Aber auch für ihn kommt das Salär von Herzen“. Gehe es doch in Reportagen nur um dies: geografisch, sprachlich, thematisch breit streuende Texte von Weltrang. In den Produktionsphasen werden die zwar von bis zu 20 Personen – Layouter, Korrektorat, Techniker, Teilzeitkräfte – verwaltet; doch neben seiner rechten Hand (und ein Stück der linken) Christa Bless, heißt die einzig echte Vollzeitkraft der Puntas Reportagen AG: Puntas.

Der stopft gerade das aktuelle Heft, Aufmacherthema: „Käufliche Freiheit“, eigenhändig in braune Versandumschläge, als er zum Gespräch hoch zum – kein Witz – 2 ½. Stock im Käfiggässchen 10 bittet, die tatsächlich so klein ist, wie ihr Name suggeriert. Zwei schmucklose Räume nutzt der Chefredakteur und Chefsekretär, Vermarkter und Versender plus Mädchen für alles in Personalunion zwischen zwei Etagen. Zur Untermiete, sagt Puntas und hält die Hände ein wenig wie Angela Merkel vors blaue Oberhemd, als er die Synergieeffekte verteidigt. Die Reiseagentur Globetrotter, an dessen Briefkasten ein unscheinbarer Aufkleber auf den Untermieter verweist, verhilft dem klammen Puntas nicht nur zu billigen Räumlichkeiten, sondern zu mancher Spesenersparnis.

Reportagen sind eben aufwändig, langwierig, abseitig und bei allem Einsatz nur dann lukrativ, wenn sie auf den Premiumplätzen der Branche residieren: Die Seite 3 der Süddeutschen oder ganze Ausgaben der Geo, das Dossier der Zeit oder das Titelthema des Spiegel – so heißen hierzulande die periodischen Lektüreinseln mit voller Aufmerksamkeit, vollem Renommee und, nun ja: halbvollen Kassen. Allerdings liegen sie in einer Medienlandschaft, die ihre langen Strecken, wie Daniel Puntas Bernet beklagt, „zusehends ausdünnt“.

Er klingt dabei nicht traurig, eher leise trotzig und vor allem: hoffnungsfroh. Das ist sein Naturell. Denn wenn auf dem Zeitungsfriedhof Amerika vier mächtige Reportagemagazine vom Esquirer über Atlantic bis Harpers und New Yorker überleben, wenn sich die Pariser Ikone XXl allein in Frankreichs Buchläden zehnmal besser verkauft als Reportagen insgesamt, wenn es ähnliche Blätter in Italien und England gibt, halb Südamerika, gar Indien – warum dann nicht auch in Deutschland?

Nach dem raschen Aufstieg und Fall der SPIEGELreporter um die Jahrhundertwende gab es zwar keinen analogen Anlauf im verwaisten Genre, das weiß auch Daniel Puntas Bernet. „Aber ich neige dazu, nicht zu akzeptieren, dass die Leser unseres Sprachraums nur nach Fastfood verlangen.“ Gut 7000 Käufer, jeder vierte davon im hiesigen Klein- und Bahnhofsbuchhandel, geben ihm ein Jahr nach der Nullnummer durchaus Recht.

Es gibt sie also, die anspruchsvolle Zielgruppe mit dem Verlangen nach Niveau, Haptik und jener dramaturgischen Härte, die das Genre noch immer prägt. Puntas sträubt sich fühlbar, sie zu skizzieren, aber gut, seine Kundschaft sei tendenziell männlich, gut situiert und jenseits der 40. Er wisse aber auch von Digital Natives unter 30, die im multimedialen Kreuzfeuer nach einem Gegenpol suchen. Dass sich seine Klientel eher bei Manufactum als Ikea einrichtet, dass die Distribution als Dreingabe hochpreisiger „Freitag“-Taschen eher kaufkräftige Schichten anspricht; dass sein Magazin ohne solvente Anteilseigner längst tot wäre – geschenkt. „Aber wir wollen nicht nur auf Salontischen liegen“, auch in Schulen und Bibliotheken, Wohngemeinschaften und Arbeiterhaushalten.

Im Grunde also am Ursprung des Zeitverkäufers, dessen wechselvolle Karriere seinerseits Stoff einer Reportage wäre. Unverhoffte Wendungen, unberechenbare Protagonisten und ungewöhnliche Wege bilden schließlich das Grundgerüst der Gattung. Aufgewachsen im bäuerlichen Umfeld zwischen Bern und Zürich, macht Daniel Puntas Bernet statt Abitur eine Lehre beim Notar, Schwerpunkt Scheidungen und Erbrecht, wo der Teenager von einst, heute muss er sich ein Abschweifen sichtbar verkneifen, „drei Jahre alle menschlichen Abgründe“ kennenlernt. Er zieht zum Jobben nach Spanien, lernt – getrieben vom „produktiven Stress“ – in zwei Wochen die Sprache, gerät sodann in die Immobilienbranche, kehrt bald zurück in die Schweiz, wird Devisenhändler bei einer Bank, vertieft das Business ein Jahr in New York, wird wieder daheim von einem Baseler Tennisvermarkter abgeworben, ohne von Marketing, geschweige denn Tennis eine Ahnung zu haben, und beschließt, noch keine 30, dass diese Scheinwelt kein Dasein sei. Er schnürt den Rucksack: drei Jahre Südamerika.

Daniel Puntas Bernet folgt stets Impulsen. Mal wegen der „Action, mit 21 Millionen zu bewegen“. Mal wegen der Dynamik, „ein Weltklasseturnier zu organisieren“. Mal aus Zuneigung, als er seinem Vater beim Aufbau einer Pizzeria an der Costa Blanca hilft, Sprachlehrer wird, Germanistik nebst Literatur studiert und plötzlich erstmals in seinem Leben („vorher war es höchstens der Sportteil“) liest. Es ist ein Erweckungserlebnis. Der reife Student liest unablässig, eine Art Überkompensation alter Lektüreverweigerung. Das hat Folgen, denn weil ihm die Debatten über Stringenz in der Belletristik eher albern erscheinen, wendet er sich der rasch der Wahrheit im Geschriebenen zu. Genauer: Der Reportage.

Es ist ein Sog, der ihn nie mehr loslässt. Und Daniel Puntas Bernet wäre ein anderer, würde der Spross eines bildungsfernen Elternhauses ohne Literaturbezug mit fast 40 nicht von Null auf Hundert durchstarten im neuen Fach. Ihm zuzusehen, zuzuhören, wie er von seinem Einstieg ins Genre berichtet, dies allein taugt aufs Neue für eine Reportage: Mit wedelnden Händen schildert er jenen Tag, als ihm seine Oma vom Bergmann erzählt, der nach wochenlanger Arbeit an einem nahe gelegenen Bahntunnel plötzlich Risse im Fels entdeckt, mit denen ihm der Berg, „sein Berg“, eher gute Freundin als Stein, zuflüstert, sie möge nicht mehr, breche also gleich zusammen, was sich der herbeieilenden Bauleitung gleich nach der Ankunft als äußerst stichhaltige Ahnung bewahrheitet.

„Supergeschichte“, erinnert sich Daniel Puntas Bernet. Allein: Keiner hat sie gebracht. „Niemand! Und das im Eisenbahnland Schweiz!“ Zehn Absagen hagelt es auch für ihn, den Anfänger ohne Referenzen. Bis die NZZ zugreift und einen Journalisten kreiert, der dem Genre ein Dutzend bereister Länder auf fünft Kontinenten später eine neue Heimstatt schenkt.

Damit die weiter behaust wird, bedarf es indes noch einiger Anstrengungen, das weiß er selbst am besten. Das Anzeigenaufkommen müsse steigen, moderat zwar, um die „Sättigungsgrenze eines hochklassigen Produkts“ nicht zu überschreiten, aber genug für eine Unabhängigkeit, „die sich zu 80 Prozent aus dem Verkaufspreis speist“; mit Storys, deren Spesen die Redaktion bedarfsgerecht, nicht kostenneutral trägt; von Autoren, die um Reportagen werben statt umgekehrt wie im Falle der Popliteraten von Uslar oder Stuckrat-Barre, deren „Arroganz“ Puntas Bernet zu spüren bekam; für ein Publikum, das „meine romantische Naivität“ rechtfertigt, es lasse sich Qualität den Gegenwert einer guten Flasche Wein kosten.

Bis dahin ist der Weg weit. Zwei Jahre noch bis zum Break-even, eher drei. Eine Phase, in der Daniel Puntas Bernet anderen weiter so reichlich gewährt, was er sich selber vorenthält: Zeit. Zeit für seine Kleinfamilie in den geliebten Bergen. Zeit zum Joggen, um nach zehn Stunden im Büro den Kopf zu lüften. Zeit vor allem für eigene Geschichten. Eine Million, sagt er, „tausche ich sofort für eine Sprache, die ich über Nacht kann.“ Oder gegen ein tragfähiges Magazin. Dann ließe er sich nicht mehr nur als Verleger vorstellen, dann bräuchte er keine Investoren mehr, dann wäre er weg, am nächsten Morgen vielleicht, für drei Wochen. Mindestens. Weniger dürfen es bei Reportagen nicht sein.

Erschienen in “journalist”, Oktober 2012