Neumann-Hass & Sinky Röver

Die Gebrauchtwoche

18. – 24. Juli

Über Tote, so besagt es der Volksmund, ohne dass er uns sagen würde, warum das bitteschön so ist, über Tote also soll man bitteschön nicht schlecht reden. Wie gut, dass VIVA noch nicht tot ist, sondern seinen Tod nur fürs Ende des Jahres verkündet hat. Dann nämlich stellt die Konzern-Mutter Viacom, der schon MTV sein langanhaltendes Sterben zu verdanken hat, den Sendebetrieb des einstigen Musiksenders ein, der mit Musik mittlerweile noch weniger zu tun hat als die CSU mit Begriffen wie christlich, sozial, geschweige denn Union. Wenn VIVA also am 31. Dezember letztmals sein bedeutsames Erbe von 1993 verachtet, als er die Bedürfnisse der Jugend hierzulande als erster Fernsehkanal überhaupt wirklich mal ernst nahm, gibt es schon lange nichts mehr zu betrauern.

Für Menschen, die ein paar Tage lang den Abschied der Trump-freundlichen Rassistin Roseanne Barr als Trump-freundliche Proletarierin Roseanne Conner beim Disney Channel betrauert haben, bietet ABC nach deren Absetzung schon vorher Ersatz an – ohne die Hauptdarstellerin, dafür aber mit mehr Verantwortungsbewusstsein, Ethos und Moral. Alles Attribute übrigens, von denen keine überwältigend große, aber überwältigend laute Schar Internet-Nutzer so wenig haben wie – ach, siehe CSU.

Gemeint sind all jene, die Claudia Neumann gerade dafür jedes WM-Spiel in den Shitstorm jagen, dass sie ihre Arbeit macht – nämlich Fußball-Spiele zu kommentieren. Dass macht sie nicht herausragend gut, sie macht es aber auch keineswegs unterirdisch schlecht. Für viele Zuschauer indes, könnte sie auch permanent journalistische Weltklasse abliefern – ihr Testosteron-Überschuss würde die Frau im Männergeschäft dennoch zur Hölle wünschen. Als Strafe für so viel ignorante Boshaftigkeit gäbe es eigentlich nur eins: pro Hass-Post 24 Stunden zwangsweise Dauerbeschallung mit Béla Réthy am Mikro. Oder wahlweise die gleiche Zeit GZSZ am Stück. Obwohl: wenn die RTL-Soap nun auch in Frankreich ausgestrahlt wird – vielleicht ist da ja doch was dran…

Die Frischwoche

25. – 31. Juli

Trotzdem wollen wir sie aber auch in dieser Woche nicht als Alternativ-Angebot zur Dauerbeschallung mit Weltmeisterschaftsfußball empfehlen. Um 20.15 gäbe es Montag den ARD-Thriller Tödliche Geheimnisse, der vor zwei Jahren ungeachtet seines bescheuerten Titels einen wirklich gelungenen Blick in die Verstrickungen von Medien und Wirtschaft warf. Tags drauf dann darf sich der lange Zeit schwer unterschätzte Mark Walberg im US-Drama The Gambler von 2014 auf P7Maxx als Spielsüchtiger beweisen. Am Mittwoch bietet sich in dieser Rubrik abgesehen vom zweiten Teil der Tödlichen Geheimnisse 25 Jahre nach den tödlichen Schüssen von Bad Kleinen ein langer Themenabend auf ZDFinfo zum Thema RAF an. Und Donnerstag zeigt Tele5 Das Kabinett des Dr. Parnassus, eine der unzähligen Kamikaze-Groteske des Monty Pyhton Terry Gilliam von 2009.

Weil die Vorrunde damit vorbei ist, gibt es am Freitag auch keine Ersatzwiederholung der Woche. Stattdessen feiern wir die wenigen Neuveröffentlichungen der aktuellen Innovationsdürre: Heute startet Arte die fünfteilige Reportage-Reihe Neuland, in der sich Andreas Korn bis Freitag um jeweils 17.10 Uhr auf die Suche nach menschlicher Kreativität in Europas Provinz sucht. Den Anfang machen findige Waldschützer in Rumänien. Und das ist wirklich liebenswert. Morgen dann setzt die ARD ihr FilmDebüt im Ersten mit der sensationellen Geschlechter- und Gesellschaftsstudie Dinky Sinky fort, in der Katrin Röver als Mittdreißigerin mit verbissenem Kinderwunsch brilliert – allerdings zur deprimierend ignoranten Sendezeit um 1.25 Uhr.

Nur gut ein Stündchen früher wirft das ZDF am Mittwoch unterm Titel Kampfbereit einen verstörenden Blick in Russlands Hooligan-Szene. Aber ganz ehrlich – bis auf die 2. und allem Anschein nach noch bessere zweite Staffel der Siebzigerjahre-Wrestlerinnen-Serie Glow ab Freitag auf Netflix, gibt es echt nix Neues von Belang am Bildschirm. Weshalb am Ende auch der Tatort-Tipp steht: Liebeswirren, ein zehn Jahre alter, gewohnt sehenswerter Fall der 2008 auch schon nicht mehr blutjungen Ermittler Batic und Leitmayr, am Montag (22.15 Uhr) im RBB.

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Washington, Melody’s Echo Chamber, Whyless

Kamasi Washington

Jazz, tja. Für Spätgeborene ohne Studienrat in der Anrede oder Zeit-Abo ist das ein komischer, staubiger, schwer greifbarer, jedenfalls nicht allzu anziehender Begriff. Jazz, das mögen Eltern, Tendenz Großeltern. Aber Kinder, gar Enkel? Sollten sich zur Erweiterung ihres Horizonts unbedingt mal Kamasi Washington anhören. Der Saxofonist aus Los Angeles hat vor drei Jahren mit The Epic ein Debütalbum produziert, das auch außerhalb seines Fachbereichs hymnisch gefeiert wurde. Nun legt er den Nachfolger vor, der es ebenfalls schafft, die Grenzen zwischen alter und neuer, schwerer und leichter Musik zu durchlöchern, ohne sie vollends zu sprengen.

Geteilt in die Sphären “Himmel und Erde” fliegen sie förmlich durch die Stratosphäre des Sounds und streifen dabei Pop, Soul, Funk und manchmal gar Punkrock ohne E-Gitarre. Begleitet von Kollaborateuren wie Thundercat, Terrace Martin, Ronald Bruner, Jr., Cameron Graves, Brandon Coleman, Miles Mosley, Patrice Quinn oder Tony Austin, die eher in Kamasis Genre ein Begriff sind, erhebt er den Jazz dabei zu einer orchestralen Größe, die auch ohne Gespür für einzelne Noten fasziniert. Heaven & Earth ist Brückenbauer-Musik der allerfeinsten Sorte, oftmals verwirrend, vielfach erhellend, ein Lichtblick im gleißenden Dunkel des Crossover.

Kamasi Washington – Heaven & Earth (Young Turks)

Melody’s Echo Chamber

Einatmen, ausatmen, alles gut? Ach, wären die Wege zu nachhaltigen Lockerung unserer heillos überspannten Zeit doch immer so einfach, wie Melody Prochet es auf ihrer neuen Platte empfiehlt. „Breathe In, Breathe Out“ singt sie auf dem zweiten Stück und fleht sodann mit verhallender Engelsstimme, „there must be some kind of light to come“. Wie auf ihrem Debüt fünf Jahre zuvor ist das schwedische Hippiemädchen bis in tiefere Schichten ihrer Batik-Kleider optimistisch, dass es nun aber wirklich bald Licht werde im Dunkel dieser zerrütteten Tage.

Nur Sekunden, nachdem sie im Opener Cross My Heart bereits Querflöten, Scratching, Breakbeats, Gitarrensoli und Geigenteppiche zu einer mehrsprachigen Collage sommerlicher Zuversicht verwoben hat, mag das vielleicht naiv klingen. Zum einen jedoch ist Bon Voyage kein allzu weltliches, sondern planvoll entrücktes Album. Zum anderen hat Prochet die Indierocker Dungen ins Studio geladen. Sie drängeln ihre Landsfrau immer mal wieder mit einer sanften Tracht Krautprügel aus dem Blumenkinderland. Das Ergebnis ist ein Psychopop, der sein friedliebendes Publikum mit allerlei Wendungen von Gebrüll bis Autotune gelegentlich zum Hyperventilieren treibt. Feueratem nennt sich das im Eso-Fach. Soll sehr befreiend sein.

Melody’s Echo Chamber – Bon Voyage (Domino)

River Whyless

Ist Paul Simon eigentlich noch gut zu Fuß und hat sich kürzlich ein paar hochwirksame Aufputschmittel besorgt, um damit ins Sonic Ranch Studio nach Tomillo/Texas zu fahren? Der fröhlich durcheinander scheppernde Folkpop von River Whyless klingt nämlich so spürbar nach dem Spätwerk ihres Urahnen, als wäre er bei der Herstellung dabei gewesen. Mit ungezügelter, ethnisch aufgeblasener Spielfreude wirbeln Ryan O‘Keefe, Halli Anderson, Daniel Shearin und Alex McWalters auf Kindness, A Rebel die Referenzen alter Country-Helden und neuer Cowpunks so durcheinander, dass es sich abgesehen von ein paar schräg schönen Western-Balladen gelegentlich selbst überholt.

The Feeling of Freedom zum Beispiel klingt mit einem Herb-Alpert-Sample zu Beginn, als habe Paul Simon The Mamas and the Papas exhumiert, um mit ihnen eine Art hochgepitchten Squaredance anzuleiten. Anders als der vorwiegend beschwingte Sound suggeriert, sind O’Keefes Texte zu Andersons oft entfesselter Fidel aber oft von eindringlicher Mitteilungsbedürftigkeit übers Unrecht in der Welt und all die Krisen darin. Schön, dass man sich in diesem Fall davon nicht andauernd belehrt fühlt.

River Whyless – Kindness, A Rebel (Roll Call Records)

 

 


Oliver Kalkofe: SchleFaZ & Wixx-Akten

Aus Scheißfilmen Partys

Schon Anfang der Neunziger hat sich Oliver Kalkofe (Foto: kalkofe.de) im brachialen Frühstyxradio einen Namen als Unterhaltungsberserker gemacht, der auch in Sendungen wie Kalkofes Mattscheibe tüchtig austeilt. Jetzt wiederholt Netflix nicht nur seine WiXXer-Parodien, sondern plant eine Fortsetzung der Reihe. Ein Gespräch über Scheinheiligkeit im Fernsehhumor, lieblosen Mist und wie viel Wut noch in ihm steckt.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Oliver Kalkofe, Sie haben nach der Schule eine Ausbildung zum Fremdsprachenkorrespondenten gemacht…

Oliver Kalkofe: Und Wirtschaftsdolmetscher. Ich wusste einfach nicht was ich sonst machen sollte, aber als ich fertig war, wusste ich sehr genau, dass ich das nicht machen wollte.

Wie ist 30 Jahre später Ihr Englisch?

Wenn ich es in der Praxis anwenden muss, fange ich wie alle erstmal an zu stammeln, komme aber zumindest so gut durch, dass ich mir alle Serien im Original ansehen kann.

Dann machen wir einen kleinen Vokabeltest: Was heißt scheinheilig oder heuchlerisch auf Englisch?

Das ist leicht: Hypocritical.

Ist das womöglich ein netteres Wort für Ihre Art Fernsehen, mit dem Sie seit fast 25 Jahren das Fernsehen anderer beurteilen und nicht selten verurteilen?

Im Vergleich zu heuchlerisch schon. Meine Art, übers Fernsehen zu urteilen, ist jedoch eine Art Recycling: Ich nehme was Überflüssiges und erzeuge daraus etwas Verwertbares, mache also aus einem Scheißfilm ‘ne Party. Wenn ich jetzt selber jeden Mist mitmachen würde, wäre das sicher scheinheilig. Aber obwohl auch bei mir Fehltritte dabei waren, habe ich 90 Prozent aller Angebote abgelehnt und Sendungen gemacht, von denen ich überzeugt war. Deswegen trifft überkritisch es besser. Aber man kann ja auch an schlechten Dingen Freude empfinden.

Heißt das, eigentlich mögen Sie all die Sendungen, über die Sie sich oft in scharfem Tonfall erheben?

Man darf sehr wohl schätzen, was man kritisiert. Für die Haltung wird man hierzulande generell gern missverstanden. Ich liebe Fernsehen und bin großer Fan von guter Unterhaltung. Das Belehrungsfernsehen der Siebziger war zwar furchtbar, noch viel weniger möchte aber allerdings verarscht werden. Und genau das tut lieblos gemachter Müll von heute, der mir leidenschaftslos vor die Füße gerotzt wird.

Hingabe reicht Ihnen als Gütemerkmal?

Nein, aber wenn ich bei SchleFaZ bin.

SchleFaZ?

Die Schlechtesten Filme aller Zeiten. Wenn ich da merke, etwas wurde zwar schlecht, aber aus Überzeugung gemacht, weiß ich das durchaus wertzuschätzen. Beim Trash meiner Kindheit wie King Kong gegen Godzilla, mit dem ich die August-Reihe eröffne, spürt man das Herzblut der Macher. Die wollten einen guten Film machen, hatten aber nicht die Möglichkeiten dafür. Ich mag alles, das liebevoll verhunzt wurde wie das meiste von Ed Wood.

Das kann man von der Volksmusik nicht behaupten.

Zu Beginn von Kalkofes Mattscheibe war das völlig zu recht das Hauptobjekt meines Spottes. Aber selbst das hat sich zum Schlimmeren verändert. Und wenn ich mir das Marionettentheater heute ansehe, war das verglichen mit Scripted Reality fast warmherzig. Damals war mieses Programm oft scheinheilig, heute ist einfach nur zynisch. Aus meiner Sicht war Fernsehen früher ein Fluchtpunkt, heute ist es eher Fluchtursache.

Wenn man heute 1000 Leute befragt, mit wie viel Herzblut oder Zynismus Ihre WiXXer-Filme gemacht sind, würde sich das Urteil vermutlich die Waage halten…

Was heißt die Waage: Mattscheibe oder SchleFaZ finden ganz sicher mehr Menschen furchtbar als toll. Aber als Kritiker ist man stets Teil des Kritisierten, sonst fehlt die Eignung zur Kritik. Das legt die Messlatte an mich zwar hoch, aber selbst Meisterwerke werden von Teilen des Publikums geliebt und von anderen verflucht. Mein Ziel ist es, den gewünschten Ausschnitt der Zuschauer zu bedienen. Alle stellt man eh nie zufrieden.

Das klingt jetzt, als sei Ihr Humor eine Art Dienstleistung am Kunden?

Natürlich ist jeder Unterhalter auch Dienstleister. Sonst könnte ich mich auch in Garten stellen und mir selber Witze erzählen. Der Unterschied zu meinem Ansatz besteht darin, dass es mir nicht um Masse geht – sonst hätten wir nicht so etwas Altmodisches wie Edgar-Wallace-Filme persifliert, die Jüngere kaum kennen. Mit dem WiXXer haben wir uns daher nie auf den kleinsten gemeinsamen Nenner geeinigt, aber zugegeben: Weil damals zu viele reingeredet haben, um genau den zu finden, bin ich im Nachhinein mit dem ersten Teil eher unzufrieden. Da war die Angst vorm kommerziellen Misserfolg schon spürbar. Mir ist wichtig, einen Humor zu finden, über den auch ich lachen kann.

Gelingt Ihnen das immer?

Na ja, man lacht über die eigenen Witze schon deshalb irgendwann nicht mehr, weil man sie ja schon kennt. Hinzu kommt, dass ich meine Pointen im Nachhinein oft verbesserungswürdig finde. Aber die grundsätzliche Richtung entspringt schon meinem eigenen Humor. Witze, die ich nicht mag, könnte ich gar nicht erzählen, das wird unglaubwürdig.

Finden Sie die Wixxer-Filme oder auch das Frühstyxradio, mit dem Sie Anfang der 90er Jahre Ihre Laufbahn begonnen haben, heute noch witzig?

Also den zweiten Teil vom Wixxer auf jeden Fall. Und weil Netflix dieses Universum einem jüngeren Publikum zugänglich macht, werden wir es als WiXX-Akten in Form einer Mini-Serie weiterentwickeln.

Ließe sich auch das Frühstyxradio fortsetzen?

Dafür hören die Menschen längst zu wenig Radio. Außerdem wäre das, was damals als unflätig galt im Vergleich zum heutigen Tonfall völlig harmlos. Damals sind Jugendliche freiwillig sonntags um neun aufgestanden, um uns gemeinsam mit ihren Eltern zu hören. So gesehen hat das Frühstyxradio wie auch die WiXXer-Filme Generationen vereint. Und zwar ohne – das ist mir witzig – bloß Randgruppen-Klischees auszuwalzen. Die Bully-Komödien, so unterhaltsam die auch sind, haben ihre Witze zu einem großen Teil über Schwule gemacht.

Wenn man sich jetzt mal Ihre eigenen Generationen betrachtet – was steckt vom jungen Radio-Berserker noch im reifen Fernseh-Veteranen?

Eine Menge. Natürlich werde ich älter, das merk ich vor allem körperlich. Aber wenn ich mir neue Staffeln von Mattscheibe oder SchleFaZ ansehe, bin ich weder sprachlich noch inhaltlich grundsätzlich softer geworden. Auch bei mir stellt sich eine gewisse Altersmilde ein, aber es ist immer noch genügend Wut und Leidenschaft in mir, um ordentlich raufzuhauen.


Personalien & Crash Test Promis

Die Gebrauchtwoche

18. – 24. Juni

Football? What Football! So sehr die Weltmeisterschaft der Despoten, Millionäre, Korruption und Wir-bringen-der-Menschheit-Frieden-Verlogenheit auch alle Medien beherrscht, stehen zumindest hierzulande gar nicht so sehr die Fußballer im Fokus. Es ist unter anderem einer, der ansonsten über sie berichtet. Hajo Seppelt nämlich, dem DFB und Auswärtiges Amt davon abgeraten haben, seinem Beruf in Russland nachzugehen, weil Putins Russland Journalisten als Feinde betrachtet. Oder auch der WDR-Spielfilmchef und Tatort-Koordinator Gebhard Henke, dem sein Arbeitgeber nun endlich gekündigt hat, nachdem die Zahl angeblich sexuell belästigter Mitarbeiterinnen zuletzt abermals angestiegen war.

Fünf Erregungsstufen tiefer findet sich das Coming-Out des RTL-Moderators Jochen Schropp, der diesen Schritt so lange gescheut hatte, weil ihm seine sexuelle Orientierung allen Ernstes auch im 21. Jahrhundert noch beruflich geschadet hätte. Vorstandschef Conrad Albert hat derweil die Entlassung von 141 Mitarbeitern der ProSiebenSat1 Media AG bekannt gegeben, was weniger ist als befürchtet, aber mehr, als der Fernsehbranche gut tut. Und auch die Personalie Trump darf in solch einer Liste natürlich nicht fehlen. Der nämlich hat seinen kleinen Medienkrieg mit dem nationalen Kartellamt verloren. Das nämlich gestattet gegen die Twitter-Tiraden des Pressefreiheitsfeindes die Mega-Fusion der Kommunikationskonzerne AT&T und Time Warner.

Dabei hatte der US-Inhaber seiner Welt gemeinsam mit dem Philanthropen Kim Jong-un doch gerade für immer und ewig Frieden, Liebe und Glückseligkeit geschenkt. „Historisch oder hysterisch“ hatte die Süddeutsche zum bizarrsten Politgipfel aller Zeiten getitelt – was das Personalkarussell doch noch mal zum Sport drehen lässt. Unterm ganzen Dutzend Reportern, die für Deutschlands beste Tageszeitung von der WM berichten, ist exakt eine, in Zahlen 1 Frau. Und Birgit Schönau berichtet, nein, nicht aus Russland, sondern aus Italien und was die armen Tifosi während des Turniers eigentlich so machen…

Die Frischwoche

25. Juni – 1. Juli

Weil die meisten Sender während dieses Turniers unabhängig von Geschlechterfragen kaum Neues verschleudern. Die Wiederholungen der Woche sind diesmal daher Alternativangebote zum jeweiligen Abendspiel. Am Montag um 20.15 Uhr empfehlenswert: Francois Truffauts Gaunerinnenkomödie Ein schönes Mädchen wie ich von 1972 auf Arte. Dienstag auf Nitro, ebenfalls aus Frankreich, ähnliche Zeit, andere Welt: Balduin der Heiratsmuffel mit Louis de Funès als Louis de Funès. Am Mittwoch, keine Wiederholung und doch derselbe Mist wie immer: Crash Test Promis, ein zweiteiliger Testosteron-Rausch auf RTL in vier Disziplinen wie gegen Wände laufen.

Donnerstag mal something completely different auf Arte: Macbeth aus der Berliner Staatsoper mit Placido Domingo in der Titelrolle. Und bevor 3sat dem Vorrundenspiel der Deutschen am Samstag mit Franz Lehárs Operette Das Land des Lächelns aus Zürich vermutlich kaum Zuschauer abnehmen dürfte, wildert Sat1 tags zuvor im Revier der Tierfreunde: 111 völlig verrückte Viecher! kompiliert „Die witzigsten Tiere der Welt“, gefolgt von 111 krasse Kollegen. Tja. Zum Glück gibt’s abgesehen vom 58 Jahre alten Schwarzweiß-Tipp Jack Lemmon und Shirley MacLaine in Das Appartement (Sonntag, 16.30 Uhr, 3sat) und dem Bremer Alt-Tatort: Abschaum von 2004 (Montag, 22.15 Uhr, RBB) noch ein paar echte Innovationen.

Heute um 19.30 etwa feiert Kevin James zehn Jahre nach der Comedy-Legende King of Queens sein Comeback in der 24teiligen Serie Kevin Can Wait, für die man James und Sictoms allerdings schon ganz schön grundsätzlich mögen muss. Am selben Abend um 23.55 Uhr folgt dann jedoch ein echtes Highlight. Zum Start des ZDF-Vierteilers Auf der Flucht begleitet der junge Filmemacher Jakob Preuss (23.55 Uhr) einen Flüchtling bei seiner Odyssee von Kamerun nach Brandenburg. Als Paul über das Meer kam ist eine hinreißende Hommage an die Menschlichkeit – und ein guter Anlass einer Debatte darüber, wie sehr sich ein Berichterstatter mit seinem Berichtsgegenstand gemein machen darf/kann/soll.

Noch eine Doku von herausragender Intensität, wenngleich mit weniger dramatischem Thema: Nowitzki. Der perfekte Wurf (Mittwoch, 22.45 Uhr, BR), Sebastian Dehnhardts gelungenes Porträt des besten deutschen Basketballers seit der vorvergangenen Eiszeit. Und als krönender Abschluss: Morris aus Amerika, Chad Hartigans grandiose Coming-of-Age-Erzählung eines dicken, farbigen, eigenbrötlerischen New Yorkers, der sich am Dienstag im Rahmen des ARD-FilmDebüts (1.10 Uhr) mit HipHop und Eigensinn in der Heidelberger Fremde durchboxt.


Balkausky & Fuhrmann: WM & Tyrannei

10 mit Sternchen

Genau 40 Jahren nach Argentinien, findet die Fußball-WM seit dieser Woche in einer Autokratie mit Tendenz zur Diktatur statt. ZDF-Sportchef Thomas Fuhrmann und sein ARD-Kollege Axel Balkausky erklären im Doppel-Interview, welche Anforderungen das mit sich bringt, was der Sportjournalismus zur Völkerverständigung beiträgt und wie man ein Turnier aus 2000 Kilometern Entfernung moderiert.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Balkausky, Herr Fuhrmann – auf einer Skala von 1 bis 10: welche Bedeutung hat eine Fußball-Weltmeisterschaft für Sie im Terminkalender eines Lebensjahres?

Thomas Fuhrmann: 10.

Axel Balkausky: 10.

Und daran ändert der Umstand, dass diese WM in einer Autokratie am Rande der Diktatur stattfindet, nichts?

Thomas Fuhrmann: Nein, im Gegenteil. Die Tatsache, dass die WM für politische Zwecke eingespannt werden könnte, macht sie aus meiner journalistischen Sicht nur noch relevanter. Wir sind besonders herausgefordert. Also eher 10 mit Sternchen.

Axel Balkausky: Genau aus dem Grund liegt mein eigenes Interesse an dieser Veranstaltung mehr denn je am obersten Rand jeder Skala – egal, ob sie bis 10 oder 100 geht. Und sportlich ist die WM in Russland nach den Olympischen Winterspielen von Pjöngjang ohnehin das mit Abstand wichtigste Ereignis 2018.

Fuhrmann: Gerade weil diese Weltmeisterschaft auch in politisch so brisanten Zeiten und im Rahmen einer globalen Krise stattfindet, empfinde ich ihre Bedeutung als besonders hoch, was meine Vorfreude und Aufmerksamkeit noch weiter steigert.

Heißt das, durch die politische Komponente gewinnt der Sport auch journalistisch an Bedeutung hinzu?

Fuhrmann: Ein solches Großereignis ist grundsätzlich ein inhaltlicher Leuchtturm, der auf alle anderen Programmpunkte abstrahlt. Dankder Strahlkraft der WM haben wir die Möglichkeit, viele Zuschauer für ein Thema zu gewinnen, die sich ansonsten möglicherweise nicht für Russland interessieren würden.

Balkausky: Umgekehrt wecken wir aber auch das Interesse rein politisch interessierter Menschen fürs Sportereignis. 20 oder 25 Millionen, Richtung Finale sogar noch mehr Zuschauer vorm Bildschirm zu versammeln, das geht nun mal nur noch mit Fußball.

Fuhrmann: Anders als für ein kommerzielles Unternehmen, dient unser Geschäftsmodell der Berichterstattung, aber nicht der größtmöglichen Renditemaximierung. Gerade deshalb ist es wirklich gut investiertes Geld, dem Publikum mithilfe des Sports andere Länder, Systeme, Gesellschaften nahe zu bringen. Schon weil der Fußball im Zuge der Vergiftung des Doppelspions Sergej Skripal und seiner Tochter aktuell Gefahr läuft, politisch instrumentalisiert zu werden, können wir als Sportjournalisten nicht einfach sagen, wir sind für Spiele und Spieler zuständig, alles andere wird an die Politikredaktionen delegiert.

Ist es aus Ihrer Sicht geradezu Aufgabe, wenn nicht gar Verpflichtung von Sportjournalisten, die Aufmerksamkeit des Publikums an den Begleitumständen des Sports zu wecken?

Balkausky: Ach, Sport und Politik lassen sich doch schon lange nicht mehr so scharf trennen, vielleicht war das sogar nie vollends möglich. Je mehr beides wie jetzt gerade durch Doping, Korruption oder die Austragungsorte ineinander verschwimmt, müssen die Reporter vor Ort darauf natürlich eingehen. Trotzdem darf man nicht vergessen, dass Sportreporter zunächst mal dazu da sind, über den Sport zu berichten.

Fuhrmann: Und wir wollen unseren Kommentatoren auch ganz gewiss nicht die Freude am Spiel, ihre Begeisterung dafür nehmen, aber darüber geht ihre Arbeit halt immer mehr hinaus.

Balkausky: Was allerdings zunehmend ein Spagat ist. Bei Sportjournalisten kommt schließlich erschwerend hinzu, dass sie gern als Fans mit Mikrofon betrachtet werden.

Fuhrmann: Weil bei diesem Turnier nochmals mehr als je zuvor weit übers Ergebnis und dessen Zustandekommen hinaus berichtet werden wird, sind wir diesbezüglich gut beraten, uns die Olympischen Winterspiele von Sotschi ins Gedächtnis zu rufen: Eine perfekte Inszenierung der Spiele und unmittelbar darauf die Annektierung der Krim. Die klassische Ressorttrennung ist also aufgehoben. Schon lange.

Aber wird diese Ressorttrennung nicht dennoch insofern weiter eingehalten, als die Berichterstattung übers politische Randgeschehen eher in den politischen Magazinen zwischen den Fußballspielen stattfindet, wie es zuletzt oft der Fall war?

Fuhrmann: Natürlich erwarten die Zuschauer im Zweiten erstmal, dass wir ein Fußballspiel professionell und kompetent übertragen. Sie wollen vom Kommentator vor allem erfahren, was da gerade wieso auf dem Platz passiert, nicht das Drumherum – und zwar völlig unabhängig davon, ob da Marokko spielt, Brasilien oder Deutschland.

Balkausky: Das ist bei unseren Zuschauern nicht anders. Unsere Reporter sind in einem Land wie Russland gewiss ganz anders gefordert als zuhause, aber das ist situationsabhängig. Am Ende bleibt das Spiel immer noch das Spiel.

Fuhrmann: Und keine Sorge – wir werden auch jenseits der politischen Magazine ausreichend übers Umfeld berichten. Genau dafür hat das ZDF für die Dauer des Turniers den Kollegen Andreas Kynast aus dem Hauptstadtstudio ausgeliehen, um Land und Leute vorzustellen. Ein exzellenter Russland-Kenner, kein Fußball-Experte, der dem Publikum Orientierungspunkte fürs Verständnis des Landes liefern wird.

Haben Sie andersrum manchmal das Gefühl, die klassischen Sportfans fühlen sich von dieser Art ganzheitlicher Berichterstattung ein wenig infiltriert?

Fuhrmann: Diesem Vorwurf setze ich mich gerne aus. Gerade von Ihnen, also der Presse, kriegen wir ja eigentlich immer eher das genaue Gegenteil vermittelt: Wir seien eindimensional interessierte Sportfreaks, denen der Rest der Welt herzlich egal sei, solange der Ball rollt, und machen uns schlimmstenfalls auch noch mit den Protagonisten unserer Berichterstattung gemein.

Balkausky: Dennoch gibt es gewiss auch beim Publikum unterschiedliche Auffassung darüber, wie viel Politik der Sport verträgt. Einige goutieren die Aufklärung der Dopingskandale, andere wollen davon unbehelligt bleiben. Unsere Aufgabe ist es, fast eine Kunst, kein Informationsbedürfnis unbefriedigt zu lassen, auch wenn man dabei nicht den Geschmack aller treffen kann.

Sprechen sich Ihre Sender dabei auch inhaltlich ab oder bleibt es bei der technischen Kooperation?

Fuhrmann: Wir reden viel miteinander, sind also in ständigem Austausch. Zugleich allerdings befinden sich ARD und ZDF in einem fairen, gesunden Wettbewerb ums beste Programmangebot, das unsere Kommentatoren, Moderatoren und Experten auf journalistisch eigenständige, möglichst hochwertige Art und Weise machen wollen.

Balkausky: Und da wir diesmal so eng zusammenarbeiten wie nie zuvor, gewinnt die redaktionelle Eigenständigkeit sogar nochmals an Bedeutung. Der Ehrgeiz, exklusiv zu berichten, bleibt trotz unserer technischen Kooperation völlig ungemindert. Dennoch stellen wir exklusives Material der ARD nach unserer Berichterstattung gern zur Verfügung, so wie es das ZDF umgekehrt auch täte.

Fuhrmann: Umso wichtiger ist es, Technik und Knowhow zu teilen. Nur so bleibt genügend Freiraum, inhaltlich Akzente zu setzen. Gerade, was die gemeinsame Infrastruktur betrifft, ist das Turnier in Russland ein echter Quantensprung.

Worin zeigt der sich genau?

Fuhrmann: Darin, was in unserem Jargon centralized production genannt wird. Im gemeinsamen Landesstudio des SWR in Baden-Baden poolen wir in einem Ausmaß Equipment, das hat es zuvor noch nie gegeben. Beide Sender haben ihre Stärken, wobei wir in der Aufgabenteilung von ARD und ZDF seit vielen Großereignissen für das internationale Fernsehzentrum zuständig sind, da ist unsere Expertise einfach größer. Es findet ein enormer Wissenstransfer statt.

Balkausky: Der bis tief ins Personal reicht. Alle Techniker arbeiten auch für den jeweils anderen Sender, da geht es überhaupt nicht mehr um Zugehörigkeit, sondern einzig und allein um die Effizienz.

Kann man die Personaleinsparung beziffern?

Balkausky: Für den Aufbau des Sendezentrums in Baden-Baden brauchen wir zunächst sogar mehr Leute. Weil wir während des Turniers allerdings mit weit weniger Personal vor Ort in Russland sind als vor vier Jahren in Brasilien, dürfte die Einsparung insgesamt bei 25 bis 30 Prozent liegen.

Fuhrmann: Wie viel Personal schon allein dadurch eingespart wird, dass das ZDF kein komplettes Team vor Ort hat, ist noch nicht genau abzusehen. Finanziell jedoch spart jede Anstalt nach der bisherigen Kalkulation einen deutlich siebenstelligen Betrag.

Wirkt sich die räumliche Distanz zwischen Sendezentrum und Austragungsort nicht negativ aufs journalistische Ergebnis aus?

Fuhrmann: Bei der EM 2016 hat unser Duo aus dem Internationalen Fernsehzentrum berichtet und war nicht in den Stadien. Die Stimmung in Paris, in Frankreich haben sie natürlich schon mehr wahrgenommen, als das jetzt der Fall sein wird. Aber bei unseren Kommentaren und Reportern ändert sich nichts; die sind weiter im Land des Gastgebers. Zu einem Teil sind wir aber auch Getriebene der technischen Entwicklung.

Balkausky: Und der Confed-Cup hat voriges Jahr ja gezeigt, wie gut das mittlerweile funktioniert, wie die technischen Möglichkeiten die personellen quasi vor sich hertreiben. Für den Zuschauer ist die Überbrückung solch großer Distanzen jedenfalls kaum spürbar

Fuhrmann:Ich würde mich davor hüten, zu sagen, so machen wir das jetzt immer; die Nähe zum Land, dessen Atmosphäre zu schnuppern, bleibt für alle Beteiligten nach wie vor unersetzlich. Zugleich aber müssen wir uns in Zeiten des Sparzwangs nach der Decke strecken.

Balkausky: Selbst euer Moderator Oliver Welke sagt ja, dass es für einen Großteil seiner Arbeit nicht so wahnsinnig wichtig sei, ob sie nun in einem Medienzentrum am Stadtrand von Moskau stattfindet oder eben in Baden-Württemberg. Umso mehr glaube ich, dass es richtig war, in Brasilien vor Ort zu sein. Die Leidenschaft für Fußball ist dort einfach eine ganz andere, das wirkt sich auch auf die Berichterstattung aus.

Zumal der Gastgeber damals ein absoluter Turnierfavorit war und der diesjährige aller Voraussicht nach bestenfalls die Vorrunde übersteht

Fuhrmann: Das steht zu befürchten.

Drücken Sie Russland bei aller gebotenen Objektivität die Daumen, möglichst weit zu kommen, damit die Stimmung im Land gut bleibt?

Balkausky: Davon abgesehen, dass es auf die gebotene Objektivität keinerlei Einfluss hat, wem ich die Daumen drücke – beim Confed-Cup im vorigen Jahr durften wir erleben, dass die Menschen in Russland extrem gute Gastgeber sind.

Fuhrmann: Und als Südafrika bei der WM 2010 ebenfalls ungewöhnlich früh ausgeschieden ist, war die Stimmung weiterhin grandios. Natürlich ist an Ihrer These etwas dran, dass es sich positiv auf die Stimmung auswirkt, wenn der Gastgeber lange im Turnier bleibt. Aber eine Hammergruppe hat Russland ja jetzt auch nicht gerade erwischt.

Balkausky: Und selbst, wenn Russland früh ausscheidet, glaube ich nicht an den Ausbruch einer kollektiven Depression. Zumal man sich dort ohnehin keiner allzu großen Illusion hingibt, dass es ihr Land allzu weit bringt im Turnier.

Fuhrmann: Ich mag da jetzt Äpfel mit Birnen vergleichen, aber wie Südafrikaner und Brasilianer sind auch die Russen ein fußballverrücktes Volk, das sein Land gewiss auch nach dem Ausscheiden als Schaufenster für die ganze Welt präsentieren will. Denken Sie da nur mal an 2006.

Das sogenannte Sommermärchen in Deutschland.

Fuhrmann: Da hat unser Land in den Augen der Welt auf äußerst positive Art und Weise überrascht. Vor der Heim-WM galten wir als grimmige, kleinkarierte Besserwisser, danach hat man uns plötzlich Frohsinn und Feierlaune attestiert. Das war global betrachtet ein echtes Erweckungserlebnis. Vielleicht könnte diesmal Russland positiv am Image basteln.

Balkausky: Selbst wenn es nicht den 3. Platz erreicht.

Also nochmals auf einer Skala von 1 bis 10 – wird es ein sportlich erfolgreiches Turnier, bei dem Russland der Welt und insbesondere Deutschland wieder etwas näher kommen wird?

Balkausky: Das ist deutlich schwieriger als die Skalierung der Vorfreude. Ich hoffe jedenfalls sehr, dass eine WM und der Sport insgesamt noch immer zur politischen Entspannung beitragen können.

Fuhrmann: Wenn ich sehe, wie gut Berichte über das Gastgeberland, die verfahrene Situation dort, all die Missverständnisse und Konfrontationen schon im Vorfeld der WM eingeschaltet werden, bin ich – bei aller gebotenen Skepsis – jedenfalls recht guter Dinge. Das Interesse beider Nationen und Bewohner füreinander ist ja offenbar doch groß.

Balkausky:Und wie groß genau, werden wir abgesehen vom Fußball journalistisch sehr genau beobachten.

Fuhrmann: Und weil wir das Turnier in seiner Gesamtheit mit fachlich guter, ausgewogener Berichterstattung begleiten, kann auch die Sportberichterstattung da ein Brückenbauer sein.

Der Text ist vorab im journalist erschienen

Talk-Alarmismus & Fußball-Entspannung

Die Gebrauchtwoche

4. – 10. Juni

Und wenn man denkt, es könne nicht mehr viel schlimmer werden, wenn man denkt, die öffentlich-rechtlichen Sender seien dem absoluten Tiefpunkt bedrohlich nahe, wenn man denkt, das ZDF habe seine Staatsauftrag bereits deutlich untererfüllt – dann machen die Mainzer ein Format über Ahnenforschung und lassen es von, Achtung: Thomas Anders moderieren. Ab Herbst klettert der sonnenbankgebräunte Schulterpolsterveteran in Du ahnst es nicht! auf die Stammbäume der Republik und ob es furchtbar wird oder schrecklich, kann vorab nicht seriös beurteilt werden. Allein die Tatsache jedoch, es RTL gleichzutun und ein Mitglied des Deppenpopduos Modern Talking zum Ho(r)st zu machen, ist von so berechnender Niveauverachtung, dass wir uns dennoch vorsorglich für furchtbar schrecklich entscheiden.

Weil das in etwa auch die Adjektive sind, mit denen der Deutsche Kulturrat das deutsche Kulturgut Talkshow belegt, riet der überparteiliche Verein ehrenamtlicher Unterhaltungskritiker kürzlich dazu, dem ganzwöchigen Dauergerede am Bildschirm eine 365-tägige Sendepause zu verordnen. Konkreter Anlass waren in diesem Fall gleich zwei Ausgaben der Vorwoche, in der erst Frank Plasberg, dann Sandra Maischberger taten, was seit Jahren in hiesigen Laber-Runden Usus ist: schon im Titel alarmistisch auf Krawall zu bürsten.

Die lustigste Pointe lieferte dabei wie so oft Plasberg: Erst plagiierte dessen Namensgeber den paranoiden Blut- und Bodenpopulismus der AfD, indem er deren These vom gefährlichen Ausländer zur suggestiven Talkshow- Überschrift „Junge Männer, geflohen aus Krieg und archaischen Gesellschaften – für viele hierzulande Grund zu Sorge und Angst. Können solche Flüchtlinge überhaupt integriert werden?“ machte, dann sperrte der volksnahe Frank das Original solch kruder Thesen in Gestalt von Alexander Gauland für künftige Sendungen aus. Andere Gestalten kaum besserer Art sind hingegen weiter willkommen. So wie sexueller Missbrauch – das legt zumindest der nächste Fall beim vermeintlichen Familien-Konzern Disney nahe – offenbar systemisch zur Film- und Fernsehbranche gehört, zählt Populismus eben zum Kernbestand des deutschen Talkshow-Unwesens. Die Frage nach der Henne oder dem Ei am rechten Rand stellt sich daher seit einer gefühlten Ewigkeit aufs Neue. Woche für Woche für Woche.

Die Frischwoche

11. – 17. Juni

Für fast vier davon geben solche Debatten jetzt aber erst a’mal a Ruh! Ab Donnerstag ist Fußball-WM. Schon um sich nicht selbst Konkurrenz zu machen, reduziert das Regelprogramm die Zahl seiner Erstausstrahlungen da fast auf Null, sogar Streamingdienste halten sich mit Neuware spürbar zurück, es rollt der Ball, sonst wenig. Und die viel gepriesene Nebenberichterstattung von einem Gastgeber am Rande der Tyrannei und was dem Sport sonst noch so auf der Rasenseele lastet? Gibt‘s heute um 23.30 Uhr in Das Milliardengeschäft, einer ARD-Doku über Deutschlands merkwürdige Kooperation mit dem aufstrebenden Fußballzwerg China. Und am Sonntag folgt dann – natürlich erst nach den Gruppenspielen und deren Zusammenfassung – Matthias Fornoffs ZDF-Reportage über Russlands Geheimnisse.

Weil auch die Privatsender gegen den Quotenkrösus Fußball keine teuren Fernsehprodukte vergeuden wollen, hält sich das Angebot ab Donnerstag daher in Grenzen. Zuvor aber zeigt das Zweite am Montag um 20.15 Uhr immerhin noch das Debüt von Catalina Molina, einst eine Musterschülerin des Regiestars Michael Haneke. Drachenjungfrau ist zwar abermals nur ein Krimi. Weil er aus Österreich stammt und überdies den grandiosen Manuel Rubey („Im Knast“) zum Ermittler macht, ist dieses Erstlingswerk aber doch sehenswert. Was es mit einem anderen gemeinsam hat: Polder – Tokyo Heidi von Samuel Schwarz.

Die KI-Dystopie mit Christoph Bach als Opfer seines selbstentwickelten Computerspiels ist zwar schwer zugänglich und daher am Dienstag um 00.35 im Ersten ganz gut aufgehoben Trotzdem entfaltet die experimentelle Ästhetik einen ungeheuren Sog. Das hat sie tags drauf um 23.05 Uhr auf Arte mit einem Zeichentrickfilm gemeinsam. Klassisch gezeichnet skizziert April und die außergewöhnliche Welt eine erstaunlich hoffnungsfrohe Gegenwart ohne Strom und Autos, in der ein Mädchen nach ihrer Katze sucht. Da ist George Orwells Genre-Klassiker Animal Farm von 1955 zuvor an gleicher Stelle schon bedeutend pessimistischer.

Der Tatort am Sonntag gehört dann wegen der besonders frühen Sommerpause bereits zu den Wiederholungen der Woche. Es ist ein vergleichsweise junger Fall aus Köln namens Durchgedreht von 2016, der genau das eigentlich nicht ist, sondern ziemlich konventionell. Aber das mögen Fans von Ballauf und Schenk ja. In jeder Hinsicht unkonventionell war vor nunmehr 38 Jahren der farbige Tipp am Sonntag um 20.15 Uhr auf Tele5: Wenn der Postmann zweimal klingelt, ein erotischer Skandalfilm von 1980 mit Jack Nicholson als Geliebter, der den Mann seiner Loverin mit ihrer Hilfe töten will. Versprochen: Fußball kommt darin nicht vor.


Snail Mail, Foè,

Snail Mail

Will man das eigentlich – weit, wirklich sehr weit jenseits der Volljährigkeit noch dabei zuhören, was eine Songwriterin, die gerade erst von der Highschool abgegangen ist, so von ihrer ausklingenden Jugend zu berichten hat? Ist es für den etwas älteren Geschmack nicht ein bisschen arg melodramatisch, drängend, unreif, hitzig und entrückt, wenn Teenager ihre Sorgen und Nöte mithilfe nölenden Indie-Pops schildern? Das ist es, klar. Und bei Lindsey Jordan ist es das sogar vom ersten bis zum zehnten Track ihres Debütalbums lang. Nur: es ist halt auch genauso genau richtig und gut.

Lush strotzt zwar in der Tat nur so vor Melodramatik, Drang, Unreife, Hitze und Entrückung. Gepaart mit einem erstaunlich ausgefuxten Instinkt für verstörende Harmonien wird es aber gerade dadurch zum charmantesten Karrierestart des Jahres. Wie kurz zuvor schon die ähnlich jungen Fazerdaze oder Soccer Mummy schafft es die Sängerin aus Baltimore mit der schlaffen Kraft ihrer beiläufig gelangweilten Stimme, emotional zu klingen, aber nicht pathetisch. Lindsey Jordan ist spürbar bewegt von allem, was sie hier über ihr kompliziertes Gefühlsleben zum Ausdruck bringt. Aber es mündet nicht in sülzigen Folk, sondern Indierock, der sich auch mal ein verschrobenes Gitarrensolo gönnt oder schredderige Drums. Wie alt war sie nochmal? Ach, egal…

Snail Mail – Lush (Matador Recordss)

Foè

Und wo wir bei Nachwuchsmusikern sind, denen wirklich was auf dem Herzen brennt: Der Franzose Foé ist gerade mal zwei Jahre älter als Lindsey Jordan, wie sie bereits eine Weile im Geschäft, aber dabei natürlich immer noch von unübersehbarer Jugend. Nur: dem Debütalbum des Komponisten und Co-Produzenten spürt man dieses Inbrunst in jeder Note an. Îl hat absolut nichts von der schnodderigen Leichtigkeit seiner Kollegin aus den USA. Alles daran ist irgendwie getragen und schwer und voluminös. Das hat zwei Gründe: Foès Sehnsucht nach Tiefe im flachen Fahrwasser des Pop. Und sein bevorzugtes Instrument – das Piano. Es macht sein Timbre noch ein wenig dunkler und den Wave etwas dazu getragener, vor allem aber macht es ihn außergewöhnlich.

Gemixt mit Synthesizern und Electronica, mit Elementen aus HipHop, Folk und ein paar saftigen Dance-Einsprengseln verströmen die elf Songs einen discoesken Klassizismus, der manchmal für Gänsehaut sorgt (La Machine), manchmal schlicht haarsträubend ist (Mommy), aber durchweg Überraschungspotenzial hat. Gewiss, man muss schon einen Hang zur großen Oper haben, um Îl von Anfang bis Ende zu genießen. Es reicht aber auch ein Gespür dafür, wie viel Energie in Grenzgängern wie diesem ruht, die oft nur musikalisch entfesselt werden kann. Als hätten sich Jacques Brel und Claude Débussy mit Phoenix zum After-Rave getroffen. Es brennt lichterloh in Foè, wenn er über Liebe, Tod und Teufel sind. Lodern wir doch ein bisschen mit.

Foè – Îl (Embassy of Music)