Elefantendiebstahl & Ekelpakete

Die Gebrauchtwoche

TV

20. – 26. September

Selbstversuche sind manchmal die einzige Chance, bahnbrechende Erkenntnisgewinne zu erzielen. Mit ihrer Bereitschaft, sich mit Leib und Leben der Wissenschaft zu verschreiben, haben unzählige Forscher*innen der Menschheit Riesendienste erwiesen. Okay, ein so riesiger Dienst war es vielleicht nicht, den ganzen Wahlabend RTL, statt ARD zu schauen. Während der fünfstündigen Privatfernsehdruckbetankung waren ja weder Leib noch Leben in Gefahr – sind Peter Kloeppel und Pinar Atalay doch mediale Politikhasen, die selbst hier für Qualität bürgen. Aber wer sich über die Zusammensetzung des künftigen Bundestags in Echtzeit informieren will, sollte diesen Selbstversuch besser nicht nachmachen.

Mangels Meinungsforschung schaffte es RTL nicht mal, Punkt 18 Uhr eine Prognose zu zeigen, sondern schrieb hastig (und mit 240 Prozent der SPD auch noch falsch) beim ZDF ab. Mangels Relevanz kam abgesehen von Alice Weidel, der Peter Kloeppel ein hitziges, abrupt abgebrochenes Streitgespräch abrang, eher B-Prominenz ins Studio. Als ARZDF zur Elefantenrunde baten, unterhielt sich Frauke Ludowig mangels A-Prominenz entsprechend mit dem hauseigenen Hundecoach Martin Rütter über den Wahlausgang. Immerhin.

Denn Bild TV klaute derweil einfach dreist den öffentlich-rechtlichen Spitzentalk und verdeckte deren Logo einfach mit dem eigenen. Vielleicht meinte die Springer AG ja das mit der vollmundigen Ankündigung, 600 Journalistinnen und Journalisten einzukaufen, nachdem sie kurz zuvor das internationale News-Portal Politico für 1,5 Milliarden Dollar übernommen hatte. Vielleicht macht der Sonntag also abschließend deutlich, wie rechtschaffen in der Regel gebührenfinanziertes Fernsehen ist und wie schamlos zuweilen das werbefinanzierte.

Die abofinanzierten Portale zeigten dem Rest währenddessen bei den Emmy Awards, was eine Streamingharke ist. Abgeräumt hat zum Beispiel die tolle Comedy-Serie Ted Lasso von Apple+ mit vier Preisen, Kate Winslets Mare of Easttown (HBO/Sky) lag mit drei knapp dahinter. Und ganz vorne wie immer: das fünffach prämierte Netflix-Drama The Crown. 2022 dürfte dagegen die intergalaktische Serien-Dystopie Foundation nach Isaac Asimovs wegweisendem SciFi-Roman von 1940, seit Freitag bei Apple+, alles allein abräumen – und zwar völlig zu Recht.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

27. September – 3. Oktober

Angesichts dieser fiktionalen Güte fällt es schwer, das aktuelle Programm anzupreisen – zumal es noch voll im Schatten der Bundestagswahl steht. Bei ZOL muss man heute Abend befürchten, dass Linda Zervakis den Verlierer Armin Laschet zum Show-Wrestling mit Matthias Opdenhövel bittet oder der umgekehrt seine Kollegin zum Schlamm-Catchen mit Annalena Baerbock. Danach aber reist Thilo Mischke Uncovered an die Front in der Ukraine, was eigentlich immer für Anspruch mit Emotionen bürgt.

Anspruch mit Humor verspricht die BR-Serie 3 Frauen, 1 Auto, ein zwanzigmal fünfminütiges, crossmediales Mediathekenmobilitätskammerspiel um eine bayerische Zwangsfahrgemeinschaft. Für Humor ohne Anspruch sorgt hingegen das Serien-Sequel der sensationell erfolgreichen Tragikomödie Mein Freund, das Ekel mit Dieter Hallervorden als Pensionär im heiteren Clinch mit einer alleinerziehenden Mutter (Alware Höfels) ab Donnerstag im ZDF. Zugleich beschreitet Sky neue Biopic-Wege, indem es das Fußballerleben der italienischen Legende Francesco Totti im Sechsteiler Il Capitano mal nicht dokumentarisch abfeiert, sondern fiktional durcheinanderwürfelt. Auf originelle Art lustig.

Heute schon zeigt TVNow die sehr, sehr britische Aufarbeitung des Profumo-Skandals der Sechzigerjahre, wobei Die skandalösen Affären der Christine Keeler das Ganze glücklicherweise aus Sicht der Geliebten des gestürzten Kriegsministers erzählt. Freitag dann starten schwedische Serienwochen in der Arte-Mediathek, zum Auftakt die Tourismusgroteske 30° im Februar plus RomCom Einfach Liebe. Weder romantisch noch komisch geht es dagegen zu, wenn Kommissar Borowski am Sonntag im Tatort Kiel ein Wiedersehen mit Lars Eidinger als durchgeknalltem Frauenmörder Korthals feiert.


Lea Lu, The OhOhOhs, Childcare

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Lea Lu

Die weibliche Popkultur bietet bis heute vor allem oft Projektionsflächen. Ewigkeiten zur Dekoration am Bühnenrand drapiert, trat sie im Jazz oder Soul zwar früher aus dem Schatten der Männer, wurde jedoch weiter ständig fremdbewertet. Lieblich, sanft, süß, nett, hübsch, elegant – die Attribute kleiner Mädchen blieben auch jene erwachsener Künstlerinnen. Wenn man(n) Lea Lu als lieblich, sanft, süß, nett, hübsch, elegant bezeichnet, steht also ein Misogynie-Verdacht im Raum. Dummerweise ist ihr neues Album I Call You genau genau das: lieblich, sanft, süß, nett, hübsch, elegant.

Allerdings ist es eben auch raffiniert, eigensinnig, virtuos, facettenreich, feministisch und überhaupt ein famoses Pop-Album mit der Kraft zur Unterwanderung. Die ausgefuchsten Bläsersequenzen soulpoppier Arrangements müssen sich schließlich ständig am engelsgleichen Gesang übers vertrackte Liebesleben der Schweizer Multi-Instrumentalistin vorbeischummeln, um die musikalische Deutungshoheit darüber zu gewinnen. Das aber gelingt ihnen hervorragend. Und sorgen somit für ein Album, das man zwar dreimal hören muss, um überzeugt zu sein. Aber dann ist man gläubig.

Lea Lu – I Call You

The OhOhOhs

Der Glaube ist übrigens auch ein Wesenselement des Frankfurter Duos The OhOhOhs. Der Glaube daran, mit einer Kombination aus Konzertflügel und Schlagzeug die eskalative Stimmung digitaler Raves zu simulieren. Anfangs womöglich von sich selbst noch belächelt, mixen der ausgebildete Pianist Florian Wäldele und sein Drummer Florian Dreßler seit nunmehr 20 Jahren treibende Beats und meisterhafte Klassik zu einer fiebrigen Form analogen Technos, dem die verkapselten Genres U und E gleichermaßen Anerkennung zollt.

Warum genau – das belegt ihr neues Album Sturm & Drang, auf dem die zwei Flos gewissermaßen ein Zwischenresümee ihrer unbändigen Schaffenskraft präsentieren. Hochbeschleunigte Sonaten wie das Titelstück zum Auftakt gehen darauf fließend über in konzertanten Pop mit Flamenco- (Rondoh) und Opern-Elementen (Der Tod und das Mädchen), bevor sich Get up! oder Marimba mit digitalen Keyboards ins Clubgetümmel werfen. Selten zuvor war eine Platte so getragen und gleichsam tanzbar – schon, weil Klassik selten zuvor so herrlich impulsiv und durcheinander war.

The OhOhOhs – Sturm & Drang (Galileo)

Childcare

Und weil im Durcheinander die Kraft liegt, weil für viele erst das Chaos echte Ordnung entfaltet und überhaupt aufgeräumte Kinderzimmer die unkreativsten sind, betreten wir hiermit eines im zauberhaften Mehrgenerationenhaus von Childcare, deren Debütalbum Wabi-Sabi 2019 für ein wenig Aufruhr im Indiefach sorgte. Jetzt bringt das Quartett mit Busy Busy People den Nachfolger raus und er ist, ganz dem Titel entsprechend ein popkulturelles Manifest künstlerischer Hyperaktivität, das seinesgleichen sucht.

Mit großer Freude am Verschrobenen streunt das Quartett um den Frontmann (was für ein Kackwort) Ian durch ein grell beleuchtetes Dickicht aus Psychopop, Elektroclash und zittrigem Alternativerock – stets auf der Suche nach Rausch ohne Drogen. “Feeling kinda wonky / Stood up, like a lump of jam / Feeling kinda shaky, oh I’m / shook up, like a fanta can”, singen alle irgendwie gleichzeitig in Rhubarb und geben damit den Takt einer außergewöhnlichen Platte für jeden Geschmack und keinen vor.

Childcare – Busy Busy People (eOne)


ARD-Programmdirektorin Christine Strobl

Ich bin keine Zukunftsforscherin

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Seit Mai ist Christine Strobl (Foto: ARD/Laurence Chaperon), Tochter von Wolfgang Schäuble und Frau des baden-württembergischen CDU-Innenministers Thomas Strobl, Programmdirektorin der ARD. Ein Interview mit der 50-jährigen Medienmanagerin über gläserne Decken, föderale Strukturen, die Konkurrenz amerikanischer Konzerne und was wichtdiger ist: Information oder Entertainment.

Von Jan Freitag

Frau Strobl, Sie sind jetzt schon eine Weile Leiterin der ARD-Programmdirektion. Lassen Sie sich eigentlich als Frau Direktorin anreden?

Christine Strobl: Quatsch (lacht). Leute, die ich noch nicht so gut kenne, siezen mich, alle anderen duzen mich. Und ich bin hier ja auch keine Unbekannte.

Verläuft man sich dennoch gelegentlich in den Fluren dieses Verwaltungsapparates?

Wenn ich mich hier manchmal verlaufe, liegt das vor allem daran, dass ich über ein schlechtes räumliches Orientierungsvermögen verfüge. Schon in meiner Funktion bei der Degeto war ich in enger Abstimmung mit meinem Vorgänger Volker Herres, also alle paar Wochen vor Ort. Und auch sonst sind ja oft Sitzungen der ARD beim Bayerischen Rundfunk. Die Degeto war immer als wichtige Programmzulieferin im fiktionalen Bereich eng mit der Programmdirektion verzahnt.

Können Sie für Außenstehende schildern, was eine Programmdirektorin genau macht?

Die ARD ist ein einzigartiges föderales Gebilde von neun Landesrundfunkanstalten, die alle ein eigenständiges Angebot von Filmen und Serien über Dokumentationen und Nachrichten bis hin zu Quiz, Sport oder Shows redaktionell verantworten und produzieren. Wir hier in München sind für das zuständig, was diese neun Häuser gemeinschaftlich machen, also das Erste Deutsche Fernsehen und die ARD-Mediathek. Wir entscheiden zusammen mit den Redaktionen der Häuser und unseren Koordinationen, was gesendet und eingestellt wird, vernetzen die Inhalte, gewichten sie, sorgen für Präsenz in Presse und Social Media, für die Kommunikation mit den Zuschauern und sind für die für strategische Ausrichtung und Weiterentwicklung zuständig. 

Klingt volkwirtschaftlich ausgedrückt wie Nachfragepolitik, die das Angebot am Abnehmer ausrichtet.

Unsere Arbeit orientiert sich an den Vorgaben unseres Auftrags, und der lautet ganz klar: Angebote für alle Bevölkerungsschichten anzubieten und dabei zu bilden, zu unterhalten, Orientierung zu geben, einzuordnen und damit Meinungsbildung zu fördern, also zum demokratischen Prozess beizutragen. Am Ende tragen wir die Verantwortung für die Gemeinschaftsangebote der ARD.

Ist eine ARD-Programmdirektorin dennoch anders als die Degeto-Geschäftsführerin kein gestalterischer, sondern koordinierender Posten?

Auch wenn ich hier anders als bei der Degeto keine Drehbücher mehr lese, ist mein Anspruch natürlich, gemeinsam mit den Redaktionen vor Ort Programm, also Inhalte zu gestalten. Verantwortung ohne Gestaltungsmöglichkeit ist substanzlos. Verschiedene Haltungen zu programmatischen Fragen zu diskutieren und am Ende zusammenzubringen, ist allerdings jetzt für mich noch wichtiger geworden.

Haben Sie wie die Bundeskanzlerin demnach so etwas wie eine Richtlinienkompetenz?

Lustiger Vergleich. Und nein: Die Redaktionen sind – nicht nur, aber besonders in der politischen Berichterstattung – unabhängig, unterstehen also allenfalls disziplinarisch den Direktorinnen und Direktoren. Die redaktionelle Hoheit für die Tagesschau und Tagesthemen liegt bei den Kollegen von ARD aktuell und damit beim NDR. Richtlinienkompetenz gehört auch aber dort nicht zum öffentlich-rechtlichen Sprachgebrauch. Wenn etwas schiefläuft, tragen wir aber zusammen die Verantwortung, insofern auch, wenn etwas gut läuft.

Erhofft sich die ARD durch die doppelte Erneuerung in Gestalt einer jüngeren Frau als Nachfolgerin älterer Herren diesbezüglich eine grundlegende Veränderung, um nicht gar Revolution zu sagen?

Ach, meine Person ist dabei nicht so wichtig. Wir verstehen unsere Verantwortung ohnehin als Teamarbeit. Meine Kollegen, Florian Hager, der auch für die ARD-Mediathek verantwortlich ist, und Oliver Köhr als Chefredakteur, sind männlich, aber jünger als ich. Die grundlegende Veränderung betrifft ja vor allem unser Angebot und hier geht es um unser Kernthema – das deutlich veränderte Nutzungsverhalten.

Also die massive Wanderungsbewegung vom linearen zum digitalen Angebot.

Genau. Wobei die Sehdauer im Fernsehen zwar weiterhin steigt, aber eben vor allem bei eher Älteren. Das führt dazu, dass wir in bestimmten Zielgruppen mit dem klassischen Fernsehen nicht mehr relevant sein können, weil dieses Medium nicht mehr genutzt wird. Wenn ich mit 25-Jährigen übers Fernsehen rede, ist klar, dass sie darauf noch zurückgreifen, wenn Fußball läuft, die Tagesschau, der ESC und der Tatort. Ansonsten nutzen sie ihr Medienangebot zeitunabhängig über Smartphone oder Tablet. Wenn sich die Welt so verändert, müssen auch wir unsere Angebote danach ausrichten.

Und in welche Richtung?

Na ja, der schönste Zustand für uns Fernsehmacher war doch, als es exakt ein Bewegtbildangebot gab, nämlich die ARD. Das mussten alle schauen (lacht).

Und es wollten jahrzehntelang auch alle schauen.

Die meisten unserer Zuschauer zeigen sich in Umfragen sehr zufrieden mit unserem Angebot, das sie in seiner gesamten Bandbreite als hohes Gut betrachten. Demgegenüber gibt es allerdings wachsende Bevölkerungsgruppen, die diesen Schatz nicht mal kennen, geschweige denn, schätzen. Weil auch diese Gruppen uns über die Rundfunkbeiträge finanzieren, lautet unsere Grundprämisse, auch für sie Inhalte zu liefern. Unser Anspruch ist ein Angebot für alle – und das im Angesicht des sich verändernden Nutzungsverhalten.

Vor allem die auch nicht mehr ganz neue Konkurrenz der Unterhaltungskonzerne und Streamingdienste.

Mit der völlig selbstverständlichen Nutzung fast aller Zuschauergruppen von Netflix bis Amazon müssen wir uns auseinandersetzen und messen. Nicht im Nachrichten- und Informationsbereich, da stehen wir auch im Vergleich mit den Privatsendern nach wie vor gut da. Aber es muss und wird unser Anspruch sein, mit unserem fiktionalen und dokumentarischen Angebot konkurrenzfähig zu bleiben, ebenso wie zum Beispiel in der Comedy. Unsere Gesellschaftsbilder, Meinungsvielfalt, Emanzipation werden ja nicht nur durch die Vermittlung von Information und harten Fakten geprägt, sondern eben auch durch das Erzählen von Geschichten.

Also was genau heißt dann Angebot für alle?

Angebot für alle, heißt ein Angebot für alle. Grundsätzlich müssen wir unseren Auftrag für alle Gesellschaftsschichten und Milieus erfüllen.

Aber wie wollen Sie denn Leute zur ARD holen, die nicht mal mehr genau wissen, wie ein Fernseher aussieht?

Weil die nicht mehr zum guten alten Fernsehgerät zurückkehren, müssen wir dorthin, wo sich ihr Nutzungsverhalten abspielt. Dafür ist es unerlässlich, on demand Angebote wie die ARD-Mediathek so zu positionieren, dass sie mit ihrem Angebot auch auf anderen Plattformen gefunden wird. Im Ergebnis heißt das auch, dass wir in das „Produkt“ Mediathek investieren müssen und dies auch tun. Nur, wenn sie nutzerfreundlich ist und die Inhalte auffindbar sind, die die jeweiligen Nutzer interessiert, sind wir attraktiv für diese Zielgruppen. Es reicht eben nicht mehr, zu einer bestimmten Zeit Programm abzuspielen und darauf zu warten, dass viele Zuschauer dazu stoßen. Wir müssen dort sein, wo die Nutzung stattfindet und in der Qualität, die dort State of the Art ist, also auf den Smartphones mit Apps und so weiter. Das kostet natürlich Geld.

Von dem die Öffentlich-Rechtlichen ja auch nicht wenig haben…

Das stimmt, aber Sie wissen ja auch, welche Millionenbudgets im Zweifel hinter jeder Netflix-Dokumentation stehen, von fiktionalen Serien ganz zu schweigen! Da bereiten uns die Zusammenschlüsse großer amerikanischer Konzerne schon Sorge.

AT&T kauft TimeWarner, Disney kauft FOX, Amazon kauft MGM.

Und da weiß man doch, mit welcher Marktmacht die auch den deutschen Markt überschwemmen können. Das ist für nationale Anbieter wie uns natürlich herausfordernd.

Begegnet die ARD der Gefahr, indem sie Angebote für den deutschsprachigen DACH-Raum macht oder mit international anschlussfähigen Formaten wie Babylon Berlin die Welt im Blick behält?

Ich halte es sogar für zwingend notwendig, auch international ausgerichtet zu sein. Andernfalls berauben wir uns wichtiger Kooperationsmöglichkeiten. Babylon Berlin zum Beispiel war nicht nur eine Zusammenarbeit mit Sky, sondern Firmen wie Beta Film, die daran glaubten, dass sich eine deutsche Serie in deutscher Sprache aus deutscher Produktion in über 100 Ländern verkaufen lässt. Dadurch hatten wir Geld zur Verfügung, das im heimischen Markt gar nicht vorhanden war – mit dem Ziel vor Augen, Geschichten auf Deutsch in die Welt zu tragen und damit deutsche Geschichte aus unserer Sicht zu erzählen. Denn es macht schon einen Unterschied, ob wir mit unseren Kreativen, unseren Produzentinnen und Produzenten und unserer Schauspielerriege das Berlin der 1920er Jahre zum Leben erwecken oder amerikanische, gar russische Produzenten.

Weil sich die ARD diesbezüglich für historisch verantwortungsvoller hält?

Naja, ich glaube, weil wir historisch zuständiger, also näher dran sind. Der Anspruch als überzeugte Europäer sollte es sein, unsere Geschichte, aber auch unsere Vorstellungen von Gesellschaft und Demokratie selbstbewusst zu verkaufen.

Aber können Gebührenzahler nicht erwarten, dass sie im Mittelpunkt Ihrer Programmplanung stehen und nicht der globale Markt?

Absolut! Unsere Aufgabe ist es nicht, Programm fürs Ausland zu produzieren. Das schließt aber doch nicht aus, Look and Feel deutscher Koproduktionen auf internationalem Niveau zu machen und unsere Geschichten, die wir für das deutsche Publikum erzählen, auch in die Welt zu schicken.

Heißt das im Umkehrschluss, unter Ihrer Führung macht die ARD mehr Babylon Berlin und weniger Um Himmels Willen?

Ganz unabhängig vom anstehenden Urteil des Bundesverfassungsgerichts über die Erhöhung des Rundfunkbeitrags müssen wir uns da ehrlich machen: Die Mittel, die uns für Programm zur Verfügung steht, sind endlich. Es gilt einerseits, durch internationale Kooperationen wie Babylon Berlin mit dem Produktionsniveau von Netflix konkurrenzfähig zu sein, wir brauchen aber andererseits genauso Unterhaltungsserien wie Um Himmels Willen oder auch Charité. Wir wollen für alle Zielgruppen relevant bleiben.

Während meine Eltern den klassischen Fernsehkonsum der Achtzigerjahre an mich vererbt haben, haben meine Kinder keinerlei Bezug mehr zum linearen Programmangebot. Ohne pietätlos wirken zu wollen: Stirbt mit der Generation Um Himmels Willen irgendwann nicht das Fernsehen als Ganzes aus?

Ich bin keine Zukunftsforscherin, glaube aber, dass der Bedarf nach klassischem Fernsehangebot länger überleben wird als vielerorts befürchtet. Zugleich ist mir allerdings bewusst, dass die Zahl derer, die woanders nach Unterhaltung und Information suchen, langfristig immer weiter ansteigt. Um das eine zu tun und das andere nicht zu lassen, braucht die ARD-Mediathek also ein eigenständiges, ein anderes Angebot. Sie mit 90 Prozent des linearen Angebots zu füllen, wird langfristig nicht reichen, um jüngere Zielgruppen an uns zu binden.

Heißt das auch, mehr Informations- und Nachrichtenformate eigens fürs Internet zu produzieren?

Wir haben ja schon heute mit der ARD-Mediathek und hier dem Angebot der Tagesschau aktuelles Informationsprogramm bewusst in den Vordergrund gestellt, das unterscheidet uns von den Streamern und anderen Anbietern. Im Übrigen natürlich auch über die App. Und es gibt schon heute Informationsprogramme bei funk, die ausschließlich fürs Internet entstehen. Diesen Weg werden wir konsequent weitergehen, und am Ende wird es auch Nachrichtenformate eigens fürs Internet geben. Entsprechendes Informationsprogramm wie Dokumentationen, die für die ARD-Mediathek entstehen, soll es zeitnah geben.

Welche lizenzrechtlichen Belange müssen Sie bei der Erstellung eigener Inhalte fürs digitale Programm berücksichtigen?

Lizenzen müssen sie erwerben, und die sind im Zweifel teuer, denken Sie an Serien und Sport. Der Gesetzgeber hat uns zudem weitere Beschränkungen auferlegt; amerikanische Serien dürfen wir gar nicht und europäische nur für eine beschränkte Verweildauer einstellen.

Wie gehen Sie angesichts dieser Entwicklung zur Mediathek als zentrale Abspielplattform mit Kritik von der FDP um, dass sich ARD und ZDF ganz aus der Unterhaltung zurückziehen sollten?

Unsere Kritiker vergessen dabei gerne, dass unser Auftrag explizit Unterhaltung beinhaltet. Davon abgesehen hat jeder das Recht, sich gut unterhalten zu lassen. Auch bei der Unterhaltung kann ich im Übrigen klare Unterscheidungen zu den Privaten erkennen. Wir setzen auf Sendungen wie „Klein gegen Groß“ und lassen dort die Protagonisten selbst im Wettkampf mit Respekt und Wertschätzung für die Leistung begegnen. Wir setzen niemanden herab oder wollen ihn auch nicht bloßstellen, wie ich es bei einigen Angeboten der Privaten durchaus beobachte. Als jemand, der ursprünglich vom Kinderfernsehen kommt und dort gelernt hat, wie früh Menschen durch Bewegtbilder geprägt werden, ist mir dieser respektvolle Umgang sehr wichtig. Soziale Kompetenzvermittlung ist auch etwas, dem wir verpflichtet sind.

Und wie wird die idealerweise vermittelt?

Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen sehr klar, wie sehr es Kinder, aber auch Erwachsene beeinflusst, wenn sämtliche Helden Männer sind oder selbst geschlechtsneutrale Figuren maskuline Stimmen haben. Oder nehmen Sie die Biene Maja…

Früher eine geruhsame Comicfigur.

Heute vor allem nicht mehr mit dickem Bauch, sondern Wespentaille. Fernsehen muss sich an dieser Stelle seiner Verantwortung bewusst sein, und ich bin froh, dass wir den KiKa an dieser Stelle haben. Aber auch darüber hinaus müssen wir darauf achten, das Thema Diversität in all seinen Facetten ernst zu nehmen; Frauen in Führungspositionen oder Handwerksberufen etwa müssen bei uns genauso selbstverständlich vorkommen wie Moderatorinnen im Fußball. Da haben wir ja gerade mit Esther Sedlaczek eine neue tolle Kollegin hinzugewonnen, die ihren Einstand bei der ARD direkt bei der EM feiert. Dem Thema Diversität insgesamt gerecht zu werden, ist öffentlich-rechtlicher Anspruch.

Allerdings ohne erhobenen Zeigefinger.

Absolut, der hilft niemandem.

Wie erklären Sie da, dass das Image öffentlich-rechtlicher Information hervorragend sein mag, das der eigenen Fiktion aber trotz einiger Leuchtturmprojekte miserabel?

Diese Einschätzung teile ich weder noch kenne ich sie. Wo ich Ihnen recht gebe, ist, dass wir gerade für jüngere Zielgruppen noch zu wenig fiktionale Angebote haben. Aber zum Beispiel mit All you need ist ein Anfang gemacht.

Eine Serie über Homosexueller in Berlin, die sich mal weniger um Diskriminierung und Emanzipation dreht als um Freundschaft und Spaß.

Die Serie ist speziell auf die Mediathek zugeschnitten. Wir sind zwar in den Hauptsendezeiten klar vor den Privatsendern, aber wir müssen auch für Jüngere im Netz erkennbar bleiben.

Aber warum nutzen Sie diesen Vertrauensvorschuss nicht dafür, All you need mal in der Donnerstagsprimetime zu zeigen, anstatt es in der Mediathek zu verstecken?

Weil die Mediathek in meiner Vorstellung nichts versteckt, sondern im Gegenteil gleichberechtigt ist und wie die lineare Primetime Highlights braucht. Deshalb wird die Mediathek unter der gemeinsamen Leitung von Florian Hager und Oliver Köhr Mittel erhalten, um dem veränderten Anforderungen noch gerechter zu werden.

Trotzdem bleibt die Frage nach dem mangelnden Mut, auch die Kernzielgruppe über 60 mal mit so etwas zu fordern.

Wir wollen niemanden erziehen, niemandem etwas abfordern. Das ist nicht unsere Aufgabe. Wir machen Angebote und mit der Mediathek können diese zielgruppenspezifischer ausfallen. Im Übrigen: Unterschätzen Sie mir das ältere Publikum nicht. Auch Ältere suchen und finden ihre Inhalte in der Mediathek heute völlig selbstverständlich.

Klingt, als hätte Ihr Vorgänger Volker Herres am falschen Ende gespart…

Nein. Er hat ja die Entwicklung bereits eingeleitet und wichtige Strukturen geschaffen. Die möchten wir nun mit Leben füllen. Das dauert eben. Daneben müssen sich die Kolleginnen und Kollegen in Mainz, die bei ARD online für das Produkt zuständig sind, auch um die Usibility der Plattform, ihre Bedienungsfreundlichkeit, kümmern. Ich bin mir sicher, wenn wir uns in zwei Jahren hier zum Gespräch treffen, werden Ihre Fragen nicht mehr unterstellen, die Mediathek sei ein Versteck.

Na ja – Volker Herres hatte zwar gebetsmühlenartig wiederholt, Dokumentarfilmern sei es egal, zu welcher Zeit sie wo laufen. Aber wann immer man die fragte: jeder, wirklich jeder versicherte, liebend gern in der ARD-Primetime laufen zu wollen, aber die sei nun mal mit Krimis verstopft. So egal scheint 20.15 Uhr im Ersten nicht zu sein…

Das Fernsehen wird bekanntermaßen am Abend am intensivsten genutzt, im Radio ist es anders, dort wird die Morgenstrecke am meisten genutzt und in der Mediathek finden die Inhalte die größte Beachtung, die wir beim Seitenaufruf ganz oben, auf der sogenannten „Stage“, haben. Volker Herres‘ Ansatz war der, wenn fünf Millionen Zuschauer die Krimireihe nach der Tagesschau sehen wollen…

Genau da sind wir wieder beim Thema Angebots- oder Nachfragepolitik: vorm Entstehen der Mediatheken gab es um 20.15 Uhr im Ersten soziokulturell relevante Dokumentationen ohne Tiere, aber mit Millionenpublikum! Heute starrt die ARD wie das Kaninchen vor der Schlange auf Sehgewohnheiten und programmiert lieber erfolgreiches als anspruchsvolles Programm.

Da unterstellen Sie, Anspruch und Erfolg beim Publikum seien Gegensätze. Das ist mir zu hypothetisch. Da reden wir eher über Geschmack und Macharten: Ich will nicht einfach nur zeigen, was gefällt, sondern auch anspruchsvolle Themen so erzählen, dass wir damit möglichst viele ansprechen und gewinnen, sich damit auseinanderzusetzen.  Ich wurde bei der Degeto oft gefragt, ob man Freitagabend den Tod erzählen darf. Klar darf man das, kommt nur drauf an, wie. Komödie ohne Fallhöhe funktioniert auch nicht. Lineares Fernsehen bedeutet, zu einer bestimmten Zeit eine Verabredung mit dem Zuschauer einzugehen, und natürlich müssen wir die Bedürfnisse dieser um diese Uhrzeit ernst nehmen. Alle anderen können zeitunabhängig aus einem bunten Angebotsreigen auswählen. Aber an der Unterscheidbarkeit des Angebots gegenüber dem klassisch linearen Programmangebot müssen wir noch massiv arbeiten.

Heißt dieses massive Arbeiten auch, die Mediatheken von ARD und ZDF mit Arte, 3sat, One und Neo zusammenzulegen?

Arte-Inhalte sind seit einigen Wochen bereits in der ARD-Mediathek integriert, aber weiterhin klar als Produktionen von Arte erkennbar. Wir wollen einerseits eine möglichst barrierefreie Navigation durch das öffentlich-rechtliche Angebot, aber auch die Pluralität und die eigenständigen Programmangebote erhalten. Wenn ich den Intendanten des ZDF, Herrn Thomas Bellut, richtig verstanden habe, geht es auch ihm darum, die „User Journey“ technisch zu vereinfachen, ohne die inhaltliche Unterschiedlichkeit zwischen ARD und ZDF zu verwischen.

Bereitet es Ihnen da Sorge, dass Privatsender wie ProSieben gestandenes ARD-Personal wie Linda Zervakis oder Matthias Opdenhövel abwerben, um ihr Nachrichtenportfolio zu stärken?

Konkurrenz finde ich immer gut, sonst droht die Gefahr, träge zu werden. Deshalb schätze ich auch die des ZDF besonders im journalistischen Bereich sehr. Und wenn Sender wie ProSieben oder RTL jetzt mit ARD-Leuten auf Informationskompetenz setzen, spricht das zunächst mal für uns und unsere Leute, die hier Glaubwürdigkeit und Expertise erhalten haben. Aber natürlich geht ein Sender wie ProSieben die Themen völlig anders an als wir. Ich würde nie so weit gehen, einer politischen Führungskraft nach dem Interview Beifall zu klatschen. Aber wir blicken neugierig auf die Nachrichtenoffensive der Privatsender und sind selbstbewusst genug, das einordnen zu können. Über 40 Prozent Informationsanteil bei uns im Vergleich zu knapp 20 bei den Privaten können sich, glaube ich, sehen lassen. Aber da, wo wir was lernen können, sollten wir es auch tun.

Was zum Beispiel?

Auch hier: die Ansprache junger Menschen. Wie nähert man sich Erstwählern? Wie sieht das Rahmenprogramm dieser Berichterstattung aus? Arbeitet man vielleicht mal mehr mit Musik oder anderem Schnitt? Ganz grundsätzlich gilt aber auch, dass ProSieben überrascht, wenn dort die grüne Spitzenkandidatin interviewt wird, von ARD und ZDF erwartet man das. Mit unserer Informationskompetenz können wir niemanden überraschen.

Aber sollte ProSieben seine Nachrichtenkompetenz verstetigen und state of the news art werden – ist die ARD in der Lage und bereit, sich diesem Zeitgeist anzupassen?

Bei allem Respekt vor den Privaten und ihrer Arbeit: ob ProSieben seinen aktuellen Kurs verstetigt oder das Ganze doch eher ein Marketing-Instrument bleibt, warten wir mal ab. Erstens. Zweitens sehe ich bei allem Respekt die großen amerikanischen Medienkonzerne, die mit sehr viel Geld und internationalem Einfluss in den deutschen Markt drängen, als Hauptkonkurrenz im Kampf um Aufmerksamkeit – weniger RTL oder ProSieben. Und drittens finde ich es absolut erstrebenswert, im Bereich harter Fakten tendenziell eher seriös als lässig rüberzukommen – auch wenn das eine das andere nicht ausschließen muss. Aber das machen wir schon seit Jahren.

Womit genau?

Mit Townhall-Meetings zum Beispiel, in denen wir vor Wahlen als Erste im deutschen Fernsehen Politiker mit Bürgerinnen und Bürgern und ihren Fragen konfrontiert haben. Wir haben für diese Wahl auch für die Mediathek ganz neue Angebote, mit denen wir speziell Erstwählern ein spannendes Angebot bieten wollen. Stimmst du? ist so ein multimediales Angebot, ein Instagram-Format mit einer Staffel von Bewegtbild-Content in der ARD-Mediathek. Die Protagonisten greifen in unterschiedlichen Regionen Deutschlands jede Woche ein politisches Thema auf, sammeln Erfahrungsberichte und zeigen Lösungsansätze der zur Wahl stehenden Parteien auf. Sound of Germany ist ein Roadmovie für die ARD-Mediathek. Olli Schulz nutzt die Musik, um mit Menschen an unterschiedlichsten Orten ins Gespräch zu kommen. Er spricht mit Rappern über ihre Texte, geht auf ein Techno-Event und trifft Klaus Meine. Die Frage der dreiteiligen Reihe: Wie klingt Deutschland?

Wie ist es mit denjenigen, die sie nicht wegen ihres Alters, sondern der Ansichten verloren haben – Querdenker zum Beispiel oder AfD-Wähler?

Das ist eine extrem schwierige Herausforderung. Die Ablehnung sogenannter Systemmedien ist ja nicht Teil einer sachlichen Auseinandersetzung, sondern hat zum Teil einen Kampagnencharakter, den einige Medien sogar unterstützen. Als beitragsfinanzierte Sender haben wir den Vorteil, aber auch die Verantwortung, uns auch offensiv gegen populistische Vorwürfe zur Wehr zu setzen. Wir müssen aber eigene Fehler explizit auch im Bereich Social Media vermeiden und falsche Vorhaltungen per Faktencheck widerlegen. Wir müssen uns nicht alles bieten lassen, dafür aber auch wehrhaft in Debatten einsteigen.

Heißt das auch, Rechtspopulisten in Talkshows einzuladen?

Sofern sich Rechtspopulisten diesseits der Brandmauern menschenverachtender, strafrechtlich relevanter Aussagen und Taten bewegen, schon. Natürlich müssen wir da aufpassen, wem wir eine Plattform zur Verbreitung kruder Thesen geben. Aber da vertraue ich unseren Redaktionen.  Es ist aber sicher ein ständiger Abwägungsprozess, der nicht einfach ist.

Der auch in den Gremien dieses föderalen Organismus ARD entschieden wird. Wissen Sie, wie viele Menschen darin arbeiten und von Ihren Entscheidungen abhängig sind?

Es gibt natürlich viele Gremien der Landesrundfunkanstalten. Für die Gemeinschaftsprogramme der ARD ist der Programmbeirat zuständig, der uns inhaltlich kontrolliert. Die sogenannte Gremienvorsitzendenkonferenz ist zudem für die grundsätzliche und strukturelle Ausrichtung aller gemeinsamen Programminitiativen der ARD zuständig. Das sind in der Summe knapp vierzig Personen.

Und wie hoch ist der Frauenanteil?

Das schwankt immer wieder, weil ja die Verbände, Gewerkschaften, Kirchen, Regierungen ihre Mitglieder entsenden. Aber es sind meines Erachtens keine 50%.

Gibt es bei der ARD noch Männerbünde und gläserne Decken?

Allein die Tatsache, dass wir beide darüber reden, zeigt – wie die Tatsache, dass ich als erste Frau auf dieser Position bin – ja, dass es noch ein Weg bis zur Gleichberechtigung ist. Aber wir haben jetzt vier Intendantinnen, so viele wie wahrscheinlich noch nie in der Geschichte der ARD – und ab 2022 mit Frau Schlesinger eine starke ARD-Vorsitzende. Ich glaube fest daran, dass das etwas bewirkt. Mir persönlich macht es ja auch mehr Freude, wenn in den Sitzungen mehr als eine Frau mit am Tisch ist. Wir halten da auch ganz gut zusammen, das tut wirklich gut. Trotzdem sind wir noch nicht da, wo wir sein sollten, und ich empfinde das explizit als meine Aufgabe, daran weiterzuarbeiten – besonders natürlich im unmittelbaren Einflussbereich.

Sind Sie diesbezüglich eine Netzwerkerin?

Ja.

Auch ein Quoten-Fan?

Wenn weibliches Netzwerken – übrigens gern gemeinsam mit Männern – nichts bringt und die gläserne Decke hält, bin ich am Ende auch für die Frauenquote. Aber lieber wäre mir, wir würden es ohne schaffen.

Hatten Sie selber je das Gefühl, benachteiligt zu sein?

Nein. Umso mehr habe ich in der Verantwortung gelernt, wie selten das für viele Kolleginnen gilt. Deshalb sehe ich mich in meiner Position auch in der Pflicht, das zu verändern – etwa durch die noch bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf für Führungskräfte, aber auch durch die gezielte Förderung von Frauen. Da haben wir als Öffentlich-Rechtliche eigentlich gute Möglichkeiten, müssen sie aber auch nutzen.

War Ihr familiärer Hintergrund als Wolfgang Schäubles Tochter und Mann des Baden-Württembergischen CDU-Landesvorsitzenden mit eigenem Parteibuch dabei je hinderlich oder förderlich?

(lacht) Darum kann es ja nicht gehen. Familiärer Hintergrund oder die Mitgliedschaft in einer Partei darf in meinem Job nie eine Rolle spielen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass das immer, wenn ich in der Vergangenheit meinen Job gewechselt habe, auch durchaus kritisch kommentiert wurde. Es ist mir am Ende der jeweiligen Aufgabe dann, glaube ich, aber auch immer gelungen, dass das niemand mehr thematisiert hat. Ich habe bei der Degeto in neun Jahren 1900 Filme verantwortet, da steht die Arbeit am Ende für sich und ist auch überprüfbar.

Aber eben auch für Haltungen, Meinungen, Sichtweisen.

Die habe ich wie jeder Mensch, bin aber nicht nur in der CDU oder in der katholischen Kirche, sondern beim DJV, im Museumsverein oder in Umweltverbänden. Wichtig ist, dass meine private Haltung nicht meine Arbeit beeinflusst – so ist mein Verständnis journalistischer Standards, die für alle gelten müssen. Dass ich dennoch einer besonderen Aufmerksamkeit unterliege, finde ich nachvollziehbar undvöllig in Ordnung. Ich fühle mich dadurch aber eher herausgefordert als gestresst.


Laschets Kinder & Lambys Machtwege

Die Gebrauchtwoche

TV

13. – 19. September

Boah, sind Kinder anstrengend. Sie schmutzen, lärmen, kosten und stellen auch noch dauernd dumme Fragen, die Erwachsene zur Weißglut bringen. Also einige davon… KiKa-Reporter Alexander zum Beispiel ging Tino Chrupalla mit der Bitte um eines jener Gedichte auf den Sack, die der AfD-Chef dem deutschen Volke zur national(sozialistisch)en Erweckung eintrichtern will. Dann maßregelte Armin Laschet (von Klaas Heufer-Umlauf instruierte) Schüler für unbotmäßiges Nachhaken zum Unionshöcke Hans-Georg Maaßen. Und hier wie dort wurde klar, wie sehr sich beide in dem Moment nach einer Renaissance der Züchtigung sehnten.

Beim dritten Triell hatte sich der Kanzlerkandidat also einige Streicheleinheiten seiner früheren PR-Journalistin Claudia von Brauchitsch erhofft, die gestern mit Linda Zervakis in die Fernsehwahlkampfbütt ging. Aber Pustekuchen: als Sat1-Moderatorin machte sie Laschet mehr Dampf als Olaf Scholz. Mehr Dampf sauch als Annalena Baerbock. Mehr, vor allem aber konstruktiveren Dampf sogar als es ARZDF oder RTL, geschweige denn das heillos chaotische Kleinparteien-Quatriell im Ersten zuvor taten.

Das ist auch deshalb auffällig, weil ProSieben mit dem Politainment-Magazin Zervakis und Opdenhövel.Live. am Montag dilettantischen Mumpitz geliefert hatte. Dafür belegt der Sender beim Deutschen Fernsehpreis die ersten zwei Plätzen der Kategorie Infotainment für Pflege ist #NichtSelbstverständlich und Männerwelten von Joko & Klaas, von denen ersterer sogar nochmals für Wer stiehlt mir die Show prämiert wurde. Weitere Preisträger: Markus Lanz und Anja Reschke, Para und Das letzte Wort, Böhmermanns Magazin Royal und Donzkoys Freitagnacht Jews, Petra Schmidt-Schaller und Sascha Alexander Geršak, Für immer Sommer 90 und, äh, Moment – Oktoberfest 1900?!

Das klingt, als habe die Jury wie vor der Wahl von Andrea Kiewel oder der Sat1-Show Catch dasselbe geraucht wie Nemi El-Hassan, als die spätere WDR-Moderatorin 2014 mit 19 – was sie heute offenbar für die Wissenssendung Quarks disqualifiziert – auf einer antisemitischen Al-Quds-Demo war. Illegalen Stoff hatte wohl auch ServusTV-Chef Ferdinand Wegscheider intus, als er Verschwörerisches über 9/11 und Covid10 verbreitete. Dafür war Facebook mal trocken, als es vorige Woche Dutzende von Querdenker-Konten löschte.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

20. – 26. September

An die, also effektorientierte, leichterregbare, sprich schlichtere Gemüter, widmet sich heute hingegen die TVNow-Doku mit dem dezenten Titel Der Todespfleger. Wie das vortreffliche Sky-Pendent Schwarzer Schatten porträtiert sie den 85-fachen Mörder Niels Högel. Anders als dort allerdings kommt er persönlich am Telefon zu Wort, was der Sender auch noch mit „packendes Interview aus der JVA Oldenburg“ ankündigt und damit die niedersten Zuschauerinstinkte triggert. Höhere davon werden dafür zur besten Sendezeit im Ersten bedient.

Da nämlich zeigt das Erste Wege der Macht, Stephan Lambys journalistisch gewohnt perfekt recherchierte Milieu-Studie der politischen Kultur im Bundestagswahlkampf. Ungewohnt sehenswert ist parallel dazu der sendeplatzübliche Montagsfilm im ZDF. Carlo Ljubek befindet sich darin als Obdachloser, an dem die erschöpfte Köchin Ira (Julia Koschitz) ihr lädiertes Gewissen aufmöbelt, so anrührend wie schlüssig Auf dünnem Eis – und damit im fiktionalen Kerngebiet der ARD.

Genau dort macht sich Gabriela Maria Schmeide als alleinerziehende Mutter nach ihrer Kündigung selbstständig. Ihr mobiler Brotservice Tina Mobil berlinert sechsmal 45 Minuten zwar ein bisschen zu aufdringlich durch verwaiste Dörfer im Dreckgürtel der Hauptstadt. Da Schmeide jedoch wie kaum eine Kollegin richtige Realität glaubhaft machen kann, ist die Primetime-Serie trotzdem sehenswert – und damit das genau Gegenteil von Jürgen Vogel in der neuen ZDF-Freitagskrimireihe Jenseits der Spree, über den wir hier Derricks Trenchcoat des Schweigens hüllen.

Was demgegenüber zu empfehlen wäre: Morgen um 0.10 Uhr das Kleine Fernsehspiel Freaks mit Cornelia Gröschel als unverhoffte Superheldin. Oder die erste Staffel der Comic-Adaption Y – The Last Man von Disney+ um eine Zukunft (fast) ohne fortpflanzungsfähige Männer. Oder tags drauf bei Amazon das opulente Ballettdrama Bords of Paradise. Und zum Wochenendfinale die nicht nur musikalisch wuchtige Achtzigerjahre-HipHop-Gangcrime-Serie BMF auf Starzplay.


BĘÃTFÓØT, Dÿse, Weil

BĘÃTFÓØT

Das Einfrieren der vergangenen 18 Monate, dieses sedierte Warten auf Tauwetter, unterbrochen nur vom Gebrüll halb- bis hartrechter Realitätsverweigerer und gelegentlichem Startkregengewitter, der anderthalbjährige Stillstand also hat den Vernunft- und Empathiebegabten von uns schmerzhaft vor Augen geführt, wie wichtig Eskalation ist. Ausrasten, Selbstentfesslung, am besten bei der passenden Party – die ein Plattendebüt nun mit dem zugehörigen Soundtrack versorgt: BĘÃTFÓØT. Was genau das israelische Trio aus Tel Aviv macht?

Alles! Etikettiert mit Garagenacidpunk und bei Bedarf noch einer ganzen Reihe weiterer Attribute von Big Beat über Triphop bis Elektrotrash. Als hätten Alec Empire, The Prodigy und Skrillex ihr gesamtes Equipment auf ein Hochhaus geschleppt und von dort auf einen Plattenbausiedlungsrave gekippt, beschleunigen Udio Naor, Adi Bronicki, Nimrod Goldfarb ihr selbstbetiteltes Debüt vom ersten bis 13. Track mit irren Samples, wirren Synths und androgynisiertem Scooter-Geshoute, bis/dass es scheppert. Bruder Puder – was für ein Fanal!

BĘÃTFÓØT – Beatfoot (Life & Death)

Dÿse

Und weil sich Stillstand zuletzt wie Sterben anfühlte, weil Unruhe grad die Lösung vieler Probleme zu sein scheint, weil wir alle jetzt echt einfach mal genug Monotonie, Gleichklang, Eintönigkeit hinter uns haben, geht es an dieser Stelle um das musikalische Gegenteil von alledem und damit die beste DIY-Noise-Band aller Zeiten, mindestens. Schlagzeuger Jarii und Gitarrist Andrej, die gelegentlich klingen wie sechs Gitarristen und zwölf Schlagzeuger, veröffentlichen heute ihr erstes Album seit vorvorvorpandemischer Zeit und wir sagen an dieser Stelle einfach mal Danke Dÿse.

Danke für eure jazzig verschrobenen Mathrock-Sinfonien, die den hirninternen Rechner verlässlich runter- und wieder rauffahren. Danke für euer selbstironisches Pathos, das alle Virtuosität mit Gaga-Poesie erdet. Danke für euren Humor, der die zugehörige Tour hoffentlich bald wieder zur Punkrockcomedysauna macht. Danke für den Tinnitus, den man sich beim nächsten Konzert im Hafenklang redlich verdient haben wird. Danke, so dermaßen hochkomplexe Musik im Mitgefühl heiterer Gelassenheit verabreicht zu kriegen. Danke für die Widergeburt.

Dÿse – Widergeburt (Cargo)

Weil

Mit dem singenden Schauspieler Anton Weil könnte man sich abgesehen vom Standort Berlin nun wirklich nicht weiter von Dÿse und BĘÃTFÓØT entfernen. Wenigstens wenn sich die Oberfläche des neuen Sterns am regenverhangenen Düsterpophimmel über den Hintergrund seines Debütalbums schiebt. Durchweg angedickt mit kleckerndem Autotune und melodramatischem Trap, klingt Groll seltsam berechenbar nach Chartsattitüde, ein bisschen Gangsterrap ohne Knarre, Sexismus und Mackergehabe. Wären da nicht die Texte.

Mit Zeilen wie “auf jeden ersten Mai folgt ein weiterer zweiter Mai / an dem es gleich scheiße bleibt”, also: “egal, viel Steine ich auch schmeiß / alles bleibt hier gleich” bringt Weil das Lebensgefühl seines Kreuzberger Heimatkiezes zum Ausdruck, zumindest all jener, die sich vom Bundestagswahlkampf wenige Kilometer und doch Lichtjahre entfernt nicht einlullen lassen. Groll ist das, wonach es klingt: unzureichend betäubte Wut über die Verhältnisse, angemessen vertont mit kriechenden Beats und zähfließender Poesie. Zum Runterkommen, zum Aufbrausen.

Weil – Groll (Broken Hearts Club)


1 Pimmel & 3 Trielle

TV

Die Gebrauchtwoche

 

6. – 12. September

Es war ein kleiner Schritt für Cathy, aber ein großer für die Menschheit: Der Verband sozialer Wettbewerb hatte das It-Girl, als Gattin von Mats Hummels doppelt (selbst)vermarktbar, wegen offensichtlicher Schleichwerbung angezeigt. Könnte es sein, fragte sich der kleine Verein aus Berlin, dass die große Influencerin aus Dortmund mit ihrem ständigen Product Placement für alles, was (si selber) reich und sexy macht, etwa Einkünfte ver-, aber nicht als solche kennzeichnet?

Gibt’s ja gar nicht – gab ein BGH-Urteil der digitalen Oberflächenbrigade recht. Sofern die (natürlich zufällig) drapierten Lifestyle-Marken in vielen ihrer Posts nicht geldwert bezahlt werden, dürfen Cathy & Konsumkonsorten ihre Follower geistig wie materiell weiter vermüllen. Gut, positiv gewendet läuft das Web dadurch nicht mehr nur vor Unflat über. Zum Beispiel jenem, Andy Grote online 1 Pimmel zu nennen, weil er Feiern im Lockdown öffentlich verurteilte, nur um sich kurz darauf selber heimlich mit 30 Gästen zu verlustieren.

Schon okay, könnte man meinen: Wir alle sind pandemiemüde. Wäre der Partyhengst nicht Hamburgs Innensenator, der die Pimmel-Injurie anzeigte, worauf ein Staatsanwalt Donnerstagmorgen um sechs die Wohnung eines Familienvaters (besser: die seiner Ex-Freundin) durchsuchen ließ und Grotes Seelenheil damit höher gewichtet als Artikel 13 GG. Seither ist er nicht nur das Gespött aller Kanäle; selbst die Washington Post berichtet davon. #pimmelgate steht im Twitter-Ranking zudem auf 1 und damit die Frage im Raum, ob einige gleicher sind als andere.

Hätte der Beleidiger bloß eine von Grotes SPD-Kolleginnen Drecksfotze genannt oder aufgerufen, Grüne zu hängen – nach einschlägiger „Recht“-Sprechung wäre es von der Meinungsfreiheit gedeckt. Bleibt die Frage, warum ein Polizist den Senator zur Anzeige einer so drolligen Beschimpfung gedrängt und damit den Kneipenwirt denunziert hatte. Denunziation – ein Wort, dass CSU-General Markus Blume Bayerns grüner Fraktionschefin Katharina Schulze am Mittwoch, also Tage nur, nachdem Rezo seine Union erneut nach Strich und Faden demontiert hatte, vor die Talkshowfüße warf.

Keine so gute Idee. Sandra Maischberger entlarvte seinen Ärger über ein baden-württembergisches Onlineportal für Steueranzeigen nämlich nicht nur als digitalisierungsfeindlich; sie hielt ihm ein baugleiches Portal in Blumes Freistaat entgegen, worauf der CSU-Denunziant fast verstummte. Das hätte man übrigens auch Jan Böhmermann gewünscht, als er in einem Anflug bräsiger Cancel-Culture forderte, Corona-Querköpfen von Kekulé bis Streeck Talkverbot zu erteilen. Verstummen, das wäre auch beim gestrigen ARZDFTriell gelegentlich schön gewesen – so konfus, wie Maybrit Illner und Oliver Köhr den Hahnenkampf von Laschet und Scholz zuweilen moderiert haben.

Die Frischwoche

14. – 19. September

Das dürfte nächsten Sonntag nicht mal der dritte und letzte Dreierdisput beim journalistisch selbstverzwergten Sat1 mit dem journalistisch selbstbewussten Schwesterkanal Pro7 noch unterbieten. Aber vielleicht wird es heute ja ein wenig strukturierter, wenn die ARD das Spitzenpersonal von FDP, CSU, AfD und Linke parallel zum Auftakt des neuen Pro7-Magazins Zervakus & Opdenhövel.Live im Vierkampf nach dem Triell aufeinanderhetzt. Morgen folgt im ZDF-Wahlforum dann noch Klartext, Herr Scholz, Donnerstag komplettiert von Klartext, Frau Baerbock, Mittwoch unterbrochen in der ARD-Wahlarena mit Armin Laschet.

Während die Privatsender wieder in den Ablenkungsmodus billiger Unterhaltung von Bauer sucht Frau bis Biggest Loser verfallen, suggerieren die öffentlich-rechtlichen zumindest kurz, die Primetime ließe sich mit relevanter Information bespielen. Zentraler sind und bleiben dort jedoch auch dieser Tage Krimi-Reihen wie Die Jägerin (Dienstag, ZDF) oder Nord bei Nordwest (Donnerstag, ARD). Bei den Streamingdiensten zentraler sind dagegen mittlerweile Dokus wie eine, die am Mittwoch echt überrascht: Schumacher.

Anders als bei RTL vergöttert Netflix das Leben der verunglückten Benzinschleuder nämlich nicht, sondern analysiert es analysiert. Was der fünfteiligen Terror-Rekonstruktion Turning Point zugleich über die islamistischen Anschläge auf Pentagon und World Trade Center vor 20 Jahren gelingt, die gemeinsam mit der deutschen Guantanamo-Doku Slahi und seine Folterer vom investigativen SZ-Reporter John Goetz belegt, wie nachdrücklich 9/11 den Werte-Kompass demokratischer Nationen wie die USA durcheinander (oder womöglich auch nur ins rechte Lot) gebracht hat.

Weniger dramatisch, weniger politisch, und doch ähnlich sehenswert ist dagegen die lang ersehnte Fortsetzung der erwachsenen Teeny-Serie Sex Education ab Freitag auf Netflix. Am Abend zuvor zeigt das ZDF derweil online first das Serien-Sequel von Dieter Hallervordens Mein Freund, das Ekel, wofür man besser Nonstop Nonsens gemocht haben sollte. In der ARD-Mediathek sucht Oli Schulz tags drauf den Sound of Germany. Und auch Arte geht mit seiner südafrikanischen Drama-Serie Hopeville um einen Alkoholiker und seinen Sohn parallel zunächst mal ins Netz.


Ralf Schmitz: Punchline & Paar Wars

Ralf Schmitz stellt Paare auf die Probe in "Paar Wars"

Krieg unter Paaren

Comedian Ralf Schmitz (Foto: Boris Breuer) entwickelt sich gerade zum Beziehungsexperten. Nach der RTL-Datingshow Take Me Out moderiert er nun Paar Wars bei Sat1. Ein Gespräch über Alltagskomik, Katzenfimmel, Paartherapie und ob er mal Kanzler werden will.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Schmitz, der Name Ihrer neuen Sat1-Beziehungsshow Paar Wars klingt ganz schön martialisch.

Ralf Schmitz: Jetzt, wo Sie’s sagen.

Ist das nur eine tolle Punshline oder ernst gemeint?

Beides. Es ist ein Krieg unter Paaren, aber im humoristischen Sinne. Die kämpfen schon richtig gegeneinander ums Preisgeld, aber auch untereinander um Teamfähigkeit, Stressresilienz, Verständnis, Vertrauen. Wer all das mitbringt, kommt weiter – in der Show wie in der Beziehung.

Klingt wie eine paartherapeutische Mischung aus Ulla Kock am Brinks 100.000-Mark-Show und Jürgen von der Lippes Geld oder Liebe?

Ach, Ähnlichkeiten gibt es im Showgeschäft immer wieder, aber diese hier sind ja doch ganz schön lang her, um nicht uralt zu sagen. Paare mussten sich im Fernsehen schon oft unter Beweis stellen, allerdings häufig eher akrobatisch. Bei uns offenbaren Paare, ob und was sie sich vormachen, voneinander wissen oder nur zu wissen glauben. Es geht also um Klischees, aber auch Überraschungen und ist daher keine Paartherapie mit Tiefenanalyse, sondern eine Beziehungsshow mit Humor.

Spätestens da käme dann Ralf Schmitz ins Spiel, der als Comedian Expertise in Sachen Alltagskomik mitbringt und als Moderator die RTL-Show Take Me Out moderiert.

Moderierte. Ich habe mich entschlossen, ein paar Formate wie dieses hier gemeinsam mit Sat1 und meinem Team zu entwickeln, und Take Me Out deshalb kürzlich beendet. Mir ist ja immer sehr wichtig, Menschen vor der Kamera auf Augenhöhe kennenzulernen. Es könnte also sein, dass die Verantwortlichen mich als spontanen, freundlichen, schlagfertigen Komiker mit Stand-up- und Paarshow-Erfahrung wollten, aber das müsste man die fragen.

Was außerdem hilfreich sein kann, sind – um mal von hinten durch die Brust ins Auge ein bisschen Gossip abzufragen – persönliche Beziehungserfahrungen…

(lacht) netter Versuch!

Bislang schaffen Sie es gut, Ihr Privatleben abgesehen von Ihrem Katzenfimmel vollständig aus der Öffentlichkeit herauszuhalten.

Katzenfimmel?! (lacht laut) Das hat sich noch niemand getraut, super.

Immerhin sind Sie 2008 mit einem Buch über ihre Katze durch alle Talkshows getingelt.

Trotzdem bin ich kein Freak mit 18 Stück, aber in der Tat ein katzenaffiner Mensch.

Sind Sie denn auch ein frauenaffiner Mensch und können bei der Moderation ein wenig aus dieser Lebenserfahrung schöpfen?

Nicht mehr oder weniger als andere Menschen mit mehreren Beziehungen im Leben, aber natürlich trägt man den privaten Kosmos als Komiker immer auch ein bisschen mit rein ins Berufliche. Für mich zum Beispiel war es in Beziehungen stets wichtig, das Gespräch zu suchen, Kompromisse, Fehler zu akzeptieren und authentisch zu bleiben, sich und der Partnerin nichts vorzumachen. Als Kandidat meiner eigenen Show wären das schon mal ganz gute Voraussetzungen.

Würden Sie die denn dann tendenziell gewinnen, Ihrem hohen Anspruch als Moderator also auch selber genügen?

Mit einigen meiner bisherigen Partnerinnen vermutlich schon. So wahnsinnig viele Beziehungen hatte ich gar nicht, aber mit der ersten wäre das womöglich schwieriger. Die Show wäre jedenfalls ein guter Gradmesser.

Obwohl sie nicht müde werden, den paartherapeutischen oder zumindest -analytischen Ansatz hervorzuheben, bleibt sie am Ende aber doch leichte Unterhaltung. Gibt es dafür, angesichts der katastrophalen Situation in aller Welt, gute und schlechte Zeiten?

Ich finde ja, aber gute Unterhaltung, egal ob leicht oder schwer, hat immer ihre Berechtigung. In guter Zeit sowieso, weil sie das Lebensgefühl widerspiegelt. In schlechter Zeit sogar noch mehr, weil sie für ein paar Stunden die Möglichkeit zum Abschalten schafft. Das darf man nicht unterschätzen.

Meinen Sie, das Angebot des Fernsehens steuert die Nachfrage der Zuschauer diesbezüglich bewusst?

Oh, das setzt zum einen voraus, dass es das Fernsehen gäbe. Zum anderen sind die Prozesse von der Idee bis zur Ausstrahlung einer Fernsehsendung viel zu lang, um auf aktuelle Befindlichkeiten reagieren zu können. Eine Spendengala wie die, bei der ich auf Sat1 für die Flutopfer mitgeholfen habe, ist da was anderes; das geht als direkte Antwort spontan. Aber das dank der Katastrophen und Krisen in aller Welt jetzt plötzlich mehr oder weniger Unterhaltung entsteht, glaube ich nicht. Trotzdem ist gutes Entertainment auch als Antwort auf den grassierenden Zynismus überall gerade wichtiger denn je.

Wie ist es denn mit Ihnen als Komiker: Empfinden Sie angesichts der Welt am Abgrund das Bedürfnis, ihr lustiges Alltagsallerlei um etwas Politik zu erweitern?

Das kann ich nicht ausschließen, aber jeder muss letztlich das tun, was in ihm steckt. Und es gibt bereits genügend ganz wunderbare Kabarettisten, Satiriker, auch ein paar Comedians, die das hervorragend können. Ich sorge eher für die Auszeit vom Abgrund, da liegt mein Talent. Wer weiß – wenn es mich irgendwann kitzelt und ich es mir zutraue, werde ich vielleicht auch mal politischer. Momentan aber gucke ich den Menschen lieber aufs Herz als ins Gewissen. Ohne mich mit ihm vergleichen zu wollen, Gott bewahre…

Loriot!

Der hat auch lieber den Menschen beim Menschsein zugesehen als es politisch zu analysieren.

Wobei seine Kunst darin bestand, den Leuten durch scheinbar harmlose Beschreibung ihre bürgerlichen Abgründe aufzuzeigen.

Unter anderem. Abzüglich seiner Einzigartigkeit möchte ich das auch.

Stichwort Berufsperspektiven: In letzter Zeit haben Komiker in Ländern wie Island, Italien, der Ukraine sogar politisch Karriere bis hoch zum Staatspräsidenten gemacht. Wäre das was für Sie?

(lacht) Spannende Idee, aber nein. Das ist nix für mich. Wir alle denken ab und zu, wenn man mich nur ließe, dann… Abgesehen von mangelnden Nehmerqualitäten, bestünde mein Problem aber schon darin, dass ich dazu neige, Dinge zügig umsetzen zu wollen. Nicht hektisch, wohlgemerkt, auch wenn ich so rede; aber schnell und vor allem gründlich. Das ist der politischen Entscheidungsfindung fremd. Bei all den Stöcken, die einem in der Politik zwischen die Beine geworfen werden, hätte ich außerdem nach drei Jahren einen Herzinfarkt. Damit wäre ja auch niemandem gedient.


Weidels Lindner & Yardims SaFahri

TV

Die Gebrauchtwoche

30. August – 5. September

Vor der Fernsehdebatte ist nach der Fernsehdebatte ist in der Fernsehdebatte ist drei Wochen vor der Bundestagswahl Fernsehdauerdebatte. Nachdem es beim RTL-Triell nur einen Sieger, besser: eine Siegerin gab, nämlich die sehr souveräne Pinar Atalay, wandert der Fernsehdebattenzirkus weiter zur ARD-Wahlarena, heute mit Annalena Baerbock, Dienstag mit Olaf Scholz, am 15. dann – also weit näher am Stichtag – mit Armin Laschet, der dafür am Donnerstag parallel zur Sat1-Schulimitationsgaudi Kannste Kanzleramt im ZDF Klartext reden soll und dabei von allerlei Talkshows zum selben Thema umrahmt werden.

Dieses politische Sperrfeuer kann durchaus hochinteressant werden wie Christian Sievers’ Sechserdebatte im ZDF, bei der sich die Spitzenkräfte aller prozentuell aussichtsreichen Parteien zuletzt deutlich lebendiger gezankt hatten als ihre Kanzlerkandidat*innen zuvor. Wobei auffiel, wie oft Christian Lindner und Alice Weidel einer Meinung waren. Einer Meinung war offenbar auch der Bertelsmann-Vorstand und Leitung von CEO Thomas Rabe, der grad Verblüffendes verkündete: die künftige RTL-Führung nämlich besteht aus Stephan Schäfer und Matthias Dang aus dem Hause des neuen Lovers Gruner + Jahr.

Das allein ist wenig überraschend; beide haben die Verlagshierarchien von Grund auf durchlaufen. Interessanter ist da schon ihr mutierter Chromosomensatz. „Der Kahlschlag beim Führungspersonal“, klagt ein offener Brief von ProQute Medien angesichts der neuen, alten Männermacht on top, „betraf bei RTL vor allem Frauen“. Es sei absurd, „dass Medien diverser gemacht werden müssen“, führen die Kritikerinnen fort, und hier „passiert im wahrscheinlich bald größten journalistischen Unternehmen Deutschlands das Gegenteil“. Da drängt sich also der Verdacht auf, die geplanten 100 Millionen Euro Einsparungen nach der Zusammenlegung ab 1. Januar könnte mehrheitlich Frauen betreffen.

Manchmal und wirklich nur in Momenten zynischer Entgleisung klänge es fast schon wünschenswert, die Erde wäre ein Raumschiff, das auf der Rückreise von Exoplaneten versehentlich außerirdische Monster transportiert, die nach und nach das männliche Personal dezimieren, bis ihm die letzte Frau an Bord den Garaus macht. Klingt schwer nach Alien, ist also Science-Fiction, verdient ab Freitag aber neue Beachtung.

Die Frischwoche

6. – 12. September

Dann nämlich zeigt Sky seine Eigenproduktion Memory, in der die bemerkenswerte Entstehungsgeschichte des für viele vielleicht besten Zukunft-Thrillers aller Zeiten dokumentiert. Nie zuvor und selten danach wurde futuristische Klaustrophobie erschreckender inszeniert als 1977 von Ridley Scott. Neueren Datums und daher mit mehr Digitaleffekten als Kulissenschieberei funktioniert das Spin-off der American Horror Story im Plural, also Stories, ab Mittwoch bei Disney+.

Irritierend realistisch und doch artifiziell ist SaFahri. Rätselfüchse erkennen womöglich schon am Titel, wen Sky da ab Donnerstag auf eine Expedition zu den vier Elementen im Zeichen von Umweltzerstörung und Klimawandels schickt. Na? Genau: Fahri Yardim. Weil der nun mal eher Ulknudel als Forscher ist, aber sehr schlagfertig staunen kann, ist der Vierteiler zwar eher drollig als lehrreich. Aber vielleicht werden so ja ein paar Querdenker auf die Abbiegespur von Verstand und Fakten umgeleitet. Vielleicht glotzen sie aber doch auch bloß Giovanni Zarella in seiner gleichnamigen Volksschlagersause, Premiere Samstag im ZDF, wer weiß.

Für vernunftbegabtere Zuschauer ohne Geschmack läuft dort Montag und Dienstag das Mafia-Drama Im Netz der Camorra mit Tobias Moretti. Leider badet Regisseur Andreas Prochaska den Zweiteiler so pathetisch in Konventionen, dass selbst in Actionszenen die Füße einschlafen. Ganz anders ein Achtteiler für vernunftbegabtere Zuschauer mit Geschmack beim Ableger Neo: In Trigonometry vermischt die BBC eine maximal diverse Dreier-WG zur Menage à Trois, die allerhand über unsere Gesellschaft erzählt.

Weil Netflix die Pressefreiheit eher weniger wertschätzt und Fernsehkritiker*innen nach Gutsherrenart, also sehr willkürlich, mit Ansichtsmaterial füttert, sollte man dessen Formate eigentlich ignorieren, aber der deutsche Actionthriller PREY mit David Kross und Hanno Koffler ab Freitag ist eh nicht weiter der Rede wert.


Heide Keller: Beatrice & Ungeduld

keller

Ich habe eben Humor

Heide Keller, besser bekannt als Traumschiff-Chefstewardess Beatrice – auf dem ZDF-Foto aus den 80ern zwischen den damals noch völlig unbekannten Robert Redford und Stewart Granger – ist mit 81 gestorben. Erinnerung an einen Superstar des Regenbogenfernsehens – in Gestalt eines Interviews zu ihrem Rückzug vom Traumschiff vor vier Jahren.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Keller, auf ihrer letzten Fahrt mit dem Traumschiff sagt Beatrice zu Käpt‘n Victor, der Job habe ihr nur Freude gebracht, deshalb wolle sie aufhören, bevor er zur Belastung wird. Spricht da Heide Keller auch ein bisschen selbst durch ihre größte Rolle?

Heide Keller: Genau das ist auch meine Meinung, deshalb sagen wir es beide zugleich.

Ich selbst hab Ihre Jungfernfahrt vor 36 Jahren noch im Frotteeschlafanzug gesehen und kann mir die Sendung ohne Beatrice gar nicht vorstellen.

Ach, das höre ich gern, da freue ich mich.

Können Sie sich ein Traumschiff ohne Beatrice denn vorstellen?

Das kann ich. Nach 37 Jahren Arbeit an dieser Reihe blicke ich ja auf eine sehr glückliche, erfüllte Zeit zurück. Aber man muss auch wissen, wann etwas vorbei sein sollte. Ich kenne den Plan des ZDF, dieses Vorzeigeprodukt noch möglichst lange weiter zu drehen, und wünsche ihm auch ohne mich allzeit gute Fahrt und immer ‘ne Handbreit Wasser unterm Kiel.

Wer könnte denn Ihren Part übernehmen?

Erster Vorwurf, Herr Freitag. Ich bin streng, das weiß ich, aber das sollte man wissen. Als neues Mitglied der Stammbesatzung kommt Barbara Wussow hinzu, eine sehr gute und erfahrene Schauspielerin.

Aber ja nicht als Chefstewardess – darauf zielte die Frage ab.

Nein, als Direktorin des Hotels an Bord. Beatrice, also die Chefstewardess, bleibt unbesetzt. An ihrer Stelle wurde ein kleiner Sockel mit Trikot hingestellt. Verstehen Sie was ich meine?

Vermutlich nicht, dass nun ein kleiner Sockel mit ihrer Uniform im Gang steht?

Natürlich nicht, das war ein Witz. Ich habe eben Humor und bin berühmt für meine Pointen. Der einzige, der diese hier verstanden hat, war bislang Herr Kerner. Man muss schon richtig hinhören. Frau Keller ist alt und streng.

War Barbara Wussow denn schon als Passagier an Bord?

Einmal, ja. Ich weiß aber nicht mehr wann und in welcher Folge.

Wissen Sie noch, wer Ihr allererster Gesprächspartner in der allerersten Folge war?

Der erste Satz, der jemals fürs Traumschiff gesprochen wurde, war meiner, morgens um acht auf Barbados zu Maria Sebaldt: Wo wollte ihr Mann denn hin? Aber wir haben ja nicht chronologisch gedreht, von daher könnte ich im Film zunächst mit jemand anderem geredet haben.

Walter Richter, damals zugleich der allererste „Tatort“-Kommissar Trimmel.

Und bei uns der Gewinner eines Fernsehquiz.

Ein Mann aus der Unterschicht, der sich im Urlaubsdomizil der Oberschicht spürbar unwohl fühlt. Das ist heutzutage kaum mehr vorstellbar oder?

In der Tat. Diesen Glamour gibt es ja heute nicht mehr. Leider. Durch die vielen Ozeanwohnblocks ist die Kreuzfahrt als Ereignis fast ausgestorben. Ich weiß gar nicht, was es mit einer Schiffsreise zu tun haben soll, im Hochhaus um die Welt zu schippern. Deshalb freut es mich auch so, dass das ZDF für die Produktion ein echtes Schiff mit richtigem Bug finden konnte. Es heißt ja Traumschiff, nicht Traumklotz.

Sie trauern der Exklusivität des Kreuzfahrens nach?

Ich versuche grundsätzlich, möglichst wenigen Dingen nachzutrauern. Alles hat seine Zeit. Unsere war diesbezüglich sehr besonders; und es gibt ja noch ein paar Schiffe unserer Art.

Andere Passagiere der ersten Stunde trugen Namen wie Josef Meinrad, Bruni Löbel, Günter Lamprecht, Ursula Monn, Manfred Krug, Wolfgang Kieling, Monika Peitsch, Ivan Desny – alles seinerzeit Superstars mit Bühnenerfahrung. Warum fahren von denen heute so wenige mit?

Weil es die gar nicht mehr gibt. Jeder, der mal in irgendeiner Soap drei Sätze gesagt hat, bezeichnet sich selbst als Star. Und dass die wenigen, die diesen Titel wirklich verdienen, nicht mitmachen, liegt vermutlich daran, dass der Markt mit Massenware, vor allem Krimis, überschwemmt wird. Da fehlt vielen schlicht die Zeit. Außerdem werden Schauspieler längst wie Wegwerfware behandelt. Wenn einmal die Quote nicht stimmt, wird das Format eingestellt.

Haben Sie sich je so behandelt gefühlt?

Nie. Ich hatte das Glück, dass zwischen mir und der Fernsehwelt, in der die Entscheidungen getroffen werden, immer ein Mensch dazwischen war, der alles von uns Schauspielern ferngehalten hat.

So wie Sie die Lage schildern…

Wenn Sie intelligent wären, würden Sie mich jetzt fragen, welcher Mensch das war?

Ach, die Antwort von eben klang, als hätte es an ihrer Seite immer Menschen gegeben, die sich um Sie persönlich bemüht hätten, nicht ein bestimmter.

Natürlich war es ein bestimmter. Und zwar Wolfgang Rademann.

Der dem deutschen Fernsehen auch die Schwarzwaldklinik geschenkt hat.

Genau der. Rademann war derjenige, der immer dafür gesorgt hat, dass all der Mist hinter den Kulissen nie bis zu uns Darstellern vorgedrungen ist. 

Künstlerisch hat ihm das Feuilleton stets vorgeworfen, das Publikum mit leichter Kost zu unterfordern.

Das lag aber nicht an Wolfgang Rademann, sondern einem Großteil sogenannter Journalisten, die es nicht mitkriegen, wenn etwas lustig ist. Weil lustig als Gegenteil von gut gilt. Als Dieter Hallervorden mit „Honig im Kopf“ Preis um Preis gewonnen hat, war das Erstaunen daher groß. Komik hat was mit Können zu tun; das können viele Journalisten, aber auch Schauspieler nicht beurteilen. Als sei Unterhaltung minderwertig… Kein geringerer als Berthold Brecht hat doch mal gesagt: Theater ist in erster Linie Unterhaltung. Das war meine Antwort.

Wobei die Kritik weniger dem Humor galt als der Ausblendung aller Probleme, die sich nicht bis zum Käpt’ns-Dinner lösen lassen.

Ach wissen Sie, es gibt doch auch Märchen. Deshalb heißt die Serie auch nicht Realitätsschiff oder Problemschiff oder Konfliktschiff, sondern Traumschiff. Wir erzählen Träume. Wer das nicht versteht, soll abschalten und weiter Krimis gucken.

Als Harald Schmidt von Journalisten ohne Ahnung gefragt wurde, warum er sich das Traumschiff antue, sagte er sinngemäß, weil er sonst nirgends beim Arbeiten Urlaub machen könne und umgekehrt.

Gute Antwort.

Wohin verreist man, wenn man wie Sie schon jeden Hafen der Welt angelaufen hat?

Dorthin, wo ich gerne bin. Wie jedermann. Im Sommer nach Italien oder Frankreich oder an die Nordsee. Lange Flüge mache ich nicht mehr.

Haben Sie je privat eine Kreuzfahrt unternommen?

Habe ich auch mal.

Gerät man als Chefstewardess mit jahrzehntelanger Berufserfahrung da nicht in so eine Art Arbeitsmodus und betrachtet das Schiff durch die Augen der Kamera?

Nein, wenn ich privat bin, bin ich privat. Auf Reisen bin ich doch keine Kritikerin.

Beenden Sie nach ihrem Abschied vom Traumschiff eigentlich auch ihre Schauspielkarriere insgesamt?

Den Gefallen werde ich Ihnen nicht tun. Ich beende eine wunderbare Phase meines Lebens, das damit hoffentlich noch lange nicht zu Ende ist. Meine Hoffnung ist eine Rolle, in der ich endlich mal so alt sein darf, wie ich bin.

Dafür alles Gute, Frau Keller.

Danke. Und verzeihen Sie meine Ungeduld.