Messer, Sons, Ätna

Messer

Miese Laune hat einen, besser: Dutzende Namen. Sie reichen von Dark Metal bis Gothic, von The Fall bis The XX, von Melodram bis Moll. Alles oft zu sperrig, öde, zu verkopft, um beim Hören nicht hirntot vom Grabstein zu fallen. Um aus dieser miesen Laune auch gute Musik zu machen, ist es daher ratsam, sie hübsch einzupacken, ohne sich dem hedonistischen Zwang zur guten Stimmung anzubiedern. Und das beherrscht hierzulande kaum eine Band besser als, sorry für den lustigen Reim: Messer. Seit ihrem Debütalbum vor acht Jahren schon.

Auch damals wirkte der elaborierte Schwermut des Quartetts aus Münster zwar aufrichtig ernüchtert, aber nie verzagt. Wenn Hendrik Otremba gleich zum Auftakt der vierten Platte nun haucht, “Es gibt kein Happy End” und von Wolken am Himmel singt, mag die Sonne dahinter also verborgen sein, aber nicht negiert. Denn mit schrillen NDW-Gitarren der Marke Ideal und proklamatischem Mehrfachgesang drüber, räumt No Future Days die Übellaunigkeit der untergründigen Übellaunigkeit resolut ab und macht daraus eine Art Wavefunk mit Orgelbegleitung. Das ist und bleibt die klügste Versuchung, seit es Postpunk gibt.

Messer – No Future Days (Trocadero)

 

Sons

Wie blendend die Laune im Kontext mieser Vibes sein kann, zeigen dagegen die Alternativerocker SONS, deren Bandname eigentlich so derart bescheuert ist, dass man den Eigensinn ihrer flächigen Klanggewitter darunter glatt vergessen könnte. Wer sich das Mackerhafte der Oberfläche allerdings kurz mal wegdenkt, erblickt im psychedelischen Noise des belgischen Männerquartetts eine Eleganz, die zwar ohne weiblichen Anteil auskommen muss, aber Null Raum für Geschlechterdebatten jeder Art lässt.

Daheim bereits vor knapp einem Jahr und nun endlich auch hierzulande erschienen, drischt Family Dinner zwar beherzt in die Saiten. Sie hängen allerdings nicht wie im Schweinrock üblich auf Eier-, sondern buchstäblich auf Herz- und Hirnhöhe. Es gibt also reichlich Adrenalin im brachial verzerrten Gitarrensound der Sons, was ihr potenzielles Publikum betrifft gewiss auch ein wenig THC, aber trotz allem kein Testosteron. Dafür ist das Psychosurfelement am Übergang zum Punkrock zu vordringlich. Und zu gut.

Sons – Familiy Dinner (Popup)

Ätna

Aus Dresden kommen bekanntlich vorwiegend Horrornachrichten. Wenn der Faschismus dort nicht gerade das nächste Ermächtigungsgesetzt vorbereitet, wird die Stadt wahlweise geflutet, verbaut oder sonstwie missbraucht. Schon deshalb ist es wichtigt, den vernunftbegabt Aufrechten vor Ort alle Aufmerksamkeit zu geben. Etwa in Gestalt des Popduos Ätna. Kurz, nachdem die spanisch-jüdische Schweizerin Inéz zum Studieren dorthin gezogen ist, hat sie nämlich das westdeutsche Landei Demian getroffen, um die lokale Partyszene mit einem kleinen Vulkanausbruch aufzumischen.

Das Ergebnis ist ein avantgardistischer Cocktail aus Synths und Drums, aufwühlendem Gesang und emanzipierten Lyrics, der stimmlich ein bisschen an M.I.A. erinnert und atmosphärisch an Atari Teenage Riot – nur sehr viel tanzbarer, strukturierter, weniger wütend. Manchmal ein wenig weltmusikalisch angehaucht, ist das Debütalbum Made by Desire demnach glaubhaft innerer Leidenschaft entsprungen, die in ihrer Vielschichtigkeit hingebungsvoll den Pop durchdekliniert, ohne beliebig zu werden. Kleiner Lichtblick aus der dunkelsten Ecke Deutschlands.

Ätna – Made by Desire (Humming Records)


Bjarne Mädel: Ernie, Schotty & ein Manager

Auch ein Banker hat Gefühle

Kaum ein Schauspieler hatte es schwerer als Bjarne Mädel, sich von beharrlichen Rollenklischees zu lösen. Sein Banker im ZDF-Melodram Tage des letzten Schnees zeigt: es ist ihm gelungen. Ein Interview über Mittelschichtsfiguren, Realitätsvortäuscher und wie er mal auf einen Hütchenspieler reingefallen ist.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Bjarne Mädel, sind Sie selbst schon mal reingelegt worden wie Ihre Filmfigur Markus Sellin?

Bjarne Mädel: Nicht in dem Ausmaß, aber als ich vor vielen Jahren nach Berlin gekommen bin, hab ich den Fehler gemacht, Hütchenspielern auf den Leim zu gehen. Nachdem ich denen eine Weile lang von der anderen Straßenseite aus zugesehen hatte, war ich mir so derart sicher zu gewinnen, dass ich danach 50 Mark verloren habe. Seither bin ich nicht mehr so richtig betrogen worden.

Wobei Schauspielerei selbst als kleiner Betrug gilt…

Sagt man so, ja. Ich würde allerdings eher von Realitätsvortäuschung reden.

Kriegt man als berufsbedingter Realitätsvortäuscher ein anderes Sensorium für echte Betrüger?

Nicht so sehr, wenn es um Tricksereien geht. Aber wenn mir jemand eine Stimmungslage nur vorgibt, merke ich das auch deshalb oft relativ schnell, weil ich es ebenfalls gelernt habe, Gefühle künstlich herzustellen.

Sind Sie dadurch auch privat in der Lage, anderen emotional einen Bären aufzubinden?

Nein, das sind zwei verschiedene Welten. Zumal es mir auch im Schauspiel nicht darum geht, mich zu verstellen. Meine Figuren sind mir vielfach emotional sehr nah.

Wobei Ihnen der Banker Sellin verglichen mit vielen Ihrer Charaktere seltsam fern wirkt…

Der Mensch war mir nicht fern, nur seine Arbeitswelt; da gibt’s ja auch tatsächlich überhaupt keine Berührungspunkte – was schon beim Anzug oder der Lebensweise anfängt. Beides ist allerdings nur Teil seines beruflichen Umfelds. Die Privatperson mit all ihren Problemen ist mir dann wieder gar nicht so fern. Auch ein Banker hat ja Gefühle!

Fällt es Ihnen dennoch leichter, untere Mittelschicht wie Der kleine Mann, Mord mit Aussicht oder Stromberg zu spielen?

Ich fühle mich meinem Tatortreiniger zwar irgendwie verbundener als einem leitenden Angestellten, für die Intensität des Spiels macht das aber keinen Unterschied. Die Konzentration aufs Spiel ist einfach Teil meines Berufs. Ich bin ja nicht zufällig vor der Kamera gelandet und zum Glück nicht deckungsgleich mit den Figuren, die ich spiele.

Aber trotzdem wie Schotti HSV-Fan.

Es war von Anfang an klar, dass sich Heiko Schotte als Hamburger Macho mit Goldkette für Fußball interessieren sollte. Regisseur Arne Feldhusen war damals eher für St. Pauli, ich für den HSV – aber Pauli wird ja von Axel Prahls Kommissar Thiel im Tatort als Fan schon gut am Fernseher vertreten, auch deshalb haben wir uns für den größeren Traditionsverein Hamburgs entschieden. Dass ich HSV-Fan bin, hat es mir leichter gemacht, das glaubhaft zu vertreten, aber darum geht es echt nicht.

Sondern?

Es geht darum, was für die Geschichte richtig und stimmig ist, nicht was mir privat lieber ist. Natürlich gibt es Figuren oder Lebensumstände, die einem persönlich näher sind als andere. Ich habe zuletzt etwa in Der Überläufer einen Soldaten gespielt, ohne jemals beim Bund gewesen zu sein. Ich kann mich aber natürlich dennoch in seine Not hineinversetzen, auch wenn mir der Umgang mit einer Waffe nicht so vertraut ist. Ich habe durchaus innere Widerstände gegen allzu erfolgreiche Typen, aber einfach nur weil ich es langweiliger finde, sie zu spielen, wenn sie keine Abgründe haben.

Folgt Ihre Rollenauswahl dem Bedarf, sich von Rollenklischees zu emanzipieren?

Ich habe tatsächlich eine Weile aufgepasst. Nach zehn Jahren Stromberg haben alle gesagt, guck mal, da kommt Ernie. Nach sieben Jahren Mord mit Aussicht haben alle gesagt, guck mal, da kommt Dietmar. Nach sieben Jahren Tatortreiniger haben alle gesagt, guck mal, da kommt Schotti. Das waren ja auch alles tolle Sachen, auf die ich sehr stolz bin, aber wenn ich im Theater auf die Bühne komme und jemand fängt an zu lachen, bevor ich angefangen habe zu spielen, oder schlimmer noch, ruft laut Schotti, dann nervt das nicht nur mich, sondern alle. Aber letztlich ist es nur ein Lob für eine Figur, die ich selber ja auch sehr mochte.

Mochten Sie auch diesen Film hier, oder anders gefragt: Würden Sie sich Tage des letzten Schnees auch privat ansehen?

Ja, absolut! Schon allein wegen des tollen Ensembles. Außerdem mag ich die Arbeit von Jan Costin Wagner sehr, der die Romanvorlage geschrieben hat. Er erschafft tolle Figuren, erzählt spannende Krimis, aber eben psychologisch so tiefgründig, dass der Anteil der Polizeiarbeit in den Hintergrund rückt.

Von den Romanen gibt es noch drei. Macht das den Stoff automatisch reihentauglich?

Hätte ich nichts dagegen, aber ohne zu viel zu verraten, bin ich dann ja als Protagonist definitiv raus.


Balbierte Thüringer & krasse Teens

Die Gebrauchtwoche

3. – 9. Februar

Nachdem das ZDF bereits die Übertragung der Goldenen Kamera beendet hatte, wendet sich die ARD nun vom Bambi ab – zu offensichtlich ist die künstlerische Irrelevanz beider Preise, zu offensichtlich auch der Werbecharakter beider Veranstaltungen. Und dann waren die Einschaltquoten auch noch Jahr für Jahr tiefer in den Keller gerauscht. Fehlt eigentlich nur noch das Ende der Live-Schalten zu jedem noch so unbedeutsamen PR-Kick des FC Bayern, dann wird das öffentlich-rechtliche Showfernsehen vielleicht irgendwann mal unabhängig.

Im heute-journal bringt Marietta Slomka den faschistisch intronisierten FDP-Mann Thomas Kemmerich mit einer Kanonade kluger Fragen in Erklärungsnot, der ARD-Brennpunkt muss wegen des DFB-Pokals trotz aller Dramatik leider mit neun, statt der üblichen 15 Minuten auskommen, Martin Schulz zeigt mit seiner achtmaligen Wiederholung der altbackenen Redewendung, irgendwer habe irgendwen über den Löffel balbiert, warum junge Menschen in Scharen Grüne statt Sozis wählen, Alice Weidel grinst eine Therapiesitzung bei Anne Will wie ein Honigkuchengoebbels und Dieter Nuhr setzt in geistiger Verwandtschaft Nazis mit Linken gleich, die er fast noch asozialer findet als Greta Thunberg – die Tage nach dem Dammbruch von Erfurt, der ja erstmal nur ein Tabubruch war, hallten auch in den Medien nachhaltig nach.

Und zwar so heftig, dass Dieter Nuhrs Populistenbuddies von Donald Trump, dessen fortgesetzter Betrug immer mehr zur Machtverfestigung führt, bis hin zu Boris Johnson, der kritische Medien wie die BBC dadurch aufs Korn nimmt, dass er die strafbare Unterschlagung der Rundfunkgebühr künftig entkriminalisieren will, ins Hintertreffen geraten.

Die Frischwoche

10. – 16. Februar

Aber gut, ist ja auch – Tättääh – bald Karneval. Weshalb die Öffentlich-Rechtlichen alle Nicht-Närrinnen und Narrhalesen bereits zwei Wochen vorm Rosenmontag permanent mit Kalauerkanonaden auf allen Kanälen quälen. Dabei gibt’s die besten Kalauer aus deutscher Herstellung bei (kauft nicht bei) Amazon Prime, das sich 2017 bekanntlich Pastewka unter den Nagel gerissen hat. Weil die ursprünglichste aller fakefiktionalen Fremdschamserien zuvor bereits zwölf Jahre bei Sat1 lief, ist es mit der aktuell zehnten Staffel, nun aber auch mal gut.

Freitag startet derweil der erste deutsche Netflix-Film. Wie nicht anders zu erwarten, zeigt Isi & Ossi der linearen Konkurrenz, wie man Jugendkultur auch ohne Peinlichkeit in gute Fiktion verwandelt. Oliver Kienles (Bad Banks) Geschichte einer Milliardärstochter (Lisa Vicari), die sich vom Jet Set genervt in die Unterschicht des Boxers (Dennis Mojen) begibt, ist nach eigenem Buch gleichermaßen humorvoll, empathisch und real – also das Gegenteil der US-Abenteuerserie Blood & Treasure, in der ein schöner Ex-Spion mit einer noch schöneren Meisterdiebin ab Freitag (20.15 Uhr, K1) im Indiana-Jones-Stil Schätze jagt. Zum Auftakt natürlich irgendwas mit Pyramiden.

Das ist unterhaltsam, bunt, aber so egal, dass die Überleitung zur Realität leicht fällt. Morgen zum Beispiel die Dokumentation Gulag, in der Arte ab 20.15 Uhr drei Teile am Stück das sowjetische Lagersystem 1917-1957 seziert. Oder Carsten Binsacks Kindesmissbrauchsanalyse Dunkelfeld, die Donnerstag auf Info zweierlei tut: einen Zivilisationsbruch aufzuzeigen, der erstens alle Teile der Gesellschaft betrifft, und all diese Teiel zweitens in ihrer Ein-Herz-für-Kinder Ignoranz vereinigt. Eine Ignoranz, die zur Wir-waren-aber-auch-Opfer-Mentalität passt, mit der gerade an die Bombardierung Dresdens vor genau 75 Jahren erinnert wird.

Als erste Wiederholung der Woche also eine Empfehlung zum Abgewöhnen: Roland Suso Richters Exkulpationsmelodram Dresden (20.15 Uhr, MDR), in dem Fee Woll kurz vorm Sommermärchen zwischen zwei Männern das Märchen erzählte: klar, waren echt scheiße, die Nazis, aber eigentlich, Ehrenwort, waren ja fast alle dagegen. Bei so viel geschichtsklitterndem Sulz empfiehlt sich Mittwoch (22.25 Uhr, 3sat) Francois Ozons zehn Jahre jüngeres Schwarzweißmeisterwerk Frantz mit Paula Beer als Kriegerwitwe des 1. Weltkriegs, die sich in einen französischen Erbfeind verliebt. Zwei Stunden zuvor entführt uns Bienzle und das Narrenspiel in die schwäbische Fassnacht von 1994, womit der Tatort den Karnevalskreis schließen darf.


HMLTD, La Roux, Bambera

HMLTD

Nein, man soll neue Bands nicht dauernd mit alten vergleichen, womöglich gar wertend. Neue Bands sind neue Bands und alte sind alte, aber wenn eine neue sehenden Auges so vertraut klingt wie HMLTD, dann kommt man ohne ein paar Analogien kaum aus. Das Londoner Quintett um den Sänger Henry Spychalski klingt also leicht nach The Scientist auf einer Überdosis Human League oder besser noch: Joe Jackson im Folterkeller von Marilyn Manson. Darüber hinaus allerdings ist ihr Debütalbum West of Eden absolut einmalig.

Was vielleicht auch damit zusammenhängt, dass es angeblich über fünf Jahre daran getüftelt hat, bis der experimentelle Kunstrock in all seinem überfrachteten Facettenreichtum aufgebläht genug für die Platte der Woche war. Alles daran – vom stimmlichen Pathos über die griechisch-mythologischen Lyrics bis hin zur instrumentellen Vielfalt – wirkt wie absurdes Poptheater mit einem Hauch von Alternative Country und Psychobeat. Grandios aufgeplustert. Und beispiellos gut.

HMLTD – West of Eden (Luke Number Music)

La Roux

Ein bisschen aufgeplustert ist auch die rundum wunderbare Elly Jackson, seit sie gemeinsam mit dem Produzenten Ben Langmaid 2009 als La Roux aus dem Schatten kleiner Clubs ins Rampenlicht der Charts trat. Anfangs hatte ihr funkiger Synthiepop allerdigs noch eine Grundmelancholie, die zwar nie in Schwermut mündete, aber diesen Hauch getragener Eleganz enthielt, der schon dem selbstbetitelten Debütalbum Zeitlosigkeit verlieht. Drei Platten später nun haben sich die Achtzigerjahre endgültig aus ihrem Post-Wave verabschiedet. Man könnte das nun beklagen, man kann es aber auch einfach feiern.

So etwa, wie sich der Operner 21st Century mit einer nostalgischen Orgelpeitsche feiert, die den Doppelgesang der Britin ähnlich zerteilt wie ein paar slappige Gitarrensamples das Schlüsselstück International Woman of Leisure, in dem sie mit etwas mehr Wucht als Wut, aber angemessen trotzig die männlich geprägten Machtstrukturen des Entertainments zerlegt. Und so bleibt Supervision trotz aller Leichtigkeit im Sound das, was La Roux seit jeher liefern: Effektvoller Selbstbehauptungspop für eine Welt jenseits tradierter Geschlechterklischees.

La Roux – Supervision (Supercolour Records)

Bambara

Nicht ganz so genderneutral, aber dadurch kaum weniger eindrücklich sind Bambara aus New York, die seit ihrem Debütalbum vor sieben Jahren vom gesamten Feuillton jenseits mainstreamaffiner Bewertungskriterien konequent gefeiert werden. Ihr Postpunk ist aber auch echt maximal invasiv. Denn so wenig Struktur er auch auf der neuen Platte Stray offenbart, so tief dringt sein psychedelischer Noise ins Gemüt ein und irrt dort auf der Suche nach Halt ein bisschen wie die Swans mit weniger Bombast herum, ohne je fündig zu werden.

Und vielleicht zieht der Barition des schwarzgekleideten, schwarzbeseelten Sängers Reid Bateh den Trübsinn dabei weniger aus Avancen an den Avantgarderock der späten Siebziger, vielleicht findet er sie stattdessen auf den Schlachtfeldern des Bürgerkriegs seiner Heimat Georgia, die vor fast 160 Jahren ähnlich verwüstet wurde wie es die polarisierte Kommunikation der USA heute wieder einzuleiten scheint. Vielleicht sind die dunkeldüsteren Klanggewittert aber auch nur Ausdruck dunkeldüsterer Stimmungsschwankungen, die zum Glück nicht im Suizid enden, sondern herausragendem Artrock.

Bambera – Stray (Cargo)


Staumeldungen & Bankencrashs

Die Gebrauchtwoche

27. Janaur – 2. Februar

Manchmal ist das Ende einer Ära auch deshalb begrüßenswert, weil es den Beginn einer neuen darstellt: Seit Freitag, kurz nach elf, sendet Deutschlandradio keine Verkehrsnachrichten mehr. Fast 60 Jahre also, nachdem das Bundesverkehrsministerium dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk der anschwellenden Autorepublik Staumeldungen verordnet hat, schafft der wichtigste diesen Anachronismus ab. Schließlich fragt sich ja nicht nur wegen der anschwellenden Klimaproteste, warum es diesen Service angesichts epischer Blechschlangen, die täglich stinkend herumstehen, noch gab.

Was zur nächsten Frage führt: Warum darf das Radio eigentlich Raser vor Blitzern warnen, also gewissermaßen hoheitliche Ordnungsmaßnahmen denunzieren? So etwas ist nur in einem Land möglich, dass Vollgas als Menschenrecht einstuft. Oder wahlweise Diktaturen wie den ägyptischen Putschgeneral Abdel Fatah as-Sisi mit dem Semperopernball-Orden ehrt. Dass die Verantwortlichen ihre Entscheidung rückgängig gemacht haben, hinderte Judith Rakers zum Glück nicht daran, die vereinbarte Moderation im MDR abzusagen – was ihr Ersatz Mareile Höppner kurz darauf ebenfalls tat. Haltung zeigen leicht gemacht.

Haltung zeigen schwer gemacht, war bislang drei Staffeln lang in der vielleicht besten Geschichtsserien überhaupt – The Crown – zu bestaunen. Nun verkündete Netflix, dass nach weiteren zwei Schluss sei. Haltung für Populisten zeigt dagegen Bild-Chefredakteur Julian Reichelt ab heute in seiner Online-Talkshow Hier spricht das Volk, wo es vertreten durch ein Dutzend Ottonormalverbraucher toll gegen Greta Thunberg, lasche Richter oder Sprechverbote wie jenes geifern darf, nicht mehr „Negerkuss“ sagen zu dürfen. Haltung zeigen scheißegal steht indes für Joko Winterscheidt, der nun das männerpositiv-elitäre Mackerblatt GQ mit herausgibt und sich damit weiter als Marke produziert. Eine Marke, die er Mittwoch auch als Moderator vom Ding des Jahres auf Pro7 pflegt.

Die Frischwoche

3. – 9. Februar

In der Nacht vor dieser konsumfreudigen Dauerwerbesendung für – mal nachhaltige, meist überflüssige – Innovationen überträgt das Erste ab 2.40 Uhr Donald Trumps Rede zur Lage der Nation, die schon deshalb nicht von der Lage des US-Präsidenten handelt, weil sein willfähriger Senat kurz zuvor die Ladung neuer Zeugen im Impeachment-Verfahren abgelehnt hat und bis zu dessen Ende am selben Tag sicher auch die Geheimhaltung von 24 E-Mails zur Ukraine-Affäre ignorieren dürfte.

Dessen ungeachtet zeigt Arte Donnerstag/Freitag (Samstag-Montag, ZDF) zur besten Sendezeit die Fortsetzung der besten Dramaserie aus Deutschland ever: Bad Banks. Sechs Monate nach dem Crash ihrer Investmentbank DGI, baut Paula Beer als Jana Liekam fürs staatlich gerettete Haus ein schickes Berliner Startup auf, in dem sie und ihre Chefin (Desirée Nosbusch) wie 2018 gleichermaßen als Subjekt und Objekt einer entfesselten Branche agieren. Obwohl statt Christian Schwochow nun Christian Zübert Regie führte, ist das Ergebnis kein bisschen weniger herausragend. Alles richtig gemacht.

Vieles falsch macht dagegen Lars-Gunnar Lotz in seiner Romanverfilmung Tage des letzten Schnees, heute Abend im ZDF. Der Wirtschaftsfamilienbeziehungskrimi um Barneby Metschurat als Vater, der seine Tochter auf dem Gewissen hat, ist so heillos überfrachtet mit Pathos und Drama, dass die wackeren Darsteller um Henry Hübchen, Christina Große, Bjarne Mädel, Victoria Mayer gegen das Drehbuch von Nils-Morten Osburg chancenlos sind. Bei so viel artifiziellem Kitsch doch lieber die blanke Realität. Etwa in der Arte-Doku Abschied von der Mittelschicht, dessen Titel Dienstag ab 20.15 Uhr ebenso für sich spricht wie Giftiger Haushalt – Die schmutzigen Seiten der Saubermacher (Mittwoch, 20.15 Uhr, 3sat).

Fiktional machen Sender und Streamingdienste dieser Tage Pause, weshalb man kurz aufs 25-jährige Jubiläum der Jux-Serie Wilsberg am Samstag hinweisen kann, die Oscarverleihung bei Pro7 in der Nacht auf Montag (0.00 Uhr) und ansonsten die Wiederholungen der Woche. Ab morgen (22.10 Uhr) zeigt der WDR nochmals Hans-Christian Schmids Das Verschwinden von 2017. Sonntag (20.15 Uhr, Arte) ist Henri Verneuills Ganovenstück Lautlos wie die Nacht mit Alain Delon als Spielbankräuber von 1962 sehenswert. Und weil Tatort vor allem dann Spaß macht, wenn er älteren Datums ist, raten wir zu Folge 624 Feuerkämpfer (Dienstag, 22 Uhr, NDR), mit den Hamburgern Castorff/Holicek anno 2005.