Newtopia: Very Big Brother & de Mol

Feel-good in Moltopia

Mit Newtopia startet John de Mol die nächste Kamera-Parade im Fernsehen. Anders als bei Big Brother soll es seit Montag um 19 Uhr auf Sat1 nicht um Voyeurismus gehen, sondern eine neue Gesellschaft. So ganz ohne die üblichen Prolls läuft es dann aber doch nicht ab.

Von Jan Freitag

Er tut es schon wieder, er kann gar nicht anders, fast als habe der Mann eine Sucht, die ihn seit mehr als 20 Jahren nicht loslässt und bis in alle Ewigkeit an der Nadel hält: John de Mol bringt erneut seine Kameras in Position. Rund 100 sind es diesmal. Mehr als bei seinen Stroboskopshows von Nur die Liebe zählt bis Wer wird Millionär, mehr sogar als im lückenlos ausgefilmten Container von Big Brother. Es ist ein kleines Wunder, dass die Menschen dabei immer noch zusehen wollen. Aber sie wollen. Gewiss auch hierbei.

Newtopia heißt das neue Produkt aus dem Hause Endemol, dem zweitgrößten TV-Produzenten überhaupt mit Sitz im kleinen Holland, de Mols Versuchslabor für die restliche Fernsehwelt rings um den Globus. Wie multiresistente Keime entwischen von seinem Kommerzkanal Talpa aus immer wieder fiese Versuchstierchen auf die Bildschirme aller Herren Länder, vermehren sich dort fleißig, sind partout nicht totzukriegen, diesmal in Form einer Sendung, deren Titel seltsam ideologisch klingt, was natürlich sorgsam geplant ist wie alles aus dem milliardenschweren Medienkonzern am Rande Amsterdams. Kein Wunder, dass Sat1 vom „größten TV-Experiment aller Zeiten“ faselt.

John de Mol ist da ein bisschen gelassener. Das mag an seinem Alter kur vorm Vollenden der 60 liegen, von dem man ihm mindestens zehn nicht ansieht. Vielleicht auch am Privatvermögen, das auf locker zwei Milliarden Euro geschätzt wird. Mehr aber noch liegt es an der Fähigkeit zur professionellen Markteinschätzung. „Das ist ein bisschen PR-Getöse und viel sachliche Umschreibung“, so beschreibt er in fließendem Deutsch die Idee, 15 Freiwillige ohne Regeln oder Geld, ohne Infrastruktur bis hin zur funktionierenden Toilette in der Brandenburger Einöde zu kasernieren. Angesichts all der „Krisen des Kapitalismus“ hatten er und seine Thinktanks in der glitzernden Unternehmenszentrale gerätselt, „was wohl passieren würde, wenn Menschen ganz von vorn anfangen dürften“.

So entstand die Idee zur archaischen Gesellschaft im Miniaturmaßstab, ausgestattet mit etwas Saatgut, Vieh und Werkzeug, besetzt mit dem üblichen Querschnitt des Privatprogramms. In Königs Wusterhausen reicht er vom Obdachlosen bis zum Professor, vom It-Girl bis zur Tierrechtlerin, von der ernüchterten Arbeitssuchenden bis zum geldgeilen Karrieristen. Gecastet unter fast 8000 Bewerbern ist also alles dabei, alles vor allem, was Konfliktstoff birgt. Aber ist es so einfach? Geht es wie so oft bei de Mol, was Maulwurf heißt, nur um Emotionen, seit ihm Anfang der Neunziger im Angesicht eines knutschenden Pärchens die Idee zu „Nur die Liebe zählt“ kam und „Traumhochzeit“ mit Schwester Linda am Mikro kurz darauf den Grundstein der gemeinsamen Karriere legte?

Nicht nur, betont der Vater eines Sohnes, der sich ebenfalls längst im Showgeschäft rumtreibt. Es gehe auch um Erfolge im Miteinander, womöglich gar den Aufbau demokratischer Strukturen, wo Regellosigkeit sonst ja oft bloß die Ellenbogen schärft. Um einen „feel-good-Faktor“, wie der „feel-bad-Faktor“ des gehobenen Feuilletons meint: Dass 15 Menschen in der unwirtlichen Umgebung eines kargen Bauernhofs wirklich ein nachhaltiges Auskommen gelingt, eine Art Zukunft. Gut, dass Sat1 zunächst mal ein Quotenerfolg gelingt, wäre natürlich auch nicht schlecht. In Holland war das erste Jahr so erfolgreich, dass die Gruppe darüber hinaus beisammen bleibt. Unbefristet.

Ob er das auch für die deutsche Fassung erwartet? „Schwer zu sagen“, sagt John de Mol und lacht. Schließlich folge Fernsehen keinen Gesetzen, ja nicht mal berechenbaren Regeln. „Manchmal regiert das Interessante, manchmal das Frustrierende, manchmal das Verschiedene oder das Gleiche.“ Fernsehen sei halt keine Wissenschaft, sondern das demokratischste Medium überhaupt“. Und da drüben, er zeigt in seinem ausladenden Büro voller Familienfotos an der Wand auf die Fernbedienung vorm Fernseher, „da liegt der Wahlzettel“. Wer das schlechtere Programm habe, werde abgewählt.

Nun sind schlecht und gut beim Fernsehen à la Endemol, nun ja, eher unscharfe Kategorien. Schließlich kommt das Formt keinesfalls dank Harmonie, Mitgefühl und funktionierender Stromversorung auf die Titelseite der Bild, sondern allenfalls mit Eifersucht, Hunger und viel nackter Haut. Sat1 stellt schon mal fröhlich die Frage, ob das Ganze vielleicht doch im Chaos ende. Dem Erfolg dürfte das kaum abträglich sein. Und die ersten Einblicke in eine Woche mit gutem Quotenstart und solidem Anschlusszuspruch deuten darauf hin, dass durchaus auf Krawall gecastet wurde – so wie die Tattoos blitzen, die Prolls prollen und die Charaktere clashen. Die übliche Big-Brother-Kanonade dürfte also weiterhin dafür sorgen, dass John de Mol seine Sucht befriedigen darf. Nach Kameras, so weit das Auge reicht.


Ralf Husmann: Männerhasser & Stromberg

Wer scheiße aussieht, wird lustig

Es ist ein echtes Fernsehwunder: Was immer der Stromberg-Autor Ralf Husmann dreht – es gelingt. Wenn der Tatortreiniger-Autor Arne Feldhusen dann auch noch hinter der Kamera steht, sind Geniestreiche unvermeidlich. Wie die Hochstaplerkomödie Vorsicht vor Leuten (25. Februar, 20.15 Uhr, ARD). Ein Gespräch mit dem 50-Jährigen Dortmunder über erbärmliche Männer, die Heiterkeit des Ernstes und warum er dennoch keinen Film über Pegida drehen möchte.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Husmann, Lars von Trier wurde angesichts der Erbärmlichkeit seiner weiblichen Hauptrollen gefragt, warum er Frauen so hasse. Die Frage an Sie lautet eher: warum hassen Sie eigentlich Männer?

Ralf Husmann: (lacht) Tue ich das?

In Vorsicht vor Leuten sind die Darsteller fast so erbärmlich wie Bernd Stromberg.

Das ist aber kein Hass, sondern die Realität. Weil sie so einfach funktionieren ist es nun mal leicht, sich über Männer lustig zu machen. Das komplizierte Wesen der Frauen macht es dagegen ungleich diffiziler, Knackpunkte zu entdecken, über die man herziehen könnte. Hinzu kommt in diesem Fall, dass mir im Gegensatz zu berühmten Hochstaplern von Jürgen Harksen bis Bernie Madoff keine Hochstaplerin bekannt war. Kleiner Mann will mit allen Mitteln nach oben lässt sich mit Männern aber auch deshalb lustiger erzählen, weil sie die Gesellschaft seltsamerweise noch immer dominieren. Das sorgt für die nötige Fallhöhe guter Komödien.

Aber zeigen Alphafrauen wie Angela Merkel nicht, dass die weibliche Fallhöhe wächst?

Schon, aber selbst bei solch einer politischen Spitzenposition taugt der polternde Schröder mit ständiger Faust auf dem Tisch besser zur Überhöhung als die technokratische Merkel. Man kann Männer einfach viel schöner lächerlich machen, wie ich finde.

Sie projizieren da aber keinen Selbsthass auf Ihre Geschlechtsgenossen?

Hass wäre ein bisschen viel. Eher Mitgefühl. Lustig an unserem Verhalten ist ja, dass es oft so altertümlich ist. Etwa trotz aller Gleichberechtigung seiner Frau was bieten zu wollen. Darüber kann man sich leichter lustig machen als über den weiblichen Aufstieg als Akt nachholender Emanzipation. Selbsthass trifft es da also nicht; dafür begleite ich meine Figuren auch mit zu viel Sympathie.

Vielleicht Selbstreflexion?

Schon eher. Die hat auch mit Statusdenken und Ansprüchen an die Männlichkeit zu tun – da spreche ich auch aus eigener Erfahrung.

Haben die Schönlebens und Brahmkamps auch Seiten von Ihnen selbst?

Natürlich. Ich gehe bei jeder Figur zunächst mal von mir aus und bin da zum Beispiel auf die Eigenschaft gestoßen, unbequeme Fragen lieber erst mal beiseite zu schieben als anzupacken. Der Beamte Lorenz tut das mit holprigen Gedichten, die von der Realität ablenken, der Hochstapler Schönleben in Form kleiner Lügen, die immer größer werden.

Der abgehobene Betrüger und sein braver Bürokrat sind ja quasi die zwei Archetypen vieler unserer aktuellen Krisen. Ist das eine weltpolitisch bewusste Figurenauswahl?

Schon, ich versuche die Verhältnisse durchaus abzubilden. Und da fasziniert mich besonders die Tatsache, dass immer alle auf die Hoeneße da oben schimpfen und selbst bei jeder Gelegenheit im kleineren Maßstab betrügen. Tierschutz fordern, aber Billigfleisch kaufen, 25 Prozent Rendite wollen, aber ignorieren, dass die woanders fehlen – diese Doppelmoral ist klassenübergreifend humortauglich.

Will ein Film wie Vorsicht vor Leuten daraus nur ein paar Pointen schöpfen oder wirklich das Denken bewegen?

Letzteres eher so als Mitnahmeeffekt, denn Antworten kann ich keine liefern, nur Fragen aufwerfen. Etwa, wie die Zuschauer selbst wohl reagieren, wenn sich mit wasserdichtem Betrug plötzlich viel verdienen lässt.

Und wirken solche Fragen in heiteren Filmen nachhaltiger als in ernsten?

Im Idealfall hat eine Komödie auch ernste Untertöne und umgekehrt jedes Drama auch heitere Momente. Nur so beugt man Melodramatik und Klamauk vor, was einzeln wenig bewirkt in den Köpfen. Mir persönlich geht das humorfreie Sozialdrama ebenso gegen den Strich wie intellektuelles Kabarett, weil beides nur ohnehin Überzeugte erreicht. Eine leichte Gesellschaftskomödie kann mehr erreichen als jeder Holzhammer.

Können Sie denn überhaupt wirklich ernste Filme machen?

Keine Ahnung, das bleischwere Stück hab ich bislang nicht versucht. Schon weil ich die angesprochenen zwei Seiten einer Medaille so schätze. Dass die für nachhaltiges Entertainment nötig sind, wusste ja schon Shakespeare. Selbst bei Stromberg wurden Leute entlassen und Menschen beerdigt. Und Christian Ulmen als Dr. Psycho war ja lange vor den Schmunzelkrimis der ARD vergleichsweise harte Koste mit leichten Mitteln und Schauspielern von Roeland Wiesnekker bis Anneke-Kim Sarau, die alle tief im Krimifach stecken. Mein Drehbuch für den Dresdner Tatort funktioniert da ganz ähnlich.

Mit zwei Kommissarinnen, wie man hört.

Das ist nicht so ulkig wie die Münsteraner, aber auch nicht so ernst wie mancher andere.

Gibt es Filmstoffe, die sich aus Ihrer Sicht überhaupt nicht für Humor eignen?

Nein. Humor sollte ja nicht eingesetzt werden, wenn alle ernsten Mittel ausgereizt sind, sondern grundsätzlich geeignet, Rückschläge im Leben zu verdauen. Humor ist nicht die Kirsche auf der Sahne, sondern die Sahne selbst. In den USA hat man das schon lange begriffen. Gerade die harten Seiten des Lebens sind humortauglich.

Worüber können Sie gar nicht lachen?

Ich kann theoretisch über alles lachen. Wenn der Humor weg ist, wird es fundamentalistisch, also schwierig. Deshalb kann ich auch Phänomenen wie Pegida heitere Aspekte abgewinnen. Was die da auf ihre Plakate schreiben, kann man irre lustig finden, ohne den Ernst zu verlieren.

Haben Sie mit ihrem Lieblingsregisseur Arne Feldhusen da schon eine passende Komödie im Köcher?

Nein, aber nur, weil ich nicht gern tagesaktuell arbeite. Ein solcher Film braucht locker zwei Jahre, bis er fertig ist. Und bis dahin hat sich das mit Pegida vermutlich schon wieder erledigt. Wollte ich tagesaktuell arbeiten, wäre ich Kabarettist.

Waren Sie denn in der Schule der klassenübliche Clown?

Schon. Weil meine Mutter früh gestorben war, musste ich im Haushalt helfen. Die mangelnde Zeit für Party oder andere Hobbys hab ich dadurch zu kompensieren versucht, den Clown zu geben. Mit einigem Erfolg. Wenn man kein Sport-Ass ist, eher scheiße aussieht und keinen Erfolg bei Mädchen hat, hat man keine Wahl und wird halt lustig. Da blieb mir wenig übrig. Meine Humorbegabtheit hatte also andere als genetische Gründe. Weil meine Mutter früh gestorben war, musste ich auch früh im Haushalt helfen. Für eine Mofa, Party, Hobbys blieb mir da wenig Zeit. Das habe ich frühzeitig dadurch zu kompensieren versucht, den Clown zu geben. Mit einigem Erfolg.

Wann hat das Ganze Struktur bekommen?

Mir war schon mit acht klar, was mit Schreiben machen zu wollen. Das fiel mir wieder ein, als Johannes Mario Simmel gestorben ist, von dem ich damals alles Mögliche gelesen habe, um rauszufinden, wie man erfolgreich schreibt. Ich wollte wie er Journalist werden. Und wie es der Zufall wollte, war mein erster Job eine lustig Kolumne für ein Szenemagazin, so mit 17 Jahren. Später, als ich bei Stern TV war, gab es immer ein großes Hauen und Stechen um die sachlichen Themen, während es für die lustigen Beiträge nur einen Anwärter gab: mich. Da war mir klar: in dieser Nische fehlt die Konkurrenz, da muss ich nicht so viel kämpfen.

Sie gehen lieber den sicheren Weg?

Ja. So bin ich. Vielleicht hat das was mit meiner Herkunft zu tun, dass ich mich lieber in ein Feld begebe, wo die Chancen gut stehen, als mich in der Garage einzuschließen, um jahrelang irgendwas in der Hoffnung auszutüfteln, irgendwann nimmt das schon irgendwer. Mein Vater war Hilfsarbeiter in einer Schnapsbrennerei, meine Mutter Hausfrau. Daher hab ich die Mentalität, nur Dinge zu tun, die auf sicher was einbringen. Vati wollte, dass ich Beamter werde, das prägt. Ich bin ein Sicherheitsmensch. Und lustige Sachen verkaufen sich leichter.

Sind Sicherheitsmenschen humorbegabter?

Vielleicht. Weil sie sich selbst zurücknehmen. Deshalb halte ich das Ruhrgebiet auch für eine Region mit gutem Humor. Die Leute da sind bescheidener, ehrlicher, echter. Wir leben nicht mehr alle unter Tage, aber die Ebene der Menschen ist erstmal eine sehr schlichte, geradlinige. Das macht lustig.

Was ist lustiger – nach oben buckeln oder nach unten treten?

Lustiger für wen? Für den der tritt und buckelt oder den der getreten oder bebuckelt wird?

Schöne Wortschöpfung.

Finde ich auch, schreib ich mir gleich mal auf. Zurück zur Gegenfrage: Oder für den, der sich das Spektakel im Fernsehen anguckt? In dem Fall wird beides hauptsächlich durchs Scheitern lustig.

Scheitern als Chance.

Scheitern als Spaß. Aber ich finde es spannender, kleine Leute als Superhelden scheitern zu lassen, weil das näher an mir dran ist. So wird aus purer Schadenfreude auch Anteilnahme. Erst bei der Suche nach dem Lustigen im Erbärmlichen habe ich entdeckt, wie nah beides aneinander liegt. Der Graben darf nur nicht zu groß werden.


Jubelperser & Provinzbeamte

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

16. – 22. Februar

Mona Lisa, das muss hier kurz anerkannt werden, war mal ein seriöses Magazin aus der lässig feministischen Ecke. Und jetzt? Liefert es belanglosen Jubelperserjournalismus, der zuletzt etwa dem umstrittenen Fernsehmacher Oliver Berben allen Ernstes nicht eine kritische Frage stellte. Das ist auch deshalb von Belang, weil sich die ZDF-Sendung für Frauen mit ein paar mehr Interessen als Bauch, Beine, Po und Promis der ersten Geschlechtsgenossin in der Chefredaktion des Spiegel nach fast 70 Jahren hätte widmen können. Doch nix da! Es ging wieder um Herzensgeschichten gefallener Fußballer und dufter Schauspieler.

Aber vielleicht war das ja auch eine rein journalistische Entscheidung, da sich Susanne Beyer den Posten der stellvertretenden Chefredakteurin mit gefühlt 183 Männern teilen muss, die nach und nach an die Spitze des Nachrichtenheftes rücken. Nicht dass die da oben noch auf krumme Gedanken etwaiger Führungsaufgaben kommt… Und so war der parallele Wechsel des besten deutschen Feuilletonisten Nils Minkmar vom Main an die Alster am Ende doch die spannendere Meldung. Weil sie von der Relevanz des ehemals linken Spiegel zeugt. Und vom Niedergang der konservativen FAZ.

Den Konservativen Amerikas geht derweil ein Lieblingsfeind verlustig, seit der Late-Night-Talker Jon Steward nach fast 20 Jahren seinen Abschied von The Daily Show verkündete, die zwar strikt humoristisch ist, aber grad fürs junge Publikum die wichtigste Informationsquelle seriöser Nachrichten. Ach, was hätte einer wie Steward hierzulande zu veräppeln gehabt, vorige Woche. Das debile Grinsen von Olaf Scholz vor allen Kameras nach seinem Hamburger Wahlsieg, die noch debilere Nachfrageverweigerung von Günther Jauch im Kuscheldiskurs mit dem russischen Botschafter zum Thema Ukraine-Krieg kurz darauf. Oder dass Hans Meiser, einst durchaus bedeutsamer TV-Moderator, als Animateur aufs Traumschiff MS Deutschland geht und das allen Ernstes damit begründet, vieles sei halt „richtig schlecht“ geworden, was sein Medium derzeit zu bieten habe.

0-FrischwocheDie Frischwoche

23. Februar – 1. März

In dem Punkt müsste man ihm eigentlich recht geben, aber nicht rundum. Die anstehende Woche nämlich zeigt an den Rändern des eigenen Anspruchs, was richtig weh tut und was geradezu heilsame Kräfte hat. Fangen wir mal mit neuen Schmerzquellen (für die alten reicht der Platz nicht): Ab Montag schickt Big Brother John de Mol wieder eine Schar Masochisten unter permanente Kamerabeobachtung. Der holländische Medienmogul beteuert zwar, die 15 Bewohner von Newtopia (Sat1, 19 Uhr) könnten in einer neugebauten Brandenburger Hofruine eine eigene Welt aufbauen. Tatsächlich werden sie aber wohl bloß die üblichen Zutaten des kommerziellen Voyeurismus verkochen. So wie die Beteiligten im Game of Chefs, das dienstags zur besten Sendezeit bei Vox Deutschlands größtes Kochtalent küren soll. Was mit Küche also. Irre Idee. So wie den abgedankten Kuscheltalker #Beckmann tags zuvor im Ersten seinem Lehrberuf als Reporter nachgehen zu lassen, der zum Auftakt Deutsche begleitet, die im Nordirak für und gegen den IS kämpfen, was er mit der gewohnten Gefühligkeit macht, aber keinesfalls schlecht.

Irre? Idee? Apropos! Was man mit kreativem Aberwitz anstellen kann, zeigen am ARD-Mittwoch Ralf Husmann und Arne Feldhusen. Das genialste Paar heiterer Unterhaltung (Stromberg) hetzt in Vorsicht vor Leuten einem notorischen Hochstapler – fabelhaft dargestellt vom Burgschauspieler Michael Maertens – Charly Hübner als läppischen Provinzbeamten an den Hals, was zum denkbar lustigen Bürgerlichkeitscrash gerät. Eine irre Idee hatte auch Helmut Dietls Sohn David, als er Olli Dittrich als spießigen König von Deutschland (Freitag, 20.15 Uhr, Arte) besetzte, der ohne es zu wissen von PR-Agenten zum Testkonsumenten herangezüchtet wird.

Nicht ganz so irre, aber eine blendende Idee ist es, Ulrich Noethen ab Montag (ARD, 20.15 Uhr) in der Romanadaption Neben der Spur sporadisch als Psychiater mit Parkinson Jo Jessen in skurrile Mordfälle zu verwickeln – was erneut zeigt, wie dämlich es vom Zweiten war, seinen genialen Kommissar Süden nach zwei Folgen trotz Grimmepreis abzusetzen. Die Übertragung von dessen Verleihung wird übrigens gern in die Nacht von 3sat verschoben, während die kulturell belanglose, aber „Goldene“ Kamera Samstag mit der ZDF-Primetime des ZDF geadelt wird. Und wenn Arnold Schwarzenegger tatsächlich Zeit hat, kriegt er eine fürs Lebenswerk. Weder irre noch dämlich, sondern einfach wunderbar ist dagegen Sarah Kuttner, die ab Donnerstag auf ZDFneo endlich wieder plus Zwei talken darf, zum Auftakt der zehn Teile mit Antoine Monot Jr. und Bettina Wulf. Blieben noch die Tipps der Woche. In schwarzweiß diesmal Der große Diktator, von und mit Charlie Chaplin in einer Doppelrolle als Tyrann und Widerständler von 1940. Sonntag dagegen in Farbe: Der freie Wille (0.05 Uhr, ARD) mit Jürgen Vogel als haftentlassener Vergewaltiger, der sich und sein Publikum an sämtliche physischen und psychischen Grenzen treibt.


Club-Mausoleum: Trinity (Eimsbüttel)

indexDu nicht, sprach Michael Ammer

Ende der 70er wollte das Trinity im bürgerlichen Stadtteil Eimsbüttel nicht weniger sein als ein zweiter Club 54 aus dem glamourösen New York. Das ging eine Weile lange ganz gut – auch (und gerade) weil der Autor seinerzeit zu junge und uncool war, um an einem berühmten Türsteher vorbei in Hamburgs schillerndste Disco zu kommen…

Von Jan Freitag

Der Schmerz des Opfers, lehrt uns die Küchenpsychologie, vergeht erst dann so richtig, wenn der Täter ein Gesicht hat, einen Namen. Als ich ihn erfuhr, da währte mein Schmerz schon 29 Jahre. Gut, in dieser langen Zeit drückte er mir zwar nicht ständig aufs Gemüt, eigentlich sogar nur dann, wenn ich seine Ursache sah. Das tat ich in letzter Zeit allerdings häufiger, seit mein Büro in Wurfweite des Delphi liegt, das mal Off-Line hieß und davor: Trinity.

DAS TRINITY, um seiner Größe Ausdruck zu verleihen in Großbuchstaben geschrieben, diese Großbuchstabengroßraumdisko also war Mitte der 1980er so was wie meine Nemesis, die noch Mitte der 2010er dringend der Katharsis bedurfte. Ich war damals 16, meine Hose war zeitgenössisch karottenförmig, das Polohemd mit Krokodil, die Föhnwelle wie Beton – oberflächlich schien der Weg frei für ein feuchtfröhliches Wochenende in Hamburgs, ach: der Welt wichtigstem Club. Und das in einer Zeit, als dieses Wort für viele noch mehr mit Fußball als mit Party zu tun hatte.

Doch dann saß da dieser Mann am Eingang, kein Berg von einem, zugegeben. Aber mit derart überschüssiger Arroganz versehen, dass seine Worte klangen wie das Urteil vom Jüngsten Gericht: “Und ab, Bürschlein!” Gesprochen hat sie, Boulevardfans aufgepasst: Michael Ammer. Stadtweit berüchtigter Türsteher einst, bundesweit belächelter Partykönig später, heute weitgehend unbekannt. Aber damals eben der Mann, der nicht mal meinen Ausweis sehen wollte, um zu wissen: Du nicht. Michael Ammer, das ist der Name, mit dem ich heute meinen Schmerz verbinde. Er ließ mich nicht ins Trinity. Und das im Kreis meiner Clique, die einer nach der anderen 20 Mark ins pechschwarze Kabuff reichte und eintreten durfte ins Allerheiligste hanseatischer Tanzkultur jener Tage. Ich aber war: zu jung. Zu klein. Zu uncool. Vor allem für diesen Laden.

Es war ja nicht irgendeiner, sondern der Versuch, den Hamburger Minderwertigkeitskomplex ein bisschen zu lindern. Ende der Siebziger war das. Schlaghosenzeit, Rockerzeit, Oberlippenbärtezeit. Aber eben auch die des funkelnden Dancefloors. Auf dem wurde auch hierzulande gefeiert, allerdings eher in München oder Berlin, wo Freddy und David Nächte zu Tagen machten. Aber Hamburg? War Glamourmangelgebiet.

Bis eine deutsch-amerikanische Investmentgesellschaft die robuste Rock’n’Roll-Stadt gediegen zum Glitzern brachte: mit der Kopie des Partygomorrhas Studio 54, dem großen New Yorker Club. Für drei Millionen Mark motzte sie das alte Eimsbütteler Kino auf, mit der fettesten Lichtanlage weit und breit, 1.000 Lampen stark, mit 300 Metern Neonröhren und einem Sound, der selbst das Original in den Schatten stellen sollte. Nach Weihnachten 1978 öffnete die Disco mit importierten Showtänzern aus Manhattan, der eingeflogenen DJ-Ikone Sharon Lee, viel Prominenz und 1.800 geladenen Gästen das Tor. An der Eimsbütteler Chaussee, wo sich bereits in den zwanziger Jahren eine Flaniermeile befand, mit dem edlen Kursaal im Herzen, der nach einem Intermezzo als Kino 1961 zum Kaisersaal wurde und nun also Trinity hieß.

Trinity wie Dreifaltigkeit.

Die gottlose Achse aus Party, Promis und Drogen. Erstere klappte anfangs blendend, geriet allerdings zusehends in Verruf, da Letzteres so Überhand nahm, dass dem Mittelbau des Dreiecks die Aura zu schmuddelig wurde und der Pöbel unter der VIP-Empore ein wenig profan. Bis dahin aber hagelte es Anekdoten, ausgeweidet in der Klatschpresse: Grace Jones, die nackt auf einem Schimmel einritt. Madonna, deren Schampus-Konsum selbst von benachbarten Bars kaum zu stillen war. Ein Geschäftsführer, der sich nach Bangkok absetzte. Und dann all die Erzählungen von der härtesten Tür überhaupt. Eine Tür, an der auch ich regelmäßig abbog wie ein Bumerang.

Bis zum Frühjahr 1986. Endlich hatte ich meinen Perso, mitsamt rund 30 Mark Eintritt in der Hose also zumindest theoretisch den ersehnten Passierschein. Und wer weiß, vielleicht hatte Michael Ammer einen guten Tag, vielleicht saß eine ungelernte Hilfskraft an seiner Stelle, vielleicht hatte ich auch einfach mal meine Teenie-Akne im Griff. Jedenfalls ging ich wie in Trance durchs geografisch-kantige Portal über den schwarzen Veloursteppich ins Innere und stand am Ort der Sehnsucht.

Noch nie hatte ich so viele schöne Menschen in so gediegenen Outfits gesehen: weiße Pullis, weiße Polos, weiße Hosen – im Widerschein der zuckenden Lasershow hätte man erblinden können. Aber mein Blick galt sowieso dem hufeisenförmigen Rang überm Tresen, wo die Prominenz logierte, angeblich. Ob Billy Idol wieder da war, wie die Morgenpost glaubte? Kim Wilde? Mike Oldfield? Wenigstens örtlicher Jetset der Marke Boris Becker? Doch von alledem: nichts. Nichts zu sehen zumindest. Also klammerte ich mich an mein Bier zum Wochentaschengeldpreis, bewunderte zwei Mädchen, die auf einem Spiegelkubus links des DJs tanzten, und dachte mir selig: Jetzt bist du drin, jetzt bleibst du hier.

Pustekuchen.

Am Morgen verließ ich das Trinity und kehrte nie zurück. Kurz nachdem die Ammers der Discowelt mir wieder ihr tonloses “Und ab” ins Herz gebrannt hatten, machte Hamburgs 54 zu, gescheitert an Besitzerstreit, Razzien, Schlägertrupps und zu vielen Teenies, die locker Platz gefunden hätten auf der Tanzfläche für 1.000 Leute, aber draußen bleiben mussten, weil man sich für was Besseres hielt. Ein paar Mal wurde noch wiedereröffnet, 1992 war endgültig Schluss. Schluss auch mit einem Szeneviertel, das fortan zur Schlafstadt Gutverdienender wurde. Und das Trinity? Heißt Delphi und beherbergt Castingstars oder Betriebsfeiern. Danke, Michael Ammer.

Mehr Bilder, Text und und Kommentare unter http://www.zeit.de/hamburg/kultur/2015-02/club-trinity-hamburg


Moritz Bleibtreu: Anwalt & Gangster

IMG_20141215_163139Eben nicht, Digger!

Moritz Bleibtreu zählt zu den profiliertesten Schauspielern im Land, die auch international längst gut gebucht sind. Obwohl und gerade, weil er dem Fernsehen vor fast 20 Jahren den Rücken gekehrt hat, um nur noch Kino zu machen. Meist mit besten Kritiken, selten mit kommerziellem Erfolg. Auch aus diesem Grund kehrt er nun an den Bildschirm zurück – als Anwalt in der Filmreihe Schuld (ab Freitag, 21.15 Uhr, vorab in der Mediathek), mit das ZDF nach Verbrechen abermals die absurden Justizfälle des literarischen Strafverteidigers Ferdinand von Schirach verfilmt. Ein Gespräch mit dem 43-jährigen Hamburger über den Mörder in uns allen, was ihn an diesem Rollentypus besonders interessiert und warum seine Rückkehr ins Fernsehen eigentlich zu spät ist.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Moritz Bleibtreu, die Serie Schuld handelt unter anderem davon, dass wir alle zum Bösen fähig sind. Steckt wirklich in jedem von uns ein Mörder?

Moritz Bleibtreu: Klar, jeder Mensch handelt hier und da aus niederen Beweggründen. Wer Hunger hat, wird schnell sauer, wer sich betrogen fühlt, noch schneller, und wenn man dazu eine halbe Flasche Whisky getrunken hat, wächst die Wahrscheinlichkeit zu Taten, zu denen man sich eigentlich nicht in der Lage glaubt. Und nicht zuletzt wegen ihrer Skrupellosigkeit haben die Bösen weit größere Kraft, sich durchzusetzen. Deshalb ist negative Energie erstmal stärker als positive.

Sieht ihr das Krimipublikum deshalb so gerne zu?

Vermutlich. Weil normale Bürger am meisten fasziniert, was sie sich selbst nicht trauen, beobachten sie gern Menschen, die sich ihre eigenen Normen, Werte, Regeln basteln und durchsetzen. Deshalb ist es ja so toll, dass mein Beruf mir die Möglichkeit gibt, all dies ohne Reue zu tun. Als Schauspieler kannst du in andere Personen schlüpfen und auf Leute schießen, Frauen verführen, Dinge zerstören, ohne dafür Verantwortung übernehmen zu müssen. Wir können die Illusion erzeugen, Vorschriften jeder Art zu missachten. Das ist fürs Publikum verlockend.

Wenn man sich Filme von Knockin‘ on Heaven’s Door über Chico bis Soul Kitchen ansieht, scheint es für Sie mindestens genauso verlockend zu sein.

In der Tat. Trotzdem vergleiche ich meinen Job da mit dem des Musikers. Wenn der zum Beispiel Rock oder Pop macht, gelangt er darin nie zu wahrer Größe, wenn er sich nicht auch mit Klassik und Soul beschäftigt und umgekehrt. Deshalb sind Gangster nur eine Facette meiner Arbeit, wenngleich eine interessante.

Aber ist es nicht interessanter, Extreme aus einer gewöhnlichen Figur zu ziehen?

Deshalb finde ich den Anwalt in „Schuld“ ja so interessant. Er hat keinen Hintergrund, kaum Privatleben und noch nicht mal eine echte Entwicklung durch. Auch in der Serie haben andere Figuren mehr von dem, was wir Schmalz oder Futter nennen: emotionale Abgründe, biografische Brüche. Ihnen dient Friedrich Kronberg als eine Art Conferencier und macht sie durch seine Augen sichtbar. Manche Kollegen würden das vielleicht langweilig nennen; ich finde gerade diese Zurückhaltung so cool. Einerseits, weil ich sonst eher laute Typen spiele. Andererseits weil es äußerst reizvoll ist, einer Figur Substanz zu verleihen, die dafür so wenig dramaturgische Anhaltspunkte liefert. Dass sie mit all dem Wahnsinn und Leid konfrontiert wird, bringe ich durch große Distanz und Selbstkontrolle zum Ausdruck.

Sein permanentes Rauchen dagegen lässt auf weniger Selbstkontrolle schließen…

Oberflächlich schon. Tiefer betrachtet ist diese dauernde Rauchwolke um ihn herum eine Art Schutzschild, durch das man zu ihm vordringen muss. Und wenn die Zuschauer das in sechs Folgen ein wenig schaffen, wenn ich also klassische Musik spiele und unterschwellig ein bisschen Rock’n‘Roll einfließen lasse, hab ich meine Sache gut gemacht. Ich vergleiche das mal mit Gilbert Grape

Dieses Drama mit Johnny Depp als Bruder des behinderten Leonardo di Caprio.

Genau. Alle haben sich zu Recht gefragt, warum di Caprio dafür keinen Oscar gekriegt hat. Aber wie Johnny Depp agiert und ganz unauffällige Dinge sagt wie „Der Himmel ist groß“ – das war zwar reine Unterstützungsarbeit, aber genauso grandios. Deshalb kann ich mich für minutiöse Performances ohne viel Aufwand so begeistern. Bei der ging es auch in „Schuld“, das erinnert an die großen Franzosen des Film Noir – Jean Gabin, Lino Ventura.

Was unterscheidet diesen inhaltlich von herkömmlichen Krimis?

True life will always beat fiction. Auch wenn die konkreten Fälle nur aus anderen zusammengesetzt sind, spürst du sofort den wahrhaftigen Kern. Es gibt halt Geschichten, die kannst du dir nicht ausdenken – egal, was für ein famoser Autor du bist.

Ist die Reihe demnach ein Indiz, dass das viel gescholtene deutsche Serienfernsehen ein wenig gegenüber dem angloamerikanischen und skandinavischen aufholt?

Könnte schon sein, aber der Zug ist schon lange abgefahren. „Die Sopranos“, mit denen das lineare Erzählen seinen Anfang nahm, sind schließlich 15 Jahre her. Dass wir da jetzt noch Anschluss halten wollen, grenzt eher an Torschlusspanik als Veränderungswillen. Der Fortschritt ist schließlich mit dem Schachbrett zu vergleichen, auf das man erst zwei Reiskörner legt, dann vier, dann acht und immer so weiter. International bewegen sich Unterhaltungsmedien da auf die letzten Felder zu, während  Deutschland ganz am Anfang steht. Aber selbst, wenn wir aufholen, wird das alte System mit Sender, Verleihern, Studios bald nicht mehr bestehen. House of Cards etwa ist schon gar keine TV-Serie mehr, weil die Mechanismen des Streamings völlig andere sind.

Wobei die Serie in Deutschland ja noch bei Sky gezeigt wurde…

Und hinterher sogar noch bei Sat1. Aber kennen Sie die Quote? Desaster! Breaking Bad ist eine der besten Serien aller Zeiten, war aber auf dem eigenen Sender ein Flop und hat es dank des Netzes dennoch zum Welterfolg gebracht. Hierzulande haben wir das Beispiel Christian Ulmen: Mein neuer Freund oder Dr. Psycho wären ewig fortgesetzt und gefeiert worden, wenn Youtube damals schon so groß gewesen wäre wie jetzt. Weil gutes Fernsehen da, wofür es produziert wurde, keine Zuschauer mehr hat, und da, wo es akzeptiert wird, kaum Umsätze erzielt, ist weniger denn je absehbar, wohin die Reise in Zukunft geht.

Aber die Menschen wollen sich doch weiter Geschichten erzählen lassen!

Auf jeden Fall. Nur anders. Und vor allem anderswo.

Was bedeutet das für die Schauspieler?

Nicht unbedingt nur Schlechtes. Das Kino zum Beispiel, so sehr ich es nach wie vor liebe, hat viel seiner sozialen Relevanz eingebüßt. Und damit meine ich gar nicht die politische Bedeutung aufklärender Filme, sondern dass sich Teenager darin nicht mehr zum Knutschen treffen oder Familien rings um den Hauptfilm den Nachmittag in der Stadt verbringen. Das soll jetzt nicht nostalgisch klingen; früher war definitiv wenig besser, besonders vor 60 Jahren und mehr, aber ich sehe das schon mit Wehmut. Auch wenn das Kino als Raum fürs Erzählen erhalten bleibt.

Sind Sie deshalb nach fast zwanzigjähriger Abstinenz zum Fernsehen zurückgekehrt?

Das hat jedenfalls eher mit dem Kino als dem Fernsehen zu tun. Vor allem aber mit unserer Selbstwahrnehmung in jener Zeit, als es dank hervorragender Filme wie Sonnenallee, Untergang oder Das Leben der anderen plötzlich auch international wieder wahrgenommen wurde. Der Baader-Meinhof-Komplex etwa war für den Oscar nominiert, Emmy und BAFTA, aber weißt du, wie viele Nominierungen es für den deutschen Filmpreis gab?

Keinen, nehme ich an.

Exakt. Zero! Wir haben es versäumt, stolz auf unsere Filme zu sein, als es welche gab, jetzt gibt es abgesehen von Fatih Akin fast nichts mehr, auf dass es sich stolz zu sein lohnt. Vom Fernsehen mal ganz zu schweigen.

Als Sie 1998 eine Art Abschied vom Fernsehen gefeiert haben, meinten Sie, es sei verglichen mit dem Kino zu passiv. Aktiviert ein Format wie Schuld sein Publikum in einer Art, dass Sie wieder öfter zurückkehren?

Immerhin gucken einige meiner Kumpels jetzt mal einen Film von mir, weil er übers Fernsehen leicht zugänglich ist (lacht). Ernsthaft: Im Grunde aktiviert auch Kino kaum noch, denn vor zehn Jahren hatte selbst ein kantiger Film mit etwas Werbung stabile 200.000 Zuschauer. Davon schafft er heute mangels PR und Spektakel nur einen Bruchteil. Vom Fernseher wird man zwar immer noch leichter abgelenkt, aber es sehen wenigstens welche zu. Die Masse war nie mein Antrieb, aber ich möchte mit meiner Arbeit anders als in den letzten fünf Jahren auch mal wieder Menschen erreichen.

Ist das ein Bekenntnis zu massentauglichen Filmen?

Ich habe nichts gegen Filme für viele, nur dagegen, dass dafür vieles, was nur wenige interessiert, gar nicht erst gemacht oder nahezu ignoriert wird. Als ich mit Jürgen Vogel den Thriller Stereo gemacht habe, waren 60.000 Leute im Kino. Und das, obwohl wir den kaum besser hätten machen können.

Und das liegt nur an veränderten Konsumgewohnheiten?

Auch am Geld. Kino ist das einzige Produkt, dessen Herstellungskosten den Preis am Point of Sale nicht beeinflussen. Ein Hochschulfilm für 20.000 Euro kostet da dieselben 7,50 wie ein Blockbuster für 275 Millionen. Wenn du in die Kneipe gehst und der Wirt bietet dir fürs gleiche Geld ein Schnapsglas voll Bier oder das ganze Fass an, was kaufst du? Das große Ding! Mit 3D und Superstars und krassen Effekten. Deshalb freue ich mich schon jetzt darauf, dass jede einzelne Folge von Schuld wahrscheinlich mehr Zuschauer hat als meine acht letzten Kinofilme zusammen.

Liegt das auch an der Machart oder nur am Medium?

An beidem. So viel Widersprüchlichkeit und Gewalt schreckt zu dieser Sendezeit auf diesem Sendeplatz ja angeblich Zuschauer ab. Darum freue ich mich wirklich, dass so etwas möglich ist, bleibe aber dabei: Der Zug ist abgefahren. Und alle, die dafür in den zuständigen Gremien Verantwortung tragen, sind in 15 Jahren arbeitslos und vielleicht ist das auch gut so. Es geht nicht mehr ums Renovieren, sondern Revolutionieren, das haben die bis jetzt nicht begriffen.

Trotzdem werden doch wohl weiter Filme gemacht?

Klar – High Concept und Low Budget, aber nicht mehr in der Zahl, weil die Mitte zwischen ein paar Hunderttausend und irren Millionensummen wegfallen. Sich mit der Aussicht auf ein messbares Publikum mal richtig auszuprobieren fällt da völlig flach und du hast nur noch eine Handvoll lukrativer Schauspieler mit Zugkraft.

Wie Moritz Bleibtreu…

Eben nicht, Digger! Für die Masse taugen allenfalls die paar Schweigers, Bareks, Schweighöfers. Für mich interessiert sich doch keine Sau.


Dokudrama: Meine Tochter Anne Frank

Annas Lachen

Nicht nur dank der jungen Mala Emde ist Raymund Leys Meisterwerk Meine Tochter Anne Frank (18. Februar, 20.15 Uhr, ARD) mehr also bloß ein Dokudrama. Es ist der experimentelle Beweis, wie kraftvoll die Hoffnung selbst im Untergang dargestellt werden kann, ohne dabei auf Geigenteppiche und Tränendrüsen zu drücken.

Von Jan Freitag

Der Ernst des Lebens, so denken nicht nur Miesepeter und kleine Geister, verträgt kein Lachen. Lachen nehme ihm Würde, Tiefgang, die Feierlichkeit. Schon gar nicht zieme es den großen Menschheitsdramen, von Tod und Trauer bis Katastrophen, Völkermord, solchen Kalibern. Von wegen! Erst wo der Spaß aufhört, rotzte der Kabarettist Werner Finck der Gestapo entgegen, „beginnt der Humor“. Denn so schlimm es auch sein mag, in einem Land zu leben, wo es keinen gibt, ergänzte seinerzeit Berthold Brecht: Noch schlimmer sei es doch dort, wo „man Humor braucht“. Zum Beispiel in der Prinsengracht 263.

Hinter einem Aktenregal inmitten der Amsterdamer Innenstadt versteckte sich vor gut 70 Jahren: Anne Frank. Sie tat es mit sieben Leidensgenossen, auf engstem Raum, notdürftig versorgt von einer Handvoll Aufrechter, mehr als zwei Jahre lang. Vor allem aber tat sie es nicht dauernd missgelaunt und wütend, sondern mal trübsinnig, mal froh, oft sprunghaft, herrlich unbefangen, wie Teenager eben so sind. Um das zu begreifen, ist es ein Segen für Spätgeborene, dass sie nun von einer nahezu Gleichaltrigen gespielt wird, die sich nicht nur in das Leben ihres Charakters versetzt, sondern förmlich hineinkriecht. Mit allem, was dazu gehört.

Sie heißt Mala Emde und ist ein echter Glücksfall fürs deutsche Dokudrama, das bei der Zeichnung zeitgeschichtlich verbriefter Figuren aus schwieriger Zeit gern in saftigem Pathos verseift. Mala Emde verseift nicht, sie versenkt auch niemanden, schon gar nicht die erste echte überlebensgroße Hauptfigur nach allerlei Nebenrollen der Achtzehnjährigen aus Anne Franks Geburtsstadt Frankfurt am Main. Das liegt an der Nachwuchsschauspielerin selbst, die der berühmten Tagebuchschreiberin eine Empathie verleiht, die bisweilen leicht über den Punkt erscheint, aber grad darin all die Hoffnung und deren Fehlen jener furchtbaren Epoche verdeutlicht. Mehr aber noch liegt es an Raymund Ley.

Nach wohltuend dezenten Realitätsinszenierungen von der Hamburger Sturmflut vor elf Jahren bis hin zum Kunduz-Drama Eine mörderische Entscheidung (2013) hat sich der renommierte Dokumentarfilmer dem Hinterhausexil des berühmten NS-Opfers gewidmet und siehe da: es ist ein großer Film geworden, Tendenz Meisterwerk, frei von Geigenflor und dramaturgischem Doppelfettstufenquark vergleichbarer Filme übers Allzeitthema des Historienevents.

Dank der lebenslustigen Mala als Anne. Fast mehr aber noch dank ihres Vaters Otto, der die Erinnerungen nach seiner Rückkehr aus Auschwitz frei von kommerziellem Denken lebendig hält, gespielt von einem anmutig verkarstenden Götz Schubert, der diese Figur mit einer Hingabe spielt, die selbst am Flachbildschirm körperlich spürbar wird. Und dann wären da noch die sechs anderen Mitbewohnern des Hinterhauses, verkörpert von ungeheuer anteilnehmenden Mimen. Mit all ihrer Hilfe gelingt Ley ein experimentelles Biopic, dass nie der Verlockung verfällt, auf Mitleid zu bauen. Im Gegenteil – wenn um Annas Schreibtisch herum surreale Bilder jener Gedanken sichtbar werden, die sie gerade ihrem Tagebuch anvertraut, wenn die Gefühlsflut der Pubertät den Damm der Kerkermauern hormonsatt durchbricht, wenn ihre Lebenslust bei der Tristesse ringsum trotzt wie ein Krokus dem österlichen Wintereinbruch, dann werden nicht die üblichen Salbungen am verschütteten Tätergewissens vollführt. Dann wird die Untat doppelt verwerflich.

Leys kammerspielartige, zeitzeugenflankierte, fabelhaft fotografierte Daueremotionalisierung des Themas ist schließlich kein billiger Kleister, der unsere Geschichtsvergessenheit eskapistisch übertapeziert.  Sie dient der nachhaltigen Demaskierung eines Zivilisationsbruches, der – sorry, liebe 58 Prozent Schlussstrichfans – noch ewig thematisiert wird. Werden muss. Gern mit einem Lachen.


Ent- & Unterhaltsamkeiten

0-GebrauchtwocheDer Gebrauchtwoche

9. – 15. Februar

Um zu sehen, wie Werbung das Leben durchdringt, kann man beim Internetsurfen eine Stunde lang probehalber Pop-ups zählen, beim Laufen durch die Stadt Plakate. Oder all die Spots einer Folge, sagen wir: Germany’s Next Topmodel, inklusive Produktplacement, Präsentationen und der Marke Klum. Wem das zu viel ist, kann bekanntlich auf öffentlich-rechtliche Sender wechseln, die – abgesehen von Livesport – ab 20.15 Uhr durchweg werbefrei sind.

Himmlisch!

Die Hölle hingegen lodert am Vorabend, auch Todeszone genannt, da ARZDF dort unverdrossen einen Großteil ihrer 500 Millionen Euro Reklameeinahmen generieren und dafür jedem noch so dumpfen Massengeschmack hinterher hecheln. Das könnte sich nun ändern. Laut Tagesspiegel beraten die Ministerpräsidenten im Juni angesichts steigender Gebühreneinnahmen über die Einschränkung der Werbung und das ist ja mal eine Nachricht, die der staatvertraglichen Idee eines unabhängigen, sachorientierten, auch unterhaltsamen, vor allem aber enthaltsamen Fernsehens jenseits kommerzieller Interessen zugute käme.

Könnte man meinen. Dummerweise würde dann aber das, was einst als GEZ-Gebühr verunglimpft wurde, ungefähr ums Dreifache jener 48 Cent steigen, die sie ab April eigentlich sinken sollte. Es ist halt kompliziert mit dem Anspruch an informationelle Grundversorgung zur moderaten Preisen ohne Jingle-Generve und sonstige Beeinträchtigungen abseits des reinen Sehvergnügens. Wobei jene Summen, um die es hier geht, natürlich nichts sind (um nicht Peanuts zu sagen), verglichen mit jenen sieben Milliarden Euro für Übertragungsrechte, mit denen die englische Premier League bis 2017 gemästet wird.

Da könnte selbst der Dauerwerbesender RTL vor Neid erblassen, nachdem er gerade vor Stolz puterrot wurde, angesichts der Tatsache, dass seine DDR-BRD-Serie Deutschland 83 mit Jonas Nay als Ost-Spion im Westen schon lange vor der hiesigen Ausstrahlung für den amerikanischen Markt gekauft wurde, was heimischen Produkten wirklich nicht allzu oft widerfährt.

0-FrischwocheDie Frischwoche

16. – 22. Februar

Richtig viel Geld nimmt mittlerweile auch das ZDF in die Hand, wenn es um die Verfilmung der Bestseller des Strafverteidigers Ferdinand von Schirach geht. Nach Verbrechen wird ab Freitag (21.15 Uhr) nun Schuld verhandelt, mit Moritz Bleibtreu als konturlosem, aber eindrücklichem Anwalt von Mandanten wie Devid Striesow, der zum Auftakt des Sechsteilers seinen Nebenbuhler erschlägt und auf bizarre Weise der lebenslangen Haft entgeht. So fantastisch kann deutsches Fernsehen also auch ohne Kommissare sein, wenn es sich traut, ein wenig mit vermeintlichen Sehgewohnheiten zu experimentieren, ohne gleich durchzudrehen.

Auf diese Weise gerät auch der ARD-Filmmittwoch zum außergewöhnlichen Erlebnis. Das zeitzeugengarnierte Doku-Drama Meine Tochter Anne Frank schildert die letzten Tage des weltweit berühmtesten NS-Opfers nicht als süffiges Tränendrüsendrama, sondern lebenssattes Kammerspiel in jenem Amsterdamer Holzverschlag, wo Anne Frank ihr berühmtes Tagebuch verfasst hat. Der verblüffenden Nachwuchsschauspielerin Mala Emde fliegen beim Schreiben reale Gedanken als psychedelische Bilder um die Ohren, dass einem beim Zusehen der Kopf schwirrt – vor Anteilnahme, vor Staunen. Im Grunde müsste Raymond Leys Film also Pflichtprogramm jener 58 Prozent sein, die einen Schlussstrich unter den Holocaust ziehen wollen.

Wahlweise könnte man Montag (22.10 Uhr, Pro7) aber auch Oli Schulz in the Box statt nach Katmandu zu den Ewiggestrigen aller Altersstufen schicken, um zu erkunden, woher so viel Ignoranz bloß rührt. Oder den Gonzo-Journalisten von Wilmsdorff keinem Stresstest unterziehen, womit er eine Stunde zuvor auf RTL die dritte Staffel des gewohnt ansehnlichen Jenke-Experiment eröffnet, sondern auf Zeit mit so viel Dummheit füttern, dass auch er probehalber rechtsradikalem Gedankengut verfällt. Doch weil das den geistig Armen dieser Welt wahrscheinlich auch keine Weisheit einbimst, sedieren wir uns lieber selber. Mit der holländischen Krimigroteske Black Out um einen Ex-Gangster zum Beispiel, den kurz vor der Hochzeit die kriminelle Vergangenheit einholt (Montag, 22.15 Uhr, ZDF), was trotz des deutschen Deppentitels Killer, Koks und wilde Bräute auf dem Niveau des Genre-Berserkers Guy Ritchie abläuft. Und somit in etwa die Güte des Tatortreinigers erreicht, den sich die ARD am Montag ab 22.45 Uhr bequemt, drei Folgen am Stück im Ersten zu wiederholen. Anlass zur Vorfreude bietet gewiss auch das neue Tatort-Team Margarita Broich und Wolfram Koch, das nach dem Gesetz der Serie so brillant sein müsste wie zuletzt jedes hessische Ermittlerduo.

Also ähnlich sehenswert wie die Tipps der Woche: In Schwarzweiß Die Faust im Nacken (Freitag, 22.15 Uhr, ServusTV), mit dem Marlon Brando als Gewerkschafter 1954 den „Neuen Realismus“ des amerikanischen Kinos gebar. Und in Farbe, als Doublefeature zur Medien-Verblödung quasi, Montag ab 20.15 Uhr im BR: Erst Herr Ober! von/mit Gerhard Polt (1991), dann Kein Pardon von 1993 von/mit Hape Kerkeling.


Reportage: Landwirte im Stadtstaat

claas-98 (1)Hanseland in Bauernhand

Wer an Landwirtschaft denkt, denkt hierzulande erstmal an Niedersachsen, Bayern, Mecklenburg. Dass es auch im Hamburger Stadtgebiet echte Bauern mit richtigem Vieh und amtlichen Äckern gibt, erscheint da eher abwegig. Ist es auch ein wenig, aber keinesfalls ausgeschlossen. Eine kleine Reise zur großstädtischen Landbevölkerung.

Von Jan Freitag

Das alte Landwort Bauer hat einen seltsamen Klang, zumindest in Großstädterohren. Bauer, das hört sich ja nach Schützenfest und grünem Grobkord an, nach viel zu viel Arbeit, viel zu wenig Entertainment, nach Provinz, Dreck, Gülle, Brauchtum, solchen Sachen. Bauern, so könnte man meinen, nennen sich da lieber Landwirt, besser: Agrarökonom. Hauke Jaacks nennt sich Bauer und er tut es voller Stolz. Der Bauer in ihm macht den Rücken fast noch ein wenig grader, hält den Kopf noch aufrechter, intoniert die Silben irgendwie fester, als er seinen Stand ausspricht. Und wenn dieser kräftige Mann mit der rosigen Gesichtsfarbe hinzu fügt, was ihm so wichtig ist, dann spricht daraus ein großer Teil seines Selbstverständnisses: „Ich bin Hamburger Bauer.“ Fehlt nur noch, dass das auch gut so sei.

Denn kurios ist es ja schon: einen Ort zu beackern, der 1,7 Millionen Bewohner auf 75.500 Hektar staut und sein Wasser zum Markenkern erhebt, aber zusehends aus Beton besteht. Doch auf einen messbaren Teil dieses steinernen Molochs – 160 Hektar nämlich – baut Hauke Jaacks Futter für sein Vieh an, das ringsum grast. Und damit ist er nicht allein: Fast 800 Blumenzüchter, Forstwirte und Baumschulen und Getreide-, Tier- oder Obstbauern nutzen ein Drittel des Hamburger Stadtgebiets landwirtschaftlich. Die meisten davon, ist aus dem örtlichen Bauernverband zu hören, seien eher Kleinbetriebe, einige gar im Nebenerwerb. Es gibt aber auch die Konkurrenzfähigen, die Agrarökonomen, die Großen.

Wie Bauer Jaacks.

Die 1,4 Millionen Liter seiner 160 Milchkühe können mit den Flächenländern ringsum mithalten. Auch 400 Rinder sind alles andere als Hobby. Und der Betrieb, den Haacks mit seiner Frau Swantje bewirtschaftet, gedeiht nicht nur, er wächst beständig. Wer also durchs Falkensteiner Forstidyll Richtung Wedel fährt, trifft früher oder später höchstwahrscheinlich auf die Zäune des Moorhofs, den der Pinneberger 2004 gekauft hat, als die elterliche Farm zu eng geworden war. Und das nicht irgendwo, sondern „genau hier in Hamburg“, sagt der 51-Jährige. Denn wer so hart arbeitet, aufstehen halb fünf, Feierabend gut 14 Stunden später, 365 Tage im Jahr, ohne Wochenenden, Feiertage, Krankenstand – „der will auch mal ein bisschen leben“.

Und vom Konzert über Theater bis hin zu guten Restaurants biete die Metropole eben alles, was er nicht missen mag, auf dem Dorf aber müsste. Von wegen wenig Entertainment. Einerseits. Andererseits – wer brauche das schon im Überfluss, wenn der Beruf „Berufung ist wie meiner“. Einer, den auch dieser Berufene so liebt, dass er sein Fernweh einst dadurch kompensierte, dem Vieh Namen exotischer Orte zu geben. „Das ist Nova Scotia“, sagt er und weiß allein, wie sich diese Milchkuh von all den Artgenossen der riesigen Halle unterscheidet. Von den Inseln Hawaiis den Gang runter oder gegenüber: Herten. Kein schickes Reiseziel, mehr Reminiszenz an den Fleischmulti Herta, Erfinder europäischer Fließbandschlachtung, heute Sinnbild dessen, was Erzeuger wie Jaacks nicht mehr wollen: Reine Massenware.

Um sich nach zwei urlaubslosen Jahrzehnten ab und an eine Kreuzfahrt zu gönnen, um sich das erste Kind leisten zu wollen, das im Vorjahr zur Welt kam, um mithalten zu können auf dem harten Viehmarkt, „muss man allerdings Kompromisse machen“. Also nicht Bio, wie er mehr ausspuckt als sagt: „Nachhaltig konventionell“. Mit Kunden von der Fastfoodkette bis  zur Eigenvermarktung. Mit 4500 Kubikmetern Gülle, die nur auf eigenen Äckern landen. Mit drei Azubis und mehr Vieh, als ihm manchmal lieb wäre. Er lächelt: „Ich hätte gern wieder 25 Kühe“. Wie früher, als bäuerliches Leben nicht leichter, aber ruhiger war. Wie auf dem Hof seiner Eltern.

Oder wie bei Henning Beeken.

Der mag zwar im Kern den gleichen Beruf ausüben – von Hauke Jaacks trennen ihn trotzdem mehr als gut 30 Kilometer zwischen Rissen und Kirchwerder. Schon optisch. Im Schatten knorriger Bäume öffnet der Neubauer mit dem schicken Scheitel seinen Hoodie, als er übers Anwesen der Vorfahren führt. Alles am Hof Eggers erinnert an jene Zeiten, in die sich sein Kollege aus dem Hamburger Westen in romantischen Momenten zurücksehnt. Vorm reetgedeckten Fachwerkhaus seiner Eltern spielen die zwei Kinder, im Schweinestahl nebenan suhlen sich zufriedene Exemplare einer wachstumsschwachen, aber erhaltenswerten Rasse im Dreck, vorbei an historischen Stallungen steht das älteste Wirtschaftsgebäude der Hansestadt, Baujahr 1540. Schon damals waren es Verwandte, die sich hier niederließen. Und eigentlich“, beteuert der Enddreißiger mit dem sanften Lächeln, „sieht hier alles exakt so aus wie vor 100 Jahren“. Und doch völlig anders.

Denn unausgesprochen mag Nachhaltigkeit auch früher schon Standard gewesen sein; mit der Erholungsaura, die Beekens Land umweht, hatte der Überlebenskampf gegen Wetter und Fürst nur wenig gemein. Heute gibt es an gleicher Stelle zwar 70 Rinder, ein paar Schafe und Hühner, saisonal gar Weihnachtsgänse, dazu eine Ferienwohnung mit Ausflugslokal samt Hofladen und 90 Hektar Ackerland im ökologischen Fruchtwechsel. „Aber weil wir weder Gemüse noch Milchvieh haben“, sagt der gelernte Gartenbauer, den es 2012 nach drei Jahren Mexiko zurück auf die Heimatscholle trieb, „ist das kein so richtig hartes Bauernleben“.

Dafür eines im Einklang mit der Natur, das die Vielfalt ländlichen Wirtschaftens auf Hamburger Raum wunderbar verdeutlicht. Im Grunde gibt es hier nämlich alles, was der Agrarsektor so hergibt, nur eben meist eine Spur kleiner als in Deutschlands Schlachthof Niedersachsen oder Mecklenburg Kornkammer im Osten. Ein Henning Beeken mit seinem kreativen Angebot für gestresste Innenstädter und Einzelabnehmer ist somit repräsentativer für die hanseatische Landwirtschaft als etwa ein Hauke Jaacks mit seinem spezialisierten Großbetrieb zwischen wesensmäßig nachhaltiger, im Ertrag jedoch intensiver Produktion.

Und doch haben beide einiges gemeinsam, was junge Bauern von der tiefsten Provinz bis in die Metropole oft zu verbinden scheint: Die abgetretene Generation genießt ihren Ruhestand wie zu Urzeiten gern in Sichtweite der Nachfolger; deren Enkel sollen mal selber entscheiden, ob sie das Erbe später übernehmen; die Generation dazwischen aber betrachtet es trotz aller Entbehrungen, Mühe, Existenzangst als bauchgetriebenen Lebenszweck, den noch die schwerste Missernte nicht verhagelt. Und doch gibt es bei vielen Agrariern nun eine Art autobiografischer Konstante, man könnte sie auch Bremsimpuls vorm Berufseinstieg nennen: Bauern werden wollen nur wenige, Bauern sein dann umso mehr.

Wie Anja Ullrich.

„Ich habe meine Eltern eigentlich immer nur arbeiten gesehen“, erinnert sie sich an ihre Kindheit unweit von Beekens Hof. Also machte sie eine kaufmännische Ausbildung, wurde danach Erzieherin, sagte der Landwirtschaft kurzum langfristig Ade. Bis mit Anfang 30 abermals umsattelte. Im wahrsten Sinne des Wortes: Als ihr Vater 1998 schwer erkrankte, kehrte die Tochter heim und wandelte seine Mischwirtschaft um in einen Pferdehof. Weil sie diese Tiere innig liebt. Und weil die Sehnsucht der Städter danach wachse, „je mehr Technik in der Welt“ sei.

Um sie zu stillen, bietet die Frau mit dem roten Pferdeschwanz fast 40 der Vierbeiner Stellplätze auf ihrem Gestüt. Baut ihnen auf dem 17 Hektar großen Gelände eigenes Heu an. Betreut sie mit aller Liebe, lässt sie aber doch laufen, wohin sie wollen. Es sei ein erfülltes Leben, sagt Anja Ullrich beim Rundgang in Reiterhosen. Fürs Tier, mehr aber noch für sie selbst. Dass ihr Geschlecht von den Herren des Dritten Standes selbst in der urbanen Landwirtschaft noch immer nur mürrisch akzeptiert wird, sei ärgerlich; darüber hinaus aber biete ihre Aufgabe, was kein Stadtjob könne: Mensch und Tier, Büro und Freiraum, Vorsorge und Fürsorge, Natur und Technik. Am Ende also auch wieder das, was sie tagein tagaus bei ihren Eltern erlebte: „Arbeit, Arbeit, Arbeit“. Nur dass die sie von der nie überzeugen wollten.

Anders als bei Mathias Peters.

Mit sechs Jahren, 1976 war das, wollte der Bauersohn aus Hamburgs Südosten aufs Gymnasium und Tierarzt werden. Ein beliebter Berufswunsch nachfolgender Generationen – noch naturnah, nicht mehr so naturverwachsen. Sein Vater aber sagte bloß: „War’ du man Buur, mien Jung“, erinnert sich der Stammhalter grinsend. Und was tat er? Nun lacht Peters: „Ich war natürlich folgsam“. Zum Glück, so sieht er das heute. Denn 37 Jahre und zwei Kinder später darf man sich Mathias Peters als glücklichen Menschen vorstellen. Der Beweis steht, besser: stakst im Stalltrakt seines prachtvollen Bauernhauses von 1561 rum. Er heißt Herkules und ist erst sieben Stunden vorher zur Welt gekommen. Der bullige Landwirt nimmt das Kalb in zwei kräftige Pranken und guckt wie stolze Väter eben gucken: „Ein Prachtstück!“

Seine Ahnen, die dieses Land seit Urzeiten bestellen, sie hätten es wohl „Geschenk Gottes“ genannt und eher nüchtern zur Kenntnis genommen als bejubelt. Der aktuelle Erbe aber zählt zur neuen Generation Hamburger Bauern. Was sie oft eint, ist ein emotionaler Pragmatismus, der selbst den eigenen Eltern, die weiterhin mithelfen im Betrieb, vermutlich fremd war. Als ertragsorientierter Landwirt könnte man das Naturschutzgebiet Kirchwerder Wiese rings um die zauberhaft geschwungene Gose-Elbe also durchaus als Last empfinden, als Hindernis seiner täglichen Arbeit. Mathias Peters indes, einst ein Einserschüler und heute erstaunlich eloquent, für einen Handarbeiter, betrachtet es ganz anders. „Als Aufgabe.“

Was hier wächst und gedeiht, tut es folglich im Einklang mit der Natur, aber streng nach Effizienzkriterien. Seine 110 Rinder fressen nichts als Weidegras, sollen aber auch ihren Schlachtpreis bringen. Das Gemüse in den Gewächshäusern wie davor wird bei Befall schon mal gespritzt, ansonsten jedoch in Ruhe gelassen. Und Abertausende von Maiglöckchen auf der anderen Straßenseite werden kurz vor ihrem Namenstag von Hand gepflückt, gehen dann aber in den Export nach Frankreich. „Wer in Hamburg Landwirtschaft betreibt“, sagt Peters mit Filterzigarette im Mund, „kann nur in der Nische überleben“. Doch die müsse man schon marktgerecht füllen.

Dafür steht er täglich vor sechs auf, an Markttagen drei Stunden früher. Dafür kämpft er „an allen Fronten“, falls mal eine zusammenbricht, und lässt sich dafür von großen Bauern auch noch abfällig „Schreber“ nennen“. Dafür hat er allerdings auch ein Leben neben der Ackerkrume. Ein reetgedecktes Fachwerkhaus etwa, dass er vor zehn Jahren in Eigenarbeit luxussaniert hat. Eine Frau, die liebend gern ihren Job als Pflegerin dafür getauscht hat, nun in der Diele Petersilie zu zupfen. Und einen Sohn, der dem mütterlichen Rat, bald Abitur zu machen, mit großem Eifer widerspricht. „Der will Bauer werden“, sagt sein Vater und hat wieder seinen Kälbergeburtsblick. Bauer. Dieses Schützenfestwort.


Notwist, Kante, Pollyester, Hanni El Khatib

The Notwist

Es gibt Bands, die müssen bloß irgendwas machen, und sei es ein Album, schon geraten Fans in Extase. Sie kaufen blindlings, jubeln lauthals und tun exakt dasselbe, wenn sich alles Jahre später wiederholt. The Notwist ist so eine Band. Seit sie mit Neon Golden das Mashupgenre Indietronic prägte, sprengen die Gebrüder Acher diverse Regeln der Harmonielehre und machen aus diffusen Tonkaskaden feste Strukturen, die klingen wie Lieder. Auch das fünfte Album seit dem Wandel der Rocker zu Fricklern schafft diesen Transfer. Fast. Denn Messier Objects, logischerweise mit 1 bis 16 betitelt, strapaziert unser Abstraktionsvermögen mit zerklüfteten Klanghaufen, bis Das Spiel ist aus endlich The Notwists Kernkompetenz zeigt: digitale Flächen so mit analogem Instrumentarium zu vermischen, dass nicht nur wahre Fans niederknien. Auch die Objekte 1-16 sind beachtlich, verblüffend und liedhaft, aber doch eher strukturarmes Gespiel. Kein Wunder – entstammen sie doch überwiegend Theatervertonungen.

The Notwist – Messier Objects (Alien Transistor)

Kante

In diesen Kontext gehört auch das neue Album von Kante. Wer die zutiefst theatralische Band aus Hamburg in den 20 Jahren ihres Bestehens vorurteilsfrei gehört hat, hätte in den lyrisch verspielten Arrangements zwischen Postrock und Deutschpop wohl schon zu Hamburger Schulzeiten Soundtracks vermutet. Und wie zum Beweis des wahren Kerns dieser These, kompiliert das neue Album In der Zuckerfabrik nun tatsächlich Beiträge, mit denen das Quintett um Peter Thiessen Stücke von Dostojewski bis Brecht zwischen Wien und Berlin begleitet hat. Es sind sperrige Lieder allesamt, kontextgebunden und singulär: Mal ein Raunen wie Arioso der Shen Te, dann Gitarrenpeitschen wie Keine Wegspur, nichts zu sehen, ringsum Kammermusik, Freejazz, Songwriting, Pathospunk, Versmaß – ein Panoptikum wie das Theater selbst. Und nichts für nebenbei.

Kante – In der Zuckerfabrik (Hook Music)

Pollyester

Das zweite Album des Münchner Plastikpopduos Pollyester kann man ebenfalls unmöglich mit einem Ohr hören. Für Fahrstühle oder Leseabende ist City Of O. völlig ungeeignet. Die singende Bassistin Polina Lapkovskaja verarbeitet an der Seite ihres Schlagzeugers Manuel da Coll und Beni Brachtel, zuständig fürs Elektronische, aberwitzig konfuse Beats zu einer Art Trashdance, als wäre die Disko absurdes Theater. Irgendwo zwischen Las Ketchup und Kraftwerk, Chicks on Speed und Daft Punk blasen Pollyester einen funky slappenden Achtziger-Wavepop aus den Boxen, dass sich alle Gehirnzellen flugs in die Beine verkrümeln und dort gehörig austoben. Kultivierte Geister dürften da vor Schreck laut schreien. Niveauliebende Partypeople wohl eher vor Glück.

Pollyester – City Of O. (Disko B)

Hanni El Khatib

Eher umgekehrt dürfte es sich da bei Hanni El Khatib verhalten. Doch Klischeesucher aufgepasst: Das ist weder ein tunesischer Violinist noch arabesker Ethnopop, sondern ein singender Skateboarder aus San Franzisco mit philippinischen Wurzeln, der das Gegenteil von Klassik oder Weltmusik liefert und doch den Mainstream bedient. Mit ein paar zotteligen Beardos macht er zwar Rock im Stile der Siebziger, als sich jungen Muckern ohne Hang zur Glitzerhose kaum Alternativen boten. Obwohl wir das Jahr 2014 schreiben, ist jedoch auch sein drittes Album Moonlight nicht aus der Zeit gefallen. Was der schöne Frontmann selbst “Messerkampf-Musik” nennt, scheint nämlich eine anschlussfähige Garagenversion früherer Gitarrenverbände zu sein, die den Psychobeat der Stooges mit dem Desertrock von Tito & Tarantula im zeitgenössischen Alternative vereint und mit weinerlichem Gesang die Männlichkeit austreibt.

Hanni El Khatib – Moonlight (Innovative Leisure)

Mehr Pics’n’Files’n’Sound unter http://www.zeit.de/kultur/musik/2015-02/the-notwist-kante-pollyester-hanni-el-khatib


Robert Palfrader: Metzger & Kaiser

Bisschen exhibitionistisch

In Österreich ist Robert Palfrader ein Star, bekannt von Bühne und Bildschirm, wo der 47-Jährige zum humoristischen Stammpersonal zählt.  Wer ihn allerdings hierzulande sehen will, muss schon im Netz suchen. Bei Youtube sind seine preisgekrönten Live-Audienzen Wir sind Kaiser Klickmillionäre. Jetzt holt ihn die ARD ins deutsche Programm, als Titelheld der Krimiverfilmung Metzger, wo Palfrader am 12. Februar erstmals einen ermittelnden Restaurator nahe Innsbruck spielt. Ein Interview über die Absurdität seiner Landsleute, den Schreiner in ihm selbst und warum er doch weder Wirt noch Arzt geworden ist.

Interview: Jan Freitag

Herr Palfrader, haben Sie Ulrich Seidels Film Im Keller über Österreicher und was sie in Ihrer Freizeit tun, gesehen?

Robert Palfrader: Nur Ausschnitte, aber ich bin mir des Aberwitzes darin bewusst.

Wie so oft in Kunst und Medien zeigt er Österreicher als spießbürgerliche Freaks, die auch Josef Haderer oder Manfred Deix persiflieren. Sind Sie wirklich alle so?

Teils schon, aber dieses Bild ist ubiquitär um den Erdball anwendbar. Solche Leute gibt es in Kuala Lumpur ebenso wie in Paderborn. Menschliche Schwächen eignen sich eben besonders gut, um an die Oberfläche gezerrt zu werden. Nehmen Sie Fargo von den Brüdern Coen – deren Figuren sind so wenig typische Amerikaner wie typische Niederösterreicher, kommen aber in beiden Ecken vor. Solche Filme machen einem das nur bewusst.

Wohnt dem österreichischen Menschenschlag dennoch etwas inne, was zur Persiflage oder Überzeichnung besonders taugt?

Sie scheinen das zu glauben, ich nicht. Vielleicht sind wir ein bisschen exhibitionistisch, allein weil wir noch einiges aufzuarbeiten haben.

Wir Deutschen auch.

Nur, dass Ihr fleißiger wart. Verglichen mit der Konsequenz, in der Deutschland entnazifiziert wurde, ist die österreichische Inkonsequenz geradezu beschämend. Einer wie Deix legt da zum Glück immer wieder den Finger in die Wunde, aber auch die Serie Braunschlag

In der Sie den Bürgermeister einer maroden Gemeinde an Tschechiens Grenze spielen.

Doch so typisch österreichisch die Erzählung auch erscheint, könnte sie ebenso gut in Bayern spielen und wäre dadurch nicht weniger wahrhaftig.

Könnte Ihre Figur des Restaurators Willibald Metzger, der im Raum Innsbruck Kriminalfälle löst, auch überall spielen?

Nein.

Braucht er denn die Alpen im Hintergrund?

Höchstens eine Kleinstadt, wo ist ziemlich egal. Da kommt sein emotional weidwunder Charakter am besten zum Tragen.

Ein neurotischer Charakter vor allem, sagt er doch zu Beginn, es gäbe eigentlich nichts, wovor er keine Angst hätte.

Das ist ein bisschen Koketterie, aber stimmt schon: Weil ihm manche Kante in die Seele geschlagen wurde, hütet er sich im sozialen Kontakt davor, nochmals gedemütigt zu werden.

Ist es eine fiktionale Figur oder kennzeichnet sie irgendetwas Typisches, vielleicht auch in Ihrer Persönlichkeit?

Was uns beide eint, ist bloß zweierlei: Ich trinke gern und bisweilen zu viel Rotwein. Und ich arbeite wahnsinnig gern mit Holz, deshalb habe ich bei mir zuhause auch eine eigene Tischlerei, in die ich mich zu selten, aber bei jeder Gelegenheit zurückziehe. Insofern ähneln wir einander doch noch in einem Punkt: Dieses Zurückgezogene, In-sich-Gekehrte suche auch ich in meiner Werkstatt, wo ich nur die Maschinen höre und das Holz rieche.

Wenn Adler Finger entwenden oder Kruzifixe auf Autos stürzen, beweist der Regisseur immer wieder seinen Hang zur Symbolik.

(lacht), da haben Sie sehr gut aufgepasst. Respekt.

Steckt die auch hinter Ihrem Job als Restaurator alter Holzgegenstände der Gegend?

Vermutlich, aber das müssen sie schon den Autoren fragen; ich bin nur die hirnlose Sprechpuppe des Autors.

Jetzt kokettieren aber Sie!

Gut, wenn ich als Hauptdarsteller am Set nicht anspreche, was schiefläuft, mache ich meinen Job falsch. Es ist daher meine Pflicht, auf Unebenheiten aufmerksam zu machen, wenn sich’s, wie man bei uns sagt, spööht.

Also sperrt?

Genau, wenn es in mir zu knirschen beginnt, muss ich das kundtun. So ein Dreh ist ja immer ein Miteinander, in dem man Einfluss nehmen muss, aber auch sagen können, ich weiß nicht weiter. Ein Satz übrigens, den ich mir von einem Politiker vor der Kamera wünschen würde.

Weil es der politische Gegner umgehend als Inkompetenz oder Schwäche auslegt!

Furchtbar! Dabei würde es die Glaubwürdigkeit doch eher steigern. Gerade Männern muss man noch immer oft erklären, wie stark Schwäche sein kann und umgekehrt. Ich lasse ja auch meine Frau autofahren, weil sie es einfach viel besser kann als ich. Dafür bin ich lustiger.

Und zwar mit eher feinem, fast stillem Humor, während große Teile des Publikums gern über die groben, lauten Dinge lachen.

Da widerspreche ich doppelt. Zum einen mache ich den Job seit mehr als 20 Jahren und habe eins gelernt: Unterschätzt die Zuschauer nicht! Sie sind klüger als wir alle denken. Zum anderen kann ich so auf die Kacke hauen, dass es bis Deutschland spritzt. Dennoch braucht die Figur des Metzgers keine lauten Töne. Damit sich die Zuschauer emotional an eine Figur binden können, muss es etwas zum Entdecken geben. Weniger ist mehr.

Ist das Ihre Humorschule?

Wenn es da überhaupt eine gibt, der ich bis an mein Lebensende vergebens versuche, gerecht zu werden, ist Helmut Qualtinger.

Den man hierzulande eher aus Der Name der Rose kennt.

Der aber ein brillanter Kabarettist war. Gerade, weil er in seiner Bissigkeit ungeheuer leise sein konnte.

Im Gegensatz zu Ihnen war Qualtinger aber auch noch Schauspieler.

In der Tat, das bin ich nicht. Ich bin ja nicht mal ordentlich ausgebildet, weder im einen noch im anderen Fach. Erste Berufserfahrungen habe ich mit 22 in meinem Wiener Caféhaus gesammelt. Mein elfjähriger Neffe meinte damals mit Blick zum Tresen, Onkel Robert, ist das deine Bühne? Und er hatte Recht! Die Bar war eine Art Methadon für meine eigentliche Berufung. Wie oft habe ich dort versucht, mit einem Satz möglichst viele Gäste auf einmal zu beleidigen. Manchmal ist mir das sogar gut gelungen.

Ihr Vater war Metzger. Wie ist er damit umgegangen, dass Sie erst Wirt, dann Witzbold geworden sind?

Wissen Sie, auch wenn er Fleischhauer war, war er in höchstem Maße bildungsaffin. In seinem Freundeskreis gab es fast ausschließlich Akademiker. Meine Eltern waren schlichte, aber kunstsinnige Leute, die prächtig mit meiner Auswahl umgegangen sind. Meiner Mutter wär es zwar lieber gewesen, wenn ich Beamter geworden wäre oder Arzt, wie es mein eigener Plan war, aber sie fand wie mein Vater alles toll, was ich gemacht hab. Selbst als Straßenfeger hätte sie gelobt, wie elegant ich den Besen schwinge. Wir haben so viel Aufmerksamkeit, Liebe und Respekt gekriegt – da konnten wir wenig falsch machen. Ich hätte alles werden können.

Und haben es bis zum Kaiser geschafft.

Sehen Sie!

Mit Wir sind Kaiser, wo Sie als Robert Heinrich I. seit 2007 Audienzen prominenter Landsleute auf einem prächtigen Thron abhalten, haben Sie es in Österreich zur echten Berühmtheit geschafft. Ist das anschlussfähig für den deutschen Markt?

RTL hat seinerzeit die Formatrechte vom ORF gekauft und mit ein paar Comedians getestet, aber leider nicht mit mir. Hah! Aber die haben das längst eingestampft. Andererseits ist die Resonanz auf 3sat und Youtube auch aus Deutschland riesig.

Wird der Metzger ihre Popularität da nochmals steigern?

Das würde mich immens freuen, aber um des Projektes, nicht um meiner selbst willen. Es geht mir gut auf dem österreichischen Markt. Ein Star zu werden ist nicht mein Antrieb.

Sondern was ist ihr Karriereziel?

Das sich meine Kinder ihr Frühstück selber machen, damit ich möglichst viel Zeit in der Tischlerei verbringen kann.

Wären Sie am Ende lieber Hand- als Kopfarbeiter?

Nein, ich liebe meinen Beruf, ich liebe mein Leben, glauben Sie mir: Ich stehe ich jeden Morgen grinsend auf.