Reisereportage: Blautopf/Blaubeuren

BlautopfKlosterUnter Wasser

Die Schwäbische Alb steht für alles Mögliche: Wirtschaftskraft, Naturschönheit, Steinzeitfunde und nun auch noch eines der größten zugänglichen Höhlensysteme Europas. Das alles hat auch mit einem magischen Ort zu tun: dem Blautopf (Foto: Florian Schott) im Städtchen Blaubeuren.

Von Jan Freitag

Wenn der Kunstsinn eine Geburtsstätte hat, dann liegt sie hier. Auf der Schwäbischen Alb, sagt Stefanie Kölbl feierlich, ist er 35.000 Jahre alt. Und sollte die Kreativität ohne praktischen Nutzen auch nicht unbedingt in einer verzweigten Höhle zwischen Stuttgart und Ulm entstanden sein, so haben sich ihre ältesten Relikte doch nirgends besser bewahrt als im Hohle Fels. „Da und da und dort drüben.“ Die promovierte Urgeschichtlerin aus dem nahen Blaubeuren federt bei jeder Silbe vor Begeisterung in die Höhe. Unter majestätischen Tropfsteinen, zwischen Felsspalten, in fast gemütlichen Ecken lagen prähistorische Skulpturen, die der Schwäbischen Alb zu Weltruhm verhalfen. „Wahnsinn“, juchzt Kölbl und drosselt sogleich ihr Organ. Unter der Decke des matt beleuchteten Höhlenlabyrinths überwintern Fledermäuse. Nur ausnahmsweise hat der Wärter das Gittertor geöffnet; die Besuchszeit beginnt erst im Mai.

Doch Stefanie Kölbl ist Paläoanthropologin aus Passion und in diesem riesigen Bergloch, wo vor Jahrmillionen ein Meer brandete – da schlägt ihr Herz, als sei sie frisch verliebt. Und im Grunde ist sie das ja: In ihre Heimat, das Städtchen Blaubeuren, die Alb. Rund 2300 Höhlen jeder Art perforieren das flache Mittelgebirge im Südwesten, einige dienten Neandertalern als Behausung, doch wie früh die ersten Menschen künstlerisch tätig  waren – das offenbart sich zurzeit beeindruckender denn je.

Vor Anfang des Jahrhunderts wurden im Hohle Fels die ältesten Schnitzereien der Welt entdeckt. Winzige Fabelwesen – Vogel, Pferd, ein Löwenmensch. „Urknall in Schwaben“, titelte Die Zeit und was nun die Museen von Blaubeuren und Ulm ziert, ist keineswegs eine rein wissenschaftliche Sensation. Die Funde, erklärt Stefanie Kölbl plötzlich nüchterner. „Zieht auch massig Leute an.“ Archäologen, Familien, Steinzeitfans. Doch was die bald erdgeschichtlich erwartet, stellt alles Menschengemachte in den Schatten. Die Zukunft der Urlaubsregion, sie beginnt unter Tage. Das hängt mit einer gewaltigen Quelle namens Blautopf zusammen, also mit Wasserarmut, so unlogisch das klingt.

Die Alb mag ein Naturparadies sein, das Urstromtal der Donau von großem Liebreiz, der geschützte GeoPark ringsum nicht nur archäologisch bedeutsam. Trotzdem ist Deutschland hier, im Südwesten, am trockensten. Die Ursache findet sich tief unter Blaubeuren. Seit jeher saugt der Blautopf jeden Regentropfen aus den porösen Bergen, die dabei ein Höhlensystem fluten, das schon Generationen wagemutiger Taucher anzog. Einige bis in den Tod. Seit jedoch Hobbyforscher vor wenigen Monaten erstmals trockenen Fußes in den unterirdischen Zustrom der Quelle vordrangen, kriegt es beinahe unheimliche Ausmaße.

Das Höhlengeflecht, besonders die neu entdeckte Vetterhöhle, übertrifft ihre bekannten Verwandten um Längen. Dabei ist das Quellbassin des Baches Blau darüber kaum breiter als ein Feuerlöschteich. Oberflächlich. Wenn Stefanie Kölbl auf dem kurzen Fußweg vom Büro zum Blautopf ins Schwärmen gerät, gewinnt es rasch an Größe. Dann verharrt die kleine Person mit dem großen Temperament ehrfürchtig vor dem stets neun Grad kalten Wasser und schwelgt in der Attraktion ihres Heimatortes, als sehe sie die nicht zum tausendsten Mal, sondern zum ersten. „Himmlisch“, wiederholt sie. Es klingt wie ein stilles Gebet.

An diesem Frühjahrstag bereitet er seinem Namen alle Ehre. Ein Postkartenmotiv, gesäumt von einer Fachwerkmühle mit bemoostem Wasserrad, dem mittelalterlichen Benediktinerkloster und sattgrünen Berghängen gegenüber. Ein Kaleidoskop, dessen Farbspiel wegen des hohen Kalkgehalts je nach Sonnenstand von Azur über Eisgrau ins Türkise gleitet. Und ein Besuchermagnet von großer Magie. Mit einem „verdammten Sog“, in dem sich selbst der sonst so sachliche Tatort-Kommissar Bienzle beim Drehen einst wähnte. Denn in der Tiefe geht es rund.

Bis zu 40 Kubikmeter Wasser strömen pro Sekunde aus der speisenden Höhle hinein. Weil der Winter schneearm war, sind es jetzt zehn weniger, doch schon sie tosen sturzbachartig über die kleine Wehrkante am Klostertor. Der Grund dafür liegt 18 Meter darunter. Ohne Unterlass drückt ein nur tauchend erreichbarer Tunnel Wasser nach oben und bildet zugleich den Abfluss eines trockenen Höhlensystems, das sich bald Deutschlands größtes nennen dürfte.

Hanns Zanders Stimme gleitet in seinen westfälischen Heimatdialekt ab, wenn er sich jene Chancen ausmalt, die der Blautopf eröffnet. 2008, erklärt der Wirtschaftsförderer des Alb-Donau-Kreises, „beginnen die Planungen zur touristischen Erschließung“. Palast der Winde, Wolkenschloss, Walhalla – schon die Namen der gigantischen Hallen erinnern an PR-Kampagnen. Dass die Blautopfhöhle auch von Land erreicht werden kann, galt lange als gesichert. Allein wo, war unbekannt. Also schritt eine Gruppe Speläologen die umliegenden Hänge mit Rauchkerzen nach Stellen ab, aus denen die Höhle „atmet“, also Durchzugswinde entlässt. Im Vorjahr wurde das Team fündig. Und wie! Es stieß auf wahre Kathedralen, kartiert ihre Zugänge seither wie eine Kanalisation und präsentiert fast monatlich neue Höhlen. Schon buddeln die nächsten Idealisten über einer gerade ertauchten Kaverne nördlich Blaubeurens, mehr ein Palast. Offenbar waren die Froschmänner 2006 von religiöser Ehrfurcht ergriffen: Sie nannten ihn Apokalypse. Der unterirdische Pfad zum Blautopf, von Legenden umrankt, von Eduard Mörike besungen, von Lebensmüden gesucht, wird langfristig nicht nur für Forscher erreichbar sein, sondern für jedermann.

Damit erhöht sich die stolze Zahl schwäbischer Höhlen um solche in Dimensionen, die man eher aus Frankreich kennt. Kaum auszudenken, wie die Besucherströme anschwellen, werden noch mächtigere Objekte als die tiefste Schauhöhle bei Laichingen, der Hohle Fels mit seiner brillanten Konzertakustik oder das Lonetal nahe Ulm samt seiner umfangreichen Steinzeitfunde zugänglich. Spuren prähistorischen Lebens werden in den Blautopfhöhlen zwar nicht erwartet, „höchstens Kleintiere, die durch Felsspalten gerutscht sind“, meint Stefanie Kölbl. Das schiere Ausmaß von 50 und mehr Metern Höhe allein aber sorgt für reichlich Attraktion.

So hofft man zumindest im Einzugsgebiet – auch, wenn immense Vorarbeiten von der statischen Absicherung bis zur Parkplatzasphaltierung anstehen. Eine Million Euro, schätzt Hanns Zander, wird die Erschließung der Vetterhöhle kosten, um sie langfristig für Touristen zugänglich, vor allem aber sicher zu machen. Das rechtfertigt fast jede Investition und zwar nicht nur in die Großhöhlen. Denn bis runter nach Konstanz gibt es wilde Bergöffnungen zu besichtigen, weniger spektakulär, aber uriger, abenteuerlicher, natürlicher, wenn man so will. „Han ich sie hier scho gsehet?“, entgegnet ein Einheimischer auf die Frage nach dem Weg zum abgelegenen Felsenlabyrinth bei Blaubeuren. Urlauber fallen hier noch auf. „Oder machet sie a e Studie?“ Forscher dagegen weniger.

Schufen doch sie erst die Basis des GeoParks, zu dem die UNESCO das Mittelgebirge erklärt hat: ein Gebiet von erd- und kulturgeschichtlichem Belang mit Erholungspotenzial samt dem ganzen didaktischen Rahmenprogramm von Steinzeitsimulationen über Fahrradlehrpfad bis zu Höhlenwanderungen. Solange die noch möglich sind. „Es ist nur eine Frage der Zeit, bis das hier zusammenbricht“, sagt Stefanie Kölbl und zeigt auf ein kleines Flussbett am Boden des Hohle Fels. Das eindringende Wasser legt eben nicht nur Höhlen frei, es zerstört auch ihre Grundlage. Aber das dauere noch Jahrtausende, meint die junge Frau lachend. „Wir Urgeschichtler haben ein anderes Zeitdenken.“ Unter der Alb ist es zu spüren.

Infos:

www.tourismus.alb-donau-kreis.de

www.geopark-alb.de

www.lhk-bw.de

www.urmu.de


Newtopia: Very Big Brother & de Mol

Feel-good in Moltopia

Mit Newtopia startet John de Mol die nächste Kamera-Parade im Fernsehen. Anders als bei Big Brother soll es seit Montag um 19 Uhr auf Sat1 nicht um Voyeurismus gehen, sondern eine neue Gesellschaft. So ganz ohne die üblichen Prolls läuft es dann aber doch nicht ab.

Von Jan Freitag

Er tut es schon wieder, er kann gar nicht anders, fast als habe der Mann eine Sucht, die ihn seit mehr als 20 Jahren nicht loslässt und bis in alle Ewigkeit an der Nadel hält: John de Mol bringt erneut seine Kameras in Position. Rund 100 sind es diesmal. Mehr als bei seinen Stroboskopshows von Nur die Liebe zählt bis Wer wird Millionär, mehr sogar als im lückenlos ausgefilmten Container von Big Brother. Es ist ein kleines Wunder, dass die Menschen dabei immer noch zusehen wollen. Aber sie wollen. Gewiss auch hierbei.

Newtopia heißt das neue Produkt aus dem Hause Endemol, dem zweitgrößten TV-Produzenten überhaupt mit Sitz im kleinen Holland, de Mols Versuchslabor für die restliche Fernsehwelt rings um den Globus. Wie multiresistente Keime entwischen von seinem Kommerzkanal Talpa aus immer wieder fiese Versuchstierchen auf die Bildschirme aller Herren Länder, vermehren sich dort fleißig, sind partout nicht totzukriegen, diesmal in Form einer Sendung, deren Titel seltsam ideologisch klingt, was natürlich sorgsam geplant ist wie alles aus dem milliardenschweren Medienkonzern am Rande Amsterdams. Kein Wunder, dass Sat1 vom „größten TV-Experiment aller Zeiten“ faselt.

John de Mol ist da ein bisschen gelassener. Das mag an seinem Alter kur vorm Vollenden der 60 liegen, von dem man ihm mindestens zehn nicht ansieht. Vielleicht auch am Privatvermögen, das auf locker zwei Milliarden Euro geschätzt wird. Mehr aber noch liegt es an der Fähigkeit zur professionellen Markteinschätzung. „Das ist ein bisschen PR-Getöse und viel sachliche Umschreibung“, so beschreibt er in fließendem Deutsch die Idee, 15 Freiwillige ohne Regeln oder Geld, ohne Infrastruktur bis hin zur funktionierenden Toilette in der Brandenburger Einöde zu kasernieren. Angesichts all der „Krisen des Kapitalismus“ hatten er und seine Thinktanks in der glitzernden Unternehmenszentrale gerätselt, „was wohl passieren würde, wenn Menschen ganz von vorn anfangen dürften“.

So entstand die Idee zur archaischen Gesellschaft im Miniaturmaßstab, ausgestattet mit etwas Saatgut, Vieh und Werkzeug, besetzt mit dem üblichen Querschnitt des Privatprogramms. In Königs Wusterhausen reicht er vom Obdachlosen bis zum Professor, vom It-Girl bis zur Tierrechtlerin, von der ernüchterten Arbeitssuchenden bis zum geldgeilen Karrieristen. Gecastet unter fast 8000 Bewerbern ist also alles dabei, alles vor allem, was Konfliktstoff birgt. Aber ist es so einfach? Geht es wie so oft bei de Mol, was Maulwurf heißt, nur um Emotionen, seit ihm Anfang der Neunziger im Angesicht eines knutschenden Pärchens die Idee zu „Nur die Liebe zählt“ kam und „Traumhochzeit“ mit Schwester Linda am Mikro kurz darauf den Grundstein der gemeinsamen Karriere legte?

Nicht nur, betont der Vater eines Sohnes, der sich ebenfalls längst im Showgeschäft rumtreibt. Es gehe auch um Erfolge im Miteinander, womöglich gar den Aufbau demokratischer Strukturen, wo Regellosigkeit sonst ja oft bloß die Ellenbogen schärft. Um einen „feel-good-Faktor“, wie der „feel-bad-Faktor“ des gehobenen Feuilletons meint: Dass 15 Menschen in der unwirtlichen Umgebung eines kargen Bauernhofs wirklich ein nachhaltiges Auskommen gelingt, eine Art Zukunft. Gut, dass Sat1 zunächst mal ein Quotenerfolg gelingt, wäre natürlich auch nicht schlecht. In Holland war das erste Jahr so erfolgreich, dass die Gruppe darüber hinaus beisammen bleibt. Unbefristet.

Ob er das auch für die deutsche Fassung erwartet? „Schwer zu sagen“, sagt John de Mol und lacht. Schließlich folge Fernsehen keinen Gesetzen, ja nicht mal berechenbaren Regeln. „Manchmal regiert das Interessante, manchmal das Frustrierende, manchmal das Verschiedene oder das Gleiche.“ Fernsehen sei halt keine Wissenschaft, sondern das demokratischste Medium überhaupt“. Und da drüben, er zeigt in seinem ausladenden Büro voller Familienfotos an der Wand auf die Fernbedienung vorm Fernseher, „da liegt der Wahlzettel“. Wer das schlechtere Programm habe, werde abgewählt.

Nun sind schlecht und gut beim Fernsehen à la Endemol, nun ja, eher unscharfe Kategorien. Schließlich kommt das Formt keinesfalls dank Harmonie, Mitgefühl und funktionierender Stromversorung auf die Titelseite der Bild, sondern allenfalls mit Eifersucht, Hunger und viel nackter Haut. Sat1 stellt schon mal fröhlich die Frage, ob das Ganze vielleicht doch im Chaos ende. Dem Erfolg dürfte das kaum abträglich sein. Und die ersten Einblicke in eine Woche mit gutem Quotenstart und solidem Anschlusszuspruch deuten darauf hin, dass durchaus auf Krawall gecastet wurde – so wie die Tattoos blitzen, die Prolls prollen und die Charaktere clashen. Die übliche Big-Brother-Kanonade dürfte also weiterhin dafür sorgen, dass John de Mol seine Sucht befriedigen darf. Nach Kameras, so weit das Auge reicht.


Ralf Husmann: Männerhasser & Stromberg

Wer scheiße aussieht, wird lustig

Es ist ein echtes Fernsehwunder: Was immer der Stromberg-Autor Ralf Husmann dreht – es gelingt. Wenn der Tatortreiniger-Autor Arne Feldhusen dann auch noch hinter der Kamera steht, sind Geniestreiche unvermeidlich. Wie die Hochstaplerkomödie Vorsicht vor Leuten (25. Februar, 20.15 Uhr, ARD). Ein Gespräch mit dem 50-Jährigen Dortmunder über erbärmliche Männer, die Heiterkeit des Ernstes und warum er dennoch keinen Film über Pegida drehen möchte.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Husmann, Lars von Trier wurde angesichts der Erbärmlichkeit seiner weiblichen Hauptrollen gefragt, warum er Frauen so hasse. Die Frage an Sie lautet eher: warum hassen Sie eigentlich Männer?

Ralf Husmann: (lacht) Tue ich das?

In Vorsicht vor Leuten sind die Darsteller fast so erbärmlich wie Bernd Stromberg.

Das ist aber kein Hass, sondern die Realität. Weil sie so einfach funktionieren ist es nun mal leicht, sich über Männer lustig zu machen. Das komplizierte Wesen der Frauen macht es dagegen ungleich diffiziler, Knackpunkte zu entdecken, über die man herziehen könnte. Hinzu kommt in diesem Fall, dass mir im Gegensatz zu berühmten Hochstaplern von Jürgen Harksen bis Bernie Madoff keine Hochstaplerin bekannt war. Kleiner Mann will mit allen Mitteln nach oben lässt sich mit Männern aber auch deshalb lustiger erzählen, weil sie die Gesellschaft seltsamerweise noch immer dominieren. Das sorgt für die nötige Fallhöhe guter Komödien.

Aber zeigen Alphafrauen wie Angela Merkel nicht, dass die weibliche Fallhöhe wächst?

Schon, aber selbst bei solch einer politischen Spitzenposition taugt der polternde Schröder mit ständiger Faust auf dem Tisch besser zur Überhöhung als die technokratische Merkel. Man kann Männer einfach viel schöner lächerlich machen, wie ich finde.

Sie projizieren da aber keinen Selbsthass auf Ihre Geschlechtsgenossen?

Hass wäre ein bisschen viel. Eher Mitgefühl. Lustig an unserem Verhalten ist ja, dass es oft so altertümlich ist. Etwa trotz aller Gleichberechtigung seiner Frau was bieten zu wollen. Darüber kann man sich leichter lustig machen als über den weiblichen Aufstieg als Akt nachholender Emanzipation. Selbsthass trifft es da also nicht; dafür begleite ich meine Figuren auch mit zu viel Sympathie.

Vielleicht Selbstreflexion?

Schon eher. Die hat auch mit Statusdenken und Ansprüchen an die Männlichkeit zu tun – da spreche ich auch aus eigener Erfahrung.

Haben die Schönlebens und Brahmkamps auch Seiten von Ihnen selbst?

Natürlich. Ich gehe bei jeder Figur zunächst mal von mir aus und bin da zum Beispiel auf die Eigenschaft gestoßen, unbequeme Fragen lieber erst mal beiseite zu schieben als anzupacken. Der Beamte Lorenz tut das mit holprigen Gedichten, die von der Realität ablenken, der Hochstapler Schönleben in Form kleiner Lügen, die immer größer werden.

Der abgehobene Betrüger und sein braver Bürokrat sind ja quasi die zwei Archetypen vieler unserer aktuellen Krisen. Ist das eine weltpolitisch bewusste Figurenauswahl?

Schon, ich versuche die Verhältnisse durchaus abzubilden. Und da fasziniert mich besonders die Tatsache, dass immer alle auf die Hoeneße da oben schimpfen und selbst bei jeder Gelegenheit im kleineren Maßstab betrügen. Tierschutz fordern, aber Billigfleisch kaufen, 25 Prozent Rendite wollen, aber ignorieren, dass die woanders fehlen – diese Doppelmoral ist klassenübergreifend humortauglich.

Will ein Film wie Vorsicht vor Leuten daraus nur ein paar Pointen schöpfen oder wirklich das Denken bewegen?

Letzteres eher so als Mitnahmeeffekt, denn Antworten kann ich keine liefern, nur Fragen aufwerfen. Etwa, wie die Zuschauer selbst wohl reagieren, wenn sich mit wasserdichtem Betrug plötzlich viel verdienen lässt.

Und wirken solche Fragen in heiteren Filmen nachhaltiger als in ernsten?

Im Idealfall hat eine Komödie auch ernste Untertöne und umgekehrt jedes Drama auch heitere Momente. Nur so beugt man Melodramatik und Klamauk vor, was einzeln wenig bewirkt in den Köpfen. Mir persönlich geht das humorfreie Sozialdrama ebenso gegen den Strich wie intellektuelles Kabarett, weil beides nur ohnehin Überzeugte erreicht. Eine leichte Gesellschaftskomödie kann mehr erreichen als jeder Holzhammer.

Können Sie denn überhaupt wirklich ernste Filme machen?

Keine Ahnung, das bleischwere Stück hab ich bislang nicht versucht. Schon weil ich die angesprochenen zwei Seiten einer Medaille so schätze. Dass die für nachhaltiges Entertainment nötig sind, wusste ja schon Shakespeare. Selbst bei Stromberg wurden Leute entlassen und Menschen beerdigt. Und Christian Ulmen als Dr. Psycho war ja lange vor den Schmunzelkrimis der ARD vergleichsweise harte Koste mit leichten Mitteln und Schauspielern von Roeland Wiesnekker bis Anneke-Kim Sarau, die alle tief im Krimifach stecken. Mein Drehbuch für den Dresdner Tatort funktioniert da ganz ähnlich.

Mit zwei Kommissarinnen, wie man hört.

Das ist nicht so ulkig wie die Münsteraner, aber auch nicht so ernst wie mancher andere.

Gibt es Filmstoffe, die sich aus Ihrer Sicht überhaupt nicht für Humor eignen?

Nein. Humor sollte ja nicht eingesetzt werden, wenn alle ernsten Mittel ausgereizt sind, sondern grundsätzlich geeignet, Rückschläge im Leben zu verdauen. Humor ist nicht die Kirsche auf der Sahne, sondern die Sahne selbst. In den USA hat man das schon lange begriffen. Gerade die harten Seiten des Lebens sind humortauglich.

Worüber können Sie gar nicht lachen?

Ich kann theoretisch über alles lachen. Wenn der Humor weg ist, wird es fundamentalistisch, also schwierig. Deshalb kann ich auch Phänomenen wie Pegida heitere Aspekte abgewinnen. Was die da auf ihre Plakate schreiben, kann man irre lustig finden, ohne den Ernst zu verlieren.

Haben Sie mit ihrem Lieblingsregisseur Arne Feldhusen da schon eine passende Komödie im Köcher?

Nein, aber nur, weil ich nicht gern tagesaktuell arbeite. Ein solcher Film braucht locker zwei Jahre, bis er fertig ist. Und bis dahin hat sich das mit Pegida vermutlich schon wieder erledigt. Wollte ich tagesaktuell arbeiten, wäre ich Kabarettist.

Waren Sie denn in der Schule der klassenübliche Clown?

Schon. Weil meine Mutter früh gestorben war, musste ich im Haushalt helfen. Die mangelnde Zeit für Party oder andere Hobbys hab ich dadurch zu kompensieren versucht, den Clown zu geben. Mit einigem Erfolg. Wenn man kein Sport-Ass ist, eher scheiße aussieht und keinen Erfolg bei Mädchen hat, hat man keine Wahl und wird halt lustig. Da blieb mir wenig übrig. Meine Humorbegabtheit hatte also andere als genetische Gründe. Weil meine Mutter früh gestorben war, musste ich auch früh im Haushalt helfen. Für eine Mofa, Party, Hobbys blieb mir da wenig Zeit. Das habe ich frühzeitig dadurch zu kompensieren versucht, den Clown zu geben. Mit einigem Erfolg.

Wann hat das Ganze Struktur bekommen?

Mir war schon mit acht klar, was mit Schreiben machen zu wollen. Das fiel mir wieder ein, als Johannes Mario Simmel gestorben ist, von dem ich damals alles Mögliche gelesen habe, um rauszufinden, wie man erfolgreich schreibt. Ich wollte wie er Journalist werden. Und wie es der Zufall wollte, war mein erster Job eine lustig Kolumne für ein Szenemagazin, so mit 17 Jahren. Später, als ich bei Stern TV war, gab es immer ein großes Hauen und Stechen um die sachlichen Themen, während es für die lustigen Beiträge nur einen Anwärter gab: mich. Da war mir klar: in dieser Nische fehlt die Konkurrenz, da muss ich nicht so viel kämpfen.

Sie gehen lieber den sicheren Weg?

Ja. So bin ich. Vielleicht hat das was mit meiner Herkunft zu tun, dass ich mich lieber in ein Feld begebe, wo die Chancen gut stehen, als mich in der Garage einzuschließen, um jahrelang irgendwas in der Hoffnung auszutüfteln, irgendwann nimmt das schon irgendwer. Mein Vater war Hilfsarbeiter in einer Schnapsbrennerei, meine Mutter Hausfrau. Daher hab ich die Mentalität, nur Dinge zu tun, die auf sicher was einbringen. Vati wollte, dass ich Beamter werde, das prägt. Ich bin ein Sicherheitsmensch. Und lustige Sachen verkaufen sich leichter.

Sind Sicherheitsmenschen humorbegabter?

Vielleicht. Weil sie sich selbst zurücknehmen. Deshalb halte ich das Ruhrgebiet auch für eine Region mit gutem Humor. Die Leute da sind bescheidener, ehrlicher, echter. Wir leben nicht mehr alle unter Tage, aber die Ebene der Menschen ist erstmal eine sehr schlichte, geradlinige. Das macht lustig.

Was ist lustiger – nach oben buckeln oder nach unten treten?

Lustiger für wen? Für den der tritt und buckelt oder den der getreten oder bebuckelt wird?

Schöne Wortschöpfung.

Finde ich auch, schreib ich mir gleich mal auf. Zurück zur Gegenfrage: Oder für den, der sich das Spektakel im Fernsehen anguckt? In dem Fall wird beides hauptsächlich durchs Scheitern lustig.

Scheitern als Chance.

Scheitern als Spaß. Aber ich finde es spannender, kleine Leute als Superhelden scheitern zu lassen, weil das näher an mir dran ist. So wird aus purer Schadenfreude auch Anteilnahme. Erst bei der Suche nach dem Lustigen im Erbärmlichen habe ich entdeckt, wie nah beides aneinander liegt. Der Graben darf nur nicht zu groß werden.


Jubelperser & Provinzbeamte

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

16. – 22. Februar

Mona Lisa, das muss hier kurz anerkannt werden, war mal ein seriöses Magazin aus der lässig feministischen Ecke. Und jetzt? Liefert es belanglosen Jubelperserjournalismus, der zuletzt etwa dem umstrittenen Fernsehmacher Oliver Berben allen Ernstes nicht eine kritische Frage stellte. Das ist auch deshalb von Belang, weil sich die ZDF-Sendung für Frauen mit ein paar mehr Interessen als Bauch, Beine, Po und Promis der ersten Geschlechtsgenossin in der Chefredaktion des Spiegel nach fast 70 Jahren hätte widmen können. Doch nix da! Es ging wieder um Herzensgeschichten gefallener Fußballer und dufter Schauspieler.

Aber vielleicht war das ja auch eine rein journalistische Entscheidung, da sich Susanne Beyer den Posten der stellvertretenden Chefredakteurin mit gefühlt 183 Männern teilen muss, die nach und nach an die Spitze des Nachrichtenheftes rücken. Nicht dass die da oben noch auf krumme Gedanken etwaiger Führungsaufgaben kommt… Und so war der parallele Wechsel des besten deutschen Feuilletonisten Nils Minkmar vom Main an die Alster am Ende doch die spannendere Meldung. Weil sie von der Relevanz des ehemals linken Spiegel zeugt. Und vom Niedergang der konservativen FAZ.

Den Konservativen Amerikas geht derweil ein Lieblingsfeind verlustig, seit der Late-Night-Talker Jon Steward nach fast 20 Jahren seinen Abschied von The Daily Show verkündete, die zwar strikt humoristisch ist, aber grad fürs junge Publikum die wichtigste Informationsquelle seriöser Nachrichten. Ach, was hätte einer wie Steward hierzulande zu veräppeln gehabt, vorige Woche. Das debile Grinsen von Olaf Scholz vor allen Kameras nach seinem Hamburger Wahlsieg, die noch debilere Nachfrageverweigerung von Günther Jauch im Kuscheldiskurs mit dem russischen Botschafter zum Thema Ukraine-Krieg kurz darauf. Oder dass Hans Meiser, einst durchaus bedeutsamer TV-Moderator, als Animateur aufs Traumschiff MS Deutschland geht und das allen Ernstes damit begründet, vieles sei halt „richtig schlecht“ geworden, was sein Medium derzeit zu bieten habe.

0-FrischwocheDie Frischwoche

23. Februar – 1. März

In dem Punkt müsste man ihm eigentlich recht geben, aber nicht rundum. Die anstehende Woche nämlich zeigt an den Rändern des eigenen Anspruchs, was richtig weh tut und was geradezu heilsame Kräfte hat. Fangen wir mal mit neuen Schmerzquellen (für die alten reicht der Platz nicht): Ab Montag schickt Big Brother John de Mol wieder eine Schar Masochisten unter permanente Kamerabeobachtung. Der holländische Medienmogul beteuert zwar, die 15 Bewohner von Newtopia (Sat1, 19 Uhr) könnten in einer neugebauten Brandenburger Hofruine eine eigene Welt aufbauen. Tatsächlich werden sie aber wohl bloß die üblichen Zutaten des kommerziellen Voyeurismus verkochen. So wie die Beteiligten im Game of Chefs, das dienstags zur besten Sendezeit bei Vox Deutschlands größtes Kochtalent küren soll. Was mit Küche also. Irre Idee. So wie den abgedankten Kuscheltalker #Beckmann tags zuvor im Ersten seinem Lehrberuf als Reporter nachgehen zu lassen, der zum Auftakt Deutsche begleitet, die im Nordirak für und gegen den IS kämpfen, was er mit der gewohnten Gefühligkeit macht, aber keinesfalls schlecht.

Irre? Idee? Apropos! Was man mit kreativem Aberwitz anstellen kann, zeigen am ARD-Mittwoch Ralf Husmann und Arne Feldhusen. Das genialste Paar heiterer Unterhaltung (Stromberg) hetzt in Vorsicht vor Leuten einem notorischen Hochstapler – fabelhaft dargestellt vom Burgschauspieler Michael Maertens – Charly Hübner als läppischen Provinzbeamten an den Hals, was zum denkbar lustigen Bürgerlichkeitscrash gerät. Eine irre Idee hatte auch Helmut Dietls Sohn David, als er Olli Dittrich als spießigen König von Deutschland (Freitag, 20.15 Uhr, Arte) besetzte, der ohne es zu wissen von PR-Agenten zum Testkonsumenten herangezüchtet wird.

Nicht ganz so irre, aber eine blendende Idee ist es, Ulrich Noethen ab Montag (ARD, 20.15 Uhr) in der Romanadaption Neben der Spur sporadisch als Psychiater mit Parkinson Jo Jessen in skurrile Mordfälle zu verwickeln – was erneut zeigt, wie dämlich es vom Zweiten war, seinen genialen Kommissar Süden nach zwei Folgen trotz Grimmepreis abzusetzen. Die Übertragung von dessen Verleihung wird übrigens gern in die Nacht von 3sat verschoben, während die kulturell belanglose, aber „Goldene“ Kamera Samstag mit der ZDF-Primetime des ZDF geadelt wird. Und wenn Arnold Schwarzenegger tatsächlich Zeit hat, kriegt er eine fürs Lebenswerk. Weder irre noch dämlich, sondern einfach wunderbar ist dagegen Sarah Kuttner, die ab Donnerstag auf ZDFneo endlich wieder plus Zwei talken darf, zum Auftakt der zehn Teile mit Antoine Monot Jr. und Bettina Wulf. Blieben noch die Tipps der Woche. In schwarzweiß diesmal Der große Diktator, von und mit Charlie Chaplin in einer Doppelrolle als Tyrann und Widerständler von 1940. Sonntag dagegen in Farbe: Der freie Wille (0.05 Uhr, ARD) mit Jürgen Vogel als haftentlassener Vergewaltiger, der sich und sein Publikum an sämtliche physischen und psychischen Grenzen treibt.


Club-Mausoleum: Trinity (Eimsbüttel)

indexDu nicht, sprach Michael Ammer

Ende der 70er wollte das Trinity im bürgerlichen Stadtteil Eimsbüttel nicht weniger sein als ein zweiter Club 54 aus dem glamourösen New York. Das ging eine Weile lange ganz gut – auch (und gerade) weil der Autor seinerzeit zu junge und uncool war, um an einem berühmten Türsteher vorbei in Hamburgs schillerndste Disco zu kommen…

Von Jan Freitag

Der Schmerz des Opfers, lehrt uns die Küchenpsychologie, vergeht erst dann so richtig, wenn der Täter ein Gesicht hat, einen Namen. Als ich ihn erfuhr, da währte mein Schmerz schon 29 Jahre. Gut, in dieser langen Zeit drückte er mir zwar nicht ständig aufs Gemüt, eigentlich sogar nur dann, wenn ich seine Ursache sah. Das tat ich in letzter Zeit allerdings häufiger, seit mein Büro in Wurfweite des Delphi liegt, das mal Off-Line hieß und davor: Trinity.

DAS TRINITY, um seiner Größe Ausdruck zu verleihen in Großbuchstaben geschrieben, diese Großbuchstabengroßraumdisko also war Mitte der 1980er so was wie meine Nemesis, die noch Mitte der 2010er dringend der Katharsis bedurfte. Ich war damals 16, meine Hose war zeitgenössisch karottenförmig, das Polohemd mit Krokodil, die Föhnwelle wie Beton – oberflächlich schien der Weg frei für ein feuchtfröhliches Wochenende in Hamburgs, ach: der Welt wichtigstem Club. Und das in einer Zeit, als dieses Wort für viele noch mehr mit Fußball als mit Party zu tun hatte.

Doch dann saß da dieser Mann am Eingang, kein Berg von einem, zugegeben. Aber mit derart überschüssiger Arroganz versehen, dass seine Worte klangen wie das Urteil vom Jüngsten Gericht: “Und ab, Bürschlein!” Gesprochen hat sie, Boulevardfans aufgepasst: Michael Ammer. Stadtweit berüchtigter Türsteher einst, bundesweit belächelter Partykönig später, heute weitgehend unbekannt. Aber damals eben der Mann, der nicht mal meinen Ausweis sehen wollte, um zu wissen: Du nicht. Michael Ammer, das ist der Name, mit dem ich heute meinen Schmerz verbinde. Er ließ mich nicht ins Trinity. Und das im Kreis meiner Clique, die einer nach der anderen 20 Mark ins pechschwarze Kabuff reichte und eintreten durfte ins Allerheiligste hanseatischer Tanzkultur jener Tage. Ich aber war: zu jung. Zu klein. Zu uncool. Vor allem für diesen Laden.

Es war ja nicht irgendeiner, sondern der Versuch, den Hamburger Minderwertigkeitskomplex ein bisschen zu lindern. Ende der Siebziger war das. Schlaghosenzeit, Rockerzeit, Oberlippenbärtezeit. Aber eben auch die des funkelnden Dancefloors. Auf dem wurde auch hierzulande gefeiert, allerdings eher in München oder Berlin, wo Freddy und David Nächte zu Tagen machten. Aber Hamburg? War Glamourmangelgebiet.

Bis eine deutsch-amerikanische Investmentgesellschaft die robuste Rock’n’Roll-Stadt gediegen zum Glitzern brachte: mit der Kopie des Partygomorrhas Studio 54, dem großen New Yorker Club. Für drei Millionen Mark motzte sie das alte Eimsbütteler Kino auf, mit der fettesten Lichtanlage weit und breit, 1.000 Lampen stark, mit 300 Metern Neonröhren und einem Sound, der selbst das Original in den Schatten stellen sollte. Nach Weihnachten 1978 öffnete die Disco mit importierten Showtänzern aus Manhattan, der eingeflogenen DJ-Ikone Sharon Lee, viel Prominenz und 1.800 geladenen Gästen das Tor. An der Eimsbütteler Chaussee, wo sich bereits in den zwanziger Jahren eine Flaniermeile befand, mit dem edlen Kursaal im Herzen, der nach einem Intermezzo als Kino 1961 zum Kaisersaal wurde und nun also Trinity hieß.

Trinity wie Dreifaltigkeit.

Die gottlose Achse aus Party, Promis und Drogen. Erstere klappte anfangs blendend, geriet allerdings zusehends in Verruf, da Letzteres so Überhand nahm, dass dem Mittelbau des Dreiecks die Aura zu schmuddelig wurde und der Pöbel unter der VIP-Empore ein wenig profan. Bis dahin aber hagelte es Anekdoten, ausgeweidet in der Klatschpresse: Grace Jones, die nackt auf einem Schimmel einritt. Madonna, deren Schampus-Konsum selbst von benachbarten Bars kaum zu stillen war. Ein Geschäftsführer, der sich nach Bangkok absetzte. Und dann all die Erzählungen von der härtesten Tür überhaupt. Eine Tür, an der auch ich regelmäßig abbog wie ein Bumerang.

Bis zum Frühjahr 1986. Endlich hatte ich meinen Perso, mitsamt rund 30 Mark Eintritt in der Hose also zumindest theoretisch den ersehnten Passierschein. Und wer weiß, vielleicht hatte Michael Ammer einen guten Tag, vielleicht saß eine ungelernte Hilfskraft an seiner Stelle, vielleicht hatte ich auch einfach mal meine Teenie-Akne im Griff. Jedenfalls ging ich wie in Trance durchs geografisch-kantige Portal über den schwarzen Veloursteppich ins Innere und stand am Ort der Sehnsucht.

Noch nie hatte ich so viele schöne Menschen in so gediegenen Outfits gesehen: weiße Pullis, weiße Polos, weiße Hosen – im Widerschein der zuckenden Lasershow hätte man erblinden können. Aber mein Blick galt sowieso dem hufeisenförmigen Rang überm Tresen, wo die Prominenz logierte, angeblich. Ob Billy Idol wieder da war, wie die Morgenpost glaubte? Kim Wilde? Mike Oldfield? Wenigstens örtlicher Jetset der Marke Boris Becker? Doch von alledem: nichts. Nichts zu sehen zumindest. Also klammerte ich mich an mein Bier zum Wochentaschengeldpreis, bewunderte zwei Mädchen, die auf einem Spiegelkubus links des DJs tanzten, und dachte mir selig: Jetzt bist du drin, jetzt bleibst du hier.

Pustekuchen.

Am Morgen verließ ich das Trinity und kehrte nie zurück. Kurz nachdem die Ammers der Discowelt mir wieder ihr tonloses “Und ab” ins Herz gebrannt hatten, machte Hamburgs 54 zu, gescheitert an Besitzerstreit, Razzien, Schlägertrupps und zu vielen Teenies, die locker Platz gefunden hätten auf der Tanzfläche für 1.000 Leute, aber draußen bleiben mussten, weil man sich für was Besseres hielt. Ein paar Mal wurde noch wiedereröffnet, 1992 war endgültig Schluss. Schluss auch mit einem Szeneviertel, das fortan zur Schlafstadt Gutverdienender wurde. Und das Trinity? Heißt Delphi und beherbergt Castingstars oder Betriebsfeiern. Danke, Michael Ammer.

Mehr Bilder, Text und und Kommentare unter http://www.zeit.de/hamburg/kultur/2015-02/club-trinity-hamburg


Moritz Bleibtreu: Anwalt & Gangster

IMG_20141215_163139Eben nicht, Digger!

Moritz Bleibtreu zählt zu den profiliertesten Schauspielern im Land, die auch international längst gut gebucht sind. Obwohl und gerade, weil er dem Fernsehen vor fast 20 Jahren den Rücken gekehrt hat, um nur noch Kino zu machen. Meist mit besten Kritiken, selten mit kommerziellem Erfolg. Auch aus diesem Grund kehrt er nun an den Bildschirm zurück – als Anwalt in der Filmreihe Schuld (ab Freitag, 21.15 Uhr, vorab in der Mediathek), mit das ZDF nach Verbrechen abermals die absurden Justizfälle des literarischen Strafverteidigers Ferdinand von Schirach verfilmt. Ein Gespräch mit dem 43-jährigen Hamburger über den Mörder in uns allen, was ihn an diesem Rollentypus besonders interessiert und warum seine Rückkehr ins Fernsehen eigentlich zu spät ist.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Moritz Bleibtreu, die Serie Schuld handelt unter anderem davon, dass wir alle zum Bösen fähig sind. Steckt wirklich in jedem von uns ein Mörder?

Moritz Bleibtreu: Klar, jeder Mensch handelt hier und da aus niederen Beweggründen. Wer Hunger hat, wird schnell sauer, wer sich betrogen fühlt, noch schneller, und wenn man dazu eine halbe Flasche Whisky getrunken hat, wächst die Wahrscheinlichkeit zu Taten, zu denen man sich eigentlich nicht in der Lage glaubt. Und nicht zuletzt wegen ihrer Skrupellosigkeit haben die Bösen weit größere Kraft, sich durchzusetzen. Deshalb ist negative Energie erstmal stärker als positive.

Sieht ihr das Krimipublikum deshalb so gerne zu?

Vermutlich. Weil normale Bürger am meisten fasziniert, was sie sich selbst nicht trauen, beobachten sie gern Menschen, die sich ihre eigenen Normen, Werte, Regeln basteln und durchsetzen. Deshalb ist es ja so toll, dass mein Beruf mir die Möglichkeit gibt, all dies ohne Reue zu tun. Als Schauspieler kannst du in andere Personen schlüpfen und auf Leute schießen, Frauen verführen, Dinge zerstören, ohne dafür Verantwortung übernehmen zu müssen. Wir können die Illusion erzeugen, Vorschriften jeder Art zu missachten. Das ist fürs Publikum verlockend.

Wenn man sich Filme von Knockin‘ on Heaven’s Door über Chico bis Soul Kitchen ansieht, scheint es für Sie mindestens genauso verlockend zu sein.

In der Tat. Trotzdem vergleiche ich meinen Job da mit dem des Musikers. Wenn der zum Beispiel Rock oder Pop macht, gelangt er darin nie zu wahrer Größe, wenn er sich nicht auch mit Klassik und Soul beschäftigt und umgekehrt. Deshalb sind Gangster nur eine Facette meiner Arbeit, wenngleich eine interessante.

Aber ist es nicht interessanter, Extreme aus einer gewöhnlichen Figur zu ziehen?

Deshalb finde ich den Anwalt in „Schuld“ ja so interessant. Er hat keinen Hintergrund, kaum Privatleben und noch nicht mal eine echte Entwicklung durch. Auch in der Serie haben andere Figuren mehr von dem, was wir Schmalz oder Futter nennen: emotionale Abgründe, biografische Brüche. Ihnen dient Friedrich Kronberg als eine Art Conferencier und macht sie durch seine Augen sichtbar. Manche Kollegen würden das vielleicht langweilig nennen; ich finde gerade diese Zurückhaltung so cool. Einerseits, weil ich sonst eher laute Typen spiele. Andererseits weil es äußerst reizvoll ist, einer Figur Substanz zu verleihen, die dafür so wenig dramaturgische Anhaltspunkte liefert. Dass sie mit all dem Wahnsinn und Leid konfrontiert wird, bringe ich durch große Distanz und Selbstkontrolle zum Ausdruck.

Sein permanentes Rauchen dagegen lässt auf weniger Selbstkontrolle schließen…

Oberflächlich schon. Tiefer betrachtet ist diese dauernde Rauchwolke um ihn herum eine Art Schutzschild, durch das man zu ihm vordringen muss. Und wenn die Zuschauer das in sechs Folgen ein wenig schaffen, wenn ich also klassische Musik spiele und unterschwellig ein bisschen Rock’n‘Roll einfließen lasse, hab ich meine Sache gut gemacht. Ich vergleiche das mal mit Gilbert Grape

Dieses Drama mit Johnny Depp als Bruder des behinderten Leonardo di Caprio.

Genau. Alle haben sich zu Recht gefragt, warum di Caprio dafür keinen Oscar gekriegt hat. Aber wie Johnny Depp agiert und ganz unauffällige Dinge sagt wie „Der Himmel ist groß“ – das war zwar reine Unterstützungsarbeit, aber genauso grandios. Deshalb kann ich mich für minutiöse Performances ohne viel Aufwand so begeistern. Bei der ging es auch in „Schuld“, das erinnert an die großen Franzosen des Film Noir – Jean Gabin, Lino Ventura.

Was unterscheidet diesen inhaltlich von herkömmlichen Krimis?

True life will always beat fiction. Auch wenn die konkreten Fälle nur aus anderen zusammengesetzt sind, spürst du sofort den wahrhaftigen Kern. Es gibt halt Geschichten, die kannst du dir nicht ausdenken – egal, was für ein famoser Autor du bist.

Ist die Reihe demnach ein Indiz, dass das viel gescholtene deutsche Serienfernsehen ein wenig gegenüber dem angloamerikanischen und skandinavischen aufholt?

Könnte schon sein, aber der Zug ist schon lange abgefahren. „Die Sopranos“, mit denen das lineare Erzählen seinen Anfang nahm, sind schließlich 15 Jahre her. Dass wir da jetzt noch Anschluss halten wollen, grenzt eher an Torschlusspanik als Veränderungswillen. Der Fortschritt ist schließlich mit dem Schachbrett zu vergleichen, auf das man erst zwei Reiskörner legt, dann vier, dann acht und immer so weiter. International bewegen sich Unterhaltungsmedien da auf die letzten Felder zu, während  Deutschland ganz am Anfang steht. Aber selbst, wenn wir aufholen, wird das alte System mit Sender, Verleihern, Studios bald nicht mehr bestehen. House of Cards etwa ist schon gar keine TV-Serie mehr, weil die Mechanismen des Streamings völlig andere sind.

Wobei die Serie in Deutschland ja noch bei Sky gezeigt wurde…

Und hinterher sogar noch bei Sat1. Aber kennen Sie die Quote? Desaster! Breaking Bad ist eine der besten Serien aller Zeiten, war aber auf dem eigenen Sender ein Flop und hat es dank des Netzes dennoch zum Welterfolg gebracht. Hierzulande haben wir das Beispiel Christian Ulmen: Mein neuer Freund oder Dr. Psycho wären ewig fortgesetzt und gefeiert worden, wenn Youtube damals schon so groß gewesen wäre wie jetzt. Weil gutes Fernsehen da, wofür es produziert wurde, keine Zuschauer mehr hat, und da, wo es akzeptiert wird, kaum Umsätze erzielt, ist weniger denn je absehbar, wohin die Reise in Zukunft geht.

Aber die Menschen wollen sich doch weiter Geschichten erzählen lassen!

Auf jeden Fall. Nur anders. Und vor allem anderswo.

Was bedeutet das für die Schauspieler?

Nicht unbedingt nur Schlechtes. Das Kino zum Beispiel, so sehr ich es nach wie vor liebe, hat viel seiner sozialen Relevanz eingebüßt. Und damit meine ich gar nicht die politische Bedeutung aufklärender Filme, sondern dass sich Teenager darin nicht mehr zum Knutschen treffen oder Familien rings um den Hauptfilm den Nachmittag in der Stadt verbringen. Das soll jetzt nicht nostalgisch klingen; früher war definitiv wenig besser, besonders vor 60 Jahren und mehr, aber ich sehe das schon mit Wehmut. Auch wenn das Kino als Raum fürs Erzählen erhalten bleibt.

Sind Sie deshalb nach fast zwanzigjähriger Abstinenz zum Fernsehen zurückgekehrt?

Das hat jedenfalls eher mit dem Kino als dem Fernsehen zu tun. Vor allem aber mit unserer Selbstwahrnehmung in jener Zeit, als es dank hervorragender Filme wie Sonnenallee, Untergang oder Das Leben der anderen plötzlich auch international wieder wahrgenommen wurde. Der Baader-Meinhof-Komplex etwa war für den Oscar nominiert, Emmy und BAFTA, aber weißt du, wie viele Nominierungen es für den deutschen Filmpreis gab?

Keinen, nehme ich an.

Exakt. Zero! Wir haben es versäumt, stolz auf unsere Filme zu sein, als es welche gab, jetzt gibt es abgesehen von Fatih Akin fast nichts mehr, auf dass es sich stolz zu sein lohnt. Vom Fernsehen mal ganz zu schweigen.

Als Sie 1998 eine Art Abschied vom Fernsehen gefeiert haben, meinten Sie, es sei verglichen mit dem Kino zu passiv. Aktiviert ein Format wie Schuld sein Publikum in einer Art, dass Sie wieder öfter zurückkehren?

Immerhin gucken einige meiner Kumpels jetzt mal einen Film von mir, weil er übers Fernsehen leicht zugänglich ist (lacht). Ernsthaft: Im Grunde aktiviert auch Kino kaum noch, denn vor zehn Jahren hatte selbst ein kantiger Film mit etwas Werbung stabile 200.000 Zuschauer. Davon schafft er heute mangels PR und Spektakel nur einen Bruchteil. Vom Fernseher wird man zwar immer noch leichter abgelenkt, aber es sehen wenigstens welche zu. Die Masse war nie mein Antrieb, aber ich möchte mit meiner Arbeit anders als in den letzten fünf Jahren auch mal wieder Menschen erreichen.

Ist das ein Bekenntnis zu massentauglichen Filmen?

Ich habe nichts gegen Filme für viele, nur dagegen, dass dafür vieles, was nur wenige interessiert, gar nicht erst gemacht oder nahezu ignoriert wird. Als ich mit Jürgen Vogel den Thriller Stereo gemacht habe, waren 60.000 Leute im Kino. Und das, obwohl wir den kaum besser hätten machen können.

Und das liegt nur an veränderten Konsumgewohnheiten?

Auch am Geld. Kino ist das einzige Produkt, dessen Herstellungskosten den Preis am Point of Sale nicht beeinflussen. Ein Hochschulfilm für 20.000 Euro kostet da dieselben 7,50 wie ein Blockbuster für 275 Millionen. Wenn du in die Kneipe gehst und der Wirt bietet dir fürs gleiche Geld ein Schnapsglas voll Bier oder das ganze Fass an, was kaufst du? Das große Ding! Mit 3D und Superstars und krassen Effekten. Deshalb freue ich mich schon jetzt darauf, dass jede einzelne Folge von Schuld wahrscheinlich mehr Zuschauer hat als meine acht letzten Kinofilme zusammen.

Liegt das auch an der Machart oder nur am Medium?

An beidem. So viel Widersprüchlichkeit und Gewalt schreckt zu dieser Sendezeit auf diesem Sendeplatz ja angeblich Zuschauer ab. Darum freue ich mich wirklich, dass so etwas möglich ist, bleibe aber dabei: Der Zug ist abgefahren. Und alle, die dafür in den zuständigen Gremien Verantwortung tragen, sind in 15 Jahren arbeitslos und vielleicht ist das auch gut so. Es geht nicht mehr ums Renovieren, sondern Revolutionieren, das haben die bis jetzt nicht begriffen.

Trotzdem werden doch wohl weiter Filme gemacht?

Klar – High Concept und Low Budget, aber nicht mehr in der Zahl, weil die Mitte zwischen ein paar Hunderttausend und irren Millionensummen wegfallen. Sich mit der Aussicht auf ein messbares Publikum mal richtig auszuprobieren fällt da völlig flach und du hast nur noch eine Handvoll lukrativer Schauspieler mit Zugkraft.

Wie Moritz Bleibtreu…

Eben nicht, Digger! Für die Masse taugen allenfalls die paar Schweigers, Bareks, Schweighöfers. Für mich interessiert sich doch keine Sau.


Dokudrama: Meine Tochter Anne Frank

Annas Lachen

Nicht nur dank der jungen Mala Emde ist Raymund Leys Meisterwerk Meine Tochter Anne Frank (18. Februar, 20.15 Uhr, ARD) mehr also bloß ein Dokudrama. Es ist der experimentelle Beweis, wie kraftvoll die Hoffnung selbst im Untergang dargestellt werden kann, ohne dabei auf Geigenteppiche und Tränendrüsen zu drücken.

Von Jan Freitag

Der Ernst des Lebens, so denken nicht nur Miesepeter und kleine Geister, verträgt kein Lachen. Lachen nehme ihm Würde, Tiefgang, die Feierlichkeit. Schon gar nicht zieme es den großen Menschheitsdramen, von Tod und Trauer bis Katastrophen, Völkermord, solchen Kalibern. Von wegen! Erst wo der Spaß aufhört, rotzte der Kabarettist Werner Finck der Gestapo entgegen, „beginnt der Humor“. Denn so schlimm es auch sein mag, in einem Land zu leben, wo es keinen gibt, ergänzte seinerzeit Berthold Brecht: Noch schlimmer sei es doch dort, wo „man Humor braucht“. Zum Beispiel in der Prinsengracht 263.

Hinter einem Aktenregal inmitten der Amsterdamer Innenstadt versteckte sich vor gut 70 Jahren: Anne Frank. Sie tat es mit sieben Leidensgenossen, auf engstem Raum, notdürftig versorgt von einer Handvoll Aufrechter, mehr als zwei Jahre lang. Vor allem aber tat sie es nicht dauernd missgelaunt und wütend, sondern mal trübsinnig, mal froh, oft sprunghaft, herrlich unbefangen, wie Teenager eben so sind. Um das zu begreifen, ist es ein Segen für Spätgeborene, dass sie nun von einer nahezu Gleichaltrigen gespielt wird, die sich nicht nur in das Leben ihres Charakters versetzt, sondern förmlich hineinkriecht. Mit allem, was dazu gehört.

Sie heißt Mala Emde und ist ein echter Glücksfall fürs deutsche Dokudrama, das bei der Zeichnung zeitgeschichtlich verbriefter Figuren aus schwieriger Zeit gern in saftigem Pathos verseift. Mala Emde verseift nicht, sie versenkt auch niemanden, schon gar nicht die erste echte überlebensgroße Hauptfigur nach allerlei Nebenrollen der Achtzehnjährigen aus Anne Franks Geburtsstadt Frankfurt am Main. Das liegt an der Nachwuchsschauspielerin selbst, die der berühmten Tagebuchschreiberin eine Empathie verleiht, die bisweilen leicht über den Punkt erscheint, aber grad darin all die Hoffnung und deren Fehlen jener furchtbaren Epoche verdeutlicht. Mehr aber noch liegt es an Raymund Ley.

Nach wohltuend dezenten Realitätsinszenierungen von der Hamburger Sturmflut vor elf Jahren bis hin zum Kunduz-Drama Eine mörderische Entscheidung (2013) hat sich der renommierte Dokumentarfilmer dem Hinterhausexil des berühmten NS-Opfers gewidmet und siehe da: es ist ein großer Film geworden, Tendenz Meisterwerk, frei von Geigenflor und dramaturgischem Doppelfettstufenquark vergleichbarer Filme übers Allzeitthema des Historienevents.

Dank der lebenslustigen Mala als Anne. Fast mehr aber noch dank ihres Vaters Otto, der die Erinnerungen nach seiner Rückkehr aus Auschwitz frei von kommerziellem Denken lebendig hält, gespielt von einem anmutig verkarstenden Götz Schubert, der diese Figur mit einer Hingabe spielt, die selbst am Flachbildschirm körperlich spürbar wird. Und dann wären da noch die sechs anderen Mitbewohnern des Hinterhauses, verkörpert von ungeheuer anteilnehmenden Mimen. Mit all ihrer Hilfe gelingt Ley ein experimentelles Biopic, dass nie der Verlockung verfällt, auf Mitleid zu bauen. Im Gegenteil – wenn um Annas Schreibtisch herum surreale Bilder jener Gedanken sichtbar werden, die sie gerade ihrem Tagebuch anvertraut, wenn die Gefühlsflut der Pubertät den Damm der Kerkermauern hormonsatt durchbricht, wenn ihre Lebenslust bei der Tristesse ringsum trotzt wie ein Krokus dem österlichen Wintereinbruch, dann werden nicht die üblichen Salbungen am verschütteten Tätergewissens vollführt. Dann wird die Untat doppelt verwerflich.

Leys kammerspielartige, zeitzeugenflankierte, fabelhaft fotografierte Daueremotionalisierung des Themas ist schließlich kein billiger Kleister, der unsere Geschichtsvergessenheit eskapistisch übertapeziert.  Sie dient der nachhaltigen Demaskierung eines Zivilisationsbruches, der – sorry, liebe 58 Prozent Schlussstrichfans – noch ewig thematisiert wird. Werden muss. Gern mit einem Lachen.