Anna Calvi, Ohmme, Justice, 1000 Gram

Anna Calvi

Ob Anna Calvi nun lesbisch oder sonstwie homoerotisch ist, wird nach den ersten zwei Platten der britischen Songwriterin zwar hitzig diskutiert. Davon abgesehen, dass Anna Calvis Liebesleben zunächst mal nur Anna Calvi etwas angeht, gibt ihre Musik aber auch auf der dritten Platte reichlich Auskunft darüber, woran sie emotional interessiert ist: An den Gefühlen von Menschen füreinander, besonders die ganz großen, alles umfassenden, herzzerreißenden, tief bewegenden, gern verschwitzten, Hauptsache gegenseitigen. Musikalisch ist Hunter daher der gewohnt elegante Rodeo-Ritt zwischen sehr großer Oper und sehr kleinem Kammerspiel, mit dem sie vor fünf Jahren auch schon auf One Breath brilliert hat.

Und inhaltlich packt sie all die gewaltigen Streicher-Arrangements, Metal-Sägen, Filmscore-Choräle und Orchester-Pauken in ein wallendes Gewand von so aufwühlender Emotionalität, dass man sich bei jedem der zehn im wahrsten Sinne des Wortes grandiosen Tracks zwischen Mailänder Scala, Hauptbühne Wacken und frühem Jamens Bond wähnt. Von dieser Spannkraft zeugt allein das Video zum Titelsong, dessen explizite Darstellung autoerotischer Zärtlichkeit schon wegen der expliziten Bilder kaum auf Facebook verlinkt werden dürfte. Pop klang selten so pathetisch, ohne peinlich zu sein. Großes Melodrama!

Anna Calvi – Hunter (Domino)

Justice

Big Beat, das war doch diese weltumspannende, hochenergetische Elektronikzentrifuge, in der von Techno über Funk, Rap, Klassik hin zu Punkrock alle Sounds so lang durcheinandergewirbelt wurden, bis daraus die denkbar wildeste Tanzmusik entstand. Abgesehen vom unsäglichen Eurodance galt Big Beat demnach als ein Inbegriff der eklektischen 90er, die der Disco kaum Neues geschenkt haben, das aber mit Nachdruck. 20 Jahre, 200 Krisen und ähnlich viele Stilwechsel von Daft Punk später scheint das Zeitalter der boxenturmstürzenden Mashup-Würfe also vorbei.

Doch dann erklingen die ersten Stücke der neuen Platte von Justice und jenseits aller Nostalgie wird spürbar: Das Prinzip alles auf einmal mit viel Bass und Trash funktioniert noch immer. Wenn Xavier de Rosnay und Gaspard Augé etwa ein Spinett unters industrielle Raunen von Heavy Metal montieren, wirkt es wie Slayer auf Jean Michel Jarre, in einem Wort: famos. Vom geschmeidigen, leicht süffigen French House der beiden Freunde sind auf den Neuinterpretationen von Woman Worldwide also nur die inhaltlich gewohnt sinnlosen House-Vocals geblieben. Der Rest ist ein Brett, das den Mainstream des Pop zünftig mit seinen eigenen Waffen vermöbelt.

Justice – Woman Wordlwide (Ed Banger)

Ohmme

Die konsumgeile Spaßgesellschaft ist vielleicht der traurigste Ort unseres lustig verlotterten Planeten. Im Bällebad des Überflusses glotzen adulte Kinder so debil aus der Wäsche, dass Erwachsenen bei Verstand das Lachen vergeht. Sima Cunningham und Macie Stewart zählen definitiv zu letzteren. Unterm Bandnamen Ohmme lassen sie sich jedoch glücklicherweise auf erstere ein und machen daraus Independent von derart sarkastischer Lässigkeit, dass die Ignoranz der konsumgeilen Spaßgesellschaft für neun Tracks ihres Plattendebüts ein wenig erträglicher wird.

Der heilsame Stoff zur Magenentsäuerung heißt Parts und hat das heimische Chicago live verabreicht bereits wie eine gut verträgliche Designerdroge erobert. Sie besteht aus einer Vielzahl von Samples, Instrumenten, Fieldrecordings, die oft hinten und vorne nicht zum dadaistischen Doppelgesang der beiden Endzwanzigerinnen passen, aber klingen wie die Andrew Sisters im heillosen Durcheinander von Weens Garage. Und die Percussions vom vogelwilden Drummer Matt Carroll sorgen auch nicht für Ordnung. Eingängig ist daran wenig, aber vieles auf spöttische Art ergreifend. Der perfekte Soundtrack zum anstehenden Weihnachtseinkauf.

Ohmme – Parts (Joyful Noise)

1000 Gram

Dringlichkeit das vielleicht wichtigste Wort einer Branche, die seit jeher mit undringlichem Überfluss zu tun hat. Meist wird das, was man im weitesten inne Popmusik nennt, mit so viel redundanter Lieblosigkeit überspült, dass die Momente echter Energie gelegentlich untergehen. Wer allerdings wirklich etwas zu sagen, zu spielen, vorzutragen hat und wem all dies ersichtlich eine Herzensangelegenheit ist, wird noch immer gehört, keine Sorge. Bands wie die hinreißenden Modest Mouse etwa oder auch: 1000 Gram. Das skandinavisch-österreichisch-deutsche Kollektiv mit Standort Berlin schafft es seit Jahren Indierock zu machen, der gleichsam in Kopf und Gemüt geht.

Und genau das gelingt Moritz Lieberkühns Gesang auch auf der dritten Platte mit dem wunderbar wortverspielten Titel By all dreams nessecary. Die zehn Stücke darauf sind abermals von so dringlicher Mitteilungsbedürftigkeit, dass es an die Emo-Heroen Buffalo Tom erinnert. Doch so ergreifend Lieberkühns Gesang ist, so virtuos untermalen ihn Arne Braun, Paul Santner, Alexander Simm und Lukas Akintaya mit eleganten Alternative-Kaskaden, von denen die Video-Auskopplung Daydream zeigt, dass 1000 Gram auch ganz schön schrammeln können. Wenngleich sich die Alben gleichen – das amerikanophile Quintett darf gern noch ein paar Jahrtausende genauso weitermachen.

1000 Gram – By all dreams nessecary (staatsakt)

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Dunja Hayali: Politik, Talk & Sportstudio

Schweigen liegt mir einfach nicht

Seit Samstag moderiert Dunja Hayali (Foto: Jana Kay/ZDF) Das Aktuelle Sportstudio, nachdem ihr selbstbetiteltes Talkmagazin zuvor bereits einen festen Sendeplatz gekriegt hat. Und zwischendurch macht sie auch noch das MorgenMagazin und politische Reportagen – die Journalistin ist zusehends unersetzlich im ZDF. Und steht dafür konstant im Shitstorm des Internets. Ein Gespräch in ihrem Kreuzberger Heimatkiez über leichte Fernsehkost, ihre Rauflust, Andersartigkeit am Bildschirm und warum sie im Stadion 90 Minuten lang alle Krisen vergisst.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Hayali, wenn eine Fußballweltmeisterschaft wie in Russland läuft – was bewegt Sie währenddessen mehr: Sport oder Politik?

Dunja Hayali: Also mit Anpfiff jedes Spiels, das ich mir ansehe, bewegt mich für 90 Minuten ausschließlich die Fußball-WM. Dazwischen ist es dann auch wieder der ganze Rest. Ich habe zwar mit der Vergabe nach Russland als Fan, Journalistin und erst recht als Sportreporterin noch immer meine Schwierigkeiten, aber sobald ich als Fan im Fußballfieber vorm Fernseher sitze, sind die zweitrangig.

Sie erwarten also auch vom Kommentator nicht, dass er während des Spiels permanent die politischen Begleitumstände erörtert?

Im Gegenteil. Wenn ich Fußball gucke, will ich Fußball gucken. Abgesehen vom Surfen ist dieser Zeitraum fast der einzige im wachen Zustand, wo ich alle Aufgaben, Probleme, Sorgen, Shitstorms vergessen kann. Wenn Mönchengladbach verliert, bin ich kurz sauer, aber dann ist auch wieder gut. Fußball, ich schmeiß mal virtuell fünf Euro ins Phrasenschwein, ist einfach die schönste Nebensache der Welt.

Und da bleibt dann sogar das Handy kalt?

Ja, es sei denn ich muss dringend ein Tor bejubeln. Wenn Gladbach wie letztes Jahr gegen Bayern gewinnt, poste ich natürlich sofort darüber.

Kann, darf, muss man diese Hingabe als Moderatorin einer bedeutenden Sportsendung ausschalten?

Kommt drauf an, wer mir gegenübersitzt. Aber niemand, der was vom Fußball versteht, fordert von jemandem, der wie ich seit 40 Jahren Fan eines Vereins ist, absolute Neutralität. Der offene Umgang damit ist wichtig. Transparenz. Zudem war ich ja schon mal zehn Jahre lang Sportreporterin; das war für Gladbach kein Vergnügen. Als Journalistin ist man ja erst recht versucht, Distanz zu seinem Lieblingsclub aufzubauen.

Das ist wie die Lehrerin des eigenen Kindes…

Härter noch! Und schließlich mache ich auch bei jeder Wahl brav mein Kreuz, obwohl ich Journalistin bin. Mein Vorteil ist allerdings, dass ich Wechselwählerin bin. Politisch bin ich flexibel, da geht es mir um Inhalte, nicht um die Partei, beim Fußball bin ich dem Verein gegenüber extrem treu.

Ändert es etwas an Ihrem Verhältnis zum Fußball, dass sie nun die zweitwichtigste Sportsendung des deutschen Fernsehens moderieren?

(lacht empört) Zweitwichtigste?! Na ja, dazu kann ich nur das wiederholen, was ich auf solche Fragen im Freundeskreis geantwortet habe: Ich werde genauso sein, wie ich immer bin, immer schon war. Das schönste Kompliment einiger Schulkameraden, die ich grade wiedergetroffen habe, war: du hast dich in 38 Jahren kaum verändert. Voll im Leben, auf dem Boden – diese Authentizität werde ich auch im Aktuellen Sportstudio beibehalten. Worin genau die besteht, kann ich immer dann, wenn mich junge Journalisten danach fragen, gar nicht sagen. Vieles kommt da aus dem Bauch. Von daher werde ich meine Interviews im Sportstudio nicht anders führen als im MoMa.

Dennoch erwartet man von Ihnen als ausgebildete Sportjournalistin, die zwischendurch viele Jahre im politischen Fach gearbeitet hat, doch sicher, dass Sie mehr noch als Ihre Kollegen über den Tellerrand des Sports blicken oder?

Womöglich. Wobei ich bei aller Freude über diesen Schritt nicht daherkomme und das Sportstudio revolutionieren will. Erstens hat es das nicht nötig, zweitens wäre es gegenüber den Kollegen arrogant und vermessen, drittens kann ich ja nicht machen was ich will. Es gibt einen Chef. Es gibt ein Team. Es gibt Richtlinien.

Und wie werden Sie die im Rahmen Ihrer Möglichkeiten individuell prägen?

Mein Anspruch ist jedenfalls nicht, nach dem Schlusspfiff nur abzufragen, wer wie wo warum gewonnen oder verloren hat. Themen wie Rassismus, Ausgrenzung, Korruption, Doping, dreckige Deals spielen allerdings nicht erst jetzt eine Rolle im Sport. Obwohl ich nicht alles auf den Kopf stellen werde, erwartet mein neuer Chef Thomas Fuhrmann – den ich noch als Redaktionsleiter des MoMa kennengelernt habe – die politische Einordnung sportlicher Themen. Nur: das erwartet er auch jetzt schon. Und zwar mehr denn je. Er wollte ein neues Mitglied, idealerweise weiblich, hier bin ich und sehr froh darüber.

Das klingt, als hätten Sie ein langfristiges Ziel erreicht…

Na ja, ich hab Sport studiert, lang darüber berichtet und seit Kindesbeinen Interesse an allem, was mit Bällen gespielt wird. Da war es als Neuling beim ZDF selbstverständlich, das Sportstudio im Blick zu haben. Wenn man dann allerdings zehn Jahre lang nur noch Fan ist, verabschiedet man sich von solchen Kindheitsträumen. Das gehört zum Erwachsenwerden dazu. Umso spannender finde ich es, wie sich die Stränge meiner journalistischen Arbeit nun aufeinander zu bewegen.

Wenn man ihr aktuelles Portfolio mal aufklappt, gibt es da weiterhin das MoMa

Aber reduziert.

Ab August dann die Sportmoderation, zwischendurch einen regelmäßigen Sendeplatz für Ihre Talkshow dunja hayali

„Talk-Magazin“ bitte, auch wenn das kleinlich klingt. Wir wollen den Anteil der Filmbeiträge mit dem der Gespräche mindestens gleichwertig halten. Und auch wichtig: wechselnde Talkrunden, in den wir auch „Entscheider“ mit Bürgern zusammenbringen wollen.

Darüber hinaus machen Sie weiter Berichte, Reportagen, Vorträge – unterscheiden Sie all diese Spielwiesen nach leichter, schwerer, mittlerer Kost?

Nein, allenfalls in aktuelle, relevante, interessante Kost. Und all dies kommt immer auch auf Gesprächspartner und Zielrichtung an. Man kann mit einem Fußballer ebenso gut über Politik reden wie mit einem Politiker über Fußball. Ich denke generell nicht so gern in Kategorien.

Gibt es dennoch Themen, die Sie von der Härte des politischen Tagesgeschäfts entlasten?

Außer meinem Hund? Nein. Davor bewahren mich allein schon die sozialen Netzwerke, in denen jedes beiläufige Wort, jeder noch so belanglose Fehler ausgeschlachtet wird, als hänge das Schicksal der Menschheit davon ab.

Kommen Sie Druck gut zurecht?

Wenn es ein fairer Druck ist, fördert er sogar meine Konzentration. Ich habe ja weder Angst noch falschen Respekt, aber auch keine Abneigung gegenüber dem sogenannten Elfenbeinturm vermeintlicher Eliten – so sehr ich Menschen mit größerer Distanz dazu verstehe. Von daher kenne ich unter Druck zwar eine Grundanspannung, bin aber selten aufgeregt. Im Gegenteil – ich freue mich auf jedes Gespräch, besonders das konfrontative.

Ist das manchmal sogar Rauflust?

Total, aber nur, wenn es um die Sache geht, nicht um den Krawall an sich. Ohne Erkenntnisgewinn ist mir der völlig egal. Streit oberhalb der Gürtellinie macht unglaublich Spaß und der Druck darin treibt mich an.

Als Sie auf dem Höhepunkt der sogenannten Flüchtlingskrise vor drei Jahren selbst ins Kreuzfeuer des Internets geraten sind, haben Sie dieser Zeitung gesagt, Sie nähmen den Druck gern auf sich, wenn andere, womöglich Schwächere so von ihm entlastet werden. Sehen Sie das 300 Shitstorms später genauso?

Wenn es sein muss, stelle ich mich immer noch bereitwillig in jeden dieser Stürme. Und da hilft es sehr, sie zunächst mal möglichst wertfrei als Feedback von Menschen zu betrachten, denen feinere, diskursivere Plattformen zur Meinungsäußerung fehlen. Ich muss dabei allerdings höllisch aufpassen, wessen Mitteilungsbedürfnis durch mich sogar noch bestärkt wird, wenn ich mich etwa auf Facebook in Diskussionen einmische. Manchmal muss man die Leute auch schlicht ignorieren, das musste ich erst mühsam lernen.

Es ist eine Gratwanderung.

Die alle Seiten betrifft. Verbal aufrüsten tun ja nicht nur jene, die mich beschimpfen, sondern auch jene, die mich verteidigen. Wir brauchen da dringend Diskussionsabrüstungsverhandlungen. Wobei auch meine Nerven manchmal blanker liegen als hilfreich. Das ist auch bei mir tagesformabhängig.

Insgesamt neigen Sie aber auch unter Beschuss zur Dialogbereitschaft?

Schon. Zumal mir Zuschreibungen von „besorgte“ über „frustrierte“ bis „abgehängte“ Bürger missfallen. Das sind unzulässige Zuspitzungen ganzer Persönlichkeiten auf einzelne Zustände. Wenn einer den Holocaust leugnet, ist für mich jede Diskursbereitschaft beendet, da gibt es Null Toleranz. Aber über einige Hardcore-Rassisten hinaus verdient jeder, der bei Pegida mitläuft, ein Mindestmaß an objektiver Aufmerksamkeit für sein Anliegen.

Ist kritischer Journalismus, wie Sie ihn betreiben…

… wie wir ihn ja wohl hoffentlich alle betreiben bzw. betreiben wollen!

Ist der nur anstrengender geworden oder auch aufregender?

Beides. Seit der Journalismus in die anhaltende Vertrauens- und Glaubwürdigkeitskrise geraten ist, eröffnen sich für uns alle doch auch enorme Chancen zur Reflexion. All die Diskussionsforen und Rechercheplattformen hätte es ohne diese Entwicklung nie gegeben. Es geht mir nicht darum, Schulterklopfen zu ernten, aber ich kriege auch auf meinen Vorträgen viel positive Resonanz für diese Spiegelung. Andererseits ist unser Job dadurch auch anstrengender geworden. Er besteht ja nicht nur darin, ihn zu erklären, sondern vor allem auch zu machen. Immerhin lernt man dabei jedoch, seine Kräfte neu einzuschätzen und genauer abzuwägen, wie viel Zeit auf Facebook zum Beispiel machbar und sinnvoll ist. Also: Shitstorms und die damit verbundene Ungerechtigkeit sind anstrengend, führen aber zu einer neuen Kommunikation mit denjenigen, für die wir das Ganze machen: Unserer Leser, Zuschauer, User.

Läuft man beim Bedürfnis, es dem Publikum recht zu machen, nicht Gefahr, vor allem das zu thematisieren, was die Leute hören wollen?

Absolut. Wir als Medien müssen aufpassen, diese Diskursverschiebung nicht auch noch anzufachen. Pflegenotstand, Altersarmut, Wohnungsmangel, Verteilungsungerechtigkeit sind mindestens genauso wichtige und teilweise viel akutere Themen als Geflüchtete und Migration, auf die wir unverhältnismäßig viel Zeit und Energie verwenden. Ohne von Schuld reden zu wollen, tragen wir als Medien da eine Mitverantwortung, dieses Thema ungeachtet seiner objektiven Relevanz zuzuspitzen. Der Fall der ermordeten Susanna ist dafür ein besonders einprägsames Beispiel: Sicher haben Behörden, Polizei, der Staat da in gewisser Weise versagt. Aber hätten wir darüber in ähnlicher Form berichtet, wenn der Täter nicht aus dem Irak stammen würde?

Ist es hierzulande mittlerweile auch gefährlich, seiner journalistischen Arbeit nachzugehen?

Ja. Noch nicht wie in der Türkei oder Russland, wo sich die Kollegen ihres Lebens nicht mehr sicher sind. Aber Hatespeech, Vergewaltigungsfantasien, Morddrohungen bis hin zur Veröffentlichung privater Adressen – das sind völlig neue Eskalationsstufen. Mittlerweile bin ich ziemlich abgehärtet, so dass ich Hass-Posts, bei denen anderen die Kinnlade runterklappt, fast gelassen zur Kenntnis nehme. Es gibt aber genügend Beispiele, die mein Leben ungleich komplizierter gemacht haben. Besonders wenn die virtuelle Welt auf meine reale trifft.

Zumal Sie als Frau mit Migrationshintergrund abseits vom heteronormativen Mainstreams an allen Fronten Angriffsflächen bieten…

Vordergrund. Dafür habe ich jetzt mal keine Fakten, sondern nur ein Gefühl, aber es stimmt. Anja Reschke vom NDR kriegt den Hass im Netz als Frau auch doppelt ab. Weil ich wie sie jedoch nicht nur öffentlich-rechtlich arbeite, sondern auch noch anders aussehe, sexuell flexibel bin und tätowiert, kommt da bei mir allerdings schon einiges zusammen.

Verändert es die Arbeitsweise, wenn man sowohl Berichtssubjekt als auch -objekt ist.

Ja. Ich finde es zwar jedes Mal wieder aufs Neue befremdlich, mich auf die andere Seite des Mikrofons zu setzen, statt das Interview zu führen. Aber ich habe hier wie dort das Bedürfnis, dem Grundgesetz und unserem Staatsvertrag genüge zu leisten. Beide tragen mir auf, gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus oder Sexismus, aber für Humanismus, Pluralismus, Rechtstaatlichkeit einzutreten. Das ist mehr als eine Haltung, es ist unser inneres Geländer, wie es Hans Leyendecker gesagt hat. Wenn ich mich an dem nicht festhalten würde, hätte ich gewiss mehr Ruhe und Freizeit, aber es geht hier ums Ganze.

Klingt das fast schon ein wenig Trotz durch?

Nein. Schweigen liegt mir einfach nicht. Und wer wegschaut, macht sich mitschuldig. Es soll ja später niemand sagen, wir hätten es nicht kommen sehen. Und als Journalistin ist mir daran gelegen, ein Gespür für den Mittelweg zu erzeugen. Im öffentlichen Diskurs scheinen derzeit nur Freund oder Feind, Schwarz und Weiß zu existieren, die Grautöne verschwinden ebenso wie die Bereitschaft, andere Meinungen zuzulassen. Ich plädiere da für mehr sowohl-als-auch, statt immer nur entweder-oder. Wir müssen versuchen, auch über polarisierende Themen wie Heimat einen Konsens zu finden.

Und was kann der Journalismus dazu beitragen?

Weil uns Teile der Bevölkerung als Akteur dieser Polarisierung ansehen, wird es durch reine Berichterstattung zusehends schwer, mäßigend Einfluss zu nehmen. Ich versuche das zwar regelmäßig im direkten Gespräch und biete unter anderem Hassmail-Schreibern auch mal an, dass ich sie anrufe; das führt dann manchmal für beide Seiten zu überraschenden Erkenntnissen. Andererseits ist es nicht unsere Aufgabe, den Menschen in diesem Land Wertschätzung zu zeigen oder den Weg zurück in die Mitte zu weisen. Das ist Aufgabe der Politik. Unsere besteht darin, die Welt in ihrer Gesamtheit abzubilden.

Also auch den guten Seiten?

Unbedingt. Wenn wir nur negativ berichten, rücken die Menschen immer weiter von den Medien ab. Bei unseren Zuschauern gibt es ein Bedürfnis nach der Ganzheit und zu der gehört auch, dass wir das Gelungene, das Positive zeigen.

Dann sind Sie ja trotz aller negativen Begleiterscheinungen im Sportstudio bestens aufgehoben, wo im Kern ja die Lebensfreude im Mittelpunkt steht.

Sind Sie eigentlich Fußball-Fan?

Unbedingt sogar.

Welcher Verein?

FC St. Pauli.

(lacht) Na, dann wissen Sie ja, wie viel Leid bei aller Freude im Fußball steckt. Als es mit Gladbach um die Nullerjahre herum ständig abwärts ging, waren das die beschissensten Fußball-Jahre meines Lebens. Das ist natürlich Leiden auf hohem Niveau, aber auch im Sport geht es längst nicht mehr nur um Sieg oder Niederlage, sondern viel Geld, Macht und wie Donald Trumps Sanktionsdrohung für Gegner der WM-Vergabe 2026 an die USA, Kanada und Mexiko zeigt, auch um handfeste Politik. All dies macht meine Aufgabe im Aktuellen Sportstudio gewiss nicht zur reinen Spaßveranstaltung.

Wird eine Frau in dieser Position noch mit anderen Augen betrachtet als Männer oder haben wir diese Stufe der Emanzipation hinter uns gelassen?

Schön wär’s… Sehen Sie sich die Abneigung an, mit der Claudia Neumann zu kämpfen hat.

Die kommentiert allerdings als bislang erste Frau Männer-Fußball. Sie hingegen folgen einer ganzen Reihe von Moderatorinnen.

Das stimmt. Als ich vor 20 Jahren Sportmoderatorin wurde, bekam ich meine Sonderstellung vom Publikum über Kollegen bis hin zu Sportlern noch deutlich zu spüren. Da hat sich spätestens mit Monica Lierhaus viel geändert. Sky hat hervorragende Sportreporterinnen, Jessy Wellmer macht das großartig Dennoch scheinen Frauen in diesem Genre immer noch als Fremdkörper wahrgenommen zu werden. En Fehler und die Nation dreht hohl.

Werden Sie das im Sportstudio inhaltlich oder ästhetisch kommentieren?

Auf keinem Fall. Wenn ich versuchen würde, da Bedürfnisse zu befriedigen oder konterkarieren, würde ich durchdrehen. Das Feedback ein paar enger Vertrauter wie meine Schwester oder zwei, drei enge Kollegen ist mir wichtig. Ansonsten agiere ich weiter aus dem Bauch heraus. Vielleicht falle ich damit irgendwann mal auf die Schnauze, aber bislang ist es gut gegangen.

Verzweifeln Sie als Journalistin, die auf fast allen Ebenen an vorderster Front mitkriegt, wie viel schief läuft, nicht manchmal an der Welt?

Klar, auch ich schlage abends manchmal die Hände vors Gesicht und denke, hier fährt gerade alles gegen die Wand. Aber dann stehe ich am nächsten Morgen im MoMa und spüre: genau darüber zu berichten ist mein Job, und  ich will nichts anderes machen. Und Niederlagen gehören zum Leben; man muss halt, noch fünf Euro ins Phrasenschwein, einmal mehr aufstehen als hinfallen.

Eine kürzere Version des Textes ist vorab im journalist erschienen

Sharp Objects: Mädchenmorde & Dämonen

Kleinstadt Amerika

In der fabelhaften HBO-Serie Sharp Objects recherchiert ab morgen auf Sky eine Reporterin nun auch in deutscher Übersetzung am Ort ihrer Kindheit zwei Mädchen-Morde. Dabei trifft sie nicht nur alte Dämonen ihrer eigenen Vergangenheit, sondern ein zerrüttetes Land auf der Suche nach seiner Mitte.

Von Jan Freitag

Wenn Eltern bei Kindern für Ordnung sorgen, sind die Rollen verteilt. Mutter meckert, Mädchen schweigt – so ist es auch bei Camille Preaker, als Mama Adora ihr für Frevel der vorigen Nacht die Leviten liest. „Blamier‘ mich nicht noch mal!“, fordert sie von der Tochter und legt wütend „das fällt bloß auf mich zurück“ nach. Was Erziehungsberechtigte halt so sagen, wenn sich Heranwachsende voll daneben benehmen. Nur: Adora ist seit locker 15 Jahren nicht mehr erziehungsberechtigt, weshalb Camille allein entscheiden darf, wie sie sich nach welcher Alkoholmenge benimmt. Zumindest im großen St. Louis.

Im kleinen Wind Gap dagegen hat Adora das Sagen. Und die findet es gar nicht lustig, dass ihr Kind nach Jahren der Abwesenheit als Reporterin ins ländliche Missouri zurückkehrt, um bei der Recherche zweier Mädchenmorde besoffen im schrottreifen Volvo zu pennen. Die neue HBO-Serie Sharp Objects handelt also nur an der Oberfläche von einem Kriminalfall in der amerikanischen Provinz. Darunter geht es nach der Originalfassung ab heute auch in deutscher Übersetzung auf Sky um viel, viel mehr. Mit jeder Flasche Schnaps aus der Hotelbar nämlich, mit jeder Rückblende in die Zeit ihrer Jugend, mit jeder Selbstausbeutung im Dienst der Wahrheit über sich und die alte Kleinstadtwelt wird klarer: Am Beispiel der unfreiwillig heimgereisten Camille leuchtet der Achtteiler die amerikanische Gesellschaft im Ganzen aus.

Wie schon in seiner grandiosen Speckgürtel-Studie „Big Little Lies“, gelingt es Jean-Marc Vallées Adaption von Gilbert Flynns Bestseller Gone Girl eindrucksvoll, Orte durch seine Menschen zu erzählen. Und das stockkonservative, alkoholvernebelte, schweißtriefende, irgendwie diffuse Wind Gap ist dabei die uramerikanische Mischung aus unreflektiertem Traditionalismus und dem unverwüstlichen Glauben der Eingeborenen, ihrer Zeit weit voraus zu sein, nicht weit hinterher.

Dank Hauptdarstellern wie der kontrollsüchtigen Patricia Clarkson als Adora und Nebenfiguren wie dem ewig verschwitzten Polizeichef Vickery (Matt Craven), erzählt Vallée folglich weniger die Geschichte einer trostlosen Existenz auf der Suche nach den Abgründen ihrer Biografie; er zeigt uns ein gekränktes Amerika der selbstbewussten Loser, die einen Reaktionär ins Weiße Haus gewählt haben und nun ausdauernd verwechseln, was Vergangenheit ist, was Gegenwart.

Dass die psychisch labile Alkoholikerin Camille – wunderbar lebenswund gespielt von der unvergleichlichen Amy Adams (American Hustle) – ständig als eigensinniger Teeny der Achtziger aufwacht, ist demnach nicht nur ein dramaturgischer Kniff zur Erklärung aktueller Zusammenhänge; die dauernden Flashbacks in ihre Jugend beschreiben vielmehr ein Land auf der Suche nach seiner verschwundenen Mitte. Die Serie hat deshalb auch keine Zeitsprünge, sondern Zeitströme, in denen Charaktere scheinbar hilflos herumschwimmen wie Treibholz. So wie es all jene tun, für die Amerika und Wind Gap langsam deckungsgleich werden.

Dafür muss Jean-Marc Vallée keine Landeier mit Pick-up-Truck und Make-America-Great-Again-Kappe zeigen; ihm reicht es, Ronald Reagans Neokonservatismus so in Donald Trumps Neodilettantismus einsickern zu lassen, als hätte die liberale Ära zwischendurch nie stattgefunden. Klingt politisch, dröge, verkopft? Keine Sorge – die Jagd nach dem Mädchenmörder ist zugleich bestes Krimi-Entertainment, Camilles Suche nach ihren inneren Dämonen feinstes Melodramenfernsehen und alles zusammen ein herausragendes Filmzeugnis der quälenden Hatz nach Halt im Gestern, wenn das Heute zerbröselt.


Luger 1985 & Mekka 1979

Die Gebrauchtwoche

20. – 26. August

Gut, Journalisten in Polen, Russland, Ungarn, der Türkei und mittlerweile ja sogar den USA würden angesichts der Festsetzung eines ZDF-Teams durch die Polizei wohl allenfalls mitleidig lächeln. Doch was da am Rande einer Pegida-Demo in Dresden passiert ist, könnte sich im Nachhinein als Dammbruch erweisen: Ein LKA-Beamter auf Urlaub, der seine Kollegen bei einer rechtsradikalen Kundgebung dazu drängt, die Pressefreiheit außer Kraft zu setzen; ein exekutiver Korpsgeist, der dies bis hoch in die Polizeispitze verteidigt; ein Ministerpräsident, der sich sodann hinters verfassungswidrige Treiben stellt: der Irrwitz, mit dem dieser Populismus sächsischer Art an der deutschen Demokratie nagt, deutet darauf hin, dass polnische, russische, ungarische, türkische, amerikanische Verhältnisse auch hierzulande denkbar scheinen.

Es sind Verhältnisse, in denen Grundgesetzartikel 5 zum machtpolitischen Spielstein wird und Journalisten irgendwann nicht mehr nur festgesetzt, sondern verhaftet werden, wenn sie ihrer Arbeit nachgehen, um – wie Deniz Yücel oder zuletzt Mesale Tolu in Ankara – von der Exekutive, nicht der Judikative freigelassen zu werden sofern das machtpolitisch geboten scheint. Wie freie Medien zum Gegenstand eines Real-Crime-Formats werden, wirkt in seinem realistischen Aberwitz so fiktional, als hätte es der große TV-Macher Gunther Witte ersonnen.

Fast 50 Jahre, nachdem der frühere WDR-Fernsehspielchef 1970 den Tatort erfunden hatte, ist er vorige Woche mit 82 gestorben und hinterlässt dem Programm somit das letzte echte lineare Lagerfeuer, vor dem sich nicht nur Rentner vereinen. Es stammt noch aus einer Epoche, als die ZDF-Hitparade des ebenfalls verblichenen Dieter-Thomas Heck 27 Millionen Zuschauer vorm Bildschirm vereinte. Eine Generation, die nahezu ausschließlich Männer in Machtpositionen kannte, hinterlässt uns allerdings auch eine Medienlandschaft, in der die Machtpositionen noch immer nahezu ausschließlich unter Männern aufgeteilt werden. So wie jetzt gerade wieder die Chefsessel von Blättern wie dem Spiegel.

Die Frischwoche

27. August – 2. September

Da wünscht man sich doch umso mehr, dass der neue Film des alten Klaus Lemke kein C-Movie, sondern nichts als die Wahrheit wäre. Im Kleinen Fernsehspiel Bad Girls Avenue übernehmen die Frauen testosteronübersäuerter Kerle heute um Mitternacht nämlich das Kommando und zeigen radebrechen, aber radikal, wie hart es fürs angeblich starke Geschlecht werden könnte, wenn das vermeintlich zarte mal andere Seiten aufzieht. Gar nicht erst den Anschein einer zarten statt starken Frau erweckt dagegen Amy Adams in der großartigen HBO-Serie Sharp Objects, wenn sie als Reporterin in ihr Südstaatennest zurückkehrt, um dort alkoholumnebelt in der eigenen Vergangenheit herumzustochern, dass es zum Niederknien ist. Ab Donnerstag zeigt Sky den Achtteiler auch auf Deutsch.

Über die deutsch-amerikanische Comedy-Crime Take Two um einen bildhübschen Ermittler, dessen bildhübsche Kollegin nur deshalb ein bisschen glaubhafter ist als die bildhübschen Bullen des Fernsehens sonst, weil Rachel Bilson eine Hollywoodschönheit auf kriminalistischem Abweg darstellt, hüllen wir dagegen ab Mittwoch um 20.15 Uhr elf Folgen lang auf Vox den Mangel des Schweigens – und verweisen stattdessen lieber auf die Zeichentrickserie Paradise PD. Auch auf Netflix geht es dort tags drauf ums Verbrechen. Allerdings bekämpft sie das Personal einer Polizeistation im verschwitzten Süden der USA mit saukomischem Sarkasmus.

Aber das war es noch lange nicht mit den Krimi-Formaten dieser Woche. Ab Sonntag ermittelt die sensationelle Almila Bagriacik in Kiel an der Seite des ergrauten Tatort-Wolfs Axel Milberg. Schon heute übernimmt die neue ARD-Allzweckwaffe Judith Rakers zur besten Sendezeit das neue Allzweck-Thema Real Crime und moderiert den vierteiligen Aktenzeichen XY-Abklatsch Kriminalreport, was zwar voll im Trend liegt, aber gerade deshalb schon vorab leicht langweilt. Ganz im Gegensatz zur Dokumentation der Woche. Heute um 22.45 Uhr blickt das Erste zurück auf die Besetzung der Großen Moschee von Mekka durch radikale Islamisten 1979, was Regisseur Dirk van den Berg als Urknall des Terrors analysiert, ohne den weder der 11. September noch der IS denkbar seien.

Vor den Wiederholungen der Woche gibt es aber auch noch mal was zu lachen: In Familie Lotzmann auf den Barrikaden lässt Axel Ranisch am Dienstag um 22.45 Uhr (ZDF) eine Schar Spießer so hingebungsvoll ins Chaos schlittern, dass Loriot aus jeder zweiten Szene grüßt. Seine letzte Szene nach 33 Jahren Lindenstraße hat Sonntag dann noch Joachim Luger als Hans Beimer, dessen erster Auftritt ein Jahr vorm Alt-Tatort stattfand: Freunde mit dem damals noch jungen Götz George als Horst Schimanski (Dienstag, 23.35 Uhr, WDR). In Schwarzweiß wurde 1963 das Drehbuch des Nobelpreisträgers Harold Pinter verfilmt, dessen Der Diener heute um 20.15 Uhr auf Arte ein famoses Psychogramm umgedrehter Hierarchien im Spätherbst der Aristokratie war. Und in Farbe zeigt der MDR um 23.05 Uhr ein Frühwerk von Katrin Sass als vermeintlich unfähige Mutter im DDR-Drama Bürgschaft für ein Jahr, nämlich 1981.


Laurel, Blood Orange, Alice In Chains

Laurel

Wenn man sich vorstellt, also nur mal rein hypothetisch, die notorisch melodramatischen, aufs absolute Minimum reduzierten The XX würden unvermittelt ein paar Stimmungsaufheller ins Dark Ale bekommen und zudem um 30, 40 bpm beschleunigt – das Ergebnis wäre vermutlich nicht nur höchst interessant, es klänge wohl auch wie Laurel Arnell-Cullen. Wie die unwesentlich älteren Hängeschultern des Emo-Genres aus London stammend, macht die 24-Jährige einen ungeheuer dezenten Gitarrenpop, der meist mehr so vor sich hintröpfelt, als die Songs strukturell auszubreiten. Die Stimmung ist also ähnlich wie bei den Hauptstadtnachbarn. Und doch hinkt der Vergleich ein wenig.

Laurels Debütalbum Dogviolet nämlich ist gar kein jugendlich entrückter Versuch, in einer viel zu großen, viel zu weiten Welt Halt zu finden, wie es Dreampopper der Marke XX tun. Mit leicht kehliger, aber erstaunlich voller Stimme positioniert sich die Sängerin ziemlich standfest in der Mitte ihrer Gefühle – ganz gleich, ob ihr Liebesleben ganz gut läuft wie im Opener You make life worth living oder den Bach runtergeht wie in Same Mistakes. Mit eleganten Wave-Grooves und präzise verhallendem Picking zeigt sich Laurel als emotionales, nicht zerrüttetes Mitglied ihrer Alterskohorte. Das hört sich manchmal pathetisch an, aber meistens sehr ausgefuchst und klug.

Laurel – Dogviolet (Counter Records)

Blood Orange

Wer jemals auch nur drei Takte der Test Icicles gehört und danach dieses unangenehme Fiepen im Ohr hatte, käme vermutlich nie auf die Idee, dass ein Mitglied dieser britischen Noise-Band je etwas anderes machen könnte als versierten, aber infernalischen Industrial. Doch weit gefehlt. Der Sänger und Gitarrist Devonté Hynes, gebürtig in den USA, hat nicht nur etwas grundlegend, sondern diametral anderes gemacht. Und das ist ein echter Glücksfall fürs weit entfernte Metier dessen, was man mal Black Music genannt hat. Als Blood Orange wühlt er die Harmonielehre dieser eleganten Stilrichtung seit Jahren schon auf und hat drei ziemlich bemerkenswerte Platten produziert.

Jetzt kehrt der gelernte Cellist mit dem vierten zurück, und Negro Swan ist mehr noch als die vorigen ein Tauchgang durch die manchmal arg seichten Gewässer des R’n’B, bei dem er darin so manch verborgene Höhle entdeckt und besiedelt. Mit Gästen von Puff Daddy über A$AP Rocky bis Steve Lacy ist er zwar nicht mehr ganz so politisch wie zuletzt auf seinem Emanzipationsalbum Freetown Sound. Aber mit Texten über Mobbing, Sexismus, Ungleichheit zu Sounds von Trap, Funk, Pop, Jazz und Electronica bis hin zur Bigband-Klassik, braucht das tiefenentspannt vor sich hin fließende Negro Swan Vergleiche mit Kendrick Lamar oder Arrested Development nicht zu scheuen. Ein bissig heißer Sommerwind für den nahenden Herbst.

Blood Orange – Negro Swan (Domino)

Alice In Chaines

Noch deprimierender als vergeudetes Potenzial ist eigentlich nur noch vergängliches Potenzial. Wie sehr es aufs Gemüt drückt, lässt sich gut beobachten, wenn gereifte Musiker den alten Lorbeer von früher aufkochen. Alice In Chains war einst auch deshalb eine der maßgeblichen Grungebands, weil sie mit viel Stoner im Blut die Ära des Alternative Metal geprägt haben, Markenzeichen: Fett mal breit mal tief verzerrte Gitarrenriffs. Und ein paar davon drischt das Gründungsmitglied Jerry Cantrell auch beim dritten Comeback seit dem selbstbetitelten Nr.-1-Album von 1995 aus dem Nichts ins Heute und alles klingt wie immer. Und immer. Und immer.

Abgesehen vom Ersatz des gestorbenen Sängers Layne Staley hört sich Rainier Fog an, als seien Ziegenbärte noch in Mode und Gitarrensoli irgendwie cool. Identische Tempi, Melodien, Texte und nicht die winzigste Auffrischung, geschweige denn Gadgets vom Rechner oder andere Rockinstrumente als die üblichen drei plus Stimme: selbst für harte Fans gibt es eigentlich nur einen Grund, das sechste Album zu hören: die ersten fünf sind kaputt, vergriffen oder in einer alten WG geblieben, unterm selben Stapel wie das liebste Flanellhemd von damals, als AIC noch wichtig waren.

Alice In Chaines – Rainier Fog (BMG)


Zum Tod vom Tatort-Erfinder Gunther Witte

Alles. Und nichts!

Die Kommissare kennt jeder, ihre Regisseure schon seltener, Autoren fast niemand mehr – wer weiß da schon von Gunther Witte? Dabei war er es, der 1970 den Tatort erfunden hat. Vor ein paar Tagen ist der damalige WDR-Fernsehspielchef nun im Alter von 82 Jahren gestorben. Aus diesem Anlass dokumentieren wir hier ein Interview, das der TV-Pionier zum 1000. Tatort gegeben hatte.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Witte, wie groß haben Sie am 29. November 1970 die Wahrscheinlichkeit eingeschätzt, dass der Tatort seinen Erfinder überleben wird?

Gunther Witte: Null Prozent; so langfristig hat man seinerzeit selten gedacht. Und wir wussten auch nicht, dass die Laufzeit eines solchen Projekts von der jährlichen Zustimmung der Direktorenkonferenz abhing. Da war keineswegs absehbar, wie begeistert die Direktoren von unserem Tatort sein würden. Also haben wir zwar von der Langfristigkeit geträumt – aber nicht mit ihr gerechnet.

Und andere – die Zuschauer etwa oder das Feuilleton?

Auch das war eine völlig offene Frage. Ich erinnere mich da noch gut an die Pressekonferenz vor der Ausstrahlung von Taxi nach Leipzig. Von den paar Journalisten, die sich dorthin verlaufen hatten, fragte einer leicht gelangweilt, wie lang denn dieser Tatort überhaupt gesendet werden solle. Da meinte Horst Jaedicke, damals Programmdirektor des SDR, in seiner schwäbischen Gelassenheit: „So zwei Jahre hätten wir uns schon vorgestellt.“

Hat das Fernsehen damals generell nicht langfristig gedacht?

Das schon; aber wir wussten nicht, wie sich das Format durchsetzen würde. Die unterschiedliche Rolle des Kommissars war unbestritten. Aber die Verbindung von Krimi und sozialkritischem Thema, die im Tatort auch stattfinden sollte, musste sich noch bewähren. Auch waren an dieser Variante nicht alle Sender besonders interessiert. Besonders wichtig aber war die Regionalität, die den einzelnen Ermittlern und ihren Geschichten ihr besonderes Gesicht gab, was auch den Charakter der einzelnen ARD-Sender ausdrücken konnte.

Damals standen die sich zwar zeitgenössisch in Blöcken gegenüber – weit rechts der Bayerische Rundfunk, angeblich rot der WDR, dazwischen ein sozialdemokratisch geprägter NDR.

Und heute?

Sind die Unterschiede nicht mehr so ideologisch, aber keineswegs verschwunden.

Alles andere hätte mich auch gewundert (lacht). Ich musste also versuchen, die alle an einen Strang zu kriegen. Und das ging nur mit landestypischen Storys ortsbezogener Kommissare – schon um dem Wesen der ARD als Verbund endlich mal Genüge zu leisten.

Und die noch relativ junge Republik bekam gleich noch die Chance, sich nach der Vereinheitlichung durch die Nazis und im Osten die DDR als vielfältig zu zeigen oder?

In der Tat! Das hat den Erfolg des Formats mit ausgemacht. Dennoch war zunächst ungeklärt, ob die Menschen ein Konzept mit neun Kommissaren verschiedener regionaler Prägung annehmen. Aber es gab praktisch nie eine ernstzunehmende Stimme, die sich darüber beschwert hätte. Von daher ist die Debatte, ob es wirklich noch einen und noch einen Ermittler aus einer noch kleineren Stadt geben muss, eine des Feuilletons. Die Zuschauer freuen sich über jeden neuen Kommissar.

Sehen Sie das als Ihr Verdienst an?

Na ja, der Verdienst meines Anschubs des Projekts. Ich war damals zwar ein bisschen verwirrt, dass Günter Rohrbach ausgerechnet mich gebeten hat, eine Krimiserie zu konzipieren, aber es lag wohl auch an meiner Beteiligung bei den Durbridge-Krimis.

Das Halstuch, legendär.

Aber im Rückblick grauenvoll: langatmig, überall diese Pappkulissen, künstliche Atmosphäre, furchtbar! Verglichen damit wollten wir einfach realistischer sein. Jeder Fall sollte sich theoretisch genauso auch in der Wirklichkeit abspielen können. Und der Erfinder von Kommissar Trimmel, Friedrich Werremeier, war halt auch vorher schon ein gesellschaftskritischer Autor. Taxi nach Leipzig war zunächst gar nicht als Tatort, sondern als gewöhnlicher Krimi konzipiert; der wurde dann einfach ins Programm geworfen und alle anderen kamen hinterher.

Sind Sie stolz auf das, was aus Ihrer Erfindung geworden ist?

Und wie! Es gibt bei aller Bescheidenheit sogar Momente, in denen ich mir sage: Wenn ich nicht gewesen wär, würde es das alles heute gar nicht geben. Und der ARD ginge es gewiss auch nicht besser.

Was hat sich aus Ihrer Sicht vom ersten bis zum 1000. Fall grundlegend verändert?

Alles. Und nichts. So wie sich die Realität da draußen verändert, verändert sich natürlich auch die filmische. Weil der Tatort aber zugleich sein Wesen bewahrt, kann man sich alle 1000 Folgen hintereinander ansehen und hätte eine Sozial- und Kulturgeschichte dieses Landes en bloc.

Und was hat sich – abgesehen vom Vorspann – nicht verändert?

Das Gewicht des Kommissars, die Einbindung seines Privatlebens, keine Reduzierung auf den Fall zulasten der Ermittler. Der Tatort wurde bis heute nicht künstlich modernisiert.

Dennoch gibt es nun Split-Screens, Ulk-Teams, verdeckte Ermittler und Till Schweiger.

Aber das Format ist schon lange stark genug, all dies aufzunehmen und einzubinden.

Schauen Sie regelmäßig zu?

Bei den Erstausstrahlungen gehe ich recht oft ins Theater oder in die Oper, aber es gibt ja die Mediathek, und so behalte ich schon den Überblick.

Gibt es etwas, dass Sie heute am Tatort wirklich stört?

Ach, spätestens seit dem großartigen Tatort Im Schmerz geboren mit Ulrich Tukur habe ich den letzten Widerstand gegen „Regelabweichungen“ aufgegeben und gemerkt: Der Tatort schafft das, er wächst daran.

Haben Sie nach fast 50 Jahren einen Lieblingsermittler?

Ganz eindeutig der Götz mit seinem Schimanski. Das war der erste, der wirklich außergewöhnlich war und gegen den Strom schwamm.

Die Tatorte wurden mit der Zeit immer teurer. Eine durchschnittliche Folge kostet heute um die 1,6 Millionen Euro. Wie war es zu Ihrer Zeit?

Ich erinnere mich daran, dass die Fälle mit Oberzollinspektor Kressin schon mal 700.000 D-Mark kosten durften. Das lag aber nicht deutlich über dem Budget anderer Filme, im Gegenteil. Aber das notwendige Geld stand zur Verfügung.

Gibt es einen Fall, der Ihnen immer im Gedächtnis bleiben wird?

Mehrere. Den Moltke mit Götz George von 1988 etwa, toller Film. Und natürlich Reifezeugnis mit Nastassja Kinski.

Regie Wolfgang Petersen.

Sehen Sie! Diese zwei Folgen gehören für mich wirklich zur Spitze des Formats.


Donalds Furor & Dunjas Fußball

Die Gebrauchtwoche

13. – 19. August

Es war ein weithin hörbares Fanal der Vernunft, als gut 300 US-Zeitungen von eher links bis erstaunlich weit rechts Donald Trumps Hetztiraden gegen die freie Presse in Leitartikeln kritisiert haben. Dass Journalisten keine „Volksfeinde“ seien, ist zwar eigentlich keiner einzigen Silbe der Erwähnung wert. Doch wie die Sturmhaubitze im Weißen Haus auf den konzertierten Debattenbeitrag vom vorigen Donnerstag reagierte, belegt dessen Notwendigkeit. Trump verkündete nicht nur die Vergabe eines „Fake-News-Awards“, was mit „würdelos“ nur unzureichend beschrieben wäre. Nein, der US-Präsident hetzte so aufpeitschend gegen den Initiator dieser lagerübergreifenden Aktion, dass der Boston Globe mit Mord- und Bombendrohungen eingedeckt wurde.

Der Medienkrieg von rechts geht also auch dort weiter, wo man es bis vor zwei Jahren wohl am wenigsten erwartet hatte. Wären die jüngst verkündeten Umstrukturierungspläne der Mediengruppe RTL derweil schon umgesetzt, könnte das vulgärste Senderfamilienkind darüber allerdings kaum noch berichten. Am Wochenende soll das ohnehin nicht allzu informative RTL2 nämlich gar keine Nachrichten mehr enthalten, während die am wochentäglichen Hauptabend um drei Stunden vor, also ins Nirgendwo der Aufmerksamkeit verlegt werden sollen.

Wer sowas wiederum an prominenter Stelle analysieren könnte, das wäre die herausragende Dunja Hayali. Bis in die tiefste Faser ihres Moderatorinnenleibs hinein vertrauenswürdig, hat sie zwar gerade mit Anschuldigungen zu kämpfen, die ihrer Integrität durchaus schaden; nach einem Bericht des Medienmagazin Zapp ließ sie sich schließlich als Moderatorin von PR-Veranstaltungen für die Glücksspiel- und Pharma-Industrie einspannen, was sich nur bedingt mit einer objektiven Berichterstattung über eben die vereinbaren ließe, wenn es darum in den Talkshows oder Morgenmagazinen der streitbaren Journalistin ginge. Trotzdem steht Dunja Hayali diese Woche wegen etwas völlig anderem im Fokus.

Die Frischwoche

20. – 26. August

Ab Samstag nämlich leitet die gelernte Sportreporterin erstmals das aktuelle sportstudio und kehrt damit nicht nur zu den beruflichen Wurzeln zurück, sondern stellt sich erneut voll in den Wind, besser: Sturm einer kleinen, aber lautstarken Gemeinschaft wütender Selbstdarsteller, die ihre Hasskommentare über Hayalis ersten Auftritt in der Männer-Domäne längst vorgefertigt haben. Vielleicht, sagte sie unlängst, „sollte ich mich absichtlich mit 1. FC Bayern München versprechen“. Vielleicht aber auch nicht, liebe Dunja Hayali. Ironie zählt ja nicht gerade zu den Kernkompetenzen besorgter Bürger und ähnlicher Ttrolle.

Aber auch sonst drehen sich einige der folgenden sieben Tage zentral um Hayalis große Leidenschaft – den Fußball. Weil die ARD heute den ganzen Abend über den prominenten Rest der ersten DFB-Pokalrunde überträgt, entfällt der vielfach sehenswerte Infotainment-Abend im Ersten, inklusive der Reportagen ab 22.45 Uhr. Durchaus positiv beeinflusst das ZDF hingegen den Sendeablauf am Freitag. Weil dort der Bundesliga-Auftakt zu sehen ist, entfallen die üblichen Krimi-Reihen. Geht doch. Heute Abend (21.55 Uhr) können Fußball-Nichtfans daher zu Arte schalten und die fabelhafte Tragikomödie Wir sind alle Astronauten über ein Pariser Ghetto-Hochhaus und seine Bewohner sehen, in fünf Tagen böte sich Netflix an.

Denn dort startet parallel zum 1. FC Bayern München gegen Arminia Hoffenheim erst die indische Eigenproduktion Ghoul um, hüstel, Terrorzombies auf dem Subkontinent, wofür man besser ein ausgeprägtes Faible haben sollte. Und dann geht der polnische Zehnteiler Ultraviolet online, in dem ein paar hippe Hacker freiwillig die Arbeit der unterforderten, tendenziell korrupten, oft politisch motivierten Polizei übernehmen. Das ist zwar keinesfalls die Neuerfindung des Krimi-Rades, entfaltet aber allem Anschein nach (vorab gab es leider nur Trailer und Originalepisoden ohne Untertitel zu sehen) einen angenehm spröden Charme.

Von dem kann in der Arte-Serie Elven ab Donnerstag (20.15 Uhr) mittlerweile nicht mehr die Rede sein. Obwohl der Achtteiler aus Norwegen stammt und somit atmosphärisch nur das Beste verheißt, reißt der Achtteiler um einen aufrechten Landpolizisten, der hoch im Norden zum Teil einer militärischen Verschwörung wird, selbst hartgesottene Fans skandinavischer Thriller nicht mehr vom Sitz. Das schafft Vox seit Jahren immer wieder mit seinem Doku-Marathon am Samstag. Diesmal widmet ihn das anspruchsvolle RTL-Senderfamilienkind viereinhalb Stunden lang dem King of Pop, der dieser Tage 60 Jahre alt geworden wäre.

Neun Jahre jünger als Mein Freund Michael ist die erste Wiederholung der Woche am Montag um 20.15 Uhr auf Arte: Der Mann vom Großen Fluss, ein legendärer Spätwestern mit James Stewart als Farmer, der seine Familie vom Sezessionskrieg bewahrt. Von 1981 stammt Indiana Jones und die Jäger des verlorenen Schatzes, den Kabel1 am Dienstag erstaunlicherweise erst nach dem drei Jahren jüngeren Tempel des Todes zeigt. Und verglichen damit ist der Tatort-Tipp ein echter Frischling. In Gefallene Engel von 1998 kriegen es die bayerischen Kommissare Batic und Leimayr mit einem Serienkiller zu tun.