Désirée Nosbusch: Bad Banks & Irland-Krimis

Ich bin wieder im Club

Mitte der 80er Jahre versankt der kometenhaft aufgestiegene Jungstar Désirée Nosbusch (Foto: Sammy Hart/Degeto) schon wieder in den Niederungen des Fernsehens – und tauchte daraus dank der ZDF-Serie Bad Banks ebenso plötzlich wieder auf. Ein Interview über Aufgeben und Weitermachen, ihre Ungeduld und die Hauptrolle im Irland-Krimi, von dem heute Abend der zweite Teil im Ersten läuft.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Nosbusch, Hand aufs Herz: war es nach Bad Banks, die als eine der besten deutschen Serien seit Jahrzehnten gilt, eigentlich schwer, sich wieder in die Niederungen des Krimireihenfernsehen zu begeben?

Désirée Nosbusch: Wieso Niederungen? Es ging lediglich um den Respekt davor, ein solches Format als Figur tragen zu können. Dennoch war die Zusage insofern angstbesetzt, sich etwas anzukratzen, womöglich kaputtzumachen, das man sich mühsam aufgebaut hatte. In meinem Fall, auf einem Niveau anerkannt zu werden, das ich mein Leben lang erreichen wollte. Deshalb bin ich auch zur Degeto nach Frankfurt gefahren, um den Irland-Krimi respektvoll abzusagen, also nicht am Telefon, sondern im persönlichen Gespräch.

Und dann?

Ist es den Machern gelungen, mir die Angst vor diesem Krimiformat zu nehmen. Meine größte Sorge war nämlich die, dass man irgendwo im Ausland auftaucht, auf einmal sprechen alle deutsch und das Ganze zeigen wir mit bunten Postkartenbildern. Ich durfte sogar bei der Entwicklung meiner Figur genauso wie bei der Suche nach der richtigen Regisseurin oder dem richtigen Regisseur mitreden.

Sie haben Züli Aladag ausgesucht?!

Ich habe ihn mir als Regisseur gewünscht, und der Wunsch ist in Erfüllung gegangen. Ich wollte einen Regisseur mit Haltung, der sich mit dem Drehort, den Figuren und den Geschichten wirklich auseinandersetzt.

Und dieses Mitspracherecht haben Sie sich mit Bad Banks erarbeitet?

Ich glaube, ja.

Sind sie eigentlich anfällig für Arroganz?

Ich hoffe nicht.

Sorgt ein Erfolg wie Bad Banks dennoch für ein Gefühl der Erhabenheit?

Erhabenheit, auf keinen Fall. Die Reihe hat ein tiefes Gefühl von Dankbarkeit in mir erzeugt, denn kurz zuvor wollte ich aufgeben. Weil ich das, was ich wollte, nicht gekriegt habe, und das, was ich gekriegt habe, als Verrat an Idealen empfand, mit denen ich gestartet bin. Vom Filmemachen war ich daher bereits langsam zum Theater gewechselt. In Luxemburg kann man davon zwar kaum leben, aber es hat mir künstlerische Befriedigung verschafft, die mir beim Drehen abhanden gekommen war. Schließlich hatte ich mir dort mittlerweile längst die Frage gestellt, ob ich mich vielleicht schlicht überschätze.

Wow, das sind existenzielle Fragen!

Nicht wahr?! Ich weiß gar nicht mehr, wie viel Comebacks und zweite Frühlinge man mir schon angedichtet hat, aber jetzt ist mein Selbstbewusstsein zurück. Ich bin wieder im Club.

Was war denn ihr Plan B, wenn es damit nicht klappt?

Jenseits des Künstlerischen gab’s keinen, meine Leidenschaft gehört der Schauspielerei. Durch meine Produktionsarbeit, das Theater, die Lesungen und Moderationen käme ich irgendwie schon immer über die Runden, aber ich lehne einfach zu viel ab. Von daher habe ich mir am Ende doch gesagt: ich mache weiter. Ich gebe noch nicht auf!

Wollten Sie zuvor auch wegen der Ungleichberechtigung Ihrer Branche aufgeben, die Frauen ab Ende 30 bis heute weniger Angebote macht als Männern?

Klar verengt sich das Angebot mit Ende 30. Aber wenn man sich seinem Alter stellt, nicht an sich rumschnippeln lässt und womöglich sogar was Befreiendes darin entdeckt, dass die äußeren zugunsten der inneren Werte an Bedeutung verlieren, kommt man damit besser klar. Das Leben ist ja auch für ältere Menschen voller Geschichten. Schauen Sie sich Judy Dench oder Helen Mirren an; beide bestens im Geschäft…

Das wären sie vor 30 Jahren aber vermutlich nur in Großmütterrollen gewesen.

Darüber gehen wir zum Glück langsam hinaus. Ich weiß, dass viele Kolleginnen nicht wie ich das Glück haben, so aktiv sein zu dürfen, wie sie es sich wünschen; aber auch meine Figur in Bad Banks wäre vor 15 Jahren mit einem Mann besetzt worden. Wobei mir die Darstellung einer Investmentbankerin, die sich ihr Leben lang über Macht definiert und nun Angst vor deren Verlust hat, damals bestimmt nicht so glaubhaft gelungen wäre; dazu fehlte mir schlicht die Lebenserfahrung.

Wird die in Ihrem Beruf nicht nur Abstraktion und Technik ersetzt?

Klar, kann man damit vieles spielen. Aber das Verständnis, was es zu abstrahieren gilt, nimmt mit dem Alter spürbar zu. Das war mir zum Glück schon früh klar; ich habe meine Situation schon immer zu analysieren versucht. Auch deshalb neige ich selten zur Selbstüberschätzung und kann mich an einer Figur wie Cathrin Blake erfreuen, in deren Seele man sich ebenso vergraben kann wie in der von Christelle Leblanc.

Dürfte nach „Irland-Krimi“ und „Bad Banks“ daher mal wieder was Leichtes kommen?

(lacht) Stimmt, statt all der menschlichen Abgründe wäre zur Abwechslung jetzt mal ‘ne derbe Komödie gut. Aber wenn mich das Leben etwas gelehrt hat, dann Geduld zu haben.

Sie waren also mal ungeduldiger?

Viel ungeduldiger!

Wobei Ungeduld auch ein Antrieb sein kann, Neues zu wagen.

Ich bevorzuge da Neugierde, Wissensdurst, gesunden Ehrgeiz. Ungeduld macht verbissen und sorgt dafür, Dinge, die noch nicht reif sind, ernten zu wollen.

Waren Sie womöglich zu früh zu erfolgreich für Geduld?

Kann sein. Ich habe mich durchaus ertappt, zu denken, das geht jetzt immer nur so steil nach oben. Das kann gerade für jemanden, der ein bisschen in diesen Beruf hineingestolpert ist, gefährlich sein. Deshalb sage ich meinen Kindern, die beide Musiker geworden sind: der spätere Erfolg ist der bessere. Man erkennt ihn genauer und kann gesünder damit umgehen.

Heißen Ihre Kinder Nosbusch?

Nein, sie heißen Kloser, wie ihr Vater. Das war damals mein Wunsch, und ich glaube, dass es die richtige Entscheidung war.

Ist der Boulevard schon wieder so interessiert an Ihnen wie in den Achtzigern?

Ich bin glücklich verheiratet, habe zwei erwachsene Kinder, gehe zu Arbeit – für den Boulevard, von dem man am Ende ohnehin oft nur emotional vergewaltigt wird, ist mein Leben zu normal. Finde ich super! Außerdem lebe ich gern in der Anonymität. Es fällt mir leicht mich rar zu machen.


RTLsieben & Check Shapira

Die Gebrauchtwoche

21. – 27. Oktober

Es gibt Momente der Wahrheit, in denen Absender und Adressat, Raum und Zeit, Subjekt und Objekt so auseinanderdriften, dass diese Wahrheit einen Moment lang den Anschein der Täuschung erweckt: Barbara Schöneberger hat ihrer zahlenden Kundschaft am Dienstag vor laufender Kamera geraten, Achtung: nichts von ihr zu kaufen, „weil ich seit Jahren immer nur das Gleiche mache, nur mit anderen Klamotten“. Das ist für die menschliche PR-Kampagne schon selbstreflexiv genug; das Ganze fand allerdings, Aachtung: in der Konsumgörensendung taff statt, die – Aaachtung: beim Konsumgörensender Pro7 läuft.

Unterdessen erhielt der artverwandte Konsumgörensender RTL2 von einer Kommission für die Zulassung und Aufsicht der Landesmedienanstalten Bestätigung. RTLzwei, wie man mittlerweile schreiben soll, hat seine Nachrichten zwar voriges Jahr konsequenterweise an externe Dienstleister ausgelagert und bietet auch sonst allenfalls die Karikatur gehaltvollen Fernsehens. Weil er nur (sic!) 29 statt 30 Prozent Reklame schaltet, darf er sich laut ZAK jedoch weiter Vollprogramm nennen. Das klingt ähnlich absurd, als würde man die Bild nicht als Propagandablatt, sondern Tageszeitung bezeichnen.

Schließlich hat deren Chefredakteur gerade den Anti-Medienpreis Goldene Kartoffel erhalten, mit dem der Verein Neue deutsche Medienmacher außergewöhnlich einseitige Berichterstattung „auszeichnet“. Wenn es um Ein- und Zuwanderung gehe, so die Begründung, stehe Bild für „für Unsachlichkeit, Vorurteile und Panikmache“, bei der laut NdM-Vorstand Sheila Mysorekar, „jeder Ausländer ein Messer in der Hand, in der andern einen Asylantrag“ habe, und „mit der dritten Hand geht er einer Blondine an die Wäsche“. Der Prämierte wies das natürlich weit von sich und warf den Verantwortlichen ihrerseits Rassismus vor. Das wiederum klingt ähnlich grotesk wie Claas Relotius, der allen Ernstes Juan Moreno wegen falscher Behauptungen in Tausend Zeilen Lügen klagt. Ohne „mit Menschen aus meinem näheren Umfeld gesprochen zu haben“, so Relotius zur Zeit, „konstruiert Moreno eine Figur“.

Die Frischwoche

28. Oktober – 3. November

Damit leitet der Figurenkonstrukteur schlechthin unfreiwillig zum frischen Fernsehangebot über. Darunter das angenehm schrullige Streaming-Kleinod Check Check, in dem ein anderer Klaas, nämlich Heufer-Umlauf, den Startup-Unternehmer Jan spielt, der seinen kranken Vater (Uwe Preuß) in der alten Heimat pflegen und die wenigen Passagiere eines Provinzflughafens kontrollieren muss. Unter der Regie von Ralf Husmann sind die ersten zwei Teile nach Ralf Husmanns Drehbuch auf Joyn nicht nur sehr kurzweilig, sondern bisweilen richtig wahrhaftig.

In neue, oft realistische, bisweilen aber heillos überdrehte Rollen schlüpft ab Dienstag um 23.15 Uhr (Neo) wieder Shahak Shapira Shapira, was hoffentlich ein wenig mehr an der Stellschraube des Klamauks dreht als zuvor. Positiv überrascht die neue ARD-Reihe Käthe und ich. Zum einen, weil das lockere Psychogramm eines leicht verwirrten Seelenklempners für Degeto-Verhältnisse erstaunlich seifenfrei inszeniert wurde. Zum anderen, da die Hauptfigur vom ziemlich unbekannten Christoph Schechinger gespielt wird.

Eine ähnlich gute Sendezeit hätte auch die Romantic Comedy Zwei im falschen Film verdient. So aber müssen Marc Hosemann und Laura Tonke Dienstag um 23.40 Uhr im WDR als routiniertes Paar um Liebe, Sinn und Leidenschaft kämpfen. Zeitgleich kämpft um 22.15 Uhr auf Nitro die 2. Staffel des Serien-Spinoffs von Tarantinos Horror-Legende From Dusk Till Dawn oder dem Batman-Spinoff Pennyworth auf Starzplay um Aufmerksamkeit, was der ersten Staffel einer anderen Neuinterpretation auf Netflix Freitag hierzulande etwas leichter fallen dürfte: Wir sind die Welle schickt den Jugendklassiker um ein schulisches Tyrannei-Experiment auf die Straße, wo vier Jugendliche ab Freitag zu einer idealistischen Scheinrevolte aufrufen.

Warum es in der Türkei trotz aller Repression zu keiner Revolte gegen das autokratische System Erdogans kommt, versucht Arte am selben Tag ab 20.15 Uhr mit drei Dokus zu erklären, in denen es um Väter der Türken oder Die freundlichen Islamisten der Gülen-Bewegung geht. Auch die erste Wiederholung der Woche befindet sich an der Schnittstelle von Religion und Politik: In Der Stellvertreter von 2002 spielt Ulrich Tukur Sonntag, 20.15 Uhr auf Arte den Zyklon-B-Erfinder Kurt Gerstein, der seine plötzlichen Zweifel am NS dem Papst mitteilt – und ignoriert wird. Ganz unpolitisch ist dagegen heute um Mitternacht im HR die grandiose Verfilmung von Haruki Murakamis polarisierendem Liebesroman Naokos Lächeln. Und der Tatort geht zwei Stunden früher im RBB zurück ins Jahr 1981, als ein gewisser Horst Schimanski seinen ersten Fall unter Duisburger Binnenschiffern löste.


Anna of the North/DüDo Düsterboys/AvAvAv

Anna of the North

Seit die Mafia-Serie Lilyhammer die Leichtigkeit krimineller Energie in Norwegens gleichnamige Kleinstadt verpflanzt hat, traut man der polaren Provinz nahezu alles zu. Warum also nicht auch wunderlich feinperlige Musik wie sie Anna Lotterud alias Anna of the North weit einiger Zeit kreiert. Aus einem Nachbardorf des ehemaligen Olympia-Standortes in die weite Welt hinaus gezogen, versprüht ihr elektrophiler Krimskramspop eine Art getragener Fröhlichkeit, die auch auf dem zweiten Album sofort zu Herzen geht.

Wie beim Debüt Lovers vor zwei Jahren rollt auch Dream Girl intellektuell gesehen nicht die ganz großen Steine durch den Kies, keine Frage. Aber wenn sie mit sonnigem Lalala zu viele Lust und Liebe auf den Lippen zwischen Seventies-Soul und Nineties-Samples ihre Weiblichkeit in einer Zeit poröser Beziehungen und Wertemodelle reflektiert, würde man wohl selbst im Feierabendstau lächeln. Zwei, drei Stücke Anna aus dem Norden – fertig ist die gute Laune für den Moment.

Anna of the North – Dream Girl (PIAS)

Düsseldorf Düsterboys

Düsseldorf ist seit jeher ein gutes Pflaster für bessere Independent als üblich. Von A wie Antilopen Gang über K Kreidler bis S wie Stabil Elite entstehen dort auch anderthalb Generationen nach dem Punk-Hype allerlei maßgebliche Bands – wenngleich die derzeit grandioseste nur namentlich aus dem Dunstkreis des Ratinger Hofs kommt. Aber egal: wie die Essener Düsseldorf Düsterboys ihrem Namen Ehre bereiten, ist schlichtweg zum Niederknien.

Analog eingespielt, ist ihr Debütalbum Nenn mich Musik ein blubbernder Topf überm psychedelischen Lagerfeuer, was ein bisschen nach Ruhrpottfeldweg klingt, der sich in die Wüste Arizona träumt, aber auf halbem Wege am Strand von Ibiza landet. Peter Rubel und Pedro Goncalves Crescenti, die Köpfe von International Music, schaffen es im Quartett mit zerzauster Gitarre, Bläsertupfen und verwehendem Doppelgesang einen Folkpop zu zaubern, der äußerst unterhaltsam nach futuristischem Kammerpunk klingt. Ach, Düsseldorf – du bringst es auch, wenn du Essen bist…

Düsseldorf Düsterboys – Nenn mich Musik (Staatsakt)

Hype der Woche

Av Av Av

Aus den Hallräumen der Achtziger, als Düsseldorf noch ein Nabel des deutschen New Wave war, kommt die selbsterklärte Supergroup Av Av Av, in der sich drei dänische Top-DJs und Produzenten namens Eloq, Unkwon, Er Du Dum Eller Hvad zusammen getan haben. Bei einem Land, dass so herausragende Electronica-Projekte wie Den Sorte Skole oder Analogik hervorbringt, sind solche Vereinigungen natürlich immer bemerkenswert. Und in der Tat: Das Debütalbum No Statues (The Bank Music) vereinigt orchestralen House und engmaschige Samples mit einer Ladung Breakbeats und vordergründig phrasenhaftem, hintergründig politischem Sprechgesang zu einer hocheleganten, hochenergetischen Melange, die ein bisschen an French House auf Dubstep erinnert. Vor allem aber: sehr, sehr, sehr tanzbar sein dürfte.

 

Av Av Av – Statues (The Bank Music)


Ulrich Noethen: Himmler, Helden, gute Nazis

Bin ich ein Klimaverbrecher?

Ulrich Noethen (Foto: David Dollmann/ARD) spielt von Sympathieträger bis Bösewicht alles. Als Schiffskapitän, der vor 80 Jahren Hunderten von Juden das Leben gerettet hat, steht er irgendwie dazwischen. Ein Interview über Helden und Mitläufer, den ARD-Film Die Irrfahrt der St. Louis und was er mit den Flüchtlingen von heute zu tun hat.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Noethen, Sie spielen vom netten Sympathieträger bis zum schlimmsten Bösewicht, von Herrn Taschenbier bis Heinrich Himmler alles mit großer Glaubwürdigkeit. Was qualifiziert Sie für diese Bandbreite?

Ulrich Noethen: Keine Ahnung. Sagen Sie’s mir!

Vielleicht Ihr, pardon, eher durchschnittliches Gesicht?

Finden Sie? Vielleicht, könnte sein: weder Kindchenschema noch strahlender Held noch dunkler Antagonist. Andererseits gibt es sehr viele Kollegen mit äußerst ausgeprägten Gesichtszügen, die ebenfalls alles glaubhaft machen, aber eben Präferenzen herausbilden.

Haben Sie keine?

Nicht unbedingt. Allerdings ist es für das seelische Gleichgewicht gesünder, positive Charaktere zu spielen, bei den negativen bleibt immer etwas in einem hängen, von dem man im Anschluss mühsam Abstand gewinnen muss. Bei positiveren muss man dagegen nach Drehende versuchen, wieder festen Boden unter die Füße zu kriegen.

Was ist anstrengender?

Das Böse. Man blickt in Abgründe, die sich unter dem dünnen Firnis von Zivilisation und Kultiviertheit in jedem von uns auftun können; das zu erkennen, ist oft schmerzhaft. Am liebsten sind mir daher Figuren wie Ferdinand Sauerbruch, die beides in sich vereinigen.

Oder Ihr Kapitän Schröder, der in Die Irrfahrt der St. Louis mit Hakenkreuz-Anstecker Hunderte von Juden rettet.

Der trägt zwar, weil es bei der Hapag zum guten Ton gehörte, das Parteiabzeichen der NSDAP am Revers. Trotzdem ist er ein Guter. Spätestens in dem Moment, wo er sich als Vater eines behinderten Sohnes persönlich mit der menschenverachtenden Nazi-Ideologie konfrontiert sieht, beginnt er es innerlich abzulehnen. Jetzt könnte man sagen: Dennoch, ein Mitläufer!

In der Tat.

Und so gesehen haben sich natürlich sehr viele schuldig gemacht. Aber als Schauspieler fühle ich mich herausgefordert, Charaktere in ihrer ganzen Vielfalt darzustellen, so weit es das Drehbuch zulässt. Wer da zu eindimensional bleibt, landet zwangsläufig in Hollywood oder dem sowjetischen Propagandafilm, wo der Nazi schlicht die Personifizierung des Bösen ist. Punkt.

Langweilig…

Weil so vorhersehbar.

Haben Sie sich selbst je die Frage gestellt, wie Sie damals gehandelt hätten?

Deswegen machen wir doch solche Filme. Nur wenn es mir gelingt, über den Film die Vergangenheit mit der Gegenwart zu verknüpfen, kann daraus etwas Sinnvolles entstehen – und nimmt mir nebenbei die Angst, in die schon angesprochenen Abgründe zu schauen.

Zumal die Frage, wie man damals reagiert hätte, aktueller denn je ist.

Genau, wir können uns jetzt ja sehr aktuell selber fragen, was wir machen, wenn Flüchtlinge auf dem Meer treiben und niemand will sie aufnehmen.Wie1938 die Passagiere der St. Louis von Kapitän Schröder. Das Gleiche gilt für den Klimawandel. Werden spätere Generationen mit dem Finger auf mich zeigen und sagen: du warst schuld? Bin ich da Klimaverbrecher oder bloß Mitläufer?

Reicht gewissenhafte Mülltrennung oder nur radikale Müllvermeidung?

Ich glaube nicht an die Eigenverantwortung des Einzelnen als Allheilmittel; Freiwilligkeit allein wird nicht funktionieren, wir werden um klare Regeln nicht herumkommen. Und dagegen wird es auch viel Widerstand geben. Der Egoismus des Menschen ist stark.

Haben Filme wie dieser, der die Flüchtlingskrise von 2019 auf jene von 1938 überträgt, da so etwas wie Appellcharakter?

Es musste im Film gar nicht auf die heutige Situation hingewiesen werden. Die Parallelität ist so evident, dass beim Zuschauen automatisch Kopfkino entsteht. Es ist ein Gebot der Menschlichkeit, Menschen nicht in den Tod gehen zu lassen. Flüchtlinge dürfen nicht ertrinken. Was Die Irrfahrt der St. Louis vielleicht vermitteln kann, ist, dass der Menschungeahnte Höhen der Selbstlosigkeit erreichen kann, wenn er nur die einfachsten Gebote der Mitmenschlichkeit befolgt.

Ist Ihnen auch als Schauspieler an dieser Art Botschaft gelegen?

Wenn ich dazu beitragen kann, nachdenklich zu machen, freue ich mich.

Aber als Prominenter, dessen Meinung in der Öffentlichkeit gehört wird, hätten Sie die Möglichkeit, Dinge zu verändern, die Ihnen am Herzen sind.

Ich glaube, da überschätzen Sie meine Möglichkeiten. Aber sollte man mich dennoch fragen, macht es mir überhaupt nichts aus, Stellung zu beziehen. Und obwohl ich vielleicht eher Pessimist bin, möchte ich mit meiner Arbeit ein Trotzdem-Optimist sein und Hoffnung machen.

Darüber hinaus nicht?

Wenig.

So wenig wie möglich?

So viel wie nötig. Echtes Engagement finde ich gut und muss von PR in eigener Sache deutlich zu unterscheiden sein.

Was an Bord der St. Louis auffällt, ist dass es dort zwar einen Helden gibt, aber auch nur einen richtigen Nazi, während die meisten an Bord Opfer sind. Verklärt das wie so oft im Historienmelodram nicht die Realität, in der es vor Tätern nur so wimmelte?

Nein. Die Vorgänge an Bord der St. Louis haben stattgefunden. Es handelt sich bei „Die Ungewollten“ nicht um ein Historienmelodram. Und die Menschen an Bord des Schiffes sind auch kein statistisches Äquivalent zur Bevölkerung Deutschlands im Jahr 1939.


Gewinnspielemissionen & Irland-Krimis

Die Gebrauchtwoche

14. – 20. Oktober

Dass dicke Autos und dauerndes Fernsehen die zwei Lieblingsbeschäftigungen des (seltener der) Durchschnittsdeutschen sind, ist hinlänglich bekannt. Aber wie eng dicke Autos und andauerndes Fernsehen miteinander zusammenhängen, zeigt sich erst so richtig, wenn es in letzterem um Gewinnspiele geht, bei denen nahezu ausschließlich erstere zu gewinnen sind. Das ist seit jeher irgendwie einfallslos, billig und plump, kriegt in Zeiten der Klimakrise allerdings von seiner ganz besonders deprimierenden Seite.

Während Pro7 zum Beispiel in der Green Seven Week auf die globale Verschmutzung durch Plastikmüll informiert und auch sonst immer mal wieder Betroffenheitsentertainment zum vermeintlichen Wohl der Umwelt zwischen die Massenkonsumwerbung quetscht, gibt es beim Duell von Joko & Klaas gegen den eigenen Sender einen BMW Z4 mit emissionsfreien 380 PS für den testosterongesättigten Klimawandelleugner zu gewinnen. Eine Art zynischer Doppelzüngigkeit, die nur das Erste noch toppt, indem es bei der Wahl zum Tor des Monats ein superfettes Wohnmobil für den hyperfossilen Urlaubsspaß verlost. Mal ein Elektro-Auto oder sagen wir: ökologisch verantwortungsbewussten Urlaub in der Region als Hauptpreis? Nicht mit den Massenmedien.

Die dafür allerdings auch weitaus weniger Energie pro Sendeeinheit verbrauchen als Streamingdienste, deren Stromverbrauch sich jährlich auf mittlerweile 200 Milliarden Kilowattstunden summiert – Tendenz steigend, sobald Anfang November die Portale von Disney und Apple auf Sendung gehen. Dem Platzhirsch Netflix bereitet das allerdings aus einem ganz anderen Grund Sorge, und der ist, wenig überraschend, finanzieller Natur. Denn nachdem die zuletzt stagnierenden Abos im vorigen Quartal um stolze 6,8 Millionen auf mittlerweile 158 gestiegen ist und der Umsatz im Jahresvergleich um 31 Prozent auf 5,2 Milliarden Dollar wuchs, könnte die neue Konkurrenz für eine Delle sorgen.

Die Frischwoche

21. – 27. Oktober

An dieser Stelle Video-on-Demand-Formate zu empfehlen, ist natürlich ebenfalls ein wenig, nun ja, hybrid. Aber entscheiden tut am Ende ja doch das Publikum, was es sehen will und was nicht, aus welchem Grund auch immer. Qualitativ jedenfalls ist am Vierteiler Catherine the Great mit Helen Mirren, die ab Donnerstag auf Sky vier Teile lang als russische Herrscherin brilliert, nichts auszusetzen – was mit Abstrichen auch für die Netflix-Serie Daybreak gilt, in der das Zombie-Thema zeitgleich zur Coming-of-Age-Geschichte erweitert.

Um weniger Profit und Kohlendioxid geht es dagegen bei der öffentlich-rechtlichen Fiktion dieser Woche. Zugleich sorgen geringere Budgets und Emissionen offenbar auch dafür, dass die öffentlich-rechtlichen Ergebnisse spürbar konventioneller sind. Extrem explizit gilt das für den Irland-Krimi, mit dem die ARD ab Donnerstag (20.15 Uhr) ihr Portfolio klischeehafter Auslandsermittler*innen aufbläht, was die Hauptdarstellerin Désirée Nosbusch als exildeutsche Kommissarin mit deprimierendem Privatleben nach ihrem zweiten Frühling in Bad Banks wieder auf den Boden der deutschen Durchschnittsunterhaltung zurückholt.

Immerhin ordentliche Durchschnittsunterhaltung ist der ARD-Mittwochsfilm Was wir wussten, um den Skandal gefährlicher Antibaby-Mikropillen für Teenager, der sich vor zehn Jahren tatsächlich ereignet hatte. Geradezu gelungene Durchschnittsunterhaltung gibt es an gleicher Stelle schon heute in Die Irrfahrt der St. Louis. Ulrich Noethen spielt darin den real existierenden Kapitän Gustav Schröder, der 1939 knapp 1000 jüdische Flüchtlinge auf seinem Luxusdampfer über den Atlantik und zurück in Sicherheit gebracht hatte. Dass unkonventionell nicht gleich anspruchsvoll ist, belegt aber Sascha Lobo Donnerstag um 23 Uhr auf Neo.

Eigentlich will der selbsternannte Digitalhipster mit dem Irokesen-Brandig in seinem Social Factual Radikalisiert ja über den Hass im Netz informieren; heraus kommt dabei jedoch nur eine Freak- und Horrorshow des herrschenden Wut- und Terrordiskurses. Letzteren gab es zur Drehzeit der Wiederholung der Woche nur bedingt, weshalb Bernhard Wickis schwarzweißes Meisterwerk Die Brücke (Samstag, 23.30 Uhr, RBB) ums kindliche Kanonenfutter des nationalsozialistischen Volkssturms 1959 in ein gewaltiges Schweigegebäude über deutsche Schuld und Sühne eindrang. Eines, das noch fünf Jahre später von Filmen wie Winnetou II und III tapeziert wurde, die der SWR drei Stunden früher zeigt. Guten Gebraucht-Tatort gibt es dieser Tage leider nicht


Ali Barter, Grey Hairs, clipping.

Ali Barter

Als Ali Barter vor zwei Jahren ihr Debütalbum herausgebracht hat, verfügte Alternative-Rock plötzlich über völlig neues Handwerkszeug, um den räudigen Charme selbstbestimmter Musikerinnen zu tarnen. Die australische Songwriterin überzuckerte ihre scheinbar fragile Lolita-Stimme nämlich mit so süßlichem Liebreiz, dass oft gar nicht auffiel, wie bitter und derb die Texte überm Gitarrenbrett vielfach waren. Das legte die Messlatte fürs neue Album hoch oder tief – je nach Perspektive.

Und in der Tat: Hello I’m Doing My Best schmeißt uns schon im Opener über ihren Ex Lester kratzig schön “Don’t you know that love sucks” oder “don’t you know that life’s a bitch” um die Ohren, bevor Ali Barter im powerpoppigen Punk des Titelsongs alles macht, was böse Mädchen eigentlich schon immer gemacht haben, nur diesmal mit einer noch hinreißenderen Schnodderigkeit in den Riffs und mehr wütendem Geschrei darüber. Selten so lieblich gekratzt worden.

Ali Barter – Hello I’m Doing My Best (PIAS)

Grey Hairs

Nicht mehr nur zerkratzt, sondern virtuos zerfleischt kriecht man hingegen nach einer Ladung Grey Hairs unter der Wall of Punkrocksound hervor, die das Quartett aus Nottingham auch auf ihrer dritten Platte bauen. Irgendwie bandnamengerecht Health & Social Care betitelt, geht es darin dramaturgisch in der Tat um Englands heillos ruinierte Gesundheits- und Sozialsysteme, wobei die meisten der zehn Tracks klingen, als würden Slayer dabei sediert in der Gummizelle randalieren.

Kein Wunder, dass die Grauen (Scham-)Haare 2018 mit den Sleaford Mods getourt sind. Der Noisepunk von Chris (Gitarre), James (Gesang), Amy (Bass) und Dave (Drums) ist schließlich so wellblechscheppernd schön und saitenzersägt schillernd, dass man sich an die frühen NoMeansNo erinnert fühlt – nur mit weniger Jazz und Humor, dafür mehr Rotz und Wut. Das Resultat ist eine Art Psychosurfrock ohne Sommer, Sonne, Strand und Surfen zum stocknüchtern durchdrehen.

Grey Hairs – Healt & Social Care (Gringo Records)

Hype der Woche

clipping.

Der Prophet, so heißt es, zählt im eigenen Land wenig, was in der Musik fürs eigene Genre gelten würde. Das ist natürlich zunächst mal nur ein Sprichwort, aber wäre es anders, müsste das experimentelle Rap-Trio clipping. auf dem Olymp einflussreichen HipHops ganz oben stehen, schräg gegenüber von den Einstürzenden Neubauten, für die das Gleiche im experimentellen Rock gilt. Dummerweise sind beide unter Fachleuten respektiert, im Mainstream aber nicht, was schon deshalb interessant ist, weil sie ziemlich wesensverwandt sind, ohne es zu wissen. Auf dem neuen Album der Kalifornier türmen die Producer William Hutson und Jonathan Snipes ja wieder ein zerkratztes Sampling-Gebäude über die Hochgeschwindigkeitsreime von Daveed Diggs, das Noise mit Industrial und Rap zu einer ganz neuen Form alternativen Pops macht. Ständig stürzt auf There Existed an Addiction to Blood (Sup Pop) etwas in sich zusammen, überall knarzen, knirschen, scheppern Alltags- und Kunstgeräusche durch die Lyrics. HipHop als Abraumhalde der musikalischen Subversion und als solche nicht weniger als prophetisch brillant.


Georg Restle: Rückgrat, Hass & Monitor Teil 2

Wehret der Normalisierung!

Nachdem er es in einem Kommentar der Tagesthemen gewagt hatte, Verbindungen der AfD ins rechtsextreme Lager anzuprangern, erhielt Georg Restle (Foto: Fulvio Zanettini/WDR) nicht nur den üblichen Shitstorm, sondern konkrete Morddrohungen. Zweiter Teil des Interviews mit dem Leiter des ARD-Magazins Monitor über Hass im Netz und was er mit dem Journalismus unserer Zeit anstellt.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Sie haben die Pressefreiheit nicht erwähnt, obwohl besonders die im Fadenkreuz der parlamentarischen und außerparlamentarischen Rechten steht. Haben Sie die Befürchtung, dass sie irgendwann ernstlich in Gefahr gerät?

Georg Restle: Natürlich ist auch die Pressefreiheit in Gefahr. Dazu müssen wir ja nur auf die europäischen Vorbilder der AfD wie Viktor Orbán in Ungarn schauen, der kritische Medien aufkauft oder schließen lässt. Dass AfD-Vertreter hierzulande vom „Ausmisten“ der Verlage oder Rundfunkanstalten sprechen, zeigt überdeutlich: Diese Leute sind die größten Feinde der Pressefreiheit. Es gibt da aber einen Prozess, den ich für mindestens so bedenklich halte – damit meine ich das ständige journalistische Zurückweichen vor menschenverachtenden und freiheitsfeindlichen Positionen im Rahmen einer falsch verstandenen Ausgewogenheit.

Inwiefern falsch verstanden?

Je mehr wir den Raum öffnen für solche Ideologien, umso mehr tragen wir dazu bei, dass sie sich in der Mitte der Gesellschaft breit machen. Man sagt ja oft „Wehret den Anfängen!“ Dabei sind wir über diesen Punkt längst hinaus. Es müsste heißen: „Wehret der Normalisierung“. Denn es ist nicht normal, wenn Menschendie Würde abgesprochen wird, nur weil sie keine Deutschen sind; es ist nicht normal, wenn sich gerade in diesem Land ein völkischer Nationalismus wieder ausbreitet; und es ist schon gar nicht normal, wenn Journalisten, die ihren Job machen, dafür ins Visier von rechtsextremistischen Gewalttätern geraten.

Bereitet Ihnen das denn Sorge oder bleibt Ihr Kopf auch da kühl?

Sowohl als auch. Aber ich habe in der Tat große Sorge, dass sich immer mehr Menschen an diese Grenzverschiebungen gewöhnen und den Halt verlieren, den uns zumindest die Grundwerte unserer Verfassung oder die Lehren unserer Vergangenheit geben sollten. Trotzdem will ich mir die Zuversicht nicht nehmen lassen, dass dieser Prozess noch umgekehrt wer den kann.

Auch, indem wir einer Partei, die rechnerisch weniger als zehn Prozent der Menschen in diesem Land parlamentarisch vertritt, weniger Raum im öffentlichen Diskurs gewähren als bislang?

Wer sagt, die AfD sei die größte Oppositionspartei im Bundestag, dem antworte ich, dass es selten zuvor eine kleinere größte Oppositionspartei gegeben hat. Unabhängig davon: Wenn ich mir den wachsenden Einfluss des völkisch-nationalistischen Flügels der AfD mit direkter Verbindung zu „Identitären“ und anderen Rechtsextremisten betrachte, kann es doch nicht ernsthaft unsere Aufgabe sein, dieser Partei allein entsprechend des Anteils ihrer Parlamentssitze auf allen Kanälen Reichweite einzuräumen. Von einer rein arithmetischen Verteilung der Aufmerksamkeit halte ich ohnehin wenig. Als Journalisten sollte es uns doch um Relevanz gehen. Oder wollen wir künftig auch den gefährlichsten Blödsinn verbreiten, nur weil ein Politiker gerade mal wieder rechnerisch dran ist? Darum kann es doch nicht gehen!

Aber doch auch um Einfluss im öffentlichen Diskurs.

Ja, und den versucht die AfD geradezu kampagnenartig auszuweiten. Interessanterweise ausgerechnet dadurch, dass sie mehr Präsenz in den von ihnen verhassten öffentlich-rechtlichen Medien einfordert. Aber wir sind unabhängige Journalisten und hoffentlich geübt darin, politische Einflussversuche auf unsere Berichterstattung quantitativ wie qualitativ zurückzuweisen, ganz gleich von welcher Partei sie kommen.

Aber?

Dabei dürfen wir nicht über jedes Stöckchen springen, das uns etwa die AfD hinhält. Jüngstes Beispiel ist das Düsseldorfer Rheinbad, wo sie angesichts angeblich marodierender Banden nordafrikanischer Migranten quasi den nationalen Notstand ausgerufen hat – jenseits aller Fakten.

Und selbst seriöse Medien riefen mit.

Ja, und auch das finde ich eine besorgniserregende Entwicklung. Hier wurden die ersten Polizeimeldungen viel zu schnell und viel zu unkritisch übernommen. Mein Eindruck ist, dass sich immer mehr Kollegen und Kolleginnen durch Kampagnen vom rechten Rand treiben lassen, um sich bloß nicht dem Vorwurf auszuliefern, man habe hier irgendwas verharmlost oder verschwiegen. Damit machen sie sich aber oft nur zum Werkzeug solcher Kampagnen.

Und bringen anders als früher selbst einzelne Straftaten von Vergewaltigung bis Mord in die Tagesschau, sofern sie nur einen Migrationshintergrund haben.

Ich glaube, wir müssen wieder selbstbewusst zur Frage zurückkehren, was wirklich relevant ist, statt uns von denjenigen treiben zu lassen, die vor allem über die Sozialen Medien Masse simulieren. Aus dieser Spirale müssen sich alle Journalistinnen und Journalisten, nicht nur wir öffentlich-rechtlichen, befreien. Die vorhersehbare Kritik aus diesem Lager muss man dann aushalten. Was umso leichter fällt, je sicherer wir uns unserer journalistischen Kriterien sind. Ansonsten bringen wir die Pressefreiheit selbst in Gefahr.

Glauben Sie, diese Gefahr beinhaltet, dass auch hierzulande bald Journalisten Ihrer Arbeit zum Opfer fallen wie es voriges Jahr weltweit mehr als 80 Mal geschehen ist?

Wenn man sich anschaut, wie die Gewaltbereitschaft innerhalb der rechtsextremistischen Szene zunimmt, halte ich es keinesfalls für ausgeschlossen, dass sich auch in Deutschland irgendwann jemand durch die andauernde Hetze gegen „die Medien“ animiert fühlt, zur Tat zu schreiten. Soweit Rechtsextremisten uns als Teil eines von ihnen verhassten Systems wahrnehmen, das sie gewaltsam stürzen wollen, sehe ich hier tatsächlich eine wachsende Bedrohung.

Eine andere Gefahr für die Pressefreiheit besteht weniger in unmittelbarer Gewalt, sondern mittelbar darin, dass Populisten aller Lager wie in Ungarn oder der Türkei ihren Einfluss geltend machen und kritische Stimmen schlicht aufkaufen. Sehen Sie diese Gefahr auch in Deutschland?

Ich sehe uns von Entwicklungen wie in Ungarn oder der Türkei weit entfernt. Aber es gibt ja noch eine andere Entwicklung: Wir erleben gerade, dass in Ländern wie Österreich eine Partei wie die FPÖ längst ihre eigenen „Nachrichten“-Kanäle aufbaut – mit einigem Erfolg. Grotesk, dass das von deren Anhängern als unabhängiges Medium begriffen wird. Daran wird deutlich, wie absurd und verlogen die Medienkritik aus dieser Ecke ist. Das gilt aber auch für Deutschland, wo unabhängiger Journalismus ganz gezielt in Misskredit gebracht wird. Dass ausgerechnet ein regierungskritisches Magazin wie Monitor auch von Vertretern der AfD regelmäßig als „regierungshörig“ verunglimpft wird, zeigt, dass es diesen Kritikern schlicht um die Verbreitung ihrer eigenen Propaganda geht und sonst nichts.

Aber was muss, was können Politik und Gesellschaft denn tun, um dieser Sorge entgegenzuwirken, Hass und Hetze also den Nährboden zu entziehen?

Von der politischen Seite brauchen wir ein viel klareres Bekenntnis zur Pressefreiheit als bisher. Und da geht es nicht nur um Angriffe aus dem Umfeld der AfD. Die Entwicklung der vergangenen Jahre waren gesetzgeberisch nicht gerade von einer Stärkung unseres Berufsstandes geprägt, wenn ich nur an die Novellierungen der diversen Polizeigesetze in Bayern und anderen Bundesländern denke. Abgesehen von der rein rechtlichen Lage gehört dazu aber auch, die Bedeutung der Pressefreiheitoffensiver zu würdigen und dabei auch den öffentlich-rechtlichen Rundfunk als kontroversen, streitbaren, pluralistischen und meinungsfreudigen Garant für Freiheit und Demokratie zu stärken. Hier liegt es allerdings auch an uns Journalistinnen und Journalisten, die Bedeutung unseres Programmauftrags herauszustellen. Mit Grabenkämpfen zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten Journalisten ist jedenfalls niemandem gedient. Der Demokratie am wenigsten.

Und die Zivilgesellschaft?

Erkennt hoffentlich, wie wichtig ein öffentlich-rechtlicher Rundfunk, der seinen Auftrag ernst nimmt, für eine freiheitlich verfasste Gesellschaft ist.

Das wäre der grundsätzliche Umgang mit Gefahren vom extremistischen Rand. Gibt es dagegen auch Patentrezepte, wie man persönlich damit umgeht? Anders ausgedrückt: was empfehlen Sie Kollegen, die sich in einer ähnlichen Bedrohungslage befinden und bei Ihnen Rat suchen?

Am wichtigsten ist es zunächst, Betroffenen klar zu machen, wie klein die Zahl derer ist, von denen solche Hetze und solche Bedrohungen ausgehen. Man darf die Lautstärke einer kleinen Minderheit da nicht mit der Mehrheit verwechseln. Es gibt Erkenntnisse, nach denen gerade mal fünf Prozent der User für einen großen Teil aller Kommentare in den Sozialen Medien verantwortlich sind. Die weitaus leisere Mehrzahl der Menschen hält unsere Arbeit überwiegend für absolut notwendig. Deshalb sage ich Kolleginnen und Kollegen mit ähnlichen Erfahrungen wie meinen immer wieder: Lasst euch von diesen Lautsprechern nicht beeindrucken. Und: Die Hetze mag persönlich formuliert sein, letztendlich gilt der Angriff aber nicht der Person sondern der Presse- und Meinungsfreiheit.

Leichter gesagt als getan…

In der Tat. Und deshalb sage ich ebenso deutlich, dass die Abneigung der von uns Kritisierten zu unserem Job eben auch dazugehört. Wem es in der Küche zu heiß wird, sollte besser kein Koch werden; ein dickes Fell gehört ebenso zu unserem Beruf wie Wahrheitsliebe oder journalistisches Handwerk. Eine Erfahrung habe ich allerdings auch gemacht habe: Je weniger man sich vom Hass einschüchtern lässt, desto eher geben die Hetzer auf. Man sollte auch nicht auf jeden Schrott reagieren.

Und wenn Betroffene diese Gelassenheit nicht hinkriegen, statt Ratschlägen also einfach Trost brauchen?

Da hilft dann kein Berufsethos, sondern nur noch Empathie. Schließlich kann ich gut nachvollziehen, wie heftig ein Shitstorm beziehungsweise hate speech gerade auf diejenigen wirkt, die damit wenig bis keine Erfahrung haben. Und ich kann es niemandem verübeln, der sich dem nicht permanent aussetzen will. Trotzdem bleibt Gegenhalten für uns alle der einzig richtige Weg. Wer immer weiterzurückweicht, kann irgendwann nicht mehr in den Spiegel sehen. Und das wünsche ich weder uns noch der Gesellschaft.

Helfen die Verlage und Funkhäuser ihren Mitarbeitern genug, um mit der gegenwärtigen Situation klarzukommen?

Da gibt es definitiv Nachholbedarf. Die Schulung im Umgang mit Hasskampagnen und Bedrohungen sollte frühzeitig auf allen Ebenen verbessert werden. Im Grunde müsste das sogar Teil der journalistischen Ausbildung sein; gerade in den sozialen Medien reicht es schon lange nicht mehr aus, nur coolen oder relevanten Content zu produzieren, man muss auch lernen, wie man mit Reaktionen darauf professionell umgeht.

Gibt es – etwa beim WDR – bereits Überlegungen, analog zu Gleichstellungsbeauftragten Shitstorm-Beauftragte zu installieren?

Es gibt beim WDR ja immerhin eine Social-Media-Beauftragte, die die Redaktionen bei Bedarf berät und für den WDR Hasspostings gegebenenfalls anzeigt. Solche Beratungen sind umso wichtiger, weil ich in der letzten Zeit ein wachsendes Maß an Verunsicherung in den Redaktionen wahrnehme. Am Ende geht es hier auch um journalistische Qualität: Denn wenn wir uns von Anfeindungen beeindrucken lassen, hat das natürlich auch Auswirkungen auf unsere Berichterstattung.

Gibt es in diesem Beruf eigentlich auch so etwas wie ein „Viel-Feind-viel-Ehr-Denken“?

Das mag es geben, aber wir bei Monitor und auch ich persönlich halten wenig davon. Wir berichten nicht, um uns Feinde zu machen, sondern um auf gesellschaftliche Missstände hinzuweisen. Es geht uns um präzise Kritik an den herrschenden Verhältnissen und nicht um Konfrontation um der Konfrontation willen. Dass der Kritiker nicht überall willkommen ist, schon gar nicht bei denen, die kritisiert werden, ist dabei eine wenig überraschende Erkenntnis.

Dieses Entgegenstellen, so haben Sie schon mehrfach betont, ist ein Kampf für werteorientierten Journalismus. Was genau kann man sich darunter vorstellen?

Ich wehre mich mit diesem Begriff gegen eine falsch verstandene Vorstellung von Neutralität und Ausgewogenheit. Aus meiner Sicht ist einer der größten Fehler, den wir machen können, extremistische oder rassistische Äußerungen als Ausdruck von Meinungsvielfalt wahrzunehmen und uns damit aktiv an einer Entwertung unserer Grundwerte zu beteiligen.

Sie machen sich also, anders als Hanns Joachim Friedrichs mal gefordert hat, durchaus mit einer guten Sache gemein?

In diesem Sinne ja. Schon weil er im Umkehrschluss ganz sicher nicht gemeint hat, dass wir uns mit einer schlechten Sache gemein machen sollten. Und sei es nur dadurch, indem wir ihren Protagonisten das Feld überlassen.


Döpfners Rechtsruck & Losers Optimierung

Die Frischwoche

7. – 13. Oktober

Als der außerparlamentarische Rechtsextremismus die parlamentarische Vorarbeit am Mittwoch in den antisemitischen Terroranschlag von Halle verwandelt hat, musste man unwillkürlich an einen Witz der heute-show denken. Dort jubelte die AfD über einen, der angeblich von Islamisten verübt worden war, bevor die Linke darüber frohlockte, dass der Täter doch ein Deutscher gewesen sein soll. Witzig. Und ähnlich entlarvend wie Oli Welkes Kollege Jan Böhmermann, der den Synagogen-Angreifer in den Kontext der Radikalisierung im Land stellte und twitterte: Alles Einzeltäter since 1933. Witzig. Und ganz schön boshaft.

Dabei war der mediale Grundton ansonsten eher nüchtern. Die Sondersendungen aller Kanäle waren selbst auf RTL erstaunlich ausgewogen, bei aller gebotenen Zurückhaltung aber auch fast schon defensiv in der Bewertung des offensichtlich rechen Hintergrunds mitsamt Tatgeständnis und -Video, das überdies dank wirksamer Schutzmechanismen so selten hochgeladen und verlinkt wurde, dass der schäbige Versuch eines Welt-Artikels von Springer-Chef Döpfner, die Verantwortung für Halle Willkommenskultur und Political Correctness, statt rechter Ideologie in die Schuhe zu schieben, aus dem Chor der Seriosität hervorstach wie ein Pickel auf reiner Haut.

Umso erstaunlicher ist es, dass der Gesprächspartner im ZDF-Morgenmagazin zum Thema zwei Tage darauf ausgerechnet AfD-Sprecher Jörg Meuthen war, dessen Partei das versuchte Massaker theoretisch unterfüttern half. Wer übrigens bei allem glaubhaften Entsetzen ebenfalls einen Anflug von Erleichterung verspüren dürfte, ist die CDU/CSU, denen der Anschlag von Halle dazu verholfen hat, dass sich Öffentlichkeit und Medien ein paar Tage lang nicht dem politischen Totalversagen in Sachen Klimakrise widmen müssen. Einem Entertainer wie Disney ist all dies aber ohnehin völlig Wumpe.

Ganz im Gegenteil zum Konkurrenzkampf beim Streaming, den der weltgrößte Unterhaltungskonzern künftig mit einer eigenen Plattform forciert. Um dort möglichst bald die Alleinherrschaft zu übernehmen, verbannt er vorsorglich schon mal Werbung für den Mitbewerber Netflix von allen Disney-Kanälen. Wem das vermutlich mal gar nichts ausmachen wird, ist – Netflix. Dort bietet man nämlich einfach weiterhin Serien an, die Disney fortan vermutlich mit Superhelden, Superhelden und vielleicht noch ein paar Superhelden zu besiegen versucht.

Die Gebrauchtwoche

14. – 20. Oktober

Ab Freitag zum Beispiel Living with Yourself. Der ehemalige Ant-Man Paul Rudd spielt darin einen Loser, der nach einer mysteriösen Wellness-Therapie plötzlich auf die optimierte Version seiner selbst trifft und fortan mit dem Klon um die Deutungshoheit über sein verkorkstes Leben kämpft. Dass gute Serie auch öffentlich-rechtlich geht, zeigt heute das ZDF heute kurz nach Mitternacht mit der liebenswerten Urban-Young-Adult-Snippet-Show Fett und Fett um den altjungen Möchtegernhipster Jaksch von und mit Jakob Schreier, der sein Alkoholproblem zum Lifestyle-Gadget umdeutet und damit fünf Stunden am Stück lustige Großstadtsequenzen durchläuft.

Dazu muss man sagen, dass die Serie zuvor online gelaufen ist – wie die sensationelle Fortpflanzungsdystopie The Handmaid’s Tale auf der digitalen Plattform Hulu, bevor sie am Freitag um 22 Uhr – endlich – im Free-TV von Tele 5 landet. Apropos landen: Die dokumentarische Fiktionalisierung amerikanischer UFO-Sichtungen der früheren Nachkriegszeit von Zukunftsrückreiseexperten Robert Zemeckis läuft ab Dienstag auf der Basis offizieller Regierungsakten beim Videoportal TV Now. Beim Muttersender RTL geht dagegen tags drauf der sexistischste Populistenversteher im Fernsehland erneut auf Tauchtour durchs Wutbürgerbecken und macht sich in Mario Barth deckt auf unter anderen an die Ökobilanz von E-Autos, was gut zu seiner rettet-den-Diesel-Kampagne passt.

Fast noch schlimmer könnte da die lausige Idee von ZDFneo zu sein, ab heute, 18.35 Uhr, im Dinner Date Kuppel- und Kochshow miteinander zu kombinieren. Auweia. Wenden wir uns lieber den Spielfilmen zu. Zum Beispiel Danny Boyles herausragendes Biopic Steve Jobs mit Michael Fassbender als Digitalpionier. Warum es morgen erst zur Geisterstunde läuft, bleibt allerdings das Geheimnis des ZDF. Die ARD dagegen zeigt am Freitag auf dem Degeto-Sendeplatz nach der Tageschau Meine Nachbarn mit dem dicken Hund – ein erstaunlich feinsinniges reife-Frauen-am-Rande-des-Nervenzusammenbruchs-Porträt mit Johanna Gastorf und Katharina Maria Schubert, das allerdings auch nicht so innovativ ist, um nicht gut zu den Wiederholungen der Woche überleiten zu können.

Etwa Himmel ohne Sterne (Montag, 20.15 Uhr, Arte), Helmut Käutners deutschdeutsches Grenzdrama von 1955 in angemessen schwarzweißer Tristesse und wie bei Helmut Käutner üblich: trotz Melo und Drama ohne Pathos. Direkt gefolgt von der deutschdeutschen Grenzliebeskomödie Sonnenalle von 1998 mit unterhaltsam braunbunter Leichtigkeit und wie bei Leander Haußmann üblich präzise vorm Abgrund der Klamotte. Ohne Humor, aber mit soziokultureller Bedeutung bleibt der Tatort-Tipp Mord in der Ersten Liga mit Maria Furtwängler, die am Mittwoch (22 Uhr) im SWR zwischen Hooligans und schwulen Fußballern ermittelt, was 2011 leider nicht ungewohnter war als heute.


Rikas, Golden Dawn Arkestra, Kummer

Rikas

Wer würde nicht, Hand aufs Herz, auch gern mal die Katastrophenlage vor der Tür vergessen und sich einfach mit dem Langstreckenflieger first class auf die Bahamas verkrümeln, um – Pina Colada zur Linken, Lovetoy zur Rechten – dem karibischen Eskapismus deluxe zu frönen, statt freitags gegen die Apokalypse zu demonstrieren oder noch anstrengender: an der Siegessäule Haupverkehrsadern zu besetzen? Aber weil das natürlich nur die Dümmsten unter den Ignoranten unserer absurden Welt machen, muss man sich andere Wege zur kleinen Realitätspause suchen. Zum Beispiel die der Fluchthelfer Rikas.

Die ehemalige Schülerband aus der metabürgerlichen Feinstaubhölle Stuttgart kredenzt auf ihrem Debütalbum Showtime einen zuckrig süßen Popcocktail, der uns irgendwo zwischen Friedrich Sunlight und Paul Simon, Laid Back und Phoenix so unwiderstehlich in die Hängematte zieht, dass der PR-Slogan “Swabian Samba” Substanz erhält. Wenn wattierte Funkgitarren zu englischem Gaga-Nonsens durch die Feuchtgebiete ethnisch angedickter Strandpartysounds wehen, rutscht einem der nächste Terroranschlag kurz den Buckel runter und hinterlässt uns fröhlich sediert wie MDMA auf Sekt Mate. Tschüss Wirklichkeit, bin gleich wieder da.

Rikas – Showtime (Sony)

Golden Dawn Arkestra

Die Wirklichkeit unserer Gegenwart verabschiedet sich auch aus dem neuen Album des texanischen Golden Dawn Arkestra – wenngleich auf kantigere Art und Weise wie bei den Rikas. Für Darkness Falls on the Edge of Time hat sich das Kollektiv von bis zu 20 Musiker*inne*n aus Austin zwar ebenfalls auf Spurensuche im musikalischen Überall begeben, ist dabei jedoch weniger im Funk fündig geworden als auf dem staubigen Asphalt eines Roadmovies der späten Siebziger, das ein paar durchgeknallte Japaner scheinbar mit ein paar noch durchgeknallteren Hippies auf amerikanischen Highways eingespielt haben.

Schon die Single-Auskopplung Mama Se: Fiebrige Westernriffs tropfen über hypnotischen Chorgesang, als sei beides auf der Flucht voreinander und gleichsam auf der Jagd. Und der verschwitzte Dunst, den das Kleinorchester bei seinen viel umjubelten Live-Auftritten erzeugt, wabert auch aus der Box, wenn Allo Allo Boom im Anschluss den Postpunk der frühen Achtziger mit Bigbandpop vom Anfang dieses Jahrtausends, in die sich zwischendurch immer wieder peitschende Bläsersequenzen und afrikanische Rhythmen mischen. Nostalgie als Soundtrack des Wahnsinns. Herrlich!

Golden Dawn Arkestra – Darkness Falls on the Edge of Time (13 A Records)

Kummer

Was der deutsche HipHop braucht, um aus dem Klammergriff von gernegroß und gerneklein, Gangsta-Arroganz und Alternative-Gestus zu kommen? Die Antwort ist unterkomplex: Weniger Machismo und Autotune, mehr Bedeutung und Felix Brummer. Der – so sagt man das eben: charismatische Sänger der Chemnitzer Rockband Kraftklub hat nämlich ein Solo-Album aufgenommen, das allen Ernstes dazu geeignet ist, dem hiesigen Sprechgesang frische Luft in die diesigen Hallräume zu blasen.

Es heißt KIOX, ist angeblich zunächst nur im gleichnamigen Pop-up-Store seiner gespaltenen Heimastadt zu kriegen und von einer empathischen, selbstreflexiven, konsumkritischen, aufwühlenden Wut, mit der man wirklich noch Herzen und Hirne bewegen kann. Umringt von minimalistischen Samples, dunklen Drones, bisschen Trap, bisschen R’n’B lautet das Versprechen des Openers Nicht die Musik, “ich mach Rap wieder weich / ich mach Rap wieder traurig”. Das tut er mit vielschichtig präziser Poesie und viel Gefühl für inneren Aufruhr mit Außenwirkung.

Kummer – KIOX (Beat the Rich)


Georg Restle: Monitor, Hass & Rückgrat Teil 1

Wehret der Normalisierung!

Nachdem er es in einem Kommentar der Tagesthemen gewagt hatte, Verbindungen der AfD ins rechtsextreme Lager anzuprangern, erhielt Georg Restle (Foto: Fulvio Zanettini/WDR) nicht nur den üblichen Shitstorm, sondern konkrete Morddrohungen. Ein zweigeteiltes Interview mit dem Leiter des ARD-Magazins Monitor über Hass im Netz und was er mit dem Journalismus unserer Zeit anstellt.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Restle, sind Sie ein ängstlicher Typ?

Georg Restle: Nein.

Nie gewesen?

Jedenfalls nicht im beruflichen Zusammenhang. Sonst hätte ich weder in Russland, geschweige denn für Monitor arbeiten können. Das schließt sich aus.

Sind Sie denn wenigstens ein vorsichtiger Typ?

Vorsichtig dort, wo es angebracht ist. In diesem Beruf gehört es ja dazu, sich jede Umgebung, in der man tätig ist, sehr genau anzuschauen, auch um mögliche Risiken minimieren zu können.

Hat sich durch die Ereignisse vom Juli, als Sie infolge eines Tagesthemen-Kommentars Morddrohungen erhalten haben, daran irgendetwas geändert?

Ängstlicher bin ich dadurch jedenfalls nicht geworden, solche Einschüchterungsversuche beeindrucken mich relativ wenig. Natürlich gibt es ein paar Sicherheitsvorkehrungen mehr. Ich achte bei öffentlichen Auftritten jetzt etwas aufmerksamer aufs Publikum und schaue mir unbekannte Personen, die sich mir nähern, etwas genauer an. Das würde ich aber eher erhöhte Aufmerksamkeit als Angst oder Vorsicht nennen.

Verändert die erhöhte Aufmerksamkeit dennoch etwas an Ihrem Leben?

Nicht spürbar. Wer wie ich seit mehr als 20 Jahren für ein Magazin wie Monitor arbeitet, hat diesbezüglich ein dickes Fell. Ich habe ja auch zuvor schon Morddrohungen erhalten und weiß aus dieser Erfahrung heraus recht gut einzuschätzen, was in den sozialen Medien blanker Unsinn ist und was ich möglicherweise ernster zu nehmen habe. Wenn ich mir jeden Hasspost zu Herzen nehmen würde, könnte ich diesen Job nicht auf Dauer machen. Deshalb nehme ich die meisten davon auch eher als Ansporn, weil es deutlich macht, dass wir dieser gesellschaftlichen Verrohung etwas entgegensetzen müssen.

Galt die Bedrohung wie bei der Frankfurter Rechtsanwältin Seda Basay-Yildiz im Zusammenhang mit dem NSU-Prozess denn auch Ihrer Familie?

Nein, es geht da bislang ausschließlich um meine Person. Allerdings wurde in der Vergangenheit auch die Redaktion von Monitor schon häufiger angefeindet und bedroht.

Die allerdings bei einem Magazin wie diesem, das sich politisch seit jeher meinungsstark exponiert, Anfeindungen von rechts gewohnt sein sollte…

Ach, nicht nur von rechts. Anfeindungen haben wir schon von vielen Seiten bekommen, sei es von Regierungsvertretern, von organisierten Windkraftgegnern oder aufgebrachten Landwirten. Auch wenn wir über die Menschenrechtslage in der Türkei berichten, gibt es immer wieder Hetzkampagnen aus der AKP-Gemeinde. Und wenn wir kritisch über die AfD-Vereinnahmung von Russlanddeutschen berichtet haben, gab es große Anfeindungen aus dieser Community. Allerdings haben die aktuellen Drohungen eine ganz andere Qualität.

Besteht diese Qualität in der Masse, der Wortwahl oder ihrer Glaubhaftigkeit?

Ganz sicher in der Wortwahl, aber auch in der Glaubhaftigkeit. Das sieht man schon an der Professionalität der Verschlüsselung und in der Bezugnahme auf andere Fälle. Schließlich ist bekannt, dass der Absender der jüngsten Morddrohung früher schon Kommunalpolitiker wie Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker bedroht hat…

Die kurz vor ihrer Wahl ja tatsächlich Opfer eines rechtsextremen Angriffs wurde.

Ebenso wie der Bürgermeister von Altena. Zum anderen wissen wir, dass die permanente Anheizung des politischen Klimas ihren Widerhall findet in den Echokammern gewaltbereiter Rechtsextremisten. Und das mit Folgen: Beispiele wie die Anschläge von Christchurch oder München zeigen, wie aufgeputschte Debatten in den einschlägigen Chatrooms auch Terrorakte nach sich ziehen können. Bei mir kommt hin zu, dass ich regelmäßig und sehr deutlich auch von Politikern der AfD ins Visier genommen werde, was in den Filterblasen ihrer Klientel den Eindruck verstärkt, es gäbe eine Art Widerstandsrecht gegen mich – als Vertreter eines Systems, das überwunden werden muss. Das vergrößert die Gefährdungslage in gewisser Weise. Und auch der Sound hat sich verändert.

Inwiefern?

Allgemein sowieso, da müssen Sie nur mal in meine Kommentarspalten schauen. Aber auch sehr konkret: Insofern, als in den Morddrohungen heute die zur Verfügung stehenden Waffen präzise benannt oder auch Bezüge zum Mord an Walter Lübcke hergestellt werden. Zwar wurde mir für unsere Berichterstattung schon häufiger die Pest an den Hals gewünscht, aber was da jetzt geschieht, ist auf jeden Fall abgründiger als alles bisher Dagewesene.

Sehen die Ermittlungsbehörden das genauso und ermitteln entsprechend intensiver als früher?

Weil ich in der Vergangenheit sehr zurückhaltend damit war, solche Drohungen zur Anzeige zu bringen, kann ich das für meinen Fall nicht sagen. Jetzt war es ja der WDR, der Anzeige erstattet hat und damit an die Öffentlichkeit gegangen ist. Was ich im Übrigen schon deshalb absolut richtig finde, weil dadurch öffentlich wird, wie sehr Journalisten und Journalistinnen mittlerweile ins Fadenkreuz genommen werden. Und da geht es nicht nur um mich, sondern um zahlreiche Kollegen und Kolleginnen, die seit Jahren zum Thema Rechtsextremismus recherchieren. Allgemein gesprochen habe ich allerdings nicht den Eindruck, dass die Sicherheitsbehörden die neue Dimension der Gefährdung auf dem Schirm, geschweige denn im Griff haben.

Worin besteht diese Dimension genau?

In der Radikalisierung auf mehreren Ebenen: Zunächst eine fortschreitendeGewaltbereitschaftinnerhalb der rechtsextremistischen Szene, besonders deutlich zu beobachten im Darknet, wo alle Hemmungen fallen. Dazu die Radikalisierung im politischen Raum, die sich auch durch die Verbindungen der AfD weit hinein ins rechtsextremistische Lager zeigt, wo die Grenzen zum Rechtsterrorismus zusehends verschwimmen. Ich würde mir wünschen, dass die Sicherheitsbehörden dieser neuen Entwicklung Rechnung tragen; ob das bereits ausreichend der Fall ist, sehe ich allerdings skeptisch.

Woher rührt Ihre Skepsis da?

Es macht mich schon misstrauisch, wenn Sicherheitsbehörden davon sprechen, es gäbe keine gesteigerte Gefährdung durch Todes- oder Feindeslisten, ohne dass sie Erkenntnisse darüber haben, wer sich hinter den anonymen Absendern solcher Listen überhaupt verbirgt. Dazu kommen die jüngsten Erkenntnisse über rechtsextremistische Netzwerke innerhalb der Polizei. Das ist ein nicht zu unterschätzendes Sicherheitsrisiko – auch für die Betroffenen. Wie kann ich denn darauf vertrauen, dass sicherheitsrelevante persönliche Daten hier nicht in falsche Hände geraten?

Hat sich da durch den Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke nicht etwas geändert? Seither ist doch flächendeckend von einer Zäsur die Rede.

Das stimmt, dass davon die Rede ist. Ich bin zwar weit davon entfernt zu behaupten, die Sicherheitsbehörden seien insgesamt auf dem rechten Auge blind. Solange aber kein ernsthafter Aufklärungs- und Ermittlungswille gegenüber den rechten oder gar rechtsextremen Netzwerken in den eigenen Reihen erkennbar ist, bleibt die Zäsur für mich vor allem eine rhetorische.

Und woran liegt das aus Ihrer Sicht?

Darüber könnte man jetzt lange philosophieren. Am Ende aber bleibt – 20 Jahre nach dem Beginn der NSU-Mordserie – die Erkenntnis, dass Polizeiarbeit im rechtsextremistischen und -terroristischen Milieu alles andere als eine Erfolgsgeschichte ist. Insoweit bleibe ich skeptisch. Aber man soll die Hoffnung nie aufgeben. „The proof of the pudding is the eating”, wie meine Vorgängerin bei Monitor, Sonia Mikich, immer sagte – wir werden sehen.

Bleibt Ihr Pudding vorm Essen denn ein rein juristischer oder fließt die Bedrohung Ihrer Person auch in die redaktionelle Arbeit beim WDR mit ein?

Redaktionell spielt die Geschichte für uns keine Rolle, weil persönliche Betroffenheit für uns noch nie ein journalistisches Relevanz-Kriterium war. Aber selbstverständlich schauen wir ganz allgemein auch weiterhin darauf, inwieweit die Zivilgesellschaft durch solche Bedrohungen stärker unter Druck gerät und ob Sicherheitsbehörden auf diese Bedrohungslage angemessen reagieren. Das hätten wir aber auch ohne meine persönliche Betroffenheit getan. Ich bin ja nur einer von vielen, möchte also gar nicht so sehr im Mittelpunkt der Betrachtung stehen. Wenn die Berichterstattung über meine Geschichte durch andere Medienallerdings dazu dient, anderen Mut zu machen und sich nicht unterkriegen zu lassen, hat sie schon etwas gebracht. Denn wenn wir uns einschüchtern ließen, hätten die Angstmacherschon gewonnen. Das darf nicht sein.

Und beinhaltet das, dass WDR und Monitor ihr Publikum auch über den weiteren Verlauf der Ermittlungen auf dem Laufenden halten, die Sache also zum Gegenstand der Berichterstattung machen?

Wie gesagt: Ich habe kein Interesse daran, hier Gegenstand der Berichterstattung zu sein. Viel wichtiger finde ich es, dass Journalisten immer wieder neu darüber nachdenken, wie wir mit dem gesellschaftlichen Rechtsruck – und damit auch der AfD – umgehen. Darüber wird in den Verlagen und Redaktionen zwar schon sehr lange und sehr kontrovers diskutiert. Durch die zunehmende Radikalisierung der AfD stellt sich nun aber noch dringlicher die Frage, inwieweit wir einer Partei eine Bühne geben wollen, die von der rechtsextremistischen Szene als ihr parlamentarischer Arm betrachtet wird.

Sind die Reaktionen auf Ihren Kommentar diesbezüglich sogar eine Art Motivation für Sie – jetzt erst recht?

Ich halte Trotzreaktionen für keine gute Idee, wenn es um journalistische Berichterstattung geht. Damit würden wir Gefahr laufen, uns am Ende auf das Niveau derer zu begeben, die uns derzeit so haltlos kritisieren. Stattdessen sollten wir auch weiterhin nüchtern und klar analysieren, was am rechten Rand dieser Gesellschaft gerade passiert. Deshalb warne ich davor, Berichterstattung aus persönlichen Beweggründen in die eine oder die andere Richtung kippen zu lassen. Was wir gerade am wenigsten gebrauchen können, ist Schaum vor dem Mund.

Der Rechtsextremismus ist also noch nicht so gravierend wie die Klimakatastrophe, in deren Angesicht uns Greta Thunberg geraten hat, endlich mal in Panik zu geraten?

Was heißt „nicht gravierend“ – der Rechtsextremismus ist gravierend, ohne Frage. Aber genauso wenig, wie ich von Angst getrieben bin, halte ich Panik für einen guten Ratgeber. Dazu besteht auch kein Anlass – trotz der großen Gefahren durch den Rechtsextremismus. Noch vertraue ich auf die Abwehrmechanismen der Mehrheitsgesellschaft. Insoweit sind wir von Weimarer Verhältnissen weit entfernt. Was wir uns allerdings bewusst machen sollten: Wie fragil unsere elementaren Grundrechte sind, seien es die Menschenwürde, die Meinungs- oder die Religionsfreiheit. Und dass wir diese – gerade als öffentlich-rechtliche Journalisten – offensiver verteidigen müssen.

Fortsetzung: 17. Oktober

Das Interview ist vorab im Medienmagazin journalist erschienen