2 Bier – 1 Platte

BELGRAD & Joy Division

Ronnie Henseler ist so etwas wie ein (Punk-)Tausendsassa. Wenn er nicht in seinem Alien Network Studio in Altona beschäftigt ist, spielt er Bass bei Bands wie Kommando Sonne-nmilch oder No Life Lost. Mit seiner neuen Band BELGRAD sorgt er in der Post-Punk/New-Wave/schwereinzuordnen-Szene gerade für Aufsehen. Bei Bier und Kaffee erzählt er von seinen Nicht-Vorbildern Joy Division.

Interview: Marthe Ruddat

freitagsmedien: Hast du einen Hang zu schwermütiger Musik?

Ronnie Henseler: Ich würde eher melancholisch sagen, das auf jeden Fall. Ich laufe aber nicht so durchs Leben. Ich bin schon ein Typ, der gerne Faxen macht und Spaß hat. Und trotzdem höre ich viel Musik, die eine große Melancholie in sich trägt. Sei es in den letzten Jahren Lana del Rey aus dem Pop-Bereich, Sigur Ros oder auch Joy Division.

Ein Bandkollege hat über dich gesagt, du würdest keine Musik hören, nur Passagen. Hältst du die Melancholie nicht so lange aus oder was ist da los?

Nee nee, der Kontext war ein anderer. Ich beschäftige mich ja Tag und Nacht mit Musik, die Musik ist mein Job und ich lebe davon. Wenn ich den ganzen Tag im Studio war, brauche ich Zuhause manchmal einfach meine Ruhe und ertrage keine Musik mehr. Ich würde dann nie auf die Idee kommen, eine Platte aufzulegen.

Für dieses Gespräch musstest du dich aber trotzdem für ein Album entscheiden. Bei Joy Division ist die Auswahl wenigstens nicht so groß.

Stimmt, ich finde beide Alben auch extrem stark. Ich entscheide mich aber für das zweite Album Closer, es ist einfach noch ein bisschen extremer, düsterer, melancholischer, tiefgehender – ein bisschen mehr auf den Punkt als das erste Album.

Closer ist das zweite und letzte Album von Joy Division. Es erschien im Juli 1980 und damit bereits nach dem Tod von Ian Curtis. Der Sänger nahm sich zwei Monate zuvor das Leben. Beide Joy Division-Alben gelten als Meisterwerke des Post-Punk. Nach Curtis’ Tod legten die drei verbliebenen Bandmitglieder den Namen Joy Division ab und machten als New Order weiter.

Was macht diese Tiefe und Melancholie aus?

Man bekommt einerseits einen Einblick in das Seelenleben von Ian Curtis. Andererseits bleibt so vieles offen. Ich verstehe selbst nach einigem Nachlesen manche Texte nicht vollständig. Ian Curtis hat in einem Interview auch mal gesagt, dass er das Publikum nicht komplett an die Hand nehmen will, sondern es selbst assoziativ arbeiten soll. Ich finde, dass das bei dem Album auch sehr gut funktioniert und es dadurch eine große Kraft entwickelt.

Hast du beim Hören also immer noch Aha-Momente?

Ja, und das wirklich auch in allen Bereichen – textlich, tontechnisch oder spieltechnisch.

Welcher war der letzte?

Das letzte Mal sind mir vier Zeilen aus Isolation plötzlich besonders aufgefallen:

Mother I tried please believe me,
I’m doing the best that I can.
I’m ashamed of the things I’ve been put through,
I’m ashamed of the person I am.

Ich finde den Text so unglaublich düster und niederschmetternd. Daran merkt man, mit welcher Tiefe Curtis in Worten hantiert hat. Davor habe ich großen Respekt, das ist einfach großartig.

Joy Division – Isolation

In fear every day, every evening,
He calls her aloud from above,
Carefully watched for a reason,
Pain staking devotion and love,
Surrendered to self preservation,
From others who care for themselves.
A blindness that touches perfection,
But hurts just like anything else.

Isolation, isolation, isolation.

Mother I tried please believe me,
I’m doing the best that I can.
I’m ashamed of the things I’ve been put through,
I’m ashamed of the person I am.

Isolation, isolation, isolation.

Mit wem aus der Band würdest du gerne mal ein Bier trinken? Den Tod können wir an dieser Stelle auch mal ignorieren.

Nach allem, was ich über die Band gelesen habe, denke ich, dass ein Bier mit Ian Curtis vermutlich wirklich am interessantesten wäre. Der Bassist Peter Hook hat irgendwann mal erzählt, dass der Band erst nach Curtis’ Tod aufgefallen ist, was für Texte er überhaupt geschrieben hat. Das habe ich tatsächlich auch schon selber erlebt: Der Sänger einer meiner Bands war wütend, weil er das Gefühl hatte, wir anderen Mitglieder bekommen gar nicht mit oder uns interessiert nicht, was er da schreibt. Vor diesem Hintergrund stelle ich mir ein Gespräch mit Ian Curtis schon am spannendsten vor. Nichtsdestotrotz schätze ich, dass auch die anderen drei sehr sympathische Typen sind, die viel zu erzählen haben.

Hast du so etwas wie musikalische Vorbilder? Joy Division vielleicht?

Naja, also wenn jetzt jemand sagen würde, dass BELGRAD etwas von Joy Division hat, dann würde ich mich schon geehrt fühlen. Ich könnte es auch nachvollziehen, obwohl die Nähe eher atmosphärisch ist. Wir sind schon poppiger und deutlich durchproduzierter. Ich spreche aber nicht so gerne von Vorbildern, für mich ist es eher die Lebenseinstellung. Ich bin ja auch mit dieser DIY-Punk-Bewegung groß geworden und finde es einfach großartig, wenn Menschen etwas zu sagen haben und es auch tun. Dafür muss man auch nicht besonders geil spielen können.

Aber hat sich diesbezüglich nicht einiges geändert in den letzten Jahrzehnten?

Natürlich! Alles ist viel ausgeklügelter, viel durchproduzierter, viel perfekter geworden. Das hat auch viel mit den Aufnahmetechniken zu tun, die ich als Produzent natürlich auch gut kenne. Ich persönlich finde es aber immer sehr sympathisch, wenn ich Platten von damals höre und sie noch kleine Haken und Macken haben.

Wir müssen auch kurz über BELGRAD sprechen. Euer Albumcover ist diskussionswürdig. Was wollt ihr damit sagen?

Das Cover wurde von einer Künstlerin entworfen, ich weiß aber ehrlich gesagt gar nicht wirklich, was sie sich dabei gedacht hat. Die vordergründige Frage ist ja, ob es als sexistisch wahrgenommen wird oder nicht. Das werden die Reaktionen in den nächsten Tagen zeigen.

Aber entsprechende Diskussionen gab es?

Ja, die Frage, ob das politisch korrekt ist oder nicht, haben wir diskutiert. Uns ist bewusst, dass es dem ein oder anderen nicht gefallen könnte. Wir haben aber unsere Einschätzungen ausgetauscht und diskutiert und uns dann dafür entschieden.

Neben Ronnie Henseler gehören Stephan Mahler, Hendrik Rosenkranz und Leo Leopoldowitsch zu BELGRAD. Die Band hat in der vergangenen Woche ihr gleichnamiges Debüt bei Zeitstrafe veröffentlicht. Alle (wirklich sehenswerten) Videos und weitere Infos gibt’s unter Belgradlovers.

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2 Bier – 1 Platte

Fayzen & Torch

Viele nennen Fayzeneinen Newcomer. Das ist falsch. Das gerade erschienene Gerne allein ist zwar erst sein zweites Album, Musik macht er aber schon seit seiner frühen Jugend. Da hat er einfach mit seiner Crew auf der Straße gerappt. Seine ersten 20.000 Mixtapes hat er dann auch genau da verkauft – in der Fußgängerzone. In seinem jetzigen Singer/Songwriter-Spoken-Word-Superpop hört man diese Wurzeln raus. Zum Glück! Denn seine Vorbilder waren die ganz Großen (und großartigen), wie er bei erkältungsbedingtem Ingwertee und Bier (für die Kolumnistin) erzählt.

Interview: Marthe Ruddat

freitagsmedien: Wie möchtest Du eigentlich angesprochen werden? Fayzen? Farsad?

Fayzen: Ich finde beide Namen cool. Die Leute nennen mich Farsad, Farsi, Fayzi, Fayzen – alles schon fast gleich oft. In so einem Interview ist es vielleicht eher irritierend, wenn du mich plötzlich Farsad nennst.

Dann bleiben wir doch einfach bei Fayzen. Es soll heute um deine Lieblingsplatte gehen. Welche hast du dir ausgesucht?

Es ist echt schwer sich für die eine Platte zu entscheiden. Aber ich werde Blauer Samt von Torch nehmen, denke ich.

Blauer Samt erschien 2000 als erstes und bislang einziges Torch-Album. Der 23-Tracks-Schinken gilt als eines der einflussreichsten deutschen Rap-Alben. Wer wissen will, wovon sich Torch bei der Entstehung seines Albums hat inspirieren lassen, dem sei der Mix The Torch With The Blue Flame empfohlen.

Warum?

Es war einfach das erste HipHop-Album, das mich voll erwischt hat und für mich bis heute viel mehr als nur ein Lebensgefühl verkörpert. Im Hip Hop geht es jaoft um einen gewissen Lifestyle. Ob das jetzt in Gangster-Rhymes oder Partytracks ist, es wird ein bestimmtes Gefühl verkauft. Für mich ist Blauer Samt das erste deutschsprachige Rap-Album gewesen, das dieses Verkaufen eines Gefühls durch richtig viel Persönlichkeit ersetzt. Es ist einfach so persönlich, dass man oft auch gar nicht genau versteht worüber er eigentlich gerade rappt. Und Torch gibt auch einen Fick drauf, das zu erklären.

Was hast Du denn so rausgehört?

Es geht viel um Liebe, aber auch um Politik. Das hat mich auch total geflasht. Ich habe es vorher noch nie erlebt, dass jemand es so unfassbar gut hinbekommt, so verschiedene Themen auf geile Art und Weise zu vereinen.

Die Themen sind eigentlich nicht besonders ungewöhnlich.

Nein, aber die Art, wie er beides so komplett persönlich und detailliert bearbeitet ist ungewöhnlich. Das hat es so vorher einfach noch nicht gegeben. Und obwohl oder vielleicht auch weil es so persönlich und speziell ist, kann man das hören und sich in die Geschichte reinversetzen. Ich meine, ich war damals 17 oder so. Ich habe gedacht, keiner versteht mich und alle anderen sind dumm, ich war total anti. Wie man halt so tickt mit 17. Und dann habe ich Torch gehört und gedacht: Krass, damit kann ich mich identifizieren! Vielleicht sind die Geschichten, die wir Menschen erleben, doch gar nicht so unterschiedlich.

Mit HipHop hat es bei dir ja angefangen. Kanntest du Torch deshalb schon vor Blauer Samt?

Wir haben ganz am Anfang ja nur gefreestyled. Wir waren der Meinung, dass wir mit Freestyle erstmal durch eine Schule gehen müssen, unseren Style finden und schleifen. Wir waren da wirklich sehr radikal. Es gab reale und wacke HipHopper. Torch war auch immer einer, der die „echte“ HipHop-Fahne hochgehalten hat, für uns auf jeden Fall. Er war auch durchs freestylen bekannt und für uns echt so eine Art Gott oder Meister.

Und dann kam das Album…

Und dann kam das Album raus und es war so: Boom! Krass! Allein das Intro ist ja schon total heftig, es heißt Kapitel 29.

Torch – Kapitel 29

“Ich spiele nicht. Ich bin das. Verstehen Sie? Und deswegen bin ich nichts!”
Kapitel 29. gewidmet an einen guten Freund
Frederik Hahn, wo immer du auch bist, dieser Track ist für dich…


Wie löse ich die Vergangenheit von der Gegenwart?
Vergesst die Zukunft,
das ist die Zeit in der ihr eben wart
Auf jeden Fall ist das Leben hart,
doch es wird erträglicher
Wenn man den Geist massiert,
deswegen les’ ich ja
Wenig zwar, aber die Quellen der Inspiration
Sind ausschlaggebend für meine Motivation.
Ich banne Phasen meines Lebens auf einen Beat,
Lass Musik dorthin gehen wohin mein Geist mich zieht
Schalt die Lichter auf mich alle Scheinwerfer an
Und lasst mich reden,
hier kommen 3 Minuten aus meinem Leben

Dürrer Junge, lockiges Haar
viel zu viel Energie

wusste nicht wie die Gesellschaft war
Es war nicht immer leicht,
welchen Weg soll ich gehen
Lauf ich links, lauf ich rechts, oder bleib ich stehen
Freunde waren auf Heroin
ich blieb meiner Droge treu
denn Texte schreiben befreit,
da bleibt jeder Trip wie neu,
im Leben bleibt nichts, aber auch nichts bestehen,
denn am Tag an dem wir gehen werden wir nichts mit uns nehmen

alles vergeht, alles verweht irgendwann hab ich erkannt
dass sich die Erde ohne mich noch weiterdreht
es weitergeht, seitdem sehe ich das Leben in nem anderen Licht
nenn es philosophisch, religiös, ich weiß es nicht
bring Manaras Skizzen und Eschers Zeichnungen
in Verbindungen mit musikalischen Gleichungen,
lausch dem Gesang von Farben und der Poesie von Pflanzen.
Schau wie die Schallwellen tanzen
haitianischer Reis, rote Bohnen und karibisches Huhn
inspirieren Torchmann zu akribischem Tun

ich mach das Ding nur für mich und für meinen Crew
für die Familie, für das Publikum genau wie du
Mein Leben lang hatt’ ich noch so viel vor,
aber mein Plattendeal kommt mir heute wie ‘n Spiel vor
Monopoly, mein Leben manipuliert,
Mal eben in 2 Stunden U-Haft den gesamten Staat studiert
Obwohl ich weiß das die Welt untergeht dass ist klar
Schreib ich diesen Text damit ihr versteht wer ich war
Obwohl ich weiß das die Welt untergeht dass ist klar
Schreib ich diesen Text

Das hat mich gleich einfach so gecatcht. Im HipHop wird einfach viel auf Welle gemacht, nicht nur im Battlerap. Auch beim Performen ist immer alles so cool und gestyled, ein bisschen auf schick und so. Ich feiere das Zitat am Anfang so hart: “Ich spiele nicht. Ich bin das. Verstehen Sie? Und deswegen bin ich nichts!”Das Album beginnt also damit, dass er sagt, dass er nicht wichtig ist. Das ist eine direkte Schelle, die dem Posen und Angeben einiger Rapper gilt. Er sagt später aber auch: „ Schalt die Lichter auf mich, alle Scheinwerfer an. Und lasst mich reden, hier kommen 3 Minuten aus meinem Leben.“ Er gibt also auch zu, dass er trotzdem eine Bedeutung haben will. Und so zeigt er in einem einzigen Track den menschlichen Widerspruch auf: Ich fühle mich unbedeutend, will aber auch gesehen werden. Das finde ich geil.

Torch ist ja schon so etwas wie eine HipHop-Legende, das Album hatte enormen Einfluss auf den deutschen HipHop. Da hast du Dir ein echt großes Vorbild ausgesucht.

Naja, Vorbild ist so eine Sache. Torch und Blauer Samt, beides hat mich einfach derbe geflasht. Vielleicht spricht man besser von Inspiration. Seine Ehrlichkeit und auch dass er in keinem einzigen Track so richtig auf Welle machen will, das hat mich auf jeden Fall sehr inspiriert.

Wenn man dein neues Album hört, stößt man auch auf diese Ehrlichkeit.

Auf jeden Fall. Man könnte gute Musik auch am Reisbrett machen. Man nimmt einen Refrain, der auch eine Überschrift der Bildzeitung sein könnte und in den Strophen macht man den Aufbau, der das Thema dann ins richtige Licht stellt. Das ist dann ganz klar für die Leute, die es hören. Bei mir funktioniert das aber nicht. Und glaub mir, ich habe es versucht! Ich war aber nie zufrieden. Heute schreibe ich Lieder und lasse sie dann erst einmal zwei Monate liegen. Nach diesen zwei Monaten höre ich sie mir nochmal an und wenn ich dann nichts fühle, dann lasse ich sie liegen. Auch wenn sie theoretisch vielleicht gut sind. Aber es muss mich einfach kicken. Und das passiert einfach nur, wenn ich über etwas aus dem realen Leben schreibe, etwas das ich wirklich gefühlt habe. Meine Musik ist so eine Art Tagebuchmusik denke ich. Da schreibt man ja auch nichts rein, wenn nichts passiert ist.

Was mag bei Torch passiert sein, als er das Album geschrieben hat?

Zum einen spürt man seine derbe Enttäuschung von der HipHop-Szene. Es schien, als hätte er sehr an diese Community geglaubt. Für ihn war das wie eine politische Bewegung, wenn man so will. Und dann hat er vermutlich Enttäuschungen erlebt, gesehen dass vieles nur Fake ist und der politische Zweck zugunsten von Geld und Ruhm vernachlässigt wird. Ich glaube das hat ihn sehr nachdenklich gemacht und er hat sich vermutlich so Fragen gestellt wie: Wer bin ich? Was ist der Sinn? Und ich glaube verknallt war er auch.

Hast Du Torch mal kennengelernt?

Ich glaube nicht, höchstens mal die Hand geschüttelt.

Wenn Du ihn treffen würdest, was würdest Du ihm sagen oder ihn fragen.

Ich weiß gar nicht, was er grad so macht! Ich habe das eine Zeit lang mal richtig verfolgt, aber da kam dann einfach so lange nichts. Ich würde ihm einfach sagen, dass er unbedingt wieder Sachen rausbringen soll!

Fayzen ist gerade mit seinem Album Gerne allein auf Headliner-Tour durch Deutschland. Termine, Infos und jede Menge Videos gibt’s auf facebook oder fayzen.de.


2 Bier – 1 Platte

Puder & Kendrick Lamar

Catharina Boutari ist Komponistin, Label-Besitzerin, Sängerin und hat unter ihrem Alter Ego Puder gerade ihr neues Album Session Tapes 1+2 veröffentlicht. Dafür hat sich die Hamburgerin 10 Tage in einem Studio eingesperrt, um Songs zu schreiben und sie gemeinsam mit ein paar Kolleg*inn*en auch gleich aufzunehmen. Im Bierplattengespräch will Boutari heute aber über ein ganz anderes Album sprechen: Kendrick Lamars To Pimp A Butterfly.

Von Marthe Ruddat

To Pimp A Butterfly ist das dritte Album von Kendrick Lamar und erschien im März 2015. Von Kritikern als „Rap-Oper“ und „Meisterwerk“ in den Himmel gelobt, stellte das Album Streaming-Rekorde auf und erreichte Platin-Status.

freitagsmedien: Mit so einer HipHop-Bombe hätte ich im ersten Moment nicht gerechnet…

Puder: Ja, das ist normalerweise gar nicht meine Musik. Ich komme eigentlich aus dem Rock’n’Roll und Blues, merke aber in den letzten Jahren immer mehr, dass es mich zum Hip Hop zieht. Hip Hop ist oft so viel innovativer als Rock.

Und wie bist Du auf Lamar gekommen?

Ich habe das Album bei SPON entdeckt. Das Tolle ist da ja, dass bei einer Albumvorstellung auch immer ein Video und drei Songs bereit gestellt werden. Da höre ich mir einfach immer mal wieder Sachen an, die ich noch gar nicht kenne. Und irgend wann wurde mal Kendrick Lamars ToPimp A Butterfly vorgestellt. Ich war sofort total geflasht von der Musik, obwohl ich eigentlich überhaupt nichts verstanden habe. Ich kam mir wieder vor wie mit 15, wenn du etwas hörst und es nicht verstehst, es aber unbedingt weiter hören musst. Ich bin dann sofort rüber zu Zardoz und habe mir die CD gekauft.

Was genau hat Dich so fasziniert? Die neue Richtung oder die Tatsache, dass dich das Album vor solch eine Herausforderung gestellt hat?

Es war eigentlich beides irgendwie. Das Album ist ja auch kein klassischer HipHop. Da ist auch ganz viel Black Poetry drin und das ist wiederum total mein Ding. Andererseits hat mich auch total fasziniert, welchen Mut Kendrick Lamar hatte, sich von einem klassischen HipHop-Album zu trennen und ein Album zu schaffen, das die Grenzen von Hip Hop total sprengt.

Wie lange hast Du gebraucht, um die Story hinter dem Album zu verstehen?

Die Story ist wirklich umfangreich und nicht in zwei Sätzen zu erklären. Eine sehr ausführliche Auseinandersetzung gibt es bei Vice.

Ich weiß gar nicht, ob ich sie total verstehe. Ich konnte die Platte auch ganz lange einfach gar nicht durchhören, sondern brauchte nach 2 bis 3 Songs erst mal eine Pause. Mittlerweile habe ich mich dran gewöhnt und höre es durch. Ich habe auch alle Texte mitgelesen. Das Album liefert aber so viele Bezüge zu Lamars Lebensrealität. Es geht oft um schwarze Menschen in den USA und ich bin weiß und hier in Deutschland. Deshalb weiß ich gar nicht, ob ich das, was ich da mitkriege überhaupt richtig ermessen kann.

Kurzgefasst geht es in dem Album auch um Lamars metaphorische Entwicklung von der Raupe zum Schmetterling. Erkennst Du Dich ja manchmal auch selbst wieder?

Ist es das nicht immer? Ist das nicht der fortwährende Prozess? Ich glaube mir hat das Album auf jeden Fall den Mut gegeben, selber außergewöhnliche Wege zu gehen. Er schafft es einfach, die Dinge auf den Tisch zu legen und auch persönlich zu werden, jenseits der klassischen Formeln des Genres. Das hat mich inspiriert, rein künstlerisch zu denken und nicht darauf zu achten, was von mir erwartet wird.

Kendrick Lamar – Instituionalized

What money got to do with it

When I don’t know the full definition of a rap image?

I’m trapped inside the ghetto and I ain’t proud to admit it

Institutionalized, I keep runnin’ back for a visit

Hol’ up, Get it back

I said I’m trapped inside the ghetto and I ain’t proud to admit it

Institutionalized, I could still kill me a nigga, so what?

 

[Anna Wise:]

If I was the president

I’d pay my mama’s rent

Free my homies and them

Bulletproof my Chevydoors

Lay in the White House and get high, Lord

Who ever thought?

Master take the chains off me

 

Life canbelike a box ofchocolate

Quid pro quo, somethin’ for somethin’, that’s the obvious

Oh shit, flow’s so sick, don’t you swallow it

Bitin’ my style, you’re salmonella poison positive

I can just alleviate the rap industry politics

Milk the game up, never lactose intolerant

The last remainder of real shit, you know the obvious

Me scholarship? No, streets put me through colleges

Be all you can be, true, but the problem is

A dream’s only a dream if work don’t follow it

Remind me of the homies that used to know me, now follow this

I’ll tell you my hypothesis, I’m prob ably just way too loyal

K Dizzle would do it for you, my niggas think I’m a god

Truthfully all of ’em spoiled, usually you’re never charged

But somethin’ came over you once I took you to the fuckin’ BET Awards

You lookin’ at artists like the harvests

So many Rollies around you and you want all of them

Somebody told me you thinkin’ ’bout snatchin’ jewelry

I should’ve lis tened what my grandmama said to me

Auf To Pimp A Butterfly kehrt Lamar in seine Heimat zurück, auch um sich selbst wieder zu finden. Ist dir dein Zuhause ähnlich wichtig?

Eigentlich gar nicht so sehr. Im Moment zieht es mich tatsächlich auch eher hinaus in die Welt. Genau das ist ja auch die Grundlage von den Session Tapes, die ich als Reihe angelegt habe. Ich arbeite dabei mit verschiedenen Menschen in verschiedenen Städten, am Liebsten noch in verschiedenen Ländern zusammen. Mich reizt das Fremde und Unbekannte einfach sehr. Ich halte es auch für eine große Chance, dass im Moment ganz unterschiedliche Musik aus der ganzen Welt zu uns kommt. Ich glaube, wenn alle den Mut haben, sich nicht nur gegenseitig die eigene Tradition vorzuspielen, sondern alles einfach wild zu mischen, dann kann da etwas richtig Gutes rauskommen. So hat Lamar das ja auch irgendwie gemacht.

Ist Kendrick Lamar für dich der HipHopper der neuen Generation?

So wenig, wie ich von HipHop weiß…er ist auf jeden Fall ein Musiker der neuen Generation. Sogar David Bowie wurde bei der Entstehung von Black Star von To Pimp A Butterfly beeinflusst und ich glaube, dass auch Beyoncés neues Album ohne Lamar nicht so entstanden wäre. Und das finde ich einfach ganz großartig. Es geht nicht mehr nur um stumpfe HipHop-Plattitüden und wie schön jemand ist und welches Auto jemand fährt. Stattdessen wird Haltung gezeigt und auch eine politische Message verbreitet.

Du verfolgst die Karriere von Kendrick Lamar also weiter?

Ja, ich gucke eigentlich immer, was er gerade so macht. Ich versuche aber immer die Augen und Ohren in alle Richtungen offen zu halten.

Es lohnt sich auch in Richtung Puder die Augen und Ohren offen zu halten. Die Session Tapes 1+2 können am 14. Juni live im Haus 73 bestaunt werden. Videos, eine Doku und weitere Infos gibt es auf http://www.puder-musik.com.


2 Bier – 1 Platte

Disarstar & Pink Floyd

Disarstar, „das ist Rap der nach Gewichten klingt“, wie er selber sagt. Tatsächlich erregt der Rapper, 1994 als Gerrit Falius in Hamburg geboren, seit seinem Debüt Kontraste vor zwei Jahren viel Aufmerksamkeit – genau wegen dieser deutlichen Worte und den klaren politischen Statements. Im Gespräch bei Bier und Tee erzählt er, warum HipHop trotzdem nicht immer politisch sein muss und seine Lieblingsplatte so gar nichts mit Rap zu tun hat.

Von Marthe Ruddat

freitagsmedien: Was inspiriert dich?

Disarstar: Ähm… na das ist ja immer so eine Frage…

Immer? Schon genervt davon?

Nee, überhaupt nicht! Ich schlage mich ja viel mit Rapmedien rum und ohne da jetzt bösen Hate verbreiten zu wollen, sind die inhaltlich ja manchmal schon ein bisschen flach. Und die Frage ist ja eher deeper. Naja, also eigentlich inspiriert mich mein Leben. Das klingt halt immer so plakativ, deshalb habe ich gerade ein bisschen überlegt. Aber eigentlich würde ich sagen, alles was mir wiederfährt inspiriert mich. Starke Gefühle, Wut, Traurigkeit, Enttäuschung, das sind so Sachen, die mich dazu anregen, etwas zu schreiben.

Inspiriert dich denn manchmal auch die Musik anderer Künstler?

Musik, die ich selber konsumiere, die ich feiern kann, die finde ich meist so gut, dass sie mich eher einschüchtert und dadurch nicht wirklich inspirierend ist. Deshalb höre ich auch in Albumentstehungsprozessen eher wenig Musik und konzentriere mich auf meine eigene.

Wenn ich dich jetzt nach einer Lieblingsplatte frage, fällt dir spontan trotzdem eine ein?

Ja, auf jeden Fall. Die Wish You Were Here von Pink Floyd.

Wish You Were Here erschien 1975. Die Originalplatte umfasst nur fünf Songs, die nahtlos ineinander übergehen. Das Album ist mittlerweile in der original Quadrophonie-Version erschienen. Quadrophonie ist einfach gesagt ein Vorläufer von Dolby Surround und verleiht den Songs einen dementsprechend tieferen Sound.

Damit hätten jetzt wohl die wenigsten gerechnet. Warum diese Platte?

Mein Vater hat früher immer viel Pink Floyd gehört, überhaupt hat er immer viel Musik gehört. Ich glaube er ist aber auf Pink Floyd nie so abgegangen wie ich. Mich hat das Album einfach komplett weggeflasht. Es ist irgendwie so die einzige Platte, die mir auch nach dem 150.000 Mal nicht langweilig wird, feiere ich immer wieder, macht mir immer wieder Spaß.

Pink Floyd ist eher ungewöhnliche Musik für Kinder und Jugendliche.

Ja, als ich sie das erste Mal gehört habe war ich 11 oder 12. Da konnte ich auch tatsächlich noch nicht so viel damit anfangen wie heute. Aber das hat sich dann von Jahr zu Jahr gesteigert. Anstatt dass es mir langweilig wurde, hatte ich eher das Gefühl, dass ich es von Jahr zu Jahr besser finde. Und heute habe ich die Platte immer im Auto.

Und obwohl dich Pink Floyd seit deiner Kindheit begleitet hast du dich entschieden Hip Hop zu machen. Warum?

Das ist eigentlich dem Umstand geschuldet, dass ich nicht singen kann. Obwohl das meinen Eltern tendenziell schon wichtig war, ist es auch nie dazu gekommen, dass ich ein Instrument gelernt habe. Und wenn man unter diesen Bedingungen Bock hat sich ein Medium zu suchen, dann nimmt man halt das Format, was am naheliegendsten ist. Und das war bei mir halt Rap. Wer weiß, was in ein paar Jahren noch kommt.

Du selber legst sehr viel Wert auf die Inhalte deiner Texte. Sind sie Dir deshalb auch bei der Musik, die Du hörst, wichtig?

Ich glaube, das ist davon abhängig, wie man Musik konsumiert. Ich zum Beispiel hasse es, nebenbei Musik zu hören. Ich höre sie zwar beim Sport oder Autofahren, da folge ich aber Automatismen und mache so gesehen nicht zwei Dinge gleichzeitig. Ich könnte manche Dinge nicht gleichzeitig machen, Lernen und Musik hören zum Beispiel. Und ich glaube, wenn man nur bewusst Musik hört, dann sind einem die Inhalte zwingend wichtig. Wenn ich nämlich genau hinhöre und dann kommt da nix, dann macht mir das auch keinen Spaß. Es gibt natürlich so Ausnahmen wie Kendrick Lamar. Den kann man gut auch nebenbei laufen lassen, und trotzdem ist da richtig was, wenn man genau hinhört. Aber das ist auch einfach die Königsklasse finde ich.

Das könnte man auch über Pink Floyd sagen oder?

Auf jeden Fall! Aber Pink Floyd würde ich trotzdem nicht nebenbei hören. Bei denen sind auch die Instrumente schon extrem wichtig, da hab ich immer richtig Bock drauf. Bei der Wish You Were Here ist es auch so, dass ich mich eher auf bestimmte Passagen oder ein Gitarrensolo freue, als dass ich mich total auf die Vocals konzentriere. Und das ist eben so ein bisschen die Ausnahme, weil mir das halt eigentlich immer sehr wichtig ist.

Welche Songs auf der Platte gefallen Dir in der Hinsicht besonders?

Also ich finde den Titelsong Wish You Were Here derbe gut. Und Have a Cigar. Ich meine, auf dem Album sind ja nur fünf Songs drauf und zwei davon haben nur vier Textzeilen und sind trotzdem zehn Minuten lang. Das ist einfach extrem musikalische Musik. Ich kann auch einfach das ganze Album durchhören, ich feiere echt alles.

 

Pink Floyd – Wish You Were Here

 

So, so you think you can tell

Heaven from Hell

Blue skies from pain.

Can you tell a green field

From a cold steel rail?

A smile from a veil?

Do you think you can tell?

 

Did they get you to trade

Your heroes for ghosts?

Hot ashes for trees?

Hot air for a cool breeze?

Cold comfort for change?

And did you exchange

A walk on part in the war

For a lead role in a cage?

 

How I wish, how I wish you were here.

We’re just two lost souls

Swimming in a fish bowl

Year after year

Running over the same old ground.

What have we found

The same old fears.

Wish you were here.

 

Du sagst, dir sind die Texte wichtig. Wie kritisch bist du diesbezüglich gegenüber der Künster*innen, mit denen du dir die Bühne teilst?

Im letzten Jahr stand Disarstar besonders in der linken Szene in der Kritik, weil er unter anderem mit MC Intifada und PTK ein Konzert in Berlin spielte.

Ich weiß auf welches Thema Du hinaus möchtest und gehe da gerne drauf ein. Ich sehe mich selbst als einen Menschen, der in linken Kreisen verkehrt und sich trotzdem eine differenzierte Meinung bildet. So ist das auch bei dem Konflikt zwischen Israel und Palästina. Ich stehe da total in der Mitte. Es werden einfach auf beiden Seiten Fehler gemacht, und ich bin deshalb ganz einfach pro Frieden und wünsche mir eine Lösungsstrategie, mit der beide Seiten zufrieden sind. Weil ich mich aber nicht auf einer Seite positioniere bin ich halt für die einen ein Antideutscher und für die anderen ein Antisemit. Ich bin in meiner Haltung und in meinem Standing aber so klar, dass mir egal ist, wer vor oder nach mir auf der Bühne steht. Ich würde auch auf einem Rechtsrock-Festival auftreten, wenn man mich fragen würde. Klar! Das ist doch Infiltration hoch zehn! Ich würde halt trotzdem genau das sagen, was ich immer sage: Rassismus ist Scheiße, Sexismus ist Scheiße, Homophobie ist Scheiße, die AfD ist Scheiße. Im besten Fall gäbe es dann nach meinem Auftritt so einen Tumult, dass die Konzerte abgebrochen werden würden und die ganzen wirklichen Rechtsrocker nicht mehr auftreten könnten. Das wäre ja praktische, antifaschistische Arbeit und ein voller Erfolg!

Wie passt es dazu, dass Du dich in der Vergangenheit recht eindeutig zur NATO und zu Netanjahu geäußert hast?

2015 rappte Disarstar in einem seiner OneTakeClips: Tod der NATO und Tod Netanjahu.

Das passt schon dazu. Wenn ich merke, dass das Feuilleton oder irgendwelche Juppi-Hippster anfangen mich gut zu finden, obwohl ich das gar nicht will, dann mache ich halt mal so Sachen, die die Leute irritieren, mit denen sie sich nicht anfreunden können. Auch um einfach mein Standing als Künstler nicht zu verlieren. Manchmal denke ich mir am nächsten Tag auch schon, dass ich mir das hätte sparen können. So etwas ist aber natürlich auch ein künstlerisches Stilmittel. Musik ist ein Stück weit auch expressionistische Kunst und ein bisschen überspitzt und überzeichnet. Oder sagen wir intensiviert. Natürlich mache ich mir damit auch Feinde, aber das finde ich voll okay. Wenn man etwas sagt, wo sich die Leute dann ungläubig an den Kopf fassen, dann ist das für mich auch eine Art Befreiungsschlag. In diesem Fall dann auf Kosten Netanjahus, das hätte aber auch jeder andere Staatschef einer kapitalistischen Demokratie sein können.

Muss Musik politisch sein?

Nein. Inhaltsstarke Musik muss nicht immer politisch sein. Es gibt ja auch inhaltsstarke und lyrisch starke Musik, die nicht politisch ist.

Nochmal zurück zu Pink Floyd. Die Band ist über Jahrzehnte hinweg bekannt und relevant geblieben. Sind sie in Sachen Konstanz damit Vorbilder für dich?

Auf jeden Fall. Ich glaube der Erfolg gründet auch darauf, dass ihre Musik extrem fortschrittlich und trotzdem zugänglich war und ist. Das ist zwar keine Mucke für jedermann, aber sie zeichnen extrem große Bilder, die trotzdem nachvollziehbar sind. Das finde ich extrem beeindruckend und ein bisschen Vorbild-mäßig, aber eigentlich habe ich keine Vorbilder, weil ich niemandem nacheifern möchte. Ich wünsche mir manchmal auch deepe Musik für jedermann zu machen, aber eben ohne nachzueifern. Ich mache das was ich mache, andere machen, was sie machen.

Ein Cover oder Sample wäre also keine Möglichkeit für dich?

Ich habe da wirklich schon oft und lange drüber nachgedacht, was man machen könnte und wie man es machen könnte. Vielleicht ein Mixtape, auf dem man viel samplet, vielleicht Hooks übernimmt und umbaut. Vielleicht würde sich das mal anbieten, Disarstar meets Pink Floyd oder so. Ich würde auch nicht denken, dass ich das irgendwie übertreffe oder bessere Songs mache. Ich hätte einfach nur voll Bock da künstlerisch etwas damit zu machen. Vielleicht würde ich es auch nie veröffentlichen, vielleicht kommt es auch nie dazu. Mal sehen, ich denke auf jeden Fall darüber nach.

Mit seinem neuen Album – x – = + ist Disarstar ab 24. April auf Deutschlandtour. Am 9. Mai spielt er im Uebel & Gefährlich. Tickets und weitere Infos gibt es auf www.disarstar.de


2 Bier – 1 Platte

Chefboss & Gainsbourg

Chefboss – das sind die Tänzerin Maike Mohr und Rapperin Alice Martin. Mit ihrer Mischung aus Dancehall, Electro und Vogueing (ja, das gibt es wirklich) mischen die zwei Hamburgerinnen seit einiger Zeit die Clubs und Bühnen gehörig auf. Am 17. März erscheint nun ihr Debüt Blitze aus Gold. Bevor es nach dem Winterschlaf zurück auf die großen Festivalbühnen geht, haben sich die zwei Zeit genommen, um über ihre Lieblingsmusik zu sprechen.

Hamburg, St. Pauli. Kaffee Stark. Draußen regnet es in Strömen. Drinnen gibt’s Bier und grünen Tee.

freitagsmedien: Alice, Maike – was ist für euch eigentlich eine Lieblingsplatte?

Alice: Genau darüber haben wir beide ziemlich lange nachgedacht. Bei mir ist es so, dass die Lieblingsplatte meist gar nicht eine bestimmte Platte ist, sondern eher eine Playlist mit verschiedenen Songs. Die wechseln dann ständig, aber ich habe schon so fünf all-time-classics, die auch über die Jahre immer wieder laufen. Ich habe dann aber nochmal überlegt und bin auf eine Platte gekommen, die vielleicht nicht meine Lieblingsplatte ist, mir aber auf eine bestimmte Art und Weise einen neuen Blickwinkel gegeben hat.

Maike: Bei mir ist das ähnlich, ich habe auch kein richtiges Lieblingslied. Meistens finde ich ein Lied für vielleicht zwei Wochen richtig gut und dann kommt auch schon das nächste. Deshalb habe ich mir überlegt, welches Lied mich an eine besondere Situation erinnert.

And the winner is…?

Alice: Serge Gainsbourg! Ich glaube, das war ein Best-of-Album, was ich gehört habe. Ich weiß nicht ob du den kennst?! Geiler Typ. Das war so in den Sechzigern, der ist mittlerweile auch schon tot. Auf jeden Fall war er so ein richtiger Künstler, rauchend am Klavier und so. Ich glaube mit Brigitte Bardot hatte der auch mal was.

Wie soll man seine Musik denn beschreiben?

Alice: Ey, ich weiß nicht, wie man das beschreiben soll. Die Musik an sich ist einfach geil, mit Streichern und so. Und sein Gesang ist oft gar kein richtiger Gesang. Oft haucht der auch einfach irgendwas ins Mikro oder knurrt vor sich hin, während die Geigen spielen. Genau deshalb habe ich mir die Platte ausgesucht. Eigentlich war sie von Anfang an gar nicht so mein Stil, aber trotzdem habe ich immer wieder mal reingehört. Stück für Stück habe ich den Stuff aber immer mehr gefühlt. Und dann hat sich mir ein ganz neuer Blick auf die Mucke eröffnet. Also eine neue Art, wie Mucke sein kann und wie man sie auch verstehen kann.

Serge Gainsbourg war so etwas wie ein künstlerischer Tausendsassa: Sänger, Komponist, Schauspieler, Autor. Seine Discographie scheint endlos, auch weil er die Musik zu etlichen Filmen beisteuerte. Seine besondere Art zu „singen“ sorgte Ende der Sechziger für Empörung, als er im Duett mit Jane Birkin zu Je t’aime…moi non plus ins Mikrofon stöhnte. Den Song hatte Gainsbourg zunächst mit Brigitte Bardot aufgenommen. Sie stimmte einer Veröffentlichung aber erst in den Achtzigern zu – vorher war sie zu besorgt um ihre Ehe.

Wie bist du denn auf so eine spezielle Musik gekommen?

Alice: Meine Patentante hat mir das Album mal geschenkt. Da war ich so ungefähr 15, ich glaube noch viel zu jung für die Mucke. Aber jetzt feier ich das.

Seid ihr also beide über die Familie musikalisch sozialisiert worden?

Alice: Ja, auch. Aber ich habe mir auch viel einfach selber rausgesucht.

Maike: Ich eigentlich eher nicht so. Um das zu erklären muss ich vielleicht eben sagen, welchen Song ich mir ausgesucht habe.

Hau raus!

Maike: Also ich habe mir einen Song ausgesucht, der mich an die Zeit erinnert, zu der ich angefangen habe zu tanzen. Mystikal – Edge of the Blade. Zu diesem Song hatte ich meinen ersten Auftritt. Wenn ich ihn höre habe ich sofort wieder dieses Bild im Kopf, wie ich vor der Bühne stehe und auf meinen Auftritt warte. Ich hatte so Bock auf die Bühne zu gehen!

Edge of the Blade war Mystikals Beitrag zum Soundtrack von Blade (1998). Berühmtheit erlangte er vor allem durch seinen Hit Shake Ya Ass und seine ausgiebigen Knastbesuche.

Alice: Der erste Auftritt zu Mystikal, das ist zu geil!

Maike: Ja! Der Song erinnert mich einfach an die Zeit, als ich meine Leidenschaft fürs Tanzen entdeckt habe. Damals wusste ich ja nicht, dass ich so eine Leidenschaft für eine Sache habe. Und dann habe ich diese Welt entdeckt, in der ich mich so Zuhause fühle. Deswegen höre ich den Song heute immer noch gerne.

Inwiefern haben euch Serge Gainsbourg und Mystikals Song inspiriert selbst Musik zu machen?

Alice: Hm, ich glaube Serge Gainsbourg hat mir einfach eine neue Perspektive auf Musik eröffnet. Irgendwie war da ein neues Gefühl auf Musik und das war schon inspirierend.

Maike: Durch die Choreographien, die wir getanzt haben, habe ich die Songs damals plötzlich total anders wahrgenommen. Man bekommt als Tänzer ein ganz anderes Gehör für einen Song und fühlt ihn anders.

Alice: Deshalb ist Maikes Beitrag zu der Mucke die wir machen auch immer so geil. Wenn ich denen als Außenstehende manchmal beim Üben zusehe denke ich so: Kein normaler Mensch würde da jetzt noch einen Move reinpacken! Tänzer hören die Musik aber einfach ganz anders, deswegen ist es so geil, dass Maike da auch noch immer ihren Input gibt. Ohne diesen gegenseitigen Austausch wäre unsere Mucke einfach nicht so, wie sie ist.

Auf eurem Album sind keine Features. Hättet ihr denn mal Bock auf Kollaborationen?

Alice: Grundsätzlich auf jeden Fall. Und wenn ich es mir aussuchen könnte hätte ich gerne ein Feature mit Vybz Kartel.

Vybz Kartel gilt als Begründer des Dancehall in Jamaika. Er wurde unter anderem wegen Drogenbesitzes verurteilt und sitzt nun eine lebenslange Haftstrafe wegen zweifachen Mordes ab. Könnte rein praktisch schwierig werden mit dem Feature…

Er hat nicht gerade eine weiße Weste. Trennst du da stark zwischen der musikalischen Leistung und dem, was eventuell dahinter steht?

Alice: Gute Frage! Ich meine, wir reden hier ja von Träumen. In einer idealen Welt, in der Vybz Kartel nicht die Dinger gebracht hätte, die er nun mal gebracht hat, wäre ich auf jeden Fall dabei. Es ist aber echt die Frage, wie viel Credit man einem Künstler gibt, der richtig Scheisse gebaut hat. Aus musikalischer Sicht fände ich ein Feature geil, persönlich ist die Frage offen. Grundsätzlich arbeiten wir aber nur mit Leuten zusammen, mit denen wir eine persönliche Basis haben. Da kommt keiner wegen seiner Skills mit ins Boot, wenn er eigentlich ein Arschloch ist.

Und aus der tänzerischen Sicht? Hättet ihr gerne mal einen bestimmten Choreographen mit dabei?

Maike: Über einen Gast-Choreographen haben wir uns ehrlich gesagt noch nie so Gedanken gemacht…

Alice: Dazu muss ich sagen: Ich flash so auf Maike, ich kann mir nicht vorstellen, dass in dem Bereich mal jemand anderes was zu sagen hätte.

Maike: Es gibt aber eine Tänzerin aus Japan, die ich ganz toll finde. Sie heißt Ibuki und macht Waacking, einfach total krass. Die würde ich echt gerne mal treffen. Und wenn sie mal zu einem Song von uns tanzen würde, das wäre natürlich total krass.

Am 06.05.2017 kann erst einmal jeder im Mojo mittanzen. Im Sommer spielen Chefboss auf diversen Festivals, u.a. Rock am Ring und Rock im Park. Eine Aufwärmphase gibt’s auch: Am 17.03.2017 erscheint das Album Blitze aus Gold.


2 Bier – 1 Platte

marthe-schnipoSchnipo Schranke & Sido

Ein von Youtube indiziertes Video, jede Menge Fäkalsprache, kollektive Verwirrung bis ausschweifende Begeisterungsstürme bei Publikum und Feuilleton – so könnte man Schnipo Schrankes Debüt Satt von 2015 ungefähr zusammenfassen. Jetzt ist das zweite Album des Duos aus St. Pauli erschienen: Rare. Mehr Synthies, mehr Drums, die unverhohlene Sprache, wie man sie kennt. „Wir sind Haschproleten, da hilft kein Haten und kein Beten“ – Okay! Wir wollen bei Kaffee und (jugendfreien) Zigaretten auch über was ganz anderes reden. Zum Beispiel über die Lieblingsplatten der Schnipos Daniela Reis und Fritzi Ernst.

Fritzi Ernst: Scheisseey!

Daniela Reis: Das ist überhaupt nicht unser Thema. Über unsere Lieblingsmusik reden wir eigentlich gar nicht.

Bester Interview-Start ever!

Warum nicht?

Fritzi: Wir vermeiden das immer gerne, weil wir es irgendwie ein bisschen unangenehm und zu persönlich finden, was wir so für Platten hören.

Marthe: Okay, dann fangen wir vielleicht mal anders an. Gab es eine Band oder eine Platte, die euch bei dem Weg von der Klassik zur Popmusik begleitet hat?

Fritzi: Also wir haben natürlich früher auch schon Popmusik gehört und nicht nur Klassik. Es gab da jetzt nicht DIE Band, die uns inspiriert hat selber Musik zu machen. Außer Sido…

Sido, das super-intelligente Drogenopfer, das den deutschen Gangster Rap chartkompatibel gemacht hat.

Daniela: Genau, Sido war schon so ein Auslöser. Die Art, wie er getextet hat und seine Themenwahl haben uns total entsprochen. Wir hatten einen total guten Zugang seinen Sachen. Wir haben den schon sehr gefeiert. Wir haben ja auch gar nicht von Anfang an gesungen, sondern erst mal gerappt.

Ihr klingt jetzt nicht wirklich wie Sido.

Fritzi: Ja, das ist bei uns nun wirklich etwas komplett anderes geworden. Aber manchmal braucht man irgendwie einen Anstoß, um selber Bock zu kriegen was zu starten. Das muss ja mit dem, was man am Ende macht, gar nichts zu tun haben.

Daniela: Wir sind dadurch auf die Idee gekommen eigene Texte zu machen. Wir haben davor ja nur instrumental Musik gemacht und plötzlich war da die Textoption in unserem Kopf. Es ist ja auch so: Wenn man etwas hört, das einem selbst und der Laune gerade entspricht, dann kommt man ja auch immer schnell auf Ideen, wie man das selber anders oder besser machen könnte. Deshalb kann es so eine Offenbarung sein neue Künstler oder Bands zu entdecken. Ich habe auch erst vor zwei Jahren The Cure entdeckt.

Fritzi: Ich glaube deshalb reden wir so ungern über unsere Lieblingsbands. Wenn wir etwas finden, das wir total mögen, ist das meistens schon uralt und dann marthe-sidoist es eher peinlich zu sagen: hab ich grad entdeckt, voll geil!

Daniela: Nee, das finde ich eigentlich nicht. Ich finde es wird peinlich, wenn ich jetzt meinen Lieblingssong verrate und die Leute dann aus dem Text eins-zu-eins auf mein Seelenleben schließen können. Das ist ja rudimentärste Tiefenpsychologie. Ich will nicht, dass die Leute merken, an welchen Stellen ich mich selbst gemeint fühle oder was bei mir im Kopf so abgeht.

Auch nicht die schönen Dinge?

Daniela: Gerade die positiven Sachen sind mir peinlich! Ich will nicht, dass die Leute wissen, was mich beglückt. Das ist für mich total schräg. Das nicht zu verraten ist halt meine Art der Maske.

Da sind wir wieder bei Sido.

Er hat übrigens beim Bundesvision Song Contest 2005 erstmals seine Maske abgenommen.

Daniela: Jaja, genau! Die Leute sagen halt immer, dass wir total offen sind und sie das schätzen. Und klar, wir sind in vielen Bereichen furchtbar offen. Aber das sind die Dinge, in denen wir nicht angreifbar sind und deshalb können wir darüber so offen reden. Über die Dinge, die uns zu persönlich sind, reden wir aber nicht. Bisher ist das nicht so ins Gewicht gefallen, weil es ja fast immer um dieses Fäkalding ging. Aber irgendwann werden die Leute wohl merken, dass wir auch total die Fassade haben, so wie jeder andere auch.

Welches Sido-Album ist das beste?

Daniela: Das erste! Das ist immer so billig, weil alle das sagen, aber es ist wirklich so. Das hat einfach so wahnsinnig viel Charme finde ich. Und ich musste bei keinem der folgenden Alben so viel lachen wie bei dem. Das ist für mich ein ganz wichtiger Aspekt.

Sidos Debut Maske erschien 2004 und erreichte Goldstatus. Wegen der Glorifizierung von Drogen im Song Endlich Wochenende landete das Album schnell auf dem Index.2005 erschien dann Maske X. Endlich Wochenende verschwand von der Tracklist, statt dessen schafften es der Arschficksong und G mein Weg aufs Album.

Habt ihr denn beim Hören auch darüber nachgedacht, was man hätte besser machen können?

Daniela: Nee, das ist nämlich das Lustige, wenn man so ein ganz charmantes Album macht, wo alles noch so ein bisschen unbeholfen ist. Dann denkt man das irgendwie nicht.

Fritzi: Das macht dann nichts. Gerade beim ersten Album geht es ja auch immer darum, seine eigene Welt vorzustellen. Und da ist ja erst einmal gar nichts falsch. Alles was danach kommt wird dann daran gemessen.

Daniela: Ich finde auf jeden Fall auch die Beats auf der ersten Platte am konsequentesten. Das sind schon abgefahrene Sounds, einfach wahnsinnig kreativ.

Auf euerm neuen Album habt ihr keine Features. Warum nicht?

Fritzi: Das kam einfach nicht zu Stande. Es gibt schon Leute, auf die wir da mal Bock hätten, aber das muss sich ja irgendwie auch ergeben und Sinn machen. Sonst ist es halt einfach nur konstruiert.

Auf wen hättet ihr denn Bock?

Daniela: Sido! Ja! Ich hab neulich überlegt, ob wir ihn bei der dritten Platte einfach mal fragen. Ich fände das schon super nice, wenn er dann einfach eine Strophe rappen würde. Bei Features ist das ja so: Entweder man macht das mit Leuten, mit denen man schon echt gut befreundet ist, oder es muss einfach richtig schocken, weil das jemand richtig geiles ist. So wie Sido. Mit dem im Studio zu sein wäre schon wie Kindergeburtstag für uns.

Fritzi: Man würde doch bestimmt gar nicht mit dem reden. Man würde dem den Song schicken und dann macht der das da drauf.

Daniela: Stimmt, aber egal! Bei so geilen Leuten wie Sidooder Robert Smith würde ich auch drauf scheissen und was konstruieren. Der Künstler muss einfach dufte sein, vor allem auch persönlich.

Marthe1Ist Sido also ein dufter Typ?

Daniela: Das weiß ich nicht, da kann ich mir kein Urteil bilden. Aber das, was man in der Öffentlichkeit sieht finde ich dufte. Ich finde, der macht das voll cool. Also für mich ist er immer eine Inspiration.

Auch in Bezug auf seinen Umgang mit Kritik?

Daniela: Auch, ja klar! Aber das ist ja diese ganze Hip Hop-Attitüde. Das geht uns total rein. Wir versuchen aber auch, uns Kritik nicht so sehr reinzuziehen. Am Anfang, als wir noch nichts hatten, aber schon wussten, dass wir eine berühmte Band sein wollen, da haben wir uns immer vorgebetet, dass wir keine Zweifel haben dürfen. Das war unser Masterplan: Einfach nicht zweifeln und daran glauben, dass das was wir machen, das Allergrößte ist.

Das allergrößte zweite Album Rare ist im Januar bei Buback erschienen. Im März sind Schnipo Schranke auf Tour und geben am 18. März ihr Heimspiel im Übel & Gefährlich. Tickets und Infos gibt’s hier.


2 Bier – 1 Platte

marthe-wehlandHenning Wehland & Lindenberg

Zugegeben, bevor ein Musik-Superhirn es bemerkt: Henning Wehland ist gar kein Hamburger. Damit sprengt er nach ziemlich genau zwei Jahren 2 Bier – 1 Platte frech das Konzept. Manche mögen sagen, er darf das – wegen seiner jahrzehntelangen Karriere bei den H-Blockx und Söhnen Mannheims, seiner Arbeit als Moderator bei Viva 2 und Coach für junge NachwuchsmusikerInnen im Privatfernsehen. Glaub ich nicht. Aber wer seine Platte Der Letzte an der Bar nennt und sich schon nachmittags als erster mit mir an einer in Hamburg zum Bier trifft, gehört zu dieser Kolumne wie der eiskalte Korn in die Kneipe nebenan.

Von Marthe Ruddat

Henning: Ich mag Hamburg aber auch sehr! Ich habe viele Freunde hier. Und Hamburg und Münster haben auch sehr viele Gemeinsamkeiten: das große Gewässer in der Innenstadt, das Studentenleben, die schöne Altstadt.

freitagsmedien: Hamburg hat aber etwas, was Münster nicht hat: Udo Lindenberg. Und um den soll es heute gehen, oder?

Ja, das stimmt.

Wieso hast Du dir eine Platte von Udo ausgesucht? Und vor allem: welche?

Was Musik angeht bin ich sehr stark von meinem älteren Bruder beeinflusst worden. Über ihn bin ich an deutschsprachige Rock- und Punkmusik gekommen. In den Siebzigern kam man in dem Bereich einfach gar nicht an Udo Lindenberg vorbei. Und da gab es eine Platte, die mich einfach wahnsinnig fasziniert hat: Votan Wahnwitz.

Votan Wahnwitz erscheint 1975. Es ist Udo Lindenbergs fünftes Studioalbum und eingespielt mit dem berühmten Panikorchester.

Was hat dich so fasziniert an diesem Album?

Also zum einen ist das einfach die beste Udo-Platte. Jeder Song ist ein Hit, Knallertexte und wirklich einzigartige Musik. Was mich aber als 7-Jähriger besonders beeindruckt hat ist das Cover der Platte. Da ist vorne drauf ein Porträt von Udo und zwar ohne Hut und ohne Brille. Und hinten drauf ist das Orchester zu sehen. Und die Cellistin ist als einzige komplett nackt und verdeckt ihren Intimbereich mit dem Cello. Für mich war das damals die Ausgeburt des Rock’n’Roll.

Hat dein Bruder dir die Platte geschenkt?

Nein, aber mein Bruder hatte irgendwann die alte Kompaktanlage meiner Eltern bekommen. Wir hatten immer schon ein sehr gutes Verhältnis und deshalb durfte ich zu ihm in den Keller kommen und seine Platten auflegen. Zu Weihnachten hat er dann oft Mixtapes oder ganze, auf Kassette überspielte Platten verschenkt. Und ich habe sie mir dann auf meinem Mono-Kassettenspieler immer wieder angehört. Und so bin ich auch zu der Votan Wahnwitz gekommen.marthe-udo

Verbindet Euch die Platte dann heute noch? Hört ihr sie zusammen, wenn ihr euch seht?

Die Platte verbinde ich schon sehr mit meinem Bruder, aber zusammen singen wir eigentlich eher selten. Die Kompositionen auf dieser Platte sind auch meistens echt so episch, dass sie nicht so einfach nachzuspielen sind. Mein Bruder und ich waren allerdings mal gemeinsam mit unserem Vater in der Steiermark wandern. Irgendwann habe ich angefangen Das kann man ja auch mal so sehen vor mich hin zu singen. Als ich wieder aufgehört habe, hat mein Bruder dann plötzlich weiter gesungen und so haben wir uns bei der Wanderung irgendwie ein bisschen gebattlet. Das war auf jeden Fall das modernste Wanderlied, das ich jemals gehört habe.

Ist Das kann man ja auch mal so sehen dein Lieblingssong auf der Platte?

Nein, das ist Jack. Das ist eine Nummer, die vom Tod eines Freundes von Udo handelt.

Udo Lindenberg – Jack

Heute morgen um 7 ging das Telefon / sie sagten: Dein Freund Jack ist tot

ein Laster ist frontal in ihn reingeknallt / der hatte überholt trotz Überholverbot

Zuerst wollte ich das nicht begreifen / ich dacht’, das ist ein makabrer Gag

mein Freund Jack kann doch nicht so plötzlich sterben / wir wollen doch heute abend noch zusammen weg

Es war wie ein Faustschlag in den Magen / diese Nachricht von Jackies Unglück

ich versuchte mir vorzustellen / wie dieser Lkw auf ihn zukommt

und was in Jack vorgeht in diesem Augenblick /Ein komischer Zufall, erst vor zwei Wochen

haben wir noch über den Tod gesprochen / er hatte Angst davor, er meinte, dann ist alles zu spät

ich sagte: Nein Jack, ich glaub’, daß nach dem Tod / das Leben irgendwie weitergeht!

Über den Wolken ist es so schön / wie in den Bergen der Antarktis

und weiter geht dein Flug, vorbei an den Planeten / und du erreichst die Rock ‘n Roll-Galaxis

Und da siehst du ihn wieder / Jimi Hendrix, ich weiß noch, als er starb

warst du sehr traurig / weil’s für dich keinen Größeren gab

und Buddy Holly / singt für dich noch einmal “Peggy Sue”

du bist froh, daß er auch da ist / und zusammen mit deiner neuen Freundin Marylin

hörst du ihm zu / Brian Jones und Janis Joplin auf dem Nebelpodium

und bald gehörst auch du zu ihrem Stammpublikum

 

Ob die Geschichte wirklich wahr ist, weiß ich gar nicht. Aber das ist auch glaube ich gar nicht wichtig, denn es geht um das Erzählen einer Geschichte. Ich glaube nicht, dass Udo Lindenberg so gut funktioniert, weil er die größten Hits geschrieben hat, die musikalisch total beeindruckt haben. Er war und ist erfolgreich, weil er Dinge auf den Punkt bringt und ausspricht, die sich oft noch niemand getraut hat auszusprechen. Und gerade auf der Votan Wahnwitz hat er mit Sprache Bilder gemalt, wie es bis dahin in der deutschen Rockmusik noch niemand geschafft hat.

Ist er damit ein Vorbild für dich geworden?

Ja, auf jeden Fall.

Hast du ihn mal getroffen?

Ja, das war echt geil. Ich habe ja das große Glück, dass ich in den letzten Jahren viele beeindruckende musikalische Persönlichkeiten treffen durfte. Bei den meisten hat sich im Laufe der Zeit das Bild über die Person verändert, manche sind sogar Freunde geworden. Udo ist aber immer so ein Phänomen geblieben und das wird er auch bleiben, glaube ich. Ich glaube er hat sich irgendwann entschieden ein Leben zu führen, das kein anderer führt. Er wollte eine Kunstfigur erschaffen, die sich in den Dienst dessen stellt, was sie sieht. Die Kunstfigur äußert sich ja schon darin, dass er seit 40 Jahren in einem Hotelzimmer wohnt. Da war ich übrigens auch schon mal.

Marthe1Echt? Erzähl!

Naja, also wenn du in der Wohnung bist hast du auf jeden Fall nicht das Gefühl in einem Hotel zu sein. Es ist schon sehr privat. Das mag ich ja. Wenn die Menschen ihren Ruhm und den Reichtum nicht ausnutzen, um andere zu beeindrucken, sondern um sich selbst auszudrücken. So wirkte das bei ihm.

Gibt es eine Frage, die du Udo Lindenberg gerne mal stellen würdest, dich bisher aber noch nicht getraut hast?

Puh, ich glaube es geht da nicht unbedingt um Trauen. Meine Frage wäre eher etwas ausufernder. Udo hat sich ja so den Ruf eines Paten erarbeitet, der irgendwie im besten Sinne des Wortes eine Art Mafiosi ist. Es gibt auch Geschichten über Geheimräte, seine engsten Mitarbeiter und Freunde. Es würde mich einfach interessieren, wie das so gekommen ist und was für ein System dahinter steckt.

Das wäre eine ganz gute Frage für einen gemütlichen Abend am Tresen. Der Titel deines Albums lässt vermuten du seist eine Barfly.

Ja tatsächlich, immer noch und auch sehr gerne. Die Bar ist ein bisschen wie Bahnfahren: Du kannst dir nicht aussuchen, wer neben dir sitzt und am Ende fängt man aber doch oft ein Gespräch an oder belauscht andere Gespräche. Am Tresen trifft man sich einfach immer auf Augenhöhe, da ist es egal, wo man herkommt. Und da entstehen einfach die besten Geschichten.

Diese Geschichten erzählt Henning Wehland auf seinem Solo-Debüt Der Letzte an der Bar. Das Album erscheint am 27. Januar. Zum Überbrücken der Wartezeit und fröhlichem Musiker-Raten eignet sich das gleichnamige Freunde-Video hervorragend. Weitere Infos auf Hennings Facebook-Seite.