Krauses Fummel & Schirachs Strafe

Die Gebrauchtwoche

TV

20. – 26. Juni

Wenn RTL seine Prollpfosten in Frauenfummel steckt, als sei die Verwandlung ein Trinkspiel, ist Vorsicht geboten. Mit Kandidaten wie Micky Krause, Bernhard Brink oder David Odonkor sprengte das niederländische Format Viva la Diva am Montag ja nur oberflächlich biologische Geschlechtergrenzen. Moderiert von Tim Mälzer mit Lacknägeln, bewertet von Jorge González bis Jana Ina Zarrella, gaben sich die Knalltüten des kommerziellen Entertainments Dragqueen-Namen wie Minnie de la Cruise, Kandy Rock oder Titania Diamond.

Doch spätestens, als sich der Sender vom Sieger Faisal Kawusi distanzierte, weil er zuvor mit KO-Tropfen in den Schlagzeilen steckte, war RTL wieder ganz bei sich. Entfernte sich allerdings kurz darauf wieder ein Stück, als die Verpflichtung des ZDF-Rechercheteams um Birte Meier publik wurde. Als freie Mitarbeiterin von Frontal 21 hatte sie 2015, Eingeweihte erinnern sich, das Zweite zwar erfolglos, aber wirkmächtig wegen ungleicher Bezahlung verklagt. Ob sie jetzt das Gleiche verdient, wie – sagen wir: Steffen Hallaschka, der als Supa Nova bei Viva la Diva mitfummelte, dürfte sie demnächst also selber veröffentlichen.

Auch sonst handelten viele Meldungen zumindest am Rande vom früheren Marktführer aus Köln. Der hatte sich erst kürzlich den Hamburger Großverlag G+J einverleibt, dessen früherer Stern-Chef Henri Nannen mittlerweile endgültig als Antisemit entlarvt und aller Ehren beraubt wurde – etwa als Namensgeber eines Preises, der nun anders heißt und weiterhin wichtig ist, aber nicht annähernd so wie jener Friedensnobelpreis, den der russische Journalist Dimitri Muratow für 103 Millionen Euro zugunsten ukrainischer Kriegsopfer versteigern ließ.

Dass sich Sat1 laut DWDL von allen Scripted Realitys trennt, bedarf allerdings noch der Bestätigung. Würden die Fakedokus ersatzlos gestrichen, liefe dort ja praktisch nur noch Werbung. Ein Qualitätsverlust wäre das allerdings nicht. Womit es um die Online Grimme Awards gehen darf, bei denen unter anderem und der Podcast Cui bono – WTF happened to Ken Jebsen siegreich war. Und damit zurück zu RTL.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

27. Juni – 3. Juli

Dessen Streaming-Ableger mit + am Ende beweist, dass die Muttergesellschaft digital vieles richtig macht, was linear daneben geht. Zwar adaptiert die Anthology-Serie Strafe ab Dienstag nur den nächsten Schirach-Beststeller, kreiert aber etwas Außergewöhnliches: Inszeniert von sechs Regisseurinnen und Regisseuren wie Oliver Hirschbiegel und Helene Hegemann, sind die Essays über Recht und Gerechtigkeit höchst unterschiedlich, transportieren aber ein grundlegendes Qualitätsmerkmal: In der Ruhe liegt die Kraft.

Und das beherzigt RTL+ zeitgleich auch in seiner bemerkenswerten Doku Das weiße Schweigen über die unfassbare Krankenhausmordserie des Krankenhauspflegers Niels Högel. Dass Arte sachlich unterhalten kann, dürfte dagegen hinlänglich bekannt sein. Dass der Kulturkanal dabei aber auch buchstäblich auf die Zwölf hauen kann, beweist die lässige Aufklärungsstunde Penissimo am Mittwoch, womit Arte gewissermaßen die Vagina-Betrachtung Viva la Vulva von 2019 zwischen Männerbeinen fortsetzt, aber erneut weit übers Fortpflanzungsorgan hinausgeht.

Der Rest ist fiktionale Unterhaltung: Bereits heute setzt Sky die immer noch fesselnde, aber leicht abgehangene Dystopie West World mit der 4. Staffel fort. Sonntag startet Starzplay Teil 2 der großartigen SciFi-Novelle P-Valley. Parallel dazu zeigt wiederum Sky das Sequel der Siebziger-Legende Kung Fu, ersetzt den unvergesslichen Hauptdarsteller David Carradine als Martial Arts-Kämpfer jedoch zeitgenössisch durch eine Frau. Und Zwischendurch startet Amazon die Thriller-Serie The Terminal List mit Chris Patt.

Und weil freitagsmedien nächsten Montag drei Wochen Sommerferien macht, noch zwei Tipps: Ab 6. Juli dürfen Fans grotesker Milieustudien keinesfalls die Wirecard-Persiflage King of Stonks mit Matthias Brandt als Mischung aus Elon Musk und Jan Marsalek auf Netflix verpassen. Und fünf Tage später überrascht die reale Podcasterin Sophie Passmann als fiktive Podcasterin Nola in der achtteiligen Amazon-Komödie Damaged Goods um Twentysomethings am Rande des Nervenzusammenbruchs.


Köster & van der Horst: heute-show-spezial

"heute-show spezial"

In guten Momenten Journalismus

Als Oli Welkes Außenreporter gehen Fabian Köster und Lutz van der Horst (Foto: Wolfschläger/ZDF) dahin, wo’s wehtut. Zum Auftakt ihrer Reportage-Reihe heute-show spezial zum Beispiel zur CDU. Ein Gespräch mit den Kölnern über humoristische Entlarvung und journalistische Erkenntnis, Schienbeintritte und was Studienabbrecher als Komiker prädestiniert.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Köster, Herr van der Horst, was ist die Kernkompetenz eines Außenreporters der heute-show, dessen Kampfzone im spezial erweitert wird – keine Angst vor großen Tieren?

Lutz van der Horst: Bisschen erweitert ist gut; wir haben statt vier Minuten für den Außeneinsatz im Spezial über 30, in denen wir informativ, zugleich aber auch lustig sein wollen.

Fabian Köster: Wobei die fehlende Angst vor großen Tieren gerade angesichts der Tatsache, dass die heute-show im Vergleich zu den Anfängen viel ihrer Albernheit verloren und zugleich journalistische Perspektiven entwickelt hat, schon nicht unwichtig ist.

Um beispielsweise einem Alpharüden wie Markus Söder vors Schienbein zu treten.

Köster: Theoretisch ja. Aber ich persönlich will Politikern schon aus Respekt vor deren Job nicht vors Schienbein zu treten. Wir versuchen, unsere Informationen unterhaltsam zu überspitzen, aber ohne jemanden lächerlich zu machen.

Van der Horst: Wobei wir bei den Drehs öfter von der Seite angesprochen werden: Los jetzt, mach‘ den mal richtig fertig! Darum geht es nicht.

Aber darum, Entscheidungsträger mit ihren Entscheidungen zu konfrontieren und Ungleichgewichte gegebenenfalls, wenn schon nicht lächerlich zu machen, dann doch bloßzustellen und damit zu entlarven?

Köster: Stimmt. Weil wir andere, lustigere, unerwartetere Fragen als seriöse Journalisten stellen und selbst Medienprofis damit schon mal dem Konzept erlernter Interviewschemata bringen. Aber im Zentrum steht auch bei denen die Antwort, nicht der Antwortgeber.

Ist es leichter, Antwortgeber zu entlarven, wenn es keine Medienprofis, sondern -laien sind?

Van der Horst: Profis sind natürlich geschulter und wissen eher als Laien, wie sie geschmeidig antworten, sind aber auch oft schlagfertiger.

Köster: Wobei man bei Profis ohnehin viel mehr Stoff zum Nachfragen hat, weil die in der Regel ja ständig mit ihren Aussagen in der Öffentlichkeit stehen und daran messbar sind.

Van der Horst: Umso mehr Spaß macht es dann, deren Floskelsprache zu entlarven. Bei medial Ungeschulten führt das allerdings zur Bloßstellung, die uns schnell unsympathisch macht.

Haben Politiker und Politikerinnen womöglich mehr Angst vor Ihnen als umgekehrt?

Van der Horst: Es gibt nur die, die auf uns zukommen, und die, die vor uns wegrennen. Seit das ZDF-Mikro nicht mehr automatisch mit heute, sondern uns verbunden wird, ist letzteres Lager allerdings geschrumpft.

Köster: Wobei es schon wieder Rückkoppelungen gibt. Es hauen nicht mehr so viele ab wie zwischendurch. Zum einen, weil viele merken, dass es uns nicht nur um Gags geht, zum anderen, weil sie auch durch uns wertvolle Bildschirmzeit kriegen.

Van der Horst: In der sie mal ihre lustige Seite zeigen dürfen. Das ist nicht zu unterschätzen.

Ist am Ende die komödiantische Punchline oder die journalistische Erkenntnis wichtiger?

Van der Horst: Im Idealfall hält es sich die Waage, aber unser Ziel ist, Erkenntnisse zutage zu fördern und mit guten Punchlines abzubinden. In einer normalen „heute-show“ stellt sich allerdings schon aus Zeitgründen die Frage, mit was man die Zuschauer bei Laune hält. Und da bietet sich der bessere Gag oft eher an als die bessere Info.

Köster: Aus meiner Bühnenerfahrung weiß ich ja, wie unangenehm es ist, wenn das Publikum schweigt. Weil wir hier keines haben, dürfen wir Politiker also mal 45 Sekunden ausgiebig zu Wort kommen lassen, ohne dass es witzig werden muss. Der Gag kommt dann einfach ein paar Momente später als in einem auf drei Minuten verdichteten Einspieler.

Kommen zum Auftakt Quo vadis, CDU? auch Fachleute oder nur Politiker zu Wort?

Köster: Weil es nicht so viele Drostens in der CDU gibt, die Politik wissenschaftlich erklären können, mussten wir uns in der Tat einen Fachmann holen, nämlich Robin Alexander, von der Welt, der uns seriös durch die Sendung leitet und uns gelegentlich einnordet, wenn wir vom Pfad der Tatsachenberichterstattung abweichen.

Van der Horst: Politisch wird es bei allem Humor eigentlich immer.

Hilft Humor bei der politischen Aufklärung oder macht er sie nur unterhaltsamer?

Van der Horst: Auf jeden Fall auch ersteres, weil politische Aufklärung oft zugeknöpft und damit unzugänglich wirkt.

Köster: Überspitzt gesagt, weiß man von Politikern oft schon bei der Frage, was und wie sie darauf antworten. Um das aufzubrechen, nutzen wir das Stilmittel der Unterhaltsamkeit.

Van der Horst: Und an Jugendlichen, die sagen, sie hätten erst durch Sendungen wie unser Interesse an Politik gewonnen, sieht man, welche Resonanz wir damit erzielen. Idealerweise schauen die aber natürlich nicht nur uns zur Information, sondern noch richtige Nachrichten. Nur heute-show zu gucken, finde ich schwierig.

Köster: Meine Schwester ist zehn Jahre jünger als ich

Also 17.

Köster: Die Generation TikTok kriegt man nicht zu Frontal 21. Mit etwas Glück regen unsere kurzen Beiträge, von denen viele bei Youtube laufen, sie aber dazu an, sich wenn schon nicht linear öffentlich-rechtlich, dann doch in den Mediatheken zu informieren.

Van der Horst: Dazu passt, dass die heute-show dort seit 13 Jahren erfolgreich und mittlerweile sogar am erfolgreichsten aller ZDF-Formate ist. Wir hatten auch früher als andere einen Facebook-Kanal.

Heutzutage eher cringe als cool…

Van der Horst: Aber ein Zeichen, wie digital die Sendung von Beginn an aufgestellt war, um jüngeres Publikum zu erreichen, das im Idealfall dann sachlichere Informationsquellen sucht.

Was sind denn Ihre Informationsquellen – eher Spiegel oder eher Postillon?

Köster: Wir genießen das Privileg einer Presselandschaft, in der man unabhängige Medien von der Tagesschau bis zur FAZ nutzen kann. Ein Lieblingsmedium hab‘ ich aber nicht. Du, Lutz?

Van der Horst: Ich komme ja noch aus einer Zeit der Papierzeitungen, die schon nicht mehr ganz aktuell waren, wenn man sie beim Frühstück gelesen hat. Da ist mein Spiegel-Online-Abo natürlich praktischer, und gehört zu meinem Morgenritual beim Kaffee. Um plakative Themen mitzukriegen, lese ich sogar die Bild, schaue aber auch gern bei „Postillon“ oder Extra 3 vorbei, wie die welche Themen so aufbereiten.

Köster: Ich jedenfalls bin sehr froh, dass es im Gegensatz zu uns auch noch seriöse Journalisten gibt, die seriös informieren.

Sie bezeichnen sich als Quereinsteiger aus der Comedy-Szene als Journalisten?

Van der Horst: Ich hatte sogar mal einen Journalistenausweis, aber das lohnte sich einfach nicht mehr, weil der eh nie abgefragt wurde und mir die Antragstellung zu aufwändig war.

Köster: In guten Momenten kommen wir an journalistische Tätigkeiten ran, aber am Ende sind wir glaube ich zu sehr Unterhalter.

Immerhin mit einer Redaktion im Rücken, die auch ein Ingo Zamperoni braucht, um bei einer Reportage in die USA vor der Präsidentschaftswahl dekorativ sein Gesicht in die Kamera zu halten…

Van der Horst: Das nehme ich geschmeichelt zur Kenntnis und hole ich mir jetzt wieder einen Journalistenausweis.

Köster: Mit Visitenkarte „Hauptstadtjournalist“.

Sie stammen beide aus der Comedy-Hauptstadt Köln, haben bei „TV total“ angefangen und Studiengänge mit Erwerbslosigkeitspotenzial abgebrochen – sind das drei Einstiegskriterien für deutsche Fernsehhumorkarrieren?

Köster: So hab‘ ich das noch nie betrachtet, aber stimmt: wäre ich nicht in Köln zur Schule gegangen, hätte ich währenddessen auch nicht hier bei der heute-show angefangen.

Van der Horst: Ich bin superdankbar, in Köln aufgewachsen zu sein, weil ich schon immer das machen wollte, was ich jetzt mache, aber niemanden in der Familie mit Kontakten in die Fernsehbranche hatte. Die konnte man sich hier leichter aufbauen.

Köster: Im Grunde musst du nur irgendwo in der Stadt Kölsch trinken und Zack hast du jemanden aus der Comedy-Szene an der Backe.

Van der Horst: Mein Studium hab‘ ich auch nur angefangen, damit ich aus Sicht meiner Eltern was Vernünftiges mache. Als ich dann bei TV total immer mehr zu tun hatte, fiel es mir daher leicht, es abzubrechen.

Wo sehen Sie sich nach jeweils der Hälfte Ihres Lebens als Komiker 2032 – in der „Anstalt“?

Van der Horst: Traumschiff.

Köster: Ich dachte, dein Ziel sei der Fernsehgarten? Wenn du aufs Traumschiff gehst, mach‘ ich aber ein heute-show spezial zur Umweltbilanz der Kreuzfahrtbranche, die sich gewaschen hat, mein Lieber.


Flight 666: Iron Maiden & Ed Force One

Im Privatflieger der Metalprediger

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Ein hinreißender Konzertfilm über die Welttour der unverwüstlichen Iron Maiden macht deutlich, warum die Zackengitarrenszene keine Zweckgemeinschaft, sondern eine Familie ist. Nach 13 Jahren DVD-Dasein steht er jetzt endlich in der Arte-Mediathek.

Von Jan Freitag

Die Boing 757: zweistrahliger Stolz des American Way of Life, Symbol entgrenzter Mobilität, ein Stück US-Identität, das zwar im Schatten der Boing 747 steht, aber genau wie der Jumbo-Jet fossile Fortschrittsgläubigkeit auf kurzer Strecke verkörpert und damit etwa so zeitgemäß ist wie Pfälzer Schlachtplatten, Rohrstockzüchtigung oder, sagen wir: Iron Maiden. An dieser Stelle dürfte es (zumindest unterm zeitunglesenden Teil der Rockszene) einen Aufschrei der Entrüstung geben. Also Ohren zu, Augen auf.

Die Urväter harten Rocks mögen jahrelang in bandeigener Boing 757 um den Globus gejettet sein, als sei der Klimawandel ein flüchtiges E-Gitarrensolo; wer ihnen dort volle 45 Tage im grandiosen Dokumentarfilm Flight 666 beiwohnen darf, kann nur zu einem Urteil gelangen: Pfälzer Schlachtplatten und Rohrstockzüchtigung bleiben wohl (hoffentlich) für alle Ewigkeit Anachronismen; Iron Maiden aber sind auch nach 50.000 Meilen in ihrer Ed Force One genannten Kerosinschleuder zukunftstauglich wie Mediationen und Veggieburger.

Zur Erklärung für Spätgeborene, Ungläubige, beide in einem: Iron Maiden, lange vor Maggie Thatchers Wahl zum Prime Minister unweit vom Westminster Palace gegründet und seit 40 Jahren in nahezu gleicher Besetzung auf Tour, waren aus Rockstarsicht bereits 2008 Fossile. Damals überzeugte der Anthropologe und Regisseur Sam Dunn seine Lieblingsband davon, ihre Welttournee begleiten zu dürfen. Und wie in den meisten seiner Genre-Analysen unterstützt vom kanadischen Filmemacher Scot McFadyen, sollte das Resultat ein Mix aus gefilmtem Fanzine und gefühlter Sozialstudie werden.

Hierzulande allenfalls in Programmkinos oder Festivalzelten sichtbar, haben die beiden Showrunner 2009 mit Flight 666 ein zweistündiges Juwel publizistischer Distanzlosigkeit geschliffen, das trotz ihrer spürbaren Vergötterung der Berichtsgegenstände jedoch über den Wolken nie an Bodenhaftung verliert. Mehr als ein Jahrzehnt später steht es nun endlich in der Arte-Mediathek. Und wem beim Gedanken an hochtourige Riff-Stakkatos zum Pathos operettenhafter Gesänge die Fußnägel hochklappen: bitte dennoch reinhören. Es lohnt sich.

Die – für einen Konzertfilm verblüffend schlecht gemischte – Tourneebegleitung handelt zwar wesentlich von der Wall of Sound turmhoch gestapelter Stromgitarren im Doublebass-Gewitter. Darunter jedoch schwingen zarte Liebesmelodien im Takt einer organischen Verbindung zwischen Sender und Empfänger, die so vermutlich kein anderes Musikgenre herzustellen vermag. Die Weltreise in 21 Städte auf vier Kontinenten zeigt schließlich keine Konzert-, sondern Messebesucher (das zeitgenössische -innen kann man sich getrost sparen; neun von zehn Besuchern sind Männer, aber das stört hier gar nicht weiter).

Vom Start in Mumbai über Perth (Tag 7, 10.924 Meilen) und Tokio (Tag 16, 16.277 Meilen), Los Angeles (Tag 19, 22.073 Meilen) oder Sao Paolo (Tag 31, 28.863 Meilen) bis nach Toronto (Tag 46, 36.192 Meilen) haben Hunderttausende zahlender Gäste nicht nur Eintrittskarten, sondern Himmelsleitern erworben. Ihr kollektives Glücksgefühl wird auch in der zweidimensionalen Fernsehversion jederzeit deutlich. Noch bemerkenswerter ist da nur, mit welcher Demut sechs alternde Prediger der Church of Heavy Metal – schon damals alle über 50 und noch heute auf Tour – die bedingungslose Zärtlichkeit ihrer Fans in klassenlose Energie verwandeln.

Iron Maidens Boing 757, gelenkt von Sänger Dickinson persönlich, kennt keine First Class für eiserne Jungfrauen, nur einen Teamspirit, den die Kameras zwar kaum unbeeinflusst lassen; Heisenbergs Unschärferelation macht schließlich auch an der heiligen Zackengitarre nicht Halt. Aber wie Crew und Band auf Augenhöhe interagieren, wie ihnen die Hingabe des Publikums den Atem verschlägt, wie würdevoll sie dabei ihr schütteres Haupthaar schütteln, altersgemäß „bloody“ statt „fucking“ sagen, vor den Gigs gern Golf spielen, aber abzüglich eigenen Starruhms plus Flieger nicht grundlegend anders drauf sind als vier Generationen entfesselter Fans vor der Bühne – das macht diese Zweckgemeinschaft zur Familie.

Von der darf sich die Welt vorm Stadiontor also ruhig eine Scheibe abschneiden. Zumal die Ed Force One mittlerweile ausgemustert wurde. Nicht mehr nachhaltig genug, hieß es. Iron Maiden aber fliegen einfach weiter. Und weiter. Und weiter. Und weiter. Flight 666 zeigt eindrücklich, warum.

https://programm.ard.de/TV/arte/iron-maiden—flight-666/eid_287244000695085


Wahrnehmungsschwellen & Internetquellen

Die Gebrauchtwoche

TV

13. – 19. Juli

Es ist der denkbar größte Ritterschlag für einen relativ jungen Künstler, wenn ein relativ alter Kollege ihn dafür kritisiert, unwichtig zu sein. Dass der sehr, sehr greise und sehr, sehr weiße, an Haupthaar, Geist, Charakter hingegen betongraue Harald Schmidt im Altrocker-Blatt RollingStone gerade Jan Böhmermann als Krawallschachtel unterhalb der, also Schmidts Wahrnehmungsschwelle bezeichnet hat, spricht fürs letzte Gefecht eines verbitterten Feuilletonfossils gegen seine Wachablösung.

Nun war der Late-Night-Zyniker schon immer ein Perpetuum Mobile eloquente Selbstreferenzialität, Gott und der Welt gegenüber also ungefähr so kritikfähig wie Panzerhaubitzen aus Kruppstahl, aber er war dabei wenigstens unterhaltsam. Und jetzt? Eher so Typ Waldorf & Statler für FAZ-Leser ohne *innen und damit der endgültige Abschiedsgruß des Leitmediums in Richtung Streamingdienste und Mediatheken, wo sich welkes Herbstlaub von Harald Schmidt bis Alexander Gauland eben leicht mal verirren.

Wie viel würdevoller verhalten sich deren Alters-, aber eben nicht Charaktergenossinnen wie Birgit Schrowange, die von Alpharüden wie Schmidt-Gauland gönnerhaft Starke Frauen genannt wurden. Dummerweise hat Sat1 deren Sat1-Format genauso betitelt und damit in den Quotenruin getrieben. Denn wer bitte lässt sich im Jahr 2022 noch mit Worten lebender Leichen abkanzeln? Ausgerechnet im Moment, als Stranger Things den Achtzigerhit Running up that Hill an die Spitze der britischen Charts katapultiert, wurde Schrowanges Sendung folglich abgesetzt.

Davon abgesehen, dass ARZDF sogar mit dem Rekordwert von 8,42 Milliarden Euro Rundfunkbeitrag 2021 nicht mehr solche Resonanz erzielen, wird Kate Bushs Lied auch bei Spotify vielgeklickt – muss sich allerdings im Umfeld rechtsradikaler Songs behaupten. Wie ein Rechercheteam von NDR und SWR herausfand, hat sich die Plattform anders als beteuert also nicht vom braunen Dreck befreit, sondern im Gegenteil – kurzzeitig verbannten Rechtsrock teils wieder zugänglich gemacht.

Dieser farbenblinde Liberalismus passt zur schlimmsten Nachricht der Woche: Großbritannien erlaubt die Auslieferung von Julian Assange an die USA, wo ihm für die Enthüllung amerikanischer Kriegsverbrechen 175 Jahre Haft drohen – also 175 mehr als dem zugehörigen Kriegsverbrecher George W. Bush, wie Katapult leider witzig vorrechnet.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

20. – 26. Juli

Zur Ablenkung von Angriffen auf die Pressefreiheit durch den Brachialpopulisten Boris Johnson würden wir jetzt ja gern richtig gutes – ob lineares oder gestreamtes – Fernsehen empfehlen. Das aber ist im Frühsommer zunächst dünn gesät. Weshalb eine Retrospektive den Auftakt der Wochentipps macht: Heute zeigt Arte zum 40. Todestag von Rainer Werner Fassbinder zwei seiner wirkmächtigsten Filme. Erst Lili Marleen, dann Angst essen Seele auf, beide gleichermaßen verstörend und fesselnd.

Mit etwas Abstand lässt sich das auch über die Karriere des immer noch bekanntesten deutschen Radfahrers sagen, dem die ARD-Mediathek Samstag ein Porträt widmet. In Being Jan Ulrich wird der Tour-de-France-Sieger mit Dopingvergangenheit viermal 25 Minuten lang vollumfänglich beschrieben. Etwas länger darf der unvermeidliche Elton am Mittwoch sein Pausenfüllerspielchen Blamieren oder Kassieren am Mittwoch aus TV total ins Hauptprogramm von ProSieben teleportieren.

Da kann man nur hoffen, dass die Universal-Serie Reich mit Maya Rudolph als Milliardärin Molly, die nach einer Scheidungsschlammschlacht versucht, über eine Stiftung aus den Schlagzeilen zu kommen, ab Freitag auf Apple TV+ ein wenig substanzieller wird. Von der Arte-Komödie Die Vergänglichkeit der Eichhörnchen darf man das Freitag wohl eher behaupten. Wem das insgesamt zu wenig anspruchsvolles Ansichtsmaterial ist, der kann parallel dazu ja mal in Sophie Passmanns Audible-Podcast Quelle Internet reinhören, wo sie sich die Filterblasen der Aufmerksamkeitsindustrie vorknöpft.

Apropos Podcasts, Internet, reinhören, Aufmerksamkeit: die neue Folge von Och eine noch ist online, mit dem besten aus Film und Serie, Doku und Show der ersten sechs Monate. Und weil die großartige Helene Hegemann für die ebenso großartigere Anthology-Serie STRAFE bei RTL+ eine von sechs Episoden nach Schirachs gleichnamigem Roman gedreht hat, wollen wir die Premiere ihres neuen Buches Schlachtensee mit auch echt großartigen Kolleg:innen wie Drangsal, Mara Moya, Albrecht Schuch, Marie Rosa Tietjen und Daniel Zillmann heute Abend an der Berliner Volksbühne empfehlen.


Frau Kraushaar, Σtella, Huffduff

Frau Kraushaar

Frau Kraushaar, das klingt nach einer Sat1-Comedy der frühen Neunziger, aber Frau Kraushaar – bürgerlich: Silvia Berger (was wiederum nach einer Sat1-Erotiksprechstunde der frühen Neunziger klingt) – macht weder schlechtes Privatfernsehen noch schlechte Sexberatung, Frau Kraushaar macht ganz wunderbare Musik. Nur: welche eigentlich? Eine Antwort dazu versteckt die Kunstfigur aus St. Pauli auch auf ihrer dritten Platte hinter Tonabfolgen, die eigentlich gar keine Musik sind.

Zugleich aber die denkbar schönste. Denn was Frau Kraushaar auf Bella Utopia serviert, ist zauberhaft verspieltes, elektrophil vertracktes Fieldrecording, das vom Vogelgezwitscher bis zum Metal-Solo allem sein warmes Plätzchen bietet. Wenn sie mit anämisch-schönem Gothic-Falsett “Ich habe Gefühle / die sind einfach da da da” singt, erinnert es dabei an eine harmonische Version des sadomasochistischen Gaga-Kollektivs HGich.T, bisschen wie Techno im Froschteich, die schönste Utopie des Popmusiksommers.

Frau Kraushaar – Bella Utopia (Staatsakt)

Σtella

Die schönste Utopie aller Popjahreszeiten ist hingegen das Verschmelzen kultureller Stile, die dabei zwar ihre Deutungshoheit verlieren, aber nicht den Charakter. Wenn sie beim fließenden Übergang ineinander ganz bei sich bleiben und zugleich außer sich geraten. Wenn sie also ungefähr das tun, was Σtella damit anstellt. Die Songwriterin mit Lebensmittelpunkten in London und Athen schickt griechische Volksmusik durch unbehausten Psychopop und macht dabei vieles richtig.

Mit Bouzouki und Kaffehausgitarre, ägäischer Fiebrigkeit und britischem Cool mäandert Up and Away  zehn Stücke lang englisch betextet durch die musikalischen Schwemmgebiete ihrer zwei Heimaten. Dabei erschafft sie eher Emulsionen als Mash-ups, die weder folkloristisch klingen noch überfrachtet, sondern in ihrer zurückhaltenden Schlichtheit einfach schön sind, ohne hübsch sein zu wollen. Σtella malt schließlich auch sehr komplexe Bilder. Das hört man.

Σtella – Up and Away (Sub Pop)

Huffduff

Komplex ist auch die Platte von Huffduff mit dem vielsagenden Titel AI, der Künstliche Intelligenz ebenso abkürzt wie American Idol oder das Selbstbedienungsprinzip All Inclusive, von alledem aber kaum weiter entfernt sein könnte. AI ist schließlic psychedelischer Noiserock der analogsten Art, mit Gitarre (Abacha Tunde Jr.), Bass (V. Sputnikova) und Drums (Mr. Fust), der Sänger, besser noch: Telefonseelsorger Durian Gray artifizielle DIY-Instrumente aus dem Fundus früher Elektronica unterjubelt.

So verachten die vier Hamburger:innen das Prinzip Harmonie, ohne deren Lehre mitzuverachten. Manchmal mathrockig, meistens surfpunkig, sägen die acht Stücke des zweiten Albums gerne haarscharf am Tinnitus vorbei. Abgemischt und aufgenommen vom ortsansässigen Kettenraucher Rick McPhail klingt das nach Übungsraum im Stahlwerk, aber es klingt fantastisch roh und verbissen wie ein Horrorfilm auf MDMA. Kann man nicht besser beschreiben, sorry. Muss man (etwa auf Bandcamp) hören.

Huffduff – AI (Red Wig/Fidel Bastro)


Joachim Kosack: Ufa & Fachkräftemangel

Wir waren immer eine Quereinstiegsbranche

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Wie alle Film- und Fernsehproduzenten leidet auch die altehrwürdige Ufa unterm Fachkräftemangel. Helfen soll seit ein paar Monaten eine Weiterbildungsoffensive. Ufa-Geschäftsführer Joachim Kosack (Foto: Ufa) im freitagsmedien-Interview über Learning by doing, Berufswechsel und seine eigenen Quereinstiege.

Von Jan Freitag

Herr Kosack, wenn die UFA im Fachkräftemangel um Quereinsteiger für ein Weiterbildungsprogramm wirbt – ist das ein Hilfegesuch oder ein Hilferuf?

Joachim Kosack: Zunächst mal ist es eine Win-win-Situation. Auch wenn die UFA ihre Projekte noch produzieren kann, ist der Fachkräftemangel ein Thema, das die ganze Branche betrifft. Anders als früher stehen die Menschen nicht mehr Schlange, um beim Film zu arbeiten. Abgesehen vom zunehmenden Alter der geburtenstarken Jahrgänge hat das viele Gründe.

Welche genau?

Durchs Streaming wird seit Jahren so viel produziert, dass es schlicht nicht genug Leute gibt. Und selbst im Privatfernsehboom brauchte man noch große Produktionshäuser, um auf Film zu drehen. Heute können alle auf YouTube oder Instagram eigene Sachen machen und digital verbreiten. Andererseits hat man gerade Leuten wie mir vom Theater früher die Jobs förmlich hinterhergeschmissen. So einfach funktioniert das aber nicht mehr – zum Glück.

Zum Glück?

Weil die Branche damals bürgerlich, akademisch, weiß und männlich geprägt war, kann es ihr nur guttun, wenn sie durch Quereinsteiger:innen mit anderem Hintergrund diverser wird. Vor der Kamera gibt es mittlerweile genug, die sich dafür interessieren. Dass es auch dahinter interessante Jobs gibt, muss vielen erst noch vermittelt werden. Wer weiß schon was ein Focus Puller ist?

Sie meinen Kamera-Assistenz?

So etwas wird auf unserer Homepage erklärt. Darüber hinaus haben wir den dringlichsten Bedarf evaluiert und vier Felder gefunden: Regieassistenz, Aufnahmeleitung, Script/Continuity, Filmgeschäftsführung. Dafür werben wir auf Social Media, aber auch analog mit einer Agentur, die im deutschsprachigen Raum Casting-Events in Einkaufspassagen organisiert, bei denen wir Bewerber:innen für Scripted-Reality-Formate auch über Berufe jenseits der Kamera informieren. An denen besteht seit dem Telenovela-Boom der Nuller Riesenbedarf, der nicht mit dem Sozialprestige der Formate mithält.

Zumal diese Jobs selten mal lineare Ausbildungsberufe sind.

Unserer Branche ist von learning by doing geprägt. Selbst Gewerke, die wie Kostüm, Maske, Ausstattung handwerklich orientiert sind, wurden lange nicht in der Lehre, sondern Praxis erlernt. Film und Fernsehen war immer eine Quereinstiegsbranche. Dem wurde erst durch Mindestlohn, Praktikumsregulierung oder der Anerkennung vieler Ausbildungen durch Industrie- und Handelskammern richtigerweise politisch Einhalt geboten. Ob man sich noch grundsätzlich orientiert, wegen des kaputten Rückens umsatteln oder noch einmal was Neues erlernen möchte: bei uns sind alle willkommen, die Interesse an unserer Ausbildung haben.

Wofür Sie Ihnen auch etwas zahlen?

Im Rahmen rechtlicher Vorgaben; auch das gehört zur Professionalisierung. Und es wirkt. Nach 24 Stunden hatten wir bereits 20 Bewerber und Bewerberinnen.

Alles Freunde, von Freundinnen, also aus der eigenen Blase?

Zur Herkunft kann ich noch nichts sagen, aber wir setzen bewusst neben Anzeigen bei Branchenmedien wie „Quotenmeter“ auch auf eine aktuelle Plakataktion an Hauptbahnhöfen und Volkshochschulen, damit es mehr als die Freunde von Freundinnen sind.

Freunde von Freundinnen, die laut Homepage 26 bis 60 sein dürfen. Bildet sich die UFA Leute aus, die sieben Jahre später vielleicht in Rente gehen?

Zum einen erleben wir, dass Menschen heute länger arbeiten und auch mit 60 agiler und fitter sind als zur Zeit von Norbert Blüms Satz, die Rente sei sicher. Zum anderen schließt Diversität auch das Alter ein. Warum sollen wir dringend benötigte Fachkräfte aufgrund ihrer Reife ausschließen, also diskriminieren? Eine Steuerberaterin, die nach 30 Jahren keine Lust mehr auf Kanzlei hat, kriegt das, was sie in der Filmgeschäftsführung braucht, doch in sechs Monaten locker drauf. Sie muss nur wollen.

Was muss sich in Film & Fernsehen noch ändern, damit Jung & Alt wieder dahin will?

Die Betonung agiler Teamarbeit. In der öffentlichen Wahrnehmung gilt alle Aufmerksamkeit nach wie vor Schauspiel und Regie, dann möglicherweise Drehbuch und Kamera. Dass Serien und Filme nur gemeinsam gut werden, haben trotz starker Hierarchien fast alle begriffen, aber es muss noch besser kommuniziert werden. Die Leute wollen heutzutage mit allen auf Augenhöhe arbeiten – ganz gleich ob Direkt- oder Quereinstieg.

Nehmen Sie letzterem somit ein wenig vom Makel des Scheiterns im alten Beruf und der Unterqualifikation im neuen?

Den Gedanken hatte ich als jemand, der selbst quereingestiegen ist, zwar nie, aber es stimmt: Quereinstiege hatten lange keinen allzu guten Ruf. Nur: wie viele studieren Psychologie, landen danach im Callcenter und steigen über die Teamleitung in den Vorstand auf. Die Wendigkeit der Start-up-Gesellschaft macht elitäres Expertentum zusehends überflüssig, während soziale Kompetenz, Gestaltungswille, Leidenschaft wichtiger werden. Beruflich flexibler zu sein, hat – auch durch Corona – an Bedeutung gewonnen. Die Zeit des Makels ist vorbei.

Wie quer war denn Ihr eigener Einstieg?

Sehr quer. Ich habe seit dem Abi keine Prüfung abgelegt und abgesehen von zwei Scheinen in neuer deutscher Geschichte nichts Formelles vorzuweisen. Meine Qualifikation stammt vom Theater und Kabarett, irgendwann wurde ich Regieassistent, dann Spielleiter, und weil meine Schwester als Storylinerin bei „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ tätig war, habe ich es 1996 dort versucht und dachte – nach sechs Monaten gehe ich zurück zum Theater. Dann bin ich vom Regisseur über den Producer und Produzenten zum Geschäftsführer geworden – und denke das immer noch (lacht).

Wenn Ihnen die UFA-Leitung zu langweilig wird – welcher Quereinstieg wäre denkbar?

Keinen Quereinstieg, eher ein Rückeinstieg: Theaterintendant im kleinen Drei-Sparten-Haus der deutschen Provinz. Ich plane das nicht, fände es aber toll.

Zur Person

Joachim Kosack, 1965 als Sohn eines christlichen Missionars in Indonesien geboren, widmete sich nach dem Abitur in Wuppertal früh dem Theater, bevor er mit 30 zur Ufa wechselte und dort Serien wie GZSZ schrieb. Nach Zwischenetappen bei Sat1 und teamWorx kehrte er 2012 zurück, übernahm die neu gegründete Ufa Fiction und ist dort seit 2017 federführend für Dramaserien zuständig.


Poschardts Privileg & Maidens Flight

Die Gebrauchtwoche

TV

6. – 12. Juni

Wenn Axel Springers Bonner Republikenkampfblatt Welt selbst für den elastischen Wertekanon von Mathias Döpfner, der es mit amoralischem Populismus zum mächtigsten Verleger Deutschlands bringen konnte, zu viel AfD-Propaganda enthält – dann hat der elitäre Kommunistenfresser Ulf Poschardt womöglich ein paar Nationalliberale zu viel über links-grün-versiffte Umerziehungslager am Beispiel von Becoming Charlie herziehen lassen.

Zwei Mietkolumnist*inen seiner „Zeitung“ haben die Nischenserie von Neo, in der es hierzulande erstmals um eine nonbinäre, also genderdiverse Hauptfigur geht, als Teil öffentlich-rechtlichen Umerziehungskampagnen gebrandmarkt. So etwas kriegt man nach 33-45 ansonsten nur in der gelenkten Presse reaktionärer Autokraten Ungarns, Polens, Russlands zu hören – illiberale Scheindemokratien also, in denen sich privilegierte Sozialdarwinisten à la Poschardt und Döpfner wahrscheinlich wohler fühlen als in einer pluralistischen Realdemokratie und ihrer widernatürlichen Toleranz für Abweichungen vom alten weißen CIS-Mann.

Mit denen hatte unlängst auch die altfeministische Emma ihre Last, als die grüne Politikerin Tessa Ganserer mit einem anderen als ihrem Geburtsgeschlecht in den Bundestag eingezogen war. Der Presserat hat Alice Schwarzers Transphobie nun zwar einstimmt für akzeptabel erklärt; die Frage aber bleibt, wie benachteiligte Gruppen der neuen Klassengesellschaft je Oberwasser kriegen, wenn diese Gruppen untereinander um Pfründe streiten und damit die der wahrhaft Mächtigen verfestigen.

Alphatiere wie Frank Thelen zum Beispiel, dessen Höhle der Löwen eine Höhle der Profitmehrung ihrer Jury zu sein scheint. Anscheinend werden bei Vox statt echter Innovationen eher solche finanziert, die auf Basis bestehender neue Ertragsmöglichkeiten ausschlachten. Und dann hat das ARD-Magazin Panorama auch noch herausgefunden, dass der frühere Juror Kleinanlagen empfiehlt, die bereits am Abschmieren sind. Darauf angesprochen, hat sich der Investor jedenfalls buchstäblich aus dem Staub gemacht.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

13. – 19. Juni

Damit teilt er das Bewegungsprofil einer Ente namens Dagobert. Unter dem Boulevard-Pseudonym hielt der Kaufhauserpresser Arno Funke vor 30 Jahren Presse, Polizei und Konsumwelt in Atem. Heute rollt die ARD-Dokumentation Jagd auf Dagobert den Fall mit Zeitzeugen und Betroffenen jener krisenfreien Tage zur Primetime auf. Im Netflix-Porträt Halbzeit geht es ab morgen um eine Künstlerin, die zwar nicht bekannter ist als der Disney-Erpel, aber deutlich berühmter als sein deutscher Namensvetter: Jennifer Lopez.

Bis heute ein Blockbuster des R’n’B-Pop, nähert sich die Doku JLos Karriere, aber auch den Problemen gewaltiger Laufbahnen im Rampenlicht. Probleme, nach denen sich die Teilnehmerinnen der neuen Staffel Bachelorette, ab Mittwoch RTL, ja sehnen. Von musikalischem Ruhm handelt auch eine andere Superstar-Begleitung, die allerdings ein bisschen anders klingt. Am Freitag geht Flight 666 mit auf die Welttournee der Metal-Fossile Iron Maiden. Dass die 2008 stattfand und jetzt erstmals in der Arte-Mediathek zu sehen ist, tut der Originalität dieser zweistündigen Bandbegleitung über vier Kontinente hinweg keinen Abbruch.

Nachdem hier kurz mal aufs heute-show Spezial hingewiesen sei, in dem Lutz van der Horst und Fabian Köhler der Mehrheitsrepublik ab Freitag vier Besuche abstatten, nachdem Hartgesottenen auch noch die schmerzhaft erhellende Geschichtsstunde The American Führer (Montag, 22.50 Uhr, ARD) um den Münchner Hitler-Verehrer und US-Nazi Fritz Julius Kühn empfohlen sei, wird es dann aber doch endlich mal fiktional.

Donnerstag startet bei Sky der Mystery-Siebenteiler The Midwich Cuckoos um ein englisches Dorf im Bann seltsamer Ereignisse. Tags drauf zeigt Amazon Staffel 1 der diversen Familiencomedy The Lake aus Kanada, flankiert von der Romanadaption The Summer I Turned Pretty. Kriminalistisch wird es zeitgleich im britischen Vierteiler You Don’t Know Me auf Netflix. Und auch die achtteilige Neo-Serie Deadly Tropics hat Cops im Zentrum. Genauer: zwei Mordermittlerinnen auf Martinique.


Rickolus, The Range, Moonchild Sanelly

Rickolus

Für Eindrücke, die bleiben, hilft es manchmal, sich etwas herunter zu regeln. Von groß auf klein schalten, bisschen digital detox, bisschen Anspruchsentschlackung, Ferien im Kleingarten vielleicht oder falls Beton, dann die Abseiten der Boulevards, besser noch: ein Abend mit Rick Colado alias Rickolus, den es wie so viele Amerikaner nach Berlin verschlug, wo der Songwriter aus Florida ungefähr 200.000 Kneipenkonzerte gegeben hat, bevor er nun sein Debütalbum vollenden konnte.

Bones der Name, und so knöchern das klingt – es eine Art immobiler Großstadturlaub. Zu schäbig schöner E-Gitarre erzählt er uns übers Aufwachsen im Westen oder das Großsein im Osten, über Drogen, Träume, Verwandtschaft, die Liebe. Immer klingt es, als blättere Rickolus in Fotoalben und rede dazu ein wenig vor sich hin, nicht melancholisch, sondern ausgeglichen, hier eine Mundharmonika zur Untermalung, dort ein Saxofonsolo. Urbaner Surfpop, als sei da einer mit sich im Reinen. Sind wir dann auch mal.

Rickolus – Bones (Buback)

The Range

Andererseits ist es bisweilen künstlerisch interessanter, mit sich im Unreinen zu sein, ein bisschen dreckig, ein bisschen übellaunig, was musikalisch vor 20 Jahren im Londoner Eastend eine Ausdrucksform erhielt, die entsprechend Grime genannt wurde, aber auch außerhalb großer Moloche funktioniert. James Hinton zum Beispiel, schon vor seinem Abschied aus Brooklyn als The Range bekannter, hat den städtischen Schmutz gegen die Natur Vermonts getauscht, wo er auf der Suche nach Dunkelheit im Lichterglanz ist oder umgekehrt.

Sein erstes Album seit sechs Jahren heißt entsprechend Mercury, denn Quecksilber mag schimmern wie Platin, im Innern ist es hochexplosiv und toxisch, ein schönes Gift also, wie der technoide Wave von The Rave, basslastig und synthetisch, geheimnisvoll dunkel und zugleich lichthell treibend, eine Art Triphop-House mit etwas Big Beat für verlorene Seelen, die in der inneren Immigration gern unter Leute gehen und tanzen wollen.

The Range – Mercury (Domino)

Moonchild Sanelly

Tanzen ist bei Moonchild Sanelly hingegen keine Option, sondern unerlässlich. Viel zu lange nach ihrem Debütalbum hat Sanelisiwe Twisha ihr zweites Album gemacht, und auch Phases kommt aus dem Grime genannten Wutkorridor elektronisch schwitzenden Raps, den die Südafrikanerin mit dem musikalischen Repertoire ihrer Heimat anreichert und dafür ortsansässige Großtalente wie Blxckie und Sir Trill gewinnen konnte.

Das Resultat klingt schwer nach Capetown auf Cockney, ein viriler, ethnopopkulturell angedickter Mix aus HipHop und TripHop, M.I.A. und Thandisma Mazwaim, hintergründig fiebriger, vordergründig nicht grad queerer, aber irgendwie genderfluider Township-Powerpop randvoll von einer missmutigen Energie, die mit minimalem Aufwand wattierter Bässe und verhallender Vocals eine Aura von gelangweilter Hingabe erzeugt.

Moonchild Sanelly – Phases (Transgressive Records)


Döpfners Thiel & RTLs Gala

Die Gebrauchtwoche

TV

30. Mai – 5. Juni

Torsten Sträter im Depressionstalk bei Chez Krömer, Torsten Körners kluge Fußballrassismus-Studie Schwarze Adler, die Sky-Version der Ibiza-Affäre und dann auch noch ein doppelter Bjarne Mädel in Spielfilmen über prekäre (Geliefert) oder tabuisierte (Sörensen hat Angst) Themen – das Repertoire der diesjährigen Grimme-Preise ist nicht nur politischer, sondern auch relevanter als zuvor und zeugt somit vom mindestens mal denkbaren Publikumsinteresse an kreativer Interpretation realer Problemlagen.

Dafür spricht auch die Debatte um Jan Böhmermanns lustige Aufdeckung polizeilicher Schlampigkeit beim Bearbeiten schwerer Straftaten. Monatelang hatten Mitarbeiter*innen vom ZDF Magazin Royal vor der Sommerpause versucht, Hasskommentare aller Herren Bundesländer inkognito anzuzeigen. Dass nur wenige Dienststellen wie in Hessen der Sache überhaupt nachgegangen sind, sorgte anschließend für hitzige Diskussionen – und zeigt abermals, wie wichtig Satire für gesellschaftliche Aufklärungsprozesse sein kann.

Wie destruktiv der Springer-Konzern für praktisch alle Errungenschaften der Aufklärung von Demokratie bis Pressefreiheit sind, hat nun endlich auch der Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger gemerkt und Mathias Döpfner vom Thron gestoß… Obwohl, nee – die Führungsspitze des BDZV hat Mathias Döpfner, der das sexualisierte Gewaltherrschaftssystem seines überbissigen Bild-Kampfhunds Julian Reichelt mindestens gedeckt, womöglich gefördert hatte, nicht entlassen. Döpfner ist zurückgetreten.

Und das noch nicht mal wegen seiner Unfähigkeit, im eigenen Haus für Ordnung zu sorgen, dem fachlich-menschlichen Mangel zur Führung eines so demokratierelevanten Verbands, der widerwärtigen Nähe zu Feudalherren wie Peter Thiel oder sonsteinem annähernd stichhaltigen Grund. Nein, Döpfner erklärte seinen Rücktritt allen Ernstes mit Terminproblemen (Politico-Übernahme) und Größenwahn (too big to mittelstand).

Die Frischwoche

0-Frischwoche

6. – 12. Juni

Vielleicht sollte man den stinkend reichen Großaktionär, der Friede Springers Erbe zum Aufbau eines deutschen Donald Trump missbraucht, auch von der Springer-Spitze entfernen und 24/7 mit Dokumentationen wie jener zwangsimpfen, die morgen um 20.15 Uhr bei Arte läuft: Der Staat und das Geld, ein französischer Zweiteiler übers medial befeuerte System steuerlicher Ungleichbehandlung zu Lasten der Reichen und Mächtigen wie Döpfner und Thiel.

Da beiden journalistische Qualität auf dem Weg ihrer rechtspopulistischen Agenda jedoch eher im Wege steht, sei ihnen das brandneue Lifestyle-Format GALA ab Samstag bei RTL empfohlen – ein weiteres Bullshit-Magazin zur Ablenkung vom vulgärkapitalistischen Chaos, das der Privatsender nun gemeinsam mit seinem Spielzeug Gruner + Jahr entfesseln darf. Nichts für alte weiße privilegierte CiS-Männer ist hingegen ein kleines ARD-Juwel für die Nische.

Anfänglich eine Klischeeparade sondergleichen, entwickelt sich die deutsche Adaption der israelischen Serie How to Dad um vier grundverschiedene Väter im Wartebereich einer Ballettschule ab Donnerstag (Mediathek) zur soziokulturellen Familienaufstellung. Wie die Kerle durch den Spiegel ihrer eigenen Vorurteile auf sich selbst, also uns alle blicken, ist in aller Ulkigkeit auf originelle Art entlarvend. Und hat damit einen leicht höheren Anspruch als die Streamingprodukte der Woche.

Ab Mittwoch etwa das Spin-Off How I Met Your Father, (Disney+), ab Freitag der Vampir-Coming-of-Age-Abklatsch First Kill (Netflix), ab Freitag an gleicher Stelle die, Moment – kurz mal nachzählen: sechste Staffel Peaky Blinders. Oder ab Sonntag auf Starzplay Zuckerbäckerhistorytainment um Queen Elizabeth, aber nicht II., der alle Sender und Gazetten grad zum 70. Thronjubiläum huldigen; sondern jene von 1558, der Alicia von Rittberg in Becoming Elizabeth ein groschenromankompatibles Gesicht verleiht.


Becoming Charlie: Geschlecht & Misgendern

Becoming Charlie

Unterhaltung mit Haltung

Die Neo-Serie Becoming Charlie steckt Lea Drinda als nonbinäre Person im Plattenbau statt Luxusviertel und behandelt das Nischenthema LGBTQ+ auch sonst praktisch klischeefrei. Hier ist meine Originalkritik der Serie auf DWDL. Gleich dahinter veröffentliche ich hiermit aber auch die Reaktion von Lion H. Lau, verantwortlich fürs Drehbuch und mit einer ganzen Reihe von Kritikpunkten an meiner Rezension, die ich im Anschluss beantworte.

Von Jan Freitag

Was wäre, wenn? Ja, was wäre eigentlich, wenn Frauen Männer wären. Wenn sie Schwänze hätten statt Schamlippen und damit vielleicht nicht gleich die ganze Ungerechtigkeit tausender Jahre Patriarchat beseitigt, aber vorerst wenigstens das körperliche Leid hinterm doppelten X-Chromosom von Regelschmerz über Geburtswehen bis Wechseljahre? Was also wäre, wenn Charlie keine Vagina, sondern einen Penis besäße? „Dann könntest du im Stehen pinkeln“, antwortet Alina auf die Frage ihrer besten Freundin und lacht. Noch.

Die Titelfigur der Instant-Dramaserie Becoming Charlie, das merkt Alina nach wenigen der insgesamt kaum 100 Minuten Sendezeit, ist sich nämlich unsicher, welches primäre Geschlechtsmerkmal ihr lieber wäre. Schon der Vorname unterwandert ja die standesamtlich geforderte Abgrenzung zu den richtigen, den Bio-Jungs. Und auch sonst ist Charlie eher burschikos als feminin. Ihr Schlabberlook, der Cowboygang, das kurze Strubbelhaar – habituell passt alles am Twentysomething im Offenbacher Plattenbauviertel zum Faible für die Protzkarren der Block-Babos.

Charlie prollt, Charlie flucht, Charlie rangelt. Charlie hat zwar kindliche Gesichtszüge, aber raue Manieren. Sie schreibt Gangstaraps, fährt für Lieferdienste Lebensmittel durch Häuserschluchten, kommt so natürlich nie aus der Schuldenfalle einer alleinerziehenden Mutter und steht auch noch bei Tante Fabia in der Kreide. Alles Alltagssorgen eines reichen Landes mit wachsendem Armutssockel, die das Gefühlschaos vervielfachen. Charlie, so wirkt es ab heute in der ZDF-Mediathek (24. Mai, 20.15 Uhr: Neo), will Charlotte im Ausweis beerdigen. Wenn es denn so einfach wäre…

Denn in der Realfiktion von Lion H. Lau ist alles noch komplizierter als ohnehin – und somit das Beste, was uns im Steinbruch sexueller Identitätssuche passieren konnte. In Becoming Charlie erzählt die nonbinäre Autorin schließlich ein Stück weit ihr eigenes Leben jenseits von Mann oder Frau in der Lausitz nach. Und was die explizit feministische Regisseurin Kerstin Polte („WIR“) mit der Newcomerin Greta Benkelmann sechs hochpräzise Folgen lang daraus macht, stellt einiges auf den Kopf, was das LGBTQ+-Spektrum am Bildschirm prägt.

Ob nun Queer as Folk oder The L-Word, Transparent oder Will and Grace: Seit ein schwuler Anwalt in Philadelphia an Aids erkrankte, sind Abweichungen vom heteronormativen Mainstream Oberschichtenphänomene, also außerhalb der Frauenknastmauern von Orange is the New Black allenfalls Ausnahmen vom Regelfall. Neue Hauptfiguren subkultureller Fiktionen von Please Like Me bis All you need mögen zwar prekär beschäftig sein, aber immerhin kultiviert, also gut situiert. Dass Lion H. Laus Titelheld:in im 9. Stock eines sozialen Brennpunktes am sozialen Geschlecht verzweifelt, ist da schon mal bemerkenswert.

Noch auffälliger ist allerdings, wie ein vornehmlich weibliches Team Lions Drehbuch in lebensgroße Bilder gießt. Gut ein Jahr nach dem Durchbruch als Junkie im Prime-Remake der Kinder vom Bahnhof Zoo sticht dabei besonders Lea Drinda hervor. Wie die 21-Jährige gegen ihre pilchertaugliche Kulleraugenoptik anspielt, ohne sie zu negieren ist dabei schlicht sensationell. Denn wie ihre Babsi den Berliner Heroinabgrund der späten 1970er, bringt ihre Charlie den Offenbacher Hartz-4-Abgrund der frühen 2020er mit einer Dringlichkeit von fast schon einschüchternder Ambivalenz zum Ausdruck.

Mal angriffslustig, mal lebensmüde, aber meist auf den Punkt einer zerrissenen Selbstreflexion, ringt die vierfachdiskriminierte Transgender-Person um Halt(ung). Als lesbische Frau kämpft sie um die Beziehung zur schwangeren Alina (Aiken-Stretje Andresen). Als arme Frau kämpft sie im Dunkel einer stromlosen Etagenwohnung gegen die Realitätsverweigerung ihrer kaufsüchtigen Mutter (Bärbel Schwarz). Als süße Frau kämpft sie gegen Vorurteile einer männlichen Umgebung (Danilo Kamperidis). Und als Frau, die weder das noch ein Mann sein will, kämpft sie mithilfe der Nachbarin Ronja (Sira Anna Faal) gegen sich selber – was Kerstin Polte in der eindrücklichsten Szene dieser tollen Serie zum Ausdruck bringt.

Im Bad ihrer Tante Fabia (fabelhaft grantig: Katja Bürkle) spielt Charlie mit Schminke Geschlechterstereotypen durch, und Lotta Kilians Kamera hält so ewig drauf, bis alle Persönlichkeiten in Körper, Geist und Seele zur retrofuturistischen Musik von Pelle Paar und Alice Dee am Spiegel kondensieren. Keine fünf Minuten später dann kippt dieser visuelle Ritt ins Durcheinander einer lebenden Normabweichung sogar buchstäblich, als Charlie ihrer liebevollen, aber verständnislosen Mutter „ich bin keine Frau“ zuflüstert und im Splittscreen rechts kopfüber steht.

Statt lauter Wut oft stille Verzweiflung, statt aggressiver Rebellion eher innere Immigration: Becoming Charlie, übersetzbar mit „Charlie werden“, enthält sich vieler Klischees, die filmische Sichtweisen auf alternative Sexualitäten oft so didaktisch machen und damit anstrengend. Hier strengt allenfalls der Wust queerer Lebensentwürfe an, die Lion H. Lau auf engstem Raum einer Betonwüste verdichtet. Tante, Kumpel, Chef, Nachbarn – alle sexuell außergewöhnlich. Weil die Figuren dabei nicht randgruppengerecht überzeichnet sind, sondern im Gegenteil: auf dezente Art gewöhnlich, klärt die Serie jedoch mehr auf als zu unterwandern. Und erschafft so etwas Beachtliches: Unterhaltung mit Haltung.

Reaktion von Lion H. Lau

Hallo liebe dwdl-Redaktion, hallo Jan Freitag,

danke für diesen unglaublich positiven und begeisterten Beitrag zu unserer ZDFneo Serie BECOMING CHARLIE. Ich bin für das Buch und gemeinsam mit Kerstin Polte und Greta Benkelmann für das Konzept der Serie verantwortliche Person. Es geht um folgende Kritik:

https://www.dwdl.de/meinungen/87994/becoming_charlie_bei_zdfneo_unterhaltung_mit_haltung/?utm_source=&utm_medium=&utm_campaign=&utm_term=

Dass die Serie auch Menschen erreicht, die zuvor keine Berührungspunkte mit dem Thema hatten und dass es emotional berührt, freut uns im Team ungemein. Ob so etwas gelingt, weiß ja niemand so richtig vor dem Release. Danke für den Enthusiasmus und die ausführliche Kritik! Das vorweg genommen, gibt es jedoch Punkte, die ich anmerken muss.

Hier geht es ganz klar nicht um die Infragestellung einer Meinung/Haltung und der Kritik. Und nichts ist schwerer, als mit einer Korrektur von einer so überschwänglich positiven Kritik um die Ecke zu kommen. Ich möchte ja nicht undankbar sein. Ich habe mir das Wochenende Zeit genommen, mir zu überlegen, ob, und wenn ja, wie ich reagiere. Erstmal vorweg meine Motivation: Das ist die gleiche, weshalb ich überhaupt BECOMING CHARLIE geschrieben habe. Um aufzuzeigen, zu sensibilisieren und wenn nötig, in Dialog zu kommen. Aufklärung ist ein wichtiger Beitrag zur Inklusion von trans und nicht-binären Menschen. Die Aufklärung dazu ist schrecklich komplex. Aber ich versuch es mal.

Aber ein wichtiger Punkt vorweg: Charlie, unser Hauptcharakter, so wie auch ich, werden im Text misgendert. Kontinuierlich. Das tut mir als trans und nicht-binäre Person, die in der Öffentlichkeit steht, keinen Gefallen. Im Gegenteil. Ich muss nun erneut bei Presseanfragen etc., die sich z.T. auf eben diese Rezension beziehen, erneut Stellung zu meinen Pronomen nehmen. Nicht-binäre Menschen, die sich eine solche Serie herbeigesehnt haben, sind irritiert oder getriggert. Der Kampf um unsere gesellschaftliche Akzeptanz auch in der Sprache, beispielsweise im Rahmen unserer Pronomen statt – etwas, was BECOMING CHARLIE versucht, zu bebildern. Ich habe mir auch den Podcast von Jan Freitag angehört und war schlichtweg begeistert, als er und sein Moderationspartner von mir als Person gesprochen haben. Dafür bin ich sehr dankbar.

Ich benutze keinerlei Pronomen (auch keine Neopronomen) und deswegen wird in meinem Fall tatsächlich von Person gesprochen oder Lion Lau. Genauso verhält es sich bei unserem Hauptcharakter Charlie. Ich bitte hierbei um Korrektur. Jetzt gehe ich mehr ins Detail:

“Was wäre, wenn? Ja, was wäre eigentlich, wenn Frauen Männer wären. Wenn sie Schwänze hätten statt Schamlippen und damit vielleicht nicht gleich die ganze Ungerechtigkeit tausender Jahre Patriarchat beseitigt, aber vorerst wenigstens das körperliche Leid hinterm doppelten X-Chromosom von Regelschmerz über Geburtswehen bis Wechseljahre?”

– Das ist natürlich ein möglicher Einstieg in eine Rezension. Wir behandeln mit BECOMING CHARLIE jedoch keinerlei primäre Geschlechtsmerkmale. Vielmehr geht es um die soziale Rezension von Geschlecht. (Cis) Männer können in der Öffentlichkeit, im Stehen, visuell sichtbar für alle pinkeln. Weiblich gelesene Menschen können das nicht. Wem ist was im öffentlichen Raum erlaubt und wem nicht. Penisse und Vaginen spielen hier keine Rolle – außer man sieht sie als einziges Indiz für Geschlechtszugehörigkeit.

Sprechen wir vom biologischen Geschlecht, werden meist auch nur männlich und weiblich als einzige Spielarten genannt. Frauen haben Vaginen, Männer Penisse. Auch das ist wissenschaftlich veraltet. Nicht nur inter* Personen gelten hier als Beispiele, die aus dieser nicht mehr der wissenschaftlich belegten Norm entsprechen. Mittlerweile haben Wissenschaftler*innen neben zusätzlichen Chromosomen (zusätzlich heißt über die im Bio-Unterricht verankerte Lehre zu XY und XX-Chromosomen hinausgehenden Chromosomen), die zur Geschlechtsbildung beitragen, auch Hormone tiefergehend untersucht. Auch hier gilt: Biologisches Geschlecht ist ein Spektrum.

Heißt: Am Genital eines Menschen kann niemand das Geschlecht ablesen. Heißt konkret für Charlie: Charlie kam als Baby zu Welt, welches Geschlecht Charlie zugeschrieben wurde? We don’t care. Klar, die Charaktere, die Charlie umgeben, referieren auf das Geschlecht, welches Charlie bei der Geburt zugeschrieben wurde. Aber wir (also damit meine ich uns Kreativen hinter BECOMING CHARLIE) tun das nicht. Niemals.

“Die Titelfigur der Instant-Dramaserie „Becoming Charlie“, das merkt Alina nach ein paar der insgesamt kaum 100 Minuten Sendezeit, ist sich nämlich unsicher, welches primäre Geschlechtsmerkmal ihr lieber wäre.” Nein. Das ist kein Thema. Kein einziges Mal. Tatsächlich spielen primäre Geschlechtsmerkmale für die meisten trans und nicht-binären Menschen eine untergeordnete Rolle. Ich glaube, hier könnten eventuell Themenfelder wie gender expression (also Geschlechtsausdruck), biologisches Geschlecht und sexuelles Begehren durcheinander geraten sein. Mit Geschlechtsausdruck ist gemeint: Wie will ich von der Gesellschaft gelesen werden/wie liest die Gesellschaft mich? Männlich? Weiblich? Weder noch? Hier stehen wir vor einem gewaltigen Problem: dem fehlenden nicht-binären visuellen Narrativ, bzw. einem Anspruch, das eine Eindeutigkeit/bzw. eine Uneindeutigkeit Aufschluss geben muss über die Geschlechtsidentität. Das ist nicht der Fall. Menschen, die sich weiblich/männlich präsentieren, können cis/trans männlich bzw. weiblich/nicht-binär sein.

Das Thema, welches sich bei uns in der Serie u.a. durch Kleidung und einem Frischhaltefolien-Binding-Versuch äußert, nennt sich Dysphorie. Dysphorie lässt sich gemeinhin als immenser (teils lebensgefährlicher) Leidensdruck aufgrund der fehlenden Übereinstimmung des Körpers mit der eigenen Geschlechtsidentität beschreiben – natürlich können da primäre Geschlechtsmerkmale eine Rolle spielen. Muss aber nicht.

“Denn Charlie, so wirkt es ab heute in der ZDF-Mediathek (24. Mai, 20.15 Uhr: Neo), will Charlotte im Ausweis beerdigen.” Den Deadname (oder auch Geburtsnamen) unseres Hauptcharakters verraten wir nie. Dass Jan Freitag sich einen möglicherweise passenden weiblich gelesenen Vornamen ausdenkt, verwirrt mich. Weder im Drehbuch noch am Set, noch irgendwo sonst geben wir (Spieler*innen, ZDF-Redaktion, Produktionsfirma) an einer Stelle Charlies weiblich gelesenen Namen preis. Eine klare Entscheidung, denn es geht hier darum, einen nicht-binären Menschen als den zu nehmen, der er ist und nicht auf eine binäre Lesung herunterzubrechen. Also: Es gibt keine Charlotte und selbst wenn, dann wäre eine Nennung des Namens nicht im Sinne des Teams oder der Menschen, die trans und nicht-binär sind.

“Denn in der Realfiktion von Lion H. Lau ist alles noch komplizierter als ohnehin – und somit das Beste, was uns im Steinbruch sexueller Identitätssuche passieren konnte. In „Becoming Charlie“ erzählt die nonbinäre Autorin schließlich ein Stück weit ihr eigenes Leben jenseits von Mann oder Frau in der Lausitz nach.” Erstmal Danke für das Kompliment. Ich glaube, es ist auch faktisch viel komplizierter ;). Hier sind einige komplexe Zusammenhänge durcheinandergeraten.

a) Zum einen beschreibe ich ganz ausdrücklich keine sexuelle Identitätssuche, sondern die Suche nach der geschlechtlichen Identität. Wo ist der Unterschied? Cis Männer, die ausschließlich Männer lieben, sind homosexuell. Homosexualität ist ihr Begehren, ihre Sexualität. Cis ist ihre Geschlechtszuschreibung. Trans Männer, die ausschließlich Männer lieben, sind ebenfalls homosexuell, nur ihre Geschlechtszuschreibung variiert hier.

Häufig wird Transidentität oder auch Nicht-Binarität mit Sexualität gleichgesetzt. Aber: Die Identität eines Menschen gibt keinen Aufschluss über das Begehren. Charlie ist selbst noch auf der Suche nach der eigenen Sexualität. Ob Charlie nur auf weiblich gelesene Personen steht oder ob das Interesse vielleicht unabhängig vom Geschlecht ist, weiß Charlie noch nicht. Und wir wissen es somit auch nicht. Für viele Menschen ist das eine lebenslange Suche. Für manche Menschen öffnet sich ihre Sexualität während ihrer Identitätssuche. Für viele bleibt die gefundene Sexualität auch nach ihrer Transition bzw. Identitätssuche die gleiche, für andere wiederum verändert sich ihre Sexualität mit der Zeit. Wie gesagt: In BECOMING CHARLIE geht es nicht um die sexuelle Selbstfindung (also um das Begehren), sondern darum, in welchem Geschlecht Charlie verortet ist.

b) Sehr persönliche Note, aber im Sinne der korrekten Berichterstattung möchte ich offen legen, dass ich in meiner Kindheit/Jugend/frühem Erwachsenenalter nicht dem ausgesetzt war, dem Charlie sich aussetzen muss. Ganz einfach, weil ich mein Coming Out in meinen Dreißigern hatte. Charlies Lebenswelt ist weit entfernt von meiner eigenen, einzig die Schritte (hier in zeitlich komprimierter Weise) stellen eine Parallele her. Ich wundere mich, woher der Eindruck kommt, es könne sich um eine Nacherzählung meines eigenen Lebens handeln?

c) Also wenn schon, dann “non-binäre Autor*in”. Misgendern ist etwas, was mir – und ich bin keine fiktive Person, sondern ein real verankerter Mensch – böse aufstößt.

“Mal angriffslustig, mal lebensmüde, aber meist auf den Punkt einer zerrissenen Selbstreflexion, ringt die vierfachdiskriminierte Transgender-Person um Halt(ung). Als lesbische Frau kämpft sie um die Beziehung zur schwangeren Alina (Aiken-Stretje Andresen). Als arme Frau kämpft sie im Dunkel einer stromlosen Etagenwohnung gegen die Realitätsverweigerung ihrer kaufsüchtigen Mutter (Bärbel Schwarz). Als süße Frau kämpft sie gegen Vorurteile einer männlichen Umgebung (Danilo Kamperidis). Und als Frau, die weder das noch ein Mann sein will, kämpft sie mithilfe der Nachbarin Ronja (Sira Anna Faal) gegen sich selber – was Kerstin Polte in der eindrücklichsten Szene dieser tollen Serie zum Ausdruck bringt.”

Mich irritiert hier stark, dass unser ausdrücklich nicht-binärer Charakter Charlie – ich mein, es ist das Thema der Serie – hier als Frau geframed und misgendert wird. Mehrfachdiskriminierung: ja. Als queere trans und nicht-binäre Person um eine Beziehung zu kämpfen. Als queere nicht-binäre Person im Prekariat ums Überleben zu kämpfen (übrigens eine sehr queere Perspektive, da die meisten queeren Menschen in Existenznotständen leben). Als Mensch, der außerhalb des binären Spektrums in einer patriarchal geprägten Umwelt aufwächst – ja, das sind alles Marginalisierungen und Diskriminierungsaspekte, hat aber mit der weiblichen Lesbarkeit der Figur wenig zu tun.

“Tante, Kumpel, Chef, Nachbarn – alle sexuell außergewöhnlich.”

Wie gesagt: Charlies Findungsprozess hat nichts mit dem Begehren zu tun. Die queere Diversität hingegen, die wir zeigen, erzählt auch vom Begehren, also von Sexualitäten. Das queere Menschen einander suchen, ist nichts Neues, hat Tradition seit Jahrtausenden. Wir sind einander Schutz und Halt, was wir außerhalb der Schutzzonen selten oder nicht erfahren.

Also, eine lange Mail. Wenn es Rückfragen gibt, bin ich erreichbar. Besten Dank, dass Sie sich dem Thema annehmen!

Ich wünsch Ihnen noch einen guten Resttag und eine gute Woche!

Lion H. Lau

(Pronouns: none or they/them)

Meine Antwort an Lion H. Lau

Hallo Lion H. Lau,

danke für die sehr ausführliche Kritik zu meinem DWDL-Text, die ich sehr ernst nehme, aber auch zu einem Gefühl der Überforderung führt. Ich bewege mich durch meinen Wohnort St. Pauli in einem sehr diversen Umfeld, habe auch im engeren Umfeld viele LGBTQ+-Personen und scheitere trotzdem oft daran, allen sprachlich gerecht zu werden. Einige Formulierungen, das haben Sie womöglich am Podcast gehört, verwende ich bereits organisch, andere muss ich weiterhin kognitiv steuern, was immer noch zu oft, aber zusehends weniger in die Hose geht. Ihre Kritik an meiner Kritik ist demnach praktisch vollumfänglich gerechtfertigt, betrifft aber auch Fragen der Lesbarkeit solcher Texte.

Den Einstieg habe ich deshalb über primäre Geschlechtsmerkmale gewählt, weil es darin ums Pinkeln im Stehen geht, was ihnen, also den Merkmalen zumindest räumlich sehr nahe kommt. Damit negiere ich nicht Charlies Kampf für oder gegen ein soziales Geschlecht, sondern hole die Lesenden bei Bildern ab, die sie schnell verstehen. Unser Publikum hat vermutlich überwiegend heteronormative Denkstrukturen, die leicht zu überfordern sind. Auch, wenn Penisse und Vaginen bei der Definition des sozialen Geschlechts keine Rolle spielen, triggert beides die Vorstellung der meisten Menschen von Geschlecht und hilft daher bei der Einordnung. Meine Hoffnung war, dass die Lesenden das anhand meiner Formulierung, Charlie wolle weder Mann noch Frau, sondern beides oder etwas völlig anderes sein, schon verstehen. Auch die Verwendung des Begriffes “sexuell” im Zusammenhang mit “Identität” sollte hier nicht der Einengung aufs biologische Geschlecht dienen, sondern der leichteren Verständlichkeit.

Weil Charlies Entwicklungsprozess in diesem Zusammenhang meiner Deutung nach zudem noch in einem recht frühen Stadium ist, habe ich in einigen Formulierungen von ihr als Frau gesprochen, die sie aus Perspektive der meisten Menschen noch ist, aber nicht sein möchte. Als fiktionale Person kann ich ihr damit zwar keine sprachliche Gewalt antun, aber das muss ich in Zukunft dringend diverser formulieren – zumal sie als reale Person durch meine Formulierungen sehr wohl davon betroffen sind, wofür ich um Entschuldigung bitte. Nonbinäre Autorin statt Autor:in war allerdings keine Zuschreibung, sondern schlicht nachlässig.

Ein Satz noch zu Charlies Namen: Charlotte wird zwar nie erwähnt, die Wahrscheinlichkeit allerdings, dass ihre nicht grad gender fluide Mutter sie so genannt hat und daraus der Spitzname Charly entstand, würde ich mal so ungefähr bei 1 einordnen. Das war auch der einzige Punkt, an dem Ihre Kritik an meinem Text ein bisschen spitzfindig ist. Macht aber nix, wie ich finde – der Rest ist unbedingt dazu geeignet, mich und damit am Ende auch meine Lesenden weiterzubringen auf dem Weg zu einer vorurteils- und diskriminierungsfreien (ich sage bewusst nicht “toleranten”, da ich den Begriff kritisch sehe) Gesellschaft.

Nur eine Bitte noch, ohne damit irgendwas zu relativieren: Seien Sie bitte nicht so streng mit mir und meinesgleichen. Ich bin ein straighter, weißer, pass- und biodeutscher Mann, der in seinem Leben noch nie Diskriminierung erfahren hat und für ein Publikum schreibt, das mir vermutlich von diesen Voraussetzungen her (abgesehen vom Geschlecht) nicht unähnlich ist. Auf dieser Grundlage gebe ich mir alle Mühe, mich für diversere Personen gut und richtig und verletzungs- und gewaltfrei auszudrücken, ohne dass meine Texte Proseminare in Sachen Gender Studies werden. So wie Gas auf dem Weg zur grünen Wirtschaft ist meine Sprache eine Art Brückentechnologie, um LGBTQ+-Personen einzubinden, ohne den heteronormativen Mainstream zu überfordern. Der Weg dorthin ist mühsam, aber er lohnt sich. Wenn ich Fehler mache, mache ich Fehler, weil Menschen Fehler machen, nicht weil es mir an Willen oder Überzeugung mangelt, dass es der richtige Weg ist.

In diesem Sinne schönen Gruß und Glückauf aus Hamburg,

Jan Freitag