Sleater-Kinney, The Murder Capital, Pompeya

Sleater Kinney

Wer den Feminismus mit und ohne Post-, Lipstick- oder Individual- davor im Jahr 2 nach MeToo, Trump und Pence-Effekt auf große Bühnen trägt, sollte sich vor Augen halten, wie das ein Vierteljahrhundert früher wohl bei Gleichgesinnten war. Damals eroberten Riot Grrrls wie Sleater-Kinney die Westküste und trafen beim Versuch, das männerdominierte Rockbusiness mit viel Wut zu dekonstruieren, auf eine Gesellschaft, die den burschikosen Habitus zwar ganz putzig fand, aber nicht weiter beachtete. Kein Wunder, dass der Furor, mit dem Corin Tucker, Carrie Brownstein und Janet Weiss zu Werke gingen, mit jedem Song brachialer wurde. Kein Wunder aber auch, dass selbst der wütendste Furor irgendwann mal verraucht.

Weil kein Feuer auf Erden ewig brennt, wurden Sleater Kinney ruhiger, lösten sich 2006 auf, kamen sechs Jahre später zurück und begannen von Neuem, ohne dass die Emanzipation im Showbiz und ringsum auch nur ansatzweise zur Vollendung gekommen war. Das sollte im Hinterkopf behalten, wer sich übers neue, neunte Album des Alternative-Trios wundert. Nach gewohnt brachialem Start steigt zwar auch das dreckig verzerrte Reach On Home robust ein, wird jedoch rasch poppiger, bevor Reach Out im Anschluss fast nach Madonna auf einer Line Franz Ferdinand klingt. So gelassen, fast harmonisch geht es das halbe Album weiter. Klingt gar nicht nach Sleater-Kinney? Doch! Deshalb ist ihr richtiges Leben im Falschen ja auch diesmal so grandios und dringend nötig.

Sleater-Kinney – The Center Won’t Hold (Caroline)

The Murder Capital

Wessen Wut stattdessen schwer nach der von Sleater-Kinney anno 1995 klingt, ist die der irischen Postpunkband The Murder Capital. Wie sich die Gitarren da vor einer kakophonischer Wall of Sound sammeln und angetrieben vom wavig drängenden Bass überwinden, wie das nimmermüde Schlagzeug dazu im Sprint zum Spring ansetzt und Sänger James MacGovern dazu jenseits aller Harmonielehren den Kollaps menschlicher Kommunikation anprangert – das muss vorm selben Ärger angetrieben sein wie einst die Riot Grrrls. Nur, dass hier eben Männer am Werke sind. Männer allerdings, die mit dem gängigen Posergehabe des klassischen Rock wenig gemein haben.

Schon dem Namen nach sind Stücke wie Slowdance I und II melodramatische, hyperpoetische, emotional und klanglich entgrenzte Soundexperimente am Rande der Harmonielehre, die allerdings mit einer gehörigen Portion Verzerrern auf den Noise der Werke ringsum verweisen und sich nie so ganz den Strukturen des Indierock verweigern. Feeling Fades dann kehrt mit seiner hochenergetischen Dynamik wieder zurück in jene Zeit, als der Punkrock gediegen wurde und Rockmusik kultiviert, in die frühen Achtzigern, zu Joy Division und The Fall. Ein wunderbares Album für die schlechte Laune mit Niveau.

The Murder Capital – When I Have Fears (Human Season Records)

Pompeya

Russland, so viel Vorurteil muss erlaubt sein, ist nicht das bekannteste Pflaster für eigensinnigen Independent. Der ESC mag zwar kein idealer Referenzrahmen sein, aber wer ihn Jahr für Jahr verfolgt, könnte den Eindruck gewinnen, östlich des Ural gibt es ausschließlich plastinierten Folklorepop plus etwas Punk und Metal, dessen Interpreten allerdings zügig im Knast landen. Ist natürlich Quatsch. Gerade Moskaus Musikszene dürfte westlich des Ural unbekannter, aber keinesfalls weniger vielschichtig sein. Das beste Beispiel ist Pompeya, die exakt so pompös klingen, wie ihr Name, nur sehr viel klüger.

Auch auf ihrer vierten Platte machen die vier Hauptstädter einen Mulitlayer-Pop, der seine Facetten wie ein 3D-Drucker Schicht für Schicht verklebt, bis daraus die täuschend echte Kopie eines Achtzigerjahre-Waves wird. Tief aus der Hüfte geslappte Riffs und Bassläufe flattern dabei flamboyant unterm Ein- bis Vierfachfalsett hindurch, der deutlich hörbar vom Entstehungsort USA geprägt ist. Duran Duran und Heaven 17 schimmern hindurch, aber auch die funkige Farbenpracht eines Todd Terje, mit dem Pompeya nicht nur den Eklektizismus gemeinsam hat. Ein wunderbares Album zum Kontern tradierter Klischees. Und abgesehen davon einfach wahnsinnig unterhaltsam.

Pompeya – Songs From The Videos (Pompeya Music)

Advertisements

Oliver Welke: 10 Jahre heute-show Teil 1

Wir habe keine Fünfjahrespläne

Seit zehn Jahren moderiert Oliver Welke die heute-show im Zweiten und hat das Satire-Format dort trotz aller Kritik an vielfach brachialer Komik zu einer wichtigen Stimme der heiteren Vernunft im Land gemacht. Ein Interview in zwei Teilen über politischen Humor, schwarz-gelbe Pointenlieferanten, das große Vorbild John Stewart und warum das Radiogewächs Welke gut ohne Instagram auskommt.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Welke, vor ein paar Tagen war die Europawahl – haben Sie eigentlich auch gewählt?

Oliver Welke: Selbstverständlich, warum sollte ich denn nicht?

Weil es schwerfällt, sich eine Partei vorzustellen, die auch nur im Entferntesten Ihren Ansprüchen genügt – so hart, wie sie auf wirklich jede einzelne davon Woche für Woche eindreschen.

Was unbedingt für die Sendung spricht. Das was Sie dreschen nennen ist ja nie Selbstzweck sondern geschieht aus Gründen.

Aber es spricht nicht für irgendeine der grundsätzlich wählbaren Parteien.

Mag sein, aber das ist die Aufgabe der politischen Satire. Und anders als in Talkshows, wo schon darauf geachtet wird, eine gewisse Parität herzustellen, führt bei uns ganz ehrlich niemand Buch darüber, welche Partei gerade zu viel oder zu wenig Fett wegkriegt. Unser einziges Kriterium ist Aktualität. Wenn sich Politiker und Parteien dabei aufdrängen, wird dem nachgegangen.

Und sich wenn eine Partei Sendung für Sendung zum Draufhauen aufdrängt, wäre sie für Sie noch wählbar?

Theoretisch schon. Parteien sind schließlich komplexer als manche einzelne Themen. Und das größte Problem unserer Autoren, mich eingeschossen, ist ja, dass manche dieser Themen auf der Stelle treten, zum Beispiel ständig neue Enthüllungen über den Grenzwertbetrug beim Schadstoffausstoß. Da immer und immer wieder aufs Neue dranzubleiben, ist aus journalistischer Sicht Normalität, aus satirischer hingegen echt kompliziert. Trotzdem müssen wir es unabhängig von jeder Parteipräferenz weiter bedienen.

Rufen die Vertreter der bedienten Parteien oder Unternehmen am Montag drauf noch in der Redaktion an, um sich über die Ungleichgewichtung zu beschweren?

Früher vielleicht. Heute läuft das deutlich subtiler. Angeblich meldet sich zwar schon hin und wieder jemand in Mainz, aber weil wir eine Produktionsfirma sind, die ihr Produkt schlüsselfertig in Köln produziert und dann ans ZDF übergibt, ruft hier keiner an. Außerdem sitzen die Betroffenen ja teilweise in den Gremien der Fernsehsender, wo sie sich wahrscheinlich schon mal offen oder hinterher in der Kantine beklagen. Mit dem Sender ist klar vereinbart, dass ich nicht jeden Wasserstand beleidigter Leberwurst vom Lerchenberg hören muss .

Es gibt also nicht Reaktionen aus der CSU, die Sie ständig zwischen den Zähnen haben?

Natürlich ist in zehn Jahren ab und an zu uns durchgedrungen, dass die sich doch etwas zu oft bei uns im Bild sieht. Aber falls es der Nachrichtenlage entspricht, ist das eben so. Wir sind argumentativ absolut safe, haben keine Fünfjahrespläne, keine Kampagnen, keine Agenda, nur die Aktualität. Von einer Nachrichtensendung unterscheiden wir uns also nur darin, über Sachen, die eigentlich gar nicht lustig sind, auch noch Witze machen zu müssen.

Aber gibt es nicht dieses journalistisch verankerte Bedürfnis, ausgewogen zu berichten?

Für meine Kollegen kann ich da nicht sprechen. Ich habe dieses Bedürfnis nicht. Sicher entstehen zu vielen Sachverhalten schon deshalb Überzeugungen, weil sie irgendwann auf mehr als nur oberflächlicher Tageszeitungslektüre beruhen. Aber das sorgt nicht dafür, alle Seiten stets gleichermaßen beleuchten zu wollen. Nehmen Sie das Beispiel Grundrente.

Klingt nur bedingt humortauglich…

Es wird aber dadurch spannend, dass dieses Thema seit 2009 ununterbrochen in Koalitionsverträgen steht und jede Regierung versichert, wie wichtig es sei, dass auch Geringverdiener später  mehr als Grundsicherung kriegen. Bis auf die Tatsache, dass die Grundrente seither mindestens siebenmal den Namen verändert hat, passiert jedoch nichts, Null. Das allein ist für  uns Antrieb genug, es immer und immer wieder in die Sendung zu nehmen.

Ist Ihr persönlicher Antrieb ausschlaggebend dafür, was in der Sendung landet?

Nicht nur, aber auch, ja. Ich arbeite zwar an meiner absolutistischen Herrschaft über die Redaktion, aber bislang sind wir noch immer ein Team aus immerhin sieben Autoren, plus Redakteure, die sich jeden Dienstag hier in der Redaktion fürs erste Brainstorming treffen. Und beim Austarieren unserer Grundhaltung zu einzelnen Themen werde ich häufiger mal überstimmt, keine Sorge. Das hat sich in zehn Jahren kaum geändert.

Darüber hinaus ist das Jahr 2009 mit dem jetzigen kaum vergleichbar. Vor der ersten heute-show hatte Obama gerade den Amtseid abgelegt, die AfD gab es noch nicht und trotz Finanzkrise schien die Welt auf eine Art kollektiver Problemlösung zuzusteuern.

Ich erinnere mich dunkel.

War diese Ausgangslage für Satire Ihrer Art dennoch vergleichbar mit der heutigen?

Nein, dafür sind die Zeiten tatsächlich zu anders. Dass eine rechtspopulistische Partei bald darauf in allen Parlamenten sitzen würde, war seinerzeit ebenso undenkbar wie ein Präsident Donald Trump. Andererseits gab es die Überzeugungen beider auch 2009 schon, sie wurden nur weder legislativ noch exekutiv repräsentiert. Und wenn Sie die Tea Party nehmen, die schon damals in den USA die Grenzen des Sagbaren ausgeweitet hat, frage ich mich, ob wirklich die Zeiten so grundlegend andere sind oder doch nur die Aufmerksamkeit dafür.

Und Ihre Antwort?

Beides richtig. Mit den sozialen Medien, die damals noch weit weniger Einfluss hatten, wird die Aufmerksamkeitsspanne zusehends kürzer. Was zur Folge hat, dass sich alle politischen Akteure bis hin zu uns Moderatoren und Medien permanent unter dem Zwang sehen, jede noch so irre News sofort rauszuhauen oder  zu kommentieren. Säue wurden auch früher durchs Dorf getrieben, aber heute jagt man immer nur neue hinterher, statt die alten einzufangen.

Was allerdings auch für ein Format wie die heute-show gilt.

Absolut. Deshalb müssen wir uns ständig aufs Neue fragen, worauf wie anspringen und worauf nicht. Ich selber bin da ein wenig Oldschool.

Inwiefern?

Mir geht das oft zu schnell. Ich appelliere gern mal an die Jüngeren, Netzaffineren, noch mal kurz in sich zu gehen, ob die Welt diesen Hype jedesmal  braucht und vor allem: ob sich was Originelles, Lustiges daraus machen lässt. Da hat unsere Show  den Vorteil, dass wir von Montag bis Freitag  Zeit haben,  darauf herum zu denken und wahrscheinlich ein Drittel aller Ideen wegzuwerfen, bevor sie auf Sendung gehen. Die Zeit hat das heute-journal nicht, vom Internet ganz zu schweigen.

Sind Sie auch insofern Oldschool, dem Internet generell zu misstrauen?

Das nicht, aber es birgt die Gefahr, sich permanent zu wichtig zu nehmen. Deshalb komme ich sehr gut ohne Twitter oder Instagram aus und beantworte mir die Frage, ob die Welt meine Meinung oder Fotos wirklich braucht, meistens mit Nein. Klingt wie Kokettieren oder?

Schon.

Meine Eitelkeit findet es durchaus schön, dass ich einmal die Woche sehr prominent in einem Fernsehformat auftauche. Aber den Rest der Woche kann ich prima Privatperson bleiben, die der Öffentlichkeit einfach unterschlägt, was auf ihrem Mittagsteller zu sehen ist. Ich bin nichtmal bei WhatsApp.

Zugleich aber füttert das Internet die heute-show permanent mit Input.

Deshalb möchte ich es auch definitiv nicht mehr missen; die sozialen Medienkanäle von Söder bis Scheuer sind pures Comedy-Gold; da beiße ich nicht in die Hand, die mich füttert.

Sind diese verrückten Zeiten also bessere oder schlechtere Zeiten für Komiker als die ruhigeren vor zehn Jahren?

Bessere, definitiv. Unsere Quellenlage hat sich immens verbessert. Hinzu kommt, dass die Parteien mittlerweile eigene Newsrooms betreiben und Informationen ohne lästiges Kuratieren durch Journalisten nach außen geben. Darüber hinaus wäre ich mir aber gar nicht so sicher, ob die Jahre unter Schwarz-Gelb dramaturgisch anders waren; sie wurden weniger aufgeregt verarbeitet als heute, waren aber nicht weniger irre. Auch vor zehn Jahren gab es also viel zu tun für uns.

Ihr Vorbild war seinerzeit die Daily Show von John Stewart.

Na ja, eines von ungefähr drei, vier Fake-News-Formaten, wie diese Pseudo-Nachrichten damals noch relativ arglos hießen, bevor Donald Trump den Begriff kontaminiert hat. Aber John Stewarts war definitiv die beste, klügste, einflussreichste. Von der wir allerdings praktisch nur den Schreibtisch mit Grafikacheln und Fake-Schalten aus der Greenbox übernommen hatten – wenngleich mit sehr deutschem Fokus und deutschen Figuren, die wir parodiert haben.

Das Interview ist vorab im Medienmagazin journalist erschienen. Freitagsmedien bringt den 2. Teil am kommenden Donnerstag

Hedgefonds & Pokalspiele

Die Gebrauchtwoche

5. – 11. August

Der Irrsinn des Medienalbtraums unserer Tage geht weiter und weiter und weiter. In der Türkei wird das regierungskritische Web-Portal Bianet verboten, weil es laut zuständiger Staatsanwaltschaft „irrtümlich“ auf einer Liste 136 missliebiger Online-Adressen gelandet sei. Kann ja mal passieren… Parallel dazu erntet Dunja Hayali diesmal schon vor ihrer Talkshow mit der Seenotretterin Carola Rackete einen Shitstorm von rechts bis richtig weit rechts. Kann man nichts machen. Derweil kauft Netflix die GoT-Schöpfer Dan Weiss und David Benioff für 200 Millionen Dollar aus ihrem HBO-Vertrag raus. Können die sich halt leisten.

So wie die italienische Mediaset, deren Vorstandsvorsitzender Pier Silvio Berlusconi wie einst sein Vater die gierigen Hände nach der ProSiebenSat1 Media SE ausstreckt, um sich den deutschen Multichannel-Medienkonzern schnellstmöglich einzuverleiben. Und natürlich so wie der amerikanische Hedgefonds KKR. Mit seinen schier unerschöpflichen Festgeldbeständen hat das, was nicht ganz zu Unrecht noch immer „Heuschrecke“ genannt wird, quasi im Vorübergehen ein Drittel der Umlaufaktien der Axel Springer AG eingesammelt. Deren allmächtiger CEO Mathias Döpfner dürfte den amerikanischen Finanzjongleur dafür jedoch weniger Heuschrecke, Seenotretter nennen.

Während Döpfners rot-blaue Massenblätter wahrhaftige Seenotretter wie Carola Rackete schließlich tagtäglich im Chor mit ihrer populistisch gepolten Kernleserschaft sinnbildlich auf den Meeresgrund wünschen, dient Döpfner die zahlungskräftige KKR als Anker im Sturm schlingernder Presseprodukte wie Bild und Welt. Dass sich Springer mit den frischen Mitteln zunächst mal ein Autoportal einverleiben will, zeigt allerdings, wie wenig der Deal mit Medien, Qualität, Pressefreiheit zu tun hat und wie viel mit Masse, Profit, Pressevernichtung. Springers Nachrichtenkanal Welt, den ProSiebenSat1 noch unterm Namen N24 mangels Erlös verscherbeln musste, als KKR dort das Kommando übernommen hatte, dürfte demnach nun abermals rasch auf der Streichliste landen.

Die Frischwoche

12. – 18. August

Was indes nie geschehen wird, ist die Streichung des Multimillionenkonzerns FC Bayern von der öffentlich-rechtlichen Liste umfassend zu fördernder Freunde und Partner. Deshalb überträgt das ZDF heute Abend natürlich – fünf Tage vorm live gezeigten Bundesligaauftakt gegen Hertha BSC – das sportlich belanglose, aber finanziell zugkräftige DFB-Pokalspiel in Cottbus. Bei ARD und ZDF ist die Droge FCB mittlerweile offenbar weiterverbreitet als jene Zigaretten, von denen sich der kommerzielle Brachialreporter Jenke von Wilmsdorff parallel dazu im Jenke-Experiment entwöhnen will. Wir sagen das hier nicht oft, aber jetzt wird es Zeit: Lieber RTL als ZDF gucken bitte!

Während sich die ProSieben-Plattform Joyn in ihrer seriös beschwingten Schnipsel-Serie Singles’ Diaries ab heute 16 fünfminütige Folgen lang dem vertrackten Liebesleben paarungswilliger Jungerwachsener widmet, umgarnt das ZDF seine Kernzielgruppe in den Altersheimen oder Seniorenresidenzen der Republik und geht ein paar Wochen lang Mit 80 Tagen um die Welt, was zwar eine charmante, aber auch berechnende Reminiszenz an die eigene Unfähigkeit zur Modernisierung ist, moderiert natürlich vom notorischen Traumschwiegerenkel Steven Gätjen als Reiseleiter. Wird sonst noch was altes Neues dieser Tage? Na ja, nicht wirklich.

Schließlich stammt auch die sehenswerteste Dokumentation aus längst vergangener Zeit. Sehenswert ist Woodstock – 3 Days of Peace and Music von 1969, gefolgt von Dennis Hoppers ein Jahr jüngerer Roadtriplegende Easy Rider natürlich trotzdem, leitet aber früher als gewohnt zu den Wiederholungen der Woche über. In Schwarzweiß seit 78 Jahren von beispielloser Intensität: Alfred Hitchcocks Frühwerk Verdacht (Montag, 20.15 Uhr, Arte), mit dem er 1941 seine langanhaltende Zusammenarbeit mit Cary Grant – als Ehemann von Joan Fontaine, die ihn für einen Mörder hält – begann. Sehr viel jünger und folglich in Farbe: die neuseeländische Dramaserie Top of the Lake, mit der das Krimigenre vor sechs Jahren kurz ein bisschen weniger prätentiös, selbstreferenziell und ausgenudelt wirkte. Arte wiederholt sie ab Donnerstag um 21 Uhr in zwei Dreifachfolgen. Irgendwo dazwischen ist der Tatort-Tipp angesiedelt: Das Haus im Wald von 1984 mit einer speckigen Jacke und Schimanski drin, der am Dienstag um 22.10 Uhr im WDR nach einem verschwundenen Reporter sucht.


Reisereportage: Osttirol & Wasserkraft

Im Rausch der Isel

Die Isel ist das letzte freifließende Alpengewässer und nicht nur deshalb Objekt wirtschaftlicher Interessen. Doch gegen die gibt es seit jeher Widerstand. Eine Reise vom Gletscher zur Mündung eines ganz besonderen Flusses im Osttiroler Nationalpark Hohe Tauern.

Von Jan Freitag

Um uns Menschen zu zeigen, was Wasser vermag, wenn man es lässt, hat sich die Isel offenbar diesen Findling ins Bett gelegt. Ein mächtiger Stein, der Osttirols spannendstes Fließgewässer verstopft: tonnenschwer, nilpferdgroß, kaum zu bewegen – es sei denn von jener Lawine, die ihn 1985 mitgerissen und in der ausgespülten Klamm eines Flusses vergessen hat, den nichts und niemand aufhalten kann. So schien es seit Menschengedenken. Und jetzt? Dazu später mehr.

An dieser Stelle reicht es, einem Wildbach zu lauschen, der sich vom Kees, wie Gletscher hier heißen, 57 Kilometer ostwärts bewegt, bevor ihn die Drau gemächlich zur Donau befördert. Hier oben aber, an den Umbalfällen, ist nichts gemächlich, hier ist alles ein Tosen, Toben, Brüllen, ein Wirbeln, Strudeln, Zischen. „Hörst du?“, fragt Matthias Berger und erwartet schon deshalb keine Antwort, weil sie im Lärm von bis zu 20 Kubikmeter Wasser pro Sekunde unterginge. „Das ist der Charakter der Isel“.

Genau zehn Jahre ist der Eingeborene nun Ranger im Nationalpark Hohe Tauern, und diese Erkenntnis lehrt ihn Osttirols flüssige Drama Queen jeden Tag davon: „Er hat ein Herz, ein Gedächtnis, eine Seele.“ Wie er das zwischen den majestätischen Gipfeln von Großglockner und Großvenediger sagt, klingt es nüchtern betrachtet zwar arg esoterisch. Ganze gewiss aber klingt es so folkloristisch, wie Naturburschen mit Seppelhut und Wanderstock aus Städtersicht nun mal wirken, wenn sie von ihrer Heimat schwärmen als sei die lebendig.

Nur: Wer den Charakter der Isel vom Ursprung bis zur Mündung Meter für Meter abwandert, abradelt, abreitet, abfährt, wer sich also darauf einlässt, diesen Fluss wirklich zu spüren, erkennt in ihm tatsächlich etwas Herzliches, eben Beseeltes, also Lebendiges. Schon der Weg durch Österreichs größten Nationalpark zur Quelle, so mundgerecht er am gut gefüllten Parkplatz Prälaten auch zubereitet wurde, ist von einer wilden Schönheit, die man förmlich im Gesicht spürt. Fließt das Wasser talwärts nur noch zügig durch süße Alpendörfer, wird es in den Steilstufen nahe der Kernzone schließlich so rasant, dass die Gischt spritzt wie in der Autowaschanlage.

Matthias Berger wischt sich fröhlich die Isel von der Stirn und erklärt, wo es trockener sei. Er kennt hier jeden Fels, jede Biegung, jedes Gewächs. Vor allem aber liebt er all dies mit unverbrüchlicher Hingabe. Dennoch hält der 30-Jährige das Lauftempo ausgerechnet dort am höchsten, wo die Isel besonders atemberaubend ist. Immerhin geht es ihm bei dieser Tour um etwas anderes als bloß ein natürliches Schauspiel; es geht um die Natur an sich. Ums Ganze. Und das ist nirgends spürbarer in Gefahr als am Fuße der imposanten Dreiherrenspitze, die sich nach einer anspruchsvollen, aber kinderfreundlichen Wanderung mit Übernachtung in der historischen Clarahütte aus der Wolkendecke schält.

Bevor das berggesäumte Rinnsal dank Dutzender oft spektakulärer Wasserfälle zu jenem Strom anschwillt, den man als einzigen Gletscherfluss Tirols raften kann, speist sie der Umbalkees auf 2400 Metern Höhe zunächst mal mit Schmelzwasser. Zu viel Schmelzwasser. „Viel zu viel“, klagt Berger. Überm fahlen Mond macht ein mächtiger Bartgeier Jagd auf den ähnlich großen Steinadler, als er zur grauen Gletscherzunge zeigt. Allein im Jahrhundertsommer 2003 verlor sie 86 Meter. Kann passieren, sagt der sehnige Ranger vom sanften Gemüt und kaut seine Speckjause. Doch weil alle Sommer nun Jahrhundertsommer sind, müsse der Frühling „dringend mal draufschneien“. Nur: es schneit ja nicht mal mehr im Winter richtig. Der Kees schwindet, und ohne Kees, keine Isel. So einfach, so bitter ist die Gleichung. Den Naturburschen Berger bringt sie trotzdem nicht aus der Ruhe. Warum auch?

Die Reise vom Anfang zum Ende der Isel mag eine zum Wesen des Wassers sein, das unsere Spezies längst mehr beeinflusst als jede Jahreszeit. Doch sie führt auch ins Gemüt von Anwohner wie Matthias Berger, der da, wo das bemooste Felsgestein keine drei Generationen zuvor noch unter Eis begraben lag, meint: „Wir müssen akzeptieren, dass Natur Veränderung ist.“ Pause. „Ob mit oder ohne uns“. Doch grad weil der Wandel dazugehört, bekämpft er ihn so vehement. Schon aus Familientradition. Seit jeher ist die Isel Ziel lokaler Träume von Fortschritt und Technik. Erst 2012 sollte sie für mal wieder aufgestaut werden, wogegen schon Bergers Vater Adi vom 800 Jahre alten Hof aus angekämpft hatte und damit in die Fußstapfen von Opa Gottlieb trat, der das gleiche in den Achtzigern tat.

Es waren Leute wie sie, denen Tirol das letzte freifließende Alpengewässer verdankt. Eingeborene, zu denen sich ein Zugereister gesellte, als er 2014 ein dokumentarisches Fanal gegen die energiewirtschaftliche Nutzung drehte. Der „Iselfilm“, erzählt Thomas Zimmermann in seiner Wahlheimat, „soll den Befürwortern des Kraftwerks zeigen, was ihnen verloren ginge“. Da die dramatisch untermalten Bilder von Berg und Fluss, Mensch und Tier und Mensch indes eher Gefühle anspricht, fügt er sachlich hinzu: „Unser bestes Argument gegens Wasserkraftwerk ist allerdings das Wasser selbst.“

Genauer: der Gletscherschliff, den die Isel auf ihrer Tour aus dem Fels wasche, „würde auf Dauer alle Turbinen kaputt machen“. Von wegen Fortschritt. Weil sein Film den Riss durch die Region ein wenig schließen half, ist es am Ende also nicht nur dem ländlichen Matthias, sondern dem städtischen Thomas zu verdanken, dass die Isel kein begradigter Kulturfluss wie jeder andere ist, sondern – eben die Isel; ein Gewässer, dessen Seele man vom hübschen Matrei aus perfekt mit Kanu oder Schlauchboot erkunden kann.

Auf zehn Kilometern Strecke zeigt sie sich hier in ihrer ganzen Vitalität. Von eng bis breit, friedlich bis wild, mehlig bis klar, still bis tobend schlängeln sich die letzten Kilometer Richtung Lienz, wo sie im Herzen der Altstadt zur – was viele nur halb im Scherz für anmaßend halten – kleineren Drau wird. Wer kurz zuvor ins mehlige Nass greift, spürt den Unterschied. „Fühlt sich irgendwie unbehandelt an“, meint Thomas Zimmermann. „Wie das Leben selbst“, ergänz sein Geistesbruder Matthias Berger 1000 Höhenmeter nordwestlich. Dort, wo ein riesiger Stein im Umbalfall von der Kraft des Wassers zeugt.

Info
www.nationalpark.osttirol.com
https://www.osttirol.com/
http://www.virgental.at/clarahuette

half.alive, Fabian Römer, Why?

half.alive

Vielleicht liegt es ja daran, dass half.alive aus Long Beach kommen, wo es selbst Weihnachten meist sonnig warm bleibt, vielleicht sind ausgerechnet chaotische Zeiten wie unsere einfach die allerbesten für deren feuchtfröhlich arrangiertes Durcheinander, vielleicht ist kultivierter Unernst längst das neue Sachlich, vielleicht versteht man das Debütalbum des kalifornischen Trios aber auch einfach total falsch. Ganz gewiss allerdings ist Now, Not Yet ein besonders angenehmer Wind, der die bleiernde Ära katastrophaler Nachrichten da gerade durchweht.

 

Wattierte Achtziger-Keyboards quälen sich dabei so unterhaltsam durch funkige Bläsersamples, geslappte Gitarrenriffs, gelegentliches Caféhauspiano, als wäre die Zeit stehengeblieben und doch an der Gegenwart vorbeigerast wie einst Daft Punk. Scheinbar schüchtern und gleichsam viril wimmert sich Sänger Josh Tayler meist durch eine Art nostalgischen Popfuturismus, der wirkt wie ein guter Drogenmix: entspannend und belebend zugleich. Insgesamt: zwar leicht überdreht, aber auf den Punkt wirksam.

half.alive – Now, Not Yet (RCA)

Fabian Römer

Nein, Braunschweig ist gewiss kein Nabel der Welt, und über billigen Kräuterfusel und übellaunige Fußballfans hinaus wird es das auch in der Massenkultur niemals werden – trotz und wegen Fabian Römer. Dafür macht der ziemlich junge HipHop-Veteran, dem angeblich schon vorm Stimmbruch als F.R. eine regionale Fanbase zugetan war, schlicht zu unspektakulären Rap. Genau dieses Understatement ist allerdings ein besonders interessantes Gewürz, das er dem Eintopf des deutschen Sprechgesangs auch auf seinem neuen Album mit dem schönen Mut-zur-Lücke-Titel L_BENSLAUF hinzufügt.

Mit gedämpften Trap- und Lowbeats unterfüttert, schildert er sein provinzielles Großstadtleben und lässt uns eher beiläufig daran teilhaben als es vor den Latz zu knallen wie sonst oft üblich. “Ich schreib Kunst für mich / die keiner versteht” singt F.R. im Titeltrack und fügt hinzu, in der zweiten Reihe zu stehen, sei irgendwie “unbeschreiblich bequem”. Mit seinem Tick, die Enden von Worten und Zeilen zu verschlucken, als sei er schon wieder beim nächsten Gedanken oder mit dem vorherigen unzufrieden, ist sein L_BENSLAUF damit ein musikalisch angenehm reduziertes Manifest der Gelassenheit. Im größenwahnsinnigen HipHop dürfte es davon gerne mehr geben.

Fabian Römer – L_BENSLAUF (Jive Germany)

Why?

Statt gelassen fast schon sediert klingt seit Anbeginn dieses hektischen Jahrtausends auch der flamboyante Jonathan Avram Wolf, genannt Yoni. Vor, nach, während diverser Kollaborationen und Nebenprojekte lotet er unter seinem Bühnenpseudonym Why? in aller Stille die Nischen des HipHop aus und füllt sie mit Beats, Lyrics, Soundfetzen von berückender Zähflüssigkeit. Alles am Alternative-Rap dieses Quartetts wirkt seltsam runtergepitcht, zugleich aber auch lebendig und schrill – als würde man Listener mit Eminem in eine Kiste sperren und von außen in voller Lautstärke mit Ween beschallen.

Geboren im ambivalenten Swing State Ohio, macht ihn das an der Seite seines Bruders Josiah zu einer der vielschichtigsten, vor allem aber kreativsten Figuren des Independent in den USA und überhaupt. Fast jeder der 19 Tracks vom Radioselbstgespräch Mr. Fifth’ Plea bis zum dadaistisch verquasten PunkHop The Crippled Physician bläst seinem Genre, ach – allen Genres den Staub aus den Köpfen und regt mehr zum Nachdenken als Mitwippen an, aber für letzteres ist der Fundus ja auch so schon unerschöpflich. AOKOHIO ist ein grandioses Album für alle, die dem Bauch auch mal das Gehirn vorschalten möchten.

Why? – AOKOHIO (Cargo)

 


Jantje Friese & Baran bo Odar: Dark & Drogen

Lieber dorthin, wo es wehtut

Das neue Traumpaar des Streamingfernsehens heißt Jantje Friese und Baran bo Odar (Foto: Netflix) Seit Jahren schon sind die Autorin und der Regisseur nicht nur ein Liebespaar, sondern das derzeit erfolgreichste Team am Serienhimmel. Davon zeugt besonders ihr Netflix-Welterfolg Dark. Ein Gespräch über dunkle Phantasien, schicksalhaften Determinismus und wie es war, mal getrennt zu arbeiten.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Friese, Herr Odar, die Atmosphäre der zweiten Staffeln von Dark ist sogar noch trübsinniger als in der ersten. Spiegelt sich das eigentlich auch in der Stimmung am Set wieder oder lacht man sich die Dunkelheit dort im Gegenteil sogar weg?

Baran bo Odar: Eher letzteres. Das ist bei mir allerdings fast immer der Fall, weil ich – obwohl ich bislang eigentlich nur so düsteres Zeug gemacht habe – am Set eher ein Clown bin. Andererseits finden wir Dark gar nicht so düster wie die meisten.

Ach…

Jantje Friese: Also die Bücher sind schon sehr ernst, sehr dramatisch, mit ganz seltenen humoristischen Akzenten. Aber was Bo meint: Wir empfinden Dinge, die andere womöglich als düster und abschreckend empfinden, oftmals als viel heller und können uns sehr gut über abgründige Themen unterhalten.

Odar: Am Set geht es aber auch deshalb so lustig zu, weil die Schauspielerinnen und Schauspieler etwas extrem emotional darstellen, was nicht einfach so stattfindet, sondern meistens große Bedeutung hat. Das ist auch ein Grund, warum ich stets bemüht bin, die Leute zwischen den Takes aufzulockern. Am Ende steht das schöne deutsche Wort Schauspieler ja anders als der englische Actor fürs Spielerische; da kann und muss man auch mal was riskieren. Ein Filmset ist da wie ein Sandkasten.

In dem Sie Ihre Adressaten – das Publikum – allerdings über Stunden hinweg um jede Chance bringen, Licht am Horizont zu sehen, also Hoffnung zu schöpfen…

Odar: Und zwar ganz bewusst. Ich glaube nämlich, dass der Zuschauer bei seiner Suche nach Hoffnung umso eher im eigenen Leben fündig wird, je schwieriger sie darin zu finden ist. Ich erinnere mich da an David Finchers Seven.

Um einen Serienkiller, der die sieben Totsünden inszeniert.

Odar: Dessen Düsternis fand ich so faszinierend, dass ich zweimal hintereinander ins Kino gegangen bin. Nur eben auch wegen eines Hemingway-Zitats am Schluss: Die Welt ist ein schöner Ort und wert, dass man um sie kämpft. Dieser Hoffnungsschimmer ist uns beiden am Ende wichtig. Es sind schließlich Geheimnisse, die uns kaputt machen, nicht Offenheit. Drogen zum Beispiel: Je geheimnisvoller die behandelt werden, desto verlockender werden sie. Das versuchen wir auch unserer Tochter weiterzugeben.

Friese: Für uns gehört die dunkle Seite fundamental zum Menschen dazu. Wer immer lächelt, ändert ja nichts an den Grausamkeiten der Welt, sondern blendet sie nur aus. Da empfinde ich es als Zuschauerin geradezu als Erlösung, wenn mir die Ambivalenz der Menschheit auch im Film nicht unterschlagen wird.

Das wäre das andere Extrem, jeden Sonntagabend im ZDF. Aufgeweckte Zuschauer suchen allerdings doch auch mal den Mittelweg, von dem zumindest in den ersten drei Folgen der neuen Staffel nicht die geringste Spur zu finden ist. Ändert sich das noch?

Friese: Wenn man sich wie in Dark mit dem schicksalhaften Determinismus beschäftigt, steht die Frage im Zentrum, ob man dem ewigen Kreislauf des Leidens wirklich entgehen kann. Die Antwort gibt es womöglich am Ende der dritten Staffel. Wenn Sie so lange durchhalten, gibt es dort vielleicht die gewünschte Erlösung (lacht).

Baran: Und alle tanzen singend in den Sonnenaufgang.

Sind Sie eigentlich auch von Anfang bis Ende am Entstehungsprozess beteiligt oder endet ihre Arbeit am Schreibtisch?

Friese: Anders als in der ersten Staffel war ich diesmal selten am Set. Weil ich es ehrlich gesagt so langweilig finde, dass ich mich schnell deplatziert fühle. Außerdem bleibt bei der Geschwindigkeit, in der wir für die dritte Staffel liefern müssen, kaum Zeit. Keine Ahnung, wie Showrunner, die alles auf ihre Schultern legen, das alleine hinkriegen. Vier Schultern sind besser.

Odar: Und wir sind ja auch nicht nur privat ein Paar, sondern arbeiten auch seit 16 Jahren die meiste Zeit zusammen.

Und das klappt?

Odar: Das klappt. Wir haben bei Moviepilot die Liste unserer Lieblingsfilme eingegeben und gemerkt, dass der Match bei nahezu 100 Prozent lag. Zwischen uns herrscht eine so organische Übereinstimmung, dass Jantjes Wortsprache oft von selbst zu meiner Bildsprache passt.

Friese: Trotzdem sprechen wir natürlich, viel sogar. Ich brauche unbedingt sein Feedback. Aber schon, weil wir früher auch vieles gemeinsam geschrieben haben, wissen wir oft auch ohne viel Worte, wo es hingehen soll.

Sind Sie dennoch trotz dieser Bindung quasi Tag und Nacht bei der Arbeit?

Friese: Da kommt man in unserer Konstellation nicht drumherum.

Odar: Keine Chance.

Friese: Wir sind zwar nicht mit uns, aber unseren Projekten verheiratet.

Odar: Und die gehen so nahtlos ineinander über, dass am Ende vom einen bereits die Arbeit am nächsten beginnt.

Puh, klingt anstrengend.

Odar: Ist es auch manchmal und macht bisweilen sehr müde. Aber ich habe es lieber so, als fünf Jahre auf den nächsten Film zu warten. Wir können uns nicht beschweren. Ein Künstler hört nie auf, Kunst zu machen. Meine schlimmste Vorstellung war immer, fünf Tage von nine to five aufs Wochenende hinzuarbeiten.

Friese: Das ist für Außenstehende oft schwer zu verstehen, aber genau das, was wir wollen. Dennoch brauchen wir die Wochenenden gerade äußerst dringend.

Könnten Sie denn nach zehn Jahren im Duett überhaupt noch mit anderen arbeiten?

Odar: Doch, ich habe in den USA einen Film gemacht. Komplett ohne Jantje.

Friese: Verrückt.

Odar: Aber da habe ich schon auch gemerkt, dass ich mit ihr lieber arbeite.

Was ja auch dem Vertrag entspricht, in dem Netflix sie beide vollständig an sich gebunden hat.

Friese: Nur fürs Fernsehen. Wir haben einen exklusiven Serien-Deal mit Netflix. Kinofilme dürften wir auch woanders machen.

Ist denn nach der dritten Staffel definitiv Schluss mit Dark?

Odar: Das war von Anfang an der Plan, und er bleibt es auch. Wir wollten nie das Schicksal von Lost teilen, das klar ersichtlich auf drei Staffeln ausgelegt war, wegen des Riesenerfolgs aber immer noch weiter und weiter fortgesetzt wurde.

Haben Sie nach all der Tristesse danach denn womöglich das Bedürfnis, etwas Leichtes, womöglich gar Heiteres zu machen?

Friese: Nee, wir sind als Menschen schon heiter genug. Außerdem musste ich beim Versuch, zwei Komödien zu entwickeln, feststellen, dass das nichts für mich ist. Es hat mich in meinem Fach des Dramas zwar ungeheuer weitergebracht, kommt aber nicht organisch aus mir heraus. Ich gehe lieber tiefer dorthin, wo es wehtut.

Odar: Weil ich am Set so viel Quatsch mache, wird mir zwar oft nahegelegt, mal Komödie zu machen. Aber wenn, dann müsste es was richtig bizarr Fieses wie die norwegische Serie Norsemen sein, die Vikings verarscht.

Friese: Unglaublich witzig, wir haben echt Tränen gelacht.

Odar: Sehen Sie – wir beide.

Das Interview ist vorab bei DWDL erschienen

Springers Aktien & Vogels Blochin

Die Gebrauchtwoche

29. Juli – 4. August

Es entbehrt ja nicht einer gewissen Ironie: sechs Jahre, nachdem der amerikanische Finanzinvestor KKR die ProSiebenSat1 Media SE gewinnbringend abstoßen konnte, hortet er gerade die Aktienmehrheit an der Springer AG – also jenes Medienunternehmens, das zuvor vergeblich versucht hatte, Leo Kirchs Konzern zu kaufen, was seinerzeit nur am Bundeskartellamt gescheitert war. Ziel der angeblich freundlichen Übernahme mit anschließender Entfernung vom Börsenparkett: bar lästiger Quartalsberichte und öffentlicher Aufmerksamkeit profitabler zu werden, also noch mehr Geld, statt Journalismus aus dem früheren Presseverlag zu quetschen.

Ein richtiger Presseverlag mit echten Journalist*inn*en, die sogar wahrhaftigen Journalismus, statt populistischer Hetze betreiben, hat derweil schwer mit der Moderne zu kämpfen: Bei der Süddeutschen Zeitung ist ein veritabler Richtungsstreit um die künftige Gewichtung von Print und Online ausgebrochen. Was noch dadurch besorgniserregender wirkt, als selbst die wichtigste deutsche Tageszeitung zurzeit so sehr sparen muss, dass – Achtung, Sakrileg! – in München wohl das jährliche Sommerfest und der freie Faschingsdienstag 2020 gestrichen wird. Keine gute Zeit also für Medien mit Haltung und Niveau – weshalb bisweilen Künstler ohne beides einspringen, um beidem öffentlichkeitswirksam Geltung zu verschaffen.

Weil die AfD Angela Merkel nun auch den Kindermord am Frankfurter Hauptbahnhof in die Schuhe schieben wollte, twitterte Oliver Pocher gegen die Rechtsradikalen im Bundestag – also ausgerechnet jener Comedian, der seit langem für zynische Pennälerwitze auf Kosten anderer berüchtigt ist. Da tat RTL nun, was RTL halt so tut, und lud Pocher nebst AfD-Vertreter zum Streitgespräch bei Guten Morgen Deutschland, was schon ein wenig nach Schlammcatchen im Waschcenter klingt. Gehaltvoller wäre es womöglich, wenn das Magazin den manchesterkapitalistischen Tier- und Menschheitsfeind Clemens Tönnies einladen würde, um mit – sagen wir: ein paar jener Menschen aus Afrika zu diskutieren, die er in seiner Rede vor Handwerkern in Paderborn rassistisch beleidigt hat.

Die Frischwoche

5. – 11. August

Da fühlt man sich schon ein wenig an die vielfach verstörend heitere Atmosphäre einer hochinteressanten ZDF-Dokumentation erinnert. Unterm Titel Wir im Krieg kompiliert Jörg Müllner am Dienstag um 20.15 Uhr nationalsozialistische Home-Videos in ihrer zynischen Beiläufigkeit. Ein ähnlich bedrückendes Zeitdokument wie Shooting the Mafia (Mittwoch, 22.45 Uhr, ARD) – das bildgewaltige Porträt der unerschrockenen sizilianischen Fotografin Letizia Battaglia. Bedrückend soll wohl auch die Atmosphäre einer fiktionalen Fortsetzung sein, die das Zweite uns und Jürgen Vogel mal lieber erspart hätte.

Als Blochin beendet er die Cop-Saga heute um 22.15 Uhr in Spielfilmlänge, und wie die ersten fünf Teile vor vier Jahren ist auch Matthias Glasners Serienfinale von so lächerlicher Effekthascherei, dass jede der 110 Minuten bestenfalls unfreiwillig komisch wurde. Wie gelungene Fernsehfiktion um Kriminalität und Korruption sein kann, beweist ab Freitag dagegen der US-Sender Showtime mit City on a Hill auf Sky. Tom Fontanas zehnteilige Zeitreise ins Boston der frühen Neunziger mit Kevin Bacon als schmieriges FBI-Fossil zwischen Glanz und Verfall einer gespaltenen Metropole ist allerfeinstes Popcornentertainment mit erstaunlich viel Tiefgang. Was die Serie – mal abzüglich einiger Faden Tiefe – mit der dritten Staffel von Glow am gleichen Tag auf Netflix teilt.

Ungefähr zur selben Zeit beider Formate spielt übrigens ein Porträt, mit dem Arte am Sonntag um 22.15 Uhr einer eigenartigen Figur der Zeitgeschichte huldigt: Being David Hasselhoff. Gemeinsam mit einem DDR-Konzert von Depeche Mode und dem realen Popmärchen Luga City Lights im Anschluss, startet der Kulturkanal hier gewissermaßen ins Jubiläumsjahr des Mauerfalls – und leitet mit dem Spielfilm vorweg zugleich die Wiederholungen der Woche ein: Goodbye, Lenin! von 2003. Weil es davon so viele gibt, beschränken wir uns dabei allerdings mal auf drei Tatorte dreier Krimiepochen, allesamt am Dienstag: um 22.10 Uhr im WDR: Ballauf noch ohne Schenk im Kölner Fall Gefährliche Freundschaft von 1993, anschließend ein herrlich patinierter Schimanski von 1985 (Doppelspiel) und parallel im NDR: der wunderbare Finnland-Ausflug Tango für Borowski des Kieler Kommissars vor neun Jahren.