Seltsame Sachen & viermal Luther

Die Gebrauchtwoche

23. – 29. Oktober

Der Tatort, kaum zu glauben, expandiert. Nicht nur, dass die ARD-Reihe einen Großteil der positiven Kritik auf sich zieht; jetzt wächst er auch noch vom Fernsehen übers Radio ins Internet hinein, wo das Dresdner Team demnächst ein pathologisches Online-Spin-Off erhält. Star der kleinen Web-Serie ist der Gerichtsmediziner ist Falko Lammert (Peter Trabner). Und dass sein psychoaktives Wandeln zwischen Dies- und Jenseits in sechs fünfminütigen Folgen witzig wird, dafür sorgt ab 6. November allein schon der Autor: Ralf Husmann, bekannt durch Film, Funk und Stromberg.

Bekannt durch Film, Serie und Dokumentation von Stromlinie bis Weltniveau ist mittlerweile Netflix. Der Streamingdienst beweist der linearen Konkurrenz mit der zweiten Staffel von Stranger Things ja gerade, dass Fortsetzungen sogar noch besser sein können als Anfänge. Und um das auch weiterhin finanzieren zu können, nimmt er weitere 1,6 Milliarden Euro Schulden auf, die – Achtung, Platzhirsche! – vor allem ins Programm, statt die Pensionskasse fließen. Und während Netflix längst erwägt, mit all dem Geld auch News anzubieten, verbannt sie Facebook aus dem regulären Feed. Zumindest probeweise, in Ländern wie Bolivien und Kambodscha. Um mal zu sehen, ist aus dem Valley zu hören, ob dem Publikum Freundschaftsposts und Werbung nicht dicke ausreichen.

So arbeitet der Medienmonopolist fleißig am Ziel, die Aufmerksamkeit der Menschen so zu perforieren, bis alles Entertainment geworden und Kommunikation den Fake News zusehends hilflos ausgeliefert ist. Woran allerdings auch seriöse Anbieter gehörigen Anteil haben. Als Klaas Heufer-Umlauf Philipp Welte kürzlich auf dem Podium der Münchner Medientage fragte, ob er wegen seiner „Erfahrungen mit der Yellow Press einen Wettbewerbsvorteil beim Thema alternative Fakten“ habe, da reagierte der Burda-Chef so patzig, („Sie kommen vom Fernsehen, Sie kennen sich mit Journalismus nicht so gut aus“), dass klar war: Der Pro7-Frechdachs hat verdammt recht.

Die Frischwoche

30. Oktober – 6. November

Was Fernsehen abseits ernst gemeinter Nachrichtenredaktionen mit Journalismus zu tun hat, wäre allerdings wirklich mal einer Debatte wert. Ist zum Beispiel der aktuelle ZDF-Schwerpunkt zum 500. Geburtstag der Reformation Unterhaltung, Information, beides? Allein vier historisierende Fiktionen legen jedenfalls den Fokus schwer auf Historytainment. Gleich vier Schauspieler schlüpfen ab heute ins Gewand von Martin Luther: Maximilian Brückner als eifernder Überzeugungstäter im 160-minütigen Drama Zwischen Himmel und Hölle (Montag, 20.15 Uhr, ZDF), Martin Knizka 24 Stunden später an selber Stelle als süßer Klassenkämpfer im Dokudrama Das Luther-Tribunal, parallel auf 3sat Devid Striesow als feister PR-Stratege in Katharina Luther, außerdem Joseph Fiennes als sexy Glaubensgrübler aus dem Jahr 2003 (ARD, 23.45 Uhr).

Es wird natürlich generell viel geluthert dieser Tage, doch das Herz des Gedenkens ist fiktionaler Natur. Womit hier nochmals auf das Beste verwiesen sei, was diese Art des Zeitvertreibs gerade zu bieten hat: Hans-Christian Schmids Vierteiler Das Verschwinden, dessen zwei Abschlussfolgen heute und morgen zur seltsamen Sendezeit um 21.45 Uhr im Ersten laufen und hoffentlich die 3,66 Millionen Zuschauer vom Auftakt halten. Mindestens. Ebenso lieblos programmiert ist Wim Wenders vielfach prämiertes Filmporträt des Fotografie-Genies Sebastiao Salgado von 2014. Die ARD zeigt Das Salz der Erde am Mittwoch, 22.45 Uhr.

Und David C. Diaz‘ hervorragendes Regiedebüt Agonie um zwei völlig verschiedene Tatverdächtige eines Frauenmordes, muss sich heute Nacht mit der Geisterstunde abfinden. Dafür räumt das Erste jede Primetime frei, um den 186. Abstecher eines deutschen Ermittlers an touristisch verwertbare Drehorte zu feiern. Ab Donnerstag ist der Gelegenheitsweltstar Clemens Schick als Exilkommissar Xavi Bonet im Barcelona-Krimi auf Mörderjagd. Das ist zwar nicht halb so berechnend wie viele der anderen Auslandseinsätze unter Eingeborenen mit fließend deutschem Idiom zwischen Adios, Signore und Yamas, aber doch ein ziemlich stereotyp.

Im Kern ist das auch der Tatort mit Maria Furtwängler. Ihr 25. Einsatz, Der Fall Holdt genannt, weicht jedoch sehr vom ohnehin oft höherklassigen Plot ihrer niedersächsischen Kommissarin ab. Unfreiwillig passend zur #MeToo-Debatte kriegt Charlotte Lindholm es darin mit einem Fall männlicher Gewalt zu tun und dreht im Bann dieser Erfahrung 90 Minuten zusehends durch. Ein hervorragender Jubiläumsfilm. Der er es spielend mit zwei älteren Ausgaben der Reihe aufnehmen kann, die jeweils im WDR die Wiederholungen der Woche einleiten: Grenzgänger von 1981 mit dem damals noch taufrischen Horst Schimanski an der Seit von Günther Maria Halmer als enttarnter V-Mann (Dienstag, 22.10 Uhr). Und zwei Tage später Ulrich Tukurs legendäres Fernsehtheater Im Schmerz geboren von 2014 (20.15 Uhr).

Dahinter braucht sich Steven Spielbergs Frühwerkt Das Duell (Montag, 20.15 Uhr Arte) von 1971, in dem ein Durchschnittsamerikaner von einem Trucker über menschenleere Highways gejagt wird, nicht zu verstecken. Überraschend war 2003 auch ein Film, mit dem sowohl Jim Carrey als auch Kate Winslet gezeigt haben, dass sie mehr als Grimasse und Romanze können: Vergiss mein nicht (Dienstag, 20.15 Uhr, Servus), die ergreifendste, traurigste, aber auch schönste Lovestory ihrer Zeit.


Hans-Chr. Schmid: Verschwinden & Kino-TV

… wenn man es anständig nutzt

Mit Filmen von Nach fünf im Urwald über Requiem und 23 bis hin zu Was bleibt hat sich Hans-Christian Schmidt (Foto: picture alliance) zu einem der Regie-Stars im Land gemacht. Nur das Fernsehen war ihm stets zu begrenzt. Jetzt aber hat er es doch ausprobiert – und mit dem ARD-Vierteiler Das Verschwinden (Teil 2-4 von Sonntag bis Dienstag, 21.45 Uhr) mal eben das Beste erschaffen, was dieses Medium in deutscher Sprache je hervorgebracht hat. Ein Gespräch über Kino am Bildschirm, die Drogenszene seiner bayerischen Heimat und ob er als Jugendlicher von dort fliehen wollte.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Schmid, haben Sie Julie Jentsch einen kleinen Schrein gebaut, vor dem Sie abends darum beten, der Herr möge mehr solcher Schauspielerinnen vom Himmel regnen lassen?

Hans-Christian Schmid: Genau so, mit Foto und Rosenkranz. Nee, ernsthaft – Julia ist wirklich toll in dieser Rolle. Aber interessanterweise wurde erst im Verlaufe der Arbeit deutlich, wie sehr sie in ihre Figur hineinwächst. Denn die kommt ja keineswegs nur von mir und dem Drehbuch, sondern ebenso sehr aus ihr selbst heraus.

Macht es Das Verschwinden zu einem Julia-Jentsch-Film?

Sie ist die Hauptfigur der Geschichte, ihr Motor, das emotionale Zentrum, keine Frage. Zugleich aber ist ihre Rolle anfangs gar nicht so dankbar. Seine Tochter zu suchen und immer die gleichen Fragen zu stellen – da gibt es echt spannenderes Spielmaterial. Was im zweiten Teil zwischen den Esslingers Sebastian Blomberg, Nina Kunzendorf und Johanna Ingelfinger abgeht ist daher viel dramatischer. Trotz ihrer permanenten Interaktion mit aller Welt fehlt Julias Michelle nämlich das Gegenüber. Sie agiert oft allein, hat aber sechs Stunden Zeit, daraus etwas zu formen. Und wird im Verlaufe der acht Folgen immer mehr zur Hauptfigur.

Wobei es noch eine andere, ebenso zentrale gibt, oder?

Welche denn?

Den Drehort, dieses diffuse, keinesfalls idyllische Ostbayern am Rande Tschechiens.

Das haben Sie gut beobachtet. Im Kino, wo ich herkomme, spielt die Umgebung dank der großen Leinwand eine ungleich größere Rolle als am kleinen Bildschirm. Umso mehr haben wir uns bemüht, das Gefühl für den Ort des Geschehens ins Fernsehen zu holen.

In diesem Fall eine seltsam düstere Provinz, die nichts mit dem gängiger Fernsehbild davon gemein hat.

Dabei ist sie aber dennoch vielschichtig. Man versucht beim Schreiben zwar nicht alles genau so auszuzirkeln, dass die gesamte Breite der Gesellschaft vorkommt. Aber es entsteht automatisch ein Bewusstsein dafür, Differenz zu erzeugen. Und dafür habe ich gemeinsam mit Bernd Lange vom ersten Treatment bis zur letzten Fassung permanent am Inhalt gefeilt.

Wie zum Beispiel?

Eine Figur wie Laura Wagner kam ursprünglich erst im vierten Teil und ohne Verwandtschaft vor. Jetzt ist sie von Anfang an mitsamt ihrer Familie präsent. Aber nicht, weil da die spießige Vorstadtsippe noch gefehlt hätte, sondern weil es die Figur voranbringt. Sie holt sich von mir, was sie braucht, nicht umgekehrt. Gleiches gilt für den Drehort, also die Provinz. Auch in der gibt es von total runtergerockt bis blitzeblank alles, aber nichts davon erstarrt zum Konzept.

Sie stammen ja selbst aus einer Ecke von Bayern, die dieser nicht unähnlich ist. Rechnet die trostlose Darstellung dieser Gegend auch ein wenig mit Ihrer Vergangenheit ab?

Abrechnen, ich weiß nicht… Da gab es in Was bleibt und Requiem oder auch 23 sicher mehr Bezüge zu meiner Biografie. Andererseits hilft es natürlich beim Verständnis, dass ich 100 Kilometer von dort entfernt aufgewachsen bin. Drogen haben auch im Grenzgebiet zu Österreich eine Rolle gespielt, obwohl es in den Achtzigern nicht Chrystal Meth war. Und ich kenne das Wechselbad der Gefühle – Bleiben oder Gehen, Flucht oder Heimat – nur zu gut.

Wollten Sie denn damals eher flüchten oder bleiben?

Ich fand es in der Kleinstadt nie so ganz dramatisch schlimm, wollte aber unbedingt weg aus Altötting und war auch gleich nach dem Abitur ein Jahr in England. Als ich mit einer Klasse im tschechischen Grenzgebiet gesprochen habe, wollte die eine Hälfte schon woanders studieren, aber irgendwann zurückkehren, während die andere echte Fluchtimpulse hatte. Jugendliche hält erstmal wenig in der Provinz.

Hat der Titel Das Verschwinden so gesehen nicht nur mit dem eines Mädchens zu tun, sondern auch vom Mythos einer heilen Welt jenseits der hektischen Städte?

Das darf man sich gern so vorstellen, aber ehrlich – wie unheil die Welt da draußen ist, vermittelt das Fernsehen doch schon seit Twin Peaks. Wenn man diesen Achtteiler genau dort zeigen würde, wo er entstanden ist, wie wir damals Lichter in Frankfurt an der Oder gezeigt haben, würden viele ihre Heimat vermutlich als viel zu düster kritisieren. Aber der Dienststellenleiter vor Ort, den wir zur Drogenproblematik interviewt haben, würde unserer Interpretation zustimmen. Alles eine Frage der Perspektive – weshalb wir die Geschichte in etwas anderer Konstellation auch in der Großstadt erzählen könnten. Es mag ein pessimistischer Blick sein, aber weniger auf den Ort des Geschehens, als den Bund der Familie.

Wie tief mussten Sie dafür in die reale Meth-Szene eintauchen?

Zum Glück nicht so tief, dass ich es selber nehmen musste (lacht). Aber im Gegensatz zu historischen Filmen wie Sturm, wo es um den Internationalen Strafgerichtshof fürs ehemalige Jugoslawien geht, fühlte sich die Recherche hier fast ein bisschen nebensächlich an. Wir haben alles getan, um Figuren lebendig werden zu lassen. Deshalb waren wir in einer Entzugsklinik, haben mit Drogenfahndern geredet, uns juristisch schlau gemacht. Aber all dies hat in den drei Jahren Vorbereitung keine Entscheidung so beeinflusst, dass wir den Inhalt geändert hätten.

Verfolgen Sie denn generell einen eher lässigen oder akribischen Rechercheansatz?

Weil ich es als Zuschauer überhaupt nicht mag, wenn das, was im Kino oder Fernsehen passiert, unglaubwürdig ist, versuche ich auch als Regisseur so realitätsnah wie möglich zu sein. Schon weil ich vom Dokumentarfilm komme. Ich mag Genauigkeit.

Haben Sie als Filmemacher dabei auch den Impuls, die Menschen irgendwie zu bilden, indem Sie ihnen Dinge zeigen, von denen sie bis dahin nichts oder das Falsche wussten?

Ich hatte einfach immer das Bedürfnis, den Leuten keinen Quatsch zu erzählen. Aber es ist gewiss nicht der Impuls meiner Geschichten, sie pädagogisch zu erziehen. Das wird sich durch das Medium Fernsehen nicht ändern.

Warum hatten Sie bislang eigentlich nur Kino gemacht?

Weil mir nie klar geworden ist, warum ich Fernsehen machen sollte, solange ich Kino finanziert bekomme. Die Freiheiten sind dort ungleich größer und das Seherlebnis sowieso.

Und wieso jetzt doch Fernsehen?

Weil in Bernd Lange und mir über Jahre hinweg der Wunsch gewachsen ist, mal dieses epische Format über sechs Stunden zu probieren. Dank Serien wie Twin Peaks, den Sopranos, aber auch Dominik Grafs Im Angesicht des Verbrechens war uns 2012 klar, wie spannend dieses Medium sein kann, wenn man es anständig nutzt. Kann sein, dass Bernds Erinnerung eine andere ist, aber ich glaube, wir hatten schon vor dem Stoff Lust aufs Fernsehen.

Jetzt wo es fertig ist – waren Sie fürs Fernsehen unfreier? Ist das Seherlebnis geringer?

Nö. Mir hat aber auch niemand je was vorgeschrieben. Es war ein gutes Arbeiten mit gutem Ergebnis.

Und haben Sie jetzt Blut geleckt, ist die Scheu vorm Medium verflogen?

Ach, Scheu hatte ich nie. Und so wie sich das Fernsehen diversifiziert hat, schon gar nicht. Zumal sich dieses Eintauchen in eine Serie wie zuletzt bei Top of the Lake fast so anfühlt wie im Kino, wo man nach anderthalb Stunden ja oft denkt: Was, schon vorbei?! Es mag ein Unterschied sein, ob man für einen Streamingdienst arbeitet oder das Öffentlich-Rechtliche, aber wir haben es so gemacht, wie wir es wollten.

Und das Ergebnis?

Sechs Stunden Kino fürs Fernsehen. Hoffe ich.


Siinai, Sequoyah Tiger, Jonas Alaska

Siinai

Der ganz hohe Norden erstart die meiste Zeit des Jahres im Anmut einer Kälte, die so trocken ist, so beharrlich und streng, dass sie Einfluss auf praktisch alles nimmt, was Menschen dort tun. Man muss sich nur mal einen Großteil isländischer Musik anhören, um die karstige Aura zu verstehen, der sie entspringt. Auch in Finnland gebiert das raue Klima seltsame Soundmuster, von denen Dark Metal besonders eindrucksvoll ist. Ein anderes klingt wie Siinai. Das Quartett aus Helsinki macht instrumentelle Sinfonien von epischer Breite, und ihr neues Album Sykli klingt nicht ohne Grund wie die Quintessenz der beiden Bands, aus denen die Mitglieder stammen: Zebra and Snake und Jonsuu 1685, Synthiewave und Krautrock, nur noch sehr viel flächiger.

Nachdem Siinai bereits zwei Konzeptalben zum Thema Olympische Spiele in Leni-Riefenstahl-Ästhetik und einer hypnotischen Reise durch die Gänge eines fiktiven Supermarktes kreiert hatte, erkunden Sykli nun vorgeblich den Zyklus des Lebens. Und es wirkt dabei ein bisschen, wie Godfrey Reggios berühmte Parabel vom Wechselspiel zwischen Mensch und Natur in Koyaanisqatsi. Fünf dicht gewobene Ambient-Teppiche begeben sich auf die Reise durch unser Innerstes und landen dabei im Geräuschstaubsauger des finnischen Winters. Das Ergebnis ist eine oft fiebrige, meist geruhsame, stets ergreifende Synthie-Epik mit analogen Mitteln, der man sich unmöglich entziehen kann. Der perfekte Soundtrack zur kalten Jahreszeit.

Siinai – Sykli (Svart)

Sequoyah Tiger

Kennt irgendjemand noch die Goombay Dance Band? Das karibisch angehauchte Poporchester aus Hamburg blies Anfang der Achtziger eine schwül warme Urlaubsbrise durchs Traumschiff-Land. Verglichen damit war Easy Listening hart wie Heavy Metal. Warum das an dieser Stelle der Rede wert ist? Weil es ausgeschlossen sein sollte, die Verantwortlichen von Sun of Jamaica zur Referenzgröße einer Tonträger-Empfehlung zu machen. Eigentlich. Denn Sequoyah Tiger mögen nach dem westdeutschen Wohlfühlsound klingen, wenn Steeldrum und Marimba durchs Debütalbum von Leila Gharib aus Verona hallen; und dann schwingen auch noch ihre Landsleute Oliver Onions mit, die einst den Haudrauf-Quatsch von Bud Spencer vertont haben.

Aber natürlich ist da noch viel, viel mehr am fluffig verspielten, großkotzig minimalistischen Parabolabandit, das all dies auf hochinteressante Art und Weise kontrastiert. Ein zappeliger Teppich aus Breakbeats und Kinderzimmerpercussion zum Beispiel, der sich über den vollsynthetischen LoFi-Pop legt wie ein Drumpad auf Speed. Und weil Leila Gharibs verhuschter nachhalllender Gesang einer weiblichen Version von Beck gleicht, wirken die zehn Stücke trotz der fiesen Alleinunterhalteraura oft seltsam ergreifend. Schlechter Geschmack kann so unterhaltsam sein.

Sequoyah Tiger – Parabolabandit (Morr Music)

Jonas Alaska

Ach, wenn Angst doch immer so optimistisch klingen würde wie bei Jonas Alaska, dann hätten wir vielleicht ein paar Sorgen weniger, die der wachsende Freihandel mit diesem Gefühl erzeugt. Auf seinem dritten Album, so haben findige Hörer herausgefunden, enthält jeder der zehn Songs mindestens einmal das Wort “Fear”, was durchaus mit dem depressiven Tonfall zu tun hat, dessen sich der Norweger für sein Singer/Songwriting bedient, das er nicht nur selbst produziert, sondern auch nahezu alleine einspielt. Und ein Stück wie All Coming Down Today verströmt dann auch musikalisch schon mal Trübsinn. Aber ansonsten? Ist Fear Is A Deamon weit weniger verängstigt als der leicht depressive Titel nahelegt. Im Gegenteil.

Jonas Alaska mag die ein oder andere Geige wimmern lassen. Und das Klavier sorgt derart getupft ebenso wenig für Frohsinn wie die Mundharmonika ganz am Ende. Darüber hinaus aber sind seine dahingehauchten Kurzbeschreibungen der Schwierigkeit, unfallfrei durch dieses Arschloch namens Alltag zu kommen, vielfach von schlichtem Glanz mit Hang zum trotzigen Scheißegal. Kiss Me In The Backseat zum Beispiel erinnert eher an eine Powerpop-Therapie als den die nostalgische Wehmut des Textes. Und wenn das vielschichtige Diamond In The Shadow David Bowie seine Referenz erweist, sprüht der getragene Folkpop fast schon Funken. Ein fantastisches Album für den Übergang zwischen Sommer und Winter, bei dem das Herz festen Halt sucht. Hier wird es fündig.

Jonas Alaska – Fear Is A Deamon (Braveheart Records)


Pragmanoia & Inderherz

Die Gebrauchtwoche

16. – 22. Oktober

Das neue Kino horizontaler Serienerzählung ist offenbar nicht nur ein Medium unbegrenzter Möglichkeiten, sondern auch der Angst. Weil zuletzt einige Folgen geleakt wurden, lässt HBO die achte und letzte Staffeln von Game of Thrones gerade drehen, als handele es sich bei den Drehbüchern um die Rezepte gegen Krebs und Krieg in einem. Die Darsteller kriegen daher kein Skript, sondern ihren Text vor der Kamera erstmals ins Ohr geflüstert. Ist das nun Pragmatismus, Paranoia oder so eine Art Mischform namens Pragmanoia?

In jedem Fall ist es Ausdruck eines neuen Argwohns, der längst alle Bereiche der multimedialen Gegenwart ergriffen hat und von Sender zu Empfänger und wieder zurück flattert, bis niemand niemandem mehr traut und alles in einem Vorwurfsknäuel verknotet ist. Dazu passt zum Beispiel die sonderbare Begebenheit aus Niedersachsen vorige Woche. Am Abend der Landtagswahl, so wurde vielfach verbreitet, habe der ZDF-Reporter Wulf Schmiese versucht, die abtrünnige Ex-Grüne Elke Twesten zu interviewen, was die CDU-Überläuferin allerdings wortlos verweigert haben soll. Eine ziemlich fehlerhafte Sicht der Dinge, wie der Original-Mitschnitt dieser Situation nahelegt, auf dem der Journalist im Gegenteil die Politikerin wortlos stehenlässt.

Gut, verglichen mit dem Tonfall, der Lügenpresse-Debatten sonst dominiert und gerade auch die überaus sinnvolle Anti-Sexismus-Kampagne #MeToo ergreift, klingt das harmlos. Es zeigt allerdings auch, wie angespannt die Situation zwischen Wahrheit und Dichtung, Propaganda und Fakten ist.

Die Frischwoche

23. -29. Oktober

Angespannter war sie jedenfalls vor genau 60 Jahren im Kalten Krieg auch nicht, als er von der Erde ins All expandierte und kurz echt heiß zu werden drohte. Die ARD gedenkt daher heute um 23.30 Uhr dem Sputnik-Schock, als die Sowjetunion erstmals einen Satelliten in den Orbit geschickt hatte und den Westen damit gehörig unter Zugzwang. Weit entfernt von allem, was der Wahrheitsfindung dient, war in der heißesten Phase des Nahostkonflikts vor fast 50 Jahren auch die Berichterstattung über den palästinensischen Widerstand. Um 0.20 Uhr kompiliert die bemerkenswerte Arte-Dokumentation Off Frame aka Revolution bis zum Sieg heute Filmmaterial von 1968 bis 1982 zu einer äußerst erhellenden Collage dieses vielleicht vertracktesten Konflikts unserer Zeit.

Um dessen ebenso düstere Rückseite geht es gewissermaßen drei Tage, wenn die ungeheuer bedeutsame Reportage Re: Weil du Jude bist den Fall einer Familie in Berlin nachzeichnet, deren Sohn Opfer antisemitischen Mobbings wurde und somit abermals zeigt: Im schier endlosen Kampf ums gelobte Land gibt es allerorten nur Opfer. Mit dem Hinweis auf die konstituierende Sitzung des neuen Bundestags, die das Erste Dienstag um 10.50 Uhr überträgt, kommen wir jetzt aber endlich zu leichterer Unterhaltung. Wie der furiose Tatort: Fürchte dich!, in dem uns die Kommissare Brix und Janeke allen Ernstes in ein Spukhaus entführen. Natürlich auch wie die 2. Staffel der genialen Mystery-Serie Stranger Things, aber Freitag auf Netflix. Aber auch wie der ARD-Film Kein Herz für Inder, der einen weniger debilen Titel verdient hätte. Die Culture-Clash-Komödie um einen neunmalklugen Austauschschüler, den die Gastfamilie um Martin Brambach am Freitag (20.15 Uhr) wieder loswerden will, verbrät zwar jedes erdenkliche Klischee, tut es aber mit viel Feingefühl und herausragendem Schauspiel.

Genau das fehlte einst der monatlichen Verbrecherjagd Aktenzeichen XY, die trotz oder wegen der laienhaften Nachstellung kapitaler Verbrechen dieser Tage 50 wird. Mittwoch folgt auf den XY-Preis eine Doku darüber, wie sich das Format seit seiner Premiere verändert hat – oder eben nicht. Einen gänzlich anderen Fokus hat die Arte-Doku Rock’n’Religion (Freitag, 23.25 Uhr). Es geht darin ums Spannungsfeld von Musik und Glauben im Pop – alles im Anschluss ans legendäre Live-Konzert einer fürwahr diabolischen Band: Rammstein in Paris (21.45 Uhr) von 2011. 47 Jahre älter ist ein anderer Film, der Musikgeschichte geschrieben hat: Alexis Sorbas (Montag, 23.05 Uhr, MDR). Die Legende mit Anthony Quinn als hedonistischer Grieche, der dem verstockten Briten Basil (Alan Bates) zeigt, wie das Leben lebenswert wird, machte aus dem unbedeutenden Volkstanz „Sirtaki“ den Soundtrack einer ganzen Nation.

Womit wir mitten in den Wiederholungen der Woche sind. Nach dieser schwarzweißen von 1964 gibt es am Donnerstag um 14 Uhr auf Arte den nachkolorierten Dieb von Bagdad aus 1001 Nacht, 1940 das Maximum dessen, was an Kostüm- und Trickdichte denkbar war. Dem Tatort-Tipp dieser Woche Mord in der Ersten Liga gelang vor sechs Jahren übrigens auch etwas vergleichsweise Innovatives: Bei den Ermittlungen von Maria Furtwängler im niedersächsischen Milieu der Fußball-Hooligans tritt ein schwuler Bundesliga-Profi auf (Freitag, 22 Uhr, ARD). Davon ist die Realität des deutschen Leib- und Magensports noch enorm viel weiter entfernt als das Fernsehen.


Bully, Högni, ASIWYFA

Bully

Wer einen Blick zurück in die Zeiten des Rrriot-Rock wirft, fragt sich zu recht, ob da nicht noch was kommen sollte, ob etwas fehlt, ob die Wut von damals wirklich heilsam rausgebrüllt wurde oder nach einer Weile medialer Aufmerksamkeit nur doch wieder geschluckt wird, was die unerlässliche #MeToo-Kampagne ja gerade mal wieder bitterböse ans Tageslicht bringt. Anschlussfrage: hat die weibliche Eroberung des räudigen Gitarrensounds durch stinksaure Bands von Team Dresch über Sleater Kinney bis hin zur ikonografisch verklärten Courtney Love nebst Hole ihre Zeit und ist somit ein wenig von gestern? Ist es nicht. Niemals. Zumal es auch weiter Nachwuchs gibt im Segment aufgewühlt versierter Frauen an der Bühnenkante.

Eine davon nennt sich passenderweise Bully, was sich am ehesten mit “Schulhof-Raudi” übersetzen ließe. Gemeint ist damit vor allem Alicia Bognanno, die Frontfrau mit der wilden Mähne, die nur oberflächliche Beobachter mehr in den Bann zieht als der Sound. Mit ihren Kumpels Clayton Parker,  Reece Lazarus und (nein, nicht dem Police-Drummer) Stewart Copeland erobert die Shouterin aus Nashville das Podium nicht nur mit ihrem wilden Gesang von allem, was Frauen innerlich und äußerlich so durchmachen; sie hat die zwölf Tracks im Grunge-Gewand auch kreiert und verpasst ihnen manch verstörendes Noise-Riff. Das zweite Album Losing klingt daher noch ein bisschen mehr nach Hole. Zugleich aber klingt es sehr nach sich selbst. Und es klingt fantastisch.

Bully – Losing (Sub Pop)

Högni

Es ist das Herausragende an isländischer Popkultur, dass sie unsere Erwartungen seit geraumer Zeit immer weiter in die Höhe schraubt und dort nicht etwa unterläuft, sondern die Messlatte nur noch höher und höher und höher legt, sie durchaus mal reißt, in der Regel aber mit viel Aberwitz und Eigensinn und Chuzpe nimmt. Auch Högni Egilsson tut alles in einem und das oft zugleich. Schon als aktuelles Mitglied des legendären Electronica-Ensembles GusGus hat der Komponist und Sänger zuletzt Maßstäbe der Popkultur gesetzt. Jetzt legt er seine erste Solo-Platte vor und was soll man sagen: Die Steigerung von durchgeknallt mit Stil und Eleganz  heißt Högni.

Inhaltlich handelt das Konzeptalbum Two Trains von eben zwei Lokomotiven namens Minør und Pionér, die vor 100 Jahren das Baumaterial für den Hafen von Reykjavik in die Hauptstadt gekarrt haben. Dramaturgisch macht der Komponist mit der absurden Haarpracht daraus ein Kompendium grundsätzlich widersprüchlicher Soundfragmente, die in Anadu zum Auftakt klingen wie Mönchsgesänge, im anschließenden Shed Your Skin TripHop-Avancen machen und im wavigen Crash kurze Zeit später digitalen Noisepop variieren. Alles in einem und zwar sofort – Högnis Einzelkampf für den Beweis isländischer Variabilität ist ein grandioser Ausflug in die Welt der Möglichkeiten des Pop, denen man nirgends weniger Grenzen setzt als auf der Feuerinsel.

Högni – Two Trains (Erased Tapes)

ASIWYFA

Kryptisches Kürzel, wenig zugängliche Klarschrift, vertrackter Sound: Auch auf ihrem mittlerweile fünften Album versucht die nordirische Alternative-Band And So I Watched You From Afar noch nicht mal ansatzweise, Verständnis hervorzurufen mit dem, was sie uns da neun teils episch lange Tracks auswalzen. The Endless Shimmering heißt ihr neues Kompendium breiter Klangteppiche und es fällt wie immer schwer, daraus ein echtes Genre zu destillieren. Im Angebot wären Mathcore, Krautwave, Emo, Noise, Jazzrock oder wer weiß was noch alles. Alles egal. Denn auch dieses Album schafft es, völlig ohne Gesang so viel Inhalt zu erzeugen, als wäre der Schwall an Worten ebenso groß wie der an Riffs.

Mit Johnathan Adger am Bass, vor allem aber dem wissenschaftlich getriebenen Drummer Chris Wee weben Rory Friers und Niall Kennedy  Gitarrengespinste von derart grandioser Opulenz, dass jeder Satz einer zuviel wäre. Ob das Quartett seine Kaskaden dabei eigentlich mitzählt oder alles reinem Instinkt entstammt? Eine Antwort und zugleich keine liefert Rory Friers, wenn er von einem Schneesturm während der Produktionsphase berichtet: „Wir haben geprobt, gegessen, gewaschen, im Studio geschlafen und neun Tage später hatten wir das ganze Album aufgenommen und gemischt, gerade als der Schnee zu schmelzen begann.” Auch wenn es schwer zu verstehen ist: Das Ergebnis kann sich hören lassen.

ASIWYFA – The Endless Shimmering (Cargo)


Marcus Wiebusch: Befindlichkeit & Wut

Wir sind keine Parolenband

Marcus Wiebusch kommt aus dem Punkrock, ging in den Befindlichkeitspop und findet sich nach einem Solo-Ausflug mit seiner alten Band Kettcar in der Mitte wieder. Fünf Jahre nach dem vierten Album wirkt Ich vs. Wir (Grandhotel van Cleef) nicht nur beschleunigt, sondern viel politischer. Damit findet der Songwriter einen gewohnt lyrischen, oft aber auch beherzten Ausdruck für die Verhältnisse. Ein Gespräch mit dem 49-jährigen Heidelberger über die Wiederbelebung seiner Hamburger Indierock-Band, wie man leise Fuck AfD sagt und was Pop zu Literatur macht.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Das neue Kettcar-Album heißt Ich vs. Wir – wer genau ist wer dabei?

Marcus Wiebusch: „Ich“ ist das Individuum und „Wir“ sind die Gemeinschaft.

Das ist also nicht autobiografisch gemeint, von dir oder der Band?

Überhaupt nicht. Der Titel basiert auf dem Song Wagenburg, wo das Ich und das Wir in verschiedenster Konstellation gegeneinander krachen, da spielen wir mit Ambivalenzen. „Wir sind das Volk“ meint ja – Stichwort Pegida – am Ende „Ich bin das Volk“, das ist eine Ansammlung von Egoisten, die alles für sich wollen und sich dafür unter einem völkischem Begriff sammeln. Da mündet alles in die urpolitische Frage: mit wem will man eigentlich noch was zu tun haben, um ein lebenswertes Miteinander hinzukriegen? Das geht über uns als einzelne Teile der Band Kettcar weit hinaus.

Auch nostalgische Erinnerungen wie „Benzin und Kartoffelchips“ entspringen also vollständig der Fantasie?

Genau, bis auf Den Revolver entsichern, wo ich meinen Kindern ganz am Schluss kurz erkläre, was ein guter Mensch ist, ist alles ausgedacht.

Findet denn der Schlüsselsong Sommer 89, in dem Parallelen zwischen Flucht aus dem Osten damals und Flucht nach Deutschland heute gezogen werde, wenigstens nachrichtliche Bezugspunkte in der Realität?

Das schon. Da bin ich übers reale Ereignis eines Fluchthelfers vor 28 Jahren an der deutsch-ungarischen Grenze gestoßen, von dem die Süddeutsche Zeitung mal berichtet hat. Wobei es ja genau der Clou des Stückes ist, von der aktuellen Flüchtlingssituation zu singen, ohne sie auch nur mit einem Wort zu erwähnen.

Wobei erzählen besser passen würde als singen.

Stimmt. Am Anfang hatten wir da einen ganz normalen Popsong mit Reimschema im Kopf, aber mit der Zeit hat sich das Erzählerische ergeben, bei dem man bis hin zu einer Art Romanstruktur unfassbar frei ist in den Formulierungen, aber auch in der Beschreibung der Umstände. Wenn man jeden Grashalm beschreibt, werden die Leute beim Hören viel tiefer in den Song hineingezogen. Über eine Geschichte lässt sich mein Anliegen, das Politische viel besser transportieren. Juli Zeh hat über Sommer 89 gesagt, er sei wie gute Literatur – die am Ende ja mehr Fragen als Antworten bietet. Eine davon wäre, ob es nicht grundsätzlich ein zutiefst menschlicher Akt ist, Menschen über Zäune zu helfen.

Zumal die andere Seite des Zauns keinesfalls das Paradies ist; du zählst ja neben allem, was die Flüchtlinge dort Gutes erwartet, auch das Schlechte auf…

So wie die Menschen 1989 Immobilien ohne Wert und Hartz4 gekriegt haben, gab es eben auch Kiwis und Wahlrecht. Und heute kommen Flüchtlinge nicht nur für Essen und Obdach, sondern Recht und Ordnung. Man kann an diesem Land viel rumhaten, aber das Grundgesetz ist so schlecht nicht, sofern man es wörtlich nimmt. Es geht um Ambivalenz, das funktioniert viel besser als Fuck AfD zu brüllen.

Aber ihr kommt doch seit jeher eher über die Poesie als Parolen?

Wir sind keine Parolenband, kommen aber diesmal mehr denn je übers Storytelling.

Meinst du denn, damit sind Menschen jenseits eurer Filterblase zu beeindrucken?

Da unsere Popularität bis ins Mainstreampublikum reicht, glaube ich schon. Da werden viele zum ersten Mal mit solchen Gedanken konfrontiert. So gesehen spricht der Song nicht nur meine Leute an, schon weil Jan Böhmermann den millionenfach geteilt hat. Ich singe nicht nur für Eingeweihte.

Mit dem Ziel, den Leuten – auch als studierter Pädogoge – was unterzujubeln?

Unterjubeln nicht, aber ich sehe meine Aufgabe schon auch darin, übers Entertainment Inhalte unter meinen Bedingungen zu vermitteln. Ob ich dabei einen AfD-Wähler vom Gegenteil überzeuge, ist dabei fast ein bisschen egal; mir ist wichtig, eine Haltung, von der ich zutiefst überzeugt bin, kraftvoll zu Gehör zu bringen.

Ist das nicht ein avantgardistischer Ansatz?

Inwiefern avantgardistisch?

Eine erhabene Position, leicht über dem Erkenntnisstand der breiten Masse?

Wenn das die Erhabenheit von The Clash, Dead Kennedys, Rage Against The Machine oder Blumfeld ist, womöglich schon. Ich mache politische Haltung ja nicht als erster zu Musik und wurde in meiner diffusen Sichtweise einst selbst von solchen Bands beeinflusst. Wenn mir das mit heute mit anderen gelänge, wäre das echt schön.

Seid ihr so gesehen zuletzt politischer geworden?

Ja, klar.

War das die logische Folge der Umstände oder einer bewussten Entscheidung?

Das lässt sich schwer differenzieren, aber unser letztes Album von 2012 war emotional ein solcher Tiefpunkt, dass ich erst mal was allein machen musste. Das Solo-Album wurde dann als eher politisch wahrgenommen, was sich als Band jetzt fortsetzt. Wir merken ja, was in diesem Land los ist; da haben gefühlige Texte schlicht nix verloren. Wir wollen keinen Selbstvergewisserungs-HipHop machen, der scheinbar gerade alles andere platt macht. Die Leute sollen merken, dass wir uns der Realität stellen. Und diese Gewissheit wurde mit jedem demokratisch legitimierten Schwachsinn von Trump bis Erdogan, von Brexit bis AfD größer.

Sind Zeiten des Rechtsrucks für einen linken Liedermacher daher gute?

Klingt zynisch, ist aber so. Als wir 2002 sehr befindlichkeitsorientierte Lieder gemacht hatten, mag zwar auch schon vieles scheiße gewesen sein, aber ich habe das da noch nicht so gefühlt. Zumal ich da gerade aus dem sehr politischen Punkrock kam.

Mit But Alive.

Das was Kettcar jetzt macht, ist gerade ein Stück weit alternativlos, aber damals wollte ich echt mal was völlig anderes machen, so wie wir in fünf Jahren vielleicht auch wieder was anderes machen wollen.

Drückt sich diese Rückbesinnung auf den Punk auch musikalisch aus?

Klar, wir sind schneller, robuster, energetischer. Anfangs hatten wir tatsächlich nur Bretter, bis unser Produzent gesagt hat, ey können wir mal kurz weg vom ganzen Geballer? Deshalb ist zum Schluss ein ruhiger Song wie Das Gegenteil der Angst dazugekommen.

Um richtig ruppig zu werden, ist allerdings deine Stimme nicht die richtige oder?

Mein Gesang transportiert nie diese Grundwut eines Zack de la Rocha. Weil ich bei But Alive krass geshoutet habe, musste ich 1999 ja eine Stimmbandoperation über mich ergehen lassen. Seitdem singe ich anders.

Kettcar ist das Ergebnis einer ärztlichen Verordnung?

Nein, nein, nein. Ich habe das, was vorher in mir war, einfach nicht mehr gefühlt und wollte ruhigere Musik machen. Auch auf der letzten But Alive singe ich schon weicher.

Ist denn trotzdem noch genügend Wut in dir über die Verhältnisse?

Schon, aber das ästhetische Konzept jenseits des Punk kickt uns nicht mehr. Wir lieben Popsongs – auch wegen der Möglichkeit, Leute zu erreichen, die du nicht erreichst, wenn du im Sinne von preachingtothealreadyconverted nur für die eigene Blase ballerst. Mit so einen lieblich klingenden Stück wie Mannschaftsaufstellung erreichst du da viel mehr, da sind wir musikalisch sanft, aber textlich klar. Kettcar 2017 ist anders als Kettcar 2002, aber auch als Marcus Wiebusch solo vor drei Jahren.

Nimmst du seither weniger Einfluss auf die Band als früher?

Definitiv, wir gehen viel kommunikativer an Sachen ran als früher, wo ich mehr oder weniger alle Songs allein gestemmt hab. Mittlerweile kommt viel mehr von den anderen, auch weil wir sehr konkrete Gespräche hatten, welchen Boden wir jetzt beackern wollen. Das ist eine ganz andere Band – schon weil die anderen mit ihren Möglichkeiten aufgeholt haben, um ihre Kreativität besser einzubringen. Da hätte ich auch früher schon nichts gegen gehabt, aber es kam halt weniger. Ich bin ein Teamplayer, den Austausch möchte ich  nicht mehr missen.

Also erst mal Band statt solo?

Das möchte ich hier und heute bezeugen.

Das Interview ist vorab beim MusikBlog erschienen

The Tick: Antihelden & Superinsekten

Superzecke vs. Pharaoman

Mitten im Superheldenhype der vergangenen Jahre, macht sich die Amazon-Serie The Tick nach dem Pilotfilm vor einem Jahr ab Freitag nun regelmäßig über die Flut der Rächer mit den ulkigen Outfits lustig, was oft genau das ist: ziemlich lustig.

Von Jan Freitag

Gary Larson hat es mal versucht: Aus Insekten Stars zu machen. In einem seiner beißend witzigen Strips zeigt der Großmeister des respektlosen Cartoons Krabbeltiere, die es über den Piloten hinaus nicht zur Serienreife gebracht haben: Zikaden, Moskitos, eher Schädlinge als Sympathieträger und daher völlig untauglich für jene Art absurd uniformierter Kämpfer fürs irgendwie Gute, die seit Jahren das Kino dominieren. Man muss sich daher kurz Gary Larsens Kurzcomic ins Gedächtnis rufen, um zu verstehen, was da ab heute bei Amazon Prime abgeht.

Die Streamingsparte vom Superschurken der Einzelhandelsbranche hat nämlich einen Superhelden erdacht, den man sich nicht unbedingt in seiner Nähe wünscht. Sie heißt „The Tick“, zu Deutsch: Die Zecke. Gepresst in ein lächerlich blaues Kostüm mit zappelnden Fühlern auf dem Kevlarhelm trifft das menschliche Insekt auf den nerdigen Außenseiter Arthur Everest und versucht mit ihm eine Stadt, die entfernt an New York erinnern soll, vor einem Superschurken zu retten, der nicht Amazon heißt, sondern The Terror.

Genau dem war Arthur, wie wir in einer Rückblende erfahren, als Kind begegnet, was den Jungen nachhaltig traumatisiert und zum Verschwörungstheoretiker gemacht hat. Als er nun 15 Jahre später gerade mal wieder auf der Suche nach Beweisen für die drohende Machtübernahme durch den Fiesling in Pharaonenmaske ist, läuft Arthur die Zecke über den Weg und macht ihn zu seinem Sidekick, wie sie es nennt. Das alles ist heillos überdreht, manchmal richtiggehend albern, für eingefleischte Fans des Genres als ziemlich unerträglich.

Doch in der Springflut seltsam ernst gemeinter Mutanten von Wolverine bis Wonder Woman, von Spider Man bis Dr. Strange, die allein in den vergangenen zwölf Monaten zu Kassenschlagern reanimiert wurden, ist The Tick genau deshalb endlich mal wieder ein augenzwinkernder Superheldenstoff. Was auch an den Darstellern liegt. Peter Serafinowicz zum Beispiel, selbst Insidern wohl allenfalls als Stimme vom Star Wars-Fiesling Darth Maul bekannt, spielt die Fernsehversion der gleichnamigen Comicreihe hingebungsvoll selbstverliebt. Unverwundbar und bärenstark, dazu tollkühn und idealistisch ist er dank seines notorischen Overactings vor allem eines nämlich nicht: sonderlich heroisch.

Das wiederum verbindet ihn mit dem untersetzten Underdog Arthur, dem der bestens gebuchte Episodennebendarsteller Griffin Newman (Vinyl) mit Hornbrille und Kurzarmhemd eine Unscheinbarkeit von angemessener Größe, also Winzigkeit verleiht. Die wird dann noch verstärkt durch seinen mausgrauen Antiheldenanzug, der im Erregungsanzug Mottenflügel erhält. Produziert vom Vorlagenzeichner Ben Edlund ist all dies unter der Regie von Wally Pfister natürlich fern von Tiefgang, gar Intellektualität. Was zählt ist quietschbunter, wohl kalkulierter, technisch versierter Schauwert, den besonders die wesensbösen Gegenspieler wie Miss Lint (Yara Martinez) im Stakkato liefern.

Trotzdem entwickelt das Gespann eines wohlmeinenden Großmauls mit seinem sozial benachteiligten Partner als Korrektiv durchaus eine gewisse Tragikomik, gepaart mit Selbstironie. Und die stünde ja auch den Kommerzgewächsen von Marvel bis DC, die das wachsende Bedürfnis nach Mackern mit Muckis, Macht und Durchsetzungsvermögen ohne jeden Anflug von Reflexion bedienen, gut zu Gesicht stünde. The Tick ist natürlich reines Eye Candy. Aber eben welches mit absurdem Charme. Gary Larsen wäre entzückt.


Schmollecken & Das Verschwinden

Die Gebrauchtwoche

9. – 15. Oktober

„Schon“ ist ein beschleunigtes Adverb mit erleichtertem Klang. Wer etwas „schon“ getan hat, ist seiner Zeit meist ein Stück voraus. Das verspätete „erst“ dagegen wird tendenziell im Tonfall der Enttäuschung verwendet, als ginge irgendwas Gutes gerade zu langsam. So gesehen hätten ARD und ZDF bei der Verkündung ihrer Medienumfrage, „schon 90 Prozent der Deutschen nutzen das Internet“, besser mal durch „erst“ ersetzt. Immerhin muss man sich fragen, wo denn bitte die restlichen zehn Prozent über 14 leben, um der globalen Wucht des WWW noch immer vollumfänglich entgehen – die glasfaserlose Diaspora nahe der polnischen Grenze gilt schließlich als bevölkerungsärmste…

Wie auch immer die Antwort lautet: Es war klar, dass die Öffentlich-Rechtlichen auf Grundlage der Studie fix eine Ausweitung ihrer Netzaktivitäten ankündigten, was die Privaten reflexhaft zur Forderung nach dem genauen Gegenteil zwang. Dazu passt, dass der Spiegel vorigen Montag mal wieder die Meinungsleiche aus dem Kampagnenkeller zerrte, der gebührenfinanzierte Rundfunk sei eigentlich ein Staatsfunk, weil er den Mächtigen nach dem Mund rede und überhaupt mimimi… Das erinnert in seiner Larmoyanz an den schwarzen Rotfunk-Vorwurf Richtung WDR, was allerdings in eine Zeit fiel, als die Mauer zwischen Ost und West aus Beton waren, nicht aus Verachtung.

Da die Reaktion der betroffenen Sender darauf allerdings auch wieder eher klein- als großmütig war, hocken alle Beteiligten dieser ewigen Debatte wieder in den Schmollecken ihrer Befindlichkeiten und warten auf die ordnende Hand von irgendwo, die es vor 50 Jahren vielleicht noch gab, als Aktenzeichen XY ungelöst erstmals schwarzweiß vom Röhrenapparat flimmerte und zumindest der politische Humor im Fernsehen noch witziger war als der heillos überforderte Sven Ratzke, der Dienstag im Ersten die verwaiste Late-Night hierzulande wiederbeleben sollte und daran so krachend scheiterte, dass einem das Lachen erstmal vergangen ist.

Die Frischwoche

16. – 22. Oktober

Aber vielleicht sind das ja gute Voraussetzungen für Hans-Christian Schmids allerersten Ausflug vom Kino ins Fernsehen. Sein Vierteiler Das Verschwinden um eine Mutter, die ihre vermisste Tochter im Crystal-Meth-Sumpf des bayerisch-tschechischen Grenzgebiets sucht, ist ab Sonntag um 21.45 Uhr so deprimierend und dramatisch, bei aller Tristesse provinzieller Abgründe aber auch derart brillant, dass man ungeachtet der bizarren Programmierung (die Teile 2-4 laufen erst fünf Tage später) unmöglich los kommt von dieser schwarzen Perle des linearen Programms. Seit Im Angesicht des Verbrechens hat schließlich kein TV-Format auch nur annähernd diese Sogwirkung entfaltet – was unter anderem an der herausragenden Julia Jentsch zwischen Trotz und Hoffnung liegt.

Mit der sollte sich Anja Kling in einer ähnlich verzweifelten Mutterrolle am Montag im ZDF also besser nicht messen. Dennoch ist die Verfilmung von Dirk Kurbjuweits Bestseller Angst absolut empfehlenswert. Es geht darin um einen Stalker (Udo Samel) im eigenen Haus, der Klings Fernsehfamilie bis zum äußersten nachstellt. Das ist trotz und wegen Heino Ferch als gewohnt stoischer Vater mit permanentem Rotweinschwenker zur Hand absolut sehenswert und mit einem wirklich überraschenden Ende versehen.

Dieses Gütesiegel verdient auch The Meyerowitz Stories, eine Familiensaga, deren furioser Wort- und Spielwitz eigentlich ins Kino gehört, wäre er nicht von Netflix. Die sanft mäandernde Erzählung vom alternden Künstler Harold Meyerowitz, der den verblassenden Ruhm im dauernden Disput mit seiner Verwandtschaft zu kompensieren  versucht, ist nicht nur wegen Dustin Hoffman und Emma Thompson als Ehepaar so ansehnlich. Großartig ist vor allem die ereignislose Bedächtigeit, mit der Regisseur Noah Baumbach schon Frances Ha versehen hat. Von dieser Nonchalance kann sich dann selbst ein gelungener ARD-Mittwochsfilm wie Ich war eine glückliche Frau was abschneiden, Martin Enlens feines Psychogramm zweier Nachbarn (Petra Schmidt-Schaller, Rainer Bock) im Sog einer unaufgeräumten Vergangenheit.

Parallel dazu füllt der SWR seine Primetime mit der Erinnerung an den deutschen Herbst, der vor genau 40 Jahren mit der Entführung der Landshut in sein blutiges Finale gesteuert ist. Ab 20.15 Uhr gibt es dazu erst drei faktenreiche Dokumentationen, bevor um Mitternacht Roland Suso Richters aufregendes Dokudrama Mogadischu mit Thomas Kretschmann als Pilot läuft. Das ist mit kleinem Hinweis darauf, dass Pro7 den kleinen Hype ums britische Pubsport-Ereignis Darts am Samstag mit einer vierstündigen Übertragung der German Masters ab 20.15 Uhr auszuschlachten versucht, bereits der Einstieg in die Wiederholungen der Woche.

Angefangen mit Tommy Lee Jones als Jäger des zu Unrecht verurteilten Harrison Ford Auf der Flucht von 1993 (Montag, 20.15 Uhr, Kabel1), fortgesetzt am gleichen Abend von 1984 (21.55 Uhr) auf Arte mit dem kürzlich gestorbenen John Hurt als Opfer von Orwells berühmter Gedankenpolizei. In Schwarzweiß gibt es ebenfalls zwei Tipps: Das Narrenschiff (Montag, 23.05 Uhr, MDR) von 1965 mit Vivien Leigh und Lee Marvin auf Kreuzfahrt nach Deutschland am Vorabend der nationalsozialistischen Machtergreifung. Heiterer geht es da auf einem völlig anderen Schiff zu: Raumpatrouille Orion in einer remasterten Kinoversion von 2003 (Sonntag, 20.15 Uhr, Tele5). Und Horst Schimanski kriegt es im Tatort: Kinderlieb am Dienstag um 22.10 Uhr im WDR von 1991 mit einem richtig widerlichen Vergewaltigungsfall zu tun.


Meute, Témé Tan, The Barr Brothers, Gloria

Meute

Die Zeiten, wo massenpopulärer Pop die Elemente Gesang, Bass, Gitarre enthalten musste, sind ebenso unwiderruflich vorbei wie jene, in denen sich die letzte große Musik-Innovation den Gebrauch gerade dieser drei Bestandteile aufs Strengste verboten hat. Rock jeder Art zum Beispiel darf heute ganz ohne Saiten inszeniert werden und Techno mit ganz, ganz vielen. Die quietschbunte Grauzone dieser Grenzverschiebung ist seit zwei Jahren viral im Netz und bei mittlerweile 150 Guerilla-Gigs auch vielfach live zu bestaunen. Nun gibt es endlich die Platte: Meute feiern ihr Debüt. Und wie gewohnt zelebriert sie dabei einen Sound, der zwar unfassbar glaubhaft nach einem sehr virtuosen Elektro-DJ klingt, aber voll und ganz analog ist.

Marching Techno heißt das mitreißende Konzept des elfköpfigen Orchesters aus St. Pauli. Unter der Leitung des Bläsers Thomas Burhorn transponiert es das Prinzip Spielmannszug sprichwörtlich mit Pauken und Trompeten so fantastisch auf den Dancefloor, dass jede(r), wirklich jede(r) schon beim allerersten Takt mit muss. Die Brass-Selection liefert das melodische Grundraunen, zwei Drummer sorgen fürs repetitive Stakkato, ein Vibrafon garniert das Ganze wie im fabelhaften Âme-Cover Rej mit virilen kleinen Klangkaskaden, alles zusammen wird spielerisch leicht, aber technoid präzise zum Wundervollsten, was seit der Geburt des HipHop die Gräben von Musik und Entertainement übersprungen hat. Das Album des Jahres – im Herbst geliefert. Danke, Meute!

Meute – Tumult (finetunes)

Témé Tan

Mit Exotik muss man im Pop nicht erst vorsichtig sein, seit der seltsame Begriff “Weltmusik” endlich im Abseits folkloristischer Musik entsorgte wurde. Was irgendwie ethnisch klingt, also für weiter entfernt aufgewachsene Ohren nach Urlaub oder so, war ja im besten Fall nicht selten die Ausschlachtung handelsüblicher Klischees, im schlechtesten der blanke Rassismus. Zum Glück hat Témé Tan einen musikalischen Hintergrund, der Vorurteilen durch polyglotte Prägung vorbeugt. Geboren im kongolesischen Kinshasa wuchs er überwiegend in Brüssel auf, wo der damals 18-Jährige ein Konzert der Beastie Boys zum Impuls einer Karriere als Musiker erklärte. Das Ergebnis hören wir heute auf seinem schlichtweg hinreißenden Debütalbum.

Nach sich selbst benannt, bündelt Témé Tan darauf elektronische Beats mit minimalistischen Grooves zu Melodieclustern, die zwar ganz fantastisch nach seiner afrikanischen Heimat klingen, aber schon wegen des französischen Gesangs unglaublich global und dabei zutiefst tanzbar. Schließlich ließ er sich für die zwölf vielschichtigen Stücke der Legende nach durch Reisen nach Brasilien, Japan oder Guinea und Kollegen wie Jai Paul, MC Solaar und zweifelsohne vom belgischen Tausendsassa Stromae inspirieren. Und genauso klingt Témé Tan dann auch: Alles für alle in einem von überhall her mit viel Herzblut und Rhythmus und Spielfreude. Ein fantastisches Debüt.

Témé Tan – Témé Tan (PIAS)

The Barr Brothers

Simon & Garfunkel hatten ihre Zeit. Und es war eine, in der die Welt schier durchgedreht ist. Wir schreiben die späten Sechzigerjahre. Heiße, Kalte, Bürger-, Banden-Kriege erschüttern die Welt, Akademiker revoltieren, Reaktionäre reagieren, der Globus steht am Abgrund, als das amerikanische Folk-Duo mit Engelszungen im Doppelgesang gegen den Irrsinn allerorten anhaucht. So gesehen wäre die Zeit durchaus reif für ein neues Simon & Garfunkel, auch wenn es im populistischen Aberwitz unserer Tage natürlich ein bisschen anders klingen müsste. Vielschichtiger, verschrobener, kakophonischer, also ein bisschen wie The Barr Brothers aus Montreal.

Unter Familiennamen fleht das amerikanische Brüderpaar Brad und Andrew, die beide nahezu alles spielen, fast so lieblich nach dem Guten, Schönen, Klugen wie einst Paul & Art. Begleitet von der kanadischen Multi-Instrumentalistin Sarah Page wirkt ihr neues Album allerdings stets leicht neben der arglos folkigen Americana-Spur des Hippie-Zeitalters. Stücke wie der betörende Opener Defibrillation (feat. Lucius) oder das trompetenunterfütterte Dream That I Head verharren nie im Harmoniegeplänkel, sondern legen hochinteressante Disharmonien unters filigrane Gitarrenpicking und garnieren es schon mal mit Mundharmonikasequenzen wie Metal-Soli. Das macht Queens of the Breakers zu einer der schönsten Überraschungen im Folkpop seit langem.

The Barr Brothers – Queens of the Breakers (Secret City Records)

Hype der Woche

Gloria

Wenn Schauspieler Musik machen, klingt das meist fürchterlich. Ochsenknecht, Schilling, Prahl, zuletzt der bemitleidenswert reflexionsbefreite Matthias Schweighöfer – betriebswirtschaftlich nachvollziehbar, aber künstlerisch arm unterm Fernsehstar-Label vermarktet, zeigen die TV-Nasen allzu oft mehr Gespür für den Kontostand als musikalischen Eigensinn. Eine der seltenen Ausnahmen trägt einen Namen, den man an dieser Stelle eher nicht erwartet hätte: Klaas Heufer-Umlauf. An der Seite des Wir-sind-Helden-Gitarristen Mark Tavassol kreiert der Pro7-Sadomasochist vom Dienst einen Indiepop, der auch ohne den Klang seiner Eigenmarke ganz fabelhaft funktioniert. Auch deshalb heißt die Band nicht irgendwas mit KHU, sondern Gloria. Heute erscheint ihr drittes Album namens DA (Grönland), und wie auf den beiden zuvor paart das Duo ausgefuchsten Alternative-Sound mit der klugen Deutschpoppoesie des singenden TV-Berserkers zur aktuell angenehmsten Erscheinung des Genres hierzulande.

 


Wanda: Manuel Christoph Poppe

Liebe, Leben und Tod

Wanda, das klang schon auf dem umjubelten Debütalbum Amore, als würde Udo Jürgens in einer Wiener Spelunke besoffen das Leben feiern. Auch auf ihrer dritten Platte Niente kommt der Rotz, das Gefühl, die Bierseligkeit eher aus dem Bauch als dem Gehirn. Verantwortlich dafür ist vor allem Marco Wanda (Foto: Pistenwolf. Manuel Christoph Poppe ist daher wie die restlichen drei Mitglieder vor allem für die Umsetzung von Marco Wandas Arrangements und Texten zuständig. Eine ideale Rollenverteilung, meint der Gitarrist und erzählt auch ein bisschen was über den erstaunlichen Erfolg der österreichischen Popszene in Deutschland.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Manuel, auch bei eurer dritten Platte hat man wieder das Gefühl, Wanda macht Musik für den Moment als gäb’s kein Morgen.

Manuel Christoph Poppe: Also es ist schon mal sehr, sehr schön, wenn du das mit dem Moment aus unserer Musik heraushörst, denn er ist das Wertvollste was wir darin haben. Aber natürlich hoffen und wünschen wir uns in diesen Momenten stets, dass es den Morgen danach trotzdem noch gibt.

Umso mehr wirkt eure Musik wie das, was man gemeinhin Eskapismus nennt. Versteht man eure Lieder als kleine Fluchten aus der schwierigen Wirklichkeit falsch?

Ein bisschen. Unsere Lieder sind vielfach Angebote an andere, über schlechte Phasen in ihrem Leben hinwegzukommen oder es selbst dann zu genießen, wenn es mal nicht so läuft. Aber es stimmt schon politische Parolen oder Wahlempfehlungen findet man in unseren Liedern nicht.

Und aus welchem Grund?

Weil Liebe, Leben und Tod die wesentlichen Themen des Alltags sind, das reicht uns völlig als Handlungsspielraum.

Sind in den Liedern über die Liebe und das Leben dann verborgene Metaebenen und Metaphern enthalten, die die Welt da draußen am Ende doch im Ganzen kommentieren?

Auf jeden Fall. Das Geheimnis ist, den Song so zu gestalten, dass man beim Hören glaubt, er sei für mich geschrieben und handelt gewissermaßen von mir. Das wäre optimal, muss aber nicht sein. Man kann sich bei Wanda auch ganz ohne tieferen Sinn am Klang der Wörter und Noten erfreuen. Wir machen nur Vorschläge.

Sind eure Songs dennoch persönliche Geschichten, die mit euch selbst zu tun haben, oder abstrakte Erzählungen von allem und jedem?

Natürlich fließt in jeden Song etwas Persönliches ein, aber wir liefern jetzt kein Dylaneskes Story-Telling der eigenen Erlebniswelt. Marco ist das, wovon er singt, in der Regel nicht selbst widerfahren. Das Wesentliche an seinen Texten ist eher, ein kollektives Unterbewusstsein zu erwischen. Wir versuchen aus allem, was man so aufschnappt, die Essenz der Gefühle darin zu extrahieren und daraus Geschichten zu machen.

Was hat sich diesbezüglich am Inhalt und dem Sound drum herum seit eurem Debüt Amore verändert?

Die Arrangements sind nicht mehr so rotzig wie damals, also ein bisschen feiner. Es gab da aber keinen Plan, geschweige denn ein schlüssiges Konzept. Unser Prozess ist nach wie vor sehr organisch. Wenn Marco mit der Akustikgitarre kommt und seine Songs vorspielt, hat sich bei allen drei Alben der Rest von alleine ergeben. Der Song weiß schon, was er will; wir müssen da nicht bewusst noch ein paar Streicher oder so beifügen. Und Marco kommt auch nie mit bloßen Songfetzen, sondern fertigen Strukturen – Strophe, Refrain, Melodie, Abläufe. Wir setzen das dann nur noch um.

Fühlt ihr vier anderen euch dann dennoch als gleichberechtigte Mitarbeiter oder doch eher Dienstleister?

Wir sind absolut gleichberechtigt. Es ist ja nicht so, dass Schlagzeug, Gitarre, Bass, Keyboard gern mehr beitragen würden, aber nicht dürfen. Wir sind im Gegenteil froh, einen Songwriter wie Marco zu haben. Die Rollenverteilung ist für uns ideal. Mir reicht die Gitarre völlig aus; da muss ich nicht noch mit ihm die Akkordstruktur diskutieren.

Warum ist das Ergebnis dieses Prozesses auch außerhalb von Österreich so erfolgreich, vor allem in Deutschland?

Wenn man danach sucht, würde man gewiss gute Gründe für den aktuellen Österreich-Hype in Deutschland finden, aber wir wollen da gar nicht so analytisch rangehen.

Und falls doch, ausnahmsweise?

Spielt das transportierte Gefühl aus meiner Sicht die größere Rolle als der Wiener Dialekt mit seinem vermeintlichen Charme.

Der Erfolg deines Landsmanns Voodoo Jürgens könnte also daran liegen, dass sich die notorisch verkopften Deutschen nach dieser völlig unverstellten Bauchigkeit sehnen?

Ich glaube schon. Voodoo Jürgens ist sehr erzählerisch, Nino aus Wien eher prosaisch, Bilderbuch eher spielerisch – so bringt jeder sein Gemüt auf sehr individuelle Art so zum Ausdruck, dass man dem glaubt und zuhören will. Wir machen einfach gute Texte.

Sorgt das bereits für die Existenz einer Art Wiener Popkultur, in der alle miteinander rumhängen wie einst die Hamburger Schule?

Teils schon. Von loser Bekanntschaft bis echter Freundschaft ist alles dabei. Nino aus Wien zum Beispiel ist definitiv ein guter Freund von mir, Voodoo Jürgens kennen wir auch schon seit zehn Jahren, der Ansa Sauermann ist auch ein ganz Lieber, mit dem wir uns gut verstehen. Es gibt schon wertvolle Begegnungen, aber wir sind jetzt nicht als geschlossene Szene aktiv.

Wie weit reicht eure Resonanz – über den deutschsprachigen Raum hinaus?

A bissl. Wir haben mal in Luxemburg gespielt und es gibt immer mal wieder Berichte von Bekannten, die jemanden in London oder so kennen, aber das ist extrem vereinzelt. Aber vielleicht ergibt sich ja was in Italien, größere Ambitionen haben wir nicht.

Eines eurer Bandmitglieder ist gerade erkrankt. Sorgt so etwas dafür, nach drei Jahren Vollgas mal einen Gang zurückzuschalten?

Das würde voraussetzen, an der Sache mit dem Vollgas wäre was dran. Im letzten halben Jahr nämlich war es bei uns ziemlich ruhig, das Album haben wir eigentlich in zwei Wochen eingespielt, es gab eine Tour im März und relativ wenig im Festivalsommer. Es war eher zu wenig zu tun, was bis zur Tour im Frühjahr kaum anders werden dürfte. Bisschen gefährlich.

Inwiefern?

Ach, wenn man Zeit hat und etwas Geld auf der Kante, wird es in einem Beruf, für den man ohnehin nicht ständig früh aufstehen muss, rasch etwas strukturlos. Ich hatte zum Beispiel vor, mehr Sport zu machen, mich besser zu ernähren, mal mit einem Therapeuten über Dinge zu plaudern – hat alles nicht funktioniert, keine Chance. Meine sportlichen Ambitionen sind über die Bettkante nicht hinausgekommen, aus der Ernährung wurden Alibi-Smoothies in der Früh und aus dem Therapeuten eine Putzfrau, immerhin.

Das Interview ist vorab erschienen beim MusikBlog