Marcus Wiebusch: Befindlichkeit & Wut

Wir sind keine Parolenband

Marcus Wiebusch kommt aus dem Punkrock, ging in den Befindlichkeitspop und findet sich nach einem Solo-Ausflug mit seiner alten Band Kettcar in der Mitte wieder. Fünf Jahre nach dem vierten Album wirkt Ich vs. Wir (Grandhotel van Cleef) nicht nur beschleunigt, sondern viel politischer. Damit findet der Songwriter einen gewohnt lyrischen, oft aber auch beherzten Ausdruck für die Verhältnisse. Ein Gespräch mit dem 49-jährigen Heidelberger über die Wiederbelebung seiner Hamburger Indierock-Band, wie man leise Fuck AfD sagt und was Pop zu Literatur macht.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Das neue Kettcar-Album heißt Ich vs. Wir – wer genau ist wer dabei?

Marcus Wiebusch: „Ich“ ist das Individuum und „Wir“ sind die Gemeinschaft.

Das ist also nicht autobiografisch gemeint, von dir oder der Band?

Überhaupt nicht. Der Titel basiert auf dem Song Wagenburg, wo das Ich und das Wir in verschiedenster Konstellation gegeneinander krachen, da spielen wir mit Ambivalenzen. „Wir sind das Volk“ meint ja – Stichwort Pegida – am Ende „Ich bin das Volk“, das ist eine Ansammlung von Egoisten, die alles für sich wollen und sich dafür unter einem völkischem Begriff sammeln. Da mündet alles in die urpolitische Frage: mit wem will man eigentlich noch was zu tun haben, um ein lebenswertes Miteinander hinzukriegen? Das geht über uns als einzelne Teile der Band Kettcar weit hinaus.

Auch nostalgische Erinnerungen wie „Benzin und Kartoffelchips“ entspringen also vollständig der Fantasie?

Genau, bis auf Den Revolver entsichern, wo ich meinen Kindern ganz am Schluss kurz erkläre, was ein guter Mensch ist, ist alles ausgedacht.

Findet denn der Schlüsselsong Sommer 89, in dem Parallelen zwischen Flucht aus dem Osten damals und Flucht nach Deutschland heute gezogen werde, wenigstens nachrichtliche Bezugspunkte in der Realität?

Das schon. Da bin ich übers reale Ereignis eines Fluchthelfers vor 28 Jahren an der deutsch-ungarischen Grenze gestoßen, von dem die Süddeutsche Zeitung mal berichtet hat. Wobei es ja genau der Clou des Stückes ist, von der aktuellen Flüchtlingssituation zu singen, ohne sie auch nur mit einem Wort zu erwähnen.

Wobei erzählen besser passen würde als singen.

Stimmt. Am Anfang hatten wir da einen ganz normalen Popsong mit Reimschema im Kopf, aber mit der Zeit hat sich das Erzählerische ergeben, bei dem man bis hin zu einer Art Romanstruktur unfassbar frei ist in den Formulierungen, aber auch in der Beschreibung der Umstände. Wenn man jeden Grashalm beschreibt, werden die Leute beim Hören viel tiefer in den Song hineingezogen. Über eine Geschichte lässt sich mein Anliegen, das Politische viel besser transportieren. Juli Zeh hat über Sommer 89 gesagt, er sei wie gute Literatur – die am Ende ja mehr Fragen als Antworten bietet. Eine davon wäre, ob es nicht grundsätzlich ein zutiefst menschlicher Akt ist, Menschen über Zäune zu helfen.

Zumal die andere Seite des Zauns keinesfalls das Paradies ist; du zählst ja neben allem, was die Flüchtlinge dort Gutes erwartet, auch das Schlechte auf…

So wie die Menschen 1989 Immobilien ohne Wert und Hartz4 gekriegt haben, gab es eben auch Kiwis und Wahlrecht. Und heute kommen Flüchtlinge nicht nur für Essen und Obdach, sondern Recht und Ordnung. Man kann an diesem Land viel rumhaten, aber das Grundgesetz ist so schlecht nicht, sofern man es wörtlich nimmt. Es geht um Ambivalenz, das funktioniert viel besser als Fuck AfD zu brüllen.

Aber ihr kommt doch seit jeher eher über die Poesie als Parolen?

Wir sind keine Parolenband, kommen aber diesmal mehr denn je übers Storytelling.

Meinst du denn, damit sind Menschen jenseits eurer Filterblase zu beeindrucken?

Da unsere Popularität bis ins Mainstreampublikum reicht, glaube ich schon. Da werden viele zum ersten Mal mit solchen Gedanken konfrontiert. So gesehen spricht der Song nicht nur meine Leute an, schon weil Jan Böhmermann den millionenfach geteilt hat. Ich singe nicht nur für Eingeweihte.

Mit dem Ziel, den Leuten – auch als studierter Pädogoge – was unterzujubeln?

Unterjubeln nicht, aber ich sehe meine Aufgabe schon auch darin, übers Entertainment Inhalte unter meinen Bedingungen zu vermitteln. Ob ich dabei einen AfD-Wähler vom Gegenteil überzeuge, ist dabei fast ein bisschen egal; mir ist wichtig, eine Haltung, von der ich zutiefst überzeugt bin, kraftvoll zu Gehör zu bringen.

Ist das nicht ein avantgardistischer Ansatz?

Inwiefern avantgardistisch?

Eine erhabene Position, leicht über dem Erkenntnisstand der breiten Masse?

Wenn das die Erhabenheit von The Clash, Dead Kennedys, Rage Against The Machine oder Blumfeld ist, womöglich schon. Ich mache politische Haltung ja nicht als erster zu Musik und wurde in meiner diffusen Sichtweise einst selbst von solchen Bands beeinflusst. Wenn mir das mit heute mit anderen gelänge, wäre das echt schön.

Seid ihr so gesehen zuletzt politischer geworden?

Ja, klar.

War das die logische Folge der Umstände oder einer bewussten Entscheidung?

Das lässt sich schwer differenzieren, aber unser letztes Album von 2012 war emotional ein solcher Tiefpunkt, dass ich erst mal was allein machen musste. Das Solo-Album wurde dann als eher politisch wahrgenommen, was sich als Band jetzt fortsetzt. Wir merken ja, was in diesem Land los ist; da haben gefühlige Texte schlicht nix verloren. Wir wollen keinen Selbstvergewisserungs-HipHop machen, der scheinbar gerade alles andere platt macht. Die Leute sollen merken, dass wir uns der Realität stellen. Und diese Gewissheit wurde mit jedem demokratisch legitimierten Schwachsinn von Trump bis Erdogan, von Brexit bis AfD größer.

Sind Zeiten des Rechtsrucks für einen linken Liedermacher daher gute?

Klingt zynisch, ist aber so. Als wir 2002 sehr befindlichkeitsorientierte Lieder gemacht hatten, mag zwar auch schon vieles scheiße gewesen sein, aber ich habe das da noch nicht so gefühlt. Zumal ich da gerade aus dem sehr politischen Punkrock kam.

Mit But Alive.

Das was Kettcar jetzt macht, ist gerade ein Stück weit alternativlos, aber damals wollte ich echt mal was völlig anderes machen, so wie wir in fünf Jahren vielleicht auch wieder was anderes machen wollen.

Drückt sich diese Rückbesinnung auf den Punk auch musikalisch aus?

Klar, wir sind schneller, robuster, energetischer. Anfangs hatten wir tatsächlich nur Bretter, bis unser Produzent gesagt hat, ey können wir mal kurz weg vom ganzen Geballer? Deshalb ist zum Schluss ein ruhiger Song wie Das Gegenteil der Angst dazugekommen.

Um richtig ruppig zu werden, ist allerdings deine Stimme nicht die richtige oder?

Mein Gesang transportiert nie diese Grundwut eines Zack de la Rocha. Weil ich bei But Alive krass geshoutet habe, musste ich 1999 ja eine Stimmbandoperation über mich ergehen lassen. Seitdem singe ich anders.

Kettcar ist das Ergebnis einer ärztlichen Verordnung?

Nein, nein, nein. Ich habe das, was vorher in mir war, einfach nicht mehr gefühlt und wollte ruhigere Musik machen. Auch auf der letzten But Alive singe ich schon weicher.

Ist denn trotzdem noch genügend Wut in dir über die Verhältnisse?

Schon, aber das ästhetische Konzept jenseits des Punk kickt uns nicht mehr. Wir lieben Popsongs – auch wegen der Möglichkeit, Leute zu erreichen, die du nicht erreichst, wenn du im Sinne von preachingtothealreadyconverted nur für die eigene Blase ballerst. Mit so einen lieblich klingenden Stück wie Mannschaftsaufstellung erreichst du da viel mehr, da sind wir musikalisch sanft, aber textlich klar. Kettcar 2017 ist anders als Kettcar 2002, aber auch als Marcus Wiebusch solo vor drei Jahren.

Nimmst du seither weniger Einfluss auf die Band als früher?

Definitiv, wir gehen viel kommunikativer an Sachen ran als früher, wo ich mehr oder weniger alle Songs allein gestemmt hab. Mittlerweile kommt viel mehr von den anderen, auch weil wir sehr konkrete Gespräche hatten, welchen Boden wir jetzt beackern wollen. Das ist eine ganz andere Band – schon weil die anderen mit ihren Möglichkeiten aufgeholt haben, um ihre Kreativität besser einzubringen. Da hätte ich auch früher schon nichts gegen gehabt, aber es kam halt weniger. Ich bin ein Teamplayer, den Austausch möchte ich  nicht mehr missen.

Also erst mal Band statt solo?

Das möchte ich hier und heute bezeugen.

Das Interview ist vorab beim MusikBlog erschienen
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The Tick: Antihelden & Superinsekten

Superzecke vs. Pharaoman

Mitten im Superheldenhype der vergangenen Jahre, macht sich die Amazon-Serie The Tick nach dem Pilotfilm vor einem Jahr ab Freitag nun regelmäßig über die Flut der Rächer mit den ulkigen Outfits lustig, was oft genau das ist: ziemlich lustig.

Von Jan Freitag

Gary Larson hat es mal versucht: Aus Insekten Stars zu machen. In einem seiner beißend witzigen Strips zeigt der Großmeister des respektlosen Cartoons Krabbeltiere, die es über den Piloten hinaus nicht zur Serienreife gebracht haben: Zikaden, Moskitos, eher Schädlinge als Sympathieträger und daher völlig untauglich für jene Art absurd uniformierter Kämpfer fürs irgendwie Gute, die seit Jahren das Kino dominieren. Man muss sich daher kurz Gary Larsens Kurzcomic ins Gedächtnis rufen, um zu verstehen, was da ab heute bei Amazon Prime abgeht.

Die Streamingsparte vom Superschurken der Einzelhandelsbranche hat nämlich einen Superhelden erdacht, den man sich nicht unbedingt in seiner Nähe wünscht. Sie heißt „The Tick“, zu Deutsch: Die Zecke. Gepresst in ein lächerlich blaues Kostüm mit zappelnden Fühlern auf dem Kevlarhelm trifft das menschliche Insekt auf den nerdigen Außenseiter Arthur Everest und versucht mit ihm eine Stadt, die entfernt an New York erinnern soll, vor einem Superschurken zu retten, der nicht Amazon heißt, sondern The Terror.

Genau dem war Arthur, wie wir in einer Rückblende erfahren, als Kind begegnet, was den Jungen nachhaltig traumatisiert und zum Verschwörungstheoretiker gemacht hat. Als er nun 15 Jahre später gerade mal wieder auf der Suche nach Beweisen für die drohende Machtübernahme durch den Fiesling in Pharaonenmaske ist, läuft Arthur die Zecke über den Weg und macht ihn zu seinem Sidekick, wie sie es nennt. Das alles ist heillos überdreht, manchmal richtiggehend albern, für eingefleischte Fans des Genres als ziemlich unerträglich.

Doch in der Springflut seltsam ernst gemeinter Mutanten von Wolverine bis Wonder Woman, von Spider Man bis Dr. Strange, die allein in den vergangenen zwölf Monaten zu Kassenschlagern reanimiert wurden, ist The Tick genau deshalb endlich mal wieder ein augenzwinkernder Superheldenstoff. Was auch an den Darstellern liegt. Peter Serafinowicz zum Beispiel, selbst Insidern wohl allenfalls als Stimme vom Star Wars-Fiesling Darth Maul bekannt, spielt die Fernsehversion der gleichnamigen Comicreihe hingebungsvoll selbstverliebt. Unverwundbar und bärenstark, dazu tollkühn und idealistisch ist er dank seines notorischen Overactings vor allem eines nämlich nicht: sonderlich heroisch.

Das wiederum verbindet ihn mit dem untersetzten Underdog Arthur, dem der bestens gebuchte Episodennebendarsteller Griffin Newman (Vinyl) mit Hornbrille und Kurzarmhemd eine Unscheinbarkeit von angemessener Größe, also Winzigkeit verleiht. Die wird dann noch verstärkt durch seinen mausgrauen Antiheldenanzug, der im Erregungsanzug Mottenflügel erhält. Produziert vom Vorlagenzeichner Ben Edlund ist all dies unter der Regie von Wally Pfister natürlich fern von Tiefgang, gar Intellektualität. Was zählt ist quietschbunter, wohl kalkulierter, technisch versierter Schauwert, den besonders die wesensbösen Gegenspieler wie Miss Lint (Yara Martinez) im Stakkato liefern.

Trotzdem entwickelt das Gespann eines wohlmeinenden Großmauls mit seinem sozial benachteiligten Partner als Korrektiv durchaus eine gewisse Tragikomik, gepaart mit Selbstironie. Und die stünde ja auch den Kommerzgewächsen von Marvel bis DC, die das wachsende Bedürfnis nach Mackern mit Muckis, Macht und Durchsetzungsvermögen ohne jeden Anflug von Reflexion bedienen, gut zu Gesicht stünde. The Tick ist natürlich reines Eye Candy. Aber eben welches mit absurdem Charme. Gary Larsen wäre entzückt.


Schmollecken & Das Verschwinden

Die Gebrauchtwoche

9. – 15. Oktober

„Schon“ ist ein beschleunigtes Adverb mit erleichtertem Klang. Wer etwas „schon“ getan hat, ist seiner Zeit meist ein Stück voraus. Das verspätete „erst“ dagegen wird tendenziell im Tonfall der Enttäuschung verwendet, als ginge irgendwas Gutes gerade zu langsam. So gesehen hätten ARD und ZDF bei der Verkündung ihrer Medienumfrage, „schon 90 Prozent der Deutschen nutzen das Internet“, besser mal durch „erst“ ersetzt. Immerhin muss man sich fragen, wo denn bitte die restlichen zehn Prozent über 14 leben, um der globalen Wucht des WWW noch immer vollumfänglich entgehen – die glasfaserlose Diaspora nahe der polnischen Grenze gilt schließlich als bevölkerungsärmste…

Wie auch immer die Antwort lautet: Es war klar, dass die Öffentlich-Rechtlichen auf Grundlage der Studie fix eine Ausweitung ihrer Netzaktivitäten ankündigten, was die Privaten reflexhaft zur Forderung nach dem genauen Gegenteil zwang. Dazu passt, dass der Spiegel vorigen Montag mal wieder die Meinungsleiche aus dem Kampagnenkeller zerrte, der gebührenfinanzierte Rundfunk sei eigentlich ein Staatsfunk, weil er den Mächtigen nach dem Mund rede und überhaupt mimimi… Das erinnert in seiner Larmoyanz an den schwarzen Rotfunk-Vorwurf Richtung WDR, was allerdings in eine Zeit fiel, als die Mauer zwischen Ost und West aus Beton waren, nicht aus Verachtung.

Da die Reaktion der betroffenen Sender darauf allerdings auch wieder eher klein- als großmütig war, hocken alle Beteiligten dieser ewigen Debatte wieder in den Schmollecken ihrer Befindlichkeiten und warten auf die ordnende Hand von irgendwo, die es vor 50 Jahren vielleicht noch gab, als Aktenzeichen XY ungelöst erstmals schwarzweiß vom Röhrenapparat flimmerte und zumindest der politische Humor im Fernsehen noch witziger war als der heillos überforderte Sven Ratzke, der Dienstag im Ersten die verwaiste Late-Night hierzulande wiederbeleben sollte und daran so krachend scheiterte, dass einem das Lachen erstmal vergangen ist.

Die Frischwoche

16. – 22. Oktober

Aber vielleicht sind das ja gute Voraussetzungen für Hans-Christian Schmids allerersten Ausflug vom Kino ins Fernsehen. Sein Vierteiler Das Verschwinden um eine Mutter, die ihre vermisste Tochter im Crystal-Meth-Sumpf des bayerisch-tschechischen Grenzgebiets sucht, ist ab Sonntag um 21.45 Uhr so deprimierend und dramatisch, bei aller Tristesse provinzieller Abgründe aber auch derart brillant, dass man ungeachtet der bizarren Programmierung (die Teile 2-4 laufen erst fünf Tage später) unmöglich los kommt von dieser schwarzen Perle des linearen Programms. Seit Im Angesicht des Verbrechens hat schließlich kein TV-Format auch nur annähernd diese Sogwirkung entfaltet – was unter anderem an der herausragenden Julia Jentsch zwischen Trotz und Hoffnung liegt.

Mit der sollte sich Anja Kling in einer ähnlich verzweifelten Mutterrolle am Montag im ZDF also besser nicht messen. Dennoch ist die Verfilmung von Dirk Kurbjuweits Bestseller Angst absolut empfehlenswert. Es geht darin um einen Stalker (Udo Samel) im eigenen Haus, der Klings Fernsehfamilie bis zum äußersten nachstellt. Das ist trotz und wegen Heino Ferch als gewohnt stoischer Vater mit permanentem Rotweinschwenker zur Hand absolut sehenswert und mit einem wirklich überraschenden Ende versehen.

Dieses Gütesiegel verdient auch The Meyerowitz Stories, eine Familiensaga, deren furioser Wort- und Spielwitz eigentlich ins Kino gehört, wäre er nicht von Netflix. Die sanft mäandernde Erzählung vom alternden Künstler Harold Meyerowitz, der den verblassenden Ruhm im dauernden Disput mit seiner Verwandtschaft zu kompensieren  versucht, ist nicht nur wegen Dustin Hoffman und Emma Thompson als Ehepaar so ansehnlich. Großartig ist vor allem die ereignislose Bedächtigeit, mit der Regisseur Noah Baumbach schon Frances Ha versehen hat. Von dieser Nonchalance kann sich dann selbst ein gelungener ARD-Mittwochsfilm wie Ich war eine glückliche Frau was abschneiden, Martin Enlens feines Psychogramm zweier Nachbarn (Petra Schmidt-Schaller, Rainer Bock) im Sog einer unaufgeräumten Vergangenheit.

Parallel dazu füllt der SWR seine Primetime mit der Erinnerung an den deutschen Herbst, der vor genau 40 Jahren mit der Entführung der Landshut in sein blutiges Finale gesteuert ist. Ab 20.15 Uhr gibt es dazu erst drei faktenreiche Dokumentationen, bevor um Mitternacht Roland Suso Richters aufregendes Dokudrama Mogadischu mit Thomas Kretschmann als Pilot läuft. Das ist mit kleinem Hinweis darauf, dass Pro7 den kleinen Hype ums britische Pubsport-Ereignis Darts am Samstag mit einer vierstündigen Übertragung der German Masters ab 20.15 Uhr auszuschlachten versucht, bereits der Einstieg in die Wiederholungen der Woche.

Angefangen mit Tommy Lee Jones als Jäger des zu Unrecht verurteilten Harrison Ford Auf der Flucht von 1993 (Montag, 20.15 Uhr, Kabel1), fortgesetzt am gleichen Abend von 1984 (21.55 Uhr) auf Arte mit dem kürzlich gestorbenen John Hurt als Opfer von Orwells berühmter Gedankenpolizei. In Schwarzweiß gibt es ebenfalls zwei Tipps: Das Narrenschiff (Montag, 23.05 Uhr, MDR) von 1965 mit Vivien Leigh und Lee Marvin auf Kreuzfahrt nach Deutschland am Vorabend der nationalsozialistischen Machtergreifung. Heiterer geht es da auf einem völlig anderen Schiff zu: Raumpatrouille Orion in einer remasterten Kinoversion von 2003 (Sonntag, 20.15 Uhr, Tele5). Und Horst Schimanski kriegt es im Tatort: Kinderlieb am Dienstag um 22.10 Uhr im WDR von 1991 mit einem richtig widerlichen Vergewaltigungsfall zu tun.


Meute, Témé Tan, The Barr Brothers, Gloria

Meute

Die Zeiten, wo massenpopulärer Pop die Elemente Gesang, Bass, Gitarre enthalten musste, sind ebenso unwiderruflich vorbei wie jene, in denen sich die letzte große Musik-Innovation den Gebrauch gerade dieser drei Bestandteile aufs Strengste verboten hat. Rock jeder Art zum Beispiel darf heute ganz ohne Saiten inszeniert werden und Techno mit ganz, ganz vielen. Die quietschbunte Grauzone dieser Grenzverschiebung ist seit zwei Jahren viral im Netz und bei mittlerweile 150 Guerilla-Gigs auch vielfach live zu bestaunen. Nun gibt es endlich die Platte: Meute feiern ihr Debüt. Und wie gewohnt zelebriert sie dabei einen Sound, der zwar unfassbar glaubhaft nach einem sehr virtuosen Elektro-DJ klingt, aber voll und ganz analog ist.

Marching Techno heißt das mitreißende Konzept des elfköpfigen Orchesters aus St. Pauli. Unter der Leitung des Bläsers Thomas Burhorn transponiert es das Prinzip Spielmannszug sprichwörtlich mit Pauken und Trompeten so fantastisch auf den Dancefloor, dass jede(r), wirklich jede(r) schon beim allerersten Takt mit muss. Die Brass-Selection liefert das melodische Grundraunen, zwei Drummer sorgen fürs repetitive Stakkato, ein Vibrafon garniert das Ganze wie im fabelhaften Âme-Cover Rej mit virilen kleinen Klangkaskaden, alles zusammen wird spielerisch leicht, aber technoid präzise zum Wundervollsten, was seit der Geburt des HipHop die Gräben von Musik und Entertainement übersprungen hat. Das Album des Jahres – im Herbst geliefert. Danke, Meute!

Meute – Tumult (finetunes)

Témé Tan

Mit Exotik muss man im Pop nicht erst vorsichtig sein, seit der seltsame Begriff “Weltmusik” endlich im Abseits folkloristischer Musik entsorgte wurde. Was irgendwie ethnisch klingt, also für weiter entfernt aufgewachsene Ohren nach Urlaub oder so, war ja im besten Fall nicht selten die Ausschlachtung handelsüblicher Klischees, im schlechtesten der blanke Rassismus. Zum Glück hat Témé Tan einen musikalischen Hintergrund, der Vorurteilen durch polyglotte Prägung vorbeugt. Geboren im kongolesischen Kinshasa wuchs er überwiegend in Brüssel auf, wo der damals 18-Jährige ein Konzert der Beastie Boys zum Impuls einer Karriere als Musiker erklärte. Das Ergebnis hören wir heute auf seinem schlichtweg hinreißenden Debütalbum.

Nach sich selbst benannt, bündelt Témé Tan darauf elektronische Beats mit minimalistischen Grooves zu Melodieclustern, die zwar ganz fantastisch nach seiner afrikanischen Heimat klingen, aber schon wegen des französischen Gesangs unglaublich global und dabei zutiefst tanzbar. Schließlich ließ er sich für die zwölf vielschichtigen Stücke der Legende nach durch Reisen nach Brasilien, Japan oder Guinea und Kollegen wie Jai Paul, MC Solaar und zweifelsohne vom belgischen Tausendsassa Stromae inspirieren. Und genauso klingt Témé Tan dann auch: Alles für alle in einem von überhall her mit viel Herzblut und Rhythmus und Spielfreude. Ein fantastisches Debüt.

Témé Tan – Témé Tan (PIAS)

The Barr Brothers

Simon & Garfunkel hatten ihre Zeit. Und es war eine, in der die Welt schier durchgedreht ist. Wir schreiben die späten Sechzigerjahre. Heiße, Kalte, Bürger-, Banden-Kriege erschüttern die Welt, Akademiker revoltieren, Reaktionäre reagieren, der Globus steht am Abgrund, als das amerikanische Folk-Duo mit Engelszungen im Doppelgesang gegen den Irrsinn allerorten anhaucht. So gesehen wäre die Zeit durchaus reif für ein neues Simon & Garfunkel, auch wenn es im populistischen Aberwitz unserer Tage natürlich ein bisschen anders klingen müsste. Vielschichtiger, verschrobener, kakophonischer, also ein bisschen wie The Barr Brothers aus Montreal.

Unter Familiennamen fleht das amerikanische Brüderpaar Brad und Andrew, die beide nahezu alles spielen, fast so lieblich nach dem Guten, Schönen, Klugen wie einst Paul & Art. Begleitet von der kanadischen Multi-Instrumentalistin Sarah Page wirkt ihr neues Album allerdings stets leicht neben der arglos folkigen Americana-Spur des Hippie-Zeitalters. Stücke wie der betörende Opener Defibrillation (feat. Lucius) oder das trompetenunterfütterte Dream That I Head verharren nie im Harmoniegeplänkel, sondern legen hochinteressante Disharmonien unters filigrane Gitarrenpicking und garnieren es schon mal mit Mundharmonikasequenzen wie Metal-Soli. Das macht Queens of the Breakers zu einer der schönsten Überraschungen im Folkpop seit langem.

The Barr Brothers – Queens of the Breakers (Secret City Records)

Hype der Woche

Gloria

Wenn Schauspieler Musik machen, klingt das meist fürchterlich. Ochsenknecht, Schilling, Prahl, zuletzt der bemitleidenswert reflexionsbefreite Matthias Schweighöfer – betriebswirtschaftlich nachvollziehbar, aber künstlerisch arm unterm Fernsehstar-Label vermarktet, zeigen die TV-Nasen allzu oft mehr Gespür für den Kontostand als musikalischen Eigensinn. Eine der seltenen Ausnahmen trägt einen Namen, den man an dieser Stelle eher nicht erwartet hätte: Klaas Heufer-Umlauf. An der Seite des Wir-sind-Helden-Gitarristen Mark Tavassol kreiert der Pro7-Sadomasochist vom Dienst einen Indiepop, der auch ohne den Klang seiner Eigenmarke ganz fabelhaft funktioniert. Auch deshalb heißt die Band nicht irgendwas mit KHU, sondern Gloria. Heute erscheint ihr drittes Album namens DA (Grönland), und wie auf den beiden zuvor paart das Duo ausgefuchsten Alternative-Sound mit der klugen Deutschpoppoesie des singenden TV-Berserkers zur aktuell angenehmsten Erscheinung des Genres hierzulande.

 


Wanda: Manuel Christoph Poppe

Liebe, Leben und Tod

Wanda, das klang schon auf dem umjubelten Debütalbum Amore, als würde Udo Jürgens in einer Wiener Spelunke besoffen das Leben feiern. Auch auf ihrer dritten Platte Niente kommt der Rotz, das Gefühl, die Bierseligkeit eher aus dem Bauch als dem Gehirn. Verantwortlich dafür ist vor allem Marco Wanda (Foto: Pistenwolf. Manuel Christoph Poppe ist daher wie die restlichen drei Mitglieder vor allem für die Umsetzung von Marco Wandas Arrangements und Texten zuständig. Eine ideale Rollenverteilung, meint der Gitarrist und erzählt auch ein bisschen was über den erstaunlichen Erfolg der österreichischen Popszene in Deutschland.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Manuel, auch bei eurer dritten Platte hat man wieder das Gefühl, Wanda macht Musik für den Moment als gäb’s kein Morgen.

Manuel Christoph Poppe: Also es ist schon mal sehr, sehr schön, wenn du das mit dem Moment aus unserer Musik heraushörst, denn er ist das Wertvollste was wir darin haben. Aber natürlich hoffen und wünschen wir uns in diesen Momenten stets, dass es den Morgen danach trotzdem noch gibt.

Umso mehr wirkt eure Musik wie das, was man gemeinhin Eskapismus nennt. Versteht man eure Lieder als kleine Fluchten aus der schwierigen Wirklichkeit falsch?

Ein bisschen. Unsere Lieder sind vielfach Angebote an andere, über schlechte Phasen in ihrem Leben hinwegzukommen oder es selbst dann zu genießen, wenn es mal nicht so läuft. Aber es stimmt schon politische Parolen oder Wahlempfehlungen findet man in unseren Liedern nicht.

Und aus welchem Grund?

Weil Liebe, Leben und Tod die wesentlichen Themen des Alltags sind, das reicht uns völlig als Handlungsspielraum.

Sind in den Liedern über die Liebe und das Leben dann verborgene Metaebenen und Metaphern enthalten, die die Welt da draußen am Ende doch im Ganzen kommentieren?

Auf jeden Fall. Das Geheimnis ist, den Song so zu gestalten, dass man beim Hören glaubt, er sei für mich geschrieben und handelt gewissermaßen von mir. Das wäre optimal, muss aber nicht sein. Man kann sich bei Wanda auch ganz ohne tieferen Sinn am Klang der Wörter und Noten erfreuen. Wir machen nur Vorschläge.

Sind eure Songs dennoch persönliche Geschichten, die mit euch selbst zu tun haben, oder abstrakte Erzählungen von allem und jedem?

Natürlich fließt in jeden Song etwas Persönliches ein, aber wir liefern jetzt kein Dylaneskes Story-Telling der eigenen Erlebniswelt. Marco ist das, wovon er singt, in der Regel nicht selbst widerfahren. Das Wesentliche an seinen Texten ist eher, ein kollektives Unterbewusstsein zu erwischen. Wir versuchen aus allem, was man so aufschnappt, die Essenz der Gefühle darin zu extrahieren und daraus Geschichten zu machen.

Was hat sich diesbezüglich am Inhalt und dem Sound drum herum seit eurem Debüt Amore verändert?

Die Arrangements sind nicht mehr so rotzig wie damals, also ein bisschen feiner. Es gab da aber keinen Plan, geschweige denn ein schlüssiges Konzept. Unser Prozess ist nach wie vor sehr organisch. Wenn Marco mit der Akustikgitarre kommt und seine Songs vorspielt, hat sich bei allen drei Alben der Rest von alleine ergeben. Der Song weiß schon, was er will; wir müssen da nicht bewusst noch ein paar Streicher oder so beifügen. Und Marco kommt auch nie mit bloßen Songfetzen, sondern fertigen Strukturen – Strophe, Refrain, Melodie, Abläufe. Wir setzen das dann nur noch um.

Fühlt ihr vier anderen euch dann dennoch als gleichberechtigte Mitarbeiter oder doch eher Dienstleister?

Wir sind absolut gleichberechtigt. Es ist ja nicht so, dass Schlagzeug, Gitarre, Bass, Keyboard gern mehr beitragen würden, aber nicht dürfen. Wir sind im Gegenteil froh, einen Songwriter wie Marco zu haben. Die Rollenverteilung ist für uns ideal. Mir reicht die Gitarre völlig aus; da muss ich nicht noch mit ihm die Akkordstruktur diskutieren.

Warum ist das Ergebnis dieses Prozesses auch außerhalb von Österreich so erfolgreich, vor allem in Deutschland?

Wenn man danach sucht, würde man gewiss gute Gründe für den aktuellen Österreich-Hype in Deutschland finden, aber wir wollen da gar nicht so analytisch rangehen.

Und falls doch, ausnahmsweise?

Spielt das transportierte Gefühl aus meiner Sicht die größere Rolle als der Wiener Dialekt mit seinem vermeintlichen Charme.

Der Erfolg deines Landsmanns Voodoo Jürgens könnte also daran liegen, dass sich die notorisch verkopften Deutschen nach dieser völlig unverstellten Bauchigkeit sehnen?

Ich glaube schon. Voodoo Jürgens ist sehr erzählerisch, Nino aus Wien eher prosaisch, Bilderbuch eher spielerisch – so bringt jeder sein Gemüt auf sehr individuelle Art so zum Ausdruck, dass man dem glaubt und zuhören will. Wir machen einfach gute Texte.

Sorgt das bereits für die Existenz einer Art Wiener Popkultur, in der alle miteinander rumhängen wie einst die Hamburger Schule?

Teils schon. Von loser Bekanntschaft bis echter Freundschaft ist alles dabei. Nino aus Wien zum Beispiel ist definitiv ein guter Freund von mir, Voodoo Jürgens kennen wir auch schon seit zehn Jahren, der Ansa Sauermann ist auch ein ganz Lieber, mit dem wir uns gut verstehen. Es gibt schon wertvolle Begegnungen, aber wir sind jetzt nicht als geschlossene Szene aktiv.

Wie weit reicht eure Resonanz – über den deutschsprachigen Raum hinaus?

A bissl. Wir haben mal in Luxemburg gespielt und es gibt immer mal wieder Berichte von Bekannten, die jemanden in London oder so kennen, aber das ist extrem vereinzelt. Aber vielleicht ergibt sich ja was in Italien, größere Ambitionen haben wir nicht.

Eines eurer Bandmitglieder ist gerade erkrankt. Sorgt so etwas dafür, nach drei Jahren Vollgas mal einen Gang zurückzuschalten?

Das würde voraussetzen, an der Sache mit dem Vollgas wäre was dran. Im letzten halben Jahr nämlich war es bei uns ziemlich ruhig, das Album haben wir eigentlich in zwei Wochen eingespielt, es gab eine Tour im März und relativ wenig im Festivalsommer. Es war eher zu wenig zu tun, was bis zur Tour im Frühjahr kaum anders werden dürfte. Bisschen gefährlich.

Inwiefern?

Ach, wenn man Zeit hat und etwas Geld auf der Kante, wird es in einem Beruf, für den man ohnehin nicht ständig früh aufstehen muss, rasch etwas strukturlos. Ich hatte zum Beispiel vor, mehr Sport zu machen, mich besser zu ernähren, mal mit einem Therapeuten über Dinge zu plaudern – hat alles nicht funktioniert, keine Chance. Meine sportlichen Ambitionen sind über die Bettkante nicht hinausgekommen, aus der Ernährung wurden Alibi-Smoothies in der Früh und aus dem Therapeuten eine Putzfrau, immerhin.

Das Interview ist vorab erschienen beim MusikBlog

Insecure: Issa Rae & black feminism

Doppeldiskriminierungshumor

Auch in der zweiten Staffel der hinreißend komischen HBO-Serie Insecure zeigt deren ebenso fantastische Show-Runnerin Issa Rae seit ein paar Tagen auf Sky, wie man sich mit viel Humor und großer Wahrhaftigkeit aus der Zwickmühle befreit, in Fernsehen und der Realität eine schwarze Frau, aber nicht heiß und devot zu sein.

Von Jan Freitag

Issa Rae dürfte es im Grunde gar nicht geben, zumindest nicht am Bildschirm, wo der Mainstream genannte Hauptstrom des berechenbaren Massengeschmacks die Fließrichtung dirigiert. Jo-Issa Rae Diop, wie die sie vor 32 Jahren in Los Angeles getauft wurde, ist nämlich eher derbe als lieblich, geschweige denn hiphopvideosexy. Sie ist zudem: wenig modebewusst, schwer zu handhaben, ziemlich burschikos, und sie ist dunkelhäutig, vulgo schwarz. Zusammengenommen bildet all das eine Kombination, die man im Fernsehen allenfalls auf den Nebenschauplätzen ulkiger Sitcoms mal trifft, aber praktisch nie an vorderster Front des Leitmediums, ob linear oder gestreamt.

Andererseits: Issa Rae gibt es genau dort sehr deutlich. Und zwar derart zum Niederknien, dass man ihr noch ein paar Tausend ähnlicher Hauptrollen wünscht wie die in der HBO-Serie Insecure. Es ist die Geschichte der akademisch gebildeten, aber beruflich unterforderten Volkshochschullehrerin Issa, die nicht ohne Grund so heißt wie ihre Darstellerin, Erfinderin, Autorin, Produzentin, Regisseurin. Ohne als explizit autobiografisch präsentiert zu werden, machte sich Issa Rae vor einem Jahr zum TV-Abbild ihrer selbst und kreierte damit einen Typus Fernsehfigur, den es bis dahin eigentlich nur einmal gab: Von, über und mit Issa Rae als Awkward Black Girl in der gleichnamigen YouTube-Serie, auf die Insecure lose aufbaut .

Übersetzbar mit „verunsichert“, aber auch „ohne Absicherung“ porträtiert die Fortsetzung ab heute (9. Oktober) bei Sky wieder zwei kalifornische Frauen am Rande der 30, von denen die eine (Issa Rae) in langjähriger Beziehung (Jay Ellis) nach der alltäglichen Erfüllung sucht und die andere (Yvonne Orji) als erfolgreiche Anwältin nach der emotionalen. In den ersten acht Folgen sorgte das Ende 2016 für ein hinreißend komisches, zugleich jedoch äußerst tiefgründiges Stück feministischer Emanzipation vor afroamerikanischem Hintergrund. Aber auch jetzt schaffen es Issa und Molly, fast alle Klischees schwarzer Lebensentwürfe im weißen Mehrheitsamerika gleichsam aufzutischen und abzuräumen.

Von der viel zitierten Körperlichkeit dunkelhäutiger Menschen über ihren Opferstatus im american way of life bis hin zum vermeintlichen Rhythmus im Blut, das bei Issas lausigen Rap-Versuchen vorm Badezimmerspiegel gerinnt – unter der tatkräftigen Mithilfe des versierten Fernsehautors Larry Wilmore (The Office) wird praktisch jedes Vorurteil lustvoll inszeniert, um sodann auf ebenso kluge wie unterhaltsame Art und Weise untergraben zu werden. Schließlich haben Issa und Molly stets alle Fäden in der Hand – gerade wenn erstere in der zweiten Staffel wieder solo ist und dank ihrer ewigen College-Freundin den Markt sondiert.

Denn dabei geht es keineswegs immer nur um Romanzenaspekte wie „Mr. Perfect“ und was frau dafür anstellen sollte, ihm zu genügen. Verhandelt wird grundsätzlich auch die Rolle der doppelten Diskriminierung als weiblich und nicht-weiß. Was die beiden Hauptdarstellerinnen allerdings mit einer so grandiosen Schnodderigkeit tun, dass von Larmoyanz keine Spur ist. So viel subtile Befreiungsprosa gab es – zumal im Comedyfach – bislang selten. Und aus diesem Bewusstsein heraus wird dann besonders Issa Rae das, was ihr im Grunde gar nicht so wichtig ist: ungemein sexy. Es ist allerdings eine Erotik von innen, aus Lebensfreude und Intelligenz, Spontanität und Selbstachtung. Viel Glück dabei, Issa! Mögest du noch viele Rollen wie diese schreiben, drehen, spielen.


Late-Nite-Tränen & Babylon Berlin

Die Gebrauchtwoche

2. – 8. Oktober

Wer glaubt, journalistische Unabhängigkeit funktioniere nur frei von echter Empathie, kennt den Modertor Jimmy Kimmel schlecht. Kurz nach dem nächsten furchtbaren, aber höchstwahrscheinlich folgenlosen Amoklauf mit einem legal erworbenen Massenvernichtungswaffenarsenal in den massenvernichtungswaffenarsenalsüchtigen USA, hat der Late-Nite-Talker zutiefst betroffen gegen diesen Irrsinn Stellung bezogen. Mit tränenerstickter Stimme stellte er die Apologeten schrankenfreier Selbstverteidigung vor laufender Kamera an den Pranger und zeigte Fotos jener Senatoren, die jüngst gegen Kaufbeschränkungen frei erhältlicher Waffen für psychisch Kranke gestimmt haben. Immer wieder fragt Kimmel sichtlich berührt, wieso Dummheit über den Verstand siege könne.

Das war nicht besonders objektiv, es war im Gegenteil sogar recht tendenziös. Aber es war auch deshalb so wirkmächtig, weil Jimmy Kimmel ausnahmsweise kein Linksliberaler ist wie so viele seiner Kollegen jenseits des rechten Hetzkanals Fox. Sondern ein Mann der Mitte, im Rust- und Bibelbelt fast ebenso beliebt wie an Ost- oder Westküste. Hoffen wir, dass er überall gehört wurde. Verlassen sollte man sich darauf nicht. Nicht in Zeiten wie unseren, die sich von Brennpunkt zu Brennpunkt zur nächsten Horrormeldung aus dem Schreckenskabinett drastischer Einzelereignisse hangelt, scheinbar zügig auf dem Weg in jene Epoche, der in dieser Woche endlich angemessen gehuldigt wird – und nein, damit sind nicht die frühen Neunziger gemeint, als RTL mit Formaten wie Der Preis ist heiß, das ab heute um 17.45 Uhr (direkt vor den Neuauflagen von Familien-Duell, Ruck-Zuck und Glücksrad) wiederbelebt wird, das Unterhaltungsfernsehen, nun ja, neu definierte.

Die Frischwoche

9. – 15. Oktober

Es geht um Babylon Berlin, das Filmporträt jener funkensprühenden Jahre unmittelbar vorm dunkelsten Kapitel der an dunklen Kapiteln ja keinesfalls armen deutschen Geschichte. Am Freitag ist es soweit, dann geht Tom Tykwers Serie, mit knapp 40 Millionen Euro für 16 Folgen à 45 Minuten die bislang teuerste aus hiesiger Produktion, bei Sky auf Sendung, bevor sie Ende kommenden Jahres auch im Ersten zu sehen sein wird. Und nach allem, was von der ersten linear-privaten Koproduktion dieser Art bislang zu sehen war, wird es exakt jenes grandiose Ereignis, das dem Publikum über Jahre angekündigt wurde: Deutsches Fernsehen auf Weltniveau.

Verrückt.

Da kann der ZDF-Zweiteiler Tod im Internat trotz Starbesetzung von Nadja Uhl bis Joachim Król nicht mithalten. Der Politthriller im Schulschlossambiente will am Montag und Mittwoch zur besten Sendezeit einfach nur das, was erfolgversprechend ist: Sozialkritik mit Emotionen zu solider Krimiunterhaltung verkleben. Das wäre völlig okay, wenn das wirklich ambitionierte Roadmovie Detour mit der wundervollen Luise Heyer als Mutter bei der abenteuerlichen Rettung ihrer Beziehung heute nicht erst kurz nach Mitternacht im Zweiten liefe. Oder wenn es wie vorm dualen System mal wieder den Mut gäbe, etwas wie die NDR-Kurzfilmnacht nicht parallel kurz vor Mitternacht bis 3.05 Uhr laufen zu lassen.

Oder drei Tage später die zehn Beiträge der Filmhochschule Babelsberg zum Experiment HEIMAT.Film zur Geisterstunde im Hessischen Rundfunk. Oder. Oder. Oder. Bisschen wagemutig wird es anderswo. Auf Arte zum Beispiel, wo die belgische Seriengroteske Sylvia’s Cats ab Dienstag um 21.45 Uhr zehnmal von einer Frau erzählt, die ihrer desolaten Ehe ausgerechnet in ein Bordell entkommt, wo sie zur Puffmutter aufsteigt, während zugleich ein uralter Mord aufgeklärt wird. Skurril wird es auch, wenn der tristeste Komiker im Land – Nico Semsrott – am Samstag um 20.15 Uhr auf 3sat sein Soloprogramm Freude ist nur ein Mangel an Information zum Besten geben darf. Und die absurde Superheldenpersiflage The Tick um eine unverwundbare, idealistische, wohlmeinende, aber leider etwas selbstverliebte Zecke im Kampf mit dem Bösen startet am Freitag bei Amazon Prime, eine Art Superschurke der Konsumgesellschaft.

Da fällt der Übergang zur farbigen Wiederholung der Woche nicht schwer. Es ist die Sage vom Urzeitfantasysuper-, hüstel: Helden Conan, der Barbar (Donnerstag, 20.15 Uhr, Tele5), der 1984 einen gewissen Arnold Schwarzenegger ins Rampenlicht katapultierte. Ein Fokus, dem sich Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Uwe Barschel 1987 durch Suizd in der Badewanne entzogen hat – glaubt man zumindest der offiziellen Version. In Kilian Riedhofs halbrealer Fiktion Der Fall Barschel (Dienstag, 20.15 Uhr, 3sat, mit anschließender Dokumentation) hingegen versuchen zwei Journalisten zum 30. Todestag auf Biegen und Brechen ein Komplott zu enthüllen, was 2016 zum Besten zählte, was das Fernsehjahr hervorgebracht hat. Die schwarzweiße Wiederholung widmet sich einer anderen Berühmtheit: Mata Hari, 1964 verkörpert durch die unvergleichliche Jeanne Moreau (Montag, 22.15 Uhr, Arte). Und abschließend noch zum Alt-Tatort – diesmal Nr. 244 von 1991: Der Schimanski-Fall Bis zum Hals im Dreck, am Dienstag um 23.40 Uhr im WDR.