Nicholas Ofczarek: Berserker & Hausmann

Kein Absturz nach Feierabend…

… sorry. In der sensationell abgründigen Sky-Serie Der Pass spielt Nicholas Ofczarek (Foto: Sky) derzeit wie so oft einen Berserker mit Grandezza und Drogenproblem. Dabei ist der Wiener Burgschauspieler privat das Gegenteil seiner exaltierten Filmfiguren. Ein Gespräch übers deutsch-österreichische Pendent der skandinavischen Serie Die Brücke, was sein zerrütteter Kommissar Winter mit ihm zu tun hat und wie eine Jugend im Umfeld der Oper prägt.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Ofczarek, Kritiker neigen ebenso wie Journalisten dazu, Künstler nach ihrem Werk zu beurteilen.

Nicholas Ofczarek: Na nach was denn sonst, wenn man die Privatperson nicht kennt?!

Holt sich die Privatperson Ofczarek nach der Arbeit also auch erstmals Wodka aus dem Eisfach und lässt sich danach in einer verrauchten Kneipe am Tresen volllaufen?

Was glauben Sie?

Ich könnte es mir bei keinem Schauspieler eher vorstellen, dass sich seine Persönlichkeit so mit den Rollen deckt…

Toll! Denn ich führe ein ganz bürgerliches Leben, arbeite wahnsinnig viel, bin gerne daheim, also überhaupt kein großer Feierer und brauche daher auch nicht dauernd Menschen um mich herum. Nicht weil ich keine mögen würde, aber mir wird vieles schnell zu viel. Also kein Absturz nach Feierabend, sorry.

Wo holen Sie dann die Exzesse ihrer Braunschlag-Fieslinge und Bösen Friedrichs her?

Imagination und Handwerk. Man muss das Spielerische nicht leben, um es aus sich selbst zu schöpfen. Dafür reicht es, offen in die Welt zu schauen. Davon abgesehen, weiß ich natürlich, wie es ist, besoffen zu sein, hab aber nie Drogen genommen; nicht aus moralischer Überzeugung, sondern weil es dazu nie kam. Ich bin ein empathischer Mensch, der versucht, mit all seinen Mitmenschen auf Augenhöhe zu kommunizieren. Umso interessanter ist es, einen narzisstischen Psychopathen wie den Friedrich im Tatort zu spielen oder jetzt den bitteren Gedeon Winter in Der Pass.

Suchen Schauspieler gezielt nach Seiten des Menschlichen, die ihnen fremd sind sind?

Durchaus. Und falls die Charaktere gut geschrieben sind, substituieren sie diese anderen Seiten manchmal sogar. Drehbücher sind ja auch nur materialisierte, in Sprache gebündelte Gedanken des Autors, die wir als Schauspieler im Idealfall zum Blühen bringen – sei’s am Theater oder im Film. Trotzdem sind es beinahe verschiedene Berufe, denn im Film darf man keinesfalls für die Leute spielen, die gerade mit im Raum sind, im Theater für niemanden sonst.

Ihre Eltern kommen gewissermaßen aus der Steigerung des Theaters – der Oper. Haben Sie ihre exaltierte Art zu spielen womöglich daher?

Genau genommen kamen die sogar von der leichten Operette – Lustige Witwe und Wiener Blut. Das ist nochmals eine völlig andere Welt, in der es fast nur schön ist. In diesem Umfeld aufzuwachsen, hatte seinen Reiz und mich sicher beeinflusst, aber wenn deine Eltern morgens um zwei in der Küche verzweifelt nach Tönen suchen, kannst du das nie ganz ernst nehmen. Außerdem bin ich nicht sonderlich musikalisch.

Dafür singen Sie in Der Pass aber ganz passabel…

Ja, in der Kneipe.

Und Sie haben auch schon mal eine Platte aufgenommen.

Na ja, schon, aber nein… Als ich mal den Kinofilm Am Ende des Tages gedreht habe, wollte der Regisseur als Titelmusik einen österreichischen Hit der Achtzigerjahre, Wunderwelt, und den haben wir Schauspieler noch mal aufgenommen. Das war eher Promotion als Überzeugung. Einmal hab ich an der Wiener Volksoper im Weißen Rössl mitgewirkt, aber mehr als die Lust an der Darstellung, wenngleich realerer Figuren, habe ich von meinen Eltern nicht mitgekriegt.

Gibt es in der österreichischen Polizei demnach zynische Eigenbrötler wie Gedeon Winter in Der Pass oder ist er eine Abstraktion?

Er ist zwar eine Fiktion, aber eigentlich gibt es doch eh alles, und falls es ihn vorher nicht gab, existiert er eben ab jetzt und wird somit Realität. Ich habe halt immer Lust darauf, Dinge ein wenig anzuschärfen. Daher die Gegenfrage: Ist es wichtig, dass es ihn gibt?

Ja, denn die Frage stellt sich besonders dann, wenn das Umfeld dieses fiktiven Charakters so realistisch inszeniert wird wie in Der Pass.

Der Reiz der Serie liegt doch generell in der Mischung aus Märchen und Wahrhaftigkeit. Alles darin ist möglich, selbst die mystische Darstellung der Natur, ihre Unerbittlichkeit voller Wölfe und Raben. Was am Winter allerdings definitiv real ist, sind seine engen Kontakte ins Rotlicht-Milieu. Das werden Sie aus Hamburg gewiss ebenso kennen wie wir in Wien.

Und sei es, um durch kleine Deals die großen Exzesse zu vermeiden.

Ganz genau. Man liebt sich, man schlägt sich. Genauso wie Ärzte im Krankenhaus haben halt auch Polizisten schwerste Probleme mit Drogen, weil beide dazu Zugang und permanent mit dem Grauen zu tun haben. Winters Exzesse sind daher absolut denkbar. Dass er sich entsprechend kleidet, mag zu exaltiert wirken, aber Entschuldigung: Sie sehen mit diesem Truckerbart auch nicht aus wie ein Journalist; wenn ich Sie mit dem Outfit spielen würde, man würde mir dieselben Fragen stellen wie Sie mir. Aber genau das macht die Sache ja spannend.

Zumal im Kontrast zu Julias Jentsch als Winters ehrgeiziger Kollegin.

Die bei aller Naivität noch wirklich was bewirken will. Dass beide sich im Verlaufe des Falls mit- und aneinander verändern, unterscheidet ihn am Ende von gewöhnlicher Fernsehunterhaltung.

Und erinnert ein wenig an die Piefke-Saga der Achtziger, in der sich die Protagonisten ähnlich skurril an deutsch-österreichischen Klischees abarbeiten.

Das stimmt, aber es steht und stand nicht im Vordergrund, dass der Wiener eher lässig ist und die Deutsche eher sittenstreng. Es geht eher um das Gegenüber von Visionen und Desillusionierung. Meine Figur entsprechend zu kleiden, in diesem alten Puff-Mantel mit Pelzbesatz – das war Gegenstand großer Diskussionen.

Die Sie mitführen?

Es war der Vorschlag des Wiener Kostümbildners, der der Regie too much war, worauf ich gesagt habe, wenn ihr mich fragt, ich finde, das Risiko muss man gehen. Lieber was wagen als den nächsten Parka anziehen.

Kannten Sie das Drehbuch eigentlich vor der Rolle?

Lustigerweise bekam ich vorm Buch ein Treatment mit Fotos, auf denen ich bereits in meiner Rolle zu sehen war. Die dachten wohl früh an mich. Und als ich dann gehört habe, dass Julia Jentsch mitspielt, war ich außer mir vor Freude.

Haben Sie dennoch einen Moment lang gedacht, solche leicht abgerockten Typen schon zu oft gespielt zu haben?

Barbesitzer, Schwerstalkoholiker, Rotlichttypen meinen Sie? Nicht, dass ich die dauernd spielen würde, aber das sind doch – zumal sie so weit von mir weg sind – die interessanteren Figuren. Menschen am Rand spiele ich schon gerne.

Aber ist es nicht noch interessanter, aus einer Beamtenseele Unterhaltung zu holen?

Nein, denn auch der exaltierten Figur muss man eine Seele geben, die nicht nur auf Exaltiertheit beruht. Beamtenseelen gegen den Strich, also mit mir, zu besetzen, sind gewiss größere Wagnisse und wie der klassische Held sehe ich nun mal nicht aus. Aber auch das wird noch passieren, keine Sorge.

Für den Helden fehlt Ihnen womöglich der Waschbrettbauch.

Aber wer bitte schön hat den denn? Waschbrettbäuche sind harte Arbeit. Dafür brauchst du Zeit und Disziplin. Für beides bin ich zu sehr Genussmensch.

Kennen Sie vor der Kamera so etwas wie Schamgefühl?

Na klar, auch ich bin nicht frei von Scham. Und das wurde mir hier wieder bewusst, als ich in der Kneipe lauthals Wolfgang Ambros singen musste. Aber wenn’s der Geschichte dient, also einen Mehrwert hat, moch i ois.

Der Text ist vorab auf DWDL erschienen

Staats- & Bildungsauftrag

Die Gebrauchtwoche

21. – 27. Januar

Als die ARD vorigen Donnerstag parallel zur Verkündung von Florian Silbereisen als neuer Traumschiff-Kapitän wie jedes Jahr um diese Zeit ihr fiktionales Angebot in Hamburg präsentierte, war endgültig klar: Den Kampf ums junge Publikum hat sie aufgegeben. Nicht, dass die Saison frei von Qualität wäre. Auch 2019 bietet das Erste soziokulturell relevante, dabei oft unterhaltsame oder auch nur leichtverdauliche Filme für reife, aber keinesfalls nur vergreiste Zuschauer an. Allein, es fehlt an zwei Zukunftsaspekten: Das Boom-Thema Serie bleibt komplett auf die Zielgruppe 60+ zugeschnitten. Und experimentelle Low- oder Mid-Budget-Projekte für die Generation Y bis Z werden allenfalls mal für Funk produziert, also das genuine Internet.

Wenn aber der Randgruppensport Handball zugleich achtstellige Quoten einfährt, damit das Doppelte des Dschungelcamps und mehr als der Rückrundenstart der Fußballbundesliga, kann man den Verantwortlichen schwer verdenken, weiterhin den Massengeschmack der Stammzuschauer zu bedienen. Das macht die lineare Konkurrenz schließlich nicht anders, sie macht es halt nur ohne Staatsver- oder Bildungsauftrag. Das merkt man dem privaten Programm allerdings oft ebenso an wie den Portalen. Die 8. Staffel der einstigen Sat1-Serie Pastewka zum Beispiel ist auf dem Streaming-Asyl von Amazon Prime abermals so vulgär vollgestopft mit Schleichwerbung, dass Folge 4, die fast vollständig in einem Elektromarkt spielt, nicht mehr ausgestrahlt werden darf.

Der zurückgekehrte Frauensender tm3 von Timo C. Storost zeigt auf der früheren Frequenz von Familiy TV dagegen so viel Content, ohne die Rechte daran zu besitzen, dass sich der Mediendienst DWDL fragt, warum es den Spartenkanal überhaupt noch gibt. Der DWDL-Konkurrent Meedia kriecht derweil dem Springer-Konzern beim Bericht über eine Bild-Veranstaltung in Rostock so tief in den Allerwertesten, dass man die heillos überdrehte Aufmerksamkeit sämtlicher Medien für das Schicksal eines verschütteten Jungen in Spanien fast schon für echte News halten könnte, statt das, was es ist: Pure Emotionalisierung.

Gibt’s denn auch was Positives aus der kommerziellen Welt des Fernsehens zu vermelden? Ja! HBO plant ein Prequel der Sopranos, die vor 20 Jahren nicht weniger als das neue Kino Fernsehserie revolutioniert haben. In der Hauptrolle als psychotischer Mafia-Boss: James Gandolfinis Sohn Michael. Zu sehen wäre das hierzulande dann vermutlich bei Sky.

Die Frischwoche

28. Januar – 3. Februar

Dessen Gegner Netflix präsentiert am kommenden Freitag gleich zwei bemerkenswerte Formate: Dan Gilroys Mystery-Horror-Thriller Die Kunst des toten Mannes, der voriges Jahr mit Jake Gyllenhaal in der Hauptrolle auf dem Sundance-Festival für Furore gesorgt hatte. Und parallel dazu die Dramaserie Russian Doll, eine Art Und täglich grüßt das Murmeltier aus New Yorks schillernder Subkultur, in der ein russisches Model jede Nacht auf derselben Party stirbt, um tags drauf lebendig dort zu landen. Eine Art Küchenmurmeltier ist Tim Mälzer.

Seit er vor 15 Jahren den Fernsehkochboom losgetreten hat, war er immer wieder totgesagt, aber nicht totzukriegen. Heute kehrt er, zumindest hinter den Kulissen, zur Alltagsküche à la Schmeckt nicht, gibt’s nicht zurück und lässt vier Kollegen auf RTLplus werktäglich ab 17 Uhr essen & trinken. Für jeden Tag zubereiten. Wer’s mag… Wer drei Stunden später den ZDF-Beitrag zur Publikumsüberalterung mag, dem ist hingegen echt nicht mehr zu helfen. Der Zweiteiler Bier Royal, eine Art modernisiertes Erbe der Guldenburgs, will unbedingt den zynischen Glamour von Dietls Kir Royal auf eine Münchner Brauereidynastie anno 2019 übertragen, gerät dabei jedoch so platt und öde, dass Dallas vergleichsweise Shakespeare war.

Donnerstag ist übrigens Welt-Jodie-Whittaker-Tag. Die hinreißende Hauptdarstellerin der britischen Krimi-Sensation Broadchurch ist im Arte-Vierteiler Verrate mich nicht als Krankenschwester in falscher Existenz zu sehen und übernimmt parallel dazu als erste Frau den Titelpart der Serien-Legende Doctor Who auf Sky. Da dürften britische Populisten ähnlich laut aufheulen wie deutsche beim Anblick der farbigen Florence Kasumba als neue Tatort-Kollegin von Maria Furtwängler alias Charlotte Lindholm am Sonntag. Apropos Krimi: Kühn hat zu tun ist zwar eher ein Gesellschaftsporträt, aber ganz ohne Kommissar möchte die ARD mit dem tollen Thomas Loibl in der Hauptrolle offenbar selbst am Mittwoch nicht mehr unterhalten. Noch ein kurzer Doku-Tipp für Couch-Potatoes: Vox widmet dem Samstagabend mal wieder ein einziges Thema, diesmal: Planet der Dicken um das Übergewicht der Industrienationen.

Die Wiederholung der Woche reist in eine davon: Italien. Der WDR zeigt heute um 23.20 Uhr die bitterböse Realsatire Il Divo von 2008 über den siebenmaligen Ministerpräsidenten Giulio Andreotti, der insgesamt 33 Regierungen korrumpiert hat und den Vulgärpopulisten von heute somit zur Machtübernahme verhalf. Der Tatort: Im freien Fall spielt kurz zuvor (22 Uhr, RBB) dagegen im kultivierten Milieu der Münchner Kunstszene, wo Leitmayer und Batic 2001 noch mit sehr dunklem Haar ermitteln.


Júníus Meyvant, Special-K, Dendemann

Júníus Meyvant

Guðmundur Kristinn Jónsson, Hljóðriti, Unnar Gísli Sigurmundsson – wer im Kosmos des Northernsouthernsonstwoclassicsoul zuhause ist, der seinen Fetisch rarer Seveninches im weißen Cover pflegt wie Metalheads ihre Kutten, dürfte damit wenig anfangen. Noch! Denn ersterer ist ein isländischer Produzent, der im zweitgenannten Studio für letzteren ein Album aufgenommen hat, das die Nostalgie des Stils mit skandinavischer Verschrobenheit garniert und daher alle Aufmerksamkeit der Platzhirsche verdient. Vor zwei Jahren hatte der orgelsynthetisierte Orchesterpop von Sigurdmundssons Band Júníus Meyvant den Soul noch so aufgeblasen, dass er sein Plattendebüt Floating Harmonies auf maximal gewaltiger Weltbühne uraufführen durfte.

Als die Hamburger Elbphilharmonie noch jung und hip und cool war, flatterte sein kratziges Engelsfalsett durch den großen Saal, dass es die Zuschauer von den Sitzen risse. Auf dem neuen Album Across The Borders (Record Records) nun legt sich der feenhafte Vollbartgesang vom verblüffenden Popkulturstandort Reykjavik zwar nicht mehr über so unglaublich epische Arrangements wie noch 2016. Der eklektisch aufgepoppte Retro-Nu-Funk schafft es aber auch mit etwas weniger Grandezza, selbst Soul-Puristen zu überwältigen. Nicht schlecht für einen Fjordschrat von Westmännerinseln.

Júníus Meyvant – Accross The Boarders (Record Records)

Special-K

Und wo wir uns gerade auf Island befinden. Und wo wir gerade bei flatterhaft durchscheinenden Gesangsstimmen sind. Und wo es hier um zurückhaltenden Pop von autosuggestiver Strahlkraft geht: Neben all den irren, tollen, einzigartig verschrobenen Bands von der präpolaren Insel gibt es jetzt gleich die nächste, besser – ein Soloprojekt, vor dem man nach einer Weile der Gewöhnung instinktiv niederkniet und gar nicht mehr hochkommen will. Es heißt Special-K, und dass der Name ein wenig nach Cornflakes klingt, ist vielleicht ebenso wenig ein Zufall, wie der aktuelle Lebensmittelpunkt Berlin.

Dort nämlich lebt die isländische Künstlerin Katrín Helga Andrésdóttir seit ein paar Monaten, nachdem sie sich daheim bereits im feministischen Rap-Kollektiv Reykjavíkurdætur einen Namen gemacht hatte. Von dort aus hat sie allerdings nicht den HipHop, sondern einen zuckrig süßen, melodramatischen Dreampop mitgebracht, der einzig keyboardbegleitet im Ohr verweht wie entspanntes Atmen und sich dennoch im Gemüt verfängt, als hätte er Widerhaken. Dabei hilft es ungemein, das Special-K ihr Debütalbum I Thought I’d Be More Famous By Now vollumfänglich visualisiert und als Video-Sammlung erstellt hat. Musik zum Fühlen, Gucken, Wirkenlassen.

Special-K – I Thought I’d Be More Famous By Now (Teto Records)

Hype der Woche

Dendemann

Nicht elfenhaft, sondern raubeinig, nicht aus Island, sondern Hamburg, kein Feen-, sondern Sprechgesang – Willkommen zurück im  Plattenbau, hochverehrter Dendemann; was haben wir dich vermisst. Mit seinem ersten Solo-Album seit beun Jahren, das dem besten Titel aller Zeiten von Fettes Brot (Außen Top-Hits, innen Geschmack) ein hinreißendes Vom Vintage verweht vor den Latz geknallt hatte, tritt der nette Daniel Ebel mit da nich für! (Universal) wieder ins Rampenlicht, das er nach dem Abgang aus Jan Böhmermanns Neo Magazin Royale verlassen hatte, und nein – sein Kratzbürstenrap liegt musikalisch betrachtet noch immer nicht im oberen Drittel der Niveauskala. Aber seine Reime, dieses Gefühl für Punchlines, ach, das ganze grandiose Konstrukt: auch ohne Eins, Zwo ist und bleibt Dendemann mit Mitte 40 der Toppoet unter den Poppoeten!


Skadi Loist: Filmvorurteile & Diversität

Wir brauchen einen Kulturwandel

Die renommierte Medienwissenschaftlerin Skadi Loist forscht seit 20 Jahren über Ungleichbehandlung in Film und Fernsehen. An der Film-Universität Babelsberg hat die Gastprofessorin kürzlich nun eine Workshop-Reihe eröffnet, in der sie mit Sendern, Produzenten und Kreativen Stereotype aufdecken und bekämpfen will. Ein Gespräch über vernetzte Männer, riskante Frauen, erfolgreiche Diversität und die rechtspopulistische Reaktion.

Von Jan Freitag

Frau Dr. Loist, beim Pilotprojekt Beyond Stereotypes: Genderbewusstes Erzählen der Film-Uni Babelsberg geht es um neue, diverse Figuren und Narrative – welche sind damit gemeint?

Skadi Loist: Wie der Name des Workshops schon sagt, geht es zunächst darum, Stereotypen jeder Art sichtbar zu machen, ob zum Beispiel weibliche Hauptfiguren in Film und Fernsehen als zickig, emotional, teilzeitbeschäftigt oder mütterlich gezeichnet werden. Erst gestern gab es im Tatort eine, die lesbisch war und wie üblich die Mörderin.

Immerhin mal eine lesbische Figur.

Und immerhin mal nicht die Leiche, wie bei Facebook geschrieben wird. Da beispielsweise Homosexualität in der Fiktion immer noch als etwas Besonderes beschrieben wird, ist unser Hauptziel, Stereotype ausfindig zu machen, die mit der Lebensrealität 2019 nichts mehr zu tun haben.

Bezieht sich der Diversitätsbegriff demnach auf die LGBTQ-Gemeinde nicht heterosexueller Lebensentwürfe?

Nein, das ist nur ein Aspekt unter vielen, die der Komplexität unserer Gesellschaft nicht mehr gerecht werden. Aber ein Fokus liegt natürlich auf der Geschlechterfrage. Wie die größte repräsentative Erhebung über Ungleichbehandlung in Film und Fernsehen der MaLisa Stiftung…

Von Maria und Elisabeth Furtwängler, mit der Ihre Universität und das Erich Pommer Institut den Workshop ausrichtet.

Ihrzufolge kommen in den Medien viel weniger Frauen vor als Männer – und zwar nicht nur fiktional, sondern mehr noch im Informations- und Showsegment. So verheerend die Zahlen aus Diversitätssicht sind, haben sie gezeigt, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen den Inhalten und Erzählweisen auf Bildschirm und Leinwand. Wenn mehr Frauen in Regie, Produktion, Buch verantwortlich sind, sind auch mehr und komplexere Frauenfiguren zu sehen.

Trotz andauernder Thematisierung dieser Ungleichbehandlung durch Initiativen wie ProQuote Film zeigt sich keinerlei Besserung. Woran liegt das?

Auf zwei Worte herunter gebrochen: unconscious bias, also ungewollte, unterschwellige Vorurteile. Die meisten Film-Gewerke sind ja von vorneherein gegendert gedacht. Während im Bereich Make-up und Kostüm zu 90 Prozent Frauen arbeiten, ist das Verhältnis bei Kamera und Ton umgekehrt. Das hat mit Geschlechterzuschreibungen zu tun. So werden Frauen in der Branche immer noch als Risiko gesehen und vermutet, dass sie nicht alles fürs Projekt geben, weil sie sich nebenbei ja noch um Haushalt und Kinder kümmern müssten. Einem Regisseur würde das niemand absprechen, egal ob er Vater ist oder Familie hat.

Aber entscheiden darüber am Ende nicht weiterhin Männer, die unter ihre Führungsetagen bewusst gläserne Decken einrichten?

Sicher, diese gewachsenen Strukturen und Netzwerke existieren. Und weil viele Entscheidungen darin zugunsten all jener gehen, die den Verantwortlichen ähneln, existiert das Ungleichgewicht fort. Das heißt allerdings nicht, dass diese Vorurteile nur von Männern gepflegt werden. Deshalb ist es nicht mit Quoten getan. Wir brauchen einen echten Kulturwandel, der sich nicht als Kampf gegen Männer versteht, sondern für Fairness und Gerechtigkeit. Da müssen wir uns etwa fragen, warum sich 50 Prozent hochqualifizierte Absolventinnen der Filmhochschulen später nicht annähernd auf den Führungsebenen der Branche wiederfinden.

Und Ihr Lösungsansatz?

Wir müssen den Menschen klarmachen, wie viel kreatives Potenzial durch dieses System verloren geht, wie viel Mehrwert. Und weil es in unserem Workshop ums Erzählen geht: wie viel reicher wären Geschichten, wenn sie nicht nur von und aus Sicht von Männern erzählt würden. Diese Mutlosigkeit der Branche, alte Strukturen zu zerschlagen, müssen wir angehen.

Aber wie soll das gelingen, wenn die Branche nicht mal den Mut aufbringt, mehr Geschichten ohne Mord und Totschlag, also kriminalistischen Kern zu erzählen?

Unser Grundansatz ist erstens, möglichst viele Partner ins Boot dieser Debatte zu holen. Deshalb sind mit der FFA und dem Österreichischen Filminstitut Filmförderer und mit ARD Degeto, ZDF, UFA und Sky ebenso Sender und Produktionshäuser dabei. Andererseits ist uns wichtig, die Handelnden der Arbeitsprozesse dabeizuhaben, also Kreative und Gewerke, aber auch Redakteur*innen. Der Dialog ist ein Anfang, aber wir wollen, dass er von Dauer ist.

Erwachsen aus diesem Dialog bereits konkrete Forderungen?

Wir sind keine Gruppe von Aktivisten und Aktivistinnen, sondern praxisbezogene Diskussionsplattform, und streben daher auch kein Manifest oder ähnliches an, sondern eine Auseinandersetzung mit unserer praktischen Arbeit, quantitativ und qualitativ, vor allem inhaltlich.

Aber wäre es bei aller Selbstverpflichtung nicht zielführender, den rechtlichen Rahmen mit zu verbessern, etwa durch Änderungen am Rundfunkstaatsvertrag?

Unser Workshop setzt auf anderer Ebene an. Wir wollen ihn in anderen Städten mit anderen Filmhochschulen und anderen Gewerken fortsetzen. Kamera ist bislang noch gar nicht dabei oder das Casting. Daran müssen wir arbeiten; mit einem ersten Workshop für 18 Leute ist es da noch lange nicht getan. Bis dahin ist es allerdings unser Ziel, inhaltlich zu diskutieren, aber auch zu schauen, wo es bereits positive Veränderungen und gute Beispiele gibt.

Was wäre das denn, gibt es positive Veränderungen?

(überlegt lange) Schon, aber es ist schwierig, da einzelne rauszuziehen.

Uns fiele da die Lindenstraße ein, der Diversität bei aller dramaturgischen Schwäche von Beginn an ein sichtbares Herzensanliegen ist.

Die Lindenstraße hat über viele, viele Jahre verlässlich eine Vorreiterrolle eingenommen, nur: 2020 ist mit der Serie bekanntlich Schluss. Wen wir beim Pilotprojekt dabeihaben, ist zum Beispiel Dr. Lisa Blumenberg. Als Ideengeberin und Produzentin der ZDF-Serie Bad Banks hat sie voriges Jahr bewiesen, dass man herausragendes Fernsehen mit drei Frauen in tragenden und untypischen Rollen produzieren kann.

Die allesamt permanent den Bechdel-Test bestehen, weil sie selbst untereinander nicht bloß über Männer reden.

Sondern über Wirtschaft und Politik, ganz genau. Wobei die Geschichte fast ebenso starke Männerfiguren hat; es dreht sich nur endlich mal nicht alles nur um sie. Und Diversität wird darin auch nicht nur am Geschlecht festgemacht, sondern an der Herkunft – mit einer deutsch-asiatischen Bankerin, ihrem arabisch anmutenden Kollegen und einem körperlich behinderten Steuerfahnder. Da ist wirklich mal alles sehr durchdacht dabei.

Könnten die Trippelschritte hin zur Diversität in absehbarer Zeit dazu führen, dass ein Transmensch, um dessen Gender Null Aufhebens gemacht wird, im Tatort ermittelt?

Da bin ich jetzt ein bisschen skeptisch. Ich fürchte, das ist zwei Schritte zu weit gedacht.

Wird ihr Workshop dahingehend etwas bewirken?

Klar! Sonst würden wir ihn ja nicht machen. Wir sagen ja nicht akademisch von oben, wie es gemacht wird, sondern laden zur Diskussion mit allen ein und machen Angebote zur Unterstützung. Was mich da besonders zuversichtlich macht: wir kämpfen nicht mehr gegen Windmühlen! Besonders auf der Ebene des Kinderfernsehens, wo die Geschlechterverteilung bislang noch viel schrecklicher war als im Gesamtangebot, tut sich was. Der KiKa-Redakteur Benjamin Manns wird uns drei neue, fortschrittliche Produktionen vorstellen. Es geht also alles noch relativ langsam, aber in die richtige Richtung.

Droht diese Richtung durch den Erfolg emanzipationsfeindlicher Rechtspopulisten nicht gerade wieder umgedreht zu werden?

Wer sich die Situation der Türkei, Ungarn oder den USA anguckt, muss gewiss erkennen, wie schnell sich der Wind drehen kann. Hierzulande allerdings befinden wir uns noch oder bereits an einem Punkt, hinter den man nicht so leicht zurückfallen kann – wenn wir uns gemeinsam offen davorstellen.

Sind die Feinde von Emanzipation und Chancengleichheit demnach auch Ansporn zur vertieften Zusammenarbeit?

Nein, da brauchen wir keinen Ansporn. Ich arbeite seit 20 Jahren in diese Richtung und befinde mich trotz aller rechtspopulistischen Erfolge zusehends in einem Umfeld, das sie auch unterstützt. Wir sollten uns keinesfalls einschüchtern lassen.


True Detective III: Mahershala & Pizzolatto

Schonungslos ohne Schaum

Anders als in der viel kritisierten Staffel 2 knüpft die Fortsetzung von True Detective ab heute auf Sky ans grandiose Debüt der HBO-Thrillerserie an – und skizziert bei der Aufklärung eines Ritualmords gleich noch das reaktionäre Kernland der Trump-Wähler.

Von Jan Freitag

Das Böse, so sehr die Popularier aller Ränder vom Gegenteil brüllen, lauert da, wo man’s am wenigsten erwartet: unter Freunden, Verwandten, Nachbarn. Äußerlich gesehen ist etwa der subtropische Süden Nordamerikas von solch unspektakulärer Ödnis, dass die Menschen darin unmöglich für das infrage kommen können, was ab heute auf Sky ermittelt wird: den Ritualmord an einem Kind. Eigentlich. Doch der Täter hat das Opfer ja nicht nur getötet, sondern betend im Gebirge drapiert, was für seine verschwundene Schwester Schreckliches befürchten lässt. Wer tut sowas bloß?

Gut, in der Realität fast keiner; Ritualmorde sind ein Fetisch des Fernsehens, das sein Publikum lieber mit absurder als realistischer Gewalt unterhält. Aber im Bibelgürtel der USA traut man den Leuten alles zu – was allerdings weder an ihnen noch dem Ort liegt. Es liegt an der Art, wie Nic Pizzolatto beides in Szene setzt. Nach missratenem Zwischenstopp in L.A., verlegt der Showrunner die 3. Staffel True Detective nämlich zurück zum Start seiner Reihe: Arkansas – ähnlich arm, reaktionär, zerrüttet wie das angrenzende Louisiana, wo Woody Harrilson und Matthew McConaughey 2014 Krimiseriengeschichte schrieben.

Jetzt also stochert Oscar-Gewinner Mahershala Ali (Moonlight) mit dem dramaturgisch schlichteren Actiondarsteller Stephen Dorff im provinziellen Dickicht. Ende 1980, am Tag als – wie ständig erwähnt wird – Steve McQueen stirbt, sitzen die Polizisten Hays und West auf einem Schrottplatz und erschießen beim Feierabendbier Ratten. Kurz darauf aber werden sie zu einem Redneck mit Schnauzbart und Basecap gerufen, dessen Kinder verschwunden sind. So beginnt eine Jagd, die den empathischen Hays vom Moment der Tat über ein Wiederaufnahmeverfahren zehn Jahre später in unsere Gegenwart führt, wo der demente Ex-Cop als Protagonist eines True-Crime-Formats auf die Dämonen seiner beruflichen Vergangenheit trifft.

Dieser Wechsel der Zeitebene erinnert wie die Kulisse ans preisgekrönte Reihendebüt. Und wie damals ist alles von einer unterschwelligen Intensität, die das Publikum von der ersten Sekunde bar aller Effekthascherei fesselt. Es beginnt bereits bei den Hauptfiguren. Anders als vor fünf Jahren Detective Rust (McConaughey) und Hart (Harrelson), sind ihre Kollegen Hays (Ali) und West (Dorff) zwar der Hautfarbe, nicht aber dem Wesen nach grundverschieden. Während ersterer bei der Tätersuche im rassistischen Süden gegen eine Mauer der Verachtung prallt, gibt letzterer so wenig auf Vorurteile wie die drei Filmemacher.

Gemeinsam mit Regie-Neuling Pizzolatto skizzieren die erfahrenen Jeremy Saulnier und Daniel Sackheim den white trash, hierzulande wohl mit „Wutbürger“ übersetzbar, schonungslos, aber ohne Schaum vorm Mund. Und diese Neutralität wird durch eine Ästhetik gestützt, in der keine Figur, kein Stein, nicht das kleinste Requisit berechnend wirkt. Die Sonne scheint, nur selten gleißend. Die Kleidung ist zeitgemäß, ohne je kostümiert zu wirken. Und Mahershala Ali darf 25 Jahre berufliches Leiden mit einer Diskretion spielen, an der selbst im Alter kein Fältchen geschminkt daherkommt.

So gelingt es True Detective abermals, ein präzises Gesellschaftsporträt als Kriminalfall zu verkleiden, der nirgends mit Ermittlungsstandards nervt und nebenbei erklärt, warum Donald Trump in Gegenden erfolgreich ist, wo Rasse plus Nation das letzte ist, was weiße Männer in ihrer Misere sinkender Bedeutung noch eint. So relevant, wertes deutsches Fernsehen, kann Entertainment sein.


Fernsehkonsum & Grenzgebiete

Die Gebrauchtwoche

14. – 20. Januar

Was die einen womöglich als Beleg für lebensbereichernde Freizeitgestaltung betrachten, das halten andere womöglicher für den Untergang des TV-Abendlandes: Laut einer GfK-Studie sahen die Deutschen 2018 mit 217 Minuten pro Tag zwar nur vier weniger fern als im Rekordjahr zuvor; das liegt aber ausschließlich an denen über 50, die mittlerweile mehr als fünf Stunden pro Tag glotzen, während der Konsum in der Zielgruppe drunter radikal sank – bei den 14-  bis 29-Jährigen gar auf Spielfilmlänge.

Worauf sich altersübergreifend in der Vorwoche – Mediathekenzugriffe nicht eingerechnet – nochmals gut fünf Millionen Zuschauer einigen konnten, war einmal mehr das Dschungelcamp. Nach holprigem Start erzielt RTL kurz vorm Finale seiner Cash-Cow am kommenden Samstag also wieder Topquoten. Was vor allem daran liegt, dass die Teilzeitbewohner des australischen Kleintierrestaurants trotz Dauerbeobachtung durch Dutzende Kameras als vergleichsweise real gelten, unverstellt, ja wahrhaftig.

Alles Dinge, die man von der WDR-Reihe Menschen hautnah bei aller Kritik am seifigen Charakter irgendwie auch immer gedacht hatte. Nun aber wurde bekannt, dass eine Autorin mehrere Alltagsprotagonisten der Porträtreihe gecastet hat, was uns wieder und wieder und wieder zum Fall Claas Relotius mitsamt der Glaubwürdigkeit öffentlich-rechtlicher Fernsehformate bringt. Ohne die Aufrichtigkeit durchdachter Medien kriegen rechtsradikale Spinner wie die Identitären halt nur immer noch mehr Rückenwind, der sie erst kürzlich dazu animiert hat, von der taz über den Spiegel bis zur Tagesschau politisch missliebige Redaktionen zu attackieren.

Am Bildschirm heißt ein durchaus wirksames Gegenmittel gegen die geistig Armen, aber physisch Präsenten unverdrossen: Gutes, relevantes, breitenwirksames Angebot an alle. So, wie es das Grimme-Institut dieser Tage für den wichtigsten TV-Preis nominiert hat. Unter den 70 Kandidaten sind viermal RTL, fünfmal funk, meistens ARZDF und erstmalig – Achtung! – Youtube mit dem unermüdlichen LeFloid und der Talkshow Neuland. Gegen den Favoriten Bad Banks (ZDF) dürften Online-Serien wie Hackerville (TNT) oder Das Boot (Sky) zwar keine Chance haben. Aber Streamingdienste zählen längst automatisch zum Kreis der Preisanwärter.

Die Frischwoche

21. – 27. Januar

Deshalb beginnen wir die aktuellen Highlights auch einfach mal mit denen. Die Miniserie Valley oft the Boom etwa, in der Sky seit gestern Nacht die frühen Jahre des Silicon Valley nachstellt. Ab Mittwoch dann an gleicher Stelle die 2. Staffel der herausragenden Hotelzimmeranthologie Room 104, gefolgt von der 9. Staffel Pastewka ab Freitag auf Prime Video, wo die Titelfigur seine Freundin zurückerobern will und dabei ähnlich unterhaltsam wie bei Sat1 und hoffentlich weniger Schleichwerbung als in vorherigen Zyklus am eigenen Ego zerschellt. Parallel dazu zeigt Sky aber das absolute Zuckerl dieser Tage: Der Pass, eine Art deutsch-österreichische Die Brücke, bei der Nicholas Ofczarek und Julia Jentsch als grundverschiedene Cops Ritualmorde im alpinen Grenzgebiet aufklären. Das ist vom Thema her zwar arg aufdringlich, ästhetisch und dramaturgisch aber vielfach herausragend.

Was man am Mittwoch weder von ARD noch ZDF sagen kann. Im Ersten inszeniert Tödliches Comeback die heillos unwahrscheinliche Konstellation eines Kleinganoven, dessen Sohn bei der Mordkommission anheuert, mit Paps einen Fall löst und trotz des großartigen Martin Brambach die Frage aufwirft, warum selbst Komödien in Deutschland ohne Polizei schwer denkbar sind. Im Zweiten ist die Vorabendserie Die Spezialisten weiter so flach, dass selbst die tolle Alina Levshin als soziopathische Forensikerin das tiefe Niveau nicht hebt.

Bleiben zwei öffentlich-rechtliche Dokus. Morgen um – danke, ZDF – Mitternacht erklären uns Dimitrij Kapitelmann und Ralf Dörwang in Meschugge oder was, warum hierzulande 100 Menschen pro Jahr zum Judentum konvertieren. Und Freitag (21.50 Uhr) zeigt Arte den überwältigenden Konzertfilm Rammstein: Paris, für den Jonas Akerlund einen Auftritt der Brachialrocker 2017 mit 30 Kameras eingefangen hat. An der Grenze zur Doku ist hingegen der Tatsachenspielfilm Nebel im August mit Sebastian Koch als empathischer Euthanasie-Arzt nach Robert Domes gleichnamigem Roman, für den das ZDF die zugkräftige Geisterstunde am Sonntag geräumt hat. Danke … ach, das hatten wir ja schon.

Zu den Wiederholungen der Woche: In schwarzweißer Erinnerung kann man Samstag (23.35 Uhr, MDR) in der Wallace-Verfilmung Das Rätsel der roten Orchidee von 1962 mit Christopher Lee als Polizist, Eddi Arent als Ulknudel und Klaus Kinski als Klaus Kinski schwelgen. Farbig zeigt Tele5 tags drauf (20.15 Uhr) Monty Pyhtons Das Leben des Brian (1979), gefolgt vom fünf Jahre älteren Ritter der Kokosnuss. Und der Tatort: Mann über Bord begleitet Kommissar Borowski heute (22 Uhr, RBB) ins Jahr 2006 zu einem Mord auf hoher See.


De Staat, Frances Cone, Scarabæusdream

De Staat

Wer der alternativen Rockmusik jenseits tradierter Anti-Riffs und -Gesten noch wirklich Neues abgewinnen will, muss sich schon was einfallen lassen. De Staat haben sich dafür zweierlei erwählt: Einen aufgeweckt dystopischen Kunstpunk voller Sprachwitz, Spielfreude, Drones und Samples, gern visualisiert in Videos von ikonografischer Wucht. Mit Witch Doctor zum Beispiel hat die holländische Band um den charismatischen Sänger Torre Florim dabei fast, hüstel, Kultstatus erreicht. Und jetzt also KITTY KITTY.

Stilistisch angelehnt an Maximo Parks Meisterwerk Our Velocity zoomt die Kamera beim Opener ihres sechsten Albums Bubble Gum immer wieder auf das Quintett aus Nijmegen, das sich dabei permanent vervielfältigt. Dazu schleicht ein hypnotischer Bass unterm proklamatorischen Gesang über die Welt im Griff Donald Trumps hindurch, dass man sich in Film und Song verlieren kann. Wie in fast jedem der elf  variabel sägenden Stücke, die selbst für Autotune, R’n’B und Nu Metal nie zu monochrom sind. Ein irres, aber eingängiges Album.

De Staat – Bubble Gum (Caroline)

Frances Cone

Das neue Video von Frances Cone Arizona dagegen sticht mit wenig hervor, das sich nicht durchs Genre des Duos aus Nashville/Tennessee erklären ließe: gleißend trüber, leicht zerkratzter Indie-Pop, visuell in Zeitlupenbildern von Hedonisten mit Haltung vermittelt, die sich zwischen Lagerfeuer und Landstraße zwar mit der der hinreißenden Natur des amerikanischen Bible Belt, nicht aber dem reaktionären Konservatismus darin gemein machen. Obwohl – so funktioniert Neo Folk ja fast immer…

Und doch ist das Duo der gelernten Pianistin Christina Cone, die mit ihrem Bassisten und Freund Andrew Doherty eine Gemeinschaft fürs Leben bildet, weit mehr als der alternative Mainstream des zugkräftigen Metiers. Manchmal leicht schwulstig, meist angenehm rau erzählt die Tochter einer Opernsängerin wenige Millimeter unterm Rand nostalgischer Verklärung vom Gestern im Heute und erzielt damit eine Wirkung, die nicht ohne Grund millionenfach gestreamt wird, ohne Starrummel zu erzeugen. Die Nische für die Masse.

Frances Cone – Late Riser (Living Daylight Records)

Scarabæusdream

Dass Rockbands im Schnitt drei bis fünf Mitglieder und mindestens ein Saiteninstrument haben, hat die Digitalisierung des Pop zwar hinlänglich widerlegt. Trotzdem bleibt es bemerkenswert, wenn Rockbands ohne größere Unterstützung elektronischer Hilfsmittel auf Bass und Gitarre verzichten. Falls das allerdings doch gelingt und dann auch noch so grandios klingt wie Scarabæusdream, ist es kein Wunder, dass dieser ungemein gelungene Versuch der Reduktion mit größtmöglicher Opulenz aus dem Wunderpopland Österreich kommt, wo die Kulturszene seit langem schon auf engstem Raum ein Mehrfaches der Kreativität ihres nördlichen Nachbarlandes generiert.

 

Mit nichts als Schlagzeug und Piano erzeugen Hannes Moser und Bernd Supper eine Wall of Sound, als habe ein ganzkörpertätowiertes Symphonieorchester in Johannes Caps Studio gesessen, um sein drittes Album aufzunehmen. Zwischen Mathrock und Kammermusik, Postpunk und Neoklassik füllen allerdings nur zwei hagere Virtuosen den Raum mit einem Klangkonvolut, das dem Publikum alles, echt alles abverlangt. Aber es es lohnt sich! Suppers Stimme wechselt zwar bis an die Schmerzgrenze von Screamcore über Countertenor zum Hairmetal und zurück; doch jedes der zehn Stücke lotet die Bandbreite des Noise-Spektrums so ergreifend aus, dass man von Ideenreichtum und Leidenschaft schlicht mitgerissen wird. Hypnosemusik.

Scarabæusdream – crescendo (Noise Appeal Records)