Chicken Wings & Betroffenheitsporno

0-FrischwocheDie Gebrauchtwoche

23. – 29. März

Es gibt viele Sender, die Probleme haben, ihr Programm sinnvoll zu füllen, deshalb aber noch lange nicht das Testbild aus der Mottenkiste holen, leider. Das Erste hat sie weil seltener als, sagen wir: RTL2, was auch daran liegt, dass es nach wie vor viel wichtiges Weltgeschehen abbildet, von dem es ja eher zu viel als zu wenig gibt, vor allem zu viel Ungutes. Am Dienstag aber, als alle wie besoffen vom Flugzeugabsturz berichteten, als gäbe es sonst nichts mehr von Belang in der großen weiten Welt, da folgten auch im ARD-Brennpunkt geschlagene 45 Minuten Extrabericht, die den elf in der Tagesschau nichts, aber auch gar nichts Substanzielles hinzufügten – mal abgesehen von weinenden Angehörigen, die seifig rangezoomt wurden.

Warum das erwähnenswert ist? Täglich verrecken weltweit Abertausende am Irrsinn globaler Ungerechtigkeit, pro Woche dürften mehr Deutsche an Krankenhauskeimen sterben als nun in den französischen Alpen, von Afghanistan, dem Jemen, Irak mal zu schweigen. Die Erde ist für zahllose Menschen ein fataler Ort, doch in die Nachrichten schaffen sie es nur als Opfer von Katastrophen jeder Art. Offenbar sind wir nur dann zur Empathie für Fremde in der Lage, wenn sie abrupt sterben. Dann haben Krisen Pause, das ZDF setzt die heute show ab, RTL sein Absturz-Event Starfighter und wer weiß, ob McDonalds nun Chicken Wings von der Speisekarte streicht. Verlogener als im Unglücksfall zeigt sich die Medienbranche selten.

Und weil man das am besten leicht zynisch übersteht, schalten wir um auf etwas, das Fernsehen an all den anderen Tagen globalen Unglücks am liebsten zeigt: Unterhaltung. Vorweg die gute Nachricht: Das vorige Wochenende war erstmals seit gut vier Monaten vollends ski- und rodelfrei, was nicht nur für Wintersportmuffel endlich mal gute News sind. Für wen die folgenden Ankündigungen welche sein könnten, ist hingegen einzelfallabhängig. RTL lässt Weihnachten 2016 Winnetous auferstehen, mit Wotan Wilke Möhring als Shatterhand, Stars von Jürgen Vogel bis Fahri Yardim in Nebenrollen und nur so als Vorschlag: Francis Fulton Smith als edler Apache. Schon für diesen Herbst indes plant RTL ein – Achtung! – „journalistisches Format“ für Margarethe Schreinemakers. Und dann dreht der US-Sender Fox nach 13 Jahren Werbepause auch noch sechs neue Folgen Akte X. Na, wenn einem sonst nix einfällt…

0-GebrauchtwocheDie Frischwoche

30. März – 5. April

…der kann auch zu Felicitas Woll sagen, Fee, schau doch am Anfang eines Filmes voll süß, dann doll betroffen, später krass kämpferisch, zuletzt wieder süß. Fertig ist das, was Sat1 unter „Problemfilm“ versteht, wenn die Dramaqueen Dienstag als Die Unbeugsame ein Opfer häuslicher Gewalt spielt. Das einzige, wofür diese Art Betroffenheitsporno taugt, ist als Kontrastprogramm zum ARD-Mittwochsfilm. Nach dem Kriegsepos Unsere Mütter, unsere Väter haben Philipp Kadelbach und Stefan Kolditz den DEFA-Klassiker Nackt unter Wölfen neu verfilmt. War das Original um KZ-Gefangene, die unter Einsatz ihrer Leben ein Kind am selben halten, 1962 noch eine recht zähe Angelegenheit, so begeistert das Remake exakt unterhalb der Kitschgrenze. Dazu die sehenswerte Buchenwald-Doku im Anschluss – fabelhaft!

Was man (mit Abstrichen) auch von Grzimek sagen kann, der Karfreitag an gleicher Stelle von den Toten aufsteht. Dank Ulrich Tukur in der Titelrolle wird der nette Tieronkel früherer TV-Tage nicht nur lebendig; er kriegt ein paar Dellen verpasst, von denen unsere Eltern nichts wissen wollten. Seine Nazi-Vergangenheit etwa oder dass er bei aller Tierliebe menschlich eher schwierig war und für den Naturschutz zuweilen das Recht brach. Das hat er mit Helmut Kohl gemein, den die ARD Montag (23.30 Uhr) an der Seite seines Mit- und späteren Gegenspielers Heiner Geißler porträtiert, was für beide nur bedingt schmeichelhaft ist, fürs Publikum aber erhellend. Wie der Themenabend Fleisch, mit dem Arte tags drauf zeigt, was für einen Dreck sich die Masse der Konsumenten reinschaufelt. Und auch fiktional wird es politisch, hochpolitisch sogar. Passend zu Netanjahus Wiederwahl handelt Navad Lapids preisgekröntes Drama Der Polizist vom Riss durch Israel im Sog des Palästinenserkonflikts.

Und weil wir uns das Lachen trotz Katastrophen einfach mal nicht verbieten lassen, sei hiermit ausdrücklich auf The Wrong Mans verwiesen, eine hintersinnige Dramedy mit dem britischen Komikerduo Mathew Baynton und James Cordon, das Donnerstag sechs Teile am Stück auf Arte in einen absurden Komplott gerät. Komplott ist ein Stichwort für die Wiederholungen der Woche: In Hitchcocks Berüchtigt (1946) spielt Ingrid Bergmann am Sonntag (3sat) eine Doppelagentin auf der Jagd nach Nazis in Brasilien, gekrönt vom bis dato längsten Filmkuss (mit Cary Grant). Parallel dazu auf Arte in Farbe: Amadeus, Milos Formans Meisterwerk von 1984, das man immer und immer und immer wieder sehen kann.


Nachruf: Karl Moik

Der Schunklertainer

Kaum wurde der volksmusikalische Moderationspudel Andy Borg vom Ersten Programm aus Altersgründen aufs Abstellgleis gesetzt, stirbt sein Vorgänger Karl Moik, der seinem Nachfolger einst aus gleichem Grund weichen musste. Nachruf auf einen Unverkannten, der das Fernsehen seiner Epoche nicht bereichert, aber geprägt hat.

Von Jan Freitag

Man kann es sich jetzt natürlich leicht machen. Karl Moik, das war ja der Zeremonienmeister reaktionärer Massenbespaßung, eine Art Frohsinn gewordener Kulturkonservatismus in Lied- wie Versform. Karl Moik, das war somit Volksmusik, Volksmusik, das war Karl Moik, aus feuilletonistischer, ach: nur einigermaßen aufgeklärter Sicht also eine furchtbare Melange des Ewiggestrigen, Geschmacklosen. Der Schunklertainer. Furchtbar. Warum also sollte man Karl Moik, der nun nach langer Krankheit verstorben ist, eine größere Träne nachweinen, als es das Mindestmaß an Pietät gebietet.

Man kann es sich allerdings auch ein bisschen schwerer machen.

Dann blickt man zurück auf diesen Alpenschlagermoderator der ersten Stunde und erkennt in ihm weit mehr als nur die populäre Antithese zur schreienden Popmoderne da draußen. Denn Karl Moik war eine Antwort, mehr ein Flehen, vielleicht gar so was wie ein  Hilfeschrei. Dafür muss man sich die Ära, in der die Linzer Stimmungskanone erstmals aus dem österreichischen Staatsfunk aufs deutsche Publikum schoss, nur kurz vor Augen halten. Wir schrieben das Jahr 1981: Reagan-Zeit, Schmidt-Zeit, Thatcher-Zeit, noch nicht wirklich Kohl-Zeit. Dazu Brokdorf-Zeit, Ölkrisen-Zeit, Terror-Zeit, NATO-Doppelbeschluss-Zeit. Und natürlich NDW-Zeit, MTV-Zeit, Dallas-Zeit, bald darauf kam Denver. Es war eine Zeit, in der nichts mehr war wie es mal war, selbst hoch droben nicht in Moiks geliebten Bergen. Es gab keine Gewohnheiten, keine Gewissheiten, schon gar keine Werte. Selbst auf heile Alpenalmen regnete es sauer von Gottes Himmel und ob es nicht bald SS-20 regnen würde – wer wusste das schon.

Da wuchs auch vorm Röhrenbildschirm die Sehnsucht nach Bestandsschutz dessen, was längst keinen Bestand mehr hatte, aber am Horizont wärmer leuchtete als die aseptischen Achtziger ohne Paartanz, aber mit viel Plaste und Elaste. Kurzum: es wuchs die Sehnsucht nach Männern wie dem Moik Karl, fröhliche Pfundskerle vom Land, die im dunkelblauen Messingknopfzweireiher, besser noch förstergrünem Janker die Weise von den Tälern und Gipfeln anstimmten, wo die Madln no fesch san und die Burschn pfundig. In denen das Vergangene ein festes Standbein im Almengras hat und der Ernst des Lebens Pause. In denen das Leben noch einfacher ist und das Einfache einfach schön.

„Musik woll’n wir bringen, für jung und für – Halt!“, dichtete er 1981 lachend zur Begrüßung seiner TV-Premiere: „In den nächsten 90 Minuten, vergesst das Wort alt / Wir wollen beweisen, mit Schwung und mit Scherz / dass jugendlich bleibt nur ein fröhliches Herz“. So klangen nicht nur die holprigen Reime aus der Magengrube eines Überzeugungstäters, dessen Volkstümliche Hitparade bereits im österreichischen Radio Furore machte. Es waren die ersten Worte im Musikantenstadl. Und man sollte sich den Titel von Moiks Vermächtnis mal etymologisch vor Augen halten, um seinen Erfinder zu verstehen.

Musikanten brauchten schließlich (zumindest damals) keine E-Gitarren, geschweige denn Computer, ja nicht mal Strom zum Musizieren – sonst hätten Moiks Gäste gelegentlich Mikrofone benutzt, um auch die letzte Reihe jenes prall gefüllten Gemeindesaals zu erreichen, der optisch an Heuschober erinnerte, was übersetzt, richtig: Stadl heißt. In dem wurde noch gesungen wie daheim am Kachelofen. Hackbrett, Zither, Akkordeon, ach… LED-durchzuckte Mehrzweckhallen waren dem Musikantenstadl so fern wie dem gelernten Werkzeugmacher Moik die Maschinenbauinformatik. Und dem geübten Pianisten Karl der Synthesizer.

An der Schwelle zur medialen Neuzeit herrschte auf den Fernsehbühnen nun mal das Prinzip Reduktion. Verglichen mit Moiks Scheunenmusi, die zwei Jahre später vom ORF zur ARD gelangte und dort bis heute läuft, war selbst Schenks Blauer Bock ein vielschichtiges Spektakel aus allem was das hermetische System zweier öffentlich-rechtlicher Kanäle von Klassik über Schlager bis Comedy seinerzeit hergab. Frei von musikalischen Grenzgängen oder stilistischem Brimborium dagegen zelebrierte Moik über Jahre hinweg eine Art alpinen Purismus in Reinform – und machte ihm gerade dadurch den Garaus.

Erst der Erfolg seines Stadls sorgte nämlich dafür, dass Volksmusik bald volkstümlich wurde und letztlich Volkspop voller Fischer, Bergs und Schürzenjäger. Nur einem konnte der Zeitgeist scheinbar nichts anhaben: Karl Moik selbst. Auch nach 2005, als ihn die ARD im Streit ersetzte, blieb der mehrfache Großvater was er im Grunde schon immer war: Ein herzenskonservativer Conferencier der guten Laune mit schnurgeradem Rücken, der Italiener – den linken Arm stets exakt 90 Grad Richtung Solar Plexus angewinkelt –„Spaghettifresser“ nennen konnte, ohne dass es böse klang. Der die Regenbogenpresse auch nach 50 Jahren Ehe freiwillig zur Homestory bat und nie, nie, nie ein ernstes Wort über irgendwas verlor. Dessen öffentliches Leben einem einzigen supergaudifröhlichen Bierzelttusch auf seine Version eines wohlgeordneten Lebens glich, das mit 75 Jahren ausgerechnet auf einer Faschingsfeier den Anfang vom Ende nahm. Man kann es leicht nehmen oder schwer, aber das Volksfest, es ist wohl zuende.

Mehr Bilder, Text und Kommentare unter http://www.zeit.de/kultur/film/2015-03/karl-moik-musikantenstadl-nachruf


Sibel Kekilli: Gier & Springer

Die machen ihren Job, ich meinen

Als Sibel Kekilli mit Fatih Akin gerade den Durchbruch geschafft hatte, ging die junge Schauspielerin durchs Stahlbad des Boulevards, der ihre Porno-Historie aus der Versenkung zog. Mittlerweile spielt sie im Kieler Tatort und hat sich auch sonst freigeschwommen, wie sie vor einigen Jahren bereits in Dieter Wedels Mehrteiler Gier zeigte. Bevor die 34-Jährige Heilbronnerin Sonntag wieder an der Seite von Axel Milberg ermittelt, zeigen freitagsmedien ein Interview, in dem sie erzählt, wie steinig der Weg dorthin war.

freitagsmedien: Guten Tag Frau Kekilli, Jan Freitag, von der Bild-Zeitung.

Sibel Kekilli: Sehr witzig. Das wüsste ich.

Wenn es denn so wäre, würden Sie mit mir sprechen, nach allem, was vorgefallen ist?

Ja, denn Vergangenheit ist Vergangenheit. Und ich habe schon mit Bild gesprochen in Südafrika und eben gerade mit Herrn Wedel zusammen.

Haben Sie Berührungsängste mit dem Boulevard?

Mit der Yellow Press meinen Sie? Überhaupt nicht. Die machen ihren Job, ich mache meinen, Da gibt es keine Vorbehalte, aber ich bin natürlich vorsichtig geworden. Aber Berührungsängste habe ich nicht.

Ihre Rolle in Gier ist in gewisser Weise ja auch eine boulevardtaugliche: Als Mitarbeiterin eines Escord-Services.

Inwiefern?

Etwas verrucht, etwas liebenswert, etwas sexy, etwas dubios, etwas nuttig.

Nuttig finde ich viel zu heftig ausgedrückt, das klingt so ausgeliefert, aber sie ist ja die einzige, die sich in diesem Sog von Dieter Glanz nicht verliert, die nicht auf ihn reinfällt, wenn um sie herum mit Geld um sich geschmissen wird. Sie verdient zwar ihr Geld, indem sie seine Gäste unterhält, ist aber auch die einzige, die Zugang zu ihm hat. Sie ist zerrissen zwischen Liebe, Pflicht und Freundschaft. Vor allem aber ist sie zerrissen in dieser Scheinwelt von Luxus und Reichtum. Sie fühlt sich von der Glamourwelt angezogen und abgestoßen zugleich.

Geht es Ihnen genauso?

Darüber muss ich mir keine Gedanken machen, weil sie sehr fern von meiner realen Welt ist. Ich bin ziemlich zufrieden mit der Art wie ich lebe.

Die ja von unverhofftem Reichtum oder Ruhm schnell aus den Fugen geraten könnte.

Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, dass ich in dem Fall meinen Freundeskreis verändern würde oder meinen Lebensstil. Das ist mir auch durch den Eintritt in die Filmwelt nicht widerfahren, meine Freunde sind noch dieselben wie zuvor, meine Welt ist eigentlich die gleiche und ich hoffe mal, dass das in alle Ewigkeit so bleibt.

Hat Sie denn die Schauspielerei verändert, in die Sie ja ohne Vorbereitung hineingepoltert sind?

Im Großen und Ganzen bin ich mir treu geblieben, aber es wäre dennoch schrecklich, wenn sich in meinem Leben nichts getan hätte seither, wenn ich mich nicht weiterentwickelt hätte. Aber diese Branche hat mich nicht mehr verändert, als das Leben einen in sechs, sieben Jahren verändert. Ich werde bald 30, da bin ich zum Glück nicht mehr dieselbe wie mit 23. Und natürlich nimmt die Filmszene Einfluss auf die Persönlichkeit, aber genau anders als im Sinne eines Abhebens. In der Öffentlichkeit wird man vorsichtiger, man sucht sich seine Freunde genauer aus und versucht dem Schein um einen herum zu entgehen. Diese Wachsamkeit ist besonders beim Drehen von Bedeutung. Da ist man für einige Wochen wie eine Familie, aber nach der letzten Klappe muss man sehr genau in sich reinhören, was davon bleibt und was für den Moment war. Ich kann das ganz gut, denke ich.

Sie sind also kein Typ für den Roten Teppich?

Haben Sie mich oft auf einem gesehen?

Ich lese keine Gala…

Meistens halte ich mich von Partys, Veranstaltungen, etc. fern.

Auch von Rollenfestlegungen?

Ich versuche es.

Das fällt den Medien, Produzenten, Zuschauern schwerer. Welche Arten von Rollen werden Ihnen gemeinhin angeboten?

Mittlerweile fast alle. Was man aber immer noch scheut, sind Komödien. Komische Rollen werden mir gar keine angeboten. Das höchste der Gefühle war in diesem Fach eine finnisch-deutsche Tragikomödie. Schade, eigentlich.

Auch nicht in Gier?

Da ist ja noch mehr Tragik als Komik. Das ist ja wie im richtigen Leben, wo die unstillbare Lust auf Geld und Anerkennung und Liebe und Luxus bisweilen lustige Züge annimmt. Was ich am Anfang natürlich viel auf dem Tisch hatte, waren es türkische Rollen, aber auch das hat sich geändert. Mittlerweile spiele ich herkunftsloser, wie in Gier ja auch.

Stört es dennoch, wenn man Sie mit Ihrer Biografie der eingeborenen Deutschen, auf die Herkunft der türkischen Eltern festlegt?

Sicher, wobei es türkischstämmige Schauspieler gibt, die da weitaus mehr mit zu kämpfen haben als ich. Es ist einfach nur schade, das viele bei der Besetzung vor allem auf die Namen und Nationalität achten und nicht darauf, wie gut die Schauspieler spielen können.

Lehnen Sie eine Rolle ab, wenn Sie das Gefühl haben, aus diesem Grund ausgewählt worden zu sein?

Nein, für eine Absage müssen schon noch mehr Faktoren zusammenkommen, als zu türkisch zu sein. Wenn mir die Geschichte nicht gefällt, wenn sie keinen Sinn ergibt, keine Hintergründe offen legt, lehne ich eine Rolle ab. Aber all dies war bei Dieter Wedel keine Gefahr.

Wie war es, mit ihm zu arbeiten, dem Topregisseur des deutschen Fernsehens?

Man spürt, dass er einer der wenigen Regisseure ist, die nahezu jeden noch so namhaften Schauspieler für ihre Filme kriegen. Tatsache ist, dass er etwas ist, was selten geworden ist: Dieter Wedel ist ein echter Regisseur; er führt Regie, indem er am Set wirklich führt. Viele sitzen da und warten erst einmal ab, bis sich die Schauspieler selbst führen. Dieter Wedel nimmt sich viel Zeit, nimmt sich der Leute an, macht vorher Spielproben, arbeitet unglaublich detailgetreu, achtet auf alles, die Mimik, die Aussprache, das Timing – dadurch habe ich enorm viel gelernt. Man konnte sich wirklich fallen lassen in der Rolle.

Nimmt das dem Schauspieler nicht auch den Freiraum zur Entfaltung?

Nein, denn man konnte trotzdem über seine Rolle diskutieren.

Ist er so aufbrausend am Set wie man sich erzählt?

Ach, was immer geredet wird… In jedem Beruf kursieren die wildesten Geschichten über die Kollegen. Wenn er sich aufgeregt hat, hatte es schon seine Berechtigung, aber er war nicht nachtragend, das war das Wesentliche.

Wird man bei der Arbeit anders behandelt, wenn man wie Sie keine klassische Schauspielausbildung genossen hat?

Nicht dass ich wüsste. Zum Beispiel hatte Jürgen Vogel keine klassische Ausbildung, Daniel Brühl nicht, Romy Schneider; man muss sich von dem Druck selber befreien, sich minderwertig zu fühlen.

Heißt das im Umkehrschluss, eine richtige Ausbildung ist gar nicht nötig?

Das wäre ja unfair den Ausgebildeten gegenüber, als hätten sie ihre Zeit verschwendet. Ich würde sagen, das wichtigste ist Talent, sonst ist das eine wie das andere schwierig. Außerdem Kritikfähigkeit, Offenheit, Praxis, Weiterbildung und ein guter Regisseur.

Und Mut, sich allein vor anderem beim Drehen so zu offenbaren?

Mutig sind Feuerleute, nicht Schauspieler. Wobei ich wirklich Respekt vorm Mut zur Hässlichkeit habe, den nicht jeder in meinem Beruf so einfach aufbringt. Oder den Mut, wirklich etwas von sich preiszugeben. Mut ist dafür ein zu großer Begriff; man braucht manchmal Überwindung.

Hat es Ihnen geholfen, sich in diesem Metier zu überwinden, dass Sie sich zuvor mit Gelegenheitsjobs und schlechten Startbedingungen durchschlagen mussten?

Vergangenheit ist Vergangenheit. Die will ich nicht für das verantwortlich machen, was aus mir geworden ist. Das Fatih Akin mich für Gegen die Wand genommen hat, lag sicher daran, dass ich ihn beim Casting unter 350 Mitbewerberinnen überzeugt habe. Da glaube ich mehr an Zufälle, die man kaum beeinflussen kann. Und der gehörte sicher dazu.

Andererseits klingt es noch mal doppelt schwierig, als blutige Anfängerin gleich an der Seite von Birol Ünel zu spielen, der als völlig unberechenbar und schwierig gilt.

Noch so ein Gerede über andere Leute… Jeder sollte seine eigenen Erfahrungen mit Menschen machen und ich habe die Arbeit mit ihm genossen, wie ich bislang auch jede andere Arbeit genossen habe; ob fürs Kino oder fürs Fernsehen.

Ist es nach so einem großen Kinostart etwas anderes, fürs Fernsehen zu arbeiten?

Ja, aber das zeigt sich nur in Details, es gibt einen anderen Zeitrahmen, andere Budgets, aber die Arbeit an sich ist die Gleiche.

Wenn man einmal für Dieter Wedel gearbeitet hat, landet man schnell in seiner Drehfamilie. Besteht die Gefahr auch für Sie?

Na ja, jetzt muss der hier erst mal laufen, dann sehen wir weiter, da kommt vielleicht noch einmal ein Projekt. Ich würde es jederzeit wiedermachen.


Musikantenstadl: Borg & Erbschleicher

Adios, Amor

Volksmusik ist die große Hassliebe des deutschen Fernsehpublikums. Dass Starmoderator Andy Borg der ARD mit 54 nun sogar fürs geriatrische Musikantenstadl zu alt wird, zeigt: auch den Sendern sind Topquoten allein nicht so ganz geheuer. Zu Borgs vorletztem Auftritt am Samstag Report eines verwirrten, verwirrenden Metiers.

Von Jan Freitag

Selbst die größte Liebe, Andy Borg hat’s schon immer gewusst, steht auf wackeligen Beinen, wenn da ein anderer, besserer, hübscherer, frischerer, vor allem jüngerer kommt. „So muss das Leben wohl sein“, sang er mit warmem Schmusetremolo über einen erfolgreichen Nebenbuhler, „es holt alle Verlierer mal ein“. Und weil der unscheinbare Nachwuchsvolksmusiker mit dem possierlichen Wuschelkopf seinerzeit zumindest im Schlager einer war, kam er „verlassen mir vor“ und schloss daraus aus nervösem Teenager-Gesicht: „Drum Adios, Adios, Adios Amor“.

Das war 1981.

Volle 34 sehr, sehr erfolgreiche Jahre später könnte der sanft ergraute Ex-Newcomer nun glatt eine von 14 Millionen verkauften Platten seines ersten Hits aus der Mottenkiste holen und sich wieder so traurig fühlen wie damals, als Heinz Schenk noch die Hälfte des Fernsehpublikums beim Blauen Bock begrüßte und DJ Ötzi zur Grundschule ging. Denn seine größte Liebe, die Volksmusik, sie hat ihn nicht mehr richtig lieb. Genauer gesagt: Die ARD hat es nicht mehr. Aber das ist im Grunde identisch.

Das Erste Programm, über Jahrzehnte tonangebend in einem merkwürdigen Zwitterwesen zwischen Heimatlied und Schlagerpop namens „Volkstümliche Musik“, dieses Allerallererste Deutsche Programm hat seinem Zugpferd früherer Tage die Partnerschaft gekündigt. Jahrelang hatten sie vielleicht keine innige, aber doch auskömmliche Beziehung mit-, besser zueinander. Schon Mitte der Neunziger, gerade mal 36 Jahre jung, moderierte Andy Borg dort ja irgendwas Klingendes mit „Volk“ im Titel. Er ließ davon nie mehr ab.

Als der gelernte Werkzeugmacher das Handwerk des permanenten Frohlockens in alpin geschmückten Mehrzweckhallen bis hoch an die Nordsee so gut beherrschte wie den akkuraten Gebrauch von Haarspray und Föhn, wurde ihm schließlich die höchste Weihe im milliardenschweren Trachtenbusiness zuteil: Der gereifte Borg durfte das Musikantenstadl moderieren. Eine Institution, eine Legende, eine Trutzburg, die – Achtung, Schicksal! – exakt in jenem Jahr erstmals über die Röhrenfernseher der unvereinigten Republik flimmerte, als dem blutjungen Andy grad Adios Amor auf den schlanken Leib getextet wurde.

Der ist nun fülliger geworden, wie sich das bei Mittfünfzigern im Schlagerzirkus auch gehört. Lebensfreude statt Askese, lautet ja das Motto der wertkonservativen, die Alltagssorgen einfach fortjodelnden Schunkelbranche: lieber Straußens Schweinshaxenwampe als Wehners Gleichmacherknochigkeit. Einerseits. Andererseits vollzieht die konfliktscheue Spaßbrigade eskapistischer Abendunterhaltung zumindest auf der Bühne einen erstaunlichen Verjüngungsprozess, als liege sie kollektiv in der Schönheitschirurgie.

Während das Zweite Programm sein Angebot seit dem dissonanten Rauswurf von Marianne und Michael vor acht Jahren volksmusikalisch auf Null fährt, setzt das Erste zumindest mal auf Verjüngung. Ein Nachfolger für den freundlichen Herrn Borg ist noch nicht verkündet, aber er (sie?) dürfte deutlich sportiver sein, nicht so gemütlich, etwas mehr Jeans als Janker, Tendenz Florian Silbereisen, mehr aber noch Helene Fischer. Die injiziert dem überalterten Metier schließlich grad eine derart virile Portion Glamour, dass sich nicht nur die Faltenrockreporter der Herzschmerzpresse fürs Sorgenverdrängungsentertainment Schlager interessieren, sondern echte Journalisten.

Diese Frischzellenkur hat nicht nur das Moderieren verändert, sondern die Moderierten gleich mit. Stilhybride wie der Alpenelvis Andreas Gabalier oder das krachlederne Wollmützenkollektiv voXXclub sind ohne Silberfischers akzeptierende Jugendarbeit schwer vorstellbar. Das perforiert Grenzen, die zuvor betoniert schienen: Ihr traditionell-saftiger Almhüttenrock wird wie die Seifenopern von Florians schöner Helene längst nicht mehr unter den drei Millionen Tonträgern der Volksmusik gelistet, sondern im weit größeren Feld von Pop bis Rock. Präsentiert von Best-Agern wie Borg, wirkt das Ganze jedoch, als trüge Opa sein Basecap schief und spräche Bumsen mit weichem „S“ aus – locker gemeint, geriatrisch verkrampft.

Das lässt sich sogar in Zahlen ablesen. Obwohl sich die Landjugend zwischen Flensburg und Füssen bisweilen offen zu Ehe, Eigenheim, Stefanie Hertel bekennt, ist nur jeder 15. der 7,5 Millionen Zuschauer von Carmen Nebels Willkommensschows unter 50 Jahre jung. So wird den Fiftiysomething Borg das gleiche Drama ereilen wie vor ihm Karl Moik. Nach einem Vierteljahrhundert an der Spitze der langlebigsten Volksmusiksause wurde er 2005 aus Altersgründen abserviert, was schon damals als irgendwie unfein, aber alternativlos galt. Sein Nachfolger hieß, genau, Andy Borg. Doch das 182. Musikantenstadl im Juni wird sein letztes sein, dann bastelt das Erste an einer Version 2.0, wie es heißt. Mit Zugkraft auch außerhalb der Altersheime – weniger Tiroler Gamsbärte, mehr urbane Vollbärte.

Adios Amor.


Bild-Tricks & Populärmusiksausen

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

16. – 22. März

Eigentlich ist es ja erfrischend, dass mal nicht nur routiniert in, sondern hitzig über Talkshows geredet wird. Gut, Günther Jauch hätte sich gefreut, wenn sein leidlich intakter Ruf dank des manipulierten Mittelfingers vom griechischen Finanzminister Varoufakis nicht abermals implodiert wäre. Und dass Jauchs junger, kluger, lustiger, bissiger, kreativer, also ungleich besserer, nur leider im Nachtprogramm versteckter Kollege Jan Böhmermann das Ganze dann auch noch nach Kräften veralbert, macht die Peinlichkeit, das Erste über den Umweg übler Bild-Methoden auf RTL-Niveau zu drücken, auch nicht erträglicher. Aber immerhin bleibt man mit so billigen Tricks im Gespräch.

Aber immerhin bleibt man mit so billigen Tricks im Gespräch. Billig war ein paar Tage später auch der Versuch von Anne Will, ein linkes Thema von rechts zu zerquatschen. Statt der Autorin einer bissigen Zeit-Kritik am ungerechten System steuerfreier Erbschaften wenigstens jemand halbwegs Gleichgesinntes zur Seite zu stellen, plagte sie sich mit dem manchesterkapitalistischen Armenhasser Michael Hank von der FAZ herum, dem spaßliberalen Armenhasser Wolfgang Kubicki und irgendeinem CDU-Vasallen, der ungehinderten Reichtum ebenfalls als Menschenrecht betrachtet.

Wenn hier selbst der notorische Gerechtigkeitspolterer Gysi fehlt, wähnt man sich also fix im Bierzelt. Oder wahlweise auf einer Volksmusiksause, deren Branche anspruchsvollen Gemütern vorige Woche den nächsten Tiefschlag verpasst hat: Carmen Nebel bleibt dem ZDF erhalten. Hiphiphurra. Bis 2017 wurde der Vertrag für ihre bierselig schunkelnden Willkommensshows im ZDF verlängert. Die Zukunft riecht also auch im Zweiten Programm verteufelt nach Fünfzigerjahre – während die von RTL2 immerhin aussieht wie zur Jahrtausendwende, als der Ballermannkanal mit den Popstars auf sich aufmerksam machte, die nun zurück auf den Bildschirm kehren.

Wobei auch hier wieder dufte Synergieeffekte locken – richtet das gemeine Casting-TV im Grunde doch längst die Besetzungen künftiger Volksschlagersausen der Marke Nebel zu, das all den Nachfolgern der No Angels früher oder später ein Teilzeitasyl auf der Flucht vor anhaltender Erfolglosigkeit bietet.

0-FrischwocheDie Frischwoche

23. – 29. März

Ein bisschen prinzipientreuer ist da die unverstellte Bergidyllenwelt vom Musikantenstadl, auch wenn es dort seit Neuestem erstaunliche Misstöne gibt. Mit 54 ist Andy Borg zwar erst ungefähr halb so alt wie das volksmusikalische Durchschnittspublikum im Ersten. Dennoch moderiert er die Sendung am Samstag zum vorletzten Mal, weil auch dort auf Silbereisen-Niveau verjüngt werden soll. Ist schon seltsam, die Populärmusikbranche. Feiert sie doch tags zuvor auf gleichem Kanal live einen Musikpreis namens Echo, der sich einzig an Verkaufszahlen bemisst, was ungefähr so zeigenswert ist, als würde Deutschland seine längsten Autobahnauffahrten als die besten küren. Moderiert dann natürlich ebenfalls vom kreischenden Doppeld-D-Dekolletee Barbara Schöneberger. Für so einen Mumpitz hält die ARD übrigens drei volle Stunden Primetimezeit bereit. Für den bedeutsamen Grimme-Preis dagegen bleibt Freitag leider nur 3sat, wo die Verleihung um 22.35 Uhr als Zusammenfassung läuft.

Tja, das Öffentlich-Rechtliche und die Sendeplätze… Während für ein banales Fußballländerspiel gegen Australien jede Sendestruktur perforiert, um es pünktlich nach der Tagesschau im ZDF zu starten, zeigt die ARD das allerletzte Interview mit Helmut Kohl von Stephan Lamby und Michael Rutz Dienstag und Mittwoch 20 Minuten nach Mitternacht (die vollen sechs Stunden gibt’s auf www.tagesschau.de). Man könnte glatt den Glauben verlieren an seriöses Fernsehen. Na immerhin zeigt 3sat die ganze Woche über, dass es Dinge gibt, an die zu glauben sich lohnt. Mit Filmen, Dokus, Reportagen, Essays, Magazinen und Thorsten Epperts hinreißendem Glossar Glaube A-Z (Montag, 20.15 Uhr), fragt der Sender aufrichtig: Woran glaubst du?“ und kriegt bis Samstag jeden Abend kluge Antworten.

Wir Medienwachleute glauben dann aber doch nur an gutes Fernsehen, dass leider allzu oft gebraucht ist, womit wir bei den Wiederholungen der Woche wären. Schwarzweiß diesmal am Montag (20.15 Uhr, Arte): Gewagtes Alibi, ein düsteres Gewaltepos von 1949 mit Burt Lancaster als Wachmann, der für seine Liebe in die Unterwelt taucht. Und würde Vox die drei Stunden Avatar am Donnerstag nicht mit 45 Minuten Werbung aufpumpen, wäre der Farbtipp kein anderer. Nämlich Papillon von 1973 (Mittwoch, 1.55 Uhr, ARD) mit dem unvergleichlichen Steve McQueen als realem Häftling einer karibischen Knastinsel.


Attwenger, Modest Mouse

Attwenger

Wenn uncoole Sachen berlinmittetauglich hochgekühlt werden, bedient sich die PR gern großer Kreuzbuchstaben im Namen Schon das bräsig beleumundete Weihnachtsfest wurde so zum fetzigen X-Mas aufgemotzt, nun wanzt sich die ungleich bräsigere Volksmusik als VolXmusik an poppigere Popstile für jüngere Zielgruppen heran. Das ist so billig wie durchschaubar, hat aber zuweilen durchaus seine Berechtigung. Bei Attwenger zum Beispiel. Das Duo aus Linz verbindet ihren alpin grundierten Sound so gekonnt und vielschichtig mit oberösterreichischem Idiom zu einer Art analoger Elektronika, dass das X in der Mitte wirklich mal seine Berechtigung hat. Als Ausrufezeichen.

Auch auf ihrem neuen Album Spot, das wie die meisten der zwölf anderen in fast 25 Jahren auf Dialekt und Englisch gleichermaßen eine Bedeutung hat, kennzeichnet es nämlich 23 Stücke, die den ganzen Aberwitz von Attwenger zeigen. Markus Binder (Schlagzeug) und Hans-Peter Falkner (Akkordeon) machen aus dem, was in Restbeständen tatsächlich volksmusikalisch daherkommt, auch diesmal 23 Stücke, die wie kleine Erzählbände über den Clash der Moderne im traditionellen Umfeld berichten. Da wird Glenn Miller zu Brass Banda, REM zu Hubert von Goisern und Hans Moser bleibt manchmal einfach Hans Moser, unterhält sich dabei aber mit japanischen Touristen in Wien. Das ist in aller Kürze – kein Track länger als 2:43 – nicht immer was für Intellektuelle, aber schlichtweg brillant, mit doppelt großem XXX und drei Ausrufezeichen hintendran.

Attwenger – Spot (Trikont)

Modest Mouse

Mindestens ein Ausrufezeichen mehr, aber kein überflüssiges X kriegt die neue Platte von Modest Mouse – schon, weil die Wartezeit von nahezu acht Jahren so ungeheuer lang und damit furchtbar war. Wenn Issac Brock dann aber nach einem gemächlichen Opener sein grandios übersteuertes, empathisch aufgeregtes, oft etwas hibbeliges, aber stets wohltemperiertes Vokalfeuerwerk über Lampshades On Fire kippt, ist alles wieder gut. Dann hatte das Warten einen Sinn und eine der besten Bands Amerikas ist wieder mitten im Herzen des gediegenen Indierocks gelandet. Und im Herzen der Hörer, das vor allem.

http://vevo.ly/5IDK8Y

Mit Bläsern, Percussion, Extra-Drums ist da einstige Trio aus dem Nordwesteck Washington mittlerweile zum Sextett angewachsen, aber die Alternativehymnen aus Brocks Feder haben ja auch schon symphonisch geklungen, als er noch mit Jeremiah Green und John Wickart allein auf der Bühne stand. Und die erweiterte Besetzung macht die alte Klangfülle gut 20 Jahre später nur noch gehaltvoller. In den besten Momenten klingt das dann, als hätten sich Grand Buffet und Ween zur Superband niveauvollen Irrsinns zusammengetan. Selbst in den weniger hinreißenden Augenblicken aber bleibt Strangers To Ourselves  ganz einfach Modest Mouse, wie es nicht nur Fans viel zu lange missen mussten. Ob sie damit wieder die Billboard-Charts stürmen wie 2007 sei mal dahingestellt; Platz 1 der Wiedersehensfreude ist aber garantiert.

Modest Mouse – Strangers To Ourselves (Epic)


Dagobert: Das war Selbstmord auf Raten

Dagobert2Dagobert Jäger ist ein skurriles Phänomen. Der autodidaktische Singer/Songwriter aus den Alpen macht Schlager, der sich an Vorbildern von Die Flippers bis zu den Scorpions orientiert. Sein Habitus wirkt dabei frei von jeder Ironie. Und dann erscheint der bestgekleidete Schweizer 2014 auch noch in einer Mischung aus Nosferatu, Hipster und Metalhead zum Interview. Da fällt es schwer, den 32-Jährigen mit Wohnsitz Berlin ernst zu nehmen, weshalb offen bleibt, ob er einen beim Gespräch über sein zweites Album Afrika konstant auf den Arm nimmt oder wirklich so hinter seinem absurden Sound steht, wie er es mit bierernster Miene betont.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Dagobert, wenn von dir und deiner Musik die Rede ist, geht es häufig schnell um das Thema Ironie…

Dagobert: Da hab ich auch schon von gehört.

Wie definierst du den Begriff?

Also wenn ich es definieren müsste, wäre es eine Art, sich mit Worten auszudrücken, die man im Grunde gar nicht so meint, um eine zweite Ebene zu eröffnen, die sachlich klingt, aber am Ende doch Ernst durch Humor ersetzt, um sich dabei selbst besser zu fühlen. Wie würdest du’s denn definieren?

Mit bewusster Überzeichnung, um den wahren Charakter einer Sache zu brechen und gegebenenfalls ad absurdum zu führen.

Umso mehr finde ich nicht, dass der Begriff auf mich und meine Musik nicht anwendbar ist.

In deinen Schlagern steckt kein Funke Ironie?

Ach, ich mache doch gar keinen Schlager. Aber es gibt ein paar Dinge, die ich mitteilen möchte und meine es dann auch so, wie ich es singe. Gleichzeitig habe ich aber immer den Anspruch, gut zu unterhalten. Das verwechseln manche dann offenbar mit Ironie. Dabei orientiere ich mich eher Hank Williams.

Den Country-Sänger.

Der hat auch über schwierige, oft schlimme Erlebnisse gesungen, allerdings so vertont, dass man beim Hören Spaß empfindet. Für ihn war das eine Art Therapie. Wie er versuche auch ich mich möglichst einfach auszudrücken, damit man die Worte trotz ernster Inhalte auch genießen kann. Wenn es sich dann auch noch reimen soll, steckt dahinter natürlich mehr als die reine Wahrheit und nichts als die Wahrheit; dennoch benenne ich Dinge so, wie sie sich in mir zeigen. Ich will nichts verfälschen.

Und sich über niemanden lustig machen?

Ganz genau. Dennoch ist mir wichtig, dass man mich – egal, wie ernst es mir ist – auch nicht zu ernst nehmen sollte. Es gibt keinen Ernst in der Welt; deshalb ist die einzige Wahrheit, an die ich glaube, die absolute Sinnlosigkeit von allem, von der man sich bloß bestmöglich abzulenken versucht. Wenn man sie nämlich allzu sehr an sich heranlässt, dreht man unweigerlich durch. So seriös ich meine Musik also betreibe, so sehr weiß ich doch, dass sie wie alles andere auch nicht wirklich wichtig ist.

Ist das nun fatalistisch oder philosophisch?

Gibt’s da einen Unterschied? Ich glaube, beides kann parallel bestehen, ohne sich gegenseitig auszuschließen.

Wie gehst du denn damit um, dass die Menschen den Ernst, der deinen Liedern innewohnt, so häufig als ironisch oder mindestens irgendwie ulkig missverstehen?

Ich habe da große Geduld mit den Menschen, dass sie es mit der Zeit immer besser verstehen, wie sehr ich meine, was ich singe. Selbst wenn meine Zuhörer nur eine Art Belustigung aus meiner Musik ziehen, ist dafür ein Anfang gemacht.

Aber besteht nicht die Gefahr, dass deine Musik ihre Attraktion verliert, wenn die Leute den Ernst dahinter begreifen? Dass sie womöglich bloß die Absurdität mögen und nicht den Hintersinn?

Ganz im Gegenteil. Erst in dem Moment erleben sie meine Musik, wie ich sie erlebe. Schon jetzt kapieren einige Leute, was ich ihnen wirklich vermitteln möchte. Da habe ich ihnen noch einiges zu geben.

Wie wirst du denn überhaupt in der echten Schlagerszene aufgenommen, die ein völlig ironiefreies Verhältnis dazu haben, was andere zum Prusten bringt?

So weit ich weiß überhaupt keins. Vielleicht liegt es daran, dass ich bei einem Indie-Label wie Buback erscheine, aber irgendwie bin ich da schlicht noch nicht angekommen.

Wie bist du denn umgekehrt zum Schlager gekommen – durch familiäre Prägung?

Nein, ich habe vorher keinen Schlager gehört und war auch nie sonderlich musikalisch. Als ich angefangen habe, Musik zu machen, war ich 100 Prozent talentfrei und schon froh, drei zusammenhängende Töne hinzukriegen. Komplexität klang bei mir primitiv oder umgekehrt. Irgendwann hab ich aber gecheckt, es gibt funktionierende Songstrukturen, die dennoch simpel bleiben. Besonders, wenn ich etwas über Mädchen geschrieben habe, die ich gut finde. Vorher dienten meine Texte nur dazu, die Musik zu begleiten, plötzlich drückten sie echte Gefühle aus und ergaben einen Sinn.

Welchen Sinn ergibt denn eine Textzeile wie ich verschwinde aus der Zivilisation auf der neuen Platte?

Die stammt von 2008, als ich völlig allein in einem Bergdorf gelebt habe. Da bin ich ein bisschen vereinsamt, ohne Kohle oder soziale Kontakte, nur Musik. Ich musste also eine Lösung suchen. Eine war, komplett aus der Zivilisation auszusteigen, worauf ich mich einigermaßen seriös in einer Art Selbstmord auf Raten vorbereitet habe: allein in der Wildnis, Wasser aus dem Bach, Pilze essen.

Und die zweite?

Karriere zu machen.

Pendelt deine zweite Platte Afrika dann so ein bisschen zwischen beiden Alternativen, also Flucht und Karriere?

Vielleicht. Wobei das erste Album eher eine Verschönerung meiner Demos war, während dieses hier viel aufwändiger produziert ist. Es wird abenteuerlicher, interessanter, inhaltlich vielfältiger. Es gibt neue Optionen.

Mit dem Sehnsuchtsort Afrika im Titel, der sich realpolitisch grad ja gerade nicht als Fluchtpunkt eignet, angesichts der Kriegen und Seuchen dort. Wie kam es zu diesem Namen?

Die Idee dazu ist viel älter als die aktuellen Diskussionen. Sie mag einem verklärten Bild von Afrika folgen, aber ich ziehe mir auch keine Nachrichten rein, sondern stelle es mir einfach schön vor dort. Das ist wahrscheinlich ein bisschen naiv.

Typisch Schlager oder?

Kann schon sein. Ich gebe mir echt Mühe, mich von Informationen fernzuhalten und lebe ein bisschen in meiner eigenen Welt. Ich glaube aber auch nicht, dass ich dazu verpflichtet bin, alle Zusammenhänge zu verstehen. Jeder hat seine eigene Aufgabe im Leben, und meine ist diese Musik.

Für die du allen Ernstes David Hasselhoff oder Die Flippers als Vorbilder nennst.

Das beruht auf einem kleinen Missverständnis. Als ich Die Flippers für mich entdeckt habe, hatte ich schon 120 Songs geschrieben, und danach hat sich gar nicht viel geändert, obwohl ich sie sehr gern mag. Meine Musik wurde entwickelt, ohne dass ich zuvor irgendwas Deutsches gehört hatte.

Aber wie bitte kommt man als Thirtysomething mit Wohnsitz Berlin auf eine Musikantenstadl-Band wie Die Flippers?

Ich habe das Abschiedskonzert dieser drei extrem schrägen Typen in der ARD gesehen, mit einer Bühnenshow, die ich noch nie gesehen hatte, fast psychedelisch. Bis dahin fand ich deutsche Musik meist viel zu verkopft und dachte, unsere Sprache ergäbe zusammen mit Sound keinen Sinn. Dank der Flippers habe ich gecheckt, dass es doch noch mehr gibt.

Der Text ist vorab auf http://www.musikblog.eu erschienen