Prechts Schlägerei & Branaghs Johnson

Die Gebrauchtwoche

TV

26. September – 2. Oktober

Das Wortspiel ist älter als der Barte des Propheten, aber immer, wenn irgendwas bei gleicher Zusammensetzung irgendwie umbenannt wird, sagt irgendwer garantiert, und Raider heiße jetzt Twix. Mehr Querverweise in die Zeit, als der deutsche Schokoriegel globalisiert wurde, gibt es allerdings nicht durch die Umbenennung von Starzplay ins weltweit bekannte Lionsgate+, das Unternehmen hinter der Videoplattform, die andernorts wiederum unter Starz bekannter ist, vor 27 Jahren in Kanada gegründet wurde und damit 13 Jahre jünger ist als zwei Kinder der Raider-Epoche, die grad 40. Geburtstag feiern.

Im Herbst 1982 feierten nämlich zwei Serien Fernsehpremiere, die unterschiedlicher kaum sein könnten und einander dennoch bedingt haben: Knight Rider und Pumuckl, bedingungsloser Technikglaube hier, fortschrittsmüde Nostalgie dort. Und dass letzterer gerade ein Remake erhält, während erster schon durch die Teilnahme David Hasselhoffs längst absurder ist als der drolligste Kobold, zeigt ein bisschen, wohin die Reise im Angesicht von Krieg und Klimawandel gesellschaftlich gerade geht.

Die Sehnsucht nach dem Gestern ist so stark am Bildschirm, dass viele Zuschauer*innen sich erschüttert abwenden von der Realität – allerdings nicht aus Gründen, die Richard David Precht mit Harald Welzer in seiner philosophischen Wirtshausschlägerei Die Macht der Massenmedien insinuiert, sondern weil die Wucht der Dauerkrisen für viele nur mit Eskapismus erträglich geworden ist. Talkshows wie die, in der Markus Lanz vorigen Mittwoch mit dem Verfasser kollidierte, sehen viele von denen schon lange nicht mehr.

Der Rest konnte am Mittwoch live erleben, wie sich Precht beim ähnlich wohlfrisierten Moderator bitterlich beklagte, dass Presse-Organe links vom rechten Rand seine populistisch anschlussfähige Medienschelte nicht ebenso abfeiern wie die AfD und vermutlich auch das Kampfblatt des Springer-Chefs, über den das hauseigene Wirtschaftsportal Business Insider Ulkiges veröffentlichte: Mails des deutschen Trumpeters Mathias Döpfner nämlich, in denen er Elon Musk schon Anfang des Jahres riet, Twitter zu kaufen.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

3. – 9. Oktober

Schöne neue Alphatierwelt, der ein ausgesprochen narzisstisches Exemplar abhandengekommen ist, aber nun als Biopic-Figur zurückkehrt: Boris Johnson. In der Sky-Serie This England spielt kein geringerer als Kenneth Branagh ab Donnerstag den frisch ersetzten Premierminister, und zwar als betriebsblinde Knalltüte, deren Zögern zu Beginn der Corona-Pandemie (nicht nur) aus Sicht von Showrunner Michael Winterbottom Tausende von Menschenleben und Abermilliarden Pfund gekostet haben könnte.

So bitter das reale Resultat war, so unterhaltsam ist das fiktive – und ähnelt damit Andrew Dominiks Biopic Blond mit der Spanierin Ana de Armas als Marilyn Monroe, seit kurzem bei Netflix. Auch sonst steht die Woche im Zeichen beeindruckender Frauen. In der deutsche-schwedischen Neo-Serie Lea – The Fighter zum Beispiel wird ab Freitag eine Boxerin skizziert. Im Sky-Remake Kung Fu wird der legendäre Siebzigerjahre-Shaolin David Carradine ab Sonntag durch eine Kämpferin ersetzt. Parallel dazu feiert Maria Furtwängler den 30 Tatort-Einsatz als Charlotte Lindholm in 20 Jahren.

Tags zuvor dominiert Liv Lisa Fries (mehr als ihr querdenkender Kollege VOLKer Bruch) an gleicher Stelle auch die vierte Staffel von Babylon Berlin der wilden Zwanziger bis Dreißigerjahre (in denen heute Abend auch der schale ARD-Zweiteiler Das weiße Haus am Rhein spielt). Im achtteiligen Mystery-Thriller Himmelstal geraten Zwillingsschwestern (Josefin Asplund) ab morgen auf One in ein psychiatrisches Experiment. Und selbst die 13. (angeblich letzte) Staffel Walking Death wird ab heute bei Disney+ eher weiblich als männlich dominiert.

Aus diesem Geschlechterschema fallen nur zwei Neustarts heraus: Die Anthology-Serie The Resort verhandelt ab Freitag bei Peacock/Sky auf mystische Art Eheprobleme im Ferienparadies. Parallel dazu startet der Grusel-Spezialist Mike Flanagan sein drittes Netflix-Format mit dem sagenhaft dämlich übersetzten Titel Gänsehaut um Mitternacht, eine Art Club der roten Bänder im Spukhaus.


Lindners Löhne & Eyssens Sisi

Die Gebrauchtwoche

TV

19. – 25. September

Man muss sich das kurz im neoliberalen Ohr zergehen lassen: Christian Lindner, Fan besinnungsloser Autobahnraserei und Apothekenprofite, schlägt vor, Bezüge zu deckeln, und zwar ausnahmsweise nicht diejenigen arbeitsloser oder ähnlich einkommensschwacher Menschen, denen er das Existenzminimum nicht unterm Fingernagel gönnt. Nein: Besserverdienenden, also seinesgleichen. Zumindest, sofern sie Teil der öffentlich-rechtlichen Führungsspitze sind, deren Reporter*rinnen oftmals allzu kritisch mit der FDP umgehen.

Ach ja, anschließend forderte er – unter Umgehung staatsvertraglicher Kenntnisse – auch noch, die Rundfunkbeiträge zu deckeln. Grund dafür: eine öffentlich-rechtliche Doppelberichterstattung der Queen-Beerdigung, was – trotz 4,1 Milliarden Welteinschaltquote, die auch deutsche Medien von einer argentinischen Bloggerin abgeschrieben habe – fürwahr kein gebührenfinanziertes Ruhmesblatt war, aber gleich Anlass zum Bruch mehrerer Verfassungsgerichtsurteile? Für Lindner schon, den man da allerdings hören möchte, wenn nur einer der beiden Sender vom nächsten FDP-Parteitag berichtet.

Und warum blieb ein Finanzminister, der Mietpreisdeckel kommunistisch findet, aber Gaspreisdeckel liberal, eigentlich stumm, als die Tagesthemen am Dienstag gleich von zwei Personen moderiert wurden? Ach ja, weil Ulrich Wickert nur mal kurz bei Caren Miosga reinschneite, um ihr dafür zu gratulieren, dass sie ihn als Moderator mit der längsten Dienstzeit abgelöst hat. Eine Doppelspitze gibt es dagegen, wenn RTL Ende 2022 das ablaufende Jahr Revue passieren lässt. Neben Thomas Gottschalk am Mikro, Achtung: Karl Theodor zu Guttenberg, der selbst für CSU-Verhältnisse ausgesprochen egoman und windig war.

Also ganz gut zu Gottschalk und Privatsendern passt… Da dürfte die Bild-Zeitung doch balkenbreit frohlocken, dass zwei ihrer Zugpferde gemeinsam vor der Kamera stehen. Zumal der zugehörige Internet-Sender Bild TV dank umfassender Kooperationen mit RTL noch nicht mal fremdes Material nutzen muss. Wie jenes, das er ARD und ZDF vor einem Jahr nach der Bundestagswahl geklaut hatte – und nun auch im zugehörigen Urheberrechtsstreit unterlag.

Die Frischwoche

26. September – 2. Oktober

Ob die Nachkommen derer zu Habsburg, einst das mächtigste Adelsgeschlecht Europas, Netflix fürs nächste Biopic ihres süßesten Gesichtes belangen wird, bleibt abzuwarten, aber sie ist wieder da: Sisi. Auch wenn Die Kaiserin der Herzen in Katharina Eyssens opulentem Sechsteiler partout Elisabeth genannt werden will. Als solche landet die Märchenprinzessin neun Monate nach der RTL-Serie Sisi in Franz-Josefs Käfig – allerdings ästhetisch so, als hätte Wes Anderson Babylon Berlin in Schloss Schönbrunn gedreht.

Schwer zu sagen, ob das kreativ oder unfreiwillig komisch ist, aber den Aberwitz dieser tausendfach verklärten Lovestory expressionistisch zu überdrehen, bleibt zumindest unberechenbar. Das hätte wohl auch Pistol gern von sich behauptet, ist nach Lage der Teaser (Disney+ hat bis zum Upload dieser Kolumne keine Screener geschickt), aber nur ein schaler Versuch, die Ur-Punks ab Mittwoch serientauglich zu kostümieren. Und damit zu einer Serie, die parallel an gleicher Stelle ohne Kostüm zum Besten zählt, was 2022 hervorbringen dürfte

In The Old Man spielt der unvergleichliche Jeff Bridges einen CIA-Agenten a.D., den die Vergangenheit als tödliche Allzweckwaffe abrupt aus seinem Exil in Verfolgungsjagden von ergreifender Intensität zieht. Was der Siebenteiler aus dem gleichnamigen Roman von Thomas Perry macht, ist somit nicht weniger als die Entdeckung der Actionlangsamkeit, an der man sich kaum sattsehen kann. Internationale Qualität eben, die deutsche Produktionen bisweilen fast mutwillig unterlaufen.

Die ZDF-Mediathek zum Beispiel mit dem nächsten Kommissar (Ulrich Noethen) der Samstag aus einer Großstadt (Hamburg) in die Provinz (Wendland) versetzt wird, wo er beim Mordermitteln seine Marotten kultiviert. Noch berechenbarer ist die Mystery-Serie Another Monday mit der verrückten Idee, drei Charaktere morgens in einer Zeitschleife erwachen zu lassen. Vielleicht sollte man das mal mit einem Murmeltier versuchen… Besser machen es da zwei Dokus: Passend zur linearen Ausstrahlung vom Lausitz-Drama Lauchhammer zeigt die ARD-Mediathek Hinter dem Abgrund, einer vierteilige Milieustudie übers (Über-)Leben im ehemaligen Braunkohlerevier. Und Samstag beleuchte Sky drei Teile lang das Leben und Sterben der Grünen-Ikone Petra Kelly.


Habecks Gestümper & Filme im Film

TV

Die Gebrauchtwoche

5. – 11. September

Falls es jemand noch nicht bemerkt haben sollte: The Queen is dead. Das haben alle, wirklich alle Medien am Donnerstag quasi in Echtzeit berichtet und auch danach tagelang wenig anderes. Wobei nicht nur die ungekünstelte Traurigkeit ansonsten eher nüchterner Journalist*innen überrascht, sondern mehr noch ihre Kritiklosigkeit. Denn Pietät hin oder her: dem 96-jährigen Spross einer elitären, inzestuösen, undemokratischen, reaktionären, alimentierten Blutsdynastie derart zu huldigen, wie es flächendeckend erfolgte – das ist trotz Elisabeths Lebensleistung geradezu pflichtvergessen.

Einigen verhalf der Titelthemenschwenk aber auch zur willkommenen Atempause. Allen voran Robert Habeck, der mit Interview-Gestümper wie bei Sandra Maischberger grad die grüne Kernkompetenz zelebriert, gute Umfragen mit dem Arsch verbockter Kommunikation einzureißen. Auch Mathias Döpfner war gewiss glücklich, dass eine Missbrauchsklage gegen Springer in den USA flugs wieder aus den Schlagzeilen fiel. Und auch der RBB freut sich über jeden Tag anderer Titelschwerpunkte als dem Sumpf im eigenen Haus.

Dass er mit Katrin Vernau nun eine Interims-Intendantin hat, rutschte ebenso an den Wahrnehmungsrand wie ein Korruptionsverdacht gegen NDR-Funkhauschefin Sabine Rossbach, die in aller Stille von ihrem Posten zurücktrat. Netflix dagegen hätte vielleicht gern ein wenig mehr Aufmerksamkeit dafür geerntet, dass der schlingernde Streamingdienst in Cannes vermutlich zum letzten Mal die meisten Nominierungen aller Produktionseinheiten feiern durfte, während Paul Ronzheimer beim Deutschen Fernsehpreis wieder leer ausgeht – was er in grenzenloser Selbstverliebtheit kommentierte.

„Herzlichen Glückwunsch meinen geschätzten Kolleginnen und Kollegen“, twitterte er an Katrin Eigendorf, Kavita Sharma, Steffen Schwarzkopf und beklagte, „dass BILD bei den Nominierungen (mal wieder) ignoriert wurde nach unserer Dauer-Berichterstattung seit Monaten“. Tja, lieber Reichelt-Buddy – viel von jeder Front zu berichten hilft halt wenig, wenn man es für ein demokratiefeindliches Kampagnenblatt tut. Immerhin sprangen ihm sein Chef Johannes Boie und Christian Lindners Gatt…, pardon: Welt-Reporterin Franca Lehfeldt zur Seite, dazu Andrij Melnyk, Micky Beisenherz, Sonia Mikich und, hoppla: Karl Lauterbach.

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Die Frischwoche

13. – 19. September

Alles Medienprofis, die prima zur Fortsetzung der ewigen Achtziger-Serie Reich & Schön passen, die Warner mit den Staffeln 31 & 32 fortsetzt. Und ein bisschen fühlt man sich angesichts solcher Machtspielchen auch an The Serpent Queen erinnert – ein achtteiliges Stück Historytainment, mit dem Starzplay seit gestern die Renaissance-Strippenzieherin Caterine di Medici in einer famosen Geschichtsgroteske voller Hauptfiguren würdigt, mit deren Bezeichnung gönnerhafte Männer gern Emanzipation simulieren: „Starke Frauen“.

So altväterlich dieser Begriff ist: er trifft natürlich doch irgendwie auch auf zwei weitere Reihenformate zu. In der mehrfach Emmy-prämierten US-Serie Hacks, soll die alte erfolgreiche Komikerin Deborah (Jean Smart) mit der jungen erfolglosen Autorin Ava (Hannah Einbinder) ein Stand-up-Duo in Las Vegas bilden, und dieses Feuerwerk zweier Zynikerinnen ist von der ersten bis zur achten Folge hinreißend. Das gilt auch für Irma Vep. Und bei wem es da klingelt: So hieß ein Film von Oliver Assayas, in dem er 1996 Film im Film im Film drehen ließ. Jetzt macht er dieses Matrjoschka-Prinzip zur HBO-Serie.

Ab morgen spielt der US-Superstar Mira (Alissia Vikander) bei Sky die Hauptfigur eines Remakes vom Stummfilmklassiker Les Vampires, beginnt allerdings mit der Gangsterchefin Irma auch privat zu verschmelzen – und wie Assayas Original, Neuauflage und Entstehen unablässig gegeneinander schneidet, das ist Realismus von expressionistischer Güte. So was würde ein achtteiliges Stück schwarzer Humor im Ersten wohl ebenfalls von sich behaupten – und das nicht mal zu Unrecht. Ab Freitag kratzt Höllgrund in der Mediathek mit schwarzem Humor am Landarzt-Mythos. Ebenfalls eher heiter als wolkig: Die deutsch-österreichische Dorfsatire Alles finster über den Umgang mit einem Blackout, ab heute (20.15 Uhr) in Doppelfolgen beim BR. Und definitiv eher wolkig als heiter, aber sehr gelungen: das Arte-Drama Borga (Mittwoch, 20.15 Uhr) mit Christinane Paul um ghanaische Männer in Deutschland und ihren Versuch, hier reich zu werden.


Moralapostel & Drachenjäger

Die Gebrauchtwoche

TV

22. – 28. August

Sanna Marin tanzt. Das ist zunächst keine allzu spektakuläre Nachricht. Aber weil es die finnische Ministerpräsidentin im Kreise ihrer Freundinnen tat und dabei verzückt, gar entrückt wirkte, heulen wutbürgerliche Moralapostel ob so viel guter Laune auf – weshalb sie freiwillig einen Drogentest machte. Thomas Weigelt prügelt. Das ist zunächst keine allzu spektakuläre Nachricht. Schließlich teilt der Bürgermeister im thüringischen Bad Lobenstein auch via Social Media gegen alle links seiner rechten Gesinnung aus – weshalb er die Beweise für seinen Angriff auf einen Reporter der Ostthüringischen Zeitung natürlich leugnet.

Ach ja: und Winnetou weint.

Da Ravensburger zwei Bücher zum neuen Abklatsch von Karl Mays eurozentristischer Abenteueranmaßung zurückzog, brüllte der Boulevard von Bild bis Bild so lange Cancel-Culture, bis sich das Erste entschieden hat, die Lizenz der strunzdämlichen Filme von anno dazumal nicht zu verlängern. Was wiederum zwei Fragen aufwirft: Warum muss man die Märchen des amerikaunkundigsten Wildwest-Fans aller Zeiten heute überhaupt noch zeigen, gar neu verfilmen? Und wer zerstört Frieden, Freiheit, Pluralismus, Rechtstaat, Demokratie eigentlich effektiver – Johannes Boie oder Patricia Schlesinger?

Ersterer fordert in seinem „Tageszeitung“ genannten AfD-Propagandablatt titelstoryweise die Rettung des Bilderbuch-Häuptlings der Apachen, ohne dabei auch nur einer Gegenstimme zuzuhören. Letztere hat dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk durch ihre Selbstbedienungsmentalität mehr geschadet als Hetzer wie Johannes Boie oder Björn Höcke zusammen. Tendenz: Antwort c. Denn Julian Reichelts Online-Portal hievt Boies Vorgänger zusehends auf Platz 1 aller Demokratiefeinde im Land. Und am Hamburger Verlagsgebäude von G+J prangt jetzt RTL.

Noch Fragen?

Die Frischwoche

29. August – 4. September

Falls ja, bitte nach den Tipps der TV- und Streamingwoche. Darin bewirbt sich das ZDF mit einer Serie zum Thema Flucht und Migration um Deutungshoheit. Liberame erzählt von der Besatzung einer gleichnamigen Segelyacht, die beim Törn durchs Mittelmeer Flüchtlinge aufgreift, im Sturm wieder verliert. Sechs Folgen lang böte der Stoff also die Chance, Moral und Gerechtigkeit zu erörtern. Nach Büchern von Astrid Ströher und Marco Wiersch hat sich Regisseur Adolfo J. Kolmerer ab heute zur besten Sendezeit zum Familienthriller ohne Tiefgang entschieden.

Dann lieber den gleichlangen Thriller Lauchhammer, der die Lausitz ab Donnerstag in der Arte-Mediathek zum Tatort einer Mordermittlung macht – was ein bisschen schade ist. Denn ohne Kommissare wäre der Sechsteiler eine echt gute Milieustudie. So aber ist es, na ja, ein Krimi mehr eben. Eine Comedy mehr könnte zeitgleich auch Hacks auf RTL+ sein. Aber wie es aussieht, hat die Serie mit Jean Smart als Stand-up-Altstar, der sich zur Karriereverlängerung neu verpartnern soll, nicht umsonst 300 Emmys gewonnen. Ebenfalls Donnerstag im RTL-Angebot: die zehnteilige Coming-of-Age-Mystery Lilly Save the World, während Felix Hutt deckt auf linear Reality-TV auf Malle simuliert.

Bämmm…

Kracher der Woche ist allerdings, womit Sky 50 Jahre später ans Olympia-Attentat erinnert. Freitag mit eher klassischem Dokudrama namens Münchens Schwarzer September, Sonntag gefolgt von Philipp Kadelbachs sechsteiliger Fiktion Munich Games. Der Regisseur lässt den antisemitischen Anschlag von damals gewissermaßen wiederholen. Ziel diesmal: ein Benefizspiel an gleicher Stelle, das Kadelbach in einem deutsch-israelische Thriller implodieren lässt, aber mit viel Gespür für soziale, kulturelle, politische Umwälzungen unserer Zeit im Licht von 1972.

Alles andere nur der Form halber: Die ARD zeigt am Freitag den Entführungsfünfteiler Thirteen, die ZDF-Mediathek parallel achtmal das weibliche Nerd-Potpourri Ruby. Und war noch was? Irgendwas? So am Rande? Ah ja: Amazon Prime versetzt Herr der Ringe im Rahmen der teuersten Serie ever einige Tausend Jahre zurück, und was soll man sagen – es ist überwältigend. Aber hört selbst: im Podcast Och eine noch.


Hinterlassenschaften & HBO-Drachen

Die Gebrauchtwoche

TV

15. – 21. August

Er hat es erneut getan! Vorigen Samstag hat die ARD fast ohne Vorankündigung eine Doku von Hajo Seppelt gezeigt, wo der investigative Journalist passend zur Europameisterschaft Missbrauch – sexualisierte Gewalt im Schwimmsport öffentlich machte. Und wieder ist eine Sportart in Aufruhr. Und wieder wird Besserung gelobt. Und wieder rollen Köpfe. Und wieder darf man umso mehr annehmen, dass sich die toxischen Männerbünde da dennoch irgendwie rauswurschteln.

Bei den European Championships wurden die toxischen Medienbünde öffentlich-rechtlicher Anstalten derweil nicht müde, offene PR für den Veranstaltungsort München zu betreiben. Das erinnert an den Hurra-Bajuwarismus der FCB-hörigen Sportschau und war bisweilen so lächerlich, dass man sich für Norberts Königs giggelnden Sportpatriotismus fast noch mehr schämte als die Unart, eingeblendete Athlet*innen zwanghaft mit nationalfahnenschwenkenden Landsleuten im Publikum zu illustrieren.

An Tagen wie diesen sind ARD und ZDF also gar nicht weit entfernt von RTL, das seinen Deutschland-Chef Stephan Schäfer nach nur einem Jahr Amtszeit durch Bertelsmann-CEO Thomas Rabe ersetzt, der ihn seinerzeit geholt hatte, nun aber trotzdem drei Konzernposten innehat. Immerhin bleibt Schäfer RTL „als Berater“ erhalten, wie es nach der „einvernehmlichen Trennung“ hieß. Das sind dann doch mal typische Blaulicht-und-Rotlicht-News vom früheren Marktführer, die auch gut zu Fox News passen würden.

Deren Haupthaus hat währenddessen angekündigt, eigene Dokumentarfilme zu drehen und dem verhassten CNN damit noch mehr Konkurrenz zu machen. Gut das Wolfgang Petersen das nicht mehr erleben muss. Der Regisseur diverser – teils massiv überschätzter – Filme ist bereits Freitag vorvoriger Woche gestorben und hinterlässt ein zeitloses Werk wegweisender Filme mit (Das Boot, Smog, Reifeprüfung) und ohne (Die unendliche Geschichte, Air Force One, Poseidon) Rückgrat.

Die mutmaßlich bestechliche, frisch entlassene und hoffentlich ohne Pension aufs Altenteil abgeschobene Patricia Schlesinger hinterlässt dem RBB dagegen ein Trümmerfeld, unter dem mittlerweile die komplette Direktion begraben liegt, seit ihr alle ARD-Anstalten das Vertrauen entzogen haben. Und Frank Plasberg hinterlässt seinem halb so alten Nachfolger Louis Klamroth ein Hart, aber fair, das es Ende November auf 750 Sendungen gebracht haben wird, in denen der Moderator die Talkshow als Genre popularisieren, aber auch radikalisieren half.

Die Frischwoche

22. – 28. August

Ähnliches gilt, kleiner Zeitsprung, für Game of Thrones. Vor elf Jahren verhalf die HBO-Serie dem Fantasy-Genre zu einem Wachstumsschub, als wäre die Fernsehwelt ein Mittelaltermarkt. Ab heute nun erzählt das Prequel House of the Dragon hierzulande bei Sky/Wow, wie das Schlachtengemälde 200 Jahre zuvor grundiert wurde – und das ist, ohne viel zu spoilern, dank eines furiosen Casts und eigensinniger Auslegung des Originals absolut sehenswert.

Das gilt leider nicht für die Comicverfilmung DMZ, Mittwoch an gleicher Stelle. Die Near-Future-Dystopie einer postapokalyptischen Gesellschaft, in der New York infolge eines – alles andere als unrealistischen – Bürgerkriegs zu einer demilitarisierten Sperrzone wird, in der – völlig unrealistische – Banden um die Vorherrschaft kämpfen, während eine bildschöne Mutter ihr verschollenes Kind sucht, ist weder schlecht noch gut, also weiter im Text. Zu The Tourist zum Beispiel.

Der BBC-Sechsteiler mit Jamie Dornan (Belfast) als Reisender, der ab heute im ZDF nach einem Unfall ohne Gedächtnis, aber mit Geheimnis durch Australien irrt, scheint nach Ansicht einer Folge ziemlich solide produziert und dabei durchaus ungewöhnlich gefilmt zu sein. Das genaue Gegenteil verkörpert der völlig missratene Kindesentführungsthriller Decision Game. Ab Freitag zeigt die ZDF-Mediathek (8. September Neo) das volle Repertoire an Effekthaschereien, die deutsche Krimiserien unerträglich machen. Ob es der Prime-Blockbuster The Samaritan mit Sylvester Stallone als Superheld zeitgleich besser macht dürfte aber fraglich sein.


Marias Burda & Hulks She

Die Gebrauchtwoche

TV

8. – 14. August

Die Hiobsbotschaften, sie reißen partout nicht ab. Nach Krieg und Inflation, Energie- und Klimakrise trennt sich nun auch noch das schillerndste Medienpaar im Land. Maria Furtwängler geht fortan ohne Hubert Burda über den roten Teppich der Ehe, wobei nur Zyniker meinen, die jugendliche Schauspielerin sei dem greisen Herausgeber seriöser Magazine von Superillu bis Bunte schlicht zu alt geworden…

Gemeinsame Sache machen dagegen Maja Göpel und Marcus Jauer – klammheimlich, behauptet Die Zeit in einem Text voller Häme und erklärt den Journalisten zum Ghostwriter ohne Namensnennung. Hochtransparent, entgegnet die Wissenschaftspublizistin via Twitter und droht dem Blatt mit Konsequenzen juristischer Natur. Schließlich sei es Jauer gewesen, der nicht auf Göpels Büchern stehen wollte und überhaupt: alles offen kommuniziert. Ist halt ein kompliziertes Geschäft, die prominenzbefeuerte Fach- und Sachliteratur am Buchmarkt.

Was umso mehr für die populismusbefeuerte Lach- und Krachliteratur am Boulevard gilt. Auf dem hat Ralf Schuler seinen Job als Parlamentsbüroleiter der Bild per Brandbrief an Verlagschef Mathias Döpfner mit dem Vorwurf gekündigt, dessen Propagandaorgan sei – kein Witz: zu „woke“. Jene Zeitung also, die heute wie fast jeden Tag auf der Titelseite gegen „Gender-Sprache“ und „Klima-Chaoten“ hetzt. Na ja, wenn er wie erwartet zu Julian Reichelts Blut- und Bodenfront aus Querdenkern, Wutbürgern, Realitätsleugnern überläuft, muss er sich sprachlich wie inhaltlich keinerlei Fesseln mehr anlegen.

Der ARD darf er demnach die Vernichtung wünschen und ihrer Vorsitzenden Patricia Schlesinger mindestens den Tod. Zuvor allerdings wird sie wohl noch vom RBB freigestellt, vulgo: entlassen. Neue Höhen erklimmt derweil Disney+. Dank seiner Backlist aus Superhelden und Star Wars hatte der Streamingdienst Ende Juni 222 Millionen Abonnent*innen und damit eine Million mehr als Netflix. Konsequenz: Kräftige Erhöhung der Monatsgebühr. Für die man teilweise aber auch echt gute Serien kriegt.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

15. – 21. August

Auch wenn der Titel zuweilen anderes befürchten lässt. Mittwoch startet dort She-Hulk, lässt mit Tatiana Maslany also eine Frau zum jähzornigen Marvel-Monster mutieren und klemmt noch den Untertitel Die Anwältin dahinter, weil sie ihresgleichen juristisch vertritt. Klingt bescheuert. Ist es auch. Enthält aber so viel fein verwobenen Feminismus, dass er zumindest in den ersten vier Folgen auf emanzipierte Art sehenswert ist. Was auch für den Sack Premieren der ähnlich aufstrebenden Konkurrenz von Apple TV+ gilt.

An der Spitze vorwiegend weiblich besetzt sind schon dem Namen nach fünf früh verwaiste Garvey-Schwestern, genauer: Bad Sisters, die sich ab Freitag mit viel schwarzem Humor durch ihren Nachlass wühlen. Weit jünger, aber ebenso frei von Y-Chromosomen sind die Surfside Girls einer gleichnamigen Mystery-Serie, in der sie beim Wellenreiten Geister jagen. Life by Ella ist parallel dazu gespensterfrei, aber mit Mädchen im Handlungskern, die für Empowerment stehen.

Das spielt in der Real-Crime-Fiction The Thing About Pam ab Montag bei RTL+ mit Renée Zellweger als Mordverdächtiger zwar nur untergeordnete Rollen, ist aber auch fernab des männerdominierten Mainstreams konzipiert. Was die Serie wiederum mit Kleo gemeinsam hat, einer DDR-Agentin, gespielt von Jella Haase, die sich ab heute bei Netflix mit den Widrigkeiten der deutsch-deutschen Teilung auseinandersetzen muss, ohne sich dabei ständig um Schminktipps zu kümmern.

Bisschen plumper Übergang, zugegeben; aber das Make-up von Kiss steht ja stärker im Vordergrund der unverwüstlichen Glamrocker als filigrane Riffs und Texte. Umso spannender ist eine Doku, die sich dem Phänomen Donnerstag auf Arte widmet. Amazon widmet sich tags drauf unterdessen der Schickeria Münchens vor rund 50 Jahren. Und RTL widmet sich Sonnabend den Supernasen Gottschalk/Krüger mit einer Jubiläumsshow. Puh.


Schlesingers Bärendienst & 4 Blocks alla Italiano

Die Gebrauchtwoche

TV

1. – 7. August

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk verfügt über genügend Werkzeuge, um am Ast zu sägen, auf dem er sitzt. Gewissenhaft seine Arbeit zu machen, ist eines der effektivsten; nichts hassen die Feinde pluralistischer Gesellschaften schließlich mehr als jene Form von publizistischem Pluralismus, für den ARD, ZDF und Deutschlandfunk inhaltlich stehen. Auch die Fokussierung auf schlechte Unterhaltung zulasten guter Informationen zerstört beharrlich Ruf und Güte der staatsvertraglich gesicherten Grundversorgung mit unabhängiger Berichterstattung. Noch effektiverer ist dagegen das, was Patricia Schlesinger getan hat.

Auf Vorwürfe von Nepotismus über Bestechlichkeit bis zu gebührenfinanzierten Galadiners daheim hat die ARD-Vorsitzende so intransparent, bockig, blöde reagiert, dass sie gestern auch als RBB-Intendantin zurücktrat – womöglich, um echter Aufklärung vorzubeugen. Davon ist die herausragende Journalistin bisher weiter entfernt als die Bild von seriösem Journalismus. Denn kaum, dass Schlesingers Abgang verkündet war, gab das rechtspopulistische Propagandablatt eine Umfrage beim AfD-nahen Meinungs(forschungs)institut INSA in Auftrag – und siehe da: 84 Prozent der Befragten forderten die Abschaffung der „Zwangsgebühr“.

Dass Bilds vulgärliberal-reaktionäres Partner-Medium Welt parallel dazu vor „grünen“ Fonds warnt, was zwar eigentlich nachhaltige und ökologische Geldanlangen betrifft, die aber natürlich nicht so nach der meistgehassten Partei des Porschefahrers Ulf Poschardts klingen, ist da nur eine Randnotiz. Aufgeschreckt sollten wir hingegen angesichts der Entscheidung sein, die Frankreichs Senat gerade gefällt hat. Dort nämlich wurde Emanuel Macrons Gesetzesvorlage durchgewunken, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk nicht mehr beitrags-, sondern steuerzufinanzieren – was langfristig seinen Untergang bedeutet.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

8. – 14. August

Wobei der Untergang ja immer auch seinen Reiz hat – was Marvin Krens abgrundtief großartige Gangsterballade 4 Blocks vor fünf Jahren bei TNT so eindrücklich zeigte, dass Sky Italia daraus ein Remake namens Blocco 181 macht. Das Neuköllner Bandenmilieu wird darin acht Teile lang gegen einen Mailänder Problembezirk getauscht, dass sich die Gesichtstätowierungen nur so biegen. Alles noch brutaler, noch skrupelloser, noch blutiger, noch thrilliger, aber keineswegs besser als das Berliner Original ab Donnerstag von Wiedemann & Berg.

Das gilt explizit nicht für das Remake der Woche: A League of Their Own. Genau 30 Jahre nach Penny Marschalls gleichnamigem Feel-Good-Movie um Baseballspielerinnen, die während des 2. Weltkriegs für kämpfende Männer einspringen, macht Amazon Prime daraus eine Feel-bestenfalls-okay-Serie, in der dank achtteiliger Auswalzung deutlich mehr Platz für den Tiefgang ausdifferenzierter Charaktere zwischen Misogynie und Rassismus jener bleiernen Jahre bleibt.

Ein weiteres Remake geht dagegen ziemlich in die Hose. The Ipcress-File, die sachliche Antwort auf James Bond mit Michael Caine statt Sean Connery, konnte Kritik und Fans Anfang der Sechzigerjahre in Spielfilmlänge durchaus überzeugen. Ab Sonntag schickt Sky den Geheimagenten Harry Palmer mit dicker Brille, schlechten Manieren, weniger Esprit auf die Suche nach einem entführten Atomphysiker – und das ist trotz hohem Production Value eher eine Clipshow in Sixties-Kostümen als gute Unterhaltung.

Also ein Stück weit entfernt von Nick Hornbys zweiter Staffel der Love Story Stake of the Union, ab Donnerstag in der ARD. Oder der Miniserie Momorial Hospital, die sich tags drauf bei Apple ein Krankenhaus im New Orleans nach dem Hurrikan Katrina ausdenkt, der die Stadt 2005 fast in den Abgrund gestürzt hätte. Aber eben nur fast…  Noch was? Ach ja – Netflix startet heute die Mystery-Serie The Sandman und WOW zeitgleich dazu die Horror-Comedy Ghosts.


Florians Querdenkerin & Dianas letzte Nacht

TV

Die Gebrauchtwoche

25. – 31. Juli

Folklore, Dirndl, Wertkonservatismus: das milliardenschwere Volksmusikbusiness steht CSU und AfD naturgemäß näher als Grünen oder Sozis, was potenzielle Entscheidungen des Zeremonienmeisters an der Wahlurne zumindest mal durchschaubar erscheinen lässt. Dazu passt, dass Florian Silbereisen die rechte Querdenkerin Nena zum ARD-Schlagercomeback eingeladen hat, weil sie “Deutschlands erfolgreichste Künstlerin” sei und – das wird man ja noch sagen dürfen: Meinungsfreiheit herrsche.

Dann hoffen wir mal, dass Xavier Naidoo keine Partypop-Version des Horst-Wessel-Liedes einspielt und es folgerichtig beim Flori zum Besten geben dürfte. Für ein Publikum also, dass die Finalteilnahme der deutschen Fußballnationalfrauschaft tendenziell als volksverräterische Abwandlung der gottgegebenen Rolle des Weibes an Herd und Wiege betrachtet. Der zukunftsfähige Rest dürfte sich hingegen daran erfreut haben, dass die Qualität der EM-Berichterstattung sogar noch höher war als die der Spiele.

Im krassen Kontrast dazu: die kritiklos jubelperserige Berichterstattung des Supercup-Finales von Meister und DFB-Pokalsieger, namentlich München vs. Leipzig am Samstag. Im Anschluss an dieses irrelevante Duell der Superreichen war sich Sat1 jedenfalls nicht zu blöde, sein liebstes Investment mit einer ran story: FC Bayern goes USA zu pampern. Die FAZ, noch so ein Medium von verwehender Relevanz, macht sich derweil mit einer quergedachten Falschmeldung lächerlich. Korrespondent Philip Plickert warf dem ZDF vor, auf der Homepage Fotos mit Regenbogenflagge vorm Kanzleramt manipuliert zu haben.

Ein Vorwurf, der sich mit oberflächlicher Internet-Recherche leicht wiederlegen ließ. Was die FAZ schon deshalb nicht tat, weil es ihr um die Agenda gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk geht, nicht berufsethisch grundierten Journalismus. Mit dem hat auch Facebook zusehends weniger zu tun, was dem Tech-Giganten jahrelang Fabelgewinne beschert hatte. Im 2. Quartal 2022 ging der Erlös verglichen mit dem Vorjahreszeitraum nun um ein Drittel auf 6,7 Milliarden Dollar zurück. Der erste Einbruch seit Zuckerberggedenken und womöglich ein Signal dafür, dass Facebooks Niedergang wahr werden könnte.

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Die Frischwoche

1. bis 7. August

Das vielfach zu Unrecht gescholtene ZDF liefert FAZ und Facebook unterdessen weiteren Stoff zum Bashing gebührenfinanzierte Kanäle: Einen Monat vor ihrem 25. Todestag zeigt das Zweite morgen die Regenbogenhistorisierung Dianas letzte Nacht und belegt damit seinen Hang zu Hofberichterstattung, aber auch Verschwörungsgeraune – das der hauseigene Spartenkanal Info tags darauf in der dreiteiligen Doku Verschwörungswelten analysiert.

Richtig gutes Historytainment liefert dagegen das Erste ab Freitag (vorerst leider nur) in seiner Mediathek. Ungefähr ein Jahr nach dem chaotischen Abzug westlicher Mächte aus Afghanistan zeigt der gelungene Vierteiler Mission Kabul-Luftbrücke, wie eine NGO anstelle staatlicher Stellen deutsche Ortskräfte evakuieren hilft. Fiktional interessant in dieser Woche: ein Spin-Off der erfolgreichen deutschen Netflix-Serie How to sell drugs online (fast) mit Bjarne Mädel als leicht tapsig krimineller Drogendealer Buba ab Mittwoch – was allein schon deshalb sehenswert sein dürfte, weil, nun ja: Bjarne Mädel eben.

Auch die 2. Staffel der diversen Biopic-Serie Gentleman Jack mit Suranne Jones als historisch verbürgte Abenteurerin und Industrielle Anne Lister, die sich Anfang des 19. Jahrhunderts als vermutlich erste Frau in Europa lesbisch trauen ließ und auch sonst ein außergewöhnliches Leben führte, ist empfehlenswert. In der ZDF-Mediathek startet dann zwei Tage später die achtteilige Patchwork-Comedy Vierwändeplus um eine WG so derartig diverser Thirtysomethings, dass die Serie nur eine Fiktion sein kann – und damit der Comic-Adaption The Sandman ab Freitag auf Netflix vermutlich nähersteht als dem wirklichen Leben.

Aus dem sich Nichelle Nichols alias Lt. Uhura am Samstag zur ewigen Enterprise beamen ließ. Danke für alles!


Randnotizen & Technohäuser

Die Gebrauchtwochen

TV

4. – 24. Juli

Das Sommerloch, dieser wochenlange Daueraugenblick ereignisloser Langeweile, gehört bekanntlich – selbst Ressortleiterinnen und Chefredakteure meinen: leider – der Vergangenheit an. Aktuell sorgen Pandemie, Krieg, Inflation für jahreszeitenuntypische Aufregung, die Klimakatastrophe, Finanzkrisen, Rechtspopulismus schon länger befeuern. Umso schöner, wenn es auch Randnotizen noch in den Fokus einer überhitzten Medienlandschaft schaffen. Wobei Randnotizen da Auslegungssache sind.

Ob Elon Musks Rückzug vom Twitter-Kauf dereinst unter „war was?“ firmiert oder die Zeitläufte verändert, dürfte bald Heerscharen überbezahlter Wirtschaftsanwälte beschäftigen, hält den selbstvernarrten Mobilitätsmilliardär jedoch verlässlich im Fokus. Genau dorthin folglich, wo Dieter Bohlen zuhause ist, der deshalb (zweimalig) DSDS moderieren soll, bevor es (nicht er )in Rente geht – heim zu RTL also, das derweil eine lausige Kopie von Wetten, dass…? mit dem fürchterlichen Guido Cantz erst lanciert, dann kassiert hatte.

Saisonale Banalitäten halt, zu denen eigentlich auch der Tod von Dieter Wedel zählen sollte, wäre der frühere Großmogul des hiesigen Fernsehmehrteilers nicht im Zuge von #MeToo als sexueller Gewalttäter eines frauenfeindlichen Ausbeutungssystems enttarnt worden. Mitten ins Sommerloch gehört dagegen der Streit ums schlüpfrige Bierzeltgegröle Layla, mit dem Ikke Hüftgold den Nerv der Tugendwächter reizt und sich dafür sogar in der ZEIT rechtfertigen durfte.

Auf dem Titelblatt der liberalkonservativen NZZ war zugleich ein drollig verfremdetes Meme mit Wladolf Putin in Regenbogenfarben zu sehen, wofür ihr das russische Regime reflexhaft mit Konsequenzen drohte. Hunde die beißen, bellen halt, während Unterhaltungskonzerne die bellen, irgendwann auch streamen – wie sich nun auch am Beispiel Paramount zeigt, der sein Online-Angebot mit Plus dahinter im Dezember nach Deutschland holt, während Magenta TV ankündigt, keine Serien mehr zu produzieren. Schade eigentlich.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

25. – 31. Juli

So schade, wie den Sendestart folgender Formate urlaubsbedingt unterschlagen zu haben: Die Schüsse von München etwa, eine herausragende Sky-Aufarbeitung vom rechtsextremen Anschlag aufs OEZ in München, den CSU und Polizei fast sechs Jahre lang als unpolitische Einzeltätertat verharmlost haben. Empfehlenswert auch die achtteilige Horrorkomödie The Baby, seit Donnerstag ebenfalls auf Sky zu sehen, wo das achtteilige italienische Gefängnisdrama Il Re läuft.

Und damit zu ein paar Neuigkeiten der Woche, denen wir Eckart von Hirschhausens gesendete Apotheken Umschau Einfach besser leben! ab heute werktäglich im ARD-Nachmittagsprogramm eher chronistenpflichtig hinzufügen. Weniger geriatrisch wird es dagegen trotz historisierendem Ansatz ab Freitag in der ARD-Mediathek, wo der HR acht Teile lang das Techno House Deutschland erkundet, also Wurzeln, Wiege, Gegenwart der elektronischen Musik im Land der Stockhausens und Kraftwerke.

Parallel dazu bedient sich Apple TV+ des cineastischen Taschenspielertricks Amnesie, um seinen Psychothriller Surface schlüssig zu machen, derweil dort die kulleräugige Amber Brown als Scheidungskind zur Kinderserienfigur wird und Amazon Prime das beliebte Mystery-Comic Paper Girls in Serie adaptiert. Noch erwähnenswerter: der deutsche Sechsteiler Liberame mit Friedrich Mücke und Ina Weisse, die Flüchtlinge ab Samstag in der ZDF-Mediathek aus Seenot retten und dafür in die Mühlen einer rassistischen Justiz geraten.

Tags drauf startet dann noch die groß angekündigte Fortsetzung der einstmals revolutionären Serie Queer as Folk bei Starzplay, nachdem die noch viel größer angekündigte Agentensause The Gray Man mit Ryan Gosling ab Mittwoch bei Netflix eher was für männliche Menschen ist, die sich auch im postheroischen Zeitalter noch an ebenso unverwundbaren wie schlagfertigen Superhelden ohne Superkräfte ergötzen können.


Krauses Fummel & Schirachs Strafe

Die Gebrauchtwoche

TV

20. – 26. Juni

Wenn RTL seine Prollpfosten in Frauenfummel steckt, als sei die Verwandlung ein Trinkspiel, ist Vorsicht geboten. Mit Kandidaten wie Micky Krause, Bernhard Brink oder David Odonkor sprengte das niederländische Format Viva la Diva am Montag ja nur oberflächlich biologische Geschlechtergrenzen. Moderiert von Tim Mälzer mit Lacknägeln, bewertet von Jorge González bis Jana Ina Zarrella, gaben sich die Knalltüten des kommerziellen Entertainments Dragqueen-Namen wie Minnie de la Cruise, Kandy Rock oder Titania Diamond.

Doch spätestens, als sich der Sender vom Sieger Faisal Kawusi distanzierte, weil er zuvor mit KO-Tropfen in den Schlagzeilen steckte, war RTL wieder ganz bei sich. Entfernte sich allerdings kurz darauf wieder ein Stück, als die Verpflichtung des ZDF-Rechercheteams um Birte Meier publik wurde. Als freie Mitarbeiterin von Frontal 21 hatte sie 2015, Eingeweihte erinnern sich, das Zweite zwar erfolglos, aber wirkmächtig wegen ungleicher Bezahlung verklagt. Ob sie jetzt das Gleiche verdient, wie – sagen wir: Steffen Hallaschka, der als Supa Nova bei Viva la Diva mitfummelte, dürfte sie demnächst also selber veröffentlichen.

Auch sonst handelten viele Meldungen zumindest am Rande vom früheren Marktführer aus Köln. Der hatte sich erst kürzlich den Hamburger Großverlag G+J einverleibt, dessen früherer Stern-Chef Henri Nannen mittlerweile endgültig als Antisemit entlarvt und aller Ehren beraubt wurde – etwa als Namensgeber eines Preises, der nun anders heißt und weiterhin wichtig ist, aber nicht annähernd so wie jener Friedensnobelpreis, den der russische Journalist Dimitri Muratow für 103 Millionen Euro zugunsten ukrainischer Kriegsopfer versteigern ließ.

Dass sich Sat1 laut DWDL von allen Scripted Realitys trennt, bedarf allerdings noch der Bestätigung. Würden die Fakedokus ersatzlos gestrichen, liefe dort ja praktisch nur noch Werbung. Ein Qualitätsverlust wäre das allerdings nicht. Womit es um die Online Grimme Awards gehen darf, bei denen unter anderem und der Podcast Cui bono – WTF happened to Ken Jebsen siegreich war. Und damit zurück zu RTL.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

27. Juni – 3. Juli

Dessen Streaming-Ableger mit + am Ende beweist, dass die Muttergesellschaft digital vieles richtig macht, was linear daneben geht. Zwar adaptiert die Anthology-Serie Strafe ab Dienstag nur den nächsten Schirach-Beststeller, kreiert aber etwas Außergewöhnliches: Inszeniert von sechs Regisseurinnen und Regisseuren wie Oliver Hirschbiegel und Helene Hegemann, sind die Essays über Recht und Gerechtigkeit höchst unterschiedlich, transportieren aber ein grundlegendes Qualitätsmerkmal: In der Ruhe liegt die Kraft.

Und das beherzigt RTL+ zeitgleich auch in seiner bemerkenswerten Doku Das weiße Schweigen über die unfassbare Krankenhausmordserie des Krankenhauspflegers Niels Högel. Dass Arte sachlich unterhalten kann, dürfte dagegen hinlänglich bekannt sein. Dass der Kulturkanal dabei aber auch buchstäblich auf die Zwölf hauen kann, beweist die lässige Aufklärungsstunde Penissimo am Mittwoch, womit Arte gewissermaßen die Vagina-Betrachtung Viva la Vulva von 2019 zwischen Männerbeinen fortsetzt, aber erneut weit übers Fortpflanzungsorgan hinausgeht.

Der Rest ist fiktionale Unterhaltung: Bereits heute setzt Sky die immer noch fesselnde, aber leicht abgehangene Dystopie West World mit der 4. Staffel fort. Sonntag startet Starzplay Teil 2 der großartigen SciFi-Novelle P-Valley. Parallel dazu zeigt wiederum Sky das Sequel der Siebziger-Legende Kung Fu, ersetzt den unvergesslichen Hauptdarsteller David Carradine als Martial Arts-Kämpfer jedoch zeitgenössisch durch eine Frau. Und Zwischendurch startet Amazon die Thriller-Serie The Terminal List mit Chris Patt.

Und weil freitagsmedien nächsten Montag drei Wochen Sommerferien macht, noch zwei Tipps: Ab 6. Juli dürfen Fans grotesker Milieustudien keinesfalls die Wirecard-Persiflage King of Stonks mit Matthias Brandt als Mischung aus Elon Musk und Jan Marsalek auf Netflix verpassen. Und fünf Tage später überrascht die reale Podcasterin Sophie Passmann als fiktive Podcasterin Nola in der achtteiligen Amazon-Komödie Damaged Goods um Twentysomethings am Rande des Nervenzusammenbruchs.