Reichelts Reich & Deutschlands 89

Die Gebrauchtwoche

28. September – 4. Oktober

Eines muss man Mathias Döpfner lassen: Humor hat er ja, der mächtige Vorstandschef von Axel Springers merkwürdigem Erbe. Während sein Kettenhund Julian Reichelt journalistische Grundprinzipien wie gewohnt mit Sturmbannführerstiefeln tritt, um seine vulgärpopulistische Blut-und-Boden-Agenda von oben nach unten durchzusetzen, und Deutschlands Verschwörungsfront am Samstag gleich noch ein paar Brocken frisches Schlagzeilenfleisch (so leiden Kinder unter Corona-Maßnahmen) zuwarf, sagt sein Chef beim BDZV-Kongress ohne zu lachen, „wir Medien müssen Chronisten sein, Zeitzeugen der Realität, und nicht Missionare eines bestimmten Weltbildes“.

Klingt schizophren. Aber vielleicht dürfen wir das ja als Zusage verstehen, die Bild einzustampfen und ihre Karikaturen gewissenhafter Journalist*inn*en alle für fünf Jahre zum Kehrdienst nach Moria abzukommandieren, nachdem sie vorher eine Woche lang 24 Stunden täglich das eindrückliche Video vom abgebrannten Flüchtlingslager auf Lesbos gesehen haben, mit dem Joko & Klaas am Mittwoch ihre 15 Minuten Sendezeit von ProSieben gefüllt haben: „Wenn Journalisten von Aktivisten nicht mehr zu unterscheiden sind, dann können wir einpacken“, fügte Döpfner schließlich hinzu, „dann braucht es uns nicht mehr.“ Stimmt – die Bild braucht niemand.

Noch viel weniger braucht allerdings irgendwer mit Restbeständen von Moral, Prinzipien, Ethos Fox News, die das rechtspopulistische Murdoch-Imperium als Streamingdienst für 7 Euro im Monat nach Deutschland exportieren will, damit sich Trump– und Putin-Fans hierzulande nicht mehr nur in grisseligen Youtube-Videos über die Welt da draußen informieren. Eine Welt, die in 5000 Stunden Endlosschleife weniger Wahrhaftigkeit besitzt als Maria Schraders Serie Unorthodox in jeder Sekunde, für die sie völlig zu Recht den International Emmy erhalten hat.

Die Frischwoche

21. – 27. September

Aus Zeit- und Termingründen müssen die Fernsehtipps dieser Woche angesichts dieser inszenatorischen Gewalt ausnahmsweise mal tabellarisch erfolgen:

Montag, 20.15 Uhr, ZDF: Totgeschwiegen, Franziska Schlotterers Drama um einen S-Bahn-Mord und wie die Eltern der Täter ihn vertuschen

Montag, UniversalTV: Pearson, ein Spin-Off der Anwaltsserie Suits

Mittwoch, 20.15 Uhr, ARD: Das Leben ist kein Kindergarten, Großstadtfamiliengroteske von und mit Oliver Wnuk

Mittwoch, Arte, 20.15 Uhr: Gundermann mit Alexander Scheer als Liedermacher im Stasi-Griff

Freitag, Netflix: Rohwedder, vierteilige True-Crime-Doku über den RAF-Mord am Chef der Deutschen Bank

Freitag, Amazon: Deutschland 89, furioses Finale der großen Spionage-Trilogie vor und nach dem Fall der Mauer

Freitag, 20.15 Uhr, Arte: Kranke Gesellschaft, Urs Eggers Drama über DDR-Patienten, die für Devisen als Versuchskaninchen missbraucht wurden

Wiederholungen der Woche

Dienstag, 22.15 Uhr, Servus: Wie ein wilder Stier, Robert De Niros 2. Oscar-Streich als cholerischer Slumboxer

Mittwoch, 22.45 Uhr, BR: Der blinde Fleck, Daniel Harrichs Reproduktion des Oktoberfestattentats von 1980

Tatort (Dienstag, 22.15 Uhr, WDR): Das Mädchen auf der Treppe, einer der legendärsten Schimanskis (1982)


Sensationsgonnorhoe & Oktoberfeste

Die Gebrauchtwoche

7. – 13. September

Es ist heutzutage gar nicht mehr so einfach, mit Populismus Quote zu machen, aber die Bild, genauer: deren leitender Sandkastenrabauke verwandelt den Bruch aller journalistischen, ethischen, humanistischen Regeln immer noch spielend in Auflage. Wobei nach dem jüngsten Tiefpunkt redaktioneller Menschenverachtung weiter offen bleibt, was schlimmer war: Die Tatsache, öffentlich aus dem Chatverlauf eines Elfjährigen zu zitieren, der den Kindermord von Solingen überlebt hatte? Julian Reichelts rückgratlose Erklärung, die Ermittlungsbehörden seien schuld an seiner Sensationsgonorrhoe? Oder vielleicht doch RTL?

Während es das Springer-Blatt beim Veröffentlichen des Chatverlaufs beließ, hat der Privatsender das Kind sogar vor seine Kameras gezerrt. Diese Informationsonanie ist von derart infamer Verantwortungslosigkeit, dass man sich fragen muss, wie Friede Springer in den Spiegel blicken kann. Andererseits befinden sich ihre Medien im Wettlauf um Aufmerksamkeit, den auch seriösere Konkurrenten nicht scheuen. Die ARD etwa hat beim halsbrecherischen Auftakt der Tour de France jeden der vielen Stürze dutzendfach in Zeitlupe gezeigt, was ihr Eurosport gleichtat, nachdem Novak Djokovic bei den US-Open eine Linienrichterin am Hals getroffen hatte.

Angesichts solcher Chronistenpflichtexzesse wirkt die Aufregung über Hengemah Yaghoobifarahs missratenen, aber haltungsstarken taz-Kommentar zur Polizei-Entsorgung umso politischer motiviert. Immerhin hat der Presserat nun entschieden, er sei von der Meinungsfreiheit gedeckt – was den lautesten der 382 Beschwerdeführer nicht davon abhielt, die Entscheidung als „unerträgliche Verharmlosung“ anzugreifen.

Wer wüsste schließlich besser als Horst Seehofer, dass noch kein Uniformierter der deutschen Geschichte je ein Unrecht begangen hat… Und damit zur schönsten Nachricht der Woche: nach 14 Jahren endet die Reality-Soap Keeping Up With The Kardashians, die den US-armenischen Clan zwar märchenhaft reich, das Medium dagegen bettelarm gemacht hat. 2006, nur zur Erinnerung, prägte das lineare Fernsehen die Sehgewohnheiten noch mit historischen Mehrteilern von der Luftbrücke bis zur Flucht.

Die Frischwoche

14. – 20. September

Ein, zwei TV-Revolutionen später werden sie von Streamingdiensten dominiert. Das Erste aber füllt sein Programm auch 2020 weiter mit History-Events wie Oktoberfest 1900. Ab Dienstag ersetzt es die Originalkirmes drei Abende lang durch klischeehafte Kulissenschieberei, als habe das Internet die Filmästhetik unberührt gelassen.

Dort aber entstehen Serien, die wirklich unterhaltsam, bedeutsam, manchmal gar beides in einem sind. Ab Donnerstag auf Netflix zum Beispiel Das letzte Wort mit Anke Engelke als tragikomische Trauerrednerin im Bestattungsinstitut von Thorsten Merten. Oder das siebenteilige HBO-Psychodrama The Third Day, eine Art Lost ohne Flugzeugabsturz mit Jude Law, ab Dienstag auf Sky. Zwischendurch zeigt TNT Ridley Scotts postapokalyptische SciFi-Dystopie Raised by Wolfs über die künftige Besiedlung eines Exoplaneten, während der Freitag wie üblich gleich reihenweise Neuerscheinungen sammelt.

Netflix geht mit der Krankenhaushorrorserie Ratched und dem achtteiligen Spin-Off Jurassic World online. Parallel dazu zeigt (kauft nicht bei) Amazon Prime die heitere Binnensicht der Schauspielbranche Für Umme und begibt sich mit der Doku All In übers abstruse Wahlrecht der USA tief aufs öffentlich-rechtliche Gebiet informationeller Kompetenz, die das ZDF am Dienstag (20.15 Uhr) mit Der unterschätzte Präsident beweist, wenn Florian Huber und Carsten Oblaender Donald Trumps Präsidentschaft aus Sicht seiner Fans dokumentieren. Gut 24 Stunden, bevor Richard David Precht am Sonntag (23.45 Uhr) zum 50 Mal (diesmal mit Rezo) populärwissenschaftlich über tiefgründige Fragen (die Medien) philosophiert, macht ProSieben in Stefan Raabs Casting-Show Fame Maker auf sich aufmerksam, wo Luke Mockridge, Carolin Kebekus und Teddy Teclebrhan Showtalente ohne Ton erkennen.

Mehr Ton (und Niveau) sind die Wiederholungen der Woche: Von 1966 ist der Cocktailkleid-Klassiker Arabeske (Samstag, 23.30 Uhr, RBB) mit Gregory Peck und Sophia Loren. Erst acht wurde dagegen Rainer Kaufmanns verstörendes Männermachtpsychogramm Operation Zucker (Mittwoch, 2.10 Uhr, ARD). Ungefähr dazwischen liegt tags zuvor (23.45 Uhr, WDR) Der unsichtbare Gegner mit Horst Schimanski Anfang der Achtziger, gefolgt von Hansjörg Felmy in Der Feinkosthändler Ende der Siebziger.


Experte Drosten & Mensch Beckenbauer

Die Gebrauchtwoche

31. Juli – 6. August

Haider hieß mal Wix, Attila heißt jetzt Hitler und der Kommentar nun Meinung. Zumindest in den Tagesthemen, wo die persönliche Sicht der Redakteure künftig stärker als solche gekennzeichnet wird. Beispielsweise über Deutschlands derzeit gernegrößten Verschwörungsmystiker Hildmann, den das Satire-Portal Postillon als heimlichen Kumpel von Angela Merkel dargestellt, also mit seiner eigenen Lügen-Keule geschlagen hat. Eine Waffe übrigens, die Facebook und Twitter teilweise entschärft haben, als sie das News-Portal Peacedata – mutmaßlich befüllt von Trollen russischer Herkunft – sperrten.

Dass der legendäre NDR-Podcast von Deutschlands derzeit ungernegrößtem Corona-Fachmann Christian Drosten – unterstützt von der ausgewiesenen Fachfrau Sandra Ciesek – parallel dazu aus dem selbstverordneten Medienexil zurückgekehrt ist, wird da zur Nebenpointe dieser elendig ernsten Pandemie und somit drittlustigsten nach der Ankündigung von Netflix, die palastflüchtigen Ex-Royals Meghan & Harry zu Protagonist*inn*en mehrerer Streamingformate bislang noch offenen Inhalts zu machen. Die allerlustigste lieferte dagegen mal wieder ein anderer.

In seinem Morning Briefing klagte ausgerechnet Gabor Steingart, bei ihrer Berichterstattung über die Querdenker-Demo mit Reichstags-Brise hätten viele Kolleg*inn*en „Neugier durch Haltung“ ersetzt. Wer sich „im geistigen Ideenraum eines Journalisten“ befinde, sägt der selbstkritikunfähigste Salonpopulist im Berliner Politikbetrieb fröhlich weiter am Ast des eigenen Elfenbeinturms, „darf mit öffentlicher Belobigung rechnen“. Wer sich dagegen außerhalb dieser „Kathedrale aufhält, dem versucht man mit den Methoden des Exorzismus beizukommen“. Na Amen.

Na toll: Die New York Times schafft nach 81 Jahren ihr Fernsehprogramm im Feuilleton ab und holt somit auf dem aussterbenden Medium Papier eine Schaufel mehr aus dem Grab des aussterbenden Mediums Fernsehen. Auch wenn es zuweilen noch mal Überlebenswillen zeigt, indem es sich auf seine Stärken besinnt. Zu denen nämlich zählt unmissverständlich die seriöse Sachinformation.

Die Frischwoche

7.  13. August

Und weil sie dank als eine der Gewinnerinnen aus der Pandemie hervorgehen dürfte, werden die Tagesthemen heute um fünf und freitags weitere zehn Minuten verlängert, während das heute-journal um Mitternacht ein up:date mit dem Moderationsdoppel Hanna Zimmermann und Nazan Gökdemir erhält. Ob das BR-Porträt Der Ball war mein Freund zwei Stunden zuvor den 75. von Mensch Beckenbauer (Dienstag, 20.15 Uhr) ZDF ohne Thomas Schadts kaiserliche Arschkriecherei vor fünf Jahren feiert, bleibt abzuwarten.

Aber als Kontrast werfen wir einen Blick auf Sat1, das sich mal als ernstzunehmende Konkurrenz öffentlich-rechtlicher Nachrichtenkompetenz begriff, jetzt aber nur noch gequirlten Promi-Mist wie Festspiele der Reality-Stars (Freitag) anrührt, den Prodigal Son, eine Art Serien-Spin-Off vom Schweigen der Lämmer, tags zuvor auch nicht aufzuwerten vermag. Dieser bemitleidenswerte Qualitätsabfall ist umso bedauerlicher, als das frühere Beiboot dem Mutterschiff mit Joko & Klaas gegen ProSieben ab Dienstag mal wieder qualitativ den Rang abläuft.

Und das Konkurrenz-Entertainment? Die ARD zeigt morgen (22.50 Uhr) das queere Gangster-Spin-Off Bonnie & Bonnie, Starzplay lässt Donnerstag das feministische Plattenladen-Spin-Off High Fidelity folgen, Neo zeigt ab Mittwoch (23.15 Uhr) die deutsch-belgische Dramaserie Missing Lisa, in der acht Folgen lang mal wieder ein verschwundenes Mädchen gesucht wird. Die Wiederholungen der Woche sind dagegen naturgemäß aufgegossen. Etwa zeitgleich auf ServusTV Hotel New Hampshire nach John Irving von 1984 mit Jody Foster und Rob Lowe oder zwei Stunden zuvor Pretty Woman auf Vox, auch schon wieder 30 Jahre alt. Und damit immerhin neun Jahre jünger als der erste von 20 Schimanski-Tatorten, die der WDR dienstags um 22.15 Uhr – morgen der Fall Grenzgänger von 1981 – wiederholt.


Gewaltfragen & Ballermannboote

Die Gebrauchtwoche

24. – 30. August

Gewalt, das begriff der norwegische Sozialwissenschaftler Johan Galtung schon vor Jahrzehnten, herrscht nicht nur, wenn Kugeln oder Fäuste fliegen, sie kann als „vermeidbare Beeinträchtigung grundlegender menschlicher Bedürfnisse“, also strukturell anstatt physisch verletze. Dem Bedürfnis nach Gesundheit und Überleben zum Beispiel, nach Wohlstand und Wahrheit, von Demokratie ganz zu schweigen.

Wenn diverse Medien vor, während, nach der Querdenken-Demo berichtet haben, die 38.000 – pardon, 38 Millionen Teilnehmenden seien am Samstag friedlich durch Berlin marschiert, zeugt das demnach von einer Ignoranz im Umgang mit den Fakten eines Menschenauflaufs, dessen kollektive Weigerung zu Abstand und Maske plus angedeutetem Reichstagssturm gewaltsam Gesundheit, Überleben, Wohlstand, Wahrheit attackiert haben.

Dafür muss man noch nicht mal nur Faktenfinder zurate ziehen, die saftige Lügen der Lügenpresse-Krakeeler offenbaren. Eindrucksvoll ist auch, wie massiv eine Bild-Reporterin von Querdenkern bedrängt wurde. Das Schwesterblad BamS jedoch hielt der Angriff auf Person und Pressefreiheit nicht davon ab, die Gewaltfrage flugs nach links zu rücken und auf der ganzen Titelseite vom vermeintlichen (und unvollendeten) RAF-Anschlag auf den Schweine-Blockwart Clemens Tönnies zu faseln. Für die Corona-Demo blieb da leider nur ein Hinweis am Rand übrig.

Dafür bekam der geistige Bild– und BamS-Buddy Björn Höcke am Dienstag Gelegenheit, seinen Future-Faschismus beim MDR in Watte zu packen. Eine Offenheit, die der Muttersender hoffentlich nicht meint, wenn er seine Tagesthemen ab morgen um fünf, freitags gar 15 Minuten verlängert. „Für einen intensiveren Blick auf die Regionen“, wie es ARD aktuell-Chef Helge Fuhst ausdrückt, „auf die Heimat unserer Zuschauer“.

Die Frischwoche

31. August – 6. September

Bleibt zu hoffen, dass sich sein ehrwürdiges Format damit nicht der weit weniger ehrwürdigen Konkurrenz von stern TV angleicht, die ab Mittwoch 30 Jahre lang Skandale menschelt oder Menschen skandalisiert. Am selben Tag springt das gebührenfinanzierte ZDF aufs Ballermann-Boot privater Rekordjagden und engagiert den Grüßaugust Elton für die „Quizshow“ Einfach super!, in der Kinder (Fee, Max, Lukas) mit Promis (Neureuther, Lombardi, Santos) irgendwas Egales inszenieren, damit aber mehr Zuschauer als jedes Nachrichtenmagazin erreichen.

Würde man das Publikum entsprechend konditionieren, könnte das auch für die Langzeitstudie des Fuldaer Hochhaus-Ghettos Aschenberg gelten, das ein ZDF-Team monatelang unter die Lupe nahm. Statt Primetime gibt es dafür ab Mittwoch allerdings nur die Mediathek, wo sie sich mit Streamingdiensten von weit größerer Zugkraft messen muss. Prime zum Beispiel zeigt ab heute die vierteilige Doku The Last Narc über einen Drogenboss der Achtziger, begleitet von All or Nothing, das parallel die Tottenham Hotspurts porträtiert.

Na, hoffentlich biedert sich die Fußball-Doku dem Club nicht so an wie Arte zugleich Toni Kroos. Gewiss aber dürfte sie würziger sein als MasterChef Celebrity, womit Sky die globale Kochshow montags auswalzt. Wobei Kochshow: eigentlich ist der Herdstreit eine Dauerwerbesendung für Produkte von Food-Magazin bis IT-Girl. Allerdings keine so plumpe wie Lego Masters, mit denen RTL seinen PR-Partner ab Freitag unverblümt in den Mittelpunkt stellt und damit neben dem (zusatzkostenpflichtigen) TV-Start des Kinofilms Mulan auf Disney+ VIP das PR-Programm der Woche bildet.

Ohne Kaufempfehlung ratsam ist hingegen die Fox-Serie Mrs. America, in der Cate Blanchett ab morgen auf Sky die leibhaftige Anti-Feministin Phyllis Schlafli zur Hauptfigur einer sensationellen Siebziger-Revue macht, bevor Netflix Mittwoch das erste deutsche SciFi-Drama Freaks mit Cornelia Gröschel als Superheldin wider Willen zeigt. Nicht neu, sondern eine Wiederholung der Woche ist dagegen Die Blechtrommel (Samstag, 23.45 Uhr, RBB) von 1979 in Volker Schlöndorffs Director’s Cut. Und in Schwarzweiß: Henri Verneuils Politdrama Der Präsident von 1961, heute um 22.10 Uhr auf Arte.


Racial Profiling & Save Me Too

Die Gebrauchtwoche

17. – 23. August

Racial Profiling? Gibt’s nicht! Und Horst Seehofer weiß auch warum: Weil es verboten ist. Gegenteiliges zu behaupten wäre daher eine Verunglimpfung, schlimmer noch: Beleidigung, in jedem Fall aber Pauschalverurteilung der deutschen Polizei, die in 1000 Jahren bekanntlich noch nie gegen irgendein Gesetz verstoßen hat. Dass ein uniformierter Scharfschütze in einer Satire des funk-Moderators Aurel Mertz jemanden mit dunkler Haut nur deshalb erschießt, weil er sein Fahrrad aus Sicht zweier Kollegen womöglich nicht aufschließt, sondern -bricht, gilt in konservativen Machtzirkeln daher als ausgeschlossen.

Umso entrüsteter twitterte ein gewisser Sven Schulze, das Video, „finanziert mit Gebührengeldern von #ARD& #ZDF“, sei ein „Schlag ins Gesicht aller Polizisten“. Sachsen-Anhalts CDU-Generalsekretär kündigte an, sein Landesverband werde die anstehende Beitragserhöhung deshalb „verhindern“. Schwer zu sagen, ob Schulze und einige Unionsmitglieder, die ihm flugs zustimmten, bewusst war, dass dies einen Bruch des Rundfunkstaatsvertrags darstellt. Der nämlich verbietet, dass die Länder ihr Plazet an Senderinhalte koppeln. Tatsache ist allerdings, dass sein Tweet Brennstoff pressefreiheitsfeindlicher Tendenzen ist.

Zumal #ARD& und #ZDF auch nicht alles richtig gemacht haben, um ihnen den Sauerstoff zu entziehen. Zu Beginn der Corona-Pandemie etwa, das ergab eine Studie der Uni Passau, wurde die öffentliche-rechtliche Berichterstattung in fast 100 Sondersendungen so massiv auf Covid-19 zugespitzt, bis ein kollektiver „Tunnelblick“ aufs Infektionsgeschehen herrschte. Medial betrachtet hatte der anschließende Lockdown aber noch andere Auswirkungen, die sich gerade im Fernsehprogramm äußern – und damit ist gar nicht mal die aktuelle Maskendebatte gemeint, der RTL durch seine Weigerung, in der neuen Show I Can See Your Voice Abstandsregeln einzuhalten.

Die Frischwoche

24. – 30. August

Die Produktionsflaute vom ersten Halbjahr schlägt nämlich gerade so durch, dass die ARD im zweiten Halbjahr weder am feuilletonistisch wichtigen Film-Mittwoch noch am geriatrisch wichtigen Degeto-Freitag Erstausstrahlungen zeigt. Selbst Streamingdienste wirken ein wenig ausgedünnt, weshalb die Fortsetzung der fabelhaften Krimi-Serie Save Me mit Lennie James am Donnerstag auf Sky einer der wenigen Highlights dieser Woche ist.

Ein Grund mehr sich der Politik zu widmen: Rund sechs Wochen nach dem unsäglichen Interview des RBB mit dem AfD-Nazi Andreas Kalbitz, wagt sich der MDR am Dienstag an ein Interview mit dem AfD-Nazi Björn Höcke. Gut fünf Monate nach dem Ausbruch der Pandemie zum Beispiel arbeitet die ARD heute um 22.45 Uhr den Zug der Seuche um die Welt auf. Fünf Jahre nach Angela Merkels legendärem Satz Wir schaffen das, begibt sich Jochen Breyer am Mittwoch um 22.50 Uhr im Zweiten an den Puls Deutschlands.

Und 19 Jahre nach ihrem Debüt als Kommissarin Lucas, wird am Samstag sogar die dienstälteste ZDF-Polizistin Ulrike Kriener nicht nur ein bisschen feministisch, sondern zeigt mit einem Twist ins Tönnies-Thema Fremdarbeiterausbeutung präpandemischen Weitblick. Apropos TWIST: so heißt auch das neue Kulturmagazin, mit dem Arte ab Sonntag um 16.20 Uhr Kreative aus ganz Europa auf ihrem Weg durch die Krise begleitet. Und damit wären wir auch schon bei den Wiederholungen der Woche.

Diesmal das einflussreiche Meisterwerk Papillon (Freitag. 22.25 Uhr, 3sat) von 1973 mit Steve McQueen und Dustin Hofman als Häftlinge eines mörderischen Gefängnissystems. Und ausnahmsweise mal zwei Tatorte: morgen um 22.15 Uhr zeigt der WDR das Berliner Debüt von Dominic Raacke und Boris Aljinovic anno 2001, Freitag widerfährt Klaus J. Behrendt und Dietmar Bär im Ersten das Gleiche mit ihrem Auftaktfall Willkommen in Köln von 1997.


Dummnoranz & Biohackers

Die Gebrauchtwoche

10. – 16. August

Ob es nun Dummheit ist oder Ignoranz, an der die Demokratie und deren Zivilisation zugrunde gehen, ist sozialwissenschaftlich ungeklärt. Doch wie Dieter Nuhr und Lisa Eckart Intelligenz und Bildung gerade auf dem Altar populistischer Clickbaits opfern und das als Kunstfreiheit verhökern, schafft sich das Kabarett eine Mischform, nennen wir sie Dummnoranz. Denn während ersterer die Krise seines welken Geschlechts mit Angriffen auf alles beantwortet, was ihm von Greta über Corona bis MeToo in den misogynen Testosteronspeicher funkt, zeigt letztere mit klischeehaftem Pipikacka-Humor, dass Frauen die schlimmeren Männer sein können.

Umso vehementer fordern empathiebegabtere Kollegen wie Shahak Shapira, als Satire getarnte Menschenverachtung zu ertragen, statt die geschichtsbewährte Spezialität deutschen Ordnungssinns – Cancel-Culture – zu betreiben. In der Süddeutschen macht Jens-Christian Rabe daher den klugen Vorschlag, Thomas Bauers diskursfreundliche „Ambiguitätstoleranz“ auch mal in arschlochkritische „Eindeutigkeitsintoleranz“ zu verwandeln. Was Konservative als linke Cancel Culture brandmarken, sei auch aus Sicht der Komikerin Sophie Passmann schließlich oft nur der „freundliche Hinweis, dass es anständig wäre, aus Menschen nicht ständig Pointen zu machen und den Gratismut, den es dazu braucht, dann nicht auch noch zur Selbsterhöhung als Grenzgang zu bezeichnen“. Leider ist der Gratismut überaus erfolgreich.

Dank ihrer geldwerten Dauerattacke auf (Mainstream-)Medien und Wissenschaft, gehen die Zugriffe der gegenseitigen Erregungsbeschleuniger Nuhr/Eckart von Twitter bis Facebook durch die Decke – und helfen mit, dass Mark Zuckerbergs Netzwerke sieben Milliarden User haben, rein rechnerisch also bald jeder Mensch von seiner digitalen Meinungsmacht indoktriniert werden kann. Dass der erste TikTok-Chef Deutschlands Tobias Henning von Springer zur chinesischen Datenkrake wechselt, ist da auch eher keine so gute Nachricht.

Die Frischwoche

17. – 23. August

Ob es eine gute News ist, dass Donnerstag mit Pia Stutzenstein nach 24 Jahren Cobra 11 erstmals eine Frau am – besser: neben dem Steuer explodierender RTL-Limousinen sitzt, wird man entscheiden, wenn Testosteronserien wie diese geholfen haben, die Welt in den Abgrund zu rasen. Menschen mit nachhaltigem, aber massenbewährtem Fernsehgeschmack werden schon diesen Montag bei UniversalTV/Sky mit dem Medical Drama Nurses versorgt, in dem fünf junge Krankenpfleger*innen Tod und Teufel einer kanadischen Notaufnahme durchleben.

Ebenfalls konventionell, aber sehenswert ist die heutige Sky-Serie Lovecraft Country über den kollektiven Rassismus der USA in den Fünfzigerjahren oder parallel dazu das achtteilige Biopic Arde Madrid um die junge Ava Gardner auf RTL Passion. Gleiches gilt Donnerstag für die realdystopische Magenta-Serie DEVS um Machenschaften eines Tech-Konzerns. Tags drauf stellt der Starzplay-Sechsteiler White House Farm Murders einen Fünffachmord im England der Achtziger nach, derweil A Very English Scandal am Samstag alle drei Folgen am Stück auf Tele 5 einen real existierenden Mordfall von 1979 mit Hugh Grant als tatverdächtigem Politiker nachstellt und Netflix zwischendurch die Thriller-Serie Biohackers mit Jessica Schwarz als sinistre Forscherin aus dem Giftschrank holt, wo sie im Frühjahr wegen der Corona-Pandemie gelandet war.

Nur dem Titel nach wissenschaftlich klingt die Coming-of-Age-Erzählung Chemical Hearts mit Lili Reinhart und Austin Abrams in sehr, sehr seltsamer Liebe, Freitag bei Prime. Und während die ARD am Sonntag erneut erfolgreich mit quotenstark verwechselt und einen Wunsch-Tatort aus der Kiste holt, ist die schwarzweiße Wiederholung der Woche Rosen für den Staatsanwalt von 1959 (Montag, 20.15 Uhr, Arte) in jeder Hinsicht so sehenswert wie Der Gendarm von Saint-Tropez (Dienstag, 20.15 Uhr, Nitro), mit dem Louis de Funès 1964 seinen Durchbruch feierte.


TikTok-Wahlkampf & Berben-Sommer

Die Gebrauchtwoche

3. – 9. August

Der Teufel scheißt bekanntlich gerne auf die größten Haufen. Diverse Verschwörungsidiologen in aller Welt mögen Bill Gates gerade als Gottseibeiuns verteufeln, der uns das Blut aussaugen und durch Chips ersetzen will. Nachdem der Microsoft-Gründer die Entwicklung sozialer Medien vollständig verschlafen hatte, greift ihm nun ausgerechnet der wahrhaft Leibhaftige unter die Arme und serviert ihm den Messenger TikTok quasi zum Frühstück.

Dabei hat Donald Trumps Ankündigung, die chinesische Konkurrenz amerikanischer Tech-Konzerne nur noch im heimischen Besitz zu dulden und bei der Gelegenheit nach dem Mobilfunkanbieter Huawai gleich noch Lokalrivalen wie Tencent aus den USA zu verbannen, nichts mit Politik, ja im Grunde nicht mal mit Protektionismus, sondern ausschließlich mit Wahlkampf zu tun. Ein Wahlkampf, in dem er sich nun sogar an Unternehmen liberaler Multimilliardäre ranwanzt – sofern es nicht solche sind, die wie Facebook und Twitter zaghaft ein paar seiner Lügen entlarven.

Dass Donald Gates eine Chance gibt, konterkariert natürlich aufs Absurdeste, mit welcher Innbrunst Trumps 1,3 Millionen deutsche Gesinnungsgenossen vor acht Tagen in Berlin gegen den Computerkönig demonstriert haben. Oder waren es doch fünf Millionen, wie Atilla Hildmann behauptet? Falsch! Der Postillion hat den einzig wahren Wert errechnet: 19 Trilliarden. Doch ob mehr Menschen vor der Siegessäule waren, als dort rechnerisch Platz finden, oder mehr als Moleküle im Universum: die Stars der Talkshowrepublik haben darüber diskutiert – und dürfen das auch weiterhin tun, nachdem die ARD ihre Verträge verlängert hat.

Das mag man beklagen. Angesichts der Macht globaler Medienkonglomerate ist es allerdings ratsam, mit Information zu punkten. Disney zum Beispiel, dessen Aktienkurs vorigen Montag trotz Verkündung katastrophaler Quartalszahlen aufwärts ging. Unter anderem, weil durch die Austragung der NBA-Playoffs im Disneyland weiter Geld in die Kassen fließt. Und weil mit Disney+ ein lukrativer Markenzweig gepflanzt wurde, auf dem die Mutter nun doch den Kino-Ausfall Mulan zeigt. Noch bis Mitte September widmet die ARD dagegen Deutschlands international angesehenstem Regisseur zum 75. Geburtstag eine Werkschau aller Filme von Wim Wenders.

Die Frischwoche

10. – 16. August

Fünf Jahre jünger wird am Mittwoch Iris Berben, wofür ihr das Erste um 20.15 Uhr ein melancholisches Geburtstagsgeschenk macht: Als erfolgsverwöhnte Familienunternehmerin entflieht sie in Mein Altweibersommer dem Alltagstrott und beginnt als verkleideter Zirkusbär zu arbeiten. Zwei Tage zuvor spielt die Jubilarin in Nicht tot zu kriegen eine alternde Filmdiva, die vor einem Stalker beschützt werden muss. Beides ist auf unterschiedliche Art autobiografisch, beides ohne Pathos anrührend, beides allerdings für alle unter 50 womöglich ein bisschen zu bieder.

Aber gut – die gucken ohnehin, wenn überhaupt, dann gestreamtes Fernsehen, dessen Angebot dieser Tage mal wieder recht abwechslungsreich ist. Universal TV etwa zeigt ab Dienstag die Roadtrip-Comedy Upright, Freitag folgt Netflix mit der Scheidungsserie Dirty John und der (realen) kolumbianischen Banküberfallserie Der Jahrhundertraub, während sich (kauft nicht bei) Amazon (Prime) zeitgleich RTL annähert, wenn dort das zehnteilige Abenteuer-Rennen World’s Toughest Race startet.

Der lineare Originalsender beweist auf seinem Ableger RTLzwei tags drauf übrigens Gespür für Suspense und zeigt die atmosphärisch dichte Fantasyserie Taboo aus dem kolonialistischen England vor 200 Jahren. Als Wiederholungen der Woche empfehlen wir bei so viel Geschichte ausnahmsweise zwei Schwarzweißfilme: Montag um 20.15 Uhr reist Arte zurück ins Jahr 1958, als Das Mädchen Rosemarie für Schnappatmung in Wirtschaftswunderland sorgte. Mittwoch (23.30 Uhr) begleitet der BR The Beatles dokumödiantisch durch A Hard Day’s Night von 1964. Und wenn Jack Lemmon am Dienstag um 22.05 Uhr in Ein seltsames Paar (22.05 Uhr, ServusTV) an Walter Matthau gerät, sollten sich das Leute mit akuter Sixties-Nostalgie auch nicht entgehen lassen.


Beyoncé Knowles & Howard Ashman

Die Gebrauchwoche

27. Juli – 2. August

Am Samstag war es mal wieder so weit: Die selbsterklärte Bohème der einzig wahren Durchblicker in Sachen Corona riefen zur großen Aufklärungsdemo nach Berlin und zeigten nicht nur der Wissenschaft, was ‘ne Verschwörungsharke ist, sondern auch der „Lügenpresse“. Etwa dem RBB, dessen Kameramann bespuckt wurde. Und natürlich Dunja Hayali. Wie so oft in Zeiten steiler Debatten, stellte sie sich tapfer all jenen, die sie verachten – bis diese Verachtung so aggressiv wurde, dass sogar der eigene Sicherheitsdienst zum Rückzug riet.

Die zweite Corana-Welle gesellt sich also nahtlos zur ersten des Stumpfsinns und bereitet damit der dritten einer rassistischen, reaktionären, misogynen Infodemie den Weg, gegen die offenbar kein Impfkraut gewachsen ist. Da erhofft man sich von einer meinungsstarken Feministin wie Beyoncé natürlich umso lautere Statements. Statements, die über ihr visuelles Album Black Is King hinausgehen, mit dem sie ihren Soundtrack zu The Lion King in eine Art BiPoC-Manifest verwandelt, dessen Sozialkritik jedoch nur mit Mühe dechiffrierbar ist. Und irgendwie wäre es auch wünschenswert, der Superstar würde sie nicht ausgerechnet bei Disney+ äußern, wo das Stück seit Freitag läuft.

Andererseits erreicht Beyoncé auf der Weißen Entertainmentplattform ein Publikum für Schwarze Selbstermächtigungsmusik, das seine Informationen ansonsten oft eher bei Fox News bezieht. Außerdem hat es dank der gigantischen Werbewirkung bessere Chancen bei den Emmys 2021. Ein Jahr zuvor gibt es dort gleich zwei Rekorde zu vermelden. Ende September geht Netflix mit 160 Nominierungen – und damit gleich 53 mehr als der bisherige Spitzenreiter HBO ins Rennen. Acht davon – auch das beispiellos – für Maria Schraders deutsche Miniserie Unorthodox um eine New Yorker Jüdin auf der Flucht nach Berlin

Die Frischwoche

3. – 9. August

Nachdem mit The Mandalorian erstmals ein Format von Disney+ nominiert ist, muss man auch Produkte wie das Porträt des frühzeitig an Aids verstorbenen Filmkomponisten Howard Ashman auf der Rechnung haben, dem Disney+ am Freitag ein interessantes Porträt widmet. Ungewohnt wortkarg ist heute Nacht um 0.20 Uhr Valeska Grisebachs Western, in dem sie einen deutschen Bautrupp nach Bulgarien schickt. Ungewohnt schlecht ist auch die Sendezeit von Jan Bonnys Psychodrama Wir wären andere Menschen, in dem Matthias Brandt als traumatisierter Fahrlehrer am Donnerstag um 23.15 Uhr (ZDF) Rache an Polizisten nimmt.

Rache ist überdies ein Motor der Reality Show Just Tattoo Of Us. Ab heute dürfen typische RTL-Zuschauer montags beim Online-Ableger TV Now Leute tätowieren, die sie eigentlich mögen, aber vor laufender Kamera verunstalten. Dann doch lieber zeitgleich die Rache der Rechten an allem, was ihnen fremd ist, in der Netflix-Doku Immigration Nation. Oder fiktional gewendet: die Fortsetzung der gefeierten Dramedy Ramy. Während sich der reale Stand-up-Star in der ersten Staffel um sein Liebesleben bemühte, sucht er Donnerstag auf Starzplay sein Heil im Islam – und kollidiert dabei heftig mit seinem Heimatland USA.

Heiterer geht es Dienstag in der Sky-Serie Breeders von und mit Martin Freeman zu, der sein Leben im Griff familiärer Zwänge darin mit zynischem Frohsinn schildert. Und mit einem Arte-Schwerpunkt Japanisches Kino, der heute (22.05 Uhr) mit dem Nachkriegsmelodram Sehnsucht von 1964 beginnt, sind wir bei den Wiederholungen der Woche, die zwei Stunden zuvor an gleicher Stelle mit dem Familiendrama Die Erbin beginnt, für das die jüngst verstorbene Olivia de Havilland 1949 den ersten Oscar erhielt. Farbig geht es dort Sonntag mit David Lynchs SciFi-Horror Dune – Der Wüstenplanet von 1983 mit Kyle MacLachlan weiter. Und der Tatort entführt uns morgen (22 Uhr, NDR) ins Jahr 1979, als MAD-Leutnant Delius (Horst Bollmann) mit dem ostdeutschen Freund Gregor seinen Debütfall hatte.


Fox-Fakten & Wild Mason

Die Gebrauchtwoche

20. – 26. Juli

Stellungswechsel, so scheint es, sind gerade das Gebot der Stunde. Im aktuell erfolgreichsten Netflix-Stream kultiviert sie zum Beispiel ein besitzergreifender Mafioso mit seiner Angebeteten, die er 365 Tage gefangen hält, um ihm (was überraschend schnell passiert) sexuell zu verfallen. In der aktuell bemerkenswertesten Sat1-Doku Mütter machen Porno variieren sie fünf gewöhnliche Frauen auf angeblich jugendfreundliche Art, um ihren Kids den digitalen Voyeurismus zu versachlichen.

Stefan Raab wechselt seine Stellung dagegen eher betriebswirtschaftlich, indem der frühere Pro7-Star ankündigt, gegen Ende des Jahres eine Late Night Show für TV Now und damit erstmals im Auftrag eines Senders der RTL-Gruppe zu produzieren. Und dann hatte es Anfang der vorigen Woche beinahe den Anschein, als würde die rechtspopulistische Trump-Fanfare ihr Quotenpferd künftig so behandeln, wie es einem Nachrichtenkanal angemessen erschiene: journalistisch.

Schließlich hatte der US-Präsident von Fox News Gnaden seit Amtsantritt in Hunderten von Presse-Audienzen zusammen nicht halb so viele auch nur annähernd kritische Fragen zu hören bekommen, wie von Moderator Chris Wallace. Rund 30 Minuten lang brachte er Donald Trump durch entwaffnende Fakten in Zusammenhang mit Corona, Rassismus und Wahlniederlagenakzeptanz noch mehr ins Schwitzen als die Sonne vom Himmel. 100 Tage vorm 3. November jedoch dürfte das Licht am Horizont des Klienteljournalismus nur die Ausnahme gewesen zu sein.

Die Frischwoche

27. Juli – 2. August

Das Land ist schließlich zerrissen wie in Three Billboards Outside Ebbing, Missouri, Martin McDonaghs mehrfach oscarprämiertes Meisterwerk mit Frances McDormand als Hillybilly-Wutbürgerin im Kampf gegen die inkompetente US-Polizei, heute (20.15 Uhr) im Ersten. Noch weiter zurück in der sozialdarwinistischen Menschheitsgeschichte reicht das deutsch-österreichische Steinzeitdrama Der Mann aus dem Eis mit Jürgen Vogel als ebender namens Ötzi, was gerade wegen seiner vollumfänglichen Wortlosigkeit ziemlich unterhaltsam ist.

Welche Spaltung radikale Polarisierung auch hier provoziert, zeigt funk ab heute täglich unterm Hashtag #ExtremLand, etwa mit einer Reportage von einer Reportage unter neuen Neonazis vorm Kanzlerinnenamt (Dienstag) oder einem Video vom Rechtsdrall der Bundeswehr (Donnerstag). Ob der morgige Themenabend zur unfriedlichen Nutzung der Atomenergie auf Arte – The Bomb – dazu passt, ist allerdings Ansichtssache. Wo in den USA die Wurzeln der heutigen Spaltung liegen, zeigt hingegen ein sehenswertes HBO-Prequel ab Freitag auf Sky.

In den Fünfzigern hatte der smarte Rechtsanwalt Perry Mason noch jeden seiner Klienten per Überraschungstäter vor Gericht rausgehauen. Die Vorgeschichte zeigt den Verteidiger als verwahrlostes Opfer (Matthew Rhys) der Great Depression, dessen steiniger Weg zur richtigen Seite des Gesetzes durch einen Sumpf aus Korruption und Polizeigewalt führt. Zeitgleich kehrt auch der gealterte Teenyschwarm Rob Lowe auf den Bildschirm zurück. Als Dirty Harry Baujahr 2020 sucht Wild Bill bei Neo (20.15 Uhr) Abstand zum amerikanischen Polizeialltag und stößt dabei auf den englischen, der zwar anders, aber nicht viel besser ist.

Ähnlich heiter, wenngleich straffrei, bleibt tags zuvor die Sky-Sitcom Single Parents, in der ein Alleinerziehender von brachialer Spießigkeit auf den Singlemarkt gerät. Gewohnt extraordinär dagegen: die 2. Staffel der Umbrella Society, Freitag auf Netflix. Passend dazu verstört ab Samstag ein Hardcore-Special auf 3sat, das die halbe Nacht lang Bands von KoЯn über Slipknot bis Sepultura Bühnen bietet – gebrochen um 21.45 Uhr von der Wiederholung der Woche auf One: Chris Kraus‘ Regiedebüt Vier Minuten mit Hannah Herzsprung als delinquente Pianistin. Freitags wiederholt Pro7 ab 23.05 Uhr die ersten sechs Folgen 4 Blocks. Und der Tatort spielt Mittwoch (22.17 Uhr, RBB) in der Berliner Immobilienbranche von 1992 und heißt mit Günther Lamprecht als Kommissar entsprechend Beste Lage.


Kulturkämpfe & Fernsehseuchen

Die Gebrauchtwoche

13. – 19. Juli

Und wieder ein Kandidat fürs Medien(un)wort 2020: Deplatforming. Nachdem die sozialen Netzwerke jahrzehntelang auf Inhaltskontrolle verzichtet haben, erkennt selbst Facebook, wie ertragsmindernd reaktionäre Postings sind. Erst kürzlich hatte Twitter vor Tweets von Trump gewarnt, da sperrten Tiktok oder Reddit gleich so viele Hassplattformen , dass selbst den Scheißegalmilliardär Mark Zuckerberg eine Unterart von Gewissen packte.

Die Drohung vieler Konzerne, nicht mehr im reaktionären Umfeld zu werben, mag Facebook zwar mehr überzeugt haben als moralische Skrupel. Im Ergebnis lehnt sich die Tech-Branche erstmals spürbar gegen antidemokratische Tendenzen auf, um das „World Wide Web mit dunklen Ecken“, wie die Süddeutsche schreibt, nicht zum „Wild Wild Web, über das sich das Gift der ganzen Gesellschaft ausbreitet“, verrohen zu lassen.

Ob das ein Abwehrgefecht ist oder bloß Schattenboxen, wird spätestens der US-Wahlkampf im Herbst zeigen. Doch schon jetzt scheint klar: hier wehren sich neue Medien nicht nur gegen ihre inneren Feinde, es findet ein Kulturkampf statt – der auf kleinerer Flamme auch bei den alten Medien köchelt. Nachdem Corona dem Fernsehen kurz einen Bedeutungsschub gegeben hatte, liegt es nämlich längst wieder am Quotenboden – und befindet sich dort in bester Gesellschaft mit Kinos, denen der Lockdown die letzte Hoffnung aufs Überleben raubt.

Beiden stellt die Bundesregierung im Rahmen eines Hilfsprogramms 50 Millionen Euro zur Verfügung. Aber nur für „hochwertige Kinofilme und Fernsehproduktionen“, ohne zu definieren, was genau das sein soll und welche der insgesamt 270 Produktionsfirmen davon profitieren. Weil das Geld hinten und vorn nicht reicht, haben Länder wie Bayern und NRW zwar angekündigt, die Töpfe aufzustocken. Oben und unten reicht es allerdings noch weniger, weshalb globale Entertainmentmultis die Entscheidungsschlacht ums Wohnzimmer wohl gewinnen.

Die Frischwoche

20. – 26. Juli

Deren Produkte zu empfehlen, klingt da womöglich leicht hybrid, aber es nützt ja nichts – die Netflix-Serie Statelass um ein australisches Flüchtlingslager, in dem ein deutschstämmiges Model ums Überleben kämpft, ist von so herausragender Tiefgründigkeit unterhaltsam, dass es alle Arte-Dramen in die Ecke spielt. Selbst ein Blockbuster wie The Old Guard mit Charlize Theron als Boss unsterblicher Superhelden, ist an gleicher Stelle sehenswert. Und wenn die großartige Doku Unraveling Athena den Missbrauchsskandal im amerikanischen Turnsport auf (kauft nicht bei) Amazon läuft, wächst der Graben auch qualitativ.

Eine Entwicklung die sich Donnerstag mit dem ultrabrutalen Mafia-Drama Gangs of London auf Sky zwar fortsetzt. Parallel dazu beweist das deutsche Fernsehen aber vergessen geglaubte Tugenden von fast visionärem Weitblick. Um 20.15 Uhr inszeniert der Achtteiler Sløborn eine Pandemie, die Neo bereits Monate vor derjenigen mit Covid-19 fertiggestellt hatte und nur punktuell aktualisieren musste – so lebensecht und kreativ wird das Grassieren eines tödlichen Virus auf einer Nordseeinsel skizziert.

Der Rest in Stichworten: Mittwoch (22.45 Uhr) zeichnet das Erste akribisch den Prozess um die Loveparade nach. Tags drauf setzt das ZDF seine Shootingstars um 23.15 Uhr mit dem heiteren Suizid-Drama Irgendwann ist auch mal gut fort. Und am Samstag widmet sich Vox vier Stunden der Geschichte von Whitney Houston, was den Wiederholungen der Woche Vorschub leistet. Etwa das Kriegsdrama Die Mörder sind unter uns, (Montag, 20.15 Uhr, Arte), mit dem Wolfgang Staudte schon 1946 Schuld und Sühnefragen ansprach. Oder Mittwoch (21.45 Uhr, One): Hitchcocks Vertigo (1958) mit James Stewart als Cop, der seine tote Freundin in Gestalt von Kim Novak wiederauferstehen lässt. Und der Tatort (Dienstag, 22 Uhr, NDR) heißt Märchenwald, ein früher Fall von Charlotte Lindholm.