Elitenmast & Pressefreiheit

Die Gebrauchtwoche

12. – 18. Juni

Nun ist es amtlich: Das ZDF muss, soll, kann, darf sich ab Sommer 2018 wieder ein bisschen mehr seinem Staatsauftrag widmen, statt sich weiter vom Elitenmastbetrieb Champions League am Nasenring durch die Arenen ziehen zu lassen. Fehlt eigentlich nur noch ein überfälliger Boykott der korrupten Fußballgrößtereignisse von Russland bis Katar. Aber so weit geht das öffentlich-rechtliche Fernsehen im Bereich compliance dann wohl doch nicht. Kurz, nachdem das Zweite den Ausstieg aus diesem Irrsinn verkündet hat, wurde allerdings die Rückkehr eines anderen verkündet: The Team.

Die deutsch-belgisch-dänische Agententhriller-Superduperserie wird nächstes Jahr mit Jürgen Vogel statt Lars Mikkelsen fortgesetzt, was nur dann sehenswert sein dürfte, wenn das Ganze anders als bei den internationalen Kooperationspartnern nicht vollständig übersetzt wird. Wird es aber eh. Und damit gewiss wieder unansehnlicher als nötig. Das Erste hat derweil gezeigt, welch grandiose Unterhaltung darin entstehen kann, wenn Oli Dittrich mit von der Partie ist. Sein achter Camouflage-Auftritt, diesmal als emeritierter Starreporter Sigmar Seelenbrecht, war wieder mal von so perfider Klugheit, dass sich abermals fragt, warum die ARD derartige Perlen donnerstags kurz vor Mitternacht versendet. Ach, es ist so müßig…

Weshalb man geradezu dankbar darüber sein muss, dass sich auch die anspruchsvolle Konkurrenz gelegentlich mal in die Nesseln setzt. Arte nämlich hat sich im Fall der Selbstzensur seiner Dokumentation Auserwählt und Ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa so tapsig, fast dusselig, jedenfalls kurzsichtig angestellt, dass die strukturell intolerante Bild praktisch gar nicht umhin kam, dem zu Tode auf Ausgewogenheit geprüften Film des WDR gönnerhaft auf der eigenen Homepage Asyl zu gewähren. Unter all den Diskriminierungen Andersartiger, die seit der ersten Ausgabe zur DNA des Springer-Blattes gehören, fehlt schließlich seit jeher nur der des Antisemitismus.

Und auch, wenn die ARD dem Nöhlen des Feuilletons nun insofern nachgegeben hat, den Film von Sophie Hafner und Joachiem Schröder am kommenden Mittwoch um 22.15 Uhr zu zeigen: Schöne Steilvorlage.

Die Frischwoche

19. – 25. Juni

Von der es die ein oder andere auch auf dem Rasen geben wird, wenn die öffentlich-rechtlichen (Sport-)Sender den Phantomschmerz der fehlenden Champions-League, Olympia-Rechte und Bundesliga-Exklusivität mit der Übertragung des sportlich bedeutungslosen und politisch anrüchigen Confed-Cups in Russland kompensieren. Aber gut – selbst Panini hat dazu ja ein Sammelalbum erstellt. Darüber hinaus ist das Angebot an Frischformaten aber auch himmelschreiend dünn diese Woche.

Immerhin: auf Netflix gibt es ein bisschen was Überraschendes zu sehen. Freitag startet dort der neunzigminütige Dokumentarfilm Nobody Speak über die grassierende Einschränkung der amerikanischen Pressefreiheit am Beispiel eines Prozesses vom früheren Wrestler Hulk Hogan. Der leitet damit prima über zur neuen Serie des Streamingdienstes. Parallel beginnt nämlich das üppig kostümierte Spektakel Glow um ein real existierendes Team Wresterinnen, die in den Achtzigerjahren kurz für Furore gesorgt haben.

Ansonsten bieten sich frühzeitiger als sonst eher Wiederholungen als Innovationen der Woche an. ZDFneo etwa zeigt ab Donnerstag (21.15 Uhr) nochmals in Doppelfolgen sein unvergleichliches Boxer-Epos Tempel mit Ken Duken und Thomas Thieme, die voriges Jahr gezeigt haben, dass deutsche Serien dramaturgisch doch mithalten können. Wenn man sie lässt. Wer es noch etwas älter mag, hätte hier drei Filme zur Auswahl: Paul Verhoevens Basic Instinct (Samstag, 23.30 Uhr, ZDF) von 1992, als Sharon Stone und Michael Douglas noch jung und heiß waren. Tags drauf um Mitternacht bringt der WDR Sophia Coppolas Meisterwerk Lost in Translation mit der 2003 sehr, sehr jungen Scarlett Johansson und dem noch nicht so richtig alten Bill Murray zurück auf den Bildschirm.

Und dann gibt es ja heute noch die furiose David-Lynche-Retrospektive auf Arte, angefangen um 20.15 Uhr mit Mullholland Drive (2001), abgerundet durch Lost Highway (1996), beides in seinem alltäglichen Mystizismus bahnbrechend und brillant. Wie seinerzeit übrigens der schwarzweiße Westernklassiker Bis zum letzten Mann (Freitag, 23.35 Uhr, BR), mit dem John Ford 1948 nicht nur seine legendäre Kavallerie-Trilogie begann, sondern dem Genre auch filmästhetisch neue Maßstäbe verpasst hat. Sprachlich war hingegen ein gewisser Goetz George stilbildend, als er 1981 in Gestalt des damals unerhörten Tatort-Kommissars Horst Schimanski sein Debüt gab. Am Dienstag um 22.10 Uhr wiederholt der WDR Duisburg-Ruhrpott, einen Film, der das deutsche Fernsehen nachhaltig verändert hat.


Nazischlampen & Glaubensthemen

Die Gebrauchtwoche

5. – 11. Juni

Nein, „Schlampe“ ist kein akzeptables Wort für welche Frau auch immer, und das Präfix „Nazi“ macht es gewiss nicht besser. Es war daher ein wenig mehr als taktlos von Christian Ehring, Alice Weidel vor sechs Wochen im Satiremagazin extra 3 als Nazischlampe beschimpft zu haben. Das frisch gewählte Spitzenbraunhemd der AfD hatte die politische Korrektheit allerdings kurz zuvor „auf den Müllhaufen der Geschichte“ gewünscht, woraufhin der Moderator „da hat die Nazi-Schlampe doch recht“ sprach und fragte: „War das unkorrekt genug?“ Es war. Und wurde nun vom Landgericht Hamburg nachträglich legalisiert. Vorige Woche lehnte es eine einstweilige Verfügung mit der Begründung ab, wegen der Satire- und Meinungsfreiheit müsse Weidel „auch überspitzte Kritik hinnehmen“.

Andererseits reichen manchmal statt derber Worte auch wortlose Bilder, um den rechtspopulistischen Irrsinn da draußen verständlich zu machen. Etwa eine Zusammenfassung jener Journalisten, die Donald Trumps Regierungssprecher Sean Spicer still dabei zuhören, wie er seine offenbar sehr eigentümliche Sicht auf die Dinge präsentiert. Die entgeisterten Gesichter sagen jedenfalls mehr als 1000 Schimpftiraden. Oder auch mehr als alles, was Oliver Pocher in alle den Jahren seiner jämmerlichen Medienexistenz bislang insgesamt abgesondert hat. Im Pro7-Mumpitz Global Gladiators etwa erklärte er den boulevardbekannten Mitstreitern, was ein A-Promi sei: Jemand, antwortete Pocher da lebensklug und altersweise, „der ohne Hilfe anderer etwas auf die Reihe bekommen hat“.

Schön zu hören, dass sich der Protegé von „Bild, BamS & Glotze“ offenbar selbst ans Ende des Alphabets setzt. Weiter vorne, aber längst noch nicht am Anfangsbuchstaben angelangt ist hingegen Carlo Ljubek, den Eingeweihte als Bühnenberserker der renommiertesten Theater kennen. Fernsehzuschauer hingegen mögen sein zerknautscht schönes Gesicht schon mal irgendwo gesehen haben, wenngleich eher in tragenden Nebenrollen.

Die Frischwoche

12. – 18.  Juni

Da ist es schön, dass der kroatische Rheinländer mit Wohnsitz St. Pauli im Mittwochsfilm ganz oben auf der Besetzungsliste steht. Weil er darin einen Vater spielt, den der Hirntod seines Sohnes zwischen Hoffen und Bangen, Fluchen und Beten hin und her schleudert, ist Atempause zugleich einer wichtigsten Filme der diesjährigen Themenwoche Woran glaubst du?, die bis Sonntag wie jedes Jahr um diese Zeit das Programm aller ARD-Kanäle dominiert.

Dazu zählt zum Beispiel auch die Hauptrolle einer anderen Schauspielerin, die es trotz aller Präsenz noch nicht so richtig in die Riege der A-Promis geschafft hat: Ulrike C. Tscharre. Groß geworden in der Lindenstraße spielt Dominik Grafs Lieblingsdarstellerin am Samstag in Konfirmation die Mutter eines Teenagers, der seine Pubertätsrevolte nicht als Nazi, Schlampe oder sonst wie radikal auslebt, sondern religiös zu werden scheint – was seine coolen Eltern allerdings weit schlimmer finden als politische Eskapaden. Diesen Zwiespalt setzt Stefan Krohmer gewohnt tiefgründig und unterhaltsam in Szene.

Am Dienstag zuvor zeigt das Erste ab 22.45 Uhr die nächsten zwei FilmDebüts. Zunächst das getragene Holocaust-Drama Unser letzter Sommer, danach die Komödie 1000 Mexikaner um zwei Hochzeitsfilmer. Klar, dass es Historytainment mit Nazis auf den besseren Sendeplatz schafft, wo am Sonntag auch die neueste Adaption von Mata Hari stattfindet. Mit Natalia Wörner in der Titelrolle und Nora von Waldstätten als real existierender Gegenpol macht die ARD aus dem Spionagestoff zwar ein weibliches Ränkespiel; an die großen Vorbilder wie Greta Garbo reicht der Film allerdings nie heran.

Am Freitag versucht sich auch Netflix daran, eine reale Figur der Zeitgeschichte zu fiktionalisieren: mit El Chapo nimmt sich der Streamingdienst nach Pablo Escobar in Narcos den nächsten mittelamerikanischen Drogenboss vor. Oliver Stone dagegen nimmt es ab Dienstag auf Sky (Freitag auch Sky Atlantic) mit dem noch viel realer existierenden Wladimir Putin auf. Obwohl aufnehmen: der heimatkritische US-Regisseur kriecht ihm in vier Folgen Interview aus Sich der Süddeutschen Zeitung so tief in den Zarenhintern, dass sie „The Putin Interviews“ zur recht als „Autokraten-Porno“ bezeichnet. Recherche, Distanz, Nachhaken? Fehlanzeige! Dann also lieber ab Freitag auf gleichem Bezahlkanal das unterhaltsame Gamour-Drama Riviera um die Schönen und Reichen und Korrupten der Oberen Zehntausend am Traumstrand. Oder wahrhaftige Realismus, etwa im Arte-Themenabend Wir schaffen das!? am Dienstag zum Menschheitsthema Flucht und Empfang, nur ausgewogen mit dem Frage- hinterm Ausrufezeichen.

Von letzteren hat die Tatort– Rückkehr Im Schmerz geboren am Montag um 22.15 Uhr (RBB) ungefähr 2500 Stück verdient. Nicht nur weil es Kommissar Murot  2014 mit mehreren Dutzend Toten zu tun kriegte, aber auch schon ein bisschen darum. Diesbezüglich hatte sich die Wiederholung der Woche 1957 sogar noch zurückgehalten, obwohl Der Seemann und die Nonne (Montag, 13.35 Uhr, ARD), mit Deborah Kerr und Robert Mitchum im 2. Weltkrieg spielt, während dessen sich die Nonne und der Soldat auf einer Pazifikinsel vor den Japanern versteckt.


Arte-Verwalter & ARD-Regisseure

Die Gebrauchtwoche

5. – 11. Juni

Wenn ausgerechnet das dauerlächelnde Alphatier Wladimir Putin der Welt in Gestalt eines berühmten Sommerliedes vom vorigen Jahrtausend rät, sich nicht zu sorgen, sondern fröhlich zu sein, kann man sich ziemlich sicher sein: Es besteht Anlass zum genauen Gegenteil. Sein digital verbreitetes „Don’t worry, be happy“ galt schließlich Donald Trumps Abkehr vom Klimaschutz, die buchstäblich noch viel mehr solcher Hitzköpfe produzieren dürfte.

Noch bemerkenswerter an Trumps Kündigung des Pariser Abkommens war allerdings zweierlei: Wie geschlossen die deutschen Medien Geschlossenheit anmahnten und dabei einen nie gekannten Optimismus an den Tag legten. Und wie sehr es die amerikanische Politik schafft, ein Desaster so vollumfänglich durchs nächste zu ersetzen, das vom vorigen schnell kaum die Rede mehr ist. Wer spricht zum Beispiel noch davon, dass der US-Präsident den männlichen Griff zwischen Frauenbeine zwecks Fremdermächtigung für absolut legitim hält?

Pro Quote! Wobei der Verein keinesfalls nur gegen die richtig fiesen Feinde der Gleichberechtigung protestiert, sondern gern auch mal gegen überraschende. Zum Beispiel Arte. Zum 25. Geburtstag, den der Kulturkanal gerade mit viel Programm, aber wenig Tamtam feiert, hat Pro Quote „das Bild einer Anstalt aus den 50er Jahren“ angeprangert“. Grund ist die Tatsache, dass es seit der Gründung Ende Mai 1992 nicht eine einzige Programmdirektorin  gab, in der neunköpfigen Programmkonferenz nur die acht Männer stimmberechtigt sind und die Intendanten dem Verwaltungsrat in Personalfragen partout keinerlei Rechenschaft ablegen.

Das allerdings ist vielleicht auch nicht ungewöhnlich, wenn Formate wie Global Gladiators auf RTL mal wieder das Testosteron als Göttertrank glorifizieren (und Oliver Pocher damit intellektuell einem weiteren Höhepunkt seiner hochwertigen Karriere zuführen) und ein Nachwuchsformat wie FilmDebüt im Ersten die ungewöhnliche Leistung vollbringt, dass zwölf der zwölf gezeigten Filme von Männern stammen. Regisseurinnen? Fehlanzeige. Nichtsdestotrotz ist natürlich wie jedes Jahr um diese Zeit ebenso mutig wie kreativ und spannend, was der Nachwuchs fortan wieder dienstags im Nachtprogramm der ARD so zeigen darf.

Die Frischwoche

12. – 18. Juni

Morgen beginnt die Reihe mit Katja Riemann als Krebspatientin, die sich in Ohne dich einer Therapie widersetzt und dabei überall auf Unverständnis stößt. Gefolgt wird das Familiendrama vom Studentendrama „Agonie“, in dem es um das Thema alltäglicher Gewalt geht. Beides gute Filme, beides gar nicht mal weibliche Filme, beides am Ende aber doch unter männlicher Leitung wie das gesamte Medium. Schade. Aber auch kein Grund, Filmemacher wegen ihres Geschlechts vorzuverurteilen. Schließlich zeigen Daniel Nocke und Stefan Krohmer seit Jahren in fast jedem ihrer gemeinsamen Projekte, wie präzise und zugleich empathisch Männer das Geflecht zwischenmenschlicher Beziehungen beschreiben können.

Ihr nächster Geniestreich heißt Neu in unserer Familie: Zwei Eltern zu viel im ARD-Mittwochsfilm, dessen Fortsetzung am Freitag läuft. Die Entscheidung von Benno Fürmann und Maja Schöne, eine offene Ehe zu führen, ruft dabei herrlich lakonische Beziehungskatastrophen hervor. Die gibt es im selbstproduzierten Sechsteiler Blaumacher um zwei Lebensmüde (Marc B. Puch, Laura Berlin) eigentlich unablässig, wenn sich beide ab Mittwoch um 21.35 Uhr nach gescheitertem Suizidversuch mühen, ihr bizarres Leben in den Griff zu kriegen.

Leben im wahrhaftigsten Sinne zeigt ab heute um 6 Uhr einen ganzen Tag lang der BR. Wie es Arte einst mit seiner vielfach preisgekrönten Langzeitbeobachtung der Hauptstadt vormachte, haben 104 Kamerateams vor einem Jahr den bayerischen Alltag festgehalten. Ob „24h Bayern“ die dramaturgische Wucht von „24h Berlin“ erreicht, bleibt offen. Als zeithistorisches Dokument dürfte es dennoch durchaus Ewigkeitswert erreichen. Einzig für den Moment unterhaltsam ist dagegen Helene Fischer, der die ARD am Donnerstag mal wieder eine Extraportion Werbung zur besten Sendezeit schenkt. Dabei ist indes kaum zu erwarten, dass das Pausengirl vom Berliner Pokal-Finale im Münchner Kesselhaus ausgebuht wird, wenn sie dort Die neuen Lieder ihrer Platte präsentieren darf.

Für Fans toll, für Verächter furchtbar – das gilt für die Wiederholungen der Woche generell selten. Kabel1 holt heute ab 20.15 Uhr mal wieder Miss Marple aus der Mottenkiste, angefangen mit Mörder Ahoi von 1964, abgeschlossen mit dem drei Jahren jüngeren Krimiklassiker 16.50 ab Paddington. Zeitgleich auf Arte: Der Mann, der Liberty Vance erschoss, John Fords schwarzweiße Westernlegende von 1962, als die Zeit des Genres eigentlich bereits dem Ende entgegenging. Ein Trend, den Terence Hill Anfang der Siebziger mit „Mein Name ist Nobody“ (Dienstag, 20.15 Uhr, P7Maxx) allerdings schon wieder umgedreht hatte. Und zum Schluss der Tatort-Tipp: Til Schweigers Debüt Willkommen in Hamburg (Donnerstag, 20.15 Uhr, WDR), mit dem er die Krimireihe 2013 zum Spielball seiner Eitelkeit gemacht hat.


98 Prozent Trump-Kritik & sechs Thatchers

Die Gebrauchtwoche

22. – 28. Mai

So kann’s kommen: Netflix, dem die exklusive Ausstrahlung von Brad Pitts Kriegssatire War Machine seit Freitag offenbar 60 Millionen Dollar wert ist, setzt die hochglänzende HipHop-Serie The Get Down aus Kostengründen nicht fort. Das ZDF hingegen gibt währenddessen die 2. Staffel der mattglänzenden Politsatire MdB Eichwald mit Bernhard Schütz als abgehalftertem Altabgeordneten in Auftrag, obwohl die 1. Staffel beim Ableger Neo quasi unter Ausschluss des Publikums lief. Zeigt der öffentlich-rechtliche Rundfunk etwa unerwartetes Beharrungsvermögen im Kampf mit Streamingdiensten? Rein journalistisch betrachtet ist ihm dies ja ohnehin zu Eigen.

Das legt eine Harvard-Studie nahe, die den Umgang der Presse mit Donald Trump untersucht. Ergebnis: Vier Fünftel aller Beiträge bewerten den US-Präsidenten weltweit persönlich oder inhaltlich negativ. Am meisten aber missbilligt die ARD, was derzeit im Weißen Haus vor sich geht: Stolze 98 Prozent aller Berichte, also praktisch jeder einzelne, kritisiert Donald Trump für das, was er tut, sagt, twittert. Da wäre es erhellend, wenn jemand auch noch ermitteln würde, wie das Erste mit Putin oder Macron, AfD und FDP, Infantino oder sagen wir: Heidi Klum umspringt.

Letztere hat am Donnerstag auf ProSieben erneut irgendein anorektisches Ding im biegsamen Alter zum neuen Autohauseröffnungssupermodel gekürt und dürfte weiterhin behaupten, ihr vorwiegend minderjähriges Publikum nehme daran keinerlei Schaden. Dazu jedoch hat Die Zeit nun eine aufschlussreiche Studie von 1995 ausgegraben. Sie untersucht den TV-Konsum auf der Fidschi-Hauptinsel Nadroga und setzt ihn mit deren (eher rundlichen) Schönheitsideal ins Verhältnis. Ergebnis: Drei Jahre nach Einführung des Fernsehens verzeichneten Haushalte mit Apparat dreimal mehr Mädchen mit Essstörung als solche ohne. Jedes zehnte erbrach sich sogar regelmäßig zur Gewichtskontrolle. Es war halt die Zeit, als wohlgeformte Models durch knochige abgelöst wurden und normale Moderatorinnen durch bauchfreie Girlies.

Zum Kotzen!

Die Frischwoche

29. Mai – 4. Juni

Ganz im Gegensatz zur 4. Staffel von Sherlock. Ab Sonntag um 21.45 Uhr geht Benedict Cumberbatch wieder auf die Jagd nach den äußeren und inneren Dämonen seines Detektivs, also dessen Widersacher Moriarty und der eigenen Soziopathie. Beides wird zwar auch in den neuen drei Fällen bis zur Abnutzung ausgewalzt. Dennoch zählen auch sie zum Besten, was Krimi derzeit hergibt – und das will angesichts der Synchronisation, die alle Stimmen entweder eine Oktave zu hoch oder zu tief ansetzt, was heißen.

In Die sechs Thatchers zum Auftakt wirkt Holmes zusehends gelangweilt vom Leben. Ihm fehlt der angeblich tote Todfeind – daran kann auch die Geburt von Watsons Tochter nichts ändern, geschweige denn eine Reihe simpler Aufträge. Dann aber holt ihn ein mysteriöser Leichenfund aus der Lethargie. Dabei spielen nicht nur Steinbüsten der Premierministerin eine Rolle, sondern Watsons Frau Mary, internationale Verbrecher und natürlich Moriarty, der partout nicht totzukriegen ist. Wie diese Filmreihe.

Ob Sky am gleichen Tag dasselbe mit Dying Up Here gelingt, bleibt abzuwarten. Aber die sorgsam kostümierte Drama-Serie um die wilde Stand-up-Comedy-Szene im New York der Siebzigerjahre macht nach ersten Bildern zumindest den Eindruck, es würde seine Zeit unterhaltsam nachstellen statt effektvoll ausschlachten. Die Sechzigerjahre, genauer: der 2. Juni 1967 erstehen am Montag (23.45 Uhr) im Ersten wieder auf. Ohne lästiges Reenactment, sondern mit der Kraft authentischer Bilder rekonstruiert die Dokumentation Wie starb Benno Ohnesorg? den Tod des Studenten vor genau 50 Jahren, ohne den RAF und Grüne kaum denkbar wären.

Wie man dereinst wohl über den 8. November 2016 urteilen wird, steht zwar noch in den Sternen. Doch die Tatsache, dass damals Donald Trump zum US-Präsidenten gewählt wurde, dürfte global weitreichende Folgen haben. Umso wichtiger ist es, sich dieser Figur über seine Anhänger zu nähern, wie es Arte in Trump, mein neuer Präsident am Dienstag (20.15 Uhr) unvoreingenommener tut, als es sein diabolischen Chefberater Steve Bannon bei aller Neutralität zulässt. Das Filmporträt Der Trump-Flüsterer versucht es im Anschluss dennoch. Um Voreingenommenheit der harmloseren Art geht es ab heute auf gleichem Kanal fünf Montage lang um 16.15 Uhr: Sterotyp listet Vorurteile über nationale Klischees auf – und versucht damit aufzuräumen, soweit das möglich ist.

Film gewordenes Klischee ist die Wiederholung der Woche in Farbe Wenn der weiße Flieder wieder blüht (Montag, 20.15 Uhr, MDR) mit den Nazi-Lieblingen Willy Fritsch und Magda Schneider. Dramaturgisch kompletter Bullshit steht er nach wie vor in den Top 3 der meistbesuchten deutschen Kinofilme. Auf über 20 Millionen Zuschauer kamen die drei ersten Erfolge von Quentin Tarantino der Neunziger hingegen nicht mal zusammen. RTL II zeigt sie am Freitag um 20.15 Uhr in umgekehrter Reihenfolge: Erst Jackie Brown (1997), dann Pulp Fiction (1994), zuletzt Reservoir Dogs (1991). Zwischendurch (1995) ist unser Tatort-Tipp entstanden: Falsches Alibi mit Kain und Ehrlicher (Mittwoch, 22.05 Uhr, MDR), dessen Sohn hier unter Mordverdacht gerät.


TV-Beben & Hit-Maschinen

Die Gebrauchtwoche

15. – 21. Mai

1998 war das Leben am Bildschirm noch geordnet. Auf MTViva sangen Boygroups von Girls und Girlgroups von Boys. Linda de Mol arrangierte heteroherrliche „Traumhochzeiten“ und Homosexuelle gab es in exakt vier Aggregatszuständen: Tunte, Tunte, Tunte oder gar nicht. So gesehen war die US-Serie Will & Grace nicht nur ein Format mit schwuler Hauptfigur, es war ein TV-Beben. Dieser Will hatte zwar so seine Probleme mit dem Coming-Out, zeigte sich allerdings 194 Folgen lang als leicht überspannter, ansonsten recht gewöhnlicher Mitbewohner seiner Ex Grace.

Was es uns da sagen könnte, dass NBC vorige Woche die Fortsetzung in gleicher Besetzung angekündigt hat? Außer der puren Freude: Nix! Elf Jahre nach der letzten Staffel sind Homosexuelle überall präsent, aber selten tuntig, also ganz schön normal. Was weniger normal ist? Alles andere. Mittlerweile gibt es ja halbkybernetische Fernsehgeschöpfe wie Helene Fischer, der die NDR Talk Show am Freitag so tief ins Zentrum ihres Verbrennungsmotors kroch, dass der sein neues Album mit gleich fünf Songs vermarkten durfte und zwischendurch im Kreise lobhudelnder Hofschranzen saß.

Mittlerweile gibt es aber auch vollkybernetische Webstars wie Bibi, deren Youtube-Kanal Abertausende Mädchen zu Sexobjekten schminkt. Selbst ein drastisch missratenes Musikvideo steigert ihren Umsatz da nur noch weiter, vom fabelhaften Ulk des Postillion, der IS habe sich zu dem Clip bekannt, ganz zu schweigen. Ach ja – was es mittlerweile auch gibt: Milliardäre, die Sport kaufen wie kleine Mädchen Bibis PR-Produkte. Einer davon ist der US-Investor Leonard Blavatnik. Er hat gerade die Übertragungsrechte an der Champions League ersteigert, weshalb Spitzenfußball ab 2018 nur auf der PR-Plattform Dazn (und Sky) zu sehen ist. Das Free-TV geht leer aus.

Die Frischwoche

22. – 28. Mai

Das erinnert an 2009. Damals wanderte ein Kanal ins kostenpflichtige Kabelangebot ab, der die Popkultur geprägt hatte wie zuvor nur Vinyl und danach das Internet: MTV. Ohne konkreten Anlass erinnert Arte Freitag um 21.50 Uhr an Aufstieg und Fall des Musiksenders. Vom allerersten Clip am 1. August 1981 (Video Killed The Radio Star) bis zur hinterletzten Reality-Show (my super sweet 16) von heute schwelgt die französische Doku im Vergangenen und beklagt im Kreise diverser Zeitzeugen, was daraus geworden ist.

Dabei widerstehen die Regisseure Laurent Thessier und Tierry Teston der wohlfeilen Versuchung, bloß tolle Videos und Teaser aus den ersten drei (sehr erfolgreichen) Jahrzehnten abzuspielen. Das tun sie auch. Vor allem aber wird Die Hit-Maschine als das skizziert, was sie war: Ein Geschäftsmodell, das anfangs von bilderstürmendem Feuer entfacht zusehends den Mechanismen der Marktwirtschaft gehorchen musste. Als reines Rendite-Instrument jedoch versank sie spätestens 2009 in der Bedeutungslosigkeit. Das macht die 55 Minuten zwar ungeheuer trist, aber eben auch nostalgisch schön. Besonders (wenngleich nicht nur) für die Jugendlichen von damals.

Wie man wohl besser nicht auf Vergangenes zurückblickt, zeigt am Mittwoch der RTL-Dreiteiler I Like die 2000er, dessen Titel allein schon Anlass für Schmerzensgeldforderungen wäre. Dann doch lieber pur und unkommentiert die Rocknacht am selben Abend (1.05 Uhr), wenn der MDR an die Tour von Depeche Mode des Jahres 1993 erinnert. Das war übrigens gar nicht so lange vor einem Fußball-Triumph der besonderen Art, als Schalke und Dortmund 1997 kurz nacheinander Uefa-Pokal und Champions League gewonnen haben – woran der WDR am Freitag (20.15 Uhr) zum Jubiliäum gewiss nicht ohne Stolz erinnert.

Irgendwie auch bereits historisierend könnte der Blick auf Trumps Weg an die Macht sein, den ZDFinfo 24 Stunden zuvor wagt, während sich der US-Präsident bereits wieder zügig von ihr, der Macht, verabschiedet. Ebenso weitsichtig wirkt die Doku „Wir hacken Deutschland“ (Montag, 22.45 Uhr), mit der das Erste den globalen Virenangriff von voriger Woche am Beispiel eines Neusser Krankenhauses antizipiert hat. Ohne aktuellen Anlass kommt die Fortsetzung der ZDFinfo-Reihe Szene Deutschland – Unter Tätern aus, wo sich der grimmepreisnominierte Ex-Knacki Sascha Bisley wieder in die Abgründe der Kriminalität begibt, am Samstag etwa zu den Eltern eines getöteten Kindes. Und damit es an dieser Stelle auch ein wenig heitere Fiktion gibt, sei hiermit War-Machine empfohlen, mit dem Netflix am Freitag nicht nur zeigt, dass seine eigenproduzierten Filme längst Superstars wie Brad Pitt anlocken, sondern auch, wie man ein ernstes Thema wie den Afghanistan-Krieg heiter aufbereitet, ohne sich über jemanden lustig zu machen.

Ersteres, nicht letzteres gilt auch für die schwarzweiße Wiederholung der Woche am Montag (13.20 Uhr). Dann zeigt 3sat zweimal Laurel & Hardy hintereinander, im Knast und bei der Fremdenlegion. In Farbe läuft Donnerstag (23.25 Uhr, Sat1) Tom Tykwers Das Parfüm von 2006 mit dem hinreißenden Dustin Hoffman. Und der WDR serviert uns Samstag um 22.25 Uhr den schönen Schimanski-Tatort namens Freunde von 1986.


Gegenwartszukunft & Kommissar Goster

Die Gebrauchtwoche

8. – 14. Mai

Schwer zu sagen, bei welcher digitalen Ziffer unserer Gegenwartszukunft wir uns zurzeit befinden – 4.0? 15.6? 172.X? Der Wert ändert sich ja längst fast wöchentlich… Die ARD indes hat sich zur Interaktivität 3.0 für Zuschauer 0.3 entschieden: Seit ein paar Tagen können Fans unter www.lindenstrasse.de im Rahmen der Themenwoche Woran glaubst du? abstimmen, ob sich die TV-Tochter von Momo und Iffi konfirmieren lässt. Angesichts der globalen Relevanz dieser Debatte dürfte die Beteiligung oberhalb etwaiger Präsidentenswahlen liegen, die zeitgleich zum Start des Votings das Mediengeschehen dominiert haben.

Wenn das älteste Serienformat des deutschen Fernsehens diskutiert wird, heißt das allerdings auch: Bis auf Reinhold Beckmanns Abschied von der Sportschau, die Meldung einer Fortsetzung vom Denver-Clan und dem deutschen Desaster beim ESC nicht allzu viel los gerade. Was man allerdings ruhig mal als gute Nachricht auffassen darf. Ebenso wie die Nachricht, dass Pro Sieben, genauer: dessen Videoportal Maxdome die 2. Staffel von Jerks in Auftrag gegeben hat. Trotz besserer Kritiken als Abrufzahlen und Einschaltquoten bei der Zweitverwertung im Regelprogramm dürfen Christian Ulmen und Fahri Yardim ab Sommer wieder die Verzögerung ihrer Adoleszenz inszenieren und damit mal peinliche, mal grandiose TV-Momente schaffen.

Ob das ZDF die Übertragungsrechte der Champions League behält, bleibt derweil offen. Da die Mittel begrenzt sind, scheint es angesichts des irren Bieterwahns privater Konkurrenten aber wahrscheinlich, dass die Königsklasse nur noch im Pay-TV gezeigt wird. Kann man beklagen, kann man bejubeln, kann man auch ignorieren und zum Tagesgeschäft übergehen, also was die öffentlich-rechtlichen Gebührengeldempfänger anders als UEFA-Fußball per Staatsvertrag zu liefern haben: anspruchsvolle, abwechslungsreiche, außergewöhnliche Fiktion.

Nicht nur zu der findet ja schon seit Jahren eine teils hitzig geführte die Debatte darüber statt, ob das Gegenteil von alledem nicht längst alle guten Sendeplätze blockiert. Ein Beispiel vom Dienstag allerdings zeigt, dass das gelegentlich angebracht ist – obwohl es sich dabei um einen ARD-Krimi ohne Sexorgien oder Gewaltexzesse handelt.

Die Frischwoche

15. – 21. Mai

Goster heißt das gute Stück und ist nach den Tagesthemen um 23 Uhr sehr gut aufgehoben. Die Titelrolle spielt ein Schweizer namens Bruno Cathomas, der so ziemlich die absurdeste Ausgabe eines Kommissars ist, den es im mordsüchtigen Fernsehland seit Inspektor Kottan gegeben hat.

Er spricht mit sich selbst und gern in Reimen. Er sieht aus wie ein Teddy, der die Frauen betört. Er tanzt minutenlang ungeschnitten durchs Haus oder erschießt den Mond. Didi Danquart hat Markus Buschs Buchs über eine selbsttötende Waffe mit Splitscreens und Comicsequenzen so irre über-, unter-, ineinander geschachtelt, dass Krimi ohne sozialpolitischen Background zwar nie bekiffter war, aber auch selten faszinierender. Das teilt der Film mit einer BR-Serie, die knapp drei Stunden früher startet. Sie spielt im fiktiven Hindafing, das Maximilian Brückner als drogensüchtiger Bürgermeister am Rande des Wahnsinns regiert, bis die düstere Alpenatmosphäre Stück für Stück implodiert. Derart bissigen Aberwitz liefert sonst allenfalls David Schalko aus Österreich, weshalb die drei Doppelfolgen auch nicht im Ersten, sondern Dritten laufen.

Dorthin gehört naturgemäß Daniel Harrich, der bereits den Waffenhandel und das Oktoberfest-Attentat zu grandiosen Thrillern verarbeitet hat. Am ARD-Mittwoch widmet sich der Fiktionalreporter gefälschten Medikamenten, mit denen Pharmakonzerne in der Dritten Welt Menschenleben für den Profit riskieren. Leider hat Gift mit Heiner Lauterbach als (anfangs) skrupelloser Unternehmer und Julia Koschitz als (durchweg) gewissenhafte Interpol-Ermittlerin nicht die gleiche dramaturgische Wucht; sehenswert ist es trotzdem. Und passt ein bisschen zu Die Viagra-Tagebücher, mit denen 3sat am Montag  um 22.25 Uhr 90 Minuten der kommerziell erfolgreichen Arznei auf den Grund geht.

Zwei bemerkenswerte Neustarts werden ab Freitag gestreamt: Die Real-Crime-Doku The Keepers, in der Netflix dem mysteriösen Mord an einer Nonne im katholischen Baltimore nachspürt. Und auf Sky beginnt David Lynchs Fortsetzung von Twin Peaks, worüber man leider nichts berichten kann, weil der Sender den Inhalt unter Verschluss hält als sei es der Zugangscode des US-Atomwaffenarsenals. So verschlossen ist RTL natürlich nicht und zeigt uns am Mittwoch (21.35 Uhr) Stars, Storys & Geheimnisse rund aus 25 Jahren GZSZ. Futter für echte Fans. Denen von Franz Liszt über The Beatles bis Justin Bieber setzt der Arte-Film Mit dem Feuer der Begierde am Freitag um 21.45 Uhr ein dokumentarisches Denkmal.

Und vor den Wiederholungen der Woche noch ein besonderer Tipp: Wie immer um diese Jahreszeit zeigt 3sat Dienstag und Mittwoch gegen Mitternacht einige Beispiele der Kurzfilmtage Oberhausen. In voller Länge zeigt 3sat am Donnerstag (23.55 Uhr) May Spils‘ schwarzweißes Schwabing-Porträt Zur Sache Schätzchen mit ihrem Mann Werner Enke von 1967. In Farbe gibt es am Mittwoch auf Kabel1 ein Wiedersehen mit Ridley Scotts Alien (22.45 Uhr). Und den Alt-Tatort gibt’s beim NDR, der die Kommissare Stoever und Brockmöller am Samstag um 20.15 Uhr im 310. Fall namens Tödliche Freundschaft von 1995 zum Leben erweckt.


Reichsbürgernaidoo & Polizeimodel

Die Gebrauchtwoche

1. – 7. Mai

Die Innovationsmaschine RTL, sie läuft seit einiger Zeit schwer auf Hochtouren. Nachdem ihr Programm zusehends an die 80er erinnert, hat der Barrikadenstürmer des Fernsehens von gestern nun den nächsten Barrikadensturm des Fernsehens von heute angekündigt und wiederholt auf seinem Ableger mit dem Zusatz „Plus“ im Juni selbsternannte „Kultklassiker“ wie Ein Schloss am Wörthersee oder RTL Samstag Nacht. Für den Ex-Marktführer reicht es jetzt also nicht mal mehr zur Neuauflage. Wobei Wiederholung keineswegs gleich Wiederholung ist.

Dass der BR zurzeit samstags Graf Yoster gibt sich die Ehre aus der schwarzweißen Mottenkiste holt und mit der seltsam religiösen Vorsilbe „Kult“ versieht, weckt nämlich fürwahr nostalgische Erinnerungen an eine Zeit, da sich innovative Kreativität im Fernsehen nicht auf Jan Böhmermann beschränkt hat, der sich am Donnerstag mal die Soul des Reichsbürgertums Xavier Naidoo zur Brust genommen hat. Und es beweist den Spürsinn der Programmplaner. Denn kaum sind die ersten Folgen zum 50. Geburtstag des adeligen Hobbydetektivs gelaufen, ist dessen Darsteller Lukas Ammann im biblischen Alter von 104 Jahren gestorben, der interessanterweise im selben Jahr seinen Durchbruch in der Literaturverfilmung Bel Ami feierte, als der ESC unterm sehr deutschen Titel „Grand Prix Eurovision de la Chanson“ Premiere feierte.

1956 galt der Musikwettbewerb als Element der europäischen Einigung, bei dem echte Menschen richtig gesungen haben. Die 62. Ausgabe in Kiew dagegen glich schon bei der Vorbereitung vergangene Woche eher einem Hochsicherheitstrakt im Kriegszustand als dem Slogan „Celebrate Diversity“ – was angesichts des Boykotts von Russland und der Türkei ohnehin ziemlich schal klingt. Immerhin bildet Peter Urban als deutscher Moderator seit 1997 eine Konstante aus jener Zeit, als Deutschland von Helmut Kohl regiert wurde, beim ESC sogar Punkte erhielt und Fernsehen Fernsehen war, weil alle fernsahen, vornehmlich das gleiche, also meist Krimis.

Die Frischwoche

8. – 14. Mai

Witzigerweise sahen sie schon damals ungefähr so aus wie jene der italienischen Reihe Die Toten von Turin. In sechs Doppelfolgen wird darin ab Donnerstag auf Arte je ein Mordfall gezeigt, was ästhetisch sogar überzeugen kann. Doch Regisseur Guiseppe Gagliardi hat bei aller Liebe zur schönen Kamerafahrt durch düster dekorierte Kulissen oft vergessen, dass Serien längst horizontal erzählt werden, also etwas mehr thematischen Überhang aufweisen sollten als das – hoppela! – dunkle Geheimnis von Ermittlerin Valerio Ferro, deren Mutter wegen Mordes an ihrem Mann im Gefängnis sitzt.

Damit nicht genug, wird sie von Miriam Leone verkörpert, die zwar keine Schauspielerin ist, aber klasse aussieht. Miss Italia 2008 müht sich im Auftaktfall um ein getötetes Mädchen zwar redlich, an ihrer Optik vorbei zu wirken. Doch ein 30-jähriges Model in leitender Polizeifunktion – da könnte einem glatt die Idee kommen, es gehe der Serie eher ums Äußere als Inhalt. Dabei ist das doch die Spezialität von RTL… Das nächste Woche wie so viele Sender übrigens wenig Innovatives zu bieten hat.

Einmal mehr überlässt es das Regelprogramm daher den Streamingdiensten, echt televisionär zu sein. TNT und Sky strahlen Montag den deutschen Sechsteiler 4 Blocks über einen arabischen Clan in Berlin-Neukölln aus, der visuell, ästhetisch, dramaturgisch drastischer, aber eben auch authentischer und horizontaler ist als alles, was ARZDLPRO1 je zustände brächten. In abgeschwächter Form gilt das auch für gleich drei Netflix-Serien, die ab Freitag abrufbar sind. Allen voran die zweite Staffel des hinreißenden Migrationshipsterporträts Master of None, dicht gefolgt von der Doku-Reihe Get me Roger Stone, die einen der einflussreichsten Spin-Doctors der US-Politik auf der Spur ist. Und dann wäre da noch Anne with an E, was das vielschichtig schöne Coming-of-Age-Thema endlich mal aus der erweiterten Gegenwart um gut 100 Jahre zurückverlagert.

Linear gibt es dann aber doch auch was Sehenswertes: Den wahrhaft gelungenen ARD-Mittwochsfilm About a Girl mit Heike Makatsch als heillos überforderte Mutter von Jasna Fritzi Bauer als düstere Außenseiterin – herrlich morbide. Interessant ist hingegen die Doku Verbotene Filme (Dienstag, 21 Uhr, Phoenix), in der Das Erbe des Nazi-Kinos skizziert wird, zu dem unter anderem mehr als 40 NS-Werke wie Jud Süß gehören, die bis heute unter Verschluss stehen. Frei verfügbar sind die Wiederholungen der Woche wie Robert Thalheims Familiendrama „Eltern“ (Dienstag, 20.15 Uhr, 3sat), in dem Charlie Hübner und Christiane Paul 2013 die klassische Rollenverteilung unfassbar glaubhaft umgedreht haben. In Schwarzweiß ratsam: Die Hoffnungslosen (Mittwoch, 23 Uhr, Arte), ein verstörend düsteres Knastdrama aus dem Ungarn des Jahres 1966. Und der Tatort-Tipp lautet diesmal Salzleiche (Montag, 22.05 Uhr, RBB), bei dem Charlotte Lindholm 2008 im Atomklo Gorleben ermittelt hat.