Neue Colts & All Together Now

Die Gebrauchtwoche

TV

16. – 22.  Mai

Retrowelle neues Fernsehen? Universal plant ein Remake von The Fall Guy mit Ryan Gosling als australischer Colt für alle Fälle. Im November moderiert Thomas Gottschalk zum zweiten Mal seit dem endgültigen Abschied Wetten, dass…? im Zweiten. Und dann stand zum 3. Geburtstag des legendären Ibiza-Videos vom 17. Mai 2019 der untote Heinz-Christian Strache im Mittelpunkt einer bizarre Drehortreise von Puls 24. Wobei die arrogante Selbstentlarvung des schwer korruptionsverdächtigen Österreichverkäufers in Herr Strache fährt nach Ibiza – Zurück zum Ende wirklich sehenswert ist.

Zurück auf der langen Liste deutscher Nachkriegsjournalisten mit NS-Vergangenheit ist derweil auch Henri Nannen, von dem das NDR-Rechercheteam Strg_F Flugblätter mit menschenverachtendem Inhalt sämtlicher braunen Farbtöne ausgegraben hat. Nachdem die Wirtschaftswundergesellschaft bis in die Wirtschaftskrisen der Achtzigerjahre seltsam nachsichtig im Umgang mit den geläuterten SS-Propagandisten war, dürften Nannen-Schule und Nannen-Preis nun wohl endgültig umbenannt werden.

Kein allzu schöner Tag also für den Hamburger G+J Verlag, dessen Reputation seit der Übernahme durch RTL ohnehin so tief gesunken war wie die Auflage des Sterns. Das allerdings hat dieses knallbunt angegraute Leitmedium der alten Bundesrepublik mit Netflix gemeinsam, wo nach den miesen Abo-Zahlen vom April nun auch noch 150 Mitarbeiter*innen gehen – und zwar ausgerechnet, als der absurdeste Rechtstreit unserer Tage den Regenbogenblätterwald füllt: Johnny Depp vs. Amber Heard.

Wer hier wem mehr Gewalt angetan hat, wissen am Ende nur die entzweiten Eheleute. Aber wie beide sich mit psychoaktiver Gewalt in aller Öffentlichkeit selbst- und gegenseitig demontieren, ist ein Paradebeispiel der entfesselten Aufmerksamkeitsgesellschaft im Zeitalter asozialer Medien. Wie gut, dass es immer wieder mal Themen schaffen, dennoch unterm Radar zu bleiben.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

23. – 29. Mai

Das neue Sat1-Casting All Together Now zum Beispiel, mit dem der ziemlich egale Sender das tausendfach totgerittene Prinzip Gesangswettbewerb ab Freitag sechs Teile lang aus der Fernsehgruft zerrt, allerdings mit einer Jury aus 100 Personen, die – wie gewohnt ein geklautes Konzept vom internationalen Markt – mitsingen, falls ihnen das Liedchen gefällt. Wenn das Reservoir der Selbstachtung auf null ist: maximiere einfach die Parameter und warte ab, was passiert.

Wie gut, dass Sat1 mit den Relegationsspielen zur 1. und 2. Fußballbundesliga heute und morgen zwei kleine Quotengaranten voller Traditionsvereine im Hauptabendprogramm hat – da merkt man den Totalausfall vom gewaltigen Rest nicht so sehr. Wobei dem enteilten Konkurrenten RTL abseits der heutigen Jubiläumssendung zum 18. Geburtstag von Bauer sucht Frau auch nicht allzu viel neues einfällt.

ZDFneo dagegen holt die fabelhafte Diversity-Serie Becoming Charlie morgen um 20.15 Uhr am Stück aus der eigenen Mediathek ins lineare Programm, während die ARD das 70. Thronjubiläum der ewigen Queen am Donnerstag in einer sechsteiligen Doku komplett online feiert. Parallel dazu startet bei Magenta der ebenfalls sechsteilige Krimithriller Missing Kid nach Büchern von Irvine Welsh, in denen mal wieder nach verlorenen Kindern gesucht wird.

Mysteriös wird es dagegen tags darauf bei der mehrfach verschobenen Sky-Serie The Rising, die allerdings mehr noch als Staffel 4 vom nostalgisch-schaurigen Netflix-Blockbuster Stranger Things im Schatten des wuchtigsten Neustarts dieser Woche steht: Obi Wan Kenobi, das ungefähr 473. Spin-Off aus dem Star-Wars-Kosmos, über das man leider noch nichts sagen kann, weil Disney+ die Serie bis zur Premiere wie ein Staatsgeheimnis unter Verschluss hält.

Wer Fernsehtipps lieber hört als liest, kriegt einige davon aber auch beim geschwisterlich verbundenen Podcast Och eine noch auf die Ohren – genauer: Diskussionswürdiges zu Becoming Charly, Tokyo Vice und Die Schlange von Essex.


Aktienkurse & Townhallmeetings

TV

Die Gebrauchtwoche

9. – 15. Mai

Schwer zu sagen, was in der vergangenen Woche mediensoziokulturellpolitisch betrachtet deprimierender war. Dass sich der ehemals und irgendwie ja immer noch ein bisschen liebenswerte Sinnfluencer Fynn Kliemann mit jedem seiner schalen Entschuldigungsversuche mehr demontiert? Dass es schon als echtes Highlight diktaturresilienter Pressefreiheit gelten muss, wenn russische Hacker für fünf Minuten regimekritische Headlines in Putins Propagandaportale schmuggeln? Dass Elon Musk Donald Trump bei Twitter zu rehabilitieren plant, da dessen Verbannung „unmoralisch“ gewesen sein soll?

Jedes Ranking wäre da eines zerplatzter Träume von der Erde als lebenswerter Ort für alle. Immerhin: wenn die Verzögerung der Übernahme von Musks asozialem Spielzeug nicht nur ein (einigermaßen erfolgreiches) Manöver zur Aktienkursmanipulation war, wird die Erde vorerst wenigstens nicht schlagartig schlechter. Was aber könnte uns auf dem Weg zum Besseren Hoffnung machen? Der ESC am Wochenende jedenfalls nicht. Menschen, die Herzfingergestik beeindruckt, dürfte Samstag ab 21 Uhr zwar ziemlich warm ums echte Herz geworden sein.

Wer Eskapismus skeptischer sieht, kam bis eins aus dem Kotzen kaum raus, so wohlfeil und warenförmig waren die Bekenntnisse zu Diversität, Ukraine, Toleranz, Ukraine, Frieden, Ukraine, Vielfalt und Ukraine. Kann es noch schlimmer werden? Es kann! Auf Sat1 zum Beispiel, wo mittwochs ein Club der guten Laune das Gegenteil verbreitet und somit belegt, wie wenig Selbstachtung dem bedeutsamen Sender von einst noch geblieben ist.

Dann doch lieber Superhelden- oder SciFi-Spin-Offs bei Disney+ gucken, das die Zahl seiner Abos nach nur drei Jahren am Markt um ein sattes Drittel auf 137 Millionen gesteigert hat und dem Marktführer Netflix damit dicht auf den Fersen ist. Schon Ende 2023 könnte der Platzhirsch den Frischling überholen.

 

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Die Frischwoche

16. – 22. Mai

Dort läuft diese Woche – tja, bestimmt irgendwas, wovon uns das Portal vorab nicht in Kenntnis setzen wollte, weil egal. Widmen wir uns also den anderen. RTL zum Beispiel, das heute einen kugeligen kleinen Coup in Gestalt des Bundeskanzlers an Land gezogen hat. Um 22.15 Uhr steht er einem Townhall-Meeting um Pina Atalay Rede und Antwort über schwere Waffen, verlorene Wahlen und vielleicht sogar nebenbei um dieses andere Thema, wie hieß es noch gleich? Ach ja: Klimawandel.

Darum geht es am Donnerstag in der Arte-Mediathek nur dem Titel nach, tatsächlich aber handelt Wild Republic acht Teile lang von einer erlebnispädagogischen Maßnahme, die mit großem Getöse in den Alpen misslingt, was für deutsche Verhältnisse ganz gelungen ist. Schon heute startet bei Sky die Romantic-Mystery-Serie The Time Travellers Wife mit Rose Leslie, die ihrem Lover (Theo James) durch Zeit und Raum hinterherreisen muss, während die Biocom Beth und das Leben ab Mittwoch bei Disney+ in der fiktionalen Realität der ziemlich lustigen Stand-up-Komikerin Amy Schumer spielt.

Ab Freitag schickt der Sky-Achtteiler Night Sky Sissy Spacek in einer Art intergalaktischen Abstellkammer durchs Weltall, wo sie verrückte Sachen erlebt, die man durchaus gesehen haben sollte. Ob das auch für die parallel startende, spanisch-amerikanische Coming-of-Age-Serie 20 Years aka Now and Then gilt, können wir hier nur anhand der streamenden Plattform beurteilen. Weil sie Apple TV+ heißt, dürfte es sich aber lohnen. Und dann wäre da noch, als Sahnehäubchen der Woche, Becoming Charlie.

Ab Freitag begleitet die Instant-Drama-Serie Lea Drinda in der ZDF-Mediathek (Neo: 24. Mai) dabei, ihr Geschlecht zu variieren. Und nicht zuletzt wegen der leicht zu unterschätzenden Schauspielerin (Wir Kinder vom Bahnhof Zoo) hält das Diversity-Format in aller sechsteiligen Kürze ein paar angenehme Überraschungen bereit.


Pressefreiheit & Sozialkritik light

TV

Die Gebrauchtwoche

2. – 8. Mai

Der Tag der Pressefreiheit müsste eigentlich längst in Tag der Pressefreiheitsdefizite umbenannt werden. Als er sich den 3. Mai mit Tagen des Waldkindergartens, der Teppichfalte oder einem National Paranormal Day in Amerika teilen musste, ging es dem Gedenkgrund schließlich schlecht wie selten seit Franz-Josef Strauß. Deutschland rutschte im Ranking pressefreier Nationen vom 13. auf den 16. Platz ab, was bedenklich ist. Wenngleich nicht halb so sehr wie der Absturz Österreichs von Position 17 auf 31.

Anders als hierzulande, wo die Presse vor allem von privatwirtschaftlicher und rechtspopulistischer Seite – oft buchstäblich – angegriffen wird, stand die journalistische Berichterstattung dortzulande unter exekutivem Beschuss korrupter Bundeskanzler (Sebastian Kurz) korrupter Parteien (Sebastian Kurz) korrupter Regierungen (Sebastian Kurz). Doch weil der Hauptdarsteller dieses durch und durch korrupten Systems (Sebastian Kurz) am 3. Mai längst seine Anschlusskarriere als ultraliberaler Rechtspopulist von Trumps Gnaden plante, machten sich seine Brüder im Geiste daran, die Pressefreiheit weiter auszuhöhlen.

Allen voran Stephan Mayer. Dienstag wurde publik, dass der CSU-Generalsekretär einem Reporter wegen seiner Gossip-Story die Vernichtung angedroht hatte und der Bunte gleich mit. Ob die überhaupt Presse im journalistischen Sinn ist, könnte man mal diskutieren. Aber dass Mayer seinen Rücktritt mit gesundheitlich begründete, was Parteichef Söder zur „menschlichen Tragödie“ verkleinerte, ist für unsere Demokratie sogar noch gefährlicher als der umgekehrte Weg des baden-württembergischen Innenministers.

Donnerstag wurde bekannt, dass Thomas Strobl Interna eines laufenden Gerichtsverfahrens wegen sexueller Nötigung gegen den Landespolizei-Inspekteur durchgestochen hatte. Richtig skandalös wurde dieser Rechtsbruch allerdings erst, weil ihn Strobl zur Transparenzoffensive erhob, obwohl er nur ein Medium einbezogen hatte. Und damit zu Fynn Kliemann. Am 3. Mai hat der Kuschel-Anarchist Fragen von Jan Böhmermann zur Maskenaffäre, die Freitag im ZDF Magazin Royal publik wurde, nicht der Redaktion, sondern bei Youtube beantwortet. Philanthropie Light, gewissermaßen.

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Die Frischwoche

9. – 15. Mai

Sozialkritik light liefert dagegen die ZDF-Serie Wendehammer. Ab Donnerstag erzählt das alltagsfeministische Dream-Team Alexandra Maxeiner (Buch), Ester Amrami (Regie) und Diana Hook (Produktion) sechs Teile auf originelle Art massenkompatibel von vier Bewohnerinnen (Meike Droste, Susan Hoecke, Friederike Linke, Elmira Rafizadeh) einer suburbanen Spießersiedlung, denen ein langzurückliegender Mord das Spießersiedlungsleben versaut.

Auf salonreaktionäre Art geschichtsrevisionistisch startet Sky tags drauf den nächsten Waschgang deutscher Kollektivschuldnegation. Schlimmer noch als die 2. Staffel steigt Nr. 3 am Samstag auf so AfD-kompatible Weise auf Das Boot, dass man sich die Weltkriegsarie spontan ersparen möchte – und wohl auch sollte. Gibt ja auch andere, bessere, politisch weniger bedenkliche Sachen zu streamen in der kommenden Woche. Claire Danes (Homeland) als Londoner Witwe im viktorianischen England zum Beispiel die auf ihrer romanverfilmten Suche nach der Schlange von Essex ab Freitag den nicht minder mysteriösen Vikar Will (Tom Hiddleston) findet.

Zeitgleich im Angebot von Apple+: Die musikalisch modernisierte Aschenputtel-Version Sneakerella. Auf Netflix startet derweil The Lincoln Lawyer worüber man mangels Respekt des – zum Glück schlingernden – Marktführers vor der journalistischen Berichterstattung mal wieder nix sagen kann (und will). Der amerikanisch-japanische Neo-Noir-Achtteiler Tokyo Vice um einen US-Journalisten im Kampf gegen die Yakuza dagegen, den Starzplay ab Sonntag von HBO Max importiert, wurde nach der Ausstrahlung in den USA zu Recht schwer gelobt. Und am Abend zuvor war auch irgendwas. Ach ja – der ESC im Ersten…


Bilds Becker & Warners Rapper

TV

Die Gebrauchtwoche

25. April – 1. Mai

Ach Boris – was warst du tröstlich, was warst du nervig, was hast du uns seit 1985 für Geschichten erzählt, von denen wir viele zwar gern überhört hätten, aber du warst immer da im Lichtkegel des Boulevards von Bild bis Bunte. Weltbewegend war da alles nie, aber auch nicht weiter störend. Jetzt aber, im Spätherbst deiner Karriere, hast du uns einen Moment nervig-tröstlicher Katharsis geschenkt: Nachdem Boris Becker am Freitag wegen Insolvenzverschleierung zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt worden war, begannen selbst seriöse Hauptnachrichten mit diesem Londoner Richterinnenspruch.

Kein Krieg, kein Corona, weder Inflation noch Gaspreise, sondern ein gefallener Tennisstar als Top-News – das stellt sogar jene vom Blender der Vorwoche in den Schatten: Anders als kolportiert, wird Elon Musk Twitter nicht für 42 oder 43 Milliarden Dollar von der Börse nehmen; er lässt sich den Großangriff auf seine Midlifecrisis nun stolze 44.000.000.000 kosten und reiht sich damit in Gruppe Superreicher ein, die ihre Macht mit Medien aller Art zementieren.

Immer noch kein echtes Schnäppchen für den unprofitablen Messenger-Dienst. Aber für Elon I., dem Meinungs- und Pressefreiheit sogar noch ein bisschen unwichtiger sind als Klimaschutz oder Demokratie, ein billiges Vehikel, um die Agenda vom ultraliberalen Nachtwächternationalstaat mit aller, für alle Macht voranzutreiben. Völlig folgerichtig gab es dafür bislang nur von einer Seite Applaus: der rechtsradikalen, impfkritischen, realitätsverleugnenden, querdenkenden in aller weißer alter Herren Länder.

Einer Kohorte, der nicht nur der gleichstellungsgerechte Verein Pro Quote mit wachsendem Frauenanteil die Hölle heiß macht. Auch ein Geschlechtsgenosse wie Hans Janke steht, besser: stand auf der anderen, der besseren Seite. Als langjähriger Programmdirektor hatte sich der frühere Leiter des Adolf-Grimme-Instituts in den Neunzigern mit aller Kraft gegen die Verflachung des ZDF aufgelehnt und damit häufig Erfolg. Jetzt ist er mit 77 Jahren in Wiesbaden gestorben und wir merken: da wird einer fehlen.

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Die Frischwoche

2. – 8. Mai

Frisches, gutes, originelles, dennoch publikumswirksames Fernsehen sieht man schließlich mehr und mehr auf Videoportalen wie Warner TV Serie, das hierzulande über Sky empfänglich ist. Mit Almost Fly startet dort heute ein Sechsteiler, der im öffentlich-rechtlichen Rundfunk ausgeschlossen ist – eine überdreht heitere und trotzdem reflektiert kluge Erzählung über die Anfänge des Deutschrap anno 1990. Nicht frei von Stereotypen, die Showrunner Florian Gaag 16 Jahre nach seiner autobiografischen Fiktion Wholetrain aber in ein schillernd schönes HipHop-Graffiti verwandelt.

Auch RTL schiebt seine Vorstadtweiber-Version Herzogpark um drei Schickeria-Gewächse (Lisa Maria Potthoff, Antje Traue), die gemeinsam mit einem Ex-Knasti (Heike Makatsch) gegen den Immobilienhai van der Brock (Heiner Lauterbach) zu Felde ziehen, tags drauf auf die Plattform mit + dahinter ab. Beim Hauptprogramm bleibt daher mehr Zeit für die Vergangenheit in Gestalt von Harry Wijnvoord, der am Mittwoch nach 25 Jahren Pause wieder zu Der Preis ist heiß bittet.

Für Nostalgiefans ein Muss, aber wer der Realität nicht entkommen möchte, dem sei parallel dazu die ZDFinfo-Serie Lüge und Wahrheit empfohlen, ein sechsteiliger Ritt durch die Macht der Information ergo Propaganda von Krieg über Religion und Medien bis hin zu Verschwörungsideologie. Und das Hauptprogramm? Bittet Andrea Kiewel in Die große Show der schrägen Fragen, von denen uns hier wirklich keine einzige interessiert auch nur annähernd so interessiert wie Marilyn Monroes Cold Case: Tod einer Ikone, am Donnerstag auf Arte.

Oder zum Wochenende in der Mediathek des Kulturkanals: State of Happiness, eine achtteilige Dramaserie um die norwegische Energie-Wirtschaft der späten Sechziger von Petter Næss und Pål Jackmann im Mad-Men-Stil. Letzter Online-Tipp: The Staircase, ein achtteiliger HBO-Thriller mit Colin Firth, tags zuvor bei Sky.


Xaviers Abbitte & McKays Lakers

TV

Die Gebrauchtwoche

18. – 24. April

Die Welt ist wieder ein Stück weit besser geworden. Frankreich hat die Kuschelnationalsozialistin Marine Le Pen mit lächerlichen 41 Prozent der Stimmen an den Rand der Bedeutungslosigkeit verabschiedet. In Polen oder Ungarn werden regierungskritische Journalist*innen noch immer nicht standrechtlich erschossen. Ukraine-Krieg, Gaspreise, Inflationsangst haben die Klimakrise beendet. Und dann leistet Reichsbürger-Heulsuse Xavier Naidoo auch noch Abbitte, ohne dabei in Tränen auszubrechen. Alles in Ordnung also in aller Herren Länder.

Außer Kalifornien.

Dort hat Netflix einen Rückgang von 200.000 Abos vermeldet – wenngleich inklusive jener 700.000 Zugänge, die in Russland gerade kriegsbedingt gesperrt wurden. Ist also alles in allem gar nicht so fürchterlich um den globalen Marktführer bestellt, auch wenn ihm der Aktienkurs zwischenzeitlich eingebrochen ist. Das jedoch passierte auch Mark Zuckerbergs Metaverse, dessen Börsenwert seit seinem Urknall um ein Drittel abgestürzt ist. Und dann hat CNN – unterm Jubelgeschrei von Donald Trump – auch noch das Ende seines digitalen Ablegers CNN+ zum 30. April verkündet.

Während der Abschied so kurz nach dem Start aus publizistischer Sicht ein herber Verlust ist, müsste man Netflix langsam keine Krokodilstränen mehr hinterherweinen. Inhaltlich drängen Frischlinge wie Apple+ den Platzhirsch ohnehin langsam ins feuilletonistische Abseits. Und von ARD über Amazon bis Arte hält kein Streamingdienst, geschweige denn TV-Sender die Pressefreiheit für ähnlich banal, wenn nicht gar lästig wie der Platzhirsch, dessen Kommunikation mit Gutsherrenart noch kooperativ beschrieben wäre.

Auch ProSieben schließt Kritiker*innen zwar für schon mal für unbotmäßige Berichterstattung von Presseveranstaltungen aus. Von RTL gibt’s für Freelancer ab und zu nur dann Sendehinweise, wenn positives Feedback zu erwarten ist. Verglichen mit der Informationsblockade aus dem Silicon Valley allerdings betreiben deutsche Privatsender und ihre Videoportale maximale Transparenz.

Die Frischwoche

25. April – 1. Mai

Kein Wunder, dass von Netflix in dieser Empfehlungsliste mal wieder fehlt. Ganz oben steht dort etwas von – Überraschung – HBO, der wahren Keimzelle des neuen Kinos Fernsehen: Winning Time. Unter der Leitung vom Regie-Wizzard Adam McKay wirft Sky ab heute ein wild zuckendes Schlaglicht auf die Los Angeles Lakers 1979, als sie der windige Immobilien-Tycoon Jerry Buss (John C. Reilly) zum Dreamteam aufplustert und damit nicht nur den Basketball, sondern die Sportwelt insgesamt umkrempelt.

Der Zehnteiler ist demnach alles andere als ein Sportbiopic. Mit Pornoästhetik, Weltklassesound, Splitscreens, Kulissenschieberei und beißender Tragikomik skizziert er vielmehr das Lebensgefühl der frühen Achtzigerjahre, dass der Bildschirm zu explodieren scheint. Man muss das nicht mögen, aber gelassen lässt es wohl niemanden. Ein bisschen weniger gilt das auch fürs zweite HBO-Format, das Sky parallel nach Deutschland holt: We Own This City, eine Art Spin-Off von The Wire, das Korruption und Zerfall von Baltimore visuell auf den Punkt bringt.

Nachdem Magenta Diane Kruger Donnerstag ins Haifischbecken der Serie Swimming with Sharks schickt, geht die fabelhafte Elizabeth Moss im metaphysischen Apple+-Thriller Shining Girls auf die Jagd nach einem Mann, der sie brutal missbraucht hat. Acht Teile atemloser Verfolgung, die sich am Rande aber auch mit Medien der Gegenwart befassen. So wie das ZDF-Drama Gefährliche Wahrheit, in dem es heute Abend nur oberflächlich um die Recherchen der Lokaljournalistin Gehrke (Lisa Maria Potthoff) über einen Plattenbaubrand geht. Dahinter verbirgt sich das Sittengemälde einer Demokratie, die gut recherchierten, also auch finanzierten Journalismus als nebensächlich erachtet – und sich damit ihr eigenes Grab schaufeln könnte.


Musks Trillionen & Macht der Informationen

TV

Die Gebrauchtwoche

11. – 17. April

Das nennt man wohl vom Regen in die Traufe oder epidemiologisch: von der Pest zur Cholera. Die russische Journalistin Marina Ovsyannikova, berühmt für ihren Protest vor laufender Kamera gegen Putins Angriffskrieg, soll laut FAS künftig für Springers Welt aus ihrer alten Heimat berichten. Das ist schon deshalb bedenklich, da Ovsyannikova vor ihrer tapferen Schildaktion alles andere als ein leuchtendes Vorbild publizistischer Ethik war. Zum anderen betreibt Springer einige der übelsten Hetzblätter, die Putins publizistischer Indoktrination in wenig nachstehen.

Wären Bild und Welt Messengerdienste, sie würden in etwa Telegram und Twitter entsprechen – in lichten Momenten durchaus informativ, in dunkleren die Hölle. Falls Elon Musk wie angekündigt auf Shoppingtour geht, sollte man das im Hinterkopf behalten. Für 43 Trillionen Dollar, so heißt es, kauft der elektromobile Weltraumcowboy demnächst die Welt – ach nee, so weit ist er dann doch noch nicht. Deshalb kauft er für 43 Billionen Dollar vorerst nur das World Wide Web. Moment. Auch schwer einzupacken. Deshalb begnügt er sich für 43 Milliarden Dollar mit Twitter, das zwar kaum Gewinn abwirft, aber – tja, was eigentlich ist: Spielzeug, Machtinstrument, beides?

In jedem Fall eines, das der weltweiten Meinungsbildung gefährlich werden kann. Sie war zwar selten mal in Händen vollends neutraler Philanthropen. Aber schon die – angeblich nebenbei angedeutete – Idee, das Kommunikationsportal übernehmen zu wollen, sorgte für Kurssprünge zugunsten des Mehrheitseigners Musk und zeigt, wie wenig ihm an informationeller Selbstbestimmung, aber wie viel an sich selbst gelegen ist. Wie wenig RTL an Spiritualität gelegen ist und wie viel an Quote, zeigte Die Passion am vorigen Mittwoch.

Angekündigt als modernisierte Fassung der letzten Tage Christi, schickten die Kölner diverse Stars ihrer eigenen Zweit- bis Drittverwertungsmaschinerie auf eine Essener Bühne, wo die deutsche Polizei Alexander Klaws als Jesus im Guantanamo-Drillich zur Kreuzigung führt. Laith Al-Deen spielt Petrus, Thomas Gottschalk gibt den gottgleichen Sprecher und lautstark sing dazu Andreas Bourani. Auweia.

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Die Frischwoche

18. – 24. April

Und wegen Ostern und allem, die Tipps der Woche ausnahmsweise mal in tabellarischer Form

Mittwoch, ZDF-Mediathek: Lüge und Wahrheit – Die Macht der Information, fünfmal 45 Minuten Analyse von John Kantara, wie Kommunikation von der Verschwörungstheorie bis zur Kriegspropaganda zur Waffe wird

Mittwoch, Disney+: The Dropout, fünfteilige Podcast-Verfilmung über die US-Unternehmerin Elizabeth Holmes (Amanda Seyfried), deren reales Biotec-Startup Theranos mit Bluttest Milliarden verdient, aber nicht wert war

Mittwoch, ARD-Mediathek: Die Glücksspieler, absolut ansehnliche Miniserie mit Katharina Schüttler, Manuel Rubey und Eko Fresh als unzufriedene Großstädter, denen ein Milliardär mit einer Wette auf die Sprünge zum Glück hilft

Freitag, ARD-Mediathek: All You Need, 2. Staffel der schwulen Serie, in der sich eine Reihe teils intersektional diskriminierter Berliner erneut mit großer Freude am visuellen Tabubruch durch komplizierte Privatleben vögelt.

Freitag, Starzplay: Gaslit, herausragende Realpolitserie mit Julia Roberts als Frau des Justizministers (Sean Penn), die 1974 maßgeblich zu Nixons Sturz beigetragen hat und damit auch etwas über die Emanzipation jener Tage erzählt

Freitag, Sky: The Gilded Age, pompöses Kostümfest über Aufstieg & Fall vulgärkapitalistischer Industrie-Magnaten im New York der 1880er Jahre, ästhetisch spürbar Bridgerten, dramaturgisch eher Game of Thrones

Samstag, Arte: Letzte Ausfahrt Weltall, Dokumentation der extraterrestrischen Expansionspläne eitler weißer Milliardäre wie Elon Musk oder Jeff Bezos, die Rudolph Herzog mit seinem Vater Werner als Sprecher  beobachtet


False Balance & Bülents Musik

Die Gebrauchtwoche

4. – 10.  April

False Balance fristete seit dem Durchbruch dieser Umschreibung falsch verstandener Ausgewogenheit feuilletonistisch beachtetes, am Ende aber einflusslose Nischendasein. Querdenkern, Nazis oder querdenkenden Nazis ähnlich viel publizistischer Redezeit zu gewähren wie dem vernunftbegabten Rest der Menschheit, wirkte journalistisch zwar asymmetrisch, aber außer für Jan Böhmermann zumindest im öffentlichen Diskurs nicht weiter schlimm. Und dann kam Butscha

Darf, ja muss man die Leugnung russischer Massaker an der ukrainischen Zivilbevölkerung bei Kiew und anderswo erwähnen, während an Moskaus Verantwortung für dieses Kriegsverbrechen nicht ein seriöser Zweifel besteht? Darf, ja muss man die Opfer zeigen oder darf, ja muss deren Würde durch verpixelnde Pietät, wenn nicht gar Ausblendung gewahrt bleiben? Und wie ist es eigentlich mit Autokorsos Berliner Putin-Versteher – ignorieren, anprangern, verulken? Wer kluge Antworten hat – bitte bei freitagsmedien melden oder besser gleich dem Pulitzerpreis-Komitee.

Nur so viel: Unsere visuell fixierte Gesellschaft verliert zusehends alle Empathie für Dinge, die unsichtbar bleiben. Von daher hat Bild ausnahmsweise was richtig gemacht, als sie Butscha mit dem Foto der Hand einer Toten illustrierte. Julian Reichelt hätte als Chefredakteur schließlich Kinderleichen gestapelt. Von daher darf man durchaus besorgt sein über sein neues Projekt. Rome Medien GmbH soll es heißen, benannt nach der imperialen Plutokratie, nicht der ewigen Stadt, versteht sich. Und ein paar gewissenlose Kolleg*innen aus Springer-Zeiten hat er schon beisammen – Sebastian Vorbach und Willi Haentjes oder die Yellow-Fotografin Ute Oelker.

Ob sich die neuen Römer an Reichelts Hassliebe Bild oder rechten Verlagen von Regin über Kopp bis Antaios orientieren, bleibt offen. In einer Zeit aber, da Karl Lauterbach Ministerbeschlüsse twittert und bei Lanz zurücknimmt oder umgekehrt, scheint alles möglich. So sind mit Ulrike Handel und Niddal Salah-Eldin zwei (teils migrationsgeprägte) Frauen im Springer-Vorstand für die rassistisch-sexistische Agenda mitverantwortlich. Überzeugungsgesteuerter ist da die Entscheidung des ZDF, Bettina Schausten zur Chefredakteurin zu machen und Nadine Bilke zur Programmdirektorin.

Die Frischwoche

11. – 17. April

Die sichtbarste Antwort von Sat1 auf gläserne Decken lautet dagegen Ruth Moschner, die Donnerstag zum zweite Mal Kühlschrank öffne dich moderiert. RTL+ startet derweil echte Attacken auf spätrömische Herrschaftsstrukturen alter weißer Männer. Dienstag laufen dort gleich sechs internationale Serien an. Und jede davon erhebt den hehren Anspruch zukunftsweisender Diversität in Besetzung, Produktion, Dramaturgie. Und die amerikanischen (Un-)Romantic Comedies Starstruck und Cheaters erfüllen ihn mit Personal, das ebenso hart wie heiter vom heteronormativen Mainstream abbiegt, sogar ganz gut.

Auch Josh Thomas ist als Showrunner und schwuler Zappelphilipp der australischen Empowerment-Tragikomödie Everything’s Gonna be Okay fast so hinreißend wie einst als Showrunner und schwuler Zappelphilipp von Please Like Me. Selbst die verschiedenartigen Schüler*innen des Coming-of-Age-Melodrams Generation zeugen von Wahrhaftigkeitsbedürfnis. Die Protagonistinnen der Hochglanzprodukte You Shall Not Lie und Eden allerdings sind trotz ungewohnt weiblicher Produktionen viel zu sexy, um divers zu sein.

Divers, ohne übertrieben sexy sein zu wollen, ist dagegen die die achtteilige Adaption von Cecilia Aherns Kurzgeschichten Roar, in denen die Showrunnerinnen Carly Mensch und Liz Flahive ab Freitag bei AppleTV+ weibliche Rollenmuster mit Stars wie Nicole Kidmann skizzieren. Männer sind ab morgen auch in der ulkigen Netflix-Mockumentary Hard Cell aus einem Frauenknast Mangelware, während Bülent Ceylan als Host von Don’t Stop the Music dienstags (22.15 Uhr, ZDF) benachteiligte Berliner Kids durch die Gründung eines Orchesters aus dem Abseits holt – was überraschend frei von Fremdschampathos funktioniert.

Jenseits aller Emanzipation sichtbar: Die sechsteilige Politbestseller-Verfilmung Anatomy of a Scandal (Freitag, Netflix) und der Konzertfilm Auswärtsspiel in Ostberlin, womit das Erste den Toten Hosen am Mittwoch zum 40. Geburtstag gratuliert. Parallel setzt der NDR den hochinteressanten Doku-Talk Die Narbe von und mit Anja Reschke fort, diesmal nicht über Katastrophen wie das Zugunglück von Eschede, sondern Verbrechen wie den Vernachlässigungsfall Jessica.


Backpfeifen & Kiezpaten

TV

Die Gebrauchtwoche

28. März – 3. April

Eigentlich ja ganz schön, dass dieser apokalyptischen Tage zwei niederschwellige Aggressionen Angriffskrieg und andere Gewalttaten – nein, nicht aus den Schlagzeilen verdrängen, aber multimedial flankieren. Erst ohrfeigt Will Smith den Laudator Chris Rock, nachdem der unmittelbar vorm größten Moment im Berufsleben des Hollywood-Stars billige Witze auf Kosten von dessen krankheitsbedingt rasierter Frau gemacht hatte. Parallel wird Oliver Pocher aus heiterem Himmel einer Boxveranstaltung abgewatscht. Klingt vergleichbar, ist es jedoch nicht.

Während das armseligste Großmaul aller Unterhaltungszeiten mit der Wehklage, die Backpfeife eines Unbekannten sei „feige, hinterhältig, arglistig“ gewesen im Grunde sein eigene Witzniveau auf Kosten anderer beschreibt, das täglich Hunderte, wenn nicht Tausende solcher Schellen erfordert, steht Smiths Gewaltausbruch auf der weltgrößten Showbühne für eine Form von toxischer Männlichkeit, die man dem sympathischen Schauspieler gar nicht zugetraut hätte.

Wer im Jahr 2022 denkt, die Ehre der Frau sei nur per Männerfaust zu verteidigen, wie Will Smith in seiner tränenreichen Dankesrede zum eigenen Oscar ständig wiederholte, steht – sagen wir Wladimir Putin, der die Deutsche Welle zum feindlichen Agenten erklärte, habituell näher als – sagen wir Christian Drosten, der am Mittwoch zum Leidwesen der Vernunft sein (vorerst) letztes Corona Update beim NDR zum Besten gab. Und er stellt zudem eine Veranstaltung in den Schatten, die durchaus Bemerkenswertes zu bieten hatte.

Den ersten Oscar als bester Film für ein Videoportal etwa in Gestalt der Tragikomödie Coda von Apple TV. Wie tranig, träge, trüb ist dagegen deutsches Entertainment Marke Verstehen Sie Spaß?, das Barbara Schöneberger seit Samstag zwar gut durchlüftet, aber ernsthaft: unterhaltsamer als die selbstverliebte Kalauerkanone Guido Cantz ist auch ein defekter Lachsack. Damit nach kurzem Exkurs Richtung AfD, die sich nicht zu blöde ist, eine Sendung mit der Maus als Untergang des völkischen Führerlandes zu adeln, weil sie Transmenschen erklärt, zum Angebot der neuen Woche.

Die Frischwoche

4. – 10. April

Auch wenn es karg ist. Immerhin: Die HBO-Serie Somebody Somewhere übt sich ab Donnerstag auf Sky in der nicht ganz ungefährlichen Fernsehkunst einer halbautobiografischen Dramedyserie – wobei der übergewichtige Stand-up-Star Bridget Everett bei aller Melodramatik wunderbar selbstbewusst und eigenmächtig mit ihrer normabweichenden Körperfülle auf der Suche nach Anerkennung in einer perfektionistsichen Welt hantiert. Ob die Hauptfigur von Single Drunk Female (Samantha Fink) ab Mittwoch auf Disney+ zufällig so ähnlich wie ihre Erfinderin (Simone Finch) heißt, bleibt ungeklärt, aber die Dramedy-Serie erzählt sehr glaubhaft von einer Alkoholikerin auf Entzugstour.

Tags drauf lädt eine Netflix-Doku zur Rückkehr ins Weltall, wozu der Markführer in gewohnter Presseverachtung mal wieder keine Bilder freischalten wollte. War vielleicht auch besser so. Ein profitorientiertes Unternehmen, dem es ausschließlich um Economy of Scales, also Masse um der Masse willen geht und qualitativ ohnehin längst weit hinter Emporkömmlinge von Apple bis Starzplay zurückgefallen ist, dürfte Elon Musks egomanischem SpaceX-Projekt ohnehin kritiklos huldigen.

Parallel startet Disney+ die zehnteilige argentinische Dramedy Paartherapie mal anders von Mariano Cohn und Gastón Duprat um eine Beziehungsberaterin (toll: Selva Pérez Salerno), die eigentlich selbst mal emotional beraten werden müsste. Tags drauf dann hat GoT-Star Maisie Williams sein postmittelalterliches Coming-Out als gegenwartstaugliche Darstellerin des Neo-Sechsteilers Two Weeks To Live, in dem sie vor zwei Jahren bei Joyn+ eine Frau spielt, die von der Eremitin zur Rächerin eines heiteren Verschwörungssthrillers wird.

Ob der deutsche Durchschnittsthriller Trügerische Sicherheit mit Max Simonischek als Politiker-Bodyguard, den eine Beziehung zur Sprecherin (Friederike Becht) seines Schutzobjektes in Teufels Küche bringt, besser ist als sein bescheuerter Titel, darf heute Abend im ZDF jede*r selbst überprüfen; keine Lust auf Fernsehkrimis…  Aber wie immer große Lust auf Arte, das Mittwoch in der Mediathek Die Paten von St. Pauli der 60er Jahre skizziert.


Shadow-Banning & Almost Fly

TV

Die Gebrauchtwoche

21. – 27. März

Gute Nachrichten sind zurzeit rar aus Russland, der Ukraine, ach – eigentlich weltweit. Aber diese hier hatte doch beinah was Positives an sich: nachdem Wladimir Putin kritische Medien aus heimischer Produktion längst restlos verboten hatte, ließ er nun auch Facebook und Twitter sperren, gestern gefolgt von Bild.de. Ausgerechnet jene Plattformen also, auf denen Lügen und Hatespeech ähnlich zuhause sind wie im Kreml. TikTok dagegen darf weiterlaufen. Vorerst.

Was wiederum auch damit zu tun haben dürfte, dass die politisch eher belanglose Video-App aus der gleichgesinnten Diktatur Chinas stammt und schon deshalb ein russisches Verhältnis zur Zensur hat. Gerade erst wurde schließlich bekannt, dass TikTok sogenanntes Shadow-Banning betreibt. Wobei Worte wie „Porno“ oder „Sex“ zu canceln zumindest aus Jugendschutzgründen durchaus nachvollziehbar erscheint; aber „schwul“ und „LGTBQ“ oder „Auschwitz“ und „Nationalsozialismus“?

Mit ihrem Digital Markets Act (DMA) setzt die EU den Tech-Konzernen von Google bis Apple derweil ganz andere Fesseln: eigene Apps dürfen denen der Konkurrenz gegenüber demnach nicht mehr bevorzugt werden. Außerdem herrschen fortan strengere Regeln bezüglich der Nutzer*innen-Zustimmung, beides unter Androhung drakonischer Strafen hoch in den zehnstelligen Bereich. Milliardenbußgelder wünscht man sich auch fürs bedruckte Toilettenpapier Bild. Dass der Presserat entschieden hat, deren Headline Lockdown-Macher verstoße nicht gegen den eigenen Kodex, ist da beinahe banal.

Abseits dieser wissenschaftsfeindlichen Agenda galten 2021 stolze 26 von 60 Rügen der Propaganda-Abteilung des Springer-Konzerns, während sich die restlichen 34 auf 31 Medien verteilt haben. Obwohl sich einige nach Julian Reichelts Rauswurf anderes erhofft hatten: beim publizistischen Querdenker Johannes Boie ist Bild demokratiezersetzender wie eh und je. Bloß korrupt sind dagegen laut ZDFMagazin Royale offenbar MDR-Kader, die aus Profitgier Sendezeit an Florian Silbereisens Schlager-Mafia verhökern.

Die Frischwoche

28. März – 3. April

Damit startet abermals eine Woche, in der das Fernsehen wahlweise egal oder Eskapismus ist. Aber gut – irgendwie muss es ja auch dort weitergehen. Etwa mit Euer Ehren, deutsche Version der israelischen Thriller-Serie Kvodo, die Showtime erst 2020 mit Bryan Cranston als Your Honor adaptiert hatte. Ab Samstag spielt Sebastian Koch den rechtschaffenen Richter, der zur Rettung seines straffälligen Sohnes sechs Teile lang in der ARD-Mediathek all seine Prinzipien über den Haufen wirft.

David Nawrath verarbeitet also sechs Teile Gebrauchtware, er macht das auch dank seines Ensembles aber bärenstark. Gleiches gilt ab Samstag für die gleichlange AppleTV-Serie Slow Horses mit Gary Oldman als MI5-Agent, dessen Team ab Freitag in einer Art Geheimdienstasyl gescheiterter Spione einer ganz großen Verschwörung auf die Spur kommen. Was überdies zu sehen ist: die ersten neun Teile der Netflix-Romcom Business Proposal ab heute aus – Überraschung: Südkorea. Parallel startet die Magenta-Serie The Responder mit Martin Freeman als weicher Cop im harten Liverpool. Und Dienstag dann setzt Sky das sehenswerte Finanzpolitdrama Devils fort.

Zum Wochenende läuft das sechsteilige Peacock-Familienepos Wolf Like Me bei Prime Video. Samstag ermitteln Julia Jentsch und Ernst Stötzner in Ostfriesensühne erneut an der schroffen Nordseeküste. Am tags zuvor beginnt das Erste wie immer um diese Jahreszeit, aber online first, sein FilmDebüt, diesmal mit Hossein Pourseifis bemerkenswerten Erstlingswerk Morgen sind wir frei über eine ostdeutsche Frau (Katrin Röver), die ihrem persischen Mann 1979 kurz nach der islamistischen Revolution in den Iran folgt.  Und nächste Woche berichten wir an dieser Stelle dann auch ausführlicher vom ersten Oscar als bester Film für ein Werk von Apple mit taubstummem Hauptcast.


Owsjannikowa & Balko

TV

Die Gebrauchtwoche

21. – 27. März

Sechs Sekunden können eine Ewigkeit sein. Während sechs Sekunden unterm sonnigen Himmel der Freiheit oft wie im Flug vergehen, fühlen sich sechs Sekunden unterm dauernden Beschuss im Luftschutzkeller vermutlich länger als sechs Stunden an. Die russische Journalistin Marina Owsjannikowa hat der Zeitspanne nun eine neue Dimension verliehen, als sie im russischen Staatsfernsehen ein Schild mit den Worten No War hochhielt und sich damit, verrückt genug, nach örtlichem Kriegsrecht nicht nur strafbar machte, sondern zur einzigen öffentlich wahrnehmbaren Stimme der Vernunft.

Zum ersten Mal im Verlauf des russischen Zivilisationsbruchs kamen offizielle Bilder aus Putins faschistischer Diktatur daher ohne den publizistischen Hinweis, sie ließen sich „aus unabhängiger Quelle nicht bestätigen“. Was Marina Owsjannikowa unter Gefahr für Leib und Leben wagte, es war echt. Es war mutig. Es war real in einem digital gestreamten Echtzeitkrieg, dessen erstes Opfer auch 108 Jahre, nachdem der amerikanische Senator Hiram Johnson das schreckliche Bonmot erfunden hatte, die Wahrheit ist.

Ein weiteres Opfer, so scheint es, ist der Humor. Leider. Denn natürlich war und ist es richtig, dass Komiker wie Jan Böhmermann, Klaas Heufer-Umlauf oder Tommi Schmitt in ihren Late-Night-Shows nicht zur Tagesordnung übergehen. Aber Erleichterung hat uns ihre Erbauungsarbeit erst verschafft, als das ZDF Magazin Royal vorigen Freitag nach vorheriger Pointenpause wieder ein bisschen auf die Kacke drosch. Ob es hingegen taktvoll oder verlogen ist, dass Neo die Ausstrahlung der Kriegssatire Californian Commando vom kommenden Freitag auf den Summer of Love verschiebt?

Genauso gut könnte man angesichts des Serienkillers im Kreml den achtteiligen Thriller Blinded um einen Serienkiller in Dänemark aus der Arte-Mediathek verbannen. Doch das sind Spitzfindigkeiten, denn das Leben macht zwar vielerorts Pause, geht andernorts aber ungehindert weiter – so läuft das Spiel des Entertainments, in dem Amazon gerade endgültig MGM übernommen hat und damit seine Marktmacht zementiert.

Die Frischwoche

14. – 20. März

Netflix zementiert die seine derweil mit Staffel 2 des saftigen Historienmelodrams Bridgerton. Vor zwei Jahren wochenlang das Streaming-Gespräch Nr. 1, dürfte sich die Aufregung ab Freitag allerdings im Zaum halten, wenn Shondaland im London vor 200 Jahren wieder die Ballsaison eröffnet. Morgen bereits setzt Sky die Geschichte der religiösen Betrügersippe The Rightous Gemstones fort.

An gleicher Stelle startet am Donnerstag die Videogame-Verfilmung Halo um einen human-androiden Krieg im 26. Jahrhundert. SciFi-Bombast auf höchstem, aber auch ein wenig berechenbarem Niveau. Völlig anderes Thema, ebenso opulent aufgetischt: die dreisprachige Apple-Serie Pachenko erzählt das Schicksal einer koreanischen Einwandererfamilie in den USA nach dem gleichnamigen Bestseller ab Freitag über vier Generationen hinweg.

Und wieder was völlig anderes: Unter der Klammer Short Dramedy stellt die ARD am Mittwoch sechs Serien in ihre Mediathek. In (buchstäblich) aller Kürze: das achtmal zehnminütige Beziehungspotpourri Muspilli. Die Culture Clash-Serie Straight Outta Crostwitz mit Jasna Fritzi Bauer als sorbische Volksmusikerin. Das polykulturelle Kuriositätenkabinett All In um erfolglose Automatenzocker. Die Waschsalon-Liaison Saubere Sache voll prominenter Gäste von Margarita Broich und Caroline Frier bis Benno Fürmann und Samuel Finzi. Das Dorffußball-Porträt Ollewitz und dazu Die Pflegionärin mit Patient*innen wie Iris Berben oder Ronald Zehrfeld.

Erwähnenswert noch, dass Jochen Horst nach 25 Jahren Auszeit als Balko an der Seite seines Kollegen Kommissar Krapp (Ludger Pistor) in einer ziemlich absurden Fortsetzung zu RTL zurückkehrt. Und im maximal weiblichen ARD-Mittwochsfilm Flügel aus Beton inszeniert Lea Becker nach Lilly Bogenbergers Drehbuch ein herzergreifend glaubhaftes Coming-of-Age-Melodram über todessehnsüchtige Teenager im Social-Media-Zeitalter.