Elefantendiebstahl & Ekelpakete

Die Gebrauchtwoche

TV

20. – 26. September

Selbstversuche sind manchmal die einzige Chance, bahnbrechende Erkenntnisgewinne zu erzielen. Mit ihrer Bereitschaft, sich mit Leib und Leben der Wissenschaft zu verschreiben, haben unzählige Forscher*innen der Menschheit Riesendienste erwiesen. Okay, ein so riesiger Dienst war es vielleicht nicht, den ganzen Wahlabend RTL, statt ARD zu schauen. Während der fünfstündigen Privatfernsehdruckbetankung waren ja weder Leib noch Leben in Gefahr – sind Peter Kloeppel und Pinar Atalay doch mediale Politikhasen, die selbst hier für Qualität bürgen. Aber wer sich über die Zusammensetzung des künftigen Bundestags in Echtzeit informieren will, sollte diesen Selbstversuch besser nicht nachmachen.

Mangels Meinungsforschung schaffte es RTL nicht mal, Punkt 18 Uhr eine Prognose zu zeigen, sondern schrieb hastig (und mit 240 Prozent der SPD auch noch falsch) beim ZDF ab. Mangels Relevanz kam abgesehen von Alice Weidel, der Peter Kloeppel ein hitziges, abrupt abgebrochenes Streitgespräch abrang, eher B-Prominenz ins Studio. Als ARZDF zur Elefantenrunde baten, unterhielt sich Frauke Ludowig mangels A-Prominenz entsprechend mit dem hauseigenen Hundecoach Martin Rütter über den Wahlausgang. Immerhin.

Denn Bild TV klaute derweil einfach dreist den öffentlich-rechtlichen Spitzentalk und verdeckte deren Logo einfach mit dem eigenen. Vielleicht meinte die Springer AG ja das mit der vollmundigen Ankündigung, 600 Journalistinnen und Journalisten einzukaufen, nachdem sie kurz zuvor das internationale News-Portal Politico für 1,5 Milliarden Dollar übernommen hatte. Vielleicht macht der Sonntag also abschließend deutlich, wie rechtschaffen in der Regel gebührenfinanziertes Fernsehen ist und wie schamlos zuweilen das werbefinanzierte.

Die abofinanzierten Portale zeigten dem Rest währenddessen bei den Emmy Awards, was eine Streamingharke ist. Abgeräumt hat zum Beispiel die tolle Comedy-Serie Ted Lasso von Apple+ mit vier Preisen, Kate Winslets Mare of Easttown (HBO/Sky) lag mit drei knapp dahinter. Und ganz vorne wie immer: das fünffach prämierte Netflix-Drama The Crown. 2022 dürfte dagegen die intergalaktische Serien-Dystopie Foundation nach Isaac Asimovs wegweisendem SciFi-Roman von 1940, seit Freitag bei Apple+, alles allein abräumen – und zwar völlig zu Recht.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

27. September – 3. Oktober

Angesichts dieser fiktionalen Güte fällt es schwer, das aktuelle Programm anzupreisen – zumal es noch voll im Schatten der Bundestagswahl steht. Bei ZOL muss man heute Abend befürchten, dass Linda Zervakis den Verlierer Armin Laschet zum Show-Wrestling mit Matthias Opdenhövel bittet oder der umgekehrt seine Kollegin zum Schlamm-Catchen mit Annalena Baerbock. Danach aber reist Thilo Mischke Uncovered an die Front in der Ukraine, was eigentlich immer für Anspruch mit Emotionen bürgt.

Anspruch mit Humor verspricht die BR-Serie 3 Frauen, 1 Auto, ein zwanzigmal fünfminütiges, crossmediales Mediathekenmobilitätskammerspiel um eine bayerische Zwangsfahrgemeinschaft. Für Humor ohne Anspruch sorgt hingegen das Serien-Sequel der sensationell erfolgreichen Tragikomödie Mein Freund, das Ekel mit Dieter Hallervorden als Pensionär im heiteren Clinch mit einer alleinerziehenden Mutter (Alware Höfels) ab Donnerstag im ZDF. Zugleich beschreitet Sky neue Biopic-Wege, indem es das Fußballerleben der italienischen Legende Francesco Totti im Sechsteiler Il Capitano mal nicht dokumentarisch abfeiert, sondern fiktional durcheinanderwürfelt. Auf originelle Art lustig.

Heute schon zeigt TVNow die sehr, sehr britische Aufarbeitung des Profumo-Skandals der Sechzigerjahre, wobei Die skandalösen Affären der Christine Keeler das Ganze glücklicherweise aus Sicht der Geliebten des gestürzten Kriegsministers erzählt. Freitag dann starten schwedische Serienwochen in der Arte-Mediathek, zum Auftakt die Tourismusgroteske 30° im Februar plus RomCom Einfach Liebe. Weder romantisch noch komisch geht es dagegen zu, wenn Kommissar Borowski am Sonntag im Tatort Kiel ein Wiedersehen mit Lars Eidinger als durchgeknalltem Frauenmörder Korthals feiert.


Laschets Kinder & Lambys Machtwege

Die Gebrauchtwoche

TV

13. – 19. September

Boah, sind Kinder anstrengend. Sie schmutzen, lärmen, kosten und stellen auch noch dauernd dumme Fragen, die Erwachsene zur Weißglut bringen. Also einige davon… KiKa-Reporter Alexander zum Beispiel ging Tino Chrupalla mit der Bitte um eines jener Gedichte auf den Sack, die der AfD-Chef dem deutschen Volke zur national(sozialistisch)en Erweckung eintrichtern will. Dann maßregelte Armin Laschet (von Klaas Heufer-Umlauf instruierte) Schüler für unbotmäßiges Nachhaken zum Unionshöcke Hans-Georg Maaßen. Und hier wie dort wurde klar, wie sehr sich beide in dem Moment nach einer Renaissance der Züchtigung sehnten.

Beim dritten Triell hatte sich der Kanzlerkandidat also einige Streicheleinheiten seiner früheren PR-Journalistin Claudia von Brauchitsch erhofft, die gestern mit Linda Zervakis in die Fernsehwahlkampfbütt ging. Aber Pustekuchen: als Sat1-Moderatorin machte sie Laschet mehr Dampf als Olaf Scholz. Mehr Dampf sauch als Annalena Baerbock. Mehr, vor allem aber konstruktiveren Dampf sogar als es ARZDF oder RTL, geschweige denn das heillos chaotische Kleinparteien-Quatriell im Ersten zuvor taten.

Das ist auch deshalb auffällig, weil ProSieben mit dem Politainment-Magazin Zervakis und Opdenhövel.Live. am Montag dilettantischen Mumpitz geliefert hatte. Dafür belegt der Sender beim Deutschen Fernsehpreis die ersten zwei Plätzen der Kategorie Infotainment für Pflege ist #NichtSelbstverständlich und Männerwelten von Joko & Klaas, von denen ersterer sogar nochmals für Wer stiehlt mir die Show prämiert wurde. Weitere Preisträger: Markus Lanz und Anja Reschke, Para und Das letzte Wort, Böhmermanns Magazin Royal und Donzkoys Freitagnacht Jews, Petra Schmidt-Schaller und Sascha Alexander Geršak, Für immer Sommer 90 und, äh, Moment – Oktoberfest 1900?!

Das klingt, als habe die Jury wie vor der Wahl von Andrea Kiewel oder der Sat1-Show Catch dasselbe geraucht wie Nemi El-Hassan, als die spätere WDR-Moderatorin 2014 mit 19 – was sie heute offenbar für die Wissenssendung Quarks disqualifiziert – auf einer antisemitischen Al-Quds-Demo war. Illegalen Stoff hatte wohl auch ServusTV-Chef Ferdinand Wegscheider intus, als er Verschwörerisches über 9/11 und Covid10 verbreitete. Dafür war Facebook mal trocken, als es vorige Woche Dutzende von Querdenker-Konten löschte.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

20. – 26. September

An die, also effektorientierte, leichterregbare, sprich schlichtere Gemüter, widmet sich heute hingegen die TVNow-Doku mit dem dezenten Titel Der Todespfleger. Wie das vortreffliche Sky-Pendent Schwarzer Schatten porträtiert sie den 85-fachen Mörder Niels Högel. Anders als dort allerdings kommt er persönlich am Telefon zu Wort, was der Sender auch noch mit „packendes Interview aus der JVA Oldenburg“ ankündigt und damit die niedersten Zuschauerinstinkte triggert. Höhere davon werden dafür zur besten Sendezeit im Ersten bedient.

Da nämlich zeigt das Erste Wege der Macht, Stephan Lambys journalistisch gewohnt perfekt recherchierte Milieu-Studie der politischen Kultur im Bundestagswahlkampf. Ungewohnt sehenswert ist parallel dazu der sendeplatzübliche Montagsfilm im ZDF. Carlo Ljubek befindet sich darin als Obdachloser, an dem die erschöpfte Köchin Ira (Julia Koschitz) ihr lädiertes Gewissen aufmöbelt, so anrührend wie schlüssig Auf dünnem Eis – und damit im fiktionalen Kerngebiet der ARD.

Genau dort macht sich Gabriela Maria Schmeide als alleinerziehende Mutter nach ihrer Kündigung selbstständig. Ihr mobiler Brotservice Tina Mobil berlinert sechsmal 45 Minuten zwar ein bisschen zu aufdringlich durch verwaiste Dörfer im Dreckgürtel der Hauptstadt. Da Schmeide jedoch wie kaum eine Kollegin richtige Realität glaubhaft machen kann, ist die Primetime-Serie trotzdem sehenswert – und damit das genau Gegenteil von Jürgen Vogel in der neuen ZDF-Freitagskrimireihe Jenseits der Spree, über den wir hier Derricks Trenchcoat des Schweigens hüllen.

Was demgegenüber zu empfehlen wäre: Morgen um 0.10 Uhr das Kleine Fernsehspiel Freaks mit Cornelia Gröschel als unverhoffte Superheldin. Oder die erste Staffel der Comic-Adaption Y – The Last Man von Disney+ um eine Zukunft (fast) ohne fortpflanzungsfähige Männer. Oder tags drauf bei Amazon das opulente Ballettdrama Bords of Paradise. Und zum Wochenendfinale die nicht nur musikalisch wuchtige Achtzigerjahre-HipHop-Gangcrime-Serie BMF auf Starzplay.


1 Pimmel & 3 Trielle

TV

Die Gebrauchtwoche

 

6. – 12. September

Es war ein kleiner Schritt für Cathy, aber ein großer für die Menschheit: Der Verband sozialer Wettbewerb hatte das It-Girl, als Gattin von Mats Hummels doppelt (selbst)vermarktbar, wegen offensichtlicher Schleichwerbung angezeigt. Könnte es sein, fragte sich der kleine Verein aus Berlin, dass die große Influencerin aus Dortmund mit ihrem ständigen Product Placement für alles, was (si selber) reich und sexy macht, etwa Einkünfte ver-, aber nicht als solche kennzeichnet?

Gibt’s ja gar nicht – gab ein BGH-Urteil der digitalen Oberflächenbrigade recht. Sofern die (natürlich zufällig) drapierten Lifestyle-Marken in vielen ihrer Posts nicht geldwert bezahlt werden, dürfen Cathy & Konsumkonsorten ihre Follower geistig wie materiell weiter vermüllen. Gut, positiv gewendet läuft das Web dadurch nicht mehr nur vor Unflat über. Zum Beispiel jenem, Andy Grote online 1 Pimmel zu nennen, weil er Feiern im Lockdown öffentlich verurteilte, nur um sich kurz darauf selber heimlich mit 30 Gästen zu verlustieren.

Schon okay, könnte man meinen: Wir alle sind pandemiemüde. Wäre der Partyhengst nicht Hamburgs Innensenator, der die Pimmel-Injurie anzeigte, worauf ein Staatsanwalt Donnerstagmorgen um sechs die Wohnung eines Familienvaters (besser: die seiner Ex-Freundin) durchsuchen ließ und Grotes Seelenheil damit höher gewichtet als Artikel 13 GG. Seither ist er nicht nur das Gespött aller Kanäle; selbst die Washington Post berichtet davon. #pimmelgate steht im Twitter-Ranking zudem auf 1 und damit die Frage im Raum, ob einige gleicher sind als andere.

Hätte der Beleidiger bloß eine von Grotes SPD-Kolleginnen Drecksfotze genannt oder aufgerufen, Grüne zu hängen – nach einschlägiger „Recht“-Sprechung wäre es von der Meinungsfreiheit gedeckt. Bleibt die Frage, warum ein Polizist den Senator zur Anzeige einer so drolligen Beschimpfung gedrängt und damit den Kneipenwirt denunziert hatte. Denunziation – ein Wort, dass CSU-General Markus Blume Bayerns grüner Fraktionschefin Katharina Schulze am Mittwoch, also Tage nur, nachdem Rezo seine Union erneut nach Strich und Faden demontiert hatte, vor die Talkshowfüße warf.

Keine so gute Idee. Sandra Maischberger entlarvte seinen Ärger über ein baden-württembergisches Onlineportal für Steueranzeigen nämlich nicht nur als digitalisierungsfeindlich; sie hielt ihm ein baugleiches Portal in Blumes Freistaat entgegen, worauf der CSU-Denunziant fast verstummte. Das hätte man übrigens auch Jan Böhmermann gewünscht, als er in einem Anflug bräsiger Cancel-Culture forderte, Corona-Querköpfen von Kekulé bis Streeck Talkverbot zu erteilen. Verstummen, das wäre auch beim gestrigen ARZDFTriell gelegentlich schön gewesen – so konfus, wie Maybrit Illner und Oliver Köhr den Hahnenkampf von Laschet und Scholz zuweilen moderiert haben.

Die Frischwoche

14. – 19. September

Das dürfte nächsten Sonntag nicht mal der dritte und letzte Dreierdisput beim journalistisch selbstverzwergten Sat1 mit dem journalistisch selbstbewussten Schwesterkanal Pro7 noch unterbieten. Aber vielleicht wird es heute ja ein wenig strukturierter, wenn die ARD das Spitzenpersonal von FDP, CSU, AfD und Linke parallel zum Auftakt des neuen Pro7-Magazins Zervakus & Opdenhövel.Live im Vierkampf nach dem Triell aufeinanderhetzt. Morgen folgt im ZDF-Wahlforum dann noch Klartext, Herr Scholz, Donnerstag komplettiert von Klartext, Frau Baerbock, Mittwoch unterbrochen in der ARD-Wahlarena mit Armin Laschet.

Während die Privatsender wieder in den Ablenkungsmodus billiger Unterhaltung von Bauer sucht Frau bis Biggest Loser verfallen, suggerieren die öffentlich-rechtlichen zumindest kurz, die Primetime ließe sich mit relevanter Information bespielen. Zentraler sind und bleiben dort jedoch auch dieser Tage Krimi-Reihen wie Die Jägerin (Dienstag, ZDF) oder Nord bei Nordwest (Donnerstag, ARD). Bei den Streamingdiensten zentraler sind dagegen mittlerweile Dokus wie eine, die am Mittwoch echt überrascht: Schumacher.

Anders als bei RTL vergöttert Netflix das Leben der verunglückten Benzinschleuder nämlich nicht, sondern analysiert es analysiert. Was der fünfteiligen Terror-Rekonstruktion Turning Point zugleich über die islamistischen Anschläge auf Pentagon und World Trade Center vor 20 Jahren gelingt, die gemeinsam mit der deutschen Guantanamo-Doku Slahi und seine Folterer vom investigativen SZ-Reporter John Goetz belegt, wie nachdrücklich 9/11 den Werte-Kompass demokratischer Nationen wie die USA durcheinander (oder womöglich auch nur ins rechte Lot) gebracht hat.

Weniger dramatisch, weniger politisch, und doch ähnlich sehenswert ist dagegen die lang ersehnte Fortsetzung der erwachsenen Teeny-Serie Sex Education ab Freitag auf Netflix. Am Abend zuvor zeigt das ZDF derweil online first das Serien-Sequel von Dieter Hallervordens Mein Freund, das Ekel, wofür man besser Nonstop Nonsens gemocht haben sollte. In der ARD-Mediathek sucht Oli Schulz tags drauf den Sound of Germany. Und auch Arte geht mit seiner südafrikanischen Drama-Serie Hopeville um einen Alkoholiker und seinen Sohn parallel zunächst mal ins Netz.


Weidels Lindner & Yardims SaFahri

TV

Die Gebrauchtwoche

30. August – 5. September

Vor der Fernsehdebatte ist nach der Fernsehdebatte ist in der Fernsehdebatte ist drei Wochen vor der Bundestagswahl Fernsehdauerdebatte. Nachdem es beim RTL-Triell nur einen Sieger, besser: eine Siegerin gab, nämlich die sehr souveräne Pinar Atalay, wandert der Fernsehdebattenzirkus weiter zur ARD-Wahlarena, heute mit Annalena Baerbock, Dienstag mit Olaf Scholz, am 15. dann – also weit näher am Stichtag – mit Armin Laschet, der dafür am Donnerstag parallel zur Sat1-Schulimitationsgaudi Kannste Kanzleramt im ZDF Klartext reden soll und dabei von allerlei Talkshows zum selben Thema umrahmt werden.

Dieses politische Sperrfeuer kann durchaus hochinteressant werden wie Christian Sievers’ Sechserdebatte im ZDF, bei der sich die Spitzenkräfte aller prozentuell aussichtsreichen Parteien zuletzt deutlich lebendiger gezankt hatten als ihre Kanzlerkandidat*innen zuvor. Wobei auffiel, wie oft Christian Lindner und Alice Weidel einer Meinung waren. Einer Meinung war offenbar auch der Bertelsmann-Vorstand und Leitung von CEO Thomas Rabe, der grad Verblüffendes verkündete: die künftige RTL-Führung nämlich besteht aus Stephan Schäfer und Matthias Dang aus dem Hause des neuen Lovers Gruner + Jahr.

Das allein ist wenig überraschend; beide haben die Verlagshierarchien von Grund auf durchlaufen. Interessanter ist da schon ihr mutierter Chromosomensatz. „Der Kahlschlag beim Führungspersonal“, klagt ein offener Brief von ProQute Medien angesichts der neuen, alten Männermacht on top, „betraf bei RTL vor allem Frauen“. Es sei absurd, „dass Medien diverser gemacht werden müssen“, führen die Kritikerinnen fort, und hier „passiert im wahrscheinlich bald größten journalistischen Unternehmen Deutschlands das Gegenteil“. Da drängt sich also der Verdacht auf, die geplanten 100 Millionen Euro Einsparungen nach der Zusammenlegung ab 1. Januar könnte mehrheitlich Frauen betreffen.

Manchmal und wirklich nur in Momenten zynischer Entgleisung klänge es fast schon wünschenswert, die Erde wäre ein Raumschiff, das auf der Rückreise von Exoplaneten versehentlich außerirdische Monster transportiert, die nach und nach das männliche Personal dezimieren, bis ihm die letzte Frau an Bord den Garaus macht. Klingt schwer nach Alien, ist also Science-Fiction, verdient ab Freitag aber neue Beachtung.

Die Frischwoche

6. – 12. September

Dann nämlich zeigt Sky seine Eigenproduktion Memory, in der die bemerkenswerte Entstehungsgeschichte des für viele vielleicht besten Zukunft-Thrillers aller Zeiten dokumentiert. Nie zuvor und selten danach wurde futuristische Klaustrophobie erschreckender inszeniert als 1977 von Ridley Scott. Neueren Datums und daher mit mehr Digitaleffekten als Kulissenschieberei funktioniert das Spin-off der American Horror Story im Plural, also Stories, ab Mittwoch bei Disney+.

Irritierend realistisch und doch artifiziell ist SaFahri. Rätselfüchse erkennen womöglich schon am Titel, wen Sky da ab Donnerstag auf eine Expedition zu den vier Elementen im Zeichen von Umweltzerstörung und Klimawandels schickt. Na? Genau: Fahri Yardim. Weil der nun mal eher Ulknudel als Forscher ist, aber sehr schlagfertig staunen kann, ist der Vierteiler zwar eher drollig als lehrreich. Aber vielleicht werden so ja ein paar Querdenker auf die Abbiegespur von Verstand und Fakten umgeleitet. Vielleicht glotzen sie aber doch auch bloß Giovanni Zarella in seiner gleichnamigen Volksschlagersause, Premiere Samstag im ZDF, wer weiß.

Für vernunftbegabtere Zuschauer ohne Geschmack läuft dort Montag und Dienstag das Mafia-Drama Im Netz der Camorra mit Tobias Moretti. Leider badet Regisseur Andreas Prochaska den Zweiteiler so pathetisch in Konventionen, dass selbst in Actionszenen die Füße einschlafen. Ganz anders ein Achtteiler für vernunftbegabtere Zuschauer mit Geschmack beim Ableger Neo: In Trigonometry vermischt die BBC eine maximal diverse Dreier-WG zur Menage à Trois, die allerhand über unsere Gesellschaft erzählt.

Weil Netflix die Pressefreiheit eher weniger wertschätzt und Fernsehkritiker*innen nach Gutsherrenart, also sehr willkürlich, mit Ansichtsmaterial füttert, sollte man dessen Formate eigentlich ignorieren, aber der deutsche Actionthriller PREY mit David Kross und Hanno Koffler ab Freitag ist eh nicht weiter der Rede wert.


Baerbocks Winnetou & Tschirners Antwort

TV

Die Gebrauchtwoche

23. – 29. August

Was in diesem Fall aber nicht an den Moderatoren lag. Gut, Pinar Atalay und Peter Kloeppel haben der Grundhaltung ihres Arbeitgebers gemäß Olaf Scholz Sonntagabend über 109 Minuten hinweg dreimal so oft unterbrochen wie Armin Laschet und den Unionskandidaten auch sonst öfter ungeschoren gelassen (was sie allerdings mit ARD-Chefredakteur Oliver Köhr gemeinsam hatten, der seinen Sommergast Markus Söder kurz zuvor mit jeder Sozialismus-Polemik davonkommen ließ). Ansonsten war ihr Auftritt maximal souverän.

Damit haben sie sich minimal von der Anschlussanalyse unter Leitung von, kein Witz: Regenbogen-Reporterin Frauke Ludowig, unterschieden. Während die Schwarze Tanz-Jurorin Motsi Mabuse voll auf Seiten Baerbocks war, schlug sich der weiße Millionär Günther Jauch noch viel voller auf die von Armin Laschet, derweil beide mit Micky Beisenherz (Moderator), Louisa Dellert (Influencerin), Nikolaus Blome (Salon-Zyniker) beherzt auf Scholz eindroschen. Überhaupt – Blome: einst neoliberalkonservative Kampfsau der Bild, bei RTL durchaus präsidial im Ton.

Das passt perfekt zur Seriositätsoffensive der Privatsender. Nach einer Woche verblüffend gehaltvoller Interviews mit klarer Kante gegen alles links der FDP, fiel die Kritik an Bild TV nach einer Sendewoche da eher durchwachsen aus. Was ProSiebenSat1 mit abgekauftem ARZDF-Personal auf die Beine stellt, steht indes noch aus. RTL extra dagegen scheitert bislang furios am eigenen Anspruch, dem zurückgebliebenen ARZDF-Personal auch nur im Abspann Konkurrenz zu machen. Mit Pensionären wie Jan Hofer

Apropos: während Schauspieler*innen wie Benedict Cumberbatch oder Suzanne von Borsody den Gender Pay Gap kritisieren, kritisiert Dieter Hallervorden lieber das Gendern.  Damit befindet er sich in Gesellschaft grauer Alpharüden wie Heiner Lauterbach, die mit der Moderne ja grundsätzlich fremdeln – und das übrigens auch dürfen. Schließlich ist es ein Privileg des Alters, an der Vergangenheit zu hängen.

Die Frischwoche

30. August – 5. September

Das Privileg Todgeweihter hingegen ist es, der Welt alle Sympathie zu entziehen. Kida Khodr Ramadans Krebs-im-Endstadium-Patient Nabil murrt sich Dienstagabend deshalb sehr glaubhaft durch die erste Viertelstunde des ARD-Dramas In Berlin wächst kein Orangenbaum, bevor sein Regiedebüt den Tonfall wechselt. Denn zurück in Freiheit lernt der Polizistenmörder seine 17-jährige Tochter kennen und mit ihr die Lebensfreude. Das ist zwar nicht frei von Klischees, aber sehr real anrührend.

Zum Glück gilt das nicht für The Handmaid’s Tale, die am Donnerstag bei Magenta TV in die 4. Staffel geht. Zu absurd ist die misogyne Dystopie, zu verstörend, aber eben auch unverdrossen brillant. Das sagen Krimi-Fans ebenfalls über den britischen Vierteiler Guilt um einen innerfamiliären Todesfall mit Folgen, zeitgleich (22 Uhr) bei Arte. Für Comedy-Fans empfehlenswert ist zwei Tage zuvor Only Murders in the Building auf Disney+ von und mit dem unverwüstlichen Steve Martin um drei New Yorker True-Crime-Fans, die zehn Folgen lang plötzlich Real-Crime erleben.

Am Sonnabend sucht Nora Tschirner im Arte-Infotainment Die Antwort auf fast alles von Wissenschaft über Kultur bis Tralala, seit Douglas Adams bekanntlich die 42. Und am Abend zuvor startet der sehr sympathische Ralf Schmitz bei Sat1 sogenannte Paar Wars, die ein bisschen an Linda de Mol bei der 100.000-Mark-Show erinnern. Neo zeigt dienstags ab 23.45 Uhr die queere Comedy The Drag on Us, Starzplay sonntags die RomComSerie Live Life. Und dann steuern wir fast schon aufs nächste Triell zu, also Entertainment, das wir mit Armin Laschets Bitte beenden, er wolle von Olaf Scholz nur drei Worte hören: „Nicht mit der Linken.“


Hofer blödelt & Mädel liefert

TV

Die Gebrauchtwoche

16. – 22. August

Die groß angekündigte, personell fremdgespeiste Nachrichtenoffensive deutscher Privatsender ist seit Monaten zumindest brancheninternes Gesprächsthema Nr. 6-7. Mit allerlei Abwerbungen öffentlich-rechtlicher Journalist*innen (zuzüglich Matthias Opdenhövel) wollen Vollprogramme wie RTL und ProSieben (zuzüglich Sat1) ja künftig den Platzhirschen von Tagesschau oder heute Konkurrenz machen. Gute Idee! Aber die Umsetzung?

Nun ja…

Als RTL Direkt Anfang voriger Woche nach dem heute-journal, also parallel zu den Tagesthemen auf Sendung ging, war das Bemerkenswerteste daran die fehlende Krawatte von Jan Hofer – schon, weil der eben kein Moderator, sondern Ansager ist und mit seinem Studiogast Annalena Baerbock herzlich wenig anzufangen wusste. Schlimmer noch: während Marietta Slomka im echten Interview mit einem Bundeswehr-Insider über die Lage in Afghanistan zu Tränen gerührt war, schaltete der reaktivierte Rentner zu einem Komiker und machte das Infotainment-Format mit Talkshowelementen endgültig zur Farce.

Einer Farce mit Ausbaupotenzial immerhin, aber der westlich verordneten Katastrophe am Hindukusch mit so wenig Empathie und Kompetenz entgegenzutreten, das war schon ein veritables Armutszeugnis. Zumal es Hofers dortige Kolleg*innen sind, die mit einem Berufsverbot der Taliban sogar noch gut bedient wären, tendenziell aber doch eher ums nackte Überleben kämpfen. Womit wir, über Umwege, bei seiner kaiserlichen Heiligkeit, Georg Friedrich Prinz von Preußen sind, den man nun gerichtsfest „klagefreudig“ nennen darf.

Klagefreudigklagefreudigklagefreudig.

Der Hohenzollern-Zögling kämpft verbissen darum, die nationalsozialistische Vergangenheit seiner Sippe so kleinzureden, dass er all jene Reichtümer zurückerhält, die sie auf Leichenbergen geknechteter Untertanen erwirtschaften konnte. Dass auch der nächste Versuch, die Berichterstattung darüber zu behindern, abgewiesen wurde, dürfte ihn aber bei seinem Feldzug gegen Presse- und Meinungsfreiheit nicht weiter stören.

Die Frischwoche

30. August – 5. September

Wenn der standesbewusste Preußenprinz fernsieht, dürfte er morgen statt Tagesthemen oder RTL Extra also lieber also lieber Disney und SWR einschalten. Ersterer zeigt um 20.15 Uhr das Adelsfest Victoria, die junge Kaiserin, in dem der Hochadel prächtig wegkommt, letzteres holt (23.15 Uhr) die Schwarzweißromanze Ein Herz und eine Krone aus der Mottenkiste. Und das ZDF kommt schon deshalb nicht für Georg Friedrich infrage, weil es statt der üblichen Königshausdoku die Politikdoku Volksparteien ohne Volk zeigt.

Besser dürfte ihm da eine Serienoffensive von TVNow gefallen. Der RTL-Dienst streamt ab Donnerstag die erste von drei Kostümserien aristokratischer Glanzzeiten namens Belgravia. Sechs Teile lang geht es darin um dynastische Liebesfragen im London nach der Niederlage Napoleons geht. Noch früher und damit noch spekulativer, aber auch noch aufregender wühlt die dritte Staffel der Sky-Serie Britannia ab morgen in der englischen Geschichte. Womit der klagefreudig Fritz vermutlich weniger anfangen kann, ist die Dokumentationsreihe Fight for Power, in der die Schwarze Basketball-Legende Kareem Abdul-Jabbar auf History Play durch amerikanische Protestbewegungen der vergangenen 100 Jahre reist.

Geliefert mit Bjarne Mädel als prekärer Paketbote mit pubertierendem Sohn (Freitag, 20.15 Uhr, Arte) dagegen dürfte zu sozialkritisch sein, weshalb ihm dies empfohlen sei: Staffel 1 der dunklen Amazon-Komödie Kevin Can F*** Himself über weibliche Selbstermächtigung, die Disney-RomCom Vacation Friend um seltsame Mexiko-Urlauber oder die sechsteilige Sky-Satire The White Lotus aus einem Luxusresort auf Hawaii, alles freitags. Abends zuvor startet joyn+ Staffel 4 der Fremdschäm-Komödie Jerks mit Fahri Yardim & Christian Ulmen als Fahri Yardim & Christian Ulmen. Noch was? Nein. Denn dass die Journalismus-Simulation Bild nun eine TV-Lizenz hat, muss ja wohl eine Fake-News à la Springer sein…


Sebastian Kurz & Die Schläfer

TV

Die Gebrauchtwoche

9. – 15. August

Querdenkende, das hat Geradeausdenkende im ersten Pandemiesommer ebenso fasziniert wie erschüttert, können beim Volkssturm bedeutender Gebäude ganz schön viel Wirbel hervorrufen. Während sie die Objekte ihrer kleinen Machtübernahme auf der Reichstagstreppe tatsächlich ein bisschen ins Schwitzen gebracht hatten, herrscht nach der neuesten Besetzungsaktion allenfalls heitere Gelassenheit.

Anfang voriger Woche wollte ein Häuflein argumentationsresistenter Impfgegner*innen das Hauptquartier der honorigen BBC in London erobern, landete allerdings fünf Meilen davon entfernt in einem verwaisten Verwaltungsgebäude und pöbelten entsprechend vor verschlossener Tür. Klingt lustig, ist lustig, aber trotz und wegen der Dusseligkeit natürlich auch ein weiterer Beleg dafür, wie sehr die Pressefreiheit unter rechtem Beschuss steht. Teilweise regierungsamtlich.

In Österreich zum Beispiel ließ der angehende Autokrat Sebastian Kurz einen ORF-Direktor installieren, der zwar kein offizielles ÖVP-Parteibuch im Maßanzug hat. Seinem Ministerpräsidenten dürfte Roland Weißmann dennoch auch künftig treu ergeben sein und damit das fördern, was der leiwande Basti besonders mag: Servile Hofberichterstattung anstatt kritischem Journalismus. Obwohl – dafür brauchen deutsche Medien keine Regierungsintervention, im Gegenteil.

Die moralisch biegsame Bild hat ihr Rückgrat gerade ganz freiwillig Richtung rechtsaußen versteift und in Gestalt einer Titelseite („Wir wollen EINIGKEIT und RECHT und FREIHEIT“) fürs Ende aller Corona-Maßnahmen gefochten, das Dreiviertel aller Bundesbürger ablehnen. Wie nie zuvor hat der Springer-Verlag damit (vermutlich) unbezahlte Wahlkampfwerbung für die AfD geschaltet. Jener Partei also, die Deutschlands Demokratie gerne Diktatur schimpft, schlimmer als einst im Osten.

Die Frischwoche

16. – 22. August

Wie es dort wirklich zuging, belegt ein Blick auf den besten Neustart der Fernsehwoche. Ab Donnerstag zeigt Arte in Dreifachfolgen Die Schläfer, eine Dramaserie aus Tschechien, in der zwei Dissidenten den Albtraum stalinistischer Abwehrgefechte kurz vorm Mauerfall am eigenen Leib zu spüren bekommen. Ihr sechsteiliger Dreifrontenkrieg im erodierenden Ostblock ist allerdings nicht nur lehrreich, sondern auch sehenswert.

Das gilt eher aktuell als historisch auch für die norwegische Coming-of-Age-Serie Nudes, Untertitel: Nackt im Netz. Die ARD zeigt den Zehnteiler übers Phänomen, unser Privatleben für alle Welt sichtbar online auszubreiten, morgen ab 22.50 Uhr am Stück. Im Nachbarland spielt derweil die erste Staffel des deutsch-schwedischen Spionage-Thrillers Hamilton (montags, 22.15 Uhr ZDF) mit dem Untertitel für Doofe Undercover in Stockholm. Ohne Untertitel erbaulich scheint dagegen das belgisch-französische Krimikomödienformat Die Wache mit dem sehr unterhaltsamen Benoit Poelvoorde werden.

Das gänzlich unkomische, aber hochinteressante Terrorismus-Szenario Am Anschlag dagegen spielt ab Donnerstag (ZDF-Mediathek) in Wien, während die True-Crime-Fiktion Dr. Death um einen realexistierenden Scharlatan zeitgleich bei TV Now in den USA beheimatet ist. True Crime ohne Fiktion liefert Sky parallel mit der zehnteilige Doku-Reihe Exhumed um Morde, die erst durch Ausgraben der Opfer gelöst werden. Na ja. Oh ja, ist man dagegen immer geneigt zu sagen, wenn Nicole Kidman irgendwo mitmacht.

Bei der Amazon-Serie 9 Perfect Strangers aber kommt das schauspielerische Talent der Oscarpreisträgerin als New-Age-Coach ab Freitag nicht so recht zur Geltung. Ob die ähnlich tolle Sandra Oh in der #MeToo#BLM-Serie Die Professorin zur Geltung kommt, würde man an dieser Stelle ebenso gern sagen – allerdings gab es von Netflix wie so oft vorab nichts zu sehen. Und so darf man heute am meisten auf das neue Nachrichtenmagazin RTL Direkt gespannt sein, in dem Jan Hofer um 22.15 Uhr den Tagesthemen Konkurrenz macht.


Bruchs Feixen & Denzels Sohn

TV

Die Gebrauchtwoche

2. – 8. August

Am Freitag ist es offenbar so weit: Dann schluckt der drollige Unterhaltungssender RTL ganz offiziell den honorigen Presseverlag Gruner + Jahr. Komische Vorstellung. Als würde ein Kind seine Eltern adoptieren oder Hunde ihr Herrchen aus dem Tierheim holen. Weil die Fusion Synergie-Hoffnungen renditeorientierter Medienmanager folgt, fürchten Brancheninsider kaum zu Unrecht massiven Personalabbau auf beiden Seiten.

Bertelsmann-CEO Rabe mit dem urdeutschen Vorstandsstandardvornamen Thomas nennt das Fusionsergebnis zwar ein „journalistisches Powerhouse mit der Inhalte-Kompetenz von mehr als 1500 Journalistinnen und Journalisten“. Deren Seriosität allerdings dürfte schon deshalb gehörig leiden, weil künftig der Ballermann-Kanal und seine rotzfrechen Töchter die Tonlage vorgeben – um den Streamingdiensten Paroli zu bieten, aber auch der öffentlich-rechtlichen Konkurrenz, die endlich mal positive Nachrichten und dann auch noch in eigener Sache verkünden durfte.

Das Bundesverfassungsgericht hat die Erhöhung der Rundfunkgebühr um lausige 86 Cent nicht nur für rechtens, sondern zwingend geboten erklärt, und die Blockadehaltung der sachsen-anhaltinischen, also maximal rechtspopulistischen CDU im gleichen Atemzug für illegal. Zeit also, das Einstimmigkeitsprinzip der Bundesländer zu überarbeiten, damit Landesregierungen künftig nicht wieder Wahlkampf zu Lasten der Pressefreiheit betreiben.

Umso mehr sollte sich die Milliarden-Empfängerin ARD vielleicht mal dazu durchringen, sich offen von Volker Bruch zu distanzieren. Gut drei Monate nach seiner Schmutzkampagne #allesdichtmachen hat der Verschwörungsmystiker, im Nebenberuf Schauspieler, nämlich längst alle Distanz zum rechten Rand abgelegt und zeigte sich feixend mit dem Querdenker Anselm Lenz und dessen demokratiefeindlicher Propagandapostille Demokratischer Widerstand. Zeit also, die Sky-Serie Babylon Berlin, an der Bruch gerade arbeitet, zu boykottieren.

Zuschauerboykotte standen auch angesichts der Olympischen Spiele im Raum, die das IOC gegen jede (epidemiologische, nicht kapitalistische) Vernunft in Tokio durchboxte. Am Ende waren es aber auch ohne Publikum inspirierende 17 Tage – deren Übertragung bei ARD und ZDF der Rechteinhaber Discovery angesichts der miserablen Einschaltquoten bei Eurosport 2024 womöglich nochmals überdenken könnte…

Die Frischwoche

9. – 15. August

Nun also, nach zwei Wochen sportlicher Druckbetankung, wieder zurück zum televisionären Normalbetrieb. Wobei Normalbetrieb einerseits bedeutet, dass die 1. Bundesliga am Freitag bei der Neuauflage von ran Sat1 Fußball mit dem Klassiker Gladbach-Bayern auf den Bildschirm zurückkehrt. Andererseits gibt es nur vergleichsweise wenig neue Streamingformate von Belang. Die Familienserie Heels jedenfalls, die ab Sonntag bei Starzplay im amerikanischen Wrestler-Milieu spielt, ist jedenfalls eher Durchschnitt.

Originellere Unterhaltung liefert hingegen das paranoide Action-Drama Beckett. Denzel Washingtons Sohn John David einen Griechenland-Touristen zeigt, der in ein politisches Komplott verwickelt, das ihn im Laufe von anderthalb Stunden ab Freitag zu einer Art Bruce Willis im Hostel-Modus für Hitchcock-Fans bluten lässt, also von Verfolgungsjagd zu Verfolgungsjagd ein bisschen mehr versehrt.

RTL zeigt uns zeitgleich mit der dümmlichen Tiershow Top Dog Germany oder drei Tage zuvor in Gestalt der zynischen Kuppel-Sause Schwiegertochter gesucht, worüber die G+J-Zeitschriften von Brigitte bis Stern bald positiv zu berichten genötigt sein könnten. Da kann man eine Rom-Com wie Mich hat keiner gefragt (Donnerstag, 20.15 Uhr, ZDF) in der Maike Droste die feministische Mutter einer konservativen Tochter spielt, fast schon wieder loben.


Kameltreiber & Mr. Corman

TV

Die Gebrauchtwoche

26. Juli – 1. August

China attackiert westliche Medien, weil sie chinesische Sportler*innen angeblich in ehrverletzender Art zeigen, in der Provinz Zhengzhou werden ausländische Korrespondenten derweil stellvertretend für einen BBC-Kollegen auf offener Straße attackiert, da er „unfair“, ergo: kritisch über dortige Überschwemmungen berichtet haben soll. Währenddessen ist die Pressefreiheit in Japan auf ein Minimum sportlicher Grundversorgung reduziert. Weiterhin schlechte Zeiten für den Journalismus – und das scheint von Fernost nach Weitwest abzufärben.

Als ein deutscher Radfunktionär seinen Schützling vor laufender Kamera auffordert, zwei „Kameltreiber“ vor ihm einzuholen, sagte der ZDF-Reporter, das habe im Sport nichts zu suchen. Andernorts also schon? Alles also sehr aufschlussreich, was abseits der zuschauerlosen Medaillenjagd publizistisch so vor sich geht in Tokio. Aufschlussreicher jedenfalls als ein anderer Trend, der gerade vom Rechteinhaber Eurosport in die Zukunft schwappt.

Nach seinem Gold-Triumph nämlich wurde Alexander Zverev gestern nicht ins Studio nach Deutschland geladen, sondern projiziert und stand – kaum als Illusion erkennbar – zum Gespräch mit den zwei Moderatoren bereit. Noch ist das ebenso eine Spielerei wie Kameras, die um Dreispringer kreisen. In Zeiten von Homeoffice und Videokonferenzen aber dürfte es bald die Regel werden. Und damit ein vermeintlicher Ausnahmefall nicht zur Gewohnheit wird, legt sich auch Scarlett Johansson gerade mit einem mächtigen Gegner an.

Weil der Entertainment-Multi Disney ihren Superheldinnen-Blockbuster Black Widow zeitgleich auf der eigenen Videoplattform mit Plus am Ende streamt, klagt die Schauspielerin auf Umsatzbeteiligung – wenngleich (hoffen wir mal) wohl weniger aus Selbstbereicherungsmotiven, sondern aus Prinzip. Schließlich geht es bei der Parallelprogrammierung, die auch Konkurrenten wie Netflix pflegen, um nicht weniger als die Rettung des alten Kinos vorm neuen Fernsehen.

Die Frischwoche

2. – 8. August

Das natürlich auch die neue Woche gegen das alte Fernsehen dominiert. Netflix etwa startet Dienstag mit dem sehr überraschenden Doku-Prequel Shiny Flakes zur deutschen Erfolgsserie How To Sell Drugs (Fast), Disney+ folgt am Mittwoch mit den ersten zwei Staffeln der unterhaltsamen Twen-Dramedy Good Trouble. Richtig gut ist zeitgleich bei AppleTV+ die Tragikomödie Mr. Corman, in der sich Joseph Gordan-Levitt als einsame Frohnatur, der vergeblich versucht, sich seine Angststörungen schönzulächeln.

Am Donnerstag dann überzeugt Prime Video mit dem zehnteiligen Psychothriller Cruel Summer um eine entführte Highschool-Schönheit der 90er und was ihre missgünstige Mitschülerin damit zu tun haben könnte. Freitag startet die israelische Actionserie Hit and Run bei Netflix. Und Sonntag zeigt Sky, das Donnerstag zuvor die unfassbare Mordserie des Intensivpflegers Niels Högel zur vierteiligen Doku Schwarzer Schatten zusammenfasst, das Neo-Noir-Drama The Burnt Orange Heresy von Giuseppe Capotondi, dessen Kinostart 2020 der Pandemie zum Opfer gefallen war.

Die Öffentlich-Rechtlichen? Tja. Da wechselt der nette Sportmoderator Sven Voss hausintern ins Boom-Genre Tod in… und rollt zunächst in der ZDF-Mediathek uralte Kapitalverbrechen von Ostfrieslang über Wales bis Berlin auf. Spitzenidee. Ähnlich jener, Sabine Heinrich als zweiter Frau neben Barbara Schöneberger eine Samstagabendshow anzuvertrauen, allerdings Das große Deutschland-Quiz, das erstmals auf die 20.15 Uhr springt. Anything else? Die niederländische Kriegsverbrechensfiktion High Flyers tags zuvor auf Neo.

Das war’s.


Ohlens Schlamm & Schalkos Egos

TV

Die Gebrauchtwoche

19. – 25. Juli

Huch – ein IT-Unternehmen stellt den Staaten der Welt, also ausdrücklich allen, geheimnisvolle Spy-Ware zur barrierefreien Komplettüberwachung von Smartphones zur Verfügung und einige dieser Staaten nun benutzen Pegasus, so heißt dieses demokratiefeindliche Premiumprodukt, das der israelische Hersteller mit dem sprechenden Namen NSO sogar ans antisemitische Saudi-Arabien verhökert, nicht wie vereinbart gegen vermeintlichen Terror, sondern auch Journalist*innen und politisch anders Unbotmäßige anderer Art?

Gibt’s ja gar nicht!

Vielleicht hat die RTL-Reporterin Susanne Ohlen also nur ein bisschen Schlamm der Flutkatastrophe im Gesicht verteilt, um sich zumindest analog unsichtbar für Despoten zu machen. Vielleicht hat Armin Laschet einen ähnlich ulkigen Vorgang beobachtet, als der CDU-Kanzlerkandidat vor laufenden Kameras feixte, während Bundespräsident Steinmeier (dem bei gleicher Gelegenheit ähnliches passierte) den Todesopfern kondolierte. Und vielleicht haben zwei gut erkennbare Neonazis, die Philipp Amthor andernorts zum geselligen Fotoshooting baten, auch nur Spitzenwitze über die „Judenpresse“ oder so gemacht, über die sich Laschets kleiner Parteifreund so freut.

Sinn für verschrobenen Humor beweist derweil der frühere Kanzlersender auf seinem Rückweg Richtung ernstzunehmendes Vollprogramm mit etwas mehr als Heididei und Trash-TV. Wenn Sat1 fünf Tage nach Matthias Opdenhövels Reanimation von ran ins Fußballfernsehgeschehen übermorgen seine Sommerinterviews beginnt, bleibt neben der völkischen AfD nämlich auch die bürgerliche Linke ausgeschlossen. Rinks, Lechts – für Sat1 irgendwie alles die gleichen Extremisten.

Die Frischwoche

26. Juli – 1. August

Apropos extrem: Seit genau 25 Jahren auf einer Überdosis Testosteron in explodierenden Kisten auf brennendem Asphalt unterwegs ist Erdogan Atalay, Hauptdarsteller der vollfiktionalen Autobahnpolizei Cobra 11, die am Donnerstag in Staffel 26 geht. Allerdings mit mittlerweile zwei Kolleginnen und dank eines Kollegen im Rollstuhl auch sonst maximal divers. Das gilt auch für eine Fortsetzung der zeitversetzten Art. Zwei Jahrzehnte, nachdem die HBO-Serie In Treatment zu Ende ging, wird Gabriel Byrne ab morgen auf Sky von einer Frau ersetzt. Und nicht nur das.

Die neue Therapeutin – gespielt von Ubo Aduba (Orange is the New Black) – ist eine Schwarze, die vor allem intersektional diskriminierte Figuren therapiert. Das ist löblich, originell, zudem pandemiegerecht inszeniert, aber manchmal doch etwas bemüht divers. Damit hat David Schalkos neuer Streich Ich und die anderen auf gleichem Kanal hingegen weniger Probleme. Die Charaktere seiner sechsteiligen Groteske sind viel zu absurd (und weiß), um sich mit so viel Realität auseinanderzusetzen.

Zur Handlung: Der Werber Tristan (Tom Schilling) erwacht jeden Tag in einer Welt, die sich auf verschiedene Art vollständig um ihn dreht – alle wissen alles über ihn etwa oder vergöttern ihn hingebungsvoll. Und wie immer beim Wiener Regisseur ist auch dieser Murmeltier-Mindfuck zu irre, um wahr zu sein, aber grad deshalb so wahrhaftig. Ähnliches gilt für das fünffach oscarprämierte Gesellschaftsdrama Parasite aus Südkorea, dessen Free-TV-Premiere die ARD allerdings morgen erst um 23 Uhr zeigt.

Vorher kann man sich daher noch gut die dritte Staffel der ewig heiteren Netflix-Serie Hot To Sell Drugs Online (Fast) ansehen. Nachher dann bei Bedarf ein bisschen Olympia im ZDF. Oder ab Freitag die Überraschung der Woche. In Watch the Sound begibt sich Superduperüberproduzent Mark Ronson sechs Teile lang bei Apple+ auf die Spur des Pop. Dafür trifft der Superproduzent ab Freitag Stars von Paul McCartney über Dave Grohl bis Charli XCX und schafft es tatsächlich, ein paar Geheimnisse zeitgenössischer Musik zu enträtseln, bevor Böhmi tags drauf bei Neo weiter bruzzelt.