Hartmanns Popanz & Benkos Größe
Posted: November 3, 2026 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentDie Gebrauchtwoche
26. Oktober – 1. November
Der Popanz ist ein niederdeutsches Schreckgespenst, das Wirtschafswundergenerationen gern hervorholen, sobald Spätgeborene Ärger machen. Aktuell zum Beispiel begehren Geburtsjahrgänge ab 1997 so vehement gegen die Verwerfungen vorheriger Alterskohorten auf, dass sich die Bild-Balken nur so biegen. Selbst Tagesschau und heute berichten immer erstmal über die Randale, dann über friedliche Demonstrationen und deren Beweggründe.
Aber der Popanz des linksextremen Terrors mit oder ohne Migrationsgeschichte wird aktuell ja fast überall aufgeblasen. Elif Eralp zum Beispiel, die der braungesprenkelte Sportschau-Kriegsveteran Waldemar Hartmann schon dem Namen nach lieber aus Berlin deportieren als im roten Rathaus regieren sehen möchte. Da will natürlich auch der Spiegel nicht hintanstehen und definiert den dringenden LKA-Rat, Islamisten oder Clanchefs und islamistische Clanchefs nicht namentlich zu nennen, zur „Angst der Elif Eralp“.
Dass die Redaktion dafür interne Interview-Anmerkungen veröffentlich, die Eralps Büro versehentlich mitgesendet hatte, ist zwar nicht illegitim, geschweige denn illegal; berufsethisch allerdings dürfte man darüber durchaus mal kontrovers diskutieren. Einen noch größeren Popanz basteln sich derweil rechtsextreme US-Medien wie Fox News, die seit Tagen lautstark Käsekuchen durchkauen, seit Barack Obama auf einer Wahlkampfveranstaltung Donald Trumps Oval Office mit Saddam Husseins Cheesecake Factory verglichen hatte.
Ach ja, und dann wäre da noch die neue Satiresendung von Florian Schröder. Eigentlich ein haltungsstarker Kabarettist, wollte er in seiner ZDF-Show Journal Deluxe offenbar über Bande Jan Böhmermanns Magazin Royale ideologisch entzerren. Leider hat Schröder Lechts mit Rinks dabei so beharrlich in denselben Topf geworfen und mit einer Prise Extremistensinddochallegleich verrührt, dass er die AfD damit genauso salonfähig macht wie Alexander Dobrindt und Waldemar Hartmann, Bild und Spiegel zusammen.
Die Frischwoche
2. – 8. November
Dagegen scheint ein charmanter Gernegroß wie René Benko fast schon harmlos. Nicht harmlos genug allerdings fürs Erste, das ein experimentelles Biopic über den Tiroler Immobilien-Bankrotteur bis kurz vor der Ausstrahlung am Montag unter Verschluss hielt. Geheimstufe 1 also für Size Does Matter. Dabei erzählen Raymond und Hannah Ley ihre dokufiktive Räuberpistole 90 Minuten lang mit so viel magischem Realismus, bis Wahn und Wirklichkeit fast völlig verschwimmen.
Das liegt allerdings auch an Thomas Stipsits. Der österreichische Kabarettist spielt seinen Benko so überdreht, dass er fast schon wieder wahrer wirkt als das Original. Was auch an Heino Ferch liegt, der dem Emporkömmling als fleischgewordenes Gewissen so viele Tipps zur Ausbeutung naiver Geldgeber einflüstert, bis Benkos Kartenhaus zusammenstürzt. Gegen diesen Aberwitz verblasst selbst das funkelnde Restprogramm der Woche. Esther Amramis innerdeutsche Culture-Clash-Komödie Doitscha auf gleichem Kanal zum Beispiel.
Mittwoch lässt sie das Leben einer christlich-jüdischen Familie mit viel Charme und Chuzpe gegen die Wand der antisemitischen Wirklichkeit rauschen, dass praktisch alle ihr Fett wegkriegen. Das verteilen zwei Tage später auch die Belton-Brüder großflächig. In ihrer Impro-Comedy Friesenjunkies zieht ein Dutzend wohlstandsverwahrloster Suchtpatienten achtmal 25 Minuten in eine Nordsee-Klinik. Die Küstenversion von Thomas Manns Zauberberg gerät den Kleinen Brüdern dabei nachdenklicher als alle Discounter und Players of Ibiza.
Ulkig ist es natürlich trotzdem, wenn sich Stars von Sylvie Meis bis Martin Brambach ohne Skript ein wenig selbst spielen. Und in aller Kürze noch drei Tipps: Bei Netflix startet am Donnerstag Staffel 2 der großartigen Agenten-Groteske Black Doves. Parallel dazu startet in der ARD-Mediathek das Real-Life-Format Vibes mit Motsi Mabuse im New-Age-Clinch mit neun Best-Agerinnen. Und tags drauf versucht sich Pierce Brosnan im Paramount-Film Giant als Boxtrainer der Achtzigerjahre.
Weidels Mails & Breitscheidplatz
Posted: October 26, 2026 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentDie Gebrauchtwoche
19. – 25. Oktober
Das Fernmeldegeheimnis ist ein ewigkeitsgültiges Grundrecht. Artikel 10 jener Verfassung, die Rechtsradikale tendenziell ablehnen, garantiert den Schutz persönlicher Kommunikation vor Eingriffen Fremder – darauf berufen sich Mitglieder und Fans der AfD gerade andauernd, wenn sie die Veröffentlichung von rund 412.000 Mails aus dem Parteiapparat verurteilen. Privatsphäre und so, schon richtig. Nur: das Grundgesetz schützt Mitteilungen aller Art vor staatlichem statt journalistischem Zugriff.
Und so war es nicht nur legal, sondern legitim, das Konvolut zu publizieren. Was daran bedeutsam ist, werden wissenschaftliche Auswertungen erst nach und nach ergeben. Eine Erkenntnis aber liegt schon jetzt auf der Hand: die AfD bewegt sich in Duktus, Zielen, Radikalität auf eine MAGA-Bewegung made in germany zu. Dass sie nach ihrer Machtergreifung wie Donald Trump verfährt und die Bundespressekonferenz in einen Swimming Pool verwandelt (was der US-Präsident offenbar mit dem Press Room im Weißen Haus plant), mag da zwar surreal erscheinen.
Ausgeschlossen ist es dagegen ebenso wenig wie erfundene Umfragen falscher Demoskopen. Ein Institut namens Wedgewood Polls hatte Erhebungen fingiert, die anschließend sogar in der New York Times standen. Dafür gab es erwartungsgemäß Häme von republikanischer Seite – die allerdings nachweisbar von der Fake-Demoskopie profitiert und damit auf deren Mist gewachsen sein dürfte. Dort also, wo Elon Musk ebenso offensichtlich die Starlink-Satelliten über der Ukraine gedrosselt hatte.
Oder dort, wo jüdische Siedler einen Reporter der Washington Post krankenhausreif geschlagen und dafür Lob von israelischer Regierungsseite gekriegt haben. Schwer, in dieser braunen Soße verdauliche Stücke zu finden. Aber es gibt sie. In der Tschechischen Republik zum Beispiel haben Hunderttausende für den Schutz des öffentlich-rechtlichen Rundfunks demonstriert und in Istanbul waren immerhin 3000 Verteidigende der Pressefreiheit auf der Straße.
In einem so repressiven System ist das ähnlich bemerkenswert wie die absolute Mehrheit der „Studentenliste“ vorm serbischen Amtsinhaber Alexander Vucic. Der autokratische Staatspräsident hatte die Demokratie schließlich zwei Amtszeiten lang auf Diktaturen-Niveau gesenkt. Dass der brasilianische Salon-Faschist Flávio Bolsonara zeitgleich die Präsidentschaftswahl gegen Lula da Silva verloren hat, deutet also auf die Stress-Resilienz pluralistischer Gesellschaften hin.
Die Frischwoche
26. Oktober – 1. November
Die stehen schließlich nicht nur unter Beschuss radikaler Bewegungen von rechts oder – wie Bild, Nius, CDU/CSU unermüdlich insinuieren – links, sondern fundamentalistisch-religiöser Seite. Und wie tödlich das mitunter enden kann, beschreibt die ARD ab Freitag in ihrer Mediathek. Vor ziemlich genau zehn Jahren nämlich tötete der islamistischer Terrorist Anis Amri 13 Menschen am Breitscheidplatz und verletzte Dutzende schwer.
Das Resultat steht allerdings gar nicht im Zentrum dieser sechsteiligen Aufarbeitung. Nach eigenem Drehbuch beleuchtet der Regisseur David Nawrath eher ein kriminalistisches Systemversagen. Als fiktiver Staatsschützer Laudin kämpft Albrecht Schuch gemeinsam mit einer muslimischen Kollegin (Bayan Layla) eher gegen BKA, LKA und Politik als die Feinde unserer Lebensweise. Dank des differenzierenden, nicht exotisierenden Blicks auf alle Beteiligten, ist die Serie somit noch vorm NSU-Komplex das Beste, was hierzulande je über Terrorismus inszeniert wurde.
Was sonst läuft, verblasst da naturgemäß leicht. Selbst das interessante Filmporträt jüdischen Lebens im Deutschland von heute, ab Freitag an gleicher Stelle: Deutscha. Auch die harmlose Familienkomödie Das Geschenk parallel bei Netflix. Und sogar die Highend-Crime Nocturne mit Liev Schreiber und Stephen Graham bei Apple TV. Wer angesichts dieser Unterhaltungsangebote Fluchtinstinkte spürt, kriegt aber gerade doppeltes Anschauungsmaterial: Mitte voriger Woche nämlich sind mit Manhunt (Youtube) und 7 vs. Wild (Prime) die zwei großen deutschen Survival-Formate gestartet.
Trumps Lawyer & Where’s Wanda
Posted: October 19, 2026 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentDie Frischwoche
12. – 18. Oktober
Fürs deutsche Wort „Anwalt“ hat das Englische zwei Begriffe: Lawyer und Attorney. Während ersterer eher so etwas wie ein studierter Rechtsbeistand ist, hat letzterer auch die staatliche dafür Prüfung abgelegt. Dass Katie Zacharia vor 15 Jahren am Bar Test gescheitert ist, muss man ihr 2026 natürlich nicht vorwerfen. Dummerweise hat sie sich in 15 Social-Media-Posts dennoch „Attorney“ genannt und damit das zentrale Einstellungskriterium des US-Präsidenten erfüllt: Trumps Sprecherin ist eine Hochstaplerin.
Wie er sie drei Tage nach ihrer legendären Auftakt-PK zur Ex-Sprecherin degradierte, hat demnach nichts mit ihrer Verlogenheit (aber einiges mit dem Sexismus berichterstattender Medien) zu tun, sondern den anstehenden Midterms. Damit Trumps Vasallen am 3. November gewinnen, drosselt Elon Musik – noch so ein Ex des US-Präsidenten – offenbar das Übertragungsvolumen seiner StarLink-Satelliten für die Ukraine und pumpt 276 Millionen Dollar in den Zwischenwahlkampf republikanischer Kandidaten. Immerhin darf man den (vorerst noch) als vergleichsweise frei bezeichnen.
Anders als in der Türkei, wo Ekrem İmamoğlu 2027 sehr gewiss nicht gegen Recep Tayyip Erdoğan antreten wird. Nach zweijähriger Untersuchungshaft wurde nun immerhin der Prozess gegen ihn eröffnet. An dessen Ende stehen allerdings mit hoher Wahrscheinlichkeit etliche der geforderten 2400 Jahre Gefängnis. Und damit auch andere Kontrahenten des Diktators chancenlos bleiben, wurde mit Halk TV obendrein der letzte kritische Fernsehsender verboten.
So weit ist Deutschland trotz Rechtsruck und Friedrich Merz Versuch, den Linksruck als gefährlicher darzustellen, zwar noch nicht. Aber wenn ein ordentliches Gericht die Redaktionsräume der Zeit durchsuchen lässt, um – völlig legal recherchierte und vom Informantenschutz geschützte – Beweise im Entführungsfall der Hamburger Steakhausdynastie Block zu beschlagnahmen, erinnert das eher ans Wahlprogramm der AfD als Rechtsstaatlichkeit.
Wirtschaftlichkeit ist dagegen ein ähnlich diffuser Begriff geworden. Netflix zum Beispiel hat angekündigt, 1000 Mitarbeiter*innen zu entlassen. Und zwar nicht, weil der Umsatz eingebrochen wäre; das Wachstum hat sich auf 11 Prozent verlangsamt. Ein Rückgang, der gewiss mit der angeschwollenen Konkurrenz zu tun haben dürfte, mehr aber noch mit dem zusehends mittelmäßigen Streamingprogramm der vergangenen Jahre.
Die Gebrauchtwoche
19. – 25. Oktober
Auch in dieser Woche wird hier deshalb – leider mal wieder – nichts allzu Relevantes vom Branchenführer empfohlen. Wie überhaupt das gestreamte Angebot überschaubar ist. Bemerkenswert ist allenfalls die Fortsetzung der deutschen Kleinstadtgroteske Where’s Wanda bei Apple TV. Der Auftakt war vor zwei Jahren zwar (besonders international) erfolgreich, aber prätentiöser Firlefanz. Die zweite Staffel ist ab Mittwoch nicht ganz so missraten, aber irgendwie auch eher selbstreferenziell als originell.
Interessanter geht es demgegenüber öffentlich-rechtlich zu. Bereits online ist zum Beispiel das dreiteilige Porträt der Casting-Band No Angels. Mit ein paar Tränen und Geigen zu viel natürlich, allerdings weniger melodramatisch als befürchtet. Gleiches gilt für den österreichischen Politthriller Das Vergessen mit Julia Koschitz, die darin sechs Teile lang den Mörder ihrer eigenen Nichte sucht und dabei natürlich auch sich selber findet.
Auf völlig andere Art bemerkenswert ist die finnische Vampir-Serie Blood Cruise über ein Kreuzfahrtschiff, auf dem ab Freitag die Untoten wüten. Skandi Noir auf skurrile Art. In der ZDF-Mediathek startet zeitgleich ebenfalls ein mysteriöses Format. Wake up handelt jedoch von Bewusstseinswanderung in einer nahegelegenen deutschen Zukunft, die wie hierzulande üblich seltsam miesepetrig wirkt. Trotzdem ist der Sechsteiler durchaus gelungen.
Das gilt trotz neuer Besetzung nicht für den Nürnberger Tatort. Rosalie Thomass ist zwar über jeden Zweifel an ihrer Schauspielkunst erhaben. Als Neue an der Seite von Fabian Hinrichs setzt ihr Regisseur Dustin Loose am Sonntag nach Constantin Liebs Drehbuch allerdings den sehr konventionellen Who-dunnit-Fall Gottesgarten vor die Hauptkommissarinnen-Nase.
Trumps Skydance & Bechts Falle
Posted: October 14, 2026 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentDie Gebrauchtwoche
5. – 11. Oktober
Die Zeit-Autorin Sibylle Anders brachte es vor ein paar Tagen auf den Punkt. „Der Weg ohne Mühe löst keine Probleme“, schreibt sie in der aktuellen Ausgabe. „Er vertagt sie nur.“ In dem Sinn muss man Günther Jauch wohl protestantisches Arbeitsethos unterstellen. Bei Wer wird Millionär? hat er einen Kandidaten aus Sachsen-Anhalt zur Stimmung in seinem Bundesland gefragt, mehr noch: Wie der ehemalige CDU-Bürgermeister denn zum Wahlergebnis stehe. In einer Quizshow von RTL, wohlgemerkt!
Dass der Moderator besagten Hans-Werner Kraul daraufhin in Ruhe ließ, sei ihm deshalb verziehen. Unverzeihlich ist es hingegen, wenn mehrere Spitzenpolitiker des BSW einer Einladung vom Völkischen Beobachter Compact zur Studioeröffnung nach Magdeburg folgen und sich dort mit Neonazis besaufen. Was Fraktionsvize Claudia Wittig damit entschuldigt, „Menschen mit unterschiedlichen politischen Ansichten“ könnten doch wohl mal gemeinsam das Horst-Wessel-Li…, ach nee, „ein Glas Wein zusammen trinken“.
Die US-Regierung verstärkt derweil den Druck auf missliebige Medien. Während Paramount vermeldet, mit Warner für geschätzte 110 Milliarden Dollar zum Megakonzern Skydance zu verschmelzen – inklusive rechter Kontrolle über liberale Fernsehsender wie CNN, hat Donald Trump zum nächsten Schlag gegen Demokratie und Pluralismus ausgeholt. Im September bereits hatte er CNN, MS Now und Politico widerrechtlich aus dem Weißen Haus verbannt. Jetzt geht sein Justizministerium gegen weitere Plattformen und Sender vor.
Angeblicher Grund: der anschließende Boykott durch ABC, CBS, CNN, NBC und Fox News verstoße gegen das Kartellrecht. Gegen die Menschenwürde verstößt unterdessen das Verteidigungsministerium. So scheint es. Denn Pete Hegseth will allen Ernstes die Hinrichtung eines Militärangehörigen über seine hauseigenen Kanäle live ins Internet streamen. Horror, der andernorts indiziert würde also.
Man darf jedoch diskutieren, was schlimmer ist: Diktaturen wie den Iran oder Saudi-Arabien zu kopieren, wo Todesurteile ebenso öffentlich vollstreckt werden? Oder den Zivilisationsbruch barbarischer Strafen heimlich zu begehen? Das würde man sich gerne erklären lassen. Nur bitte nicht von Katie Zacharia. Zum einen, weil Trumps neue Regierungssprecherin gleich beim ersten Auftritt noch mehr gestammelt hat als ihr Chef. Zum anderen, weil auch ihr Lebenslauf offenbar erlogen ist. Als Anwältin jedenfalls ist sie nirgendwo registriert.
Die Frischwoche
12. – 18. Oktober
Während sie darüber noch in Erklärungsnot geraten könnte, gibt es hier aus purer Zeitnot die Streamingtipps der Woche in aller Kürze:
Bei Netflix läuft der sechsteilige Psychothriller Die Falle. Friederike Becht spielt darin eine Bestseller-Autorin, die sich nach einer Familientragödie seit Jahren im eigenen Haus isoliert und plötzlich den vermeintlichen Mörder ihrer kleinen Schwester im Fernsehen sieht, dem sie sodann das stellt, was der Titel hergibt. Schon spannend, aber höchst konstruiert.
HBO erzählt ab Donnerstag die Vorgeschichte zum legendären Slasher-Movie Freitag, der 13 und füllt damit tatsächlich eine Lücke. Denn warum all die Horrorfiguren der Siebziger- und Achtzigerjahre ihre Opfer stets im Haus nach oben gejagt haben, war häufig, nun ja, nicht ganz so wichtig wie das spritzende Blut.
Auf Prime startet tags drauf ein erotisches Potpourri made in germany namens Friends, Sex & and Games. Vier deutsche Paare kopulieren darin durcheinander und nehmen das mit körperbetontem Personal von Paula Kallenberg bis Fridolin Sandmeyer leider sehr viel ernster als das mexikanische Comedy-Originals El juego de las llaves
Und als Schmankerl geht die Stand-up-Impro-Comedy-Sause Falsch, aber anders lustig mit dem unsagbar sympathischen Moritz Neumann am Freitag zum dritten Mal in die ARD-Mediathek. Sehr viel, sehr lautes Fremdschampotenzial, das dennoch großen Spaß macht.
Amthors Strandkorb & Flanagans King
Posted: October 5, 2026 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentDie Gebrauchtwoche
28. September – 4. Oktober
„Na doch“ – mit diesen zwei Worte korrigierte Alexander Dobrindt einen Versprecher von Maybrit Illner, Berlins mögliche Bürgermeisterin Elif Eralp sei keine Antisemitin. Ihre Verleumdungsanzeige ist dabei noch nicht mal die interessanteste Randnotiz einer merkwürdigen Diskussion. Denn sie handelt von etwas Grundsätzlicherem, und nein – damit ist hier nicht gemeint, ob Berlins schwer antisemitismusanfällige Linke nun regierungsfähig ist oder nicht. Es geht um eine Flurbereinigung.
Denn was Jörg Thadeusz ungefähr zeitgleich in einem Streitgespräch mit der Zeit anklingen ließ, prägt die Diskussion seit Wochen. Falls Rot-Rot-Grün Berlin regiert, droht er der SPD-Politikerin Cansel Kiziltepe, „sehe ich große Schwierigkeiten, die Brandmauer zur AfD noch zu rechtfertigen“. Für deren Einsturz liefern sich rechtskonservative Medien von Springer bis FAZ schließlich gerade einen Überbietungswettstreit linker Dämonisierung, den man sich von gleicher Stelle zur AfD ähnlich wünschen würde.
Was stattdessen passiert? In der bemerkenswert bescheuerten Affäre um den Strandkorb des CDU-Staatsminister Philipp Amthor infolge der großartigen ZDF-Dokuserie Inside CDU zitiert die heute-show das völkisch-nationalistische Verschwörungsportal Nius, als sei es ein Informationsmedium wie jedes andere. Und was andernorts so passiert? Weil es ihrem Parteifreund Jordan Bardella gut recherchiert Antisemitismus nachgewiesen hat, empfiehlt die französische Neo-Faschistin Marine Le Pen Journalistinnen der Nachrichtenplattform Mediapart, schusssichere Westen zu tragen.
Ein brachialer Tabubruch. Und die mediale Reaktion? Nahezu nichtexistent – was belegt, dass der europäische Pluralismus mit jeder rechtsradikalen Enthemmung weiter erodiert und Freedom of Speech peu à peu zur Freedom of Reach degradiert, wie es ein Kommentar im Deutschlandradio Kultur klug ausdrückt. Wie belanglos wirkt da die Medienmeldung der Woche, dass Prime die Preise zu intransparent erhöht hatte und deshalb wieder senken muss. Dafür kann man dort ab Mittwoch etwas ziemlich Teures schauen.
Die Frischwoche
5. – 11. Oktober
Denn Mike Flanagan hat Stephen Kings Debüt-Roman Carrie verfilmt, und siehe da: Wenn der Neumeister des kultivierten Horrors den Altmeister des tagtäglichen Horrors modernisiert, bekommt letzterer nochmals völlig neue Seiten. In diesem Fall bläst Flanagan den Fall einer telekinetisch begabten Außenseiterin ab Mittwoch so furios zur Gesellschaftsstudie auf, dass am Ende sogar eine Fortsetzung winken könnte.
Eine Nummer kleiner und dennoch ungeheuer opulent ist die neue Anwaltsserie War um zwei rivalisierende Luxus-Kanzleien, die ab heute bei Sky/Wow eine Art juristisches Succession in London ausfechten. Weitere anderthalb Nummern kleiner ist Mittwoch die britische Mystery-Comedy Small Prophets um einen Exzentriker, der bei AppleTV intelligente Geister erschaffen will – und dabei drollige Verwicklungen produziert. Nochmals schlanker, für deutsche Verhältnisse aber dennoch ganz schön wuchtig, ist dagegen Droneland.
Die Serienversion von Tom Hillenbrands nahezu gleichnamigem Near-Future-Bestseller verlegt Mordermittlung tags drauf bei MagentaTV ins postapokalyptische Europa 2040, mit Oliver Masucci als Ermittler in einer krassen Zweiklassengesellschaft – was wie hierzulande üblich leider extrem trübsinnig gerät. So wie die Mystery-Serie House of Yang, Freitag in der ARD-Mediathek. Trotz trister Grundstimmung ist die deutsch-chinesische Geisterhaus-Erzählung über drei Generationen hinweg aber durchaus sehenswert.
Ebenso wie die italienische Mafia-Serie Portobello um den real existierenden Fall eines berühmten Fernsehentertainers, der zu Unrecht als Krimineller verurteilt wird. Arte macht daraus ein fabelhaftes Potpourri des sorgsam ausgestatteten Siebzigerjahre-Irrsinns. Und damit zum Abschluss noch ein dokumentarischer Tipp: In Die Aydins in Almanya erinnert das ZDF in seiner Mediathek ab Dienstag an 65 Jahre deutsch-türkisches Anwerbeabkommen am Beispiel einer Familie, die auf sie ebenfalls über drei Generationen hinweg erzählen kann.
Weimers Jump Scare & 4 Blocks Zero
Posted: September 21, 2026 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentDie Gebrauchtwoche
14. – 20. September
Er hat es schon wieder getan! Bei einer rechtspopulist… pardon: rechtspolitischen Konferenz der Konrad-Adenauer-Stiftung brachte Wolfram Weimer, Volkskulturstaatsminister mit integriertem Fettnapfdetektor, seinen Einflussbereich mit der Forderung gegen sich auf, das ZDF zu privatisieren und kleine ARD-Anstalten aufzulösen. Sein Argument, der Shareholder-Kapitalismus müsse sinngemäß auch im Fernsehen entfesselt werden, könnte er sich direkt bei Peter Thiel abgeschaut haben.
Jener protofaschistische Demokratie-Verächter, der am Donnerstag den Axel Springer Award 2026 für eine Form radikaler Meinungsfreiheit, die Akzelerationisten wie er als Freiheit zur Unterdrückung missliebiger Meinungen verstehen und ansonsten jede Art staatlicher Regulation ablehnen. Ein Ansinnen übrigens, das Thiel mit den Preisträgern Mark Zuckerberg, Jeff Bezos, Elon Musk und Sam Altman teilt – daran ändert auch wenig, dass die letzteren zwei gerade selbstvermarktungsbewusst die Entschleunigung der KI gefordert haben.
Dabei ist ihre Warnung vorm drohenden Ende der Menschheit nicht mehr als ein billiger Jump-Scare, mit dem die Tech-Oligarchen um Anthropic-CEO Dario Amodei von Konsequenzen unterhalb der Apokalypse ablenken. Solange wir euch vor der vollständigen Vernichtung bewahren, lautet der Subtext, ist es völlig okay, Milliarden von Menschen mithilfe künstlicher Intelligenz ins Elend zu schicken.
Drei der letzten Medien von Belang, die in den USA noch über solche Manipulationen berichten könnten, werden das künftig nicht mehr im Weißen Haus tun. Mit der aberwitzigen Begründung, „es läuft etwas falsch im Land, wenn wir Leuten erlauben, vorsätzlich negative Stories zu schreiben“, verweigert Donald Trump CNN, MS Now und Politico künftig den Zutritt in „my House“, wie ihm kurz entfuhr, bevor er „of the people“ hinters verräterische Possessivpronomen stellte.
Fun Fact: Mit Politico zensiert Trump ein Medium seines Fanboys Mathias Döpfner. Und damit zu etwas erbaulicherem: Den Primetime Emmys. Mit 14 Auszeichnungen absoluter Abräumer war vorigen Montag die Horror-Comedy Widow’s Bay von AppleTV. Was schon okay ist, aber ungleich originellere Preisträger wie DTF St. Louis oder The Pitt ein bisschen zu tief in den Schatten stellt. Kaum noch sichtbar sind darin international betrachtet natürlich die Deutschen Fernsehpreise.
Dort hatten sich kurz zuvor hochverdiente Trophäen für Karin Hanczewski in Call My Agent Berlin, Bettina Oberli für Naked oder die Comedy-Serie Chabos mit sehr seltsamen gepaart. Etwa Tom Schilling (Achtsam Morden), die biedere RTL-Show Wer weiß wie wann was war? oder beinahe zynisch: Ibrahim Nabers Ukraine-Berichterstattung beim AfD-Steigbügelhalter Welt. Wer 2027 nicht mehr in der Ausscheidung dieser Proporzpreise landen wird, ist hingegen das ZDF Magazin Royal. Jan Böhmermann hat bei DWDL angekündigt, die Show Ende des Jahres einzustellen.
Die Frischwoche
21. – 27. September
Und damit herzlichen Glückwunsch zum 50. Geburtstag der ältesten deutsche Satire-Sendung extra 3, was die ARD-Mediathek mit einer Dokumentation plus Jubiläumsshow feiert. In der ZDF-Mediathek wird es parallel hingegen bierernst, wenn eine zweiteilige Doku ab heute das Feindbild Queer erkundet, mit dem die AfD auch gestern wieder bei zwei Landtagswahlen abgeräumt hat – darunter Berlin, wo ein ganz anderes Klischee sein Prequel erhält.
Mit 4 Blocks Zero nämlich begibt sich HBO Max ab Freitag auf die Spuren des fiktionalen Hamady-Clans um die ungleichen Brüder Toni (Kida Ramadan) und Abbas (Veysel Gelin). Ohne Marvin Kren und Oliver Hirschbiegel inszeniert Özgür Yıldırım die Coming-of-Age-Story als deutsches Breaking Bad, in der Migrationshintergründe leider alle in der Kriminalität enden. Ebenso drastisch, allerdings mit einer Prise Psychohorror versehen, ist dagegen die Mystery-Serie Das Institut in der ZDF-Mediathek – schon, weil übersinnlich talentierte Kinder dort nach einem Buch von Steven King zu Kampfmaschinen gedrillt werden.
Das ist ebenso gutes Entertainment wie die Cringe-Comedy Youth um eine Londoner Literatur-Agentin in der Midlifecrisis, was die Standup-Comedienne Sharon Horgan nicht nur produziert, sondern ab heute bei HBO Max nach eigenem Drehbuch auch spielt. Und das saukomisch. Eher grotesk ist der Humor des Arte-Achtteilers Die Revoluzzer, in dem eine Pariser Universität anno 1968 zwischen Idealismus und Radikalität zerrieben wird. Und noch was Drolliges ab Mittwoch zum Schluss: die Apple-Serie Brothers mit Woody Harrelson und Matthew McConaughey als texanische Comedy-Versionen ihrer selbst.
Amodeis Warnung & Disneys Blut
Posted: September 15, 2026 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentDie Gebrauchtwoche
7. – 13. September
Nach anderthalb Jahren als Kulturstaatsminister, in denen seine CDU/CSU die AfD halbiert und das BIP verdoppelt haben, konnte auch Wolfram Weimer all seiner politischen Ziele erreichen. Er hat das Festival für Hitlers Lieblingskomponisten mit Geld überhäuft, die Filmförderung auf Blockbuster gedreht, entartete Buchläden kujoniert, das gesamte Feuilleton abseits der Jungen Freiheit gegen sich aufgebracht. Und fast wäre ihm sogar die einzige Initiative gelungen, für die es selbst links der FAZ so etwas wie Zuspruch gäbe.
Zu dumm, dass die EU-Kommission Weimers geplanter Investitionsverpflichtung für internationale Streamingdienste in Deutschland nach einem Bericht eben jener liberalkonservativen Zeitung aus Frankfurt wegen unverhältnismäßiger Eingriffe in die Unternehmensfreiheit womöglich scheitert. Aber gut, im globalen Maßstab gemessen, ist das aktuell natürlich kaum mehr als ein Nischenthema.
Auf der Weltbühne dagegen hat Dario Amodei gerade mehr Regulierung bei weniger Tempo auf einem Feld gefordert, das ihn der mächtigsten Männer macht: KI. Ansonsten, prophezeit der Anthropic-CEO, werde sie das Internet „übernehmen“. Damit stellt er sich erneut gegen den MAGA-Kult, der für völligen Kontrollverlust plädiert – was noch verblüffender ist, wenn man sieht, wer Amodei unterstützt: Elon Musk und Sam Altman.
Ein paar Nummern kleiner und dennoch weltbewegend geht es auf der Magdeburger Bühne zu, seit rechtsradikale Wähler (und ein paar Wählerinnen) der rechtsextremen AfD in Sachsen-Anhalt einen Regierungsauftrag erteilt haben, den sie mit Hilfe des BSW, also großer Sicherheit annehmen wird. Bei Markus Lanz jedenfalls waren Tino Wagenknecht und Sahra Chrupalla vorige Woche bereits kurz vorm Petting.
Ob auch die CDU demnächst mit Neonazis fummelt, bleibt dagegen weiterhin offen. Wie sich Philipp Amthor und Markus Frohnmaier tags drauf in Hart, aber fair gezofft haben, sprach allerdings eher dafür, dass sie ihrer Selbstzerstörung (vorerst zumindest) nicht mit einer Duldung oder Koalition Vorschub leisten. Für beide traf es sich hingegen gut, dass ein knapp vereitelter Anschlag den Diskurs wieder nach links lenkte.
Zwei Wochen, nach einer Reihe geplanter Angriffe auf Ziele der fossilen Energie-Infrastruktur hat die Polizei einen Verdächtigen gefasst – und damit nicht nur der Bild die Gelegenheit gegeben, den „Klima-Terroristen“ presserechtswidrig mit Foto vorzuverurteilen. Sie gibt der rechtskonservativen Seite auch Gelegenheit, den wahren Feind wieder links der Mitte zu verorten.
Die Frischwoche
14. – 20. September
Man wünscht sich manchmal nur noch, mit einer ungiftigen Dosis jenes berauschend schönen Pilzes Richtung Besinnungslosigkeit zu entfliehen, von dem eine Arte-Doku am Donnerstag erzählt: Der Fliegenpilz – Zwischen Mythos und Wirklichkeit. Eine eher toxische Überdosis Eskapismus ist das HeidiFest 2026 parallel bei RTL im Münchner Hofbräuhaus sein, eine Arte Wiesen-Warmup mit Frau Klum und Konsorten, das den Rand des Wahnsinns mehr als streifen dürfte.
Immerhin knapp davor endet die Mystery-Serie City of Blood ab Mittwoch bei Disney+. Oberflächlich eine Near-Future-Dystopie übers versteppte Berlin nach dem Klima-Kollaps, schwankt Philipp Kadelbachs starbesetzte Comic-Verfilmung in acht Teilen zwischen Politik-Groteske und Horror-Show. Das ist meistenteils massiv drüber, aber fantastisch ausgestattet und irgendwie doch ganz schön spannend.
Alles also (auch beim Budget) drei Nummern größer als der deutsche ZDF-Sechsteiler Serial Cleaner. Aylin Tezel spielt darin eine unfreiwillige Tatortreinigerin, die ab Montag zur Rettung ihres totkranken Kindes allerlei eigenmoralische Prinzipien beugt. Und nebenbei beweist, dass Neo zwar keine Sitcoms kann, aber durchaus Dramen. Was vier Tage später ähnlich unterhaltsam, aber wohl umstrittener wird: Lizzie Borden, neue Staffel der Netflix-Reihe Monster – diesmal um eine vermeintliche Mörderin des 19. Jahrhunderts.
Noch ein chronistenpflichtiger Tipp: Am Mittwoch dockt Prime Video mit Neagley an den Erfolg der testosteronsatten Verschwörungsthriller-Serie Reacher an. Und zwei wohlmeinende Empfehlungen: Am Donnerstag zeigt Arte Hannes Rossachers Falco-Porträt Mon Amour. Und tags drauf steht der fantastische Berlinale-Beitrag Was Marielle weiß um ein Mädchen, dessen übersinnliche Fähigkeiten die eigene Familie umtreibt, in der ZDF-Mediathek.
Siegmunds Hölle & Schwochows Horrotrip
Posted: September 8, 2026 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentDie Gebrauchtwoche
31. August – 6. September
Schwer zu sagen, was dem MDR durchs Erfurter Sendezentrum ging, als 94 Jahre nach dem Einzug der NSDAP ins Magdeburger Parlament abermals eine rechtsextreme Partei die Landtagswahl gewonnen hatte: Erleichterung, dass AfD-Führer Ulrich Siegmund nur die relative Mehrheit bekam? Ernüchterung, weil ihn das BSW wohl dennoch zum Ministerpräsidenten wählen wird? Entsetzen, weil beide dem verhassten ÖRR so oder so die Hölle heiß machen?
Tatsache ist: Deutschland, Europa, die halbe Welt ist eine etwas andere, seit 43,8 Prozent der Wähler*innen bei vollem Bewusstsein Neonazis, Faschisten und ihre freundlichen Gesichter mit der Regierungsbildung beauftragt haben. Dass der Rechtsaußenruck wie nach Donald Trumps erstem Wahlsieg in den USA die Qualitätspresse stärkt, ist da eher unwahrscheinlich: Abseits öffentlich-rechtlicher Lokalredaktionen sind ostdeutsche Medien mehrheitlich längst Wachkomapatienten.
Sobald die Rest-Demokratie aus ihrer Schockstarre erwacht, dürfte sie allerdings merken, wie spannend unsere Zeiten aus publizistischer Sicht sind. Erinnert sich noch jemand ans Sommerloch? Gott, war das langweilig! Heute hingegen landen Dinge am unteren Ende der Nachrichtenskala, die es früher zur Spitzenmeldung gebracht hätten. Dass russische Finanzminister am Freitag vorvoriger Woche zum G20 Gipfel in den USA eingeladen war, zum Beispiel, nicht aber Vertreterinnen von New York Times oder Bloomberg.
2026 sorgt das auch deshalb allenfalls für leichtes Schulterzucken, weil die Aufmerksamkeitsökonomie andere Schlüsselreize setzt. Den ersten Werbetrailer von GTA 6 etwa haben in 24 Stunden nahezu 100 Millionen Netflix-Abonnierende gestreamt. Drei Monate vorm offiziellen Launch des weltweit erfolgreichsten Videogames. Und dann auch noch auf einer kostenpflichtigen Plattform. Irre Zeiten – in denen nicht wenigen selbst die Lust am Fernsehen vergehen dürfte oder wahlweise ein Fenster in den Eskapismus öffnet.
Die Frischwoche
7. – 13. September
Das der kommende Donnerstag jedoch meterdick verrammelt. Dann nämlich jährt sich der islamistische Terroranschlag aufs World Trade Center und Pentagon zum 25. Mal. Es wird also zeitungsauf, senderab und überall sonst an 9/11 nebst Konsequenzen gedacht, die ja bis heute und in alle Ewigkeit nachwirken. Hervorzuheben ist da die großartige Zeitzeugenbegleitung September, seit ein paar Tagen bereits in der ZDF-Mediathek abrufbar.
Und sonst so? Erinnert uns die fünfte und nun aber mal wirklich allerletzte Staffel des ARD-Historientheaters Babylon Berlin ab Donnerstag – auch ohne Sky ungeheuer opulent – daran, was geschieht, wenn Faschisten an die Macht kommen. Na, herzlichen Glückwunsch, Sachsen-Anhalt. Zur Entspannung entführt uns LOL Next ab Donnerstag bei Amazon Prime mit Influencern statt Comedians in die Welt verbotenen Lachens. Und parallel dazu feiert Paramount+ 60 Jahre Star Trek mit einer Reihe Filmen, Episoden und Dokumentationen.
Gerade mal ein Drittel so alt ist dagegen das drollige Samstagabend-Event Frag‘ doch mal die Maus, deren 20. Geburtstag das Erste mit Esther Sedlaczek am Mikro begeht. Schon seit Montag läuft in der Arte-Mediathek das großartige sechsteilige Familiendrama Die letzte halbe Stunde um einen Alzheimer-Patienten inmitten politischer Wirren des Nahen Ostens. Die Mystery-Serie Possession entführt uns derweil ungeheuer bildgewaltig ins kolonialistische Erbe Jamaikas.
Und dann wäre da noch das Highlight der Woche: Last Seen. Christian Schwochow begleitet den australischen Ex-Cop Ian (Patrick Brammall) darin auf dessen Horrortrip in die Vergangenheit einer unverarbeiteten Kindesentführung. Und wie der deutsche Regisseur den australischen Thriller ab Mittwoch bei AppleTV+ mit melancholischer Energie verfüllt – das ist abermals ein kleines Meisterwerk unsichtbarer Eskalationen.
Sigis braune Gefahr & Club der roten Bänder
Posted: September 1, 2026 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentDie Gebrauchtwoche
24. – 30. August
Bis zu 100 Euro – so viel kostet bei Ebay angeblich der Spiegel vom 18. August, dessen Titelbild den AfD-Führer Ulrich Siegmund als „Der gefährlichste Mann Deutschlands“ adelt. Signierte Cover kosten angeblich sogar das Zehnfache. In der Sache absolut stichhaltig, darf man Ausgabe Nr. 34 also als rechtspopulistisches Win-Win-Magazin bezeichnen. Denn die kostenlose Wahlkampfwerbung dürfte dem westdeutschen Verlag zumindest in Ostdeutschland Rekordabsätze beschert haben.
Wobei die AfD echt keine Verlagsreklame aus Hamburg braucht, wenn ihr der Bundeskanzler in Berlin Prozentpunkte auf dem Silbertablett medialer Selbstverstümmelung liefert. Jüngstes Beispiel: Sein Auftritt in der RTL-Talkshow mit dem schmissigen Fünfzigerjahre-Titel „Friedrich Merz am Tisch mit Bürgerinnen und Bürgern“. Da nämlich geht der Erstgenannte auf die Kinderärztin Bea Merscher los, bezeichnet sie als Nutznießerin des Gesundheitssystems und drischt auch ansonsten auf alles ein, was sich kein Privatflugzeug leisten kann.
Was man Merz zu Gute halten muss: Anders als Hans-Thomas Tillschneider hat er die Talkshow nicht beim ersten Gegenwind verlassen wie Ulrich Siegmunds Propagandaminister in spe in Amann unframed, nachdem die unbotmäßige Gastgeberin, Achtung: Establishment-Angriff: Fragen gestellt hatte. Das also, was der FAZ-Korrespondent Michael Martens mit Wolodimir Selenskij versuchte, wobei ihm aber allen Ernstes folgendes herausgerutscht ist: Was Europa tun könne, „um ihnen zu helfen, mehr Russen zu töten. Also russische Soldaten.“
Auweia.
Für so viel publizistische Instinktlosigkeit müsste es eigentlich eine Geldstrafe zugunsten seriöserer Medien wie – sagen wir: das Goldene Blatt geben, die – sagen wir: dem letzten Quartalsgewinn entspricht. Bei META entspräche das 17 Milliarden Dollar. So viel soll Mark Zuckerbergs Hass- und Hetzplattform in den USA an Strafe zahlen, weil sie digitalen Kindesmissbrauch nicht nur duldet, sondern fördert. Schade nur, dass sein Konzern die Summe aus der Portokasse zahlt.
Die Frischwoche
31. August – 6. September
Und damit zu besserem Entertainment für weitaus weniger Geld. Bei RTL+ zum Beispiel ist vorige Woche Der Club der roten Bänder nach neun Jahren Pause in die 4. Staffeln gegangen. Und siehe da: auch The Next Generation schafft es mit völlig neuem Serienperson spielend, der Jugend am Abgrund Stimmen zu geben, die gleichermaßen unterhalt- und bedeutsam klingen. Beides möchte auch die ARD-Serie Selling Sex sein.
Eine BWL-Studentin verdingt sich darin sechs Folgen lang als Escort Girl, was eigentlich ein mutiger Schritt ist, um weibliches Empowerment sexpositiv darzustellen – hätten sich die Filmemacherinnen nicht dazu entschieden, die Oberfläche radikal glattzubügeln und einfach mal auf alle entscheidenden Gewaltaspekte der Sexarbeit zu verzichten. Trotzdem kein schlechtes Format. Ganz im Gegensatz zu SPYON.
Das ZDF schafft es darin ab Freitag in seiner Mediathek, eine Workplace-Comedy aus dem Reich deutscher Geheimdienste zu zeigen, in der absolut gar nichts witzig ist, aber absolut alles zum Fremdschämen platt, billig, berechenbar und didihallervordenartig klischeehaft. Dann doch lieber die 2. Staffel von Guy Ritchies sensationeller Gangster-Groteske The Gentlemen, ab Donnerstag bei Netflix. Oder ab Sonntag bei Prime: A Tale of Two Cities, ungefähr 25. Verfilmung des Dickens-Klassikers, diesmal mit GoT-Star Kit Harrington.
Und noch auf die Schnelle zum Abhaken: Mythos Schalke, Langzeitbeobachtung des Traditionsclubs in den vergangenen anderthalb Jahren bei Sky/Wow. Dazu die spanische Dramaserie Familiengeheimnisse (Arte). Ab Freitag in der ZDF-Mediathek: Bis es blutet, ein Kleines Fernsehspiel aus den Untiefen des Sensationsjournalismus. Und zwischendurch, ob wir wollen oder nicht: eine Serienversion der holländischen 80er-Prollsippe Die Flodders bei RTL+.
Trump Girls & Elevator Boys
Posted: August 17, 2026 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentDie Gebrauchtwoche
10. – 16. August
Es klingt nach der besten Nachricht einer weiteren Katastrophenwoche: Karoline Levitt macht ihrem Nachnahmen Ehre und verlässt – angeblich aus familiärem Grund – die Presseabteilung des Weißen Hauses, wo sie mit kurzer Babypause anderthalb Jahre Lügen, Propaganda, Blödsinn absondern durfte. Weil Trump-Ultras oft aufwärts fallen, müssen wir sein Sturmgeschütz demnächst aber wohl doch in anderer, tragenderer Rolle erleben.
Wobei es keiner durchgeknallten Pressesprecherinnen bedarf, damit die Presse durchknallt. Dafür braucht man nur den MDR-Podcast Deep Talk hören, wo Maja Fiedler von Ulrich Siegmund vor allem wissen wollte, wer daheim im Reich des Höcke-Ultras denn so die Geschirrspülmaschine ausräumt. Dass ihn die AfD-Ultras der BamS als ganz normalen Politiker porträtierten, versteht sich da ebenso von selbst wie die nächste Selbstverzwergung der völkisch angehauchten NZZ.
Dort durfte die Putin-Propagandistin Maria Sacharowa vorm Neutralitätsreferendum der Schweiz Russlands Zaren und seinen Krieg verteidigen. Umso erfrischender ist da ein Interview der echten Journalistin Susann Reichenbach, die den Putin-Fan Siegmund bei mdr aktuell hart angepackt und per Faktencheck entlarvt hat. Auch deshalb sei an dieser Stelle erwähnt, dass die Sicht des ARD-Korrespondenten Georg Restle über Spaniens Exklave Ceuta unangenehm verschwörungstheoretisch riecht und dann nur halbherzig als privat gelabelt war.
Von der rechtskonservativen Skandalnudel Wolfram Weimer hingegen erwartet nun wirklich niemand mehr konstruktive Kulturpolitik außerhalb von Bayreuth. Dass sein Filmbooster schon wieder zum Blockbusterfurz verkümmert, ist daher fast schon Gewöhnungssache. Ebenso wie Mark Zuckerbergs Facebook-Pamphlet, in dem der Meta-CEO auf 40.000 Zeichen grenzenlose Freiheit für die KI fordert. Und damit mal wieder zu Jan Böhmermann.
Das Landgericht München hat Manuel Ostermanns Klage gegen einen Beitrag des ZDF Magazin Royal abgewiesen, der den Polizeigewerkschafter unter anderem als „Herrenmensch“ bezeichnet hatte. Das sei von der Kunstfreiheit gedeckt. Eher umgekehrt lief es für Maximilian Krah. Weil der AfD-Lautsprecher dem Amtsgericht Chemnitz laut Spiegel 5000 Euro Prozesskosten einer abgewiesenen Unterlassungsklage gegen Böhmermann schuldig ist, hat es Haftbefehl gegen ihn erlassen. Arme Herrenmenschen.
Die Frischwoche
17. – 23. August
Vielleicht hilft es ja, wenn ihnen jemand mal das Patriarchat erklärt. In der ZDF-Doku Wann ist ein Mann ein Mann zum Beispiel, die dem reaktionärem Geschlechterbild à la Krah ab Dienstag in der Mediathek nachspürt. So richtig kernige Alpharüden gibt es zwei Tage später aber auch bei Sky und Wow zu sehen: Sheriff County überträgt die heroische Feuerwehrserie Fire Country auf Cops und dürfte dabei auf kernige Typen im Sinne der AfD stoßen.
Etwa dazwischen rangiert die türkische ZDF-Serie Inspector Ikmen. Ein Londoner Polizist, der als Baby aus Istanbul nach England gezogen war, kehrt in seine Geburtsstadt zurück, um parallel zur Ermittlung vier verschiedener Mordfälle der eigenen Familiengeschichte nachzuspüren und nebenbei einem Anschlag auf seine Freundin, die am Bosporus zu Frauenrechten recherchiert hatte. Das ist zwar arg unpolitisch, darf ab Sonntag aber acht Teile lang Geschlechterklischees unterwandern.
So wie Endlich erwachsen (ab Donnerstag, arte.tv), einer Late-Coming-of-Age-Serie von Emma Nyberg, die zuvor in Halb Malmö hat mit mir Schluss gemacht ihr selbstironisches Gespür für weibliches Empowerment bewiesen hatte. Bevor wir nach Deutschland zurückkehren, noch zwei internationale Tipps: Das portugiesische Familiendrama Irreversible (Montag, Viaplay) und die amerikanische Mafia-Dark-Comedy Average Joe (Mittwoch, Paramount+) um einen Klempner, der Mafioso wird.
Und damit Back to the 90s. So heißt ein Spielfilm von Prime Video, in dem fünf bildhübsche Jungs durch die Zeit Richtung Neunzigerjahre reisen, wo sie … ach nee, völlig egal. Es geht Amazon ausschließlich darum, dem TikTok-Phänomen der realexistierenden Elevator Boys anderthalb Stunden Eigen-PR zu schenken. Jedwede Handlung ist ab Freitag einerlei. Entscheidend ist multimediales Cross-Marketing. Und das Verrückte: Es wird funktionieren.