Olympiaübertragung & Infokriege

Die Gebrauchtwoche

24. – 30. Juli

Während der Spitzenfußball auch hierzulande grad aus dem Sommer-Urlaub zurückkehrt (den Bayern München mit freundlicher Hilfe der üblichen Fernsehkanäle allerdings zum Geldverdienen in China genutzt hat), schlägt die Nachricht ein wie eine Bombe: ARD und ZDF werden wohl doch weiter von den Olympischen Spielen berichten. Dabei war der Verlust sämtlicher Übertragungsrechte im Grunde doch eine Chance der Öffentlich-Rechtlichen, sich vom Dirk Bachs menschenverachtendem Doping- und Korruptionssumpf ab- und dem wahren Sport zuzuwenden. Obwohl – wo gibt’s den eigentlich noch jenseits der Bundesjugendspiele?

Praktisch nirgends.

Weshalb man auch gut über die leichteren Aspekte des Fernsehens berichten kann. Dass die ARD seine Telenovelas Rote Rosen und Sturm der Liebe bis 2019 um jeweils 400 weitere Folgen auf dann insgesamt mehr als 100.000 fortsetzt zum Beispiel. Oder dass David Friedrich vor 3,02 Millionen Fans das Herz der Batchelorette Jessica Paszka erobert hat, wie RTL gefühlsduselig mitteilt. Wie immer steht da gewiss die Hochzeit ins Haus. Aber Scherz beiseite. Denn zurzeit fällt es aufgeweckten, empathischen, kritischen Journalisten im wohlig warmen Medienbett Bundesrepublik Deutschland schwer, ganz normal zu arbeiten, während von der Türkei über Polen bis China immer mehr Kollegen exakt dafür kriminalisiert werden. So wie jene 17 Mitarbeiter der regimekritischen Hürriyet, denen die autokratisch gelenkte Demokratie Recep Tayyip Erdoğans seit vorigen Dienstag wegen des Gummivorwurfs terroristischer Betätigung den Prozess macht.

Weil Journalisten so etwas hierzulande trotz AfD und Pegida auch mittelfristig nicht zu befürchten haben, müssen sie also in die Ferne schweifen, um wirklich Drastisches zu erleben. Pro7 schickt Thilo Mischke also wieder Uncovered dorthin, wo es wehtut. Vorigen Montag etwa in die Anbaugebiete jener Drogen, mit denen wir uns dann hier das Leben etwas schöner dröhnen. Ob es um Kick oder Erkenntnisgewinn steht, wenn der Field-Reporter halluzinogene Pilze an sich selbst ausprobiert, bleibt Spekulation. Aber er zeigt uns etwas, das im Kommerzprogramm zusehends selten ist: echtes Interesse mit Einsatz.

Die Frischwoche

31. Juli – 6. August

Heute Abend kann man selbst erleben, ob Mischke beides durchhält. Um 21.10 Uhr reist er an Orte wie Somalia oder Nordkorea, in denen normaler Urlaub eigentlich undenkbar ist. Was die ARD in jedem Fall durchhält, ist das angesprochene Dauersponsoring seines fußballerische größten Zugpferdes, indem sie ab Dienstag zur besten Sendezeit den FC Bayern in irgendwelchen Freundschaftsspielen um irgendwas mit Autos gegen irgendwelche Gegner mit Geld überträgt, was sportlich irrelevant, aber sehr lukrativ für die ist, die längst alles haben.

Zum Thema medialer Elitenförderung würde man sich gern mal ähnlich ansehnliche Dokumentationen wünschen wie jene zwei namens Infokrieg im Netz und Im Netz der Lügen, die das Erste am Montag ab 22.45 Uhr dem aktuellen Großsujet Fake News mit politischer Stoßrichtung widmet, beide im Anschluss von Die Eierlüge um das Horrorsystem der Massentierhaltung und zwei Tag vor Die letzten Männer von Aleppo, Mittwoch um 23 Uhr). Darin geht es um selbsterklärte Weißhelme wie Subhi oder Mahmoud, die der dänisch-syrische Film ein Jahr lang dabei begleitet hat, wie sie in der zerstörten Stadt Verletzte bergen, oft genug aber auch nur Leichen.

Fiktional, das ist die Regel jedes Sommers, gibt es dagegen eher wenig Neues zu empfehlen, weshalb der einzig unbekannte Film schon ziemlich alt ist und im Zusammenhang mit dem Arte-Sommer zur britischen Popkultur steht. Nachdem Dark Glamour am Samstag um 21.55 Uhr die englische Horrorindustrie der Nachkriegsjahrzehnte beleuchtet (Aufstieg und Fall der Hammer Studios), läuft tags drauf um 20.15 Uhr nämlich Augen der Angst, ein Thriller von 1960, in dem Karlheinz Böhm als mörderischer Kameramann auf der Suche nach echter Todesangst den Sisi-Kaiser vergessen machen wollte. Was ihm allerdings so gut gelang, dass er überhaupt keine Rollen mehr erhielt.

Ansonsten bleiben nur noch echte Wiederholungen der Woche. Donnerstagnacht ab 20.15 Uhr zeigt uns Kabel1 vom Ursprung mit Charlton Heston als Raumfahrer auf eigenem Planeten (1968) bis zur vierten Fortsetzung in fünf Jahren mit Die Schlacht um… davor (3.50 Uhr) das ganze alte Spektrum des Planet der Affen. Schwarzweiß empfehlenswert ist am Montag (22.40 Uhr, Arte) Deutschland im Jahre Null. Ganze drei Jahre nach Kriegsende schildern Italien und Frankreich gemeinsam mit dem Exfeind das Schicksal der Halbweise Edmund im Bann eines überlebenden Nazis. Versöhnungskino der allerersten Stunde. Zwei Stunden früher bringt der Kulturkanal Bille Augusts oscarprämiertes Auswandererdrama Pelle, der Eroberer von 1987. Und nur ein Jahr jünger ist da ein nostalgischer Tatort aus der Schimanski-Reihe im WDR (Dienstag, 22.10 Uhr). In Der Tausch geht es um ein verstörend aktuelles Thema: Iran, CIA, BKA und die Welt des internationalen Terrorismus.


Gipfelthemen & Spokenpunk

Die Gebrauchtwoche

17. – 23. Juli

Nach dem Gipfel ist vor dem Gipfel ist schon wieder Schorndorf ist schon nicht mehr Themar ist dafür Royal-Besuch in Deutschland und Becker-Pleite im Ausland ist also alles, was die Medien gerade in Wallung versetzt, weil sie sich halt gern in Wallung versetzen lassen. Dieser Tage war das aber interessanterweise auch mal wieder was Fiktionales. Fiktionaler sogar als einem Hamburg vor zwei Wochen für fünf Tage vorkam: Game of Thrones ist zurück, ein Ereignis von wahrhaft globalem Rang. In den USA sahen dem Start der vorletzten Staffel gut 16 Millionen Menschen zu, mehr als ein Drittel davon im Internet. Gut, damit – so berichtet die Süddeutsche Zeitung süffisant – hätte die derzeit bedeutendste Serie des Planeten in den Neunziger allenfalls auf dem Niveau einer durchschnittlichen Folge Akte X gelegen, aber gut: Im Verhältnis zum gewachsenen Angebot ein Monsterwert.

So wie 91 Nominierungen, mit denen Netflix ins diesjährige Rennen um die Fernsehtrophäe Emmy geht. Wahnsinn, einerseits. Andererseits nimmt die zweite Auflage einer Studie der Hochschule Fresenius gemeinsam mit der Marktforschung Yougov dem Streaming-Hype gleich mal wieder etwas Wind aus den Segeln: Gerade junge Deutsche, so  heißt es bei „Vielfalt online“, kehren nach dem Ausprobieren von Video-on-Demand-Diensten wie Amazon Prime Video zurück zum linearen Programmangebot klassischer Kanäle. Selbst den medialen Multitaskern von 18 bis 24 ist die Verfügbarkeit von allem auf einmal und zwar immer offenbar zu anstrengend. Klingt viel. Aber doch weniger als jene zwei Drittel dieser Alterskohorte, die aus Prinzip gar kein klassisches TV schauen.

Eine andere Umfrage jedoch sorgt weniger für Erhellung als Bestürzen: Im Auftrag von RTL aktuell hat Forsa die Menschen im Land befragt, ob sie nach dem G20-Gipfel in Hamburg für ein generelles Verbot von Demonstrationen mit Gewaltpotenzial sind. Verwerflicher als die knappe Mehrheit dafür ist allerdings die Tatsache, dass RTL solche demokratiefeindlichen Fragen überhaupt zur Auswahl stellt. Aber gut – man kennt beim Sender in Köln halt sein Stammpublikum und weiß es zu umschmeicheln. So richtig harte News ohne Hintergedanken holt man sich da dann vielleicht doch lieber bei den Öffentlich-Rechtlichen ab.

Die Frischwoche

24. – 30. Juli

Die ARD-Doku Komplizen zum Beispiel beleuchtet Montag um 23.35 Uhr ein Kapitel deutscher Wirtschaftsgeschichte, das besonders im Lichte des Diesel-Skandals interessant ist: VW und die brasilianische Militärdiktatur, so lautet der Untertitel. Tags drauf um 20.15 Uhr erklärt Arte in Religion, Macht und Archipele ein anderes Land, in dem es – das zeigt auch die anschließende Doku The Borneo Case über die gezielte Vernichtung des dortigen Regenwalds – mindestens merkwürdig zugeht: Indonesien. Und am Mittwoch  (22.45 Uhr, ARD) gibt es mit Meine Brüder und Schwestern in Nordkorea den nächsten Film der Reihe: Bizarres aus dem Reich des Bösen, bei dem einem das Lachen im Halse stecken bleibt.

Einfach nur unvoreingenommen witzig sind dagegen Denis Moschitto, Tristan Seith und Manuel Rubey, die auf ZDFneo zum zweiten Mal Im Knast sitzen. Das ist wie in der ersten Staffel ab Donnerstag (23 Uhr) von so hinreißender Absurdität, dass die weltweit erfolgreichste Gefängnisserie im Anschluss (Orange is the new Black) fast schon normal daherkommt. Das ZDF zeigt zwischendurch am Dienstag um 23 Uhr einen Film, den man ruhig auch mal zur Primetime wagen könnte: Ex Machina – kammerspielartige Gegenwarts-SciFi über die Risiken und Nebenwirkungen künstlicher Intelligenz. Im Anschluss läuft aber wieder Science Fiction der alten Schule: Lautlos im Weltraum von 1972. Eigentlich eine Wiederholung der Woche. Zuvor aber noch ein Sachfilm-Tipp der grandioseren Art.

Im Rahmen des Summer of Fish’n’Chips zeigt Arte Freitag um 22.45 Uhr Bunch of Kunst, was nicht allein wegen der Umsetzung gelungen ist, sondern mehr noch wegen des Themas: Die Sleaford Mods, eine Spoken-Punkband aus England, die sich jeder Kategorisierung entzieht und dennoch weltweit erfolgreich ist. Im selben Rahmen gibt es am Sonntag an gleicher Stelle Mythen in Tüten: Um 20.15 Uhr Highlander (1986), gefolgt von Dokumentationen über die Herren Robin Hood und König Arthur. Jetzt aber zur Wiederaufführung. In Farbe: Agenten-Poker (Montag, 1.00 Uhr, MDR), ein Thriller aus der frühen 007-Epoche (1966), aber mit mehr politischer Wucht als optischem Reiz. Schwarzweiß kann man mit Rund um Kap Hoorn von 1973 (Sonntag, 20.15 Uhr, NDR) mal eins der uralten Ohnsorg-Stücke ansehen und prüfen, warum einen die eigenen Eltern seinerzeit immer dazu gezwungen haben, solche Bauernschwänke mitzugucken. Das hätte man beim Tatort ja viel lieber gemacht, durfte aber noch nicht. Zum Beispiel Zweierlei Blut (Dienstag, 22.10 Uhr, WDR), mit Götz George als Horst Schimanski im Hooligan-Umfeld der frühen Achtziger, wo sein Nachfolger Dietmar Bär witzigerweise einen Täter spielt.


Falschmeldungen & Crash-Comedy

Die Gebrauchtwoche

10. – 16. Juli

Es ist schwer zu sagen, was beim G20-Gipfel in Hamburg nun verstörender war: Die politische Fehleinschätzung des Gewaltpotenzials beider Seiten? Das polizeiliche Null-Toleranz-Debakel? Der linke Mangel an Distanz zum brandschatzenden Mob? Event-Touristen, deren Handys meist besser liefen als ihr Verstand? Oder am Ende doch wir Medien beim gescheiterten Versuch, selbst in der Nachberichterstattung journalistische Distanz zu wahren?

Ebenso wie die unbescholtenen Einsatzkräfte hatte aber auch die Presse sehr zu kämpfen. Erst wurde sie gezielt Opfer von Angriffen in und ohne Uniform. Dann verloren 32 Reporter aus „Sicherheitsgründen“, die womöglich von der türkischen Regierung geäußert wurden, ihre Akkreditierungen. Schließlich ist da noch das Elend mit der Impulsivität des Boulevards. Der Faktenfinder der Tagesschau etwa listete reihenweise Falschmeldungen über vermeintliche Exzesse im Exzess auf, von denen überraschenderweise viele bei Bild erschienen sind. Die anschließende Kopfgeldjagd auf einen „Randalierer“, dessen Böllerwurf einem Einsatzbeamten angeblich fast das Augenlicht gekostet habe, wurde dann allerdings selbst der Polizei zu viel.

So wie sich Justizminister Maas gegen die Unterstellung wehrt, er habe analog zum Rock gegen rechts nun „Rock gegen links“ gefordert, was ihm ein Springer-Reporter nachweislich in den Mund gelegt hat. Weil sich aber auch seriöse Medien wie die „Tagesschau“ selbst keineswegs mit journalistischem Ruhm bekleckert haben, dürfte die Aufarbeitung der Ereignisse von Hamburg auch hier noch eine Weile brauchen. Dass Wolfgang Bosbach bei einer Diskussion darüber bei Sandra Maischberger vor Jutta Ditfurth floh, zählte dann schon zum heiteren Teil des Desasters, der durch die Ankündigung des türkischen Sultans Recep Tayyip Erdoğan, nun doch weiter gegen Böhmermanns Schmähgedicht vorzugehen, rasch ins Slapstickhafte überging.

Die Frischwoche

17. – 23. Juli

Scheinbar unfreiwillig komisch geht es auch in der neuen Woche los. Crashing, die neue Serie vom Komödienrevoluzzer Judd Apatow spielt ab Dienstag bei Sky in der New Yorker Stand-up-Branche, wo der amerikanische Branchenstar sich selbst spielt – allerdings in einer besonders bemitleidenswerten Fassung als Mann in den mittleren Jahren, der von seiner Frau erst betrogen, dann rausgeworfen und schließlich obdachlos wird, weshalb er – „Crashing“ genannt – in den Wohnungen befreundeter Comedians einfällt, die allesamt reale Stars sind wie Sarah Silverman. Und das ist wirklich nicht nur deshalb sehr wahrhaftig.

Am Freitag dann zieht Netflix mit einer nicht linear gesendeten Serie nach, die zudem alles andere als lustig ist. In Ozark flieht ein Finanzjongleur, der jahrelang für ein mexikanisches Drogenkartell Geld gewaschen hat, in die gleichnamige Pampa nach Missouri, die sich als ebenso verrucht zeigt wie jener Flüchtige (gespielt von Regisseur und Produzent Jason Bateman), der dort weiter für die Mafia tätig bleibt. Und das ist ohne Übertreibung fast auf dem Niveau von Breaking Bad. Eine Doku ist noch zu empfehlen: Die Liebenden und der Diktator (Montag, 23.10 Uhr, Arte) über zwei südkoreanische Filmkünstler, die 1978 angeblich nach Nordkorea entführt wurden, um das dortige Kino aufzuwerten. Absolut irre.

Ansonsten klingt die Woche sehr musikalisch aus. Freitag setzt Arte seinen Summer of Fish’n’Chips um 22.10 Uhr mit dem berühmten 101-Konzert von Depeche Mode von 1989 fort, bevor 24 Hour Party People den Mythos der Britpop-Metropole Manchester des anschließenden Jahrzehnts zu einem halbfiktionalen Biopic macht. In der Nacht auf Sonntag dann feiert die ARD um 0.40 Uhr mit der WDR-Doku 40 Jahre Rockpalast-Nacht – I’ve lost my mind in Essen jene Konzertreihe, die vor genau 40 Jahren Fernsehgeschichte schrieb: am 23. Juli 1977 nämlich fand in der Grugahalle die erste der europaweit ausgestrahlten Rockpalast-Nächte mit Rory Gallagher, Little Feat und Roger McGuinn¿s Thunderbyrd statt. Im Rückblick ist kaum zu glauben, dass die ARD damals gleich nach dem Wort zum Sonntag stundenlang Musik sendete – ohne Konzept, ohne Quotendruck, ohne Volks- davor.

Heute kann allenfalls mal Fußball dafür sorgen, dass die Öffentlich-Rechtlichen von ihrer massengefälligen Programmstruktur abweichen. Immerhin sind es am Dienstag Frauen, die dank der Übertragung ihres EM-Spiels dafür sorgen, dass das ZDF um 20.15 Uhr nur eine Krimi-Wiederholung zeigt; früher liefen selbst Endspiele mit deutscher Beteiligung allenfalls am Nachmittag. Apropos früher: Die Wiederholungen der Woche sind diesmal Nicolas Roegs Horrorlegende ohne Horroreffekte von 1973 Wenn die Gondeln Trauer tragen (Mittwoch, 23.30 Uhr, HR) und die Lange Nacht mit Manfred Krug am Donnerstag im SWR (ab 22.45 Uhr), in der nicht nur sieben frühe Folgen der Trucker-Serie Auf Achse am Stück gezeigt werden, sondern auch der Tatort Schüsse auf der Autobahn mit dem Odd-Couple Stoever/Brockmöller von 1998.


Andreas Dorau: Jupiterfred & Chartsträume

Zumindest mal Platz 98 oder so

Zwei Drittel seiner 53 Jahre ist Andreas Dorau (Foto: Gabriele Summen) nun bereits im Musikgeschäft. Nach seinem Hit Fred vom Jupiter als Teenager hat der Hamburger Pastorensohn neun Platten, mehrere Kompilationen und diverse Singles herausgebracht. Eines aber ist ihm noch immer nicht gelungen: Ein Album in die Charts zu bringen. Mit Nr. 10 Die Liebe und der Ärger der anderen soll sich das nun endlich ändern. Ein MusikBlog-Gespräch über Ehrgeiz, Hierarchie, Punchlines, Lego-Musik und wo er eine Goldene Schallplatte aufhängen würde.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Andreas, nach neun Alben in bald 40 Jahren willst du endlich mal in die Charts.

Andreas Dorau: Album-Charts, wohlgemerkt. Meine Singles waren ja schon drin. Wenn man den Gesamtverkauf betrachtet, wären meine Platten zuvor wohl auch schon mal eingestiegen, er hat sich aber stets über einen zu großen Zeitraum erstreckt. Deshalb wollen wir den Leuten diesmal klarmachen, dass sie das Album frühzeitig kaufen, damit wir in der ersten Woche zumindest mal Platz 98 oder so schaffen.

Was ist dieses Vorhaben – ernster Plan oder eher ein Spaß?

Schon ersteres. Es wurmt mich einfach, in so langer Zeit kein Album in die Top 100 gekriegt zu haben. Das ist mein Ehrgeiz, so wie andere Leute irgendwann in ihrem Leben mal einen Marathon laufen wollen.

Den hast du schon geschafft?

Um Gottes willen, nein! Ich hasse es, so lang zu laufen. Wobei die Hitparade ja auch längst was wie ein Langstreckenlauf ist. Früher hat sie den Erfolg eines Künstlers gut in Zahlen ausgedrückt; heute promotet jeder zweitklassiger Rapper sein Album ein Jahr massiv im Voraus, um dann auf den Punkt genug zu verkaufen, damit er auf Platz 1 geht.

Dafür brauchte man früher Hunderttausende von Platten, jetzt gibt’s für weit weniger bereits die Goldene Schallplatte.

Und da kann ich mich noch gut an Fred vom Jupiter erinnern. Kurz, nachdem das aus den Charts gerutscht ist, wurde die Zahl dafür gesenkt. Sonst hätte ich jetzt auch eine hängen.

Wo genau?

Vermutlich bei meiner Mutter. Oder auf dem Klo, so als verachtende Geste.

Scooter hat sie dicht an dicht in den Flur zu seinem Studio gehängt. Ein sehr langer Flur…

Kann ich mir gut vorstellen. Und das hat er auch verdient, wie ich finde. Umso mehr will ich wenigstens die Charts mal schaffen. Dafür mache ich sogar ein Doppelalbum, obwohl ich so was eigentlich nicht mag. Doppelalbum zählt halt doppelt für die Charts.

Was hast du inhaltlich geändert, um es endlich zu schaffen?

Nichts. Bei den Stücken aufs Radio zu schielen – so weit geht es dann doch nicht.

Kommerziell erfolgreich zu sein, muss ja nicht gleich Anpassung heißen, sondern kann auch einfach die Bedürfnisse der Fans gezielt bedienen.

Schrecklich! Zumal ich nicht glaube, dass man Bedürfnisse berechnen kann. Es sei denn, man heißt eben Scooter; der macht wirklich Lego-Musik und das sehr gut, wie ich finde. Aber wenn ich das täte, käme ich mir blöd vor und würde mich umso mehr ärgern, wenn nicht mal das funktioniert. Musik mache ich zunächst mal für mich.

Und klingst dabei nach Aus der Bibliotheque wieder sehr viel danciger.

Mag schon sein. Das hat aber auch mit dem Zustandekommen zu tun. Aus der Bibliotheque war für mich ja insofern ungewöhnlich, als es mit Band eingespielt wurde. Das wollte ich nicht noch mal machen. Ich will jetzt nicht mehr irgendwo hin mit meiner Musik, sondern lasse sie sich entwickeln. In den drei Jahren, in denen ich an dieser Platte gebastelt habe, ist es also von allein elektronischer und damit auch danciger geworden. Es ist so ein Hybrid aus Pop und Dance, das aber niemals im Club funktionieren würde; viel zu viel Text.

Wo liegen denn die Vorteile der Arbeit mit Band?

Dass ich in der Sixties-Musik, die ich sehr mag, mehr zum Ausdruck bringen konnte. Aber da ist aus meiner Sicht jetzt alles gesagt. Und vor Gruppendynamik hatte ich ohnehin immer ein bisschen Schiss. Da schauen immer andere dabei zu, wie du arbeitest. Ich lösche gern viel, probiere rum, das möchte ich anderen nicht zumuten. Und ich will mich auf keinen Fall wiederholen.

Hat dein Hang zur Einzelarbeit auch damit zu tun, dass du dich nicht gern unter oder über ordnest?

Das könnte man so sagen. Ich mag keine Hierarchien, sondern demokratische Prozesse, und die sind ungeheuer schwer in Band-Situationen. Da arbeite ich lieber für mich.

Andererseits arbeitest du mit einem Dutzend Produzenten zusammen?

Stimmt. Aber die Ursprungsidee rührt noch aus der Lesereise meines Buches Ärger mit der Unsterblichkeit, dass ich mit Sven Regener gemacht habe, als ich meiner eigenen Person überdrüssig war und lieber über andere erzählen wollte. Eigentlich sollte das Album nämlich „Der Ärger der anderen“ heißen. Bei der Suche wurde ich allerdings mehrfach mit dem Thema Liebe konfrontiert. Das wollte ich in möglichst verschiedenen Klangkosmen durchdeklinieren.

Hört man einem Stück ohne Vorkenntnis an, ob da zum Beispiel Ja, Panik oder Snap mitgewirkt haben?

Nicht unbedingt, weil wir uns bei jedem Stück in der Mitte getroffen haben. Wenn ein Künstler so ein unverwechselbares, stets erkennbares Trademark im Sound hätte, fände ich es auch langweilig. Und würde mich da auch nicht mit deren Sängern messen wollen, die das bestimmt besser machen. Ein heiteres Produzentenraten würde daher nicht funktionieren.

Aber was genau bringen Francoise Cactus, T.Raumschmiere oder Snap! denn dann ein?

Da waren mir drei Faktoren wichtig: Haltung zur Musik, ideologische  Wellenlänge und normal großes Ego. Ich hasse Hahnenkämpfe. Und den Sound muss ich natürlich auch mögen.

Hast du von jedem deiner Mitspieler Platten im Schrank?

Eher auf dem Rechner.

Kein Vinyl mehr?

Doch, hab ich noch. Aber neues kaufe ich mir nur, wenn ein Download-Code dabei ist.

Wie viele der Lieder deiner neuen Platte genau handeln denn nun von Liebe?

Warte [kramt einen Stoß zerknitterte Zettel aus der Tasche]. Werden wir mal genau: Von 20 Stücken handeln – eins, zwei, drei, vier von der Liebe. Ich mag eigentlich keine Liebeslieder, aber 80 Prozent aller Songs sind welche, die seit Shakespeare von vier, fünf emotionalen Grundsituationen handeln. Dem ist nichts hinzuzufügen, schon gar nicht von mir. Deshalb befassen sich meine Liebeslieder auch sehr abstrakt mit ihrem Thema. Es geht zum Beispiel nie um zwei Personen.

Dein erster Track heißt Liebe ergibt keinen Sinn. Ist das so?

Abgesehen davon, dass der Text nicht von mir ist, hat er nichts mit Abgesang auf die Liebe zu tun, sondern mit einem jungen Mann, der versucht, dieses Begriffs habhaft zu werden. Ich konstruiere meine Songs gern aus Fragmenten, die ich wahllos zusammentrage.

Stehen da eher Punchlines wie „Ich habe ein Radio-Gesicht, meine Stimme ist aber nicht so gut“ am Anfang oder ein Liedkonzept?

In dem Fall hatte ich einfach seit fünf Jahren das Wort „Radiogesicht“ auf dem Zettel stehen, wusste aber nicht, ob das vielleicht zu klamaukig ist und Applaus aus der falschen Ecke kriegt, so Malle-mäßig. Ich versuche generell eher genrefreie Musik zu machen.

Ist es das, was Gereon Klug meint, wenn er dich im Text zu deiner Platte „musikalischer Wolpertinger“ nennt?

Genau. Auf dem Cover umarme ich daher auch ein Tier, halb Hyäne, halb Schwan. Ich möchte einfach so wenig linear wie möglich sein. Wenn meine Musik fröhlich klingt, ist der Text oft getragen und umgekehrt. Wobei ich mit meiner Stimme eher wenig machen kann. Ihr Tonumfang ist relativ gering und fängt unten schnell an zu schnarren. Ich habe keine feste Tonart.

Ist das womöglich dein Erfolgsgeheimnis – nicht festlegbar zu sein?

Es könnte aber auch mein Manko sein, das einem breiteren Erfolg im Wege steht. Bis jetzt. Hoffe ich.

Auf einer Skala von 1 bis 10 die Chance, dass es mit den Charts klappt diesmal?

Hmm, ich sag mal 6, bisschen besser als 50:50.

Das Gespräch ist vorab auf Musikblog.eu erschienen

Polizeigeplapper & Punkpresenter

Die Gebrauchtwoche

3. – 9. Juli

Wer Björn Staschen bereits vor fünf Tagen kannte, war vermutlich ein Kollege beim NDR, aus seiner oldenburgischen Heimat oder absoluter Nachrichtenjunkie. Seit Donnerstag dürfte der Tagesschau-Reporter auch darüber hinaus vielen ein Begriff sein. Da nämlich stürzte er sich voll ins Getümmel der Ausschreitungen rings um den G20-Gipfel in Hamburg, plapperte jedoch anders als viele Verlautbarungsjournalisten nicht nach, was die Polizei verlautbaren ließ, sondern machte sich sein eigenes Bild vom Chaos. Die „angeblich 1000 Vermummten im schwarzen Block“ hat er zum Beispiel einfach mal nachgezählt und ist dabei „auf weit weniger gekommen“, wie er Donnerstag live von den Landungsbrücken berichtete.

Da selbst sein Chefredakteur Andreas Cichowicz zugleich – hüstel – vergessen hatte, Hamburgs Polizeipräsidenten im Interview nach so sperrigem Zeugs wie exekutiver Verhältnismäßigkeit zu fragen, blieb am Ende dieses bürgerkriegsartigen Wochenendes vor allem eines hängen: ausgewogener Journalismus wurde von ZDF über RTL bis n-tv oft nur vor Ort geliefert; die Studios waren in beklemmender Art und Weise staatstragend. Sollte das im Angesicht vermeintlich linker Gewaltexzesse kein falscher Eindruck sein, könnte Pro7Sat1-Vorstand Conrad Albert demnächst recht bekommen mit seiner Aussage, „nur fünf Prozent der Zuschauer von ARD und ZDF sind unter 30 Jahre alt“. Das ist zwar nachweislich falsch, aber vielleicht hat der Cheflobbyist“, wie ihn das Öffentlich-Rechtliche indigniert nannte, ja nur in die nähere Zukunft geschaut.

Die übrigens hält eine Sensation bereit: In der ersten DFB-Pokalrunde am 14. August zeigt die ARD nicht, wir wiederholen: NICHT das Spiel des FC Bayern München in Chemnitz live, sondern irgendwas anderes mit Hansa und Hertha. Das grenzt fast an Palastrevolution. Und könnte um ein paar Ecken damit zu tun haben, dass die Münchner Haus- und Hofberichterstatter der Springer AG gerade mit Constantin über den Kauf des Spartenkanals Sport1 verhandeln, um daraus womöglich einen FCB-Kanal zu machen, wer weiß.

Die Frischwoche

10. – 16. Juli

Bevor die ARD Anfang August allerdings wieder den Audi Cup überträgt, eine weitere Dauerwerbesendung für den Rekordmeister ohne sportlichen, aber mit viel kommerziellem Reiz, ist aber ohnehin fußballfreie Zeit im Fernsehen. Zeit also für den Summer of Fish’n’Chips, mit dem Arte ab Freitag seine Tradition fortsetzt, den Sommer mit einem musikalischen Schwerpunkt zu füllen. 2017 dreht er sich ums Vereinigte Königreich. Zum Auftakt zeigt der Kulturkanal um 21.50 Uhr die Dokumentation United Kingdom of Pop, dicht gefolgt von der Wiedervereinigungstour der legendären Monty Pythons vor drei Jahren, alles präsentiert von niemand geringerem als der Punk-Ikone Johnny Rotten. Tags drauf gibt es um 22.40 Uhr eine Dokumentation über die Britpop-Pioniere Pulp, dazu das letztjährige Konzert von Radiohead in Berlin, bevor am Sonntag (23.25 Uhr) der unvergessene Peter Sellers mit einem Biopic gefeiert wird.

So unterhaltsam kann es sein, wenn sich ein Sender mal ausgiebig mit einem Thema beschäftigt, das nicht nur den Mainstream befährt, sondern dessen Zuflüsse. Das wagt am Dienstag auch die ARD, wenn sie ihre dreieinhalbstündige Kurzfilmnacht zeigt. Dummerweise erst ab 2.05 Uhr, was Zuschauerzahlen im niedrigen vierstelligen Bereich nach sich ziehen dürfte. Nicht, dass irgendjemand aus dem öffentlich-rechtlichen Stammpublikum auf die Idee kommt, sich für was anderes als Show oder Krimi zu interessieren… Eine Mischung daraus ist ab Freitag um 21.15 Uhr zu sehen: Mit dem True-Crime-Format Morddeutschland spielt der NDR vier Folgen lang RTL2, indem wahre Verbrechen unterhaltungstauglich gemacht werden.

Für echten Thrill sei daher doch lieber Arte empfohlen, das am Dienstag den ganzen Abend lang an den türkischen Putsch vor einem Jahr erinnert, was die ARD tags zuvor wiederum erst um 23.10 Uhr mit einer dreiviertelstündigen Doku macht. Und bevor wie zu den Wiederholungen der Woche kommen, gibt es da noch den unerlässlichen Netflix-Tipp: Friends from Collage, eine Serie über die Tücken des Wiedersehens alter Studienfreunde ab Freitag. Schon gesehen, aber unverändert fantastisch: Marvin Krens deutscher Zombiefilm Rammbock (Montag, 23.50 Uhr, ZDF), der bereits 2010 bewiesen hat, wie viel sozialkritisches Potenzial in den Untoten schlummert. Ein Jahr zuvor ist die schwarzweiße Wiederholung vom Montag (0.20 Uhr) entstanden: Michael Hanekes weltweit gefeiertes Vorkriegsepos Das weiße Band. Und der Tatort-Tipp kommt mal wieder aus Köln: Manila von 1997 (Dienstag, 22.10 Uhr, WDR), einer der frühen Fälle des amtierenden Teams Ballauf und Schenk ums Thema Kindesmissbrauch, als es noch nicht zum Standardrepertoire des Krimis gehörte.


Formatradio & Internetreden

Die Gebrauchtwoche

19. – 25. Juni

Wir haben Sommer. Endlich. Man merkt das am Ausdünnen des Fernsehprogramms, man merkt das aber natürlich auch, genau: am Wetter. Der Deutschen, ach – der ganzen Zivilisation liebstes Thema. Wie wichtig genau, das zeigt sich ganz gut, wenn in der Küche das altersschwache Kofferradio plötzlich keine klugen Sender wie Deutschlandradio Kultur mehr empfängt, sondern stattdessen nur noch, nun ja, weniger kluge wie die Heimatwellen der großen Funkhäuser, etwa NDR. Ein mehrtätiger Zwangsfeldversuch beim täglichen Frühstückmachen erbrachte dort folgendes: Das Formatradio spielt nicht nur ausschließlich Lieder, die sich kaum voneinander unterscheiden dürfen; zwischendurch wird auch ausschließlich übers Wetter geredet. Immer. Wirklich pausenlos. Es ist absolut irre.

Und ein guter Grund, sich doch ab und zu mal ein bisschen weniger übers Fernsehen aufzuregen. Das hat sich vorige Woche schließlich als überraschend lernfähig erwiesen und nicht nur die umstrittene Antisemitismus-Doku des WDR sogar auf Arte gezeigt. Es hat auch gleich noch eine Maischberger-Debatte dazu hinterher geklemmt. Brav. So, wie sich die Herrscher des Nahen und Mittleren Ostens auch den Nachrichtensender Al Jazeera wünschen. Weil der aber lieber über deren Verfehlungen und schlimmer noch: Gegner in den eigenen Ländern berichtet, fordern die Tyrannen der Region nun dessen Schließung – auch wenn sie damit weniger die Unterstützung islamistischer Terroristen im Sinn haben als die Disziplinierung des isolierten Emirats Katar.

Dabei ist die Sache mit dem Terror womöglich gar nicht so abwegig, im Sinne der Meinungs- und Pressefreiheit allerdings auch ziemlich unerheblich. Der Vorwurf könnte aber insofern Erfolg haben, als die Geldflüsse von Al Jazeera vielleicht versiegen. Und damit eine der letzten ausgewogenen Stimmen dieser durchgedrehten Weltgegend. Ganz so absurd geht es bei uns zum Glück noch nicht zu, trotz allem. Was auch an Medien liegt, die zu einem nicht unerheblichen Teil sehr ausgewogen übers Geschehen im Land berichteten und manchmal sogar versuchen, Politik spannend zu machen.

Die Frischwoche

26. Juni – 2. Juli

Arte verlagert diesen Versuch zwar gerade mal wieder ins Internet, wo ab Samstag Große Reden der Weltgeschichte abrufbar sind – von İNo Pasarán! aus dem Spanischen Bürgerkrieg bis zu François Hollande und Joachim Gauck in Oradour-sur-Glane im Jahr 2013. Bei ZDFneo hingegen wird es dann auch im linearen Programm politisch. Dort startet zwei Tage zuvor um 22.15 Uhr ein Experiment, in dem wechselnde Parlamentarier drei potenzielle Wähler von sich und ihren Ideen überzeugen sollen. Ziel: Argumente austauschen, Vorurteile beseitigen, Zuschauer unterhalten. Das alles könnte sogar klappen, schon wegen der Moderation des sehr feinsinnigen Kulturjournalisten Jo Schück.

Doch damit nicht vergessen wird, in welchem Medium wir uns aufhalten, machen wir einen kurzen Schlenker zu RTL. Dort startet am Freitag die Quiz-Game-Show The Wall mit einer Mauer, die mit Bällen traktiert wird, um irgendwelche Geldkassetten zu finden, was von den Regularien her ungefähr so sinnig ist wie einst Tutti Frutti, also vor allem Schauwert bieten soll, für den unter anderem der putzige, aber nicht ganz so feinsinnige Moderator Frank Buschmann sorgt.

Für Schauwert ganz anderer Art sorgt am selben Tag auf Netflix die unvergleichliche Naomie Watts als übergriffige Psychotherapeutin in der Streaming-Serie Gypsy. Das ist den ersten Eindrücken zufolge ungeheuer bissig und entertaint dabei gehörig. Und weil es abgesehen vom Confed-Cup in Russland mit dem Finale am Sonntag eher wenig Aktuelles zu empfehlen gibt, können wir an dieser Stelle auch gleich zu den „Wiederholungen der Woche“ kommen.

In schwarzweiß, aber nicht aus der entsprechenden Ära: Frances Ha (Samstag, 20.15 Uhr, Servus TV), Noah Baumbachs hinreißende Liebeserklärung an das Scheitern mit Greta Gerwig als prekäre Tanzschülerin im unendlich coolen, aber auch erschöpfenden New York des Jahres 2012. Ebenfalls schwarzweiß und auch aus der entsprechenden Epoche: Wer die Nachtigall stört (Montag, 22.45 Uhr, Arte) von 1962, in dem Gregory Peck einen Schwarzen verteidigt, der 1932 im rassistischen Alabama eine Frau vergewaltigt haben soll. Eingeleitet vom Sklaverei-Drama Amistad (1997) rundet das den Abend zum Thema Rassismus in den USA legendär ab. In Farbe wie immer wunderbar: Ein Fisch namens Wanda (Samstag, 22 Uhr, ZDFneo) mit Kevin Cline als krimineller Depp an der Seite von Jamie Lee Curtis (1987).

Aus Deutschland überaus ratsam Hermine Huntgeburths fabelhaftes Herr-Lehmann-Prequel Neue Fahr Süd (Sonntag, 20.15 Uhr, One) von 2010. Und schon weil er Filmgeschichte geschrieben hat: Dirty Harry (Sonntag, 20.15 Uhr, Arte), der Clint Eastwood 1971 endgültig zum Superstar des Actionkinos mit Niveau gemacht hat. Im Anschluss: Die Rückkehr von Harry Callahan zwölf Jahre später. Und am Freitag wiederholt der WDR um 23.40 Uhr endlich mal wieder einen Haferkamp-Tatort, Baujahr 1977 namens Spätlese, vom Krimi-Duo Herbert Lichtenfeld und Wolfgang Staudte.


Elitenmast & Pressefreiheit

Die Gebrauchtwoche

12. – 18. Juni

Nun ist es amtlich: Das ZDF muss, soll, kann, darf sich ab Sommer 2018 wieder ein bisschen mehr seinem Staatsauftrag widmen, statt sich weiter vom Elitenmastbetrieb Champions League am Nasenring durch die Arenen ziehen zu lassen. Fehlt eigentlich nur noch ein überfälliger Boykott der korrupten Fußballgrößtereignisse von Russland bis Katar. Aber so weit geht das öffentlich-rechtliche Fernsehen im Bereich compliance dann wohl doch nicht. Kurz, nachdem das Zweite den Ausstieg aus diesem Irrsinn verkündet hat, wurde allerdings die Rückkehr eines anderen verkündet: The Team.

Die deutsch-belgisch-dänische Agententhriller-Superduperserie wird nächstes Jahr mit Jürgen Vogel statt Lars Mikkelsen fortgesetzt, was nur dann sehenswert sein dürfte, wenn das Ganze anders als bei den internationalen Kooperationspartnern nicht vollständig übersetzt wird. Wird es aber eh. Und damit gewiss wieder unansehnlicher als nötig. Das Erste hat derweil gezeigt, welch grandiose Unterhaltung darin entstehen kann, wenn Oli Dittrich mit von der Partie ist. Sein achter Camouflage-Auftritt, diesmal als emeritierter Starreporter Sigmar Seelenbrecht, war wieder mal von so perfider Klugheit, dass sich abermals fragt, warum die ARD derartige Perlen donnerstags kurz vor Mitternacht versendet. Ach, es ist so müßig…

Weshalb man geradezu dankbar darüber sein muss, dass sich auch die anspruchsvolle Konkurrenz gelegentlich mal in die Nesseln setzt. Arte nämlich hat sich im Fall der Selbstzensur seiner Dokumentation Auserwählt und Ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa so tapsig, fast dusselig, jedenfalls kurzsichtig angestellt, dass die strukturell intolerante Bild praktisch gar nicht umhin kam, dem zu Tode auf Ausgewogenheit geprüften Film des WDR gönnerhaft auf der eigenen Homepage Asyl zu gewähren. Unter all den Diskriminierungen Andersartiger, die seit der ersten Ausgabe zur DNA des Springer-Blattes gehören, fehlt schließlich seit jeher nur der des Antisemitismus.

Und auch, wenn die ARD dem Nöhlen des Feuilletons nun insofern nachgegeben hat, den Film von Sophie Hafner und Joachiem Schröder am kommenden Mittwoch um 22.15 Uhr zu zeigen: Schöne Steilvorlage.

Die Frischwoche

19. – 25. Juni

Von der es die ein oder andere auch auf dem Rasen geben wird, wenn die öffentlich-rechtlichen (Sport-)Sender den Phantomschmerz der fehlenden Champions-League, Olympia-Rechte und Bundesliga-Exklusivität mit der Übertragung des sportlich bedeutungslosen und politisch anrüchigen Confed-Cups in Russland kompensieren. Aber gut – selbst Panini hat dazu ja ein Sammelalbum erstellt. Darüber hinaus ist das Angebot an Frischformaten aber auch himmelschreiend dünn diese Woche.

Immerhin: auf Netflix gibt es ein bisschen was Überraschendes zu sehen. Freitag startet dort der neunzigminütige Dokumentarfilm Nobody Speak über die grassierende Einschränkung der amerikanischen Pressefreiheit am Beispiel eines Prozesses vom früheren Wrestler Hulk Hogan. Der leitet damit prima über zur neuen Serie des Streamingdienstes. Parallel beginnt nämlich das üppig kostümierte Spektakel Glow um ein real existierendes Team Wresterinnen, die in den Achtzigerjahren kurz für Furore gesorgt haben.

Ansonsten bieten sich frühzeitiger als sonst eher Wiederholungen als Innovationen der Woche an. ZDFneo etwa zeigt ab Donnerstag (21.15 Uhr) nochmals in Doppelfolgen sein unvergleichliches Boxer-Epos Tempel mit Ken Duken und Thomas Thieme, die voriges Jahr gezeigt haben, dass deutsche Serien dramaturgisch doch mithalten können. Wenn man sie lässt. Wer es noch etwas älter mag, hätte hier drei Filme zur Auswahl: Paul Verhoevens Basic Instinct (Samstag, 23.30 Uhr, ZDF) von 1992, als Sharon Stone und Michael Douglas noch jung und heiß waren. Tags drauf um Mitternacht bringt der WDR Sophia Coppolas Meisterwerk Lost in Translation mit der 2003 sehr, sehr jungen Scarlett Johansson und dem noch nicht so richtig alten Bill Murray zurück auf den Bildschirm.

Und dann gibt es ja heute noch die furiose David-Lynche-Retrospektive auf Arte, angefangen um 20.15 Uhr mit Mullholland Drive (2001), abgerundet durch Lost Highway (1996), beides in seinem alltäglichen Mystizismus bahnbrechend und brillant. Wie seinerzeit übrigens der schwarzweiße Westernklassiker Bis zum letzten Mann (Freitag, 23.35 Uhr, BR), mit dem John Ford 1948 nicht nur seine legendäre Kavallerie-Trilogie begann, sondern dem Genre auch filmästhetisch neue Maßstäbe verpasst hat. Sprachlich war hingegen ein gewisser Goetz George stilbildend, als er 1981 in Gestalt des damals unerhörten Tatort-Kommissars Horst Schimanski sein Debüt gab. Am Dienstag um 22.10 Uhr wiederholt der WDR Duisburg-Ruhrpott, einen Film, der das deutsche Fernsehen nachhaltig verändert hat.