Rezos Angebot & Anwälte des Bösen

TV

Die Gebrauchtwoche

14. – 20. Juni

Die Menschen der aktuellen Mediengesellschaft neigen ja bekanntlich zur Heroisierung. Alles von Jan Böhmermann wird dabei zur satirischen Demaskierung erklärt, alles mit Iris Berben zum cineastischen Hochgenuss, alles auf Arte zur sozialkritischen Hochkultur, besonders aber wird dabei alles, was der klassenbewusste Influencer Rezo von sich gibt, unbedingt bedeutsam. Eine Einladung in sein Jugendzimmer auszuschlagen, gilt demnach mindestens als Realitätsverweigerung, wenn nicht gar geriatrisch.

Gerade, wenn sie von Armin Laschet kommt, Kanzlerkandidat jener Partei, die – wir erinnern uns grinsend – Rezos Zerstörung der CDU nicht mit einem Video ihres früh vergreisten Schlaumeiers Philipp Amthor konterte, der sich kurz darauf als korrupter Lobbyist dubioser IT-Firmen erwies, sondern dem einer blondierten Knallcharge, die allen Ernstes Armin heißt. Sein Namensvetter hat Rezos Einladung zum Bundestagswahldiskurs nun dankend abgelehnt. Damit erhärtet er den Verdacht, eher Alterskohorten im Blick zu haben, die das Rentnerfernsehen Um Himmels Willen so erfolgreich machen.

Nach 20 Jahren und 29963 Folgen, hat Fritz Wepper Kaltenthal verlassen und hinterlässt, tja – was eigentlich? Ein klaffendes Loch da, wo die ARD mit etwas mehr Nachwuchsfürsorge wohl auch noch Zuschauer unter 66 hätte. Im ZDF steht deren Schwiegersohntraum Claus Kleber demnächst nicht mehr als Sexsymbol zur Verfügung. Anders als seine Tagesthemen-Kollegin Pinar Atalay – demnächst ersetzt durch den ZDF-Ankauf Aline Abboud – verlässt er das heute-journal allerdings nicht in Richtung Privatsender, sondern Ruhestand.

Also immerhin nicht in den Knast, wo der westfälische GEZ-Rebell Georg Thiel seit mehr als 100 Tagen seine Erzwingungshaft absitzt, weil er dem WDR 465,50 Euro an Rundfunkbeiträgen schuldet. Ein schönes Signal an alle identitären Querdenker übrigens, dass Demokratieverachtung nicht für umme ist. Deren Preis ist übrigens messbar: 70 Cent. So viel kostet die Bild-Zeitung am Kiosk, wo sie am Samstag für die Meinungsfreiheit von Corona-Leugnern, Querdenkern, Islamfeinden und Neonazis warb.

Die Frischwoche

21. – 27. Juni

Eigentlich müssten die Bild-Justiziare also in der True-Crime-Serie Anwälte des Bösen porträtiert werden. Weil es ab Donnerstag auf Sky allerdings um Mandanten von Adam Ahmed geht, der vor allem Kindermörder und ähnliche Verbrecher verteidigt, bleibt der Springer-Konzern ausnahmsweise außen vor und kann weiterhin Shit in den Storm der gesellschaftlichen Verrohung blasen.

Ein paar der Lieblingshassobjekte: Frauen jenseits von Küche und Ehebett, die sich für Gleichberechtigung einsetzen. Ihrem Kampf gegen misogyne Gewalt widmet Arte Mittwoch ab 21.50 Uhr die Dokus Bis zum bitteren Ende und #dreckshure. Bitte nicht verwechseln mit #offline, einer Reality-Soap, in der joyn tags drauf so genannte Influencer in den Wald schickt, um ohne ihre Lebenselixier Smartphone zu überleben.

Am Freitag dann geht David Weils Anthology-Serie Solos bei Amazon online, in der Superstars wie Morgan Freeman, Anne Hathaway, Helen Mirren sieben Teile lang dramaturgisch lose verknüpft das Thema Einsamkeit erzählen. Parallel zeigt Disney+ Die geheime Benedict Gesellschaft, ein hinreißende absurdes Fantasy-Epos mit vier Kindern unterschiedlicher Superkräfte, die einen verrückten Wissenschaftler an der Weltherrschaft hindern. Und Sonnabend geht derselbe Sender einer Legende auf den Grund und fragt: Wer war Charlie Brown?

Einer weniger sympathischen Legende spürt das Biopic The Program zeitgleich in der ZDF-Mediathek nach: Lance Armstrong. Begleitet von der hinreißenden Doku The Saxons um drei ostdeutsche Breakdancer. Klingt ungleich kreativer als das, was der Hauptsender Sonntagnachmittag mit der RTL-Anwerbung Sonja Zietlow macht: die Tiershow Mein Hund fürs Leb… schnarch. Dann doch lieber die Standup-Komödie Good on Paper, Mittwoch bei Netflix.


Fußball-EM & Physical

TV

Die Gebrauchtwoche

7. – 13. Juni

Der Halbgötterglaube des ZDF ist mindestens ebenso legendär wie der des Ersten Programms. In den Achtzigern heilte Prof. Brinkmann den halben Schwarzwald, in den Neunzigern heilte Der Landarzt die ganze Ostsee, in den Nullern folgte beiden ein Bergdoktor, der auch vorgestern zum Einsatz kam, als die Fußball-EM kurz im Wachkoma lag. Im Spiel gegen Finnland musste ein Däne wiederbelebt werden. Schockstarre auf dem Rasen, Schockstarre im Stadion, Schockstarre am Bildschirm, Schockstarre sogar bei der Quasselstrippe Béla Réthy – da schaltete das Zweite aus Kopenhagen zum, kein Witz: Bergdoktor Hans Sigl.

Dabei saßen mit Christoph Kramer, Manuel Gräfe und Per Mertesacker drei exzellente Experten im Studio, mit denen Moderator Jochen Breyer die lange Zeit bis zum Wideranpfiff souverän überbrückt hätte. Die ARD dagegen bot gestern zwei originelle Rookies auf: Welttorhüterin Almuth Schult nennt sich selber zwar so konstant ZuschauEr und SpielEr, dass Friedrich Merz vor Glück wohl Testosteron aus Ohren, Mund und Nase läuft, überzeugt jedoch durch kenntnisreiche Einordnungen. Kevin Prince Boateng dagegen bezieht Stellung gegen Rassismus und bleibt auch sprachlich der Emanzipation verpflichtet.

Wem sich Jeff Bezos verpflichtet fühlt, haben Rechercheure nun enthüllt: me, myself and I. Nicht nur, dass der egomanische Manchester-Kapitalist für Einkünfte, die ihm ein Vermögen von sagenhaften 188 Milliarden Dollar bescherten, ganze 1 Prozent Steuern zahlt; er nutzt sie auch nicht wie Bill Gates für sinnhafte Hilfsprojekte, sondern wie Elon Musk für sinnlose Weltraumflüge. Wie gut, dass der Menschheitsfeind die Kontrolle über Amazon bald abgibt. Damit zu Guido Cantz, der Ende 2021 Verstehen Sie Spaß? verlässt – und hoffentlich bis an sein Lebensende ins ARD-Schweigekloster geht.

Verstummt schien auch Tanit Koch. Drei Jahre jedoch, nachdem Julian Reichelt sie von der Bild-Spitze gepimmelt hatte, holt Armin Laschet die zwischenzeitliche RTL-Chefredakteurin in sein Wahlkampfteam. RTL, Springer, CDU – seit langem schon ein Dreamteam. Küche, Böhmi, ZDF ist dagegen bislang kein organisches Dreigespann. Ob die angekündigte Kochshow mit Jan Böhmermann im Zweiten ein Prank ist, muss sich also erst noch zeigen. Kein Prank war hingegen, dass Putins Regime dem WDR-Sportreporter Robert Kempe die EM-Akkreditierung entzog – und nach kurzer Hektik wieder zubilligte.

Die Frischwoche

14. – 20. Juni

Darüber hinaus ist das Fernsehprogramm dieser Tage zwar reich an Fußball (zumindest, wenn es Magenta schafft, die Spiele anders als beim Auftakt am Samstag störungsfrei zu übertragen), aber arm an unterhaltsamem Tiefgang. Daran könnte indes der jüdische Schauspieler Daniel Donskoy etwas ändern, wenn sein Zielgruppentalk Freitagnacht Jews aus dem Netz ins ARD-Spätprogramm wechselt. Gleiches widerfährt der ZDF-Gesprächsperle 13 Fragen. Ab Sonntag diskutieren Salwa Houmsi und Jo Schück nämlich statt in der Mediathek bei Neo über unsere Gesellschaft.

Fiktionale Unterhaltung von Bedeutung liefern indes eher Streamingdienste. Besonders empfehlenswert wäre dabei Physical ab Freitag (Apple TV+) eine tragikomische Kostümserie aus dem Kalifornien der frühen Achtziger, wo sich eine Hausfrau an der eigenen Dauerwelle aus dem Sumpf einer reaktionären Ehe auf die Aerobic-Welle zieht. In derselben Epoche eher tragi als komisch, aber auf hinreißende Art woke und bedeutsam ist der Starzplay-Fünfteiler It’s A Sin, in dem vier schwule Männer im homophoben England anno 1981ff aus der Selbstbefreiung in die Aids-Katastrophe schlittern und doch die Köpfe hochhalten.

Weitere Neustarts: nach dem Start der achtteiligen Netflix-Doku Stadt der Pinguine über wilde Tiere im urbanen Kapstadt am Mittwoch, zeigt der Marktführer ab Freitag zwei, nun ja, nicht ganz so zuckersüße Horrorserien – die Fortsetzung der Zombie-Serie Black Summer, gefolgt von der postapokalyptischen Mystery-Dystopie Katla aus Island. Tags zuvor startet die 2. Staffel der dänischen Skandi-Noir-Serie Darkness. Auch in Blinded jagen bildschöne Cops einen Ritualkiller, der schon in der ersten von acht Folgen bekannt ist. Das ist bei aller Effekthascherei enorm spannend – und weitaus weniger lieblich als die Pixar-Komödie Luca um zwei animierte Jungs im Urlaub, die ab Freitag bei Disney+ ein kleines, aber nicht unwichtiges Geheimnis teilen.


Tina Hassel & Helen Hunt

Die Gebrauchtwoche

TV

31. Mai – 6. Juni

Das ZDF anno 2021 ist schon ein ganz schön emanzipierter Laden. Chefredakteurin ist nämlich, ach nee – mit Peter Frey keine Frau, sondern der 6. Mann seit 1962. Gut, dafür wird gewiss die Programmdirektion weiblich geleitet? Fast! Mit Norbert Himmler ist der 9. Herr seit Anbeginn des Zweiten inhaltsverantwortlich. Und weil gleiches für Produktionsdirektor Michael Rombach gilt, ist Karin Brieden nach zuvor fünf Kerlen an der Spitze des Verwaltungsdirektoriums die einzige Topmanagerin des ZDF in 59 Jahren.

Noch.

Denn wenn das erweiterte Präsidium am 15. Juni mögliche Nachfolger von Intendant Thomas Bellut – natürlich Nachfolger von vier Anzugträgern – einlädt, könnte der Fernsehrat zwei Wochen später doch glatt Tina Hassel zur ersten aller Mainzelmännchen und ein paar weniger -weibchen küren. Könnte… Denn natürlich werden der Leiterin des ARD-Hauptstadtstudios nicht nur wegen ihrer Stellung beim Konkurrenzkanal, sondern mehr noch wegen ihres Geschlechts weit schlechtere Chancen zugerechnet als Norbert Himmler, der wiederum mit Hausmacht und wichtiger noch: Y-Chromosom versehen ist.

Eigentlich eine Mutation, in Deutschlands TV-Kreisen jedoch unverdrossen die wichtigste Zugangsberechtigung an die Hebel der Macht. Daran ändert wenig, dass Talkshows hierzulande mittlerweile überparitätisch besetzt sind. Mit Maybrit Illner zum Beispiel, die vorigen Donnerstag Alexander Gauland zu Gast hatte. Aushängeschild einer Partei also, die bei der gestrigen Landtagswahl in Sachsen-Anhalt zugleich verloren und gewonnen hat – interessanterweise gegen jenen CDU-Ministerpräsidenten, dessen Partei dem Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk durch die Ablehnung der notwendigen Gebührenerhöhung den Garaus machten möchte.

Die Frischwoche

7. – 13. Juni

Ob das dem Produktionsstandort fiktional schaden würde, sei in Anbetracht der herrschenden Programmierungsverhältnisse allerdings dahingestellt. Denn wer Tamar Jandalis dokumentarischen Streifzug Easy Love durchs Paarungsverhalten junger Menschen in Deutschland morgen 45 Minuten nach Mitternacht im Ersten versteckt, weil um 20.15 Uhr die serielle Publikumsverachtung Um Himmels Willen zu laufen hat, scheint ebenso leicht ersetzbar wie das ZDF, wo die siebenteilige Männlichkeits-Analyse Boys nur in der Mediathek zu sehen ist. Freitagabend ist halt Krimizeit.

Noch übler wird es beim WDR, der Mittwochabend als Warm-up zum EM-Eröffnungsspiel zwei Tage später die wirklich wunderbare Fußball-Doku You’ll Never Walk Allone zeigt – und fast schon boshaft auf 45 Minuten halbiert, als sei es irgendwie auch egal, was Filmemacher sich so ausdenken über den besten Fan-Song aller Zeiten. Würde die FDP damit nicht so plump am rechten Rand fischen, man müsste ihre Forderung, ARZDF aufs Informationelle zu beschränken, fast unterstützen.

Machen wir aber nicht.

Sondern bitten jüngere Zuschauer*innen lieber, das zu tun, was sie ohnehin machen, nämlich streamen. Der Giftanschlag von Salisbury, die fiktionale Rekonstruktion des Nowitschok-Attentats auf den russischen Überläufer Sergej Skripal läuft am Donnerstag zwar vier Teile am Stück auf Arte. Alle anderen Tipps der Woche laufen allerdings online. Etwa das Serien-Sequel Blindspotting, mit dem Starzplay ab Sonntag den gleichnamigen Kinoerfolg um amerikanischen Alltagsrassismus mit viel Tragikomik, noch mehr Musik und einer tollen Helen Hunt fortsetzt.  

Gewohnt hinreißend ist auch die 2. Staffel Lupin ab Freitag auf Netflix mit dem unvergleichlichen Omar Sy als Meisterdieb in Nöten. Parallel dazu startet dort das indische Empowerment-Drama Skater Girl, während Disney+ mit Loki mal wieder am Erfolgsmodell fehlerbehafteter Superhelden andockt. Bliebe noch die SciFi-Dystopie Awake auf Netflix, in der die Menschen einer postapokalyptischen Zukunft nicht mehr schlafen können. Bisschen plakativ, aber professionell gemacht.


(Luft-)Terroristen & (Dom)inas

Die Gebrauchtwoche

TV

21. – 27. Mai

Schon furchteinflößend, wie rigide die EU offenen Staatsterrorismus ahndet. Nachdem Weißrusslands Diktator Lukaschenko ein europäisches Passagierflugzeug kaperte, um den regimekritischen Blogger Roman Protassewitsch festzunehmen, reagierte sie knallhart und verhängte – nein, weder Handelsbeschränkungen noch Botschafterausweisungen, geschweige denn Handelsboykotte, sondern Einreisebeschränkungen für Spitzenfunktionäre. Krass…

Man mag sich kaum ausmalen, wie brutal die Wertegemeinschaft durchgreifen würde, ließe Lukaschenko Journalisten öffentlich hinrichten; es könnte sein, dass sie die Pressefreiheit dann so verteidigt wie in Ungarn, Polen oder der Türkei, also – ach nee, hoppla, gar nicht. Das erinnert ein bisschen daran, welche Maßnahmen CDU/CSU-Politiker*innen zu befürchten haben, wenn sie mit Maskendeals Millionen oder für lupenreine Demokratien wie Aserbeidschan Werbung kostenpflichtig Werbung machen…

Beides taten übrigens Abgeordnete jener christlichen Dauerregierungsparteien, die das strengere Verbot illegaler Spenden gerade daran knüpfen, dass ein früherer Konkurrent seine Beteiligung am Medienverlag DVVG abstößt, weil das, hüstel, für sozialdemokratische Gewissenskonflikte sorgen könne. Ihren Humor hat die gewissenbissbefreite Union jedenfalls nicht verloren. Anders als ein gewisser Ikke Hüftgold. Wer mit Ballermann-Hits wie Hackevoll durch die Nacht oder Dicke Titten Kartoffelsalat sein Geld verdient, dürfte zwar gewissenbissbefreit sein.

Weil ihm Sat1 beim – mittlerweile abgesetzten – Elendspranger Plötzlich arm, plötzlich reich misshandelte Kinder ins Haus holte, machte Matthias Distel, so sein bürgerlicher Name, den Skandal publik – wofür ihn die Produktionsfirma Imago flugs auf Unterlassung verklagte, weil er auch das Honorar veröffentlicht, nämlich 47.500 Euro für ihn, also 30-mal mehr als das Almosen für die Eltern der geprügelten Kids. Aber um das mal ins Verhältnis zu setzen: Amazon zahlt demnächst das 146.768-fache von Ikkes Salär dafür, MGM zu kaufen und damit das letzte unabhängige Filmstudio Hollywoods.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

28. Mai – 4. Juni

Neben eigener Ware wie der Real-Crime-Serie Dom, die ab Freitag den brasilianischen Drogenkrieg fiktionalisiert, zeigt Amazon demnächst also auch zugkräftige Klassiker von James Bond bis Ben Hur. Was Sky am Tag zuvor sendet, klingt zwar ähnlich wie Dom, ist aber was völlig anders. Die Historienserie Domina stellt das Leben der antiken Herrscherin Livia nach, aus deren Dynastie Roms erster Kaiser Gaius hervorging. Doch so opulent der Achtteiler ist – inhaltlich bleibt das Potpourri aus Sex, Gewalt und Gegenwartssprache die übliche Effekthascherei pseudohistorischen Reenactments.

Dann doch lieber Fantasy, die sich zu ihrer Fantasie bekennt. Sweet Tooth zum Beispiel. In der dystopischen Mystery-Serie führt eine – Achtung, Aktualität – Pandemie ab Freitag auf Netflix zum Kollateralschaden hybrider Wesen, die von den Überlebenden der Katastrophe gejagt werden. Und damit das auch für Kinder verdaulich ist, sehen wir dem kleinen Gus mit Hirschgeweih und Steinschleuder dabei zu, wie er seine Mama in einer Mischwelt aus Bambi und Mad Max sucht. Süß, aber auch sozialkritisch. Ohne Zucker relevant ist die Neo-Serie Exit. Für Sex, Macht und Drogen werfen vier norwegische Broker ab Samstag alle moralischen Werte über Bord ihrer Luxusyacht.

Dabei wäre die achtteilige Schwanzparade fast zu klischeehaft, basierte sie nicht auf wahrer Vorlage. Von der Realität entkoppelt ist hingegen die Sky-Sitcom Intelligence von und mit Nick Mohammed. Eine überaus lustige Mischung aus Stromberg und Homeland mit David Schwimmer als NSA-Spion, der pünktlich zur Reunion seiner Friends auf gleichem Portal in die britische Fernmeldeaufklärung GCHQ strafversetzt wird. Originell ist auch das Geldwäsche-Drama Limbo, morgen (22.45 Uhr, ARD): Regisseur Tim Dünschede hat es in nur einem Take gedreht. Demgegenüber wirkt die Netflix-Sause Carnival um Influencer beim Feiern in Rio ab Mittwoch ebenso zerschnippelt wie tags drauf der achtteilige Apple-Thriller Lisey’s Story nach Motiven von Steven King.


Reichelts Leiste & Jasnas Tatort

Die Gebrauchtwoche

TV

17. – 23. Mai

Ach Julian, armes Alphatier – hat dich schon wieder eine Praktikantin in der Bild-Besenkammer abgewiesen? War dein rohes Stück Frühstücksfleisch nicht blutig genug? Macht dir der Haarausfall doch mehr zu schaffen als dieses dauernde Ziehen im Leistenbereich? Der profilneurotischste Chefredakteur auf dem Boulevard reaktionärer Emanzipationsopfer kann zwar tüchtig austeilen, aber einstecken? Da kriegt Don Reichelt Blähungen, die ihn direkt zum Hamburger Landgericht flatuliert haben, wo er gegen einen Spiegel-Artikel mit dem sehr glaubhaften Titel „Vögeln, fördern, feuern“ vorgegangen ist. Mit Erfolg.

So scheint es.

Denn zwei Monate, nachdem das Magazin Reichelts misogynes Machtgehabe publik machte, verhängten die Richter eine einstweilige Verfügung gegen den Verlag. Allerdings nicht, weil die Vorwürfe im Artikel falsch seien, sondern weil Reichelt eigene Presseabteilung ihn nicht rechtzeitig über die Interview-Anfrage des Spiegels informiert hatte. Dazu sei kurz mal an Christian Drosten erinnert, dem die Bild Mitte 2020 ganze 60 Minuten Zeit gegeben hatte, um sich zu einer fingierten Corona-Kampagne zu äußern. Bei der Spiegel-Anfrage an Reichelt waren es Tage.

Jahre gedauert haben zwei Prozesse, die seriösere Journalisten als Springers Schlüpferstürmer betrifft. Zum einen beteiligt Mark Zuckerbergs neues Nachrichtenportal Facebook-News Urheber*innen fortan an der Verbreitung ihrer kreativen Werke mit einem niedrigen Milliardenbetrag, verteilt über mehrere Jahre. Zum anderen erlaubt es die Urheberrechtsreform fortan, eben jene Werke ungefragt, vor allem aber kostenlos in Teilen zu verwenden, sofern es sich nur um Bruchstücke handelt. Ersteres ist ein Tropfen auf dem heißen Stein, letzteres ein Schlag ins Gesicht, beides behandelt Künstler*innen aller Gewerke wie Rohstoffminen einer renditeorientierten Verwertungslogik.

Die Wut darüber kann nur in Revolte oder Eskapismus münden. Wir wählen hier kurz mal den Fluchtinstinkt und wundern uns darüber, dass die ARD mit ihrem Primetime-Ausflug des Großstadtreviers am vorigen Mittwoch fast sieben Millionen Zuschauer erreicht hat. Dieses Niveau erreichen fiktional eigentlich nur noch Tatorte wie jener, der nun Premiere feiert.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

24. – 30. Mai

Heute betreten Jasna Fritzi Bauer, Dar Salim, Luise Wolfram Bremen und setzen damit – im Gegensatz zum Polizeiruf, der sein 50-jähriges Jubiläum am Sonntag ausgerechnet mit den hervorragenden, aber doch schon recht alten weißen Schauspielerin Peter Schneider und Peter Kurth in Halle feiert – den Trend junger Teams fort. Wenngleich dieses hier im Premierenfall Neugeboren am Bremer Brennpunkt etwas zu eifrig seine Marotten pflegt. Man könnte also ersatzweise einen Sat1-Film empfehlen.

In Sönke Wortmanns Komödie Der Vorname streiten sich zwei Paare darum, ob man ein Kind im 21. Jahrhundert Adolf nennen darf. Zurück zur ARD: da startet Dienstag (22.50 Uhr) das FilmDebüt im Ersten mit Andreas Döhlers Milieustudie Die Einzelteile der Liebe um getrennte Eltern (Birte Schnöink und Ole Lagerpusch) und ihren Versuch, sich fürs Glück der Kinder zusammenzuraufen. Ums eigene Glück geht es Samstag in der 2. Staffel von Maria Furtwänglers Fahrschulkomödie Ausgebremst, allerdings nur in der Mediathek. Also dort, wo Arte tags zuvor BeTipul zeigt, das israelische Original der Psychiater-Serie In Therapie.

Parallel dazu startet bei Amazon die Young-Adult-Serie Panic um tödliche Mutproben als Zugangsticket zu einer dystopischen Zukunftsgegenwart. Donnerstag dann kehren fünf von sechs Hauptdarstellern der hedonistischen 90er-Prokrastination Friends bei Sky zurück. Und Disney+ hat zwei Neustarts im Programm: Die 2. Staffel der Homevideo-Kollage Launchpad und die 1. von Rebel mit der früheren Ich-heirate-eine-Familienmutter Katey Segal als eine Art Erin Brokovich, bevor dem Portal am Samstag Erstaunliches gelingt: Im Prequel zum Klassiker 101 Dalmatiner spielt Emma Stone die boshafte Modequeen Cruella als junge Frau im Kampf mit Emma Thompson als ebenso böse Kollegin. Und das ist für Disney-Verhältnisse fast schon tiefgründig.


Neubauers Maaßen & Winslets Mare

Die Gebrauchtwoche

TV

10. – 16. Mai

Also nee, also wirklich, also ehrlich – für Armin Laschet, das wissen wir seit Luisa Neubauers Schnellfeuerattacke gegen sein innerparteiliches Problemkind Hans-Georg Maaßen bei Anne Will am Sonntag voriger Woche, ist es so weit okay, dass der rechtsradikale Exverfassungsschützer mit Hetzjagdexpertise zwar „rassistische, identitäre und wissenschaftsleugnerische Inhalte“ verbreiten half, aber antisemitisch – neinneinnein, das gehe nun aber wirklich noch weiter als die Kritik des Tagesspiegels an #allesdichtmachen, für das sich die Zeitung allen Ernstes entschuldigen musste.

Ungeachtet der Tatsache, dass Maaßens Agenda der AfD näher ist als seiner offiziell eigenen Partei, abgesehen auch vom Umstand, dass sich Neubauers Vorwürfe leicht erhärten lassen, und obendrein beiseitegelassen, dass Anne Will kurz darauf einen Tweet dazu löschen ließ, von dem niemand so recht weiß, was drinstand: die Mediendebatte war nicht nur drollig; während der frisch entflammte israelisch-palästinensische Konflikt aus 80 Millionen Bundestrainern 80 Millionen Nahost-Experten machte, erstickte sie auch den allgegenwärtigen Kuschelkurs mit Annalena Baerbock.

Die wird ja plötzlich sogar für Boris Palmers Kuschelkurs mit Hans-Georg Maaßen verantwortlich gemacht. Womöglich wäre der grünen Kanzlerkandidatin also nicht mal mehr bei ProSieben applaudiert worden, wo Linda Zervakis und Louis Klamroth drei Wochen nach der Plauderei von Katrin Bauerfeind und Tilo Mischke am Mittwoch den sozialdemokratischen, nicht lachen: Kanzlerkandidaten Olaf Scholz eingekeilt haben. So viel Journalismus beim Entertainmentkanal, der immer noch ein Wahrnehmungsproblem hat.

Sonst hätte die beispiellose #MeToo-Aktion Joko und Klaas LIVE – Männerwelten nicht den Grimme-Preis für Unterhaltung, sondern Information erhalten, wo sie hingehört. RTL übrigens ging bei der Verkündung wie so oft leer aus. Und dessen neueste Spielshow Murmel Mania, bei dem die Privatfernsehfossile Marijke Amado, Harry Wijnvoord und Ingolf Lück seit Dienstag Glaskugeln rollen wie 1955 auf dem Schulhof, dürfte daran 2022 nichts ändern. Topquoten gab es dafür trotzdem.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

17. – 23. Mai

Also das Gegenteil dessen, was die Free-TV-Premiere von Nora Fingscheidts Systemsprenger heute Abend im ZDF erzielen dürfte. Das öffentlich-rechtliche Kernpublikum 95+ schaut um 20.15 Uhr halt lieber drollige Tierdokus wie Der kleine Held vom Hamsterrad, parallel im Ersten, als Filme über ungehorsame Kinder. Richtig abgehen dürfte dagegen die Quote des Primetime-Ausflugs vom Großstadtrevier am Mittwoch und natürlich tags drauf der nächste Reiseinsatz deutscher Kommissare, diesmal im Masuren-Krimi mit Claudia Eisinger und Sebastian Hülk als Exil-Cops in Polen.

Ansonsten aber bleibt Belgien der heißeste Tatort. Am Freitag zeigt Neo alle acht Folgen der hochinteressanten Raubzug-Serie The Bank Hackers am Stück, Sonntag begrüßt das Erste dann die Nachwuchskommissarin Sophie Cross zur dreiteiligen Tätersuche. Und damit ist aber auch gut mit linearer Kriminalität. Die gestreamte ist nämlich hundertmal besser. Zumindest im Fall der Sky-Serie Mare of Easttown. Ab Freitag mag Kate Winslet als Vorstadt-Detective zwar sieben Teile lang Frauenmorde aufklären; das Gesellschaftsporträt dahinter jedoch stellt deutsche Krimis so in den Schatten, als herrschte hier dunkelste Nacht.

Der Rest daher in Kürze: morgen schon versinkt Staffel 2 des Politdramas City on a Hill mit Kevin Bacon noch tiefer im Sumpf von Boston. Mittwoch erklärt uns Apple+ 1971 – Das Jahr, in dem Musik alles veränderte, ab Freitag erleben wir P!NK im Konzertfilm All I Know, auf Amazon-Prime. Und wem das alles zu realistisch ist, könnte sich parallel dazu auf Netflix Army of the Dead ansehen, wo Zombies Bankräuber sind. Vermutlich realistischer als der Masuren-Krimi.


Bruchs Basis & Schlafschaf Lisa

Die Gebrauchtwoche

TV

3. – 8. Mai

Wäre Mark Zuckerberg nicht selbst eine so obskure Figur der Megaprofitmaximierung, man könnte meinen, er brächte grad Licht ins digitale Dunkel. Just nämlich, als auch seine Macht- und Geldmaschine droht, durch die geplante globale Unternehmenssteuer so etwas Bürgerliches wie Steuern zahlen, also dem Gemeinwohl dienen zu müssen, darf Facebook dem Nutzer auch weiterhin die Accounts sperren, der das mit allen Mitteln verhindern wollte. Nur um den Namen nach einer Zeit der Stille hier mal wieder hinzuschreiben: Donald Trump.

Ja, den gibt’s noch. Nur ist er eben kaum noch zu hören, seit ihm Twitter, Instagram und Facebook die Lautsprecher gekappt haben. Das dürfte Rassisten wie Jens Lehmann, den Sky dank der Beleidigung seines Moderationskollegen Dennis Aogo endlich rausgeschmissen hat, vermutlich ebenso missfallen wie Volker Bruch, der nach seiner als Meinungsbeitrag getarnten Demokratieattacke #allesdichtmachen nun folgerichtig bei der Querdenker-Partei Die Basis um Aufnahme gebeten hat. Womit ihn das größte Querdenker-Blatt im großen Bild-Interview aber nicht weiter behelligen wollte.

Derweil bejubelt Bruchs Buddy Jan Josef Liefers auf Twitter 14 Millionen Zuschauer des Tatort Münster. Schließlich hält er die Topquote für einen Beleg der bürgerlichen Akzeptanz seiner Gleichschaltungssuada und nicht das, was es eher sein dürfte: eine Art Populism Porn derer, die wissen wollten, ob sich JJLs Sicht auf Corona und Medien bei Professor Boerne wiederfindet. Tut sie nicht. Aber den neofeudalen Allwissenheitsdünkel teilen sich Figur und Darsteller schon.

Apropos Figur und Darsteller: Indem sich Billie Eilish halbnackt mit Fick-mich-Blick auf dem Vogue-Cover räkelt, schlägt die Body-Positive-Ikone all jenen Mädchen ins Gesicht, denen sie bislang das Bodyshaming austreiben konnte. Jetzt dürft ihr euch wieder schön schämen, nicht so dünn, sexy und fuckable zu sein wie euer Vorbild, liebes Click- and Pay-Vieh. Und damit wieder zurück zu Volker Bruchs Realitätsverdrehung.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

10. – 15. Mai

Die nämlich erhält ab morgen bei Neo fiktionale Weihen einer Instantserie. In Schlafschafe spielt Lisa Bitter eine Mutter, die während der Pandemie sechs Teile lang tiefer in Verschwörungsideologien abdriftet, bis ihre Familie (fabelhaft: Daniel Donskoy) auch an den Lügen eines Querdenkers (auch toll: August Zirner) zerbricht. Das ist auf ähnlich beklemmend, aber natürlich nicht annähernd so opulent wie Underground Railroad.

Oscar-Gewinner Barry Jenkins (Moonlight) verwandelt Colson Whiteheads gleichnamigen Roman dabei ab Freitag auf Amazon in ein achtstündiges Epos über die amerikanische Sklaverei vor knapp 200 Jahren, das einiges über die Situation Schwarzer in den USA George Floyds und Donald Trumps erzählt. Ebenfalls von PoC auf dem Weg der Emanzipation handelt eine Starzplay-Serie, die dennoch unterschiedlicher kaum sein könnte. Ab Sonntag erzählt Run the World die Geschichte vier Schwarzer Frauen um die 30 in New York – allerdings in einem Glamour, der an Sex and the City erinnert.

Umso erstaunlicher, dass die Charaktere beim Shoppen, Ficken, Schönsein Zeit haben, Rassismus und Misogynie anzuprangern – wenngleich sehr subtil. Eher ulkig geht die TNT-Serie The Mopes ab morgen mit einem Trendthema ohne Humorlobby um. Nora Tschirner spielt eine Fleisch gewordene Depression, die im Auftrag der Abteilung für psychische Krankheiten dafür sorgt, Betroffene wie einen gescheiterten Musiker zur Leidenseinsicht, also Therapiebereitschaft zu bringen. Ästhetisch auf Wes-Anderson-Niveau, ist das fast zu grotesk, um tiefgründig zu sein. Aber eben nur fast.

Geradezu grotesk komisch ist Joseph Vilsmaiers Amazon-Komödie Der Boandlkramer ab Freitag mit Bully Herbit als Tod und Hape Kerkeling als Teufel. Bierernst dagegen bleibt das Platzangst-Drama The Woman in the Window auf Netflix, wo parallel folgendes startet: die 2. Staffel der irren Kurzfilmreihe Love, Death & Robots, der holländische Gangsterfilm Ferry mit Huub Stapel sowie die deutsche Kino-Übernahme Und morgen die ganze Welt mit Mala Emde als verliebte Linksextremistin. Kleiner Tipp am Rande: Arte zeigt Mittwoch Der unverhoffte Charme des Geldes – ein Brennpunktmärchen um den gebildeten Pierre-Paul (Alexandre Landry), der als Paketbote arbeitet – bis er an die Beute eines Millionenraubes gerät…


Wolfsrudelführer & Jenke.Crime

Die Gebrauchtwoche

26. April – 2. Mai

Liebe #Allesdichtmacher*innen – da euch fürs Marketing jedes Mittel recht ist, sollt ihr es kriegen. Trotz aller Stürme von links machen weiterhin die effektivste AfD-Reklame des ganzjährigen Wahlkampfes: Volker Bruch, Nina Gummich, Cem Ali Gültekin, Felix Klare, Vicky Krieps, Thorsten Merten, Maxim Mehmet, Wotan Wilke Möhring, Nina Proll, Miriam Stein, Ulrich Tukur, Nadja Uhl, Hanns Zischler – um nur die populärsten zu nennen. Ruhm und Ehre, wem Ruhm und Ehre gebührt…

Pasquale Aleardi dagegen, Peri Baumeister, Meret Becker, Martin Brambach, Ken Duken, Inka Friedrichs, Ulrike Folkerts, Heike Makatsch, Richy Müller, Nicholas Ofczarek, Trystan Pütter, Manuel Rubey und Kostja Uhlmann, um auch hier nur bekanntere aufzulisten, haben ihre Videos teils zerknirscht zurückgezogen. Die Wolfsrudelführer Jan Josef Liefers und Dietrich Brüggemann, wollen uns zwar weismachen, das sei allein aus Angst vorm Lynchmob linksradikaler Schlafschafe geschehen; doch wir glauben eher an Verstand, Empathie und etwas, das Mittfünzigern wie Liefers fremd ist: Selbstreflexion.

Daran dürfte sich auch nichts ändern, nur weil ihm Jan Böhmermann – Hobbysatiriker*innen aufgepasst: ironisch, statt populistisch – die Leviten liest (was man sich übrigens auch von Oli Welkes heute-show gewünscht hätte). Im Gegenteil, Liefers feuilletonistischer Deutschland-erwache-Move wurde ja noch dadurch geadelt, dass ihn Die Zeit zum Gedankenaustausch mit Jens Spahn lud und der WDR-Rundfunkrat Garrelt Duin idiotischerweise ein Auftragsverbot forderte. So viel Reputation für so wenig Substanz – vielleicht sollte man an dieser Stelle Corona kurz ganz leugnen, dann gibt’s womöglich ein Dinner mit Angela Merkel im Ersten.

Wobei: die erste Geige nachrichtlicher Relevanz spielt bald die Konkurrenz. Inmitten der Shitstorms um Meinungs- und Medienkorridore wurde publik, dass die Lügenpressevertreterin Linda Zervakis endlich aufgewacht ist und mit Matthias Opdenhövel zum deutschen CNN ProSieben wechselt, um dort im Herbst ein Wahlmagazin zu moderieren. Der Maskenverweigerer Volker Bruch könnte dasselbe dann ja mit dem abstandsverachtenden Dietrich Brüggemann und ihrem demokratiekritischen Spindoktor Paul Brandenburg für Jürgen Elsässers CompactMagazin machen oder gleich direkt in der AfD-Zentrale.

Die Gebrauchtwoche

3. – 9. Mai

Der zivilisatorische Impuls könnte nun gebieten, die Wochentipps mit Warnhinweisenzu versehen, was mit Allesdichtmachern besetzt wurde. Wir bleiben aber journalistisch und empfehlen ungeachtet aller Personalien folgendes: Jenke.Crime. Obwohl der Selbsterfahrungsreporter bei Pro7 ähnlich robust wie bei RTL die Grenzen der Objektivität übertritt, ist seine Talkshowreportage (dienstags, 20.15 Uhr) schon deshalb erhellend, weil er vier Verbrechern mit insgesamt 57 Jahren Knasterfahrung auf Augenhöhe begegnet, ohne ihre Opfer zu vergessen.

Von RTL kommt auch Eric Stehfest. Nie gehört? Null Problem! Der C-Promi war nur Fans von GZSZ oder Let’s Dance bekannt. Dann machte er seine Meth-Sucht publik. Sein Roman 9 Tage wach wurde ansehnlich für Pro7 verfilmt. Ab heute begibt er sich bei TVNow in Therapie, wobei Eric gegen Stehfest einen verblüffend reflektierten Mann Anfang 40 zeigt. Und weil es offenbar die Woche unterhaltsamer Selbstdarstellung ist: Donnerstag startet Joyn die Personality-Show Achtung, Aaron! mit einem Influencer namens Troschke.

Linear könnte man noch Goldjungs empfehlen. Als Groteske über die Insolvenz der Herstatt-Bank von 1974 getarnt, reproduziert der Mittwochsfilm aber doch nur den öffentlich-rechtlichen Drang zum Kostümfest. Origineller ist da, was öffentlich-rechtliche Mediatheken ab Freitag zeigen: die vierteilige Dramedy All You Need über schwule Millenials in Berlin (ARD) oder die heterosexuelle Sadcom Lu von Loser (ZDF), in der sich Regisseurin Alice Gruia nach eigenem Drehbuch als Schwangere mit Bindungsängsten inszeniert.

Zum Schluss drei Netflix-Streams: Mittwoch startet die vierteilige Serienkiller-Doku Sons of Sam, Donnerstag das Drama Monster! Monster? um einen Schwarzen Teenager, der zu Unrecht des Mordes beschuldigt wird, Freitag die Superheldenkinderserie Jupiter’s Legacy, begleitet von Staffel 2 der ulkigen Gamer-Comedy Mythic Quest bei Apple+.


Fernsehquerdenker & Rollergirls

Die Gebrauchtwoche

19. – 25. April

Puh. Also. Hmm. Sagen wir mal, auf dem Weg vom We Love to Entertain You zum We’d like to Inform You ist noch reichlich Luft nach oben. ProSieben mag mit Jan Hofer, Linda Zervakis oder Matthias Opdenhövel gerade öffentlich-rechtliches Fachpersonal fürs Journalistische horten – was Thilo Mischke und Katrin Bauerfeind der Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock direkt nach ihrer Nominierung am vorigen Montag im Exklusiv-Interview abverlangt haben, war – hüstel – doch eher gut gemeint als gelungen.

Natürlich kann ein bisschen frischer Wind das Info-Genre ähnlich auflockern wie Jörg Kachelmanns Blumenkohlwolken einst den Wetterbericht. Aber ob man den siegreichen Teil einer grünen Doppelspitze fragen muss, ob sie nicht im Duo mit Robert Habeck antreten wolle, ob ihr der Arsch auf Grundeis gehe und Eierstöcke vonnöten seien, vom Applaus am Ende ganz zu schweigen – nun ja… Aber wie ARZDF auf die Hoffnungsträgerin vom Trampolin reagiert haben, lässt auch nichts Gutes bezüglich der Überparteilichkeit befürchten.

Selbst Claus Kleber behandelte Baerbock so zahm, dass Caren Miosga in den Tagesthemen als einzige jenen Biss zeigte, der sie weiter östlich ins Fadenkreuz demokratiefeindlicher Regime rücken würde. Während die Pressefreiheit in Russland, Polen, Ungarn stirbt, ist diesbezüglich aber auch Deutschland abgerutscht. Für Reporter ohne Grenzen sie nur noch gut statt zufriedenstellend. Während der Journalismus vielerorts unter staatlichem Sperrfeuer steht, wird er hierzulande allerdings eher vom rechten Pöbel angegriffen.

Ach ja, und von Jan Josef Liefers. Unterm Hashtag #allesdichtmachen brachte er 52 Kolleg*innen dazu, ulkige Videos gegen die Corona-Politik zu drehen. Vorgeblich wollte der diktaturerfahrene Dresdner mit seiner „Ironie“ gegen „die Medien“ den Meinungskorridor erweitern; doch produziert vom populistisch auffälligen Konrad A. Wunder wühlen TV-Stars von Wotan Wilke Möhring bis Ulrich Tukur (weibliche von Heike Makatsch bis Ulrike Folkerts ziehen ihre Videos grad reuig zurück) so tief im Verschwörungssumpf, dass es Applaus nur von der AfD und ihrer SA aus Pegida, Querdenkern, Bild-Zeitung hagelt.

Bis auf Liefers, der sich bei 3 nach 9 zuschalten ließ und die BRD im WDR-Interview unterschwellig mit der DDR gleichsetzte, offen debattiert haben nur Gegner der Aktion wie Kida Khodr Ramadan, die meisten der Allesdichtmacher*innen allerdings ließen Presseanfragen unbeantwortet und origineller noch: ihre Kommentarspalten gesperrt. So viel zum Thema, man wolle zu einer offenen Debatte anregen.

Die Frischwoche

26. April – 2. Mai

Leider kann man sich nicht mehr wünschen, sie landen alle bei Promis unter Palmen: die heutige Fortsetzung hat Sat1 nach einer Reihe homophober Mobbing-Skandale abgesetzt. Ist eh interessanter, zeitgleich den ZDF-Film Das Versprechen zu sehen, in dem Regisseur Till Endemann gleich zwei soziokulturelle Tabuthemen behandelt: Alleinerziehende Väter und männliche Depression – beides eigentlich rein weiblich besetzt Themen, also für Schauspielerinnen wie Tanja Wedhorn.

In der zweiten Staffel Fritzie wächst das Telenovela-Pflänzchen parallel im ZDF weiter zum ernstzunehmenden Schauspielbaum heran. Jan Josef Liefers dürfte das alles zu modern sein, weshalb wir ihm hier lieber das konventionelle Vorwende-Melodram Die unheimliche Leichtigkeit der Revolution empfehlen. Leicht ostalgischer Pathos – genau sein Stil. Und im Anschluss deckt sein Soulmate Maria Barth bei RTL auf.

Für Leute mit mehr Geschmack als Sendungs- und Marketingbewusstsein und gäbe es folgendes: Die spanische Magenta-Serie Alive and Kicking, in der ab Dienstag vier verhaltensauffällige Teenager aus der Psychiatrie fliehen und sich selbst entdecken. Ebenfalls im Coming-of-Age-Spektrum mit unerwartetem PoC-Faktor spielt ab Freitag die amerikanische Netflix-Serie Concrete Cowboy, bevor Neo (23.25 Uhr) den französischen Zehnteiler Derby Girl aus der französischen Rollerball-Szene zeigt. Und zwischendurch verpflanzt der Psychothriller Things Heard & Seen ein New Yorker Ehepaar am Donnerstag in ein Vorstadthäuschen, das sich als House of Horrors entpuppt – alles wie das SciFi-Stück Voyagers (Freitag, Amazon) garantiert Liefersfrei.


Prinz Philip & Brennpunkt Wedding

Die Gebrauchtwoche

12. – 18. April

Sieben. Was nach einem Drama von David Fincher klingt, ist die Zahl der Sender, denen das Begräbnis von Prinz Philip Übertragungen wert war, Spitzenmeldung bei Tagesschau und heute inklusive. Das Ableben eines Greises, der seine Privilegien, den Reichtum, all die feudale Selbstherrlichkeit auf Usurpation entrechteter Untertanen, Völker, ganzer Nationen begründet, sollte das Jahr 2021 zwar pietätvoll verschweigen, aber gut: zuvor hatte sich Prinz Marcus von Anhalt, Herzog zu Sachsen und Westfalen, mit Drittnamen nicht zufällig Adolf getauft, auf Sat1 so homophob geäußert, dass es die Woche verachtenswerter Aristokratie in den Medien war.

Zumindest in solchen, die Jan Böhmermann tags zuvor im ZDF Magazin Royal als erlogenen Auswurf skrupelloser Verlage entlarvte oder wie er ihn nennt: Quantitäts-Journalismus. Mit dem nämlich belügen Bauer, Burda, Funke, Klambt ihr Publikum nach Strich und Faden, bis auch die Reputation des Qualitäts-Journalismus an den Abgrund des demokratiefeindlichen Rechtspopulismus gerissen wird. An dieser Stelle sind wir gar nicht weit weg von der neofeudalen Kleptokratie unzähliger Unionspolitiker*innen, denen die Schlammschlacht zwischen Armin Laschet und Markus Söder sehr gelegen kam.

Seit sich die Alpharüden der strukturkorrupten CDU/CSU öffentlich um den Eisernen Thron zanken, ist von Maskendeals bestechlicher Mandatsvergewaltiger nicht mehr die Rede. Die Presse liebt nun mal den aktuellen, nicht verachtenswertesten Skandal, weshalb der kleinere um Elke Lehrenkrauss ins Feuilleton der Zeit abgewandert ist, wo die Filmemacherin dem NDR-Redakteur ihrer inszenierten Doku Lovemobil eine Teilschuld zuschob. Der habe sie vernachlässigt. Einmal nur sei er vorbeigekommen. „So baute sich keine vertraute Atmosphäre auf“, sagt Lehrenkrauss.

Lügen wegen Unterbehütung? Muss man auch erst mal drauf kommen. Worauf vor kurzem auch noch niemand gekommen wäre: dass der oder die grüne Spitzenkandidat*in heute nicht ins Hauptstadtstudio von ARZDF zum Antritts-Interview geht, sondern – kein Scherz: zu ProSieben. Aber da gehen neben Baerbock/Habeck ja jetzt auch Leute wie Linda Zervakis hin…

Die Frischwoche

19. – 25. April

Auch interessant: es ist abgesehen von Joko & Klaas gegen ProSieben am Dienstag das einzig bemerkenswerte Angebot der Woche beim Entertainmentkanal. Fast schon uninteressant: Stattdessen bestimmen Streamingdienste das Geschehen. Etwa TNT, wo Özgür Yıldırım nach 4 Blocks die nächste Berliner Kiez-Serie liefert. Herausragend an Para ist dabei nicht nur, wie authentisch seine Hauptfiguren die Sehnsucht des Brennpunkts Wedding nach Krümeln vom Kuchen der Wohlstandsgesellschaft suchen. Herausragender ist, dass es vier erfrischend derbe Frauen sind, die hier im (klein)kriminellen steilgehen.

Nachdem Martin Freeman ab morgen als verklemmter Bibliothekar der Sky-Liebeskomödie Ode to Joy die Richtige sucht, hört Christoph Maria Herbst als vereinsamter Pädagoge Tilo Neumann zwei Tage später bei Now auf innere Stimmen, um sein tristes Dasein umzukrempeln. Zeitgleich wandert derselbe Hauptdarsteller vom gleichen Portal zu RTL, wo Der große Fake mit anschließender Doku zur Wirecard-Story im Free-TV läuft. Tags drauf gibt es mit der Netflix-Serie Shadow & Bone Fantasy-Futter für Fans der Roman-Trilogie Legenden der Grisha, während Sky mangels ausreichender Kino-Auswertung bereits Christopher Nolans Lockdown-Meisterwerk Tenet zeigt.

Anything else? Nicht viel. Ab Freitag (23.30 Uhr) unterhält sich der Berliner Schauspieler Daniel Donskoy in der WDR-Latenight Freitagnacht Jews ausgerechnet am Ruhetag Schabbat mit Glaubensbrüdern und -schwestern über jüdisches Leben in Deutschland. Zwei Tage, nachdem ProSieben die bedrückende SuperGau-Serie Chernobyl fortsetzt, zeigt Arte am Mittwoch um 20.15 Uhr seine themengleiche Dokufiktion Die letzten Tage Luxemburgs. Und Freitag zeigt der Kulturkanal die ganz und gar wunderbare Christina Hecke beim nächsten Einsatz als Kommissarin Mohn der Krimi-Reihe In Wahrheit. Darüber hinaus bieten die realen Krimis vom Führungsstreit der Union bis zum Kampf der Inzidenzwerte aber ja schon genug reales Entertainment.