Breitbeinigkeit & Beischläfer

Die Gebrauchtwoche

18. – 24. Mai

Mia san mia. Dieser Spruch bayerischer Breitbeinigkeit gilt seit jeher nicht nur in Bierzelten und Fußballclubs, sondern auch im Fernsehen. Schon als es um NS-kritisches Fernsehen wie Holocaust, religionskritische Justiz wie im Kruzifix-Urteil oder einfach grundlegend kritischen Humor wie beim Scheibenwischer ging, hat sich der BR aus dem ARD-Programm geklinkt. Und nun bitte dreimal raten, welcher Landessender ausschert, wenn die Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten von Sachsen-Anhalt aus gemeinsam mit ZDF und Deutschlandradio ein digitales Kulturangebot bündelt?

Genau! Genau! Genau!

Vordergründig geht es BR-Intendant Ulrich Wilhelm zwar um irgendwas mit Gebühren. Darunter jedoch steckt fraglos ein gottgewollter Erhabenheitsgestus, der bayerische Medienpolitik seit jeher prägt. Mit dem im Rückgrat endet Loyalität halt gern am eigenen Testosteronspiegel. Der war offenbar auch bei Kevin Meyer gefährlich hoch, als Disneys mächtiger Streaming-Chef parallel verkünden ließ, er werde künftig die chinesische Plattform TikTok leite und gleichzeitig das operative Geschäft des Mutterkonzerns Bytedance.

Vom größten Unterhaltungskonzern freiwillig zum dubiosesten Netzplayer – da muss der Amerikaner aber mal ernstlich in seiner Männlichkeit angekratzt worden sein, Bob Iger doch nicht wie erwartet an der Disney-Spitze zu folgen. Apropos dubiose Unternehmen: der Amazon-Kanal Prime hat am Montag überraschend Werder Bremen gegen Bayer Leverkusen ohne Zusatzkosten von Eurosport übernommen. Klingt banal. Ist es auch. Aber banal mit Folgen fürs Gefüge im künftigen Rechtepoker um Live-Lizenzen.

Die Frischwoche

25. – 31. Mai

Bis dahin darf Amazon mit Sky die englische Geisterspielwoche zeigen, was für den profitfreudigen Versandhändler neueres Neuland ist als Fernsehen. Wie man das vermasseln kann, zeigt er allerdings Freitag in Der Beischläfer. Das Komödienstadl um den bayerischen Autoschrauber Charlie (Markus Stoll), der als Schöffe ans Amtsgericht der süßen Richterin Julia (Lisa Bitter) berufen wird, ist in seiner verschwörungstheoretischen Justizverachtung so blöde, dass selbst der absurde Weltraum-Roadtrip Vagrant Queen tags zuvor auf SYFY oder die intergalaktische Netflix-Sitcom Space Force ab Mittwoch realistischer wirken.

Ein wenig mehr Realismus hätte auch die Joyn-Serie Aus dem Tagebuch eines Uber-Fahrers vertragen. Kostja Ullmann gibt sich zwar ersichtlich Mühe, sechs Taxitouren unterschiedlicher Passagiere durch Hamburg mit authentischer Empathie zu füttern. Das Ausbeutungssystem Uber kommt dabei jedoch nicht mal am Rande zur Sprache. Aber gut – wer reine Sachlichkeit erwartet, sollte vielleicht Dokumentationen wie Rabiat (heute, 22.45 Uhr, ARD) über die bizarre Welt des Rechtsrocks sehen oder den zweiteiligen Blick 1968 auf Die globale Revolte, morgen um 21.45 Uhr auf Arte, sehen.

Trotzdem dürfen Fiktionen mit Wirklichkeitsbezug schon auch mal so wahrhaftig sein wie der Mittwochsfilm Das freiwillige Jahr mit dem großartigen Sebastian Rudolph als Vater einer Tochter, die ihre Provinz partout nicht zur Verwirklichung seiner geplatzten Träume verlassen will. Und auch Staffel 1 des italienisch-britischen Finanzkrisenthrillers Devils mit Patrick Dempsey als Strippenzieher darf ab Donnerstag auf Sky beanspruchen, die Wirklichkeit ebenso zum Maßstab zu nehmen wie der deutsch-schwedische Wirtschaftskrimi Hidden Agenda, dessen acht Teile Neo Freitag um 22 Uhr am Stück zeigt.

Noch was? Ach ja: die Bitte, Oliver Pochers eitler RTL-Late Night Gefährlich ehrlich noch weniger Beachtung zu schenken als Balls – für Geld mache ich alles, inmer Dienstag nach Joko & Klaas. Lieber Wiederholungen der Woche zu sehen. Etwa Michael Hanekes Meisterwerk Das weiße Band übers bigotte Deutschland vorm 1. Weltkrieg von 2009 (Montag, 20.15 Uhr, Arte), um 0.25 Uhr gefolgt vom Schwarzweißklassiker Dieb von Bagdad, der 1924 den unbekannten Douglas Fairbanks zum Weltstar machte. Und der Tatort-Tipp: Das letzte Rennen, Frankfurter Perle mit Sawatzki/Schüttauf von 2006 aus dem Marathonmilieu.


Männerwelten & Homecoming

Die Gebrauchtwoche

11. – 17. Mai

Aha, ein „strukturanalytisches Element“ – das ist es, was Caroline Fetscher vom Tagesspiegel an den 15 Minuten von Joko & Klaas vom Mittwoch bei ProSieben fehlte, als die beiden eine entlarvende Ausstellung namens Männerwelten aufgebaut haben. Anders gesagt: obwohl der Sondersendung am Mittwoch ganze 900 Sekunden zur Verfügung standen, sah auch das Missy Magazine einen Mangel an hermeneutisch-historischer Gesamtbetrachtung aller soziokulturellen Aspekte männlicher Gewalt gegen Frauen seit Beginn der Jungsteinzeit.

Es ist echt ein Kreuz mit der Emanzipation: Wenn zwei Spaßvögel über ihre Lichtkegel springen und einen Spaßkanal mit relevanter Ernsthaftigkeit zum gesellschaftlichen Missstand fortgesetzter Misogynie füllen, ist auch wieder alles doof. Dabei gibt es gewiss Kritikpunkte an der Kunstausstellung struktureller Frauenverachtung, durch die Sophie Paßmann das Publikum führt: Protagonistinnen weiß, Ambiente dramatisch, Inhalt verkürzt. Trotzdem könnte man auch einfach mal würdigen, welchen Einfluss so ein Film auf Menschen hat, die in ihrer Filterblase sonst selten mit Wahrhaftigkeit belästigt werden.

Menschen, die den Pegida-Comedian Dieter Nuhr nun für seine Virologen-Schelte feiern. Menschen, die befriedigt grunzen, wenn Donald Trump wegen der kritischen Nachfrage einer chinastämmigen Reporterin sein Pressebriefing abbricht. Menschen, die auf Hygiene-Demos über Schlafschafe blöken. Menschen also, die am Ende dafür mitverantwortlich sind, was Christian Bräuer befürchtet: Da viele Kinobetreiber bei der Neueröffnung mit reduzierter Platzzahl womöglich in jedem Saal Blockbuster für schlichte Gemüter zeigen, wird es aus Sicht des der AG Kino zur „brutalen Verdrängung“ anspruchsvoller Filme für klügere Geschmäcker kommen.

Leidtragender wäre mittelbar ein Fernsehen, das die Geisterspiele der Fußballbundesliga am Samstag am Ende doch noch etwas bereichern konnte. Weil Kino-Koproduktionen mittelfristig die Leinwand zur Rechtfertigung von Filmförderung fehlen könnte, macht sich schon jetzt das Fehlen oder Verschieben hausgemachter Formate im Programm bemerkbar.

Die Frischwoche

18. – 24. Mai

Um den Herbst nicht vollends auszudünnen, zeigt das Erste etwa anstatt des wichtigen Mittwochsfilms eine Wiederholung von Schnitzel de Luxe, während das Zweite am Samstag immerhin die ermittelnden Brüder Schwartz & Schwartz zeigt. Aber gut – obwohl Golo Euler und Devid Striesow dank der Humorbegabung von Regisseur Alexander Adolph auch im dritten Einsatz wunderbar dissonant harmonieren, geht Krimi natürlich immer in Deutschland.

Was ebenfalls immer gut geht, sind Biopics starker Frauen wie Astrid Lindgren, der die dänische Nachwuchsschauspielerin Alba August am Donnerstag (20.15 Uhr, ZDF) trotz fürchterlicher Synchronisation spürbare Dringlichkeit verleiht. Und das? War’s schon mit bemerkenswerter Fiktion des koproduzierenden Network-Fernsehens. Selbst die Dokumentarabteilung dämmert mit Die großen Kriminalfälle der Bundesrepublik vor sich hin, wenn das ZDF am Dienstag zum 2064. Mal den Mord an Rosemarie Nitribitt aufrollt.

Also, mal wieder, die Streamingdienste: der 18-teilige Krimiklumpatsch Stumptown um eine bildschöne (gähn), megatoughe (supergähn), beziehungsgestörte (megagähn), spielsüchtige (gigagähn) Privatdetektivin mit Militärbiografie ist ab Dienstag auf Sky womöglich deshalb noch so plump, weil er von der alten ABC stammt. The Plot Against America dagegen schreibt die Geschichte zwei Tage später an gleicher Stelle hochinteressant um: die Serie denkt sich ein Amerika aus, in dem 1940 der Faschist Charles Lindbergh an die Macht kommt und das Leben einer jüdischen Familie beeinflusst.

Und dann wäre da Teil 2 des Veteranen-Thrillers Homecoming auf (kauft nicht bei) Amazon-Prime. Ohne Julia Roberts, aber mit viel Mystery, wühlt sich Janelle Monaé ab Freitag durchs Geflecht eines dubiosen Pharmakonzern. Und das ist fast so exzellent wie die Karriere von Clint Eastwood. Zum 90. Geburtstag des schweigsamsten Action-Stars, schenkt ihm 3sat Sonntag (22 Uhr) zwei Wiederholungen der Woche: Sergio Leones Italowestern Für eine Handvoll Dollar von 1964 und die Fortsetzung Für eine Handvoll Dollar mehr. Ohne Umschweife zum Tatort: Borowski und die Rückkehr des Stillen Gastes von 2015 (Donnerstag, 20.15 Uhr, WDR) mit Lars Eidinger als Stalker mit Todesfolge.


Infodemiker & Bundesligaspieltage

Die Gebrauchtwoche

4. – 10. Mai

Nachdem auf Demos gegen staatliche Corona-Beschränkungen zuletzt bereits das Personal eines Online-Portals und der heute-show attackiert wurden, erwischte es am Donnerstag ein Team der ARD. Ungeachtet der Frage, ob die Angreifer links oder rechts sind, zählen Überfälle auf die Pressefreiheit also längst zur Normalität. Deshalb ist es auch bemerkenswerter, dass Videos, die den folgenden Polizeieinsatz ohne kausalen Angriff zeigen, häufiger geklickt werden als Ursache und Wirkung im Original.

Die Infodemie machtgeblendeter Biedermänner von Xavier Naidoo bis Attila Hildmann gewinnt also an Einfluss in einer Krise, die von verblüffender Rationalität, ja fast schon wissenschaftlicher Expertise geprägt schien. Ein Klima, in dem die Umfragewerte der obrigkeitsstaatlichen CDU ähnlich aufwärts schossen wie jene der führerstaatlichen AfD abwärts. Die Attacke von Berlin aber zeigt, wie das Pendel wieder in Richtung Irrationalität und Filterblase ausschlägt.

Da hätte man sich gewünscht, dass Joko & Klaas die 15 Minuten ihres Duells gegen Pro7 am Mittwoch für was Besseres genutzt hätten, als die freche Übertragung einer RTL-Sendung – aber gut, die Wünsche der Wohlmeinenden zerplatzen zurzeit wie die Träume von einer postpandemischen Entwirrung des präpandemischen Irrsinns. Anschauungsmaterial dafür lieferte der Bundesligist Hertha BSC. Dessen Profi namens Kalou drehte ein Kabinenfilmchen, das nachhaltig belegt, wie blauäugig die Annahme ist, ausgerechnet frühreiche Kindsköpfe wie er taugen als Versuchskaninchen eigenverantwortlichen Normalbetriebs.

Die Frischwoche

11. – 17. Mai

Entlarvender als die Einfalt infantiler Millionäre war aber, dass mal wieder der Bote schlechter Botschaften bestraft wurde, weshalb die Hertha ab Samstag ungeachtet der Quarantäne von Dynamo Dresden zwar ohne Zuschauer und Kalou, aber mit Körperkontakt seiner Kollegen zu sehen ist. Um Public-Viewing zu vermeiden, zeigt Sky die ersten zwei Erstligaspieltage kostenlos; weil dafür nur das Clubpersonal, aber nicht die Presse vor Ort getestet wird, die dafür im engen Ü-Wagen Kontaktverbot halten soll, bleibt das gesellschaftliche Signal fatal.

Es hätte also gepasst, wenn Arte den Schwerpunkt zum Thema Drogen am Dienstag um die DFL als Dealer der Volksdroge Fußball erweitert hätte. So aber geht es um Alkohol (20.15) und Amazon (21.45), bevor die lange Nacht des legalen Rausches mit der US-Doku Süchtig nach Schmerzmitteln endet. Schon interessant, dass ausgerechnet der erbarmungslose Konsumdealer (boykottiert!) Amazon ab Freitag in The Last Narc vier Teile lang einen Drogenkrieg von 1985 dokumentiert, während beim hauseigenen Nischenkanal Starzplay tags drauf die sehenswerte Opioid-Fiktion Hightown anläuft.

Immerhin artverwandt ist da die sechsteilige Real-Crime-Serie Gerichtsverfahren in den Medien, wo Netflix legendäre Strafverfahren aufrollt, bei denen die Presse mittendrin, statt nur dabei war. Eine Konstellation, mit der sich auf anderer Ebene heute Abend (22.45 Uhr) die ARD-Reportage Infokrieger über neurechte Medienmacher befasst. Für etwas Ablenkung vom zusehends zerrütteten Alltag sorgt da heute Abend das ZDF mit dem Familiendrama Ich brauche euch.

Mavie Hörbiger spielt darin eine beruflich erfolgreiche Unternehmerin, die plötzlich für zwei halbwüchsige Kinder ihrer toten Schwester verantwortlich ist – und macht das absolut glaubhaft. Während Sat1 mit der Maulwurfsuche The Mole mittwochs weiter beweist, mit wie wenig Liebe Fernsehen machbar ist, feiern ARD und Pro7 den ESC Samstag einfach ohne ESC und das ZDF den 70. Geburtstag ihres Quotenkönigs Thomas Gottschalk 24 Stunden später ohne Thomas Gottschalk. Was irgendwie gut zu den Wiederholungen der Woche passt.

Die bieten Dienstag (22 Uhr, ServusTV) mit Außer Atem ein Paradebeispiel cineastischer Selbstbefreiung von Jean-Luc Godard mit Belmondo und Jean Seberg als Gangsterpaar im schwarzweißen Cool der Sechziger. Ähnlich bekannt, aber deutlich jünger, ist Tom Hanks als Forrest Gump von 1994 (Mittwoch, 20.15 Uhr, K1). Und zwei Stunden später beim MDR immerhin hierzulande von Bedeutung: Der Irre Iwan, zweiter Tatort mit Tschirner/Ulmen als Dorn/Lessing in Weimar von 2014.


Struktursexismus & Gedenkmarathon

Die Gebrauchtwoche

27. April – 3. Mai

Julia Jäkel ist eine Frau an der Spitze eines deutschen Verlags, die den Weg dorthin kaum mit ihrem Geschlecht in Verbindung bringt. G+J hat halt eine Geschäftsführerin – das fand sie selber. Bis SAP mit Jennifer Morgan die einzige Frau an der Spitze eines Dax-Konzerns mangels „klarer Führungsstärke“ gefeuert und mit dieser männlichen Parade bewiesen hat, wie Corona die Emanzipation zurückdreht. Nicht nur, dass Frauen im Homeoffice viel Home bei wenig Office erledigen oder eben alles alleine; bei Telefonkonferenzen, schreibt Jäkel in einem Gastbeitrag der ZEIT, höre sie nun wieder „ausschließlich dunkle Männerstimmen“.

Ihr deprimierend deprimiertes Fazit: „Wir Frauen sind so viel weniger weit, als wir es dachten.“ Wenn Chefredakteur Steffen Klusmann den neoliberalen Medienmacho Nikolaus Blome als „starke liberal-konservative Stimme“ zurück zum gewohnt führungsfrauenreduzierten Spiegel holt, zeigt sich das jedoch für Jäkels Branche insgesamt. Wobei sie trotz und wegen Corona nicht nur unterm Druck marktradikaler, sondern demokratiefeindlicher Kräfte steht. Dass gut 20 Vermummte, die ein Team der heute-show am 1. Mai in Berlin aus einer rechten Demo heraus krankenhausreif geprügelt haben, wie kolportiert dem linken Milieu entspringen, darf angesichts des migrationshintergründigen Komikers Abdelkarim unter den Opfern jedenfalls als, nun ja, unwahrscheinlich gelten.

Auch die gehässige Reaktion der AfD belegt schließlich, dass die neuen Nazis physische Diskursverschärfungen mal mindestens mit Genugtuung betrachten. Und in dieser Eskalationsspirale steckt letztlich ja auch die struktur sexistische Castingshow Promis unter Palmen, in der eine Teilnehmerin so gemobbt wurde, dass Sat1 die Folge aus der Mediathek genommen hat. Besser wäre es zwar gewesen, das Format zu beerdigen. Aber Deutschland ist halt nicht Dänemark und Sat1 nicht DR1, der die strukturemanzipierte Politserie Borgen 2022 mit der 4. Staffel fortsetzen will.

Die Frischwoche

4. – 10. Mai

Bleibt zu hoffen, dass wir uns dann nicht mehr den Lockdown beim Bingen toller Serien vertreiben müssen. Oder Dokus mit Quarantäneschwerpunkt wie Kontaktsperre, mit der die preisgekrönten Hamburger Timo Großpietsch und Christian von Brockhausen heute (23.15 Uhr) im NDR die ersten Monate der Krise dokumentieren. Während das Erste deshalb sogar seinen ESC in zwei Sondersendungsimprovisationen an diesem und dem nächsten Samstag ersetzen muss, sorgen die Streamingdienste derweil für Ablenkung.

Ab Freitag (boykottiert!) Amazon mit der grandiosen Fantasy-Serie Dispatches from Elsewhere. Nach eigener Idee spielt Showrunner Jason Segel (How I Met Your Mother) darin den lebensmüden Peter, der mithilfe einer Geheimorganisation auf funkensprühende Glücksjagd geht. Ähnlich bizarr geht es für die Puppen der Stop-Motion-Serie The Shivering Truth zu, die vor zwei Jahren in den USA für Aufsehen sorgte und ab Donnerstag bei TNT zu sehen ist.

Weniger crazy ist da der Vierteiler I Know This Much Is True mit Mark Ruffalo in einer Doppelrolle als Zwillingspaar, dessen Existenz ab Sonntag auf Sky nach Jahren der Trennung schicksalhaft ineinander kracht. Aber tags drauf sorgt ja die französische Netflix-Serie The Eddy um einen Pariser Technoclub und seine Nachtgestalten für Entlastung mit Musik. Entlastung womöglich auch vom Gedenkmarathon zum 75. Jahrestag der Kapitulation, die heute mit der ARD-Doku Kinder des Krieges beginnt und Dienatag der 180-minütigen Archivstudie Berlin 1945 auf Arte weitergeht, der vielleicht besten Doku zum Thema seit Jahren. Während der 8. Mai seltsam frei von Erinnerung ist, gibt es dazu aber auch viele Wiederholungen der Woche.

Angefangen mit Bernhard Wickis Meisterwerk Die Brücke (Montag, 0.00 Uhr, HR), der es wie Wolfgang Staudtes Rosen für den Staatsanwalt schon 1959 schaffte, Deutschland mal nicht als Ort der Widerstandskämpfer zu zeigen. Gleiches galt für Frank Beyers Defa-Klassiker Nackt unter Wölfen von 1963, den Philipp Kadelbach 48 Jahre später (Mittwoch, 20.15 Uhr, ARD) nochmals radikalisierte. Zwischen revisionistisch und modern steht Oliver Hirschbiegels Der Untergang (Donnerstag, 20.15 Uhr, Kabel1), während Schindlers Liste zwei Tage zuvor an gleicher Stelle ohnehin über jeden Zweifel erhaben ist.


Öffnungsdiskussionsorgien & Biohackers

Die Gebrauchtwoche

20. – 26. April

In ihrer 14-jährigen Amtszeit war Angela Merkel selten eine Frau großer Worte. Die Medienrepublik lechzte zwar nach gesprochenen Headlines. Stattdessen bekam sie ihr „Wir schaffen das!“, was 2015 nur deshalb im Gedächtnis haften bliebt, weil es die Neonazis von Pegida bis AfD aufbläht hatten. Jetzt aber sorgte doch mal ein Satz der ewigen Kanzlerin auch links der völkischen Ecke für Wirbel: Öffnungsdiskussionsorgien.

Vor acht Tagen im Koalitionsausschuss geäußert, ist es der umstrittenste Kampfbegriff dieser Krisentage. Betrifft er doch das Wesen demokratischer Kompromissbildung: den Streit. Ihn mit einer solch unglücklichen Formulierung zu diskreditieren, unterhöhlt die Demokratie womöglich mehr als jedes Ausgehverbot. Merkel hier Kalkül vorzuwerfen, springt aber trotzdem auf den Zug populistischer Medien, die sich nichts sehnlicher wünschen als a) kompromisslose Führungskraft, solange sie b) nicht rational, sondern national handelt.

Diesbezüglich kann man der Bild bekanntlich viel vorwerfen: dass sie bis zur Selbstverleugnung rückgratlos ist und für ein bisschen mehr Auflage die Mütter der Chefredaktion an den IS verkaufen würde, dass sie ihr Publikum ähnlich verachtet wie ihre Gegner, dass sie im Grunde nicht mal Journalismus betreibt. Eins aber darf man der Papier und Pixel gewordenen Hölle moralischer Verwahrlosung nie unterstellen: dass sie sich nicht geldwert in Szene zu setzen versteht und dafür stets willfährige Komplizen gewinnt.

Nur so ist zu erklären, dass Armin Laschet und Markus Söder vorigen Dienstag mit den Chefs ihrer rentabelsten Heimclubs Karl-Heinz Rummenigge und Hans-Joachim Watzke die Fortsetzung der Bundesliga exklusiv bei Bild.TV verbreitet haben. Andererseits: wenn der Fußballkapitalismus sein hässlichstes Gesicht zeigt, ist es auch einfach angemessen, dies unterm Logo des menschenverachtenden Mediums werbewirksam ins Bild zu rücken.

Die Frischwoche

27. April – 3. Mai

Im Gegensatz zur deutschen Thriller-Serie Biohackers, die Netflix wegen pandemischer Anspielungen vom Donnerstag genommen hat, könnten im Mai also tatsächlich Geisterspiele bei Sky, DAZN und Telekom zu sehen sein. Dinge, die die Welt im Ausnahmezustand so wenig braucht wie einen Fernsehsamstag, an dem die ARD (Frag doch mal die Maus) und das ZDF (Andrea Berg), dazu RTL (Denn sie wissen nicht, was passiert) und Pro7 (Schlag den Star) simulieren, die Welt sei weiter im Normalzustand.

Andererseits ist es legitim, in Krisen nicht nur über Krisen zu reden, wie es ZDFinfo heute um 20.15 Uhr etwa mit den Sieben größten Verschwörungstheorien der Geschichte tut, sondern ein bisschen davon abzulenken. Es muss ja nicht gleich durchschaubar sein wie Christina Athenstädt anstelle der verstorbenen Lisa Martinek als blinde Anwältin Die Heiland, ab Dienstag im Ersten. Besser ist tags drauf an selber Stelle Hannelore Elsners letzter Film Lang lebe die Königin, wo sie sich in Gestalt einer verblassenden Diva ein wenig selber spielt.

Weil seine Hauptdarstellerin während der Dreharbeiten starb, hatte Regisseur Richard Huber die Idee, fehlende Szenen mit Kolleginnen von Iris Berben über Judy Winter bis Eva Mattes zu besetzen, was wider Erwarten weder manieriert noch peinlich ist. Diese Gefahr hat auch Deutscher (Dienstag/Mittwoch, 20.15 Uhr, Neo) knapp umschifft. Der vierteilige Nachbarschaftsstreit nach dem Wahlsieg einer rechtsextremen Partei ist zwar plakativ, aber ohne Pathos eindringlich. Und wer weiß – vielleicht gibt’s 2095 eine ZDF-Doku wie Wir im Krieg (Dienstag, 20.15 Uhr) mit Homevideos faschistischer Volksgenossen vorm Untergang.

Doch damit zurück zur Ablenkung vom Irrsinn überall, etwa mit Familie Willoughby, einer animierten Netflix-Komödie um vier Kinder, die so vernachlässigt werden, dass sie ihren Eltern eine Reise ohne Wiederkehr organisieren. Oder der britischen Medical Temple um ein Untergrundkrankenhaus für Ausgestoßene, ab Donnerstag auf Sky. Dann wäre da noch die (kauft nicht bei!) Amazon-Serie Upload vom Office-Erfinder Greg Daniels, in der man sich ab Freitag postmortal digitalisieren lässt. Und die Info-Doku White Boy Rich über den FBI-Dealer Richard Wershe ist ab Samstag real, aber vor allem ähnlich unterhaltsam wie die Wiederholungen der Woche.

Zum Beispiel Fred Zinnemanns schwarzweißer Kriegsfilmklassiker Verdammt in alle Ewigkeit über die letzten Tage vor Pearl Harbour von 1953 (Sonntag, 20.15 Uhr, Arte) oder kunterbunt: Unternehmen Petticoat (Montag, 20.15 Uhr, Arte), Blake Edwards‘ Antikriegsgroteske mit freundlich misogynem Unterton, der 1959 state of the art war, dank Cary Grant als Kommandeur eines rosa U-Bootes aber auch sehr lustig.


Ganz Deutschland & Das Boot

Die Gebrauchtwoche

13. – 19. April

Dass „ganz Deutschland“ irgendetwas kollektiv interessiert, gar diskutiert, bildete jahrzehntelang den Kern marketingbewährter Selbstüberschätzung (rechts)populistischer Massenmedien wie der Bild. Sein Wahrheitsgehalt liegt abseits von Fußballfinalrunden also noch niedriger als deren Hemmschwelle, auf Schwächere einzudreschen. Am Mittwoch aber hat dann doch mal „ganz Deutschland“ Interesse am Diskussionsgegenstand der (meist männlichen) Ministerpräsidenten entwickelt, als sie über die Lockerung des Lockdowns befanden.

Wie viel Normalität ab heute wieder zulässig ist, bleibt bislang zwar offen; ein Rückfall in den Urzustand zeigte sich allerdings schon Samstag: erstmals seit Wochen begann die Tagesschau nicht pandemisch, sondern mit 50 von Abertausenden Geflüchteter, die aus Griechenland nach Deutschland gekommen sind. Doch darüber hinaus war abgesehen vom Tod des journalistischen Urviechs Ulrich Kienzles aus einer Zeit, als Haltung noch diskurstauglich war, natürlich immer noch alles Corona.

Zum Beispiel in den USA, wo sich mit MSNBC der erste Sender aus Donald Trumps bizarren Pressebriefings geschaltet hat. Allerdings hält sogar sein Hofhundsender Fox mittlerweile nicht mehr bis zum Schluss durch, wenn sich der US-Autokrat seine Welt Tag für Tag zurechtlügt und dabei Tag für Tag vermeintliche Fake-News seriöser Medien anprangert. Etwa der New York Times, die das Kunststück fertigbringt, im 1. Quartal nach dem Spiegel die meistzitierte Zeitung Deutschlands gewesen zu sein und damit das notorische Lügenblatt Bild von Platz 2 zu verdrängen.

Wobei selbst die offen fiktionale Fiktion im Schatten der Krise steht. Und damit ist nicht gemeint, dass Dr. Kleist nach 2020 Jahren Dienst an der Menschheit selbigen quittiert oder Thore Schölermann als taff-Moderator den sexistischen Dienst an seinem Testosteronüberschuss kultiviert. Nein – um wegen der Produktionsunterbrechungen Engpässe zu vermeiden, verschiebt das ZDF seine beiden Neustarts Fritzie (Donnerstag) und Dan Sommerdahl (Sonntag) in den Herbst.

Die Frischwoche

20. – 26. April

Netflix dagegen reitet dank geschlossener Kinos weiter die Erfolgswelle einfallsloser Couchpotatoes und zieht seine Sport-Doku The Last Dance vor, in der ab heute die Chicago Bulls der Neunziger ums Jahrhunderttalent Michael Jordan gewürdigt werden, ohne ihm zu huldigen. Disney+ zeigt unterdessen, dass es die Stärken und die Schwächen des Konzerns dahinter gleichsam zu nutzen versteht. Der Tiernaturabenteuerfilm Togo verarbeitet die verbürgte Story eines zäh-süßen Schlittenhundes zu einer so mitreißenden wie aufdringlichen Fiktion.

Für die Fortsetzung von Das Boot Sky gilt ab Freitag auf Sky leider vor allem letzteres – auch, weil sich selbst ein versierter Regisseur wie Matthias Glasner nach dem Buch des Briten Colin Teevan nicht der revisionistischen Untertöne von Andreas Prochaskas 1. Staffel entledigen kann. Doch das gleicht die erstaunliche Romantic-Dramedy Run, in der sich Merritt Wever und Domhnall Glesson als Jugendliebe im Alter zwangsverpaaren, an selber Stelle locker aus.

Auf Arte zeigt derweil der frühere Fußballer Eric Cantona, was er auch als Schauspieler kann. Im französischen Sechsteiler Auf der Spur ist er ab Donnerstag ein Manager, dessen Bootcamp eskaliert. Wie immer solide: Ulrich Noethen als Hamburger Psychologe in der bedeutungsvoll düsteren Krimireihe Neben der Spur (Montag, ZDF). Weniger tiefgründig als brachial, aber schmerzhaft stichhaltig, präsentiert sich der jüdische Komiker Oliver Polak in seiner neuen Talkshow Besser als Krieg, ab Dienstag (0.00 Uhr, RBB).

Ein Schmankerl noch für Grobschmecker: Black Sabbath – The End (Freitag, 21.45 Uhr, Arte), Ozzy Osbournes letztes Konzert von 2017. Fast 90 Jahre älter ist die schwarzweiße Wiederholung der Woche dort: Der blaue Express (Montag, 23.30 Uhr, Arte), Ilja Traubergs Stummfilmklassiker, der die Klassengesellschaft am Beispiel einer Bahnfahrt von China nach Russland skizziert. In Farbe für den lustigen Abschaltimpuls: Mordkommission Istanbul, wo Erol Sanders Kommissar Özakin sein Publikum (2008 an der Seite Christine Neubauers) in seiner Puppenstubentürkei verachtet. Und der Tatort? Reist Mittwoch (22 Uhr, SWR) zum hessischen Albraumpaar Król/Kunzendorf (Es ist böse) von 2012.


Götzeee, Lindner & Warten auf’n Bus

Die Gebrauchtwoche

6. – 12. April

„Mach ihn! Er macht ihn! Mario Götzeee! Das ist doch Wahnsinn!!!“ Diese legendären Worte schrie Tom Bartels am 13. Juli 2014 ins Mikro, als der Fußball noch rollte und die AfD ein bedeutungsloser Sauhaufen war. Sechs Jahre später ist die AfD derselbe Sauhaufen, aber nicht mehr ganz so bedeutungslos, als anstelle der Sportschau das Endspiel von Rio als Re-Live läuft. Und ehrlich: was angesichts vom Osterwetter eigentlich keine Freizeitoption wäre, ist in Zeiten des Shutdowns besser als gar kein rollender Ball.

Während das Erste Sportkonserven wiederholt, erweitert es seine Hauptnachrichten weiter Tag für Tag mit einem ARD extra und definiert den Begriff der medialen Normalität dadurch Tag für Tag neu. Eine Normalität, zu der es auch gehört, dass der vulgärelitaristische Christian Lindner Tag für Tag mehr zum rechtspopulistischen Hetzer wird, dessen Opportunismus auf Twitter längst dem seines geistigen Ziehvaters Donald Trump gleicht – wie die Leugnung eigener Tweets zum „sofortigen“ Stopp der Einschränkungen plus Verbreitung angeblicher Sprechverbote belegt.

Dabei scheint im herrschenden Pandemie-Diskurs eigentlich nur moderne Geschlechterzuweisungen verboten zu sein. Deshalb feiern selbst seriösere Medien unisono „Ärzte“ und „Krankenschwestern“, „Zusteller“ und „Kassiererinnen“ als Helden ohne -innen, was dem Emanzipationsniveau misogyner Männerbünde von AfD bis FDP entspricht. Doch genug der Medienpolitik von heute, hinein ins Fernsehgeschehen von morgen – das zunächst eines von gestern ist. Denn der überraschendste Streamingerfolg dieser Tage ist definitiv Großkatzen und ihre Raubtiere, zu den Netflix die Doku Tiger King hierzulande umgetitelt hat.

Die Frischwoche

13. – 19. April

In ihrem Psychogramm amerikanischer Privatzoo-Besitzer, deren Tierparks mehr Tiger bevölkern als die freie Wildbahn, nehmen Rebecca Chaiklin und Eric Goode ein bizarres Milieu unter die Lupe, vermischen es mit einer mysteriösen Mordgeschichte und machen daraus das erfolgreichste Streaming-Produkt des Lockdowns. Mit bizarren Sujets interessant zubereitet aus der Nische ins Rampenlicht: das wünscht man auch der fabelhaften RBB-Serie Warten auf’n Bus.

Ronald Zehrfeld und Felix Kramer spielen darin ab Mittwoch um 22 Uhr ein achtteiliges Open-Air-Kammerspiel, bei dem sie als langzeitarbeitslose Brandenburger die Zeit am Wartehäuschen vertrödeln, Busfahrerin Katrin (Jördis Triebel) anhimmeln und in aller Stille Beckett’schen Provinznihilismus von höchster Güte zelebrieren. Ein klein wenig dieser Effektreduktion wäre am Freitag auch dem Netflix-Blockbuster Betonrausch zu wünschen gewesen. Doch die angeblich realitätsgetreue Story zweier Immobilienbetrüger im spekulationswütigen Berlin ist trotz inniger Darstellung von David Kross und Frederick Lau so klischeehaft, dass sie auch auf Pro7 laufen könnte.

Dort also, wo Dienstag zuvor wegen einer Corona-Quarantäne nicht wie geplant The Masked Singer ins Finale geht. Bemerkenswerter ist Zoey’s Extraordinary Playlist, mit der Sky ab Sonntag die furiose Idee in Serie setzt, dass ihre Hauptfigur die Gedanken anderer als Popsongs lesen kann. Etwas gewöhnlicher und doch außergewöhnlich originell in Szene gesetzt, ist da der Einfall von Joyn, ab Donnerstag die „Sadcom“ genannte Tragikomödie Mapa um einen alleinerziehenden Vater zu starten.

Voll aus dem Leben und doch artifiziell sind Die Getriebenen um 800.000 Geflüchtete, die das Land 2015 aus Sicht von Christian Lindner und der AfD ins Chaos gestürzt haben soll. Die fiktionalisierte Form von Merkel (Imogen Kogge) bis Gabriel (Timo Dierkes) folgt am ARD-Mittwoch zwar oftmals ihrer Funktion; insgesamt aber ist das Politdrama nach Robin Alexanders Buch so erhellend wie unterhaltsam und gleicht damit Emily Atefs grandiosem Romy-Schneider-Porträt 3 Tage in Quiberon, das Arte parallel dazu mit anschließender Doku zeigt.

Der Tatort-Tipp ist diesmal keine Wiederholung, sondern Das fleißige Lieschen. So heißt die Premiere von Vladimir Burlakow und Daniel Sträßer als biografisch verlinktes Duo im Saarland, das heute parallel zu Elizabeth Taylor als quietschbunte Cleopatra auf 3sat läuft, veröffentlicht 1963, also zugleich zum schwarzweißen Evergreen Lautlos wie die Nacht (Sonntag, 20.15 Uhr, Arte) mit Jean Gabin und Alain Delon als Gaunerdouble, aber zehn Jahre jünger als Wie angelt man sich einen Millionär? (Freitag, 22.30 Uhr, BR) mit Marilyn Monroe als deren Bild in der Öffentlichkeit.