Staatsdoping & Sprachinstitut

Die Gebrauchtwoche

4. – 10. Dezember

Das Jahr 2018 wird ein Sportjahr. So viel ist selbst dann abzusehen, wenn FIFA und IOC irgendwann mal Korruption oder Staatsdoping als Rechtsbrüche behandeln. Beides, die Sache mit dem Sportjahr und die mit der nachlässigen Behandlung schwerster Vergehen durch die verantwortlichen Verbände, sind fürs Fernsehen prima Nachrichten. Da das Publikum schwerfällig, faul und tendenziell hedonistisch ist, wird es sogar dann fleißig einschalten, wenn die ARD das Eröffnungsspiel der (des Staatsdopings verdächtigen) Nationalmannschaft des (der Korruption verdächtigen) Gastgebers Russland überträgt.

Nicht ganz so gute Einschaltquoten beschert dem Ersten hingegen die Deutsche Tourenwagen Meisterschaft, eine Autorennserie der stumpfesten, umweltschädlichsten, chauvinistischsten Art. Dennoch wurde die Übertragung 18 Jahre lang mit Gebührengeldern finanziert. Bis jetzt: die DTM wandert ab 2018 zu Sat1. Das ist eine gute Nachricht. Umso mehr fragen sich Menschen mit Bildung und/oder Verstand, warum ein seriöses Vollprogramm wie die ARD benzinsüchtige Männer überhaupt so lange dabei gefilmt hat, wie sie stinkend im Kreis fahren. Brummbrumm. Herum, herum, herum. Ab und zu Bumm. Wie leicht Menschen doch zu unterhalten sind, sobald ihnen ein X-Chromosom mutiert…

Weil sie, wir, die Männer aber auch sonst ziemlich viel Unsinn machen, der dem Intellekt sogar noch etwas mehr wehtut als die Existenz der DTM, stockt YouTube demnächst die Abteilung zur Löschung jugendgefährdender, gewaltverherrlichender und sonstwie verwerflicher Inhalte auf gut 10.000 Mitarbeiter auf. Klingt viel, ist angesichts von derzeit 65 Jahren Inhalt, die dort jeden Tag hochgeladen werden, aber immer noch viel zu wenig für ein Netz ohne Dummheit. Apropos: RTL Crime, so wurde grad bekannt, gibt seine erste Serie in Auftrag.

Jetzt könnte man meinen, das wird irgendwas mit Männern, die im Kreis Auto fahren. Brummbrumm. Herum, herum, herum. Ab und zu Bumm. Aber Pustekuchen: der Sechsteiler ist ein Remake des schwarzweißen Klassikers M – Eine Stadt suche einen Mörder, und gedreht wird es von David Schalko, der das Fernsehen mit Altes Geld oder Braunschlag für den Aberwitz geöffnet hat. Darauf freuen wir uns also ebenso wie auf Stranger Things, deren Fortsetzung gerade von Netflix verkündet wurde.

Die Frischwoche

11. – 17. Dezember

Schon jetzt freuen dürfen wir uns aufs Serienfinale vom Club der roten Bänder, dessen dritte und letzte Staffel heute Abend auf Vox endet. Auch zwei Kinoadaptionen dürften diese Woche zumindest all jenen Freude bereiten, denen ein Viertel Sendezeit Werbung nichts ausmacht. Mittwoch zeigt Pro7 nämlich Daniel Brühl und Emma Watson im Griff der chilenisch-deutschen Sekte Colognia Dignidad. Und am Sonntag folgt RTL mit der jüngsten Tarantino-Groteske The Hateful Eight, in der Kurt Russell als Kopfgeldjäger viiiel Kunstblut spritzen lässt, das auch so aussehen soll.

Ganz ohne Ekelfaktor kommt hingegen der ARD-Filmmittwoch Hit Mom aus, den das Erste mit Mörderische Weihnachten untertitelt, damit die Geschichte um eine Putzfrau (Anneke Kim Sarnau) als unfreiwillige Auftragskillerin auch ja ein bisschen in der Zielgruppe der Krimifans andockt. Egal – trotzdem sehenswert. Das würde man von Das Institut auch gern behaupten. Aber die Nischenproduktion des BR, der den Achtteiler ab Mittwoch vorab in seine Mediathek stellt, ist weit weniger gelungen als der Plot einer deutschen Bildungseinrichtung am Kundus vermuten ließe. Schade eigentlich – Christina Große als Institutsleiterin müht sich wirklich redlich, der Culture-Clash-Komödie Leben einzuhauchen.

Das Prinzip online first vorgemacht hat zuletzt der Jugendkanal Funk. Dort begann vor gut einem Jahr die Mystery-Serie Wishlist, deren Fortsetzung am Donnerstag ins Netz geht, während das Erste die erste Staffel zwei Tage drauf um 0.10 Uhr wiederholt. Das sollte man sich beides ansehen, wirklich! Ebenso wie die Dokumentationen der nächsten Tage. Angefangen mit Der große Zampano, die am Dienstag um 22.45 Uhr im ZDF fachkundig und ein bisschen verspielt dem Medienmogul Leo Kirch gedenkt. Tags drauf dann beschäftigt sich der Ableger Info ab 20.15 Uhr in gleich vier Filmen am Beispiel von Reichsbürgern, Ökofaschisten oder US-Nazis mit dem Rechtsruck der Weltpolitik. Und irgendwie passend dazu zeigt Arte um 22.10 Uhr den Film Das Ende der Unschuld, in dem Zeitzeugen das Jahr des Epochewechsels in die Barbarei beschreiben. Abgesehen vom 25. Jubiläum des GZSZ-Fieslings Jo Gerner am Freitag blieben da also nur noch die Wiederholungen der Woche.

Zum 100. Geburtstag der UFA erinnert Arte am Montag um 20.15 Uhr an Kurt Gerrons Schwarzweißfilmlegende Der blaue Engel von 1930 mit Marlene Dietrich und Emil Jannings im fatalen Zusammenspiel, gefolgt von Veit Harlans Opfergang (22 Uhr) von 1944, in dem Hitlers Lieblingsregisseur mal nicht zum Durchhalten des Faschismus aufrief. Aus einer antifaschistischen Tradition geboren ist der Farbtipp Die verlorene Ehre der Katharina Blum, die kurz vorm deutschen Herbst unter der Regie von Volker Schlöndorff nur scheinbar fiktiv ins Visier von Staatsschutz und Boulevardpresse gerät. Kein Wunder, dass die Springer-Presse 1975 zum Boykott aufrief. Eher unpolitisch ist dagegen der wiederholte Tatort: Hendrik Handloegtens hessischer Fall Der Tote Chinese (Montag, 22.15 Uhr, RBB) mit dem brillanten Duo Dellwo/Sänger von 2008.

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Schulz-Ende & Abendgeschichten

Die Gebrauchtwoche

27. November – 3. Dezember

Ach Mainz, du große Provinzhauptstadt, du kleine Hauptstadtprovinz, du Leuchtturm bundesdeutscher Betulichkeit im wilden Meer der Globalisierung, du Hort knuddeliger Comicmännchen und pfälzischer Innereiengerichte – da erschaffst du im mausgrauen Leitmedium der formierten Gesellschaft eine Talkshow ohne Phrasendrescherei, und was tust du in deinem Kleinmut mit Schulz & Böhmermann? Setzt das einzig experimentelle Talkformat der vierten Säule öffentlich-rechtlicher Grundversorgung neben Krimi, Krimi, Krimi und ein paar Nachrichten ab, einfach so. Tschüss.

Das allein wäre schon schlimm genug, würde das Abschiedsargument nicht wie so oft lauten, die Quote sei halt einfach unzureichend gewesen. Leider, leider. Schade. Äh, Quote? Bei ZDFneo? Dem kultiviert gemeinten Kanal für die Generation Discman, auf dem dann aber doch eher Wiederholungen aus der Generation Walkman laufen und nur sehr selten mal was für die Generation iPhone? Als Oli Schulz und Jan Böhmermann gestern letztmals die Regeln des Gesprächsgenres zertrümmert haben, war damit auch eins der letzten Reste Aberwitz mit Eigensinn für Zuschauer diesseits der 40 im linearen Programm Geschichte.

Das ist umso deprimierender, als Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf bei Pro7 einfach immer weitermachen mit der Unterwanderung tradierter Sehgewohnheiten – und das zur besten Sendezeit. Am Samstag zum Beispiel war Die beste Show der Welt zwar bis an den Rand der Unzurechnungsfähigkeit albern, dabei jedoch inspirierter, lustiger, vor allem glaubhaft leidenschaftlicher als alles, was ARD und ZDF fürs jüngere Publikum zustande bringen. Zumal erstere vor ein paar Tagen angekündigt hat, bald das nächste Reisebüro des TV-Kriminalwesens zu eröffnen.

Die Frischwoche

4 – 10. Dezember

Mit Hannes Jaenicke als Holländer. Beim Mörderjagen in Amsterdam. Es ist sooo ermüdend, so wahnsinnig ermüdend. Und diesen Donnerstag geht ja schon der nächste Kommissar auf Butterfahrt ins benachbarte Ausland, genauer: Über die Grenze. Zur besten Sendezeit leitet Thomas Sarbacher fortan eine deutsch-elsässische Polizeieinheit. Zum Auftakt beginnt das gleich mal erwartbar hölzern. Und auch, wenn das Ganze im Laufe der 90 Minuten durchaus Eigensinn entwickelt – das ARD-Motto bleibt adenauerhaft: Keine Experimente.

Dabei gibt es sie doch, die Momente kreativer Herausforderung, die Augenblicke unerwarteter Verstörung. Man muss sie halt nur etwas suchen. In der ARD zum Beispiel, wo Stephan Lamby und Egmont R. Koch heute Abend um 22.45 Uhr mit ihrer Dokumentation Bimbes – Die schwarzen Kassen des Helmut Kohl abermals beweisen, wie viel Kraft investigativer Journalismus entfalten kann. Auch der NDR versteckt seine Perlen lieber zur Geisterstunde. Denn wenn der österreichische Satiriker Dirk Stermann am Freitag zum vierten Mal vier Gäste zur Geschichte eines Abends in ein verschrobenes Mietlokal auf St. Pauli lädt, wird es mit Ulrich Matthes, Karoline Herfurth, Mario Basler, Ina Müller abermals grandios. Grandios versoffen, grandios verraucht, grandios anarchistisch, auch mal grandios schweigsam, ergo: grandios grandios.

Tummeln wir uns also einfach weiter in den Abseiten des Fernsehens. Beim gleichen Sender etwa, wo am Dienstag zur selben Uhrzeit die eindrückliche Dokumentation Deportation Class von Carsten Rau und Hauke Wendler über eine Sammelabschiebung von der Planung über die Festnahme bis zu Ankunft im Fluchtland läuft. Ein artverwandtes Thema, allerdings mit erfrischend optimistischem Tonfall, behandelt der BR in der wunderbaren Reportage Girls Don’t Fly. Auf dem Dokumentarfilmplatz DoX handelt sie am Mittwoch um 22.45 Uhr von einer Gruppe junger Frauen, die im zutiefst chauvinistischen Ghana eine Flugschule besuchen, anstatt den vorgezeichneten Weg als Hausfrauen und Mütter zu beschreiten.

Den emanzipatorischen Sound darf man auf keinem Fall mit dem auf Vox vergleichen, wo sechs prominente Mütter von Ute Lemper bis Verona Pooth ab Dienstag ihr Leben Mit Kind und Karriere schildern. Das ist aus zwei Gründen strikt systemerhaltend: Zum Einen werden Menschen skizziert, die von Alltagssorgen weiter entfernt sind als RTL2 von einem Vollprogramm. Zum anderen müssen mal wieder Frauen erklären, wonach man Männer noch immer nie fragt: wie man Beruf und Brut vereinbart. Das alles manifestiert ein Geschlechterbild jener Epoche, die Netflix ab Freitag mit der 2. Staffel von The Crown beleuchtet: Das Nachkriegszeitalter der englischen Monarchie.

Das Kriegszeitalter des Faschismus koloriert die ursprünglich schwarzweiße Wiederholung der Woche nach. Zum 100. UFA-Geburtstag zeigt Arte heute (23.35 Uhr) Veit Harlans indoktrinierenden Durchhaltefilm über ein deutsches Städtchen namens Kolberg, dessen Bevölkerung sich tapfer Napoleons Truppen entgegenstellt. Ein subtiles Propagandawerk von 1944, das im Licht der Erkenntnis allerdings sehr sehenswert wird. Historisch parallel spielt Peter Weirs Blockbuster Master and Commander von 2003 (Mittwoch, 20.15 Uhr, K1). Augenscheinlich ein typischer Mantel-und-Degen-Film, entspinnt sich unter der Bildgewalt ein brillantes Psychogramm menschlichen Machtstrebens mit Russell Crowe als Kapitän auf Rachefeldzug. Weniger opulent, aber irgendwie auch psychoaktiv ist der Tatort-Tipp: Mittwoch (21 Uhr, HR) kehrt Ulrich Tukur nochmals in Das Dorf zurück, wo sein krebskranker Kommissar Murot 2011 den zweiten Einsatz hatte. Bizarrer geht’s kaum.


Medienmogule & Trash Detektive

Die Gebrauchtwoche

20. – 26. November

Ach ProSiebenSat1, du aufmüpfiges Gör mit Flausen im Kopf und Dollarzeichen im Auge, du ergrauter Paradiesvogel des dualen Zeitalters, der sich als Platzhirsch langsam wundliegt im gemachten Bett früherer Bedeutsamkeit, du lustiger, launischer, latent langweiliger, aber immer noch irgendwie kreativer Gernegroß aus dem Münchner Speckgürtel – ist dein Ende etwa nahe? Das dachte man ja schon, als dich der Medienmogul Haim Saban vor einst an ein paar geldgierige Heuschrecken verscherbelt hat. Nun stößt du Thomas Ebeling wegen aufrichtiger Abfälligkeiten übers eigene Publikum vom Thron und wunderst dich, dass es mit und ohne den Chemielaboranten an der Spitze gleichermaßen bergab geht. Man müsste fast Mitleid mit dem Mischkonzern haben, der uns Pastewka oder die Simpsons, Stromberg und Christian Ulmen geschenkt hat.

Hat man aber irgendwie nicht.

Genauswenig wie mit Ebelings früherem Gehaltsklassenbuddy Thomas Middelhoff, der gerade aus dem Knast freigekommen ist, aber selbst dort offenbar alle Fäden in der Hand gehalten hatte. Wie anders ist zu erklären, dass er fürs Porträt Absturz eines Topmanagers der WDR-Reihe Menschen hautnah offenbar einen Vertrag aushandeln konnte, der dem gefallenen Bertelsmann-Boss ein Mitspracherecht im journalistischen Produkt einräumte, das deshalb vorigen Donnerstag nicht gezeigt werden durfte? Um derlei Umtriebe selbst hinter Gittern durchzusetzen, war Thomas Middelhoff womöglich beim ausdauernd fiesesten Serienbösewicht des deutschen Fernsehens in der Lehre: Jo Gerner.

Seit genau 25 Jahren wird der GSZS-Strippenzieher von Wolfgang Bahro gespielt, der nie was anderes von Belang machen musste. Warum auch? RTL schenkt ihm zum Jubiläum ja sogar eine Web-Serie, in der all seine Gemeinheiten auf 30 Minuten verdichtet werden. Bei so viel Beharrlichkeit des Abgründigen kann man eigentlich nur eins hoffen: Dass die klischeetriefend saftige Historienschnulze Charité nur noch dieses eine Mal fortgesetzt wird und nicht ebenfalls bis in alle Ewigkeit. Die Ankündigung, derzeit entstünden neue Folgen, war ja für alle, die sich vom Fernsehen mehr Eigensinn und Mut erhoffen, überaus ernüchternd.

Die Frischwoche

27. November – 3. Dezember

Wie schön wäre es doch demgegenüber, wenn Serien wie die herausragende Milieustudie 4 Blocks des Spartensenders TNT nicht wie bei der morgigen Free-TV-Premiere ins Nachtprogramm des Spartensender ZDFneo verschoben würde, sondern dorthin, wo man es auch findet. Na gut – freuen wir uns dennoch über die Doppelfolgen vor Mitternacht. Gibt ja noch Mediatheken. Dort sollte sich vorm zweiten Teil des ARD-Dramas Brüder am Mittwoch über den Werdegang eines deutschen Salafisten unbedingt den ersten ansehen, wer ihn vorige Woche verpasst hat. Es lohnt sich!

Ungefähr so sehr wie eine kleine Perle alternativen Entertainments, das am gleichen Abend um 23 Uhr im SWR läuft: Trash Detective ist eine Krimi-Groteske mit geringem Budget und schwäbischem Akzent, die mit davidlynchiger Absurdität glänzt, ohne gänzlich ins Mysteriöse abzugleiten. Lohnt sich also auch. Ungefähr so natürlich auch wie die erste deutsche Netflix-Serie Dark, die am Freitag feierlich Eröffnung feiert. Das Thema zweier verschwundener Kinder in der Provinz mag plakativ klingen, doch wie Baran bo Odar daraus ein Sittengemälde bürgerlicher Befindlichkeiten montiert, das ist schon unheimlich sehenswert. Apropos unheimlich: In Das Nebelhaus kriegt es Felicitas Woll am Dienstag, 20.15 Uhr, auf Sat1 nach Eric Bergs gleichnamigem Bestseller als Journalistin auf einer Ostseeinsel mit der eigenen Vergangenheit zu tun, die so geheimnisvoll ist, dass die Nebelmaschine glüht. Lohnt sich gar nicht.

Aber wer Spannung mit dem Holzhammer mag – nur zu. Wer Tatort mag, wird am Sonntag vom norddeutschen BKA-Duo Franziska Weisz und Wotan Wilke Möhring ebenfalls gut bedient. Schon weil das Drehbuch von Sabine Bernardi (Club der roten Bänder) stammt – eine der ganz wenigen Frauen im Fach. Einer der ganz wenigen Regisseure, die ihre Homosexualität nicht nur offenlegen, sondern filmisch verarbeiten, ist Rosa von Praunheim. Zu seinem 70. Geburtstag am vorigen Samstag schenkt ihm der WDR heute (23.50 Uhr) die Eloge Rosakinder, in der ihm Kollegen von Tom Tykwer über Chris Kraus bis Robert Thalheim die Ehre erweisen.

Da will Arte natürlich nicht hintanstehen und zeigt am Mittwoch gleich nach dem oscarprämierten Drama Das Piano“ von 1994 mit Holly Hunter als zwangsverheiratete, stumme Pianistin Praunheims Porträt Der Einstein des Sex über den schwulen jüdischen Arzt Magnus Hirschfeld von 1999. Womit wir mitten in den Wiederholungen der Woche sind, die aber noch kurz warten müssen, um eine Dokumentation anzupreisen. Montag um 22.45 Uhr zerlegt die ARD das Das System Amazon, also ein Unternehmen, dessen Ziel es ist, alles zu zerstören, was Gesellschaften beisammen hält, um auf den Trümmern die eigene Allmacht zu feiern. Hoffentlich dürfen wir an dieser Stelle irgendwann mal Amazon – das Ende eines Weltkonzerns vorstellen.

Bis dahin feiern wir, dass Arte am Donnerstag ab 23.10 Uhr die erste Staffel der unfassbar guten Serie Top of the Lake mit Elisabeth Moss als Polizistin, die in der neuseeländischen Provinz ein verschwundenes Mädchen sucht, am Stück wiederholt. In Schwarzweiß empfehlenswert: Der zweite Atem, Jean-Pierre Melvilles Film Noir von 1966 (Montag, 20.15 Uhr, Arte) mit Lino Ventura als alternder Gangster bei seinem letzten Coup. Und der Tatort-Tipp (Mittwoch, 21 Uhr, HR) führt uns zurück zum ersten Einsatz von Felix Murot, der in Wie einst Lilly atmosphärisch ausgefuchst erklärt, was es mit dem Anagramm seines Nachnamens auf sich hat.


Bambiboulevard & Glaubensbrüder

Die Gebrauchtwoche

13. – 19. November

So, so. Fett, arm, faul und wer weiß, vielleicht auch noch blöde findet der auch keineswegs drahtige, aber reiche, rührige und wer weiß, vielleicht auch noch kluge Thomas Ebeling also sein Publikum, wie der Mediendienst DWDL aus einer Telefonkonferenz mit Analysten zitiert. Damit versucht der Vorstandsvorsitzende zu erklären, warum das verfettende, armselige, denkfaule, allzu oft saublöde Programm der ProSiebenSat1 Media SE auf längere Sicht das Millionengehalt seines CEO finanziert. Wenn die verunglimpften Zuschauer sich da mal nicht klüger zeigen als vom früheren Versicherungsmanager erhofft und dessen TV-Angebot fortan abschalten…

Für diese Art Offenheit trennt sich der Konzern einvernehmlich (also gewiss mit fürstlicher Abfindung) vom Chef, obwohl er im Grunde nur gesagt hat, was das zynische Programm Tag für Tag in die Wohnzimmer brüllt: Weil es bequemer, vor allem billiger ist als kostenpflichtige Streamingdienste, verbringt das wenig solvente Publikum den Feierabend vielfach mit dem größten Mist, anstatt besseres zu tun. Nichts zum Beispiel. Wobei es hierzulande selbst das Nichts mitunter schafft, ins Rampenlicht zu treten. Nur so ist zu erklären, dass vor acht Tagen bei Anne Will ständig die Beine von Verona Pooth im Bild waren, wie es öffentlich-rechtliche Kameramänner bereits bei Katja Suding (FDP) und Frauke Petri (äh…) getan hatten.

Nur so ist aber auch zu erklären, dass vorigen Donnerstag neben Glitzergestalten wie Tom Jones, Helene Fischer oder Arnold Schwarzenegger für eigens auf sie zugeschnittene Kategorien wie “Mut” auch Heino Ferch und Alicia von Rittberg den Bambi als beste Schauspieler*in/National erhalten haben. Zugegeben: In der unterhaltsamen Suter-Verfilmung Allmen gab der geradeste Rücken des deutschen Heldenfernsehens eine prima Figur ab. Und die hinreißende Nachwuchsschauspielerin von Adel verlieh dem Klinikschinken Charité im Ersten zumindest einen kleinen Rest an Würde. Dennoch: Beste Schauspielerei, lieber Burda-Boulevard, hat nix damit zu tun, bei einer promisüchtigen Preisverleihung Glanz auf die ARD-Bühne zu bringen, sondern mit bester Schauspielerei. Und davon gibt es 2017 gefühlt 200 Filme, die davon weit mehr zu bieten haben.

Die Frischwoche

20. – 26. November

Einer davon läuft diesen Mittwoch. Im ARD-Zweiteiler Brüder spielt der hochtalentierte Edin Hasanovic einen Wohlstandsverlierer, den das verpatzte Leben in die Arme radikaler Islamisten treibt. Ein herausragendes Psychogramm von Zülid Aladag, das über den zweiten Teil am Mittwoch drauf nachhallen dürfte. Wenn auch nicht bei der Bambi-Verleihung 2018, versteht sich. Auch ein anderer Schauspieler mit großem Potenzial, aber geringem Glitzerfaktor dürfte dort wieder fehlen: Aljosha Stadelmann. Erst kürzlich hat der Rheinländer einen Tatort mit Maria Furtwängler zum Ereignis gemacht, Samstag spielt er zum zweiten Mal den Harzer Dorfpolizisten Frank Koops, ein Harter Brocken, an dem fiese Verbrecher im furiosen Westernfinale abermals abprallen wie Niveau an der Regenbogenpresse.

Auch Netflix zeigt diese Woche, welche Relevanz Fernsehen haben kann, wenn alle Beteiligten ernsthaft Interesse daran zeigen. Produziert von Steven Soderbergh brilliert die Western-Reihe Godless ab Mittwoch sechs Folgen mit Jeff Bridges als Rächer im Reich des Unrechts, der es mit einem Dorf schießwütiger Cowgirls zu tun kriegt, was mindestens so irre ist, wie es klingt, vor allem aber ganz großes Kino. Ein Ort, den im übertragenen Sinne auch Boris Becker bewohnt. Was immer von ihm zu berichten ist, wirkt wie von Hollywood inszeniert. Derlei A-Promis mit C-Promi-Allüren lassen sich gemeinhin bestens porträtieren – was Michael Wech und Hanns-Bruno Kammertöns in ihrem Psychogramm Der Spieler Montag um 20.15 Uhr im Ersten auch mit der gebotenen Distanz zum schlingernden Tennisstar tun, der am Mittwosch 50 Jahre alt wird.

Gänzlich distanzlos ist dagegen Kuschelmoderator Kai P., wenn er Donnerstag (23.30 Uhr) an gleicher Stelle seinem Idol huldigt, was schon der Titel auf den Punkt bringt: Pflaume feiert Dieter Hallervorden. Vor so viel Lobhudelei könnte einem glatt die Milch im Kaffee sauer werden. Womit wir, sorry für die plumpe Überleitung, bei einem wichtigen Themenabend auf Arte sind. Angefangen mit der Doku Das System Milch, beleuchtet der Kulturkanal am Dienstag ab 20.15 Uhr die Machenschaften der Ernährungsindustrie, dicht gefolgt von Bananen und Republiken übers System der United Fruit Company alias Chiquita.

Die Machtlosigkeit der Menschheit vor so viel legaler Kriminalität ist derart deprimierend, dass jetzt sofort die Wiederholungen der Woche zur Entspannung folgen. Am Sonntag zeigt Arte zur besten Sendezeit den französisch-italienischen Juwelenraubklassiker Vier im roten Kreis von 1970 mit Yves Montand, dem im Anschluss ein schönes Porträt gewidmet wird. Montag zuvor zeigt Arte ebenfalls ein ansehnliches Doppelprogramm: Norman Jewisons Südstaatenepos In der Hitze der Nacht (1966), in dem Sidney Poitier als Virgil Tibbs an die Seite von Rod Steiger als rassistischer Bulle gerät (Montag, 20.15 Uhr). Im Anschluss läuft die schwarzweiße Provinzstudie Der Rabe aus dem besetzten Frankreich von 1943, in dem der Weltkrieg nur am Rande vorkommt. Und im Tatort-Tipp Der Fall Schimanski (Dienstag, 22.10 Uhr, WDR) rutscht der 1991 noch immer recht unkonventionelle Ermittler in eine Politaffäre.


Disneyshopping & Lobbyisten

Die Gebrauchtwoche

6. – 12. November

Noch ist es nicht viel mehr als das Rauschen im Kabelwald, aber Disney, so wird kolportiert und so reagierten natürlich schnell auch die Börsenkurse, will ein paar der harmloseren Bestandteile von Rupert Murdochs reaktionärem Kriegsschiff Fox kaufen, darunter das progressive Feigenblatt Die Simpsons. Disney, das ist übrigens auch jene Blockbusterfabrik, die der Los Angeles Times unlängst den Zutritt zu ihren Kino-Previews verweigerte, weil das renommierte Blatt kritisch übers Steuergebaren des Medienmegakonzerns beleuchtet hatte – was im zerklüfteten Medienzirkus USA eine erstaunliche Welle der Solidarität mit den Kollegen entfachen half.

Dabei hatte er, also besagter Zirkus, in der vorigen Woche eigentlich alle Hände voll zu tun. Theoretisch. Praktisch allerdings erhitzte das nächste Massaker im waffenstarrenden Amerika die Gemüter selbst daheim nur vergleichsweise kurz, während die Berichterstattung über das andere Großereignis dieser Tage auch global quasi gegen Null ging – zumindest gemessen an dessen grandioser Bedeutung: Der Klimagipfel in Bonn lief auf fast allen Kanälen mehr so nebenbei, als sei da ja irgendwie auch was los in der früheren Hauptstadt, wenn auch nichts von größerem Belang.

Darauf ein Gläschen eskapistischen Schampus bei der dramaturgisch belanglosesten Gala dieser ausklingenden Film- und Fernsehsaison: Donnerstag verleiht Burda bereits zum 69. Mal seinen Bambi, den die ARD in allen Ernstes als “wichtigsten deutschen Medienpreis” ankündigt. Das ist zwar so, als würde man die Bunte als wichtigstes deutsches Nachrichtenmagazin bezeichnen, aber gut – das Erste überträgt die Verleihung Trophäe am Donnerstag ja auch wie immer zur besten Zeit live und schmückt sich dabei auch mit Hugh Jackman, der sicher nicht nur deshalb als – bruha – „Bester Schauspieler International“ ausgezeichnet wird, weil er zufällig grad Zeit hat.

Die Frischwoche

13. – 19. November

Ein paar der künstlerisch  relevanteren Hollywood-Größen sind dagegen Dienstag um 23.40 Uhr in der ZDF-Doku Stars gegen Trump zu sehen, die den Widerstand des kreativen Amerika gegen den Präsidenten skizziert. Dessen Amtsführung mag an rechtspopulistischem Irrsinn kaum zu überbieten sein; einem echten Faschisten allerdings widmet ZDFinfo am Dienstag gleich drei Stunden am Stück: Die Wahrheit über Franco skizziert den spanischen Diktator, der sein Land bis 1975 fast 40 Jahre beherrscht hatte, ausgiebiger denn je. An die Macht hatte er sich 1936 auch mit Hilfe eines Gesinnungsgenossen im Deutschen Reich geputscht: Heinrich Himmler. Arte porträtiert den SS-Führer zeitgleich als Der Anständige.

Auf weniger drastische, nach demokratischem Maßstab aber ebenfalls unanständige Art und Weise agieren die ebenso gewissen- wie skrupellosen Interessenvertreter wirtschaftlicher Interessen im Umfeld des Bundestags. Deren Umtrieben widmet sich eine Miniserie auf ZDFneo ab Mittwoch, 21.45 Uhr. Rosalie Thomass ist Die Lobbyistin, ein MdB, das dank einer Intrige ihr Mandat abgibt und die Seiten wechselt. Das ist durchaus gut gemacht, aber auch arg bedeutungsschwer und viel dramatischer als Politik hierzulande gemacht wird. Andererseits ist es auch immer noch besser als wieder und wieder und wieder nur Mörder zu jagen.

Dennoch sollte man dem ZDF-Krimi In Wahrheit ab Samstag im ZDF eine Chance geben – schon weil die wunderbare Christina Hecke darin von der notorischen Seriendarstellerin endlich zur Hauptfigur aufsteigt. Was es ansonsten noch gibt: Die bezaubernde, oft brüllend komische Tragikomödie Blind & Hässlich um zwei Außenseiter auf dem schweren Weg zu etwas Geborgenheit, heute um 23.55 Uhr an gleicher Stelle. Und gut drei Stunden zuvor startet auf Vox die finale Staffel vom Club der roten Bänder in fünf Doppelfolgen mit anschießender Doku, womit man ja nun wirklich nichts verkehrt machen kann.

Bevor wir aber zu den Wiederholungen der Woche kommen, noch zwei Netflix-Neuigkeiten am Freitag: Mudbound, die hochgelobte Eigenproduktion über eine schwarzweiße Freundschaft im rassistischen Süden der USA. Und Marvel’s The Punisher läutet die nächste Superhelden-Serie am Bildschirm ein. Nichts für den ganz feinen Geschmack, aber ohne Frage quietschebunt. So wie ein Psychatrie-Schocker namens Asylum, der 1972 überm deutschen Untertitel Irrgarten des Schreckens allerdings für etwas mehr Horror gesorgt haben dürfte als heute um 0.35 Uhr im HR. Die schwarzweiße Wiederholung kommt diesmal aus der Sowjetunion: Ilja Traubergs Klassiker Der blaue Express spielte 1929 die Ursprünge der russischen Revolution auf einer Zugfahrt von China im Kleinen durch (Mittwoch, 0.35 Uhr, Arte). Der Tatort-Tipp schließlich führt uns am selben Abend um 21 Uhr in die Heimat des Hessischen Rundfunks: Das letzte Rennen begleitet die legendären Ermittler Dellwo/Sänger ins Geschehen des Frankfurter Marathons von 2006.


Gelassenheiten & Totentänze

Die Gebrauchtwoche

30. Oktober – 5. November

Klassische Medien, das ist eine der wichtigsten Erkenntnisse einer neuen Woche mit terroristischem Ereignis, haben aus ihren Fehlern gelernt. Die Berichterstattung über den Anschlag von New York war vorwiegend angemessen, also eher nachrichtlich als reißerisch. Selbst kommerzielle News-Redaktionen von Pro7 bis in die Aufmerksamkeitsstaubsauger des Internets ordneten die Attacke da ein, wo sie hingehört: In den Alltag, zu dem ein Islamist, der wahllos Menschen aus dem Leben radiert, mittlerweile nun mal gehört wie herbstliche Sturmfluten und Donald Trumps Twitter-Exzesse. Was unbedingt berichtenswert ist, muss schließlich keinesfalls sensationslüstern aufgeblasen werden.

Die Tagesschau hat sich den üblichen Brennpunkt also verkniffen. Auch seriöse Tageszeitungen sahen von seitenlangen Analysen dessen ab, was sich zusehends von allein erklärt und überdies kaum zu verhindern ist. So blieb genügend Zeit und Muße, eine andere Art von Horror zu debattieren: Den Grusel-Tatort vom vorvergangenen Sonntag. Dramaturgisch, ästhetisch, künstlerisch war der hessische Extremfall Fürchte dich zwar ungewöhnlich mysteriös, aber alles andere als außergewöhnlich gut. Deshalb fühlte sich die ARD womöglich bemüßigt, derlei Experimente fortan streng zu limitieren.

„Grenzüberschreitende“ Produktionen sollen künftig vorab gemeldet werden, damit sich ein Desaster wie der saftig missratene Improvisationsfall Babbeldasch vom Februar nicht wiederholt und lieb gewonnene Sehgewohnheiten unangetastet bleiben. Der Reihenkoordinator Gebhard Henke vom WDR erklärte das klassische Ermittler-Szenario jedenfalls zur „DNA des Tatorts“. Es wird also auch weiterhin fleißig gefragt, wo Tatverdächtige denn vorgestern Abend gegen halb zehn gewesen sind. Für Ausbrüche bleibt also auch weiterhin vor allem Felix Murot zuständig.

Die Frischwoche

6. – 12. November

Ab heute kriegt er allerdings Unterstützung im Internet. Dort liefert Tatort-Plus sechs Kurzfilme, in denen ein biederer Pathologe mit Schnauz (Peter Trabert) im Dialog mit den Toten auf dem Seziertisch die Abgründe des Lebens erörtert. Dank Ralf Husmann (Buch und Regie) gerät Lammerts Leichen dabei allerdings nicht bloß zum digitalen Spin-off der Dresdner Kommissarinnen, sondern entwickelt in aller Kürze große Wahrhaftigkeit mit viel Aberwitz. Unbedingt mal ansehen!

So wie den aberwitzig wahrhaftigsten Film dieser Woche. In Einer nach dem anderen (Montag, 22.15 Uhr, ZDF) übt ein norwegischer Schneepflug-Pilot (Stellan Skarsgård) erstaunlich kreativ und sehr effektiv Rache an jenem Drogenclan, der seinen Sohn auf dem Gewissen hat. Irgendwie kein Wunder, dass so etwas aus Skandinavien stammt. Wobei man diesbezüglich die Kirche schon auch mal im Fjord lassen muss. Denn der schwedische Fünfteiler Springflut mag ab Sonntag im ZDF atmosphärisch so dicht sein, wie man es auf diesem Sendeplatz aus Nordeuropa kennt. Die Aufklärung eines uralten Mordes, der sich zu einer gewaltigen Verschwörung entwickelt, ist im Kern unglaublich berechenbar und damit leicht öde. Na ja, vielleicht liegt es auch daran, dass er vom ZDF koproduziert wurde…

So richtig rasend toll sind demgegenüber zwar auch die zwei Serienempfehlungen aus der Welt des Streamings nicht; sowohl White Famous als auch The Sinner stechen allerdings schon deshalb aus den Importen heraus, weil man sie gut im Original sehen kann, statt in der grauslichen Synchronisation von Springflut. Im Sky-Format geht es ab Dienstag um den schwarzen Comedian Floyd (Jay Pharoah), dessen Erfolg beim weißen Publikum ein sehr interessantes Panoptikum sämtlicher Rassismen der amerikanischen Gesellschaft entfaltet. Im Netflix-Pendent geht es zeitgleich um eine junge Mutter, die ohne ersichtlichen Grund einen Fremden ersticht, was von einem ungewöhnlich mitfühlenden Detective bearbeitet wird.

Wem all dies zu fiktional ist, der hat zwei wirklich seltsame Alternativen aus der Welt des Live-Ereignisses zur Auswahl: Am Montag zeigt Eurosport ab 18.30 Uhr die Polo-WM, bei der man sich mal nach Herzenslust über den Jet Set amüsieren darf. Und tags drauf läuft um 23.20 Uhr MTV unplugged nicht nur bei Kabel1, sondern auch noch mit einem Künstler, den man auf dieser einst lässigen Plattform wohl weniger erwartet hätte: Peter Maffay. Das Showbiz ist schon ein merkwürdiger Zirkus. Den man am besten ein paar erlesene Wiederholungen der Woche entgegensetzt: Am Montag etwa um 20.15 Uhr auf One: Christian Petzolds episches Frühwerk Die innere Sicherheit von 2000 mit Julia Hummer als Teenager-Tochter, die ausgerechnet auf der Flucht mit ihren RAF-Eltern erwachsen werden muss.

Zehn Jahre jünger, thematisch ganz woanders, ebenso gelungen: The Social Network (Mittwoch, 22.55 Uhr, Pro7) von David Fincher mit Jesse Eisenberg als Mark Zuckerberg. Bisschen älter (1966), inhaltlich noch weiter weg und mal wirklich auf unvergleichliche Art, nun ja, besonders: Die toten Augen des Dr. Dracula von Quentin Tarantinos großem Vorbild Mario Bava (Donnerstag, 23.25 Uhr, Arte). An gleicher Stelle dreht sich der schwarzweiße Hinweis um einen der größten Regisseure dieser Epoche: Sergei M. Eisenstein. Sein Durchhalteklassiker Panzerkreuzer Potemkin von 1925 läuft am Mittwoch im Anschluss an den Dokumentarfilm Die Russische Revolution und ihr Kino (21.45 Uhr). 64 Jahre älter ist der Tatort-Tipp mit Horst Schimanksi (Dienstag, 23.40 Uhr, WDR) und dem passenden Titel Der Pott.


Seltsame Sachen & viermal Luther

Die Gebrauchtwoche

23. – 29. Oktober

Der Tatort, kaum zu glauben, expandiert. Nicht nur, dass die ARD-Reihe einen Großteil der positiven Kritik auf sich zieht; jetzt wächst er auch noch vom Fernsehen übers Radio ins Internet hinein, wo das Dresdner Team demnächst ein pathologisches Online-Spin-Off erhält. Star der kleinen Web-Serie ist der Gerichtsmediziner ist Falko Lammert (Peter Trabner). Und dass sein psychoaktives Wandeln zwischen Dies- und Jenseits in sechs fünfminütigen Folgen witzig wird, dafür sorgt ab 6. November allein schon der Autor: Ralf Husmann, bekannt durch Film, Funk und Stromberg.

Bekannt durch Film, Serie und Dokumentation von Stromlinie bis Weltniveau ist mittlerweile Netflix. Der Streamingdienst beweist der linearen Konkurrenz mit der zweiten Staffel von Stranger Things ja gerade, dass Fortsetzungen sogar noch besser sein können als Anfänge. Und um das auch weiterhin finanzieren zu können, nimmt er weitere 1,6 Milliarden Euro Schulden auf, die – Achtung, Platzhirsche! – vor allem ins Programm, statt die Pensionskasse fließen. Und während Netflix längst erwägt, mit all dem Geld auch News anzubieten, verbannt sie Facebook aus dem regulären Feed. Zumindest probeweise, in Ländern wie Bolivien und Kambodscha. Um mal zu sehen, ist aus dem Valley zu hören, ob dem Publikum Freundschaftsposts und Werbung nicht dicke ausreichen.

So arbeitet der Medienmonopolist fleißig am Ziel, die Aufmerksamkeit der Menschen so zu perforieren, bis alles Entertainment geworden und Kommunikation den Fake News zusehends hilflos ausgeliefert ist. Woran allerdings auch seriöse Anbieter gehörigen Anteil haben. Als Klaas Heufer-Umlauf Philipp Welte kürzlich auf dem Podium der Münchner Medientage fragte, ob er wegen seiner „Erfahrungen mit der Yellow Press einen Wettbewerbsvorteil beim Thema alternative Fakten“ habe, da reagierte der Burda-Chef so patzig, („Sie kommen vom Fernsehen, Sie kennen sich mit Journalismus nicht so gut aus“), dass klar war: Der Pro7-Frechdachs hat verdammt recht.

Die Frischwoche

30. Oktober – 6. November

Was Fernsehen abseits ernst gemeinter Nachrichtenredaktionen mit Journalismus zu tun hat, wäre allerdings wirklich mal einer Debatte wert. Ist zum Beispiel der aktuelle ZDF-Schwerpunkt zum 500. Geburtstag der Reformation Unterhaltung, Information, beides? Allein vier historisierende Fiktionen legen jedenfalls den Fokus schwer auf Historytainment. Gleich vier Schauspieler schlüpfen ab heute ins Gewand von Martin Luther: Maximilian Brückner als eifernder Überzeugungstäter im 160-minütigen Drama Zwischen Himmel und Hölle (Montag, 20.15 Uhr, ZDF), Martin Knizka 24 Stunden später an selber Stelle als süßer Klassenkämpfer im Dokudrama Das Luther-Tribunal, parallel auf 3sat Devid Striesow als feister PR-Stratege in Katharina Luther, außerdem Joseph Fiennes als sexy Glaubensgrübler aus dem Jahr 2003 (ARD, 23.45 Uhr).

Es wird natürlich generell viel geluthert dieser Tage, doch das Herz des Gedenkens ist fiktionaler Natur. Womit hier nochmals auf das Beste verwiesen sei, was diese Art des Zeitvertreibs gerade zu bieten hat: Hans-Christian Schmids Vierteiler Das Verschwinden, dessen zwei Abschlussfolgen heute und morgen zur seltsamen Sendezeit um 21.45 Uhr im Ersten laufen und hoffentlich die 3,66 Millionen Zuschauer vom Auftakt halten. Mindestens. Ebenso lieblos programmiert ist Wim Wenders vielfach prämiertes Filmporträt des Fotografie-Genies Sebastiao Salgado von 2014. Die ARD zeigt Das Salz der Erde am Mittwoch, 22.45 Uhr.

Und David C. Diaz‘ hervorragendes Regiedebüt Agonie um zwei völlig verschiedene Tatverdächtige eines Frauenmordes, muss sich heute Nacht mit der Geisterstunde abfinden. Dafür räumt das Erste jede Primetime frei, um den 186. Abstecher eines deutschen Ermittlers an touristisch verwertbare Drehorte zu feiern. Ab Donnerstag ist der Gelegenheitsweltstar Clemens Schick als Exilkommissar Xavi Bonet im Barcelona-Krimi auf Mörderjagd. Das ist zwar nicht halb so berechnend wie viele der anderen Auslandseinsätze unter Eingeborenen mit fließend deutschem Idiom zwischen Adios, Signore und Yamas, aber doch ein ziemlich stereotyp.

Im Kern ist das auch der Tatort mit Maria Furtwängler. Ihr 25. Einsatz, Der Fall Holdt genannt, weicht jedoch sehr vom ohnehin oft höherklassigen Plot ihrer niedersächsischen Kommissarin ab. Unfreiwillig passend zur #MeToo-Debatte kriegt Charlotte Lindholm es darin mit einem Fall männlicher Gewalt zu tun und dreht im Bann dieser Erfahrung 90 Minuten zusehends durch. Ein hervorragender Jubiläumsfilm. Der er es spielend mit zwei älteren Ausgaben der Reihe aufnehmen kann, die jeweils im WDR die Wiederholungen der Woche einleiten: Grenzgänger von 1981 mit dem damals noch taufrischen Horst Schimanski an der Seit von Günther Maria Halmer als enttarnter V-Mann (Dienstag, 22.10 Uhr). Und zwei Tage später Ulrich Tukurs legendäres Fernsehtheater Im Schmerz geboren von 2014 (20.15 Uhr).

Dahinter braucht sich Steven Spielbergs Frühwerkt Das Duell (Montag, 20.15 Uhr Arte) von 1971, in dem ein Durchschnittsamerikaner von einem Trucker über menschenleere Highways gejagt wird, nicht zu verstecken. Überraschend war 2003 auch ein Film, mit dem sowohl Jim Carrey als auch Kate Winslet gezeigt haben, dass sie mehr als Grimasse und Romanze können: Vergiss mein nicht (Dienstag, 20.15 Uhr, Servus), die ergreifendste, traurigste, aber auch schönste Lovestory ihrer Zeit.