Doepfners Herrschaft & Hitlers Fake

Die Gebrauchtwoche

TV

22. – 28. November

Was wir aus der vergangenen Woche über die Medienbranche gelernt haben: Man darf seine Demokratie als Diktatur beschimpfen und dennoch den wichtigsten Zeitschriftenverband leiten. Man darf damit die Abermillionen Opfer echter Diktaturen verunglimpfen und dennoch Präsident vom Bundesverband der Digitalpublisher und Zeitungsverleger bleiben. Man darf zudem ein System sexistischer Gewalt im eigenen Haus fördern, sozialen Hass schüren, publizistische Standards verachten und wird trotzdem vom BDZV im Amt bestätigt?

Wie armselig, verkommen und klein muss ein Branchenverband sein, der das zulässt. Oder wie männlich. Denn man darf all dies, wenn man „man“ ein „n“ anhängt und realisiert, dass die Männerherrschaft in diesem Land ungebrochen bleibt, ja im Grunde nicht mal angekratzt wurde. Dieses selbstherrliche Machtsystem duldet also auch weiterhin einen demokratie-, presse-, wahrheits-, letztlich menschenverachtenden Machtmann wie Mathias Döpfner an der Spitze und macht sich damit zum Gespött aller Journalistinnen und Journalisten mit so etwas wie einem moralischen Kompass.

Wie der Spiegel-Verlag um Geschäftsführer Thomas Hass votierte, ist nicht überliefert. Besonders von dort allerdings hätte man/frau ein starkes Votum gegen Döpfner erwartet – dessen Ausgeburt Reichelt im Rechtsstreit um die Spiegel-Story Vögeln, fördern, feuern vom März 2021 übrigens gerade ein Etappenziel erreicht hat. Die Verfasser, urteilt das Hamburger Landgericht, hätte Reichelt mehr Zeit zur Reaktion geben müssen. Zeit, die er selber Feinden, pardon: Berichtsobjekten wie Christian Drosten natürlich nicht gab.

Das Urteil verkennt die Rolle der Medien damit fast so wie Zervakis & Opdenhövel, deren Impfkampagne Journalismus bisweilen mit PR verwechselt – obwohl explodierende Inzidenzen natürlich langsam mehr Engagement erfordern als ein paar Brennpunkte, die gerade wieder verstärkt laufen. Bei all dem Chaos gibt es aber auch gute Nachrichten – zumindest für Serienfans: Streaming kostet doch nicht die Welt, sondern ganze sechs Gramm CO2-Äquivalent pro Stunde, sofern es nicht über alte Handy-Netze, sondern Glasfaserkabel läuft.

Die Frischwoche

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29. November – 5. Dezember

Also ran ans Portal und Florian Lukas ab Freitag als Dartspieler in der hinreißenden Sky-Groteske Die Wespe sehen. Oder parallel dazu Whoopi Goldberg in der Schwarzen Sex-and-the-City-Version Harlem auf Prime Video. Oder Get Back, Peter Jacksons 468-minütige Langzeitdokumentation vom Ende der Beatles bei Disney+, nicht weniger als das Sachfilmformat des Jahres. Eins der bedeutsamsten Unterhaltungsformate 2021 dürfte hingegen die neueste Nachstellung des größten Presseskandals zwischen Weltkrieg und Wende sein.

Faking Hitler zeigt ab morgen bei RTL+, wie der honorige Stern vor 40 Jahren auf die Tagebuch-Fälschungen des Gröfaz reingefallen ist, besser: reinfallen wollte. Anders als Helmut Dietls Schtonk! machen Tobi Baumann und Wolfgang Groos aus Tommy Woschs Büchern allerdings keine Mediensatire, sondern die scharfsinnig komische Gesellschaftsanalyse einer Zeit, als Männermacht noch braungesprenkelter und frauenfeindlicher war als jetzt. Sechs Teile lang exzellentes Geschichtsentertainment.

Und damit das Gegenteil von Ein Hauch von Amerika, womit das Erste ab Mittwoch dreimal 90 Minuten die frühen Fünfziger zum Ort einer melodramatischen Kitschkanonade macht. Selbst durch den billigen Versuch, die übliche Dreiecksgeschichte einer Frau (Elisa Schlott), zwischen zwei Männern auf Julian Reichelts Kernkompetenzen (Rassismus, Sexismus, Geschichtsrevisionismus) anzuwenden, wird dieses ölige Stück Stromlinienfernsehen nicht erträglicher.

Empfehlenswerter wäre der Arte-Zwölfteiler The Split (Freitag, 20.15 Uhr) um eine Londoner Scheidungsanwältin im Trennungsstress, quasi die tragikomische Fiktion der dokumentarischen HBO-Aufarbeitung Woody Allen vs. Mia Farrow, tags zuvor bei RTL+. Und noch zwei Wiederholungen am Mittwoch: Vox zeigt die Schirach-Verfilmung Glauben erstmals im Free-TV und Magenta endlich mal wieder das Stromberg-Original The Office.


Zamperonis Luft & Tönnies’ Fleisch

Die Gebrauchtwoche

TV

15. – 21. November

Gewiss, es ist immer so ein bisschen wohlfeil, abgedroschen und redundant, der Bild-Zeitung Bigotterie vorzuwerfen, als würde man Regenwetter Nässe und Neonazis Rassismus unterstellen. Aber was der bestens informierte Medienjournalist und Bildblog-Veteran Stefan Niggemeier bei Kress gerade über die menschen-, vernunft- und wissenschaftsverachtende Unredlichkeit der destruktivsten Zeitung seit ihrem Role-Model, dem Stürmer, zusammengetragen hat, ist schon beachtlich.

Dieselbe Bild nämlich, die seit fast sechs Monaten zur (gegebenenfalls gewaltsamen) Revolte gegen alle Corona-Beschränkungen (also den Staat) bläst, weil das Virus laut Ausgabe vom 8. Juli 2021 „besiegt“ sei, beklagt nun, unvorbereitet in die 4. Welle zu schlittern. Nicht der erste Zickzackkurs einer Publikation, die umstandslos zum straffreien Kindesmissbrauch aufriefe, würde es denn Auflage bringen. Wäre anstelle des vergleichsweise zivilisierten Johannes Boie noch immer der publizistische Machtpolitiker Julian Reichelt Chefredakteur – sein Propagandablatt riefe jetzt also zum Widerstand gegen – ja was eigentlich auf?

Egal, Hauptsache Krawall. Für den die Bild ja bereits eine Armee neuer Kombattanten rechts der CDU/CSU hat. Namentlich: generisch maskuline FDP-Politiker, die wider besseres Wissen seit Wochen beharrlich leugnen, es habe Warnungen vorm Ansteigen der Inzidenzen gegeben. Legendär bereits Christian Lindners steile Tagesthemen-These, die Wirkung von Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen aufs Pandemiegeschehen sei wissenschaftlich widerlegt, was dem üblicherweise stressresilienten Moderator Ingo Zamperoni kurz mal die Atemluft raubte.

 

Die Frischwoche

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22. – 28. November

Was da noch helfen kann? Abschalten, abschweifen, abwandern – zum Beispiel mit Joko & Klaas, die ab morgen endlich wieder gegen ProSieben antreten und im Siegesfall vermutlich das Fernsehen umwälzen. Oder auf Vox, wo uns Hape (Kerkeling) und die 7 Zwergstaaten seit gestern auf Reisereportagen mitnimmt, die echt mal Kopfkino erlauben. Überhaupt werden galoppierende Inzidenzen gepaart mit dem Schwert der Hospitalisierungsraten wohl für ein weiteres Weihnachtsfest allein daheim sorgen und damit viel Zeit, fernzusehen respektive zu streamen.

Wer auch jetzt schon ohne offiziellen Lockdown zuhause bleiben möchte, um sich und andere zu schützen, wird aber auch gut versorgt. Am Mittwoch etwa zeigt Netflix das bemerkenswerte Regiedebüt von Halle Barry. In Bruised spielt die erste Schwarze mit Hauptrollen-Oscar eine alternde Martial-Arts-Kämpferin und das fast ebenso überzeugend wie Hilary Swank 2004 in Clint Eastwoods Box-Drama Million Dollar Baby. Ebenso bedeutsam ist die spanische LGBTQ+-Serie Mein queeres Leben, die am Entstehungsort offenbar für einiges an Aufregung gesorgt hat und ab Donnerstag bei Warner TV läuft.

Bedeutsam ist dagegen der heutige ARD-Einblick in Die Fleischfabrik von Clemens Tönnies oder der stargespickte Mittwochsfilm Die Luft, die wir atmen über vier Altersheimbewohner und ihre Familien im Schatten einer kollabierenden Sozialpolitik. Völlig unbedeutsam, aber für echte Avengers-Fans ein Muss ist parallel dazu das Disney-Superhelden-Spinoff Hawkeye. Irgendwie, nun ja, nicht nur bedeutungslos ist die Langzeitdoku Unzensiert, in der Prime-Video ab Freitag das bewegte Leben des Aggro-Rappers Bushido beleuchtet.

Und gewissermaßen das Gegenteil von bedeutsam war einst die Sat1-Show Geh aufs Ganze!, in der Jörg Draeger wenig anderes tat, als seinen Kandidat*innen Geld- und Sachgeschenke gegen ein Plüschtier namens Zonk in Aussicht zu stellen. Wer sich heute Folgen der Neunzigerjahre ansieht, würde kaum glauben, das solche Schulterpolsterformate im Jahr 2021 noch funktionieren. Aber wir leben im Zeitalter der permanenten Revivals – also gesellt sich das Revival mit dem schnauzbärtigen Moderator von damals ab Freitag halt zu den von Wetten, dass…? bis TV Total.


Comebacks & Tigerkönige

Die Gebrauchtwoche

TV

8. – 14. November

Jan Böhmermann, satirische Moralinstanz der popkulturellen Boheme, hat die Comebacks der vergangenen acht Tage gewohnt selbstberauscht auf den Punkt gebracht: „Wetten, dass..?, TV Total und Corona sind wieder da“, ulkte er am Freitag im ZDF Magazin Royal und fügte treffend hinzu: „Alle mit super Zahlen.“ Denn während Covid-Inzidenzen überall dort, wo wissenschaftsfeindliche Querdenker den Diskurs prägen, ins Vierstellige rauschen, erreichte Thomas Gottschalks saftiges Altherren-Gefasel gut 15 Millionen Menschen. Nicht schlecht, aber vergleichsweise wenig gegen das Revival der Woche.

Denn was der gänzlich unschmierige Sebastian Pufpaff am Mittwoch mit der angeblich impulsiv programmierten Wiederkehr von Stefan Raabs medialer Selbstspiegelung TV Total am Mittwoch quantitativ wie qualitativ erzielen konnte, war schlichtweg sensationell. Knapp 28 Prozent in der ominösen Zielgruppe, annähernd drei Millionen Zuschauer*innen insgesamt, dazu Kritiken seriöser Medien am Rande der Huldigung: Was der 45-Jährige ProSieben fünf Jahre nach dem Original bescherte, ohne nostalgisch zu werden, beweist die Güte des Rasens, auf dem der frühere Bolzplatz-Sender mittlerweile spielt.

Das zeigt übrigens auch die Deutsche Akademie für Fernsehen. Am Samstag zeichnete sie in der wichtigen Kategorie Fernsehjournalismus weder wie gewohnt ARD noch ZDF aus, sondern das ProSieben Spezial Rechts. Deutsch. Radikal von und mit Thilo Mischke & Anja Buwert. Darüber hinaus allerdings dominierten die Öffentlich-Rechtlichen in 18 von 21 Preiskategorien, darunter je zwei für Das Geheimnis vom Totenwald, Unbroken, Ruhe! Hier stirbt Lothar, Goldjungs und Oktoberfest 1900, während die Streamingportale mit Barbaren (Netflix) und Para (TNT) nur zweimal gewannen.

Anything else? Na ja, Springer. Mal wieder. Während die Bild seit Anbeginn der Pandemie jeden Eingriff in Freiheit ihrer Kundschaft als Totalitarismus geißelt und zusehends zur Rebellion aufruft, sind dem Konzern die Grundrechte der eigenen Mitarbeiter*innen herzlich egal. Um Machtexzesse des übergriffigen Triebtäters Julian Reichelt zu verhindern, sollen sie künftig ihr innerredaktionelles Liebesleben ausbreiten. Big Bild is watching you!

Die Frischwoche

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15. – 21. November

Die halbe Welt dagegen wird ab Mittwoch wohl wieder Tiger King watchen, und zwar binge, wenn die merkwürdigste Dokumentarreihe seit langem in Staffel 2 geht. Darüber sagen lässt sich zwar wenig, weil Netflix in geübter Pressefreiheitsverachtung kein Pressematerial freigab. Aber es dürfte wieder bizarr werden, wenn amerikanische Privatzoo-Betreiber ihr Käfiggitter öffnen. Mysteriös wird es ab Freitag in der Prime-Serie Das Rad der Zeit. Das Fantasy-Epos hat zwar keine Drachen, aber drollige Namen wie Nynaeve al’meara und auch sonst allerlei, was GoT-Fans triggert.

Ebenso rätselhaft, wenngleich tief in der herrschenden Realität verhaftet, ist die Thriller-Serie Westwall, tags darauf – und parallel zur britischen Agenten-Serie Alex Rider – in der ZDF-Mediathek. Über sechs Teile hinweg erzählt sie, wie die unscheinbare Polizeischülerin Julia (Emma Bading) mithilfe des schönen Nick (Jannik Schümann) in eine rechtsradikale Verschwörung gezogen wird. Klingt relevant, verliert sich allerdings wie so oft aus deutscher Produktion im Grundrauchen melodramatischer Effekte und langweilt deshalb eher als zu unterhalten.

Das Gegenteil tut, trotz gemächlicher Erzählweise, ein fünfteiliges Remake von Ingmar Bergmanns Evergreen Scenes From A Marriage (ab Freitag, Sky) mit Oscar Isaac und Jessica Chastain als Ehepaar auf Harmoniesuche. In der ARD-Komödie Faltenfrei setzt sich Adele Neuhauser am Mittwoch mit dem Altern auseinander. Nach einer missglückten Schönheits-OP kann ihre Beauty-Unternehmerin Gedanken lesen, die sie von der Apologetin zur Gegnerin des grassierenden Jugendwahns macht. Ein Irrweg, dem sich Ilka Bessin seit jeher widersetzt – und das hoffentlich auch in ihrem Verbrauchermagazin Echt jetzt?!, täglich um 15 Uhr auf RTL, tut.

Nach Absurditäten sucht heute ab 22.15 Uhr im WDR auch Abdelkarims Team Abdel (22.15 Uhr, WDR), wenngleich eher im menschlichen als materiellen Bereich unserer disruptiven Gesellschaft. Empfehlenswert ist auch das ZDF-Drama Die Welt steht still, in dem Autorin Dorothee Schön (Regie: Arno Saul) den ersten Lockdown Revue passieren lässt. Und zu guter Letzt gratulieren wir der unübersetzbaren wie unübertroffenen Medienseite DWDL zum 20. Geburtstag.


Gottschalks Finger & Hayalis Hund

Die Gebrauchtwoche

TV

1. – 7. November

Es ist seit einiger Zeit viel von toxischer Männlichkeit die Rede – ein Vorwurf, der seinerseits toxisch zu werden droht, wenn er alle Männer über denselben Kamm schert und toxische Stereotypen verfestigt, anstatt sie aufzulösen. Aber eines davon ist nun mal so einflussreich, dass es am Samstag geschlagene drei Stunden öffentlich-rechtlicher Primetime füllen durfte: Thomas Gottschalk.

Einst Europas frischeste Fernsehfrühlingsrolle, hat er sich Richtung Herbst seiner Karriere mit jedem Jahr mehr zum Lustgreis entwickelt, der Misogynie mit Selbstironie tarnt und Eitelkeit mit Exzentrik. Im Kernschatten drolliger Faltengebirge wie diesem sind Frauen bestenfalls Dekoration, schlimmstenfalls Freiwild – so war es auch beim Comeback von Wetten, dass…?, die ihm das ZDF nachträglich zum 70. Geburtstag schenkte.

Emanzipation? Vollendet! Gendern? Lächerlich! Sofa-Besucherinnen ständig zu befingern? Hat dir doch auch nicht geschadet, oder Michelle? Bruhaha! So bot das angeblich einmalige Revival „im besten wie im schlechtesten Sinne“ laut DWDL „über weite Strecken hinweg das typische Wetten, dass..?-Gefühl, ergo: eine unterhaltsame Zumutung. Mit Gästen wie Helene Fischer oder Joko & Klaas, aber ohne Modernisierungsehrgeiz. Dass im ZDF angesichts der 14 Millionen Zuschauer eine Fortsetzung erwogen wird, passt da zur Info von ProSieben, TV Total fortzusetzen – wenngleich mit Sebastian Puffpaff als Stefan Raab.

Mit Johannes Boie als Julius Streicher, pardon: Julian Reichelt, bleibt derweil auch die Bild veränderungsrestistent. Mit den Springer-Gewächsen Linna Nickel und Antje Schippmann lässt der neue Chefredakteur zwar zwei weitere Frauen in seinen Männerzirkel – der weiterhin gegen Demokratie, Minderheiten, Journalismus geifert und damit jene Stimmung anheizt, in der sich der WDR nun endgültig von Nemi El-Hassan trennt, weil sie im Alter von 20 Jahren auf einer islami(sti)schen Demo war. Solche Konsequenzen für extremistische Taten hätte man sich nach 1945 auch gewünscht.

Die Frischwoche

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8. – 14. November

Obwohl – der ARD da Einseitigkeit vorzuwerfen, ist ja nun auch Quatsch. Wie objektiv, überparteilich, haltungsstark der Sender ist, zeigt er schließlich seit gestern wieder in seiner jährlichen Themenwoche, 2021: Stadt.Land.Wandel über die Gräben und Brücken zwischen Provinz und Urbanität. Ein Teil davon: die Fortsetzung der entzückenden Milieu-Studie Warten auf’n Bus um zwei lebenswunde Dorfbewohner. Der RBB zeigt die sieben Teile Samstag ab 20.15 Uhr am Stück, gefolgt von der ersten Staffel.

Nicht dabei: Regisseur Dirk Kummer, der im ARD-Mittwochsfilm stattdessen einen Vater und seinen Sohn für 12 Tage Sommer auf einen Esel-Trip schickt. Einen Ego-Trip dagegen startet am Dienstag Oliver Polak. In seiner vorerst dreiteiligen Netflix-Sendung Your Life is a Joke erkundet der jüdische Brachial-Komiker Gäste wie Christian Ulmen oder Jennifer Rostock und schickt sie danach in die Hölle seiner Stand-up-Boshaftigkeit. Auf impulsive Art erhellend, kann man sagen.

Auf erhellende Art tragisch: Colin Black and White. Die Serie skizziert an selber Stelle, wie aus dem Schwarzen Quaterback Colin Kaepernick der kniende Trump-Antagonist. Gleiches Land, anderes Problem: Dopesick macht die amerikanische Drogentragödie ab Freitag bei Disney+ zum achtteiligen Drama. Ähnliches Problem, anderes Land: In der Porträtreihe Her Story porträtiert Sky ab Donnerstag Dunja Hayali. Gleiches Land, andere Zeit: in der Doku Der weiße Blick beleuchtet Arte am Sonntag (16.10 Uhr) den Kolonialismus.

Und damit es hier nicht zu dramatisch wird, noch drei Entertainment-Tipps: In der zehnteiligen King-Verfilmung Chapplewaite kommt Adrian Brody (Donnerstag, Magenta) Mitte des 19. Jahrhunderts dem dunklen Geheimnis seiner Familie auf die Spur. Zwei Tage später entführt uns die ZDF-Horrorserie Cryptid in den Abgrund einer schwedischen Kleinstadt. Und zwischendurch glänzt der saukomische Will Ferrell bei Apple+ als Therapeut von nebenan. Und wie immer zum Monatsbeginn diskutieren freitagsmedien das Angebot der kommenden vier Wochen in Eric Leimanns Podcast Die Fernsehkritik. Don’t miss!


Metaverse & Wetten, dass…?

Die Gebrauchtwoche

TV

25. – 31. Oktober

Facebook heißt jetzt Meta und nein, wir werden an dieser Stelle nicht sagen, wie Raider heutzutage heißt oder Twix einst hieß, sondern kurz bitter auflachen. Allerdings nur um dem Ernst der Lage sogleich mit angemessener Leichenbittermiene gerecht zu werden. Denn was Mark Zuckerberg uns vor vier Tagen in einer Videobotschaft wissen ließ, ist nicht nur deshalb so verstörend, weil er auch in Fleisch und Blut so aussah wie die Avatare des Metaverse; sein Gefasel von einer besseren Welt dank virtualisierter Vollzeitkommunikation ist die Quintessenz jener Lügenoffensive, die sein Konzern nach Kräften fördert.

Dass sein neues Logo mit etwas Fantasie aussieht wie jene Masken, die Ganoven einst in Comics so trugen, passt bestens zum Eindruck, den Zuckerbergs furchteinflößender Auftritt hinterlässt. Schließlich dient Zuckerbergs Schöne-neue-Welt-PR einzig und allein dem einen Zweck: Profite seines Billionen-Konzerns ins Unermessliche zu maximieren. Dabei beläuft sich das Privatvermögen des unsozialen Netzwerkers schon jetzt auf ein Vielfaches jener Summen, die Deutschlands erfolgreichste Verleger und Verlegerinnen auf sich vereinen.

Ganz vorn im Kress-Ranking: Bertelsmanns Mohn-Dynastie mit 4,5 Milliarden Euro, gefolgt vom Springer-Clan mit ganzen 100 Millionen weniger. Dahinter: Die bestens situierten Mediendynastien Burda (4,0 und Bauer (3,8), aber schon mit gehörigem Abstand Holtzbrinck (1,8) und Ströer mit geradezu lächerlichen 1600 Millionen Euro auf dem Festgeldkonto. Für diese deutschem Mittelstandspeanuts kauft sich Mark Zuckerberg mal eben einen Streamingdienst, wenn ihm danach ist. Wobei – die Konkurrenz steht Facebook, pardon: Meta ja in nichts nach und hat auch in dieser Woche Serien im Angebot.

Die Frischwoche

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1. – 7. November

Auf dem Portal von Apple (Börsenwert: 2,6 Billionen Dollar) startet Dienstag die Anthology-Serie The Premise, in der The Office-Star B.J. Novak mit schwarzem Humor Großprobleme der USA von sexueller Gewalt über Waffenbesitz bis Rassismus verarbeitet. Nach dem Start der koreanischen SciFi-Serie Dr. Brain (Donnerstag) mit Parasite-Star Lee Sun-kyun, kämpft sich Tom Hanks im selben Genre tags drauf als Endzeit-Überlebender Finch durch eine klimakatastrophal verheerte Welt.

Amazon (Börsenwert: 1,6 Billionen Dollar) gönnt derweil einem anderen Konzern mit begrenzter Moral (hoffentlich) kostenlose Werbung. Wenn Behind the Legend dem FC Bayern ab morgen dokumentarisch in den Arsch kriecht, dürfte Kritik fehlen. Netflix hingegen (242 Milliarden) begnügt sich diese Woche mit dem Western-Epos The Harder They Fall, während Sky vom Medienmogul Comcast (252 Milliarden) mit der britischen Krimiserie Wolfe (ab Donnerstag) und dem dreiteiligen BBC-Porträt von Greta Thunberg zwei Formate von Belang im Portfolio hat.

RTL (8,05 Milliarden Euro) schickt mit Glauben derweil die nächste Schirach-Verfilmung aufs eigene Portal TV Now. Als fachlich brillanter, menschlich ruinierter Anwalt, fiktionalisiert Peter Kurth die Wormser Prozesse um fatale Kindesmissbrauchs-Vorverurteilungen. Gar nicht börsennotiert ist indes das öffentlich-rechtliche Fernsehen, was man dem Programm in der Spitze durchaus anmerkt. Als würden Aktien noch auf Papier gedruckt an die Wand gehängt, holt das ZDF am Samstag Thomas Gottschalk aus der Mottenkiste und lässt ihn ein Revival von Wetten, dass…? moderieren.

Diese Art nostalgischer Sedierung eines vergreisenden Publikums könnte man noch mehr kritisieren, würde der Modernisierungsversuch im Ersten nicht so lächerlich scheitern. Das Near-Future-Experiment Zero inszeniert die künftige Social-Media-Überwachung am Mittwoch mit so stereotyper Bräsigkeit, dass sogar die etwas zu melodramatische Thrillerserie Furia über rechten Terror ab Sonntag acht Teile lang in der ZDF-Mediathek sehenswerter wird. Besser macht es die gleichlange Neo-Comedy Start the Fuck up!, in der die Generationen Y bis Z ab morgen um Anschluss ringen. Den hat dagegen die Generation Klimakrise im postapokalyptischen Arte-Sechsteiler Anna ab Donnerstag dummerweise verloren.


Döpfners DDR & Primes Maradona

Die Gebrauchtwoche

TV

18. – 24. Oktober

Die rechtspopulistische Welt ist voller Liebespaare, deren Trennung riesige Scherbenhaufen hinterlässt, an denen sich komischerweise nur einer der beiden schneidet. Als Hamburgs Bürgermeister den Rassen-Richter Ronald Schill aus der Koalition warf, gewann Ole von Beust haushoch die Wahlen. Als Österreichs Kanzler dasselbe mit dem Ibiza-Fan Heinz-Christian Strache tat, ging auch Sebastian Kurz gestärkt aus der Affäre hervor. Jetzt also trennt sich Mathias Döpfner vom „Sex-Monster“ Julian Reichelt, wie ähnlich übergriffige Männer in der Bild hießen, und was geschieht mit dem Springer-Boss?

Eben.

Trotz bizarrer Begleiterscheinungen führt der demokratiefeindlichste deutsche Publizist nach Götz Kubitschek und weiter Verlag und Branchenverband BDZV, die aus Döpfners Sicht bis auf sein Ziehkind ausnahmslos Gefälligkeitsjournalisten einer Corona-Diktatur im Stil der DDR beschäftigen. Statt den Skandal um Reichelts Misogynie wie verlautet aufzuarbeiten, kritisiert er lieber die NYT für ihre Enthüllung, strickt Verschwörungsideologien um Rachefeldzüge früherer Kollegen und zersetzt damit fortlaufend die Pressefreiheit.

Dass Friede Springers Liebster den brachialen Reichelt durch den feinsinnigen Johannes Boie ersetzt, dürfte da nur eine Interimslösung sein. Wahrscheinlich hat Döpfner bereits seine Fühler nach rechtspopulistischem Ersatz ausgestreckt. In Frage kämen neben Ken Jebsen und Xavier Naidoo vor allem Roland Tichy oder Jochen Kopp. Und frisch in der engeren Auswahl: Dirk Ippen, der sich durch die Unterschlagung der Reichelt-Recherchen seiner Reporterinnen mit nepotistischem Netzwerker-Schwung zu Döpfners Komplizen machte.

Fragt sich nur, wo Springer nach dem Kauf des amerikanischen Nachrichtenhändlers Politico noch überseeisch investieren könnte. Kleine Anregung: Donald Trump gründet gerade sein eigenes Netzwerk. Und eine Lügenplattform wie Truth Social müsste doch eigentlich so ganz nach dem Geschmack von Döpfners Ideal einer moralbefreiten Medien-Oligarchie nach Vorbild Ungarns mit dem Unterhaltungswert von RTLzwei sein.

Die Frischwoche

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25. – 31. Oktober

Apropos Privatsender: Wer sich erhofft hatte, dass der Wechsel von Zervakis und Opdenhövel die Seriosität von ProSieben steigern würde, darf sich heute wieder getäuscht sehen, wenn ZOL statt seriösem Journalismus abermals nur Aufreger mit Sex, Crime, Kindern bietet. Darstellerisch dürfte die gespielte Entrüstung der beiden allerdings auf dem Niveau fiktionaler Serien sein, von denen es in dieser Woche ein paar bemerkenswerte gibt.

Da wäre zum Beispiel das Sportler-Biopic Maradona, eine Art fiktional-realer Nekrolog des Fußballgenies, das unlängst verstorben ist – und damit ab Freitag weniger Anlass zur humorigen Hommage bietet als die Sky-Persiflage über den römischen Superstart Totti vier Wochen zuvor. Ganz und gar humorlos ist ein weiterer Historiendreiteiler bei TV Now. Im Rahmen einer Kostümfestreihe startet dort heute das BBC-Liebesdrama Tod und Nachtigallen aus dem Irland der 1880er Jahre, was zwar ein bisschen glatt gebügelter Geschichtsunterricht ist, aber durchaus politisch grundiert.

Ganz und gar unpolitisch ist hingegen die SyFy-Zombieserie Day of the Dead, in der die Untoten ab Mittwoch eine kanadische Kleinstadt belagern und dabei zehn Teile lang verblüffend psychologisch agieren. Ganz und gar unpsychologisch ist demgegenüber die WDR-Horrorserie True Demon ab Freitag in der ARD-Mediathek, die zwar leicht an Blair Witch Project für die Generation Insta erinnert, aber wie die achtteilige Flugbegleiter-Dramedy The Flight Attendant ab Donnerstag bei Warner TV durchaus raffiniert inszeniert wurde.

Das genaue Gegenteil von raffiniert ist das größte Ärgernis der Woche: Schlecky Silbersteins Sitcom-Version seiner ganz großartigen Polit-Clipshow Browser Ballett tags zuvor an selber Stelle. Dann doch lieber Trash as Trash can wie Klaus Lembkes Kunstfälscher-Groteske Berlin Izza Bitch, morgen um 22.15 Uhr beim WDR. Oder noch besser: Freud, Marvin Krens international gefeiertes, weil komplett gegen den Strich gebürstetes Psychiater-Biopic, ab Samstag endlich auch im Free-TV, aka Neo.


J.T. Kirks Allflug & H.C. Straches Abflug

Die Gebrauchtwoche

TV

11. – 17. Oktober

Das Fernsehen ist selbst im Bereich der prophetischen Science-Fiction nur so hellsichtig wie die Fantasie der Verantwortlichen, aber diesen Twist futuristischer Formate könnten sich auch die kreativsten Köpfe kaum ausdenken: 55 Jahre nach seinem Jungfernflug auf dem Raumschiff Enterprise ist Captain James T. Kirk tatsächlich ins Weltall geflogen, genauer: sein Darsteller William Shatner, den der Selbstdarsteller Jeff Bezos vorigen Mittwoch zum ältesten Astronauten der realen Welt machte.

So viel Weitblick wie dem legendären Star-Trek-Schöpfer Gene Roddenberry hingegen wünscht man dem südkoreanischen Filmemacher Hwang Dong-hyuk nicht. Seine Netflix-Serie Squid Game zeichnet schließlich das Bild einer dystopischen Gesellschaft, die verzweifelte Schuldner in Wettkämpfe lockt, deren Verlierer erst getötet und dann ausgeweidet werden. Die blutrünstige Brutalität des gewaltpornografischen Gemetzels allein ist allerdings noch nicht mal das Verstörendste. Wirklich verrückt wird es erst, weil Squid Game mit 111 Millionen Abo-Abrufen in vier Wochen der bislang erfolgreichste Netflix-Start war. Weit vor Blockbustern von Bridgerton bis The Crown.

Das könnte auch der öffentlich-rechtlichen Konkurrenz als Beispiel dafür dienen, womit man heutzutage Quoten macht: je blutiger, desto bämmmm. ARD-Programmdirektorin Christine Strobl aber geht erstaunlicherweise doch den entgegengesetzten Weg und hat in ihrer großangekündigten Strukturreform gerade die Informationssparte gestärkt. Zyniker könnten da anmerken, die Wirklichkeit sei mittlerweile schließlich auch drastischer als selbst die derbste Fiktion.

Aber den legendären Weltspiegel, dessen noch viel legendärerer Erfinder Gerd Ruge gerade im biblischen Reporter-Alter von 94 Jahren gestorben ist und ab sofort von der schönsten Wolke im Journalismus-Himmel aus über uns wacht, sonntags vor der Tagesschau zu belassen und den Montag parallel mit Reportagen oder Dokus aufzuwerten – das ist mindestens so anachronistisch niveauvoll wie die angekündigte Rückkehr des auch sehr legendärer Jon Stewart bei Apple+, wo er demnächst eine Talkshow moderiert.

Die Frischwoche

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18. – 24. Oktober

Legendär – das trifft definitiv auch aufs grundlegende Ereignis vom Fernsehformat der kommenden Woche zu: Die Ibiza-Affäre. Nach dem gleichnamigen Sachbuch der investigativen SZ-Journalisten Bastian Obermayer und Frederik Obermaier zeichnet Sky ab Donnerstag den größten Skandal des an Skandalen bekanntlich überreichen Österreichs nach und hat dafür mit Nicholas Ofczarek als schmierigem Privatdetektiv Julian H., der Andreas Lust als korruptem Vize-Premier Heinz-Christian Strache zur Strecke bringt, grandiose Darsteller gefunden.

Regisseur Christopher Schier bettet beide allerdings auch in ein höchst originelles Szenario zwischen dokumentarischer Präzision und übersteuerter Fiktion ein, dass es bei allem Entsetzen über die kriminelle Energie der politisch Verantwortlichen zum Fest aller Sinne wird, dem Vierteiler beizuwohnen. Ähnliches würde man nun gern auch über öffentlich-rechtliche Unterhaltung sagen. Die aber lässt doch wieder nur das Übliche vom Fließband laufen und sediert sein Stammpublikum über 66 ab Mittwoch mit dem Breisgau-Krimi im ZDF, bei dem es um chzpühhh…

Der bemerkenswerte Rest in stichwortartiger Kürze: bei Netflix kriegt der frühverrentete Youtuber Julien Bam eine eigene Sitcom namens Life’s A Glitch, in der es allem Anschein nach um Julien Bam beim Julien-Bam-Sein geht. Und mit Infiltration schießt uns Apple+ ab Freitag über zehn fett produzierte Folgen hinweg in eine sciencefiktionale Zukunft, deren Aliens erst heimlich, dann offen die Erde erobern wollen.


Bastis Rücktritt & Schüttes Kranitz

Die Gebrauchtwoche

TV

4 – 10. Oktober

Es ist zwar ein bisschen wohlfeil, auf Facebook rumzuhacken, aber die Gründe dafür werden halt Tag für Tag triftiger. Amoralisch und geldgeil, niederträchtig und korrupt, würdelos und dann auch noch zusehends irrelevant: die Gründe, sich über den sechsstündigen Blackout diverser Messenger-Dienste, Milliardenverlust inklusive, sind so mannigfaltig, dass selbst die Enthüllungen der Whistleblowerin Frances Haugen vorm US-Kongress kaum überraschen – daran kann auch die Sperrung der russischen Propaganda-Plattform RT Deutsch nichts mehr ändern.

Was allerdings viel ändern könnte, ist der Rücktritt von Sebastian Kurz. Perfider als sein rechtsradikaler Ex-Spezl Heinz-Christian Strache, hat der rechtspopulistischen Bundeskanzler versucht, die Pressefreiheit auszuhöhlen – für diese Erkenntnis muss ihm niemand Bestechlichkeit nachweisen, das ist Teil seiner neoliberal-völkischen Agenda, die er mit oder ohne Nazis als Vizekanzler verfolgt. Ach, wäre Volker Bruch doch Österreicher, er würde den Basti und seinen Geistesbruder HC gewiss wählen.

So aber muss der schauspielerisch begabte, menschlich talentfreie Querdenken-Superstar mit Geistesbrüdern wie Wotan Wilke Möhring eben hierzulande Demokratie und Rechtstaat mit verschwörungstheoretischem Bullshit wie #allesaufdentisch destabilisieren. Frage an die staatsvertraglich organisierte, immerhin gebührenfinanzierte ARD: wieso schmeißt ihr den QAnon Fan Xaver Naidoo eigentlich beim ESC raus, lasst seine Buddies Bruch und Möhring aber fröhlich Tatort oder Babylon Berlin für euch drehen?

Würde die schauspielerisch limitierte, menschlich qualifizierte Maria Furtwängler männliche Menschenverachtung ebenso hingebungsvoll anprangern wie weibliche Benachteiligung – öffentlich-rechtlich gäbe es für beide weit weniger zu verdienen. Dennoch war die neue Studie der Malisa-Stiftung zur Benachteiligung von Frauen im Fernsehen bedeutsam. Und bietet Anlass, die aktuellen TV-Tipps unterm Aspekt der Frauenpräsenz zu betrachten.

Die Frischwoche

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11. – 17. Oktober

In der deutschen Netflix-Serie The Billion Dollar Code um zwei realexistierende Hacker, die Anfang der 90er Jahre den Algorithmus des späteren Milliardenprogramms Google Earth programmiert haben, hat zum Beispiel gleich sieben Hauptdarsteller, während mit ihrer Film-Anwältin (Lavinia Wilson) nur ein Charakter doppelte X-Chromosomen trägt. Im etwas langen, aber famosen ARD-Porträt Kevin Kühnert und die SPD dagegen ist der Protagonist naturgemäß genetisch mutiert.

Wenn sich Daniel Cohn-Bendit ab heute (23.35 Uhr) in der Doku Wir sind alle deutsche Juden an gleicher Stelle in Frankreich und Israel auf die Suche nach Glaubensgenossen begibt, herrscht auch fast unvermeidlich Frauenmangel. Weniger unvermeidlich war es hingegen, dass der fesselnde Thriller Blackout ab Mittwoch Moritz Bleibtreu sechs Teile lang auf die Jagd nach den Ursachen eines europaweiten Stromausfalls bei Joyn+ schickt.

Der Rest ist abgesehen der neuen Sat1-Show Halbpension Schmitz ab Donnerstag allerdings paritätisch, was der deutsche Netflix-Partnertauschfilm Du, Sie, Er & Wir tags drauf sogar im Titel trägt. Gehen wir mal durch: das achtteilige Mädchenhandelsdrama Box 21 aus Schweden? Männer sind Schweine, Frauen wehrhaft. Die Influencerinnen-Nabelschau The D’Amelio Show ab Mittwoch bei Disney+? Sexistisch, aber immerhin von weiblicher Seite. Die dortige Coming-of-Age-Serie Reservation Dogs um fiktive native americans beim Großwerden? Nicht sexistisch, beiderseits.

Der Dänemark Krimi parallel im Ersten? Konventionell, aber gemischt. Die Sky-Mockumentary Wellington Paranormal ab morgen? Unkonventionell. Punkt. Die Neo-Milieustudie Wir um ein halbes Dutzend sinnsuchender Mitglieder der Generation Y im Berliner Speckgürtel? Aufdringlich, aber angenehm beiläufig divers. Der neue Geniestreich von und mit Jan Georg Schütte als Paartherapeut Kranitz, Donnerstag in der ARD-Mediathek? Sechsmal höchste Improvisationskunst für alle. Zu guter Letzt die britische Dramaserie The Drowning um eine Mutter, die neun Jahre nach dessen Verschwinden (Freitag, 13th Street) glaubt, ihren Sohn zu sehen und ihn zu stalken beginnt? Mutter, Sohn, Liebe – noch Fragen?


Elefantendiebstahl & Ekelpakete

Die Gebrauchtwoche

TV

20. – 26. September

Selbstversuche sind manchmal die einzige Chance, bahnbrechende Erkenntnisgewinne zu erzielen. Mit ihrer Bereitschaft, sich mit Leib und Leben der Wissenschaft zu verschreiben, haben unzählige Forscher*innen der Menschheit Riesendienste erwiesen. Okay, ein so riesiger Dienst war es vielleicht nicht, den ganzen Wahlabend RTL, statt ARD zu schauen. Während der fünfstündigen Privatfernsehdruckbetankung waren ja weder Leib noch Leben in Gefahr – sind Peter Kloeppel und Pinar Atalay doch mediale Politikhasen, die selbst hier für Qualität bürgen. Aber wer sich über die Zusammensetzung des künftigen Bundestags in Echtzeit informieren will, sollte diesen Selbstversuch besser nicht nachmachen.

Mangels Meinungsforschung schaffte es RTL nicht mal, Punkt 18 Uhr eine Prognose zu zeigen, sondern schrieb hastig (und mit 240 Prozent der SPD auch noch falsch) beim ZDF ab. Mangels Relevanz kam abgesehen von Alice Weidel, der Peter Kloeppel ein hitziges, abrupt abgebrochenes Streitgespräch abrang, eher B-Prominenz ins Studio. Als ARZDF zur Elefantenrunde baten, unterhielt sich Frauke Ludowig mangels A-Prominenz entsprechend mit dem hauseigenen Hundecoach Martin Rütter über den Wahlausgang. Immerhin.

Denn Bild TV klaute derweil einfach dreist den öffentlich-rechtlichen Spitzentalk und verdeckte deren Logo einfach mit dem eigenen. Vielleicht meinte die Springer AG ja das mit der vollmundigen Ankündigung, 600 Journalistinnen und Journalisten einzukaufen, nachdem sie kurz zuvor das internationale News-Portal Politico für 1,5 Milliarden Dollar übernommen hatte. Vielleicht macht der Sonntag also abschließend deutlich, wie rechtschaffen in der Regel gebührenfinanziertes Fernsehen ist und wie schamlos zuweilen das werbefinanzierte.

Die abofinanzierten Portale zeigten dem Rest währenddessen bei den Emmy Awards, was eine Streamingharke ist. Abgeräumt hat zum Beispiel die tolle Comedy-Serie Ted Lasso von Apple+ mit vier Preisen, Kate Winslets Mare of Easttown (HBO/Sky) lag mit drei knapp dahinter. Und ganz vorne wie immer: das fünffach prämierte Netflix-Drama The Crown. 2022 dürfte dagegen die intergalaktische Serien-Dystopie Foundation nach Isaac Asimovs wegweisendem SciFi-Roman von 1940, seit Freitag bei Apple+, alles allein abräumen – und zwar völlig zu Recht.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

27. September – 3. Oktober

Angesichts dieser fiktionalen Güte fällt es schwer, das aktuelle Programm anzupreisen – zumal es noch voll im Schatten der Bundestagswahl steht. Bei ZOL muss man heute Abend befürchten, dass Linda Zervakis den Verlierer Armin Laschet zum Show-Wrestling mit Matthias Opdenhövel bittet oder der umgekehrt seine Kollegin zum Schlamm-Catchen mit Annalena Baerbock. Danach aber reist Thilo Mischke Uncovered an die Front in der Ukraine, was eigentlich immer für Anspruch mit Emotionen bürgt.

Anspruch mit Humor verspricht die BR-Serie 3 Frauen, 1 Auto, ein zwanzigmal fünfminütiges, crossmediales Mediathekenmobilitätskammerspiel um eine bayerische Zwangsfahrgemeinschaft. Für Humor ohne Anspruch sorgt hingegen das Serien-Sequel der sensationell erfolgreichen Tragikomödie Mein Freund, das Ekel mit Dieter Hallervorden als Pensionär im heiteren Clinch mit einer alleinerziehenden Mutter (Alware Höfels) ab Donnerstag im ZDF. Zugleich beschreitet Sky neue Biopic-Wege, indem es das Fußballerleben der italienischen Legende Francesco Totti im Sechsteiler Il Capitano mal nicht dokumentarisch abfeiert, sondern fiktional durcheinanderwürfelt. Auf originelle Art lustig.

Heute schon zeigt TVNow die sehr, sehr britische Aufarbeitung des Profumo-Skandals der Sechzigerjahre, wobei Die skandalösen Affären der Christine Keeler das Ganze glücklicherweise aus Sicht der Geliebten des gestürzten Kriegsministers erzählt. Freitag dann starten schwedische Serienwochen in der Arte-Mediathek, zum Auftakt die Tourismusgroteske 30° im Februar plus RomCom Einfach Liebe. Weder romantisch noch komisch geht es dagegen zu, wenn Kommissar Borowski am Sonntag im Tatort Kiel ein Wiedersehen mit Lars Eidinger als durchgeknalltem Frauenmörder Korthals feiert.


Laschets Kinder & Lambys Machtwege

Die Gebrauchtwoche

TV

13. – 19. September

Boah, sind Kinder anstrengend. Sie schmutzen, lärmen, kosten und stellen auch noch dauernd dumme Fragen, die Erwachsene zur Weißglut bringen. Also einige davon… KiKa-Reporter Alexander zum Beispiel ging Tino Chrupalla mit der Bitte um eines jener Gedichte auf den Sack, die der AfD-Chef dem deutschen Volke zur national(sozialistisch)en Erweckung eintrichtern will. Dann maßregelte Armin Laschet (von Klaas Heufer-Umlauf instruierte) Schüler für unbotmäßiges Nachhaken zum Unionshöcke Hans-Georg Maaßen. Und hier wie dort wurde klar, wie sehr sich beide in dem Moment nach einer Renaissance der Züchtigung sehnten.

Beim dritten Triell hatte sich der Kanzlerkandidat also einige Streicheleinheiten seiner früheren PR-Journalistin Claudia von Brauchitsch erhofft, die gestern mit Linda Zervakis in die Fernsehwahlkampfbütt ging. Aber Pustekuchen: als Sat1-Moderatorin machte sie Laschet mehr Dampf als Olaf Scholz. Mehr Dampf sauch als Annalena Baerbock. Mehr, vor allem aber konstruktiveren Dampf sogar als es ARZDF oder RTL, geschweige denn das heillos chaotische Kleinparteien-Quatriell im Ersten zuvor taten.

Das ist auch deshalb auffällig, weil ProSieben mit dem Politainment-Magazin Zervakis und Opdenhövel.Live. am Montag dilettantischen Mumpitz geliefert hatte. Dafür belegt der Sender beim Deutschen Fernsehpreis die ersten zwei Plätzen der Kategorie Infotainment für Pflege ist #NichtSelbstverständlich und Männerwelten von Joko & Klaas, von denen ersterer sogar nochmals für Wer stiehlt mir die Show prämiert wurde. Weitere Preisträger: Markus Lanz und Anja Reschke, Para und Das letzte Wort, Böhmermanns Magazin Royal und Donzkoys Freitagnacht Jews, Petra Schmidt-Schaller und Sascha Alexander Geršak, Für immer Sommer 90 und, äh, Moment – Oktoberfest 1900?!

Das klingt, als habe die Jury wie vor der Wahl von Andrea Kiewel oder der Sat1-Show Catch dasselbe geraucht wie Nemi El-Hassan, als die spätere WDR-Moderatorin 2014 mit 19 – was sie heute offenbar für die Wissenssendung Quarks disqualifiziert – auf einer antisemitischen Al-Quds-Demo war. Illegalen Stoff hatte wohl auch ServusTV-Chef Ferdinand Wegscheider intus, als er Verschwörerisches über 9/11 und Covid10 verbreitete. Dafür war Facebook mal trocken, als es vorige Woche Dutzende von Querdenker-Konten löschte.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

20. – 26. September

An die, also effektorientierte, leichterregbare, sprich schlichtere Gemüter, widmet sich heute hingegen die TVNow-Doku mit dem dezenten Titel Der Todespfleger. Wie das vortreffliche Sky-Pendent Schwarzer Schatten porträtiert sie den 85-fachen Mörder Niels Högel. Anders als dort allerdings kommt er persönlich am Telefon zu Wort, was der Sender auch noch mit „packendes Interview aus der JVA Oldenburg“ ankündigt und damit die niedersten Zuschauerinstinkte triggert. Höhere davon werden dafür zur besten Sendezeit im Ersten bedient.

Da nämlich zeigt das Erste Wege der Macht, Stephan Lambys journalistisch gewohnt perfekt recherchierte Milieu-Studie der politischen Kultur im Bundestagswahlkampf. Ungewohnt sehenswert ist parallel dazu der sendeplatzübliche Montagsfilm im ZDF. Carlo Ljubek befindet sich darin als Obdachloser, an dem die erschöpfte Köchin Ira (Julia Koschitz) ihr lädiertes Gewissen aufmöbelt, so anrührend wie schlüssig Auf dünnem Eis – und damit im fiktionalen Kerngebiet der ARD.

Genau dort macht sich Gabriela Maria Schmeide als alleinerziehende Mutter nach ihrer Kündigung selbstständig. Ihr mobiler Brotservice Tina Mobil berlinert sechsmal 45 Minuten zwar ein bisschen zu aufdringlich durch verwaiste Dörfer im Dreckgürtel der Hauptstadt. Da Schmeide jedoch wie kaum eine Kollegin richtige Realität glaubhaft machen kann, ist die Primetime-Serie trotzdem sehenswert – und damit das genau Gegenteil von Jürgen Vogel in der neuen ZDF-Freitagskrimireihe Jenseits der Spree, über den wir hier Derricks Trenchcoat des Schweigens hüllen.

Was demgegenüber zu empfehlen wäre: Morgen um 0.10 Uhr das Kleine Fernsehspiel Freaks mit Cornelia Gröschel als unverhoffte Superheldin. Oder die erste Staffel der Comic-Adaption Y – The Last Man von Disney+ um eine Zukunft (fast) ohne fortpflanzungsfähige Männer. Oder tags drauf bei Amazon das opulente Ballettdrama Bords of Paradise. Und zum Wochenendfinale die nicht nur musikalisch wuchtige Achtzigerjahre-HipHop-Gangcrime-Serie BMF auf Starzplay.