Superhelden & Depridetektive

Die Gebrauchtwoche

7. – 13. Mai

Es glich einer Kulturrevolution: 2017 durfte Netflix gleich zwei Filme nach Cannes schicken. Dem Fernsehkonsumvieh war‘s zwar herzlich egal. Mancher Purist aber zeigte sich entsetzt über die cineastische Adelung des profanen Streamingdienstes. Zumal der Flatscreen für The Meyerowitz-Stories eigentlich viel zu schade ist. Und 2018? Aus Ärger über die Verpflichtung, dass jeder Wettbewerbsfilm vor der TV-Auswertung sichtbar im Kino laufen müsse, hat Netflix-Chef Reed Hastings all seine Kandidaten zurückgezogen. Selbst im Nebenprogramm wollte er nichts laufen lassen.

So!

Puristen dürfte das jedoch so gleichgültig sein wie dem Fernsehkonsumvieh. Während sich erstere im Wohnzimmer höchstens dafür interessieren, dass die famose NDR-Journalistin Anja Reschke für ihren fundierten Meinungsjournalismus mit dem Hans-Joachim-Friedrichs-Preis geehrt wird und dem ARD-Reporter Hajo Seppelt die Einreise zur Fußball-WM in Russland verweigert wurde, sind letztere aber ohnehin nicht so wahnsinnig scharf auf Streaming-Filme. Ihnen geht es um Serien wie die erste dänische Eigenproduktion The Rain, mit der Netflix zurzeit auch außerhalb Europas für Furore sorgt. Was gleichwohl nicht heißt, dass jede Serie derlei Furore auch verdient.

Nehmen wir zum Beispiel Striker Force 7. In der mangaesken Actionreihe des indischen Animationsstudios Graphic India rettet ein supercooler, superstarker, supernetter, supersexy Superheld demnächst die Welt und erinnert dabei superseltsamerweise an den Superstar Cristiano Ronaldo. Was auch damit zu tun haben könnte, dass der Fußballer die Selbstbeweihräucherung koproduziert hat. „Zu den Dingen, die ich in meiner Freizeit gerne mache“, erklärte CR7 bei der Vorstellung des Facebook-Projekts in Los Angeles, gehöre halt auch, „gutes Fernsehen zu schauen“. Na, wenn er damit Serien wie diese gemeint hat, möchte man die anderen doch besser nicht kennenlernen.

Die Frischwoche

14. – 20. Mai

Schwer zu glauben jedenfalls, dass ein Narzisst derart schlichten Gemüts gut vom britischen Krimivierteiler In the Dark unterhalten wird, den das ZDF ab heute um 23.20 Uhr in Doppelfolgen zeigt. Die schwangere Polizistin Helen (MyAnna Buring) steckt darin nicht nur zwischen zwei Männern, sondern auch zwei Fällen fest, was sehr eindringlich, aber nicht sonderlich aufregend inszeniert ist. Auch die BBC-Serie Strike – ab Donnerstag bei Sky – von der Harry-Potter-Autorin J.K. Rowling mit Tom Burke als kriegsversehrter, verbitterter, aber nicht fatalistischer Privatdetektiv in London ist mangels Glamour wohl nichts für den Sportmilliardär. Ja selbst mit der Mockumentary Der 90-Minuten-Krieg könnte er kaum was anfangen – obwohl es darin sogar um Fußball geht. Wenngleich ohne, dass der Ball rollt.

Die deutsch-israelische Koproduktion fabuliert heute kurz nach Mitternacht im ZDF, den Nahostkonflikt spielerisch auszutragen. Israel vs. Palästina, elf gegen elf, der Sieger kriegt das ganze Land. Klingt irre? Ist es auch! Und dabei extrem unterhaltsam, aber für CR7 womöglich ein bisschen verstiegen. Ein Typ wie Falk dürfte ihm da schon mehr behagen. Falk ist ein Exzentriker, der seine arrogante Selbstverliebtheit im Gerichtssaal auslebt. Und weil diesem Anwalt ein „unkonventionell“ vorangestellt wird, weiß man sofort: er ist es heute zur Primetime im Ersten, wo man derlei Knallchargen noch immer für so ulkig hält, dass sie selbst der aufopferungsvolle Fritz Karl nicht vorm Stahlbad bräsiger Klischee rettet.

Besser ließe sich kaum zu dem TV-Ereignis der Woche überleiten: Die Hochzeit von Harry & Megan. Das ZDF überträgt sie am Samstag von elf Uhr an vier Stunden lang. Was aber noch gar nichts gegen RTL ist. Dort folgen auf die Zeremonie noch Herzchen-Dokus und Schmalz-Reportagen bis – kein Scherz – 3.25 Uhr. Die ARD belässt es dabei, tags drauf um 19.15 Uhr ein Porträt ihres Adels-Beauftragten Rolf Seelmann-Eggebert zu zeigen. Wiedersehen mit Kenia entführt den Mittachtziger nach einem Korrespondentendasein in Dutzenden von Ländern an seine Wurzeln als Reporter – und das ist wirklich, wirklich sehenswert.

Wie auch, unter völlig anderen Vorzeichen, die 37°-Reportage K.o.-getropft, in der morgen um 22.15 Uhr drei Frauen (nach einem Porträt des englischen Brautpaars, versteht sich), von ihrem Filmriss erzählen. Bedrückend. Berückend ist dagegen genau 24 Stunden zuvor an gleicher Stelle die US-Komödie How to Be Single, eine Art Sex and the City ohne Konsumgeilheit, aber mit Dakota Johnson. Und auch die Wiederholungen der Woche enthalten Filme, die den Mainstream auf kreative Art unterlaufen. Heute um 20.15 Uhr zeigt One The Wrestler, der Mickey Rourke vor zehn Jahren zwar nicht den Oscar, aber enorm viel Respekt eingebracht hat. Und exakt einen Tag später belegt Alexander Paynes Weinliebhaberkomödie Sideways auf Servus, dass Kino zu jener Zeit auch ohne Superhelden und Raumschiffe massentauglich war.

Fehlt noch ein Schwarzweiß-Tipp: Richard Burton als Anti-Bond im Agenten-Thriller Der Spion, der aus der Kälte kam von 1965 (Freitag, 22.15 Uhr, 3sat). Der Alt-Tatort huldigt am gleichen Tag einem Ermittler, dem gewiss auch Cristiano Ronaldo viel abgewinnen könnte: Nick Bam Tschiller Bäng. In Der große Schmerz (Freitag, 20.15 Uhr, ARD) gab’s 2015 für die halbe Hamburger Unterwelt aufs Maul, während Schweigers Alabasterkörper glänzte. Till und Ron – Brüder im Geiste.

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Rückeroberungen & Staatsfeinde

Die Gebrauchtwoche

30. April – 6. Mai

Ach, Jan Böhmermann: Weil sich dein Neo Magazin Royal gerade mit der Guerilla-Aktion Reconquista Internet das Netz von den Trollen, Hatern, Vollidioten zurückholt, ist die Welt zwar noch immer kein besserer Planet als zuvor. Wenn unerschrockene Entertainer wie du allerdings E und U, also Spaß und Politik so verbinden, dass all die Schlafmützen vorm Bildschirm kurz mal aufwachen und vielleicht sogar ihren Arsch aus dem Sessel kriegen, ist der Weg dahin zumindest humorvoll geebnet.

Und damit ist explizit nicht das aberwitzige Arschhochkriegen in Takeshi’s Castle gemeint. Gut 40 Jahre, nachdem sich erstmals ein Rudel schmerzbefreiter Kandidaten auf die japanische Sperrholzburg gestürzt hat, holt Comedy Central das analoge Jump’n’Run-Spiel seit Samstag aus der Mottenkiste des Trashfernsehens und schickt – kommentiert von Oliver Kalkofe – 100 thailändische Kandidaten auf den Parcours der Peinlichkeiten. Das ist in seiner Sinnlosigkeit fast schon wieder lustig, lenkt aber nicht ab von den ernsten Dingen der Medienlandschaft.

Die Freistellung von Gebard Henkes zum Beispiel. Dem hochgeachteten Filmchef des WDR wird sexuelle Belästigung vorgeworfen. Es gab zwar rasch weibliche Solidaritätsadressen an den erfolgreichen Tatort-Koordinator. Die leidvolle Erfahrung mit der diskreditierten Männermedienmachtelite lässt gepaart mit belastenden Aussagen von Charlotte Roche und Nina Petri aber erneut das Schlimmste befürchten. Eher ethisch missbraucht mussten sich 2017 indes die Fans von Max Giesinger fühlen, als – schon wieder – Jan Böhmermann aufdeckte, wie der Pop-Poet sein Publikum verachtet. Doch was ihn moralisch komplett diskreditiert haben sollte, dient dem NDR als Anlass, Giesinger in die ESC-Jury zu berufen.

Die Frischwoche

7. – 13. Mai

Wenn das Erste am Samstag also den Songcontest aus Lissabon mitsamt der – hoffentlich wie immer verregneten – Party von Hamburgs Reeperbahn überträgt, entscheidet ausgerechnet dieser verlogene Schlagerschleimer darüber, welcher Popsulz douze points aus Allemagne kriegt. Da kann man eigentlich nur noch empfehlen, zeitgleich auf 3sat das Zweipersonenstück Die Odyssee vom benachbarten Thalia-Theater zu sehen. Aber gut, macht natürlich fast niemand. Was die Leute wieder massenhaft tun, ist ab morgen Weissensee einzuschalten. Die Saga einer Familie voller Stasi-Opfer und -Täter geht bis Donnerstag in die 4. Staffel. Das ist auch nach dem Mauerfall zwar zusehends öde und berechenbar, aber immer noch sehr versiert inszeniert. Weshalb die Kupfers wohl auch noch die Besiedlung des Mars im 23. Jahrhundert in der ARD erleben werden.

Die parallel gezeigten Filmkonstrukte der Privatkonkurrenz werden da natürlich längst vergessen sein. Aber vergeben? Auf RTL startet um 20.15 Uhr die nächste Heimserie. In Lifelines schlägt sich der Ex-Militärarzt Alex Rohde (Jan Hartmann) zehn Teile lang durch den Alltag einer zivilen Klinik, was sendertypisch vor allem Gelegenheit zu kernig verpackter Gefühlsduselei liefert – und dem Staatsfeind auf Sat1 damit nicht nur atmosphärisch ähnelt. Dort gerät Henning Baum als empathischer Bulle in ein staatlich gelenktes Komplott, was dem Stammpublikum ein paar Verschwörungstheorien in den Fressnapf wirft, ansonsten aber höchstens als Echtzeit-Kompost dient.

Das hat der Film mit der US-Groteske The Interview gemeinsam, die RTL am Donnerstag um 23.45 Uhr erstausstrahlt. Inhaltlich ist das fiktive Treffen zweier Journalisten mit Kim Jong-un kaum der Rede wert. Doch weil es Nordkorea mit einer Reihe realer Cyberattacken verhindern wollte, bekam das harmlose Werk vor vier Jahren globales Gewicht. Dann also doch lieber bewusst irreale Grotesken. Auf Sky spielt der Comedian Bill Hader ab heute nach eigenem Drehbuch unter eigener Regie den Auftragskiller Barry, der sich bei einem Einsatz in Hollywood entschließt Schauspieler zu werden – was sehr unterhaltsam mit seinem alten Beruf kollidiert. Vor den Wiederholungen der Woche aber noch zwei Doku-Tipps: Heute (23.30 Uhr) beleuchtet das Erste Israel, Geburt eines Staates, was nicht nur im Licht des neuen alten Antisemitismus sehenswert ist. Und drei Stunden zuvor zeigt der rustikale Presenter von Wilmsdorff in der gefühlvollen Krebs-Reportage Jenke macht Mut! am Beispiel seiner eigenen Familie, dass auch privates Sachfernsehen zuweilen ohne Pathos auskommt.

Jetzt aber zur Gebrauchtware wie dem Auftakt der SciFi-Trilogie Matrix, mit der die Brüder Wachowski vor 19 Jahren vor allem in technischer Hinsicht Filmgeschichte schrieben (Montag, 20.5 Uhr, Kabel1). Nicht ganz so richtungsweisend, aber fünffach oscarprämiert ist tags drauf (20.15 Uhr, Nitro) Martin Scorceses grandioses Porträt des Flug- und Filmpioniers Howard Hughes von 2004 mit Leonardo DiCaprio in der Titelrolle als Aviator. Am Freitag ab 23.10 Uhr wiederholt RTL2 den Start der Zombie-Serie The Walking Dead von 2010. Und den NDR-Tatort namens Dunkle Zeit (Dienstag, 22 Uhr) mit Anja Kling als Politikerin im rechten Fadenkreuz empfehlen wir hier auch deshalb, weil man Kling beim Zappen zugleich im MDR-Polizeiruf Zerstörte Hoffnung als 27 Jahre jüngere Punkerin sehen kann.


Musikpreise & Menschenhandel

Die Gebrauchtwoche

23. – 29. April

Ach, die Zeiten sind schon fürchterlich. Obwohl die Pressefreiheit nach dem jüngsten Bericht der Reporter ohne Grenzen weltweit unter Druck steht, gilt die Entwicklung in Europa nochmals als besorgniserregender. Kein Wunder – bewegt sich an dessen Ostrand neben Ungarn und Polen doch gerade die Türkei Richtung Diktatur, in der ein angeblich unabhängiges Gericht 14 Journalisten der regierungskritischen Cumhuriyet wegen konstruierter Terrorvorwürfe zu hohen Haftstrafen verurteilt hat. Aber auch Deutschland hat sich zuletzt um einen Rang verschlechtert, weil die Berichterstattung während des G20-Gipfels in Hamburg, durch Hetze im Netz oder das neue BND-Gesetz beeinträchtigt wurde.

In Zeiten wie diesen sorgt es da gelegentlich für etwas Wohlbefinden, wenn es auch mal was Positives zu vermelden gibt. Voilà: Der, hüstel, „Musikpreis“ Echo ist Geschichte. Leider folgen auf gute Nachrichten oft stehenden Fußes schlechte: Den Echo beerbt nämlich ein weiterer, hüstel, „Musikpreis“ vom, hüstel, „Musikverband“ BVMI, dessen letzter Buchstabe für Industrie steht und daher unter Musik auch weiterhin vornehmlich ein Business versteht, keine Herzensangelegenheit.

Und noch eine positive Meldung gab es vor ein paar Tagen: Die wunderbare Journalistin Dunja Hayali darf zu den Wurzeln ihrer Lehrjahre zurückkehren und ab August Das aktuelle Sportstudio im ZDF moderieren. Eine Ikone meinungsgetriebener Politikunterhaltung in einer Ikone des Leibesübungsfernsehens – ihre künftigen Kollegen dürften womöglich über weniger Sendezeit am Samstagabend klagen; dem Publikum erwächst daraus fraglos etwas ungemein Sehenswertes aus sachlicher Ebene.

Die Frischwoche

30. April – 6. Mai

Darin versucht sich ab heute auch die ARD. Unter der Überschrift Was Deutschland bewegt, lotet sie (im Anschluss vertieft bei Frank Plasberg und ab 22.45 Uhr gefolgt von Manuel Möglichs neuem Hardcore-Reportagemagzin Rabiat) sechs Montage lang zur besten Sendezeit all die kleinen und großen die Grausamkeiten unserer Gesellschaft aus von der sozialen Gewalt materieller Ungleichheit bis zur physischen Gewalt gegen Schwächere. Den Auftakt bildet der Kampf um und gegen den Mindestlohn. Das steht natürlich bereits im Kernschatten des Maifeiertags, an dem Arte ab 20.15 Uhr einen Schwerpunkt zum Thema Menschenhandel zeigt, den ausgerechnet der Spaß-Kanal Pro7 um zwei Filme zum Thema Sklaverei ergänzt: Steve McQueens 12 Years a Slave, gefolgt von Quentin Tarantinos Django Unchained.

Das ZDF hingegen verschiebt sein lang angekündigtes Dokudrama Karl Marx mit Mario Adorf in der Titelrolle seltsamerweise auf den Mittwoch. Obwohl – vielleicht ersparen sie dem Tag der Arbeit dieses herzlich missratene Biopic ja aus Rücksicht auf dessen Würde… Die gewährt ihm 3sat den gesamten Feiertag musikalisch. Von Joan Baez um 6.15 Uhr über Maffay, Minogue, Rammstein zwischendurch bis Mötley Crüe tags drauf um 5 Uhr gibt es 24 Stunden lang Pop around the Clock. Und dem setzt Arte tags drauf um 22.35 Uhr mit Sophie Fiennes‘ fast zweistündigem Porträt von Amazing Grace Jones gewissermaßen die Krone auf. Am Freitag dann startet bei Sky die britische Miniserie Save Me. Lennie James, bekannt aus The Walking Dead, sucht darin sechs Teile lang sein vermisstes Kind – was dadurch erschwert wird, dass ihm eine Beteiligung am Verschwinden unterstellt wird.

Sonnabend lässt die ARD mal wieder im Ausland Verbrecher jagen. Wenn Philipp Hochmair ohne Augenlicht, aber mit Wiener Schmäh Blind ermittelt, wird es allerdings weit skurriler, also ansehnlicher als in den üblichen Urlaubsortkrimis der ARD. Am Sonntag muss man indes schon länger aufbleiben, um den Film des Tages im Regelprogramm zu erleben. Die Dokumentation Eskimo Limon begibt sich auf die Spuren der weltweit erfolgreichen Filmreihe Eis am Stiel. Was Regisseur Eric Friedler dabei an Überraschungen zutage fördert, ist allerdings zu unglaublich, um sie zu verraten. Oder wusste irgendwer, dass der 1. Teil vor 40 Jahren im Wettbewerb der Berlinale lief? Eben!

Und weil danach nichts mehr kommen kann, geht es jetzt flugs zu den Wiederholungen der Woche, dafür von denen ein paar mehr. In schwarzweiß das hypnotische Filmabenteuer Der Schamane und die Schlange von 2015 aus Kolumbien (Montag, 22.15 Uhr, Arte) um Europäer in Bann amazonischer Schamanen. An selber Stelle, 20 Jahre älter, ebenso hypnotisch und doch unvergleichbar: Terry Gilliams irre SciFi-Dystopie 12 Monkeys mit Bruce Willis als Zeitreisender in eine zukünftige Vergangenheit (Samstag, 21.45 Uhr). Nochmals elf Jahre älter ist die Mutter aller Kuscheltierhorrorfilme Gremlins (Dienstag, 20.15 Uhr, Kabel1) von 1984.

Noch gar nicht so alt, aber längst legendär: Lars Jessens Mockumentary um die Wiedervereinigung der fiktiven Band Fraktus (Montag, 1.15 Uhr, Arte). Weil es jetzt einen Heimatschutzminister aus Bayern gibt, stehen die Tatort-Tipps ganz im Zeichen der Dialekt-Festwoche im BR: Dienstag laufen ab 20.15 Uhr zwei Siebzigerjahre-Fälle mit Gustl Bayrhammer als Melchior Veigl. Und um zu zeigen, dass die Reihe eher besser als schlechter wurde, zeigt der HR am gleichen Tag um 21.45 Uhr den Frankfurter Fall Weil sie böse sind von 2009 mit Matthias Schweighöfer in seiner letzten seriösen Rolle als dekadenter Snob.


Matusseks Storch & Picassos Genie

Die Gebrauchtwoche

16. – 22. April

Das Ende diverser Epochen zählt mittlerweile fast zum Alltag der Medien – schließlich steht die alte, auf Papier gedruckte, geldwerte Presse insgesamt zur Disposition. Print? Totgeweiht! Tageszeitung? Totgeweiht! Journalismus? Totgeweiht! Da überrascht es dann gar nicht mehr so sehr, wenn ein Magazin aus der bislang letzten Boomphase des Metiers abschmiert: Die Neon. Nach der Dotcom-Blase als Begleitheft philanthropischer Dotcomblasen-Bläser gegründet, verbuchte es während der Lehman-Pleite Rekordauflagen, die sich seit der Staatenkrise auf mittlerweile 60.000 Hefte geviertelt haben. Nun also wandert der einstige Trendsetter ins Internet ab und hinterlässt die nächste Alterskohorte ohne sinnstiftendes Druckerzeugnis.

Das ist allein deshalb schon bedeutsam, da investigativer Publizismus beharrlich auf zermanschtem Holz zu lesen ist. Davon zeugen nicht zuletzt die Pulitzer-Preise für New York Times oder Washington Post. Ihre Arbeit hat sowohl den Missbrauchsfall von Harvey Weinstein aufgedeckt und damit die #MeToo-Debatte entfacht, als auch die Einmischung Russlands in den Präsidentschaftswahlkampf der USA entlarvt – was den Sieg von Donald Trump bis heute juristisch anfechtbar machen könnte. Kein Wunder, dass er sich mit Glückwünschen für seine Lieblingsgegner bislang zurückhielt. Sind ja bekanntlich alles bloß Fake Media…

Für die hält Österreichs amtierende Regierungspartei FPÖ bekanntlich auch den öffentlich-rechtlichen Sender ORF. Zurzeit kritisiert sie etwa Einseitigkeit in der Berichterstattung über den Wahlsieg des, hüstel, lupenreinen Demokraten Viktor Orbán in Ungarn und fordert wie so oft die ersatzlose Streichung voreingenommener Korrespondenten. Qualitätsoffensive durch Personalkürzung – das widerspricht schon ein wenig jenem „gesunden Menschenverstand“, zu dem der parlamentarische AfD-Rottweiler Beatrix von Storch den einst irgendwie journalistisch tätigen Geistesbruder Matthias Matussek auf ihrem Haus- und Hetzkanal interviewt hat.

Die Frischwoche

16. – 22. April

Ist es nun unsererseits populistisch, vom verbalen Brechdurchfall wenigstens latent antisemitischer Rechtspopulisten auf Artes Themenabend zu Israels 70. Geburtstag am Dienstag überzuleiten? Vielleicht. Aber egal! In Mein gelobtes Land werden fünf Stunden lang alle Seiten des Zionismus beleuchtet – von der Staatsgründung über den Mossad und Tel Aviv bis hin zu Ben Gurions Vermächtnis“ um 0.35 Uhr. Passenderweise zeigt der Kulturkanal tags drauf Der Staat gegen Fritz Bauer um einen Staatsanwalt, der im durchfallbraunen Nachkriegsdeutschland den Skandal unbehelligter SS-Größen aufdeckte und dafür von ganz oben bekämpft wurde.

Dummerweise läuft das beeindruckende Porträt mit Burghart Klaußner als Frankfurter Staatsanwalt parallel zu Bayern Münchnes Champions-League-Halbfinale gegen Real Madrid – eine Gebührengeldvergeudung, die die ARD gottlob zum letzten Mal dazu nötigt, als Mittwochsfilm nur eine Wiederholung zu zeigen (Ein Atem). Niemals verschieben würde das Erste seinerseits die Freitagsschnulze. Nicht mal dann, wenn zugleich der Deutsche Filmpreis 2018 verliehen wird, was dann eben erst um 22 Uhr als Aufzeichnung läuft, weil vorher noch irgendein Mumpitz namens Billy Kuckuck beendet sein muss.

Tags drauf läuft dann vorab ein Biopic auf Arte, mit dem das ZDF Mario Adorf am 2. Mai um 20.15 Uhr einen Herzenswunsch erfüllt. Der 87-Jährige spielt (endlich!) Karl Marx, zumindest den alten. Den betagten Pablo Picasso hingegen spielt kein Geringerer als Antonio Banderas. Nach dem weltweit erfolgreichen Zehnteiler Genius: Einstein! porträtiert National Geographic ab Dienstag zeitgleich in 171 Ländern den wohl berühmtesten Maler in einer opulenten Dramaserie: Genius: Picasso! Mindestens ebenso opulent, aber weitaus fiktiver ist die dritte Staffel des Renaissance-Blockbuster Borgia, den Sky ab Sonntag erstmals in deutscher Sprache zeigt.

Auf irgendwie ganz andere Art und Weise wuchtig ist indes ein Doku-Dreiteiler, den ZDFinfo am Abend zuvor ab 20.15 Uhr am Stück zeigt: Rockerkrieg – die verstörende Milieustudie aus dem Reich der organisierten Kriminalität. Zur Entspannung taugen da am besten die Wiederholungen der Woche. Heute etwa um 20.15 Uhr in Schwarzweiß auf Arte: Ein Platz an der Sonne, das sechsfach oscarprämierte Melodram von 1951 mit Montgomery Clift als Glücksritter, den die Ehe mit der reichen Erbin Angela (Elizabeth Taylor) vorwärts bringen soll. Kurz darauf (23.10 Uhr, MDR; auch am Sonntag, 23.35 Uhr, SWR) dechiffriert Benedict Cumberbatch in The Imitation Game von 2014 die berühmte Dechiffriermaschine der Nazis namens Enigma. Gruselig wird es Dienstag (20.15) auf Tele5, wo sich Nicole Kidman und ihre Kinder im Bann von The Others befinden, die ein altes Landhaus besetzen, gefolgt von Quentin Tarantinos Regiedebüt Reservoir Dogs von 1991. Und der Tatort-Tipp: Die Feigheit des Löwen (Donnerstag, 20.15, WDR) zum Thema Flüchtlinge, sorgsam bearbeitet vom ARD-Empathie-Beauftragen Wotan Wilke Möhring alias Kommissar Falk.


Facebookverrat & Weltuntergänge

Die Gebrauchtwoche

9. – 15. April

Das Böse war ganz artig, Anfang voriger Woche. Im weißen Hemd zur blauen Krawatte saß Mark Zuckerberg vorm US-Kongress, lächelte meistens scheu und gab sich ganz als Mamis Liebling mit Tischmanieren. Facebook sei eine idealistische, optimistische Firma, um „Menschen miteinander zu verbinden“, beteuerte der Chef des sozialen Netzwerks und gab zu, „dass wir nicht genug dagegen getan haben, um den Missbrauch dieser Werkzeuge zu verhindern“. Das klingt angesichts Milliarden verscherbelter, veruntreuter, versickerter Datensätze seiner Kundschaft, die er zwar willfährig mit rechtsextremem Hass mästet, aber um Gottes Willen bloß nicht mit Brustwarzen oder Schamhaaren, ein bisschen wohlfeil, aber hey – der Aktienkurs schoss sogleich in die Höhe.

Vielleicht ja auch, weil sich die Abgeordneten und Senatoren von einer analogen Unkenntnis zeigten, gegen die Oma Krause aus Oer-Erkenschwick wie ein digital native wirkt. Von daher kann man nur hoffen, dass Mark Zuckerberg wegen diverser Manipulationen im Zusammenhang mit Brexit und Wahlen vors Europaparlament geladen wird, wo erfahrungsgemäß etwas mehr Digitalexpertise vorherrscht als in den USA, wo ein Senator allen Ernstes fragte, wie Facebook denn bitteschön Geld verdiene, wenn die Mitgliedschaft doch kostenlos sei…

Sein Erscheinen wäre auch deshalb interessant, da auf dem alten Kontinent in Sachen Medien gerade ein neuer, mal frischer, oft muffiger Wind weht. Russland zum Beispiel sperrt kurzerhand Telegram, weil der Instant-Messaging-Dienst keine privaten Nutzerdaten zur Terrorabwehr freigibt. In Deutschland erlauben Verfassungsrichter derweil die Ausstrahlung illegal erlangter Beiträge wie jenen, den der MDR aus einer Massentierfabrik gezeigt hat. Und das Landgericht Berlin hat Facebook per einstweilige Verfügung verdonnert, den gelöschten Post eines Nutzers wieder einzustellen, der zwar voller Hass, aber nicht rechtswidrig ist. Dank angeblicher „Fake-News“ linker „Systemmedien“ über „sinkende Arbeitslosenzahlen oder Trump“, stand in dem Kommentar zur Wiederwahl Viktor Orbans, würden die Deutschen nämlich immer mehr verblöden.

Die Frischwoche

16. – 22. April

Das könnte auch Teil jener Dokumentation sein, die das Erste heute Abend um 22.45 Uhr zeigt. Protest und Provokation blickt auf die ersten Monate der AfD im Bundestag zurück, was einer kleinen Horrorshow des politisch Unkorrekten gleicht. Im Zweiten dagegen darf Heino Ferch zur besten Sendezeit die gruselige Vielfalt des einzigen Gesichtsausdrucks (männlich-melodramatisch) als Der Richter präsentieren, der wegen seiner entführten Tochter in einen Gewissenskonflikt gerät.

Ach ZDF…

Obwohl – zwei Stunden später ist ja wirklich was Bemerkenswertes auf dem Traumschiff-Kanal zu sehen: Hard Sun, ein BBC-Dreiteiler, in dem es zwei Londoner Polizisten mit dem drohenden Weltuntergang zu tun kriegen – mehr aber noch mit einem Geheimdienst, der alles dafür tut, Chaos und Anarchie zu vermeiden. Selbst Lügen verbreiten, Zwietracht zu säen, Kollegen zu töten. Verschwörungstheorie mit Suchtfaktor! Den entfaltet ab Donnerstag auch die neue Netflix-Serie Alienist. In dieser atmosphärisch aufwühlenden Jack-the-Ripper-Mischung aus Gangs of New York und The Knick spielt Daniel Brühl darin den Psychiater Lazlo Kreizler, für den es zur bedingungslosen Obsession wird, an der amerikanischen Ostküste des Fin de Siècle bizarre Kindermorde aufzuklären.

Nicht ganz leicht, von derart drastischer Kostümpsychokost in die gegenwärtige Realität zurückzukehren. Machen wir’s also unprätentiös: Am gleichen Abend um 20.15 Uhr zeigt 3sat eine sehenswerte Reportage über den Müll-Meister Deutschland. Tags drauf läuft ab 21.45 Uhr bei Arte der Themenschwerpunkt Black Power Pop, in dem James Brown, Aretha Franklin und Marvin Gaye porträtiert werden. Und am Sonntag um 17.55 Uhr startet auf Sat1 etwas, das eigentlich zu berechnend klingt, um niveauvoll zu sein: Hotel Herzklopfen. Moderiert von Lutz van der Horst, Sarah Mangione und Daniel Boschmann werden darin 24 einsame Senioren bei der geriatrischen Balz kaserniert, was sechsmal zwischen zynisch und liebevoll alles Mögliche sein kann, nur ganz gewiss nicht frei von Fremdscham. Und damit zu den Wiederholungen der Woche.

Morgen Nacht wiederholt Tele 5 – kurz vorm grandiosen Tatort: Borowski und die Rückkehr des stillen Gastes um 22 Uhr im NDR – einen der eindrücklichsten Horrorfilme überhaupt: Das Omen von 1976, in dem es Gregory Peck um 23 Uhr mit der Wiedergeburt des Teufels im eigenen Sohn zu tun kriegt. Zwei Jahre älter ist Die Akte Odessa (Montag, 20.15 Uhr, Arte), was weniger wegen der fesselnden Story um einen Geheimbund früherer Nazis spannend ist, als wegen des Drehorts Hamburg Mitte der Siebziger. Noch ein wenig weiter zurück mit durchaus vergleichbarer Thematik reicht Margarethe von Trottas Biopic Hannah Arendt (Dienstag, 0.55 Uhr, ARD mit Barbara Sukowa in der Titelrolle dieser großen, aber auch umstrittenen Philosophin samt ihrer Totalitarismus-Theorie.


Ella Schön & Emily Atef

Die Gebrauchtwoche

2. – 8. April

Wann genau ein Kurssturz zum Börsencrash wird, ist nicht exakt messbar. Aber was grad in der Tech-Branche geschieht, ist letzterem zumindest näher als ersterem. Fast 200 Milliarden Dollar haben die Aktien der vier Branchengiganten Amazon, Alphabet, Facebook, Netflix in kürzester Zeit an Wert verloren. Angesichts von Umsätzen in Höhe des Bruttoinlandsprodukts mittlerer Staaten, klingt das zwar nach Peanuts; sie liegen den Milliardenkonzernen allerdings unverdaulich im Magen.

Das ist nicht nur dank knapp 90 Millionen Opfern des Datenleaks bei Facebook bedeutsam, von denen allein 310.000 in Deutschland leben. Umso erstaunlicher klingt es da, wenn sich plötzlich ein Medienmann der alten Schule zurückmeldet: John de Mol, der mit Shows wie Wer wird Millionär das Abertausendfache der maximalen Gewinnsumme verdient hat, kauft die holländische Nachrichtenagentur ANP und wird dadurch endgültig zum Mogul aufsteigt – schon, weil er seine Finger nicht vom digitalen Business lassen kann.

So richtig analog ist hingegen das, was die ARD angekündigt hat: ein Biopic über die Aldi-Brüder, mit Christoph Bach als Karl und Arnd Klawitter als Theo Albrecht, gedreht von Raymond Ley. Könnte fett werden, innovativ eher weniger. Aber das eint das Erste ja mit der abscheulichen Bild, die ihre Bleifußkampagne „Freie Fahrt für freie Bürger“ aus den 80ern in die Gegenwart verlegt und der Mittwochsausgabe allen Ernstes Aufkleber mit „Freie Fahrt für meinen Diesel“ beigelegt hat. Wenn Geldgier Gehirn verdrängt und Klientelismus Journalismus, ist man bei Springers rotem Kampfblatt halt immer noch prima aufgehoben. Ähnliches gilt auch für den Sonntagabend im ZDF, wo Gehirn verlässlich durch Gefühl ersetzt wird. Seit gestern aber hat das debil eskapistische Herzkino fast schon Niveau. Mit bescheuertem Titel zwar (Ella Schön), aber toller Hauptfigur (Annette Frier), deren Problem (Asperger) erstaunlich unseifig ist.

Die Frischwoche

9. – 15. April

Die Reihe hat zwar nicht die Güte eines gelungenen ARD-Mittwochsfilms, aber das, was Emily Atef dort diese Woche kreiert, ist selbst für belastbare Zuschauer auch schwer verdaulich. In Macht euch keine Sorgen skizziert die Regisseurin nach allerlei Frauenporträts den Weg muslimischer Jungs zum IS, was so glaubhaft und intensiv ist, dass man dem Titel besser nicht glaubt. Zwei Tage später zeigt dann Arte, was gute Filme kennzeichnet. In der präzisen Milieustudie Auf einmal (20.15 Uhr)  wird der vergleichbar unbekannte, aber fabelhafte Schauspieler Sebastian Hülk gleichermaßen zum Opfer und Täter einer Biedermeiersozialkriminalmelodrams, das in dieser Qualität selbst auf dem Kulturkanal selten ist. Am gewohnt soliden, aber nicht herausragenden Fall der ZDF-Reihe Unter Verdacht ist tags drauf zur selben Zeit dagegen vor allem bemerkenswert, dass Senta Berger von Eva Prohacek trotz anderslautender Vermutungen partout nicht lassen kann.

Auf Sky gibt es demgegenüber ab Mittwoch etwas nicht unbedingt Außer-, aber doch Ungewöhnliches: die zehnteilige Dramaserie 9-1-1 um amerikanische Hilfskräfte jeder Art erweckt den Anschein eines hochwertigeren Real-Life-Formats, ist jedoch fiktional und trotzdem realistisch – was auch daran liegen könnte, dass es der Showrunner von Nip/Tuk und American Horror Story verantwortet. Noch näher an der Wirklichkeit sind allerdings naturgemäß Dokumentationen wie die englisch-kanadische über Greenpeace. Ohne runden Anlass, aber extrem kenntnisreich und spannend, blickt Wie alles begann auf die wichtigste Umweltorganisation zurück, seit sie sich dem ungezügelten Kapitalismus 1971 erstmals in den Weg stellte.

Am Mittwoch schaut 3sat noch drei Jahre weiter in die Vergangenheit und porträtiert um 20.15 Uhr das 68er-Idol Dutschke. Nirgendwo anders als auf nackte Verkaufszahlen sieht tags drauf zum 27. Mal der Musikbranchenpreis Echo, dem Kunst und Kultur so derartig scheißegal sind, dass Baukastenstars wie Ed Sheeran und Helene Fischer wieder mal kräftig absahnen, wenn Vox den Kommerzquatsch zur besten Sendezeit überträgt. Ein Grund mehr, sich von jetzt an den Wiederholungen der Woche zu widmen. In Farbe unbedingt empfehlenswert: Sam Packinpahs legendäres Gangsterroadmovie The Getaway (Samstag, 21.50 Uhr, Arte), in dem Steve McQueen und Ali MacGraw 1972 auf der Flucht vor der Polizei und Kollegen sind.

Ebenfalls im kriminellen Milieu spielt 24 Jahre später das Debüt eines der erstaunlichsten Regisseure überhaupt: Wes Anderson. Schon damals mit dem weithin unterschätzten Lieblingsdarsteller Owen Wilson in der Hauptrolle ist Durchgeknallt (Dienstag, 22.05 Uhr, Servus) in jeder Hinsicht fantastisch. Solch ein Attribut verbietet sich beim schwarzweißen Tipp per se, aber Frank Beyers epochales KZ-Drama Nackt unter Wölfen (Montag, 23.05 Uhr, MDR) war 1963 kaum eindrücklicher als es heute ist. Das gilt auf seine Art auch für den Tatort der Woche: Borowski und der Himmel über Kiel von 2015. Dienstag (20.15 Uhr, RBB) brilliert darin einmal mehr die damals noch kaum bekannte Elisa Schlott als Junkie, der einem als Zuschauer Chrystal Meth für alle Zeiten austreibt – so wahrhaftig ist ihr Spiel.


Augenrollen & Terrorschiffe

Die Gebrauchtwoche

19. – 25. März

Es sind gerade die kleinen Dinge, mit denen Krankheit wie Heilung der Mediengesellschaft in einem verdeutlicht werden. Das Augenrollen der Shanghaier Journalistin Liang Xiangyi zum Beispiel, mit dem sie bei einer Pressekonferenz zum chinesischen Volkskongress bildmächtig zum Ausdruck brachte, wie lächerlich die devote Frage einer, nun ja, „Kollegin“ war. Die Beharrlichkeit, mit der aufrechte Blogger in Ermangelung einer freien Presse über die abgekartete Putin-, äh – Präsidentschaftswahl in Russland berichtet haben. Oder auch das Interview mit Mark Zuckerberg, der den Verlust/Verkauf/Verrat von mehr als 50 Millionen Datensätzen seiner Facebook-Kunden drei Tage später wie immer nett lächelnd, aber gewohnt unverbindlich bereut hat.

Jetzt also, beteuert die mächtigste und reichste Datenkrake der Welt mit seinem arglosesten Dackelblick, werde alles besser, also auch Hassposts jeder Art der Garaus gemacht und überhaupt die Erde ein besserer Ort dank Magic Mark und seiner Plattform, die doch für alle nur das Beste will, den Weltfrieden, globale Glückseligkeit, das Ende aller Gewalt und kostenlos Gummibärchen für alle. Weil Facebook für all dies aber wohl noch ein paar Wochen benötigt, trösten wir uns für den Moment mit dem kalendarischen Frühlingsanfang, der in den Wettervorhersagen noch nicht so rechten Widerhall findet, aber immerhin schon mal im öffentlich-rechtlichen Restprogramm.

Dort nämlich läuft seit Sonntag nicht mehr Woche für Woche von morgens bis abends Wintersport, Wintersport und nochmals Wintersport, sondern – nun ja, alles andere, was bekanntlich meistens Krimi, Krimi, nochmals Krimi und ein bisschen Traumschiff (ab Sonntag Barbara Wussow als Ersatz der abgeheuerten Heide Keller) ist. Das ZDF hat daher die irre Idee, nach den SOKO von Leipzig über München und Oer-Erkenschwick bis Tasmanien, der erdabgewandten Mondseite und Alpha Centauri am Dienstag um 18 Uhr endlich eine in Hamburg zu eröffnen. Schließlich hat die Hansestadt bislang überhaupt noch keine Fernsehermittler, weshalb man sich zusätzlich was wie ein „Großstadtrevier Hafenkante“ oder so ausdenken könnte, nur so als Vorschlag.

Die Frischwoche

26. März – 1. April

Auch die ARD versucht Mittwoch was total Neues: Ein Historiendrama vom Kriegsende, das ja nun wirklich überhaupt noch nie Teil einer Fernsehfiktion war. Zur Ehrenrettung muss allerdings erwähnt werden, dass Friedemann Fromms Adaption von Oliver Storz‘ Bestseller Die Freibadclique über fünf schwäbische Jungs zwischen Pubertät und Volkssturm schon sehr ordentliche TV-Unterhaltung ist. Und vielleicht findet das Erste dafür ja auch mal ein Thema ohne Nazis. Ist aber auch echt kompliziert. Denn obwohl im Arte-Film Junges Licht (Donnerstag, 22.30 Uhr) niemand mehr SS-Uniform trägt, ist die einfühlsam erzählte Story um ein sexuell erwachendes Kind im Ruhrpott der Sechzigerjahre so vom biederen Zynismus der Tätergeneration geprägt, dass die (auch real liierten) Lina Beckmann und Charly Hübner alle Mühe haben, ihr als Eltern mit humorvoller Leichtigkeit zu begegnen.

Schaffen beide aber sehr gut. Ganz im Gegensatz zu The Terror, was ja schon im Titel schwer spaßbefreit und schwer klingt, aber wirklich gar nichts mit Islamisten oder NSU zu tun hat. Vor 172 Jahren war es der Name eines Schiffes, auf dem der britische Polarforscher James Franklin die damals noch überwiegend vereiste Nordwest-Passage von Europa nach Asien durchfahren wollte. Ein Himmelfahrtskommando, Geschichtskundige wissen das. Produziert von Ridley Scott ist der Zehnteiler ab sofort auf Amazon-Prime dennoch bis zum fatalen Ende ansehnlich und spannend. Was vor allem damit zu tun hat, dass die Kammerspielatmosphäre im ewigen Eis praktisch ohne Effekthascherei und Streicherquark auskommt.

Beides gilt uneingeschränkt auch für Anne Zohra Berrachads umjubelten (aber nicht preisgekrönten) Berlinale-Beitrag 24 Wochen vom Vorjahr, in dem Julia Jentsch und Bjarne Mädel heute auf Arte mit der Nachricht eines schwer geschädigten Kindes im Mutterleib fertig werden müssen. Sie tun das ohne Melodramatik ganz wunderbar! Gewohnt albern, aber doch irgendwie liebenswert stümpern sich die Blockbustaz Eko Fresh und Ferris MC ab morgen (22.35 Uhr) wieder durch ihr prekäres Kifferdasein auf ZDFneo. Und wenn sich RTL fiktional am heiklen #MeToo-Thema vergreift, muss man trotz Torben Liebknecht in der Rolle als vergewaltigungsverdächtiger Familienvater in Das Joshua-Profil am Freitag skeptisch sein, ob das nicht doch nur die Oberfläche ankratzt. Ganz im Gegensatz zu Alan Balls Neuschöpfung Here and Now mit Holly Hunter und Tim Robbins als Eltern adoptierter Kinder aus aller Welt, denen das Fremdsein im eigenen Land peu à peu bewusst wird, ab Mittwoch bei Sky.

Zwei Sachtipps noch: Die Netflix-Reihe Rapture porträtiert zeitgleich HipHop-Stars in sehr sachkundigen Homestories. Und ebenfalls am Freitag kriegt der grandiose Infotainer Michel Abdollahi (Das Nazidorf) zur Geisterstunde die Late-Night-Show Der deutsche Michel beim NDR, die er zum Thema Gentechnik mit Wigald Boning eröffnet. Sehr unterhaltsam! Wie die Wiederholungen der Woche. Zum Beispiel Vernehmung der Zeugen (Montag, 23.05 Uhr, MDR), ein Defa-Film von 1986, der mit einem Mord unter Schülern viel über die DDR im Endstadium aussagt. Weniger schwer, obwohl es darin um zwei Krebskranke geht: Knockin‘ on Heaven’s Door mit den 1997 noch ziemlich jungen Til Schweiger und Jan Josef Liefers beim aberwitzigen Roadtrip ans Meer (Dienstag, 20.15 Uhr, Nitro). Und der Tatort-Tipp führt Fans zurück in die große, stille, bürgerliche Zeit des Formats (1977) wenn Gustl Bayrhammer als Kommissar Veigl (Dienstag, 20.15 Uhr, BR) unterm Titel Ende der Schonzeit ermittelt.