Schwei(nstei)ger & Dilemmashows

Die Gebrauchtwoche

13. – 19 Januar

Nein, so politisch war Ich bin ein Star, holt mich hier raus wohl noch nie. Erst äußern sich Sonja Zietlow und Daniel Hartwich durchaus besonnen über die angrenzenden Buschbrände, dann rufen sie zu Spenden auf, übermitteln gar ein regierungsoffizielles Grußwort – und dann zieht mit Ex-Bundesverkehrsminister Krause auch noch der erste Politiker ins Dschungelcamp. Aber abgesehen davon, dass er auch gleich wieder auszieht? Alles wie gehabt, also nicht der Rede wert und gerade deshalb so viel gehaltvoller als ein Umweltsau-Video des WDR, das Intendant Tom Burow zum Bückling vor Rechtsradikalen bewegte.

Immerhin gab es dafür tüchtig was aus der Shitstormkanone. Weit geringer war da die Medienresonanz auf jenen Mann, der kurz zuvor in Südtirol sieben Menschen getötet hat. Kein Aufschrei kollektiver Empörung, gar ein ARD-Brennpunkt, nur routinierte Einordnung eines Terroranschlags, der nur nicht als solcher benannt wird, weil es im Gegensatz zu denen mit islamistischen oder rechtsradikalen Hintergrund Alltag ist, dass Besoffene mit ihrem Mordwerkzeug Sportwagen Leben auslöschen. Da hat die Bild zwar ein bisschen Betroffenheit geheuchelt, aber nicht das Fahrverhalten ihrer Stammkundschaft kritisiert.

Dafür kroch sie Donald Trump mit der Titelseite Kein Krieg! Danke Mr. President in den Hintern, was so fern aller Logik ist, dass Der Stürmer verglichen damit zur Qualitätszeitung wird. Die ARD hat derweil mit einer Enthüllungsstory im Dopingsumpf Gewichtheben ihre sportpolitische Kompetenz mit Folgen belegt, während Hank Azaria die Reißleine zog und den Simpsons-Inder Apu fortan nicht mehr als voll rassistischer Stereotype spricht. Noch was? Ach ja. Trotz 15 Nominierungen gewann Netflix nur den Golden Globe für Laura Dern als beste Nebendarstellerin in Noah Baumbachs Marriage Story. Und Til Schweiger hat ein Gefälligkeitsgut…, äh, Porträt von Bastian Schweinsteiger angekündigt, und falls es nicht Schwei(nstei)ger heißt, wäre vielleicht „Ich und Ich, einfach geil“ ein guter Titel.

Die Frischwoche

20. – 26. Januar

Ein, hüstel, nicht ganz sooo guter Untertitel ist Hautärztin aus Leidenschaft für die TLC-Serie Dr. Emma ab heute auf dem Turner-Kanal TLC, den sich wirklich nur deutsche Übersetzer ausdenken können. Richtig bescheuert ist auch der von Nicht dein Ernst!, womit Jürgen von der Lippe ab Sonntag den verwaisten WDR-Sendeplatz von Zimmer frei! beerbt. Warum Die Dilemma-Show Alltagsfallen beschreiben soll, die das lebende Hawaiihemd und seine Kollegin Sabine Heinrich ab Sonntag mit wechselnden Gästen – in Folge 1 von 6 Frank Plasberg zum Thema Partysünden – diskutiert, bleibt ein öffentlich-rechtliches Geheimnis.

Partysünden sind selbstredend auch ein wichtiger Faktor bei der 3. Staffel von Babylon Berlin ab Freitag bei Sky, die vermeintlich goldenen Zwanziger am Rande der braunen Katastrophe weiterspinnt. Bereits heute zeigt der Bezahlkanal Hugh Laurie in der absurd komischen HBO-Serie Avenue 5, wo Doctor House einen interplanetarischen Kreuzfahrtraumschiffskapitän spielt, der eigentlich als schicker Statist an Bord ist, plötzlich aber das Ruder übernehmen muss. Seit ein paar Tagen läuft auf Netflix bereits die Eigenproduktion Dracula der Macher von Sherlock, die Bram Stokers klassischen Vampirstoff zum Nervenzerfetzen radikalisieren.

Weil die menschliche Natur allerdings noch viel drastischer ist, als sie jeder Horrorproduzent ersinnen könnte, bereits uns Arte am Dienstag schon mal unsanft auf den 75. Jahrestag der Auschwitzbefreiung in acht Tagen vor. Das dokumentarische Drama 1944 stellt dabei die wahre Begebenheit zweier KZ-Gefangener nach, die den Alliierten nach ihrer Flucht erstmals hautnah von den Gräueln dort berichtet haben. Gefolgt wird es von einer Doku über die Medizinversuche in Auschwitz, aber auch einer über Die Kinder von Indersdorf, wo sich unter all den deutschen Mitläufern ein paar Mithelfer fanden. Nicht ganz leicht, besser: fast unmöglich davon auf unterhaltsame Wiederholungen der Woche überzuleiten, aber auch der Tatort-Tipp hat ja seine menschlichen Abgründe.

In Der Eskimo (Montag, 21.45 Uhr, HR) hatte es Joachim Król 2014 nämlich erstmals ohne Nina Kunzendorf noch schlimmer als sonst mit seinem Alkoholismus zu kämpfen. Im Anschluss läuft dann an gleicher Stelle Cotton Club, Francis Ford Coppolas Gangsterjazzrevue mit Richard Gere von 1984, als Kino noch wirklich groß war. So groß, wie sechs Jahre zuvor das fünffach oscarprämierte Scheidungsdrama Kramer gegen Kramer mit Meryl Streep und Dustin Hofman.


Silbereisen: Schlagershow & Lächelfassade

In Florians Spaßhölle

Wenn Florian Silbereisen wie jedes Jahr um diese Zeit zu den Schlager-Champions im Ersten lädt, macht die Wahrhaftigkeit kurz Pause, aber genau damit Millionen von Menschen bis zur Verzückung glücklich. Ein Ortsbesuch unter Klatschpappen, Schnulzenstars und Mienenspielen im ausverkauften Berliner Velodrom.

Von Jan Freitag

Das Land des Lächelns – samstagabends im Ersten liegt es öfter mal fernab von Japan. Genauer: im Berliner Velodrom, wenn sich darin wie jedes Jahr Anfang Januar die Schlagerelite trifft. Hier lächeln alle, hier herrscht der Frohsinn, hier ist auch dessen König zuhause: Florian Silbereisen. Umso erstaunlicher ist es da, wenn er mal nicht lächelt. Dann nämlich, wenn ein Dutzend Kameras an Drähten, Kränen, Männerhänden kurz nicht auf ihn samt seiner Bombenlaune gerichtet ist, sondern auf einen seiner vielen Schlager-Champions.

So heißt das denkbargrößte Defilee der richtig leichten Muse im öffentlich-rechtlichen Programm. Und mittendrin wie so oft Florian Silbereisen, Deutschlands Unterhaltungswerktätiger schlechthin – auch wenn die meiste Arbeit hier, im Plattenbauosten der Hauptstadt, seit
Tagen andere machen. Hunderte von Technikern und Ausstattern, Showgestaltern und Security-Schränken, Klatschpappenverteilern und natürlich die Planeten des blonden Zentralgestirns der Volksschlagerbranche von A wie Andrea Berg bis Z wie Ben Zucker.

Während der Flori knappe drei Stunden vorm Großen Fest der Besten kurz mal mit bierernstem Blick sein minutenschnell ausverkauftes TV-Reich inspiziert, spucken blickdicht verblendete Luxuslimousinen den Hofadel des LED-Königs in die Tiefgarage vom Velodrom. Matthias Reim kommt mit Sohn, DJ Ötzi mit Kippe, Stefan Mross mit Braut, Andrea Bocelli mit Hund, Lucas Cordalis mit Katze(nberger) und absolut alle mit der Fähigkeit, auf dem Roten Teppich ein Betonlächeln unters Makeup zu tackern, das im perlweiß im Blitzlichtgewitter von drei Dutzend professionellen und der doppelten Anzahl Hobby-Fotografen strahlt.

So geht das Prozedere Benz für Benz von einer Jagdfanfare eines Spielmannszugsangekündigt fast in Traumschiffepisodenlänge weiter. Auf Howard Carpendale folgt Kerstin Ott  folgt Thomas Anders folgt Mary Roos folgt Roland Kaiser folgt Marianne Rosenberg folgt Semino Rossi alles, was Schlagerrang und Namen hat in eine Monsterhalle, die derweil vom versierten Warmupper Kevin vorgeheizt wird. Dabei braucht die Mehrzahl der 9533 zahlenden Besucher spätestens nach der zweiten Maß Berliner Kindl für 11 Euro vielleicht nüchterne Fahrer nach dem Abpfiff, aber kaum Motivation zum Abdrehen. Die Stimmung ist schon lange vorm Anpfiff so siedend, dass es den Flori kaum noch gebraucht hätte zum Anheizen. Aber dann kommt er doch und brüllt euphorisch „Wie geil ist das denn?!“ ins Meer ulkiger Hüte und leuchtender Brillen auf Menschen wirklich aller Alters- und immerhin einigen der sozialen Schichten mit erstaunlicher Tätowierungsdichte.

Wann die Partymeute zu klatschen habe („sobald ich raufkomme“) und wann besser nicht („wenn ich runtergehe“), gibt er ihnen noch bis zum kollektiven Countdown mit auf den Weg – dann herrscht plötzlich: Stille.  Volle fünf Minuten, am Ende der „Tagesschau“ vermutlich gerade vom Bericht über die australische Buschbrandhitze bis zum Winterfrühling  swetter daheim. Temperaturmäßig dazwischen explodiert dann physisch wie emotional endlich ein gewaltiges Feuerwerk, als Silbereisen zur Schlagersause brüllt und dabei ohne jeden Zweifel in seinem Element ist.

Er wird sich fortan volle 200 Minuten auch ohne Teleprompter kaum verhaspeln und dennoch nichts von Bedeutung sagen. Er wird die Stimmung der Zuschauer ringsum der kruzifixförmigen Bühne spüren wie ein Seismograph und bis hoch in die rappelvollen Oberränge Frohsinn verbreiten. Er wird Mailfragen der Fans verlesen und über jede Antwort lachen. Kurzum: Er wird die perfekte Illusion einer impulsiven Veranstaltung liefern, an der viele Hundert Handlanger so eingehend gefeilt haben, bis vom kleinsten Licht bis Ross Anthonys Tränen nach dessen Ode an den verstorbenen Vater nichts dem Zufall überlassen wird.

Als das Publikum an der richtigen Stelle von Giovanni Zarellas Version des Mitgröl-Songs Wahnsinn kollektiv den Refrain nachsingt, erfahren die Fernsehzuschauer also nicht, dass die in der Halle den Einsatz zuvor sorgsam geübt hatten. Und als Florian Silbereisen Andreas Gabaliers Bruder fragt, ob er den Berlinern in aller Schnelle das Jodeln beibringen könne, hat Kevin natürlich auch das eingeübt, aber hey: wenn Roland Kaiser von einer leibhaftigen Band begleitet schmachtet, er wolle „mit offenem Herzen der Wahrheit ins Auge sehen“, geht es hier um alles, aber sie gewiss nicht. Es geht um Gemeinschaft in Luftschlössern, die Stefan Mross bald mit seiner zukünftigen Frau bewohnt, der er bei Silbereisens Adventsfest der 100.000 Lichter bestimmt völlig unvorbereitet einen Heiratsantrag gemacht hat.

Und jetzt? Stehen die zwei Turteltauben beim Flori auf der Bühne und versichern sich geigenumflort ihrer ewigen Liebe – wobei dem Moderator nur darum die Mimik gefriert, weil sich die Kameras dem Sturm zweier Windmaschinen im Kleid von Stefans Zukünftiger widmen. Klingt zynisch? Ist es auch! Aber eben auch Showbiz at it’s best, bei dem sich der gravitätische Roland Kaiser freiwillig aus dem Rampenlicht schubsen lässt, weil die Pyrotechniker darin halt den nächsten Kracher vorbereiten. Eine gutgeölte Spaßmaschine, in der zwar jeder Text auf riesigem Laufband mitläuft, aber niemand hinsieht, weil vom Teeny bis zum Greis eh alle alles auswendig können. Alles.

Am Ende gipfelt die Glückseligkeit im Medley von Andrea Berg, das ein blasser Mittelstufenschüler am Bühnenrand mitsingt als sei es globaler Pop – dann stürmen all die Besten nochmals das gigantische Bühnenkreuz unterm gigantischeren Hallendach und es ist wieder vorbei. Spots aus, Licht an. Auch Floris Lachen stirbt in Echtzeit, als sei nichts gewesen. Bis Mitte März zumindest, wenn er – wie sein melodramatisches Tremolo locker fünfmal verkündet hatte – erneut die ARD-Bühne stürmt und lacht und scherzt und fragt und kumpelt und singt und mit alldem nur aufhört, falls niemand hinsieht. So ist das Spiel. Im Berliner Velodrom, Samstagabend, ARD-Primetime, spielt es jeder gerne mit.


Ausgeladene Gauleiter & kitschige Metzger

Die Gebrauchtwoche

23. – 29. Dezember

Nein, sagte ZDF-Chefredakteur Peter Frey sinngemäß in einem Zeit-Streitgespräch, öffentlich-rechtliche Sender seien weder links noch grün oder gar versifft, nähmen sich aber ab sofort die Freiheit, Bernd Höcke kein Podium für seine faschistoiden Herrenrassefantasien zu geben. Der Blut-und-Boden-Fanatiker werde fortan also nicht mehr in Talkshows des Zweiten Deutschen Fernsehens eingeladen. Als Zuschauer wäre Thüringens selbsterklärter Gauleiter in spe jedoch höchst willkommen – würde er den Altersschnitt des ZDF mit seinen 1047 Jahren doch beachtlich senken.

Wobei das Erste da um keinen Tag drunter liegt, im Gegenteil – fehlt ihm doch ein Zielgruppenanker wie Jan Böhmermann, der mit seiner elaborierten Frechheit nicht nur tief in die Generation Z hineinwirkt, sondern bis über die Schmerzgrenze hinaus haltungsstark ist. Das sieht man daran, dass er gegen das Teilverbot seines Schmähgedichts gegen den Blut-und-Boden-Fanatiker Recep Tayyip Erdoğan nun vors Bundesverfassungsgericht zieht. Zum Dank, steckt das Zweite sein Neo Magazin Royal ab Herbst zwar gewiss Richtung Geisterstunde, aber das hätte es dann ja mit Oli Dittrich gemeinsam.

Dessen Boulevard-Abrechnung FRUST – das Magazin wie die neun Eigenanalysen des WDR zuvor erst kurz vor Freitag in der ARD zu sehen war – und damit abermals zeigte, dass sie Selbstkritik doch lieber versteckt, als verbreitet. Zur Ehrenrettung sei die Programmpolitik aber mit Pro7 verglichen, das unterm eskapistisch-debilen Titel We Love 2019 aufs rundum katastrophale Jahr zurückblickt. Wobei es ja auch für den Privatsender selbst nichts Gutes verheißt – glaubt man zumindest dem Bericht des Manager-Magazins, Max Conze würde die angeschlagene Sendergruppe mit großem Ego und Berlusconis Hilfe in die Pleite reiten. Schwer zu sagen, ob die mediale Vielfalt daran schaden nähme.

Die Frischwoche

30. Dezember – 5. Januar

Das gilt auch für zwei prägnante Demissionen der Woche. Denn wenn die unverwüstlich Birgit Schrowange heute um 23.15 Uhr nach 25 Jahren das RTL-Magazin Extra verlässt, geht zwar eine Ära des dualen Systems zu Ende, aber gewiss keine, der man aus journalistischer Sicht auch nur fünf Sekunden hinterher trauern sollte. Ähnliches gilt für Uwe Kockisch, dessen Commissario Brunetti 2002 den Reisekatalogkrimi-Boom im Ersten begründet hatte, Mittwochabend aber letztmals dramaturgische Ödnis mit klischeehafter Figurenzeichnung kombiniert.

Andererseits entpuppt sich das Licht am Ende des Tunnels oft als herannahender Zug – oder Florian Silbereisen, der tags drauf Sascha Hehn auf der Kommandobrücke des Traumschiffs ablöst und damit zeigt, dass die Seniorenunterhaltung im ZDF immer noch ein wenig tiefer sinken kann. Nur unwesentlich höher steckt das Erste mit der Spätwesternschmonzette Club der singenden Metzger fest. Geschlagene drei Stunden lang macht Uli Edel aus der biografisch geprägten Literaturvorlage um Deutsche mit ulkigen Vornamen wie Fidelis (Jonas Nay) und Delphine (Aylin Tezel), die nach dem 1. Weltkrieg nach Amerika auswandern, ein konventionelles Stück Historytainment von erschütternder Kitschigkeit.

Damit könnte man zu den Wiederholungen der Woche überleiten, die neben Feuerzangenbowle und Sissi natürlich auch das baugleiche Feiertagsritual Winnetou bereithält. Wollen wir aber nicht. Stattdessen zwei neue Tipps: in der joyn-Serie Dignity wird die berüchtigte Kolonia Dignidad um den Altnazi Paul Schäfer (Devid Striesow) porträtiert, wobei der Fokus nicht auf der faschistoiden Unterdrückungsmechanik liegt, sondern darauf, was sie mit Menschen macht. Und als Reminiszenz an den Chromosomensatz des Weihnachtsmanns: Real Man, eine anderthalbstündige Doku, mit der Arte am Sonntag um 22.15 Uhr männliche Klischees seziert und wie sie mit der Gegenwart klarkommen. Ansonsten: fernsehfreien Rutsch ins neue Jahr, die Kolumne kehrt am 6. Januar zurück.


Medienmedien & Schneeweihnacht

Die Gebrauchtwoche

2. – 8. Dezember

Namen machen Moderne. Fast ein halbes Leben, nachdem der bislang letzte Rundfunkstaatsvertrag verabschiedet wurde und zeitgleich zur News, mit Klaas Heufer-Umlaufs Late Night Berlin habe ein Pro7-Format erstmals mehr Total Video Viewtime, also abgerufene Minuten über alle Plattformen hinweg, als die lineare Ausstrahlung am Montag, haben sich die 15 Ministerpräsidenten (darunter zwei Frauen) auf einen Nachfolger geeinigt, der ab Herbst seinen Titel ändert und damit (anders als die Frauenquote deutscher Regierungschefs) ein Stück Richtung Zukunft rückt. Schließlich berücksichtigt der künftige Medienstaatsvertrag, dass sich vor allem junge Menschen kaum noch von Fernsehen oder Radio informieren oder berieseln lassen und nimmt dafür gar nicht mehr allzu neue Kommunikationsmittel in die Pflicht.

Soziale Plattformen, YouTube, selbst die Sprachassistentin Alexa müssen sich dann Regeln unterwerfen, Lizenzgebühren entrichten, also Verantwortung tragen. Das gilt besonders für Tech-Giganten wie Facebook, die Medienintermediäre werden also Medienmedien, die Medien medial vermitteln. Wie gut, werden Larry Page und Sergey Brin da womöglich sagen, dass sie mit dieser Schuldigkeit nichts mehr zu tun haben. Beide Google-Gründer wechseln schließlich vom Vorstand in den Aufsichtsrat des Mutterkonzerns Alphabet und überlassen das operative Geschäft ihrem Nachfolger Sundar Pichai.

Es könnte der letzte CEO mit einer Art Ethos sein. Denn man muss ja kein Misanthrop sein, um Populisten, gar Diktatoren am Horizont zu sehen, die sich dank unbegrenzter Mittel oder Machtbefugnisse Medienintermediäre erkaufen oder anderweitig aneignen und der Demokratie damit endgültig den Saft freier Meinungsbildung abdrehen. In einer solchen Zukunft würde der MDR dann nicht die Zusammenarbeit mit dem Pegida-Kabarettisten Uwe Steimle beenden, der öffentlich-rechtliche Sender „gelenkt“ und Deutschland „besetzt“ nennt. Was allerdings definitiv jedes politische System überdauern dürfte, ist – klar – der Tatort.

Pünktlich zum 50. Geburtstag im nächsten Jahr dann mit Jasna Fritzi Bauer, Luise Wolfram und dem Dänen Dar Salim (Game of Throne) als neue Ermittler in Bremen. Davon gänzlich unbeeindruckt, gibt es jedoch immer noch mehr und mehr und mehr und mehr und mehr Kommissare jeder Herkunft, Natur und Güte am Bildschirm bis in alle Ewigkeit.

Die Frischwoche

9. – 15. Dezember

Ab heute im ZDF zum Beispiel Kommissar Danowski (Milan Peschel), der mit einer ganzen Reihe psychischer Störungen und seiner Kollegin Meta (Emily Cox) zur Seite (angeblich ungewöhnliche) Mordfälle in – oder wie beim Auftakt Blutapfel – unter Hamburg löst. Oder am Donnerstag zur gleichen Zeit, wenn das Erste zum dritten Mal Miriam Stein und Hary Prinz als – verrückt! – total verschiedene LKA-Beamten der österreichischen Reihe Steirerkreuz Todesfälle klären lässt.

Da atmet man doch glatt mal erleichtert durch, dass Rainer Bock Mittwoch an selber Stelle ganz ohne Leichen den König von Köln als rheinischer Strippenzieher spielt, der den korrupten Kölsche Klüngel leider nur teilweise, aber durchaus unterhaltsam persifliert. Richtig überraschend wird es dann sogar, wenn der vielseitige Schauspieler am Sonntag drauf die Hauptfigur von Weihnachten im Schnee gibt. Der denkbar bescheuertste Titel kann nämlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass dem ZDF hier ein ebenso anrührender wie tiefgründiger Familienfilm zur Scheinheiligkeit festlicher Bräuche gelungen ist.

Parallel dazu schafft es übrigens Pro7, seine Kernkompetenz jugendaffinen Bubblegum-Entertainments in einen relativ gelungenen Psychothriller zu packen. Nach vorheriger Häppchen-Auswertung im Internet, strotzt Schattenmoor zwar nur so vor Effekthascherei. Die mysteriösen Ereignisse in einem Internat, liefern der Zielgruppe unter 30 allerdings sehr souveräne Fernsehunterhaltung – und ähneln damit dem einzig nennenswerten Streaming-Produkt der Woche: Staffel 2 des spanischen Renaissance-Krimis Die Pest, ab Mittwoch auf Sky.

Vor den Wiederholungen der Woche aber noch kurz einen Dokutipp von zeitgemäßer Relevanz: Dienstag (20.15 Uhr) skizziert 1979 – Ursprung der Gegenwart ein wegweisendes Jahr, das mit der Rückkehr von Neoliberalismus, Islamismus und Chinas Macht die Weichen für unsere Gegenwart gestellt hat, religiös vertieft von Der Schah und der Ayatollah im Anschluss. Ein Jahrzehnt früher spielt Zeit des Erwachens (Montag, 20.15 Uhr, Arte), die Verfilmung von Oliver Sachs‘ Psychiatrie-Studie um Patienten wie Robert de Niro, die Robin Williams als idealistischer Arzt 1990 aus dem Dämmerschlaf befreite. Zum Niederknien ist Helmut Berger als flamboyant-entrückter Ludwig II von 1972 (Sonntag, 20.15 Uhr, Arte). Und beim Tatort machen wir morgen (22 Uhr) im NDR nochmals Bekanntschaft mit dem Akronym von Kommissar Murot, das Ulrich Tukur im Auftaktfall Wie einst Lilly 2010 aufs Gemüt drückt.


International Emmys & Humorpopulisten

Die Gebrauchtwoche

25. November – 1. Dezember

Ob die Segregation der International Emmys eine Art kultureller Apartheid im Geiste amerikanischer Selbstherrlichkeit oder angesichts der kommerziellen Überlegenheit des Entertainments made in USA einfach angemessen ist: als Christian Schwochows Finanzthriller Bad Banks ebenso wie Jannis Niewöhner als Hauptdarsteller des Technothrillers Beat nominiert wurde, hat das schon für Aufregung am Fernsehnebenschauplatz Deutschland gesorgt. Dass es für beide nichts mit der wichtigsten TV-Trophäe geworden ist, wäre allerdings leichter erträglich, hätten die Veranstalter nicht schon beim ersten Preis versehentlich den der besten Dramaserie am Ende aus dem Umschlag gezogen.

Im angereisten ZDF-Team um den Crown-Regisseur war die Luft daher gleich zu Beginn der Party raus. Aber wenn es schon keine Schauspielpreise gibt, verleihen wir hiermit den des populistischsten Komikers an: Dieter Nuhr. Ein Bericht der Kieler Nachrichten, er habe Greta Thunberg mit Hitler/Stalin verglichen, wird zwar dementiert; wie der als Kabarettist getarnte Comedian den bedingungslosen Wohlstand seiner hellhäutigen Geschlechtsgenossen reiferen Alters (um die Phrase vom alten weißen Mann zu variieren) stets publikumswirksam gegen Fridays for Future in Stellung bringt – das ist schon den Goldenen Gauland wert. Oder wahlweise einen Alice Urbach.

Den würde Sibel Kekilli auch gern an jene Medien verleihen, die sie dauernd zur Heimat ihrer Großeltern befragen „Das ist für mich Rassismus“, kommentierte die Schauspielerin Versuche, sie wegen ihres Migrationshintergrundes zur Expertin in Türkei-Fragen zu machen und kündigte gar juristische Schritte an. Immerhin spielt sie 15 Jahre nach Gegen die Wand meist Deutsche oder – wie in der finnischen Thriller-Serie Bullets ab Dienstag bei RTL Crime – allenfalls mal eine tschetschenische Terroristin.

Die Frischwoche

2. – 8. Dezember

In Woche 1 nach dem Ende der Gelddruckmaschinenserie The Big Bang Theory läuft sie jedoch unter ferner liefen. Ganz vorne laufen schließlich Portalformate der gehobeneren Art wie Noah Baumbachs Marriage Story. Freitag zertrümmert das Soziogramm einer scheiternden Ehe auf Netflix alles, was bislang zum Thema Scheidung gedreht wurde, mit einer Eleganz zum Niederknien. Ähnliches gilt abzüglich der Eleganz auch für den tschechischen Achtteiler Wasteland, mit der Magenta TV tags zuvor ein sterbendes Dorf an der polnischen Grenze skizziert. Das ist nicht nur ausgesprochen präzise erzählt, sondern hat auch den besten Vorspann der Seriengeschichte.

Damit kann die stylische Sky-Serie Jett mit Carla Cugino als sexy Meisterdiebin freitags zwar nicht dienen, aber optisch ansprechend ist der italienische Neunteiler schon. Was er mit der Staffel 3 von Marvellous Mrs. Maisel, ab Freitag auf (kauft nicht bei) Amazon teilt. Aber um zu zeigen, dass nicht alles, was kostenpflichtig sichtbar auch sehenswert ist, folgt die explizite Warnung: Wenn History ab Donnerstag zum Schlachter-Casting The Butcher lädt, in dem Profis aus den USA sechs Folgen lang von Rind bis Python Kadaver zerlegen, wanzt sich der Bezahlkanal aus der A+E-Gruppe so berechenbar an Trumps Kernwählerschaft ran, dass nicht nur Vegetarier das kalte Kotzen kriegen.

Wenn es statt fiktional real wird, ist man demnach im linearen Programm immer noch besser aufgehoben. Heute Abend um 0.15 Uhr zum Beispiel reist Marie Wilkes preisgekrönte ZDF-Doku AGGREGAT durch Städte, Redaktionen, Parlamente, um die Lage im Land nach Silvester 2015 zu erkunden. Das Ergebnis ist ein imposantes Panorama sozialer Wirklichkeiten und ihrer Wahrnehmungsunterschiede. Sehenswert ist auch die Geschichte eines Abends, mit der der NDR seit einiger Zeit das Talkshowgenre um tiefsinnige Trinkgelage bereichert. Wenn sie Oli Schulz Freitag im Altenheim erzählt, fehlen zur Geisterstunde zwar Prominente, aber nicht die Tragikomik.

Bevor die Hamburger Kinderkrimiserie Pfefferkörner am Samstag um 8.25 Uhr Folge 200 feiert, doch noch ein öffentlich-rechtlicher Filmtipp: Mittwoch (22.55 Uhr) zeigt Arte 1000 Arten, Regen zu beschreiben, in dem sich Louis Hofmann (Dark) am 18. Geburtstag 85 Minuten vor seinen Eltern (Bibiana Beglau, Bjarne Mädel) im Zimmer verbarrikadiert, ohne ins Bild zu rücken. Zu oft im Bild war jahrzehntelang John Wayne, der die Wiederholungen der Woche eröffnet. Als Teufelshauptmann (Sonntag, 20.15 Uhr, Arte) schuf er 1949 zwar einen seiner vielen Westernklassiker; die anschließende Doku Amerika um jeden Preis porträtiert ihn allerdings als sexistischen Neonazi.

Das exakte Gegenteil war neun Jahre später das schwarzweiße Gefängnisdrama Flucht in Ketten (Montag, 20.15 Uhr, Arte), in dem ein Schwarzer (Sidney Poitier) und ein Weißer (Tony Curtis) den Rassismus jener dunklen Jahre kritisieren. Frei von Politik durfte 2013 Die fette Hoppe (Montag, 21.45 Uhr, HR) sein, den Einstieg von Nora Tschirner und Christian Ulmen in den Weimarer Tatort. Auch mal okay.


Freiwald & ISIS-Front

Die Gebrauchtwoche

18. – 24. November

Fernsehen, das sind zunächst mal Bilder und dann erst Töne, Sound und Stimmen. Wenn von letzteren eine für immer verstummt, könnte das also kaum der Rede wert sein. Das ist es aber nicht – sofern sie jemandem wie Walter Freiwald gehört. Sein ulkiges Organ aus dem Hintergrund belanglos ulkiger RTL-Shows hat die Hochphase des Privatfernsehens schließlich so geprägt wie Tutti Frutti, heiße Stühle oder Softpornos zur Nacht. Schon lange allerdings, bevor er in der vorigen Woche nach kurzer, schwerer Krankheit gestorben ist, hatten die anfangs so umwälzenden Kommerzkanäle viel ihrer Innovationskraft verloren.

Heute gibt es zwar kreative Ausreißer; die aber finden vornehmlich bei kleineren Ablegern wie Vox oder Pro7 statt, während von Sat1 und RTL kaum noch neuer Inhalt zu hören, geschweige denn sehen ist. Wo deren Kernkompetenzen jetzt liegen, hat die Verleihung der Eyes & Ears Awards vor acht Tagen gezeigt. Insgesamt 44 dieser Preise haben allein die drei Sender mit RTL davor abgeräumt, davon 21. erste Plätze. Die Prämierten vom Bachelor über Love Island bis Krasse Schule zeigen aber schon, dass sie eher keine ganz so hellen Ruhmesblätter sind – bei E&A geht es schließlich vor allem um „Design, Promotion, Marketing“, also die Fähigkeit, mit visuellen Reizen viel Geld zu machen.

Diese Konkurrenz haben ARZDF also womöglich weniger im Blick als die der inhaltlich starken Streamingportale, wenn sie wie angekündigt nun ihre Mediatheken besser verlinken – wenngleich zunächst mal nur im Browser, nicht auf den Apps. Und auch nur für ausgewählte Sendungen wie Weltspiegel oder heute-show. Ob das auch fürs Neo Magazin Royale gilt, wird sich erst noch zeigen. Wer allerdings Jan Böhmermanns halbstündige Abrechnung mit dem Entnazifizierungsversuch der völkermörderischen Hohenzollern-Kaiser gesehen hat, weiß spätestens jetzt, dass er längst zu den politisch wichtigsten Moderatoren Deutschlands gehört.

Die Frischwoche

25. November – 1. Dezember

Interessanterweise gilt das auch für einen, den man in dieser Reihe weniger erwarten würde: Thilo Mischke. Seit ein paar Jahren reist der risikofreudige Journalist für seine Presenter-Reportagen Uncovered in Krisengebiete rund um den Globus. Und dafür räumt Pro7 Dienstag nun sogar die Primetime frei, wenn Mischke Deutsche an der ISIS-Front in Syrien und Irak aufspürt. Das ist natürlich oft aufdringlich pseudonaiv, nähert sich dem Konfliktherd aber mit einer spürbar glaubhaften Empathie und ist damit echt gutes Infotainment. Dass dies auch für Arte gilt, bedarf zwar keiner weiteren Erwähnung; aber die ungeheuer aufrüttelnde Langdoku Wie krank ist Homo-Heilung über den Irrsinn heteronormativer Machtausübung muss hier trotzdem extra hervorgehoben werden.

Abgesehen von Staffel 2 der Provinzpolitikposse Hindafing, die Dienstag (20.15 Uhr) von Arte zum BR wechselt, oder der exzellenten Sky-Serie Der Pass, in der Julia Jentsch und Nicholas Ofczarek Sonntag ab 10 Uhr in der Mediathek und um 22.15 Uhr im ZDF einen Ritualmörder durchs Gebirge jagen, spielt die fiktionale Musik bei Portalen statt Sendern. Etwa mit dem Familiendrama Zeit der Geheimnisse, in dem Christiane Paul und Corinna Harfouch drei Filme lang die Weihnachtszeit zum Selbsterfahrungstrip machen. An selber Stelle läuft ab Mittwoch nach oscartauglicher Kinokurzauswertung Martin Scorseses Mafia-Meisterwerk The Irishman mit de Niro, Pacino, Joe Pesci als, nun ja, de Niro, Pacino, Joe Pesci.

Tags drauf startet auf der Pro7-Plattform joyn der achtteilige Liebesthriller The Pier von Haus des GeldesShowrunner Álex Pina, was beim Amazon-Kanal Starzplay am Freitag mit zehn Folgen der Zukunftsdystopie The Feed beantwortet wird. Und heute bereits startet die düstere Fantasyserie His Dark Materials auf Sky. Wenn das ZDF dieser Serienflut ab Sonntag das plätschernde Remake der Trapp-Familie entgegensetzt, ist also eigentlich schon alles gesagt über anstehende Programm – bis auf die Wiederholungen der Woche.

Für die sorgt auch mal Amazon Prime mit allen 80 Episoden des bellizistischen Achtzigerjahre-Klassikers Airwolf. Außerdem natürlich Arte, das heute um 20.15 Uhr Fred Zinnemanns legendären Schwarzweißwestern High Noon von 1952 mit Gary Cooper als Einzelkämpfer wiederholt. Viel jünger, aber nicht viel weniger gut: das zeitgenössische Soziogramm Du bist dran (Freitag, 21.45 Uhr, One) in dem Mann (Lars Eidinger) wie Frau (Ursina Lardi) 2013 an moderner Rollenverteilung scheiterten. Und heute um 21.45 Uhr kann man sich Uwe Jansons Tatort aus der Pharmabranche Schleichendes Gift mit dem Hauptstadtteam Ritter/Stark von 2007 nochmals im RBB ansehen.


Doppelpässe & Rampensäue

Die Gebrauchtwoche

11. – 17. November

Wenn sich die Mächtigen vom Penthaus unter den Wolken ins soziale Tiefgeschoss begeben, empfindet der Pöbel das oft als Anteilnahme oder schlimmer noch: Ehrerbietung. Man konnte das gut am – na ja, relativ reichen, verglichen mit Bayern München aber bitterarmen Thomas Helmer sehen, als Uli Hoeneß beim Doppelpass auf Sport1 anrief, um mehr Respekt für den FCB einzufordern. Während seine Majestät Uli I. am Telefon teils namentlich die Talkrunde des Moderators beschimpfte, reagierte Helmer mit einer Zahnlosigkeit, die andere Speichelleckerei zum revolutionären Akt macht. Der Kotau gipfelte darin dass Hoeneß eine Einladung zur nächsten Sendung mit den Worten quittierte, das käme drauf an, „welche Qualität sonst noch eingeladen wird“, worauf der Ex-Bayer buckelte: „Wir sind bemüht und lernfähig.“

Obwohl er damit vor laufender Kamera seine eigenen Gäste beleidigte, ist von Eigenkritik des Senders nichts überliefert. Schöne neue feudale Welt des Sportjournalismus, in der es statt Gesprächs- nur noch Geschäftspartner gibt… Ob sich das ändert, wenn der Haushaltsausschuss des Bundestags ab 2020 die Zustellung von Tageszeitungen mit bis zu 40 Millionen Euro subventioniert, bleibt da ebenso abzuwarten wie die Folgen von Holger Friedrichs Stasi-Vergangenheit auf Inhalte der Berliner Zeitung, die der verlegerische Quereinsteiger kürzlich erworben hat. Tatsache aber ist, dass Medien, insbesondere am Bildschirm und nicht nur im Fußball, ein Problem mit Alphatieren haben.

Beispiel Pro7. Das Travestie-Casting Queen of Drags geht dort zwar weit verantwortungsvoller mit Diversität um als befürchtet, nicht aber Jurychefin Heidi Klum, der es auch in dieser Show um eins allein geht: ihren Kontostand.  Das teilt sie allerdings mit den ganz großen Unterhaltungs- und Techkonzernen, die nun auch im Streaming mitmischen. Wobei die erste AppleTV-Serie For All Mankind um sexy Astronautinnen im Space Race mit Russland fast noch flacher ist als die Schmonzette The Morning Show mit Jennifer Aniston und Reese Witherspoon an gleicher Stelle. Zumindest qualitativ dürfte das Platzhirschen wie Netflix also kein Kopfzerbrechen bereiten.

Die Frischwoche

18. – 24. November

Im Gegensatz dazu, was Vox abermals mit vergleichsweise wenig Geld, aber viel Chuzpe zustande bringt. Ab Mittwoch spielt Jasna Fritzi Bauer für die Kreativschmiede von RTL eine verkrachte Schauspielerin von 30 Jahren, die dank ihrer kindlichen Optik als Undercover-Cop in einer Schule eingesetzt wird. Rampensau ist von der ersten Minute an so hingebungsvoll inszeniert, gefilmt, vor allem aber gespielt, dass man von der vielschichtigen Geschichte um Männermacht und Frauenrevolte kaum genug kriegen kann.

Das Gegenteil gilt für die Agenten-Serie West of Liberty, in der Wotan Wilke Möhring ab Sonntag im ZDF sechs Folgen lang als verkrachter DDR-Spion ein Nachwendeleben als bester Gast seiner billigen Kneipe mit der Jagd nach einen Whistleblower (Lars Eidinger) auffrischt. Das ist auch dank der beiden Hauptdarsteller noch nicht mal schlecht gemacht, aber so konventionell, dass es vom Bildschirm staubt. Nichts anderes hätte man auch von der ARD-Reihe Bonusfamilie erwartet. Doch das Frauenteam um Regisseurin Jana Filip inszeniert ab Mittwoch nach schwedischem Vorbild eine Patchworksituation, die zwar sehr seifig beginnt, ein wenig klischeehaft bleibt, aber mit zunehmender Dauer Eigensinn und Würde der Figuren wahrt.

Wenn die ARD von beidem auch im Entertainment Restbestände hätte, würde sie sich die Übertragung des Bambi am Donnerstag sparen. So aber schenkt sie dem Regenbogenverlag Burda abermals drei Stunden Werbung in der werbefreien Zeit. Vielleicht sollten sich die Verantwortlichen Hermann Vaskes Doku Why we are creative ansehen, wo 3sat heute um 22.25 Uhr dem Antrieb künstlerischer Gestaltungskraft nachspürt. Ebenfalls sachlich sehenswert: Kleine Germanen, womit Arte tags drauf um 20.15 Uhr Kinder in der rechtsextremen Szene beobachtet, denen ein spezielles Comeback gewiss besser täte als Nazi-Propaganda: 28 Jahre nach der letzten Originalfolge und weitere 32 nach der ersten des Sandmännchens kehrt die DDR-Legende Pittiplatsch am Donnerstag in die Vorschulsendung zurück.

Ähnlich lang her ist die erste Wiederholung der Woche, wobei Joseph Vilsmaiers Versuch, die Schlacht um Stalingrad 1993 schonungslos nachzustellen, in einer dubiosen Wehrmachtsexkulpation endet, die man sich Dienstag (20.15 Uhr) irritiert auf Nitro ansehen kann. Noch älter ist die schwarzweiße Wiederholung Der Vagabund und das Kind, Charlie Chaplins erster Langfilm von 1921 (Mittwoch, 21.40 Uhr, Arte. Und der Tatort Ausgelöscht blendet Dienstag (20.15 Uhr, BR) ins Jahr 2011 zurück, als Bibi Fellner (Adele Neuhauser) noch die neue Assistentin von Kommissar Eisner (Harald Krassnitzer) war.