Schmollecken & Das Verschwinden

Die Gebrauchtwoche

9. – 15. Oktober

„Schon“ ist ein beschleunigtes Adverb mit erleichtertem Klang. Wer etwas „schon“ getan hat, ist seiner Zeit meist ein Stück voraus. Das verspätete „erst“ dagegen wird tendenziell im Tonfall der Enttäuschung verwendet, als ginge irgendwas Gutes gerade zu langsam. So gesehen hätten ARD und ZDF bei der Verkündung ihrer Medienumfrage, „schon 90 Prozent der Deutschen nutzen das Internet“, besser mal durch „erst“ ersetzt. Immerhin muss man sich fragen, wo denn bitte die restlichen zehn Prozent über 14 leben, um der globalen Wucht des WWW noch immer vollumfänglich entgehen – die glasfaserlose Diaspora nahe der polnischen Grenze gilt schließlich als bevölkerungsärmste…

Wie auch immer die Antwort lautet: Es war klar, dass die Öffentlich-Rechtlichen auf Grundlage der Studie fix eine Ausweitung ihrer Netzaktivitäten ankündigten, was die Privaten reflexhaft zur Forderung nach dem genauen Gegenteil zwang. Dazu passt, dass der Spiegel vorigen Montag mal wieder die Meinungsleiche aus dem Kampagnenkeller zerrte, der gebührenfinanzierte Rundfunk sei eigentlich ein Staatsfunk, weil er den Mächtigen nach dem Mund rede und überhaupt mimimi… Das erinnert in seiner Larmoyanz an den schwarzen Rotfunk-Vorwurf Richtung WDR, was allerdings in eine Zeit fiel, als die Mauer zwischen Ost und West aus Beton waren, nicht aus Verachtung.

Da die Reaktion der betroffenen Sender darauf allerdings auch wieder eher klein- als großmütig war, hocken alle Beteiligten dieser ewigen Debatte wieder in den Schmollecken ihrer Befindlichkeiten und warten auf die ordnende Hand von irgendwo, die es vor 50 Jahren vielleicht noch gab, als Aktenzeichen XY ungelöst erstmals schwarzweiß vom Röhrenapparat flimmerte und zumindest der politische Humor im Fernsehen noch witziger war als der heillos überforderte Sven Ratzke, der Dienstag im Ersten die verwaiste Late-Night hierzulande wiederbeleben sollte und daran so krachend scheiterte, dass einem das Lachen erstmal vergangen ist.

Die Frischwoche

16. – 22. Oktober

Aber vielleicht sind das ja gute Voraussetzungen für Hans-Christian Schmids allerersten Ausflug vom Kino ins Fernsehen. Sein Vierteiler Das Verschwinden um eine Mutter, die ihre vermisste Tochter im Crystal-Meth-Sumpf des bayerisch-tschechischen Grenzgebiets sucht, ist ab Sonntag um 21.45 Uhr so deprimierend und dramatisch, bei aller Tristesse provinzieller Abgründe aber auch derart brillant, dass man ungeachtet der bizarren Programmierung (die Teile 2-4 laufen erst fünf Tage später) unmöglich los kommt von dieser schwarzen Perle des linearen Programms. Seit Im Angesicht des Verbrechens hat schließlich kein TV-Format auch nur annähernd diese Sogwirkung entfaltet – was unter anderem an der herausragenden Julia Jentsch zwischen Trotz und Hoffnung liegt.

Mit der sollte sich Anja Kling in einer ähnlich verzweifelten Mutterrolle am Montag im ZDF also besser nicht messen. Dennoch ist die Verfilmung von Dirk Kurbjuweits Bestseller Angst absolut empfehlenswert. Es geht darin um einen Stalker (Udo Samel) im eigenen Haus, der Klings Fernsehfamilie bis zum äußersten nachstellt. Das ist trotz und wegen Heino Ferch als gewohnt stoischer Vater mit permanentem Rotweinschwenker zur Hand absolut sehenswert und mit einem wirklich überraschenden Ende versehen.

Dieses Gütesiegel verdient auch The Meyerowitz Stories, eine Familiensaga, deren furioser Wort- und Spielwitz eigentlich ins Kino gehört, wäre er nicht von Netflix. Die sanft mäandernde Erzählung vom alternden Künstler Harold Meyerowitz, der den verblassenden Ruhm im dauernden Disput mit seiner Verwandtschaft zu kompensieren  versucht, ist nicht nur wegen Dustin Hoffman und Emma Thompson als Ehepaar so ansehnlich. Großartig ist vor allem die ereignislose Bedächtigeit, mit der Regisseur Noah Baumbach schon Frances Ha versehen hat. Von dieser Nonchalance kann sich dann selbst ein gelungener ARD-Mittwochsfilm wie Ich war eine glückliche Frau was abschneiden, Martin Enlens feines Psychogramm zweier Nachbarn (Petra Schmidt-Schaller, Rainer Bock) im Sog einer unaufgeräumten Vergangenheit.

Parallel dazu füllt der SWR seine Primetime mit der Erinnerung an den deutschen Herbst, der vor genau 40 Jahren mit der Entführung der Landshut in sein blutiges Finale gesteuert ist. Ab 20.15 Uhr gibt es dazu erst drei faktenreiche Dokumentationen, bevor um Mitternacht Roland Suso Richters aufregendes Dokudrama Mogadischu mit Thomas Kretschmann als Pilot läuft. Das ist mit kleinem Hinweis darauf, dass Pro7 den kleinen Hype ums britische Pubsport-Ereignis Darts am Samstag mit einer vierstündigen Übertragung der German Masters ab 20.15 Uhr auszuschlachten versucht, bereits der Einstieg in die Wiederholungen der Woche.

Angefangen mit Tommy Lee Jones als Jäger des zu Unrecht verurteilten Harrison Ford Auf der Flucht von 1993 (Montag, 20.15 Uhr, Kabel1), fortgesetzt am gleichen Abend von 1984 (21.55 Uhr) auf Arte mit dem kürzlich gestorbenen John Hurt als Opfer von Orwells berühmter Gedankenpolizei. In Schwarzweiß gibt es ebenfalls zwei Tipps: Das Narrenschiff (Montag, 23.05 Uhr, MDR) von 1965 mit Vivien Leigh und Lee Marvin auf Kreuzfahrt nach Deutschland am Vorabend der nationalsozialistischen Machtergreifung. Heiterer geht es da auf einem völlig anderen Schiff zu: Raumpatrouille Orion in einer remasterten Kinoversion von 2003 (Sonntag, 20.15 Uhr, Tele5). Und Horst Schimanski kriegt es im Tatort: Kinderlieb am Dienstag um 22.10 Uhr im WDR von 1991 mit einem richtig widerlichen Vergewaltigungsfall zu tun.

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Late-Nite-Tränen & Babylon Berlin

Die Gebrauchtwoche

2. – 8. Oktober

Wer glaubt, journalistische Unabhängigkeit funktioniere nur frei von echter Empathie, kennt den Modertor Jimmy Kimmel schlecht. Kurz nach dem nächsten furchtbaren, aber höchstwahrscheinlich folgenlosen Amoklauf mit einem legal erworbenen Massenvernichtungswaffenarsenal in den massenvernichtungswaffenarsenalsüchtigen USA, hat der Late-Nite-Talker zutiefst betroffen gegen diesen Irrsinn Stellung bezogen. Mit tränenerstickter Stimme stellte er die Apologeten schrankenfreier Selbstverteidigung vor laufender Kamera an den Pranger und zeigte Fotos jener Senatoren, die jüngst gegen Kaufbeschränkungen frei erhältlicher Waffen für psychisch Kranke gestimmt haben. Immer wieder fragt Kimmel sichtlich berührt, wieso Dummheit über den Verstand siege könne.

Das war nicht besonders objektiv, es war im Gegenteil sogar recht tendenziös. Aber es war auch deshalb so wirkmächtig, weil Jimmy Kimmel ausnahmsweise kein Linksliberaler ist wie so viele seiner Kollegen jenseits des rechten Hetzkanals Fox. Sondern ein Mann der Mitte, im Rust- und Bibelbelt fast ebenso beliebt wie an Ost- oder Westküste. Hoffen wir, dass er überall gehört wurde. Verlassen sollte man sich darauf nicht. Nicht in Zeiten wie unseren, die sich von Brennpunkt zu Brennpunkt zur nächsten Horrormeldung aus dem Schreckenskabinett drastischer Einzelereignisse hangelt, scheinbar zügig auf dem Weg in jene Epoche, der in dieser Woche endlich angemessen gehuldigt wird – und nein, damit sind nicht die frühen Neunziger gemeint, als RTL mit Formaten wie Der Preis ist heiß, das ab heute um 17.45 Uhr (direkt vor den Neuauflagen von Familien-Duell, Ruck-Zuck und Glücksrad) wiederbelebt wird, das Unterhaltungsfernsehen, nun ja, neu definierte.

Die Frischwoche

9. – 15. Oktober

Es geht um Babylon Berlin, das Filmporträt jener funkensprühenden Jahre unmittelbar vorm dunkelsten Kapitel der an dunklen Kapiteln ja keinesfalls armen deutschen Geschichte. Am Freitag ist es soweit, dann geht Tom Tykwers Serie, mit knapp 40 Millionen Euro für 16 Folgen à 45 Minuten die bislang teuerste aus hiesiger Produktion, bei Sky auf Sendung, bevor sie Ende kommenden Jahres auch im Ersten zu sehen sein wird. Und nach allem, was von der ersten linear-privaten Koproduktion dieser Art bislang zu sehen war, wird es exakt jenes grandiose Ereignis, das dem Publikum über Jahre angekündigt wurde: Deutsches Fernsehen auf Weltniveau.

Verrückt.

Da kann der ZDF-Zweiteiler Tod im Internat trotz Starbesetzung von Nadja Uhl bis Joachim Król nicht mithalten. Der Politthriller im Schulschlossambiente will am Montag und Mittwoch zur besten Sendezeit einfach nur das, was erfolgversprechend ist: Sozialkritik mit Emotionen zu solider Krimiunterhaltung verkleben. Das wäre völlig okay, wenn das wirklich ambitionierte Roadmovie Detour mit der wundervollen Luise Heyer als Mutter bei der abenteuerlichen Rettung ihrer Beziehung heute nicht erst kurz nach Mitternacht im Zweiten liefe. Oder wenn es wie vorm dualen System mal wieder den Mut gäbe, etwas wie die NDR-Kurzfilmnacht nicht parallel kurz vor Mitternacht bis 3.05 Uhr laufen zu lassen.

Oder drei Tage später die zehn Beiträge der Filmhochschule Babelsberg zum Experiment HEIMAT.Film zur Geisterstunde im Hessischen Rundfunk. Oder. Oder. Oder. Bisschen wagemutig wird es anderswo. Auf Arte zum Beispiel, wo die belgische Seriengroteske Sylvia’s Cats ab Dienstag um 21.45 Uhr zehnmal von einer Frau erzählt, die ihrer desolaten Ehe ausgerechnet in ein Bordell entkommt, wo sie zur Puffmutter aufsteigt, während zugleich ein uralter Mord aufgeklärt wird. Skurril wird es auch, wenn der tristeste Komiker im Land – Nico Semsrott – am Samstag um 20.15 Uhr auf 3sat sein Soloprogramm Freude ist nur ein Mangel an Information zum Besten geben darf. Und die absurde Superheldenpersiflage The Tick um eine unverwundbare, idealistische, wohlmeinende, aber leider etwas selbstverliebte Zecke im Kampf mit dem Bösen startet am Freitag bei Amazon Prime, eine Art Superschurke der Konsumgesellschaft.

Da fällt der Übergang zur farbigen Wiederholung der Woche nicht schwer. Es ist die Sage vom Urzeitfantasysuper-, hüstel: Helden Conan, der Barbar (Donnerstag, 20.15 Uhr, Tele5), der 1984 einen gewissen Arnold Schwarzenegger ins Rampenlicht katapultierte. Ein Fokus, dem sich Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Uwe Barschel 1987 durch Suizd in der Badewanne entzogen hat – glaubt man zumindest der offiziellen Version. In Kilian Riedhofs halbrealer Fiktion Der Fall Barschel (Dienstag, 20.15 Uhr, 3sat, mit anschließender Dokumentation) hingegen versuchen zwei Journalisten zum 30. Todestag auf Biegen und Brechen ein Komplott zu enthüllen, was 2016 zum Besten zählte, was das Fernsehjahr hervorgebracht hat. Die schwarzweiße Wiederholung widmet sich einer anderen Berühmtheit: Mata Hari, 1964 verkörpert durch die unvergleichliche Jeanne Moreau (Montag, 22.15 Uhr, Arte). Und abschließend noch zum Alt-Tatort – diesmal Nr. 244 von 1991: Der Schimanski-Fall Bis zum Hals im Dreck, am Dienstag um 23.40 Uhr im WDR.


Bullbarts Werk & Honecker Beitrag

Die Gebrauchtwoche

25. September – 1. Oktober

Also gut: die, deren Namen man nicht aussprechen soll, sitzen in Fraktionsstärke an einem Ort, der seither seltsam entweiht zu sein scheint, weshalb all jene, die eigentlich zur dauernden Thematisierung verpflichtet sind, nicht mehr so recht wissen, ob sie mit ihrer Berichterstattung am Ende nicht all jene, deren Namen man wie gesagt nicht ausspricht, überhaupt erst dorthin gebracht hat, wo sie nichts zu suchen haben. Ach, es ist echt kompliziert mit der medialen Begleitung von Populisten, deren einziger Treibstoff nun mal diese Begleitung ist.

So gesehen muss man sogar froh sein, dass die Unaussprechlichen bislang keinen richtig echten Steve Bannon zur Seite haben, dessen rechtsextreme Plattform Breitbart vor fast einem Jahr Donald Trump ins Weiße Haus gehetzt hat. In Österreich allerdings wächst gerade die Sorge, dass Dietrich Matteschitz nun derart populistische Publizistik betreibt. Während sein Feelgood-Sender ServusTV bislang schon nicht durch Kritik an irgendwas aufgefallen ist, das dem Zuckerbrausedosenmüllmilliardär missliebig sein könnte, wird sein investigatives Online-Medium „Addendum“ bereits als „Bullbart“ verspottet.

Mit dem will Mateschitz nach eigener Aussage zwar vor allem vertieften Journalismus bieten; da sich Österreichs mächtigster Tycoon jedoch zuletzt bedenklich zur Flüchtlingsfrage geäußert hat und den Klimawandel seiner Planetenverheerung gemäß für ein Märchen halten dürfte, droht da eher Propaganda in eigener Sache. Und die wirkt dann gewiss auch auf unseren Markt, der für Red Bull ungemein bedeutend ist. Zum Tag der deutschen Einheit könnte die mediale Lage im Land also kaum zwiespältiger sein. Und dann verbannt das ZDF auch noch seine groß angekündigte, aber furchtbar missratene Journalismus-Serie Zarah mangels Erfolg auf den Spartenkanal Neo.

Die Frischwoche

2. – 8. Oktober

Beim Mutterschiff dagegen startet heute zur publikumsfreundlichen Mitternacht der Vierteiler Stunde des Bösen, in der Nachwuchsregisseure vier Montage zu nachtschlafender Zeit die menschlichen Abgründe erforschen. Den Anfang macht Astrid Schults Thriller Winterjagd mit Carolyn Genzkow als junge Frau, die sich einen Alt-Nazi zur Brust nimmt – den ausgerechnet der Holocaust-Überlebende Michael Degen spielt. Ebenfalls Neulingen gewidmet ist der SWR-Schwerpunkt Junger deutscher Dokumentarfilm. Ab Mittwoch bietet er bereits zum, 17. Mal Sachfilm-Rookies eine Plattform. Zum Auftakt nutzt sie Aslý Özarslan für ihr Porträt der deutschen Kurdin Leya, die am Ort ihrer Wurzeln zur jüngsten Bürgermeisterin der Region gewählt wird.

Tief gläubig, aber auch überaus bizarr wird es im Till Endemanns stillen, aber aufwühlenden ARD-Mittwochsfilm So auf Erden. Das real existierende Ehepaar Edgar Selge und Franziska Walser spielt darin ein fiktionales Ehepaar evangelikaler Prediger, das im Gewitter weltlicher Versuchungen zu bestehen versucht. Eher ungläubig, aber keinen Deut weniger absurd ist Dietrich Brüggemanns Kino-Groteske Heil (Arte, 22.25 Uhr) um einen Afroamerikaner, der wegen einer Amnesie plötzlich Naziparolen faselt und so zum Medienstar der Rechten wird.

Tags zuvor, dem Namen nach der deutschen Einheit gewidmet, geht es aber von morgens bis abends um alles rund um die sogenannte Wende. Darunter sind so unterschiedliche Werke wie Ein Herz und eine Seele, wo Ekel Alfred um 16.25 Uhr im WDR passenderweise Besuch aus der Ostzone kriegt. Brandneu dagegen ist die Komödie Willkommen bei den Honeckers zur besten Sendezeit im Ersten. Nach realen Motiven kriegt die Titelfigur darin 1991 ungebetenen Besuch von einem Bild-Reporter, der sich 1991 unterm Vorwand, ein kommunistischer Fan zu sein, bei den zwei abgehalfterten Ex-Diktatoren einschleicht. Johanna Gastorf und Martin Brambach spielen Margot und Erich Honecker dabei so wahrhaftig, zugleich lustig, aber nie verächtlich, als seien sie es wirklich.

Um all dies abzüglich des Humors ging es Veronica Ferres vor zehn Jahren zweifellos auch in ihrer Rolle als Die Frau vom Checkpoint Charlie (ARD, 1.00 Uhr). Dass das Melodram am Ende doch oft unfreiwillig komisch geriet, liegt dann halt an der Hauptdarstellerin, die von Understatement und Augenzwinkern vermutlich weniger versteht als von Spiralgalaxien. Dann doch lieber echter Humor mit Hintersinn wie Good Bye, Lenin! um 20.15 Uhr auf 3sat oder zur Abwechslung mal etwas, das seinerzeit durchaus heiter sein wollte, obwohl es um Mord und Totschlag ging: in der schwarzweißen Wiederholung der Woche zeigt Kabel1 am Dienstag ab 16.30 Uhr gleich vier der legendären Wallace-Verfilmungen aus den Sechzigern Mit Käuzchen, Kunstnebel und Frauengeschrei lässt sich der Feiertag mit Der Fälscher von London, dann Das Indische Tuch, zwischendurch Der Frosch mit der Maske und zum Finale Der grüne Bogenschütze ganz gut überstehen.

Dagegen wirkt der erste Tatort von Ballauf/Schenk trotz seiner 20 Jahre auf dem Buckel fast modern. Aber eben nur fast. Eingeleitet wird Willkommen in Köln am Dienstag im WDR (22.30 Uhr) übrigens eine Dreiviertelstunde zuvor mit einer kleinen Geburtstagsdoku an die zweitdienstältesten Ermittler. Happy Birthday! Gefolgt von einem tieftraurigen Nachruf: Andreas Schmidt, einer der überraschendsten, vielschichtigsten, besten Schauspieler im Land ist nach schwerer Krankheit mit nur 53 Jahren gestorben. Fairwell, liebste Bohnenstange!


Wahlkonsequenzen & Schwarzwaldtote

Die Gebrauchtwoche

18. – 24. September

So, die Wahl ist gelaufen, und obwohl nun Neonazis im Bundestag sitzen, ist die Erde noch immer keine Scheibe, das Leben weiterhin lebenswert, und der Pro7-Moderator Thore Schölermann hat mit seiner vorab gesendeten Empfehlung gegen die AfD aus journalistischer, menschlicher, rationaler Sicht zwar alles richtig gemacht, musste aber dennoch Abbitte leisten für eine Art Subjektivität, die bei Licht und Abwägung aller Fakten betrachtet objektiv kaum gewissenhafter sein kann. Aber gut – Schluss mit Politik an dieser Stelle. Kommen wir zum Glamour der Fiktion. Auch wenn sie zuletzt wieder politisch war wie lange nicht.

Die Emmys wurden verliehen.

Da war es im aufgewühlten Amerika natürlich kein Wunder, dass sie voll und ganz im Zeichen ihres vogelwilden Präsi…, besser: Pfaus Donald Trump standen. Doch obwohl etwa Saturday Night Life auch wegen der heiteren Kritik am Berserker im Weißen Haus Preise wie die der besten Sketch Serie abgeräumt hat, ging es natürlich vor allem ums Fernsehen als Unterhaltungsmedium. Und darin zeigt sich, dass Netflix zwar die meisten Nominierungen verzeichnet hatte, aber keineswegs zu den großen Siegern des Abends im Microsoft Theater zu L.A. zählte. Von denen war einer die Internetplattform Hulu mit der Ungleichberechtigungsdystopie The Handmaid’s Tale, zum drittenmal die HBO-Komödie Veep und an gleicher Stelle (also hierzulande Sky) das fabelhafte Gesellschaftsdrama Big Little Lies. Auch die Feier des Netflix-Erfolgs Stranger Things änderte also wenig daran, dass der Streamingdienst sein Bärenfell besser noch nicht verteilen sollte.

Denn auch das alte Fernsehen ist noch immer nicht so richtig totzukriegen. Das zeigt hierzulande zum Beispiel die ARD-Serie Babylon Berlin, die kurz vorm Vorabstart im Oktober auf Sky bereits für Furore sorgt. Andererseits ist es am Ende doch zusehends der Sport, mit dem im Regelprogramm Quote gemacht werden kann; sofern es darin überhaupt um Sport geht. RTL Nitro hingegen verdient für sein weitestgehend fußballloses Dauergelaber 100% Bundesliga am Montag schon deshalb Missachtung, weil es den schwer erträglichen Tritt ins Gesicht eines Stuttgarters vom vorangegangenen Wochenende siebenmal gezeigt hat. Sie! Ben! Mal! Teils in Zeitlupe und voll Geifer für die geilen Bilder.

Abschalten, bitte!

Die Frischwoche

25. September – 1. Oktober

Zuschalten kann man dann spätestens wieder kommenden Sonntag. Gar nicht unbedingt (aber durchaus auch), weil Hans-Jochen Wagner und Eva Löbau das 1763. Tatort-Team bilden, das allen Ernstes im Schwarzwald zwischen Waffenhändlern und Kindermördern ermittelt. Nein, empfehlenswert ist endlich mal ein Stück Historytainment aus vordemokratischer Zeit. Im Dreiteiler Maximilian beleuchtet Regisseur Andreas Prochaska ab Sonntag drei Abende in Folge um 22 Uhr den Aufstieg des frühen Habsburgers im späten Mittelalter zur Keimzelle dieser mächtigen Dynastie. Und das tut Jannis Niewöhner als Nachwuchskaiser in sehr eindrücklichen Bildern. Gewiss, wie der junge Autodidakt um Christa Théret als Maria von Burgund kämpft, ist trotz historisch verbürgter Sachlage heutigen Sehgewohnheiten angepasst. Trotz aller Anpassungen bleibt Maximilian aber ziemlich glaubhaft.

Wenngleich nicht annähernd so wie Nicole Weegmanns fantastische Fiktionalisierung vom Unglück auf der Duisburger Love Parade vor sieben Jahren. Besonders Jella Haase zeigt in Das Leben danach als schwer traumatisiertes Opfer, dass sie weit mehr kann als die Ulknudel bei Fack yu Göhte. Vom grandiosen Carlo Ljubek als Taxifahrer, der mit Antonia ein Bündnis unter Leidensgenossen eingeht, ganz zu schweigen. Ein typischer ARD-Mittwochsfilm und doch etwas Unvergleichliches. Schade, dass er sich parallel mit der Champions League im ZDF messen muss… Im dritten Teil von Schuld dann beweist am Freitag (21.15 Uhr, ZDF) auch  Josefine Preuß im besten der vier Filme, dass sie nicht nur Mittelalterfeministinnen kann.

Ob Maria Furtwängler so wahnsinnig viel mehr kann als Charlotte Lindholm ist angesichts ihrer seltenen Auftritte außerhalb vom niedersächsischen Tatort hingegen schwer zu sagen. Aber dass sie zumindest dort gut aufgehoben ist, bewies die erschütternde Doppelfolge Wegwerfmädchen 2012, die der NDR uns am Samstag ab 20.15 Uhr nochmals zumutet. Die schwarzweiße Wiederholung der Woche spielt im Jahre 1932, als Ryan O’Neal mit Töchterchen Tatum durchs Weltwirtschaftskrisenland USA reist und dort das Glück sucht. Besonders die Intensität des Kinderstars in spe machte Peter Bogdanovichs Paper Moon 40 Jahre später zu einem Evergreen des Kinos (Montag, 20.15 Uhr, Arte). Ebenfalls farblos ist Ulrich Plenzdorfs lange Zeit verbotenes DEFA-Drama von 1965 um die systemkritische Lehrerin Karla am gleichen Tag (23.05 Uhr) im MDR. In Farbe, aber ganze acht Jahre älter: Das wilde Schaf (Mittwoch, 1.55 Uhr, ARD) mit Romy Schneider, die den schüchternen Nicolas (Jean-Louis Trintignant) das Feuer der Leidenschaft entlockt, wie es nur Romy Schneider konnte, die dafür oft nicht mehr tun musste, als vor der Kamera zu sein. Ein Meisterwerk.


Regenreporter & Rollstuhlhumor

Die Gebrauchtwoche

11. – 17. September

Schon ein wenig durchschaubar, wie Martin Schulz da mit scheinbarer Vehemenz ein zweites Fernseh-Duell mit Angela Merkel fordert, das die so kurz vor der praktisch gewonnen Bundestagswahl natürlich ganz lässig ablehnt, worauf ihr der vermeintlich diskussionsfreudige Konkurrent genüsslich Feigheit vor dem Feind vorwerfen kann. Noch durchschaubarer ist es da nur, dass ARD, ZDF und RTL angesichts der zu erwartenden Top-Quote die aussichtslose Forderung unterstützen. Warum sich Sat1 allerdings nochmals der Lächerlichkeit preisgeben will, wenn auf dem früher durchaus politischen Kanzler*innen*sender wieder nur ein paar Prozent des Zuspruchs entfallen, bleibt ebenso schwer zu beantworten wie die wichtigste Frage dieser sturmumtosten Tage.

Warum stellen sich Journalisten in den Orkanen, Hurricans Taifunen zwischen Nordsee, Karibik und Asien eigentlich nicht mal irgendwo unter, anstatt im Starkregen das eigene Wort nicht zu verstehen. Denn es entbehrte ja nicht einer gewissen Komik, wenn die Außenreporter aller Kanäle klitschnass im Wind standen, um davon zu berichten, dass man im Wind ganz schön nass werde und überhaupt dieses extreme Wetter ganz schön extrem sei. Krasse Bilder als Sinn und Zweck der News – schon ein bisschen windig.

Windig wie die Strategie sozialer Netzwerke, allen voran Facebook, im Umgang mit Rechtsextremen allenfalls die Strategie zu verfolgen, keine zu haben. Hoffentlich… Schlimmer nämlich wäre es, wenn dies Teil eines konkreten Plans wäre, dass in Mark Zuckerbergs angeblich seriöser Feed-Kategorie „Nachrichten und Politik“ hierzulande praktisch nur recht(spopulistisch)e Inhalte und Gruppen empfohlen werden. Das pumpt die Desinformationsblase des Internets nur weiter auf und ist Wasser auf die Mühlen von Protagonisten einer MDR-Doku, die am Donnerstagabend um 22.35 Uhr läuft.

Die Frischwoche

18. – 24. September

Sie heißt Wir kriegen dich! und zeigt einen Pfarrer im Visier echter und Gelegenheits-Nazis, die dem Geistlichen eines Dorfes wegen seiner Hilfe für Flüchtlinge ans Leder wollen. Nun ist es gewiss nicht so, dass der Einfluss des Hasses so flächendeckend wird, um die dunkelsten Kapitel unserer Geschichte neu aufzuschlagen. Aber einen Film wie A mi, mit dem die Autorin Caterina Klusemann am Montag um 23.55 Uhr auf Arte das Schweigen ihrer Mutter und Oma über den Holocaust erforscht, dem beide einst entkommen sind, sieht man im Angesicht des fruchtbaren Schoßes schon mit anderen Augen.

Zur Ablenkung empfiehlt sich da ein bisschen Humor, der die Abgründe des Daseins nicht vollends außer Acht lässt. Und nein, damit ist explizit nicht Detelf Soost gemeint, der ein paar Tausend Jahre, nachdem die Schlüpferblicke von Arabella Kiesbauer, Bärbel Schäfer oder Vera Int-Veen selbst dem dusseligsten Zuschauer zu blöd geworden sind, ab heute täglich um 16 Uhr auf RTLII seine Zielgruppe verächtlich macht. Im ARD-Mittwochsfilm Jürgen – Heute wird gelebt hingegen zeigt Lars Jessen nach dem gleichnamigen Roman von Heinz Strunk, wie ernst man unterprivilegierte Protagonisten nehmen kann.

Sicher, es geht manchmal ganz schön derb zu, wenn der Rollstuhlfahrer Bernd (Charly Hübner) mit dem Pförtner Jürgen – gespielt von Strunk selber – auf Frauensuche nach Polen reist. Den Respekt vor diesen Verlierern der Leistungsgesellschaft verliert der Film aber dennoch zu keiner Zeit und ist dabei oft beißend lustig. Eher unfreiwillig komisch dagegen ist der RTL-Versuch, David Rott als Bad Cop ab Donnerstag (21.15 Uhr) zehn Teile lang gegen sein Schwiegersohn-Image anzubesetzen. Und sonst? Kann man sich den Ernst des Lebens früherer Tage ab morgen drei Abende lang ins Haus holen, wenn Arte je drei Stunden am Stück den Vietnam-Krieg aufarbeitet, wie es noch niemand in dieser Dichte getan hat.

Am Freitag um 21.15 Uhr dann geht die sehenswerte Schirach-Verfilmung „Schuld“ mit dem ziemlich unbekannten Weltstar Tom Wlaschiha (Game of Thrones) in die zweite Runde, während Sky tags drauf die grandiose Mystery-Serie Room 104 auch auf Deutsch zeigt. Ganz unmysteriös ist die schwarzweiße Wiederholung der Woche: Im Spätwestern Der Wildeste unter Tausend (Montag, 20,15 Uhr, Arte) spielte Paul Newman 1962 einen Cowboy, der die Zeit des Herdentriebs zugunsten der florierenden Ölindustrie hinter sich lassen will und dafür das Lebenswerk seines Vaters ruiniert. Dafür gab es drei Oscars.

In Farbe gibt es zwei Tipps: Pepe Danquarts grandiose Freikletterer-Doku Am Limit von 2007 über die Huber-Buam, als sie noch nicht Werbung für Schokoriegel gemacht haben, sondern die weltberühmte Nose bezwingen wollten (Mittwoch, 22.45 Uhr, BR). Am Freitag wiederholt 3sat um 22.25 Uhr Duncan Bowies brillantes Regiedebüt Moon von 2009 über einen Minenarbeiter auf dem Mond, der dort seinen eigenen Klon trifft. Und der Tatort reist heute um 22.15 Uhr beim RBB zurück ins Jahr 1992, als Kommissar Markowitz (Günter Lamprecht) im chaotischen Berlin der Nachwendezeit mit einer Leiche zu tun hat, die ihm sonderbar ähnlich sieht.


Talkshowabgänge & Pornoprosa

Die Gebrauchtwoche

4. – 10. September

Der neue Duden ist redaktionell womöglich noch nicht abschließend bearbeitet, aber ein Begriff hätte es längst verdient, aufgenommen zu werden: „Talkshowabgang, der“, kombiniert mit „vorzeitiger“. Dieses Phänomen nämlich zählt mittlerweile fast schon zum guten Ton der Fernsehdebattenkultur. Erst im Juli verließ Wolfgang Bosbach Sandra Maischbergers Runde, weil ihm Jutta Ditfurth zu linksradikal war, nun folgte ihm Alice Weidel bei Marietta Slomkas Wahlrunde am vorigen Dienstag, weil Andreas Scheuer ihr Parteifreund Björn Höcke zu rechtsradikal ist.

Damit befinden sich beide in guter Gesellschaft einer illustren Runde von Boris Becker über Ruth Moschner bis Peter Maffay, die allesamt wutschnaubend vorzeitig das Weite gesucht – und dabei weit mehr Aufmerksamkeit gefunden haben als bei Einhaltung des Protokolls. Und so sinnierten die Medien am Mittwoch auch süffisant, ob der Auf-, besser: Abtritt von Alice Weidel nicht von langer Hand geplant gewesen war. Schließlich hat sie schon vorher mehrfach angedeutet, vom rotgrünschwarzgeldlinksversifften Kreis der Gegner nun aber echt bald die Schnauze voll zu haben. Während CSU-General Scheuer argwöhnte, die AfD-Kandidatin wolle nur rechtzeitig ans kalte Büffet, mutmaßte Moderatorin Slomka jedenfalls, sie drücke sich nur vor der anstehenden Rentendebatte.

In dem Zusammenhang könnte der Duden dann gleich noch um eine weitere Unterart des „Talkshowabgangs“ ergänzt werden. Denn nach dem vorzeitigen im Zweiten folgte gleich auch noch der vorsorgliche im Ersten. Ohne Angabe von Gründen hat Alice Weidel die zugesagte Teilnahme bei der Wahlrunde illner intensiv am Donnerstag abgesagt. Und auch der ersatzweise angefragte Alexander Gauland hatte keine Zeit. Leider, leider. Obwohl sich der Partei-Rechtsaußen André Poggenburg dann doch erbarmte, stimmt da irgendwas nicht mit dem Vorwurf, die AfD wolle dringend sagen, was man doch mal sagen müsse, aber nicht dürfe. Interessanterweise ist das Ganze Wasser auf die Mühlen des WDR-Rundfunkrats, der nach Durchsicht diverser ARD-Talkshows zum gleichen Schluss wie 2012 und 15 kommt: zu belanglos, zu populistisch, zu oberflächlich und vor allem: zu sehr auf Krawall gebürstet.

Die Frischwoche

11. – 17. September

An dieser hochpolitischen Stelle könnte es jetzt kurz um den Versuch von Pro7 gehen, heute um 22.05 Uhr in der One-Man-Show Ein Mann, eine Wahl Interesse an mehr als Actionwitzetrallalla vorzugaukeln. Weil sich Klaas Heufer-Umlauf allerdings doch mehr für sein Image als die geladenen Parteienvertreter interessiert, widmen wir uns lieber zwei Filmen, mit denen Arte am Montag ab 20.15 Uhr 100 Jahre UFA feiert. In der schwarzweißen Screwball-Komödie Glückskinder dürfen die Nazi-Lieblinge Willy Fritsch und Lilian Harvey zum Auftakt heile Liebeswelt spielen, während die Gesellschaft drei Jahre vor Kriegsbeginn bereits den Untergang plant. Im Anschluss dann suhlt sich Propaganda in der deutschen Version von Titanic zwei Jahre vor Kriegsende nochmals in der vermeintlichen Dekadenz des Feindes. Gewiss keine guten, aber bemerkenswerte Klassiker des Filmbetriebs von Goebbels Gnaden.

Der kleine Exkurs zum nationalsozialistischen Erbauungsfilm zeigt aber auch, dass die Auswahl neuer Formate eher ein bisschen dünn ausfällt. Frei empfangbar ist allenfalls der französische Arte-Dreiteiler Kim Kong (Donnerstag, 21.45 Uhr) um einen Regisseur empfehlenswert, den ein asiatischer Despot entführen lässt, um ihm King Kong nach eigenem Vorbild zu verfilmen, was bestimmt nur ganz entfernt an ein Vorbild in Korea erinnert. Wirklich brillant gerät hingegen eine HBO-Serie, die Sky ab heute auf vielen seiner Kanäle zeigt: The Deuce.

Nach seiner Gegenwartsdystopie The Wire nimmt sich Showrunner David Simon darin das New York der Siebzigerjahre vor, wo die Pornografie seinerzeit gerade zum Milliardengeschäft wächst. Mit James Franco als ungleiches Brüderpaar Vinnie und Frankie gelingt dabei ein ganz großer Wurf historisierenden Fernsehens, in dem Kostüme – Achtung ARZDF! – nur die Nebenrolle einer durch und durch glaubhaften Inszenierung spielen. Ansonsten steht die Woche bereits ganz im Zeichen der anstehenden Wahl. Nachdem die ARD tags drauf zwei Handvoll Nonnen und Ärzte das tun lässt, was sie seit Jahr und Tag am Dienstagabend tun, darf Stefan Lamby um 22.45 Uhr eine Stunde lang Das Duell der Kanzlerkandidaten auf seine ganz eigene, sehr journalistische Art analysieren.

Und weil es das auch schon war, kommen wir zu den Wiederholungen der Woche. In schwarzweiß: Die Gefangenen von Alcatraz, das atmosphärisch sensationelle Knastdrama von 1962 mit Kirk Douglas als Doppelmörder, dem ein verirrter Vogel in der Zelle neuen Lebensmut gibt. (Freitag, 22.25 Uhr, 3sat). Zum 40. Jahrestag des Heißen Herbstes zeigt Kabel1Doku am Freitag (20.15 Uhr), Steven Spielbergs famosen Politthriller München von 2005, der die Geiselnahme israelischer Olympioniken 1972 als Rachefeldzug des Mossad weiterspinnt. Und zu guter Letzt der Tatort-Tipp: Blutwurstwalzer (Montag, 22.15 Uhr, RBB), Günter Lamprechts dritter Fall als Kommissar Markowitz, in dem er es 1991 mit einem blutjungen Schauspieler zu tun kriegt: Jürgen Vogel.


Trump-Stilettos & Pubertiere

Die Gebrauchtwoche

28. August – 3. September

Es ist seit Jahr und Tag ein beliebtes Spiel moderner Medienkritik, den Bock, also die Presse, zum Gärtner, also Schuldigen gesellschaftlicher Schieflagen zu machen oder wahlweise den Boten zu töten, statt den Absender. Erinnert sei da ans Unwort des Jahres „Herdprämie“. Dessen Verwendern wurde 2007 ja Frauenfeindlichkeit unterstellt, obwohl genau die doch durch den Begriff erst zum Ausdruck gebracht werden sollte. Ähnlich verhält es sich nun mit Melania Trumps Kleiderwahl beim Besuch (am Rande) des texanischen Flutgebiets. Während ihr Mann im Golf-Dress kondolierte (ohne auch nur ein Opfer zu treffen), trug seine Frau Stilettos und Caprihose. Dies zu thematisieren, wurde den Medien jedoch nicht als nötige Kritik, sondern Taktlosigkeit ausgelegt. Weil es doch um die Opfer gehe, nicht das Präsidentenpaar.

Dabei  passt die Bewertung von Äußerlichkeiten gut zur heißen Wahlkampfphase. In der tigert die Spitzenpolitik nicht mehr nur durch erwachsene TV-Sender, was gestern seinen Höhepunkt im Spitzenduell auf vier Kanälen fand – woran am spannendsten war, dass bei Sat1 nicht mal 900.000 Menschen zusahen, also weniger als ein Zehntel der ARD; Merkelschulzwagenknechtözdemiretc lassen sich auch auf den Plattformen der Jugend blicken, um sich als das zu präsentieren, was sie in der Regel eben nicht sind: jugendlich. Bei den „jungen Radio-Wellen“ der ARD lief das etwa unterm sendungmitdermausigen Titel Frag doch mal die Merkel und den Schulz. Das rechtfertigt zwar keine Falschmeldung einer Rundfunkgebührenerhöhung, von der die notorisch ARZDF-feindliche FAZ gerade mal wieder fabuliert hat. Aber man muss schon manchmal den Kopf schütteln, wie das öffentlich-rechtliche Publikum gleich welchen Alters behandelt wird.

Und zwar explizit auch programmatisch.

Die Frischwoche

4. – 10. September

Die ZDF-Serie Zarah zum Beispiel sollte ab Donnerstag (21.45 Uhr) eigentlich den Kampf um Gleichberechtigung der frühen Siebziger in einer fiktiven Magazin-Redaktion namens „Relevant“ ausfechten. Was Regisseur Richard Huber und sein Team daraus gemacht haben, ist allerdings wenig mehr als eine (zunächst) sechsteilige Mottoparty, Thema 1973, das Jahr, in dem die feministische Schriftstellerin Zarah Wolf (Claudia Eisinger) die Leserschaft des Stern-Abklatsches um ein paar *innen erweitern soll, aber an den Herren der Zeitungsschöpfung abprallt wie Atemluft am Zigarettenqualm im Redaktionsbüro.

Dessen Einrichtung ist denn Machern dummerweise wichtiger als die Handlung, weshalb Zarah bestenfalls Karneval spielt, aber gewiss nicht Emanzipation. Schade eigentlich. Denn im Vorprogramm macht es Das Pubertier ganz gut, die familiären Krisenjahre nach dem gleichnamigen Roman von Jan Weiler in ein locker-leichtes Serienformat zu gießen. Als schwer pubertierende Carla macht die junge Mia Kasalo ihren Eltern (Pasquale Aleardi, Chiara Schoras) unterhaltsam und nur selten überdreht das Leben zur Hölle. Weniger ulkig ist hingegen Der Sohn am ARD-Mittwoch. Unter Urs Eggers Regie dient der Außenseiter Stefan da schließlich nicht bloß als Zotenlieferant in der Pickelphase, sondern garniert ein tonnenschweres Drama um mütterliche Selbstaufgabe und jugendliche Haltlosigkeit, das manchmal fast zu dick aufträgt, aber doch sehenswert ist. Wie die US-Serie The Deuce, mit der Sky ab Samstag einen Blick auf die bizarre Porno-Industrie der 70er und 80er Jahre wirft.

Ringsum bleibt das Programm aber politisch. Zum Beispiel wenn illner intensiv von Dienstag bis Freitag um 23 Uhr wechselnde Wahlkampfthemen mit Spitzenpolitikern diskutiert. Zum Auftakt: Welt im Chaos – wer führt Deutschland durch die Krisen. Tags zuvor klinken sich RTL und Sat1 nach dem prestigeträchtigen Sonntagsduell natürlich wieder aus, wenn die ARD um 20.15 Uhr zum oppositionellen Fünfkampf lädt, an dem neben Grünen und FDP, Linke und CSU diesmal auch die AfD teilnehmen darf. Dazu passt so ganz nebenbei auch die anschließende Doku Kreuz ohne Haken (23.45 Uhr), in der das Verhältnis der Kirchen zur Neuen Rechten in Deutschland beleuchtet wird.

Zur alten Rechten indes passt die schwarzweiße Wiederholung der Woche. In Der Mann, der Sherlock Holmes war (Montag, 20.15 Uhr, Arte), mussten Hans Albers und Heinz Rühmann die Zuschauer zwei Jahre vor Kriegsbeginn als Nachfahren der berühmten Detektive noch mal kurz von Holocaust und Diktatur ablenken. Beides war bei zwei deutschen Klassikern im Anschluss allenfalls noch am Horizont zu erahnen: Viktor und Viktoria von 1933 (22.05 Uhr) und Die Liebe der Jeanne Ney (1928) um 23.40 Uhr. In einer ganz anderen Zeit spielt Werner Herzogs Conquistadoren-Drama Aguirre (Mittwoch, 23.45 Uhr, BR) von 1972 mit Klaus Kinski als gnadenlosem Eroberer auf der Suche nach dem sagenhaften Eldorado. Wie die Dreharbeiten damals ausgesehen haben, erklärt tags zuvor an gleicher Stelle um 23.30 Uhr die Doku Mein liebster Feind. Und der Tatort-Tipp: Bienzle und der Todesschrei, eine SWR-Perle (Donnerstag, 22 Uhr) aus dem eigenen Sendegebiet von 2001.