Korrespondentendinner & Geisterhäuser

Die Gebrauchtwoche

20. – 26. April

Nein, wir machen an dieser Stelle keinen Witz darüber, welcher Ausgang des missratenen Attentats auf das Correspondents Dinner in Washington wünschenswert gewesen wäre. Selbst El Hotzo hält sich angesichts der vorherrschenden Empathie mit Autokraten diesbezüglich zurück. Aber hätte der Angreifer getroffen, wäre – um in Donald Trumps Duktus zu bleiben – definitiv besseres Fernsehen dabei herausgekommen.

So wundert man sich eher, wie viele all jener Journalistinnen und Journalisten, die ihr Gastgeber im Alltag als Abschaum beschimpft, in Frack und Fummel zum aktuell mächtigsten Feind der Pressefreiheit westlicher Demokratien gekommen sind. Und zwar nicht solche wie, sagen wir: Jan Philipp Burgard. Der hat ja auch bald in Tel Aviv zu tun, wohin ihn die Axel Springer SE trotz diverser Vorwürfe sexualisierter Übergriffigkeiten als Global Reporter über Nahöstliches entsendet hat.

Damit wäre bewiesen, das misogyne Gewalt bei Springers kein Abstiegs-, sondern ein Aufstiegskriterium ist. Ebenso wie bei der FAZ vermutlich. Dessen Autor Stefan Löwenstein nämlich schaffte es, die homo-, queer- und transphoben Gesetze Ungarns in einem Kommentar zu kritisieren – nur, um einen Absatz später homo-, queer- und transphobe Maßnahmen in Deutschland zu fordern. Wie gut, dass es noch körperlich erträgliche Meldungen aus der Medien-Bubble gibt.

Mittwochabend hat die EU-Kommission verkündet, den Kauf von Sky durch RTL zu genehmigen. Und zwar vorbehaltlos. Das ist, bei aller Kritik an kommerzieller Programmgestaltung, eine gute Nachricht für den Fernsehstandort D im Kampf gegen übermächtige Gegner von Alphabet bis Meta. Und war entsprechend Gesprächsthema Nr. 1 bei den Medientagen Mitteldeutschland, die tags drauf in Leipzig zu Ende gegangen sind.

Die Gebrauchtwoche

27. April – 3. Mai

Vor Ort auch ZDF-Intendant Norbert Himmler, der das öffentlich-rechtliche System mit Verve und Herz verteidigt hat. Grundsätzlich zu Recht. Es sei denn, man schaut sich ab Montag die pseudo-empowerte Mediatheken-Farce My Ex an, in der die bemitleidenswerte Quereinsteigerin Palina Rojinski sechsmal 45 Minuten nur drei Ziele verfolgt: sexy sein, Traummann finden und… Ach nee; sind doch nur zwei Ziele einer Art Wirtschafswunderunterhaltung für die GenZ. Auweia.

Und so bleibt es den Streamern vorbehalten, den ÖRR fiktional vor sich herzutreiben. Amazon Prime Video zum Beispiel mit der Serienadaption von Isabel Allendes Geisterhaus, das gut 53 Jahre nach Augusto Pinochets Machtergreifung irritierend aktuell ist – und besonders aus feministischer Sicht jederzeit erzählenswert. Das gilt mit Abstrichen auch für die britische Thriller-Serie Secret Service mit dem emanzipierten Ex-Bond-Girl Gemma Arterten als MI6-Agentin auf der Spur eines englischen Politikers in Putins Diensten, tags drauf bei MagentaTV.

Am Mittwoch dann startet AppleTV+ die ziemlich lustige, weil gut getimte Horror-Comedy Widows Bay mit Matthew Rhys als Bürgermeister einer angeblich verfluchten Insel in Neuengland, deren Bewohner an aberwitzige Gruselgeschichten glauben, die natürlich allesamt Hirngespinste sind. Oder? Und immerhin irgendwie drollig scheint die Dramedy-Serie The Miniature Wife ab Donnerstag bei Sky und Wow zu sein, in der Lindy Littlejon (Elizabeth Banks) auf 15 Zentimeter geschrumpft wird, was die Ehe mit Les (Matthew Macfadyen) vor völlig neue Herausforderungen stellt.


Pedro Pascal & Richard Gadd

Die Gebrauchtwoche

13. – 19. April

Es ist zwar systemimmanent, aber trotzdem unglaublich: Sechs Wochen, nachdem ein anthropomorpher Buckelwal im seichten Ostsee- und Boulevardgewässer vom Meeressäuger zum Weltgewissen mutierte, schafft er es partout nicht aus der Berichterstattung. Dass die Tagesschau keine Live-Reporterinnen mehr an die Ostsee schickt, muss man da schon fast als publizistischen Teilerfolg werten. Doch abseits davon allerdings dient der gestrandete Meeressäuger unverdrossen als Ablenkung von unserer Destruktivität als Deutsche, Consumer, Spezies.

Auch von der breaking news natürlich, dass gut 1000 Filmschaffende aus den USA gegen die Riesenfusion von Warner und Paramount protestieren. Darunter Pedro Pascal und … ach nee, das reicht ja eigentlich dicke, um der Initiative Nachdruck zu verleihen. Der halt nur leider keinerlei Konsequenzen nach sich ziehen dürfte. Die Multimilliarden der entfesselten Medienoligarchie gehen schließlich nicht dorthin, wo die Moral, sondern der Profit am größten ist.

Auch deshalb erlebt die altehrwürdige BBC zurzeit den größten Kahlschlag ihrer 124-jährigen Geschichte. Mehr als 2000 Vollzeitkräfte – fast ein Zehntel der Belegschaft – fallen einem radikalen Sparkurs zum Opfer, den der öffentlich-rechtliche Rundfunk Großbritanniens auch deshalb einschlägt, um seine rechtsradikalen Gegner zu besänftigen. Die BBC reißt also selbst am Ast, den Nigel Farages Trolle Tag für Tag ansägen. Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr.

Da will der ORF nicht nachstehen und zerlegt sich nach dem Rücktritt von Generaldirektor – wie der Intendant in Österreich heißt – Roland Weißmann fröhlich selbst. Ob an den Vorwürfen sexueller Übergriffe etwas dran ist, wird sich zeigen. Tatsache bleibt, dass auch der ORF aus Angst vor Herbert Kickls FPÖ wie die Piraten bei Asterix das eigene Boot lieber selbst versenkt als auf Gallier zu warten. Und damit zu Tanit Koch, die vorige Woche erstmals das ARD-Magazin Fakt moderierte.

Dank dieser Personalie ersetzt der NDR das rechtspopulistische Faltboot Julia Ruhs also durch ein Gewächs der Springer-Presse und wirft Fragen auf. Etwa: wie verzweifelt man in den Funkhäusern mittlerweile im Angesicht wachsender AfD-Erfolge ist? Verzweifelt genug offenbar für gebührenfinanzierte Kamikazeaktionen, die daran nichts, aber mal gar nichts ändern werden. Im Gegenteil.

Die Gebrauchtwoche

13. – 19. April

Das macht eigentlich gar keine Lust auf Serien wie jene, für die Richard Gadd steht. Mit Rentierbaby sorgte der umgesattelte Stand-upper bei Netflix ja für die Seriensensation des Jahres 2024 schlechthin. Jetzt folgt die nächste Unterhaltungsdystopie, mit der er ab Freitag (jetzt bei HBO-Max) nach eigenem Drehbuch in die Abgründe der menschlichen Hybris eindringt: Half Man.

Sein schottischer Psychopath Ruben hat mit dem Mobbing-Opfer Niall (Jamie Bell) darin eine entschieden unangenehme, lebenslang toxische Beziehung. Bis zur letzten Minute zugleich abstoßend und anziehend, stellt der Sechsteiler damit alles in den Schatten, was dieser Tag noch so startet. Die Neo-Serie Escort Boys um französische Bauern zum Beispiel, die der wirtschaftlichen Not ab Mittwoch mit, tihi, nackten Tatsachen begegnen. Oder den Netflix-Thriller Apex mit Charlize Theron ab Freitag.

Auch die neue Adult-Anime-Serie Kevin um einen habituell mindestens merkwürdigen Kater, bereits heute bei Prime Video. Und natürlich auch die zweite Staffel der drolligen Abenteuer-Reise Mission Unknown ab Mittwoch an gleicher Stelle. Obwohl man Jens Knossale aka Knossi merkwürdigerweise gern dabei zusieht, im Kreise selbstverliebter Influencer an krassen Challenges zu wachsen.

Was ansonsten noch so von größerer Bedeutung ist? Allenfalls noch die Grimmepreis-Verleihung, am Freitag um 22.30 Uhr bei 3sat als zweistündige Zusammenfassung. Mal sehen, wie das Publikum in Marl den Spannungsbogen von der Affäre Cum-Ex über Frank Elstners Lebenswerk bis hin zu Gerry Star beurteilt.


Literaturkritiker & Schäferhunde

Die Gebrauchtwoche

6. – 12. April

Ultimatum, lat. von ultimos, der äußerste, wird gemeinhin als letzte, also wirklich allerletzte Warnung verwendet, etwas Unerwünschtes noch abzuwenden. Es waren also knapp zwei Dutzend wirklich absolut endgültiger Ultimaten, die Donald Trump laut Süddeutsche Zeitung in seiner 15-monatigen Amtszeit abgegeben hat – und vorwiegend verstreichen ließ. Immerhin: einige davon galten bekanntlich seinem Lieblingsfeindbild: der unabhängigen Presse.

Tag für Tag für Tag beschimpft er Journalist:innen liberaler Medien als terrible reporters und persons. Einem davon nun mit Gefängnis zu drohen, weil er (m/w/d) über den Piloten eines abgeschossenen Kampfjets berichtet hatte, ist allerdings nicht nur deshalb außergewöhnlich, weil Haftstrafen auch in den USA 2026 noch immer von Gerichten verhängt werden. Die gute Nachricht: Nachdem der Taco-Präsident Sender wie CBS zunächst einschüchtern konnte, stehen die schrecklichen Reporter mittlerweile sogar füreinander ein – wie Pressekonferenzen im Weißen Haus belegen.

Bis aufs ZDF natürlich. Dem warf Stefan Niggemeier unlängst vor, dass es sich von Mitwirkenden seiner Sendungen vertraglich zuzusichern lasse, nicht mit Personen zu arbeiten, die auf der Sanktionsliste des Office of Foreign Assets Control stehen – letztlich also auch Hate Aid oder die Richter des Internationalen Strafgerichtshofs. Das Zweite dementierte halbherzig. Schon lauter dagegen werte sich die ARD gegen Vorwürfe gegen den Literaturkritiker Dennis Scheck.

In seiner Sendung Druckfrisch tat er das, was – Sorry, fürs Stereotyp – alte weiße einflussreiche Männer regelhaft tun: Frauen verächtlich machen. Zuletzt die Bestseller-Autorin Ildíko von Kürthy, deren Buch er mit misogynen Klischees bombardierte und daraufhin – seit fast 25 Jahren Schecks ganz persönliche Bücherverbrennung – in den Mülleimer gleiten ließ. Damit dürfte er zumindest die Gnade des Volksleitkulturhammel Wolfram Weimer verdienen. Bei dem hat sich unterdessen die Familienministerin rechts eingehakt.

Karin Prien lässt Hunderte untadeliger Initiativen auf Regierungstreue hin testen und fordert zivilgesellschaftliches Engagement der stillen Mitte. Ein Slogan, mit dem Blut-und-Boden-Bewegungen vom abgewählten Viktor Orbán bis zum ultimativen Donald Trump die Zivilgesellschaft links der Rechten gerne diskreditieren. Wer da helfen könnte? Vielleicht ja ein deutscher Schäferhund.

Die Frischwoche

13. – 19. April

Drei Jahrzehnte, nachdem Kommissar Rex erstmals auf Verbrecherjagd ging, holt ihn Sat1 heute Abend zurück ins Hauptprogramm zurück. Unabhängig von Umsetzung und Inhalt klingt das ein bisschen verzweifelt nach folkloristischer Torschlusspanik. Ob das klappt, sei also mal dahingestellt. Aber es dürfte vermutlich ein paar Leute weniger bewegen als der weltweit wichtigste Serienstart dieser Woche.

Parallel zum wiederholten Versuch von Sendern wie Sat1, aber auch Disney+ (dessen The Testaments aktuell The Handmaid’s Tale weiter ausschlachten, während auch noch Malcolm Mittendrin aus der Kiste stieg), mit Uraltkonzepten neues Publikum zu gewinnen, geht Euphoria bei HBO Max in die 3. Staffel. Wie es aussieht, expandiert die radikale GenZ-Studie der Jahre 2019/2022 jetzt allerdings in ein Drogenthriller-Roadmovie, als hätte Tarantino Breaking Bad verjüngt. Na ja…

Aussichtsreicher erscheint da die nächste Reanimation der abgetauchten Michelle Pfeifer. Kurz nach ihrem Auftritt im Yellowstone-Ableger The Madison spielt sie bei AppleTV ab Mittwoch die Mutter der abgebrannten Ex-Studentin Margo (Elle Fanning), die ein Kind von ihrem Literatur-Professor erwartet und es trotz aller Widrigkeiten behält. Das White-Trash-Theater Margo’s Got Money Troubles bietet somit Tragikomik auf höchstem Niveau.

Abgesehen von Crooks 2 (Dienstag, Netflix) oder der britischen Speed-Variante Night Sleeper, ab Freitag sechs Teile in der ARD-Mediathek, wären noch zwei Dokumentationen zu empfehlen. Heute erinnert Volker Heise in Tschernobyl 86 an gleicher Stelle an die Reaktorkatastrophe vor 40 Jahren und verwendet dafür ausschließlich Archivmaterial. Ergebnis: brillant. Und immerhin sehenswert ist das ARD-Star-Porträt Grönemeyer zum 70. Geburtstag des haltungsstarken Musikers.


Unschuldsvermutung & Geschichtsklitterung

Die Gebrauchtwoche

23. – 29. März

Soll man da lachen oder weinen, sich amüsieren oder echauffieren? Über Tage hinweg wurde ein Finnwal zum Medienthema, das vieles andere in den Schatten stellte. Übers wegweisende Urteil eines US-Gerichts zur Suchtgefährdung sozialer Plattformen von Google bis Meta beispielsweise oder den Tod des Film- und Fernsehrevoluzzers Alexander Kluge war jedenfalls nicht halb so viel zu sehen, lesen, hören wie vom Koloss vor Wismar. Ein gestrandetes Tier, das bei denselben Menschen und Medien maximale Empathie entfacht, denen Nutztiere oder Meeresschutz ansonsten oft völlig egal sind.

Menschliche Hybris in a nutshell.

Während die Aufmerksamkeit für Putins Vernichtungskrieg in der Ukraine aktuell gegen null tendiert, knackt ein ähnlich belangloses Ereignis entsprechend Weltrekorde. Der Trailer des neuen Spiderman-Films mit Tom Holland und seiner Freundin Zendaya wurde am ersten Tag fast 800 Millionenmal geklickt und knackte Stunden später die Zehnstelligkeit. Immerhin: Das Interesse an der digitalen Vergewaltigung von Collien Fernandes durch ihren Ex-Mann blieb hierzulande im Vergleich ähnlich hoch.

Was wir gelernt dabei haben: die Unschuldsvermutung gilt zwar für männliche Täter – es sei denn, Friedrich Merz findet ihren Migrationshintergrund, dann aber ab in den Knast. Weibliche Opfer sind dagegen auch ohne Urteil gesichert straffällig. Während Geschlechtsgenossen Christian Ulmen bis zur juristischen Klärung freisprechen, unterstellten sie seiner Ex-Frau im Umkehrschluss auch ohne Richterspruch von übler Nachrede über Falschbehauptung bis zum Betrug schließlich unbeeindruckt alles erdenklich Kriminelle.

Männliche Hybris in a nutshell.

Die allerdings weibliche Unterstützung erfährt. Von Monika Gruber etwa, die auf X gefälschte Profile von sich geteilt und „Achtung: Diese beiden Profile sind Fake. Ich fühle mich virtuell vergewaltigt“ daruntergeschrieben hat. Ob sie zu dumm oder zu verblendet ist, das Wesen der Debatte zu begreifen, wissen womöglich ihre Fans von der AfD besser als die neurechte Verschwörungskomikerin.

Und damit zu einer eigentlich komplett unverfänglichen Serie: Mit elf Nominierungen ist Adolescence bei den BAFTA im Mai absoluter Topfavorit. Und zwar ungeachtet einer Tatsache, die auch der Fall Fernandes wieder ins Rampenlicht rücken sollte: Philip Barantinis Meisterwerk widmet sich voll und ganz dem Täter. Das Opfer? Bleibt wie so häufig im True Crime-Boom nahezu unsichtbar.

Die Frischwoche

30. März – 5. April

Das gilt wie so häufig aber auch in der Fiktion. Dort treibt abermals ein Serienkiller sein Unwesen. Und zwar an ungewohnter Stelle: im nationalsozialistisch besetzten Prag wenige Wochen vor Kriegsende. Im vierteiligen ARD-Krimi Sternstunde der Mörder wird der tschechische Polizist Morava (Jonas) also vom SS-Obergruppenführer Meckerle und dem Gestapo-Mann Buback (Nicolas Ofczarek) bewacht. Weil die Shoah allenfalls am Rande vorkommt, klingt die Romanverfilmung obendrein verteufelt nach Geschichtsklitterung.

Zumal Degeto den Vierteiler auch noch gemeinsam mit dem rechten Schwurbelsender Servus TV produziert. Das Ergebnis kann sich trotzdem sehen lassen. Auch wenn die Opfer des Ritualmörders ab Freitag im Ersten so namenlos bleiben wie das bei Adolescence. Abgesehen vom Abschied des ewigen Tatort-Duos Leitmayr/Batic am Osterwochenende wars das aber auch mit bemerkenswertem Fernsehen. Die deutsche Hunde-RomCom Eat Prey Bark ist ab Mittwoch bei Netflix jedenfalls kaum der Rede wert.

Gleiches gilt für Parshad Esmaeilis Gameshow Neo Match Up, in der die Stand-up-Komikerin bei der Suche nach Vorurteilen ab heute leider viel zu häufig auf Lautstärke statt Feinsinn setzt. Prime setzt das Erfolgskonzept Pumuckl zwei Tage später sechs Teile lang in einer Real-Life-Show fort. Und im Havelland-Krimi jagt das ZDF ab Freitag wie jeden Freitagabend Verbrecher – wenngleich mit Denenesch Zoudé als Staatsanwältin. Der Vollständigkeit halber: Heute startet bei Viaplay die ukrainische Crime-Serie Double Stakes. Mittwoch dokumentiert die ARD-Doku Kings of Scam das Phänomen Smishing. Zwei Tage drauf aktualisiert das ZDF sechs Folgen Astrid Lindgrens Feel-Good-Story Ferien auf Saltkrokan.


Ulmens Absturz & Restles Abschied

Die Gebrauchtwoche

16. – 22. März

Die Unschuldsvermutung ist – wie der Gesetzesvorbehalt oder das Willkürverbot – ein rechtsstaatlicher Grundpfeiler. Er stützt allerdings eher Gerichte als Redaktionen. Es ist daher nicht nur legitim, sondern legal, Christian Ulmen als das zu bezeichnen, was er nach journalistischem Ermessen nun mal ist: schuldig, seine Ex-Frau Collien Fernandes digital vergewaltigt zu haben – auch und gerade, wenn Ulmens Manosphere die juristische Unschuldsvermutung jetzt sogar für Privatpersonen einfordert.

Aktuell fragt sich daher, welcher Mann mit akuter Privilegienverlustangst am schnellsten Schmutzkampagne ruft: Manuel Hagel, Markus Lanz, Jens Spahn, Richard David Precht? Ebenso interessant: wo Christian Ulmen 2029 wahrscheinlich sitzt – im Knast? Im Parlament? Im Dschungelcamp? Alles denkbar, wobei Christian Schertz zumindest ersteres verhindern soll. Ein Medienanwalt, der sowohl Täter (Til Lindemann) als auch Opfer (von Dieter Wedel oder Julian Reichelt) frauenverachtender Männermacht vertritt.

Vorerst letztes Rätsel, das keins ist: warum schweigt Ulmens Jerks-Buddy Fahri Yardim erst ebenso laut wie Großteile der männlichen Film- und Fernsehbranche, um sodann ein wachsweiches Wischiwaschi-Statement abzugeben, während haltungsstarke Kolleginnen wie Pheline Roggan schnell und klar Stellung beziehen? Die Antwort war auch bei der Oscar-Verleihung zu hören, wo bis auf einen Dokumentarfilmer niemand lautstark gegen die aufkeimende Diktatur Donald Trumps aufbegehrte: Selbst Demokratien sind 2026 nicht mehr postheroisch, sondern postcouragiert.

Das zeigt sich auch und gerade in Deutschland, wo der leitkulturkämpferische Gesinnungsschnüffler Wolfram Weimer zwar Buhrufe in Leipzig erntet. Doch wenn sich liberale Medien von der Süddeutschen bis zur Zeit in der Branche umhören, dürfen sie nahezu niemanden namentlich zitieren. So groß ist die Angst vor Wolframs Weimerer Republik, in der nur klassische Opern, deutsche Landschaften und Arno Breker als artgerechte Kunst akzeptabel, also förderungswürdig sind.

Die Frischwoche

23. – 29. März

Was der hirschgeweihte Weimer demnach mögen dürfte: Vermutlich die Dokusoap Me, Myself, Mallorca, in der die ARD-Mediathek ab Dienstag fünf deutsche Frauen sechs Folgen lang beim konsumsüchtigen Entertainment Superreicher und Ballermänner auf Deutschlands liebster Insel beobachtet. Oder die zehnteilige Abenteuer-Serie Nautilus nach Jules Verne, ab Freitag in der ZDF-Mediathek. Nett – wie die Realfilm-Adaption von Lucky Luke, ab heute bei Disney+.

Dem WDR dagegen dürfte Weimer heimlich den Verfassungsschutz auf den Hals des linksgrünversifften Georg Restle gehetzt haben, der tags zuvor seine letzte Monitor-Sendung nach 26 Jahren moderiert. Mit dem Rest der Woche dürfte der patriotische Kulturstaatsminister allerdings schon wegen der Fremdsprachlichkeit fremdeln. So wie die US-Dramedy Bait von und mit Riz Ahmed als er selbst, ab Mittwoch bei Prime.

Oder der Netflix-Horrorserie Something Very Bad is Going to Happen tags drauf um ein verlobtes Paar, das vor der Hochzeit noch mal in der Waldhütte übernachtet. Schlechte Idee. Und natürlich das Sequel der Medical-Legende Scrubs (Mittwoch, Disney+, in dem die angehenden Ärzte endlich erwachsen, aber noch immer oft unreif sind. Im britischen Sechsteiler Code of Silence ermittelt ab Freitag (ARD-Mediathek) derweil ein tauber Kommissar. Und in der Netflix-Reihe Jo Nesbø’s Detective Hole ein hard boiled lonely wolf der ganz alten Schule. Eher unfreiwillig komisch.

Was Wolfram Weimer wohl so richtig auf den neurechten Zeiger geht? Das ARD-Projekt Banausen – Comedy. Theater. Chaos. Comedians wie Nico Stank, Tülin Sezgin oder Tom Böttcher verballhornen darin nämlich Theater-Klassiker wie Ein Sommernachtstraum. Frechheit! Skandal! Frevel! Wie das, womit der emsländische Windkraft-Schwindler Hendrik Holt in der ARD-Mediathek ab Freitag Investoren ausgenommen hat. Passend dazu zeigt Neo Sonntag die Animationsserie Kunz um einen übellaunigen Globus im Angesicht all der Krisen.


Hagels Schmutz & Benjamins Tod

Die Gebrauchtwoche

9. – 15. März

Keine drei Monate ist 2026 alt, da hat es schon sein Unwort des Jahres: Schmutzkampagne. Die nämlich haben Grüne aus Sicht ihrer Unterlegenen der Baden-Württembergischen Landtagswahl gegen den armen CDU-Spitzenkandidaten Manuel Hagel geführt. Ein linksgrünversiffter Feldzug, befanden frühvergreiste Männer von Richard David Precht bis Jens Spahn bei Pinar Atalay oder Hart aber fair, die es in der bürgerlichen Mitte so nun wirklich noch nie zuvor gegeben habe.

Bis auf den linksgrünversifften Feldzug gegen die christdemokratische Verfassungsgerichtskandidatin Frauke Brosius-Gersdorf mithilfe rechter Medien natürlich oder Robert Habecks Schmutzkampagne gegen Robert Habecks Heizungsgesetz. Und dann erdreistet sich der linksgrünversiffte Feminist Felix Banaczek auch noch, von einer Verschiebung der Debatte zu sprechen, nur weil erwachsene Männer wie Hagel im Angesicht minderjähriger Mädchen offenbar Beulen in der Hose kriegen.

Schmutzig, schmutzig, schmutzig. Wie gut, dass Wolfram Weimer dem grünen Kommunismus Kontra gibt. Nach zehn Monaten im Amt war der Kulturstaatsminister schon so einiges: eleganter Grüßaugust der neurechen Avantgarde, Steigbügelhalter wirtschaftlicher Eigen- und Partikularinteressen, Zwangsgebührenpopulist mit taz-Allergie, also eine Art Arno Breker des pangermanischen Kunstbetriebs. Aber ein jämmerlicher Feigling und Lügner?

Als solcher zeigte sich Weimer, als er den Verfassungsschutz auf drei wohlverdiente, aber missliebige Kandidaten des deutschen Buchhandlungspreises angesetzt, die linken Läden darüber belogen und danach noch nicht mal den Mumm besessen hat, sich einer öffentlichen Debatte auf der Leipziger Buchmesse zu stellen. Wenn uns Weimers kulturkonservativer Kult nicht flugs den Staatsschutz auf die Volksverräter-Hälse hetzen würde, müsste man glatt sagen: Leck Eier, Wolfram!

Das möchte man auch der Grimme-Jury für die Wahl der ebenso geist- wie anstandslosen Prime-Serie Gerry Star zur besten Unterhaltungsserie oder des sehr bedenklichen Haftbefehl-Porträts Babo zurufen. Stichhaltiger dagegen sind Trophäen für Tschappel, die Affäre Cum-Ex oder Golineh Atai. Und noch ein Hinweis an Tagesschau-Sprecherin Romy Hiller: dass Marine Le Pens Partei als „rechtspopulistisch bis rechtsextrem“ nur „eingestuft“ werde, ist weder neutral noch objektiv, sondern falsch. Der Rassemblement National ist von Herzen radikal.

Die Frischwoche

16. – 22. März

Und damit Teil jener Nazi-Internationalen, die der pluralistischen Demokratie spätestens seit 9/11 den Garaus macht. Neun Monate zuvor gab es einen Mord, der seinerzeit nicht nur Norwegen, sondern die halbe Welt erschütterte. Von ihm erzählt die ZDF-Serie After Benjamin ab Freitag. Es geht darin allerdings nicht sechs Teile lang um Real Crime zweier Neonazis, die den schwarzen Teenager Benjamin Hermanson umgebracht hatten; Mikael Diseth schildert die Ereignisse strikt aus Sicht der Hinterbliebenen im Osloer Vorort Holmlia.

Und das ist nicht nur ein wichtiger Perspektivwechsel zugunsten der Opfer. Der Sechsteiler ist auch eine Ode an die Freund- und Nachbarschaft, ohne jemals seifig zu werden. Thematisch verwandt damit ist die dreiteilige Doku Zu Gast bei Freunden?, in der die ZDF-Mediathek Aufstieg, Ankunft, Abschied von Mesut Özil schildert – und damit viel über eine Gesellschaft, in der Ausländer nur dann Deutsche sind, wenn sie angepasst, still und demütig bleiben.

Ansonsten gibt es diese Woche wenig Weltbewegendes zu empfehlen. Die Apple-Serie Imperfect Woman über drei amerikanische Freundinnen, von denen eine ermordet wird, was die anderen in Gewissensnöte bringt, klingt schon wegen Hauptdarstellerin Elisabeth Moss niveauvoll. Sie ist allerdings trotz hohen Production Values eher konventionell geraten. Sonst noch erwähnenswert? Ein Serienremake des 80er-Blockbusters Meine teuflischen Nachbarn, ab Mittwoch bei Sky. Das sechsteilige Biopic X-rated Queen über den Pornostar Teresa Orlowski, zwei Tage drauf bei HBO Max. Und Dienstag bereits das Magenta-Drama Der Salzpfad mit Gillian Andersen auf ehelichem Selbsterfahrungstrip.


Falscher Schnitt & rechter Marshall

Die Gebrauchtwoche

23. Februar – 1. März

Jetzt also auch die ARD. Im Bericht aus Berlin wurde am Sonntagabend ein Beitrag falsch zusammengeschnitten. Nach der Wahl von Friedrich Merz zum CDU-Vorsitzenden, applaudierte plötzlich Angela Merkel – was sie zwar getan hatte, allerdings an einer anderen Stelle des Parteitags. Ist das bloß Fahrlässigkeit, schon Methode oder einfach nur dumm? Die Antwort geben leider keine nüchternen Analytiker, sondern reaktionäre Hetzer.

Im neuen AfD-Fanzine Welt zum Beispiel, wo der ehemals hochangesehen Journalist Hans-Ulrich Jörges als erster auf den falschen Schnitt hingewiesen hatte. Dass sein eigenes Blatt mittlerweile mehrheitlich mit Agenda-Setting, Manipulation oder schlicht rechter Hetze arbeitet, vergaß er da wohl einfach zu erwähnen. Aber mal ehrlich: dieser kleine Zank unter Medienmenschen in Deutschland bleibt angesichts der weltbewegenden Umwälzung von voriger Woche bestenfalls regional.

Nachdem Netflix sein Angebot zur Übernahme von Warner Bros. zurückgezogen hat, griff nämlich die Paramount Skydance Corporation zu. Die Verträge sollen angeblich schon unterschrieben sein. Und damit wäre dann womöglich auch das Schicksal seriöser Fernsehberichterstattung in den USA besiegelt. Denn PSC-Chef David Ellison zählt nicht nur zu einer Familie glühender Trump-Fans; er hat bereits Umbaumaßnahmen angedeutet.

Betroffen davon wäre vor allem das journalistische Flaggschiff CNN, das zur Manövriermasse des Multimilliarden-Deals gehört. Niemand im politischen Washington glaubt noch ernsthaft, dass dort fortan noch ernsthaft regierungskritisch informiert werde – zumindest, solange die Regierung aus Republikanern besteht. Nach dem Einknicken der Washington Post wäre das der nächste Schlag für den amerikanischen Pluralismus. Und womöglich der tödlichste.

Die Frischwoche

2. – 8. März

Schwer von hier aus ins Unterhaltungsprogramm zu schalten. Erst recht zum Yellowstone-Ableger Marshalls um den nahezu letzten Dutton Kayce (Luke Grimes) – schließlich wirkt es irgendwie ambivalent, gerade jetzt ein Format von Paramount+ zu empfehlen. Dann also lieber die volle Seifenbreitseite in Gestalt der südkoreanischen Liebesthriller-Serie Siren’s Kiss, seit Montag bei Prime. Oder noch öliger: die obstbäuerliche Sat1-Daily Ein Hof zum Verlieben, die genauso aussieht, wie sich ihr Titel anhört.

Gehaltvoller wäre da die tragikomische HBO-Serie DTF St. Louis mit Jason Bateman und David Harbour als Männer am Rande der Midlife-Crisis, aktuell bei HBO Max, das allerdings ja auch demnächst in Ellisons rechte Hände fällt. Oder die Prime-Serie Young Sherlock, in der kein Geringerer als Guy Ritchie die Jugend des Meisterdetektivs erzählt. Wobei auch Jeff Bezos ja eher gestern also heute die Demokratie einstampfen würde. Es ist kompliziert.

Letzter Versuch: die Drama-Serie Vladimir mit dem zuckersüßem Leo Woodall als Universitätsdozent, dem eine Englischprofessorin (Rachel Weisz) verfällt und dabei ihre Ehe aufs Spiel setzt. Sicher kein Arthaus-Streaming, aber immerhin vom Warner-Deal-Verlierer Netflix. Und mit dem spanischen Steuerbetrugsthriller Celeste macht man ab Freitag bei Arte schon mal gar nichts falsch. Vielleicht solle man sich aber gleich ganz sedieren. Mit zwei Medicals, ab Donnerstag in der ZDF-Mediathek. Sie heißen Einfach Elli und Die Maiwald. Inhalt egal. Einfach nur weg aus dieser sognannten Realität.


Daniels Sabber & Dimitrijs Rapper

Die Gebrauchtwoche

16. – 22. Februar

Es gibt angeblich auf jeder Familienfeier diesen unangenehmen Onkel, der rassistische Zoten reißt und fast lieber noch: sexistische. In der ARD scheint das Daniel Weiss zu sein. Als der umgeschulte Eiskunstläufer die winterolympischen Tänze aktiver Kolleginnen kommentierte, dachte er offenbar vor allem an ihre Heiratsfähigkeit. Die Russin Adelija Petrossjan erschien ihm da „jung-fraulich“. Einer Konkurrentin aus Georgien attestierte er, „leider schon vergeben“ zu sein. Überhaupt fiel dem Reporter viel Weiblichkeit an Sportlerinnen auf,

Nun kann man angesichts der 1600 Stunden linearer und digitaler Olympia-Berichterstattung, die angeblich 40 Millionen Bundesbürger:innen erreicht haben, nie alles richtig machen. Wer so viel falsch macht wie der alterssaftige Boomer, benötigt aber dringende Schulungen in Sachen zeitgenössischer Achtsamkeit. Da muss allerdings auch das ZDF noch nachjustieren. Das heute-journal hatte einen Bericht über ICE-Abschiebungen Minderjähriger mit uralten und KI-generierten Bildern illustriert. So was kann sogar passieren.

Das Zaudern aber, mit dem sich die Redaktion entschuldigte und später eine US-Korrespondentin abzog, goss noch mehr Öl ins Feuer rechter ÖRR-Feinde als die – mindestens mal fahrlässige – Manipulation an sich. Julian Reichelts Stürmer 2.0 Nius witterte pflichtschuldig eine „Lügenfabrik“, die der Berliner Zeitung zufolge unseriöser sei als das DDR-Kampforgan Aktuelle Kamera. Und der peinliche FDP-Onkel Wolfgang Kubicki forderte natürlich gleich ganz die Abwicklung des ÖRR.

Dass der privilegienblinde Politgreis ein Social-Media-Verbot für Kinder fordert, ist hingegen nicht überliefert. Dafür lässt sich bei TikTok, Insta, Twitch schlicht zu viel Rendite erwirtschaften. Darüber hinaus aber fällt an der Debatte vor allem eins auf: Betroffene unter 14 werden weit weniger gehört als Beurteilende über 64. Ein bestens Betuchter über 94 rüstet derweil auf: Warren Buffet steigt mit 251 Millionen Dollar bei der NYT ein. Schwer zu sagen, was das für die Pressefreiheit bedeutet; Gutes verheißt kein Kaufrausch der Superreichen und -mächtigen.

Die Frischwoche

23. Februar – 1. März

Ein Glück also, dass Giorgia Meloni anders als ihr Vorvorgänger Silvio Berlusconi immerhin kein Medienimperium besitzt. Ansonsten aber, so zeigt es das zweiteilige Meloni-Porträt Die Macht der Clans ab morgen bei Arte, ist der (post)faschistischen Regierungschefin alles zuzutrauen. Und wozu Menschen fähig sind, wenn zivilisatorische Regeln außer Kraft geraten, lehrt uns seit 1954 William Goldings ja Robinsonade Lord of the Flies.

Morgen gibt es davon die nächste Verfilmung bei Sky/Wow. Vier Teile der BBC, denen Hans Zimmers Soundtrack vermutlich kein Understatement verleiht. Ähnliches gilt für den Piratenfilm The Bluff. Besser: Piratinnenfilm. Denn ab Mittwoch geht es bei Prime Video um eine Freibeuterin (Priyanka Chopra Jonas), die Regisseur Frank E. Flowers aus dem Ruhestand holt. Ebenso bildgewaltig dürfte Kevin Costners nächster Ausflug durch Amerikas Geschichte an gleicher Stelle sein.

In der Historienserie The Grant House, geht es schließlich um den US-Bürgerkrieg. Also den des 19. Jahrhunderts, nicht den anbrechenden von heute. Deutschlands öffentlich-rechtliches Programm dagegen setzt unverdrossen auf die Kripo und schickt gleich drei Beamte online: Heute bereits Fritz Karl im Salzburg-Krimi à la ARD, bevor das ZDF am Freitag Franziska Weisz ans Mordufer am Bodensee schickt und tags drauf einen Garmisch-Krimi mit Lavinia Wilson nachschiebt. Puh.

Dann doch lieber der komplette Aberwitz. Nach Drehbüchern seines großen Bruders Dimitrij hat Alex Schaad die Netflix-Serie Kacken an der Havel inszeniert. Eine Serien-Groteske mit dem sehr realen Rapper Fatoni als surrealer Rapper Toni Fleischer, der in sein Heimatdorf nach Brandenburg zurückkehrt und dort des Provinzwahnsinns fette Beute wird. Ab Donnerstag bei Netflix wird es – versprochen – genauso bescheuert wie der Titel andeutet. Und sehr unterhaltsam.


Dschungelkönig & Oderbruch

Die Gebrauchtwoche

9. – 15. Februar

Gil Ofarim, darüber hat er bei Ich bin ein Star, holt mich hier raus! gute zwei Wochen lang letztgültig Zeugnis abgelegt, ist nicht in erster Linie Rockstar, Promikind und C-Celebrity, geschweige denn Jude. Erhärtet von einem Zeit-Interview mit seinem Verleumdungsopfer Markus W. wird deutlich: Gil Ofarim ist vor allem ein fürchterlich toxisches Mängelexemplar der Gattung Mann mit Cäsarensyndrom und Impulskontrolldefiziten. Das könnte man nun so stehenlassen; Menschen sind Menschen und als solche halt fehlbar.

Weil ihn das Publikum offenbar genau deshalb vor einer Woche zum Dschungelkönig gekürt hat, wird es für RTL nun allerdings unangenehm. Nicht nur, dass er das IBIS-Prinzip der Katharsis als Siegesvoraussetzung ins Gegenteil verkehrte; diverse Zuschauer:innen taten in den Kommentarspalten kund, wegen dieser Sittenverrohung ihr Plus-Abo zu kündigen. Damit täten sie einer Reihe wirklich gelungener Serien zwar Unrecht, aber irgendwie ist es auch nachvollziehbar.

Zumindest bis zum nächsten Superbowl, den RTL 2027 wohl wieder übertragen darf. Was der uns dieses Jahr für Diskussionsmaterial beschert hat – toll! Und zugeschaut hat offenbar, wenngleich eher nicht beim deutschen Streamingdienst, auch Donald Trump. Sonst hätte er die Halbzeitshow mit Bad Bunny im Kreis von 700 Statist:innen kaum als die „schlechteste der Geschichte“ beurteilt.

Was sonst noch passiert ist? In einem Opt-Out-Modell hat sich die Bundesregierung zur lang diskutierten Investitionsverpflichtung durchgerungen. Danach müssen Sender und Streamer künftig mindestens acht Prozent ihrer in Deutschland erzielten Umsätze reinvestieren – auch, wenn sich die Unternehmenszentrale nicht hier befindet. Und weniger positiv: der Verleger Jimmy Lai wurde in Hongkong zu 20 Jahren Haft verurteilt, weil er seine Aufgaben erledigt hat.

Die Frischwoche

16. – 22. Februar

Dafür sorgen diese Woche gleich vier bemerkenswerte Serien für Aufmerksamkeit. Bei Prime Video startet am Dienstag der achtteilige Erotikthriller 56 Days. Und wer dabei an den Netflix-Softporno Fall for Me oder ähnlich lächerliche Saftpressen denkt – keine Angst. Lisa Zwerings und Karin Ushers Vexierspiel um ein Liebespaar, deren Vergangenheiten ineinander geraten, ist ziemlich fesselnd. Das dauernde Matratzengerangel jedenfalls wirkt dabei eher nebensächlich.

In der ersten deutschen HBO-Serie Banksters darf man sich ab Freitag auf den großartigen Eren M. Güvencin freuen, der nach Druck und Euphorie diesmal nicht die eigene Generation verkörpert, sondern einen Millennial, der sich in einer Reihe Banküberfälle verheddert, seine Komplizen preisgeben soll. Und dagegen wehr er sich nach Bernd Langes Drehbüchern sehr unterhaltsam. Gewürzt obendrein mit einer Spur Sozialkritik am Alltagsrassismus der frühen Nullerjahre.

Fortgesetzt wird zeitgleich die sensationell erfolgreiche Horror-Serie Oderbruch von 2024 im Ersten, bei der man endlich nicht mehr mit dem Spoiler hinterm Berg halten muss, dass die Hauptfiguren mehrheitlich Vampire sind. Interessanterweise aber solche, die wie Karoline Schuch ihr eigenes Geschlecht vernichten wollen, um Schaden von der Menschheit abzuwenden. Blutrünstig wie in der ersten Staffel, allerdings mit etwa weniger Suspense.

Und dann wird ebenfalls am Freitag die Apple-Serie Beschütze sie! mit dem GoT-Star Nicolaj Coster-Waldau als verschollener Ehemann von Jennifer Garner fortgesetzt, die sich fünf Jahre nach den Ereignissen der ersten Staffel ein neues Leben an der Seite ihrer Tochter aufgebaut hat – das natürlich jetzt kollabieren muss.


Bezos’ Post & Artes Sins

Die Gebrauchtwoche

2. – 8. Februar

Von all den Ereignissen, die das frühere Land der Freiheit gerade schnurstracks Richtung Faschismus treiben, könnte eines irgendwann mal als besonders schicksalhaft gelten: Jeff Bezos‘ Entscheidung, die Washington Post zu zerstören. Mehr als ein Drittel der 800 Angestellten, unzählige davon im redaktionellen Betrieb, wurden Ende voriger Woche entlassen – woraufhin am Samstag auch Geschäftsführer Will Lewis das frühere Flaggschiff der Demokratie verließ.

Ob der Amazon-Chef einfach ein Feigling ist oder doch ein Faschist, wird die Zukunft vermutlich schneller klären, als uns allen lieb ist. Aber nachdem er die Wahlempfehlung für Kamala Harris untersagt hatte und dann Kommentare gegen die liberale Marktwirtschaft, liegt letzteres ein bisschen näher. Und damit eine Gleichschaltung, der Donald Trump das nächste Mosaiksteinchen hinzufügte. Nach einem völlig unspezifischen Witz über Epsteins Insel bei der Grammy-Verleihung, verklagt der US-Präsident Trevor Noah auf Schadenersatz.

Dass er so die Paramount Skydance Corporation trifft, muss da übrigens kein Widerspruch sein; deren Geschäftsführer David Ellison könnte es mit einer Milliardenklage im Nacken leichter fallen, missliebige Komiker wie Noah mundtot zu machen. Das öffnet dann wiederum den Aufmerksamkeitskorridor für Belanglosigkeiten à la Melania. Während wirklich niemand links der Rechtsextremen ein gutes Wort darüber verliert, kriegt sie nun unerwartetes Lob aus Deutschland.

Die Welt hat das PR-Porträt eines mutmaßlichen #MeToo-Täters nicht nur vergleichsweise positiv besprochen; das Springer-Blatt verunglimpft jede Kritik daran auch als politisch (also links-grün-woke) motiviert und zieht damit ideologisch langsam an rechtsextremen AfD-Fanzines von Nius bis Junge Freiheit vorbei. Wem das hier alles zu dystopisch ist: Gute Nachrichten gab es in den vergangen acht Tagen leider keine.

Die Frischwoche

9. – 15. Februar

Aber immerhin: das Streamingprogramm hat zwei positive Kleinigkeiten zu bieten. Und nein, damit ist weder explizit das Dschungelcamp gemeint, dessen Finale der am Ende doch noch überraschend redselige Gil Ofarim gewonnen hat, noch die Olympischen Winterspiele, deren Atmosphäre im Angesicht ihres demokratischen Austragungsort angemessen angenehm ausfällt bislang.

Auf arte.tv startet am Donnerstag die wirklich sehenswerte Thriller-Serie All the Sins. Unweit des finnischen Polarkreises suchen der hüftsteife Kommissar Lauri und seine lebenslustige Kollegin Sanna einen Ritualmörder. Das klingt zwar nach der üblichen Krimisoße; die Showrunner Mika Ronkainen und Merja Aakko machen daraus allerdings eine Milieustudie im evangelikalen Umfeld, der man auch die nächsten, zeitgleich verabreichten zwei Staffeln gerne abkauft.

Gleiches gilt für die großartige FX-Reihe Love Story, einer Anthology-Fiktionalisierung berühmter Liebesgeschichten, deren erste Staffel am Freitag bei Disney+ von John F. Kennedy Jr. & Carolyn Bessette handelt. Mit Paul Anthony Kelly und Sarah Pidgeon als New Yorks lukrativstes Glamour-Paar der Neunzigerjahre, macht Showrunner Ryan Murphy Elizabeth Bellers Novelle Once Upon a Time aber nicht nur zu einer bewegenden Affäre im Lichte ihrer Zeit.

Neunmal 50 Minuten lang erklärt sie auch passgenau, wie der analoge Boulevard ein paar Jahre vor Lady Dianas Tod bereits mit Vollgas auf den digitalen Pfad der Aufmerksamkeitsindustrie zusteuerte. Wie die Paparazzi hier gleichermaßen Täter und Opfer eines Systems informationeller Ausbeutung werden – das ist sogar noch stärker inszeniert als das weibliche Empowerment der Hauptfigur.