Neumann-Hass & Sinky Röver

Die Gebrauchtwoche

18. – 24. Juli

Über Tote, so besagt es der Volksmund, ohne dass er uns sagen würde, warum das bitteschön so ist, über Tote also soll man bitteschön nicht schlecht reden. Wie gut, dass VIVA noch nicht tot ist, sondern seinen Tod nur fürs Ende des Jahres verkündet hat. Dann nämlich stellt die Konzern-Mutter Viacom, der schon MTV sein langanhaltendes Sterben zu verdanken hat, den Sendebetrieb des einstigen Musiksenders ein, der mit Musik mittlerweile noch weniger zu tun hat als die CSU mit Begriffen wie christlich, sozial, geschweige denn Union. Wenn VIVA also am 31. Dezember letztmals sein bedeutsames Erbe von 1993 verachtet, als er die Bedürfnisse der Jugend hierzulande als erster Fernsehkanal überhaupt wirklich mal ernst nahm, gibt es schon lange nichts mehr zu betrauern.

Für Menschen, die ein paar Tage lang den Abschied der Trump-freundlichen Rassistin Roseanne Barr als Trump-freundliche Proletarierin Roseanne Conner beim Disney Channel betrauert haben, bietet ABC nach deren Absetzung schon vorher Ersatz an – ohne die Hauptdarstellerin, dafür aber mit mehr Verantwortungsbewusstsein, Ethos und Moral. Alles Attribute übrigens, von denen keine überwältigend große, aber überwältigend laute Schar Internet-Nutzer so wenig haben wie – ach, siehe CSU.

Gemeint sind all jene, die Claudia Neumann gerade dafür jedes WM-Spiel in den Shitstorm jagen, dass sie ihre Arbeit macht – nämlich Fußball-Spiele zu kommentieren. Dass macht sie nicht herausragend gut, sie macht es aber auch keineswegs unterirdisch schlecht. Für viele Zuschauer indes, könnte sie auch permanent journalistische Weltklasse abliefern – ihr Testosteron-Überschuss würde die Frau im Männergeschäft dennoch zur Hölle wünschen. Als Strafe für so viel ignorante Boshaftigkeit gäbe es eigentlich nur eins: pro Hass-Post 24 Stunden zwangsweise Dauerbeschallung mit Béla Réthy am Mikro. Oder wahlweise die gleiche Zeit GZSZ am Stück. Obwohl: wenn die RTL-Soap nun auch in Frankreich ausgestrahlt wird – vielleicht ist da ja doch was dran…

Die Frischwoche

25. – 31. Juli

Trotzdem wollen wir sie aber auch in dieser Woche nicht als Alternativ-Angebot zur Dauerbeschallung mit Weltmeisterschaftsfußball empfehlen. Um 20.15 gäbe es Montag den ARD-Thriller Tödliche Geheimnisse, der vor zwei Jahren ungeachtet seines bescheuerten Titels einen wirklich gelungenen Blick in die Verstrickungen von Medien und Wirtschaft warf. Tags drauf dann darf sich der lange Zeit schwer unterschätzte Mark Walberg im US-Drama The Gambler von 2014 auf P7Maxx als Spielsüchtiger beweisen. Am Mittwoch bietet sich in dieser Rubrik abgesehen vom zweiten Teil der Tödlichen Geheimnisse 25 Jahre nach den tödlichen Schüssen von Bad Kleinen ein langer Themenabend auf ZDFinfo zum Thema RAF an. Und Donnerstag zeigt Tele5 Das Kabinett des Dr. Parnassus, eine der unzähligen Kamikaze-Groteske des Monty Pyhton Terry Gilliam von 2009.

Weil die Vorrunde damit vorbei ist, gibt es am Freitag auch keine Ersatzwiederholung der Woche. Stattdessen feiern wir die wenigen Neuveröffentlichungen der aktuellen Innovationsdürre: Heute startet Arte die fünfteilige Reportage-Reihe Neuland, in der sich Andreas Korn bis Freitag um jeweils 17.10 Uhr auf die Suche nach menschlicher Kreativität in Europas Provinz sucht. Den Anfang machen findige Waldschützer in Rumänien. Und das ist wirklich liebenswert. Morgen dann setzt die ARD ihr FilmDebüt im Ersten mit der sensationellen Geschlechter- und Gesellschaftsstudie Dinky Sinky fort, in der Katrin Röver als Mittdreißigerin mit verbissenem Kinderwunsch brilliert – allerdings zur deprimierend ignoranten Sendezeit um 1.25 Uhr.

Nur gut ein Stündchen früher wirft das ZDF am Mittwoch unterm Titel Kampfbereit einen verstörenden Blick in Russlands Hooligan-Szene. Aber ganz ehrlich – bis auf die 2. und allem Anschein nach noch bessere zweite Staffel der Siebzigerjahre-Wrestlerinnen-Serie Glow ab Freitag auf Netflix, gibt es echt nix Neues von Belang am Bildschirm. Weshalb am Ende auch der Tatort-Tipp steht: Liebeswirren, ein zehn Jahre alter, gewohnt sehenswerter Fall der 2008 auch schon nicht mehr blutjungen Ermittler Batic und Leitmayr, am Montag (22.15 Uhr) im RBB.

Advertisements

Personalien & Crash Test Promis

Die Gebrauchtwoche

18. – 24. Juni

Football? What Football! So sehr die Weltmeisterschaft der Despoten, Millionäre, Korruption und Wir-bringen-der-Menschheit-Frieden-Verlogenheit auch alle Medien beherrscht, stehen zumindest hierzulande gar nicht so sehr die Fußballer im Fokus. Es ist unter anderem einer, der ansonsten über sie berichtet. Hajo Seppelt nämlich, dem DFB und Auswärtiges Amt davon abgeraten haben, seinem Beruf in Russland nachzugehen, weil Putins Russland Journalisten als Feinde betrachtet. Oder auch der WDR-Spielfilmchef und Tatort-Koordinator Gebhard Henke, dem sein Arbeitgeber nun endlich gekündigt hat, nachdem die Zahl angeblich sexuell belästigter Mitarbeiterinnen zuletzt abermals angestiegen war.

Fünf Erregungsstufen tiefer findet sich das Coming-Out des RTL-Moderators Jochen Schropp, der diesen Schritt so lange gescheut hatte, weil ihm seine sexuelle Orientierung allen Ernstes auch im 21. Jahrhundert noch beruflich geschadet hätte. Vorstandschef Conrad Albert hat derweil die Entlassung von 141 Mitarbeitern der ProSiebenSat1 Media AG bekannt gegeben, was weniger ist als befürchtet, aber mehr, als der Fernsehbranche gut tut. Und auch die Personalie Trump darf in solch einer Liste natürlich nicht fehlen. Der nämlich hat seinen kleinen Medienkrieg mit dem nationalen Kartellamt verloren. Das nämlich gestattet gegen die Twitter-Tiraden des Pressefreiheitsfeindes die Mega-Fusion der Kommunikationskonzerne AT&T und Time Warner.

Dabei hatte der US-Inhaber seiner Welt gemeinsam mit dem Philanthropen Kim Jong-un doch gerade für immer und ewig Frieden, Liebe und Glückseligkeit geschenkt. „Historisch oder hysterisch“ hatte die Süddeutsche zum bizarrsten Politgipfel aller Zeiten getitelt – was das Personalkarussell doch noch mal zum Sport drehen lässt. Unterm ganzen Dutzend Reportern, die für Deutschlands beste Tageszeitung von der WM berichten, ist exakt eine, in Zahlen 1 Frau. Und Birgit Schönau berichtet, nein, nicht aus Russland, sondern aus Italien und was die armen Tifosi während des Turniers eigentlich so machen…

Die Frischwoche

25. Juni – 1. Juli

Weil die meisten Sender während dieses Turniers unabhängig von Geschlechterfragen kaum Neues verschleudern. Die Wiederholungen der Woche sind diesmal daher Alternativangebote zum jeweiligen Abendspiel. Am Montag um 20.15 Uhr empfehlenswert: Francois Truffauts Gaunerinnenkomödie Ein schönes Mädchen wie ich von 1972 auf Arte. Dienstag auf Nitro, ebenfalls aus Frankreich, ähnliche Zeit, andere Welt: Balduin der Heiratsmuffel mit Louis de Funès als Louis de Funès. Am Mittwoch, keine Wiederholung und doch derselbe Mist wie immer: Crash Test Promis, ein zweiteiliger Testosteron-Rausch auf RTL in vier Disziplinen wie gegen Wände laufen.

Donnerstag mal something completely different auf Arte: Macbeth aus der Berliner Staatsoper mit Placido Domingo in der Titelrolle. Und bevor 3sat dem Vorrundenspiel der Deutschen am Samstag mit Franz Lehárs Operette Das Land des Lächelns aus Zürich vermutlich kaum Zuschauer abnehmen dürfte, wildert Sat1 tags zuvor im Revier der Tierfreunde: 111 völlig verrückte Viecher! kompiliert „Die witzigsten Tiere der Welt“, gefolgt von 111 krasse Kollegen. Tja. Zum Glück gibt’s abgesehen vom 58 Jahre alten Schwarzweiß-Tipp Jack Lemmon und Shirley MacLaine in Das Appartement (Sonntag, 16.30 Uhr, 3sat) und dem Bremer Alt-Tatort: Abschaum von 2004 (Montag, 22.15 Uhr, RBB) noch ein paar echte Innovationen.

Heute um 19.30 etwa feiert Kevin James zehn Jahre nach der Comedy-Legende King of Queens sein Comeback in der 24teiligen Serie Kevin Can Wait, für die man James und Sictoms allerdings schon ganz schön grundsätzlich mögen muss. Am selben Abend um 23.55 Uhr folgt dann jedoch ein echtes Highlight. Zum Start des ZDF-Vierteilers Auf der Flucht begleitet der junge Filmemacher Jakob Preuss (23.55 Uhr) einen Flüchtling bei seiner Odyssee von Kamerun nach Brandenburg. Als Paul über das Meer kam ist eine hinreißende Hommage an die Menschlichkeit – und ein guter Anlass einer Debatte darüber, wie sehr sich ein Berichterstatter mit seinem Berichtsgegenstand gemein machen darf/kann/soll.

Noch eine Doku von herausragender Intensität, wenngleich mit weniger dramatischem Thema: Nowitzki. Der perfekte Wurf (Mittwoch, 22.45 Uhr, BR), Sebastian Dehnhardts gelungenes Porträt des besten deutschen Basketballers seit der vorvergangenen Eiszeit. Und als krönender Abschluss: Morris aus Amerika, Chad Hartigans grandiose Coming-of-Age-Erzählung eines dicken, farbigen, eigenbrötlerischen New Yorkers, der sich am Dienstag im Rahmen des ARD-FilmDebüts (1.10 Uhr) mit HipHop und Eigensinn in der Heidelberger Fremde durchboxt.


Talk-Alarmismus & Fußball-Entspannung

Die Gebrauchtwoche

4. – 10. Juni

Und wenn man denkt, es könne nicht mehr viel schlimmer werden, wenn man denkt, die öffentlich-rechtlichen Sender seien dem absoluten Tiefpunkt bedrohlich nahe, wenn man denkt, das ZDF habe seine Staatsauftrag bereits deutlich untererfüllt – dann machen die Mainzer ein Format über Ahnenforschung und lassen es von, Achtung: Thomas Anders moderieren. Ab Herbst klettert der sonnenbankgebräunte Schulterpolsterveteran in Du ahnst es nicht! auf die Stammbäume der Republik und ob es furchtbar wird oder schrecklich, kann vorab nicht seriös beurteilt werden. Allein die Tatsache jedoch, es RTL gleichzutun und ein Mitglied des Deppenpopduos Modern Talking zum Ho(r)st zu machen, ist von so berechnender Niveauverachtung, dass wir uns dennoch vorsorglich für furchtbar schrecklich entscheiden.

Weil das in etwa auch die Adjektive sind, mit denen der Deutsche Kulturrat das deutsche Kulturgut Talkshow belegt, riet der überparteiliche Verein ehrenamtlicher Unterhaltungskritiker kürzlich dazu, dem ganzwöchigen Dauergerede am Bildschirm eine 365-tägige Sendepause zu verordnen. Konkreter Anlass waren in diesem Fall gleich zwei Ausgaben der Vorwoche, in der erst Frank Plasberg, dann Sandra Maischberger taten, was seit Jahren in hiesigen Laber-Runden Usus ist: schon im Titel alarmistisch auf Krawall zu bürsten.

Die lustigste Pointe lieferte dabei wie so oft Plasberg: Erst plagiierte dessen Namensgeber den paranoiden Blut- und Bodenpopulismus der AfD, indem er deren These vom gefährlichen Ausländer zur suggestiven Talkshow- Überschrift „Junge Männer, geflohen aus Krieg und archaischen Gesellschaften – für viele hierzulande Grund zu Sorge und Angst. Können solche Flüchtlinge überhaupt integriert werden?“ machte, dann sperrte der volksnahe Frank das Original solch kruder Thesen in Gestalt von Alexander Gauland für künftige Sendungen aus. Andere Gestalten kaum besserer Art sind hingegen weiter willkommen. So wie sexueller Missbrauch – das legt zumindest der nächste Fall beim vermeintlichen Familien-Konzern Disney nahe – offenbar systemisch zur Film- und Fernsehbranche gehört, zählt Populismus eben zum Kernbestand des deutschen Talkshow-Unwesens. Die Frage nach der Henne oder dem Ei am rechten Rand stellt sich daher seit einer gefühlten Ewigkeit aufs Neue. Woche für Woche für Woche.

Die Frischwoche

11. – 17. Juni

Für fast vier davon geben solche Debatten jetzt aber erst a’mal a Ruh! Ab Donnerstag ist Fußball-WM. Schon um sich nicht selbst Konkurrenz zu machen, reduziert das Regelprogramm die Zahl seiner Erstausstrahlungen da fast auf Null, sogar Streamingdienste halten sich mit Neuware spürbar zurück, es rollt der Ball, sonst wenig. Und die viel gepriesene Nebenberichterstattung von einem Gastgeber am Rande der Tyrannei und was dem Sport sonst noch so auf der Rasenseele lastet? Gibt‘s heute um 23.30 Uhr in Das Milliardengeschäft, einer ARD-Doku über Deutschlands merkwürdige Kooperation mit dem aufstrebenden Fußballzwerg China. Und am Sonntag folgt dann – natürlich erst nach den Gruppenspielen und deren Zusammenfassung – Matthias Fornoffs ZDF-Reportage über Russlands Geheimnisse.

Weil auch die Privatsender gegen den Quotenkrösus Fußball keine teuren Fernsehprodukte vergeuden wollen, hält sich das Angebot ab Donnerstag daher in Grenzen. Zuvor aber zeigt das Zweite am Montag um 20.15 Uhr immerhin noch das Debüt von Catalina Molina, einst eine Musterschülerin des Regiestars Michael Haneke. Drachenjungfrau ist zwar abermals nur ein Krimi. Weil er aus Österreich stammt und überdies den grandiosen Manuel Rubey („Im Knast“) zum Ermittler macht, ist dieses Erstlingswerk aber doch sehenswert. Was es mit einem anderen gemeinsam hat: Polder – Tokyo Heidi von Samuel Schwarz.

Die KI-Dystopie mit Christoph Bach als Opfer seines selbstentwickelten Computerspiels ist zwar schwer zugänglich und daher am Dienstag um 00.35 im Ersten ganz gut aufgehoben Trotzdem entfaltet die experimentelle Ästhetik einen ungeheuren Sog. Das hat sie tags drauf um 23.05 Uhr auf Arte mit einem Zeichentrickfilm gemeinsam. Klassisch gezeichnet skizziert April und die außergewöhnliche Welt eine erstaunlich hoffnungsfrohe Gegenwart ohne Strom und Autos, in der ein Mädchen nach ihrer Katze sucht. Da ist George Orwells Genre-Klassiker Animal Farm von 1955 zuvor an gleicher Stelle schon bedeutend pessimistischer.

Der Tatort am Sonntag gehört dann wegen der besonders frühen Sommerpause bereits zu den Wiederholungen der Woche. Es ist ein vergleichsweise junger Fall aus Köln namens Durchgedreht von 2016, der genau das eigentlich nicht ist, sondern ziemlich konventionell. Aber das mögen Fans von Ballauf und Schenk ja. In jeder Hinsicht unkonventionell war vor nunmehr 38 Jahren der farbige Tipp am Sonntag um 20.15 Uhr auf Tele5: Wenn der Postmann zweimal klingelt, ein erotischer Skandalfilm von 1980 mit Jack Nicholson als Geliebter, der den Mann seiner Loverin mit ihrer Hilfe töten will. Versprochen: Fußball kommt darin nicht vor.


Roseannes Ende & Successions Anfang

Die Gebrauchtwoche

28. Mai – 3. Juni

Wenn sich Schauspieler selbst spielen, ist das dramaturgisch oft von untergeordneter Bedeutung, sorgt aber für eine seltsam wahrhaftige Form der Fiktionalität. Bastian Pastewka zum Beispiel spielt in Pastewka ohne Bastian davor eine Figur, die so ungeheuer authentisch wirkt, dass sie kaum etwas anderes als echt sein kann. Ist sie aber natürlich nicht. Im Gegenteil. Das Gleiche gilt für all die Larry Davids, Luke Mockridges, Sarah Silvermans der – meist komödiantischen – Fernsehwelt: Auch der Klarname täuscht nie darüber hinweg, das Fernsehcharaktere eben genau das sind.

Fernsehcharaktere.

Dummerweise ist das bei Roseanne Barr anders. Die unverstellt beleibte und deshalb unverschämt beliebte Darstellerin spielt ihren einfach gestrickten, spürbar populistischen Trump-Fan gleichen Namens nicht nur; sie ist auch im echten Leben einer. Und so kommt ihr Tweet, mit dem sie eine Beraterin Barack Obamas rassistisch beleidigt, keinesfalls unerwartet. Unerwartet kam hingegen, dass ABC die unlängst reanimierte Quotenkönigin sofort vom Sender nahm. Das ist letztlich konsequent, am Ende aber natürlich Futter für die Hass-Kanonen anderer Trump-Fans, Trump eingeschlossen.

Wobei der sich seine Realität ohnehin selber bastelt – wie 3000 Zitate zeigen, mit denen der US-Präsident laut einer dankenswerten Recherche der Washington Post die Realität seit seinem Amtsantritt wissentlich verbogen oder gar falsch wiedergeben, vulgo: gelogen hat. Wenn Journalisten wie der ukrainische Korrespondent Arkady Babchenko, der kurz nach seiner angeblichen Ermordung durch Putins Russen von den Toten auferstanden ist, jedoch weiterhin Trumps Märchen von der Lügen-Presse füttern, dann können seriöse Zeitungen noch so lange zählen…

Wir zählen derweil die Tage bis zur WM, und was uns dort von Reporterseite erwartet, legte das ZDF beim Testspiel am Samstag gegen Österreich nahe. Nach Abpfiff fragte Boris Büchler den Nationalspieler Marco Reus folgendes: Ob er sich nach zwei Jahren Länderspielpause über die Rückkehr gefreut habe und heiß aufs Turnier in Russland sei. Danke Boris, du investigativer Bluthund. Aber gut – it’s just football. Oder wie Bertie Vogts bei der WM 1978 in der argentinischen Folterdiktatur sagte: Ich hab keine politischen Gefangenen gesehen.

Die Frischwoche

4. – 10. Juni

Weil das vielen Fußballfans so geht, schenkt ihnen die ARD nach dem Testspiel gegen Saudi-Arabien am Freitag von 23.30 Uhr an fünf Stunden lang die Höhepunkte der Nationalmannschaft seit dem 30-jährigen Krieg. An der realen Wirklichkeit versucht sich indes ausgerechnet RTL2. Donnerstag um 20.15 Uhr beleuchtet die Reportage Hartes Deutschland fast zwei Stunden, wie es sich am Rande eines stinkreichen Landes lebt. Wie es sich an der Spitze eines gespaltenen Landes lebt, macht HBO ab heute auf Sky zu einer der besten Drama-Serien dieser Tage. Mit Wackelkamera und großer Intensität skizziert Succession, wie die Familie eines greisen Medien-Tycoons das Erbe aufteilt, während Logan Roy (Brian Cox) noch auf der Intensivstation liegt, und dabei mehr noch als bei Denver und Dallas im eigenen Machtsumpf versinkt.

Wie es sich an den Konfliktherden lebt, zeigt an selber Stelle die Doku-Reihe Augenzeugen. Produziert von Michael Mann berichten vier Kriegsreporter ab morgen an gleicher Stelle von vier Schlachtfeldern. Starker Tobak ist auch das Drama Im Todestrakt (Donnerstag, 22.15 Uhr, Arte), mit dem der deutsche Regisseur Oliver Schmitz nach wahren Begebenheiten im südafrikanischen Apartheid-System ein Fanal gegen die Todesstrafe setzt. Kaum milder, aber schlichtweg genial ist der Mittwochsfilm im Ersten: Unterwerfung. Nach der umstrittenen Islamisierungsdystopie von Michel Houllebecq kompiliert Titus Selge den gefeierten Bühnen-Monolog seines Vaters Edgar zu einem furiosen Theaterfilm.

Bei so viel Härte ist es vielleicht mal an der Zeit für was Leichtes: Helena Hufnagels ARD-FilmDebüt etwa, das Dienstag um 22.45 die Nöte der Mittzwanzigerin Isi (Luise Heyer) ins Zentrum einer hinreißend flapsigen Komödie stellt. Und das ist noch gar nichts gegen die wunderbare Hipster-Abrechnung The Last O.G. über einen Ex-Gangster, der am Donnerstag auf TNT und Sky nach 15 Jahren Knast humorvoll ins gentrifizierte Brooklyn zurückkehrt. Noch ein Tipp vor den Wiederholungen der Woche: in seinem Biopic The Program entlarvt Stephen Frears den Radprofi Lance Armstrong (Ben Forster) am Dienstag um 20.15 auf 3sat als Teil eines verbrecherischen Doping-Syndikats. Jetzt aber: Die Hexen von Salem (Montag, 21. 55 Uhr, Arte), eine schwarzweiße französisch-ostdeutsche Koproduktion von 1958, ist nach einem Drehbuch von Jean-Paul Sartre auch 60 Jahre später noch ein verstörendes Werk über die Ursprünge des Puritanismus in den USA.

Das Regiedebüt Moon von David Bowies Sohn Duncan Jones (2009) brilliert demgegenüber heute um 0.05 im WDR farbig mit Sam Rockwell als vereinsamter Astronaut im Weltraum. Und der sächsische Tatort entführt uns am Mittwoch um 22.05 Uhr im MDR mit dem Gespann Sodann und Ehrlicher in Ein ehrenwertes Haus von 1995.


Datenschutz & Cumbersnob

Die Gebrauchtwoche

21. – 27. Mai

Sehen wir’s doch mal pragmatisch: Die Europäische Datenschutzgrundverordnung, nicht grad kurz, aber doch abgekürzt EUDSGVO, ist ein bürokratisches Papiermonster, das seit Tagen alle Medien in Atem hält, um ja keine Persönlichkeitsrechte anzutasten. Mails mit neuen, alten, überarbeiteten Geschäfts- oder Nutzungsbedingungen fluten den digitalen Raum. Es ist ein gigantisches Zeit- und Ressourcenverbrennungsprogramm. Was ihm aber innewohnt, ist die Chance, endlich mal sämtliche Push-Nachrichten und Newsletter abzubestellen, die Tag für Tag, Woche für Woche, Jahr für Jahr die Kanäle verstopfen. Betrachten wir die DSGVO also nicht nur als Recht auf informationelle Selbstbestimmung, wie es das Verfassungsgericht vorsieht, sondern ein echter Reinigungsprozess.

Bei Internetgiganten wie Facebook hagelt es seit Freitag jedenfalls schon Beschwerden. Und die bereiten ihren Inhabern wie Mark Zuckerberg gewiss mehr Kopfzerbrechen als die dubiose Fragestunde vorm EU-Parlament. Die war nämlich kein expertenbesetzter Untersuchungsausschuss, sondern ein fraktionsführerbesetztes Schmierentheater, in dem keinerlei Nachfragen erlaubt waren, geschweige denn ein echter Dialog. Gegrillt wurden also allenfalls Rechtstaatlichkeit und Parlamentarismus. Mark Zuckerburg indes kehrte nicht mal leicht angesengt aus Straßburg heim ins Valley.

Wer amtlich gegrillt werden dürfte, ist dagegen der gefallene Harvey Weinstein, dem seit Freitag in New York der Prozess wegen hundertfachen Missbrauchs gemacht wird. Schon jetzt soll es mehrere Film- und Serienprojekte geben, die sich mit dem bislang spektakulärsten Fall der anhalten #MeToo-Debatte befassen. Ob Netflix darunter ist, das mit Barack & Michelle Obama gerade ein umfangreiches, hochdotiertes Kooperationsprojekt beschlossen hat, bleibt bislang im Dunkeln. Aber auch Amazon wäre ein Kandidat. Und Sky.

Die Frischwoche

28. Mai – 3. Juni

Dort startet Dienstag aber zunächst mal ein Fünfteiler, dessen Hauptdarsteller allein schon für herausragendes Fernsehen bürgt: Bendidict Cumberbatch. In der britischen Romanverfilmung Patrick Melrose spielt er wie zuvor bereits in Sherlock einen exzentrischen Snob mit massivem Drogenproblem – das allerdings nicht bloß Cumberbatchs großes Talent zur darstellerischen Grenzüberschreitung offenlegt, sondern einen Fall von Missbrauch, der demütig macht und stumm, zugleich aber über die Maßen tragikomisch ist. Besser kann Fernsehen schlichtweg nicht sein.

Wie gut es selbst aus Deutschland bisweilen wird, zeigt sich wie jedes Jahr um diese Zeit auf der ARD-Plattform FilmDebüt im Ersten. Den Auftakt der Reihe für Regieneulinge bildet am Dienstag um 22.45 Uhr Peter Stubers grandioses Melodram Herbert, mit dem der kantige Peter Kurth als Ex-Boxer mit ALS einen Geniestreich lebensechter Milieu-Studien liefert. Jonas Rothlaenders Beziehungsdrama Fado im Anspruch zeigt allerdings, mit welch schwierigen Sendezeiten Erstlingswerke im öffentlich-rechtlichen Programm oft zu kämpfen haben. Manchmal allerdings verdient sich selbst leichte Kost ihre Primetime. Zum Beispiel am bedeutsamen ARD-Mittwoch.

Im Gegenwartswestern 13 Uhr mittags zeigt Jörg Schüttauf als norddeutscher Gary Cooper, dass sich Hollywood-Historie durchaus auf die hiesige Küstenregion übertragen lässt. Sein Einsatz als stinkfeiger Landpolizist, der bei jeder sich Gelegenheit vorm Showdown mit einer leidlich fiesen Verbrechergang zu fliehen versucht, ist wirklich sehenswert. Und auch der Tatort ist dieses Mal am Sonntag um 20.15 Uhr bestens aufgehoben. In Freies Land kriegt es das Münchner Odd-Couple Batic/Leitmayr mit einem Mord im Umfeld der Reichsbürger-Bewegung zu tun, die hier als Rudel staubbedeckter, selbstgerechter, durchgeknallter Waldschrate dargestellt wird – was sie größtenteils ja auch sind.

Mit denen hätte einst auch Kommissar Stoever sein Vergnügen gehabt. Dessen Darsteller Manfred Krug widmet ZDF-Info heute um 20.15 Uhr ein sehr schönes Porträt. Ein Tatort jüngeren Datums, der kaum drei Jahre nach seiner Erstausstrahlung schon legendär ist, leitet hiermit die Wiederholungen der Woche ein: In Das Haus am Ende der Straße (Dienstag, 22 Uhr, NDR) verabschiedete sich Joachim Król 2015 per furiosem Rededuell mit Armin Rohde von seinem Frankfurter Morddezernat und wanderte am Ende in die untergehende Sonne der Frühverrentung. Wahnsinn! Gespenstisch hingegen sind drei Gruselfilme, mit denen ZDFneo den Samstagabend füllt.

Den Auftakt macht um 20.15 Uhr Nick Murphys Geisterparabel The Awakening (2011), gefolgt von den weniger subtilen, doch unverwüstlich spannenden Carpenter-Klassikern Das Ding und Halloween. Ganz ohne Mystik kommt am Sonntag um 20.15 Uhr Arte das oscarprämierte Scheidungsdrama Kramer gegen Kramer von 1978 mit Dustin Hoffman vs. Meryl Streep aus. Und heute um 22.30 Uhr beschließt das italienische Meisterwerk Fahrraddiebe um einen Plakatkleber, der sich durchs schwarzweiße Nachkriegsjahr 1948 wurschtelt, die Wiederholungen.


Superhelden & Depridetektive

Die Gebrauchtwoche

7. – 13. Mai

Es glich einer Kulturrevolution: 2017 durfte Netflix gleich zwei Filme nach Cannes schicken. Dem Fernsehkonsumvieh war‘s zwar herzlich egal. Mancher Purist aber zeigte sich entsetzt über die cineastische Adelung des profanen Streamingdienstes. Zumal der Flatscreen für The Meyerowitz-Stories eigentlich viel zu schade ist. Und 2018? Aus Ärger über die Verpflichtung, dass jeder Wettbewerbsfilm vor der TV-Auswertung sichtbar im Kino laufen müsse, hat Netflix-Chef Reed Hastings all seine Kandidaten zurückgezogen. Selbst im Nebenprogramm wollte er nichts laufen lassen.

So!

Puristen dürfte das jedoch so gleichgültig sein wie dem Fernsehkonsumvieh. Während sich erstere im Wohnzimmer höchstens dafür interessieren, dass die famose NDR-Journalistin Anja Reschke für ihren fundierten Meinungsjournalismus mit dem Hans-Joachim-Friedrichs-Preis geehrt wird und dem ARD-Reporter Hajo Seppelt die Einreise zur Fußball-WM in Russland verweigert wurde, sind letztere aber ohnehin nicht so wahnsinnig scharf auf Streaming-Filme. Ihnen geht es um Serien wie die erste dänische Eigenproduktion The Rain, mit der Netflix zurzeit auch außerhalb Europas für Furore sorgt. Was gleichwohl nicht heißt, dass jede Serie derlei Furore auch verdient.

Nehmen wir zum Beispiel Striker Force 7. In der mangaesken Actionreihe des indischen Animationsstudios Graphic India rettet ein supercooler, superstarker, supernetter, supersexy Superheld demnächst die Welt und erinnert dabei superseltsamerweise an den Superstar Cristiano Ronaldo. Was auch damit zu tun haben könnte, dass der Fußballer die Selbstbeweihräucherung koproduziert hat. „Zu den Dingen, die ich in meiner Freizeit gerne mache“, erklärte CR7 bei der Vorstellung des Facebook-Projekts in Los Angeles, gehöre halt auch, „gutes Fernsehen zu schauen“. Na, wenn er damit Serien wie diese gemeint hat, möchte man die anderen doch besser nicht kennenlernen.

Die Frischwoche

14. – 20. Mai

Schwer zu glauben jedenfalls, dass ein Narzisst derart schlichten Gemüts gut vom britischen Krimivierteiler In the Dark unterhalten wird, den das ZDF ab heute um 23.20 Uhr in Doppelfolgen zeigt. Die schwangere Polizistin Helen (MyAnna Buring) steckt darin nicht nur zwischen zwei Männern, sondern auch zwei Fällen fest, was sehr eindringlich, aber nicht sonderlich aufregend inszeniert ist. Auch die BBC-Serie Strike – ab Donnerstag bei Sky – von der Harry-Potter-Autorin J.K. Rowling mit Tom Burke als kriegsversehrter, verbitterter, aber nicht fatalistischer Privatdetektiv in London ist mangels Glamour wohl nichts für den Sportmilliardär. Ja selbst mit der Mockumentary Der 90-Minuten-Krieg könnte er kaum was anfangen – obwohl es darin sogar um Fußball geht. Wenngleich ohne, dass der Ball rollt.

Die deutsch-israelische Koproduktion fabuliert heute kurz nach Mitternacht im ZDF, den Nahostkonflikt spielerisch auszutragen. Israel vs. Palästina, elf gegen elf, der Sieger kriegt das ganze Land. Klingt irre? Ist es auch! Und dabei extrem unterhaltsam, aber für CR7 womöglich ein bisschen verstiegen. Ein Typ wie Falk dürfte ihm da schon mehr behagen. Falk ist ein Exzentriker, der seine arrogante Selbstverliebtheit im Gerichtssaal auslebt. Und weil diesem Anwalt ein „unkonventionell“ vorangestellt wird, weiß man sofort: er ist es heute zur Primetime im Ersten, wo man derlei Knallchargen noch immer für so ulkig hält, dass sie selbst der aufopferungsvolle Fritz Karl nicht vorm Stahlbad bräsiger Klischee rettet.

Besser ließe sich kaum zu dem TV-Ereignis der Woche überleiten: Die Hochzeit von Harry & Megan. Das ZDF überträgt sie am Samstag von elf Uhr an vier Stunden lang. Was aber noch gar nichts gegen RTL ist. Dort folgen auf die Zeremonie noch Herzchen-Dokus und Schmalz-Reportagen bis – kein Scherz – 3.25 Uhr. Die ARD belässt es dabei, tags drauf um 19.15 Uhr ein Porträt ihres Adels-Beauftragten Rolf Seelmann-Eggebert zu zeigen. Wiedersehen mit Kenia entführt den Mittachtziger nach einem Korrespondentendasein in Dutzenden von Ländern an seine Wurzeln als Reporter – und das ist wirklich, wirklich sehenswert.

Wie auch, unter völlig anderen Vorzeichen, die 37°-Reportage K.o.-getropft, in der morgen um 22.15 Uhr drei Frauen (nach einem Porträt des englischen Brautpaars, versteht sich), von ihrem Filmriss erzählen. Bedrückend. Berückend ist dagegen genau 24 Stunden zuvor an gleicher Stelle die US-Komödie How to Be Single, eine Art Sex and the City ohne Konsumgeilheit, aber mit Dakota Johnson. Und auch die Wiederholungen der Woche enthalten Filme, die den Mainstream auf kreative Art unterlaufen. Heute um 20.15 Uhr zeigt One The Wrestler, der Mickey Rourke vor zehn Jahren zwar nicht den Oscar, aber enorm viel Respekt eingebracht hat. Und exakt einen Tag später belegt Alexander Paynes Weinliebhaberkomödie Sideways auf Servus, dass Kino zu jener Zeit auch ohne Superhelden und Raumschiffe massentauglich war.

Fehlt noch ein Schwarzweiß-Tipp: Richard Burton als Anti-Bond im Agenten-Thriller Der Spion, der aus der Kälte kam von 1965 (Freitag, 22.15 Uhr, 3sat). Der Alt-Tatort huldigt am gleichen Tag einem Ermittler, dem gewiss auch Cristiano Ronaldo viel abgewinnen könnte: Nick Bam Tschiller Bäng. In Der große Schmerz (Freitag, 20.15 Uhr, ARD) gab’s 2015 für die halbe Hamburger Unterwelt aufs Maul, während Schweigers Alabasterkörper glänzte. Till und Ron – Brüder im Geiste.


Rückeroberungen & Staatsfeinde

Die Gebrauchtwoche

30. April – 6. Mai

Ach, Jan Böhmermann: Weil sich dein Neo Magazin Royal gerade mit der Guerilla-Aktion Reconquista Internet das Netz von den Trollen, Hatern, Vollidioten zurückholt, ist die Welt zwar noch immer kein besserer Planet als zuvor. Wenn unerschrockene Entertainer wie du allerdings E und U, also Spaß und Politik so verbinden, dass all die Schlafmützen vorm Bildschirm kurz mal aufwachen und vielleicht sogar ihren Arsch aus dem Sessel kriegen, ist der Weg dahin zumindest humorvoll geebnet.

Und damit ist explizit nicht das aberwitzige Arschhochkriegen in Takeshi’s Castle gemeint. Gut 40 Jahre, nachdem sich erstmals ein Rudel schmerzbefreiter Kandidaten auf die japanische Sperrholzburg gestürzt hat, holt Comedy Central das analoge Jump’n’Run-Spiel seit Samstag aus der Mottenkiste des Trashfernsehens und schickt – kommentiert von Oliver Kalkofe – 100 thailändische Kandidaten auf den Parcours der Peinlichkeiten. Das ist in seiner Sinnlosigkeit fast schon wieder lustig, lenkt aber nicht ab von den ernsten Dingen der Medienlandschaft.

Die Freistellung von Gebard Henkes zum Beispiel. Dem hochgeachteten Filmchef des WDR wird sexuelle Belästigung vorgeworfen. Es gab zwar rasch weibliche Solidaritätsadressen an den erfolgreichen Tatort-Koordinator. Die leidvolle Erfahrung mit der diskreditierten Männermedienmachtelite lässt gepaart mit belastenden Aussagen von Charlotte Roche und Nina Petri aber erneut das Schlimmste befürchten. Eher ethisch missbraucht mussten sich 2017 indes die Fans von Max Giesinger fühlen, als – schon wieder – Jan Böhmermann aufdeckte, wie der Pop-Poet sein Publikum verachtet. Doch was ihn moralisch komplett diskreditiert haben sollte, dient dem NDR als Anlass, Giesinger in die ESC-Jury zu berufen.

Die Frischwoche

7. – 13. Mai

Wenn das Erste am Samstag also den Songcontest aus Lissabon mitsamt der – hoffentlich wie immer verregneten – Party von Hamburgs Reeperbahn überträgt, entscheidet ausgerechnet dieser verlogene Schlagerschleimer darüber, welcher Popsulz douze points aus Allemagne kriegt. Da kann man eigentlich nur noch empfehlen, zeitgleich auf 3sat das Zweipersonenstück Die Odyssee vom benachbarten Thalia-Theater zu sehen. Aber gut, macht natürlich fast niemand. Was die Leute wieder massenhaft tun, ist ab morgen Weissensee einzuschalten. Die Saga einer Familie voller Stasi-Opfer und -Täter geht bis Donnerstag in die 4. Staffel. Das ist auch nach dem Mauerfall zwar zusehends öde und berechenbar, aber immer noch sehr versiert inszeniert. Weshalb die Kupfers wohl auch noch die Besiedlung des Mars im 23. Jahrhundert in der ARD erleben werden.

Die parallel gezeigten Filmkonstrukte der Privatkonkurrenz werden da natürlich längst vergessen sein. Aber vergeben? Auf RTL startet um 20.15 Uhr die nächste Heimserie. In Lifelines schlägt sich der Ex-Militärarzt Alex Rohde (Jan Hartmann) zehn Teile lang durch den Alltag einer zivilen Klinik, was sendertypisch vor allem Gelegenheit zu kernig verpackter Gefühlsduselei liefert – und dem Staatsfeind auf Sat1 damit nicht nur atmosphärisch ähnelt. Dort gerät Henning Baum als empathischer Bulle in ein staatlich gelenktes Komplott, was dem Stammpublikum ein paar Verschwörungstheorien in den Fressnapf wirft, ansonsten aber höchstens als Echtzeit-Kompost dient.

Das hat der Film mit der US-Groteske The Interview gemeinsam, die RTL am Donnerstag um 23.45 Uhr erstausstrahlt. Inhaltlich ist das fiktive Treffen zweier Journalisten mit Kim Jong-un kaum der Rede wert. Doch weil es Nordkorea mit einer Reihe realer Cyberattacken verhindern wollte, bekam das harmlose Werk vor vier Jahren globales Gewicht. Dann also doch lieber bewusst irreale Grotesken. Auf Sky spielt der Comedian Bill Hader ab heute nach eigenem Drehbuch unter eigener Regie den Auftragskiller Barry, der sich bei einem Einsatz in Hollywood entschließt Schauspieler zu werden – was sehr unterhaltsam mit seinem alten Beruf kollidiert. Vor den Wiederholungen der Woche aber noch zwei Doku-Tipps: Heute (23.30 Uhr) beleuchtet das Erste Israel, Geburt eines Staates, was nicht nur im Licht des neuen alten Antisemitismus sehenswert ist. Und drei Stunden zuvor zeigt der rustikale Presenter von Wilmsdorff in der gefühlvollen Krebs-Reportage Jenke macht Mut! am Beispiel seiner eigenen Familie, dass auch privates Sachfernsehen zuweilen ohne Pathos auskommt.

Jetzt aber zur Gebrauchtware wie dem Auftakt der SciFi-Trilogie Matrix, mit der die Brüder Wachowski vor 19 Jahren vor allem in technischer Hinsicht Filmgeschichte schrieben (Montag, 20.5 Uhr, Kabel1). Nicht ganz so richtungsweisend, aber fünffach oscarprämiert ist tags drauf (20.15 Uhr, Nitro) Martin Scorceses grandioses Porträt des Flug- und Filmpioniers Howard Hughes von 2004 mit Leonardo DiCaprio in der Titelrolle als Aviator. Am Freitag ab 23.10 Uhr wiederholt RTL2 den Start der Zombie-Serie The Walking Dead von 2010. Und den NDR-Tatort namens Dunkle Zeit (Dienstag, 22 Uhr) mit Anja Kling als Politikerin im rechten Fadenkreuz empfehlen wir hier auch deshalb, weil man Kling beim Zappen zugleich im MDR-Polizeiruf Zerstörte Hoffnung als 27 Jahre jüngere Punkerin sehen kann.