Daniel Küblböck & Kim Frank

Die Gebrauchtwoche

10. – 16. September

Über guten Geschmack lässt sich – das Sprichwort ist da variabel – entweder nicht oder gut streiten, aber was Anfang voriger Woche den Boulevard (zurück) erobert hat wie anderthalb Jahrzehnte zuvor Deutschland sucht den Superstar, ist jenseits aller Geschmacksfragen eine der ganz großen Tragödien unserer Regenbogenwelt: Daniel Küblböck ist von Bord eines Kreuzfahrtschiffes in den Tod gestürzt und hat damit – freiwillig oder nicht – eine Existenz im Rampenlicht beendet, die in jeder Hinsicht beispiellos war.

Als der androgyne Kindergärtner aus der bayrischen Provinz Dieter Bohlens kühl kalkulierte Fremdschamshow Ende 2002 zum Quotenhit machte, wurde er eher mehr als weniger manipuliert zur Multifunktionschiffre des Trash-Fernsehens damaliger Prägung. Ein Weilchen tingelte der kaum volljährige Paradiesvogel einträglich, aber selbstentblößt im Lichtkegel der Aufmerksamkeitsindustrie umher; dann spuckte sie Daniel Küblböck wie ausgekautes Kaugummiautomatenkaugummi auf den Asphalt der Realität, wo er sich sehr redlich, letztlich aber erfolglos um Seriosität bemühte.

Dass sein Ex-Ausbeuter Bohlen ein eilends vermarktetes Kondolenzvideo mit Spiegelsonnenbrille und „Be one with the Ocean“ auf dem T-Shirt garnierte, ist da noch nicht mal der größte Zynismus einer gewissenlosen Branche. Viel schlimmer ist die ölige Anteilnahme gehässiger Moralschlachtereien von Bild bis RTL, denen das Wohl gestrauchelter Regenbogencharaktere wie Daniel Küblböck in etwa so wichtig ist wie Hans-Georg Maaßen sozialer Frieden im Land. Immerhin – dass der politisch zur Neutralität verpflichtete Verfassungsschutzchef nach seiner Parteiergreifung für Verfassungsfeinde auch vorige Woche noch im medialen Kreuzfeuer stand, ist auch dem Springer-Kampfblatt und seiner Stichwortnehmer vom Privatfernsehen zu verdanken.

Die Frischwoche

17. – 23. September

Den Öffentlich-Rechtlichen ist dagegen zu verdanken, dass einem Werk von außergewöhnlicher Bedeutung erstaunlich viele Bühnen bereitet werden: Wach, das Spielfilmdebüt des früheren Echt-Sängers um zwei Gleichaltrige seiner Teenyband-Zeit, die sich vornehmen, ganz ohne Drogen so lange wie möglich dem Schlaf zu widerstehen, läuft ab heute parallel im ZDF (0.05 Uhr), in deren Mediathek sowie bei Youtube und offenbart mit Alli Neumann und Jana McKinnon nicht nur zwei ungeheuer intensive Schauspielerinnen, sondern die Gewissheit, dass lineares Fernsehen noch immer zur Innovation tauglich ist.

Das lässt sich sogar am glänzenden ARD-Mittwochsfilm ablesen. Alexander Adolphs Biopic Der große Rudolph über den Modemacher Moshammer enthält sich nämlich diverser Standards des Filmporträtgenres und skizziert das Leben nicht von der Wiege bis zur Bahre, sondern verdichtet den blattgoldglitzernden Aberwitz der Münchner Bussi-Gesellschaft vor 30 Jahren in einer fiktiven Zeitspanne von zwei, drei Tagen. Das Ergebnis ist herausragendes TV-Entertainment mit viel Tiefgang unterm ulkigen Mantel der Komödie.

Ganz anders wahrhaftig – rau, derbe, schmerzlich – ist wenige Stunden später das Kino-Drama Zwischen den Jahren (23.30 Uhr, Arte), in dem Peter Kurth als Ex-Knacki, der nach 18 Jahren Haft um Anschluss in Freiheit ringt, weiter am eigenen Denkmal des derzeit vielleicht besten Charakterdarstellers in Deutschland bastelt. Wenn mit dem Tatort ein anderes Monument freiwillig seinen sonst unverrückbaren Sendeplatz hergibt, könnte man ebenfalls Großes erwarten. Raymund Leys Dokudrama Lehman verarbeitet am Sonntag die Bankenkrise vor zehn Jahren allerdings nicht nur wegen des belämmerten Untertitels Gier frisst Herz eher lausig.

Da ist von Netflix – dessen Eigenproduktion Roma von Alfonso Cuarón sensationell den Goldenen Löwen von Venedig gewonnen hat – mehr zu erwarten. Cary Fukunagas Miniserie Maniac zum Beispiel ist ab Freitag allein schon wegen Emma Stone und Jonah Hill als psychisch labile Teilnehmer eines Arzneimittelexperiments, das ihnen die Realität durcheinanderwirbelt, von herausragender Qualität. Ähnliches gilt dokumentarisch auch für das Porträt des Soulsängers Quincy Jones. Und auch das Fantasy-Epos The Outpost verspricht ab Mittwoch auf Sky beste Unterhaltung.

Apropos: Die Wiederholungen der Woche drehen sich diesmal um Giganten der cineastischen Hochkultur. In schwarzweiß zeigt der HR Montag um Mitternacht die Gaunerkomödie Schade, dass du eine Kanaille bist von 1955 mit Sophia Loren und Marcello Mastroianni. Arte dagegen gedenkt knapp vier Stunden zuvor der großen Romy Schneider mit gleich zwei Filmen: Erst Eine einfache Geschichte von 1978, dann das ein Jahr jüngere Gruppenbild mit Dame. Weit jünger und doch gut abgehangen ist der recycelte Münster-Tatort: Der alte Lott von 2005 mit Alexander Held in einer Doppelrolle.

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Authentizitäten & Großstadttiere

Die Gebrauchtwoche

3. – 9. September

Die Lügenpresse also, schon wieder die. Als Michael Kretschmer vorigen Mittwoch medienwirksam meinte, es habe in Chemnitz „keinen Mob, keine Hetzjagd, kein Pogrom“ gegeben, musste er den altrechten Kampfbegriff neurechter Populisten zwar nicht explizit aussprechen; dramaturgisch allerdings befand sich Sachsens Ministerpräsident auch ohne das böse L-Wort voll der Seite jener, die eine ostdeutsche Stadt stundenlang zur national besetzten Zone gemacht hatten. Und dann sprang dem – man muss das an dieser Stelle kurz erwähnen: CDU-Mitglied auch noch der oberste Verfassungsschützer Hans-Georg Maaßen zur Seite und behauptete bar jeder tieferen Erkenntnis, die Authentizität des längst berühmten Hase-Videos sei ebenso wenig bestätigt wie Hetzjageden.

Unabhängig davon, dass Hetzjagd ein juristisch undefinierter Begriff ist und niemand ernstlich von Pogrom, sondern allenfalls der zugehörigen Stimmung gesprochen hat, fehlt da eigentlich nur noch die Beteuerung, es habe weder Angriffe auf Reporter noch Hitlergrüße gegeben. Im Wahlkampf um die Deutungshoheit des Konservativen, muss man „Lügenpresse“ eben schon längst nicht mehr in den Mund nehmen, um damit Machtpolitik zu betreiben. Der gesellschaftliche Diskurs, das zeigen die Tage von Chemnitz aufs Neue, dreht sich zusehends weniger um Inhalte als Symbole, geredet wird nur noch über-, statt miteinander. Und das wird besonders dort deutlich, wo die Debattenkultur bereits zwei, drei Eskalationsstufen verrohter ist als hierzulande.

In den USA hat David Remnick, furchtloser Chef der New York Times, Steve Bannon, sinistrer Chef aller Verschwörungstheoretiker, zum Dialog aufs jährliche Festival seiner Zeitung gebeten. Doch weil viele Besucher die Anwesenheit desjenigen ablehnen, der die Welt erklärtermaßen ins rechtspopulistische Chaos stürzen will, wurde er wieder ausgeladen. Das jedoch ist noch viel, viel schlimmer, als ihm Auge in Auge Argumente entgegenzusetzen – was wohl niemand besser könnte als der versierte Interview-Profi Remnick.

Außer vielleicht Ellen DeGeneres. Streitlustig stellt sich die Moderatorin seit jeher in den Sturm des kommunikativen Durcheinanders. Nach 15 Jahren Abstinenz von ihrem Kernmetier Stand-up kehrt sie nun endlich zurück auf die Witzbühne. Und dass es ausgerechnet Netflix ist, das sie ihr am 15. Dezember bereitet, spricht abermals Bände über die Entwicklung im linearen Fernsehen. Die zwei spannendsten Formate der Woche sind daher im Grunde längst Digitalprodukte.

Die Frischwoche

10. – 16. September

Heute zeigt der BR die Netzserie Servus Baby über eine Frau Anfang 30 auf der Suche nach Sinn und Glück um 20.15 Uhr am Stück, dürfte damit aber trotz der guten Sendezeit ähnlich verheerende Quoten einfahren wie die grandiose Provinz-Satire Hindafing. Und die Kurzfilm-Serie Straight Family ist zwar das Beste, was im öffentlich-rechtlichen Auftrag zum Thema Homosexualität gedreht wurde, läuft ab Dienstag aber auf dem Youtube-Channel funk.

Die Muttersender pflegen derweil ihre Kernkompetenzen. Am Sonntag zeigt das Berliner Tatort-Team Meret Becker/Mark Waschke im neuen Fall Tiere der Großstadt endlich, was in ihm steckt. Im ARD-Mittwochsfilm Toulouse sorgt der österreichische Regie-Berserker David Schalko dafür, dass sein Kammerspiel um Matthias Brandt als Lover seiner Ex-Frau (Catrin Striebeck), dessen Alibi durch einen Terror-Anschlag buchstäblich in sich zusammenbricht, zu herausragender Unterhaltung gerät. Immerhin solide ist Der Fall K., in dem das ZDF heute das Schicksal des real existierenden Psychiatrie-Opfers Gustl Mollath mit Jan Josef Liefers nachstellt.

Während RTL ab Donnerstag seine Endlos-Explosion Cobra 11 mit der 33. Staffel im 22. Jahr elf Folgen lang fortsetzt, schärft Arte sein Profil als Ort umfassender Dokumentationen. In Krieg der Träume führt Regisseur Jan Peter den Erfolg seiner gefeierten Analyse des Ersten Weltkriegs anhand von 14 Tagebüchern verschiedener Protagonisten Richtung Zweiter Weltkrieg fort. Der Achtteiler zeigt damit einerseits, wie heiß die Zwischenkriegszeit jener Jahre war. Andererseits ist er ein warnendes Beispiel für die Gefahr, in der sich unserer Demokratie auch heute befindet – was 3sat zeitgleich zum Staffel-Finale am Mittwoch durch die Dokus Wie antisemitisch ist Deutschland? und Die rechte Welle belegt.

Am Ende der Folgen 4-6 beleuchtet das Erste dagegen, wie sich das Internet gegen digitale Gegner zur Wehr setzt. Im Schatten der Netzwelt begibt sich am Dienstag um 22.45 Uhr nach Manila, wo The Cleaners soziale Plattformen wie Facebook für Hungerlöhne vom Dreck der Hater, Trolle, Neonazis bereinigen. Arte zeigt derweil Donnerstag um 22 Uhr das Mediendrama Die Lügen der Sieger mit Florian David Fitz als Enthüllungsjournalist im Kampf mit den eigenen Berichtsobjekten. Die Wiederholungen der Woche sind dagegen von großer Leichtigkeit. In Claude Sautets Liebeskomödie César und Rosalie von 1972 zeigt sich Romy Schneider Sonntag (20.15 Uhr, Arte) von ungewohnt heiterer Seite. Federico Fellinis La Dolce Vita war zwölf Jahre zuvor ohnehin Inbegriff dessen, was der Titel verheißt. Und Tills Schweigers Tatort-Premiere als Nick Tschiller (Montag, 21.45 Uhr, HR) hatte unfreiwillig den Tiefgang von Balsaholz und war schon deshalb saukomisch.


Chemnitzer Volkssturm & Pflegenotstand

Die Gebrauchtwoche

27. August – 2. September

Es wurde mal viel gefaselt auf den einschlägigen Kanälen der neuen Medien. Donald Trump zum Beispiel, fraglos der wildeste Reiter dieses hyperkommunikativen Weltrodeos, hat getwittert, 96 Prozent aller Suchergebnisse zu seinem Namen (den gewiss niemand häufiger googelt als er selbst) kämen von linksgerichteten Medien, was er „sehr gefährlich“ nannte und Google, Facebook, ja selbst sein geliebtes Twitter warnte, sie „bewegen sich auf sehr dünnem Eis“. Welch fürsorglicher Präsident.

Ebenso sorgsam zeigte sich die AfD-Fraktion Hochtaunuskreis, als sie Medienvertreter jeder Art warnte, in Sachen Chemnitzer Volkssturm gefälligst im Sinne der guten, ergo: rechtsradikalen Sache zu berichten: „Zu Beginn einer Revolution haben die Staatsberichterstatter noch die Chance sich vom System abzuwenden und die Wahrheit zu berichten. Bei allen uns bekannten Revolutionen wurden irgendwann die Funkhäuser sowie die Presseverlage gestürmt und die Mitarbeiter auf die Straße gezerrt. Darüber sollten die Medienvertreter hierzulande nachdenken, denn wenn die Stimmung endgültig kippt, ist es zu spät“.

Der besseren Lesbarkeit wegen wurde die ganz und gar undeutsche Rechtschreibung des zwischenzeitlich gelöschten Tweets korrigiert, aber so in etwa war halt der Tenor, als die Wahrheit im Netz so lange verbogen wurde, bis Karl-Marx-Stadt kurz eine national befreite Zone war, die am Samstag drauf schon mal vorrevolutionär gebt und viele der vermeintlichen Staatsberichterstatter, etwa des MDR, gewaltsam von der Demo vertrieben hat. Wer zu alldem leider – ob in gesprochenem Wort noch binären Codes – wenig und das auch noch zu spät oder unglaubwürdig gesagt hat, waren leider jene, von denen man wirklich mal etwas hören wollte. Sachsens Ministerpräsident Kretschmer etwa oder Bundesinnenminister Seehofer.

Dafür hat eine andere News die Welt bewegt: „Die User der Erotik Plattform xHamster wünschen sich mehr von Katja Krasavice.“ Die Youtuberin hatte bei Promi Big Brother so sichtbar an sich rumgenestelt, dass der zugehörige Film zum Renner des Pornoportals wurde, weshalb sie „die junge Influencerin“ nun unter Vertrag nehmen möchte. Sage noch mal einer, RTL2 sei nur für Arbeitslose. Oder ZDF voller Pilcher. Nach Recherchen von DWDL nämlich entsteht dort demnächst eine Serien-Fassung von Frank Schätzings Der Schwarm.

Die Frischwoche

3. – 9. September

Was das deutsche Fernsehen bislang am besten beherrscht ist allerdings alles mit Kittel und Robe. Deshalb passt Die Heiland ab Dienstag zur besten Sendezeit auch so prima ins ARD-Programm. Es geht darin, schnarch, um eine Anwältin, die gähn, blind ist. Das ist zwar nach realen Motiven, dramaturgisch bleibt die Serie mit der klarsichtigen Lisa Martinek als sehbehinderte Verteidigerin so altbacken und öde, dass es, sorry für den Kalauer, schlicht zum Wegschauen ist. Hinschauen darf man hingegen gern beim ARD-Mittwochsfilm tags drauf. In Alles Isy brilliert Claudia Mehnert (Weissensee) als Mutter eines Vergewaltigungsopfers, was das Thema sexuelle Gewalt unter Jugendlichen unter der Regie des Autoren-Duos Mark Monheim und Max Eipp sehr zurückhaltend, aber ungeheuer intensiv in Szene setzt.

Bis an den Rand des Erträglichen radikal ist das Arte-Drama Sieben Stunden am Freitag um 20.15 Uhr. Die Gefängnispsychologin Hanna wird dabei von einem Hochsicherheitshäftling als Geisel genommen und mehrmals vergewaltigt. Nach einer wahren Begebenheit erzählt der Film von dieser unfassbaren Tat, mehr aber noch dem Versuch, das Trauma zu überwinden. Die Regie führt – frei nach Susanne Preuskers Tatsachenbericht Sieben Stunden im April – Meine Geschichte vom Überleben – der Grimmepreis-Träger Christian Görlitz (Freier Fall).

Auf ganz andere Art drastisch ist die heutige Story im Ersten um 22.45 Uhr namens Absturz. Autor Ralf Ulrich Schmidt zeigt darin sehr anschaulich, wie der Leipziger BWL-Student Thomas Wagner mit Reiseportalen wie Ab-in-den-Urlaub oder fluege.de zum gefeierten Star der Startup-Branche wird und dann so krachend scheitert, dass er am Ende beim Aushandeln eines waghalsigen Rettungsplans buchstäblich vom Himmel fällt und bei einem Flugzeug-Crash stirbt. Im Anschluss nimmt Uli Wendelmann in Allein auf Station die drohende Katastrophe der Krankenpflege unter die Lupe.

Und ja, schon klar, ist bekannt, man sollte die Serien des gewissenlos profitsüchtigen Amazon-Konzerns nicht empfehlen, aber für Six Dreams machen wir mal eine Ausnahme. Die Doku-Serie befasst sich ab Freitag mit sechs Einzelschicksalen der spanischen Primera División jenseits von Real oder Barcelona und wirft damit ein bedrückendes Schlaglicht auf den Profi-Fußball insgesamt. Und der Tatort-Tipp: Am Mittwoch wiederholt der MDR den gut abgehangenen Ost-Fall Nr. 283 von 1993, in dem es Sodann und Ehrlicher mit der organisierten Kriminalität in Sachsen zu tun kriegen, die damals noch keine Jagd auf Ausländer, sondern eher Drogen umfasste.


Luger 1985 & Mekka 1979

Die Gebrauchtwoche

20. – 26. August

Gut, Journalisten in Polen, Russland, Ungarn, der Türkei und mittlerweile ja sogar den USA würden angesichts der Festsetzung eines ZDF-Teams durch die Polizei wohl allenfalls mitleidig lächeln. Doch was da am Rande einer Pegida-Demo in Dresden passiert ist, könnte sich im Nachhinein als Dammbruch erweisen: Ein LKA-Beamter auf Urlaub, der seine Kollegen bei einer rechtsradikalen Kundgebung dazu drängt, die Pressefreiheit außer Kraft zu setzen; ein exekutiver Korpsgeist, der dies bis hoch in die Polizeispitze verteidigt; ein Ministerpräsident, der sich sodann hinters verfassungswidrige Treiben stellt: der Irrwitz, mit dem dieser Populismus sächsischer Art an der deutschen Demokratie nagt, deutet darauf hin, dass polnische, russische, ungarische, türkische, amerikanische Verhältnisse auch hierzulande denkbar scheinen.

Es sind Verhältnisse, in denen Grundgesetzartikel 5 zum machtpolitischen Spielstein wird und Journalisten irgendwann nicht mehr nur festgesetzt, sondern verhaftet werden, wenn sie ihrer Arbeit nachgehen, um – wie Deniz Yücel oder zuletzt Mesale Tolu in Ankara – von der Exekutive, nicht der Judikative freigelassen zu werden sofern das machtpolitisch geboten scheint. Wie freie Medien zum Gegenstand eines Real-Crime-Formats werden, wirkt in seinem realistischen Aberwitz so fiktional, als hätte es der große TV-Macher Gunther Witte ersonnen.

Fast 50 Jahre, nachdem der frühere WDR-Fernsehspielchef 1970 den Tatort erfunden hatte, ist er vorige Woche mit 82 gestorben und hinterlässt dem Programm somit das letzte echte lineare Lagerfeuer, vor dem sich nicht nur Rentner vereinen. Es stammt noch aus einer Epoche, als die ZDF-Hitparade des ebenfalls verblichenen Dieter-Thomas Heck 27 Millionen Zuschauer vorm Bildschirm vereinte. Eine Generation, die nahezu ausschließlich Männer in Machtpositionen kannte, hinterlässt uns allerdings auch eine Medienlandschaft, in der die Machtpositionen noch immer nahezu ausschließlich unter Männern aufgeteilt werden. So wie jetzt gerade wieder die Chefsessel von Blättern wie dem Spiegel.

Die Frischwoche

27. August – 2. September

Da wünscht man sich doch umso mehr, dass der neue Film des alten Klaus Lemke kein C-Movie, sondern nichts als die Wahrheit wäre. Im Kleinen Fernsehspiel Bad Girls Avenue übernehmen die Frauen testosteronübersäuerter Kerle heute um Mitternacht nämlich das Kommando und zeigen radebrechen, aber radikal, wie hart es fürs angeblich starke Geschlecht werden könnte, wenn das vermeintlich zarte mal andere Seiten aufzieht. Gar nicht erst den Anschein einer zarten statt starken Frau erweckt dagegen Amy Adams in der großartigen HBO-Serie Sharp Objects, wenn sie als Reporterin in ihr Südstaatennest zurückkehrt, um dort alkoholumnebelt in der eigenen Vergangenheit herumzustochern, dass es zum Niederknien ist. Ab Donnerstag zeigt Sky den Achtteiler auch auf Deutsch.

Über die deutsch-amerikanische Comedy-Crime Take Two um einen bildhübschen Ermittler, dessen bildhübsche Kollegin nur deshalb ein bisschen glaubhafter ist als die bildhübschen Bullen des Fernsehens sonst, weil Rachel Bilson eine Hollywoodschönheit auf kriminalistischem Abweg darstellt, hüllen wir dagegen ab Mittwoch um 20.15 Uhr elf Folgen lang auf Vox den Mangel des Schweigens – und verweisen stattdessen lieber auf die Zeichentrickserie Paradise PD. Auch auf Netflix geht es dort tags drauf ums Verbrechen. Allerdings bekämpft sie das Personal einer Polizeistation im verschwitzten Süden der USA mit saukomischem Sarkasmus.

Aber das war es noch lange nicht mit den Krimi-Formaten dieser Woche. Ab Sonntag ermittelt die sensationelle Almila Bagriacik in Kiel an der Seite des ergrauten Tatort-Wolfs Axel Milberg. Schon heute übernimmt die neue ARD-Allzweckwaffe Judith Rakers zur besten Sendezeit das neue Allzweck-Thema Real Crime und moderiert den vierteiligen Aktenzeichen XY-Abklatsch Kriminalreport, was zwar voll im Trend liegt, aber gerade deshalb schon vorab leicht langweilt. Ganz im Gegensatz zur Dokumentation der Woche. Heute um 22.45 Uhr blickt das Erste zurück auf die Besetzung der Großen Moschee von Mekka durch radikale Islamisten 1979, was Regisseur Dirk van den Berg als Urknall des Terrors analysiert, ohne den weder der 11. September noch der IS denkbar seien.

Vor den Wiederholungen der Woche gibt es aber auch noch mal was zu lachen: In Familie Lotzmann auf den Barrikaden lässt Axel Ranisch am Dienstag um 22.45 Uhr (ZDF) eine Schar Spießer so hingebungsvoll ins Chaos schlittern, dass Loriot aus jeder zweiten Szene grüßt. Seine letzte Szene nach 33 Jahren Lindenstraße hat Sonntag dann noch Joachim Luger als Hans Beimer, dessen erster Auftritt ein Jahr vorm Alt-Tatort stattfand: Freunde mit dem damals noch jungen Götz George als Horst Schimanski (Dienstag, 23.35 Uhr, WDR). In Schwarzweiß wurde 1963 das Drehbuch des Nobelpreisträgers Harold Pinter verfilmt, dessen Der Diener heute um 20.15 Uhr auf Arte ein famoses Psychogramm umgedrehter Hierarchien im Spätherbst der Aristokratie war. Und in Farbe zeigt der MDR um 23.05 Uhr ein Frühwerk von Katrin Sass als vermeintlich unfähige Mutter im DDR-Drama Bürgschaft für ein Jahr, nämlich 1981.


Donalds Furor & Dunjas Fußball

Die Gebrauchtwoche

13. – 19. August

Es war ein weithin hörbares Fanal der Vernunft, als gut 300 US-Zeitungen von eher links bis erstaunlich weit rechts Donald Trumps Hetztiraden gegen die freie Presse in Leitartikeln kritisiert haben. Dass Journalisten keine „Volksfeinde“ seien, ist zwar eigentlich keiner einzigen Silbe der Erwähnung wert. Doch wie die Sturmhaubitze im Weißen Haus auf den konzertierten Debattenbeitrag vom vorigen Donnerstag reagierte, belegt dessen Notwendigkeit. Trump verkündete nicht nur die Vergabe eines „Fake-News-Awards“, was mit „würdelos“ nur unzureichend beschrieben wäre. Nein, der US-Präsident hetzte so aufpeitschend gegen den Initiator dieser lagerübergreifenden Aktion, dass der Boston Globe mit Mord- und Bombendrohungen eingedeckt wurde.

Der Medienkrieg von rechts geht also auch dort weiter, wo man es bis vor zwei Jahren wohl am wenigsten erwartet hatte. Wären die jüngst verkündeten Umstrukturierungspläne der Mediengruppe RTL derweil schon umgesetzt, könnte das vulgärste Senderfamilienkind darüber allerdings kaum noch berichten. Am Wochenende soll das ohnehin nicht allzu informative RTL2 nämlich gar keine Nachrichten mehr enthalten, während die am wochentäglichen Hauptabend um drei Stunden vor, also ins Nirgendwo der Aufmerksamkeit verlegt werden sollen.

Wer sowas wiederum an prominenter Stelle analysieren könnte, das wäre die herausragende Dunja Hayali. Bis in die tiefste Faser ihres Moderatorinnenleibs hinein vertrauenswürdig, hat sie zwar gerade mit Anschuldigungen zu kämpfen, die ihrer Integrität durchaus schaden; nach einem Bericht des Medienmagazin Zapp ließ sie sich schließlich als Moderatorin von PR-Veranstaltungen für die Glücksspiel- und Pharma-Industrie einspannen, was sich nur bedingt mit einer objektiven Berichterstattung über eben die vereinbaren ließe, wenn es darum in den Talkshows oder Morgenmagazinen der streitbaren Journalistin ginge. Trotzdem steht Dunja Hayali diese Woche wegen etwas völlig anderem im Fokus.

Die Frischwoche

20. – 26. August

Ab Samstag nämlich leitet die gelernte Sportreporterin erstmals das aktuelle sportstudio und kehrt damit nicht nur zu den beruflichen Wurzeln zurück, sondern stellt sich erneut voll in den Wind, besser: Sturm einer kleinen, aber lautstarken Gemeinschaft wütender Selbstdarsteller, die ihre Hasskommentare über Hayalis ersten Auftritt in der Männer-Domäne längst vorgefertigt haben. Vielleicht, sagte sie unlängst, „sollte ich mich absichtlich mit 1. FC Bayern München versprechen“. Vielleicht aber auch nicht, liebe Dunja Hayali. Ironie zählt ja nicht gerade zu den Kernkompetenzen besorgter Bürger und ähnlicher Ttrolle.

Aber auch sonst drehen sich einige der folgenden sieben Tage zentral um Hayalis große Leidenschaft – den Fußball. Weil die ARD heute den ganzen Abend über den prominenten Rest der ersten DFB-Pokalrunde überträgt, entfällt der vielfach sehenswerte Infotainment-Abend im Ersten, inklusive der Reportagen ab 22.45 Uhr. Durchaus positiv beeinflusst das ZDF hingegen den Sendeablauf am Freitag. Weil dort der Bundesliga-Auftakt zu sehen ist, entfallen die üblichen Krimi-Reihen. Geht doch. Heute Abend (21.55 Uhr) können Fußball-Nichtfans daher zu Arte schalten und die fabelhafte Tragikomödie Wir sind alle Astronauten über ein Pariser Ghetto-Hochhaus und seine Bewohner sehen, in fünf Tagen böte sich Netflix an.

Denn dort startet parallel zum 1. FC Bayern München gegen Arminia Hoffenheim erst die indische Eigenproduktion Ghoul um, hüstel, Terrorzombies auf dem Subkontinent, wofür man besser ein ausgeprägtes Faible haben sollte. Und dann geht der polnische Zehnteiler Ultraviolet online, in dem ein paar hippe Hacker freiwillig die Arbeit der unterforderten, tendenziell korrupten, oft politisch motivierten Polizei übernehmen. Das ist zwar keinesfalls die Neuerfindung des Krimi-Rades, entfaltet aber allem Anschein nach (vorab gab es leider nur Trailer und Originalepisoden ohne Untertitel zu sehen) einen angenehm spröden Charme.

Von dem kann in der Arte-Serie Elven ab Donnerstag (20.15 Uhr) mittlerweile nicht mehr die Rede sein. Obwohl der Achtteiler aus Norwegen stammt und somit atmosphärisch nur das Beste verheißt, reißt der Achtteiler um einen aufrechten Landpolizisten, der hoch im Norden zum Teil einer militärischen Verschwörung wird, selbst hartgesottene Fans skandinavischer Thriller nicht mehr vom Sitz. Das schafft Vox seit Jahren immer wieder mit seinem Doku-Marathon am Samstag. Diesmal widmet ihn das anspruchsvolle RTL-Senderfamilienkind viereinhalb Stunden lang dem King of Pop, der dieser Tage 60 Jahre alt geworden wäre.

Neun Jahre jünger als Mein Freund Michael ist die erste Wiederholung der Woche am Montag um 20.15 Uhr auf Arte: Der Mann vom Großen Fluss, ein legendärer Spätwestern mit James Stewart als Farmer, der seine Familie vom Sezessionskrieg bewahrt. Von 1981 stammt Indiana Jones und die Jäger des verlorenen Schatzes, den Kabel1 am Dienstag erstaunlicherweise erst nach dem drei Jahren jüngeren Tempel des Todes zeigt. Und verglichen damit ist der Tatort-Tipp ein echter Frischling. In Gefallene Engel von 1998 kriegen es die bayerischen Kommissare Batic und Leimayr mit einem Serienkiller zu tun.


Maut-Nostalgie & Lanz-Gegenwart

Die Gebrauchtwoche

6. – 12. August

Der Sommer, der eine Sauna war, war im Grunde ein Winter. Die European Championships nämlich, eine Kopfgeburt der kontinentalen Fernsehgemeinschaft EBU zum Wohle der Aufmerksamkeit für Randsportarten (und ein bisschen natürlich auch ihrer Einschaltquoten), haben in der Tat überproportional große Resonanz für Disziplinen von Triathlon bis Turmspringen erzielt. Man muss bei 35 Grad Außentemperatur zwar konstatieren, dass die Zuschauerzahlen hierzulande bis gestern vor allem bei der vergleichsweise populären Leichtathletik oder den Schwimmwettbewerben über die Millionenmarke stieg. Aber das Konzept könnte in der Tat Zukunft haben – und die Terminkalender der Sportfans nur auch jenseits der Fußball- und Biathlon-Saison mit Überfluss verfüllen.

Das wäre nicht nur angesichts all der Horrornews vom vorgezogenen Klimakollaps über den globalen Rechtsruck mal eine angenehm unspektakuläre Neuigkeit dieser Woche. Die beste allerdings kommt – hoppla! – vom Straßenverkehr. In den vergangenen paar Tagen hat es nämlich die Lkw-Maut mehrfach zur Spitzenmeldung seriöser Nachrichtensendungen geschafft. Zur Erinnerung: Als das Desaster ums Erhebungssystem der Firma Toll Collect vor 16 Jahren zum Skandal anwuchs, war weltpolitisch offenbar so wenig zu verlautbaren, dass es über Monate hinweg an erster Stelle vom verschobenen Start der Straßenbenutzungsgebühr berichtet wurde.

Es war eine Zeit, in der uns Apple allenfalls knubbelige Rechner verkaufte und Google schnelle Informationen. Jetzt ist ersteres ein Unternehmen dessen Marktwert eine Billion Dollar übersteigt, während sich letzteres den Zensur-Richtlinien der chinesischen Diktatur beugt, um rasch ähnlich viel wert zu sein. Es ist demnach eine Zeit, die medienpolitisch betrachtet nicht weiter von jener entfernt sein könnte, in der die ARD-Doku Kulenkampffs Schuhe spielt. Noch ein paar Tage lang erzählt sie uns in der Mediathek von den Fernsehshows vor rund 50 Jahren, in denen sich das kriegs- und naziversehrte wie -verseuchte Land seiner Unschuld versicherte.

Die Frischwoche

13. – 19. August

Vor dem Fernseher saß damals vermutlich auch der kleine Markus, bevor als großer Lanz mithalf, das gute alte Lagerfeuer der TV-Nation zu löschen. Als Talkmaster deutlich erfolgreicher, kehrt er morgen aus der Sommerpause auf seinen Sendeplatz um 22.45 Uhr ins ZDF zurück und wirft auch zehn Jahre nach seinem Debüt abermals und immer wieder die Frage auf, wie es das lineare Programm mit den Streamingdiensten aufnehmen will, wenn Gestalten wie Markus Lanz darin so lange Bestand haben und famose Dokumentationen wie das ikonografische Pop-Porträt Debbie Harry – Atomic Blondie auf Arte (Freitag, 21.55 Uhr) laufen…

Auf Netflix nämlich startet mit der neuen Anime-Reihe Disenchantment des Zeichentrickmagiers Matt Groening am Freitag in Gestalt diabolischer Märchenwesen mit grotesk-philosophischem Humor die Zukunft, während das Öffentlich-Rechtliche höchstens routiniert vor sich hin werkelt. Von den Privaten ganz zu schweigen. RTL zum Beispiel lässt – drei Tage nach der 3000. Folge seiner unverwüstlichen Daily-Soap Alles was zählt – ab Sonnabend zur totalen Primetime allen Ernstes die Fernsehfossile Günther Jauch und Thomas Gottschalk in einer angeblich improvisierten Game-Show antreten, die es unter andern Namen als Denn sie wissen nicht, was passiert! gefühlt 500 Mal schon gegeben hat – ob mit oder ohne Barbara Schöneberger als sexy schlagfertiger Sidekick.

Und auf RTL Nitro wird es selbst dann populistisch, wenn sich der Spartenkanal dem Groening-Genre im Manga-Stil widmet. Die Superhelden-Adaption Iron Man: Rise of Technorave, ist ab Dienstag um 23.35 Uhr nicht nur verglichen mit Groenings dritten Streich nach den Simpsons und Futurama so derart testoststerongeflutet martialisch, dass man sich die Glücksbärchis zurückwünscht. Oder zumindest ins Jahr 1990, das am selben Tag auf gleichem Kanal die Wiederholungen der Woche einleitet. Um 20.15 Uhr zeigt Nitro nämlich den ersten Werner-Film Beinhart!, dessen Spielszenen zwar komplett überflüssig waren; die Comicsquenzen sind dafür bis heute zum Niederknien.

Das gilt frei von jeder Art Leichtigkeit auch für Michael Ciminos Vietnam-Epos The Deer Hunter von 1978, der Freitag um 22.25 Uhr auf 3sat zeigt, wie der Horror des Krieges auch gänzlich ohne Gefühlsduselei inszeniert werden kann. Und weil schwarzweiß nichts zu empfehlen ist, gibt es diesmal gleich zwei Tatort-Tipps: Der frühe Abschied (Montag, 22.15 Uhr, RBB), ein besonders melodramatischer Fall des Hessischen Tagtraumduos Sänger und Dellwo von 2008. Und der Klassiker Schwarzes Wochenende (Dienstag, 22.10 Uhr), wobei das Baujahr (1986) und der Sendeplatz (WDR) schon darauf hinweisen, wie der Kommissar heißt. Gute alte Schimmi-Zeiten…


Karin Baal & Tankstellenwitze

Die Gebrauchtwoche

23. – 29. Juli

Karin wer, bitteschön? Das dürften sich viele der rund zwei, drei Dutzend Zuschauer unter 65 gefragt haben, die das lineare Fernsehen frei von beruflichem Interesse auch hinter den Kulissen verfolgen, als der ersten Götz-George-Preis in Berlin verliehen wurde. Karin Baal, bitte sehr, lautet die Antwort. In der Zeit wöchentlicher Wallace-Verfilmungen ein Nachwuchsstar mit Bravo-Starschnitt, hangelt sich die 77-Jährige tapfer durch ein Spätwerk aus Episodenrollen mit mehr oder weniger Niveau. Vor acht Tagen taugte sie dennoch zur ersten Premierenträgerin einer Trophäe, die die heillos überalterte TV-Welt in etwa so dringend braucht wie noch mehr Chauvi-Scherze am Bildschirm.

Weil die das männlich dominierte Comedy-Genre indes nach wie vor mit tyrannischer Intelligenz-Verachtung dominieren, verpasst ihr das außergewöhnliche Comedy-Talent Sophie Passmann im aktuellen Zeit-Magazin eine Breitseite, die direkt im offenen Hosenstall von Mario Barth gelandet sein müsste. „Der Selbstanspruch großer deutscher Comedians ist es, beschämend viel Geld zu verdienen und ohne größeren intellektuellen Kollateralschaden durch ihr Programm zu kommen“, ätzt das Ensemblemitglied der humoristischen Revoluzzer vom Neo Magazin Royale und schiebt angemessen angepisst hinterher, der hiesige Zotenhumor sei mitverantwortlich dafür, „dass die kommerzielle Comedy-Szene in Deutschland in der kulturellen Belanglosigkeit vor sich hin krebst“.

Doch das hat sie, also die Szene, am Ende mit der kommerziellen Nachrichten-Szene gemein, die es geschafft hat, eine Schar verschütteter Jungs aus Thailand über Tage bis in die ehrenwerte Tagesschau hinein zur Top-News zu machen – obwohl nur ein paar Elendsquartiere abseits der Höhlenbuben Millionen Gleichaltrige in bitterer Armut verenden. Allerdings erst, nachdem sie noch rasch die Billigklamotten unseres Wegwerfwohlstands genäht haben. Aber gut, so funktioniert nun mal die mediale Auf- und Erregungsgesellschaft, in der mit #MeTwo nach #MeToo nun der nächste kurze Wirbel um Benachteiligte verpuffen wird wie ein bedächtiger Wortbeitrag im Talkshow-Getöse.

Die Frischwoche

31. Juli – 5. August

In dieser Atmosphäre findet dann auch überdrehter Internet-Trash wie Tanken seinen Weg ins Regelprogramm von ZDFneo. Ab Dienstag simuliert die Sitcom nach dem lausigen Drehbuch von Gernot Griksch und Julia Drache zwölf Teile lang Interesse an der Belegschaft einer Tankstelle im urbanen Randgebiet. Was ulkig gemeint sein soll, ist wöchentlich um 22.45 Uhr aber bloß spottbilliger Pennälerhumor auf Kosten Unterprivilegierter von fettleibig bis dement, unterläuft damit selbst das Niveau der Lochis spielend und wirft die Frage auf, warum sich ein Schauspieler wie Ludwig Trepte für solchen Müll hergibt.

Lohnenswert ist an gleicher Stelle dagegen die zweite Doppelfolge der sehr französischen Krimi-Serie Art of Crime am Freitag um 21.45 Uhr, in der nicht frei von Stereotypen, aber inhaltlich ungewöhnlich in der globalen Kunstszene ermittelt wird. In der globalen Hacker-Szene spielt dagegen heute (22.15 Uhr) im Rahmen des ZDF-Montagskinos Baran bo Odars Gegenwartsdystopie Who I am. Für Qualität sorgen dabei allein schon die Darsteller: Tom Schilling, Elyas M’Barek, Hannah Herzsprung und Wotan Wilke Möhring.

Morgen dann wird es tagespolitisch, wenn die ZDF-Doku Russlands Rückkehr von Stefan Brauburger und Christian Frey um 20.15 Uhr Russlands Rückkehr? weniger infrage stellen, als es das Satzzeichen suggeriert. Anderthalb Stunden später konstatiert die ARD ganz ohne solche Satzzeichen, dass wir Mit Vollgas in den Verkehrskollaps steuern. Arte steuert derweil aufs Finale ihres diesjährigen Sommerschwerpunkts zu, der sich Summer of Lovers nennt und einerseits belegt, dass sich dieses Konzept langsam totzulaufen scheint. Andererseits hat es aber noch immer tolle Formate in petto.

Freitag zum Beispiel um 21.44 Uhr ein umfangreich recherchiertes, schillernd präsentiertes Porträt von Freddy Mercury, gefolgt von der schwer skandalisierten und schon deshalb unfassbar zugkräftigen Doku In Bed with Madonna, die dem damaligen Superstar 1990 live und auf Platte Verkaufsrekorde einzufahren half. Am Sonntag dann endet die Wochenration Liebhaber zur besten Sendezeit mit einem seinerzeit ebenfalls skandalträchtigen Stoff: Ang Lees Western-Schwulen-Drama Brokeback Mountain von 2005. Und weil er am Sonntag aus der Sommerpause zurückkehrt, sparen wir uns die Wiederholung des Tatort und empfehlen den neuesten aus der Schweiz, der im Stile Hitchcocks daherkommt: Die Musik stirbt zuletzt ist ungeschnitten, also in einem Take aufgenommen. Theaterfernsehen. Schauen wir mal…