Fredrichs Abgang & sexistisches London

Die Gebrauchtwoche

TV

30. Januar – 5. Februar

Es wäre ein Knall gewesen, der laut durchs Medienland scheppert und überall gehört werden müsste: Die Aufsichtsratsvorsitzende Julia Becker hat den vorläufigen Austritt ihrer Funke Mediengruppe aus dem Branchenverband BDZV in der Süddeutschen Zeitung am Wochenende nicht nur mit dessen Selbstverzwergung im Arsch von Mathias Döpfner erklärt, sondern der unfassbaren Misogynie im Journalismus. Zu dumm, das so was nur branchenintern wahrgenommen wird.

Bei ihrem Amtsantritt vor fünf – nicht 50! – Jahren nämlich sei die Enkelin des Funke-Gründers Jakob meist allein unter Männern von vielfach patriarchalischer Selbstgerechtigkeit gewesen, woran sich zwar etwas ändere, aber nur sehr, sehr langsam. Kaum zu glauben, dass in dieser Branche ausgerechnet Führungskräfte, denen sicht- und spürbar an Veränderung in Richtung Diversität gelegen ist, an sich selber scheitern.

Benjamin Fredrich, Gründer und Chef des liebenswerten Greifswalder Grafikmagazins Katapult, ist nach einem Übermedien-Bericht über nachlässige Spendengelder-Verwendung seiner ukrainischen Redaktion zurückgetreten. Fraglos ein kritikwürdiges Verhalten – das rechts dieser linken Mitte allerdings nicht mal Schulterzucken erzeugt hätte. Aber die Integrität demokratischer Kräfte (Katapult) ist im Vergleich zu derjenigen demokratiefeindlicher (Springer) seit jeher so groß, dass sie sich lieber selbst als ihre Gegner zerfleischen.

Nach diesem Prinzip brachten kürzlich Enthüllungen des geistesverwandten Böhmermann bereits den linksliberalen Medien-Liebling Finn Klymann zu Fall. Nach diesem Prinzip findet sich der gewissenhafte Louis Klamroth gerade in einem ComplianceVerfahren der ARD wieder, weil er seine Beziehung zur Klima-Aktivistin Luise Neubauer nicht veröffentlicht hatte. Nach diesem Prinzip kann die Bild-Zeitung seit Wochen aber auch Tag für Tag zwei ihrer Mitstreiter:innen mit Titelseitendreck bewerfen, da sie buchstäblich dummerweise das getan haben, was Bild-Leser gewissenlos tun: nach Bali fliegen. Simple neue Medienwelt.

In der es jedoch seit Kriegsbeginn eher noch komplizierter geworden ist, Wahrhaftigkeit zu vermitteln. Also das, was Reporter ohne Grenzen seit Jahrzehnten versucht. Zusammen mit den Zentren für Pressefreiheit Lwiw und Kyjiw weist die journalistische Hilfsorganisation auf den außergewöhnlichen Fall eines ukrainischen Reporters hin, den russische Truppen offenbar gezielt getötet haben. Sehr investigativ, höchst interessant, überaus erschreckend.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

6. – 12. Februar

Weder investigativ noch erschreckend, aber hochinteressant ist die norwegische Dramaserie Lifjord um einen Mordverdächtigen, der 20 Jahre nach seinem umstrittenen – so der Untertitel – Freispruch als lebensrettender Investor ins abgelegene Heimatdorf zurückkehrt. Bislang lief die Serie unter Ausschluss der deutschen Öffentlichkeit bei Sony. Nun sind sie ersten zwei Staffeln in der Arte-Mediathek zu sehen. Dort also, wo sich der Kulturkanal Dienstag dokumentarisch zur besten Sendezeit mit der Atomkraft auseinandersetzt.

Optisch, ästhetisch, akustisch opulenter ist dagegen die Sky-Serie Funny Woman, in der eine nordenglischen Schönheitskönigin ins London der Swinging Sixties zieht, die leider vor allem sexistisch waren. Um als Komikerin durchzustarten, muss Ex-Bond-Girl Gemma Arterton also Dutzende gläserner Decken durchstoßen. Und nach Drehbüchern von (Nebendarstellerin) Morwenna Banks hat Regisseur Oliver Parker Nick Hornbys Romanvorlage dabei zwar ein bisschen dick gezuckert. Dennoch ist die sechsteilige Comedy ab Donnerstag auf Sky von pfiffiger Sozialkritik.

Das gilt tags drauf in der ZDF-Mediathek auch für die 2. Staffel der Late-coming-of-Age-Serie Deadlines um eine Handvoll deutscher Großstadtfrauen im Hamsterrad der multioptionalen Gesellschaft. Und wenn die Umsetzung mit schwarzer, lesbischer, (auf)begehrender Sklavin im (noch) rassistische(re)n Amerika des vorvorigen Jahrhunderts nicht so berechnend auf divers machen würde, gälte es auch fürs Magenta-Drama Das Geständnis der Fanny Langdon am Sonntag.

Da ist dann sogar die andere deutsche Late-Coming-of-Age-Serie Tage, die es nicht gab mit Franziska Weisz, Diana Amft, Jasmin Gerat und Franziska Hackl als frühere Schulfreundinnen mit dunklem Geheimnis zeitgleich in der ARD-Mediathek ein wenig klischeefreier umgesetzt. Bleiben zwei weitere weiblich besetzte Netflix-Serien: Der Handel um (realexistierende) Frauen im Kuwaiter Börsenspiel der Achtziger. Und für Fans koreanischer Liebesreigen: Love to Hate you.

Advertisement

Leoparden & Dünentode

Die Gebrauchtwoche

TV

23. – 29. Januar

Es ist geschehen. Gestern gingen Tagesschau und heute erstmals seit Wochen ohne Leopard und Lieferung oder ihre Geschwister Kampfjet und Abwehrrakete im ersten Absatz auf Sendung, was dieser kriegerischen Tage noch seltener ist als Sportnachrichten in ARD und ZDF ohne Skispringen oder Biathlon. Praktisch ohne Chancen auf Pokale, aber immerhin mit neun Nominierungen, fährt der Antikriegsfilm Im Westen nichts Neues zur Oscar-Verleihung nach Hollywood.

Neuf, nine, nueve, nove, ni, εννέα, yhdeksän, devet – das zuvor kein deutscher Beitrag erhalten. Und auch, wenn die Ausbeute am 13. März gering sein dürfte: Respekt, Netflix. Für RTL haben wir dagegen vor allem Abneigung übrig. Wie der Kölner Kanal sein Hamburger Spielzeug G+J ausbluten lässt, um richtigem Journalismus Kundschaft abzujagen, das macht die Bertelsmann-Tochter zur AfD unter den Sendern. Dass 150 Mitarbeiter*innen mit Elbblick gegen die drohende Zerschlagung demonstriert haben, juckt die vulgärkapitalistischen Zyniker vorm Rhein daher wenig.

Was wiederum die Gefahr erhöht, dass Informationen weiter zur Ware werden – wobei das Angebot die Nachfrage massiv beeinflusst. Nur so ist erklärbar, dass die TU Chemnitz 5000 Deutsche nach ihrem Sicherheitsempfinden befragt hatte, von denen 70 Prozent glauben, die Kriminalität nehme zu, während bei neun von zehn Straftaten das genaue Gegenteil der Fall ist. Kein Wunder, wenn Konzerne wie RTL ihre Blutschweißtränen-News ständig in Blau- und Rotlicht tauchen oder „soziale Medien“ den Rechtspopulismus pampern.

Nachdem Twitter bereits Donald Trumps Account reaktiviert hatte, darf er jetzt auch wieder bei Facebook und Instagram hetzen. Der Mutterkonzern Meta befindet nämlich, dass vom republikanischen Autokraten-Azubi „gerade keine Gefahr“ mehr ausgehe. Klingt (ohne es dramatisieren zu wollen) verteufelt nach alliiertem Appeasement in München 1938. Und um der antidemokratischen Reaktion die Machtübernahme zu erleichtern, kann sie sich ihre Propaganda ja von Chat GPT schreiben lassen; die weiß, was Hater wünschen.

Aber damit die Woche nicht schon Montag im Stahlgewitter versinkt, noch zwei soft news: RTLzwei hat das Glücksrad reanimiert, was mit Thomas Hermanns & Sonya Kraus als Peter Bond & Maren Gilzer ein wohliges Neunzigerjahre-Gefühl erzeugt, während sich der Mutterkanal ebenfalls vom Rest der Welt abgekapselt und – nein, nicht Gigi, sondern Djamila zur Dschungelkönigin gekürt hat. Wie immer: brachiale, aber gute Unterhaltung.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

30. Januar – 5. Februar

Doch keine Sorge, liebe Kulturpessimist:innen: Schon morgen belegt der Mutterkonzern aufs Neue, warum das seriöse Feuilleton vor und nach IBES nur Hohn und Spott für ihn übrig hat. Die Nordseekrimi-Reihe Dünentod soll den Dienstagabend bei RTL ansehnlicher machen, macht sich mit Hendrik Duryn als – hoppla! – knurriger Cop plus dunklem Geheimnis nur lächerlich. Casting, Charaktere, Plot, Dialoge: nahezu alles an der Tatort-Attrappe ist allenfalls Schultheater.

Und damit mehr als nur ein paar Serienfernsehrevolutionen entfernt von internationaler Fiktion wie das australische Medien-Drama The Newsreader in der Arte-Mediathek oder die kalifornische Psychotherapie-Sitcom Shrinking (Apple TV+) mit Jason Segel und Harrison Ford. Wie das historische Sittengemälde Señorita 89 ab Sonntag bei Magenta TV über mexikanische Misswahlen oder Apples Flugzeugabsturzdrama Der Morgen davor und das Leben danach zwei Tage zuvor.

Dass auch hierzulande durchaus originelle Unterhaltung möglich ist, zeigen Christian Ulmen und Fahri Yardim als jerks. ab Donnerstag bei joyn+ zum fünften und (leider) letzten Mal. Ob wir Deutschen jenseits ihrer Fremdschamwitze über alles von Pipikacka bis Selbstüberschätzung lustig sind, möchte die großartige Journalistin Anja R. parallel dazu im Ersten mit der Politiksatire Reschke Fernsehen beweisen. Aber am besten ist öffentlich-rechtliches Programm ja doch eher, wenn es sich mit empathischer Sachlichkeit wie im queeren Drama Glück/Bliss ab Freitag (ZDF-Mediathek) gesellschaftlicher Relevanz zuwendet.


Dschungel-GiGi & Dämonen-Gellar

Die Gebrauchtwoche

TV

16. – 22. Januar

Auch wenn der kulturelle Sonnentiefstand die Schatten kleiner Gernegroße meilenhoch wachsen lässt – unsere Zivilisation wird zurzeit gewiss anderswo angegriffen als im australischen Dschungel. Durchschnittlich fünf, sechs Millionen Fernseh- und nur unwesentlich weniger Online-Zuschauer:innen ergötzen sich zwar – widerwillig oder lustvoll – am Leid anusessender G-Promis. Das aber nimmt meistens nur einige der 120 Minuten pro Nacht ein. Den Rest dominieren soziale Interaktionen, die viel aussagen übers Land und seine Menschen.

Gut zusammengefasst im Statement des melodramatischen Machos Gigi, er werde hier „normal und alle anderen immer verrückter“, hat sich das stetig fortalphabetisierte Feld sexueller Diversität dank solcher Reflexionen eines maximal testosterongesättigten Mannes gerade auf LGiGiBTQI+ erweitert und verdeutlicht, was die Leute von IBES wirklich wollen: einen Bewusstseinswandel, der nicht sie selber betrifft. Veränderung, die andere durchmachen. Metamorphosen ohne Eigenanteil.

Die macht gewissermaßen auch RTL gerade durch, indem es fortan ohne Live-Bilder der heteronormativen Deppen-Raserei Formel 1 auskommen muss. Eine Rechte- und Bedeutungsverlust, den Deutschlands Leitmedien unterschiedlich bewerten dürften – darüber geben ja schon die Zusammensetzungen ihrer Führungsetagen Auskunft. Während linksliberale, also Redaktionen von der taz über Die Zeit bis zur SZ relativ viele (bis auf erstere aber weiterhin viel zu wenige) Frauen an der Spitze haben, sind rechtskonservative von Welt über Bild bis zum absoluten Schlusslicht FAZ überwiegend Männerbünde.

Apropos: Die Rolling Stones haben jetzt endlich auch einen TikTok-Kanal. Und nebenbei: die ZDF-Krimireihe Nord Nord Mord kratzt quotenmäßig mittlerweile an der Zehn-Millionen-Marke und damit am Tatort-Nimbus. Was umso erstaunlicher ist, als Streamingdienste ihre Zugriffszahlen noch immer nur zögerlich veröffentlichen. Das dürfte im Fall der Neustarts dieser Woche kaum anders bleiben.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

23. – 29. Januar

Dabei tut die klitzekleine Seriensensation alles, um Aufmerksamkeit zu erhaschen. Zumindest alles, was schon mal erfolgreich war. Sarah Michelle Gellar ist zurück, und dass ihre Buffy der Neunziger im Fernsehen von heute abermals Dämonen jagt, hat nur am Rande mit der Monsterhatz von Wolf Pack zu tun, aber viel mit Markenkalkül von Paramount+ und anderen Portalen. MagentaTV zum Beispiel, dass parallel den BritBox-Sechsteiler Hotel Portofino zeigt.

Historische Dramen aus der Luxusgastronomie (Riviera) bildgewaltiger Jahrzehnte (Twenties) – trotz der wunderbaren Natascha McElhone als Hotelerbin ein eher berechenbares Thema. Das gilt auch für Shrinking, womit Arte tags drauf auf den gerngesehenen Zug therapiebedürftiger Psychotherapeuten und ihre Marotten, Laster, Konventionsbrüche springt – in diesem Fall Jason Segel und Harrison Ford bei Apple+.

Bei Arte reist The Newsreader ab Donnerstag dann zurück in die telegenen Achtzigerjahre, wo das Kollegium eines australischen Nachrichtenkanals seine Profilneurosen und Machtspielchen pflegt. Zwei Tage später dann erweitert One mit dem englischen Krimi Charlie Says den Kanon fiktionaler Deutungen rund um Charles Manson (Matt Smith) – diesmal aus Perspektive seiner weiblichen Sektenmitglieder. Nur allzu real ist hingegen der Themenschwerpunkt Vor 90 Jahren, in dem Arte zum Jahrestag der Machtergreifung (und der Auschitzbefreiung) den Aufstieg des Nationalsozialismus nachzeichnet.

Und zwei Tage nach dem 30. Geburtstag des tapferen kleinen Spartenkanals Vox, der mit Formaten wie Schmeckt nicht, gibt’s nicht oder dem Club der roten Bänder regelmäßig Fernsehgeschichte schreibt, kehrt zum Wochenende die heute-show auf den Bildschirm zurück bevor auch Böhmermanns ZDF Magazin Royale aus dem Winterschlaf erwacht – zunächst allerdings nur mit einen Live-Konzert der aktuellen Ehrenfeld Intergalactic Tour 2023.


Klamroths Härte & Skys Pilze

Die Gebrauchtwoche

TV

9. – 15. Januar

Mehr als zwei Jahrzehnte lang konnte man Woche für Woche fragen, ob Hart und teils fair nicht der bessere Titel für Frank Plasbergs leicht populismusanfällige ARD-Talkshow Hart, aber fair gewesen wäre. Jetzt hat Louis Klamroth das Format übernommen, und nach seiner Premiere scheint denkbar, dass es die ARD in Hart oder fair umbenennt – vergaß der junge Influencer vor lauter Premierenfreundlichkeit doch, auch mal die härtere Gesprächsbandage anzulegen. Na, das kann ja noch kommen.

Etwa wenn der Freund von Klima-Aktivistin Luisa Neubauer nicht über Preisspiralen in Dauerkrisen debattiert, sondern – sagen wir: lügnerische Polizeipressestellen. Im Anschluss an die Silvesternacht-Krawalle zum Beispiel hat die Berliner schnellstmöglich 145 „vorwiegend migrantische Täter“ vermeldet, die Ordnungskräfte mit Böllern attackiert hätten. Mittlerweile jedoch musste die Polizei-PR ihre Zahl auf Nachfrage kritischer Medien unter 40 vorwiegend deutsche Täter reduzieren. Einsicht, gar Eingeständnisse? Fehlanzeige!

Mindestens mitschuldig am polizeitaktischen Täuschungsmanöver sind aber deren Objekte: Journalist:innen nämlich, die staatliche Verlautbarungen völlig unkritisch übernehmen, als wäre der Staat unfehlbar. Wie wenig er das ist, hatte Berlins Polizei kurz zuvor im Kampf gegen sogenannte Klima-Kleber gezeigt, die sie fälschlich für einen Unfalltod verantwortlich gemacht hatte und trotz der offensichtlichen Fehlinformation seither routinemäßig abfragt, ob Staus mit Umwelt-Aktivismus zu tun haben.

Wer da definitiv härter nachhakt als Louis Klamroth, ist bisher Anne Will – die Luisa Neubauer gestern allerdings vor allem zum Bild-Fetisch gewalttätiger Demonstrant:innen verhörte und Ende 2023 nach 16 Jahren eigene Talkshow aufhören will. Nach einem Jahr Pause hat CBS am Dienstag wieder die Verleihung der jahrzehntelang männerblütenweißen Golden Globes übertragen, wo man sich erstmals seit 1944 spürbar um Diversität bemühte. In der Fernsehsparte am erfolgreichsten: Abbott Elementary mit drei und The White Lotus mit zwei Preisen, während Im Westen nichts Neues aus Deutschland (wie auch bei den Critics Choice Awards) leerausging.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

16. – 22. Januar

Was Anfang 2024 definitiv nicht leer ausgehen dürfte: die Videospiel-Adaption The Last of Us, ab heute bei Sky und Wow. Die GoT-Stars Pedro Pascal und Bella Ramsey ziehen darin inmitten einer Pandemie übergriffiger Pilze, die Befallene zu – dummerweise sehr schnellen – Zombies machen, durch Amerika und versuchen, bei der Suche nach einem Heilmittel zu helfen. Trotz zuweilen leicht absurder Menschenpilze ist das erzählerisch, ästhetisch, atmosphärisch eine glatte 1.

Die kriegt auch Kida Ramadans Fernsehserie Asbest mit dem Rapper Xidir als Häftling, der sich den Frust über die falsche Verurteilung und all jene im eigenen Clan, die dafür verantwortlich waren, ab Freitag bei One mit Knastfußball abtrainiert. Wie so oft bei Kiezstudien von/mit Ramadan, ist der gewaltstrotzende Realismus darin auf unglaubliche Art authentisch. Eine glatte 2 immerhin gibt es für den Sechsteiler Bonn, ab morgen im Ersten.

Anders als im Historytainment seit Guido Knopps rechtspopulistischem Feierabendrevisionismus üblich, zeichnet Autorenfilmerin Claudia Garde darin nämlich kein Wirtschaftswundermärchenland voller NS-Opfer, sondern eine Jung-BRD, in der die Adenauer-Regierung alles dafür tut, NS-Täter zu integrieren. Während der reale Verfassungsschutz-Präsident (und einzige Widerstandskämpfer in relevanter Führungsposition) Otto John (Sebastian Blomberg) dagegen rebelliert, bietet die fiktive Toni (Mercedes Müller) aber auch Herzschmerz, keine Sorge.

Um im Schulmodus zu bleiben: Für ihre männlichen Charaktere kriegt die Vorabendserie Hotel Mondial ab Mittwoch in der ZDF-Mediathek knapp ausreichend. Weil die weiblichen Figuren darin durchaus vielschichtig bleiben und Folge 2 nächste Woche mehr Tiefgang erhält, gibt’s aber doch eine 3-. Von der Benotung verschont bleiben folgende Serien: Koala Man (Mittwoch, Disney+), Animationsserie um ein Supertier ohne Superkräfte. Rod Knock, norwegische Dramaserie (Samstag, ZDF) und Thunder in my Heart, achtteilige Coming-of-Age-Studie aus Schweden (Sonntag, SWR).


Hoffnungsschimmer & Chippendales

Die Gebrauchtwoche

TV

2. – 8. Januar

Wenn ein Jahr wie 2022 zu Ende geht, müsste die Hoffnung aufs nächste doch eigentlich alle Schatten der Furcht überstrahlen. Der Furcht davor, dass alles nur noch viel schlimmer kommen könnte. Schön wär’s… Aufs Gute der anstehenden zwölf Monate zu blicken, ist nämlich leichter gesagt als getan, so wie sich die ersten zwölf Tage anlassen mit Krieg & Terror, Winterhitze & dem Skandal überteuerter PCR-Tests, für den vermutlich wieder niemand – schon gar nicht der mutmaßlich Hauptverantwortliche Jens Spahn – belangt werden dürfte.

Es begann ja schon damit, dass der RBB – Schreckensgarant des öffentlich-rechtlichen Rundfunks – 2023 bereits am 30. Dezember begrüßte. Medienpolitisch verhieß das kurz nach Meldungen darüber, wie RTL den ehrwürdigen G+J-Verlag ausschlachtet und Deutschlands Journalismus damit weiter Richtung Abgrund treibt, nichts allzu Hoffnungsvolles. Immerhin: Netflix gab bekannt, das überteuerte Mystery-Spektakel 1899 zu stoppen, während Pro7 daran arbeitet, bis zum Herbst eine Nachrichtenredaktion aufzubauen.

Von We love to entertain you zum Nukleus mit Public Value – wenn RTL schon am demokratischen Grundgerüst sägt, sorgt die Konkurrenz immerhin für etwas Licht im Dunkel (dass sie zuvor allerdings selber ausgeknipst hatte). Die Frage, ob es eine gute Nachricht ist, dass die Ufa ein Prequel vom Dinner for One in Auftrag gegeben hat, ist da ebenso schwer zu beantworten wie jene nach dem Abschied von Thomas Hermanns aus dem Quatsch Comedy Club, der vor 30 Jahren den TV-Humor, nun ja, verändert hatte.

Bleibt noch ein Ständchen für die Sesamstraße zum 50. Geburtstag, aber ausdrücklich keines für Stefan Aust, der angeblich mal Journalist war, als Chefredakteur der Welt-Gruppe jedoch alle Energie auf eine einstweilige Verfügung wegen Persönlichkeitsrechtsverletzung gegen Jan Böhmermanns ZDF Magazin Royal verwendet, weil es ihn auf dem – viele sagen: durchaus lustigen Fahndungsplakat nach einer Lindner-Lehfeld-Bande im RAF-Stil überm Bild des veganen Querdenkers Volker Bruch nennt. Nein, so was aber auch!

Die Frischwoche

0-Frischwoche

9. – 15. Januar

Die (garantiert volkerbruchfreien) Erstausstrahlungen daher in Kürze. Angelaufen ist das Serienremake des Neunziger-Melodrams Interview with the Vampire bei Sky, wo die Untoten endlich ihrer blutrünstigen Homophilie freien Lauf lassen. Netflix zeigt bereits Nicolas Winding Refns Noir-Experiment Copenhagen Cowboy parallel zum überraschenden Sechsteiler Totenfrau mit Anna-Maria Mühe als Witwe auf Rachefeldzug, was die achtteilige Reiterhof-True-Crime Riding in Darkness eher unter- als überbietet.

Heute dann zeigt die ARD zum 80. der dankenswerten Wehrmachtniederlage eine Dokumentation über Stalingrad, was zumindest nicht völlig frei von Parallelen zu Sabrina Tassels ZDF-Reportage Gun Nation zur Waffensucht der USA ist. Den Siebenteiler Gestern waren wir noch Kinder, ab heute liniear im Zweiten, hätte man sich allerdings eher im Mediatheken-Asyl gewünscht, so lausig wurde Natalie Scharfs ambitionierte Milieustudie wohlstandsverwahrloster Elitenzöglinge umgesetzt.

Bunt statt trist wird es Mittwoch bei Disney+ im Zehnteiler Welcome to Chippendales über die Anfänge der weltberühmten Stripper-Truppe Anfang der Achtziger. Blutig statt bunt gerät naturgemäß die Fortsetzung vom Spin-Off Vikings: Valhalla bei Netflix. Effektvoll statt blutig scheint die achtteilige Gewaltstudie Cry Wolf in der Arte-Mediathek zu werden. Geruhsam statt effektvoll wirkt dagegen Samuel Becketts deutsch-britische Bestseller-Verfilmung Chemie des Todes um einen Serienkiller bei Disney+ tags drauf, der anschließend auch in German Crime Story: Gefesselt auf Amazon wütet.

Und bevor Tobias Moretti mit Tochter Antonia in Der Gejagte mal wieder irgendwas mit Mafia macht, der Vollständigkeit halber: Das Dschungelcamp zurück in Australien, aber ohne Marco Schreyl, dafür mit Jan Köppen als Moderator und endlich, endlich: Martin Semmelrogge und Claudie Effenberg beim Perfekten Hodendinner.


Best & worst-of: Fernsehjahr 2022

Hochstapler, Western, Frauen für alles

1561748.1024

Von Jan Freitag

Das Feuilleton ist ständig auf der Suche nach Trends, auch und gerade im Fernsehen. Aber ob Telenovela, Dreiecksbeziehung, Dokudrama, Scripted Reality, Real Crime: die reine Häufung macht kein Genre modisch. Wer dieses Jahr vorm inneren Flatscreen sieht, erkennt allerdings so viele Serien ähnlicher Stoffe, dass auch 2022 Tendenzen hat – wie Platz 1-3 einer Liste zeigen, die kein Ranking darstellt, aber belegen will, was im Guten wie Schlechten wichtig war. Nämlich folgendes:

Platz 11

1899, Netflix

Am Ende die Nr. 1 – zumindest in Sachen Budget. Mit dem Achtteiler um einen Passagierdampfer, der im Bermuda-Dreieck zur Bühne eines düsteren Kostümfestes wird, hat das Dark-Duo Jantje Friese und Baran bo Odar zwar die teuerste deutsche Serie gemacht, wie üblich im Boom-Metier Mystery aber so viele Nebelkerzen gezündet, dass übersinnliche Effekthascherei unablässig aus jedem Bullauge quillt.

Platz 10

Normaloland, ZDF-Mediathek

Mockumentary um ein fiktives Neustadt, durch das Regisseur und Autor Matthias Thönnissen sich und sechs weitere Hauptdarsteller schickt, um Deutschlands Spießbürgerlichkeit zu verdichten. Fünf Viertelstunden hält uns die Realsatire aber nicht nur wahrhaftige Spiegel vor; sie verkörpert den Trend 2022, unsere Wirklichkeit kostengünstig zu übertreiben, um sie gleichsam abstrakt und ergreifend zu machen.

Platz 9

Rottet die Bestien aus, Arte

Dokus haben’s schwer im Sog fiktionaler Serien, weshalb sie sich besser bemerkbar machen. Der Fifa-Studie Uncovered gelang das mit Recherche, dem Terror-Rückblick „Die Schüsse von München“ mit Aura. Und als Raoul Peck Rassismus oder Nationalismus autobiografisch unterfüttert mit der Geschichte des Kolonialismus verband, setzte er am Weg des Erfolgsmetiers Historytainment Meilensteine.

Platz 8

The Old Man, Disney+

Wie sehr sich die alternde Gesellschaft am Bildschirm zeigt, belegen ZDF-Vorabende voller Harndrangpillenreklame. Ein Mittel, das auch Jeff Bridges den Ruhestand erleichtert, bevor er als Ex-Agent dem CIA-Nachwuchs in der siebenteiligen Gewaltorgie zeigt, was Senioren draufhaben. Klingt bieder, ist aber auf so sinfonische Art modern, dass Robert Levine und Jonathan E. Steinberg Action neu definieren.

Platz 7

Der Kaiser, Sky

Wer Heilige verehrt, droht ihnen zu huldigen. Wie Tim Trageser, der dem windigen Beckenbauer Franz ein so devotes Biopic geschenkt hat, dass nur die karnevaleske Ausstattung peinlicher ist – und somit Historytainment von Dahmer (Netflix) über Winning Time (HBO) bis Pam & Tommy oder Gaslit (Starzplay) noch sehenswerter macht, weil sie anders als Der Kaiser real statt museal wirken.

Platz 6

Landkrimi: Vier (ZDF)

Es gibt Labels, die sind fast böswillig irreführend. Dass Marie Kreutzers Milieustudie Vier unter Landkrimi lief, hat das ORF-Drama um Ursache & Wirkung eines grausigen Leichenfundes nicht verdient. Die Darstellung dörflicher Verhaltensmuster ist so intensiv, dass sie sogar Matti Geschonnecks Rekapitulation faschistischer Verhaltensmuster der Wannseekonferenz an gleicher Stelle übertraf.

Platz 5

Summer of Schlesinger, RBB

Als Arte Mitte 2016 seinen Summer of Scandals feierte, war Patricia Schlesinger zwei Wochen RBB-Intendantin. 2022 feierte der Kulturkanal den Summer of Passion, und zwei Wochen später kollabierte ihr Feudalsystem so hingebungsvoll, dass es die Klima-, Kriegs- und Energiekrise tagelang auf hintere Schlagzeilenplätze verdrängte. Natürlich auch bei Bild TV – der schönsten Pleite des Jahres!

Platz 4

Safe, Neo

In der Ruhe liegt die Kraft – nach dem Grundsatz hat Kino-Regisseurin Caroline Link ihr kinderpsychiatrisches Kammerspiel Safe nach eigenem Buch in aller Stille zum lautstarken Fanal für wahrhaftiges Fernsehen gemacht. Selten zuvor war Kommunikation ohne inszenatorischen Ballast auf schlichtere Art unterhaltsamer, was vier Heranwachsende im Cast acht Teile lang zur Höchstleistung animiert.

Platz 3

The English, Magenta TV

Seit mehr als 100 Jahren gibt es schon Western und so ganz weg war das, was einst „Cowboy & Indianer“ hieß, ja nie. Aber 1883 (Paramount+) und besonders The English haben ihn nun neu definiert. Wie Hugo Blick Emily Blunts blutigen Weg als adlige Rächerin westwärts schildert, ist von der Bildsprache über die Darstellung Eingeborener bis hin zur Tiefenpsychologie fast schon revolutionär.

Platz 2

Der Scheich, Paramount+

Alle Welt will betrogen werden. Daher heißt der Fernsehtrend 2022: „Hochstapler“, die in Serien von WeCrashed über The Dropout oder Inventing Anna bis King of Stonks das Kunststück schaffen, abstoßend und anziehend zu sein. Wobei Dani Levys Version nur letzteres war – schon, weil er den leibhaftigen Loser, der als falscher Scheich die Schweizer Oberschicht blendet, so spürbar liebt.

Platz 1

Oh Hell, Magenta TV

Der schönste Trend zum Schluss: Frauen dürfen auch seriell alles! Im Neo-Drama Becoming Charlie grandios (Lea Drinda) ihr Geschlecht variieren, im Netflix-Feuerwerk Kleo (grandioser: Jella Haase) alte Stasi-Genossen exekutieren, in der Magenta-Groteske Oh Hell (am grandiosesten: Mala Emde) sich und andere heiter bis wolkig betrügen. Auch Hochstapler gibt es nun mit -innen. Toll!


Führerkult & Emirglaube

Die Gebrauchtwoche

TV

12. – 18. Dezember

Die WM ist aus und während viele wohl na endlich sagen, sagen andere Gott sei Dank, während der Rest ohnehin verdrängt, dass es je eine gab. Schließlich war Katar aus medienpolitischer Sicht ein Ort, an dem aus Starkult (Mbappé) ein Führerkult (Messi), Bildmacht zur handfesten Zensur und der Fußball damit unwiderruflich feudal geworden ist. Feudal war allerdings auch ein eurozentristischer Blick auf den arabischen Raum, der dabei gelegentlich romantisiert (Marokko) wurde, aber noch häufiger (Katar) verteufelt.

Für Differenzierungen, etwa die sichtbaren Entwicklungsschritte verglichen mit der ungeschorenen WM im (schon 2018 faschistoiden) Vorgänger-Ausrichter Russland, waren beim Gros der Begleittöne ebenso wenig Platz wie für (nicht grundsätzlich verwerflichen) Whataboutism historischer Verfehlungen, die insbesondere Europa mitschuldig machen an Despotien wie der katarischen. All das haben deutsche Dokus wie die von Jochen Breyer bei aller Erkenntnis zu wenig beleuchtet. Und damit zum zweiten Abschied der letzten WM-Woche.

Béla Réthy hat sein letztes Spiel kommentiert. Und obwohl viele nach 15 Großturnieren nun sicher na endlich sagen oder andere Gott sei Dank, dürfte es der Rest im Nachhinein zu schätzen wissen, wie wohldosiert der frischgebackene Pensionär 30 Jahre lang Sport und Politik ins richtige Verhältnis gesetzt hatte. Denn während sein Kollegium noch über Homophobie, Arbeitsbedingungen, Überfluss und Korruption in Katar klagten, hat das ZDF allen Ernstes Werbespots fürs totalitäre Saudi-Arabien geschaltet.

Der totalitäre Elon Musk hat unterdessen Werbung für Qanon getwittert und acht Journalist:innen von CNN bis NYT gesperrt. Angeblich, weil sie ihn gedoxxt hätten, tatsächlich, da sein kommunikativer Liberalismus vor der eigenen Haustür endet. Deutsche Mediennews sind hingegen von drolliger Arglosigkeit. Frank Plasbergs Nachfolger Louis Klamroth zum Beispiel ist mit der Klimaaktivistin Luisa Neubauer liiert, was flugs Vorwürfe der Voreingenommenheit nach sich zog. Und die Paramount-Plattform Pluto eröffnet einen Kanal nur für alte Folgen von TV total.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

19. – 25. Dezember

Was aber nicht heißt, dass Paramount+ nicht auch Streaming von Belang machen kann. Allem voran: Der Scheich, eine zehnteilige Seriengroteske die – wie das Portal schreibt – auf „wahren Lügen“ basiert. Nach eigenem Buch porträtiert Dani Levy einen real existierenden Betrüger, der sich als milliardenschwerer Sohn eines Emirs ausgegeben und das Schweizer Finanzsystem damit in Existenznot gebracht hatte.

Die Version des Hochstapelfans Levy (Alles auf Zucker) ist ab Donnerstag um einiges absurder als die Wirklichkeit – schon, weil sie die Titelfigur zum analphabetischen Impulstäter mit attraktiver Frau (Petra Schmidt-Schaller) macht. Trotzdem verleiht ihr Björn Meyer eine Wahrhaftigkeit, die bei aller Heiterkeit zu Hirn und Herzen geht. Auf ähnlich unglaubliche Art ergreifend ist die siebenteilige Real-Crime-Fiktion Under the Banner of Heaven, die Disney+ hierzulande deppert zu Mord im Auftrag Gottes macht.

Obwohl Gott (schon mangels nachweisbarer Existenz) keine Direktiven erteil, gibt es hier religiös motivierte Tötungsdelikte unter Mormonen der Achtziger, die ausgerechnet ihr uniformierter Glaubensbruder (Andrew Garfield) ermittelt. Das Resultat ist eine fundamental-christliche Version von True Detective, die Amerikas aktuelle Spaltung erklärt und trotz einiger Längen ungeheuer fesselt.

Das gilt wohl auch für den Netflix-Krimi Glass Onion mit Daniel Craig als Superdetektiv, der Freitag nach kurzer Kinoauswertung aufs Portal kommt. Sicher gilt es auch für Billy the Kid, mit dem Paramount+ tags zuvor die ewig schäumende Westernwelle weiter reitet. Und zumindest für alte weiße Incels und Klimawandelleugner, für Genderwahn-Schreihälse und überhaupt all jene, denen mitteleuropäische Männerprivilegien wichtiger sind als Gleichberechtigung oder Nachhaltigkeit, zeigt die ARD am Donnerstag den Jahresrückblick von Dieter Nuhr, wichtigstes Comedy-Ziel: Greta und die Klimakleber. Bruhaahaaaahhh.


Krömers Abschied & Kaisers Unschuld

Die Gebrauchtwoche

TV

5. – 11. Dezember

Bob ist tot, Bob, der mir – sorry, für den Ausflug ins Autobiografische – erklärte, dass Schönheit relativ ist und Anderssein bereichernd. Bob, der mit Monstern in Mülltonnen genauso gut konnte wie mit Kindern jeder Art. Bob, ein Erwachsener mit Geduld, aber ohne hohen Zeigefinger. Bob, der vor Herrn Hubers Krämerladen einer Straße aus Sesam durch die Welt reiste und doch auf dem Teppich blieb. Bob McGraw ist tot und hat mich nochmals zu Tränen gerührt – nicht, weil er gestorben ist, sondern weil er gelebt hat.

Dass Christiane Hörbiger zeitgleich mit 85 fünf Jahre jünger als Bob von uns gegangen ist, ging mir zwar nicht so nahe, hat aber eine ähnlich prägende Zeit beerdigt: Die 80er, als der Spross einer großen Schauspielsippe mit den Guldenburgs ebenfalls Fernsehgeschichte schrieb. Und wo wir grad bei Nachrufen mit privater Note sind: Dass der einzig bekennende Trump-Fan im seriösen Hollywood – Kirstie Alley – mit Anfang 70 gestorben ist, nehmen die freitagsmedien eher gelassen zur Kenntnis.

Viel Gelassenheit hätte man auch Chez Kurt Krömer gewünscht, der ein Verhör von Faisal Kawusi erst abbrach und dann versprach, sein Sendungskonzept nochmals zu überdenken, was in der Entscheidung mündete, es ganz zu lassen. Hätte er das mal früher getan, denn Krömers Art Interview hat dem Journalismus vielleicht mehr geschadet als all diese Arschlöcher, denen er Bühnen bot, um darauf häufig das größte zu sein. Also: Tschüss Kurt, du brauchst nicht wiederkommen.

Darauf scheint es derweil auch Donald Trump anzulegen, wo wie er auf seiner eigenen Plattform zum offenen Verfassungsbruch aufrief, was womöglich selbst der treuen Fan-Base Bild zu radikal ist, wo dem schlingernden Chefredakteur Johannes Boie gerade Robert Schneider vom, wie hieß dieses Corporate-Publishing-Blatt der Medizinbranche noch – ach ja: Focus, zur Seite gestellt wird, vorher aber, kein Witz, zum Drogentest muss.

Den mussten Führungskräfte öffentlich-rechtlicher Sendeanstalten nie machen, sondern hätten sich ARZDF wohl das ein oder andere Nero-Syndrom an der Spitze erspart. Dessen ungeachtet hat ein externer Untersuchungsbericht den NDR vom Vorwurf politischer Einflussnahme entlastet, während der RBB mit Susann Lange das nächste Direktionsmitglied – offenbar mit üppiger Pension – freistellen musste. Apropos Abgang: dass die Kameras nach dem sensationellen Halbfinaleinzug Marokkos zwei Minuten ausschließlich Cristiano Ronaldo statt jubelnder Fans und Spieler zeigte, zeugt davon, wie egal der FIFA Fußball ist.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

12. – 18. Dezember

Und damit zurück zur Realität, obwohl – nee, doch nur zu ihrer Simulation: Vorigen Freitag ist die sechsteilige Doku Harry & Meghan gestartet, von der Netflix wie so oft vorab keine Bilder zur journalistischen Kritik bereitstellte. Vielleicht ja deshalb, weil es gar keine Doku ist, sondern ein mehr als fünfstündiger Werbeclip für zwei wohlstandsverwahrloste Subjekte eines undemokratischen Feudalsystems beim Versuch, sich als Opfer zu präsentieren.

Da steckt ja mehr Realismus in 1883, Serienprequel von Kevin Costners Farmer-Saga Yellowstone, mit dem Paramount+ ab Mittwoch das 38. Westernrevival fortsetzt und fiktional diskutiert, wie die USA ein so waffenstarrendes, gewaltverliebtes Land wurden. Sehr frei legt Sky zwei Tage später auch die Existenz Franz Beckenbauers aus. Im Biopic Der Kaiser darf er sich schließlich mit Charme & Chuzpe durch die ersten 27 Karrierejahre schlawinern, ohne Korruption oder Menschenverachtung im Anschluss zu erwähnen.

Ob die Serienfortsetzung von Sisi bei RTL+ dem kaiserlichen Original zeitgleich näherkommt als die Filme der Fifties bleibt dagegen Spekulation, aber aufregender ist sie schon. So wie die zweite Staffel der Agentenserie Hamilton, ab heute bei ZDFneo. So wie der Real-Crime-Fünfteiler Mord im Auftrag Gottes ab Mittwoch bei Disney+. So wie der KI-Roadtrip All die ungesagten Worte tags drauf bei Lionsgate aka. Starzplay. Und so wie die Fortsetzung der hinreißenden Sky-Serie Die Wespe mit Florian Lukas als Dartspieler sowieso.

Ob das auch für beiden Fitzek-Verfilmungen Auris ab morgen bei RTL+ gilt, darf hingegen bezweifelt werden, denn der Bestseller-Fabrikant sorgt ja doch eher für aufdringliches Fernsehentertainment. Also zum Schluss noch ein Realtipp: Alles ist Eins, außer der 0 (0.20 Uhr ARD), das Porträt vom Chaos Computer Club, vor fast 40 Jahren gegründet in Hamburg.


Widerstand 2022 & Western 1883

Die Gebrauchtwoche

TV

28. November – 4. Dezember

Endlich Frieden, endlich Freiheit, endlich Ruhe, Recht und Ordnung: kaum hat sich die deutsche Fußballnationalmannschaft mit ihrer selbstmörderischen Hand-vor-Mund-Geste und der anschließenden Abreise aus Katar revolutionäre Zeichen gesetzt gegen das fundamentalreligiöse Regime, wurden dort alle homophoben Gesetze aufgehoben, Frauen gleichgestellt und sämtliche Fifa-Funktionäre in Haft genommen, um sie wegen Korruption zu belangen.

Wären das die Schlagzeilen der vergangenen Woche, würden wir in der laufenden womöglich Bilder wie jene vom aufgeheizten Spiel der USA gegen Iran sehen, wo es politische Rangeleien und Parolen auf den Rängen gab, die dem Fernsehpublikum schon deshalb verborgen bleiben, weil Katar und Fifa sie zensiert haben. Ein Flitzer mit Regenbogenfahne blieb dem Weltbild da ebenso verborgen wie leere, leise, öde Tribünen einer Veranstaltung, die Gianni Infantino dennoch zur besten ever erklären wird.

Bei Twitter zum Beispiel, das sich gerade in Windeseile zum Sprachrohr rechtspopulistischer Extremisten wie Elon Musk selber entwickelt, der darauf nun Apple den Krieg erklärt. Angeblicher Grund: weil das Tech-Unternehmen keine Werbung mehr bei Twitter lancieren will und – faselt der reichste Mann der Welt – die zugehörige App vom iPhone verbannen. Interessant, dass Jan Böhmermanns Hashtag der Woche immer noch auf Musks totalitärer Plattform läuft.

#rafdp hieß jener von vorvoriger Woche, der wieder mal wilde Debatten nach sich gezogen hat. Diesmal, weil sein ZDF Magazin Royal die FDP satirisch mit der RAF gleichgesetzt hatte. Kann, aber muss man nicht witzig finden, ist allerdings exakt derselbe Vergleich, den CSU/AfD zur blutrünstigen Terrorbande Letzte Generation zieht – und zwar ohne zu lachen… Selbst Die Zeit gönnte dem Streit daher ein ganzseitiges Pro & Contra von Martin Hagen und Hendrik Streeck.

Für & Wider vom RBB-Medienhaus haben sich dagegen erledigt: Kurz, nachdem der schwer machtmissbrauchsverdächtige Programmchef Jan Schulte-Kellinghaus in aller Stille zurückgetreten ist, wurde das Ende des völlig überteuerten Prachtbaus bekanntgegeben. Und das kurz, bevor dem Funkhaus mit Paramount+ am Donnerstag ein weiterer Streamingdienst Zuschauer*innen abspenstig macht.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

5. – 11. Dezember

Zum Sendeauftakt zeigt das Portal, auf dem sich künftig auch Formate von CBS, Showtime, Nickelodeon oder Pluto TV zählen, Halo, Strange New World oder The Man Who Fell to Earth gleich mal einen SciFi-Block, begleitet von einem Mystery-Block (From, Evil, Yellowjackets). Maßgeblicher jedoch ist die Fortsetzung des 24. Western-Booms, den Magenta-TV vor acht Tagen mit The English eingeleitet hatte.

Paramount+ setzt es nun mit dem sensationell erfolgreichen Prequel der US-Saga Yellowstone fort, in der Kevin Costner eine Art Montana-JR spielt. 1883 begibt sich nun auf die Spur seiner Ahnen, die im titelgebenden Jahr nordwestwärts ziehen und dabei eine Spur der Verwüstung nach sich ziehen. Mit Gaststars von Tom Hanks bis Billy Bob Thornton ist die Serie zwar verblüffend konventionell ausgestattet, diskutiert aber auf interessante Art, warum die USA zum waffenstarrend egoistischen Land von heute werden konnte.

Aber auch, welches Unrecht es auf dem Weg dorthin begleitet hat. Das Menschheitsverbrechen der Leibeigenschaft zum Beispiel, dem Apple TV+ ab Freitag ein opulentes Filmdrama namens Emancipation mit Will Smith als entflohener Sklave widmet. In Deutschland beginnt derweil die Phase der vorweihnachtlichen Feel-Good-Movies. Angefangen mit dem nächsten ARD-Auftritt von Armin Rohde und Ludger Pistor als Fleischbäcker Günther Kuballa und Wolfgang Krettek, diesmal im Mittwochsfilm Die Weihnachtsschnitzel, gefolgt von der Amazon-Serie Friedliche Weihnachten ab Freitag.

Eine sehr reiche Sippe Snobs verbringt die Festtage darin mit einer eher armen Sippe Asis, was nur hierzulande jemand witzig findet. Ebenfalls nur hierzulande denkbar: dass ein Windei wie Johann Theodor von und zu und auf und im Guttenberg nach seiner missratenen Karriere als klassenbewusster Politclown am Sonntag mit Thomas Gottschalk den RTL-Jahresrückblick moderiert. Liebes Christkind: wir wünschen Privatsendern Hirn mit Rückgrat.

Und dann ist natürlich noch der neue Podcast Och eine noch online, mit Wissenswertem zu einigen der oben besprochenen Themen wie 1883 oder Friedliche Weihnachten


Kapitänsbinden & Styroporplatten

Die Gebrauchtwoche

TV

21. – 27. November

Schwer zu sagen, welche Symbolgeste der deutschen Nationalmannschaft gegen das terroristische Dreigestirn Katar, FIFA, Fußball-WM philosophisch tiefer ging: dank der Niederlage im Auftaktspiel vorsorglich das Achtelfinale zu boykottieren? Damit trotz fehlendem Public Viewing nicht mal mehr zehn Millionen Fernsehzuschauer*innen, wo zu erzielen, die ihre Freizeit stattdessen mit Demos gegen Homophobie und Arbeitsbedingungen (die MagentaTV übrigens noch egaler sind als Uli Hoeneß) vor Ort verbringen.

Oder bunte Kapitänsbinden durch schwarzweiße Handbewegungen zu ersetzten, die niemand versteht, aber für Aufmerksamkeit sorgen. Tatsache ist: weil sich die germanischen Einkommensmillionäre beim – nein, natürlich nicht Abspielen der Nationalhymne vor den Augen aller, sondern nebensächlichen Teamfoto danach die Hand vor den Mund gehalten haben und damit, tja – was noch mal genau symbolisiert: Zahnfäule Mundgeruch, Lippenherpes, sind Gleichberechtigung und Weltfrieden Wirklichkeit geworden, Korruption und Kapitalismus dagegen Geschichte. Danke DFB!

Dem Bild-TV demnächst nicht mehr in den gutgeölten Anus oder umgekehrt kriechen kann, weil es die Fernsehsparte des Springer-Blattes bald nicht mehr geben wird. Das deutsche Fox News für reaktionäre (Ge-)Wissensverweigerer baut dem Vernehmen nach bis zu 80 Stellen ab. Wenn diese Journalismus-Attrappe in absehbarer Zeit abgewickelt wird, bleibt der Menschheit künftig also ein Medium erspart, dessen Dummheit mit seiner Ignoranz aufsehenerregend um Deutungshoheit ringt.

Um die Deutungshoheit bei Disney ringen hingegen mal wieder Mittelmäßigkeit und Größenwahn. Nach nur drei Jahren Pause löst Bob Iger seinen Vornamensvetter und Vorgänger Chapek infolge verheerender Zahlen als CEO des globalen Entertainers ab und hat Weltmachtpläne im Gepäck: die Fusion mit Apple. Um Content und Technik zu vereinen, sagt Iger. Um Netflix und Prime zu vernichten, glaubt die Konkurrenz.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

28. November – 4. Dezember

Gut, bei letzterem könnte das sogar klappen – zumindest, sofern das Angebot so blutleer und dämlich gerät wie der deutsche Young-Adults-Achtteiler Love Addicts. Mit dem Tiefgang einer Styroporplatte will Amazon damit ab Mittwoch die Netflix-Serie Sex Education germanisieren, was so klischeetriefend (bl)öde ist, dass es nur Adoleszenzverweigerern gefällt, die Instagram-Reels für Kunst halten. Weil das der Aufmerksamkeitsspanne Zielgruppenzugehöriger entspricht, könnten die dreißigminütigen Clips jedoch sogar funktionieren.

Also auf digitaler Ebene ähnlich rätselhaft, aber messbar wie Mittelalterfiktionen der Sorte Die Wanderhure. Damit, einige Boomer erinnern sich, stürmte das Autorenduo Iny Klocke und Elmar Wolrath Anfang des Jahrtausends erst deutsche Bestsellerlisten, um von Sat1 in drei Schnulzen der dümmsten Art verwurstet zu werden. Heute widmet der BR den Eltern der Wanderhure ein Porträt, was vielleicht nicht anspruchsvoll, aber durchaus erhellend sein könnte.

Beides bietet das ARD-Biopic Alice ab Mittwoch in Reinkultur. Nina Gummich agiert als Feministin Schwarzer bis zur Emma-Gründung 1977 so glaubhaft, dass man diese Glanzzeit der Frauenbewegung tatsächlich ein bisschen besser versteht und zudem glänzend unterhalten wird. Letzteres wiederum gilt auch für die parallel startende Thrillerserie The Patient mit Steve Carell als Psychiater, der auf Disney+ einen Serienkiller betreut – damit aber auch die Web-Serie Frankenstream füttert, in der Arte ab Dienstag viermal 15 Minuten in seiner Mediathek erörtert, warum digitales Bingwatching die Welt vernichtet.

Apropos: weil Disney+ alles von George Lucas im Portfolio hat, setzt es dessen Fantasy-Klassiker Willow von 1988 zeitgleich als Sechsteiler fort. Ein Spin-Off aus Dan Browns Mystery-Kosmos zeigt RTL+ Donnerstag mit The Lost Symbol um den Illuminati-Spürhund Robert Langdon. Mit der Near-Future-Dystopie Hot Skull setzt Netflix tags drauf sein Angebot türkischer Formate fort. Währenddessen darf man gespannt sein, wie die Fortsetzung der Anti-Agenten Slow Horses gelingt und ob Franziska Hartmann in der ZDF-Reihe Was wir verbergen genauso brilliert wie zuletzt in Neuland.