Ulmens Interview & Clements Steve

Die Gebrauchtwoche

8. – 14. Juni

Könnte ein vollumfängliches Schuldeingeständnis lauter schweigen als das von Christian Ulmen? Der toxische TV-Comedian und sein Staranwalt Christian Schertz haben mehrstündige Interviews mit der Zeit zu den Vorwürfen sexualisierter Gewalt gegen Collien Fernandes komplett zurückgezogen. Das macht niemand, der nichts zu verbergen hätte. Könnte ein vollumfängliches Schuldeingeständnis später kommen als das von Wim Wenders?

Dessen Stiftung hat nach langer, sehr langer Bedenkzeit, fadenscheinigen Ausflüchten und einem höchst bedenklichen Auftritt beim Deutschen Filmpreis die Zugänge zu seinem Kinofilm Falsche Bewegung gesperrt, in dem der Regisseur die damals 13-jährige Nastassja Kinski halbnackt von einem dreimal so alten Mann verprügeln ließ – was zu keiner Zeit der Nachkriegsmoderne auch nur ansatzweise okay gewesen wäre. Und könnte ein vollumfängliches Schuldeingeständnis ekelerregender klingen?

Gianni Infantinos „Pressekonferenz“ im Rahmen der Fußballweltmeisterschaft in den USA sowie zwei Ländern drüber und drunter, deren Name einem gerade nicht einfällt; die Audienz beim Fifa-Führer jedenfalls war eine so abstruse Aneinanderreihung von selbstgerechter Realitätsflucht, dass man sich fast schon auf den Fußball als Ablenkung von Infantinos Tyrannei freut. Aber eben nur fast. Und zu guter Letzt: könnte das Eingeständnis, keinen Schuss gehört zu haben, lauter knallen als bei der ARD?

Die Popkultur-Welle Cosmo durch ein haltungsschwaches Radiohybrid namens Street zu ersetzen, ist angesichts der vielen Dudelfunk-Folterkeller à la Joy oder NDR 2 nicht weniger als die Aufgabe des öffentlich-rechtlichen Sendeauftrags. Ach ja, und dann hat Trumps Administration noch die Übernahme von Warner durch Paramount für 111 Milliarden Dollar genehmigt. Womit das Schicksal von CNN als liberales Gegengewicht zum erwachenden US-Faschismus besiegelt sein dürfte.

Die Frischwoche

15. – 22. Juni

Bleibt wie so oft nur, sich niveauvoll zu sedieren. Mit der ebenso fabelhaften wie polarisierenden Hulu-Serie Alice and Steve zum Beispiel, die seit voriger Woche bei Disney+ läuft. Weil er etwas mit ihrer halb so alten Tochter anfängt, startet Alice (Nicola Walker) einen Freundschaftsrosenkrieg gegen Steve (Jemaine Clement), der sechs halbe Stunden dieser WrongCom lang rasend komisch und zugleich sehr gehaltvoll ist.

Nichts von dem ist die Prime-Serie Every Year After nach dem gleichnamigen GenZ-Bestseller. Aber wenn die bildschöne Hauptfigur darin an den kanadischen See ihrer bildschöneren Jugendliebe zurückkehrt und alte Wunden aufreißt, gibt es zumindest elegische Bilder plus gehaltvollen Eskapismus. Was wiederum irgendwie an die Viaplay-Serie Sisters 1968 erinnert, deren sechs Teile die Emanzipation schwedischer Frauen vor bald 60 Jahren rekapitulieren.

Zwei weitere Fiktionen dieser Woche behandeln obendrein das unverwüstliche Film- und Fernsehthema Jailbreak. Namentlich Nur für dein Leben um einen Mann, der Donnerstag bei Netflix aus dem Gefängnis ausbricht, um acht Teile lang seine Tochter zu retten. Und tags drauf schickt die ARD-Serie Prisoner einen Schwerkriminellen an der Seite seiner Wärterin in einen sechsteiligen Hinterhalt. Das Besondere: Inszeniert wurde der britische Sechsteiler neben Otto Bathurst auch von der Deutschen Pia Strietmann. Und als kleiner Tipp zum Schluss noch: Becoming Taylor Swift. Eine zweiteilige ZDF-Doku, die den Superstar seit voriger Woche in der Mediathek zwar konventionell, aber durchaus anspruchsvoll erklärt.


Wenders Feigheit & Russlands Mond

Die Gebrauchtwoche

25. – 31. Mai

Wenn sich die Film- und Fernsehbranche mit Trophäen feiert, ist allenfalls am Rande Platz für kritische Worte – interne zumal und schon gar nicht an Geehrte. Als die Deutsche Filmakademie am Freitag in Berlin ihre Lolas verliehen hat, wären aber wenigstens ein paar davon angebracht gewesen. Für Wim Wenders nämlich, den Nastassja Kinski zurzeit bittet, nein: anfleht, Szenen aus Falsche Bewegung zu entfernen, in denen er die damals 13-Jährige 1975 als nacktes Opfer sexueller Gewalt zeigte.

Dazu schwieg die Branche bei der Verleihung des Ehrenpreises an Wim Wenders weiterhin so laut, dass der eingespielte Satz des Produzenten Ulrich Felsberg, er „kenne niemanden, der nicht gerne mit dir zusammengearbeitet hat“ eher nach Rosamunde Pilcher als Arthaus klang. Und so war es Wenders selbst, der nach 80 Minuten einer belanglosen Show die Kohlen aus dem eigenen Feuer zu holen versuchte und alle Filmschaffenden dazu aufforderte, gemeinsam darüber zu diskutieren. Denn würde er sein Werk ohne Diskurs kürzen, schüfe er einen „Präzedenzfall, der euch alle betrifft“.

Das war zwar ein ziemlich verzagter Auftritt, in dem Wenders sehr viel von sich, also dem Täter, sprach und sehr wenig von Kinski, also dem Opfer. Obwohl er das Naheliegendste unterließ, nämlich um Verzeihung zu bitten und seinen Film nachträglich zu schneiden, verstärkte er die ohrenbetäubende Feigheit seines – stehend applaudierenden und dennoch winzigen Kollegiums abermals. Apropos Selbstverzwergung: Julian Reichelts neovölkisches Hetzportal NIUS macht nämlich nicht nur Millionenverluste; die Reichweite ist auf Platz 177 der „redaktionellen“ Online-Angebote abgesackt.

Den Claim „Stimme der Mehrheit“ hat es aber unabhängig davon erst durch „verlässlich, überparteilich, populär“ ersetzt und kurz darauf den ersten der drei Begriffe gestrichen. Weil der rechte Mäzen Frank Gotthart weiter Unsummen ins unverlässliche Medium steckt, ist das allerdings kein Grund zur Entwarnung. Schließlich zeigen die USA, wo CBS Donald Trumps Intimfeind Stephen Colbert in einer Art vorauseilendem Führer-Gehorsam abgesetzt hat, wie schnell Pluralismus und Pressefreiheit unterm Druck totalitärer Systeme biegen.

Das musste die ARD unlängst sehr hautnah in Kiew erspüren. Bei einen der unzähligen russischen Drohnenangriffe wurde ihr Studio – ob gezielt oder nicht – vorige Woche weitestgehend zerstört. Dass Heidi Klums Supermodels 2026 schon vorm sterbenslangweiligen Finale bekannt waren, ist da wirklich nur noch egal.

Die Frischwoche

1. – 7. Juni

Ungefähr so egal wie die anstehende Fußball-Weltmeisterschaft in der angehenden Diktatur Amerika. Nichtsdestotrotz gibt es zur Vorbereitung retrospektives Anschauungsmaterial. Das ZDF erinnert uns ab morgen im Vierteiler Elf Helden – Ein Albtraum ans verpatzte Turnier 1994. Die ARD verwendet einen Teil weniger seit ein paar Tagen schon auf die Mission Sommermärchen. Und Donnerstag versucht Netflix mit einem Porträt des Wonneproppens Lukas Podolski Stimmung zu machen, die sonst nicht so recht aufkommen will.

Bleibt also fiktionale Ablenkung vom Korruptionskomplex WM. Mit dem großartigen Spin-Off der SciFi-Serie For All Mankind etwa, das Apples Alternative History der russischen Monderoberung in Star City zehn Folgen aus russischer Perspektive erzählt. Oder ab Freitag an gleicher Stelle auf andere Art faszinierend: Cape Fear, ein serielles Remake des sehr amerikanischen Rachethrillers von 1962 und 1991 mit Javier Bardem als Haftentlassener, der an denen, die ihn unschuldig ins Gefängnis gebracht hatten, perfide Vergeltung übt.

Weder was für Feingeister noch schwache Nerven. Was irgendwie auch aufs Wacken Open Air zutrifft, dem Magenta TV am Donnerstag die hochinteressante, aber leicht unkritische Entstehungsdokumentation Hands Full of Metal zum 35. Geburtstag widmet. Gut unterhalten wird man ab Dienstag bereits von der Disney-Serie Not Suitable for Work über eine Handvoll Mittzwanziger, die in New York am Arbeitsmarkt (und ihrer Persönlichkeitsbildung) verzweifeln. Der schwedische Streamer Viaplay geht diesen Monat mit einem Satz – meist skandinavischer – Serien in die Offensive.

Heute starten der achtteilige Politthriller The Circle und die Film-in-Film-Comedy Veni Vedi Vici. Nach dem krachenden Scheitern seiner missratenen Apfelernte Ein Hof zum Verlieben wagt sich Sat1 parallel an die nächste Daily. Ab heute nämlich kämpft die alleinerziehende Krankenschwester Frieda (Laura Lippmann) 162 Episoden lang im Elbsandsteingebirge gegen das Aus ihrer Klinik und miese Quoten. Na, viel Glück!


Bravo: Headlines, Hypes und Herzschmerz

Internet Killed the Popkulturstar

Die Bravo wird 70, das Erste gratuliert mit der dreiteiligen ARD-Doku Headlines, Hypes und Herzschmerz. Grund zum Feiern gibt es allerdings nur bedingt – das frühere Jugendzentralorgan hat allen Glanz verloren und ist nur noch eine Influencerin unter vielen. Eine Zeitreise.

Von Jan Freitag

Die Sprache von gestern ist heute mitunter schwer zu verstehen. Und da geht es nicht mal um Worte wie „potzblitz“ oder „vermaledeit“, sondern moderneres Vokabular. „Radio“ etwa. Ein Empfangsgerät, das manchem Mitglied der Generation Z vertraut sein dürfte wie „Rohrpost“ oder „Grammophon“. In den Ohren Zwanzigjähriger klingt der Titel des Siebzigerhits Video Killed the Radio Star folglich nach Opas Plattenkiste. Als er Anfang August 1981 zum Sendestart von MTV erklang, waren schließlich viele Eltern der sagenumwobenen Alterskohorte noch gar nicht geboren. Wie schnell sie doch vergeht, die Zeit und ihre Ausdrucksform.

Apropos: Was war noch mal MTV?

Wer sich das gerade fragt, hat vermutlich erst recht keine Ahnung, wen das besungene Killervideo mit einiger Verzögerung noch töten half: Die Bravo – jahrzehntelang das unangefochtene Zentralorgan sämtlicher Nachkriegsgenerationen von Boomer über X bis Millennials. Am 26. August 1956 als „Zeitschrift für Film und Fernsehen“ erstmals am Wirtschaftswunderkiosk, hat sie Myriaden von Minderjährigen durch die Pubertät Richtung Ernst des Lebens begleitet und letzteres dabei gern auf die leichte Schulter genommen.

Bis zu sechs Millionen Teenager pro Ausgabe, um genau zu sein. Das errechnet Alex Gernandt zu Beginn einer dreiteiligen Dokumentation, die dem Massenblatt in der ARD-Mediathek ab heute einen alliterierenden Geburtstagsgruß sendet: Headlines, Hypes und Herzschmerz. Wegen der Wende sei die Auflage 1991 nicht nur auf sagenhafte 1,7 Millionen verkaufter Exemplare geklettert, erinnert sich der damalige Reporter und spätere Chefredakteur. Weil jedes Heft „im Schnitt durch vier Hände ging“, habe die Bravo praktisch alle Jugendlichen des wiedervereinigten Landes erreicht.

So eine Zielgruppenabdeckung schaffte nicht mal die Schwarzwaldklinik, von Massenmedien wie Stern oder Spiegel ganz zu schweigen. Womit wir mitten im Thema wären. Denn die alten Lagerfeuer der formierten Wohlstandsgesellschaft sind schon lange erloschen. Weder Samstagabendshow noch Sonntagmorgenzeitung, weder Gottesdienst noch Elefantenrunde, weder „Tagesschau“ noch Volksempfänger, ja nicht mal der Tatort bringen soziale Mikrokosmen noch so verlässlich am selben Tisch zusammen, dass die Pausenhöfe und Kantinen der Republik tags drauf geschlossen darüber diskutieren.

Selbst vergleichbares Einkommen, Alter, Milieu, Parteibuch oder Bildungsniveau sorgen schon längst nicht mehr dafür, dass Menschen auch vergleichbar entertaint, informiert, echauffiert, also er-, an- und aufgeregt werden. Das zeigt sich kaum irgendwo sichtbarer als beim „größten Jugendmagazin der Welt“ früherer Tage: Da sich Minderjährige mitsamt ihrer Kommunikation naturgemäß schneller wandeln als Erwachsene, ist das das wichtigste Peergroup-Medium seit dem Peak 1991 unaufhaltsam ins Bodenlose gestürzt.

Sieben Jahre später verabschiedete es sich aus dem erlauchten Kreis der Ausgabenmillionäre. Wenn ARD-Autorin Mariska Lief drei halbe Stunden an die zweiten 35 Jahre Bravo erinnert, bräuchte es für 1,7 Millionen verkaufter Exemplare statistisch gesehen sogar 40 Ausgaben. Aktuell setzt der Bauer-Verlag nur 43.700 Stück ab – und das nicht pro Woche wie bis 2015, sondern nach fünfjähriger 14-Tägigkeit: im Monat. Anders als längst verstorbene Lifestyle-Zeitschriften von Tempo bis Popcorn gibt es Bravo zwar weiter am Kiosk. Allerdings bedrohlich nah an der Wahrnehmbarkeitsschwelle. Wenngleich meist aus Gründen jenseits der eigenen Einflusssphäre.

Schließlich halbiert die Printkrise Periodika abseits der seltsam resilienten Zeit alle paar Jahre den Ausstoß. Der allmächtige Algorithmus verändert Kommunikationsmuster und ihre Medien derweil noch schneller als das Konsumverhalten. Gewachsene Popkulturblasen schlägt er auf höchster Stufe zu feinporigem Schaum. Technische Revolutionen wechseln sich da nicht mehr ab, sondern werden in einem Tempo gestapelt, das selbst hochtourige Teenager überfordert. Genau hier bedürfte es eigentlich Instanzen, die das Chaos zumindest grob sortieren. Aus Sicht des Mediensoziologen Bernd Schorb aber hat das Internet mit seinen Chats und Messengern, Blogs und Portalen „die klassischen Gatekeeper-Strukturen der Jugendmedien zerschlagen“.

Im Feed genannten Postfach tausender Memes und Reels, Hauls und Hooks, News und Teasern sozialer Medien, mag Bravo folglich ein brachialpublizistisches Krawallorgan sein. Eine Art Goldenes Blatt für die GenZ gewissermaßen, das „Wahrheit, Recherche, Differenzierung“ seit jeher durch „Emotionen, Spektakel, Unterhaltung“ ersetzt, wie die Popkulturforscherin Annekathrin Kohout ein Magazin umschreibt, das – ob digital oder analog – seit exakt 70 Jahren banales Halbwissen per Mimik-Analyse in endlose Erregungsschleifen schießt.

Zwischen bekömmlichem Gossip und giftigen Fakes aber diente Bravo Heranwachsenden als verlässliche Ansprechpartnerin in Sachen Liebe, Sex und Zärtlichkeit. Dazu Gruppendynamik, Freundschaft und ganz wichtig: Popkultur – die allerdings auch was zurückbekam. Denn so laut der später geoutete Caught-in-the-Act-Traumtänzer Eloy de Jong, das ausgeblühte Blümchen Jasmin Wagner oder die DSDS-Sängerin Jeanette Biedermann ihre Boygroup-, Eurodance- und Seifenoper-Vermarktung bei Mariska Lief beklagen: Bravo hat Stars wie sie nicht nur begleitet, sondern kreiert.

Als „Steigbügelhalter oder Geschmacksverstärker“, wie es Alex Gernandt ausdrückt. Nur: als der PR-Profi persönlich Geschmäcker verstärkt und Steigbügel gehalten hat, standen noch echte Stars in München-Neuperlach Schlange und füllten dem Bauer-Verlag in Hamburg-Mitte das Konto. Madonna, Metallica, Michael Jackson, Beyoncé, 50 Cent, Bruno Mars: Noch keine 30 hat der 60-Jährige seinerzeit rund 1000 Interviews für ein Blatt geführt, das Menschen groß, aber auch klein schreiben konnte. Lang ist’s her.

Vom Titel der neuen Ausgabe lächelt zwar Taylor Swift. Doch neben Beautytipps, Influencer-Tratsch und Entjungferungsprosa redet nur das schwedische Popsternchen Zara Larsson mit Bravo. Das Prinzip Promi hat sich halt grundlegend gewandelt. Früher wurde man durch Entertainment populär, gepusht von Gatekeepern wie Bravo oder MTV. Jetzt nutzen Stars keine Medien, sie sind ihre eigenen. Was wiederum weder Journalisten noch Tonträger, geschweige denn Druckerzeugnisse benötigt. Auch, wenn die „Bravomagazin“ stattliche 870.00 Follower bei Instagram hat: Social Media Killed the Jugendzeitschriften-Star.


Timmys Tod & Friedlers Hosen

Die Gebrauchtwoche

11. – 17. Mai

Na, da werden wohl Köpfe rollen. Weder Tagesschau noch heute haben die News der Woche zur besten Sendezeit vermeldet, geschweige denn Brennpunkte gesendet und alle folgenden Programme unterbrochen: Timmy ist tot. An dieser Stelle müssten wir angesichts der Trauer ums weltweit wichtigste Lebewesen kurz schweigen und uns erst nach kurzer Trauer um einen Buckelwal lecker Kabeljau aus Schleppnetzfang oder Kotelett aus Massentierhaltung braten.

Ob beides auch in den Kantinen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks angeboten wird, kann hier nicht geklärt werden. Was aber feststeht: Man sollte ihn, also den ÖRR, keinesfalls wie es – kleiner Disclaimer – auch der Autor dieses Textes in früherer Zeit schon mal getan hat – Staatsfunk nennen. Darauf hat Jan Böhmermann am Freitag im ZDF Magazin Royal hingewiesen, und damit ein weithin hörbares Feuer für die Pressefreiheit entzündet.

Zwei Tage später dann war alles immer wie immer, als sich der ESC wie Fugenmasse durch die Hauptsendezeit des Ersten Programms quetschte. Durchschnittlich vier Tänzerinnen und Tänzer zappelten darin um eine (meist weibliche) Gesangsdarbietungen mit mehr Worten wie Love und Passion im Text als Textilien am Leib. Der deutsche Kommentar war bissig und der deutsche Beitrag belanglos, also drittletzter.

Mindestens Drittbester aller Tatorte ist der mit Cornelia Gröschel und Martin Brambach. Doch damit ist vorerst Schluss. Aus Kostengründen lässt der MDR das Dresdner Team drei Jahre pausieren und liefert der rechtspopulistischen Dialektik damit frisches Kanonenfutter. Schussrichtung: eigentlich müsse der ÖRR ja abgeschafft werden, aber er soll gefälligst weiterhin ostdeutsche Produktionen liefern.

Wie methodisch der Irrsinn auch hierzulande sein könnte, zeigt uns unterdessen Frankreich. Dort sperrt der ehemals angesehene canal plus demnächst wohl 600 Schauspieler:innen aus, die sich in einem offenen Brief gegen den Kurs des neuen Besitzers Vincent Bolloré ausgesprochen haben. Grund: er will seinen Sender ganz unverhohlen zum Sprachrohr rechtsextremer Parteien und Meinungen machen.

Die Frischwoche

18. – 24. Mai

Gar nicht so leicht, von hier aus ins aktuelle Fernseh- und Streamingprogramm zu schalten, aber es nützt ja nichts. Am Mittwoch startet der nächste Streich des dokumentarischen Tausendsassas Eric Friedler in der ARD-Mediathek. Monatelang hat er Die Toten Hosen dabei beobachtet, wie sie Das letzte Album in einer Jugendherberge aufnehmen. Das Resultat: der Nekrolog einer unsterblichen Punkband, was gleichermaßen durch Herz, Kopf und Seele geht.

Reality TV völlig anderer Art liefern hingegen Sky und Wow, wo ab Donnerstag Ralf & Étienne bildgewaltig heiraten und damit zeigen, wie PR-bewusst Familie Schumacher ihr aufgestautes Benzin im Blut zu Geld macht. Bisschen eklig ist die turbokapitalistische Selbst- und Fremdausbeutung schon. Weshalb alle anderen Formate dieser Woche in einem viel helleren Licht erstrahlen.

Die Netflix-Serie The Boroughs zum Beispiel. Eine Art Late-Coming-of-Age-Horror-Dramedy aus einer Gated Community, in der wohlhabende US-Senioren gemütlich Richtung Lebensende konsumieren. Weil dahinter die Duffer-Brothers stehen, ahnt man aber früh, dass wie in Stranger Things ein paar Monster mitmischen. Was eigentlich egal ist, denn als Sittengemälde des amerikanischen Eskapismus funktioniert die Serie hervorragend. Die Weltflucht einer neuen ARD-Serieist hingegen extraterrestrisch.

Nach dem Erdkollaps fliegen die Reste der Menschheit durchs All und checken mitunter im Stardust Hotel ein, dessen Erbin das marode Raumschiffhaus aufmöbeln muss, um es verkaufen zu können. Elsa van Damke und Simon Ostermann liefern ab Freitag also eine siebenteilige Nummernrevue, die nicht immer witzig ist, aber fabelhaft ausgestattet. Bliebe noch zu erwähnen, dass die famose Hebammen-Serie Push parallel in die 2. ZDF-Staffel geht und zeitgleich bei Apple TV+ die Dark-Comedy-Serie Maximum Pleasure Guaranteed startet.


Presseunfreiheit & Shoa-Opfer

Die Gebrauchtwoche

4. - 10. Mai

Nein, die Zeiten sind aktuell keine allzu guten für Menschen, die nicht nur irgendwas, sondern etwas Bedeutsames mit Medien machen. Der Pressefreiheitsindex stellt den westlichen diesbezüglich gerade ein verheerendes Zeugnis aus. Da das Ranking nicht nur exekutiven und juristischen, also strukturellen, sondern auch wirtschaftlichen und privaten, also eher soziokulturellen Druck auf Journalist:innen berücksichtigt, ist es zwar leicht wahllos, wie etwa das deutsche Abrutschen von Platz 11 auf 14 belegt.

Schließlich geht steht die Publizistik hierzulande nicht seitens der Regierung, sondern Social Media unter Beschuss. Sie kann aber weitestgehend frei berichten. Die globale Situation macht aber schon deshalb Angst, weil hinterm Spitzenreiter Norwegen nur noch in einer Handvoll – fast durchweg nordeuropäischer – Staaten überhaupt von echter Pressefreiheit die Rede ist. Anders als in den USA, das völlig zu Recht auf Platz 64 gefallen ist, wo sie vor Panama, aber hinter Botswana rangieren.

Donald Trump führt schließlich einen Vernichtungsfeldzug von ganz oben gegen missliebige Medien. Umso ermutigender, dass von denen Anfang Mai besonders all jene Pulitzer-Preise abgeräumt haben, die sich gegen den aufkeimenden Faschismus stemmen: Washington Post, Reuters oder Associated Press und die New York Times natürlich. Aber auch Regionalzeitungen wie The Minnesota Star Tribune. In Großbritannien hofft man derweil darauf, dass der neue BBC-Generaldirektor Matt Brittin seinen Sender ebenso tapfer gegen die völkische Front um den Regionalwahlgewinner Nigel Farage verteidigt wie seine Vorgänger.

Und Deutschland? Da tritt der (umstrittene, aber experimentierfreudige) Schwäbische Verlag dem Zeitungssterben sehr kreativ entgegen. Einige Lokalblätter werden künftig schon abends ausgeliefert. In Brandenburg oder Mecklenburg-Vorpommern etwa, wo Samstag ein besonderer Geburtstag stattfindet: Die DEFA wird 80. Also eine Film- und Fernsehfabrik realsozialistischer Herkunft, die zwischen übelster Propaganda und famosem Kino alles im Ost-Programm hatte. Wir gratulieren also stirnrunzelnd, aber herzlich.

Die Frischwoche

11. – 7. Mai

Nicht nur herzlich, sondern euphorisch gratulieren wir Arte zur neuen Serie. Mittwoch verlegt Showrunner Hagai Levi die Tagebücher des jüdischen Shoah-Opfers Etty Hillesum aus den 1940er Jahren in eine nicht näher spezifizierte Gegenwart, wo sich die Titelfigur (Julia Windischbauer) im Aufkeimen einer antisemitischen Diktatur vom Psychiater Julius Spier (Sebastian Koch) therapieren lässt. Das Ergebnis ist sechsmal auf so brüllend stille Art eindrücklich, dass man von dieser Seelenstudie im Untergang kaum genug kriegen kann.

Bei dem Personal vielleicht kein Zufall. Eine Überraschung ist dagegen die Prime-Serie It’s Not Like That. Freitag versucht Scott Foleys Pastor Malcolm dort, mithilfe der frisch verlassenen Nachbarin Lori (Erinn Hayes) über den Krebstod seiner Frau hinwegzukommen. Das emotionale Durcheinander könnte da durchaus in billiger Melodramatik enden. Dank der fünf minderjährigen Kinder im Plot allerdings wird daraus eine wirklich sehenswerte Milieustudie amerikanischer Bürgerlichkeit.

Das gilt auch fürs schwedische Beziehungschaos Keep it Together, seit Montag bei Viaplay online. Ansonsten hält die Woche eher gehobenen Durchschnitt bereit: Die bruttige Prime-Serie Off Campus schwingt sich Mittwoch mit heteronormativen Kufen-Cracks auf den Eishockeyzug von Heated Rivalry. Bei Magenta hat Andrew Lincoln als mittelalter Mann der Thriller-Serie Coldwater ein sechsteiliges Impulskontrollproblem. Freitag geht Yellowstone bei Paramount+ in den vierten Ableger namens Dutton Ranch.

Und dann gäbe es noch zwei bemerkenswerte Dokus: In der ARD-Mediathek wird seit Montag Frank Farians philorassistisches Popkulturphänomen Boney M über 90 Minuten hinweg eingehend analysiert. Und tags drauf begibt sich das ZDF in den Maschinenraum der Macht, wo es ein Jahr lang Spitzenpolitiker von Jens Spahn über Reem Alabali-Radovan bis Carsten Wildberger begleitet und dabei tief in die Abgründe, sprich: Krisen der schwarz-roten Koalition blickt.


Kimmels Witwe & Olivias Empowerment

Die Gebrauchtwoche

27. April – 3. Mai

Donald Trump, jener Präsident also, der sich in aller Öffentlichkeit über den Tod seiner politischen Gegner amüsiert, fordert die Entlassung von Jimmy Kimmel, jenem Talkhost, der Melania Trump zwei Tage vorm Attentatsversuch von Washington „das Leuchten einer werdenden Witwe“ attestiert. Dass damit die Schüsse beim Correspondents Dinner gemeint waren oder den Täter angestiftet haben, ist natürlich aberwitzig. Aber nicht aberwitziger als der Horrorclown im Weißen Haus.

Immerhin: Weil seine Sprecherin Karoline Leavitt am Tag der Veranstaltung „einige Schüsse im Raum“ angekündigt hatte, nährt sie die die irrsinnigerweise gar nicht komplett aberwitzige Verschwörungstheorie, Trump habe das Ganze zur inszeniert. Und damit zur ähnlich großen Selbstinszenierung der Woche. Friedrich Merz saß am Sonntag bei Caren Miosga, und was soll man sagen: er ist in keinen Fettnapf getreten.

Mehr noch. Zum Jahrestag der schwarz-roten Koalition hat der unbeliebteste Bundeskanzler aller Erhebungszeiten zwar den merkwürdigen Satz von sich gegeben, er haben „keine Vollmacht, die CDU umzubringen“. Dafür gab es keine einzige, in Zahlen 0,00 rassistische, zynische oder sonst wie menschenverachtende Entgleisung. Für 60 Minuten Merz-Solo, bei dem Caren Miosga exakt den Kleidungsstil ihres prominenten Gastes (oder umgekehrt) kopierte, eine Ausnahmeleistung.

An gleicher Stelle hatten derweil viele Angst vor Julia Ruhs‘ erstem Auftritt im ARD-Magazins Klar. Wie nicht anders zu erwarten, hatte der Bayerische Rundfunk der NDR-Moderatorin Asyl gewährt, nachdem ihre Agenda für hanseatische Ansprüche ein wenig zu weit rechts stand. Als es bei ihrer BR-Premiere nun ums Thema Islamisierung ging, zuckten selbst in München einige zusammen. Aber Entwarnung: Ruhs zeigte eindrücklich, was sie ist: weder eine sonderliche reaktionäre noch eine sonderlich gute Journalistin.

Die Frischwoche

4. – 10. Mai

Zumindest letzteres unterscheidet sie deutlich von Enrico Demurrays sehenswerter Reportage Femizid – Tödlicher Hass auf Frauen. Zwei bestürzende Fallbeispiele Betroffener aus der ZDF-Reihe 37°, die am Dienstag, 22.15 Uhr, nicht mal ansatzweise so plump sind wie der populistische Untertitel. Dem Obertitel nach dezent, vom Inhalt her schillernd ist hingegen ein Eventfilm an gleicher Stelle, den das Zweite parallel online stellt.

Olivia erzählt das Leben des schwulen Landeis Oliver Knöbel, der 1989 aus Springe nach Hamburg zieht, um als Olivia Jones „auf St. Pauli weltberühmt“ zu werden. So drückt es ihr Darsteller Johannes Hegemann bei jeder Gelegenheit des rührenden Coming-of-Age-Empowerments aus. Till Endemann skizziert die Dragqueen nach David Ungereits Drehbuch zwar arg chronologisch und mitunter klischeehaft; weil die Porträtierte stets am Entstehungsprozess beteiligt war, ist der Film jedoch absolut authentisch. Und kraftvoll sowieso.

Das gilt auch fürs Serienhighlight in anderer Nische. Bei Viaplay begleitete der Dreiteiler Welfare Warriors die Belegschaft eines finnischen Arbeitsamtes durchs Fegefeuer der Bürokratie. Showrunnerin Siina Lymi kreiert dabei eine Art magischen Realismus, der auf tragikomische Art lustig ist. Humorfrei ist demgegenüber die Rückkehr des schweigsamen Desperados Trojan. Vor 16 Jahren schuf Thomas Arslan mit dem Auftragsräuber einen Gangstertypus, der seit Jean-Pierre Melvilles films noir der Siebziger eigentlich ausgestorben war.

In Verbrannte Erde holt Mišel Matičević das Fossil wortkarger Männlichkeit zurück nach Essen. Ob das nun reaktionär oder dialektisch ist, kann man ab Freitag in der ARD-Mediathek begutachten. Was sonst noch läuft? Bei Netflix startet am Mittwoch die Thrillerserie Kastanienmann. Apple schickt tags drauf Mutter und Tochter ins Drogenmilieu der achtteiligen Dramas Unconditionable. Und zeitgleich begibt sich Sky dokumentarisch auf die Suche nach guter Kindermusik zwischen Kunst und Klicks.


Korrespondentendinner & Geisterhäuser

Die Gebrauchtwoche

20. – 26. April

Nein, wir machen an dieser Stelle keinen Witz darüber, welcher Ausgang des missratenen Attentats auf das Correspondents Dinner in Washington wünschenswert gewesen wäre. Selbst El Hotzo hält sich angesichts der vorherrschenden Empathie mit Autokraten diesbezüglich zurück. Aber hätte der Angreifer getroffen, wäre – um in Donald Trumps Duktus zu bleiben – definitiv besseres Fernsehen dabei herausgekommen.

So wundert man sich eher, wie viele all jener Journalistinnen und Journalisten, die ihr Gastgeber im Alltag als Abschaum beschimpft, in Frack und Fummel zum aktuell mächtigsten Feind der Pressefreiheit westlicher Demokratien gekommen sind. Und zwar nicht solche wie, sagen wir: Jan Philipp Burgard. Der hat ja auch bald in Tel Aviv zu tun, wohin ihn die Axel Springer SE trotz diverser Vorwürfe sexualisierter Übergriffigkeiten als Global Reporter über Nahöstliches entsendet hat.

Damit wäre bewiesen, das misogyne Gewalt bei Springers kein Abstiegs-, sondern ein Aufstiegskriterium ist. Ebenso wie bei der FAZ vermutlich. Dessen Autor Stefan Löwenstein nämlich schaffte es, die homo-, queer- und transphoben Gesetze Ungarns in einem Kommentar zu kritisieren – nur, um einen Absatz später homo-, queer- und transphobe Maßnahmen in Deutschland zu fordern. Wie gut, dass es noch körperlich erträgliche Meldungen aus der Medien-Bubble gibt.

Mittwochabend hat die EU-Kommission verkündet, den Kauf von Sky durch RTL zu genehmigen. Und zwar vorbehaltlos. Das ist, bei aller Kritik an kommerzieller Programmgestaltung, eine gute Nachricht für den Fernsehstandort D im Kampf gegen übermächtige Gegner von Alphabet bis Meta. Und war entsprechend Gesprächsthema Nr. 1 bei den Medientagen Mitteldeutschland, die tags drauf in Leipzig zu Ende gegangen sind.

Die Gebrauchtwoche

27. April – 3. Mai

Vor Ort auch ZDF-Intendant Norbert Himmler, der das öffentlich-rechtliche System mit Verve und Herz verteidigt hat. Grundsätzlich zu Recht. Es sei denn, man schaut sich ab Montag die pseudo-empowerte Mediatheken-Farce My Ex an, in der die bemitleidenswerte Quereinsteigerin Palina Rojinski sechsmal 45 Minuten nur drei Ziele verfolgt: sexy sein, Traummann finden und… Ach nee; sind doch nur zwei Ziele einer Art Wirtschafswunderunterhaltung für die GenZ. Auweia.

Und so bleibt es den Streamern vorbehalten, den ÖRR fiktional vor sich herzutreiben. Amazon Prime Video zum Beispiel mit der Serienadaption von Isabel Allendes Geisterhaus, das gut 53 Jahre nach Augusto Pinochets Machtergreifung irritierend aktuell ist – und besonders aus feministischer Sicht jederzeit erzählenswert. Das gilt mit Abstrichen auch für die britische Thriller-Serie Secret Service mit dem emanzipierten Ex-Bond-Girl Gemma Arterten als MI6-Agentin auf der Spur eines englischen Politikers in Putins Diensten, tags drauf bei MagentaTV.

Am Mittwoch dann startet AppleTV+ die ziemlich lustige, weil gut getimte Horror-Comedy Widows Bay mit Matthew Rhys als Bürgermeister einer angeblich verfluchten Insel in Neuengland, deren Bewohner an aberwitzige Gruselgeschichten glauben, die natürlich allesamt Hirngespinste sind. Oder? Und immerhin irgendwie drollig scheint die Dramedy-Serie The Miniature Wife ab Donnerstag bei Sky und Wow zu sein, in der Lindy Littlejon (Elizabeth Banks) auf 15 Zentimeter geschrumpft wird, was die Ehe mit Les (Matthew Macfadyen) vor völlig neue Herausforderungen stellt.


Pedro Pascal & Richard Gadd

Die Gebrauchtwoche

13. – 19. April

Es ist zwar systemimmanent, aber trotzdem unglaublich: Sechs Wochen, nachdem ein anthropomorpher Buckelwal im seichten Ostsee- und Boulevardgewässer vom Meeressäuger zum Weltgewissen mutierte, schafft er es partout nicht aus der Berichterstattung. Dass die Tagesschau keine Live-Reporterinnen mehr an die Ostsee schickt, muss man da schon fast als publizistischen Teilerfolg werten. Doch abseits davon allerdings dient der gestrandete Meeressäuger unverdrossen als Ablenkung von unserer Destruktivität als Deutsche, Consumer, Spezies.

Auch von der breaking news natürlich, dass gut 1000 Filmschaffende aus den USA gegen die Riesenfusion von Warner und Paramount protestieren. Darunter Pedro Pascal und … ach nee, das reicht ja eigentlich dicke, um der Initiative Nachdruck zu verleihen. Der halt nur leider keinerlei Konsequenzen nach sich ziehen dürfte. Die Multimilliarden der entfesselten Medienoligarchie gehen schließlich nicht dorthin, wo die Moral, sondern der Profit am größten ist.

Auch deshalb erlebt die altehrwürdige BBC zurzeit den größten Kahlschlag ihrer 124-jährigen Geschichte. Mehr als 2000 Vollzeitkräfte – fast ein Zehntel der Belegschaft – fallen einem radikalen Sparkurs zum Opfer, den der öffentlich-rechtliche Rundfunk Großbritanniens auch deshalb einschlägt, um seine rechtsradikalen Gegner zu besänftigen. Die BBC reißt also selbst am Ast, den Nigel Farages Trolle Tag für Tag ansägen. Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr.

Da will der ORF nicht nachstehen und zerlegt sich nach dem Rücktritt von Generaldirektor – wie der Intendant in Österreich heißt – Roland Weißmann fröhlich selbst. Ob an den Vorwürfen sexueller Übergriffe etwas dran ist, wird sich zeigen. Tatsache bleibt, dass auch der ORF aus Angst vor Herbert Kickls FPÖ wie die Piraten bei Asterix das eigene Boot lieber selbst versenkt als auf Gallier zu warten. Und damit zu Tanit Koch, die vorige Woche erstmals das ARD-Magazin Fakt moderierte.

Dank dieser Personalie ersetzt der NDR das rechtspopulistische Faltboot Julia Ruhs also durch ein Gewächs der Springer-Presse und wirft Fragen auf. Etwa: wie verzweifelt man in den Funkhäusern mittlerweile im Angesicht wachsender AfD-Erfolge ist? Verzweifelt genug offenbar für gebührenfinanzierte Kamikazeaktionen, die daran nichts, aber mal gar nichts ändern werden. Im Gegenteil.

Die Gebrauchtwoche

13. – 19. April

Das macht eigentlich gar keine Lust auf Serien wie jene, für die Richard Gadd steht. Mit Rentierbaby sorgte der umgesattelte Stand-upper bei Netflix ja für die Seriensensation des Jahres 2024 schlechthin. Jetzt folgt die nächste Unterhaltungsdystopie, mit der er ab Freitag (jetzt bei HBO-Max) nach eigenem Drehbuch in die Abgründe der menschlichen Hybris eindringt: Half Man.

Sein schottischer Psychopath Ruben hat mit dem Mobbing-Opfer Niall (Jamie Bell) darin eine entschieden unangenehme, lebenslang toxische Beziehung. Bis zur letzten Minute zugleich abstoßend und anziehend, stellt der Sechsteiler damit alles in den Schatten, was dieser Tag noch so startet. Die Neo-Serie Escort Boys um französische Bauern zum Beispiel, die der wirtschaftlichen Not ab Mittwoch mit, tihi, nackten Tatsachen begegnen. Oder den Netflix-Thriller Apex mit Charlize Theron ab Freitag.

Auch die neue Adult-Anime-Serie Kevin um einen habituell mindestens merkwürdigen Kater, bereits heute bei Prime Video. Und natürlich auch die zweite Staffel der drolligen Abenteuer-Reise Mission Unknown ab Mittwoch an gleicher Stelle. Obwohl man Jens Knossale aka Knossi merkwürdigerweise gern dabei zusieht, im Kreise selbstverliebter Influencer an krassen Challenges zu wachsen.

Was ansonsten noch so von größerer Bedeutung ist? Allenfalls noch die Grimmepreis-Verleihung, am Freitag um 22.30 Uhr bei 3sat als zweistündige Zusammenfassung. Mal sehen, wie das Publikum in Marl den Spannungsbogen von der Affäre Cum-Ex über Frank Elstners Lebenswerk bis hin zu Gerry Star beurteilt.


Literaturkritiker & Schäferhunde

Die Gebrauchtwoche

6. – 12. April

Ultimatum, lat. von ultimos, der äußerste, wird gemeinhin als letzte, also wirklich allerletzte Warnung verwendet, etwas Unerwünschtes noch abzuwenden. Es waren also knapp zwei Dutzend wirklich absolut endgültiger Ultimaten, die Donald Trump laut Süddeutsche Zeitung in seiner 15-monatigen Amtszeit abgegeben hat – und vorwiegend verstreichen ließ. Immerhin: einige davon galten bekanntlich seinem Lieblingsfeindbild: der unabhängigen Presse.

Tag für Tag für Tag beschimpft er Journalist:innen liberaler Medien als terrible reporters und persons. Einem davon nun mit Gefängnis zu drohen, weil er (m/w/d) über den Piloten eines abgeschossenen Kampfjets berichtet hatte, ist allerdings nicht nur deshalb außergewöhnlich, weil Haftstrafen auch in den USA 2026 noch immer von Gerichten verhängt werden. Die gute Nachricht: Nachdem der Taco-Präsident Sender wie CBS zunächst einschüchtern konnte, stehen die schrecklichen Reporter mittlerweile sogar füreinander ein – wie Pressekonferenzen im Weißen Haus belegen.

Bis aufs ZDF natürlich. Dem warf Stefan Niggemeier unlängst vor, dass es sich von Mitwirkenden seiner Sendungen vertraglich zuzusichern lasse, nicht mit Personen zu arbeiten, die auf der Sanktionsliste des Office of Foreign Assets Control stehen – letztlich also auch Hate Aid oder die Richter des Internationalen Strafgerichtshofs. Das Zweite dementierte halbherzig. Schon lauter dagegen werte sich die ARD gegen Vorwürfe gegen den Literaturkritiker Dennis Scheck.

In seiner Sendung Druckfrisch tat er das, was – Sorry, fürs Stereotyp – alte weiße einflussreiche Männer regelhaft tun: Frauen verächtlich machen. Zuletzt die Bestseller-Autorin Ildíko von Kürthy, deren Buch er mit misogynen Klischees bombardierte und daraufhin – seit fast 25 Jahren Schecks ganz persönliche Bücherverbrennung – in den Mülleimer gleiten ließ. Damit dürfte er zumindest die Gnade des Volksleitkulturhammel Wolfram Weimer verdienen. Bei dem hat sich unterdessen die Familienministerin rechts eingehakt.

Karin Prien lässt Hunderte untadeliger Initiativen auf Regierungstreue hin testen und fordert zivilgesellschaftliches Engagement der stillen Mitte. Ein Slogan, mit dem Blut-und-Boden-Bewegungen vom abgewählten Viktor Orbán bis zum ultimativen Donald Trump die Zivilgesellschaft links der Rechten gerne diskreditieren. Wer da helfen könnte? Vielleicht ja ein deutscher Schäferhund.

Die Frischwoche

13. – 19. April

Drei Jahrzehnte, nachdem Kommissar Rex erstmals auf Verbrecherjagd ging, holt ihn Sat1 heute Abend zurück ins Hauptprogramm zurück. Unabhängig von Umsetzung und Inhalt klingt das ein bisschen verzweifelt nach folkloristischer Torschlusspanik. Ob das klappt, sei also mal dahingestellt. Aber es dürfte vermutlich ein paar Leute weniger bewegen als der weltweit wichtigste Serienstart dieser Woche.

Parallel zum wiederholten Versuch von Sendern wie Sat1, aber auch Disney+ (dessen The Testaments aktuell The Handmaid’s Tale weiter ausschlachten, während auch noch Malcolm Mittendrin aus der Kiste stieg), mit Uraltkonzepten neues Publikum zu gewinnen, geht Euphoria bei HBO Max in die 3. Staffel. Wie es aussieht, expandiert die radikale GenZ-Studie der Jahre 2019/2022 jetzt allerdings in ein Drogenthriller-Roadmovie, als hätte Tarantino Breaking Bad verjüngt. Na ja…

Aussichtsreicher erscheint da die nächste Reanimation der abgetauchten Michelle Pfeifer. Kurz nach ihrem Auftritt im Yellowstone-Ableger The Madison spielt sie bei AppleTV ab Mittwoch die Mutter der abgebrannten Ex-Studentin Margo (Elle Fanning), die ein Kind von ihrem Literatur-Professor erwartet und es trotz aller Widrigkeiten behält. Das White-Trash-Theater Margo’s Got Money Troubles bietet somit Tragikomik auf höchstem Niveau.

Abgesehen von Crooks 2 (Dienstag, Netflix) oder der britischen Speed-Variante Night Sleeper, ab Freitag sechs Teile in der ARD-Mediathek, wären noch zwei Dokumentationen zu empfehlen. Heute erinnert Volker Heise in Tschernobyl 86 an gleicher Stelle an die Reaktorkatastrophe vor 40 Jahren und verwendet dafür ausschließlich Archivmaterial. Ergebnis: brillant. Und immerhin sehenswert ist das ARD-Star-Porträt Grönemeyer zum 70. Geburtstag des haltungsstarken Musikers.


Unschuldsvermutung & Geschichtsklitterung

Die Gebrauchtwoche

23. – 29. März

Soll man da lachen oder weinen, sich amüsieren oder echauffieren? Über Tage hinweg wurde ein Finnwal zum Medienthema, das vieles andere in den Schatten stellte. Übers wegweisende Urteil eines US-Gerichts zur Suchtgefährdung sozialer Plattformen von Google bis Meta beispielsweise oder den Tod des Film- und Fernsehrevoluzzers Alexander Kluge war jedenfalls nicht halb so viel zu sehen, lesen, hören wie vom Koloss vor Wismar. Ein gestrandetes Tier, das bei denselben Menschen und Medien maximale Empathie entfacht, denen Nutztiere oder Meeresschutz ansonsten oft völlig egal sind.

Menschliche Hybris in a nutshell.

Während die Aufmerksamkeit für Putins Vernichtungskrieg in der Ukraine aktuell gegen null tendiert, knackt ein ähnlich belangloses Ereignis entsprechend Weltrekorde. Der Trailer des neuen Spiderman-Films mit Tom Holland und seiner Freundin Zendaya wurde am ersten Tag fast 800 Millionenmal geklickt und knackte Stunden später die Zehnstelligkeit. Immerhin: Das Interesse an der digitalen Vergewaltigung von Collien Fernandes durch ihren Ex-Mann blieb hierzulande im Vergleich ähnlich hoch.

Was wir gelernt dabei haben: die Unschuldsvermutung gilt zwar für männliche Täter – es sei denn, Friedrich Merz findet ihren Migrationshintergrund, dann aber ab in den Knast. Weibliche Opfer sind dagegen auch ohne Urteil gesichert straffällig. Während Geschlechtsgenossen Christian Ulmen bis zur juristischen Klärung freisprechen, unterstellten sie seiner Ex-Frau im Umkehrschluss auch ohne Richterspruch von übler Nachrede über Falschbehauptung bis zum Betrug schließlich unbeeindruckt alles erdenklich Kriminelle.

Männliche Hybris in a nutshell.

Die allerdings weibliche Unterstützung erfährt. Von Monika Gruber etwa, die auf X gefälschte Profile von sich geteilt und „Achtung: Diese beiden Profile sind Fake. Ich fühle mich virtuell vergewaltigt“ daruntergeschrieben hat. Ob sie zu dumm oder zu verblendet ist, das Wesen der Debatte zu begreifen, wissen womöglich ihre Fans von der AfD besser als die neurechte Verschwörungskomikerin.

Und damit zu einer eigentlich komplett unverfänglichen Serie: Mit elf Nominierungen ist Adolescence bei den BAFTA im Mai absoluter Topfavorit. Und zwar ungeachtet einer Tatsache, die auch der Fall Fernandes wieder ins Rampenlicht rücken sollte: Philip Barantinis Meisterwerk widmet sich voll und ganz dem Täter. Das Opfer? Bleibt wie so häufig im True Crime-Boom nahezu unsichtbar.

Die Frischwoche

30. März – 5. April

Das gilt wie so häufig aber auch in der Fiktion. Dort treibt abermals ein Serienkiller sein Unwesen. Und zwar an ungewohnter Stelle: im nationalsozialistisch besetzten Prag wenige Wochen vor Kriegsende. Im vierteiligen ARD-Krimi Sternstunde der Mörder wird der tschechische Polizist Morava (Jonas) also vom SS-Obergruppenführer Meckerle und dem Gestapo-Mann Buback (Nicolas Ofczarek) bewacht. Weil die Shoah allenfalls am Rande vorkommt, klingt die Romanverfilmung obendrein verteufelt nach Geschichtsklitterung.

Zumal Degeto den Vierteiler auch noch gemeinsam mit dem rechten Schwurbelsender Servus TV produziert. Das Ergebnis kann sich trotzdem sehen lassen. Auch wenn die Opfer des Ritualmörders ab Freitag im Ersten so namenlos bleiben wie das bei Adolescence. Abgesehen vom Abschied des ewigen Tatort-Duos Leitmayr/Batic am Osterwochenende wars das aber auch mit bemerkenswertem Fernsehen. Die deutsche Hunde-RomCom Eat Prey Bark ist ab Mittwoch bei Netflix jedenfalls kaum der Rede wert.

Gleiches gilt für Parshad Esmaeilis Gameshow Neo Match Up, in der die Stand-up-Komikerin bei der Suche nach Vorurteilen ab heute leider viel zu häufig auf Lautstärke statt Feinsinn setzt. Prime setzt das Erfolgskonzept Pumuckl zwei Tage später sechs Teile lang in einer Real-Life-Show fort. Und im Havelland-Krimi jagt das ZDF ab Freitag wie jeden Freitagabend Verbrecher – wenngleich mit Denenesch Zoudé als Staatsanwältin. Der Vollständigkeit halber: Heute startet bei Viaplay die ukrainische Crime-Serie Double Stakes. Mittwoch dokumentiert die ARD-Doku Kings of Scam das Phänomen Smishing. Zwei Tage drauf aktualisiert das ZDF sechs Folgen Astrid Lindgrens Feel-Good-Story Ferien auf Saltkrokan.