Weltspiegel & Fox News

Die Gebrauchtwoche

9. – 15. September

Nachdem die Medienerde kürzlich kurz ein klein wenig zu wackeln begann, weil das Erste die Live-Übertragung eines Spiels der Handballbundesliga Sekunden vor Schluss angeblich aus Versehen abgewürgt hatte, sorgt das letzte wirklich wichtige Lagerfeuer des massenkompatiblen Fernsehens nun für ein richtig gewaltiges Beben: Wie DWDL berichtet, plant die ARD parallel zum Ende der Lindenstraße, auch den anschließenden Weltspiegel ins Nachmittagsprogramm zu verlegen. Und zwar, so heißt es aus München, um vor der Tagesschau – genau: Sport zu zeigen.

In der dunklen Jahreszeit heißt das also: noch mehr Ski und Rodel auf noch mehr Sendeplätzen. In der helleren Jahreszeit: noch mehr Fußball mitsamt Option, öfter mal ein Handballspiel versehentlich abwürgen zu können. Um diesen Aberwitz zu ertragen, zitieren wir an dieser Stelle kurz aus einer ZDF-Mitteilung zum Thema öffentlich-rechtliche Digitalstrategie: „Der Fernsehrat leitet für das Änderungskonzept der Telemedienangebote des ZDF das nach dem Rundfunkstaatsvertrag vorgesehene Genehmigungsverfahren (Drei-Stufen-Test) ein.“

Puh…

Verglichen mit dieser Art Beamtendeutsch im Unterhaltungssektor ist sogar das völlig sinnlose Herrenmagazin mit dem bemüht ulkigen Titel Joko Winterscheidts Druckerzeugnis, kurz – Achtung, Prust: JWD, das G+J zum Jahresende einstellt, funkensprühender. Oder wahlweise die ehemals richtungsweisende Programmzeitschrift TV Spielfilm, deren hervorstechendstes Merkmal es die meisten der 27 Jahre am Markt war, laszive Frauen ohne tieferen Inhaltsbezug mit Nimm-mich-Blick überm fotoshopgeglättetem Dekolletee aufs Cover zu setzen. Als die Funke Mediengruppe das frühere Premiumprodukt der Verlagsgruppe Milchstraße unlängst vom Zwischennutzer Burda gekauft hatte, war klar, dass es Konsequenzen für die Redaktion in Hamburg haben würde.

Jetzt aber sickert durch, dass gut 50 Festangestellten gekündigt wurde, was –analog zur Ankündigung von Mathias Döpfner, im Zuge der KKR-Übernahme nun doch massenhaft Stellen abzubauen – wiederum viel übers TV-Segment aussagt. Derzeit setzt das Flaggschiff der linearen Programminformation alle zwei Wochen nämlich ganze 677.000 Hefte ab. Klingt verglichen mit Tageszeitungen gewaltig, ist aber nur ein Viertel des Allzeithochs vor 20 Jahren. Im verglühenden Lagerfeuer Glotze geht also auch den Programmis langsam der Sauerstoff aus.

Die Frischwoche

16. – 22. September

Jenen Couchtisch-Utensilien also, auf denen ältere Zuschauer noch immer erfahren, dass der beliebteste realfiktionale Mediziner Deutschlands ab heute im Ersten eine neue Sendung hat. Sie heißt Hirschhausen im Hospiz, und begleitet den netten Eckart um 20.15 Uhr ins Sterbehaus, was wirklich ergreifend ist, aber auch ziemlich altbacken. Nominell gilt das zwar auch für den Mittwochsfilm Hanne; da die Titelfigur einer Sekretärin, die Stunden nach ihrer Pensionierung ein Krebsdiagnose erhält, von Iris Berben gespielt und das vermeintlich letzte Wochenende vor der Gewissheit von Dominik Graf inszeniert wird, ist Hanne indes absolut umwerfend – geschlagen nur von einer Reihe herausragender Serien.

Abgesehen von Jodie Whittaker als erster Doctor Who nach 54 Jahren, ab morgen um 20.15 Uhr auf One, oder dem spanischen Achtteiler El Hierro um eine ermittelnde Richterin auf der gleichnamigen Kanaren-Insel (Donnerstag, 20.15 Uhr, Arte), sind das aber wie so oft Streaming-Produkte. Staffel 2 von Matt Groenings Fantasy-Groteske Disenchantment zum Beispiel, die am Freitag bei Netflix zeitgleich zur beeindrucken Anthology-Serie Criminal startet, in der Ermittler-Teams aus Deutschland, Spanien, England und Frankreich kammerspielartige Verhörsituationen in identischer Kulisse simulieren – zum Auftakt mit dem grandiosen Peter Kurth als Verdächtiger eines deutsch-deutschen Mordfalls unter der Regie von Thomas Hirschbiegel.

Morgen dann setzt Sky den Neo-Western Tin Star mit Tim Roth als Kleinstadtsheriff fort und tags zuvor die Unternehmer-Saga Succession, während parallel dazu ein echtes Highlight startet: The Loudest Voice. Russell Crowe spielt darin sieben Teil lang den Fox-News-Chef Roger Ailes mit einer rechtspopulistischen Wucht, die bei aller guten Unterhaltung auch Angst macht. Was im Gladiator steckt, wusste man allerdings schon, als er für die erste Wiederholung der Woche 2002 fast den Oscar gewonnen hatte: A Beautiful Mind (Sonntag, 20.15 Uhr, Arte). An gleicher Stelle heute Abend noch immer sehenswert: Die Sieger, ein Frühwerk von Dominik Graf um Herbert Knaup als SEK-Polizist, der einem angeblich toten Phantom nachjagt. Und der Tatort-Tipp ist diesmal ein Polizeiruf von 1991, in dem Schimanskis Partner Thanner (Eberhard Feik) Sonntag (22.45 Uhr, 3sat) von Duisburg nach  Berlin wechselt.

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Der Armin & die Propaganda

Die Gebrauchtwoche

2. – 8. September

Ach Internet, du bist und bleibst halt auch annähernd eine Generation nach deinem Durchbruch Neuland für all jene, die beim Tor des Monats noch per Postkarte abstimmen oder Laptop sagen und Lederhose meinen. Die CSU zum Beispiel, genauer: ihre neue Geheimwaffe Armin, wie bayerische Teenager auch im 21. Jahrhundert noch heißen. Der Armin also soll unterm Hashtag CSyoU die Generation Z an die Parteimit dem C binden. Und wie dieser blondierte Influencer im Hawaiihemd die Klima-Gretel basht, das findet sie bestimmt, nee, nicht nice, sondern dufte, wie bayerische Teenager wahrscheinlich auch im 21. Jahrhundert noch sagen.

Teenager, die womöglich auch zu den knapp zweieinhalb Millionen vorwiegend weißhaarigen Zuschauern zählen, die jedes Frühjahr im Zweiten einer der lächerlichsten Events im geriatrischen Veranstaltungskalender beiwohnen: Der Goldenen Kamera im ZDF. Nach 53 Jahren konstant sinkender Resonanz und Relevanz setzt die Funke-Gruppe das einst ehrwürdige Springer-Fossil nun endlich ab, nachdem es Thomas Gottschalk 2012 nochmals aus Berlin übertragen darf.  Witzig, dass ausgerechnet Jan Böhmermann erst den nutzlosen Fernsehpreis (durch Einschleusen eines falschen Ryan Gosling) als auch CSYouU (durch Enttarnung des hippen Armin als verkleideten Anzugschnösel) im Neo Magazin Royale aufs Schafott geführt hat.

Nicht ganz so lustig hingegen war das, was wir in den Minuten, Stunden, Tagen nach dem Landtagswahldrama vom vorvergangenen Sonntag erleben mussten. Dabei bestand das öffentlich-rechtliche Desaster im Umgang mit der AfD noch nicht mal nur aus der Fieldreporterin Wiebke Binder, die uns den rechtsextremen Teil einer rechtsradikalen Partei partout als bürgerlich zurechtdilettieren wollte. Auch die Tatsache, dass ihr Chefredakteur Torsten Peuker diesen Irrwitz allen Ernstes als „Versprecher“ entschuldigen wollte, macht die Sache noch nicht zum Skandal. Skandalös ist, wie sich selbst seriöse Medien mit kraftlosem Verständnis für den völkischen Aufstand im Osten lächerlich machen.

Die Frischwoche

9. – 15. September

Dazu passt kaum etwas besser als die heutige Arte-Dokumentation mit dem sprechenden Titel Propaganda. Der kanadische Filmemacher Larry Weinstein skizziert darin um 20.15 Uhr beängstigend präzise die Mechanismen der politisch motivierten Lüge, mit der sich selbst demokratische Wahlen weltweit gewinnen lassen. Vorweg: Die thematisch artverwandte Reportage Re: Rap in Russland und hinterher zwei Dokus über Meinungsmanipulation in Irak-Krieg und der Wissenschaft.

Um Wahrheitsdeutungen geht‘s Freitag drauf auch auf Netflix, wenn dort die achtteilige Dramaserie Unbelievable startet. Auf der Basis eines pulitzerpreisgekrönten Zeitungsartikels wird ein Teenager darin verdächtigt, ihre Vergewaltigung nur erfunden zu haben. Äußerst eindrücklich, so scheint es nach Ansicht zweier Teaser. Weniger eindrücklich als eingeseift ist tags drauf das nächste ARD-Biopic mit Frau im Titel: die akkurat kostümierte Bleistift-Dynastin Ottilie von Faber-Castell, mit gegenwartstauglicher Steckfrisur gespielt von Kristin Suckow als Eine mutige Frau, so der Untertitel, die natürlich schöner, tougher, moderner, cooler ist als die weibliche Realität des 19. Jahrhunderts je war.

Schön, tough, modern, cool und dabei geheimnisvoll tiefgründig ist 24 Stunden später die neue Polizeiruf-Ermittlerin Verena Altenberger. Als Uniform-Cop Bessie tritt die Darstellerin der kommerziellen Putzfrau Magda das schwere Erbe von Matthias Brandt an, scheitert im Auftaktfall um Kindesmisshandlungen im pathetisch-düsteren Gebrüder-Grimm-Stil gehörig, zeigt aber gleichsam ein Potenzial, das sie schon im nächsten Fall unter der Regie von Dominik Graf abrufen dürfte. Weder schön noch cool oder gar tough ist die junge Schauspielerin Emma Bading als spielsüchtige Jennifer. Mit Play zerstört der ARD-Mittwochsfilm also gleich zwei Klischees: Gamer sind stets Jungs und weibliche Filmfiguren irgendwie lieb, verlockend, freundlich.

Am Freitag (21.15 Uhr) beendet das ZDF seine Schirach-Adaptionen von Schuld mit Moritz Bleibtreu als Anwalt absurder Fälle. Donnerstag um 22.05 Uhr strahlt Servus noch als erster das Tennisdrama Borg/McEnroe mit Sverir Gudnason und Shia LeBeouf als ebendiese aus, während Lars Kraumes Bauhaus-Fiktion Die Neue Zeit am Sonntag (22.15 Uhr) zuvor schon auf Arte lief – was entsprechend zu den Wiederholungen der Woche führt: Zeitgleich nämlich läuft auf Arte der Director’s Cut von Wolfgang Petersens Das Boot auf 200 Minuten Länge von 1991 auf Arte. Und der heutige Tatort namens Die Geschichte vom bösen Friedrich (21.45 Uhr, HR) zeigt die Frankfurter Ermittlerin Margarita Broich als Opfer von Nicholas Ofczarek in absoluter Paraderollenlaune.


Schusswaffeneinsätze & Entscheidungsstunden

Die Gebrauchtwoche

26. August – 1. September

In einer Zeit, da der völkische Nationalismus mit Paranoia, Lügen und Herrenrassefantasien mehrheitsfähig geworden ist, muss man sich diese zwei Zahlen kurz mal auf der Netzhaut zergehen lassen: 2018 haben deutsche Polizisten, Kommissare aller Kriminalkommissariate eingeschlossen, offiziell 49 Warnschüsse abgegeben, weitere 56 Mal auf Personen gefeuert und dabei elf getötet. Rechnerisch ist das wenig mehr als ein Schusswaffeneinsatz pro Woche – was je nach Perspektive viel oder wenig sein mag. Ein Witz hingegen ist es, wie oft verglichen damit am hiesigen Bildschirm amtlich mit Verletzungs-, wenn nicht gar Tötungsabsicht abgedrückt wird

Dazu gibt es zwar keine Erhebung, aber wer das Fernseh- und Streamingangebot bloß oberflächlich nach Uniform-Formaten durchforstet, stößt pro Woche allein am Standort Deutschland auf mindestens 30 Serien und Filme, in denen Waffengewalt naturgemäß eine Rolle spielen kann. Das ist grundsätzlich legitim; Unterhaltung muss sich nicht spiegelbildlich an der Realität messen. Dennoch verstört das Missverhältnis schon deshalb, weil es dem Publikum suggeriert, in diesem Land regiere das Verbrechen, nicht die Demokratie. Bei CSU und AfD jedenfalls dürfte man den Exzess am Flatscreen genüsslich zur Kenntnis nehmen.

Den frisch gekrönten Herrschern am Medienhimmel hingegen sind die Befindlichkeiten einzelner Ausstrahlungsorte herzlich egal – allein schon, weil ihnen sogar die Regeln der eigenen Branche weniger bedeuten als ein neuer Vertragsabschluss. Netflix zum Beispiel lässt vor der Oscar-Verleihung im Frühjahr fix zehn hochgehandelte Eigenproduktionen jene sieben Tage in einer Handvoll Kinos laufen, um sie trotz offensichtlicher TV-Zugehörigkeit ins Rennen um die begehrte Trophäe schicken zu können. Klagen darüber sind aber schon deshalb fehl am Platze, weil Filme wie Martin Scorceses The Irishman oder Steven Soderberghs The Laundromat angenehm unspektakulär aus dem Superheldeneinerlei des Blockbusterkinos hervorstechen.

Die Frischwoche

2. – 8. September

Wie Netflix überhaupt mit Seh- und Verabreichungsgewohnheiten aufräumt, als sei die lineare Vergangenheit bereits beendet. Am Freitag zum Beispiel startet dort ein Biopic namens The Spy über die Mossad-Legende Eli Cohen. Damit schafft der israelische Homeland-Schöpfer Gideon Raff zweierlei: die notorische Ulknudel Sasha Baron (nicht verwandt mit Eli) Cohen als ernste Serienfigur zu etablieren, deren reale Räuberpistole als Sechzigerjahre-Agent in Syrien fast zu unglaublich ist, um wahr zu sein.

Hierzulande dagegen sonnt sich das Fernsehen weiter historisch im Erbe des Bauhauses. Nach der saftigen Architektur-Romanze Lotte am Bauhaus vom Frühjahr, die der MDR am Donnerstag um 23.35 Uhr wiederholt, macht es Arte gute drei Stunden früher allerdings um Längen besser. In Die neue Zeit schildert Regisseur Lars Kraume die Frühphase der libertären Kunstschule im Würgegriff reaktionärer Kräfte mit so zurückhaltender Strenge, dass die Selbstbefreiung der bürgerlichen Revoluzzerin Dörte Helm (Anna Maria Mühe) spielend über sechs Teile trägt.

Immerhin 90 Minuten lang funktioniert tags zuvor Heike Reichenwallner als Angela Merkel im ZDF-Dokudrama mit dem denkbar dusseligen Titel Stunden der Entscheidung zum Flüchtlingssommer 2015. Zeitgeschichtlich ebenso aktuell, wenngleich auf begrenzterem Terrain bedeutsam ist die vielbeachtete Dokumentation Surviving R. Kelly, mit dem der Nischenkanal Crime & Investigation heute einen Skandal um den übergriffigen Rapper aufklärt, Zeitgleich zur gefühlt 369. Höhle des Löwen auf Vox kümmert sich Arte am Dienstag zur Primetime mit den Dokus Ein seltsamer Krieg und Eine blonde Provinz um den 80. Jahrestag vom Überfall auf Polen, was 3sat (20.15 Uhr) mit Bernhard Wickis Die Brücke von 1959 begleitet.

Bevor es zu den Wiederholungen der Woche geht, noch fix zwei Komödientipps: Heute Abend zeigt die ARD Maren Ades bittersüße Kapitalismuskritik Toni Erdmann, morgen startet auf Sky das siebenteilige Coming-Out Sally4ever, wo eine Britin ihrer heterosexuellen Ehe in eine homosexuelle Affäre mit Folgen entflieht. Total humorlos war Klaus Kinskis Hassliebe mit Werner Herzog, die 1972 mit dem Conquistador Aguirre auf der Jagd nach dem Gold von El Dorado einen Höhepunkt fand (Montag, 20.15 Uhr, Arte. Dagegen war Stephen Spielbergs wohl berühmtester Film ET (Samstag, 20.15 Uhr, RTL2) 1982 mit leichterer Hand gestrickt – vom sieben Jahre älteren Tatort: Katjas Schweigen mit der blutjungen Katja Riemann an der Seite von Horst Schimanski (Dienstag, 22.10 Uhr, WDR) ganz zu schweigen.


Papierschelte & Flaschendrehen

Die Gebrauchtwoche

19. – 25. August

Rezo, schon wieder. Man könnte meinen, sobald der YouTuber mit dem blauen Haar das Internet anwirft, um über seine kleine große Welt der Zoten hinaus Gesellschaftskritik zu simulieren, spreche die Kanzlerin zur Nation. Nun hat er sich die Printmedien vorgeknöpft – was nicht nur denen so auf die Nerven ging, dass sich der DJV zu einer beißenden Retourkutsche (nebst anschließender Entschuldigung) hinreißen ließ. Dabei hat Rezo weniger gegen die Printmedien als den Boulevard gepestet. Mit Fokus aufs Papier, das ja echt nicht der Weisheit letzter Publikationsschluss ist. Und einen Seitenhieb aufs lineare Fernsehen, dessen Programm Printfans im Video angeblich aus Bild und BZ erfahren, um abends Sachen wie SOKO zu sehen, konnte er sich ebenso wenig verkneifen.

Doch wer weiß: vielleicht hat das ZDF Rezos Film ja zum Anlass genommen, die Münchner Ausgabe nach 41 Jahren endlich zu beenden. Was mal ein guter Anlass wäre, weiter auszumisten. Etwa den Teflon-Moderator Guido Cantz, der das Unterhaltungsfossil Verstehen Sie Spaß? so degeneriert, dass sich darüber sogar die Stammzuschauer (vermutlich in Printmedien) beschwert haben. Ähnlicher Streichkandidat: der Fernsehgarten – und zwar explizit nicht, weil ihn die Ulknudel Luke Mockridge für ein Rentner-Bashing der billigen Art missbraucht hat und von Andrea Kiewel – es heißt: lange geplant – der Bühne verwiesen wurde. Kleiner Sturm im Gebissreinigerglas. Einen in der Bierdose hingegen wünscht man dem zeitgenössisch enthemmten Trash-TV, das zusehends von der 15-Minuten-Berühmtheit formbarer Wohlstandsverlierer zur Hebebühne reaktionärer Machos degeneriert, die Frauen unbehelligt belästigen, betatschen, wie Dreck behandeln.

Zum Beispiel in Paradise Hotel oder Sommerhaus der Stars, wo RTL nicht mal das Korrektiv bissiger Off-Kommentare einsetzt, wenn Jungs das Testosteron aus Augen, Mund und Nase läuft. Apropos Männermacht: wo sich zwei milliardenschwere Global Player, deren Geschäftspolitik die brutale Verdrängung kleiner Konkurrenten beinhaltet, handelseinig werden, sind wir entweder im mächtigen Medienkonzern Viacom, der sich mit dem noch mächtigeren CBS zusammentut, oder bei Amazon, das dem Bundesligisten Dortmund eine vierteilige Dauerwerbesendung namens Inside Borussia schenkt.

Die Frischwoche

26. August – 1. September

Mit (etwas) weniger Product Placement kommen da Sky und Netflix aus, die mit der Scheidungskomödie Divorce und dem Suizid-Drama Tote Mädchen lügen nicht in die dritte Staffel gegangen sind, während ZDFneo ab Donnerstag (23 Uhr) endlich die grandiose TNT-Serie 4 Blocks ins Free-TV holt, wo Pro7 dienstags um 22.30 Uhr Christian Ulmens maxdome-Juwel jerks zeigen darf. Auf Starzplay startet drei Tage später Baptiste, wo die gleichnamige Nebenfigur der britischen Polizeiserie The Missing in den Vordergrund rückt, während Netflix zeitgleich ein Serienprequel des Fantasy-Klassikers Der dunkle Kristall wie damals mit echten Puppen reanimiert. Aus der Zeit des Originals stammt auch die Ästhetik der schwedischen Cop-Saga Hassel, die allerdings nur durch den gelungenen Soundtrack überzeugt.

Um zu verdeutlichen, wie die alte Konkurrenz derweil um Lufthoheit im Vakuum der Zuschauerköpfe kämpft, hier ein – zugegeben explizites – Beispiel: Am Freitag veranstaltet Sat1 Das große Promi Flaschendrehen mit Oliver Pocher, Sonya Kraus und der Gewissheit, dass all dies analog zu Fernsehgarten, Guido Cantz und Amazon abgewickelt gehört. Besseres Fernsehen verspricht da mal wieder die Nische. Wie Arte, wo die glaubhafte Charlotte Roche erst ab Mittwoch (21.40 Uhr) Love Rituals verschiedener Nationen erkundet – also nicht bloß, aber auch die Sexualität von Ländern wie Japan, Israel, USA. Am Sonnabend dann macht der Ki.Ka mit dem Filmexperiment Der Krieg und ich die größte aller Völkerschlachten auch für Kinder verständlich. Und tags zuvor kriegt Michael Kessler zur besten RBB-Sendezeit die nächste Gelegenheit, abseits vom Rampenlicht für etwas öffentlich-rechtlichen Glanz zu sorgen. In Showtime, Herr Kessler macht er diesmal ganz Berlin zur Bühne. Den Ort also, an dem sich 30 Jahre zuvor die DDR Richtung Untergang feierte – was die ARD-Komödie Vorwärts immer! heute um 20.15 Uhr mit Jörg Schüttauf als Erich Honecker persifliert.

Dicht gefolgt wird das an gleicher Stelle von der verstörenden Doku Chemnitz – Ein Jahr danach an einem Ort, wo der real existierende Sozialismus mittelbar in den real existierenden Neonazismus geführt hat. Bleibt vor den Wiederholungen der Woche noch die bemerkenswerte Verfilmung von Martin Suters Roman Die dunkle Seite des Mondes (Mittwoch, 20.15 Uhr, ARD) mit Moritz Bleibtreu als Anwalt auf einem ganz miesen Drogentrip. Rund 90 älter ist eine Sauftour durchs Berlin der roaring twenties, die ein Gurkenfabrikant aus der Provinz 1927 Eine tolle Nacht lang erkundet (Montag, 0.00 Uhr, Arte). Farbig schön: Der Himmel soll warten von 1978 (Dienstag, 22.10 Uhr, Servus) mit Warren Beatty als Footballstar, der als Engel eine zweite Chance kriegt. Und der Tatort-Tipp Medizinmänner ist mit Schimmi, diesmal (Dienstag, 23.40 Uhr, WDR) in einem Pharmaskandal von 1990.


Hedgefonds & Pokalspiele

Die Gebrauchtwoche

5. – 11. August

Der Irrsinn des Medienalbtraums unserer Tage geht weiter und weiter und weiter. In der Türkei wird das regierungskritische Web-Portal Bianet verboten, weil es laut zuständiger Staatsanwaltschaft „irrtümlich“ auf einer Liste 136 missliebiger Online-Adressen gelandet sei. Kann ja mal passieren… Parallel dazu erntet Dunja Hayali diesmal schon vor ihrer Talkshow mit der Seenotretterin Carola Rackete einen Shitstorm von rechts bis richtig weit rechts. Kann man nichts machen. Derweil kauft Netflix die GoT-Schöpfer Dan Weiss und David Benioff für 200 Millionen Dollar aus ihrem HBO-Vertrag raus. Können die sich halt leisten.

So wie die italienische Mediaset, deren Vorstandsvorsitzender Pier Silvio Berlusconi wie einst sein Vater die gierigen Hände nach der ProSiebenSat1 Media SE ausstreckt, um sich den deutschen Multichannel-Medienkonzern schnellstmöglich einzuverleiben. Und natürlich so wie der amerikanische Hedgefonds KKR. Mit seinen schier unerschöpflichen Festgeldbeständen hat das, was nicht ganz zu Unrecht noch immer „Heuschrecke“ genannt wird, quasi im Vorübergehen ein Drittel der Umlaufaktien der Axel Springer AG eingesammelt. Deren allmächtiger CEO Mathias Döpfner dürfte den amerikanischen Finanzjongleur dafür jedoch weniger Heuschrecke, Seenotretter nennen.

Während Döpfners rot-blaue Massenblätter wahrhaftige Seenotretter wie Carola Rackete schließlich tagtäglich im Chor mit ihrer populistisch gepolten Kernleserschaft sinnbildlich auf den Meeresgrund wünschen, dient Döpfner die zahlungskräftige KKR als Anker im Sturm schlingernder Presseprodukte wie Bild und Welt. Dass sich Springer mit den frischen Mitteln zunächst mal ein Autoportal einverleiben will, zeigt allerdings, wie wenig der Deal mit Medien, Qualität, Pressefreiheit zu tun hat und wie viel mit Masse, Profit, Pressevernichtung. Springers Nachrichtenkanal Welt, den ProSiebenSat1 noch unterm Namen N24 mangels Erlös verscherbeln musste, als KKR dort das Kommando übernommen hatte, dürfte demnach nun abermals rasch auf der Streichliste landen.

Die Frischwoche

12. – 18. August

Was indes nie geschehen wird, ist die Streichung des Multimillionenkonzerns FC Bayern von der öffentlich-rechtlichen Liste umfassend zu fördernder Freunde und Partner. Deshalb überträgt das ZDF heute Abend natürlich – fünf Tage vorm live gezeigten Bundesligaauftakt gegen Hertha BSC – das sportlich belanglose, aber finanziell zugkräftige DFB-Pokalspiel in Cottbus. Bei ARD und ZDF ist die Droge FCB mittlerweile offenbar weiterverbreitet als jene Zigaretten, von denen sich der kommerzielle Brachialreporter Jenke von Wilmsdorff parallel dazu im Jenke-Experiment entwöhnen will. Wir sagen das hier nicht oft, aber jetzt wird es Zeit: Lieber RTL als ZDF gucken bitte!

Während sich die ProSieben-Plattform Joyn in ihrer seriös beschwingten Schnipsel-Serie Singles’ Diaries ab heute 16 fünfminütige Folgen lang dem vertrackten Liebesleben paarungswilliger Jungerwachsener widmet, umgarnt das ZDF seine Kernzielgruppe in den Altersheimen oder Seniorenresidenzen der Republik und geht ein paar Wochen lang Mit 80 Tagen um die Welt, was zwar eine charmante, aber auch berechnende Reminiszenz an die eigene Unfähigkeit zur Modernisierung ist, moderiert natürlich vom notorischen Traumschwiegerenkel Steven Gätjen als Reiseleiter. Wird sonst noch was altes Neues dieser Tage? Na ja, nicht wirklich.

Schließlich stammt auch die sehenswerteste Dokumentation aus längst vergangener Zeit. Sehenswert ist Woodstock – 3 Days of Peace and Music von 1969, gefolgt von Dennis Hoppers ein Jahr jüngerer Roadtriplegende Easy Rider natürlich trotzdem, leitet aber früher als gewohnt zu den Wiederholungen der Woche über. In Schwarzweiß seit 78 Jahren von beispielloser Intensität: Alfred Hitchcocks Frühwerk Verdacht (Montag, 20.15 Uhr, Arte), mit dem er 1941 seine langanhaltende Zusammenarbeit mit Cary Grant – als Ehemann von Joan Fontaine, die ihn für einen Mörder hält – begann. Sehr viel jünger und folglich in Farbe: die neuseeländische Dramaserie Top of the Lake, mit der das Krimigenre vor sechs Jahren kurz ein bisschen weniger prätentiös, selbstreferenziell und ausgenudelt wirkte. Arte wiederholt sie ab Donnerstag um 21 Uhr in zwei Dreifachfolgen. Irgendwo dazwischen ist der Tatort-Tipp angesiedelt: Das Haus im Wald von 1984 mit einer speckigen Jacke und Schimanski drin, der am Dienstag um 22.10 Uhr im WDR nach einem verschwundenen Reporter sucht.


Springers Aktien & Vogels Blochin

Die Gebrauchtwoche

29. Juli – 4. August

Es entbehrt ja nicht einer gewissen Ironie: sechs Jahre, nachdem der amerikanische Finanzinvestor KKR die ProSiebenSat1 Media SE gewinnbringend abstoßen konnte, hortet er gerade die Aktienmehrheit an der Springer AG – also jenes Medienunternehmens, das zuvor vergeblich versucht hatte, Leo Kirchs Konzern zu kaufen, was seinerzeit nur am Bundeskartellamt gescheitert war. Ziel der angeblich freundlichen Übernahme mit anschließender Entfernung vom Börsenparkett: bar lästiger Quartalsberichte und öffentlicher Aufmerksamkeit profitabler zu werden, also noch mehr Geld, statt Journalismus aus dem früheren Presseverlag zu quetschen.

Ein richtiger Presseverlag mit echten Journalist*inn*en, die sogar wahrhaftigen Journalismus, statt populistischer Hetze betreiben, hat derweil schwer mit der Moderne zu kämpfen: Bei der Süddeutschen Zeitung ist ein veritabler Richtungsstreit um die künftige Gewichtung von Print und Online ausgebrochen. Was noch dadurch besorgniserregender wirkt, als selbst die wichtigste deutsche Tageszeitung zurzeit so sehr sparen muss, dass – Achtung, Sakrileg! – in München wohl das jährliche Sommerfest und der freie Faschingsdienstag 2020 gestrichen wird. Keine gute Zeit also für Medien mit Haltung und Niveau – weshalb bisweilen Künstler ohne beides einspringen, um beidem öffentlichkeitswirksam Geltung zu verschaffen.

Weil die AfD Angela Merkel nun auch den Kindermord am Frankfurter Hauptbahnhof in die Schuhe schieben wollte, twitterte Oliver Pocher gegen die Rechtsradikalen im Bundestag – also ausgerechnet jener Comedian, der seit langem für zynische Pennälerwitze auf Kosten anderer berüchtigt ist. Da tat RTL nun, was RTL halt so tut, und lud Pocher nebst AfD-Vertreter zum Streitgespräch bei Guten Morgen Deutschland, was schon ein wenig nach Schlammcatchen im Waschcenter klingt. Gehaltvoller wäre es womöglich, wenn das Magazin den manchesterkapitalistischen Tier- und Menschheitsfeind Clemens Tönnies einladen würde, um mit – sagen wir: ein paar jener Menschen aus Afrika zu diskutieren, die er in seiner Rede vor Handwerkern in Paderborn rassistisch beleidigt hat.

Die Frischwoche

5. – 11. August

Da fühlt man sich schon ein wenig an die vielfach verstörend heitere Atmosphäre einer hochinteressanten ZDF-Dokumentation erinnert. Unterm Titel Wir im Krieg kompiliert Jörg Müllner am Dienstag um 20.15 Uhr nationalsozialistische Home-Videos in ihrer zynischen Beiläufigkeit. Ein ähnlich bedrückendes Zeitdokument wie Shooting the Mafia (Mittwoch, 22.45 Uhr, ARD) – das bildgewaltige Porträt der unerschrockenen sizilianischen Fotografin Letizia Battaglia. Bedrückend soll wohl auch die Atmosphäre einer fiktionalen Fortsetzung sein, die das Zweite uns und Jürgen Vogel mal lieber erspart hätte.

Als Blochin beendet er die Cop-Saga heute um 22.15 Uhr in Spielfilmlänge, und wie die ersten fünf Teile vor vier Jahren ist auch Matthias Glasners Serienfinale von so lächerlicher Effekthascherei, dass jede der 110 Minuten bestenfalls unfreiwillig komisch wurde. Wie gelungene Fernsehfiktion um Kriminalität und Korruption sein kann, beweist ab Freitag dagegen der US-Sender Showtime mit City on a Hill auf Sky. Tom Fontanas zehnteilige Zeitreise ins Boston der frühen Neunziger mit Kevin Bacon als schmieriges FBI-Fossil zwischen Glanz und Verfall einer gespaltenen Metropole ist allerfeinstes Popcornentertainment mit erstaunlich viel Tiefgang. Was die Serie – mal abzüglich einiger Faden Tiefe – mit der dritten Staffel von Glow am gleichen Tag auf Netflix teilt.

Ungefähr zur selben Zeit beider Formate spielt übrigens ein Porträt, mit dem Arte am Sonntag um 22.15 Uhr einer eigenartigen Figur der Zeitgeschichte huldigt: Being David Hasselhoff. Gemeinsam mit einem DDR-Konzert von Depeche Mode und dem realen Popmärchen Luga City Lights im Anschluss, startet der Kulturkanal hier gewissermaßen ins Jubiläumsjahr des Mauerfalls – und leitet mit dem Spielfilm vorweg zugleich die Wiederholungen der Woche ein: Goodbye, Lenin! von 2003. Weil es davon so viele gibt, beschränken wir uns dabei allerdings mal auf drei Tatorte dreier Krimiepochen, allesamt am Dienstag: um 22.10 Uhr im WDR: Ballauf noch ohne Schenk im Kölner Fall Gefährliche Freundschaft von 1993, anschließend ein herrlich patinierter Schimanski von 1985 (Doppelspiel) und parallel im NDR: der wunderbare Finnland-Ausflug Tango für Borowski des Kieler Kommissars vor neun Jahren.


Schweizers Werbung & Mythos Monaco

Die Gebrauchtwoche

15. – 21. Juli

Selbstkritik ist oft schmerzhaft, noch öfter jedoch ist sie bitter nötig. Schließlich ist Selbstkritik die komplizierte Kunst, innerer Konflikte äußerlich auszutragen, was wir an dieser Stelle tun und Abbitte leisten für unsere Einschätzung zu The Masked Singer. Anders als vorab befürchtet, ist die neue Pro7-Show nämlich nicht (nur) eine Resterampe für gescheiterte Sendergewächse, sondern die kurzweiligste Erfrischung im Sommerloch. Weniger erfrischend sind dagegen andere Lückenfüller der Saison. Auf gleichem Kanal etwa: Jochen Schweizer.

Der selbstverliebte Eventunternehmer kriegt vom entertainmentverliebten Eventsender grad dienstags gute zwei Stunden Dauerreklame geschenkt und tarnt diese Schleichwerbung namens Der Traumjob als Suche nach einem Geschäftsführer für Schweizers Unternehmen. Die „Challenges“ der Kandidaten vom Kühe-Treiben in Kenia bis zum Bergwandcamping sind allerdings so ersichtlich sinnlos, dass die PR-Sause mangels Quote bereits eingedampft wurde. Immerhin. Denn diesen Mut würde man auch der ARD bei Frank Plasberg mal wünschen. Doch obwohl er in Hart, aber fair mal wieder kuschelweich zur anwesenden AfD war, stand das Erste felsenfest zum populistischsten seiner Hosts.

Diese Selbstkritiklosigkeit dürfte sich auch in der norddeutschen ARD-Provinz kaum ändern, wenn der altgediente NDR-Apparatschik Joachim Knuth nach zwei Dritteln seines Lebens beim Sender den Posten als Intendant antritt. Mit 60 Jahren dürfte er zudem vor allem die Generation Angela Merkels bedienen, die parallel zu Knuths Wahl gerade unfreiwillig ins Sommerloch gefallen ist. Das Zittern der Kanzlerin ließ den Boulevard so aufjaulen, dass andere Nachrichten der Medienbranche kaum Platz fanden: der frühe Tod von Lisa Martinek etwa und der späte von Artur Brauner, das Ende der MAD und des Höhenflugs von Netflix.

Die Frischwoche

22. – 28. Juli

Nachdem der Streamingdienst verkündet hatte, Zigaretten aus seinem Angebot zu verbannen, scheint nämlich auch das rasante Wachstum des Marktführers zu verrauchen. Erstmals ging die Zahl der Einnahmen in den USA zurück, was sich womöglich auch mit dem Verlust wichtiger Lizenzserien wie Friends erklären lässt, die trotz gefeierter Eigenproduktionen beharrlich mehr Zugriffe erzielen. Über deren Zahl schweigt sich Read Hastings zwar weiter beharrlich aus; doch wenn strunzblöde Mainstream-Müll Murder Mystery mit Jennifer Aniston und dem notorischen Adam Sandler dank seiner 31 Millionen Zugriffe vor Prestigeobjekten wie Stranger Things liegt, kann man die Verschwiegenheit ganz gut verstehen.

Zumal ein anspruchsvolles Zugpferd am Freitag definitiv in Rente geht: Dann startet die siebte und letzte Staffel von Orange is the new Black, während Jerry Seinfeld an gleicher Stelle bereits zum elften Mal mit anderen Comedians auf Kaffeefahrt geht. Derweil hat Netflix den ersten deutschen Spielfilm produziert: Kidnapping Stella mit Jella Haase als Entführungsopfer in Hochform. Beide. Für die Leinwand gemacht und heutiger Auftaktfilm des Kinosommers im Ersten ist Hugo Gélins Komödie Plötzlich Papa um 20.15 Uhr. Omar Sy, bekannt aus Ziemlich beste Freunde, spielt darin den Vater eines One-Night-Stand-Unfalls, was nur in der ersten Hälfte rührselig und danach sehr sachlich ist.

Ebenfalls aus Frankreich, ebenfalls lustig und dabei ebenfalls nicht platt ist tags drauf (22.45 Uhr, ARD) die Hochzeitskatastrophe Das Leben ist ein Fest, während das ZDF 2,5 Stunden zuvor mal wieder seiner Lieblingsbeschäftigung nachgeht: Europas Hochadel huldigen, diesmal dem Mythos Monaco. Immerhin widmet sich das Zweite 2,5 Stunden später im 95-minütigen Porträt RBG über Ruth Bader Ginsberg, die in den Siebzigern als erste Frau am Obersten Gerichtshof nicht nur amerikanische Emanzipationsgeschichte geschrieben hat. Was wiederum zum Zweiteiler Lustvolle Befreiung passt, mit dem sich Arte um 20.15 Uhr der sexuellen Revolution nach 1945 widmet.

Dort läuft Mittwoch auch die Fortsetzung von Sven Regeners Herr-Lehmann-Reihe ohne Herr Lehmann, aber mit Charly Hübner als Herr Lehmanns Freund Karl Schmidt, der in Magical Mystery zum Brüllen komisch das Zeitalter des Techno einläutet. Nicht so komisch ist hingegen bis heute der deutsche Umgang mit Sinti und Roma, dem das ZDF Sonntag um 23.45 Uhr eine viel zu kurze Doku widmet, die inhaltlich zum als Populismus verbrämten Rechtsextremismus passt, dem das Zweite am Donnerstag drei Dokus widmet: Störfall AfD und Die innere Unsicherheit ab 20.15 Uhr auf Info plus Sachsen zwischen Mauerfall und Rechtspopulismus (21 Uhr) im Hauptprogramm.

Die Wiederholungen der Woche: Danny Boyles Freiluftkammerspiel 127 Hours, in denen ein Bergsteiger 2010 nach wahrer Begebenheit eingeklemmt ums Überleben kämpfte (Dienstag, 20.15 Uhr, Tele5). Immer wieder sehenswert: Fritz Langs schwarzweißes Meisterwerk M – Eine Stadt sucht einen Mörder (Freitag, 0.35 Uhr, BR) von 1931. Und um 22 Uhr wiederholt die ARD einen der besten Tatorte (Weil sie böse sind) mit einem der besten Duos (Sawatzki/Schüttauf) gegen den vielleicht besten Matthias Schweighöfer (als mörderischer Millionärssohn) ever.