Die Lindenstraße & Das Boot

Die Gebrauchtwoche

12. – 18. November

Irgendwann ist alles vorbei – das gilt fürs Fernsehen nicht weniger als alles andere. Trotzdem war es irgendwie seltsam zu hören, was sich schon lange vor der Pressemitteilung vom Freitag abgezeichnet hatte: Die Lindenstraße wird eingestellt. Sie habe zwar „Akzente gesetzt, die prägend bleiben werden“, heuchelte ein streng quotenorientierter Programmchef Bedauern. Volker Herres stellte aber sogleich nüchtern fest, „Zuschauerinteresse und unsere unvermeidbaren Sparzwänge sind nicht vereinbar mit den Produktionskosten für eine solch hochwertige Serie“.

Die Folge war ein medienöffentlich ausgetragener Tumult zwischen Fans und Feinden in Echtzeit, der angesichts der öffentlich-rechtlichen Sparzwänge und Mechanismen allerdings wenig am Ende lustig-deprimierend-dramatisch-relevant-radebrechen-banal-bieder-übertrieben-realen Dauerserie ändern dürfte. Bis Deutschlands älteste Soap vom Bildschirm verschwindet, bleiben also noch 60 Folgen Zeit, jene vier, fünf Restprobleme menschlicher Zivilisation, die in 34 Jahren (angeblich gab es bislang weder ein schwarzes Loch noch Königsmord) nicht abgearbeitet wurden, nachzuholen – dann ist neben Tages- und Sportschau das letzte Lagerfeuer der deutschen TV-Historie Geschichte.

Da ist es nicht weniger als ein zynischer Tiefschlag des Schicksals, dass dem Moderator des vorletzten in Malibu nicht nur, aber auch die Fernsehpreise abgebrannt sind. Immerhin boten sie dem Boulevard Gelegenheit, lieber über Thomas Gottschalks Leid als die Ursachen der kalifornischen Feuerhölle – Klimawandel und so konsumschädliches Zeugs – zu berichten. In den USA selbst hatten nebenbei auch Medieninterna Spitzenmeldungswert. Und zwar nicht, weil CNN das Weiße Haus wegen der (mittlerweile widerrufenen) Aussperrung ihres Reporters Jim Acosta verklagt, sondern dass Donald Trumps Sprachrohr Fox News offen Partei für die Konkurrenz ergriff und sich damit gegen jenen Amtsinhaber stellte, der ohne den Krawallkanal niemals im Oval Office säße.

Die Frischwoche

12. – 18. November

Das wäre natürlich ein gutes Thema für die Zeit nach den Tagesthemen, in der das Erste gemeinhin gehaltvolle Dokumentationen zeigt. Doch weil ein Länderspiel abermals ganzabendlich das Programm verstopft, ist heute leider kein Platz für Informationen jenseits des Fußballs. Dafür ist am Mittwoch Platz für Daniel Harrichs neuen Versuch, Zeitgeschichte journalistisch recherchiert in Spielfilmform zu bringen. Wie der Westen in Saat des Terrors allerdings mit Islamisten paktiert, ist zwar hochinteressant, aber nicht so schlüssig fiktionalisiert wie zuvor Oktoberfest-Attentat oder Waffenhandel.

Am Donnerstag ist dann wie üblich Platz für die nächste Auslandsklassenfahrt deutscher Polizisten. Im Amsterdam-Krimi reist Hannes Jaenicke mit Alice Dwyer nach Holland, um dort einen Drogenring zu sprengen. Doch anders als in Lissabon, Athen, Istanbul und wo die ARD sonst noch ermitteln lässt, sprechen die Niederländer zwar Deutsch mit Akzent – allerdings auch untereinander. Merkwürdig. Fast so sehr wie das, was die intellektuell leicht unterschätzbare Collien Ulmen-Fernandes zeitgleich auf ZDFneo ans Tageslicht befördert. In ihrer zweiteiligen Reportage No More Boys and Girls enthüllt die Moderatorin und Mutter nämlich bis zur Schmerzgrenze des Erträglichen, wie reaktionär die Erziehung in deutschen Kinderzimmern noch immer abläuft.

Reaktionär ist natürlich ein passender Übergang zum fraglos wichtigsten Neustart der Woche: Am Freitag startet auf Amazon die Neuverfilmung von Lothar-Günther Buchheims Das Boot. Unter Andreas Prochaskas Regie hat der Achtteiler übers Abtauchen unter Nazis und Mitläufern indes nur atmosphärisch mit Wolfgang Petersens Original zu tun. Ansonsten wurde die Seekriegserzählung mit viel Thriller, Liebe, Pathos angedickt und hat daher nicht annähernd die klaustrophobische Wucht von 1981. Routiniert inszeniertes Entertainment ist die Serie aber natürlich schon – bei dem Budge… Als Referenzgröße kann man sich am Freitag (22 Uhr, ARD) übrigens gut den Director’s Cut von 1996 mit Jürgen Prochnow, Herbert Grönemeyer und wer noch so alles aus der Besatzung zum Star geworden ist ansehen.

Was nach der dringenden Empfehlung, die bild- und wortgewaltige Western-Anthologie The Ballad of Buster Scruggs der Coen-Brueder auf Netflix anzusehen, bereits eine Wiederholung der Woche wäre. Auch die führt ja in den Weltkrieg: Um 23.50 Uhr zeigt der WDR (gleich nach dem Remake des Buchenwald-Dramas Nackt unter Wölfen von 2015) den frühesten Versuch der besiegten Nation, sich aus deutscher Sicht mit dem frisch verlorenen Krieg zu befassen. So weit die Füße tragen gelang das 1946 sogar vergleichsweise gut – auch wenn Nazis darin seltsam selten sind. Und zum Abschluss der Tatort-Tipp (Montag, 22 Uhr, RBB), in dem Kommissar Bülow 1986 zum Teil eines Fernsehfilms im Fernsehfilm wird, bei dem – wie der Titel Tödliche Blende schon sagt – natürlich trotzdem ein Mord passiert.

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Bolsonaro Trump & Kominsky Parfum

Die Gebrauchtwoche

5. – 11. November

Na ja, dass Donald Trump nach seiner Wahlniederlage vom Dienstag ein bisschen dünnhäutig war, durfte eigentlich ebenso wenig überraschen wie die Tatsache, dass Defensive beim Berserker im Oval Office stets nur das Vorspiel zur Attacke ist. Kein Wunder also, dass er dem CNN-Reporter Jim Acosta nach einer unbotmäßigen Frage zur Russland-Affäre wie zwei Jahre zuvor mit den Worten das Wort abschnitt, er sei Fake News, furchtbar, ein Volksfeind, das Übliche eben. Erstaunlicher ist da schon, dass ihm Trumps Pressestab unterstellt, er habe einer Mitarbeiterin beim Versuch, das Mikro zu verteidigen, körperlich attackiert. Vollends absurd ist es hingegen, dass dem gestandenen Journalisten daraufhin die Akkreditierung entzogen wurde.

Aber eben auch nicht absurder als Elon Musks Attacke auf alle, die es wagen, negativ, also sachlich über die Börsenmanipulationen des Tesla-Chefs zu berichten. „Die Zahl der unwahren Artikel, die über mich geschrieben worden sind, ist unglaublich hoch”, erklärte der Tesla-Chef mit einem Verweis auf einen Wall Street Journal-Artikel und erklärte den Berufsstand im Ganzen zu „schrecklichen Leuten“, was wiederum auch nicht großartig anders klingt als Brasiliens neuer Präsident Jair Bolsonaro, der kurz nach seiner Wahl ankündigt, unliebsamen Medien die staatlichen Werbeaufträge zu entziehen, besonders dem regierungskritischen Blatt Folha de S.Paulo, das seiner Aussage nach „erledigt“ sei.

Obwohl man sich an völkisch-nationalistischen Populismus fast schon gewöhnt hat, sind solche Töne doch immer noch verstörend. Und damit zum Wintersport, wie ARD und ZDF ab sofort sagen dürfen. Mehr als 200 Stunden Live-Berichterstattung an 46 Sendetagen kündigt allein das Erste bis Ende März 2019 an und muss sich dann im Wechsel mit dem Zweiten ganze Wochenenden lang keine Gedanken mehr um Alternativprogramme machen., wenn die prominenten Jubelperser von Kati Wilhelm über Dieter Thomas bis Maria Höfl-Riesch sich und uns kuschelpatriotisch in Stimmung bringen. Samstag beginnt die ARD damit unter anderem mit Eislauf in Japan, Alpinrennen in Finnland und dem Skispringen in Polen.

Die Frischwoche

12. – 18. November

Das ist für alle Formate ohne gefrorenes Wasser natürlich ein bisschen ungerecht, aber dafür geht es in der ARD-Themenwoche nahezu vollumfänglich um Gerechtigkeit. Weil sie wirklich alle Kanäle fast rund um die Uhr einnimmt, sind Einzeltipps da schwierig. Als kleiner Ausschnitt: Während der SWR-Report Ausgebeutet für den Online-Boom am Mittwoch zur besten Sendezeit Paketausfahrer bei ihrer Arbeit für den entfesselten Konsum begleitet, werden Alwara Höfels und Gitta Schweighöfer im Kostümfilm Keiner schiebt uns weg zeitgleich in die polyesterbunten, aber männertristen Siebziger geschickt.

Interessant dürfte auch sein, ob Ingo Zamperonis Reportage Und das soll Recht sein? ab heute drei Abende um 22 Uhr im NDR Justizskandalen vor so viel Zuschauern auf den Grund geht, um die Hürde zur fortgesetzten Reihe zu nehmen. Ganz ohne Testlauf zur Serie geschafft hat es die Provinzposse Milk & Honey, mit der Vox ab Mittwoch erneut beweist, dass niveauvolle Serien aus privater Produktion eigentlich nur beim Sender vom Club der roten Bänder zu finden ist. Die Geschichte um vier Brandenburger Kumpels, die ihre klammen Kontostände als Teilzeit-Huren aufmöbeln, ist zwar oft unbedacht und oberflächlich, aber gut gespielt und dezent inszeniert.

Letzteres gilt auch für die Fernsehadaption von Patrick Süskinds Bestseller Parfum, der am selben Tag auf Neo in Serie geht. Mit der Vorlage hat der Sechsteiler um einen Ritualmord im Milieu der Düfte zwar nur am Rande zu tun. Unter Philipp Kadelbachs Regie agieren Wotan Wilke-Möhring, Jürgen Maurer, Friederike Becht und Marc Hosemann als polizeiliche Verfolger von August Diehl, Ken Duken, Trystan Pütter Natalia Belitski und Christian Friedel als Verdächtige allerdings atmosphärisch so dicht, dass man kaum loskommt von der Miniserie.

Was Neo hier unbedingt mit Netflix gemeinsam hat. Dort startet am Freitag The Kominsky Method von Chuck Lorre (Big Bang Theory) mit Michael Douglas und Allen Arkin als alternde Hollywood-Stars auf der Suche nach Sinn und Würde. Fabelhaft! Ebenso, wie das deutsch-rumänische Cybercrime-Drama Hackerville um ein osteuropäisches Dorf, von dem aus die Online-Attacken aufs westliche Werte- und Wirtschaftssystem erfolgen – Donnerstag um 21.45 Uhr ist auf TNT Teil 2 im Original mit Untertiteln zu bestaunen, während Joko Winterscheidt um 23.10 Uhr die nächste Pro7-Show kriegt. Win your Song klingt nicht nur nach Sing my Song, es ist auch fast das Gleiche, nur dass sich dieselbe Riege Popstars ihr Instrumentarium erst erspielen muss. Lustig…

Nein, Scherz, gar nicht lustig. Lustig ist die farbige Wiederholung der Woche: Maren Ades hinreißende Generationenkomödie Toni Erdmann von 2016, heute Abend (20.15 Uhr) auf Arte. Der Tatort dagegen entstammt fast schon einer vormodernen Zeit: In Die kleine Kanaille von 1986 ermittelt schließlich kein Geringerer als der schwarzweiße Nachkriegsstar Heinz Drache in einem Berliner Villenviertel und startet damit heute um 22 Uhr die RBB-Reihe alter Fälle, als die Hauptstadt noch Frontstadt war.


ARD-Arschkriecherei & Amazon-Beats

Die Gebrauchtwoche

5. – 11. November

Es dürfte zwar jeder einzelnen Faser selbst halbherziger Fußballfans widersprechen, aber vorige Woche am Fernseher haben sich viele davon zwei lausige Pokalpartien gewünscht, und siehe da – der Wunsch wurde erfüllt. Am Dienstag gab es ein erbärmlich unattraktives 2:0 der Schongang-Bayern beim Viertligisten Rödingdingsbums. Am Mittwoch dann ein erbärmlich stimmungsarmes 2:0 der Retorten-Leipziger beim Hopp-Gadget Hoffenheim. Beides garniert mit debilem Gefälligkeitsjournalismus aller ARD-Mitarbeiter von Gerd Gottlob bis Gerhard Delling, die es schafften, selbst das halbleere Stadion eines Getränkedosenmilliardärs nicht darauf zurückzuführen, dass sich außer den Jubelpersern der Sportschau niemand Neutrales für Live-Spiele seelenloser Plastikclubs und übermächtiger Serienmeister interessiert.

Ist es also ein betriebswirtschaftlich grundiertes Geben und Nehmen jenseits aller sportlichen Belange oder schlicht öffentlich-rechtliche Arschkriecherei, die der monarchistisch herrschende FC Bayern dann auch noch mit dem Abschied in die neoliberale Super League bestraft, wie vorige Woche von den Sendern der eigenen Geschäftspartner veröffentlicht wurde? Man kann es am Ende so wenig belegen wie den Antisemitismus-Vorwurf, mit dem ausgerechnet der ismen-unanfälligste Moderator des deutschen Fernsehens gerade zu kämpfen.

Aber gut, wer regelmäßig derart klare Kante wie Jan Böhmermann und – ja, für Clicks, aber eben auch für die Sache – bereit ist, sich in jeden noch so wilden Shitstorm zu stellen, kriegt halt naturgemäß neben Wind auch Scheiße ins Gesicht, sieht aber selbst derart angeschmiert glaubhafter aus als ein Julian Reichelt, der sich den Negativ-Preis Goldene Kartoffel vom Verein Neue deutsche Medienmacher immerhin persönlich abholte. Oder als ein US-Präsident, der Hass sät und scheinheilig die Folgen beklagt, wenn sie über Umwege zu rechtsextremistischen Massakern an Juden führen.

Die Frischwoche

5. – 11. November

Passenderweise gibt es dazu heute Abend auf dem ARD-Dokumentarfilmplatz zur Nacht den Antisemitismus-Report 2018 um 22.45 Uhr, dicht gefolgt von der Reportagereihe Geheimnisvolle Orte, die sich um halb zwölf der rekonstruierten Synagoge an der Oranienburger Straße in Berlin beschäftigt. Der eigentliche Höhepunkt des Fernsehabends ereignet sich allerdings zur Primetime. Dann zeigt das ZDF die Ouvertüre des Zweiteilers Der Mordanschlag, namentlich den am damaligen Treuhand-Chef vor 27 Jahren. Hier allerdings heißt Detlev Karsten Rohwedder Hans-Georg Dahlmann – und auch sonst nimmt sich Regisseur Miguel Alexandre einige Freiheiten bei der Fiktionalisierung des Attentats von 1991.

Nach dem Drehbuch von André Georgi erfindet er Terroristen, Polizisten und Bürokraten, die den Thriller aber dennoch zu einem verblüffend wahrhaftigen Schauspiel um politische Gewalt und den Zweifel, der durch ihn überall genährt wird, macht. Nicht nur dank Ulrich Tukur als Opfer und Petra Schmidt-Schaller als Täterin ein sehenswertes Stück Zeitgeschichte. Nach dem heute-journal folgt auf gleichem Kanal dann Jean-Christophe Grangés Vierteiler Die purpurnen Flüsse nach dem gleichnamigen Kinofilm aus dem Jahr 2000, mit ein wenig zu viel Ritualmord, aber großer Spannung und Bildgewalt. Und der NDR zeigt um 23.15 Uhr eine Erstausstrahlung der stilleren Art: Im dänischen Drama Der Charmeur muss der iranische Flüchtling Esmail um 23.15 Uhr für eine Aufenthaltsgenehmigung heiraten – was angesichts der ungewohnt selbstbewussten Frauen schwerer ist als gedacht.

Zwei Tage später (22.55 Uhr) setzt der NDR dann übrigens noch seine Debütfilm-Reihe Nordlichter mit Coming-of-Age-Gruselgeschichte Wo kein Schatten fällt, eine Art Hexen-Sabbat auf Norddeutsch. Hochaktuellen Enthüllungsjournalismus auf Arte-Art gibt es dagegen Dienstag zur besten Sendezeit: Passend zu den Kongress- und Senatswahlen in den USA läuft dort die vierteilige Halbzeitanalyse Mission Wahrheit – Die New York Times und Donald Trump von der preisgekrönten Filmemacherin Liz Garbus. Ebenfalls dystopisch, aber wenigstens fiktional ist die französische SciFi-Serie Ad Vitamin am Donnerstag auf gleichem Kulturkanal. In Doppelfolgen geht es darin sechs Teile lang um eine konfektionierte Zukunft, in der sich die Menschen dem Altern durch Suizid entziehen – bis dagegen revoltiert wird.

Höchst gegenwärtig, darin aber zugleich nostalgisch und futuristisch ist die deutsche Amazon-Serie Beat, in der Regisseur Marco Kreuzpaintner den Nachwuchsschauspieler Jannis Niewöhner in eine radikal verschwitzte Kriminalgeschichte im Berliner Techno-Milieuwirft. Bisschen mehr Club-Kultur à la Café Belgica wäre zwar besser gewesen als bisschen viel Ritual-Morde wie in Saw, aber das ist schon echt modernes Fernsehen mit Anschluss an alle Generatioinen. Dagegen ist die erste Wiederholung der Woche fast schon bieder, aber doch ungeheuer intensiv. In Dominik Grafs halbfiktionaler Ménage-à-Trois Die geliebten Schwestern (Dienstag, 22.10 Uhr WDR) von 2013 steht Florian Stetters Friedrich Schiller zwischen Charlotte (Henriette Confurius) und Caroline (Hannah Herzsprung), also schwer unter Liebesmühen. Noch schöner ist es allerdings, dass die ARD ab morgen um 22.45 Uhr Grafs grandiose Milieustudie Im Angesicht der Verbrechens aus der Kiste holt.


Rohrbomben & Freiheitsaufbruch

Die Gebrauchtwoche

22. – 28. Oktober

Mimimi. Als sich Kai Gniffke und Peter Frey aufs Podium einer AfD-Diskussion in Dresden zum Thema Medien gesetzt haben, war von vorneherein klar, dass die zwei Informationsverantwortlichen von ARD und ZDF keinerlei Verständnis vom Publikum erwarten durften. Ihren Hinweis darauf, dass deren Reporter auf Pegida-Demos bedrängt, gestoßen, ja attackiert wurden, mit dem lautmalerischen Begriff für „nun stellt euch mal nicht so an“ zu beantworten und dafür kein Widerwort der Veranstalter zu ernten, zeigte allerdings, wie sinnlos es scheint, mit Rechten über Grundrechte wie die Pressefreiheit zu reden.

Mimimi. Das war auch der Tonfall, den Donald Trump kurz nach ein paar verlogenen Tweets der Anteilnahme für die Opfer mehrerer Rohrbombenbriefe auf seine politischen Gegner inklusive des liberalen Networks CNN anschlug. Denn gleich danach schaltete der Populist im Präsidentenamt wieder auf Angriff und machte die Medien selbst verantwortlich. Eigentlich wäre „Mimimi“ zumindest intern aber auch die übliche Reaktion deutscher Sicherheitsbehörden auf den grotesken Mord am regimekritischen Zeitungskolumnisten Jamal Kashoggi gewesen. Schließlich verhindern selbst die schlimmsten Menschenrechtsverstöße des saudischen Regimes keinen noch so heiklen Waffenverkauf.

Es ist also, das zeigte sich vorige Woche wieder sehr anschaulich, insgesamt keine allzu gute Zeit für Anstand, Diskurse, Kompromissbereitschaft, wenn deren erklärter Feind die Zerstörung aller Werte des demokratischen Miteinanders zum Inhalt der politischen Kommunikation macht. Wir befinden uns da scheinbar auf dem Rückweg in eine Ära, die Netflix als eine von gleich fünf deutschen Serien fiktionalisieren will: In Die Barbaren kämpft das Römische Reich 2019 vergeblich gegen Germanen im Norden. Darüber hinaus geht es beim Streamingdienst um junge Online-Drogendealer und eine Zukunftsdystopie, was jetzt auch alles nicht so hoffnungsfroh auf morgen blicken lässt.

Die Frischwoche

29. Oktober – 4. November

Blicken wir also auf heute, wo das ZDF um 20.15 Uhr nach gestern sieht, genauer: ins Jahr 1971, als der berühmte stern-Titel Frauen zeigte, die – damals noch illegal – abgetrieben haben. Nach dem Drehbuch dreier Autorinnen fiktionalisiert Isabel Kleefelds Emanzipationsmelodram Aufbruch in die Freiheit eine davon, die der Enge ihrer dörflichen Heimat Richtung Großstadt entflieht und von dort aus um Gleichberechtigung kämpft. Klingt nach öffentlich-rechtlicher Wohlfühlsülze, ist dank Anna Schudt in der Hauptrolle jedoch ein gelungenes Beispiel, wie man Emanzipation ohne Peinlichkeit nachstellen kann.

Nicht ganz so emanzipiert, aber vielfach peinlich ist dagegen ein Filmformat, das am Dienstag 25. Geburtstag im ZDF feiert: Rosamunde Pilcher. Jenseits aller Emanzipationsfragen, aber so peinlich, dass es längst lächerlich ist, agiert morgen zur besten Sendezeit mal wieder die ARD, indem sie das sportlich irrelevante Pokalspiel des FC Bayern gegen einen Tiefstligisten überträgt und damit weiter schön das Festgeldkonto der öffentlich-rechtlichen Cashcow mästet. Als Kontrastprogramm bietet sich tags zuvor die Nitro-Serie FC Arbeitslos an, die sechsmal Profifußballer auf Jobsuche zeigen.

Derweil macht sich RTL lächerlich, weil es am Mittwoch ausgerechnet den berlinernden Blondinenwitz Mario Barth Die Wahrheit über Mann und Frau erkunden lässt, während die US-Serie 9-1-1 zeitgleich auf Pro7 unfreiwillig komisch andeutet, dass amerikanische Sicherheitskräfte vorwiegend wunderschön, völlig selbstlos und wahnsinnig emotional sind. Und wo wir beim Thema Peinlichkeiten sind: Ab Donnerstag begibt sich das Zweite abermals ins Gebirgspanorama und macht unterm Titel Team Alpin irgendwas mit lieb und nett und denkt euch doch mal was Neues aus.

Tut also, das was Jan Böhmermann tut, wenn er das Fernsehen immer wieder mal mit kreativem Entertainment bereichert. Und Donnerstag lässt es das ZDF sogar aus seiner Neo-Nische ins Hauptprogramm, wenn dort um 23 Uhr die Entblößungsshow Prism is a Dancer startet, in der er die Facebook-Profile seiner Zuschauer hackt. Ansonsten noch empfehlenswert: Sylvester Groth und Sunnyi Melles als Wilhelm Zwo nebst Gattin im Historiendrama Kaisersturz (Mittwoch, 20.15 Uhr, ZDF). Auch der Gruselthriller Jenseits des Spiegels im NDR kann sich tags drauf um 22 Uhr sehen lassen. Und was Video-Portale freitags in Serie schicken, neigt ohnehin oft zur Güte. In Homecoming etwa behandelt Julia Roberts als Psychotherapeutin Kriegsheimkehrer bei Amazon Prime, auf Sky geht House of Cards dann ohne Kevin Spacey ins Finale.

Kolumnenfinale: Die Wiederholungen der Woche. Als Tatort im Angebot: Bomben für Ehrlicher, (Montag, 20.15 Uhr, MDR), wo Peter Sodann 1996 ins Fadenkreuz eines Bankraubs geriet. Ebenfalls heute um 23.35 Uhr auf Arte, allerdings in Schwarzweiß: Shooting Stars, eine digital grundüberholte Dreiecksgeschichte von 1928. Etwas farbiger drei Stunden zuvor auf gleichem Kanal: Michael Douglas in einer seiner ersten Hauptrollen als Kameramann im Atomkatastrophen-Klassiker Das China-Syndrom von 1979. Ein Jahr älter und geradezu quietschebunt am Samstag um 20.15 Uhr auf SuperRTL: John Travoltas zweiter Streich als tanzender Frauenheld im Kinomusical Grease.


Bayern-Tyrannei & Bodyguard-Serie

Die Gebrauchtwoche

15. – 21. Oktober

Wäre George Orwalls Animal Farm ein Freistaat, dort hieße es vermutlich, alle Menschen seien gleich, einige davon aber doch a bisserl gleicher. So dachten einst die Könige Ludwig und Strauß, so denken ihre Thronfolger von Söder bis Seehofer, so halten es zwei weitere Regenten von Bavarias Gnaden: Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß. In einer denkwürdigen Pressekonferenz vom vorigen Freitag forderten sie zwar die Achtung der Menschenwürde und zitierten dafür gar das Grundgesetz. Allerdings nur, um sodann zu dekretieren, es gelte natürlich ausschließlich für Aktive des FC Bayern München, an denen weder Passive des FC Bayern München noch die Presse Kritik zu üben haben.

Amen, Sakradi!

Recht fordern, Willkür säen, Sündenböcke suchen, Gegner einschüchtern – was Despoten halt so machen, wenn sie ihre Despotiebedroht sehen. Das mag man angesichts der notorischen Würdeverletzung anderer (Özil oder Bernat)durch „große Demokraten“ (Hoeneß über Hoeneß) als realsatirischen Anflug altersstarrsinniger Unzurechnungsfähigkeit ansehen – würde dieser Angriff in Zeiten, da die Pressefreiheit überall unter Beschuss gerät und missliebige Reporter in Botschaften ermordet werden, nicht so erschreckend an populistische Potentaten wie Orbán oder Putin erinnern.

In dem Licht darf man daher durchaus auch die Forderung der Medienstaatssekretäre von Brandenburg und Schleswig-Holstein sehen, öffentlich-rechtliche Medien müssten „Profil gewinnen, sich stärker auf Information, Bildung, Beratung sowie Kultur fokussieren“. Es gebe schließlich keine Legitimation dafür, „mit dem Geld der Beitragszahler die Preisspirale der Übertragungsrechte im Profisport, insbesondere im Fußball, in schwindelerregende Höhen zu treiben“, schrieben Thomas Kralinski und Dirk Schrödter im Vorfeld der Tagung der Rundfunkkommission am Mittwoch. Sowas treibt dem vorbestraften Wurstmillionär aus Ulm zwar nicht die gleiche Zornesröte ins Gesicht wie vier sieglose Partien. Aber an Hoeneß‘ Allmachtanspruch kratzt es schon.

Am Allmachtanspruch analoger Medien alter Schule kratzt derweil Monat für Monat für Monat der Digitalrevoluzzer Netflix, dem im vergangenen Quartal sieben Millionen neue Nutzer zuteilwurden – ein Drittel mehr als kalkuliert. Und obwohl der betriebswirtschaftlich verschwiegene Konzern offenbar dennoch rote Zahlen schreibt, investiert er damit weiterhin fleißig in Content, vornehmlich Serien.

Die Frischwoche

22. – 28. Oktober

Ab Mittwoch zum Beispiel verlegt Bodyguard Whitney Houstons Bewachung durch Kevin Kostner ins britische Politik-Milieu, also dorthin, wo Personenschutz mehr ist als Eheanbahnung mit Actionelementen. Die Fortsetzung von Babylon Berlin beweist zwar am Donnerstag im Ersten, dass Serien auch aus deutscher Produktion gehaltvoller sein können als parallel dazu Lena Lorenz im ZDF. Dort allerdings setzt man am Ende doch immer noch am liebsten auf Heino Ferchs monolithische Fünfzigerjahre-Mimik, mit der er den Montagskrimi Ein Kind wird vermisst verödet. Oder auf den neuen Samstagskrimi Schwartz & Schwartz um zwei – hey! – grundverschiedene Ermittler, von denen der junge Golo Euler immerhin die Rolle mit dem arrivierten Devid Striesow tauscht und den biederen Familienvater im Clinch mit seinem flatterhaften Bruder spielt.

Das erste feiert tags zuvor zum 750. Geburtstag der Filmreihe derweil die lange In-aller-Freundschaft-Nacht und liefert damit ein neuerliches Argument, doch lieber das Internet in Erwägung zu ziehen, wo funk ab Mittwoch seine drollige Sitcom Klicknapped um zwei getrennte Youtuber zeigt, die ein Fan durch Entführung wieder zusammenbringen will. Unterhaltsam lehrreich ist derweil das heutige ARD-Dokudrama Die Aldi-Brüder, obwohl Aufstieg und Zerwürfnis der zwei Multimilliardäre, gespielt von Arnd Klawitter und Christoph Bach, weit mehr thematisiert werden als Lohndumping, Verpackungswahn, Preiskrieg oder die Verödung der Innenstädte durchs Discounter-Imperium. Alles Dinge, die auch bei der Hessischen Landtagswahl am Sonntag eine Rolle spielen sollten, ginge es live im Ersten und Zweiten (die Privatsender sind, hüstel, jetzt nicht sooo interessiert an Faktenfernsehen) nicht vor allem um die Berliner Groko und Flüchtlinge allüberall…

So bleibt als einzig ansehnliches Format des linearen Programms die Debütfilmreihe Nordlichter. Ab Donnerstag um 22.45 Uhr zeigt der NDR drei eigenproduzierte Horrorfilme junger Regisseure. Den Auftakt bildet Damian Schipporeits Erstlingswerk Tian über ein mystisches Geheimnis im ehemaligen Chinesen-Viertel von St. Pauli. Das Besondere: der Film ist Teil einer medienpädagogischen Initiative zur Stadtteilkultur und wird an Hamburger Schulen gezeigt – was tatsächlich helfen könnte, junge Zuschauer ans alte Medium zu binden. Das dürfte mit den Wiederholungen der Woche eher nicht so gut gelingen. Sehenswert sind sie dennoch.

Etwa John Frankenheimers Schwarzweiß-Klassiker Der Mann, der zweimal lebte von 1965 mit Rock Hudson als Banker, der seine Midlife-Crisis für viel Geld mit einer komplett neuen Identität bekämpft (Montag, 22.05 Uhr, Arte). In Farbe läuft vier Tage später auf gleichem Kanal um 23.10 Uhr Wes Cravens Horror-Frühwerk Hügel der blutigen Augen, in dem es eine Familie 1977 mit den Opfern amerikanischer Atomwaffenversuche in der Wüste Kaliforniens zu tun kriegt. Der Tatort-Tipp Jetzt und alles stammt heute (20.15 Uhr) im MDR aus dem Jahr 1994, als der Fall verunglückter Crash-Kids, in dem die Ost-Kommissare Kain & Ehrlicher ermitteln, gerade bundesweit den Boulevard erzürnte.


Presseopfer & Onlineserien

Die Gebrauchtwoche

8. – 14. Oktober

Am Jahrestag des Mordes an der maltesischen Bloggerin Daphne Caruana Galizia, die aller Wahrscheinlichkeit nach wie der slowakische Journalist Ján Kuciak wegen ihrer Recherchen bis in die höchsten Regierungskreise das Leben verloren hat, wurde die bulgarische Fernsehreporterin Viktoria Marinowa furchtbar entstellt in einem Gebüsch gefunden. Ob sie einer Recherche zum Opfer fiel, ist bislang zwar offen; allein der Umstand aber, dass diese Möglichkeit selbst in europäischen Demokratien längst als naheliegend gilt, macht Angst.

Und die wird kaum dadurch geringer, dass sich ein versierter Antidemokrat zum Vorkämpfer der Pressefreiheit aufspielt: Ausgerechnet Reccep Tayyip Erdogan, unter dessen Willkürherrschaft mehr Journalisten inhaftiert sind als in jedem anderen Land, bemüht sich gerade um einen Reporter namens Kashoggi, der angeblich in Istanbuls saudischer Botschaft verschwunden ist. Ein Medienhasser als Medienretter? Wäre es nicht so bitter – man könnte sich köstlich über den Irrsinn dieser völlig durchgedrehten Welt amüsieren.

So oder so sind es demnach gute Zeiten für politischen Humor. Theoretisch. Praktisch allerdings gingen die wichtigsten Trophäen beim Deutschen Comedy-Preis wie immer an allerlei Schreihälse mit der Bissigkeit einer Samstagabendshow im ZDF. Caroline Kebekus zum Beispiel, die trotz ihrer femizisitischen Attitüde jedes Inhaltsloch mit Lautstärke verfüllt, was auch für Luke Mockridge und Mirja Boes gilt. Weil das RTL-Gewächs die RTL-Show dummerweise auf RTL moderiert hat, muss sie sich den RTL-Lorbeer mit anderen teilen, die teilweise – Obacht! – nicht von RTL kamen.

Wenn man sich einen größeren Witz gedankenloser Selbstbeweihräucherung ausdenken wollte, käme einem eigentlich nur noch in den Sinn, den reichsbürgerlichen Schmusesänger Xavier Naidoo zum Juror eines großen Musik-Castings zu machen, aber das traut sich ja vermutlich nicht mal RTL. Obwohl… Ach, es ist alles so unappetitlich – wenden wir uns lieber einer vergleichsweise leckeren Mediennachricht zu: Das Konzept der ARD, die herausragende Zeitreise Babylon Berlin erst beim Koproduzenten Sky und dann auch noch parallel zur eigenen Ausstrahlung in die Mediathek zu zeigen, ist voll aufgegangen. Fast Vier Millionen Videoabrufen stehen Einschaltquoten weit über Senderschnitt gegenüber.

Die Frischwoche

15. – 21. Oktober

Zurzeit sorgen zwar Online-Formate wie die dezent nervenzerreißende Grusel-Adaption Spuk in Hill House (Netflix), die historisierende Dramenreihe The Romanoffs (Amazon), die Fortsetzung von 4 Blocks (TNT) oder ab Dienstag auf Sky Lena Dunhams neue HBO-Sensation Camping (Sky) für Aufsehen; doch schon Donnerstag geht der Siegeszug des Kölner Sittenpolizisten Gereon Rath im hedonistisch verlotterten Zwischenkriegs-Berlin mit Doppelfolgen weiter. Ob die andere Zusammenarbeit dieser Tage ähnlichen Erfolg hat, darf man indes bezweifeln. Nachdem der Vorwendethriller Deutschland 83 hierzulande durchgefallen war, hat RTL die Fortsetzung an Amazon verhökert, wo Jonas Nay als Doppelagent drei Jahre später in aller Welt süß aussehen darf.

Dramaturgisch weit hollywoodaffiner könnte das Konzept aufgehen. Sehenswert, gar soziokulturell relevant ist die Aneinanderreihung von Actionsequenzen ab Freitag indes nicht mehr so recht. Das Gleiche gilt für die 2. Staffel der Koproduktion The Team ab Donnerstag auf Arte und drei Tage später im ZDF. Nahezu alles an dieser dänisch-deutsch-belgischen Jagd auf Kunsträuber zur Terrorfinanzierung ist klischeehaft, platt und so mies synchronisiert, dass selbst Jürgen Vogel vergebens gegen die öffentlich-rechtliche Kahlrasur allen Eigensinns annuschelt.

Da dürfte sogar die 14. Auflage von Bauer sucht Frau ab heute auf RTL gehaltvoller sein. Oder auch Eltons neue Samstagsshow namens Alle gegen einen um, tja, irgendwas mit Quiz auf ProSieben. Auch das mehrteilige Dokudrama Mars: Novo Mundo verspricht Elon Musks ressourcenfressend elitäres Weltraumtourismusprojekt SpaceX ab Dienstag um 20.05 Uhr auf dem Zeitungsableger Welt unterhaltsamer anzupreisen. Und wer vom kommerziellen Blick auf die Realität noch immer nicht genug hat: Ab Donnerstag zeigt RTL2 in Reeperbahn Privat! angeblich Das wahre Leben auf dem Kiez. Na gut – wer echten Realismus will, wird Samstag von der ZDF-Fiktion Die Protokollantin mit Iris Berben als Mutter eines verschwundenen Kindes, die einen Racheplan gegen die Vergangenheit fasst doch etwas besser versorgt. Und mit den Wiederholungen der Woche sowieso.

Heute zeigt Arte zur Primetime das US-Biopic Meister des Lichts von 2014 mit Timothy Spall als Industrialisierungsmaler Mr. Turner, der seine Epoche geprägt hat wie vor ihm Van Gogh (Mittwoch, 20.15 Uhr, Arte), den Bernhard Le Coq bereits 1991 beispielhaft verkörperte. Der alte Tatort hingegen ist neueren Datums, aber zeitlos toll: Borowski und der Himmel über Kiel bildete 2014 schließlich den Durchbruch von Elisa Schlott, die darin am Donnerstag um 20.15 Uhr im WDR als Crystal-Junkie brilliert, wie ihn nie zuvor jemand ergreifender gespielt hat.


Unterhaltungsgipfel & Albrecht Schuch

Die Gebrauchtwoche

17. – 23. September

Was war das für ein Starrummel beim selbsternannten ARD-Unterhaltungsgipfel am Hamburger Fischmarkt: Jörg Pilawa und Guido Cantz, Kai Pflaume und Eckart von Hirschhausen, Bernd Hoecker, Florian Silbereisen, ja selbst Elton ohne Nachnamen hatten sich im schicken Backstein-Loft mit Elbblick versammelt, um die heilige Kraft der öffentlich-rechtlichen Primetime mit Selbstbeweihräucherungen wie jener zu beschwören, dass es im Ersten und nur dort wirklich um den Menschen und ihre Wohlergehen gehe, nicht Rendite (oder gar Quoten, Gott bewahre!). Welch Manpower des humanistischen Entertainments. Und zwar buchstäblich.

Denn irgendwie hatte das Erste doch glatt vergessen, abgesehen von der Moderatorin Barbara Schöneberger auch ein paar unterhaltsame Frauen im Metier einzuladen. Okay, Caroline Kebekus stöckelte als komödiantisches Feigenblatt wie immer halsbrecherisch hochbehackt durch die geladenen Pressevertreter und Sendergranden. Und Mareile Höppner saß auch kurz auf dem Podium, ohne allerdings selbst so genau zu wissen, warum. Denn TV-Show ist bei ARZDF ebenso wie in RTLSat1Pro7 und überhaupt nahezu jedem publikumswirksamen Kanal der Galaxis eine reine Männerveranstaltung.

Die zog sich nach der PR-Sause übrigens ins unweit gelegene Ultraluxushotel Fontenay, zurück, wofür dessen Besitzer Klaus-Michael Kühne vom Ersten den Rundfunkbeitrag einiger Tausend Gebührenzahler eingestrichen haben dürfte – was angesichts der 33 Milliarden Euro, die das Kabelnetz Comcast für Sky bezahlt, allerdings fast schon erschwinglich klingt. Wobei sich zeigt, dass Anbieter jenseits der linearen Verbreitungswege langsam auch genauso viel wert sind. Davon zeugen die Emmy Awards 2018, bei denen Streaming- und Pay-TV-Dienste 23 Mal siegreich waren. Ganz vorn: die Amazon-Serie The Marvelous Mrs. Meisel und wie immer seit Beginn der Wetteraufzeichnungen: Game of Thrones. Nicht unter den Preisträgern dagegen: Ernie & Bert, was hoffentlich rein gar nichts mit der Erkenntnis zu tun hat, sie seien, wie man heute so schön sagt, sexuell flexibel!

Die Frischwoche

24. – 30. September

Wir outen uns demgegenüber als feuilletonistisch flexibel und erweisen einer Serie die Absolution als sehenswert, von der es niemand mit Geschmack wohl erwartet hätte: SOKO. Genau 40 Jahre nach der Münchner Premiere erweist sich das elfte Team in Potsdam ab heute um 18 Uhr nämlich anspruchsvoll wie sämtliche zehn vorherigen zusammen. Im Auftaktfall Saubere Geschäfte um einen Mord im Muskeldoping-Milieu zeigen Caroline Erikson und Katrin Jaehne als Kommissarinnen Luna Kunath und Sophie Pohlmann schließlich eine unterhaltsame Glaubwürdigkeit, die nicht nur am Vorabend rar ist.

Der Hauptabend dagegen steht dieser Tage voll im Zeichen von Albrecht Schuch. Zunächst spielt er heute Abend in Rainer Kaufmanns ZDF-Drama Der Polizist und das Mädchen die Hauptfigur, der seinen Job als Dorfpolizist dafür nutzt, einen selbstverschuldeten Unfall zu vertuschen. Schuch, der zuletzt als Gladbeck-Fotograf und NSU-Mörder brilliert hatte, überzeugt darin ebenso wie zwei Tage später als Titelfigur des ARD-Mittwochsfilms Kruso. In der Adaption von Lutz Seilers gleichnamigem Bestseller verkörpert der ostdeutsche Schauspieler einen Lebenskünstler auf Hiddensee, der Republikflüchtlinge davon überzeugen will, die DDR von innen heraus zu bekämpfen.

Es ist ein poetischer Film, sehr sperrig, äußerst bildgewaltig und trotz einiger Längen zutiefst unterhaltsam. Das hat er mit der dänischen Serie Ride upon the Storm ab Donnerstag auf Arte gemeinsam. Zehn Teile lang durchlebt Lars Mikkelsen als Pastor Johannes darin ein Familiendrama, das religiöse Prinzipien brillant mit gesellschaftlichem Alltag verknüpft. Ebenso heiß erwartet wurde die futuristische Fantasy-Serie Counterpart (ab Freitag, Amazon Prime). Stilistisch wie dramaturgisch nahe an Dystopien wie Matrix, spielt J.K. Simmons darin einen kleinen US-Angestellten, der eine Paralleldimension entdeckt, in der die Menschheit von der furchtbaren Realität abgelenkt werden. Das alles ist von der Relevanz her aber natürlich gar nichts gegen das, was der ARD ab Sonntag blüht.

Durch die Zweitausstrahlung der Zwischenkriegsserie Babylon Berlin nämlich steigt der öffentlich-rechtliche Sender in die Weltliga herausragender Serien auf und verdrängt dafür sogar den „Tatort“ vom angestammten Sendeplatz. Zum Ausgleich bleiben die Wiederholungen der Woche diesmal auf einen älteren der Extraklasse beschränkt. Mit Lars Eidinger als Stalker der perfidesten Art zählt Borowski und der stille Gast (Montag, 21.30 Uhr, HR) von 2012 zu den herausragenden Fällen seit Bestehen der Krimi-Reihe.