Hofer schwächelt & Gottschalk liest

Die Gebrauchtwoche

11. – 17. März

Die Tagesschau, daran hat sich im Vergleich zur öffentlich-rechtlichen Monopolphase wenig geändert, ist das Hochamt informationeller Grundversorgung. Als Beleg dient abgesehen vom Nachrichtennutzwert der vorige Freitag, als Medien landauf landab über Jan Hofers Schwächeanfall vor laufenden Kameras berichtet haben – was nebenbei die Selbstauskunft der Redaktion nach sich zog, für die Moderation ihrer Hauptnachrichten genau 259,89 Euro zu zahlen. Noch stärker ins Auge sticht es allerdings, wenn sie ihr Niveau so drastisch unterläuft wie zwei Tage zuvor.

Da nämlich berichtete die ARD zur Primetime, dass der Angeklagte eines Mordprozesses geständig war. Mehr nicht. Warum in einer ereignisüberreichen Welt schwebende Verfahren, in denen trotz Geständnis bis zum Urteil die Unschuldsvermutung gilt, zur Topmeldung taugen, ist weit bedrohlicher als die Tat an sich, also der Tagesschau unwürdig. Denn dass der mutmaßliche Mörder eines Mädchens aus dem Irak stammt, macht die Berichterstattung zum Kniefall vor Rechtspopulisten, die jede Nichtberichterstattung zum Volksverrat aufblasen würde.

Rechtspopulisten wie all jene, die ungewohnt schweigsam waren, nachdem einer der ihren in Neuseeland zwei Massaker an Muslimen begangen und live bei Facebook gestreamt hatte. Rechtspopulisten wie eine Frau, die am Mittwoch das ZDF-Morgenmagazin gestürmt und Dunja Hayali mit „Lügenpresse“ beschimpft hat, worauf sie der Wutbürgerin zwar anbot, zu reden, was die – hoppela – gar nicht wollte, sondern nur pöbeln. Einen Tag später holte die shitstormerfahrene Moderatorin dann übrigens Deutschlands Chefpopulistin ins Frühstücksfernsehen und ließ Alice Weidel darin selbstsichere Übellaunigkeit verbreiten.

Nicht minder rechtspopulistisch verhielt sich das türkische Regime, als es die Presseakkreditierung des ZDF-Korrespondenten Jörg Brase Anfang der Woche so grundlos erteilte, wie sie ihm zuvor verweigert worden war. Noch nicht populistisch, aber schon irgendwie undemokratisch verhielt sich der DFB-Präsident. Weil ihm Florian Bauers Fragen zur Fifa nicht passten, brach Reinhard Grindel ein Interview mit der Deutschen Welle ab. Kritische Fragen! Von einem Journalisten!! Sowas aber auch!!!

Die Frischwoche

18. – 24. März

Da kann Arte ja noch mal von Glück sagen, dass der Filmemacher Michael Wech für seine Doku über Die globale Antibiotika-Krise Gesprächspartner gefunden hat. So wurde Resistance Fighters zum Wissenschaftsthriller, der Dienstag um 20.15 Uhr zwar lehrreich ist, vor allem aber Angst macht, wie die Tierindustrie zum finalen Genozid ansetzt, dem künftig nach WHO-Schätzungen zehn Millionen Menschen pro Jahr zum Opfer fallen werden. Bis unser Konsumverhalten endgültig klar Schiff gemacht hat auf der Erde, lenken wir uns aber noch kurz bei Wilde Dynastien davon ab. Wie so oft in BBC-Dokus erzählt von Sebastian Koch, zeigen sie ab heute fünf Montag zur besten ARD-Sendezeit Tiere, von deren Sozialverhalten wir uns ein Scheibchen abschneiden sollten, um das Klima vielleicht doch nicht gegen die Wand zu fahren.

Ein paar Verbrauchertipps dagegen hat ab morgen an gleicher Stelle um 16.10 Uhr jemand parat, den man an dieser Stelle womöglich nicht erwartet hätte: Oliver Petszokat. Als Seifensänger Oli.P hatte er eine recht lukrative Popkarriere; jetzt moderiert der der frühere GZSZ-Star das Trödel-Format Hallo Schatz, in dem vermeintlich unnütze Gebrauchtgegenstände upgecycelt, also aufgewertet werden. Klingt dann doch ein bisschen nachhaltiger als sein beruflicher Werdegang… Nach Aufwertung leicht abgenutzter Gebrauchtwaren klingt auch das vogelwilde, halbfiktionale Band-Porträt The Dirt , mit der Netflix den Hair-Metallern Mötley Crüe Freitag huldigt. Und das Gleiche gilt irgendwie auch für die Rückkehrs eines anderen Fossils des haarigen Zeitalters.

In Gottschalk liest liest Gottschalk ab Dienstag um 22 Uhr nämlich im Bayrischen Rundfunk Bücher und gibt damit den Hans-Joachim Kulenkampff, der seine Karriere auch einst als Märchenonkel zur Nacht ausklingen ließ. Beim erstaunlichen Nischensender TNT bereitet sich die Nachfolgegeneration am gleichen Tag auf eigenen Nachwuchs vor. Die Mockumentary Andere Eltern erzählt von Helikopter-Hipstern in Köln, die sich ihre eigene Kita errichten. Das ist zwar oft klischeehaft, aber öfter wahrhaftig. Ähnliches gilt für die Langzeitbeobachtung Wir sind Jane, in der der US-Kabelkanal A&E ab Samstag die neun Persönlichkeiten einer schizophrenen Mutter schildert.

Zumindest zwei Leben hatte dagegen Deutschlands Dichter-Gott der Zwischenkriegszeit. Mit Tom Schilling als jungem und Burghart Klaußner als altem Brecht, porträtiert der Dokudramen-Gott Heinrich Breloer den Dramatiker in seiner hybriden Vielschichtigkeit. Arte zeigt den Zweiteiler Freitag am Stück und schiebt noch einen Film über Brechts Wirken am Berliner Ensemble nach. Viel Hochkultur zum Wochenende. Das ein bisschen Popkultur als Gegengewicht verträgt. Die Wiederholungen werden daher Mittwoch um 20.15 Uhr auf Nitro von George Lazenby eingeleitet, der 1969 seinen einzigen Einsatz als 007 hatte. Montag läuft Corinne Marchand in Erwartung einer Krebsdiagnose als Cléo durchs schwarzweiße Paris 1962 (Arte, 21.55 Uhr. Und Neo zeigt ab Freitag um 13.45 Uhr die Ursprünge des multiphobischen Ermittlers Monk von 2002.

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Karnevalswitze & Kostüm-Kitsch

Die Gebrauchtwoche

25. Februar – 3. März

Die Revolution ist vertagt. Zumindest teilweise. Das hyperrealistische Netflix-Drama Roma hat vor acht Tagen zwar drei der zehn nominierten Oscars geholt, darunter mit dem für die beste Regie ein Schwergewicht. Nur als bester fremdsprachiger Film prämiert worden zu sein, war aus Sicht des Streamingdienstes am Ende aber eine Enttäuschung – auch wenn selbst das angesichts der symbolischen Kino-Auswertung unter Cineasten für Wehklagen sorgt.

Dem steht ein Jubelgeschrei der ARD gegenüber, die Anfang April 12 von 17 Grimme-Preisen in allen wichtigen Kategorien erhält – bis auf die prestigeträchtige Serie, wo das ZDF mit Bad Banks triumphiert, dazu Amazons Beat und leicht überraschend: Hackerville von Turners Spartenkanal TNT. Käme das Netflix-Melodram Pose um eine schwarze Transfrau, die ihre Wohnung im kapitalismus- und aidsumtosten New York der 80er zum Heim für gleichermaßen benachteiligte Kinder macht, aus Deutschland – der Grimme-Preis 2020 wäre schon jetzt vergeben. Schon toll, wie randständig Serienhelden mittlerweile sein dürfen.

Vielleicht eignet sich in diesem Spektrum bald ein Journalist zur Serienfigur, etwa aus dem Nachlass des Pressepatriarchen Alfred Neven DuMont. Kurz nach dessen Tod schlagen seine Nachfolger das milliardenschwere Erbe in Stücke und trennen sich offenbar von allen Regional-Blättern, darunter der Kölner Stadt-Anzeiger am Stammsitz, wo 1626 die Keimzelle der Mediengruppe entstand. Darauf ein zünftiges Alaaf in die Karnevalsmetropole, die in den nächsten zwei Tagen nochmals auf Hochtouren feiert.

All die Festumzugs- und Prunksitzungsübertragungen, mit denen ARZDF und Dritte ihr Märzprogramm verstopfen, wollen wir an dieser Stelle trotzdem nicht empfehlen. Und den missglückten Doppelnamen-Witz des ortsansässigen Komikers Bernd Stelter, für den er bei einer Faschingssause im Ersten minutenlang von einer Zuschauerin im Saal attackiert wurde, kann man leider nicht mehr sehen, weil ihn der WDR aus seiner Mediathek gestrichen hat.

Die Frischwoche

4. – 10. März

Widmen wir uns also einer unfreiwillig lustigen Produktion: Bella Germania. Mit dem Dreiteiler zeigt das ZDF ab Sonntag zur besten Sendezeit, dass es sich auch 2019 für reaktionären Kostümkitsch im Stil der 50er nicht zu dämlich ist. Angeblich soll die Literaturverfilmung um italienische Gastarbeiter von einst die „Flüchtlingskrise“ von heute kommentieren. Tatsächlich ist die Schmonzette ein pünktchenkleidsüßes Heimatfilmrelikt, das durch einen Sprachsalat, in dem Einwanderer untereinander Deutsch mit italienischem Akzent reden, hart an der Lächerlichkeit wandelt. Dringende Bitte: Lieber ein Glas Honig löffeln, als damit Lebenszeit zu vergeuden.

Denn wenn schon Klischees, dann von Michael Kessler verabreicht. An gleicher Stelle porträtiert der famose Alltagsparodist im Lichte der Europa-Wahl Ziemlich beste Nachbarn, genauer: Russland, Italien und England, wo er drei Dienstage lang um 20.15 Uhr Stereotypen auf den Prüfstand stellt. Die verlieren zwar in der Regel nicht dadurch an Kraft, dass man auf ihnen herumreitet. Aber Kessler ist halt ein glaubhafter Analyst bürgerlicher Befindlichkeiten. Was über Umwege auch für Jan Georg Schütte gilt. Nachdem der Regisseur die Darsteller von Altersglühen und Wellness für Paare ohne Drehbuch in Speeddating oder Eheberatung geschickt hat, bittet er sein Star-Ensemble am ARD-Mittwoch nun zum Klassentreffen.

Wie sich Charly Hübner, Jeanette Hain, Fabian Hinrichs oder Nina Kunzendorf durchs 25. Abi-Jubiläum improvisieren – das ist erneut großes Stand-up-Theater. Grad im Vergleich zur gescripteten Scheinrealität von vier Paaren, die Pro7 parallel getrennt auf eine Temptation Island schickt, wo sie acht Teile lang der Verlockung durch baggernde Nebenbuhler trotzen. Eine Art Anti-Bachelor also. Nur nach Drehbuch. Also Null Improvisation, sondern Publikumsverarschung. Aber gut – wer nicht verarscht werden will, kann stattdessen gute Unterhaltung schauen. Setz Rogens Zehnteiler Black Monday zum Beispiel, ab Sonntag auf Sky. Ein schillerndes Potpourri des turbokapitalistischen Amerika nach dem Börsencrash 1987.

Spannend wäre am gleichen Tag um 22.05 Uhr auch das Arte-Porträt des Hollywood-Regisseurs Elia Kazan, der mit Filmen wie Endstation Sehnsucht Geschichte schrieb, dann aber in der antikommunistischen McCarthy-Hetze Ära eher schäbig agierte. Da vorweg sein Klassiker Jenseits von Eden von 1955 läuft, sind wir auch schon mitten in den Wiederholungen der Woche. Etwa mit zwei schwarzweißen Evergreens der rothaarigen Rita Hayworth aus den Vierzigern, die Arte heute im Rahmen seines Schwerpunkts Unabhängig, weiblich, stark zeigt: Gilda und Die Lady von Schanghai. Kein Weltkino, aber zeitlos lustig ist der Ruhrpott-Klamauk Bang Boom Bang (Samstag, 20.15 Uhr, SRTL) mit Oliver Korittke als Kleinganove im aberwitzigsten Raubzug der Komödiengeschichte von 1999. Der Tatort-Tipp ist dieses Mal eine Erstausstrahlung: Eva Löbau und Hans-Joachim Wagner sind im Schwarzwald-Fall Für immer und dich schlicht zu grandios für eine Gebrauchtwarenempfehlung.


Sprachgeschütze & Profitprüfer

Die Gebrauchtwoche

25. Februar – 4. März

Kultur, wer wüsste das besser als Linguisten, ist Sprache und Sprache Kultur. Da verwundert es wenig, dass die Sprachwissenschaftlerin Elisabeth Wehling von der kalifornischen Berkeley University Worte findet, mit denen sich das Erste im Kampf um Demokratie und Rechtsstaatlichkeit wappnen sollte oder besser: mit welchen nicht. Auf 89 Seiten riet Wehling der ARD, populistische Wortgeschütze wie „Staatsfunk“ bis „Lügenpresse“ nicht dadurch aufzuwerten, dass man sie selber verwende. Gewiss, das Prinzip des Framing ist keinesfalls unumstritten. Noch unumstrittener jedoch ist, dass jemand, der von Lügenpresse faselt, damit Demokratie und Rechtsstaatlichkeit bekämpfen will. Das gilt dann natürlich auch für jene, die Wehlings Studie mit „Umerziehung“ à la Orwell kommentiern – obwohl das, um den Wettstreit der Wahrheitsfeinde nicht mitzuspielen, an dieser Stelle ja eigentlich gar nicht erwähnt werden sollte.

Aber wenn selbst die Bild mal wieder ihren Kampagnen-Journalismus aus der Epoche Kai Diekmanns betreibt… Was allerdings fraglos auch damit zu tun hat, dass die relativ moderate Ex-Chefredakteurin Tanit Koch vom absolut rauflustigen Kettenhund Julian Reichelt abgelöst wurde, der das Balkenblatt wieder gen Pegida rückt. Nachdem sie an dieser meterdicken Wand aus Testosteron, Moschus und Männerstolz abgeprallt ist, wechselt sie nun jedoch zur RTL-Gruppe und wird Geschäftsführerin des „Nachrichtensenders“ n-tv. Klingt nach gutem Kompromiss.

Derweil dreht das Personalkarussell auch anderswo, und gewiss nicht immer zum Besten der Sender. Thomas Hitzlsperger etwas verlässt „voller Dankbarkeit“, wie er es ausdrückt, die ARD zum VfB, womit dem Ersten fortan ein beispiellos kompetenter, vor allem: sympathischer Fußballexperte fehlt. Derweil kündigt der BR an, Hindafing fortzusetzen, was eine mindestens ebenso gute Nachricht ist, wie das geplante Sequel von Der Pass auf Sky, denn beides belegt eindrucksvoll, wie grandios deutsche Serien sind, wenn sie sich was trauen.

Die Frischwoche

5. – 11. März

Das hatte sich zweifellos auch ZDFneo vorgenommen, als man die Serie Dead End um Antje Traue als sperrige Forensikerin zu drehen begann. Morbide Leichenfledderei hatte schließlich auch bei Six Feet Under gut geklappt. Was Regisseur Christopher Schier aus dieser Vorlage am Standort brandenburgische Provinz macht, spottet den Vorbildern jedoch so sehr, dass man besser die DVDs der Originale aus dem Keller holt. Besser machen es mal wieder die Streamingdienste, namentlich: Sky. Dort startet am Freitag die deutsche Katastrophendystopie 8 Tage. So lange dauert es darin, bis ein Meteorit ebenfalls in Brandenburg die Erde trifft. Nach Peter Kocylas Idee machen die Regisseure Stefan Ruzkowitzky und Michael Kummenacher daraus ein starbesetztes Panoptikum menschlicher Überlebensstrategien zwischen Empathie und Anarchie, die das Publikum acht Teile in seinen Bann zieht. Richtig gelungen. Und mit einem Preis für die umweltschonende Dreharbeiten ausgezeichnet, was man ja auch mal erwähnen darf.

Viel zu selten erwähnt wird hingegen die Tatsache, wie die Welt so von vier Firmen unter sich aufgeteilt wird, dass ein Meteoriteneinschlag kaum verheerender sein könnte. Nachdem am Wochenende bereits die Süddeutsche große darüber berichtet hatte, klärt die Recherche-Gemeinschaft aus WDR und NDR heute um 22.45 Uhr im Ersten über Die unheimliche Macht der Berater auf. Sie heißen pwc, KPMG, Deloitte Ernst & Young und firmieren bei nahezu allen Konzernen und Regierungen als Wirtschaftsprüfer und -berater, was in etwa so ist, als würde ein Anwalt im Prozess auch Richter sein. Das macht diese vier Gesellschaften mithilfe der Bundesregierung und sämtlicher DAX-Unternehmen für nahezu alles mitverantwortlich, was Staat und Menschen in aller Welt für den Profit weniger spaltet.

Wiedervereint sind dagegen zweieinhalb Stunden früher im ZDF Petra Schmidt-Schaller und Ulrike C. Tscharre als Ex-Paar, das sich in Maris Pfeifers Psychokrimi Getrieben durch zwei Morde näherkommt und dabei entfremdet. Noch spannender wäre es aus indes gewesen, wenn das Zweite die Sendezeit mit dem Kleinen Fernsehspiel Onkel Wanja getauscht hätte, das vier Stunden später an gleicher Stelle läuft. Anna Martinetz verlegt Tschechows Gesellschaftsstück über die Frage nach Tun und Lassen vom Fin de Siècle in die krisenhafte Gegenwart und ersetzt Gutsbesitzer durch Finanzmarktjongleure. Gewagt, aber interessant. Ebenso interessant wie der Umstand, dass die Montagsfilme diesmal ganz in der Hand von Frauen sind – was gut zum Themenschwerpunkt Unabhängig, weiblich, stark passt, mit dem Arte ab Sonntag bemerkenswerte Frauen feiert.

Den Anfang macht Coco Chanel im Biopic Der Beginn einer Leidenschaft von 2009 mit Audrey Tautou als Modezarin, gefolgt vom Dokumentar-Porträt Die Revolution der Eleganz. Auf ganz andere Art stilsicher ist hingegen der unvergleichliche Humphrey Bogart in der schwarzweißen Wiederholung der Woche. Wie immer formvollendet nimmt die Hauptfigur des Krimidramas An einem Tag wie jeder andere (Montag, 22.05 Uhr, Arte) von 1955 eine gewöhnliche Familie als Geisel und stößt dabei selbst an seine Grenzen. Exakt 32 Jahre später kam vor 32 Jahren Brian De Palmas Mafia-Epos Die Unbestechlichen (Freitag, 22.25 Uhr, 3sat) mit Kevin Kostner und Sean Connery auf der Jagd nach Al Capone ins Kino. Erst 2015 landete dort Andreas Dresens fabelhafte Literaturverfilmung Als wir träumten (Sonntag, 23.35 Uhr, ARD) um ostdeutsche Jugendliche, die fatal an der Wiedervereinigung scheitern. Und aus demselben Jahr stammt auch der heutige Tatort: Grenzfall (22 Uhr, RBB), den Bibi und Moritz teilweise in Tschechien lösen.


Personalkarussell & Kliniknazis

Die Gebrauchtwoche

11. – 17. Februar

Die marktbeherrschende Stellung von Netflix lässt sich unabhängig davon, ob der Streamingdienst je schwarze Zahlen schreibt, mittlerweile gut beziffern. Mindestens 15 Milliarden Dollar Umsatz bei einem zehnmal höheren Börsenwert sind noch einschüchternder als weltweit 139 Millionen zahlende Kunden, von denen – ließ der Konzern erstmals verlauten – gut jeder Dritte die Psychothriller-Serie You eingeschaltet hat. Gut, ob zehn Sekunden oder alle zehn Teile: darüber hüllt sich Reed Hastings weiter in Stillschweigen. Aber dass er mit dem sperrigem Afrika-Porträt The Boy Who Harnessed the World die Berlinale entzückt und zugleich verkündet hat, anstelle von HBO Breaking Bad fortzusetzen, sollte der Konkurrenz durchaus Sorge bereiten.

Einer Konkurrenz übrigens, die den Zuwachs beworbener Erfindungen in der zweiten Staffel von Das Ding des Jahres ab Dienstag auf zehn so irre findet, dass Pro7 es in einer mehrwöchigen Plakat-Kampagne feiert. Beim anderen Konkurrenten RTL rotiert derweil das Personalkarussell. Während der langjährige Unterhaltungschef Tom Sänger die Sendergruppe aus bislang ungeklärtem Grund verlässt, wechselt Vox-Chefredakteur Kai Sturm zum Mutterkanal und wird Marcel Amruschkewitz ersetzt, an dessen Seite mit Kirsten Petersen künftig sogar eine Frau sitzt, während Oliver Schablitzki neben Nitro demnächst auch noch RTLplus verantwortet.

Im Ersten dagegen bleibt alles beim Alten: Der fraglos wichtigste Abnehmer und Lieferant für Sachfilme jeder Art, feierte sich vorigen Dienstag wie jedes Jahr während der Berlinale im prunkvollen Meistersaal selbst. Diesmal erlebten die Top of the Docs allerdings ein paar Misstöne. Der preisgekrönte Regisseur Arne Birkenstock attestierte der ARD zwar, „mit uns die besten Dokumentarfilme der Welt“ zu machen, fragte aber mit fröhlichem Zorn, warum das Erste seinen Markenkern ständig im Nachtprogramm verstecke. Tja. Da klang selbst das Lachen des Programmdirektors ein wenig schuldbewusst.

Die Frischwoche

18. – 24. Februar

Der nämlich setzt zur besten Sendezeit lieber auf opulentes Historytainment wie Charité, statt dem Nonfiktionalen wie einstige Vorgänger regelmäßige Anstoßzeiten um 20.15 Uhr zu gewähren. Dabei ist die zweite Staffel der Klinik-Serie keinesfalls so seicht wie die erste. Kurz vorm Ende des Zweiten Weltkriegs gönnen die Autorinnen Dorothee Schön und Sabine Thor-Wiedemann ihren Hauptfiguren nämlich einen Eigensinn, der nicht nur im Dreikaiserjahr 1888 zuvor fehlte, sondern generell, sobald es um Spielfilm-Faschisten geht. Anders als üblich besteht das wichtigste Liebespaar in Charité 2 aus arischen Vorzeige-Nazis, die wie der anfängliche Hitler-Fan Ferdinand Sauerbruch (Ulrich Noethen) erst im Laufe der sechs Teile Zweifel an Führer und Endsieg kriegen.

Auch das ZDF hat Besonderes im Angebot. Der Zweiteiler Walpurgisnacht erzählt heute und Mittwoch eine deutsch-deutsche Mordermittlung im Ost-Harz vorm Mauerfall. Mit einem – gähn – Ritualkiller als Handlungsfaden macht er atmosphärisch zwar oft zu dick auf Mystery-Hose, erzählt dabei aber auch einiges über zwei Bürokratien vorm politischen Wendepunkt und wartet überdies mit einem echt schicken Finale auf. Weil sogar der auserzählte Matthias Koeberlin ab Donnerstag als ARD-Privatdetektiv Hartwig Seeler zumindest nicht nervt und der schwedische ZDF-Import Hanna Svensson (Marie Richardson) fünf Sonntage um 22 Uhr überzeugt, belegen die Öffentlich-Rechtlichen wenigstens im Kerngeschäft Krimi Kompetenz.

Das Highlight der Woche läuft dann aber doch da, wo man es nicht erwartet: die RTL-Plattform TVNow zeigt ab Freitag ihr Remake von Fritz Langs Ufa-Legende M – Eine Stadt sucht einen Mörder. Davon abgesehen, dass David Schalko mit Lars Eidinger, Sophie Rois, Moritz Bleibtreu, Brigitte Hobmeier oder Udo Kier ein grandioses Ensemble beisammen hat, bietet sein eigenes Drehbuch die famose Idee, den Kindsmörder nicht wie einst im Zwischenkriegs-Berlin nur von Polizei und Unterwelt jagen zu lassen, sondern zudem einem rechtsradikalen Innenminister, wie er auch jetzt grad in Österreichs Regierung sitzt.

Das Original Herbert Kickl dürfte übrigens von einem Freikorps wie OMON träumen, mit dem der russische Präsident im Filmporträt Putins Männer fürs Grobe (Mittwoch, 21 Uhr, Info) Regimegegner niederknüppelt. Noch ‘ne Doku: Queercore geht Freitag (23.25 Uhr) auf Arte der homosexuellen Seite des Punk auf den Grund. Zwei Tage später zeigt Pro7 – als Vorspiel zur Oscar-Verleihung live ab Mitternacht – den Abräumer 2017 La La Land. Womit wir bei den Wiederholungen der Woche sind. Heute um 20.15 Uhr: Claude Chabrols mörderische Amour Fou Der Schlachter von 1969. Fast 40 Jahre älter, also schwarzweiß ist Kästners Emil und die Detektive (Donnerstag, 0.00 Uhr, MDR). Und als Tatort-Tipp tauglich Bienzle und der Traum vom Glück (Mittwoch, 22 Uhr, SWR), ein Fall von illegaler Müllentsorgung der Neunziger.


Pilchers Vermächtnis & Lottes Bauhaus

Die Gebrauchtwoche

4. – 10. Februar

Achtung, Zynismus-Gefahr! Mittwoch ist Rosamunde Pilcher mit 95 Jahren von uns gegangen und mit ihr nicht nur die erfolgreichste Autorin unserer Zeit, sondern aus deutscher Sicht auch ein Urkeim der Selbstverzwergung öffentlich-rechtlicher Fiktion. Angesichts von gut 100 Verfilmungen in 25 Jahren, deren Drehbücher oft nur dem Titel nach mit der Autorin zu tun haben, könnte man geneigt sein, nun auf Verbesserung im ZDF-Angebot zu hoffen. Doch zum einen ist der Fundus dieser hochproduktiven Schriftstellerin auch posthum unerschöpflich. Zum anderen bedarf es für belangloses Fernsehen keiner Schnulzenfabrikantin ihres Kalibers mehr.

Einen Teil der Mittel dafür verwaltet nun aber immerhin eine Frau: Christine Strobl ist künftig allein für den Degeto-Etat von 400 Millionen verantwortlich, allerdings völlig unverdächtig, damit couragiertes Fernsehen jener Art herzustellen, wie es von Netflix zu erwarten wäre. Gerade hat der Streamingdienst die ersten drei Filme in deutscher Sprache angekündigt, und die Spekulanten-Satire Betongold deutet ebenso wie das Sozialdrama Freaks mehr Courage an als die ARD freitags in fünf Jahren zeigt. Das ZDF dagegen sichert sich lieber die Ausstrahlung der konventionellsten Serie digitaler Herkunft und zeigt kommenden Winter die Sky-Serie Das Boot.

Aber gut – das Sequel von Wolfgang Petersens Achtziger-Legende dürfte spielend ein Millionenpublikum anlocken. Gut 43 Prozent Marktanteil wie bei der Liveübertragung des 53. Super Bowl auf Pro7 vor acht Tagen dürften allerdings selbst damit unerreichbar sein – wobei man sich angesichts der Quote eher fragt, was die anderen 56,4 Prozent unter 49 bis drei Uhr früh bloß geguckt haben? Na, vielleicht sind um diese Zeit ohnehin nur Sportfans wach, von denen der Rest eben bei Eurosport war, das am Dienstag 30 Jahre alt wird. Das Geburtstagsprogramm: Skispringen, Alpin-WM, Biathlon, das Übliche also zu dieser Jahreszeit.

Die Frischwoche

11. – 17. Februar

Das Übliche ist am selben Abend auch Die Klempnerin auf RTL, was zwar nett gemacht ist, im Titel aber doch mehr Emanzipation verheißt als der zehnteilige Krimi-Plot hergibt. Die Polizeipsychologin Mina Bäumer (Yasmina Djaballah) repariert nämlich keine Leitungen, sondern Seelen. Trotz weiblicher Hauptfiguren unter weiblicher Regie nach weiblichem Drehbuch ist leider auch das ZDF-Drama Vermisst in Berlin mit Jördis Triebel auf der Suche nach einem Flüchtlingskind ziemlich konventionell geraten. Was zwar auch für den ARD-Beitrag zum 100. Geburtstag einer Design-Legende gilt. Doch obwohl Alicia von Rittberg die Studentin Lotte am Bauhaus am Mittwoch leicht auf Romanzen-Niveau drückt, ist der Fokus auf dem Faktor Gleichberechtigung – wie ihn auch die anschließende Doku Bauhausfrauen setzt – absolut lobenswert.

Der scheint ohnehin das Thema der Woche zu sein. Am Samstag bekommt Kommissarin Heller (Lisa Wagner) im ZDF Verstärkung von Lavinia Wilson als toughe, aber nicht burschikose LKA-Ermittlerin. Schon heute zeigt 3sat um 22.25 Uhr das verschrobene Liebesdrama Dora oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern mit Lars Eidinger als Lover eines geistig behinderten Teenagers, der den Grenzgang zwischen Ausbeutung und Hingabe intensiv nachzeichnet. Und an gleicher Stelle feiern tags drauf gleich zwei Berlinale-Beiträge aus sehr diverser Perspektive TV-Premieren: Erst das bedrückende Drama 24 Wochen, in dem Julia Jentsch und Bjarne Mädel 2016 ein mehrfach behindertes Kind erwartet haben, im Anschluss die Großstadtfabel Wild von Nicolette Krebitz um eine Großstädterin, die sich mit einem Wolf anfreundet.

Weniger emanzipiert, aber interessant sind zwei neue Online-Streams: Der Amazon-Vierteiler Lorena beschäftigt sich ab Freitag dokumentarisch mit dem realen Fall einer Frau, die ihrem Mann den Penis abgeschnitten hat. Die Comic-Adaption The Umbrella-Society wildert parallel dazu auf Netflix sehr unterhaltsam im Boom-Genre Superhelden. Die Wiederholungen der Woche dagegen entführen uns in Zeiten sonderbarer Sitten und Gebräuche. Smoke (Mittwoch, 22.45 Uhr, Arte) um den Besitzer (Harvey Keitel) eines Tabakladens in Brooklyn stammt aus dem Jahr 1995, als Rauchen noch irgendwie cool war. Als Militarismus noch irgendwie cool war, durfte Tom Cruise in Top Gun (Mittwoch, 20.15 Uhr, K1) von 1986 noch massenwirksam Männlichkeit mit Waffengewalt kombinieren. Als Sexismus noch irgendwie cool war, jagte James Bond 1962 nicht nur heiße Bienen, sondern auch den Bösewicht Dr. No (Dienstag, 20.15 Uhr, Nitro). Und als David Lynch noch völlig unbekannt war, drehte er das psychotische Schwarzweiß-Experiment Eraserhead (Montag, 0.15 Uhr, Tele5). Unsexy psychosefrei farbig ermitteln Leitmayr/Batic dagegen tags drauf (20.15 Uhr, BR) im 19 Jahre alten Tatort namens Kleine Diebe.


Fernsehpreise & Hebammern

Die Gebrauchtwoche

28. Januar – 3. Februar

Wenn der Deutsche Fernsehpreis nicht im Fernsehen läuft, mangelt es ihm entweder an Relevanz oder Unterhaltsamkeit. Als die zweitwichtigste Branchen-Trophäe nach den Grimme-Awards Donnerstag in Düsseldorf zeitversetzt als Aufzeichnung beim Nischensender ONE verliehen wurde, war von Beginn an klar: es mangelt ihm an beidem! Nicht allein, dass mit dem Amazon-Ableger von Petersens Boot hochglänzender Durchschnitt die Höchstzahl an Nominierungen aufwies; nicht allein, dass die allenfalls nette Emanzipationsklamotte „Aufbruch in die Freiheit“ zum besten Film gekürt wurde; nicht allein, dass Bares für Rares oder Let’s Dance als preiswürdiges Entertainment gelten; nein, die Präsentation war trotz – und langsam auch ein bisschen wegen – Barbara Schöneberger von so routinierter Leidenschaftslosigkeit, dass 2020 durchaus der neue Traumschiff-Kapitän Florian Silbereisen unter den Siegern sein könnte.

Davon abgesehen, welch brutaler Schlag ins Gesicht aller prekär beschäftigten Schauspieler*innen im Land es ist, dass ein stinkreicher Quereinsteiger den Arbeitsplatz ausgebildeter Profis erhält, zeigen Fernsehpreis und ZDF-Personalie, woran es im linearen Angebot weiterhin krankt: einer populistisch-biederen Sicht aufs deutsche Entertainment, das die Wucht der Streamingdienste vollumfänglich ignoriert, weshalb ihm der seriöse Glamour Hollywoods vollends abgeht. Man konnte das gut bei den SAG-Awards der amerikanischen Schauspielergewerkschaft beobachten, eine Art Seismograf der anstehenden Oscars. Mit Marvelous Mrs. Maisel, Ozark oder Ecape at Dennamora gewann herausragendes Online-Fernsehen, zu dem sich mit This is Us sogar ein Format des alten Networks NBC gesellen durfte.

Was man dem Sammelpreis der deutschen Platzhirsche ARZDRTSat1 aber zugutehalten muss: bei fünf von zwölf Top-3-Fiktionen war zumindest eine Frau für Buch oder Regie verantwortlich. Das konterkariert auf bizarre Art eine Studie der rührigen MaLisa-Stiftung, die nach der traditionellen Film- und Fernsehbranche nun den vermeintlich moderneren Social Media ein lausiges Gleichstellungszeugnis ausstellt: Deren Influencer sind nämlich mehrheitlich maskulin, während ihre Kolleginnen massiv Geschlechterstereotype verfestigen.

Die Frischwoche

4. – 10. Februar

Das Gegenteil war von einer Show mit der burschikos-femininen Kathrin Bauerfeind zu erwarten. Ab Mittwoch, 21.45 Uhr, moderiert sie auf ONE die Show zur Frau, in der es allerdings nur dem Titel nach emanzipiert zugeht. Von den acht Gästen der ersten drei Folgen etwa sind nur zwei weiblich und dreimal darf man jetzt raten, bei welchem der Auftakthemen Verschwörungstheorien, Küche, Humor? Genau! Trotzdem ist es wie immer erhellend und heiter, Kathrin Bauerfeind beim Menschenkontakt zuzusehen.

Ähnliches gilt ausnahmsweise fürs romantisierende Degeto-Debüt am Freitag im Ersten. Toni, männlich, Hebamme klingt zwar schwer nach Schmonzettenkost in Reihe. Doch Leo Reisinger spielt den Mann in der Frauendomäne mit dezenter Leichtigkeit und sogar ein wenig Tiefgang. Tags drauf räumt die ARD nach zwei DFB-Pokalabenden in der Wochenmitte für den Fernsehtrendsport Biathlon sogar vier Stunden lang die Wochenendprimetime, weil der Weltcup nun mal im fernen Canada stattfindet. Wer Skifahrern nicht gern beim Schießen zusieht, sollte daher parallel zu Arte wechseln, wo Sebastian Schippers Arthaus-Roadmovie Victoria mit der unscheinbar grandiosen Laia Costa als Titelfigur läuft, die mit dem Kleingauner Sonne (Frederick Lau) vom Ausbruchstraum ins Verderben rast.

Das droht der Zivilisation neben einer ganzen Batterie vergleichbarer Untergangszenarien auch durch Die große Zuckerlüge. In der neunzigminütigen Doku entlarvt Arte Mittwoch zur besten Sendezeit die Lebensmittelindustrie des vorsätzlichen, in seiner amoralischen Profitsucht geradezu verbrecherischen Betrugs am Kunden, der gezielt in Unkenntnis über die Gefahren des süßen Gifts in fast jedem Supermarktprodukt gehalten wird. Bei so viel Menschenverachtung der Nestlés oder Krafts, Müllers und Danones hilft nur Ablenkung mit den Wiederholungen der Woche.

Samstag zeigt ONE um 21.45 Volker Schlöndorffs elegante Frisch-Verfilmung Homo Faber von 1990 mit der damals noch blutjungen Julie Delpy als Muse des selbstkontrollierten Gefühlskrüppels Walter F. (Sam Shepard). Mittwoch zuvor (0.20, ARD) ist der damals frisch emeritierte Fußballstar Cantona in Ken Loachs leichter Sozialstudie Looking for Eric (2009) als Sozialarbeiter im Traum eines Losers zu sehen. Schwarzweiß aber zeitlos brilliert Spencer Tracy in Wer den Wind sät (Samstag, 20.15 Uhr, Arte) als Anwalt eines real existierenden Biologielehrers, der sich im berühmten „Affenprozess“ wegen der Evolutionstheorie im Unterricht gegen den Vorwurf der Blasphemie verteidigen muss. Und der Tatort-Tipp: Dienstag um 20.15 Uhr zeigt der BR Felix Eisners frühen Österreich-Einsatz Exitus – 2008 noch ohne Kollegin Bibi Fellner.


Staats- & Bildungsauftrag

Die Gebrauchtwoche

21. – 27. Januar

Als die ARD vorigen Donnerstag parallel zur Verkündung von Florian Silbereisen als neuer Traumschiff-Kapitän wie jedes Jahr um diese Zeit ihr fiktionales Angebot in Hamburg präsentierte, war endgültig klar: Den Kampf ums junge Publikum hat sie aufgegeben. Nicht, dass die Saison frei von Qualität wäre. Auch 2019 bietet das Erste soziokulturell relevante, dabei oft unterhaltsame oder auch nur leichtverdauliche Filme für reife, aber keinesfalls nur vergreiste Zuschauer an. Allein, es fehlt an zwei Zukunftsaspekten: Das Boom-Thema Serie bleibt komplett auf die Zielgruppe 60+ zugeschnitten. Und experimentelle Low- oder Mid-Budget-Projekte für die Generation Y bis Z werden allenfalls mal für Funk produziert, also das genuine Internet.

Wenn aber der Randgruppensport Handball zugleich achtstellige Quoten einfährt, damit das Doppelte des Dschungelcamps und mehr als der Rückrundenstart der Fußballbundesliga, kann man den Verantwortlichen schwer verdenken, weiterhin den Massengeschmack der Stammzuschauer zu bedienen. Das macht die lineare Konkurrenz schließlich nicht anders, sie macht es halt nur ohne Staatsver- oder Bildungsauftrag. Das merkt man dem privaten Programm allerdings oft ebenso an wie den Portalen. Die 8. Staffel der einstigen Sat1-Serie Pastewka zum Beispiel ist auf dem Streaming-Asyl von Amazon Prime abermals so vulgär vollgestopft mit Schleichwerbung, dass Folge 4, die fast vollständig in einem Elektromarkt spielt, nicht mehr ausgestrahlt werden darf.

Der zurückgekehrte Frauensender tm3 von Timo C. Storost zeigt auf der früheren Frequenz von Familiy TV dagegen so viel Content, ohne die Rechte daran zu besitzen, dass sich der Mediendienst DWDL fragt, warum es den Spartenkanal überhaupt noch gibt. Der DWDL-Konkurrent Meedia kriecht derweil dem Springer-Konzern beim Bericht über eine Bild-Veranstaltung in Rostock so tief in den Allerwertesten, dass man die heillos überdrehte Aufmerksamkeit sämtlicher Medien für das Schicksal eines verschütteten Jungen in Spanien fast schon für echte News halten könnte, statt das, was es ist: Pure Emotionalisierung.

Gibt’s denn auch was Positives aus der kommerziellen Welt des Fernsehens zu vermelden? Ja! HBO plant ein Prequel der Sopranos, die vor 20 Jahren nicht weniger als das neue Kino Fernsehserie revolutioniert haben. In der Hauptrolle als psychotischer Mafia-Boss: James Gandolfinis Sohn Michael. Zu sehen wäre das hierzulande dann vermutlich bei Sky.

Die Frischwoche

28. Januar – 3. Februar

Dessen Gegner Netflix präsentiert am kommenden Freitag gleich zwei bemerkenswerte Formate: Dan Gilroys Mystery-Horror-Thriller Die Kunst des toten Mannes, der voriges Jahr mit Jake Gyllenhaal in der Hauptrolle auf dem Sundance-Festival für Furore gesorgt hatte. Und parallel dazu die Dramaserie Russian Doll, eine Art Und täglich grüßt das Murmeltier aus New Yorks schillernder Subkultur, in der ein russisches Model jede Nacht auf derselben Party stirbt, um tags drauf lebendig dort zu landen. Eine Art Küchenmurmeltier ist Tim Mälzer.

Seit er vor 15 Jahren den Fernsehkochboom losgetreten hat, war er immer wieder totgesagt, aber nicht totzukriegen. Heute kehrt er, zumindest hinter den Kulissen, zur Alltagsküche à la Schmeckt nicht, gibt’s nicht zurück und lässt vier Kollegen auf RTLplus werktäglich ab 17 Uhr essen & trinken. Für jeden Tag zubereiten. Wer’s mag… Wer drei Stunden später den ZDF-Beitrag zur Publikumsüberalterung mag, dem ist hingegen echt nicht mehr zu helfen. Der Zweiteiler Bier Royal, eine Art modernisiertes Erbe der Guldenburgs, will unbedingt den zynischen Glamour von Dietls Kir Royal auf eine Münchner Brauereidynastie anno 2019 übertragen, gerät dabei jedoch so platt und öde, dass Dallas vergleichsweise Shakespeare war.

Donnerstag ist übrigens Welt-Jodie-Whittaker-Tag. Die hinreißende Hauptdarstellerin der britischen Krimi-Sensation Broadchurch ist im Arte-Vierteiler Verrate mich nicht als Krankenschwester in falscher Existenz zu sehen und übernimmt parallel dazu als erste Frau den Titelpart der Serien-Legende Doctor Who auf Sky. Da dürften britische Populisten ähnlich laut aufheulen wie deutsche beim Anblick der farbigen Florence Kasumba als neue Tatort-Kollegin von Maria Furtwängler alias Charlotte Lindholm am Sonntag. Apropos Krimi: Kühn hat zu tun ist zwar eher ein Gesellschaftsporträt, aber ganz ohne Kommissar möchte die ARD mit dem tollen Thomas Loibl in der Hauptrolle offenbar selbst am Mittwoch nicht mehr unterhalten. Noch ein kurzer Doku-Tipp für Couch-Potatoes: Vox widmet dem Samstagabend mal wieder ein einziges Thema, diesmal: Planet der Dicken um das Übergewicht der Industrienationen.

Die Wiederholung der Woche reist in eine davon: Italien. Der WDR zeigt heute um 23.20 Uhr die bitterböse Realsatire Il Divo von 2008 über den siebenmaligen Ministerpräsidenten Giulio Andreotti, der insgesamt 33 Regierungen korrumpiert hat und den Vulgärpopulisten von heute somit zur Machtübernahme verhalf. Der Tatort: Im freien Fall spielt kurz zuvor (22 Uhr, RBB) dagegen im kultivierten Milieu der Münchner Kunstszene, wo Leitmayer und Batic 2001 noch mit sehr dunklem Haar ermitteln.