Amodeis Warnung & Disneys Blut
Posted: September 15, 2026 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentDie Gebrauchtwoche
7. – 13. September
Nach anderthalb Jahren als Kulturstaatsminister, in denen seine CDU/CSU die AfD halbiert und das BIP verdoppelt haben, konnte auch Wolfram Weimer all seiner politischen Ziele erreichen. Er hat das Festival für Hitlers Lieblingskomponisten mit Geld überhäuft, die Filmförderung auf Blockbuster gedreht, entartete Buchläden kujoniert, das gesamte Feuilleton abseits der Jungen Freiheit gegen sich aufgebracht. Und fast wäre ihm sogar die einzige Initiative gelungen, für die es selbst links der FAZ so etwas wie Zuspruch gäbe.
Zu dumm, dass die EU-Kommission Weimers geplanter Investitionsverpflichtung für internationale Streamingdienste in Deutschland nach einem Bericht eben jener liberalkonservativen Zeitung aus Frankfurt wegen unverhältnismäßiger Eingriffe in die Unternehmensfreiheit womöglich scheitert. Aber gut, im globalen Maßstab gemessen, ist das aktuell natürlich kaum mehr als ein Nischenthema.
Auf der Weltbühne dagegen hat Dario Amodei gerade mehr Regulierung bei weniger Tempo auf einem Feld gefordert, das ihn der mächtigsten Männer macht: KI. Ansonsten, prophezeit der Anthropic-CEO, werde sie das Internet „übernehmen“. Damit stellt er sich erneut gegen den MAGA-Kult, der für völligen Kontrollverlust plädiert – was noch verblüffender ist, wenn man sieht, wer Amodei unterstützt: Elon Musk und Sam Altman.
Ein paar Nummern kleiner und dennoch weltbewegend geht es auf der Magdeburger Bühne zu, seit rechtsradikale Wähler (und ein paar Wählerinnen) der rechtsextremen AfD in Sachsen-Anhalt einen Regierungsauftrag erteilt haben, den sie mit Hilfe des BSW, also großer Sicherheit annehmen wird. Bei Markus Lanz jedenfalls waren Tino Wagenknecht und Sahra Chrupalla vorige Woche bereits kurz vorm Petting.
Ob auch die CDU demnächst mit Neonazis fummelt, bleibt dagegen weiterhin offen. Wie sich Philipp Amthor und Markus Frohnmaier tags drauf in Hart, aber fair gezofft haben, sprach allerdings eher dafür, dass sie ihrer Selbstzerstörung (vorerst zumindest) nicht mit einer Duldung oder Koalition Vorschub leisten. Für beide traf es sich hingegen gut, dass ein knapp vereitelter Anschlag den Diskurs wieder nach links lenkte.
Zwei Wochen, nach einer Reihe geplanter Angriffe auf Ziele der fossilen Energie-Infrastruktur hat die Polizei einen Verdächtigen gefasst – und damit nicht nur der Bild die Gelegenheit gegeben, den „Klima-Terroristen“ presserechtswidrig mit Foto vorzuverurteilen. Sie gibt der rechtskonservativen Seite auch Gelegenheit, den wahren Feind wieder links der Mitte zu verorten.
Die Frischwoche
14. – 20. September
Man wünscht sich manchmal nur noch, mit einer ungiftigen Dosis jenes berauschend schönen Pilzes Richtung Besinnungslosigkeit zu entfliehen, von dem eine Arte-Doku am Donnerstag erzählt: Der Fliegenpilz – Zwischen Mythos und Wirklichkeit. Eine eher toxische Überdosis Eskapismus ist das HeidiFest 2026 parallel bei RTL im Münchner Hofbräuhaus sein, eine Arte Wiesen-Warmup mit Frau Klum und Konsorten, das den Rand des Wahnsinns mehr als streifen dürfte.
Immerhin knapp davor endet die Mystery-Serie City of Blood ab Mittwoch bei Disney+. Oberflächlich eine Near-Future-Dystopie übers versteppte Berlin nach dem Klima-Kollaps, schwankt Philipp Kadelbachs starbesetzte Comic-Verfilmung in acht Teilen zwischen Politik-Groteske und Horror-Show. Das ist meistenteils massiv drüber, aber fantastisch ausgestattet und irgendwie doch ganz schön spannend.
Alles also (auch beim Budget) drei Nummern größer als der deutsche ZDF-Sechsteiler Serial Cleaner. Aylin Tezel spielt darin eine unfreiwillige Tatortreinigerin, die ab Montag zur Rettung ihres totkranken Kindes allerlei eigenmoralische Prinzipien beugt. Und nebenbei beweist, dass Neo zwar keine Sitcoms kann, aber durchaus Dramen. Was vier Tage später ähnlich unterhaltsam, aber wohl umstrittener wird: Lizzie Borden, neue Staffel der Netflix-Reihe Monster – diesmal um eine vermeintliche Mörderin des 19. Jahrhunderts.
Noch ein chronistenpflichtiger Tipp: Am Mittwoch dockt Prime Video mit Neagley an den Erfolg der testosteronsatten Verschwörungsthriller-Serie Reacher an. Und zwei wohlmeinende Empfehlungen: Am Donnerstag zeigt Arte Hannes Rossachers Falco-Porträt Mon Amour. Und tags drauf steht der fantastische Berlinale-Beitrag Was Marielle weiß um ein Mädchen, dessen übersinnliche Fähigkeiten die eigene Familie umtreibt, in der ZDF-Mediathek.
Siegmunds Hölle & Schwochows Horrotrip
Posted: September 8, 2026 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentDie Gebrauchtwoche
31. August – 6. September
Schwer zu sagen, was dem MDR durchs Erfurter Sendezentrum ging, als 94 Jahre nach dem Einzug der NSDAP ins Magdeburger Parlament abermals eine rechtsextreme Partei die Landtagswahl gewonnen hatte: Erleichterung, dass AfD-Führer Ulrich Siegmund nur die relative Mehrheit bekam? Ernüchterung, weil ihn das BSW wohl dennoch zum Ministerpräsidenten wählen wird? Entsetzen, weil beide dem verhassten ÖRR so oder so die Hölle heiß machen?
Tatsache ist: Deutschland, Europa, die halbe Welt ist eine etwas andere, seit 43,8 Prozent der Wähler*innen bei vollem Bewusstsein Neonazis, Faschisten und ihre freundlichen Gesichter mit der Regierungsbildung beauftragt haben. Dass der Rechtsaußenruck wie nach Donald Trumps erstem Wahlsieg in den USA die Qualitätspresse stärkt, ist da eher unwahrscheinlich: Abseits öffentlich-rechtlicher Lokalredaktionen sind ostdeutsche Medien mehrheitlich längst Wachkomapatienten.
Sobald die Rest-Demokratie aus ihrer Schockstarre erwacht, dürfte sie allerdings merken, wie spannend unsere Zeiten aus publizistischer Sicht sind. Erinnert sich noch jemand ans Sommerloch? Gott, war das langweilig! Heute hingegen landen Dinge am unteren Ende der Nachrichtenskala, die es früher zur Spitzenmeldung gebracht hätten. Dass russische Finanzminister am Freitag vorvoriger Woche zum G20 Gipfel in den USA eingeladen war, zum Beispiel, nicht aber Vertreterinnen von New York Times oder Bloomberg.
2026 sorgt das auch deshalb allenfalls für leichtes Schulterzucken, weil die Aufmerksamkeitsökonomie andere Schlüsselreize setzt. Den ersten Werbetrailer von GTA 6 etwa haben in 24 Stunden nahezu 100 Millionen Netflix-Abonnierende gestreamt. Drei Monate vorm offiziellen Launch des weltweit erfolgreichsten Videogames. Und dann auch noch auf einer kostenpflichtigen Plattform. Irre Zeiten – in denen nicht wenigen selbst die Lust am Fernsehen vergehen dürfte oder wahlweise ein Fenster in den Eskapismus öffnet.
Die Frischwoche
7. – 13. September
Das der kommende Donnerstag jedoch meterdick verrammelt. Dann nämlich jährt sich der islamistische Terroranschlag aufs World Trade Center und Pentagon zum 25. Mal. Es wird also zeitungsauf, senderab und überall sonst an 9/11 nebst Konsequenzen gedacht, die ja bis heute und in alle Ewigkeit nachwirken. Hervorzuheben ist da die großartige Zeitzeugenbegleitung September, seit ein paar Tagen bereits in der ZDF-Mediathek abrufbar.
Und sonst so? Erinnert uns die fünfte und nun aber mal wirklich allerletzte Staffel des ARD-Historientheaters Babylon Berlin ab Donnerstag – auch ohne Sky ungeheuer opulent – daran, was geschieht, wenn Faschisten an die Macht kommen. Na, herzlichen Glückwunsch, Sachsen-Anhalt. Zur Entspannung entführt uns LOL Next ab Donnerstag bei Amazon Prime mit Influencern statt Comedians in die Welt verbotenen Lachens. Und parallel dazu feiert Paramount+ 60 Jahre Star Trek mit einer Reihe Filmen, Episoden und Dokumentationen.
Gerade mal ein Drittel so alt ist dagegen das drollige Samstagabend-Event Frag‘ doch mal die Maus, deren 20. Geburtstag das Erste mit Esther Sedlaczek am Mikro begeht. Schon seit Montag läuft in der Arte-Mediathek das großartige sechsteilige Familiendrama Die letzte halbe Stunde um einen Alzheimer-Patienten inmitten politischer Wirren des Nahen Ostens. Die Mystery-Serie Possession entführt uns derweil ungeheuer bildgewaltig ins kolonialistische Erbe Jamaikas.
Und dann wäre da noch das Highlight der Woche: Last Seen. Christian Schwochow begleitet den australischen Ex-Cop Ian (Patrick Brammall) darin auf dessen Horrortrip in die Vergangenheit einer unverarbeiteten Kindesentführung. Und wie der deutsche Regisseur den australischen Thriller ab Mittwoch bei AppleTV+ mit melancholischer Energie verfüllt – das ist abermals ein kleines Meisterwerk unsichtbarer Eskalationen.
Sigis braune Gefahr & Club der roten Bänder
Posted: September 1, 2026 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentDie Gebrauchtwoche
24. – 30. August
Bis zu 100 Euro – so viel kostet bei Ebay angeblich der Spiegel vom 18. August, dessen Titelbild den AfD-Führer Ulrich Siegmund als „Der gefährlichste Mann Deutschlands“ adelt. Signierte Cover kosten angeblich sogar das Zehnfache. In der Sache absolut stichhaltig, darf man Ausgabe Nr. 34 also als rechtspopulistisches Win-Win-Magazin bezeichnen. Denn die kostenlose Wahlkampfwerbung dürfte dem westdeutschen Verlag zumindest in Ostdeutschland Rekordabsätze beschert haben.
Wobei die AfD echt keine Verlagsreklame aus Hamburg braucht, wenn ihr der Bundeskanzler in Berlin Prozentpunkte auf dem Silbertablett medialer Selbstverstümmelung liefert. Jüngstes Beispiel: Sein Auftritt in der RTL-Talkshow mit dem schmissigen Fünfzigerjahre-Titel „Friedrich Merz am Tisch mit Bürgerinnen und Bürgern“. Da nämlich geht der Erstgenannte auf die Kinderärztin Bea Merscher los, bezeichnet sie als Nutznießerin des Gesundheitssystems und drischt auch ansonsten auf alles ein, was sich kein Privatflugzeug leisten kann.
Was man Merz zu Gute halten muss: Anders als Hans-Thomas Tillschneider hat er die Talkshow nicht beim ersten Gegenwind verlassen wie Ulrich Siegmunds Propagandaminister in spe in Amann unframed, nachdem die unbotmäßige Gastgeberin, Achtung: Establishment-Angriff: Fragen gestellt hatte. Das also, was der FAZ-Korrespondent Michael Martens mit Wolodimir Selenskij versuchte, wobei ihm aber allen Ernstes folgendes herausgerutscht ist: Was Europa tun könne, „um ihnen zu helfen, mehr Russen zu töten. Also russische Soldaten.“
Auweia.
Für so viel publizistische Instinktlosigkeit müsste es eigentlich eine Geldstrafe zugunsten seriöserer Medien wie – sagen wir: das Goldene Blatt geben, die – sagen wir: dem letzten Quartalsgewinn entspricht. Bei META entspräche das 17 Milliarden Dollar. So viel soll Mark Zuckerbergs Hass- und Hetzplattform in den USA an Strafe zahlen, weil sie digitalen Kindesmissbrauch nicht nur duldet, sondern fördert. Schade nur, dass sein Konzern die Summe aus der Portokasse zahlt.
Die Frischwoche
31. August – 6. September
Und damit zu besserem Entertainment für weitaus weniger Geld. Bei RTL+ zum Beispiel ist vorige Woche Der Club der roten Bänder nach neun Jahren Pause in die 4. Staffeln gegangen. Und siehe da: auch The Next Generation schafft es mit völlig neuem Serienperson spielend, der Jugend am Abgrund Stimmen zu geben, die gleichermaßen unterhalt- und bedeutsam klingen. Beides möchte auch die ARD-Serie Selling Sex sein.
Eine BWL-Studentin verdingt sich darin sechs Folgen lang als Escort Girl, was eigentlich ein mutiger Schritt ist, um weibliches Empowerment sexpositiv darzustellen – hätten sich die Filmemacherinnen nicht dazu entschieden, die Oberfläche radikal glattzubügeln und einfach mal auf alle entscheidenden Gewaltaspekte der Sexarbeit zu verzichten. Trotzdem kein schlechtes Format. Ganz im Gegensatz zu SPYON.
Das ZDF schafft es darin ab Freitag in seiner Mediathek, eine Workplace-Comedy aus dem Reich deutscher Geheimdienste zu zeigen, in der absolut gar nichts witzig ist, aber absolut alles zum Fremdschämen platt, billig, berechenbar und didihallervordenartig klischeehaft. Dann doch lieber die 2. Staffel von Guy Ritchies sensationeller Gangster-Groteske The Gentlemen, ab Donnerstag bei Netflix. Oder ab Sonntag bei Prime: A Tale of Two Cities, ungefähr 25. Verfilmung des Dickens-Klassikers, diesmal mit GoT-Star Kit Harrington.
Und noch auf die Schnelle zum Abhaken: Mythos Schalke, Langzeitbeobachtung des Traditionsclubs in den vergangenen anderthalb Jahren bei Sky/Wow. Dazu die spanische Dramaserie Familiengeheimnisse (Arte). Ab Freitag in der ZDF-Mediathek: Bis es blutet, ein Kleines Fernsehspiel aus den Untiefen des Sensationsjournalismus. Und zwischendurch, ob wir wollen oder nicht: eine Serienversion der holländischen 80er-Prollsippe Die Flodders bei RTL+.
Trump Girls & Elevator Boys
Posted: August 17, 2026 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentDie Gebrauchtwoche
10. – 16. August
Es klingt nach der besten Nachricht einer weiteren Katastrophenwoche: Karoline Levitt macht ihrem Nachnahmen Ehre und verlässt – angeblich aus familiärem Grund – die Presseabteilung des Weißen Hauses, wo sie mit kurzer Babypause anderthalb Jahre Lügen, Propaganda, Blödsinn absondern durfte. Weil Trump-Ultras oft aufwärts fallen, müssen wir sein Sturmgeschütz demnächst aber wohl doch in anderer, tragenderer Rolle erleben.
Wobei es keiner durchgeknallten Pressesprecherinnen bedarf, damit die Presse durchknallt. Dafür braucht man nur den MDR-Podcast Deep Talk hören, wo Maja Fiedler von Ulrich Siegmund vor allem wissen wollte, wer daheim im Reich des Höcke-Ultras denn so die Geschirrspülmaschine ausräumt. Dass ihn die AfD-Ultras der BamS als ganz normalen Politiker porträtierten, versteht sich da ebenso von selbst wie die nächste Selbstverzwergung der völkisch angehauchten NZZ.
Dort durfte die Putin-Propagandistin Maria Sacharowa vorm Neutralitätsreferendum der Schweiz Russlands Zaren und seinen Krieg verteidigen. Umso erfrischender ist da ein Interview der echten Journalistin Susann Reichenbach, die den Putin-Fan Siegmund bei mdr aktuell hart angepackt und per Faktencheck entlarvt hat. Auch deshalb sei an dieser Stelle erwähnt, dass die Sicht des ARD-Korrespondenten Georg Restle über Spaniens Exklave Ceuta unangenehm verschwörungstheoretisch riecht und dann nur halbherzig als privat gelabelt war.
Von der rechtskonservativen Skandalnudel Wolfram Weimer hingegen erwartet nun wirklich niemand mehr konstruktive Kulturpolitik außerhalb von Bayreuth. Dass sein Filmbooster schon wieder zum Blockbusterfurz verkümmert, ist daher fast schon Gewöhnungssache. Ebenso wie Mark Zuckerbergs Facebook-Pamphlet, in dem der Meta-CEO auf 40.000 Zeichen grenzenlose Freiheit für die KI fordert. Und damit mal wieder zu Jan Böhmermann.
Das Landgericht München hat Manuel Ostermanns Klage gegen einen Beitrag des ZDF Magazin Royal abgewiesen, der den Polizeigewerkschafter unter anderem als „Herrenmensch“ bezeichnet hatte. Das sei von der Kunstfreiheit gedeckt. Eher umgekehrt lief es für Maximilian Krah. Weil der AfD-Lautsprecher dem Amtsgericht Chemnitz laut Spiegel 5000 Euro Prozesskosten einer abgewiesenen Unterlassungsklage gegen Böhmermann schuldig ist, hat es Haftbefehl gegen ihn erlassen. Arme Herrenmenschen.
Die Frischwoche
17. – 23. August
Vielleicht hilft es ja, wenn ihnen jemand mal das Patriarchat erklärt. In der ZDF-Doku Wann ist ein Mann ein Mann zum Beispiel, die dem reaktionärem Geschlechterbild à la Krah ab Dienstag in der Mediathek nachspürt. So richtig kernige Alpharüden gibt es zwei Tage später aber auch bei Sky und Wow zu sehen: Sheriff County überträgt die heroische Feuerwehrserie Fire Country auf Cops und dürfte dabei auf kernige Typen im Sinne der AfD stoßen.
Etwa dazwischen rangiert die türkische ZDF-Serie Inspector Ikmen. Ein Londoner Polizist, der als Baby aus Istanbul nach England gezogen war, kehrt in seine Geburtsstadt zurück, um parallel zur Ermittlung vier verschiedener Mordfälle der eigenen Familiengeschichte nachzuspüren und nebenbei einem Anschlag auf seine Freundin, die am Bosporus zu Frauenrechten recherchiert hatte. Das ist zwar arg unpolitisch, darf ab Sonntag aber acht Teile lang Geschlechterklischees unterwandern.
So wie Endlich erwachsen (ab Donnerstag, arte.tv), einer Late-Coming-of-Age-Serie von Emma Nyberg, die zuvor in Halb Malmö hat mit mir Schluss gemacht ihr selbstironisches Gespür für weibliches Empowerment bewiesen hatte. Bevor wir nach Deutschland zurückkehren, noch zwei internationale Tipps: Das portugiesische Familiendrama Irreversible (Montag, Viaplay) und die amerikanische Mafia-Dark-Comedy Average Joe (Mittwoch, Paramount+) um einen Klempner, der Mafioso wird.
Und damit Back to the 90s. So heißt ein Spielfilm von Prime Video, in dem fünf bildhübsche Jungs durch die Zeit Richtung Neunzigerjahre reisen, wo sie … ach nee, völlig egal. Es geht Amazon ausschließlich darum, dem TikTok-Phänomen der realexistierenden Elevator Boys anderthalb Stunden Eigen-PR zu schenken. Jedwede Handlung ist ab Freitag einerlei. Entscheidend ist multimediales Cross-Marketing. Und das Verrückte: Es wird funktionieren.
Insider-Geschäfte & Hooligans
Posted: August 11, 2026 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentDie Gebrauchtwoche
3. – 9. August
Wie hätte, nur mal als Gedankenspiel, die Welt wohl reagiert, wenn unlängst nicht einige Tausend Flüchtlinge auf Ceuta gelandet wären, sondern Passagiere eines havarierten Kreuzfahrtschiffes, von denen gut 100 beim Versuch, Spaniens Exklave schwimmend zu erreichen, elendig ertrunken wären? Es gäbe wohl auch zehn Tage später noch Sondersendungen und Brennpunkte über jene Opfer, deren wohlstandsverwahrlostes Urlaubsverhalten mit dafür sorgt, die Flüchtlingsströme nordwärts zu vergrößern.
Den meisten Medien jedenfalls waren die Toten von Ceuta bestenfalls ein, zwei chronistenpflichtige Zeilen oder Sekunden wert, während Politikern von Merz über Klingbeil bis Weidel nicht mal pro forma ein öffentliches Wort des Mitgefühls zugeschrieben wird. Vielleicht hätten sie das allerdings getan, wenn es volkswirtschaftliche Indices aufwärts führen könnte. Genau dafür verlangt Donald Trump demnächst Unsummen.
Wer seine Posts bei Truth Social künftig früher als andere lesen will, soll dafür siebenstellig zahlen. Damit räumt der hochkorrupte Regierungschef indirekt Insider-Geschäfte ein, die auch in der angehenden US-Autokratie verboten sind. Denkbarer Inhalt: Paramount Skydance erhält die präsidentielle Erlaubnis, trotz anhaltender Rechtsstreitigkeiten Warner Bros. Discovery zu übernehmen. Er könnte in Sekundenschnelle Abermilliarden Dollar bewegen.
Über drei Jahrzehnte hinweg ist es Frauen in Deutschland zuvor gelungen, den Anteil weiblicher Führungskräfte zu erhöhen. Langsam zwar, aber stetig. Eine Woche, nachdem publik wurde, dass dieser ohnehin schon kleine Anteil bei den Börsen-Indices DAX, MDAX, SDAX von 19,9 auf 19,1 Prozent gesunken war, meldet Pro Quote: auch der Anteil weiblicher Führungskräfte deutscher Medien sinkt, und zwar zum fünften Mal in Folge.
Spitzenreiterin ist und bleibt die taz mit einem Frauenmachtanteil von 61,9 Prozent (+0,6), gefolgt von der Süddeutschen Zeitung mit knapp der Hälfte sowie Spiegel und Zeit mit jeweils gut 40 Prozent. Rechte Medien wie Focus (25,3) und FAZ (25) sind dagegen fester denn je in Männerhand. Wobei es die zusehends völkische Welt als erstes Medium seit Beginn der Zählung schafft, unter die Marke von 15 Prozent zu rutschen.
Die Frischwoche
10. – 16. August
Um Ursachen dieses eklatanten Missverhältnisses geht es ab Dienstag übrigens in der Arte-Doku Mackokratie. Die Erfindung der Männlichkeit. Ein paar weitere Folgen kann man derweil bei Disney+ bestaunen und gegebenenfalls an einer hitzigen Debatte teilnehmen, die gerade um The Shards tobt. Nach Bret Easton Ellis‘ autofiktionalem Roman hat Ryan Murphy den Nachwuchs einer High Socitey kreiert, deren wohlstandsverwahrloste Dekadenz in einer entfesselten Gewaltorgie mündet.
Mit der beginnt am Donnerstag bei HBO Max auch eine Fernsehserie, deren Showrunner aufhorchen lässt: Russell T Davies. 27 Jahre nach seiner schwulen Soap Queer as Folk hat er mit Tip Toe die nächste LGBTQ-Milieustudie kreiert. Ein hasserfüllter Incel (David Morrissey) lässt darin seine Wut über Arbeitslosigkeit und Isolation an seinem ebenso liebenswerten wie beliebten Nachbarn (Alan Cumming) aus, der obendrein schwul ist.
Damit dockt der Showrunner mit einer verblüffenden Prise Humor ans queere Meisterwerk It’s A Sin an. In der internationalen Koproduktion Hooligans geht es hingegen tags drauf schon dem Titel nach brutalstmöglich zu. Porträtiert werden darin rechtsradikale Fans des realfiktionalen Jerusalemer Fußballvereins Maccabi. Dessen Anführer versetzt dabei nicht nur verfeindete Clubs, Araber, Linke in Angst und Schrecken, sondern auch Lokalpolitiker, die ihm deshalb illegal Bauaufträge zuschanzen.
Eingebettet in den Nahost-Konflikt könnte der Fünfteiler unter Beteiligung von SWR, NDR und WDR ein weiteres Format sein, das wie Hatufim aka Homeland global kopiert wird. Bei so viel Gewalt sorgt die Netflix-Komödie Mein bester Freund, seine Freundin und ich für etwas Entspannung. Ein Feelgood-Movie, in dem Kostja Ullmann und David Kross dicke Kumpels sind, bis sich letzterer in Rebecca (Janina Uhse) verliebt. Hier beginnt eine Art Best-Buddy-Rosenkrieg, der niemandem wehtut und daher eine ganz nette Ablenkung von der Welt da draußen ist.
Kaitlans Mut & München Beats
Posted: August 4, 2026 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentDie Gebrauchtwoche
27. Juli – 2. August
Man muss nicht alles mögen, was Jan Böhmermann so von sich gibt. Aber seine Anrede „meine sehr verehrten Damen und Herren und alle dazwischen und außerhalb“ hat zumindest bei den zwei letztgenannten viel Respekt bekommen. Ebenso wenig muss man alles verdammen, was Friedrich Merz so von sich gibt. Aber als er der höchst diversen LGBTQ+-Community nach dem Berliner CSU-Anschlag sein Mitgefühl versichern wollte, sprach er sie allen Ernstes mit „meine sehr verehrten Damen und Herren und“ – nein, kein „und“.
Nur heteronormative Ausgrenzung. Der Bundeskanzler verpatzte also selbst diese Gelegenheit zur öffentlichen Anteilnahme für eine Gemeinschaft im Kreuzfeuer von rechts und religiös. Einer Gemeinschaft, die der Kabarettist Florian Schröder übrigens nicht ganz zu Unrecht fragte, warum sie zu Hunderttausenden demonstriert hätte, wäre der Attentäter kein Islamist, sondern AfD-Mitglied gewesen. Aber das nur am Rande. Im Zentrum der Aufmerksamkeit befinden sich dieser Tage ohnehin andere.
Wim Wenders zum Beispiel, der es endlich geschafft hat, Nastassja Kinskis Gewalterfahrung aus einem seiner Frühwerke zu streichen. Dazu die standhafte CNN-Journalistin Kaitlan Collins, der keine noch so sexistische Respektlosigkeit des verurteilten Vergewaltigers Donald Trump irgendeine Wesensregung entlockt – komprimiert zu begutachten beim White House Correspondent’s Dinner, das in vierstündiger Länge zwar kaum zu ertragen ist. Aber wer sich die Veranstaltung antut, blickt in viele unbeugsame Gesichter.
Etwa das von Wolf Blitzer, dessen Laudatio voller Epstein-Verweise sogar die Selbstgerechtigkeit des US-Präsidenten ins Wanken brachte. Ein Zustand, den aktuell auch Gianni Infantino erlebt. Für den gescheiterten Ausverkauf des Weltfußballs machte der Fifa-Diktator folglich „falsche Berichterstattung der Medien“, also all jene verantwortlich, denen er zuvor vorgeworfen hatte, „hinter ihren Stiften, Papieren und Bildschirmen … Hass und falsche Gerüchte“ zu verbreiten.
Die Frischwoche
3. – 9. August
Man würde sich fast wünschen, der Mentalist Timon Krause hätte all die Trumps, Merzens, Infantinos in seiner neuen Fernsehshow zu Gast. Ihr Titel lautet ab Mittwoch schließlich Ich durchschaue jeden. Leider werden aber wohl doch nur ein paar manipulierbare bis manipulierte Durchschnittsbesucher und etwaige B-Promis bei ProSieben vorbeikommen. Empfehlenswerter wäre da womöglich ein Besuch bei der Konkurrenz von RTL.
Dort startet Montag die 4. Staffel des immer noch originellen Echtzeitkrimis Die Verräter – Vertraue niemandem. Noch ratsamer erscheint allerdings der Wechsel ins Streaming. Ab Mittwoch beendet AppleTV+ mit der fünften und letzten Staffel die liebenswürdige Fußballcomedy Ted Lasso. Deren Prinzip unbedingter Wohlfühlatmosphäre wirkt zwar langsam leicht abgenudelt. Aber besser Feel Good als Fremdscham. Zu der etwa ein ZDF-Vierteiler ab Freitag neigt.
München Beats kombiniert die Umwandlung einer realexistierenden Knödelfabrik in den angesagtesten Partytempel der Neunziger mit einer fiktiven Familiensaga voller Techno-Beats, Coming-Outs und Mikrodramen. Das ist grundsolide gemacht, aber besonders die Darstellung ravender Kinds ist mitunter arg peinlich. Zehn Jahre zuvor erzählt die FX-Serie The Shards bei Disney+ die Geschichte einer elitären Highschool in L.A. Wobei die Showrunner Ryan Murphy und Bret Easton Ellis ein bisschen neugieriger machen als ihre Story an sich.
An der entgegengesetzten Küste spielt ab Mittwoch bei Amazon Prime die New Yorker Coming-of-Age-Erzählung Sterling Point um zwei Teenager, die eine geheimnisvolle Insel in Kanada erben. Und Freitag lässt der Großkomödiant Ricky Gervais auf Netflix wieder von sich hören. Diesmal eine Animationsserie namens Alley Cats, in der es allem Anschein nach um lässige Katzen geht.
Müllers Rechte & Murder Mystery
Posted: July 27, 2026 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentDie Gebrauchtwoche

20. – 26. Juli
Morgen Kinder wird’s was geben, morgen werden sich AfD-Fans ausnahmsweise wieder über das Erste freuen, wenn Dieter Nuhr auftritt und die Opfer des Berliner CSD womöglich zu Tätern umdeutet. Punchline-Tendenz: Selber schuld, ihr Tucken! Samstag drauf dann könnte ihn der NDR wie acht Tage zuvor ja abermals in Inas Nacht bitten, wo der salonrechte Leib- und Enddarm-Comedian vom Dienst einfach nur ein lustiger Zotenonkel von nebenan sein darf.
Kritische Fragen? Nicht bei Frau Müller. Die will einfach nur arglos saufen, weshalb der blasbraune Nuhr bei ihr faseln durfte, es wirke „so provokant oder fremd, was ich sage“, weil er „oft von Reisen nach Hause käme und denkt, was haben die denn für Probleme hier.“ Nina Mülllers Reaktion? „Na ja, was anderes.“ Haha. Also gut, dann halt was anderes. Wenigstens beinahe. Etwa, dass rechte Medien wie die Bild gerade versuchen, Kritik an der Doppelmoral des Springer-Zöglings Jens Spahn in Sachen Leihmutter-Baby als linke Homophobie abzubügeln.
Oder dass Friedrich Merz im ZDF-Sommerinterview sagte, Schweizer würden 200 Stunden mehr im Jahr arbeiten, was laut Recherchen von correctiv entweder verlogen, ignorant oder dumm, vermutlich aber von allem etwas war. Oder dass sein heimliches Vorbild in Sachen Tatsachenverdrehung – Karoline Levitt – zurück in Donald Trumps Pressestab ist und einfach weiterlügt wie vor ihrer Babypause.
Man sieht also: Die Einschläge der wissens- und wissenschaftsfeindlichen Autokratie, sie kommen näher. Und da wirkt es alles andere als beruhigend, dass eine KI aus ihrem Testumfeld bei OpenAI ausbrechen und eigenmächtig externe Software hacken konnte. Das war aus Sicht vieler Fachleute zwar noch kein Zeichen für böses Bewusstsein, aber auch keines für Entspannung. Gleiches gilt beim Rekordbußgeld, das die EU-Kommission an Google verhängt hat.
Wegen unlauteren Wettbewerbs, so lautet der Vorwurf. Wobei 890 Millionen Euro zunächst mal nach einer ziemlich happigen Strafe klingen (die Meta natürlich anfechtet). Dummerweise entspricht die Summe allerdings nicht mal dem Tagesumsatz eines Quasi-Monopolisten, der sich auch weiterhin ebenso wenig um europäische Regeln scheren dürfte wie die AfD um die Rechte der LGBTQA+-Community.
Die Frischwoche

27. Juli – 2. August
Über den Anschlag darauf diskutiert Sarah Tacke in Vertretung von maybrit illner fortan fünf Donnerstage lang tages- bis wochenaktuelle Themen. Und weil sie zuvor bereits reichlich Erfahrung als WiSo-Moderatorin oder stellvertretende Leiterin der wichtigen ZDF-Redaktion für Recht und Justiz sammeln konnte, wird es ab 22.15 Uhr sicher gehaltvoll. Was sonst so läuft?
Tags drauf zum Beispiel in der sendereigenen Mediathek die europäische Koproduktion This is Not a Murder Mystery, die natürlich trotzdem eine Murder Mystery ist. Schon weil der berühmte Surrealist René Magritte darin fünf Teile lang mit ein paar Kollegen wie Salvador Dalí Mordfälle auflöst, die mit ihrer mysteriösen Kunst zu tun haben. Nicht unbedingt weltbewegende Alternative History, aber sehr originelle.
Das gilt so ungefähr auch für die parallel gestreamte Crime-Serie Back Up um zwei neuseeländische Polizistinnen, die einst liiert waren und jetzt gemeinsam Schwerverbrechen lösen – was das ZDF zum denkbar bräsigen Untertitel Auf Streife mit der Ex animiert. Eine Frau prägt ab Montag auch die Disney-Serie Furious, wenngleich mit ungewohnter Rollenverteilung: Es geht um eine Serienkillerin, die Männer tötet. Und auch in der norwegischen Near-Future-Serie For Live wechseln tradierte Geschlechterperspektiven.
Die erfolgreiche Osloer Kommissarin Victoria (Tone Mostraum) landet dort selber lebenslang im Gefängnis und versucht den Justizirrtum eines autokratischen Digitalstaates anno 2040 geradezurücken. Wer Nordic Noir mag… Wer Techno mag, den bedient hingegen die ARD-Doku Love is Stronger. In der Mediathek begleitet das Erste Dr. Motte dabei, wie er an seine Loveparade erinnert, während er die Ersatzveranstaltung Rave the Planet organisiert. Nicht gerade das Niveau von Capital B, aber angenehm nostalgisch.
Himmlers Anstalt & Hiddlestons Vulkan
Posted: July 21, 2026 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentDie Gebrauchtwoche

13. – 19. Juli
Vielleicht waren das genau jene sieben Worte, die den Irrsinn der vergangenen Woche perfekt zusammengefasst haben: „Wir sind im ZDF gegen das ZDF“, sagt Maike Kühl in einer kurzfristig aktualisierten Fassung der Anstalt über die Sabotage ihrer 100. Ausgabe durch Intendant Norbert Himmler. Zwei Tage zuvor hatte er schließlich etwas Beispielloses getan und Danger Dan sowie den Pianisten Igor Levit von der Jubiläumsfolge am Dienstag ausgeladen. Der Grund: sein neues Lied rufe angeblich zur Gewalt auf.
Ob es das in Gestalt verklausulierter Anleitungen zum Widerstand gegen Rechtsradikale tut – darüber hätte Maike Kühl ebenso wie die Frage, ob der Song ge- oder misslungen sei, im Rahmen ihrer Sendung gern mit Max Uthoff und Claus von Wagner diskutiert. Allein: die ZDF-Führung zeigte das Gegenteil dessen, was Danger Dan bereits im Titel fordert: Keine Angst. Das ist besonders nach ihrem Umgang mit einer rassistischen Entgleisung im Fernsehgarten vor acht Tagen bemerkenswert.
Dass Andrea Kiewel darin lautmalerisch Chinesen verspottet, erklärt die ZDF-Pressestelle mit der Live-Situation. Während Kiwi angemessen zerknirscht um Verzeihung bat, sah sich das Zweite nicht zu irgendeiner Form der Abbitte genötigt. Das erinnert ein wenig an den MDR, der den völkischen Bierzelt-Schwurbler und Polizeiruf-Kommissar a.D. Uwe Steimle, bis 2019 im Programm geduldet hatte. Dass er bei einer AfD-Veranstaltung Tötungsfantasien gegen Friedrich Merz oder Angela Merkel äußerte, macht diese Geduld noch bedenklicher.
Fun Fact: Für Steimle wäre Graf von Stauffenbergs Attentat auf Merz dringlicher als jenes gegen Adolf Hitler einst war. Wer da noch denkt, man müsse das Publikum dringend vor Danger Dans Anleitung zur Selbstjustiz schützen, könnte mal einen Blick in die USA werfen. Dort hat die Trump-Administration journalistische Visa vom unbegrenzten Duration of Status auf 240 Tage limitiert – weshalb auch Himmlers ZDF-Reporter demnächst für regierungskritische Berichterstattung ausweisbar sind.
Parallel dazu ehrt Axel Springer den Demokratieverächter mit einem Preis für, tja, Demokratieverachtung. Und das AfD-Fanzine Berliner Zeitung verliert vor Gericht gegen Jan Böhmermann, der habe den Porschefahrer Ulf Poschardt „saure Froschfresse“ genannt. Angesichts so viel männlicher Besitzstandshysterie empfehlen wir mal einen Kinofilm: Die Dokumentation Was haben wir gelacht begleitet Komikerinnen wie Hella von Sinnen, Maren Kroymann und Esther Schweins durch die Frauenverachtung aasiger Alpharüden der 90er.
Die Frischwoche

20. – 26. Juli
Aber auch am Bildschirm läuft empfehlenswertes – und zwar nicht die lineare Ausstrahlung der Anstalt zur gewohnten Sendezeit um 22.15 Uhr im ZDF. Interessant ist in der dortigen Mediathek auch die deutsch-französische Drama-Serie Kabul. Oliver Demangel, Thomas Finkielkraut und Joé Lavy rekapitulieren darin mit teilweise deutscher Besetzung die letzten Tage der afghanischen Hauptstadt, bevor sie die Taliban 2021 zurückerobert haben.
Bedrückend, realistisch, relevant. Also das genaue Gegenteil des Realfilm-Blockbusters Masters of the Universe, ab Mittwoch bei Prime Video. Oder Stuart Fails to Save the Universe – ein Spin-off der legendären Sitcom Big Bang Theory. Weil die alten Hauptdarsteller*innen vermutlich zu teuer geworden sind, geraten Nebendarsteller*innen wie Brian Posehn, Kevin Sussman, Lauren Lapkus oder John Ross Bowie ab Freitag bei HBO Max ins Chaos einer merkwürdigen Maschine.
Immerhin erhellend ist die Dokudrama-Serie Pompeji, in der sich Antisuperheldenstar Tom Hiddleston vier Folgen lang bei Disney+ auf die Spuren dieser berühmtesten aller Naturkatastrophen begibt. Rein wissenschaftlich ist das zwar Historytainment auf Galileo-Mystery-Niveau. Der Host aber gibt sich Mühe, das Grundraunen fabulierter Geschichte unterhaltsam zu machen. Und zu guter Letzt, mal wieder was von Viaplay.
In All & Eva begibt sich das skandinavische Streamingportal seit Montag auf die Verpaarungsfährte der mittelalten Titelfigur (Tuva Novotny), die sich in den Samenspender ihres ungeborenen Kindes verliebt. Nicht nur dank ihrer tragikomischen Serie gilt die verantwortliche Showrunnerin Johanna Runevad bereits als Schwedens Antwort auf Phoebe Waller-Bridge.
Fotzenrap & Schafsmanko
Posted: July 14, 2026 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentDie Gebrauchtwoche

6. – 12. Juli
„Tschüss, und lassen Sie es gutgehen.“ So verabschiedete sich Jörg Schönenborn nach seiner ersten Moderation der Tagesthemen vor einer Woche und ließ offen, ob er zwischen „es“ und „gutgehen“ bewusst das übliche „sich“ unterschlagen hat. So hatte sein Schlusswort genau jenen Schuss Fatalismus, der unsere Zei von Null bis 24 Uhr prägt. Und zwischendurch? Gibt’s das ZDF-Morgenmagazin.
Vorige Woche mit Ikkimel, die das Frühstücksformat mit kaum erträglicher Verächtlichkeit strafte und dabei herrlich irritierte Gesichter provozierte. Während die selbsterklärte „Fotzen-Rapperin“ genau wusste, worauf sie sich da einließ, wurde das Zweite offenbar komplett überrumpelt. Das würde man von RTL auch gern behaupten, nachdem ein Kandidat der dortigen Reality-Show Bad Boys sich so ganz nebenbei aus einem Fremdgehverdacht mit der Aussage herausredete, die potenzielle Gespielin sei Opfer eines Femizids geworden.
Dummerweise hat die Niedertracht in Köln Methode. Der zuständige Redakteur (unvorstellbar, dass es eine Redakteurin war), dürfte sich über die Instrumentalisierung männlicher Gewalt also absolut klar gewesen sein. Niedertracht gibt es aber auch außerhalb kommerzieller Brachial-Unterhaltung. Als während der Demos gegen den AfD-Parteitag in Erfurt ein Mitarbeiter von Apollo News krankenhausreif geprügelt wurde, gab es kein Wort der Reue.
Nur zur Erinnerung: Auch, wenn Journalist*innen rechter Schwurbel-Portale attackiert werden, ist das ein Angriff auf Pressefreiheit und Demokratie. Punkt. Wenn CDU/CSU und SPD das Informationsfreiheitsgesetz abwickeln, also die Regierungskontrolle erschwert, ist das ebenfalls ein Angriff auf Pressefreiheit und Demokratie. Wenn Konservative wie Karin Prien, Carsten Schnieder, Dorothee Bär und Mario Voigt KI-generierte bis -optimierte Gastbeiträge in FAZ oder Bild platzieren, ist das kaum weniger ein Angriff auf Pressefreiheit und Demokratie.
Die Frischwoche

13. – 19. Juli
Und den kann man mittlerweile fast nur noch durch elaborierten Eskapismus ertragen, der uns Sozialkritik allenfalls noch zwischen den Zeilen unterjubelt. Der halbanimierte ZDF-Fünfteiler Sheep zum Beispiel kommentiert die fleischsüchtige Überflussgesellschaft in einer Herde sprechender Schafe (u.a. Birgit, Minchmayr, Merlin Sandmeyer, Jella Haase), der die ziemlich komische Erkenntnis kommt, dass sie vom Menschen nur ausgebeutet werden.
An gleicher Stelle schickt Arne Feldhusen ein Theater-Kollektiv namens „Das Manko GbR“ seit Montag in eine Workplace-Groteske, deren elf Hauptdarsteller*innen vier Folgen lang praktisch kein klar artikuliertes Wort von sich geben und damit nebenbei das hierarchisierte Hamsterrad des mittleren Managements aufs Korn nehmen. Auch das Bowlingcenter-Chaos der Comedyserie Die Abräumer mit Stefanie Lamprecht läuft auf der Digitalplattform des Zweiten.
Und weil dort am Mittwoch zudem das importierte Historiendrama The Forsythes um eine Dynastie der 1880er Jahre startet, könnte man meinen, andere Sender stecken schon tief im Sommerloch. Falsch vermutet. Die Apple-Serie Lucky schickt Anya Taylor-Joy (Das Damen Gambit) zeitgleich als Kriminelle in den FBI-Dienst. Prime Video legt parallel in Ride or Die eine Art Thelma and Louise 3.0 auf. Bei Netflix kehr Will Ferrells Golfer Hawk ab Donnerstag gewiss brüllend komisch aus der Rente zurück.
Freitag dann wärmt der französische Sechsteiler Surface einen Cold Case mit Serienkillerbeteiligung in der ARD-Mediathek auf. Den Knaller aber zündet David Schalke. Nach 14 Jahren Pause geht seine Provinzposse Braunschlag in die zweite Staffel. Und wenn sich das österreichische Starensemble um Robert Pallfrader, Nina Proll und Nicholas Orczarek dabei ins Jahr 1986 kostümiert, wird es bei HBO beinahe so brillant wie 2012.
Nuhrs Haut & Funks Beat
Posted: July 7, 2026 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentDie Gebrauchtwoche
29. Juni – 5. Juli

Jetzt, da auch diese Weltmeisterschaft in der KO-Phase steckt, fällt besonders auf, wie dünn Haut und Nerven der größten Mäuler sind. Man konnte das perfekt bei Julian Nagelsmann beobachten, der ZDF-Reporterin Lili Engels nach dem WM-Aus gegen Paraguay am Spielfeldrand mit einer so trotzigen Larmoyanz attackierte, als kämpfe er ums bunteste Förmchen im Sandkasten.
Ob er einen Mann am Mikro ähnlich herablassend behandelt hätte, lässt sich hier nicht abschließend klären. Aber wenn man den Hohepriester der Misogynie betrachtet, könnte das Geschlecht zumindest nicht ganz unschuldig daran sein. Nachdem Dieter Nuhr im Ersten Gewalt gegen Frauen lächerlich gemacht hatte, ging der ARD-Komiker aller AfD-Herzen gegen den österreichischen Standard vor.
Der nämlich hatte in einem Kommentar kritisiert, Dieter Nuhr mache sich über Femizide lustig – was schon deshalb belegbar falsch ist, weil er keine Pointen drischt, sondern reaktionäre Propaganda. Und damit zurück zum Fußball, wo Bastian Schweinsteiger nach einem Spiel der Deutschen kommentiert hatte, die Elfenbeinküste habe „wild“ gespielt. Weil das ins französische „sauvage“ übersetzt wurde, hängt dem netten Basti also ein Rassismusvorwurf an.
Das wiederum ist ähnlich absurd wie ein viraler Post nach Deutschlands Ausscheiden im – neues Wort: Sechzehntelfinale. „Was für ein Spiel!“, faselte Friedrich Merz. „Mit eurem Einsatz und Teamgeist bei dieser WM habt ihr unser Land begeistert. Wir sind stolz auf euch.“ Fragt sich was peinlicher ist: die unfreiwillige Komik oder das Kanzleramtsstatement, es habe sich um eine „Kommunikationspanne“ gehandelt. Egal. Beides witzig. So witzig wie Berichte über Donald Trumps Great American State Fair in Washington.
Obwohl sich dort ausweislich unbestechlicher Fernsehbilder selten mehr als ein paar Dutzend Leute gleichzeitig tummelten, haben sie rechte Medien wie Fox zum Massenevent mit Hunderttausenden von Gästen aufgeblasen. Aber was sind schon Fakten gegen die Urteilskraft des US-Präsidenten, der Fußballfouls besser beurteilt als alle Schiedsrichter. Zur Medienpolitik: Axel Springer kauft die Mediengruppe Telegraph für 575 Millionen Pfund und zahlt damit einen Cent pro tendenziösen Bericht des Daily Telegraph zugunsten der Tories.
Die Frischwoche
6. – 12. Juni

Viel los also in der gedruckten, geposteten Welt. Mehr jedenfalls als in der gesendeten oder gestreamten. Besonders bemerkenswert ist dieser Tage daher vor allem ein fiktionales Format namens Between the Beats. Das Vertical Drama der öffentlich-rechtlichen Plattform funk erzählt eine strikt datengenerierte Liebesgeschichte im K-Pop-Stil mit K-Pop-Stars zu K-Pop-Songs und will damit wirklich nichts anderes als Klicks generieren.
Warum dieser Zuschnitt aufs hochkantige Medienkonsumbedürfnis der GenZ legitim sei, erklärte Produzent Gregor Sauter von Red Pony zuletzt beim Kölner Seriencamp. „Mikrodramen sind keine Kunst, sondern Schokolade“. In dieser Logik wären gehaltvolle Dokumentationen dann also Salat. Hood Stories zum Beispiel, eine Sozial-Reportage in vier Teilen, ab Mittwoch in der ARD-Mediathek.
Der hochgefallene Rapper $ick begleitet darin vier Kolleginnen und Kollegen auf ihrem Weg zum Erfolg und lässt dabei auch seine langjährige Drogensucht einfließen. Hochinteressant. Etwas ganz, nein völlig, nein komplett anderes ist hingegen ein Reboot der naheliegenden Art: Rund 50 Jahre nach dem Original legt Netflix die Familienserie Unsere kleine Farm wieder auf.
In den Siebzigern ein weitestgehend unpolitischer Feel Good Western mit christlicher Erweckungsbotschaft, bleibt die Neuauflage ab Donnerstag zwar leichtverdauliche Kost. Rassismus, Genozide, Willkür der amerikanischen Expansion im ausgehenden 19. Jahrhunderts allerdings kriegen mehr Raum – aber nicht zulasten der kindertauglichen Unterhaltung. Und damit zu einer alten, aber sehenswerten Serie: Arte.tv zeigt ab Freitag den neuseeländischem Sechsteiler After the Party von 2023. Es geht um sexuellen Missbrauch und Opferumkehr. Dieter Nuhr hätte seinen Spaß daran.