Gesundheitsdoku & Dokumaulwurf

Die Gebrauchtwoche

29. März bis 4. April

Während eine sprunghaft steigende Zahl Einzelfälle der strukturkorrupten CDU/CSU die Pandemie zur Selbstbereicherung mit medizinischem Material nutzt, während Querdenkende aller Herren Lager dem Pflegepersonal ins Gesicht spucken, während ihm der bürgerliche Rest ab und zu mal gönnerhaft vom Balkon zuklatscht, hat Pro7 am Mittwochabend einmal mehr allen gezeigt, wohin sich Anstand und Ethik des Privatfernsehens verkrümelt haben.

Statt um 20.15 Uhr zweimal 9-1-1-Notruf L.A. und Seattle Fire Fighters zu zeigen, räumte der kleine Bruder von Sat1 seine Primetime für eine Reportage aus dem Uniklinikum Münster. Durch den Wackelblick ihrer Bodycam führt die Pflegerin Meike Ista vom Morgengrauen an sieben Stunden unsichtbar durch ihren Arbeitsalltag, während Kolleg*innen anderer Einrichtungen im Splitscreen schildern, wie kaputt das Gesundheitssystem ist, wie unterbesetzt, überlastet – und wie das Personal darin auf applaudierende Balkons pfeift, sofern man ihnen endlich Respekt, Geld, Zeit, Anerkennung spendet.

TV

Obwohl das Hauptprogramm an Ereignislosigkeit kaum zu unterbieten war, verbuchte ProSieben gut zwölf Prozent, in der Zielgruppe gar 17,2 Prozent Quote – gegen Fußball auf RTL und das Märchen eingefahrener Sehgewohnheiten, die angeblich ständiger Reizüberflutung bedürfen. Die qualitativ wie quantitativ abgestürzte Sendermutter Sat1 landete unterdessen mit Bullshit-Fernsehen à la Claudias House of Love in der Publikumsgunst hinter Nitro im Promillebereich.

Kurz, bevor Hape Kerkeling so auszusehen beginnt wie Jens Riewas Vater, hat RTL ihn wie zuletzt 2015 in Let’s Dance für einige Shows und Serien verpflichtet. Noch während sich der Komiker Helmut Schleich allen Ernstes das Gesicht dunkel färbte, um einen afrikanischen Sohn von Franz-Josef Strauß zu spielen, hagelte es Rassismusvorwürfe an den BR. Und nachdem CEO Julia Jäkel so auszusehen begann wie Sabine Christiansen, verlässt sie G+J, wo künftig ihr Vorstandskollege Stephan Schäfer (46) daran mitarbeiten wird, Bertelsmann mit RTL zu fusionieren.

Die Frischwoche

5. – 11. April

Ob das etwas daran ändert, wie belanglos der Ex-Marktführer ist? Schwer zu sagen. Aber in dieser Woche ist das Bemerkenswerteste die Intelligenzverachtung Pocher vs. Influencer ab Mittwoch. Zwei Tage zuvor macht es ZDFInfo: Für seine Frontaldoku The Mole schickte der dänische Filmemacher Mads Brügger den arbeitslosen Koch Ulrich Larsen nach Nordkorea, wo er mit dem falschen Milliardär „Mr. James“ illegale Waffendeals einfädelt. Das ist fast zu bizarr, um wahr zu sein, aber von der ersten bis zur 120. Minute so real, dass es schmerzt.

Gleiches gilt auf leichterem Niveau für einen Film der New York Times, die nun auch beim Streamen mitmischt. Framing Britney Spears porträtiert den weiblichen Megastar der Boygroup-Ära ab heute auf Amazon als selbstbestimmtes Opfer einer misogynen Branche, die es gezielt in den Abgrund gerissen hat. Ebenfalls auf der Sachebene gutgemacht dürfte der Late-Night-Ausflug des Podcasters Tommi Schmitt (Gemischtes Hack) sein. Ab Donnerstag leuchtet sein Studio Schmitt die Schnittmengen von Realität und Fiktion aus.

0-Frischwoche

Eine Schnittmenge, die auch Ralf Husmanns neuester Streich, bei dem das Lachen im Halse steckenbleibt, ab Donnerstag auf TVNow liefert: Mirella Schulze rettet die Welt acht Teile lang in Gestalt eines 13-jährigen Quälgeistes, der nicht nur optisch an Greta Thunberg erinnert, sondern zum Leidwesen ihrer Umgebung inklusive lokalem Chemiekonzern und eigener Familie auch noch ständig Recht hat mit ihrem Einsatz fürs Klima. Bei AppleTV trifft Oprah Winfrey dafür Mittwoch eine leibhaftige Freiheitskämpferin: Amanda Gorman.

Der Rest in Stichworten: Tom Hanks brilliert heute auf Sky als Der wunderbare Mr. Rogers. In der SyFy-Serie Resident Alien leben Außerirdische ab Donnerstag unter uns. Der Neo-Zwölfteiler Dead Pixels karikiert Freitag eine britische WG unverbesserlicher Gaming-Nerds. Und schon, weil es so selten ist: Doktor Ballouz hat tags zuvor mit der medizinischer Realität zwar so viel zu tun wie das Querdenker-Kuscheln der Stuttgarter Polizei mit Recht & Ordnung, aber einen so schön traurigen Chefarzt, hat die ZDF-Medizin noch nie gesehen.


Doku-Fiktionen & Wirecard-Story

Die Gebrauchtwoche

22. – 28. März

Was die Wahrheit ist, das gilt zurecht als schwer umstritten, was die Wirklichkeit ist, dagegen – trotz und grade wegen populistischer Quergedanken – weniger. Dachte man. Bis Anfang voriger Woche. Montag nämlich wurde publik, dass die preisgekrönte NDR-Dokumentation Lovemobil über die entwürdigende Sexarbeit am Rande niedersächsischer Städte zwar inhaltlich korrekt war, aber mit Schauspieler*innen besetzt. Ein Freier soll sogar zum Freundeskreis von Autorin Elke Margarete Lehrenkrauss gehören. Nun ist der Ärger groß, die Grimme-Nominierung perdu und ein bisschen auch das Renommee faktenbasierter Unterhaltung.

Freuen wir uns also darüber, endlich mal offen über Realismus im Sachfernsehen zu reden. Der nämlich wird ja schon von der Themenauswahl beeinträchtigt. Auch Personal und Kameraführung, Drehbuch, Chronologie, gar Schnitt, Ton, Licht nehmen Einfluss aufs Tatsächliche. Die Wirklichkeit ist eben, was daraus gemacht wird. Normalerweise kann sie das ab. Es sei denn, die erwähnten Querdenker grätschen mal wieder von rechtsaußen rein.

Ein polnisches Gericht etwa hat das ZDF zu einer Entschuldigung für das Kriegsmelodram Unsere Mütter, unsere Väter verurteilt, da es Kriegsveteranen verunglimpfe. Das ist schon wegen der Kunstfreiheit staatspopulistischer Unsinn. In einem Land zumal, das Journalist*innen noch schlechter behandelt als Deutschland, wo voriges Jahr 69 Opfer meist rechter Angriffe gezählt wurden. Es verkennt aber auch, dass sich das ZDF eigentlich bei allen dafür entschuldigen müsste, die Deutschen in UMUV erneut fiktional von aller NS-Schuld reingewaschen zu haben.

Und damit zum Stühlerücken auf dem Boulevard populistischer Eitelkeiten. Dieter Bohlen meldet sich vorm DSDS-Finale krank und wird durch Thomas Gottschalk ersetzt. Nena outet sich als Verschwörungsfan und wird von Kathi Witt begleitet. Julian Reichelt darf weiter die Bild-Belegschaft tyrannisieren, kriegt jedoch Alexandra Würzbach zur Seite. Jan Hofer wechselt als Anchor zu RTL und Eva Herman, nein die bleibt Adolfs Eva Braun von heute.

Die Frischwoche

29. März – 4. April

Wie schön ist es da doch, sich mit gutem Entertainment vom Irrsinn abzulenken, und nein – damit ist nicht die RTL-Show I Can See Your Voice gemeint, in der ab Dienstag irgendwer irgendwas singt. Auch nicht die Kleider-Geschichten, mit denen Netflix Donnerstag die Kleiderordnung von Mary Condo nachspielt. Interessanter erscheint dagegen eine Echtzeitaufarbeitung unvollendeter Historie.

Noch bevor die Milliardenbetrüger Markus Braun und Jan Marsalek auch nur vor Gericht stehen, arbeitet TVNow Mittwoch die Wirecard-Story in einem Dokudrama von Raymond und Hannah Ley auf. Das fügt dem Kenntnisstand zwar 95 Minuten lang nichts Neues hinzu. Christoph Maria Herbst und Franz Hartwig aber leihen den Hauptschuldigen des größten Wirtschaftsskandals unserer wirtschaftsskandalträchtigen Tage allerdings sehr eindrückliche Gesichter.

Das gilt auch für die Free-TV-Premiere der Now-Serie Lambs of God, in der es drei spirituell wie räumlich entrückte Nonnen ab Mittwoch vier Folgen auf One mit der Zivilisation zu tun kriegen und dabei zeigen, wie drastisch sich der Glaube mitunter gegen die Gegenwart zur Wehr setzt. Realitätsgetreu lässt der BBC-Achtteiler The Serpent Freitag auf Netflix den Serienkiller Charles Sobhraj aus den Siebzigern auferstehen und parallel dazu die Bordellbesitzerin Madame Claude aus den Sechzigern.

Nachdem Sky bereits heute Tiger Woods ein Golf-Porträt widmet und dem berüchtigten Frauenarzt Dr. Quincy Fortier tags drauf bei die Missbrauchsdoku Baby God, freuen wir uns aufrichtig übers neue Format von Michael Herbig – obwohl er nur die Nebenrolle spielt. In Last One Laughing sieht Bully ab Donnerstag bei Amazon Humorprofis von Wigald Boning und Teddy Teclebrhan über Anke Engelke und Carolin Kebekus bis Torsten Sträter und Mirco Nontschew dabei zu, wie sie sich eingekerkert in eine Comedy-WG nicht gegenseitig zum Lachen bringen, was wirklich sehr komisch zu sein scheint.


Reichelts Kultur & Laras Zeugen

Die Gebrauchtwoche

15. – 21. März

Also echt mal: „Auf Basis von Gerüchten Vorverurteilungen vorzunehmen“, wie ein Sprecher der Menschenrechts-NGO Bild die völlig haltlosen Vorwürfe gegen den Friedensnobelpreisträger Julian Reichelt kommentierte, „ist in unserer Unternehmenskultur undenkbar“. Amen. Jetzt könnte man natürlich denken, die Satire-Abteilung der ARD hätte sich in die PR-Abteilung von Europas weltgrößtem Boulevardblatt geschlichen. Aber letztere meint so was exakt so ernst wie es erstere ernst meint, wenn sie Dieter Nuhr Woche für Woche ein prominentes Portal seiner misogynen Weltsicht bietet.

Donnerstag hat er es nämlich wieder und wieder und wieder getan: Das Gendern zu bashen und dabei Fakten durch AfD-Argumente zu ersetzen. Armer, weißer, physisch junggebliebener, geistig greisenhafter Mann: wie schlaff müssen deine Testikel im Feinripp hängen, dass er immer und immer und immer wieder nach unten tritt, weil er sich nach oben zu treten ja schon lange nicht mehr traut und Konzepte wie Identitätspolitik halt einfach nicht versteht, sondern würde er ja versuchen, wenigstens ab und zu mal zu differenzieren.

Dass Dieter Nuhr vornehmlich von jenen noch Gelächter erntet, die auf der Kasseler Querdenken-Demo Samstag Journalist*innen attackiert haben, nimmt er da vermutlich längst schon nicht mehr nur in Kauf. Es zählt zu seinem Wirkprinzip. Darin ähnelt der Comedian Hendrik Streeck, der ähnlich viele Fahnen in den Wind der Querdenker hängt wie dessen komödiantischer Fürsprecher. Woraus sich Mittwoch übrigens ein ulkiger Disput mit Jan Böhmermann ergeben hat, dem ausgerechnet der Verschwörungsvirologe einseitige Polemik vorwarf.

Witzig. Lachhaft ist dagegen langsam nur noch der Dauerhinweis aller, wirklich aller Sportreporter (deren Gendersternchen mangels Reporterinnen überflüssig sind), wie öde es ohne Publikum im Stadion sei – schon, weil es so blöde ist, dass diese Stadien voller Sportprofis sind, die behaupten, keine Privilegien zu genießen.

Die Frischwoche

22. – 28. März

Donnerstag zum Beispiel hat der Fußball erneut keines, wenn er seine dauergetesteten Millionäre massenhaft zu Länderspielen durch ganz Europa schickt und damit jedes epidemiologische Konzept mit Füßen tritt. Ob RTL das am beim Spiel der Deutschen gegen Island erwähnen wird? Wohl kaum – Geschäftspartner kritisiert man nicht im Privatfernsehen. Schließlich herrscht nicht nur, aber besonders dort das Prinzip maximaler Affirmation im Umgang mit Verwertungsketten.

Wenn Disney+ tags zuvor 1. Geburtstag feiert, kann man dieses Prinzip bestens begutachten. Dort wird alles, wirklich alles aus dem Milliardenkonzern wiedergekäut. Freitag zum Beispiel die Mighty Ducks. Anfang der Neunziger machte Emilio Estevez als Coach eines Eishockeyteams voller Nerds und Looser drei Kinofilme lang Kasse. Jetzt kehrt er mit exakt demselben Prinzip als Serie auf den Bildschirm zurück. Es lebe das Fließband, an dem auch die – zugegeben divers männliche – Superheldenserie The Falcon and the Winter Soldier entstanden ist.

Ein anderes Format klingt dagegen eher nach Manufaktur Im starbesetzten Sixties-Melodram Godfather of Harlem lässt Disney zeitgleich das New York der Ära Malcolm X auferstehen (wobei das keine Eigenproduktion, sondern ein ABC-Ankauf ist). Extra für Amazon produziert wurden hingegen zwei parallel startende Prime-Serien: das Superheldenkinder-Animé Invincible. Und La Templanza. So heißt ein spanisches Weingut der 1860er Jahre, von dem aus zwei unterschiedliche Dynastien zehn Folgen lang auf Liebes-, Geschäfts- und Intrigenpfade gehen. Trotz allem Pathos sehr ansehnlich.

Das gilt auch für 8 Zeugen mit Alexandra Maria Lara als Erinnerungsexpertin, die in jeder Folge der TVNow-Serie einen davon durchleuchtet, um ein verschwundenes Kind zu finden. Noch zwei Arte-Formate zum Schluss: Der deutsch-französische Sechsteiler Frieden skizziert ab Donnerstag (21.10 Uhr) drei junge Menschen in der Nachkriegszeit. Und Samstag (22 Uhr) widmet der Kulturkanal dem Psychologen Oliver Sacks ein virtuoses Interviewporträt.


Reichelts Penis & Lukes Bäume

Die Gebrauchtwoche

8. – 14. März

Huch, Julian Reichelt, als Bild-Boss qua Amtsdefinition ein misogyner Macho aus dem Mesozoikum männlicher Selbstherrlichkeit – ausgerechnet der soll gegen den weiblichen Teil seiner Redaktion Machtmissbrauch und Mobbing bis hin zur sexuellen Nötigung praktizieren, wie der Spiegel über interne Ermittlungen berichtet, die Jan Böhmermann Freitag zuvor bereits angedeutet hatte? Verrückte Idee! Gilt doch allein schon Reichelt quellendes Brusthaar als Beleg seines feministischen Geschlechterdenkens. Vermutlich haben die ungefickten Bild-Bitches an der Kaffeemaschine also einfach mal wieder zu heiße Klamotten angehabt – was soll ein echter Kerl wie dieser denn dann bitte anderes machen als zuzugreifen?

Umso ritterlicher, dass er sich selbst beurlaubt und den Verleumdern Klagen angedroht hat. Und huch, das englische Königshaus, begründet auf Ausbeutung und Rassismus, soll Vorbehalte gegen Prinz Harrys schlammblütige Frau Meghan hegen? Gibt’s ja gar nicht! Was es nach Oprah Winfreys Interview mit den abtrünnigen Royals gab, waren 30 Prozent Marktanteil für RTL, die Aussicht auf noch zwei Staffeln The Crown und ein Tsunami, der selbst den Brachial-Talker Pierce Morgan mitgerissen hat, nachdem er in seiner ITV-Show Good Morning Britain wie üblich Partei für die reaktionäre Rechte, also Queen und Sun ergriffen hat.

Wobei man Flutwellen auch surfen kann. Der Abgang von Morgan, moralisch verhornt im braunsten Abraum der Yellow Press, wird als bewusster Eklat angesehen, um ein englisches Fox News zu besetzen. Sollte es demnächst ein deutsches geben, stünde der gefeuerte Sky-Reporter Jörg Dahlmann bereit, den nach allerlei Männerwitzen über Spielerfrauen nun ein Sushi-Vergleich zum Verhängnis wurde. Während ihm der deutsch alternative Windfähnchen-Wissenschaftler Hendrik Streeck dank eines RTL-Podcasts mit Chemie-Nobelpreisträgerin Katja Burgard nicht folgen kann, stünde Anna Schneider von der neurechten NZZ als Berlin-Korrespondentin bereit, nachdem sie sich gestern im Presseclub als Fan frauenfreier Volksvertretungen gezeigt hatte. Und Dieter Bohlen wäre seit seinem Abschied von DSDS als Juror eines möglichen Fox-Castings frei.

Die Frischwoche

15. – 21. März

Dessen künftiger Ex-Sender wagt sich heute auf sozialfaktisches Terrain, wenn Henning Baum dort um 20.15 Uhr Hinter den Kulissen der Polizei Reporter spielt. Ulkige, aber irgendwie auch naheliegende Idee des Rot- und Blaulichtkanals. Die Konkurrenz von Sat1 simuliert parallel mit LUKE! Die Umwelt und ich Nachhaltigkeit, die aber spätestens im Reklameblock als Opportunismus entlarvt werden dürfte, wenn für SUVs und anderen Scheißegalkonsum geworben wird.

Auch damit ist also erklärbar, dass Sat1 von Vox auf Platz 5 der Quotenliste verdrängt wurde. Dort läuft schließlich ab Mittwoch die fabelhaft morbide Now-Serie Unter Freunden stirbt man nicht als Free-TV-Premiere. Online startet dagegen heute die fiktionale Istanbul-Studie Paper Lives auf Netflix und setzt damit die Reihe hervorragender Serien aus der Türkei fort. Nicht ganz so hervorragend, immerhin jedoch optisch furios ist die achtteilige Tarantino-Hommage Sky Rojo ab Freitag an gleicher Stelle über drei spanische Edel-Huren auf der blutigen Flucht vor ihrem Zuhälter.

Gleicher Kanal, gleiche Zeit, gewöhnliches Thema: die 1. Staffel der amerikanischen Nanny-Comedy Country Comfort, tags drauf gefolgt von der 2. Staffel Ausgebremst mit Maria Furtwängler als entnervt lustige Fahrschullehrerin bei TNT. Morgen schon beginnt bei Joyn+ die Bostoner Familien-Sitcom The McCarthys. Und dann wären wir auch schon bei Runde drei der Ku’damm-Reihe im ZDF – diesmal im Jahr 1963. Wie immer opulent kostümiert, wie immer ein bisschen frauenbewegt, wie immer arg oberflächenverliebt.


Durchstechereien & Frauentage

Die Gebrauchtwoche

1. – 7. März

Durchstechereien, das ist ja auch wieder so ein Begriff, der schmieriger klingt, wenn ihn Nazis verwenden. Als Durchstecherei hat es deren parlamentarischer Sturmbannführerarm Timo Chrupalla bezeichnet, dass Verfassungsschützer die Einstufung seiner NS…, Pardon: AfD als rechtsextremen Verdachtsfall kolportierte, was das Kölner Amtsgericht (zu Recht) verboten hat. Wobei – sind Durchstechereien offener Tatsachen überhaupt Durchstechereien?

Als Interpretationshilfe stechen wir an dieser Stelle ein paar Dinge durch, die ähnlich außer Frage stehen wie Demokratie- und Menschenverachtung der AfD: Thomas Bellut bewirbt sich 2022 nicht um eine dritte Amtszeit als ZDF-Intendant. Schon zur nächsten Bundesliga-Saison tauscht die Sportschau den Streber Matthias Opdenhövel durch die strebsame Esther Sedlaczek aus. Und Disney verkauft seine 50-prozentigen SuperRTL-Anteil ans deutsche Mutterhaus.

Eines, das Ende August leerausgeht, wenn die Grimme-Preise vergeben werden. ProSieben geht dafür mit drei Nominierungen in Marl an den Start, die 42 der ARD überstrahlen ohnehin wieder selbst 15 Stück von ZDF, 3sat und Arte, wohingegen es Digitalformate insgesamt nur auf Dutzend Preisanwärter bringt – je vier von funk und Netflix plus zwei für Joyn. Das dürfen in Zukunft durchaus ein paar mehr werden. Ein paar weniger als erwartet haben Streamingdienste vorigen Montag in einer Video-Schalte aus L.A. und N.Y. gewonnen, als die Hollywood Foreign Press Association ihre Golden Globes vergeben hat.

Während die Berlinale auf gezoomter Sparflamme lief, war es wie immer: alte weiße Männer nominieren Durchschnitt wie die Netflix-Serie Emily in Paris, verschleudern Preise an The Crown, vergessen Preiswerteres wie Mank, und aus deutscher Sicht bedauerlich: auch Helena Zengel Auftritt in News of the World. Ein Mädchen, das sich in maximal misogyner Cowboy-Zeit von Männern aber mal gar nichts sagen lässt – das wäre ein moderneres Emanzipationssignal gewesen als pinke Pralinen und Blumensträuße, die Konsumkonzerne zum heutigen Weltfrauentag als Mitgift bewerben.

Die Frischwoche

8. – 14. März

Die Filmreihe Von Frauen über Frauen mit der Doku Lift Like a Girl über ägyptische Gewichtheberinnen zum Auftakt, wirkt da heute nur so lange progressiver, bis man(n) die Sendezeit sieht: 0.20 Uhr. Vier Stunden früher sendet das ZDF ein gutgespieltes, aber klischeehaftes Drama namens Plötzlich so still, in dem Friederike Becht den Tod ihres Babys durch den Diebstahl eines anderen kompensiert. Was verzweifelte Mütter aus bürgerlicher Sicht halt so machen…

Aber gut, immerhin sind Frauen hier keine Sextoys harter Kerle wie parallel bei Kabel 1 (Transformers) und RTLzwei (Love Island) oder bessere Hausmädchen wie bei WDR (Land und lecker), BR (Landfrauenküche) und SWR (Lecker aufs Land). Streamingdienste sind da – ungewollt oder nicht – schon ein paar Schritte weiter. In der Starzplay-Serie The Attaché zum Beispiel spielt eine Diplomatin aus Frankreich ab Sonntag die Hauptrolle, der ein Musiker aus Israel am Tag der Anschläge vom November 2015 nach Paris folgt, um ein herausragend inszeniertes Beziehungsdrama im Schatten des Terrors aufzuführen.

Auch auf Joyn+ sind es Donnerstag jüngere Frauen, die große Jungs und Alphagreise vor sich hertreiben. Oberflächlich handelt Katakomben von illegalen Raves unter München, doch zwischen dem Eye Candy für Influencer, geht es sechs Teile lang um die wachsende Ungleichheit einer männlich gemachten Immobilienblase. So ähnlich funktioniert die norwegische HBO-Groteske Beforeigners. Wenn die Ahnen der Skandinavier (Sonntag, 23.35 Uhr, ARD) aus dem Meer auftauchen, wirkt das auf heitere Art fantastisch. Da die schwierige Integration der „Menschen mit temporalem Hintergrund“ aktuelle Rassismus-Diskurse aufgreift, sind sechs Folgen am Stück durchaus bedeutsam. Weder lustig noch wichtig, sondern konventionell, aber solide sind die Pembrokeshire Murders (Donnerstag, Magenta) und das achtteilige Beziehungsdrama Blinded (Dienstag, One). Und Mittwoch (20.15 Uhr), porträtiert ZDFinfo Das bizarre Leben des Software-Millionärs John McAfee, der mit mehreren Morden in Verbindung gebracht wird.

Außerdem sind die freitagsmedien wieder in den Medien-Podcast Die Fernsehkritiker involviert. Jan Freitag bespricht mit Eric Leimann diesmal die neuesten Filme und Serien im Monat März:


Jens Spahn & Eddie Murphy

Die Gebrauchtwoche

22. – 18. Februar

Ach Facebook… Nicht nur, dass dich Alterskohorten jenseits der Generationen Y bis Z ungefähr so zeitgemäß finden wie ARD und ZDF; jetzt tust du auch noch alles dafür, die Generationen X bis W(eimar Republik) zu verprellen. Erst ein lächerlicher Kleinkrieg mit Australiens News-Anbietern, den der fürchterliche Medienmonopolist Rupert Murdoch (vorerst) gegen die furchtbare Datenkrake gewonnen hat. Dann sperrt Facebook inklusive Instagram auch noch einen Monitor-Beitrags über den Anschlag von Hanau, weil Georg Restle angeblich gegen Richtlinien verstößt.

Es bleibt also dabei: auch außerhalb teil- oder ganztotalitärer Regime von Polen über Russland bis China, stehen seriöse Medien unter feindlichem Beschuss. Nach einem Bericht des betroffenen Tagesspiegel lässt ja selbst Jens Spahn offenbar Journalist*innen von Bild oder Stern ausspähen, die über ein dubioses Tauschgeschäft recherchieren: 2017 habe der Gesundheitsminister eine Wohnung vom Pharma-Manager Markus Leyk Dieken gekauft, den er zwei Jahre später zum Geschäftsführer der Gematik GmbH machte, die wiederum kurz nach der staatlichen Übernahme von 50 Prozent der Anteile das Gesundheitswesen digitalisieren soll.

Der Kauf sei vor Spahns Amtsantritt erfolgt und damit Privatsache, wiegelt ein Sprecher ab. Na ja, so privat eben, wie momentan eine Virusinfektion ist. Mit der übrigens kam Anfang vorigen Jahres Mai Thi Nguen-Kim zu multimedialem Ruhm. Nun hat das ZDF die chemisch promovierte, überaus telegene und höchst vertrauenserweckende Wissenschaftsjournalistin für seine Fachsparte verpflichtet. Ein Engagement, das den Blick fraglos auf jüngere Zielgruppen wirft.

Die Frischwoche

1. – 7. März

Ab Freitag wärmt Disney+ das britische Klosterdrama Black Narcissus im Himalaya auf, mit dem Deborah Kerr 1947 zwei Oscars gewann. Ein antiquierter Stoff – auch, wenn ihn Showrunnerin Amanda Coe mit psychedelisch animierter Gothic-Aura und der großartigen Gemma Arterton als spirituell und heterosexuell schwankende Hochgebirgsnonne modernisiert. Richtig modern ist demgegenüber die feministische Highschool-Komödie Moxie um eine rebellische Schülerzeitung in den USA, ab Mittwoch auf Netflix. Und noch richtiger modern wirkt die Coming-of-Age-Serie We Are Who We Are ab Sonntag auf Starzplay.

Wohingegen das Porträt der retrofuturistischen Pop-Ikone Billie Eilish The World’s a Little Blurry in seiner empathischen Kinderzimmer-Melancholie fast schon wieder nostalgisch ist. Richtig nostalgisch gerät ein Sequel der gestrigen Art: Freitag setzt Amazon Prime allen Ernstes Der Prinz aus Zamunda von 1988 fort – ohne Regisseur John Landis, aber mit Eddie Murphy, also irgendwo zwischen aha und oje – dort also, wo sich für gewöhnlich Let’s Dance (Freitag, RTL) aufhält, dessen Spannbreite niemand besser ausdrücken könnte als die Mittänzer Jan Hofer und Micky Krause.

Bei so viel guter Laune empfehlen wir an dieser Stelle aber doch noch mal ein Stimmungsdämpfer. Heute erinnert die ARD (23.35 Uhr) an Fukushima und die Folgen vor zehn Jahren. Und weil selbst Katastrophen fiktional Spaß machen: die Netflix-Serie I Care A Lot nimmt Amerikas strikt ertragsorientierten Umgang mit Senioren so beißend auseinander, dass man bei aller guten Unterhaltung spätestens nach einer Folge beschließt, in den USA nur reich oder besser noch: gar nicht alt zu werden.

Außerdem sind die freitagsmedien seit kurzem in den Medien-Podcast Die Fernsehkritiker involviert. Einmal im Monat bespricht Jan Freitag darin mit Eric Leimann die neuesten Filme und Serien:

https://open.spotify.com/episode/47DR013Y3qpKy0qXN8buEz


Rush Limbaugh & Aylin Tezel

Die Gebrauchtwoche

15. – 21. Februar

Sitten & Gebräuche ist ein sehr deutscher Zweiklang, vergleichbar mit Recht & Ordnung, Lohn & Brot oder auch das einst beliebte Führer-Hauptquartier, was sogar noch deutscher klingt als Dreiklänge wie 30, 60, 95 Grad. Ein besonders seltsamer Sittengebrauch ist diesbezüglich das seltsame Konstrukt, über Lebende herziehen zu dürfen, aber bloß nicht über Tote. Meistens ist das auch okay. Hier aber wollen wir alle Pietät kurz fahren lassen und freuen uns aufrichtig über den Tod von Rush Limbaugh.

Jahrzehntelang hat der Moderator Amerikas Talk Radio mit Hasstiraden gegen alles verdreckt, was links von Goebbels, Strauß, Papst Franziskus steht. Schwule und Frauen, Liberale und Klimaschützer, Abtreibung und Feminismus – aus Sicht dieses besonders weißen aller alten Männer Teufelszeug, das nur seine Götter von Reagan bis Trump austreiben konnten, die er entsprechend vehement ins Amt pöbelte. Nun ist der Zigarrenfan mit 70 Jahren gestorben, und als theoretisches Objekt seiner praktischen Verachtung muss man sich kurz mal zügeln, ihm kein qualvolles Siechtum gewünscht zu haben. Wie gesagt – Sitten & Gebräuche.

Mit denen hatte auch Jochen Breyers Interview mit Karl-Heinz Rummenigge im ZDF-Sportstudio zu tun, wo er dem Bayern-Präsident virtuos vor die Lederhosen knallte, wie selbstgerecht, neoliberal und weinerlich sein Verein die Sitten & Gebräuche von Politik & Sport verachtet. Freilich nicht, ohne sich dabei auf Sitten & Gebräuche zu berufen, die auch Google hochzuhalten vorgibt, wenn es ein Titanic-Cover sperrt, weil es die Würde von Papst Franziskus, Oberhaupt eines frauen-, demokratie- und kinderfeindlichen Führerkultes, höher einstuft als Meinungs- und Pressefreiheit.

Aber das teilt der Tech-Gigant aus Mountain View mit seiner Konkurrenz im Menlo Park, wo Facebook alle Nachrichtenseiten Australiens sperren ließ, weil deren Betreiber die Frechheit besaßen, dem Billionen-Konzern einige Hunderttausend seiner 86 Milliarden Dollar Gewinn dafür abzunehmen, ihre journalistischen Inhalte zu verbreiten. Dagegen sind sieben deutsche Ziffern nicht mal mehr Peanuts: mit seiner heißen Brandmeister-Folge Feuer erzielte der Bergdoktor Donnerstag im ZDF 7,26 Millionen Zuschauer. Ein neuer Quotenrekord für den Publikumskrösus und damit fast auf Tatort-Niveau, das gestern in Dortmund wie immer spielend erreicht wurde. Wenngleich erstmals ohne Aylin Tezel an Jörg Hartmanns Seite.

Die Frischwoche

22. – 28. Februar

Die jagt dafür ab morgen in der Neo-Serie Unbroken sechs Folgen lang Menschenhändler – und zwar aus ganz eigenem Interesse: Gleich zu Beginn wird der hochschwangeren Kommissarin Alex Enders das Kind aus dem Mutterleib gestohlen, was dramaturgisch zwar konventionell ist, schauspielerisch allerdings außergewöhnlich. Und das gilt ausnahmsweise auch mal für den Drei-Mimik-Superstar Jürgen Vogel.

Im Autokabinenkammerspiel Keine besonderen Vorkommnisse ist er ab Donnerstag bei TV Now an der Seite von Serkan Kaya als Polizist zu sehen, der sechs Episoden sehr unterhaltsam auf einen Drogendeal wartet, der sich partout nicht ereignet. Schöne Idee – auch wenn sie australischer Herkunft ist. Ähnlich schöne Idee, ähnlich toll gespielt ist die Tragikomödie Glück kommt selten allein (Sonntag, 20.15 Uhr, ZDF) um eine Dreiecksbeziehung von Max Hopp, Valerie Niehaus und Dirk Borchardt, die Ernst Stötzner als herrlich verschrobener Ex-Kommunist aufmischt.

Alte Idee, routiniert gespielt, also irgendwie öde, ist die Fortsetzung der Superschurkenserie Pennyworth, zeitgleich auf Starzplay, die 2. Staffel der Sky-Anwaltsserie For Life ab Mittwoch oder die Premiere einer schönen Hobby-Detektivin Mit Liebe zum Mord tags drauf bei Universal TV. Und auf den Vox-Hundecoach Martin Rütter als Quizkegelmaster von Die rote Kugel ab Dienstag kann die Welt ohnehin verzichten.

Ganz im Gegensatz zur hinreißend wirren Milieu-Studie Solsidan (Donnerstag, 21.45 Uhr, One) aus Schweden, Stephen Kings Horrorserie The Stand (Sonntag, Starzplay) aus den USA oder die brasilianische Sportdoku Pelé, die dem Fußballer ab Dienstag auf Netflix ein sehenswertes Denkmal setzt, ohne ihm in den Arsch zu kriechen.


Wendlers Intellekt & Europas Stämme

Die Gebrauchtwoche

8. – 14. Februar

Nach der letzten nun die nächste Instanz: Kaum hatte sich die Aufregung über den WDR, gelegt, der zehn Tage zuvor ausschließlich Biodeutsche über rassistische Klischees abstimmen ließ, nutzte Sat1 das quergedachte Eigenmarketing ihrer Frühstücksmoderatorin für eine Diskussion über den Lockdown, bei der Marlene Lufen am Montag ausschließlich Menschen um sich scharte, die voll und ganz ihrer Meinung waren. Dass die Politik Kinder hasst nämlich und vermutlich in geheime Keller sperrt, um ihnen dort irgendwas abzuzapfen.

Diese Verachtung aller journalistischen Standards hat zwar Methode, zahlte sich aber in einer katastrophal niedrigen Einschaltquote aus. Schlechte Zeiten für Populist*innen, könnte man da meinen. Zumal kurz darauf auch noch der Instagram-Account vom Wendler gesperrt wurde. Damit hat die deutsche Verschwörungsideologie ihr akademisch-intellektuelles Aushängeschild verloren. Und als Ersatz taugt nicht mal mehr der Verschwörungspragmatiker Kai Diekmann, nachdem er einräumen musste, sich mit seiner anhaltenden Propaganda für Wirecard geirrt zu haben und damit ja indirekt zugibt, von seinem Fachgebiet visionärer Unternehmensberatung keine Ahnung zu haben. Bliebe als längste Lanze des Populismus noch Andreas Scheuer.

Weil seine Freundin Julia Reuss, nebenbei Büroleiterin von Digitalstaatsministerin Dorothee Bär als zentraleuropäische Public-Policy-Direktorin zu Facebook wechselt, also vom parlamentarischen Kontrollgremium ins kapitalistische Kontrollobjekt, qualifiziert er sich nun auch familiär als politischer Opportunist Nr. 1 im Land. Angesichts solcher rückgratlosen Exzesse macht immerhin eine Institution noch Hoffnung: Die Tagesschau. Deutschlands wichtigste Nachrichtensendung verbuchte im Januar die höchste Sehbeteiligung seit Beginn der Quotenmessung. Aller Mediendiversifizierung zum Trotz, haben pro Tag im Schnitt 14,5 Millionen Zuschauer*innen um acht eingeschaltet, Marktanteil: 42 Prozent.

Die Frischwoche

15. – 21. Februar

Dass die ARD sachlich weiterhin spitze ist, zeigt sie zudem mit Lang-Dokus wie Bhagwan – Die Deutschen und der Guru, heute Abend um 23.20 Uhr. Dass sie auch fiktional ungebrochen Maßstäbe setzt, beweist zudem ihr Mittwochsfilm Meeresleuchten mit Ulrich Tukur als Vater, der den Tod seiner Tochter zum Neuanfang in der mecklenburgischen Provinz nutzt. Das Familiendrama hat, was Unterhaltung braucht: kreative Geschichten und tolle Schauspieler*innen, Schmerz und Freude, Leichtigkeit und Drama, Tragik, Humor, Irrsinn – alles dabei.

Von alledem nichts dabei hat der depperte Netflix-Mumpitz Tribes of Europa. Beim Versuch der Dark-Fabrik Wiedemann & Berg, darstellende Influencer GoT-kostümiert in eine postapokalyptische Zukunft zu schicken, ist von der Handlung übers Schauspiel bis zur Ästhetik ab Freitag alles so unfreiwillig komisch geraten, als hätte Helge Schneider mit Vin Diesel für RTL2 gedreht. Dann doch lieber offen lustig gemeinte Comedy-Thriller wie I Care a Lot auf gleichem Kanal oder wahlweise die 4. Staffel von The Masked Singer, morgen bei Pro7.

Noch besser jedoch, man entscheidet sich für Fernsehen mit mehr Anspruch als Zielgruppenberechnung. Wie das Serien-Remake der Kinder vom Bahnhof Zoo. Was angesichts der profitorientierten Plattform Prime Video per se nach Effekthascherei klingt, entpuppt sich ab morgen vom ersten der acht Teile an als fesselnde Drogenmilieustudie, die Philipp Kadelbach wie das legendäre Buch in den Siebzigern ansiedelt, aber zeitlos aussehen lässt. Weniger zeitlos als epochal war dagegen die deutsche Warhol-Muse Nico 1988, der Arte am Freitag um 22.45 Uhr ein grandioses Biopic widmet.


WDR-Kalauer & ARD-Herren

Die Gebrauchtwoche

1. – 7. Februar

Treffen sich fünf Blinde, um über Farbe zu reden… Was klingt wie ein Kalauer aus der Zeit dicker Brillengläserwitze, ist einer aus der Zeit weißer Privilegienverteidiger. Im WDR-Talk Die letzte Instanz saßen fünf CiS-Deutsche der privilegierteren Sorte beieinander und sprachen, kein Witz, über Alltagsrassismus, also etwas, das keine*r von ihnen jemals erleben musste, erleben konnte, erleben wird. Nicht Thomas Gottschalk, der sich schon im Hendrix-Kostüm wie ein Opfer fühlt, und nicht Janine Kunze, die ihre naive Selbstgerechtigkeit mit Zigeuner-Sauce würzt.

Natürlich nicht Jürgen Milski, der Faschismus wohl für ein Modelabel hält, nicht für Micky Beisenherz, dessen Klappe offenbar doch etwas größer ist als seine Moral. Und leider auch nicht für Steffen Hallaschka, der angesichts so kongruenter Ansichten nichts zu moderieren hatte und es deshalb meist bleiben ließ. Na, immerhin gab es einen Shitstorm für alle, der allerdings nicht alle zur Nachdenklichkeit animierte. Und immerhin war Marlene Lufen nicht eingeladen, um ihren besorgten Bürgerinnensermon hinzuzufügen.

Die Frühstücksfernsehmoderatorin hätte den PoC-freien Kartoffelaustausch vermutlich um krude Thesen zur Corona-Krise ergänzt, mit denen sie die 250.000 Follower ihres Insta-Accounts ad hoc verfünzigfacht hatte. Wobei der AfD-affine Angriff auf die pandemische Rationalität nur oberflächlich quergedacht war; untergründig hat Lufen mit ihrer Verdrehung aller Fakten zum Thema Lockdown-Effekte vor allem Werbung für eine Sondersendung zum Thema beworben, die ihr Sat1 heute Abend schenkt.

Diese Propaganda-PR dürfte dem zusehends egalen Kanal aber auch nicht helfen, der digitalen Konkurrenz Quotenpromille abzujagen. Jeff Bezos hat zwar jüngst verkündet, das operative Geschäft der gesellschaftszersetzenden Konsumkrake Amazon zu verlassen, um sich mit ein paar seiner 88 Milliarden Dollar Privatvermögen den eigenen Ruf aufzumöbeln. Aber ein paar der 1,65 Billionen Dollar Börsenwert fließen weiter in Prime Videos, verstärkt aus deutscher Produktion. Geplant sind ein Reeperbahn-Drama oder der nächste dokumentarische Kniefall vom Fußballkonzern Bayern München.

Die Frischwoche

8. – 14. Februar

International Aufsehen erregt Amazon allerdings eher mit Hochglanzserien wie Soul Mates – obwohl und weil die amerikanische Fiktion übers digitale Dating der Zukunft ab heute eher konventionell geraten ist. Das gälte zwei Tage später auch für Paul Greengrass‘ Netflix-Western News of the World – würde Tom Hanks in der Romanadaption kein so furioses Doppel mit der deutschen Systemsprengerin Helena Zengel bilden.

Eine Art Vorgeschichte zu dieser Bürgerkriegserzählung bildet der Berlinale-Beitrag Black 47 (Freitag, 20.15 Uhr, 3sat) um den irischen Exodus nach Amerika im Zuge der großen Hungersnot Mitte des 19. Jahrhunderts. In die Geisterwelt norwegischer Mythen entführt uns übermorgen die bizarre Krimi-Serie Magnus Trolljäger (23.20 Uhr, NDR), während der schwedische Netflix-Thriller Red Dot tags drauf mit weltlichem Horror spielt.

Und damit zurück zum öffentlich-rechtlichen Angebot aus Deutschland, das ohne die Millionen von Amazon ein ambivalentes Bild abgibt. Dirk Kummers wunderbar leichtfüßige Culture-Clash-Komödie Herren um ein Berliner Toilettenputzteam schafft es, erstmals auf einem Sendeplatz wie dem ARD-Mittwoch fünf Hauptfiguren dunkler Hautfarbe ohne Opfer- oder Täterstatus zu zeigen. Im ZDF ereignet sich dagegen 50 Minuten zuvor, was dort die Regel ist: In Kanzlei Berger übernehmen zwei unterschiedliche Anwältin… chhzzzpüühhh.

Verglichen mit dieser Vorabendstereotypie für Anspruchslose klingt das Konzept einer erotischen Tanzserie fast kreativ – bis Even Closer ab Sonntag verdeutlicht, dass es TV Now ausschließlich darum geht, die erwachende Sexualität der Zielgruppe unter 16 mit schicken Menschen und Massenpop zu triggern. Und Neo? Wildert ab Donnerstag (20.15 Uhr) im Pro7-Publikum und schenkt der braven Janin Ullmann das Beziehungs-Social-Factual Wie lange ist für immer?


Sean Hannity & Owen Wilson

Die Gebrauchtwoche

25. – 31. Januar

Sean Hannity ist definitiv nicht der beste Anwalt journalistischer Standards. Sachlich, seriös, gar objektiv zeigte sich das Sturmgeschütz von Fox wohl zum letzten Mal, als er sein Studium an einer drittklassigen Uni abbrach. Dass ausgerechnet ein so parteiisches Alphatier der preisgekrönten NYT-Reporterin Lauren Wolfe seit Tagen donnernd vorhält, ihren Beruf zu verraten, weil sie vor Joe Bidens Amtseinführung das Wörtchen „Gänsehaut“getwittert hatte, ist demnach fast zu lächerlich oder wie man im Berliner Politikbetrieb sagt: scheuerig für sachliche Einordnung – würde Hannity nicht das Dilemma des Digitalzeitalters auf den Punkt bringen.

Während seriöse Medien links der Rechten Fairness und Objektivität wie Monstranzen vor sich hertragen, verachten unseriöse Medien rechts der Linken beides mit lustvoller Freude am puritanischen Moralverlust. Die neutralitätsversessene New York Times hat ihr Newsdesk-Juwel Wolfe daher für einen Tweet beurlaubt. Hannitys Meinungskampfgeschwader dagegen darf weiter ungestraft lügen und lügen und lügen und hat dafür mit der neuen Sprecherin des Weißen Hauses bereits ein neues Opfer gefunden.

Weil die hochanständige Nachfolgerin der niederträchtigen Trump-Barbie Kayleigh McEnany den Fox-Korrespondenten Peter Doocy versehentlich Steve nannte, steht Jen Psaki bereits früh im Fadenkreuz seines Arbeitgebers – womit Fox abermals zeigt, wie kurz sein Intermezzo auf Seiten publizistischer Ausgewogenheit war. Keine vier Wochen also, nachdem der Stellungskrieg im Pulverdampf des gestürmten Kapitols Feuerpause zu machen schien, ist der Stellungskrieg um Wahrheit und Fakten wieder voll entbrannt.

Das gilt auch für Deutschland – obwohl es für die Selbstreinigungskräfte der hiesigen Medienlandschaft spricht, dass Bodo Ramelow in der elitären Audio-App Clubhouse ein Fauxpas passiert und dafür flugs Abbitte leistet. Sein Vergehen: Er nannte die Kanzlerin Merkelchen. Das war herabwürdigend und ein bisschen altherrlich, aber mal ernsthaft: Sean Hannity hätte Merkel ohne chen eher dreckige Kommunistenschlampe genannt, die im Keller Kinder schlachtet.

Die Frischwoche

1.  – 7. Februar

Die Frischwoche in Stichworten, statt Fließgedanken:

Montag (20.15 Uhr, ARD) versucht sich Deutschlands liebster Fernsehfacharzt Eckart von Hirschhausen als Corona-Impfproband im Selbstversuch

Mittwoch zeigt Arte das belgische Drama Girl um Balletttänzerin Lara (Victor Polster), die sich parallel zum Training auf ihre Geschlechtsumwandlung vorbereitet

In Maggie Friedmans Netflix-Serie Firefly Lane sind Katherine Heigl und Sarah Chalke zur gleichen Zeit uralte Freundinnen, die unfreiwillig getrennt werden

Donnerstag kehrt Dr. House Hugh Laurie in der Magenta-Serie Roadkill als britischer Spitzenpolitiker mit Leichen im Keller zurück auf den Bildschirm

Zeitgleich geht Tim Roth auf Sky als bipolarer Psychopath im kanadischen Provinzpolizeidienst in die 3. Staffel von Tin Star

Ab Freitag versucht es der Netflix-Spielfilm Malcolm & Marie mal wieder mit richtig schönem klassisch melodramatisiertem Romedy-Hollywood

Zeitgleich verdreht Mike Cahills Amazon-Drama Bliss das Matrix-Thema, in dem Owen Wilson die schöne Realität in eine virtuelle Dystopie verlässt

Linear zeichnet das Arte-Biopic Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein André Hellers langen Weg zum größten Magier Österreichs nach

Sonntag liefert Friedemann Fromms deutsch-dänischer ZDF-Vierteiler Tod von Freunden sehr gewöhnliches Dramen-TV voll selbstreferenziellem Pathos

Und auch die skandinavische Krimi-Serie The Head walzt ihr Mordsthema am Polarkreis zu guter Letzt sechs Episoden lang eher konventionell aus