Systemrelevanz & Todesmeister

Die Gebrauchtwoche

30. März – 5. April

Nur zur Kenntnisnahme: Auch Menschen mit Publikationshintergrund sind empfindsame Wesen. Wenn Regierungen in Hamburg, Köln, gar Berlin die Presse systemrelevant nennt, bewegt das etwas im Herzen vieler Medienvertreter und Vertreterinnen. Sie fühlen sich bedeutsam, respektiert, sie fühlen sich ernstgenommen, ja liebenswert. Allerdings sind sie meistens nicht so bauchgesteuert, dass ihnen die Vergänglichkeit solcher Anerkennung unbewusst wäre. Noch bevor die Corona-Krise vorüber ist, dürften die Systemmedien- und Lügenpressekrakeeler von rechts nämlich an Lautstärke gewinnen.

Bis dahin aber genießen wir die neue, alte Anerkennung auch dank einiger Qualitätsschübe von ungeahnter Seite. Denn während im täglichen ARD Extra hysterisches Vokabular von „katastrophal“ bis „dramatisch“ häufiger zum Einsatz kommt als nüchternes wie „Aufgabe“ oder „Herausforderung“, avanciert der Dampfplauderer Markus Lanz so virtuos zum Gesprächsleiter einer emotional zerrütteten Fernsehnation, dass ihn die Zeit zum „Verhaltensforscher“ adelt. Und parallel dazu zeigen sich selbst Privatsender von einer fast seriösen Seite.

Damit sind zwar nicht jene gemeint, die im Lauf der Woche den gescheiterten RTL-Versuch kopierten, Promis (Gottschalk/Jauch/Pocher), Popkultur (Podcast) und Home-Videos (statt Studio) in der Quarantäne-WG zu kombinieren; dafür waren Live in der Forster Straße (Vox) oder Die Comedy Konferenz (Sat1) einfach zu arm an Bindestrichen, aber überreich an Selbstliebe. Obwohl also Das große Pro Sieben Wohnzimmer baugleich billig im Coronabecken fischte, zeigte Stefan Göddes Talkshow ebenso wie die Newstime fast sowas wie Verantwortungsgefühl.

Das ist umso bemerkenswerter, als es zugleich einen Putsch gab. Nach 18 Monaten als CEO von ProSiebenSat1 Media wurde Max Conze fristlos entlassen und damit ein Diversifikationskurs beendet, in dem das Fernsehen zum Randaspekt eines TV-Konzerns wurde, dessen Aktienkurs dennoch kontinuierlich Richtung Keller rauschte. Ersetzt wird der Staubsaugervertreter durch Finanzvorstand Rainer Beaujean, Entertainment-Chef Wolfgang Link und Personalerin Christine Scheffler – denen Conze gleichwohl nicht nur Ruinen hinterlässt.

Die Frischwoche

6. – 12. April

Am Mittwoch kann man schließlich erleben, wozu der Konzern in der Lage ist, wenn er sich seinem Kerngeschäft widmet: Mit Frau Jordan stellt gleich und Check Check gehen zwei Joyn-Formate ins Free-TV, die Katrin Bauerfeind als Gleichstellungsbeauftrage und Klaas Heufer-Umlauf als Kleinflughafenmitarbeiter sehenswert machen. Das gilt natürlich umso mehr für Daniel Harrichs journalistisch recherchiertes Drama, das 2015 sogar Justiz und Politik beschäftigte.

Mittwoch nun schickt Meister der Todes 2 erschreckend reale Waffenhändler fiktional (mit Doku im Anschluss) auf die Anklagebank, was für die Todesmeister von Heckler & Koch, nicht aber Rechtstaatlichkeit und Demokratie gut ausgeht. Und da das legale Kapital auch im Drogenhandel mitmischt, dem die Arte-Doku Der große Rausch am Dienstag, 20.15 Uhr, drei Teile am Stück widmet, wenden wir uns zur Erholung der gestreamten Fantasiewelt zu.

Heute startet die 3. Staffel der famosen Sky-Dystopie Westworld, Freitag wagt (kauft nicht bei) Amazon sein Experiment, das Rollenspiel Tales from the Loop auf Basis der retrofuturistischen Gemälde von Simon Stålenhag in ein bildgewaltiges SciFi-Märchen mit Jonathan Pryce zu verwandeln. Und in der amerikanischen Sitcom Unicorn stürzt sich ein Witwer mit zwei Töchtern tags zuvor (Sky) ins Online-Dating. Digitale Hilfestellung hatte James Bond 1963 nicht nötig. In Liebesgrüße aus Moskau musste 007 schließlich nur mit dem Brusthaar rascheln, schon hatte er das Bett voller Blondinen.

Dieses Frauenbild war also auch nicht moderner als 35 Jahre zuvor in der schwarzweißen Wiederholung der Woche, dem Stummfilm Das große Grabmal, (heute, 23.25 Uhr, Arte), als Deutschland noch das cineastische Herz der Filmwelt war, bevor es die geistigen Väter der AfD zerstörten. Anderthalb Stunden zuvor an gleicher Stelle, stilistisch zwar grau, atmosphärisch knallbunt: Jim Jarmuschs Down by Law (1986) mit Tom Waits, Roberto Benigni, John Lurie als Knastausbrecher. Bleibt noch der Tatort, diesmal: Stau (Mittwoch, 22 Uhr, SWR), ein brillantes Autobahn-Kammerspiel von 2017.


Christian Drosten & Sigmund Freud

Die Frischwoche

16. – 22. März

In Zeiten wie diesen, tat Florian Silbereisen angesichts der Pandemie kürzlich kund, müsse „man zusammenhalten und aushelfen“. Damit meint der überbezahlte Schlagermillionär zwar nicht, sein überzähliges Geld der virologischen und finanziellen Notversorgung aller zu spenden, sondern bloß den Pop-Nazi Naidoo in der DSDS-Jury zu ersetzen; trotzdem kehrt Covid-19 durchaus bessere Seiten des Egowesens Mensch hervor – auch wenn dazu sicher nicht zählt, dass der überbezahlte Rätselmillionär Günther Jauch in einer Anzeigenkampagne des Bundesinnenministerium beteuert: „Ich bleib zuhause. Weil das Leben retten kann.“

Anders als das Gros der Menschen in diesem Land, bleibt er nämlich in einer riesigen Villa mit Mauer, Park und Dutzenden von Zimmern, die vermutlich voll gehamsterter Luxusartikel sind. Freiwilliger Hausarrest könnte also schlimmer kommen als bei den Jauchs. Etwa bei Big Brother, dessen Geschwistern Sat1 am Dienstag nach Wochen der Isolation erstmals vom globalen Ausmaß der Katastrophe berichtet hatte, was wirklich, also ohne Ironie, herzergreifende Reaktionen nach sich zog.

Die aber dürften bei all jenen, denen aus Sicht von Christian Drosten, dem neuen Superstar der Wissenschaftsmedienpolitik, wirklich Konsequenzen ins weitaus kleinere Haus als bei Jauchs und Silbereisens stehen, ungleich größer sein. Dank flächendeckender Drehverbote und Kinoschließungen steht die Film- und Fernsehbranche im besten Fall vor einer Pleitewelle, im schlechteren vorm Zusammenbruch. Während die lokale Gastronomie demnächst wohl allerorten durch standardisierte Ketten ersetzt wird, überleben in der Popkultur womöglich vor allem Big Player von Netflix bis Disney, die mit dem heitigen Start seiner Streamingplattform Plus fast gespenstisches Gespür für Timing zeigt.

Als Blockbusterfabriken und Streamingdienste profitieren sie so vom Shutdown, dass allerorten die Übertragungsnetze kollabieren; zugleich jedoch fehlen auch hier künftig unabhängige Produktionsfirmen, die der globale Shutdown in den Ruin treibt. Kein Wunder, dass letztere bereits einen Schulterschluss aller Filmschaffenden fordern. Also eine Form der Solidarität, dessen chronischer Mangel ein lebendes Fossil des öffentlich-rechtlichen Monopolzeitalters zu Grabe trägt.

Die Frischwoche

23. – 29. März

Am Sonntag endet nämlich die Lindenstraße. Programmpläne werden in dieser epidemischen Zeit zwar schneller umgeworfen, als man Mutter Beimer oder wahlweise Fußballländerspiel (das Donnerstag ausfällt) kann, aber mit Folge 1758 ist nach fast vier Jahrzehnten Schluss mit der relevantesten Fernsehserie des deutschen Fernsehens aller Zeiten. Aber immerhin – Netflix sorgt für temporären Ersatz.

Heute läuft dort Marvin Krens Achtteiler Freud, das die kuriose Selbstfindungsphase des Revolutionärs der Seelenheilkunde in einen unfassbar unterhaltsamen Fiebertraum gießt. In den Schatten gestellt wird er Freitag drauf von der Miniserie Ultraorthodox, mit der Maria Schrader den autobiografischen Bestseller von Deborah Feldman um eine chassidische Jüdin adaptiert, die ihrem New Yorker Glaubenskäfig entflieht und in Berlin einen Neuanfang wagt. Gerade, weil darin weder Opfer noch Täter religiöser Radikalität bloßgestellt, ist der Vierteiler nicht weniger als eine Sensation und dürfte nächstes Jahr bei den Grimme-Preisen unfassbar abräumen.

Dieses Jahr dürfte die offizielle Verleihung (Freitag, 22.40 Uhr, 3sat) zwar ausfallen. 2020 könnte dann aber auch das ZDF-Drama Ein Dorf wehrt sich (Montag, 20.15 Uhr) ums reale Alpendorf Altaussee bedacht werden, das sich kurz vor Kriegsende gegen die Vernichtung nationalsozialistischer Beutekunst wehrt. Derweil springt das Sky-Original Zero Zero von den Gomorrha-Machern am Donnerstag auf den Zug erfolgreicher Drogenmafiadramen auf. Disney+ startet mit dem liebenswert schrulligen Star-Wars-Spinoff The Mandalorian. Und Heidi Klum castet tags drauf in Making the Cut mal wieder was Neues, nämlich Modelabels.

Schon deshalb stellt die Wiederholung der Woche dieser Feindin weiblicher Selbstentfaltung Rosa von Praunheims Härte entgegen, das Sonntag (0.05 Uhr, ARD) sexuell ambivalenten Berliner Zuhälter Andreas Marquardt (Hanno Koffler) porträtiert. Am Mittwoch zeigt Tele5 um 20.15 Uhr nochmals die brillante Zukunftshalluzination 12 Monkeys von 1995. Und in Schwarzweiß: Nachts, wenn der Teufel kam (Montag, 20.15 Uhr, Arte), ein vielfach preisgekrönter Nachkriegsfilm (1957) über die SS-Obrigkeit der letzten Kriegstage.


Coronacoronacorona & Corona

Die Gebrauchtwoche

9. – 15. März

Zu den Nachrichten: Corona, Corona, Corona, dazu Corona, Corona, Corona und – hoppla: Biathlon?! Wer Medien jeder Art konsumiert, könnte zurzeit meinen, abseits dieser Pandemie gebe es nichts zu berichten. Selten, nein: nie zuvor waren die Medien so monothematisch, aber selten, nein: nie zuvor hatte ein Thema auch so umfassende Folgen für alles. Wenn es mit Flüchtlingen und Flügel also grad mal zwei Sujets abseits von Covid-19 in die Tagesschau schaffen, zeigt sich da umso mehr, wie still es um die AfD wird, sobald es um Politik statt Populismus geht.

Sehr viel lauter durchbrach da der identitär durchdrungene Geistesbruder Xavier Naidoo die Stille kollektiver Solidarität. Weil sein verschwurbeltes Homevideo Menschen ausländischer Herkunft im Duktus von Alice Weidel zu Messermännern degradiert, hat RTL den Soul-Patrioten aus der DSDS-Jury geworfen. Nach kurzem Wirbel im germanischen Met-Kelch, wurde zwar noch über die Rundfunkgebührenerhöhung gemosert, der bis auf Sachsen-Anhalt alle Länder zugestimmt haben – dann stand wieder einzig Corona im Blickpunkt.

Und was am Bildschirm ähnlich wie die Fußballbundesliga nicht längst abgesagt wurde, muss auf längere Sicht ohne Saalpublikum auskommen – außer Florian Silbereisen natürlich, dessen Schlagerlovestory am Samstag durch ein bizarres Playback-Tribut an Mary Roos vor ein paar Dutzend Studiogästen ersetzt wurde. Aber seit das Traumschiff zwangsweise im Trockendock liegt und Johannes B. Kerner positiv getestet wurde, hat das ZDF eh nicht mehr allzu viel Unterhaltung in petto.

Die Frischwoche

16. – 22. März

Wobei man den Öffentlich-Rechtlichen an dieser Stelle etwas Unerhörtes attestieren muss: Die petticoatbunte Nachkriegsschnulze Unsere wunderbaren Jahre, in der das Erste Mittwoch, Sonntag und 25. März die Währungsunion nachspielt, zeigt – Achtung: nicht nur zwei, drei Quoten-Nazis unter Millionen deutscher NS-Opfer, sondern eine Wirtschaftswundergesellschaft, die bis in höchste Ämter hinein tiefbraun durchdrungen war. Das Liebesallerlei drumherum ist und bleibt natürlich kitschige Kulissenschieberei, aber so weniger Revisionismus im Historytainment muss mal wirklich gelobt werden.

Ob all dies auch im vorgegebenen Zeitrahmen zu sehen ist, reguliert allerdings die Eskalationsskalierung der Pandemie. The Masked Singer jedenfalls findet 24 Stunden zuvor auf ProSieben – wenn überhaupt – ohne Publikum statt, was auch für andere Liveshows wie Let’s Dance am Freitag bei RTL gilt. Die Ausstrahlung der zehnteiligen Serienadaption des Neunziger-Klassikers Vier Hochzeiten und ein Todesfall dürfte da ab Donnerstag auf Vox ebenso wie die Fortsetzung der bezaubernden NGO-Groteske Das Institut 150 Minuten später im BR auch einem der edleren Fernsehzwecke dienen: Ablenkung in Zeiten der Krise.

Weil demnächst wohl sämtliche Lichtspielhäuser der nördlichen Hemisphäre schließen und damit auch alle Filmstarts ins Wasser fallen, während die Mehrzahl der Menschen ohnehin lieber zuhause bleibt, kriegen Streamingdienste so noch mehr Gewicht. Schon wird gemutmaßt, zum deutschen Start von Disney+ am 23. März wandern Blockbuster wie Mulan von der Leinwand auf den Flatscreen.

Richtig bemerkenswert sind dennoch nur zwei Sky-Serien: die Mystery-Erzählung The Outsider und die Adaption von Philip Roths Geschichtsdystopie The Plot Against America, in dem ein rechtsextremer Präsident die erste Nachkriegswahl gewinnt. Interessant ist noch die zweite Staffel der Anthology-Serie Manhunt über den Terroranschlag von Atlanta 1996, ab Donnerstag auf Magenta; ansonsten aber kann man sich Sonntag getrost auch mal das Werberahmenprogramm Star Wars: Die letzten Jedi auf ProSieben antun kann. Oder besser noch: auf die Wiederholungen der Woche ausweichen. Zum Beispiel Footloose (Donnerstag, 20.15 Uhr, Disney) von 1984 mit dem blutjungen Kevin Bacon als Tanzrevoluzzer im Bibelgürtel. Oder den fabelhaften Tatort: Stau, (Dienstag, 22 Uhr, NDR) der wo das schwäbische Duo Lannert/Bootz vor drei Jahren ausnahmslos auf der Autobahn ermitteln ließ.


Hetzkampagnen & Unterleuten

Die Gebrauchtwoche

2. – 8. März

Worte und Bilder machen Geschichte und Geschichten. Eine Binsenweisheit, gewiss. Aber in den vergangenen zehn Tagen eine höchst sehr. Während einige Tausend verängstigte Syrerinnen und Syrer vor den Toren der EU bei politisch Voreingenommenen populistische Schnappatmung auslösten, titelte etwa die FAZ vom „Supersturm“ wie 2015, während die Fotos von Bild über Welt bis Abendblatt insinuierten, es kämen keine Kriegsgeflüchteten, sondern Alice Weidels Messermänner.

Bilder und Worte des surrealsten Nebenkatastrophenschauplatzes der Woche erweckten dagegen den Anschein, das einzig wahre, echt bemitleidenswerte Diskriminierungsopfer sei derzeit ein sehr mächtiger, ziemlich weißer, ganz schön alter Milliardär aus Hoffenheim, den marodierende Horden von Linksfaschisten ins Fadenkreuz einer Hetzkampagne stellen. Wäre es der leistungsaffine DFB gewesen, der das Koordinatensystem des Sag- und Zeigbaren so vehement zugunsten der Täter verschiebt, man hätte es kopfschüttelnd zur Kenntnis genommen. Unterstützt wurde er allerdings von denen, die es besser wissen.

Meist männliche Journalisten jeder Couleur haben die Beschimpfungen von Dietmar Hopp nämlich nicht nur aus dem Kontext des Ultra-Protestes gegen Kollektivstrafen gerissen; in Ermangelung jeder Art von Berufsethos landete ihre Betroffenheitsberichterstattung von Sportschau bis Tagesthemen auch in Echtzeit auf dem Niveau saftiger Regenbogenmagazine. Jene Zeitschriften also, die ihre Promi-Märchen offenbar ähnlich konstruieren, wie es auch Joko & Klaas tun. Nach Recherchen der Panorama-Abteilung STRG_F haben sie vorgeblich reale Protagonisten mehrerer Sendungen mit Laiendarstellern besetzt.

Würden RTLzwei oder der Bauer-Verlag ihr Publikum so verachten, es wäre keiner Rede wert. Hier allerdings sind es zwei honorige Haltungskomiker, denen Wahrhaftigkeit angeblich weniger wichtig ist als Wirkung. Damit begeben sie sich aufs sehr dünne Eis eines Florian Silbereisen, der ausnahmsweise mal die Frischwoche einleitet. In einem Anflug von Empathie hat der Showpragmatiker schließlich eine Liebesschlagersause am Samstag im Ersten abgesagt. Der Grund, klar: Corona.

Die Frischwoche

9. – 15. März

Wäre es nicht so lächerlich, man müsste laut lachen. Das aber bleibt dann doch eher den Zuschauern von Andere Eltern vorbehalten, deren Fortsetzung den Wahnsinn echter Helikopter-Eltern ab Dienstag auf TNT wieder großartig persifliert. Abgesehen von der 2. Staffel Masked Singer ab morgen auf Pro7, ist der breite Rest empfehlenswerter Formate hingegen relativ spaßbefreit. Allen voran Unterleuten. Nach Juli Zehs gleichnamigem Bestseller wird das fiktive Brandenburger Dorf Montag, Mittwoch, Donnerstag um 20.15 Uhr zum Schauplatz einer Geschichte, die sprachlos macht.

Denn am Beispiel eines Windparks, der alte und neue Wunden öffnet, symbolisieren gleich 17 tragende Sprechrollen die Gräben unserer Gesellschaft – und das ist trotz einiger Längen und Klischees einfach herausragend. Was auch für den ARD-Mittwochsfilm Südpol gilt, in dem der ausdrucksstark stille Jürgen Maurer einen Wiener Desperado spielt, der sein miserables Leben mit einer Entführung aufbessern will, ohne zu wissen, wohin die Reise dabei geht.

Die Krimi-Reihe The Bay ist dagegen am Freitag ab 22 Uhr auf Neo eigentlich eher konventionell geraten. Doch weil britisches Fernsehen die Fähigkeit besitzt, Atmosphäre selten mit Alarmismus zu verwechseln und Sound mit Getöse, gerät die Suche einer involvierten Ermittlerin nach zwei Geschwistern sechs Teile am Stück ohne Effekthascherei authentisch. Das hätte man am Sonntag auch der Pro7-Eigenproduktion 9 Tage wach gewünscht, und ehrlich – das Soap-Gewächs Jannik Schürmann gibt sich auch ersichtlich Mühe, den Meth-Head im Suchtexzess glaubhaft zu verkörpern. Trotzdem bleibt da dieses privatfernsehtypische Hyperventilieren, das manchmal nur noch erschöpft.

Dabei kann Hyperventilation brillant sein wie in Tarantinos Wiederholung der Woche. Sein westlicher Eastern Kill Bill konnte 2003 noch so viele Gliedmaßen durch die Gegend splattern – es blieb auch inhaltlich konsistent. Ganz ohne Kunstblut eindrücklich war Alain Delons schwankender Profikiller im Film Noir Der eiskalte Engel (Montag, 20.15 Uhr, Arte) von 1967 – schon, weil in den ersten elf Minuten kein Wort gewechselt wird. Der Tatort ist dann aber doch wieder redselig: Der Traum von der Au (Dienstag, 20.15 Uhr, BR) ein bayerischer Gentrifikationskrimi von 2007.


Guido Merz & Thea Dorn

Die Gebrauchtwoche

24. Februar – 1. März

Die Bundespressekonferenz ist selten ein Ort aufrichtiger, geschweige denn ehrlicher Aussagen. Vor den Augen mehr oder minder aufmerksamer Journalist(inn)en wechselt sich PR-Geschwurbel mit Polit-Sprech ab, bis alle kollektiv eingenickt sind. So geht es Mittag für Mittag, Jahr für Jahr. Von daher muss man dem neoliberalen Rechtsaußen Friedrich Merz fast danken, dass er die rechtsextremen Morde von Halle bis Hanau dort am Dienstag, nein, nicht mit Rassismus oder Antisemitismus, sondern Clans und Grenzkontrollen erklärt hat.

Damit befindet sich der Ehevergewaltigungsverteidiger – der für den frisch verurteilten Harvey Weinstein vermutlich wärmstes Verständnis aufbringt – in guter Gesellschaft von Guido Cantz. Als der am vorigen Montag den Kölner Karneval im WDR moderierte, war er schließlich schwer irritiert, dass dort nur die rechtsextremen Morde von Halle bis Hanau persifliert wurden. Schlimmer seien schließlich die linksextremen in, äh, wann und wo waren die alle noch mal gleich seit dem Mauerfall? Egal. Einer wie Cantz will es sich halt nicht mit dem erzkonservativen Publikum seiner Humptataa-Witze verscherzen.

Da bleibt kein Auge trocken.

Was übrigens ebenfalls für die zwei Hauptdarstellerinnen der Wochen des Männerwahnsinns gilt, auch wenn sie augenscheinlich nichts gemeinsam haben: Miss Clinton und Mutter Beimer. Erstere eroberte mit Tränen der Rührung die Berlinale, als sie mit großem Aplomb die Filmbiografie Hilary zur One-Woman-Show machte. Um letztere werden derzeit dagegen Tränen der Trauer vergossen, weil einerseits nicht klar ist, ob sie einen Hausbrand in der Lindenstraße überlebt, die andererseits unwiderruflich todgeweiht ist. Bleiben wir beim weiblichen, also immer noch strukturell benachteiligten, aber zügig aufstrebenden Teil der Medienlandschaft.

Die Frischwoche

2. – 8. März

Am Freitag beerbt die raumgreifende Großintellektuelle Thea Dorn die etwas weniger raumgreifenden Christine Westermann und Volker Weidermann im Literarischen Quartett (23 Uhr, ZDF). Morgen skizziere Antje Christ und Dorothe Dörholt um 20.15 Uhr in der Arte-Doku Bloß keine Tochter, wie sich Asiens frauenfeindliche Mehrheitsgesellschaft einen absolut toxischen Männerüberschuss schafft. Und heute schon wird Noomie Rapace in der düsteren Zukunftsvision Was geschah am Montag? (22.15 Uhr, ZDF) versiebenfacht, wenn sie und ihre sechs Zwillingsschwestern gegen die restriktive Geburtenkontrolle einer autokratischen Neo-EU von übermorgen rebelliert.

Trotz Topbesetzung (Willem Defoe, Glenn Close) ist das allerdings doch recht krude Effekthascherei und damit dramaturgisch nicht allzu weit entfernt von der deutschen SyFy-Serie Spides. Acht Teile lang ist der englischsprachige Mix aus Alien-Invasion und Drogen-Drama zwar durchaus hochwertig inszeniert; trotz bemerkenswerter Besetzung verliert es sich allerdings dauernd in oberflächlichen Berlin- und Cop-Klischees. Spannend ist das ab heute auf Sky aber schon irgendwie, wenn der GoT-Star Rosabell Laurenti Sellers in einer Doppelrolle gegen insektenartige Invasoren from outta space kämpft.

Noch ein frauenlastiges Format im männerlastigen Fernsehzirkus. Weshalb wir jetzt doch mal kurz einem richtig echten Kerl die Ehre erweisen: Jenke von Wilmsdorff. Im Jenke-Experiment stellt der einsatzfreudige Grenzgänger von RTL heute Abend die Frage Wie viel Fleisch muss sein? Und auch, besser: gerade, weil die Konfrontationsreportage volle 90 Minuten lang vorwiegend aufdringlich produziert wurde, erreicht sie damit mehr Wechselesser als jedes ZEIT-Dossier. Noch etwas Testosteron gefällig?

Die erste Wiederholung der Woche lizenztötet sich Donnerstag bei Vox in Ein Quantum Trost vom neuen 007 (Daniel Craig) anno 2008 zum ersten (Sean Connery), der 46 Jahre zuvor Dr. No jagte. Mann kann das gut fünf Stunden lang als Quervergleich männlicher Herrschaftsriten angucken. Frau kann es aber auch lassen und heute um 20.15 Uhr auf Arte Simone Signoret und Véra Clouzot dabei beobachten, wie Die Teuflischen 1954 ihren Ehemann und Geliebten mit mystischen Folgen um die Ecke gebracht haben. Und mangels Alternativen bietet sich als Tatort-Tipp Der treue Roy (Dienstag, 22 Uhr, NDR) mit Tschirner/Ulmen von 2016 an.


Schwarze Titelseiten & realistische Teenies

Die Gebrauchtwoche

17. – 23. Februar

Es war schon bemerkenswert, wie kollektiv die Gegenreaktion der gesamten Zivilgesellschaft nach dem faschistischen Anschlag von Hanau war, wie kollektiv ihn aber auch nahezu sämtliche Medien ohne AfD-affine Belegschaft in vielfach bedächtiger Deutlichkeit verurteilt haben. Da blieben ganze Titelseiten schwarz, da ließen Kommentare bis in konservative Redaktionen hinein Null Zweifel an der rassistischen Gesinnung des Attentäters, da herrschte also endlich mal Einigkeit im Umgang mit den Feinden der Demokratie.

Selbst Friedrich Merz schaffte es, sein Ego kurz zu zügeln und forderte, die „Hintergründe dieses rechtsextremen Anschlags müssen jetzt schonungslos aufgeklärt werden“. Natürlich forderte er das auf Twitter. Traditionelle Medien hält der neoliberale Ehevergewaltigungsverteidiger schließlich für überflüssig – so schien es zumindest, als er meinte, Journalisten nicht mehr zu brauchen, was von denen viele sicher ein bisschen bewusst als Ablehnung des Journalismus generell fehlinterpretiert haben.

Merz bezog das allerdings unverkennbar auf politische Meinungsträger selbst, für die soziale Medien in der Tat praktischer sind. Schließlich muss man sich darin nicht mit Lästigkeiten wie Recherche, Fakten, Pluralismus plagen – alles Dinge, die dem Vereinfachungsfuror des Kapitalpopulisten Merz nicht so liegen. Ihm reicht daher ein Sender wie ProSieben, der sich zwar anlassbezogen – nach rechtsextremistischen Anschlägen zum Beispiel – gewissenhaft geben mag, dann aber wieder so ignorant ist, dass die Merzens der Welt fast grün daherkommen.

In seiner neuen Show Alle gegen einen, eine Art LED-Gewitterversion des Familienduells mit Werner Schulze-Erdel, verloste der Plastikkanal am Samstag zum Beispiel ein fossile Dreckschleudern namens Land Rover Evoque, die den Umweltschutz ebenso verachten wie jedes Produkt der episch langen Werbepausen. Damit zeigt er abermals, wie menschverachtend privates TV-Entertainment ist, wenn es nicht gerade Nachhaltigkeit simuliert. Und wie reaktionär, wenn der Moderator praktisch permanent frauenfeindliche Witze macht und zwischendurch wie ein Zehntklässler Alkoholismus im Karneval feiert. Der hat uns übrigens mit einer sensationell kämpferischen Büttenrede des Mainzer Obermessdieners positiv überrascht, in der Andreas Schmitt die AfD unter stehenden Ovationen des kostümierten Publikums zurief: “Ihr werdet uns nie regieren!”. Angesichts des knappen, aber wiederholten Einzugs der nationalsozialistischen Wiedergänger in Hamburg kann man dazu nur sagen: Amen!

Die Frischwoche

24. Februar – 1. März

Trotz der rebellischen Worte vom Freitag, ist es aber keine allzu schlimme Nachricht, dass die ARD heute womöglich nix zu übertragen hat, wenn die Rosenmontagsumzüge sturmbedingt ausfallen. Ein Schicksal, dass der Berlinale nicht droht, wenn 3sat Samstag um 19 Uhr die Verleihung der Bären überträgt, aber gut – Vergleich hinkt. Statthafter ist derjenige deutschen Fiktion zur englischsprachigen. Denn mit I Am Not Okay With This schafft Netflix am Mittwoch so herausragende Coming-of-Age-Unterhaltung in Serie, dass selbst der Mystery-Anteil dieser Geschichte um eine Außenseiterin, die auf Adrenalin Superkräfte entwickelt, realistisch wirkt.

Realistisch will die SyFy-Serie Pandora ab heute nicht sein – geht es darin ab heute auf Sky doch um eine Schar bildschöner Space-Student*inn*en, die im Jahr 2199 die intergalaktische Zivilisation retten. Leider ist der 13-Teiler nach Ansicht des ersten Viertels von solcher Dämlichkeit, dass Raumschiff Enterprise verglichen damit zur Wissenschaftsdoku wird. Ebenfalls abseits der Realität spielt die deutsche Krimiserie Dunkelstadt (Mittwoch, 20.15 Uhr, Neo) mit Alina Levshin als Privatdetektivin Doro Decker die dechs Dolgen dang din deinen decht düsteren Dordfall derwickelt dird. Dann doch lieber Blind ermittelt tags drauf im Ersten.

Nach dem Verlust seines Augenlichts hat es Philipp Hochmair im 2. Fall Die verlorenen Seelen von Wien mit einer Entführung im eigenen Umfeld zu tun hat, was nicht nur dank des Schmähs echt sehenswert ist. Kleine Überraschung am Sonntag im ZDF (Freitag bei Arte) ist die verblüffend vielschichtige Highschool-Komödie Der Sommer nach dem Abitur über drei Schulfreunde um Bastian Pastewka, die sich 25 Jahre später einen einst verpatzten Traum erfüllen – und damit ganz bitterböse ins Chaos stürzen. Vor den Wiederholungen der Woche noch ein Doku-Tipp: Ozeanriesen (Donnerstag, 20.15 Uhr, Arte), ein Zweiteiler am Stück über den fortschrittsbesoffenen Gigantismus des frühen 20. Jahrhunderts.

Aus dieser Epoche stammt auch der schwarzweiße Klassiker Das Wachsfigurenkabinett (Montag, 23.25 Uhr, Arte), wo Puppen wie Jack the Ripper 1924 lebendig werden. 1968 entstand Butch Cassidy and the Sundance Kid (Sonntag, 20.15 Uhr, Arte) mit Paul Newman und Robert Redford als Eisenbahnräuber. Der Alt-Tatort heißt Kollaps und zeigt Kommissar Faber (Jörg Hartmann) am Donnerstag (20.15 Uhr, WDR) im Dortmunder Drogenmilieu.


Fußballtore & neue Päpste

Die Gebrauchtwoche

10. – 16. Februar

Wer einst Fußballfan von, sagen wir: Arminia Bielefeld oder Waldhof Mannheim war, musste selbst dann damit rechnen, sein Team praktisch niemals live zu sehen, wenn es ausnahmsweise mal erstklassig war. Bis in die 1990er Jahre zeigte die Sportschau nämlich nur Ausschnitte dreier Partien pro Spieltag, während es von den sechs anderen das Ergebnis ohne Torabfolge oder sonstige Details gab. Dortmund-Köln 1:1 – und damit geben wir ab zur Tagesschau. Das sollte sich kurz in Erinnerung rufen, wer beklagt, dass die Vergabe der Übertragungsrechte auf vier, fünf, wenn nicht gar 25 Anbieter verteilt werden und sowohl ARD als auch Sky, also die Platzhirsche des Fußballs, leer ausgehen könnten.

Der totale Vermarktungsoverkill hat die Herzensangelegenheit Fußball ohnehin längst zur kopfgesteuerten Geschäftsidee verkommen lassen. Wäre Joseph Vilsmaier nicht vorigen Dienstag buchstäblich bei der Arbeit gestorben, vielleicht hätte ihn das Erste ja irgendwann mal mit einem melancholischen Rückblick auf jene Zeit beauftragt, in der Sport noch einfach Sport war. Eine Zeit, in der auch folgende drei Verstorbene in spe noch eine Zukunft hatten: Die BBC, das Fernsehballett und der Blackberry.

Erstere will Boris Johnson in seiner rückgratlosen Pluralismus-Verachtung demnächst zum Abo-Modell umwandeln und damit dem Tode weihen. Zweiteres darf Ende 2020 nicht mehr wie die 30 Jahre zuvor durch alle MDR-Shows tanzen. Letzterer wird ab August nicht mehr hergestellt, womit nicht nur der mobile Internetzugang vorm Smartphone, sondern auch das Statussymbol der Upper-Class – 2013 noch satte 80 Milliarden Dollar wert – endgültig Geschichte ist. Doch während man weder dem Tastentelefon noch ein paar Hupfdohlen vom Dienst lange nachzutrauern braucht, würde das Ende der BBC das der Demokratie beschleunigen.

Die Frischwoche

16. – 23. Februar

Ohne gebührenfinanziertes, also ausschließlich von Clicks und Quoten generiertes Fernsehen, gäbe es statt Journalismus nämlich irgendwann nur noch Entertainment, ergo ulkige Infotainment-Karikaturen à la Galileo, aber gewiss keine seriösen Dokus mehr wie Mord im Konsulat, mit der Arte morgen um 20.15 Uhr den arabischen Staatsmord am regimekritischen Reporter Kashoggi rekonstruiert. Und auch die heutige Geheimmission Tel Aviv (23.30 Uhr, ARD) über ein denkwürdiges Fußballspiel von Borussia Mönchengladbach in Israel vor 50 Jahren fände wohl weder Finanziers noch Zuschauer. Obwohl – für den Umweg ins Seichte braucht es hierzulande keinen Boris Brexit.

Während das Erste die Primetime übermorgen volle zwei Stunden für Düsseldorf Helau freiräumt, tags drauf Kölle Alaaf im Zweiten läuft und Mainz dort Freitag wie immer Mainz bleibt, verbannt der WDR zwei bemerkenswerte Dokus über die fünfte Jahreszeit im Dritten Reich (Karneval mit Haltung und Heil Hitler und Alaaf!) ins Mittwochnachtprogramm ab 23.25 Uhr. Was weiterhin ziehen könnte, sind dagegen Überwältigungsdreiteiler wie Unsere Erde aus dem All, der heute Abend im Ersten geigenumflort zu Ende geht. Und für den Rest? Gibt es Streamingdienste mit ihren schier unendlichen Mitteln.

Sky zum Beispiel zeigt morgen die wunderbare Coming-of-best-Ager-Serie Work in Progress von und mit der amerikanischen Impro-Komödiantin Abby McEnany, die sich als lebensmüde LGBTQ-Ikone achtmal ein wenig selber spielt. An gleicher Stelle wird Donnerstag die hinreißende Pop-Papst-Persiflage The Young Pope mit John Malkovich als The New Pope fortgesetzt. Und (kauft nicht bei) Amazon Prime hat sich Al Pacino als einer jener Hunters gekauft, die tags drauf bildgewaltig Nazis im Jahr 1977 jagen – theoretisch also auch ein paar jener Wehrmachtsverbrecher der Schlacht von Dunkirk, die Christopher Nolan Sonntag um 20.15 Uhr denkwürdig in Szene setzt. Natürlich versetzt durch ein Fünftel Werbung, sonst wäre die Ausstrahlung von Pro7 nicht bezahlbar.

Ach ja – was noch ginge, sind Wiederholungen der Woche wie Kehraus (Samstag, 20.15 Uhr, BR), Gerhard Polts bitterböse Gesellschaftsstudie am Beispiel des Münchner Faschings von 1983, als das Kabarett noch wirklich groß war. 24 Stunden später zeigt Arte dann Dustin Hoffman als Rain Man von 1988, als Hollywood noch wirklich groß war. Und schon heute läuft an gleicher Stelle John Fords Kavallerie-Legende Rio Grande mit dem Rassisten John Wayne, als Helden noch wirklich groß waren. Dazu passt Roger Cormans Drama Weißer Terror mit William Shatner als rassistischer Südstaaten-Politiker der Fünfziger im Anschluss.