Verschwörungsgeschwurbel & Investigation

Die Gebrauchtwoche

18. – 24. Januar

Nein, man sollte die Namen der Feinde von Demokratie, Realität, Logik und allem, was soziales Miteinander sonst operabel macht, nicht ständig aussprechen. Da jede Art von Aufmerksamkeit Wasser auf die Mühlen ihrer Wahrheitsverachtung ist, sollte niemand über sie reden, schreiben, singen. Konsequentes Ignorieren all der Xaviers, Alices und Atillas hat demnach nichts mit Ignoranz, sondern gesundem Menschenverstand zu tun. Schon richtig.

Aber dass Ken Jebsen von YouTube gesperrt wurde, ist einfach zu schön, um unerwähnt zu bleiben. Allerdings muss die Frage erlaubt sein: Warum jetzt? Warum Jahre, nachdem der selbstverliebte Verschwörungsschwurbler massenhaft Leichtgläubige in die Fundamentalopposition gegen nahezu alles von Sinn und Verstand getrieben hat? Soziale Medien gleich welcher Art zeigen gerade, wie wenig ihnen an wahrer Liberalität gelegen ist und wie viel an Verwertungsketten…

Und die beherzigt kein reaktionäres Sprachrohr mehr als Fox News. Nach zehnwöchiger Besinnungsphase im Zuge der endgültigen Entlarvung ihres abgewählten Quotenbringers, entlässt es 20 Journalisten und ersetzt sie in der Primetime vor acht durch Meinungsrüpel der Marken Hanity bis Ingraham. Damit reagiert Rupert Murdochs Schlachtplatte auf die massive Zuschauerwanderung zu OANN und Newsmax, knickt also vorm Gezeter rechts der Republikaner ein.

Dem ebenso schrillen, aber unpolitischen Boulevard hat Günther Jauch derweil eins ausgewischt und seinen Prozess gegen Bauer gewonnen. Es ging um Clickbaiting mit Bildern des Moderators, die mit der Kampagne aber mal gar nichts zu tun hatten. Guter Nachrichten auch von ProSiebenSat1 Media SE. 2020 hat sie trotz (oder wegen) Corona bei einem Vorsteuergewinn von 700 Millionen Euro gut 4 Milliarden Umsatz erzielt – und das explizit wieder mit ihrem Kerngeschäft, dem Fernsehen.

Die Frischwoche

25. – 31. Januar

Darin sorgt allerdings nur der erste Sender im Portfolio für Qualität – etwa mit Joko Winterscheidts erfolgreichem Quizmaster-Casting Wer stiehlt mir die Show?, die morgen kein Geringerer als Thomas Gottschalk fortsetzt. Beim Privatkonkurrenten RTL ist währenddessen nur bemerkenswert, dass Simon Böer ab Freitag Hendrik Duryn als Der Lehrer ersetzt. Was ein bisschen schade ist, weil dessen Pädagoge Stefan Vollmer glaubhafter war als die meisten Fernsehkollegen zuvor. Seine Rückkehr feiert demgegenüber Wolfgang Stumph am Samstag als Stubbe. So sieht also die Zukunft des ZDF aus…

Und damit zu wirklich ernstgemeinter Programmplanung: Ab Donnerstag arbeitet TV Now den erstaunlichen Mord der schwedischen Journalistin Kim Wall auf dem U-Boot eines dänischen Tüftlers vor vier Jahren auf. Der Sechsteiler The Investigation schafft es nun, die Klärung dieser bestialischen Tat in einer sehenswerten Real-Crime-Fiktion ohne Täter, ohne Opfer, aber mit unbeirrbaren Polizisten und Angehörigen aufzuarbeiten.

Am Mittwoch setzt Netflix seine Reihe ästhetisch anspruchsvoller Serien wie Azizlar und Bir Başkadır aus der Türkei mit dem Thriller 50m2 fort, wo ein verwaister Auftragskiller seine Herkunft im Unterschlupf einer winzigen Istanbuler Wohnung herausfindet. Auf mehr Gefühl als schwarzen Humor und Bandengewalt setzt die ARD. Hier lädt der gesettelte ESC-Sänger Max Mutzke am Dienstag (22.55 Uhr) Promis zum musikalischen Zwiegespräch über ihre Lebenslieder.

Am Sonntag läuft dort zur ähnlich bigotten Sendezeit um 23.35 Uhr Stephen Frears federleichtes Beziehungsdrama State of the Union nach einem Buch von Nick Hornby. Der Mittwochsfilm Ruhe! Hier stirbt Lothar ist dann aber auch aus deutscher Produktion wieder auf unterhaltsame Art heiter – und schafft es, mit Jens Harzer als vermeintlicher Krebspatient, einen Hauptdarsteller jenseits der üblichen TV-Stars zu besetzen.


Dr. Mertens & Walther Desiato

Die Gebrauchtwoche

11. – 17. Januar

Vor mehr als einem Monat wurde der erste Impfstoff gegen Covid-19 in Großbritannien verabreicht, und es wäre wirklich mal einer Studie wert, wie oft uns die Nachrichten seither genötigt haben, seiner Injektion zuzusehen – in mancher Tagesschau vermutlich sieben-, achtmal. Welchen Informationswert der kleine Stich mit großer Wirkung hat, sei an diese Stelle dahingestellt. Sie verweist aber auch den Bedarf, Optimismus sichtbar zu machen. Wobei das auch für Pessimismus gilt; dafür steht die Dauerschleife der Bilder vom Sturm aufs Kapitol, zu denen sich grad solche vom Aufmarsch der Sicherheitskräfte an gleicher Stelle gesellen.

Andere Sicherheitskräfte bleiben derweil im Verborgenen. Etwa jene, die zurzeit das mutmaßlich größte De-Platforming der Internet-Historie betreiben. Twitter allein hat 70.000 QAnon-Konten dauerhaft gesperrt, Facebook zugleich das Hosting des Messengers Parler beendet, weshalb sich Donald Trump auf der Suche nach Alt-Tech seiner Hate-Speech wie seine Fans umgewöhnen muss. Die wechseln nämlich gerade massenhaft von Youtube zu Rumble oder von Whatsapp zu Clouthub.

Fast pluralistisch wirkt es da, dass sich die pressefreiheitsfeindliche Berufszynikerin Alice Weidel noch immer den Fragen seriöser Medien wie dem MoMa stellt – wo ihr der Moderator Mitri Sirin entsprechend Kontra gab, ohne sich aufs AfD-Spielchen größtmöglicher Polarisierung einzulassen. Nicht leicht, hier den passenden Übergang zum Heitidei-TV zu finden, deshalb lassen wir’s auch: Während HBO die Fortsetzung von Sex and the City ankündigt, endet Tierärztin Dr. Mertens nach 84 Folgen in 15 Jahren mit der 7. Staffel.

Das reißt ja fast so große Lücken ins ARD-Programm wie der FC Bayern. Weil er zum ersten Mal seit 20 Jahren schon in Rund 2 des DFB-Pokals rausgeflogen ist, wird das Erste vermutlich fortan Münchner Spiele vergangenen Wettbewerbe übertragen; denn Live-Partien ohne Bayern-Beteiligung – soweit kommt’s nochs…

Die Frischwoche

18. – 24. Januar

In einer der vielen englisch genannten Bundesligawochen, an denen nur der Donnerstag spielfrei ist, gibt es vergleichsweise wenig nichtsportlicher Unterhaltung zu empfehlen. Auf Sky gibt es heute ein Wiedersehen mit Bryan Cranston aka Walther White. Wie einst in Breaking Bad spielt er zwar auch in der Showtime-Serie Your Honor einen kriminell gefallenen Spießer – diesmal Richter Michael Desiato in New Orleans, der seinen Sohn illegal aus der Patsche einer tödlichen Fahrerflucht zu retten versucht.

Auch, wenn das eine Art thematischer Stagnation zu sein scheint, ist der Zehnteiler jedoch von so bildgewaltiger Zurückhaltung, dass es jeder Moment der Stille mehr scheppert als 100 Actionthriller zusammen. Dieses athmosphärische Niveau erreicht allerdings auch Bjarne Mädels herausragendes Regiedebüt Sörensen hat Angst. Mit sich selber als Kommissar, der Mittwoch im Ersten vor seinen Neurosen nach Friesland flieht, zählt dieses düster-leichte Provinzdrama schon jetzt zum Besten des Jahres.

Auf völlig andere Art unterhaltsam ist hingegen der SciFi-Spaß Moonbase 8 um drei Astronauten, die im Trainingszentrum darum kämpfen, auf den Mond zu fliegen. Hier regiert ab morgen auf Sky aber doch eher die geschriebene Pointe als Situationskomik. Wem die genannten Formate übrigens nicht genug weibliche Hauptrollen enthalten, die den Bechdel-Test bestehen, der sollte am Mittwoch vielleicht ausnahmsweise mal zu Prime wechseln.

Die Coming-of-Age-Komödie Yes, God, Yes, beispiellos bescheuert mit Böse Mädchen beichten nicht übersetzt, handelt von katholischen Teenagern auf der Suche nach weltlicher, nun ja, Entspannung. Amüsant, wenngleich mit etwas viel Attraktivität im Cast. Weil sich das französische Lustspiel Forte davon emanzipiert, ist es allerdings doch empfehlenswerter. Weil die korpulente Buchhalterin Nour (Melha Bedia) in ihrem Pariser Fitnessstudio bei der Männersuche nicht weiterkommt, nimmt sie an einem Pole-Dance-Kursus teil.


US-Putsch & DDR-Charité

Die Gebrauchtwoche

4. – 10. Januar

Unter den Bildern aus Washington, die seit Mittwoch alle Welt verstören, war eins besonders spektakulär, aber seltsam unterrepräsentiert: der Berg erbeuteter Kameras und Mikrofone, auf dem Donald Trumps Putschisten vorm Kapitol herumgetrampelt sind. Jene Patrioten also, die den 1. Verfassungszusatz (Meinungsfreiheit) im Pulverdampf des 2. (Waffenbesitz) vernichtet haben. Mit welcher Wut ringsum auch deutsche Reporter attackiert wurden, dürfte daher zum fatalsten Erbe dieser Präsidentschaft werden.

Dass Facebook dessen Account kurz– und Twitter langfristig sperren, dass Reddit, Snapchat, Discord, Twitch, selbst Spoftify nachziehen und dem dunklen Lord demnach bald nur noch das Darknet dient, ist angesichts der permanenten Aufrufe zum Umsturz seit zwei Monaten zwar folgerichtig, aber zu spät. Und weil er seine Fanatiker dort seither allenfalls vom Zusatz ergänzt, seine verlogenen Tweets würden diskutiert, bis zum Blutrausch manipulieren konnte, treibt sie der Wirrkopf im Weißen Haus am Ende auch nur radikaleren Meinungsfabriken wie OANN und Parlor zu. CNN dagegen konnte – anders als die ARD, der viele vorwerfen, fürs „Kapitolverbrechen“ (Süddeutsche) das Abendprogramm nicht unterbrochen zu haben – sein Profil als Notreserve journalistischer Anteilnahme weiter schärfen.

Dennoch ist die Pressefreiheit selbst in Demokratien längst so unter Beschuss, dass sich Despoten von Putin über Erdogan bis Xi Jinping genüsslich die blutigen Hände reiben. Dazu passt, dass ein englisches Gericht die Auslieferung von Julian Assange kurz vor der amerikanischen Katastrophe aus medizinischen, nicht juristischen Gründen abgelehnt hatte. Und das, wo ihm in den USA wegen seiner Arbeit als Journalist 150 Jahre Haft drohen. Es war also ein denkwürdiger Arbeitsauftakt von Tagesschau-Sprecher Constantin Schreiber, der am Montag mit Turner-Kreuz und Schwiegersohn-Lächeln in die Hauptnachrichten wechselte.

Das rückt einen etwas anderen Wechsel zu Recht in den Hintergrund: die unterhaltsame Collien Ulmen-Fernandes verkauft einen Teil ihrer Seele und checkt (ohne finanzielle Not) auf dem Traumschiff ein, während sich RTL nach einem wenig überraschenden Corona-KZ-Vergleich von Michael Wendler trennt, genauer: seinem Bild bei DSDS. Vorgedrehte Passagen mit ihm werden nun gepixelt. Und nur der Vollständigkeit halber: Ferdinand von Schirachs ARD-Experiment Feinde erzielte vor acht Tagen gut zehn Millionen Zuschauer auf elf Sendern.

Die Frischwoche

11. – 17. Januar

Nicht ganz so frisch, aber wegen der Freitagsmontagpause nachzureichen: Magenta TV macht den Mythos den Rom-Gründers Romulus zum Objekt einer altlateinischen Politthrillerserie. In der ZDF-Mediathek ist noch die Langzeit-Doku Höllental übers ungeklärte Verschwinden von Peggy Knobloch vor 20 Jahren zu empfehlen. Und auf SyFy läuft die 4. Staffel der wundervollen Cowboyzombiejägerin Wynonna Earp.

Irgendwie untot ist auch das Prinzip Charité. Wenn morgen die 3 Staffel startet, geht es wieder um ein medizinisches Fantasiemädchen im Kreis männlicher Realkoryphäen. Weil es diesmal von der wunderbaren Nina Gummich gespielt wird, übersehen wir mal die billigen Klischees über böse Kommunisten am Vorabend des Mauerbaus. Mit Emma Thompson als britische Populisten der digitalen Nahzukunftsvision Years and Years könnte die Neo-Serie ab Donnerstag toll sein; dummerweise wurde es von Deutschen synchronisiert. Und das ist fast so furchtbar wie der bescheuerte RTL-Einfall, das Dschungelcamp 2021 ab Freitag als Casting fürs Dschungelcamp 2022 downzugraden.

Anything else? Heute startet bei Prime Video die 3. Staffel des Superhelden-Coming-of-Age-Unsinns Young Gods und Mittwoch bei Disney+ Elizabeth Olsens Sitcom Wand Vision, während Cobra Kai auf Netflix in die 4. Staffel geht. Sonntag beginnt bei 13th Street der skandinavische Krimiachtteiler Verdacht/Mord, abends zuvor geht Kommissarin Heller im ZDF letztmals auf Mörderjagd. Und zum Schluss zwei Filmtipps: Mittwoch um 20.15 Uhr zeigt Arte das Nachkriegsdrama Die Unschuldigen um ein polnisches Kloster, in dem die rote Armee wütet. Und der norwegische Oscar-Kandidat Thelma über eine Frau mit Epilepsie wurde leider ins Spätprogramm (23.30 Uhr) des WDR am Donnerstag abgeschoben.


Rückblick 2: Das Fernsehjahr 2020

Best- & Worst-of Vintage TV 2

Serien, das ist die Erkenntnis des Fernsehjahrs 2020, waren nie wichtiger als im Seuchenjahr 2020. Mangels Alternative bestand die Unterhaltung nicht nur für Couch-Potatoes schließlich vorwiegend aus dem Angebot der Streaming-Portale und TV-Sender. Unter den prägendsten (wenn auch nicht unbedingt besten) Formaten finden sich daher natürlich auch horizontale Erzählungen. Bewegt haben aber auch Dokus, Filme, Reportagen, News. Manchmal sogar ein bisschen mehr als das neue Kino Serie. Zweiter Teil der Retrospektive.

Von Jan Freitag

7. Unorthodox, Netflix

Dass eine Jüdin nach, nicht aus Deutschland flieht, ist ja schon mal bemerkenswert. Weil der Netflix-Vierteiler Unorthodox die Flucht von Esthy Shapira, literarisches Pendant der real existierenden Bestseller-Autorin Deborah Feldman, aus dem Gefängnis ihrer chassidischen Gemeinschaft in New York so unbefangen schildert, dass alle Beteiligen darin Opfer ihrer Konventionen sind, erhielt Maria Schrader dafür fast zwangsläufig den Emmy.

8. Das Unwort, ZDF

Über Antisemitismus zu lachen, ist im Land der Shoah (völlig zu Recht) schwierig. Es sei denn, die israelaffine Iris Berben sorgt dafür in der hinreißenden, bitterblösen ZDF-Tragikomödie Das Unwort, wo sie eine Schulrätin im Streit um judenfeindliche Schüler, deren Opfer und die Eltern aller spielt. Toll war der Film aber auch, weil er nur einer von vier Spätwerken war, die das Fernsehen Iris Berben zum 70. Geburtstag schenkte.

9. Nuhr im Ersten, ARD

„Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“, lautet ein rechtspopulistisches Mantra der Querdenkerstunde – also auch jenes von Dieter Nuhr. Kein Comedian, der – pardon – Mainstreammedien – schießt seine Pointen schließlich beherzter auf Grüne, Frauen, political correctness. Und keiner beklagt dabei kläglicher, dafür kritisiert zu werden. So wurde Nuhr im Ersten – ob gewollt oder nicht – zur satirischen ARD-Zweigstelle der AfD.

10. Fox News Sunday, Fox News

Klar, CNN und NBC sind seriösere Stimmen des US-Journalismus, während QANN oder Fox News in der Regel bloß Donald Trumps Speichel lecken. Aber wie das seriöse Fox-Feigenblatt Chris Wallace den US-Präsidenten beim Sommerinterview an einem heißen Julisonntag grillte, wie er nachhakte, bloßstellte, in aller Seelenruhe sperrfeuerte, war auch wegen der fanatischen Voreingenommenheit seines Senders das politische Streitgespräch des Jahres.  

11. Fritzi, ZDF

Was wahre Siege wert sind, hängt immer auch von der Startposition ab. Als das ZDF ausgerechnet Tanja Wedhorn zur krebskranken Hauptfigur der Dramaserie Fritzi machte, ging die chronisch unterforderte Telenovela-Prinzessin aus der für Feuilletonverhältnisse allerletzten Startreihe ins Rennen – und machte aus dem Familienmelodram dennoch ein leichtfüßiges Manifest der Beharrlichkeit, das nicht nur in der Publikumsgunst weit vorn lag.


Rückblick: Das Fernsehjahr 2020

Best- & worst-of Vintage TV

Serien, das ist die Erkenntnis des Fernsehjahrs 2020, waren nie wichtiger als im Seuchenjahr 2020. Mangels Alternative bestand die Unterhaltung nicht nur für Couch-Potatoes schließlich vorwiegend aus dem Angebot der Streaming-Portale und TV-Sender. Unter den prägendsten (wenn auch nicht unbedingt besten) Formaten finden sich daher natürlich auch horizontale Erzählungen. Bewegt haben aber auch Dokus, Filme, Reportagen, News. Manchmal sogar ein bisschen mehr als das neue Kino Serie.

Von Jan Freitag

1. ARZDF Extraspezial

Nachrichten sind ein alltägliches Geschäft, das selbst den Ausnahmefall versachlicht. Weil 2020 allerdings ein 365-tägiger Ausnahmefall war, hat die ARD im Anschluss der Tagesschau allein 73 Brennpunkte mit Corona-Fokus gebracht und das ZDF 60 Spezial genannte Sendungen. Bei aller Kritik an Verlautbarungsjournalismus, Redundanz und Panikmache: das war öffentlich-rechtliche Staatsvertragserfüllung in Bestform.

2. Tiger King, Netflix

Exzentrische Großkatzen-Halter mit bizarren Privatzoos, die Tierschützern Killer auf den Hals hetzen – wenn die Wirklichkeit auf Wahnsinn trifft und realistische True Crime am Rande des Denkbaren erschafft, war man 2020 garantiert bei der Netflix-Serie Tiger King. Acht Folgen lang hat sie Abermillionen Zuschauern in aller Welt dabei geholfen, den Lockdown besser zu ertragen und stand dafür wochenlang auf Platz 1.

3. Warten auf’n Bus, RBB

Entertainment setzt oft auf Spezialeffekte, Stars und Sensationen. Manchmal reicht aber auch ein offener Unterstand in der ostdeutschen Pampa, in dem herausragende Schauspieler wie Ronald Zehrfeld und Felix Kramer das Leben Langzeitarbeitsloser nach Oliver Bukowskis grandiosem Drehbuch zum Serienmanifest trotziger Beharrlichkeit adeln. Selten war so wenig so viel mehr als der aufgeblasene Rest.

4. Bridgerton, Netflix

Alle Sender aufgepasst: Historytainment mit Niveau ist möglich! Die Netflix-Serie Bridgerton handelt fast nur vom Heiraten in Londons Hochadel anno 1813 und überzuckert das saftige Kostümfest auch noch in dicken Pilcher-Farben. Süßstoff fürs Gemüt also. Da es Showrunner Chris van Dusen gelingt, den misogynen Snobismus nicht nur unterhaltsam, sondern sozialkritisch zu machen, aber auch fürs Gehirn.

5. Oktoberfest 1900, ARD

Dem Geschichtsschinken Oktoberfest 1900 dagegen sind Inhalte wie üblich im deutschen Reenactment völlig egal, solange die Kulisse glänzt. Das tut sie noch nicht mal, im pathetischen Kirmes-Krimi der ARD; schließlich geht es vor allem um Äußerlichkeiten. Aber die einen den opulenten Mehrteiler ja mit öffentlich-rechtlichem History-Mumpitz wie Unsere wunderbaren Jahre oder Club der singenden Metzger. Auweia.

6. Rechts.Deutsch.Radikal, ProSieben

Nein, Thilo Mischke ist beileibe nicht der beste Investigativ-Journalist im Fernsehland – dafür gibt sich der nette Pro7-Reporter schlicht zu naiv. Dass seine Doku Rechts.Deutsch.Radikal dennoch die wichtigste ihrer Art anno 2020 war, liegt daran, wie furchtlos, unvoreingenommen und doch haltungsstark sich der rehäugige Frontberichterstatter unter Demokratiefeinde von Querdenker bis Neonazis gemischt hat.


Braune Ostfront & Trumps Bruder

Die Gebrauchtwoche

7. – 13. Dezember

Wer hätte gedacht, dass die gute alte, stets umkämpfte, aber irgendwie auf analoge Art ja auch liebenswert nostalgische Rundfunkgebühr zur politisch-kulturellen Stilbildung taugt, aber in Sachsen-Anhalt, kurz SA, war es so: weil der örtlichen CDU kritische Medien per se suspekt sind, lehnt sie eine rechtlich gebotene Beitragserhöhung um 86 Cent ab, biedert sich dafür der rechtsextremen Opposition an und siehe da: es wirkt! Unterm Deckmantel der Nichtbefassung hat die braune Ostfront alle anderen Bundesländer im Volkssturm erobert und damit gezeigt: die AfD muss gar keine Minister stellen, um die Demokratie zu beschädigen; es reicht, wenn konservative Steigbügelhalter regieren.

Da wird es fast zur Nebensache, dass die Klage der Öffentlich-Rechtlichen vorm Bundesverfassungsgericht schon deshalb Erfolg haben dürfte, weil die Erklärung zu links und zu westdeutsch anders als zu teuer und zu träge für Stammtische taugt, aber nicht zur rechtlichen Bewertung. Umso interessanter ist eine beachtliche Korrelation: die höchsten oder niedrigsten Inzidenzwerte neuer Covid19-Fälle decken sich meist mit denen der höchsten oder niedrigsten AfD-Wahlergebnisse. Was womöglich damit zu tun hat, dass es liberale, pluralistische, wahrhaftige Medien in der früheren DDR schwerer haben.

Ob es zur Gegenbewegung seriöser Information reicht, dass ProSiebenSat1 zehn Jahre, nachdem der Pharmavertreter Thomas Ebeling sie ausgelagert hatte, wieder eigene Nachrichten plant, statt sie von Springer zu beziehen? Egal, die Musik spielt eh woanders. Bei Disney zum Beispiel, das sein Abo-Ziel aller Streaming-Portale bis 2024 auf 350 Millionen vervierfacht und dafür gut 100 neue Produktionen ankündigt. Wobei neu… Das Gros sind Spin-Offs bekannter Formate aus dem Marvel- und Star Wars-Kosmos.

Ein stolzes Siebenhundertstes davon will Amazon den „Backstage-Helden“ der deutschen Medienbranche schenken, also den Menschen jenseits vom Rampenlicht, die Corona in Schwierigkeiten bringt. Zur Einordnung: 500.000 Euro verdient der routinierte Verdrängungskünstler Jeff Bezos pandemiebedingt nicht mehr wie zuvor in drei Minuten, sondern in drei Sekunden. Was seiner Videoplattform Investments in endloser Folge ermöglicht.

Die Frischwoche

14. – 20. Dezember

Während die anderen Dienste vor Weihnachten zurückhaltend sind, flutet Prime Video weiter den Markt. Mittwoch startet die 5. Staffel der extraterrestrischen Existenzsuche The Expanse, am Freitag geht die Jagdausgabe der Testosterondusche The Grant Tour mit dem spritsüchtigen Jeremy Clarkson online und zeitgleich das Debüt der spanischen Historienserie El Cid. Alles in den Schatten stellt ab Mittwoch aber die Dokumentation Bild.Macht.Deutschland?

Fast ein Jahr lang, verteilt auf sieben Episoden à 45 Minuten, hat der brutalste Onlinehändler der Welt das brutalste Boulevard-Blatt Deutschlands durch die Corona-Krise begleitet und das ist wirklich hochinteressant. Ansonsten sieht es wie gesagt mau aus. Disney+ etwa beschränkt sich ab Freitag auf die konzerntypische Doku-Serie En Point über eine New Yorker Ballett-Schule. Und jene, denen die AfDU selbst einen Inflationsausgleich per Rundfunkgebühr verweigern möchte. Na ja.

Wenn der NDR heute Abend seine Serienoffensive mit der bayrisch-friesischen Hochstapler-Komödie Da is ja nix fortsetzt und Olli Dittrich Donnerstag im Ersten mit House of Trumps als Präsidentenbruder die Realität erneut realistischer persifliert als sie ist, zeigen beide definitiv ihre Stärken. Zwei Abend drauf feiert die ARD aber doch nur sich selbst, schlimmer noch: Guido Cantz. Wie üblich beim Kölner Scherzkeks, wird er sich bei 40 Jahre Verstehen Sie Spaß? toller finden als alle Ahnen der unverwüstlichen Heiterkeitsrutsche.

Die Wiederholungen der Woche sind diesmal alle am Samstag: 20.15 Uhr zeigt RTLzwei Rob Reiners Teenager-Legende Stand by Me von 1986 mit dem blutjungen River Phoenix, zwei Stunden später bei SuperRTL: Die Reifeprüfung, Baujahr 1967. Weitere 15 Jahre älter, parallel beim SWR, die Schwarzweiß-Legende High Noon mit Gary Cooper als Einzelkämpfer gegen das Unrecht.


Stahlknechts Reich & Bettys Board

Die Gebrauchtwoche

30. November – 6. Dezember

Der Weg in die Zukunft von Kino und Fernsehen ist bekanntermaßen schwer vorherzusagen, aber Jason Kilar hätte mal eine Idde: Derjenige, „um der Gemeinschaft der Filmtheater das Wichtigste zu geben, was wir ihnen liefern können“, sagte der CEO von WarnerMedia vorigen Mittwoch in New York, sei „einen stetigen Strom neuer und frischer Filme, auf die Kinobesitzer und Zuschauer und sich verlassen können“. Sein Unterhaltungskonzern will nächstes Jahr nämlich alle Produktionen zeitgleich auf Bildschirm und Leinwand verbreiten.

Alle.

Klingt autoaggressiv, ist aber womöglich ein Ausweg, um Blockbuster finanzierbar, ergo: lukrativ zu machen und wirft ein grelles Licht in die schwach beleuchtete Sitzgarnitur deutscher Wohnstuben, wo gerade über den Betrag von 86 Cent eine Koalition zu kollabieren droht. Weil ihm die rechts-braun versiffte AfD nähersteht als der links-grün versiffte Regierungspartner, wurde Sachsen-Anhalts Innenminister – kein Scherz: Stahlknecht entlassen und die Entscheidung über die Erhöhung der Rundfunkgebühr vertagt.

Wenn das mal kein Serienstoff wäre. Allemal innovativer immerhin als die Übernahme fremder Formate, wie es TVNow mit der ARD-Soap Verbotene Liebe tut, Pro7 mit dem RTL-Abenteurer Jenke oder Amazon mit der Pro7-Parodie Binge aka Switch Reloaded. Dagegen erscheint Trumps repetitive Verschwörungsshow auch nach fünf Wochen fast so frisch wie die RTL-Idee, das Dschungelcamp 2021 nur als Castingshow fürs Dschungelcamp 2022 zu inszenieren.

Wirklich neu ist es indes, wie Netflix mit dem Coming-Out von Elliot Page (Umbrella Society) umgeht: dass er sich als Transgender bekennt, war dem Streamingdienst schlichtweg egal. Egal war es dem ZDF Samstag erneut, dass es Julian Reichelts menschenverachtender Bild mit der Übertragung ihrer zynischen Kinderkampagne (hoffentlich?!) kostenlos Werbung geschenkt hat. Zur Strafe für diese Selbstentwürdigung ignorieren wir das Zweite im Frischfernsehen und empfehlen nur Programm der kommerziellen Konkurrenz.

Die Frischwoche

7. – 13. November

Sat1 zum Beispiel, das morgen mit Zerrissen mächtig auf die Tränendrüse drückt. Trotzdem ist das Rührstück mit Alwara Höfels, die ihr verschwundenes Kind Jahre später als Tochter einer anderen (Katharina Wackernagel) entdeckt, relativ anspruchsvoll. Parallel zeigt Sky eine HBO-Serie, die das ZDF allenfalls bei Neo verklappen würde: In Chrystal Moselles Betty kämpfen fünf junge Skateboarderinnen aus New York acht Teile lang hinreißend authentisch um Anerkennung männlicher Platzhirsche.

In der gleichen Altersgruppe spielt Freitag auf (kauft nicht bei) Amazon die Lost-Variante The Wilds. Nachdem ihr Flugzeug vor einer einsamen Insel abstürzt, kämpfen neun Schülerinnen darauf ums Überleben, sind allerdings auch Teil eines bizarren Experiments. An gleicher Stelle startet zugleich die Gangsterballade I’m Your Woman, in der Mrs. Maisel Rachel Brosnahan vorm Vater ihres eigenen Kindes flieht und dem fiktionalen Entertainment ein Stück fesselnder Ereignisarmut hinzufügt.

Das kann man vom Netflix-Musical The Prom mit Nicole Kidman und Meryl Streep ab Freitag nicht behaupten, wäre in dem Genre aber auch ziemlich seltsam. Aus Deutschland wird übrigens auch was Bemerkenswertes gestreamt: In der TV Now-Serie Unter Freunden stirbt man nicht, versuchen Darsteller wie Berben und Lauterbach ihren toten Freund solange frisch zu halten, bis ihm ein Nobelpreis verliehen wird, den es nicht posthum gibt. 

Während der Mutterkanal RTL am Sonntag sein letztes F1-Rennen zeigt und damit die Ära des testosterongetränkten Scheißegal beendet, flutet Pro7 seine Mittwochsprimetime mit der hinreißenden Schnodderigkeit von Jeannine Michaelsen, die in der Show mit dem Sortieren irgendwas ordnet. Die Wiederholungen der Woche sind von heute: Als Das Mädchen in Uniform (20.15 Uhr, Arte) emanzipierte sich Romy Schneider 1958 von Sissi. Als Dr. Kimble Auf der Flucht (20.15 Uhr, Kabel 1) tat Harrison Ford gleiches 1993 mit Indiana Jones. Und der Tatort: Der Spezialist reist zu den Düsseldorfer Cops Flemming/Koch ins Jahr 1996.


Hitlers Höcke & Pochers Humor

Die Gebrauchtwoche

23.- 29. November

Die Brandmauer bröckelt, der Schutzdamm bricht, Alarmstufe schwarz-braun: In Kürze werden CDU und AfD gemeinsam eine Schlacht von nationaler Tragweite schlagen, und dass dies auf dem ideologisch hart umkämpften Feld der vierten Gewalt erfolgt, ist alles andere als Zufall. In Sachsen-Anhalt nämlich dürfte die Unionsfraktion gegen die rot-grünen Koalitionspartner den Medienänderungsstaatsvertrag ablehnen. Klingt banal, kostet aber die Welt demokratischer Übereinkünfte.

Nach dem politischen Desaster um die Wahl des FDP-Cowboys Kemmerich zum Regierungschef von Hitlers, pardon: Höckes Gnaden, zeigt sich die ostdeutsche Union nämlich nicht nur als Feindin des öffentlich-rechtlichen Systems, sondern moralischer Gepflogenheiten insgesamt – da kann Ministerpräsident Rainer Haseloff noch so an die Vernunft seiner Fraktion appellieren. Bei der anstehenden Abstimmung geht demnach um weit mehr als 86 Cent Rundfunkgebühr. Es geht um Bündnisoptionen. Um Macht natürlich. Und um die Frage, welchen Einfluss Politik auf Presse nehmen darf, nehmen will.

Wenn der Online-Infotainer Rezo sein Augenmerk nicht so auf den Boulevard richten würde, er hätte in seinem gewohnt furiosen Klartext über Querdenker gewiss klare Worte für einen Coup gefunden, der auch im Interesse von Privatsendern wie RTL liegt. Dessen Zentralredaktionsleiterin Tanit Koch wechselt bald wieder das Spielfeld: Im Januar wird die frühere Bild-Chefin nach zwei Jahren weiterziehen, und es erweckt nicht den Anschein, dass sie irgendwer vermissen wird.

Auch damit unterscheidet sich Koch vom Doppelverlust der Woche. Im Maßstab des globalen Fußballs Diego Maradona, im Maßstab des deutschen Humors Karl Dall. Zwei Tagesschau-Todesfälle, die beweisen, wie besessen selbst die seriöse Öffentlichkeit von den Helden der Vergänglichkeit ist. Dafür spricht auch, dass einer der Überlebenden gerade sein Comeback feiert.

Die Frischwoche

30. November – 6. Dezember

Heute (16.10 Uhr) kehrt das Quiz mit Jörg Pilawa, 2001 Urkeim des Rate-Booms aller Kanäle, ins Erste zurück. Aus der Stummfilmära, als Kopf gegen Wand der Humorgipfel war, stammt tags drauf die RTL-Show König der Kindsköpfe, wo die lebenden Tiefpunkte humanistischer Entwicklung Oli Pocher, Mario Bart, Chris Tall ihrem Intellekt entsprechend nichts, aber auch gar nichts machen.

Parallel dazu kriegt Jeannine Michaelsen, mit der sich misogyne Zyniker wie diese gar nicht erst anlegen, ihre Pro7-Show mit dem Sortieren, was inhaltlich egal, aber toll besetzt ist. Ähnliches gilt Donnerstag für Teddy gönnt dir! mit Teclebrhan, der in jedem Wort mehr Unterhaltsamkeit vereint als Pocher in seiner ganzen Karriere, die wiederum in allen Sendungen zusammen weniger Witz hat als jede Sekunde von Schlecky Silbersteins Browser Ballett, das Donnerstag (23.35 Uhr) vom Netz ins Erste wandert.

Ansonsten geht es dort realkriminalistisch zu. Das Geheimnis des Totenwaldes stellt Mittwoch/Freitag/Mittwoch einen bundesweit diskutierten Serienmord in Niedersachsen vor 30 Jahren feuilletonweit debattiert mit Matthias Brandt als Ermittler nach. Im Anschluss des 2. Teil beschäftigt sich Schuss in der Nacht mit der Ermordung Walter Lübckes, während die mutmaßlichen Täter noch vor Gericht stehen. Samstag versucht es Sat1 mit der Wirklichkeit; Christina Schiewes Aus Haut und Knochen durchdringt das Thema Magersucht aber arg banal. Nicht banal, sondern überaus wuchtig ist das heutige ZDF-Kammerspiel Verhör in der Nacht nach einem Theaterstück von Daniel Kehlmann.

Die Streamingdienste sind derweil zu voll für Einzelanalysen. Daher stichpunktartig: Ab heute zeigt Sky The Undoing mit Nicole Kidman als Frau des mordverdächtigen Hugh Grant, und ab Freitag Two Weeks to Live mit GoT-Star Maisee Williams. Ab Donnerstag läuft die deutsch-britische Agentenserie Spy City bei MagentaTV. In Spielfilmlänge gibt es bei Netflix am Freitag Detlev Bucks Provinzgroteske Wir können nicht anders, während David Finchers Biopic Mank am Beispiel der Entstehungsgeschichte von Citizen Kane die goldenen Jahre des schwarzweißen Studiokinos rekapituliert.

Das passt zu Sabrina, Billy Wilders Wiederholung der Woche (1954) mit Audrey Hepburn als modernem Aschenputtel (Montag, 20.15 Uhr, Arte). In stockdunkler Zeit spielt István Szabós Meisterwerk Mephisto (Samstag, 23.30 Uhr, RBB) von 1980 mit Klaus Maria Brandauer als Gustaf Gründgens. Und auch der Tatort ist historischen Datums: Münchner Kindl, (Samstag, 20.15 Uhr, ARD) Bayrhammers Debüt von 1971 als Kommissar Veigel.


Rudis Schleim & Costners Pferde

Die Gebrauchtwoche

16. – 22. November

Uups, he did it again. Dieter Nuhr, drahtigste unter Deutschlands frauen- und jugendverachtenden, privilegien- und männerverliebten Kartoffelkerlen, hat seine ARD-Bühne erneut dafür genutzt, lästige Verhaltensweisen – hier Veganismus – als bloßen Lifestyle statt Reaktion auf den Klimawandel zu verunglimpfen. Damit zeigt er im besten Fall, nichts begriffen zu haben, im wahrscheinlicheren, nichts begreifen zu wollen, weil ihm alles außer seiner eurozentristischen Erhabenheit schlichtweg scheißegal ist.

So egal, wie dem ähnlich weißen, ähnlich alten, ähnlich engherzigen Verschwörungspraktiker Ken Jebsen. Weil der seine neoliberale Weltsicht allerdings etwas vulgärer unters Herrenvolk prügelt, hat Youtube dessen Kanal KenFM nun ganz gesperrt. Aber vielleicht ja auch nur aus Fürsorge, dass neurechten Geiferern wie ihm sonst ebenso brauner Schleim die Schläfen runterläuft wie Rudi Giuliani in seiner denkwürdigen Pressekonferenz zur Rettung seines Hundehalters Donald Trump. Wie tröstlich war es da, Markus Lanz kurz darauf beim Interview mit Barack Obama in Washington zuzuhören.

Wobei es auch dem ZDF-Moderator zu verdanken ist, dass Christian Drosten den deutschen Medien nach anfänglicher Findungsphase mittlerweile ein ganz gutes Zeugnis, in der Pandemie-Berichterstattung ausstellt. Das hätte auch Conan O’Brian verdient, der vor fast 30 Jahren die Late Night von David Letterman auf NBC geerbt hatte und 2021 seinen Rücktritt ankündigt. Was sein(e) Nachfolger(in) für eine Medienlandschaft vorfindet, bleibt indes umso offener, wenn Buzzfeed die HuffPost vom Muterkonzern Verizon übernommen hat und damit zurück in die Hände von Jonah Peretti fällt, den Tausendsassa der New Yorker Info-Branche.

Die Frischwoche

23. – 19. November

In der Entertainment-Branche tut sich derweil Spannendes. Das ZDF zeigt heute die interaktive Schirach-Verfilmung GOTT, wo wie zuletzt nach Terror das Publikum übers Finale zum Thema Sterbehilfe abstimmen darf. Zu deutlich unattraktiverer Sendezeit um Mitternacht läuft dagegen die Online-Serie #heuldoch um zwei Knastausbrecherinnen, die zufällig vier angeklagte Sexualstraftäter im feministischen Boot-Camp zwangstherapieren.

Tags drauf zeigt Sony AXN den 30-teiligen Neowestern Yellowstone, in dem Kevin Costner als vielgestaltiger Viehzüchter im Kampf gegen alles brilliert, was sein widersprüchliches Idyll in den Hügeln Montanas bedroht. Bei Sky erzählen weibliche Promis von Barbara Steinhaus über Bibiana Steinhaus bis Sarah Kuttner parallel Her Story, also was Frauen hierzulande zu Stars macht. Mit diffuserem Geschlecht hat am Mittwoch Einer wie Erika zu tun. Das leichtfüßige Melodram beleuchtet den realen Fall einer Ski-Weltmeisterin, die sich plötzlich als Mann erweist.

Aber auch für Kinder ist in dieser Woche was dabei. Am Freitag zum Beispiel startet Sat1 seine infantilen Promi-Puppen-Gesangsduette Pretty in Plüsch mit Michelle Hunziker als, nun ja, Michelle Hunziker. Zeitgleich verlagert Disney+ das Leben der ewig stolzen Stute Black Beauty in die Gegenwart und braucht dafür naturgemäß viele geigendekorierte Zeitlupen. Dann nimmt Deutschland ab Sonntag im KiKa nach 18 Jahren der Entbehrung auch noch erstmals am Junior ECS statt. Auweia. Als Kontrast empfehlen wir da doch lieber die britische Serienmördersuche DES mit dem grandiosen David Tennant auf Starzplay empfehlen.

Die Wiederholungen der Woche stehen selbstverständlich im Schatten vom Tatort, der seinen 50. Geburtstag am Sonntag mit dem Dortmunder Doppelpack In der Familie begeht, für die das Münchner Duo Leitmayr/Batic zur Hilfe eilt. Schon heute (22.15 Uhr) holt der WDR nochmals den Schimanski Kuscheltiere von 1982 aus der Kiste. Morgen (23.45, WDR) ermittelt Karnevalsmuffel Bernd Flemming 13 Jahre später in Düsseldorf. Donnerstag (2 Uhr, ARD) steigt Kommissar Trimmel ins Premieren-Taxi nach Leipzig. Und ab Samstag feiert der HR die halbe Nacht mit dem vielleicht schillerndsten Fall Weil sie böse sind (2010) als Krönung.


Böhmermann, King & Kyle MacLachlan

Die Gebrauchtwoche

2. – 8. November

Was für ein gelungenes Bild: Donald Trump, sagte der Amerikanistik-Professor Christoph Ribbat am Samstag im Deutschlandradio, ist wie ein Serienkiller im Horrorfilm: wenn der Kinosaal gerade denkt, er sei endlich besiegt, schnellt seine Hand aus dem Moor. Das lassen wir mal so stehen als Fazit einer Wahlnacht, die sich zur Wahlwoche ausgewachsen hat, locker zum Wahlmonat anschwellen könnte und dabei nicht nur alle Welt, sondern ihre Medien bewegt, nein: schüttelt, alte Gewissheiten inklusive.

Die Ereignisse bei CNN – und ganz besonders dessen Anchor John King – zu verfolgen, war zwar wie immer ein journalistischer Hochgenuss und aus Sicht lückenloser Informationsversorgung unerreicht. Fox News dagegen hat sein (präsidentenhöriges) Publikum mit fast schon seriöser Berichterstattung überrascht und den scheidenden Amtsinhaber gegen sich aufgebracht. Beide blieben übrigens als einzige on air, als sich die Konkurrenz aus einer Rede geschaltet hat, in der Trump unbelegten Wahlbetrug insinuierte.

Nächste Überraschung: RTL. An der Seite seiner ntv-Kollegin Gesa Eberl ging News-Chef Peter Kloeppel Dienstagabend auf Sendung, verlor auch Mittwochmorgen nie die Sachlichkeit im Umgang mit dem Irrsinn und befand sich damit auf dem Niveau von ARZDF, das Jörg Schönenborns widerspenstiger Jackett-Ärmel im Ersten gelegentlich mal senkte, damit aber nicht halb so tief lag war wie Sat1. Der frühere Kohl-Sender berichtete erst um 6 Uhr – nein, nicht so richtig vom Wahlkampf, sondern Influencern auf Malle berichtete.

Lustig auch, wie der Bild-Kanal zum verbalen Boxring erregter Alphamänner wurde, die mit dem verblüffend ruhigen Julian Reichelt um den höchsten Testosteronspiegel stritten. Am lustigsten war aber Jan Böhmermann, dessen Neo Magazin Royal seit Freitag im Zweiten läuft, wo er zwischen heute-show und aspekte sein Talent zur investigativen Komödie beweisen konnte. Eins seiner Spaßobjekte: Michael Wendler, der sich auf Böhmermanns neuem Exklusivkanal Twitter aus dem Kreis intelligenter Wesen verabschiedet hatte – und eben dort nun Abbitte leistet, um bei RTL wieder Geld verdienen zu können, während rechtextreme Querdenker in Leipzig unbehelligt Medienleute verprügeln durften. Schöne neue Welt.

Die Frischwoche

9. – 15. November

Die Frischwoche gerät bei so viel medialer Bedeutsamkeit der gebrauchten fast naturgemäß zur Auflistung:

Montag belegt die ZDF-Komödie Das Unwort mit Iris Berben als Schulaufsicht in einem antisemitischen Streitfall, wie man bitterernste Themen geistreich unterhaltsam macht.

Das genaue Gegenteil zeigt dagegen Kriminalkommissar Nikolas Heldt Mittwoch an gleicher Stelle, wo es auch in Folge 100 auf kindische Art ulkig zugeht.

Parallel versucht sich das Nischenportal SYFY an einer unterhaltsamen Neuinterpretation von Buffy: Wynonna Earp jagt darin die untoten Opfer ihres Ururopas Wyatt.

Im Netflix-Drama Du hast das Leben noch vor dir feiert Sophia Loren tags drauf ihr Comeback als italienische Jüdin, die mithilfe eines Flüchtlingskindes ihre Dämonen besiegt.

Genau 30 Jahre nach Twin Peaks kehrt der wunderbare Agent Dale Cooper Kyle MacLachlan als Theodor D. Roosevelt in der Magenta-Serie Atlantic Crossing zurück,

Ab Freitag zeigt Sky Lovecraft Country über den strukturellen Rassismus der USA in den 50er Jahren auch auf Deutsch, macht die Serie also endlich mal verständlich.

Sonntag dann geht das Netflix-Biopic The Crown in die 4. Staffel mit Auftritt Lady Diana als Kronzeugin einer zusehends entfesselten Aufmerksamkeitsökonomie.

Zugleich geht die nächste ARD-Themenwoche los, deren Titel #wieleben ein bisschen unspezifisch klingt, aber natürlich vor allem auf Corona anspielt.