Ibiza-Video & Miracle Workers

Die Gebrauchtwoche

13. – 19. Mai

Der jüngste Skandal um FPÖ-Vizekanzler Strache, der sich im längst berühmten Ibiza-Video vor versteckter Kamera von einer falschen Oligarchin bestechen ließ – was Jan Böhmermann Wochen zuvor angedeutet hatte, von der Presse aber bis kurz vor der Europawahl geheim gehalten wurde – zeigt erneut wie schwierig es ist, sich im Schützengraben journalistischer Grundprinzipien trittsicher zwischen Überparteilichkeit und Haltung, Pluralismus und Moral, Information und Selektion zu bewegen. Wenn gewissenhafte Reporter über jedes rechtsradikale Stöckchen springen oder im gegenteiligen Fall, die Meinungsfreiheit unterdrücken, wird schließlich gern von allen Seiten auf sie draufgehauen.

Der Bayerische Rundfunk hatte sich diesbezüglich ebenso wie der aus Hessen, Berlin-Brandenburg und Hamburg dafür entschieden, das Empörungsspiel der NPD nicht mitzuspielen und die Ausstrahlung ihrer rassistischen Europawahl-Spots zu  verweigern. Ethisch nachvollziehbar, presserechtlich weniger – so urteilte jetzt das Bayerische Verwaltungsgericht und verdonnerte die Verweigerer dazu, Wahlreklame der verfassungsfeindlichen, doch politisch irrelevanten Partei auszustrahlen. Denn darin wird zwar so über mordende Flüchtlinge gelogen, dass sich die EU-Parlamentsbalken biegen; da im Wahlkampf jedoch Waffengleichheit unterschiedlich einflussreicher Parteien zu herrschen habe, muss ein Fernsehsender und sein Publikum eben selbst Überspitzung am Rande der Volksverhetzung aushalten.

Zumindest, wenn sie nicht gar so drastisch wird wie jener bluttriefende NPD-Clip, den das ZDF nicht senden will und muss. Bei so viel braunem Kalkül, sehnt man sich manchmal fast in die Zeiten rosaroter Selbstberuhigungen zurück, als eine Doris Day mit ihrem unzeitgemäß berufstätigen, emotional indes oft reaktionärem Gefühlsbiedermeier zwei Jahrzehnte Kinokomödie geprägt hat. Dass sie nun im Alter von 97 Jahren gestorben ist, zeigt uns in Dutzenden von Wiederholungen ihrer Klassiker, wie gemütlich Weggucken gelegentlich sein kann. Wie unterhaltsam. Und wie verlogen.

Die Frischwoche

20. – 26. Mai

Während das ZDF nächsten Sonntag in Erinnerung an Days technikolorbuntes Lebenswerk den 150. Pilcher-Film zeigt, empfehlen wir daher explizit zwei 3sat-Dokus, die am Mittwoch eindringlich vorm drohenden Rechtsruck Europas warnen: um 20.15 Uhr Lost in Brexit, gefolgt von Wut auf Brüssel, was Arte tags zuvor zur besten Sendezeit mit Wahlkampf der Wutbürger und anschließend Hinter den Kulissen des Brexit eingeleitet haben wird.

Weil aber selbst in politisch deprimierender Zeit nicht alles bloß nüchtern und sachlich sein sollte, gibt es auch leichte Kost jenseits der Küsten von Cornwall zu sehen. Die neue Netflix-Serie What/if mit der abgetauchten Renée Zellweger in einer Art Unmoralisches Angebot revisited zählt ab Freitag zwar ebenso wenig dazu wie ein achtteiliges Remake von Jean-Jacques Annauds legendärer Romanverfilmung Der Name der Rose parallel auf Sky, die wirklich niemand braucht. Wirklich wunderbar sind aber Steve Buscimi und Daniel Radcliffe als Gott und Engel einer hinreißenden TNT-Serie namens Miracle Workers, die den Himmel als lausig geführtes Mittelstandsunternehmen mit etwas zu viel Einfluss karikiert. Oder auch die Neuauflage der Antikriegsgroteske Catch 22 als Sechsteiler von und mit George Clooney auf Starzplay.

Immerhin akzeptabel ist die ZDF-Komödie Hüftkreisen mit Nancy am Donnerstag (20.15 Uhr) um einen Mann in der Midlife Crisis, was zwar abermals aufwirft, warum Journalisten in der Fernsehfiktion stets entweder skrupellose Aasgeier oder desperate Wracks sind, aber die Fallstricke männlichen Alters sehr unterhaltsam verhandelt. In seiner popkulturellen Scheindramatik leicht wie ein Sommerhit ist die Arte-Doku From Fame to Shame (Freitag, 21.45 Uhr) über den Täuschungsskandal der deutschen Pseudostars Milli Vanilli. Eher gehaltvoll ist dagegen Grenzland vom neuen Stern am Regiehimmel Marvin Kren (4 Blocks). Mit seiner eigenen Mutter Brigitte als österreichische Ermittlerin verarbeitet er darin ebenso virtuos wie kreativ einen Mordfall im Dunstkreis der Flüchtlingsdebatte 2015.

Die Wiederholungen der Woche stammen ebenfalls aus einer Zeit globaler Zerrüttung, versuchten ihr allerdings mit politikfernem Entertainment zu entkommen. In Theo gegen den Rest der Welt zum Beispiel brillierte Marius Müller-Westernhagen 1980 als Antiheld eines herrlich nostalgischen Roadmovies (Donnerstag, 22.25 Uhr, 3sat), das erstaunlicherweise nur fünf Jahre älter ist als Doris Dörries Männer 24 Stunden zuvor an gleicher Stelle. Und weil es keinen Alt-Tatort von Belang gibt, empfehlen wir 48 Stunden danach dort Schimanski alias George in der Räuberpistole Die Katze (1987). Und damit das gesamte Recycling dieser Woche auf 3sat läuft, wird hier mal zu Ernst Lubitschs schwarzweißer Ménage à Trois Rosita von 1923 geraten.

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Feindbild ORF & Feindbild Europa

Die Gebrauchtwoche

6. – 12. Mai

Es ist ein besonders bizarrer Medienskandal einer an bizarren Medienskandalen überreichen Zeit. Während Jungsozialist Kevin Kühnert bis in dezidiert linke Medien hinein dafür gemobbt wird, jungsozialistische Forderungen zu stellen, macht der streitbare ORF-Moderator Armin Wolf in einer besonders bizarren Regierung eines an bizarren Regierungen überreichen Kontinents gerade nur seinen Job – und gerät dafür ins Visier seines Berichtsobjekts. Das kann passieren. Die öffentliche Kommunikation hat ihr (ungeschriebenes) Regelwerk schließlich auch in Österreich so der digitalen Realität angepasst, dass die lautesten Schreihälse jedes Argument niederbrüllen.

Bedenklich wird es allerdings, wenn dieses Berichtsobjekt die rechtsextreme FBÖ ist und vor laufender Kamera Journalisten bedroht, dafür aber vom vermeintlich bloß konservativen Koalitionspartner Sebastian Kurz nicht vom Hof gejagt wird. Wirklich absurd wird dieser Irrsinn jedoch, wenn ihn Armin Wolfs nicht immer diplomatische, aber ähnlich bissige Kollege Jan Böhmermann im ORF mit – zugegeben drastischem Vokabular – anprangert und dafür ausgerechnet vom regierungsamtlich attackierten Sender kritisiert wird. Der Lohn: Österreich rutscht im Ranking der Pressefreiheit ab und belegt, wie sehr sie selbst in Demokratien unterm Beschuss einer enthemmten Diskussionskultur steht.

Eine, an der selbstredend auch social networks schuld sind, jene Hasskatalysatoren, die sich nebenbei grad als Showmaster profilieren. Instragram zum Beispiel, sonst für bildreiche Belanglosigkeiten zuständig, hat mit The Story of Eva die wahre Geschichte eines jüdischen Mädchens im Nationalsozialismus fiktionalisiert und damit wohl mehr junge Menschen als jedes Bildungsprogramm erreicht. Auch Youtube erweitert derweil konsequent sein eigenproduziertes Programm. Und wenn die PR-Plattform Magenta TV mit der italienischen Coming-of-Age-Serie Meine geniale Freundin brilliert, wird deutlich, wie warm sich die Platzhirsche anziehen müssen.

Die Frischwoche

13. – 19. Mai

Sie tun dies immerhin auf einem Feld, das sonst niemand so nachhaltig beackert: seriöse Information. Wie alle öffentlich-rechtlichen Sender kümmert sich zum Beispiel das ZDF rührend um die Europawahl. Donnerstag überträgt es das #tvDuell der Spitzenkandidaten Timmermanns und Weber zur besten Sendezeit, gefolgt vom Schlagabtausch der Konkurrenz aus Grünen, AfD, Linke und FDP. Nachts zuvor um 0.45 Uhr stellt das Zweite dann die Frage Schafft Europa sich ab? und schreibt diese Bedrohung bereits am Dienstag um 20.15 Uhr jenen zu, die Laut, frech, national sind, also parallel dazu auf Arte die Demokratie unter Druck setzen mit ihrem Feindbild Brüssel, wie eine ARD-Doku heute zur Primetime entsprechend heißt.

All dies klingt zwar manchmal so alarmistisch, dass man sich zumindest ein paar Milligramm jener unbeirrbaren Europa-Euphorie wünscht, mit denen der ESC die kontinentale Glückseligkeit feiert. In den Halbfinals, Dienstag/Donnerstag ab 21 Uhr auf One, mehr aber noch beim Endspiel am Samstag live im Ersten, dient Europa aber dennoch wie gewohnt nur als Kulisse popkultureller Aufdringlichkeit. Wer in dieser kommerziellen Endlosschleife gefangen ist, wünscht sich bisweilen womöglich eine Zeitmaschine.

Die haben zwei afroamerikanische Nerds in der Netflix-Dramedy See You Yesterday erfunden, sie entkommen damit allerdings keinem Musikwettbewerb, sondern reisen ab Freitag unter Spike Lees Regie Richtung Vergangenheit, um die Welt zu retten. Wie knapp sie vor 33 Jahren zumindest teilweise vorm Kollaps stand, zeigt die HBO-Serie Chernobyl ab morgen auf Sky. Der halbfiktionale Fünfteiler zeichnet den SuperGAU vom April 1986 minutiös nach, stellt dabei aber nicht den Unfall selbst ins Zentrum, sondern das ignorante Versagen der sowjetischen Bürokratie – brillant verkörpert durch Stellan Skarsgård und Jarred Harris als Antipoden eines bizarren Kampfes gegen Verseuchung und Transparenz.

Mit so viel historischer Bedeutsamkeit können die zwei unterhaltsamsten Filme der Woche aus Deutschland natürlich nicht mithalten. Aber Michael Herbigs Bullyparade auf Sat1 und parallel dazu Joachim Król als eine Art Papa Alfred Tetzlaff ante Portas in der ZDF-Komödie Endlich Witwer sind im Kochtopf leichter Kost absolut vollwertig. Schwere Kost und dennoch unterhaltsam sind die Wiederholungen der Woche: Das legendäre DDR-Drama Jakob, der Lügner (Montag, 22.25 Uhr, 3sat) über einen Geschichtenerzähler, der sich und anderen Juden kurz vorm Einmarsch der Roten Armee 1944 in Polen Mut gemacht hat. Dafür gab es 30 Jahre später die einzige Oscar-Nominierung für eine DDR-Produktion. Lichtjahre von so was entfernt war im Anschluss Klaus Lemkes furioses Frühwerk Rocker, das der Kino-Anarchist 1972 mit echten Motorradhooligans gedreht hat. Jünger ist da der Tatort-Tipp Eine bessere Welt (Montag, 21.45 Uhr, HR) von 2011 mit Nina Kunzendorf und Joachim Król, die den formatüblichen Mord hier erst noch verhindern müssen.


24h Europe: Echtzeit & Wahrhaftigkeit

Europareise

Nach Berlin, Jerusalem und Bayern hat ein gewaltiges Team um den Filmemacher Volker Heise (Foto: RBB) den gesamten Kontinent in Echtzeit erkundet. Das Resultat steht seit Samstag in der Mediathek und ist nicht weniger als ein dokumentarisches Meisterwerk im Dienste vielfältiger Eintracht.

Von Jan Freitag

Der See, in den Rakel und Lovisa am Morgen einer durchwachten Mittsommernacht springen, ist trotz fast pausenloser Junisonne eiskalt –das spürt man am Nebel über Helsinkis Waldboden, das sieht man an den Augen der zwei Schülerinnen, das tönt aus jedem ihrer quietschvergnügten Schreie. Schließlich ist ein Bad um diese Zeit der ideale Wachmacher für sie, für uns, für alle. Denn wer den beiden beim Schwimmenin einem derAbertausend finnischen Gewässer zusieht, hat sich zwölf Monate später samstags vor sechs aus dem Bett geschält, um etwas Beispielloses zu erleben.

Bei Rakel und Lovisa ist es ein sensationell sorgloser, irgendwie aufregender, wiederholt wunderbarer Wochenendfrühsommertag, wie ihn wohl nur Teenager genießen. Bei ihrem Publikum hingegen ist es ein sensationell berauschender, irgendwie unfassbarer, wiederholt sehenswerter Beitrag des Kulturkanals Arte, der es zehn Jahre nach 24h Berlin wieder mal getan hat: einen Mikrokosmos so intensiv unter die Lupe zu nehmen, dass man buchstäblich nicht nur dabei ist, sondern wirklich mittendrin. In 24h Europe.

So heißt die Erweiterung von Volker Heises Panoptikum grundverschiedener, seltsam vertrauter Daseinsentwürfe, die von Deutschlands Hauptstadt übers welthistorisch noch wuchtigere Jerusalem nach Bayern führte und von dort aus nun kontinental erweitert wird. Statt Tempelhof und Tempelberg hat der versierte Dokumentarist am vorigen Samstag von 6 Uhr bis Sonntag um die selbe Zeit also gleich 26 Länder erkundet. Vergleichen mit den vorhergehenden Ausflügen in den Alltag grundverschiedener Menschen auf begrenztem Raum, sagt Volker Heise über diese Perspektiverweiterung, „war ein echter Quantensprung“.

Und weil der so gewaltig war, musste er sich Hilfe suchen. Nach drei vierundzwanzigstündigen Langzeitbeobachtungen als Showrunner hat der Produzent die künstlerische Verantwortung an Britt Beyer und Vassili Silovic abgegeben. Das Konzept jedoch bleibt identisch: Zwischen Island und Kreta, Atlantik und Ural begleiten 45 Teams 60 Protagonisten zwischen 18 und 30 Jahren im Spannungsfeld eines riesig kleinen Lebensraums von gut 10.000 Quadratkilometern Größe, den noch niemand zuvor in dieser Dichte beleuchtet hat.

Nach dem Anbaden der finnischen Schülerinnen zum Beispiel wandern die Kameras vom Plattenbau des russischen Stahlarbeiters Andreij zum Flüchtlingsschiff der italienischen Seenotretterin Chloé und zurück. Sie beobachten Taxifahrer und Geschäftsleute, Azubis und Arbeitslose, Bauern und Ingenieure, Ärzte und Patienten, Tagediebe und Workoholics, Naturliebhaber, Clubgewächse. Und während sich erstaunlich viele der jungenLeute in Empathie und Mitgefühl für andere üben, bereitet sich die hessische AfD-Aktivistin Marie ebenso wie ein polnisches Wehrsportgruppenmitglied eher aufs Gegenteil vor.

So widersprüchliche, zugleich jedoch engverbundene Einzelschicksale verbindet Arte also erneut zu einer soziokulturellen Echtzeitarchäologie, die im Licht der anstehenden Europawahl etwas Beispielloses versucht: Aus maximaler Differenz größtmögliche Nähe zu generieren. Es gehe um ein Gefühl von Verbundenheit, sagt Volker Heise. In 1440 Minuten Konzentrat Hunderter Drehstunden Sendezeit gelingt ihm das erneut mit verblüffendem Unterhaltungswert. Und das, obwohl sich der empathiefördernde Faktor Lokalkolorit auch aus deutscher Sicht auf einen Bruchteil der Charaktere reduziert.

Wie in der Dramaserie Eden, die das Megathema Migration – wenngleich bisweilen etwas konventionell – an gleicher Stelle fiktionalisiert, geht es Heises Team schließlich um neue Sichtachsen im Dienste des europäischen Projekts. Die permanenten Ortswechsel verlangen dem Zuschauer dabei zwar ein hohes Maß an Konzentration ab, der bis in den fünfzehnminütigen Abspann reicht. Wer bis zum Schluss dranbleibt, wird jedoch mit frischem Wind durchs brexit-, populismus, krisenwunde Gemüt belohnt und stellt sich unvermeidbar die Frage, wo das eigentlich noch hinführen soll – 24h Welt oder zurück ins Dorf? „Wir werden sehen“, sagt Volker Heise. Es klingt wie ein Versprechen.


Elsners Tod & Elstners Talk

Die Gebrauchtwoche

22. – 28. April

Schauspieler kommen, Schauspieler gehen, der Lauf des Lebens macht auch vor Film & Fernsehen nicht Halt. Dennoch wirkte die mediale Nekrologie beim Durchsickern von Hannelore Elsners Tod vorigen Dienstag weniger routiniert als üblich. Der Tagesschau war das gar die Spitzenmeldung wert – so wichtig ist Deutschlands letzte Diva trotz aller Durststrecken dank ihres furiosen Spätwerks. Da zudem Martin Böttcher, dem wir Soundtracks wie Winnetou verdanken, und Ken Kercheval, der es als Cliff Barnes ewig mit J.R. zu tun hatte, gestorben sind, war die Woche ein weiterer Beleg fürs Verglühen eines Lagerfeuers, das in der eigenen Asche als Endlosschleife im Nachmittagsprogramm läuft.

Aber gut, immerhin hat es dafür viele Jahre länger gelodert als The Big Bang Theory, die sich relativ schnell nur noch selbst reproduziert hat. Von daher ist es eine gute Nachricht, dass die grotesk beliebte Endlos-Sitcom im Mai mit Folge 279 endet. Doch keine Sorge: Pro7 wird auch weiter ganze Tage mit TBBT-Wiederholungen zubringen. Also das tun, was RTL seit 1996 mit Cobra 11 macht. „Sage und schreibe 7.200 Fahrzeuge“, halluziniert der Sender in einer Pressemeldung, „fanden in der Kult-Serie bereits ein furioses Ende.“ Und weil der Klimawandel bekanntlich nur ein laues Lüftchen im nächsten Supersommer ist, fordert RTL „Fans dazu auf, es ihren Serienhelden gleich zu tun und ihr Gefährt – egal ob Auto, Mofa, Fahrrad, Bobbycar oder Einrad – in den ultimativen Heldentod in einer Cobra 11-Episode zu schicken“.

Wie angenehm muss das Leben sein, wenn man ihm wie RTL weder Ethik noch Moral zugrunde legt. Anders als Arte zum Beispiel, die ihre bedeutsame Doku Gottes missbrauchte Dienerinnen aus der Mediathek nimmt, weil darin die Persönlichkeitsrechte eines mutmaßlich vergewaltigenden Priesters verletzt werden. So moralisch, so ethisch handeln am Ende nur Sender, die – sagen wir – dem europäischen Gedanken derart große Bedeutung beimessen, dass sie ihm gleich 24 Stunden am Stück widmen.

Die Frischwoche

29. April – 5. Mai

Als Steigerung von 24h Berlin und 24h Jerusalem reist der Kulturkanal Samstag ab 6 Uhr nun durch den ganzen Kontinent und beleuchtet mit 45 Drehteams Menschen in 26 Ländern. 24h Europe betreibt also einerseits gigantischen Aufwand für ein recht kleines Publikum. Andererseits ist das die richtige Antwort aufs Zerbröseln europäischer Ideale. Zumindest ein Teil davon. Der andere heißt Eden und fiktionalisiert das Megathema Migration ab Donnerstag an gleicher Stelle sechs Folgen lang aus multiperspektivischer Sicht aller Beteiligten von Flüchtlingen über Politik, Wirtschaft, Justiz bis hin zu Helfern und Schleppern.

Dramaturgisch ist Dominik Molls Drama nach dem Buch von Constantin Lieb etwas bieder geraten; inhaltlich aber könnte es rechts für Empathie sorgen und links für Pragmatismus sorgen, also journalistisches Unterhaltungsfernsehen im besten Sinne sein. Das gelingt dank einer Prise Sarkasmus auch dem ARD-Mittwochsfilm Big Manni. Mit Hans-Jochen Wagner in der Titelrolle macht Niki Stein aus dem realexistierenden Fall Manfred Schmiders, der Staat und Kundschaft in den Neunzigern mit realnichtexistierenden Horizontalbohrern um Milliarden Mark betrogen hat – eine Wirtschaftsgroteske, die schon deshalb wahrhaftig ist, weil Handlung, Orte, Personen bis hin zum Firmennamen FlowTex unverfälscht bleiben.

Ein Attribut, das auch Deutschlands beliebtestem Frauenversteher anhaftet, aber langsam mal totgeritten sein dürfte, wenn Guido Maria Kretschmer ab heute auf Vox die nächste Lifestyleschulung namens Guidos Masterclass moderiert. Den Überflussstolz, der darin wieder gepredigt werden dürfte, nimmt Arte tags drauf in seiner Doku Die Erdzerstörer ins Visier, wo 200 Jahre Industriekapitalismus beleuchtet werden oder wie Andreas Scheuer sagen würde: 200 Jahre Fortschritt, Kreativität und Anreize. Wem so viel Moral lästig ist, kann sich Freitag ja mit der neuen ARD-Reihe Reiterhof Wildenstein um irgendwas mit Intrigen und Liebe sedieren. Oder zeitgleich Al Bundys früherer Dumpfbacke Christina Applegate dabei zusehen, wie sie in der pechschwarzen Netflix-Komödie Dead to Me zehn Folgen den Tod ihres Mannes verarbeitet. Oder Frank Elstner, wie er mit Jan Böhmermann im neuen Youtube-Talk Wetten, das war’s…? über altes und neues Fernsehen diskutiert.

Alternativen bieten wie immer die Wiederholungen der Woche, zum Beispiel Bryan Singers Halbwelt-Dekonstruktion Die üblichen Verdächtigen (Samstag, 22.05 Uhr, Servus), mit der 1995 ein gewisser Kevin Spacey weltberühmt wurde. Das war die Hauptfigur im Untergang (Sonntag, 20.15 Uhr, Arte) zwar schon vor 2004. Durch Oliver Hirschbiegels Führerbunker-Revue bekam sie jedoch ein menschliches Antlitz. Gleich im Anschluss um 22.45 Uhr zeigt Arte das Biopic Fritz Lang, den Heino Ferch als Forscher seiner eigenen Abgründe in Schwarzweiß verkörpert. Und aus gegebenem Anlass wiederholt der WDR am Dienstag (22 Uhr) den Tatort: Alptraum, in dem Hannelore Elsner 1997 zum zweiten und letzten Mal die Hamburger Kommissarin Lea Sommer spielte.


Notre-Dame & Sabine Postel

Die Gebrauchtwoche

15. – 21. April

Disaster Porn ist ähnlich wie Herdprämie für die staatlich alimentierte Hausfrauenehe ein Begriff, der Kritikern gesellschaftlicher Missstände von den Kritisierten um die Ohren gehauen wird. Katastrophenpornografie bezeichnet nämlich den Hang vieler Medien, die Zahl der freigeräumten Sendezeit und Zeitungsseiten von Opferzahlen und Knalleffekten abhängig zu machen. Deshalb schaffen es Busunglücke wie das in Madeira vom Mittwoch selbst dann die Schlagzeilen dominiert, wenn sie im hinterletzten Winkel Südasiens geschehen, was im Umkehrschluss bedeutet: Der gewöhnliche Überlebenskampf vor Ort interessiert leider nur dann, wenn die Liedtragenden zufällig alle auf einmal, statt tagtäglich sterben.

In diesem Licht der Aufmerksamkeitsindustrie muss man – obwohl dort niemand körperlich zu Schaden kam – auch den Brand der Kathedrale Notre-Dame sehen. ARD und ZDF wird nämlich wie bei so vielen Breaking News vorgeworfen, ihr Programm nicht flugs unterbrochen und vom Flammenherd berichtet zu haben. Hier allerdings liegt die Sache ein wenig anders. In Paris brannte nämlich ein Gotteshaus, wenngleich ein wichtiges. Punkt. Darüber haben die öffentlich-rechtlichen Sender, wie auch das Medienmagazin DWDL kommentiert, absolut angemessen berichtet und damit ihrem Staatsauftrag ausreichend genüge geleistet.

Was man im Rückblick eher weniger von der Art und Weise sagen kann, wie das ZDF mit seinem Nischenzugpferd Jan Böhmermann in der Affäre ums so genannte Schmähgedicht gegen Reccep Tayyip Erdoğan umgegangen ist. Und jetzt hat der Moderator auch noch vorm Berliner Landgericht gegen Angela Merkel verloren, die ihm damals öffentlich vorgeworfen hatte, den türkischen Staatspräsidenten „bewusst verletzt“ zu haben. Dabei ist Böhmermann einer der ganz wenigen, die mit etwas mehr Wertschätzung von Politik und Sendern den anhaltenden Abstieg des alten Leitmediums verlangsamen könnte. Erstmals wird die Internetnutzung demnächst nämlich die des Fernsehens auf dann gut 170 Minuten täglich überholen.

Wo genau in diesem Wettstreit Game of Thrones steht, ist ungeklärt. Produziert vom analogen HBO, ging die erste Folge der 8. Staffel über den digitalen Server von Sky auf Sendung – was am beispiellosen Hype wenig änderte, obwohl das Finale bislang alles andere als weltbewegend war. Das kann man von dem der Bremer Tatort-Ermittler Lürsen und Stedefreund nicht behaupten.

Die Frischwoche

22. – 28. April

Wenn sich Sabine Postel und Oliver Mommsen heute nach 18 Jahren vom harmonischsten aller Duos verabschieden, gibt es (versprochen!) einen Fall voller Knalleffekte mit (versprochener!) furiosem Abgang der Darsteller. Einerseits: absolut angemessen! Andererseits: so überdreht steigt die Neue im Dresdner Tatort am nächsten Sonntag sogar ein, was der wunderbaren Cornelia Groeschel folglich einen vogelwilden, aber wirklich würdigen Start in ihrer Heimatstadt gewährt. Wie immer an der Grenze zum bloßen Klamauk ist Tim Burtons Ode an die menschliche Besonderheit auf seiner Insel der besonderen Kinder, die Sat1 zeitgleich zeigt.

Zwei Stunden zuvor dürfen wir dem Syrer Firas Alshater in der ZDF-Reportage Ach, du liebes Heimatland bei seiner entzückenden Rundreise durch seine Wahlheimat D und dessen ursprünglich „christliche“ ominöse „Leitkultur“ zusehen. Dazu zählt mit etwas mehr Fantasie, als Leitkulturfans oft haben, auch die Jugendkultur, der sich die RTL-Plattform TV Now ab Samstag mit der – so heißt das ernsthaft: „Young Adults“-Serie Wir sind jetzt! beschäftigt. Eine Schar sehr moderner Spätteenies versucht hier vier Teile lang, erwachsen zu werden, ohne erwachsen zu werden. Bisschen aufdringlich, aber von peer to peer, also offenbar authentisch.

Das gilt auch für den Nachfolger von Zimmer frei im WDR. Ab Sonntag (22.45 Uhr) sucht Moderatorin Lisa Feller mit einem Psychologen Das Tier in dir, also das zoologische Äquivalent ausgesuchter Kandidaten – zum Auftakt: Thomas Anders und, äh, Rudolf Mooshammers Pudel? Überraschenderweise ebenfalls im Dritten läuft morgen (22 Uhr, BR) Das Wunder von Wörgl, Urs Eggers realitätsbasiertes Zwischenkriegsmelodram mit Karl Marcowicz als Postbote, der die Weltwirtschaftskrise in seinem Alpendorf mit einer eigenen Währung bekämpft. Vor den Wiederholungen der Woche wäre an dieser Stelle mal die Erörterung nötig, warum ab Freitag auf Sky mit A Discovery of Witches schon wieder eine Fantasyserie mit Hexen startet.

Weil es müßig ist, die Marktmechanismen kommerzieller Angebote zu ergründen, empfehlen wir hier allerdings doch lieber Der mit dem Wolf tanzt (Mittwoch, 20.15 Uhr, Nitro) von und mit und über und unter und durch und neben Kevin Kostner, was 1990 echt schön war, sorry. Was bis in alle Ewigkeit toll sein wird, läuft parallel auf Arte: Jean-Luc Godards Außer Atem (1960) mit dem tollen Jean-Paul Belmondo und der noch tolleren Jean Seberg als Bonnie und Clyde der Nouvelle Vague, gefolgt von Bilderbuch, Godards experimentelles Kompilationsessay von 2018.


Alexa Assange & Beyoncé Kalkofe

Die Gebrauchtwoche

8. – 14. April

Ob du Journalismus hast oder nicht, sagt dir gleich das (Rampen-)Licht. Als würde Michael Schanze noch immer Plopp machen, poppten am vorigen Donnerstag Bekundungen am Bildschirm auf, die wie so oft Frage aufwerfen, wo denn nun die Politik endet und wo Berichterstattung beginnt. Nach der überraschenden Festnahme von Julian Assange zum Beispiel versicherte sein Chefredakteur Kristinn Hrafnsson vor Ecuadors Londoner Botschaft, „it’s journalism“, der den Wikileaks-Gründer 2012 ins politische Asyl getrieben hätte – und das, obwohl die Plattform Nachrichten nicht wie klassische Medien kuratiert, sondern lückenlos raushaut.

Nur wenig später dann kürte die World Press Photo Association ein Pressefoto als bestes der vergangenen zwölf Monate, das ein weinendes Mädchen aus Honduras zeigt, dem Donald Trump gerade an der mexikanischen Grenze die Mutter nimmt. Auch da fragt sich, ob die Jury wirklich John Moores spannend verschatteten Schnappschuss prämiert oder doch die soziokulturelle, Spötter könnten meinen: melodramatische Metaebene? Heulende Kinder gehen schließlich immer, so wie das Leid seit Jahrzehnten die Wahl zum Weltpressefoto ebenso dominiert wie die Arbeit einer wichtigen – aber auch journalistischen? – Plattform wie Wikileaks. An einem eiskalten Apriltag des Jahres 2019 merkte man also aufs Neue, wie schwierig es ist, die Gegenwart in Bilder, geschweige denn Worte zu fassen.

Ob Amazons maximal invasive Sprachassistentin Alexa ein Modulationssystem digitaler Codes ist oder doch bereits Big Sister 4.0 – diese Frage beginnt sich währenddessen Richtung Antwort b) zu klären. Denn wie jetzt bekannt wurde, hören nicht nur Algorithmen mit, wenn wir unseren Alltag sprachorganisieren, sondern Jeff Bezos’ Angestellte, also echte Menschen. China, so zeigt sich, sitzt auch ein bisschen an der amerikanischen Ostküste. Na ja, wenigstens dem abgewrackten Bay Watch-Star David Hasselhoff dürfte Alexa Neugierde egal sein – so lange sie ihm andauernd auf die Nennung seines Namens hin versichert, „David Hasselhoff ist ein Superstar“, wie Boulevardmedien melden, lässt er sich gewiss gern aushorchen.


Die Frischwoche

15. – 21. April

Beyoncé Knowles dagegen dürfte ihren Namen nicht in irgendwas hineinsprechen, um sich ihrer Superstarhaftigkeit zu versichern. Das haben ihr schließlich bereits die Macher des kalifornischen Coachella-Festivals hinlänglich bewiesen, wo sie 2018 der erste farbige Headliner überhaupt war – woraus die geschäftstüchtige Sängerin dann flugs eine Dokumentation gemacht hat. Mittwoch hat Homecoming auf Netflix Premiere und nicht viel mehr Inhalt als Beyoncé beim Beyoncésein, was trotzdem sehenswert ist. Gleiches gilt für eine Doku, in der es um noch mehr nackte Haut geht, als die freizügige Künstlerin sie zu zeigen bereit ist: Ab heute zeigt Sky die – Zufall? – sechsteilige Dokumentation Porn Culture über Sex & Erotik in Film & Fernsehen der vergangenen 70 Jahre.

Um jetzt einfach mal den größtmöglichen Kontrast dazu zu finden, empfehlen wir an dieser Stelle mal Tele 5, das Donnerstag von 22.10 Uhr bis – kein Scherz! – Samstagfrüh um 1.15 Uhr zum 25. Geburtstag Kalkofes Mattscheibe wiederholt, nur unterbrochen von einer großen Primetime-Gala für den Moderator. Wem das dann doch zu viel Gaga-Betankung ist, kann sich Montag um 22.45 Uhr mit einer ernsten ARD-Doku übers Schicksal des deutsch-türkischen Reporters Deniz Yücel versachlichen und das tags drauf beim Arte-Themenabend USA – Rassekrieg und Waffenwahn noch nüchterner werden.

Alternativ kann er auch den dritten Teil der Herr-Lehmann-Reihe am Mittwoch auf gleichem Kanal sehen, wobei Magical Mystery oder die Rückkehr des Karl Schmidt zwar ohne Herrn Lehmann, aber mit Charly Hübner stattfindet, was dank Arne Feldhusens Regie  schlichtweg brillant ist. Dessen langjähriger Chefautor Ralf Husmann hat derweil die Bücher zum vierteiligen Rosenkrieg Merz gegen Merz geschrieben, wofür er ab Donnerstag (22.15 Uhr, ZDF) erstmals seit Stromberg mit seiner männlichen Muse Christoph Maria Herbst (und Annette Frier) arbeitet. Mit einem Zauberer als FBI-Ermittler arbeitet indessen die Prime-Serie Deception ab Samstag, nachdem Arte zwei Tage zuvor die HipHop-Abende mit dem Klassiker Boyz n the Hood von 1991 und anschließendem Konzertfilm von Rappern wie Snoop Dogg, Eminem, Dr. Dre oder Ice Cube (2001) fortgesetzt haben wird.

Was wiederum umstandslos zu den Wiederholungen der Woche überleitet, die am Montag mit Ein süßer Fratz (Montag, 20.15 Uhr, Arte) starten, wo Audrey Hepburn 1957 das Tanzbein mit Fred Astaire schwang, gefolgt vom fünf Jahre älteren Schwarzweißtipp Die Wahrheit über unsere Ehe an gleicher Stelle mit Jean Gabin, der einer Giftmörderin zum Opfer fällt und im Sterben sein Leben resümiert. Bleibt noch die Tatort-Empfehlung, diesmal das selige Frankfurt-Team Kunzendorf/Król in Es ist böse von 2012, was am Dienstag um 22 Uhr im BR schwer unter die Haut geht.


Sturm der Liebe & Schwarzwaldniveau

Die Gebrauchtwoche

1. – 7. April

Wer je bei Galileo miterleben musste, wie ProSieben-Moderator Aiman Abdallah gewissenlose Sauereien wie Billigfernflüge oder Wintererdbeeren als good news gepriesen hat, müsste zwar vorsichtig sein, wenn es gute Nachrichten im leichten Fach gibt, aber diese hier sind echt bemerkenswert: Das ZDF stellt nach 109 Folgen in 14 Jahren Der Kriminalist ein und die Jugendabteilung Neo nach 6.042.924 Folgen in 140 Jahren Inspector Barneby. Das Erste dagegen kippt bedenkenlos den soziokulturell bedeutsamen Dauerbrenner Lindenstraße vom Sender, gibt aber 400 neue Folgen Rote Rosen und Sturm der Liebe in Auftrag, was ungefähr so deprimierend ist wie die Tatsache, dass der Bauer-Verlag ein Rätselmagazin namens PILAWA mit richtig großen Buchstaben herausbringt.

Aber all dies wäre kaum der Rede wert, hätte sich das Massenfernsehen nicht so willenlos der Lächerlichkeit preisgegeben, als es Greta Thunberg zuvor eine Goldene Kamera für Klimaschutz verliehen hat. Klingt nobel. Doch wie die Schülerin der anwesenden Filmbranche auf dem Podium eigenes Versagen vorwarf und dafür aasigen Applaus erntete, wie sie das Ende fossiler Vergeudung auch im Showbiz forderte und später zusehen musste, wie – kein Witz – ein SUV als Goodie verschenkt wurde, wie sich die ganze Veranstaltung somit in zynischem Irrsinn auflöste, das brachte die Verlogenheit der vielfliegenden, designtragenden, ressourcenintensiven Branche gut auf den Punkt.

Vielleicht ist es da doch keine so schlechte Idee, dass Facebook den Platzhirschen mit der angekündigten Eröffnung eines Nachrichtenkanals weiter Dampf macht. Von den Privatsendern ist diesbezüglich weniger zu erwarten; schon, weil die sich lieber mit Streamingportalen messen wollen, wie der neue RTL-Chef Thomas Rabe nach dem angeblich freiwilligen Rückzug von Gruppen-CEO Bert Habets – als erste Amtshandlung verkünden ließ.

Die Frischwoche

8. – 14. April

Ob das was nützt, wenn selbst schwedische Netflix-Eigenproduktionen wie das sechsteilige Amoklauf-Psychogramm Quicksand ganz ohne Nordic Noir-Sterotypen fesseln oder die amerikanische Dramedy Ein besonderes Leben ab Freitag einen schwulen Behinderten jenseits aller Klischees zur Hauptfigur macht? Im ZDF läuft dagegen ein Zweiteiler mit – steht zu befürchten: Reihenpotenzial. Vor lauter Suspense heißt er Schwarzwaldkrimi und schafft es Montag plus Mittwoch, selbst gute Schauspielerinnen wie Jessica Schwarz dank des bescheuerten Drehbuchs auf Seifenoperniveau zu drücken.

Parallel dazu gelingt es Sat1 heute um 20.15 Uhr unverhofft gehaltvoll, die weit weniger begabte Sonja Gerhardt als Staatsanwältin im Justizdrama Ein ganz normaler Tag gegen jugendliche Gewaltkriminalität kämpfen zu lassen. Und wo wir vorhin schon kurz beim Thema Nordic Noir waren: Das schwedische Gesellschaftsdrama Stockholm Requiem spielt am Sonntag (22.15 Uhr, ZDF) im jüdischen Viertel der Hauptstadt und ist nicht nur sehr dicht, sondern unter Lisa Ohlins Regie sehr weiblich inszeniert, ohne von Liebe, Lifestyle, Trallala zu handeln.

Doch was immer die Woche von Ranga Yogeshwars extrem lehrreicher KI-Reportage Der große Umbruch (Montag, 22.45 Uhr, ARD) über Shahak Shapiras achtteilige Stand-up-Premiere Shapira Shapira (Dienstag, 23.15 Uhr, Neo) und Joachim Gaucks Spurensuche 30 Jahre Mauerfall drei Stunden zuvor im ZDF bis hin zum mehrtägigen Arte-Schwerpunkt zur HipHop-Kultur ab Freitag, 21.45 Uhr, mit der US-Doku Rize und N.E.R.D. in Concert prägt: es steht im Schatten von – nein, nicht Mario Barth, der Mittwoch auf RTL diesmal unter anderem Jürgen Vogel und Dieter Nuhr dazu bringt, ihre Seele an den populistischen Brachialkomiker zu verlieren; alles spitzt sich auf Game of Thrones zu, dessen letzte Staffel von Sonntag um drei Uhr an scheibchenweise auf Sky verabreicht wird.

Gegen das Finale der erfolgreichsten Serie von heute verblassen sogar die Wiederholungen der Woche wie die erfolgreichste Serie der Neunziger Bay Watch, deren 243 Folgen ab Mittwoch um 15.55 Uhr mit 350 neuen Songs bei Nitro laufen. Oder Franics Ford Coppolas Director’s Cut von Apocalypse Now Redux, der Freitag um 22 Uhr auf 3sat mit 190 Minuten fast so lang ist wie Harry Potters Stein der Weisen bei Sat1. Wobei davon natürlich fast eine Stunde auf Werbung entfällt. Reklamefrei ist dagegen der Zeuge der Anklage (Montag, 20.15 Uhr, Arte) in Schwarzweiß von 1942 mit Cary Grant als Ex-Sträfling in einer stilbildenden Ménage à Trois mit einem Jura-Professor und der schönen Nora (Jean Arthur). Buchstäblich ohne Unterbrechung läuft natürlich auch der Tatort, in diesem Fall Fall Nr. 999 Borowski und das gefallene Mädchen von 2016 (Freitag, 22 Uhr, ARD), als Axel Milberg noch mit der wunderbaren Sibel Kekilli in Kiel ermittelte.