Yellow Days, Midlife, Whoiswelanski

Yellow Days

Wer Funk und Soul nicht auf den Straßen Detroits der Siebziger aufgesogen hat, steht rasch im Verdacht, beides nur auszuschlachten, weil Funk und Soul nun mal noch immer die Dance-Musik beeinflussen wie kaum ein zweites Genre. Für Zeitzeugenschaft ist George van den Broek allerdings viel zu jung und dann auch noch aus Manchester, nicht Michigan. Die nostalgischen Sounds des britischen Stimmwunders könnten also gut als kulturelle Aneignung durchgehen – klängen sie sie nicht so hinreißend nostalgisch wie zuletzt nur bei Anderson .Paak.

Mit einer ganzen Gang Kollaborateure von Kanye West über Raphael Saadiq oder Weldon Irvine bis Shirley Jones und Mac DeMarco schafft es sein neues Album so zu klingen, als bade er mit den Fun Lovin’ Criminals in Barry Whites Jacuzzi. Alles daran ist strikt gestrig, aber nie verstaubt. Porn-Pop mischt sich da ölig schön mit Future-Funk. Selbst dort, wo Yellow Days mit Bishop Nehru Crooner-HipHop macht, atmet A Day in a Yellow Beat eine Art Motown-Duft des Hybrid-Zeitalters. Das Album der Woche für Gestrige von Morgen.

Yellow Days – A Day in a Yellow Beat (Columbia)

Midlife

Nur eine Handvoll Jahre nach den Ursprüngen von Yellow Days, wurzeln auch Midlife im Blumenbeet musikalischer Zitierfreude längst vergangener, aber nie vergehender Zeiten. Als würde das australische Quartett seinen Sound wahllos aus einem schlecht sortierten Filmarchiv der Siebziger angeln, vermischt auch ihr zweites Album kosmisch flatternde Syntesizer mit krautigem Postrock, bis nichts mehr zusammenzupassen scheint. Konjunktiv. Im Indikativ ist Automatik die Quintessenz des strukturierten Found Footage zum Tanzen.

In Vapour zum Beispiel treibt der Klang einer fiebrigen Querflöte Kevin McDowells Gesang über elegischen Blödsinn repitiver Zeilen wie Everybody wants and needs vor sich her, bevor Tomas Shanahan das analog housige Downstream im Anschluss mit funkigem Bass beträufelt, der hier wie dort im Captain-Future-Gedächtnis-Soundtrack durchs All zu hopsen beginnt. Automatisch ist hier gar nichts, es regiert organische Künstlichkeit, ein warm besseelter Space-Jazz der allerfeinsten Sorte, Liebe zum Chaos in kosmischem Ausmaß.

Midlife – Automatic (Heavenly Records)

Whoiswelanski

Und wo wir schon in der Kategorie Retro sind: wenn der Ekklektizismus unserer zitierfreudigen Tage das Wesen des Pop bestimmt, treibt ihn die oberbayerische Band mit dem halbenglischen Namen Whoiswelanski auf die Spitze. Ihr Debütalbum TALK spricht nämlich gar nicht, es sabbelt unablässig vor sich hin und sondert dabei Klang- und Wortzeugs ab, das aufs erste Hören unzusammenhängend wirkt, aufs dritte, vierte hingegen so schlüssig wie ein Nudelsalat mit allem drin, was die Küche grad noch so hergibt für die WG-Party.

Im Grunde pampig, schmeckt der ja auch dann am besten, wenn man sich gegen Mitternacht in Stimmung gesoffen hat. Die elf elektronischen Tracks, von denen fünf nach den Anfangsbuchstaben des Plattentitels, also im Grunde gar nicht benannt sind, klingen mit beliebiger Alltagsprosa unterlegt wie ein geselliger Rausch, von dem die beidenn Schulfreunde Josef Pötzinger und Tobias Weber vermutlich alle seit der 8. Klasse gemeinsam erlebt haben. Kein Werk für die Ewigkeit, aber eines, das den Moment mit wattiertem Gagapop feiert.

Whoiswelanski – TALK (Popup Records)


Sensationsgonnorhoe & Oktoberfeste

Die Gebrauchtwoche

7. – 13. September

Es ist heutzutage gar nicht mehr so einfach, mit Populismus Quote zu machen, aber die Bild, genauer: deren leitender Sandkastenrabauke verwandelt den Bruch aller journalistischen, ethischen, humanistischen Regeln immer noch spielend in Auflage. Wobei nach dem jüngsten Tiefpunkt redaktioneller Menschenverachtung weiter offen bleibt, was schlimmer war: Die Tatsache, öffentlich aus dem Chatverlauf eines Elfjährigen zu zitieren, der den Kindermord von Solingen überlebt hatte? Julian Reichelts rückgratlose Erklärung, die Ermittlungsbehörden seien schuld an seiner Sensationsgonorrhoe? Oder vielleicht doch RTL?

Während es das Springer-Blatt beim Veröffentlichen des Chatverlaufs beließ, hat der Privatsender das Kind sogar vor seine Kameras gezerrt. Diese Informationsonanie ist von derart infamer Verantwortungslosigkeit, dass man sich fragen muss, wie Friede Springer in den Spiegel blicken kann. Andererseits befinden sich ihre Medien im Wettlauf um Aufmerksamkeit, den auch seriösere Konkurrenten nicht scheuen. Die ARD etwa hat beim halsbrecherischen Auftakt der Tour de France jeden der vielen Stürze dutzendfach in Zeitlupe gezeigt, was ihr Eurosport gleichtat, nachdem Novak Djokovic bei den US-Open eine Linienrichterin am Hals getroffen hatte.

Angesichts solcher Chronistenpflichtexzesse wirkt die Aufregung über Hengemah Yaghoobifarahs missratenen, aber haltungsstarken taz-Kommentar zur Polizei-Entsorgung umso politischer motiviert. Immerhin hat der Presserat nun entschieden, er sei von der Meinungsfreiheit gedeckt – was den lautesten der 382 Beschwerdeführer nicht davon abhielt, die Entscheidung als „unerträgliche Verharmlosung“ anzugreifen.

Wer wüsste schließlich besser als Horst Seehofer, dass noch kein Uniformierter der deutschen Geschichte je ein Unrecht begangen hat… Und damit zur schönsten Nachricht der Woche: nach 14 Jahren endet die Reality-Soap Keeping Up With The Kardashians, die den US-armenischen Clan zwar märchenhaft reich, das Medium dagegen bettelarm gemacht hat. 2006, nur zur Erinnerung, prägte das lineare Fernsehen die Sehgewohnheiten noch mit historischen Mehrteilern von der Luftbrücke bis zur Flucht.

Die Frischwoche

14. – 20. September

Ein, zwei TV-Revolutionen später werden sie von Streamingdiensten dominiert. Das Erste aber füllt sein Programm auch 2020 weiter mit History-Events wie Oktoberfest 1900. Ab Dienstag ersetzt es die Originalkirmes drei Abende lang durch klischeehafte Kulissenschieberei, als habe das Internet die Filmästhetik unberührt gelassen.

Dort aber entstehen Serien, die wirklich unterhaltsam, bedeutsam, manchmal gar beides in einem sind. Ab Donnerstag auf Netflix zum Beispiel Das letzte Wort mit Anke Engelke als tragikomische Trauerrednerin im Bestattungsinstitut von Thorsten Merten. Oder das siebenteilige HBO-Psychodrama The Third Day, eine Art Lost ohne Flugzeugabsturz mit Jude Law, ab Dienstag auf Sky. Zwischendurch zeigt TNT Ridley Scotts postapokalyptische SciFi-Dystopie Raised by Wolfs über die künftige Besiedlung eines Exoplaneten, während der Freitag wie üblich gleich reihenweise Neuerscheinungen sammelt.

Netflix geht mit der Krankenhaushorrorserie Ratched und dem achtteiligen Spin-Off Jurassic World online. Parallel dazu zeigt (kauft nicht bei) Amazon Prime die heitere Binnensicht der Schauspielbranche Für Umme und begibt sich mit der Doku All In übers abstruse Wahlrecht der USA tief aufs öffentlich-rechtliche Gebiet informationeller Kompetenz, die das ZDF am Dienstag (20.15 Uhr) mit Der unterschätzte Präsident beweist, wenn Florian Huber und Carsten Oblaender Donald Trumps Präsidentschaft aus Sicht seiner Fans dokumentieren. Gut 24 Stunden, bevor Richard David Precht am Sonntag (23.45 Uhr) zum 50 Mal (diesmal mit Rezo) populärwissenschaftlich über tiefgründige Fragen (die Medien) philosophiert, macht ProSieben in Stefan Raabs Casting-Show Fame Maker auf sich aufmerksam, wo Luke Mockridge, Carolin Kebekus und Teddy Teclebrhan Showtalente ohne Ton erkennen.

Mehr Ton (und Niveau) sind die Wiederholungen der Woche: Von 1966 ist der Cocktailkleid-Klassiker Arabeske (Samstag, 23.30 Uhr, RBB) mit Gregory Peck und Sophia Loren. Erst acht wurde dagegen Rainer Kaufmanns verstörendes Männermachtpsychogramm Operation Zucker (Mittwoch, 2.10 Uhr, ARD). Ungefähr dazwischen liegt tags zuvor (23.45 Uhr, WDR) Der unsichtbare Gegner mit Horst Schimanski Anfang der Achtziger, gefolgt von Hansjörg Felmy in Der Feinkosthändler Ende der Siebziger.


Annie Taylor, All Them Witches, Tricky

Annie Taylor

Die Schweiz ist für so einiges bekannt, was seinen Ursprung fernab der Berge hat. Schokolade zum Beispiel, dessen Rohstoff eher selten auf Almwiesen wächst. Dazu Plebiszite altgriechischer und Finanzen amerikanischer Herkunft. Da sollte es also nicht überraschen, wenn das Land ohne Küsten kalifornischen Surf-Rock hervorbringt, der es auch ohne Copyright spielend mit dem Westküstenoriginal aufnehmen kann. Annie Taylor heißt die Züricher Band um Sängerin Gingi Jungi und nein, ihr Debütalbum klingt auch nicht innovativer als Schoki, Volksbefragung, Bankgeheimnis.

Dennoch hat Sweet Mortality einen Drive, der selbst im breitgetretenen Genre psychedelischer Krautpunk-Variationen selten ist. Mit fast schon funkigem Bass, treiben zwei hochverzerrte Gitarren ein Schlagzeug vor sich her oder umgekehrt, als hätten sich die Beach Boys mit Sleater Kinney und Warpaint am Strand verabredet, um die Trashmen aus dem Sand zu graben. Mal rotzig, mal tranig betet das Quartett mit One-Two-Three-Four-Akkorden die Sonne an, ohne sich im Tempo zu verlieren. Das ist nicht neu, es ist auch nicht perfekt. Aber gerade deshalb macht es ungeheuer Spaß.

Annie Taylor – Sweet Mortality (Taxi Gauche Records)

All Them Witches

Womit wir beim staubigen Pendant sandiger Musik wären: Stoner. Ob der Gitarrenbrei Spaß macht, kann man Hardcore-Fans beim effektreduzierten Headbangen durch die Wände ihrer Matten ja in der Regel nicht am Gesicht ablesen, aber der Mix aus sedierten Riffs und Vocals hinter meterdicken Walls of Sound ist schon auch für Außenstehende irgendwie ergreifend. Gerade, wenn sie von Virtuosen wie All Them Witches errichtet wird. Auch auf dem sechsten Album seit 2012 baut die Band aus Nashville ja Mauern ins Untergeschoss des Bewusstseins, ohne sich dahinter zu verschanzen.

Während sich Stücke wie Saturnine & Iron Jaw oder See You Next Fall anfangs wie ein Tinnitus durchs Gehirn sägen, nimmt Fast-Forward-Rock wie Enemy of my Enemy keine Umwege ins Großhirn, bevor es sich der Easy Listening Grunge Everest im Anschluss fast schon gemütlich macht. Zusammen schafft es Nothing as the Ideal acht Stücke lang, alle Zonen der Wahrnehmung mit verstörend düsteren Riffs zu durchforsten, bis daraus eines der vielleicht abwechslungsreichsten Alben dieses oft etwa monochromen Genres wird.

Alle Them Witches – Nothing as the Ideal (New West Records)

Hype der Woche

Tricky

Seltsamerweise ist man bei den Stichworten “monochrom” oder “Abwechsung”, “verstörend” und “düster” nicht allzu weit weg vom prominentesten Vertreter einer völlig anderen Stilrichtung, die dem Stoner dennoch irgendwie wesensverwandt ist, nur eben mit einer ganz anderen Dringlichkeit: Tricky. Seit mindestens 3000 Jahren schon macht der Brite aus Bristol eine Art TripHop, die das Gemüt durchkriecht wie flüssige Watte. Da ist es überaus bemerkenswert, dass sein neues, 13. Album Fall to Pieces (False Idols) mithilfe der Sängerin Marta Momente beschwinger Leichtigkeit ins getragene Breakbeatgerüst spinnt. Angeblich soll Adrian Nicholas Matthews Thaws bei der Produktion sogar erstmals in 51 Jahren gelacht haben. ist nur ein Gerücht und vermutlich Blödsinn. Aber seiner Platte hat es offenbar gut getan.


Gökdemir & Zimmermann: heute-up:date

Augenringe verraten so einiges

Im heute journal up:date stehen seit dieser Woche erstmals zwei Frauen allein im Nachrichtenrampenlicht des ZDF: Hanna Zimmermann und Nazan Gökdemir (Foto: ZDF/Witte/Weddig). Ein Gespräch mit den zwei Info-Profis über Gleichberechtigung, Bildsprache, Augenringe und Disziplin im Schichtbetrieb.

Von Jan Freitag

Frau Zimmermann, Frau Gökdemir, haben Sie je von Angelika Hinsch und Petra Welling gehört?

Hanna Zimmermann: Nein.

Nazan Gökdemir: Sollten wir?

So heißt die weibliche Doppelspitze im Stückgutverband Systemlogistik Paderborn. Was sagt es über die Gleichberechtigung in unserer Gesellschaft aus, wenn selbst Männerdomänen mittlerweile von zwei Frauen geführt werden?

Zimmermann: Mir sagt es vor allem, dass es aber auch mal Zeit wird.

Gökdemir: Und entsprechend Zeit, so etwas nicht mehr ständig thematisieren zu müssen.

Sie klingen jetzt beide so kurzangebunden, als wäre Ihnen die Vorreiterinnenrolle irgendwie unangenehm. Dient die Tatsache, dass es nach der taz und der freundin nun auch beim heute-journal up:date eine weibliche Doppelspitze gibt, nicht unweigerlich dem Kampf um Gleichberechtigung in den Medien und damit der Gesellschaft?

Gökdemir: Der Kampf für mehr Gleichberechtigung sollte stets geschlechterunabhängig sein.

Zimmermann: Dass Frauen Führungspositionen übernehmen oder auch mal zwei Frauen eine Nachrichtensendung moderieren, sollte ja eigentlich nichts Besonderes sein.

Gökdemir: Zwei Moderatorinnen und eine mit Migrationshintergrund. Ich ahne, dass Sie mich gleich auch noch auf meine türkische Herkunft ansprechen.

Sie kommen mir da in der Tat zuvor.

Gökdemir: Grundsätzlich will ich im Zusammenhang mit meiner Arbeit vor allem als Journalistin wahrgenommen werden. Ich bin Frau, Gastarbeiterkind und noch so vieles mehr, und ich habe eine gewisse Sensibilität für gesellschaftliche Themen und Probleme. Wenn ich anderen Mut machen kann – umso besser. Aber in einer Nachrichtensendung spielt meine Herkunft keine Rolle.

Worum genau geht es darin denn?

Zimmermann: Der Name der Sendung trifft es gut. Wir liefern zur späten Stunde ein Update, also den neusten Stand der wichtigsten Nachrichten des Tages. Wenn nach dem „heute journal“ noch etwas passiert, dann berichten wird natürlich darüber. Und das geschieht öfter als man denkt. Beispielsweise, wenn ein EU-Gipfel wieder bis in die Nacht hinein dauert oder bei Nachrichten aus den USA wegen der Zeitverschiebung.

Gökdemir: Wir wollen zu später Stunde die wichtigsten Nachrichten des Tages zusammenfassen: verständlich, gut verdaulich und auch packend. So wie das heute-journal das Flaggschiff der Primetime ist, sollte das up:date das Flaggschiff der Late-Night sein.

Also keine Vertiefung, sondern Fortsetzung?

Gökdemir: Die Herausforderung ist definitiv, das heute-journal um weitere Perspektiven, O-Töne, Informationen zu bereichern. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir denselben Aufmacher haben, ist groß. Aber unter aktualisierten Gesichtspunkten.

Zimmermann: Wir werden Themen auch vertiefen, durch erklärende Grafiken und Videos, zum Teil auch mit einem etwas anderen Schwerpunkt als am Abend.

Bei Ihrer Referenzgröße, der abgesetzten Nachrichtensendung heute+, hatte man angesichts der modernen Bild- und Tonsprache gelegentlich das Gefühl, hier wird Fernsehen für jene gemacht, die gar nicht mehr fernsehen.

Zimmermann: Dazu muss man wissen, dass sich einiges, was früher auf diesem späten, etwas experimentelleren Sendeplatz gelaufen und gut angekommen ist, später auch in anderen Sendungen des ZDF-Programms gefunden hat.

Gökdemir: Andererseits machen wir auch mit moderner Bildsprache und passender Tonalität Programm für alle Altersgruppen. Wer kurz vor Mitternacht noch wach ist und sich informieren will, schaltet uns ein. Aber sowohl Hanna, die ja schon heute+ gemacht hatte, also auch ich als Moderatorin des Arte Journal, haben unsere eigene, subjektive und manchmal augenzwinkernde Ansprache.

Wie konsumieren Sie selber denn Informationen?

Zimmermann: Ich konsumiere Nachrichten auf unterschiedlichsten Wegen. Das Fernsehen gehört natürlich dazu, wobei ich Sendungen nicht nur zu einer bestimmten Uhrzeit im linearen Programm sehe, sondern oft auch zeitversetzt in der Mediathek, zum Beispiel auf meinem Smartphone. Außerdem höre ich gern Radio, lese Onlinemedien und nutze auch Twitter als Informationsquelle.

Gökdemir: Bei mir wird auch alles von Online über Radio und Zeitungen konsumiert. Und zwar nicht, weil ich es muss, sondern weil ich es will.

Und beruflich kommen Sie mit der Nachtschicht klar?

Gökdemir: Da müssen Sie mich in zwei Monaten noch mal fragen. Augenringe verraten so einiges…

Zimmermann: Ich kenne das ja schon. Es hilft auf jeden Fall, wenn man wie ich eher nicht der frühe Vogel ist, sondern die Nachteule.  So oder so ist aber auch etwas Disziplin gefragt. Nach der Sendung sollte man nicht mehr zu lange wach bleiben, damit man genug Schlaf bekommt.

Gökdemir: Also ich komme lieber spät von der Arbeit nach Hause, als dass ich früh zur Arbeit muss.


Experte Drosten & Mensch Beckenbauer

Die Gebrauchtwoche

31. Juli – 6. August

Haider hieß mal Wix, Attila heißt jetzt Hitler und der Kommentar nun Meinung. Zumindest in den Tagesthemen, wo die persönliche Sicht der Redakteure künftig stärker als solche gekennzeichnet wird. Beispielsweise über Deutschlands derzeit gernegrößten Verschwörungsmystiker Hildmann, den das Satire-Portal Postillon als heimlichen Kumpel von Angela Merkel dargestellt, also mit seiner eigenen Lügen-Keule geschlagen hat. Eine Waffe übrigens, die Facebook und Twitter teilweise entschärft haben, als sie das News-Portal Peacedata – mutmaßlich befüllt von Trollen russischer Herkunft – sperrten.

Dass der legendäre NDR-Podcast von Deutschlands derzeit ungernegrößtem Corona-Fachmann Christian Drosten – unterstützt von der ausgewiesenen Fachfrau Sandra Ciesek – parallel dazu aus dem selbstverordneten Medienexil zurückgekehrt ist, wird da zur Nebenpointe dieser elendig ernsten Pandemie und somit drittlustigsten nach der Ankündigung von Netflix, die palastflüchtigen Ex-Royals Meghan & Harry zu Protagonist*inn*en mehrerer Streamingformate bislang noch offenen Inhalts zu machen. Die allerlustigste lieferte dagegen mal wieder ein anderer.

In seinem Morning Briefing klagte ausgerechnet Gabor Steingart, bei ihrer Berichterstattung über die Querdenker-Demo mit Reichstags-Brise hätten viele Kolleg*inn*en „Neugier durch Haltung“ ersetzt. Wer sich „im geistigen Ideenraum eines Journalisten“ befinde, sägt der selbstkritikunfähigste Salonpopulist im Berliner Politikbetrieb fröhlich weiter am Ast des eigenen Elfenbeinturms, „darf mit öffentlicher Belobigung rechnen“. Wer sich dagegen außerhalb dieser „Kathedrale aufhält, dem versucht man mit den Methoden des Exorzismus beizukommen“. Na Amen.

Na toll: Die New York Times schafft nach 81 Jahren ihr Fernsehprogramm im Feuilleton ab und holt somit auf dem aussterbenden Medium Papier eine Schaufel mehr aus dem Grab des aussterbenden Mediums Fernsehen. Auch wenn es zuweilen noch mal Überlebenswillen zeigt, indem es sich auf seine Stärken besinnt. Zu denen nämlich zählt unmissverständlich die seriöse Sachinformation.

Die Frischwoche

7.  13. August

Und weil sie dank als eine der Gewinnerinnen aus der Pandemie hervorgehen dürfte, werden die Tagesthemen heute um fünf und freitags weitere zehn Minuten verlängert, während das heute-journal um Mitternacht ein up:date mit dem Moderationsdoppel Hanna Zimmermann und Nazan Gökdemir erhält. Ob das BR-Porträt Der Ball war mein Freund zwei Stunden zuvor den 75. von Mensch Beckenbauer (Dienstag, 20.15 Uhr) ZDF ohne Thomas Schadts kaiserliche Arschkriecherei vor fünf Jahren feiert, bleibt abzuwarten.

Aber als Kontrast werfen wir einen Blick auf Sat1, das sich mal als ernstzunehmende Konkurrenz öffentlich-rechtlicher Nachrichtenkompetenz begriff, jetzt aber nur noch gequirlten Promi-Mist wie Festspiele der Reality-Stars (Freitag) anrührt, den Prodigal Son, eine Art Serien-Spin-Off vom Schweigen der Lämmer, tags zuvor auch nicht aufzuwerten vermag. Dieser bemitleidenswerte Qualitätsabfall ist umso bedauerlicher, als das frühere Beiboot dem Mutterschiff mit Joko & Klaas gegen ProSieben ab Dienstag mal wieder qualitativ den Rang abläuft.

Und das Konkurrenz-Entertainment? Die ARD zeigt morgen (22.50 Uhr) das queere Gangster-Spin-Off Bonnie & Bonnie, Starzplay lässt Donnerstag das feministische Plattenladen-Spin-Off High Fidelity folgen, Neo zeigt ab Mittwoch (23.15 Uhr) die deutsch-belgische Dramaserie Missing Lisa, in der acht Folgen lang mal wieder ein verschwundenes Mädchen gesucht wird. Die Wiederholungen der Woche sind dagegen naturgemäß aufgegossen. Etwa zeitgleich auf ServusTV Hotel New Hampshire nach John Irving von 1984 mit Jody Foster und Rob Lowe oder zwei Stunden zuvor Pretty Woman auf Vox, auch schon wieder 30 Jahre alt. Und damit immerhin neun Jahre jünger als der erste von 20 Schimanski-Tatorten, die der WDR dienstags um 22.15 Uhr – morgen der Fall Grenzgänger von 1981 – wiederholt.


Steffen Hallaschka: stern TV & RTL-Formate

Mein Unterhaltungsspielbein

Vor 30 Jahren schrieb Günther Jauch mit stern TV Fernsehgeschichte – bis ihn Steffen Hallaschka 2011 ersetzte. Ein Gespräch mit dem Nachfolger (Foto: RTL) über die großen kleineren Fußstapfen des legendären Vorgängers, Einzelschicksale in Zeiten der Dauerkrise und warum er nie zum heute journal wollte.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Hallaschka, erinnern Sie sich noch an die Nachrichtenlage im Frühjahr 2011, als Sie zu stern TV gegangen sind?

Steffen Hallaschka: Dunkel, das waren ja wirklich ganz andere Zeiten als heute.

Der Arabische Frühling war angebrochen, die AfD noch undenkbar, statt Trump saß Obama im Weißen Haus und Thomas Gottschalk auf der Wettcouch.

Dass eine Partei wie die AfD den gesellschaftlichen Diskurs bald darauf Millimeter um Milli-meter verrückt, war damals in der Tat undenkbar. Umso nostalgischer blicke auch ich auf die Zeit zuvor.

Auch als Journalist, für den die Gegenwart gefährlicher, aber auch interessanter ist?

Vor zehn Jahren war es fraglos ein gemütlicheres, freieres Arbeiten in einem Medium, das viel größere Deutungshoheit und Relevanz besaß als heute. Spätestens 2015 hat die Flüchtlingsthematik unseren Beruf aber bei aller Dramatik auch interessanter gemacht.

Wie hat stern TV seinerzeit auf die Ruhe reagiert, wie reagiert es jetzt auf den Sturm?

Für mich persönlich ging es zunächst darum, als Neuer meine Rolle zu finden. Und da stellte sich gleich die Herausforderung, soziale Medien zu integrieren. Beim Fernsehschlachtschiff stern TV herrschte 2011 noch das Denken, lineares Fernsehen first. Da mussten wir es gemeinsam sowohl inhaltlich als auch optisch digitalisieren. Aber ob Sturm oder Ruhe: es war immer wichtig, Geschichten von Menschen zu erzählen, die beide Wetterlagen erleben.

Aber Sturm ist schon spannender?

Mag sein. Aber wenn Sozialministerin von der Leyen bei uns live im Studio mit Hartz-IV-Empfängern sprach, hatte das eine ganz andere Dringlichkeit als die Expertenrunden der Talkshows. Unser Erfolgsgeheimnis war immer, die Lebensrealität der Menschen abzubilden.

Allerdings ist die vermeintliche Lebensrealität am Einzelfall mit dem Risiko verbunden, sich für den Knalleffekt stets die krassesten Einzelfälle rauszupicken.

Einspruch Euer Ehren. Das klingt in dieser akademischen Formulierung schlüssig, dürfte aber der Einzelfallprüfung nicht standhalten. Wir suchen für gesellschaftlich relevante Themen immer Menschen, die sie individuell zum Ausdruck bringen. Als Erdogan Journalisten verhaften ließ, haben wir genau verfolgt, inwieweit sein Arm da bis Deutschland greift und davon aufs Thema Migration geschlossen.

Sie waren also nie auf der Jagd nach Skandalen, wie stern TV vorgehalten wird?

Uns ging und geht es nie um Skandale, also Effekte, sondern Inhalt. Wenn Themen von Massentierhaltung über Werkverträge bis Mindestlohn als skandalös wahrgenommen werden, liegt das nicht an uns, sondern den Themen. Aber gut, mit solchen Klischees hat ein RTL-Formate schnell mal zu tun.

Hat sich die Sendung verändert, seit Ihres nicht mehr in Drittsendelizenz, sondern von RTL produziert wird?

Könnte man meinen. Aber so wenig, wie uns der Sender 28 Jahren in die Sendung geredet hatte, so wenig geschieht es seit 2018. Wir konnten und können das machen, was die Redaktion für richtig hält. Sie genießt sei 1990 größte journalistische Freiheit.

Auch zehn Jahre, nachdem Sie die Moderation von Günther Jauch übernommen haben, wird das Magazin immer noch mit ihm assoziiert. Spüren Sie seine Fußstapfen noch?

Weil Günther Jauch für eine Ära steht, in der Unterhaltung und Information neu definiert wurden, bleiben die zu Recht spürbar. Aber da meine Schuhe zwei Nummern größer sind, konnte ich mir – ohne überheblich klingen zu wollen – auch in seinen Fußstapfen meinen Platz in der Sendung suchen.

Mussten Sie sich dennoch von seinem Erbe emanzipieren?

Nicht aktiv. Es ging eher um den Langmut, Günther Jauch von selber aus den Köpfen der Zuschauer verschwinden zu lassen. In den ersten sechs Monaten musste die Rotznase vom Dritten Programm zwar eher Abhandlungen lesen, warum sie keine Krawatte trug, als dass man sich inhaltlich mit mir auseinandergesetzt hätte; aber das ist okay. Fernsehzuschauer sind Gewohnheitstiere. Ich bin ja selbst einer.

Gibt es zehn Jahre danach mittlerweile Ermüdungs-, gar Abnutzungserscheinungen?

Nee, das Tolle an der Sendung ist ja, dass sie sich immer wieder neu erfindet, deshalb wird es nie langweilig. Ich habe also noch immer große Lust auf die Sendung. Wer mich vor 2010 gefragt hatte, was ich gern moderieren würde, dem habe ich schließlich „stern TV“ geantwortet.

Jetzt kokettieren Sie…

Nein, das war neben der NDR Talkshow mein Traum. Während ich die jedoch vertretungsweise moderieren durfte, dachte ich, bei stern TV bleibt es einer, weil Jauch das noch 120 Jahre selber macht.

Was hätten Sie geantwortet, wenn Tagesthemen oder heute journal gefragt hätten?

Weil ich mein journalistisches Zuhause im Infotainment sehe, hätte ich zumindest lange überlegen müssen. Ich war nie Nachrichtenredakteur, kein Auslandskorrespondent, hab noch nicht mal eigenverantwortlich Filmbeiträge realisiert. Mir war stets die Verbindung von Unterhaltung und Journalismus wichtig.

Wobei Claus Kleber zusehends zum Entertainer wird und die „Tagesthemen“ nun verlängert werden, um näher am Menschen zu sein, wie es heißt.

Trotzdem bleiben die Unterschiede auch dann groß, wenn die Presenter dort nun Unterkörper haben. Ich schiele ehrlich nicht auf eine öffentlich-rechtliche Nachrichtenkarriere.

Gibt es mit kurz vor 50 trotzdem noch Ziele?

Infotainment ist sicher weiterhin mein Standbein, aber ich würde gerne häufiger mein Unterhaltungsspielbein trainieren. Anfang des Jahres habe ich zwei Live-Shows mit Sasha und Tim Mälzer moderiert, was mir einen Riesenspaß gemacht hat. Auch ein intelligentes Quiz könnte ich mir gut vorstellen.