Trumps Humor & Wedhorns Fritzi

Die Gebrauchtwoche

21. – 27. September

Über Tote, heißt es, solle man nichts Schlechtes sagen. Auch das ZDF beherzigt diese Hybris bürgerlicher Pietät, kennt aber Wege, Verstorbenen dennoch eins mit auf den ins Jenseits zu geben. Anders als pietätlos ist es nämlich nicht zu bezeichnen, womit der Sender am Samstag des frisch verstorbenen Michael Gwisdek gedenkt: Einer Folge Traumschiff. Dem wollte die ARD nicht nachstehen und feiert den Toten – nein, nicht mit Andreas Dresens Nachtgestalten oder Jan Ole Gersters Oh Boy, für die er zu Lebzeiten preisgekrönt wurde, sondern der öligen Komödie Eins ist nicht von dir.

Fast scheint es, also wolle das Öffentlich-Rechtliche von toten Stars nur das Schlechte zeigen. Sendungen also, wie sie auch unter der Führung von Christine Strobl reihenweise bei der Degeto entstehen. Da sie die Süßstofffabrik trotzdem modernisierte, hat eine Breaking News vom Donnerstag durchaus Gewicht: Anfang 2021 beerbet Strobl den quotenbewussten Volker Herres als ARD-Programmdirektor und wird ihrerseits wohl vom noch viel quotenbewussteren NDR-Unterhaltungschef Thomas Schreiber ersetzt.

Mit ihr an der Spitze, könnte die ARD an Bedeutung gewinnen, damit deutsche Preisträger bei den International Emmys nicht mehr von Streamingdiensten, sondern Fernsehsendern stammen. Die Ausbeute von Schitt’s Creek allerdings dürfte schon an der Sprachbarriere scheitern. Als erste Comedy überhaupt gewann die Serie in allen Genre-Kategorien und stellt sogar Game of Thrones in den Schatten – obwohl die Kleinstadt-Groteske der Großstadtkomiker Dan und Eugene Levy (hierzulande auf TV Now) vier Staffeln kaum bemerkt, geschweige denn nominiert wurde.

Am Beispiel TikTok zeigte sich derweil Trumps Humor: Erst drohte er seinem Sandkastenfeind China mit der Schaufel, warf aber nur ein paar Krümel und feierte sich sodann als Härtester im Hort. Schließlich übernimmt die Software-Fabrik des Trump-Fans Larry Ellison das US-Geschäft nur treuhänderisch und schafft zwar einige Jobs im Wahlstaat Texas, mag aber auch nicht dafür garantieren, dass Oracle keine Teenager ausspioniert, womit Ritter Donald seinen Kreuzzug gegen TikTok begründet hatte.

Die Frischwoche

28. September – 4. Oktober

Welche Wähler er damit gewinnen will, hätte man heute bei ProSieben gesehen. Quentin Tarantinos Django Unchained handelt schließlich von Amerikas Rassismus, auf dem die Macht des Präsidenten beruht. Aus gegebenem Anlass allerdings läuft stattdessen die Dokumentation Rechts. deutsch. radikal, in der sich Thilo Mischke zur besten Sendezeit unter Nazis mischt und dabei weit zur Mitte bürgerlicher Faschisten vordringt. Der AfD zum Beispiel, deren Fraktionssprecher im Bundestag Vergasungsfantasien äußerte und dafür sogar entlassen wurde.

Mit dieser Programmänderung zeigt sich ProSieben also abermals als vorletzte Stimme der Vernunft im Privatfernsehen, das meist nur noch auf Niveau des Comedy-Preises funkt, den Freitag erstmals Sat1 überträgt. 24 Stunden zuvor beweist das ZDF, das selbst der Krebs mit etwas Humor unterhaltsam sein kann. Wie Tanja Wedhorns Fritzi sechs Teile zwischen Therapie und Alltag, Trotz und Verzweiflung wechselt, ist bei aller Leichtigkeit verblüffend tiefgründig – und tausendmal bedeutsamer als der neue alte Passau-Krimi um eine Berliner Bullin im bayerischen Zeugenschutz, parallel dazu im Ersten.

Während aus der Welt des Streamings nur die 5. Staffel Billions, mittwochs auf Sky, ratsam ist, holt Tele 5 Samstag (23.10 Uhr) Handmaid’s Tale mit Elisabeth Moth als Gebärmaschine einer misogynen Retrozukunft aus dem Netz. Eine Gesellschaft, die sich allenfalls jene rassistischen Mörder herbeisehnen, denen Diane Kruger in Fatih Akins Aus dem Nichts heute um 22.30 Uhr Rache schwört. Abgesehen vom dänischen Achtteiler Kidnapping (Donnerstag, 21.45 Uhr, Arte) geht es aber vor allem um Deutsch-Deutsches zum 3. Oktober, das Info 45 Minuten zuvor mit einer Doku über Prostitution in der DDR feiert oder das ZDF mit dem Samstagsmelodram Zwischen uns die Mauer.

Pan Tau sieht Sonntag (10.10 Uhr) nur auf den ersten Blick nach einer Wiederholung der Woche aus. Tatsächlich passt das deutsche Remake die tschechische Legende der Gegenwart an. Richtig wiederholt wird dagegen Emmerichs Weltuntergangsschinken 2012 von 2009 (Sonntag, 20.15 Uhr, Neo), gefolgt von Paul Newman und Robert Redford als Butch Cassidy and Sundance Kid (23.20 Uhr, 3sat). Der Tatort, wieder Schimanski, wieder Dienstag (22.15 Uhr) im WDR: Kuscheltiere von 1982.


Yonder Boys, Aaron Taylor, Idles

Yonder Boys

Americana aus der Mark Brandenburg, das klingt ein bisschen wie TikTok made in Texas, also erstmal absurd, aber gut – wir haben komische Zeiten voll komischer Konstellationen, die früher mal unmöglich schienen, jetzt aber genauso realistisch sind wie ein Borderliner als US-Präsident oder wahlweise drei Männer aus Amerika, Chile, Australien, die sich im technoiden Berlin vereinigt haben, um nostalgischen Country-Punk zu machen.

Yonder Boys nennt sich das singende Gitarrenduo aus Jason Serious und David Stewart Ingleton, die der Tausendsassa Tomás Peralta um Kontrabass, Mandoline plus allerlei Schlagwerk ergänzt. Ihr Debütalbum klingt entsprechend nach Surf-Sound für die Prärie. Mit unbedingt lebensbehahender, sehr humorvoller Poesie reiten die Yonder Boys acht Stücke lang im Banjo-Stakkato durchs weite Land und zeigen damit, dass Herkunft nun wirklich nichts mit dem Leben von Menschen zu tun haben muss.

Yonder Boys – Acid Folk (Blue Whale Records)

Aaron Taylor

Während neu interpretierte Traditionals stets einem Konservatismus-Vorbehalt unterliegen, mäandert der Soul seit den Sechzigern so konsequent durch die Popmusik, dass niemand mehr zu sagen vermag, was daran neu ist und was alt. Ob Aaron Taylors Future-Funk also aus der Vergangenheit zu uns kommt oder der Zukunft – dem neuen Album des Londoners mit ghanaisch-karibischen Wurzeln ist das kaum  anzuhören.

Musikalisch zwischen André 3000 und Curtis Blow kratzt seine Schmuse-Gesang über retrospektive Motown-Harmonien, löst sie zwar gelegentlich im Säurebad schiefer Jazz-Sequenzen auf wie in Shooting Star feat. Benni Sings auf. Am Ende findet jeder der elf Tracks jedoch zurück in den hochsommerwarmen Mainstream dieses ubiquitärsten aller massentauglichen Sounds. Läuft gut rein, läuft gut raus, kriegt man irgendwie nie genug von.

Aaron Taylor – Icarus (Edenic Records)

Hype der Woche

Idles

Onomatopoesie ist die Versprachlichung bekannter Geräusche: Tiktak, Dingdong, Klippklapp, süß. Wobei die Wortbilder selbst dann oft arglos klingen, wenn sie wie Peng Schüsse vertonen. Die Onomatopoesie der Idles indes handelt nicht nur von Schießgewehren, sondern Krieg. Krieg auf den Straßen, Krieg in den Köpfen, Krieg überall. Wenn Joe Talbot “Clack clack clack a clang clang! That’s the sound of the gun going bang bang” oder “Tuka tuk tuk tuk tun tuka! That’s the sound of the drone button pusher” proklamiert und danach einfach bloß schreit, wissen wir also, dass sich nicht nur der Opener des dritten Albums im War befindet, sondern ganz Ultra Mono (Partisan Records). Seit ihrem Debüt Brutalism 2017 lässt kaum jemand die Wut über die Wut brachialer, aber auch bedächtiger, reflektierter, klüger raus als das Noise-Quintett aus Bristol. Permanent beschleunigt von Adam Devonshires Bass, geht’s bei aller Gewalt schließlich um Rassismus und Neoliberalismus, toxische Männlichkeit und Machtmissbrauch jeder Art. Großartig wie die Sleaford Mods mit Band. Bamm, Bamm, Bamm!

 


Fernseh-Feature: Dokus & Fiktionen

Im Firlefanz-Fernsehmeer

Wer das lineare Fernseh-Programm früherer Tage betrachtet, findet nicht nur mehr, sondern auch meistens sehr viel komplexere, leisere, anspruchsvollere Dokumentationen zur besseren Sendezeit. Ein Hilferuf gegen die Fiktionalisierung des Sachfilmgenres.

Von Jan Freitag

Wer Volker Herres von der ARD zuhört, könnte meinen, er sei gar keinem Staatsvertrag verpflichtet, sondern nur den Sehgewohnheiten des Publikums. Die könne man zwar „ein Stück weit prägen“, sagte der Programmdirektor mal zur Kritik am nächtlichen Asyl dokumentarischer Formate, „aber niemanden überlisten, geschweige denn nötigen“. Und weil Fernsehen „in hohem Maße daraus“ bestehe, was die Zuschauer davon erwarten, müsse sich auch seine Planung daran orientieren. Herres‘ Tipp an Sachfilmer, die solcherlei Liebedienerei monieren: „Schuster bleib bei deinen Leisten.“

Klingt forsch, klingt resolut, klingt auch ein wenig arrogant. Wonach es indes weniger klingt, ist realitätsfremd – zumindest, wenn man das Jahr 2020 zugrunde legt, in dem sein gereiftes, Spötter korrigieren: greises Kernpublikum Krimis, Krimis, Krimis und abseits des omnipräsenten Live-Sports noch Heimatfilme plus Volksmusik goutieren. Reist man jedoch zurück in jenes monopolistische Zeitalter, als ARD und ZDF das TV-Programm der Gegenwart kalibrierten, waren die Sehgewohnheiten noch andere als, sagen wir: an einem Freitag zur besten Sendezeit.

Im Ersten lief da kürzlich der ortsübliche Alpenkitsch vom Schnulzenhof Degeto, bevor nach den Tagesthemen ein uralter Tatort folgt. Das Zweite öffnet derweil Konserven von Fall für zwei und SOKO Leipzig, weshalb hinter heute-journal und True Crime à la Aufgeklärt erst um 23.15 Uhr Zeit fürs Kulturjournal Aspekte blieb. Und die Dritten? Verfüllten ihre Primetime wie immer mit Standort-PR von Expedition in die Heimat bis 50 Gründe, Südtirol zu lieben. Magazine, Reportagen, Dokus vor zehn? Fehlanzeige! Und übers parallele Angebot der Privatsender hüllen wir an dieser Stelle lieber den Mantel des Schweigens. Ganz anders dagegen ein Freitag, vier Jahrzehnte zuvor.

Als Pro7, Youtube, Netflix allenfalls Illusionen marktradikaler Strategen im erstarrten TV-Betrieb waren, zeigte das Erste um 20.15 Uhr das Dokumentarspiel Manzanar über die Internierung amerikanischer GIs in Pearl Harbour, gefolgt von Plusminus und den Tagesthemen. Das ZDF sendete nach Der Alte ein geistreiches Porträt des Komikers Jerry Lewis, aber stolze 55 Minuten früher als heute Aspekte. Und die Dritten? Adelten ihre Primetime mit Sachfilmen über den NATO-General Gerd Schmückle und ein Schulprojekt in Nizza.

Gewiss, es war die Epoche dreier Kanäle. Den Feierabend diktierte die Hörzu und Rosamunde Pilcher wirkte noch fast so fern wie Stefan Raab, LED-Wände oder Game of Thrones. Trotzdem waren die Zuschauer vorm dualen System, das sie bald darauf lückenlos mit Rot- und Blaulicht versorgte, keineswegs anspruchsvoller, belesener, gar intelligenter als jene von heute, denen Programgestalter wie Volker Herres vorm Anbruch der Müdigkeit fast vollumfänglich leichte Kost meist mit, selten oder Mörder vorsetzt; sie besaßen nur – Obacht – andere Sehgewohnheiten. Fritz Wolf würde womöglich sagen: bessere.

Voriges Jahr hatte der Medienjournalist im Auftrag des Branchenverbandes AG Dok eine Studie zur Lage des Sachfilms am Bildschirm veröffentlicht und beim Deutschlandfunk grollend untermauert. Ganze sieben Prozent der untersuchten Formate, so Wolf, „behandeln gesellschaftspolitisch relevante Themen“, nur drei von 100 nähmen Bezug auf „Wissenschaft und Technik“. Falls sich der Kernbestand informationeller Grundversorgung doch mal ins öffentlich-rechtliche Abendprogramm verirrt, dann bei Nischenkanälen von 3sat bis Arte oder im engen Korsett normierter Reihen wie Menschen hautnah und 37°, wo die goldene Regel form follows function durch universelle Normenkotrolle ad absurdum geführt würde. Weil das Äußere also zusehends wichtiger werde als aller Inhalt, sei die künstlerische, schlimmer noch: die journalistische Freiheit der Kreativen massiv eingeschränkt. Mit Folgen auch fürs Publikum.

Anders als in Zeiten von Alexander Kluge, Edgar Reitz oder Harun Farocki, deren experimenteller Stil bis tief in die Achtzigerjahre hinein trotz sperriger Dramaturgie Topquoten erzielte, müssen sich ihre Nachkommen nicht nur ästhetisch am fiktionalen Film orientieren, um die Aufmerksamkeitsschwelle in Sichtweite zu behalten. Bei Terra X wähnt man sich daher im Actionthriller, während selbst die einst so betulichen Tierfilme meist scheppern wie von Hans Zimmer vertont. Ob Elefanten, Tiger & Co. oder ZDFzoom: Autoren, beklagt Fritz Wolf, seien „kaum mehr als Erfüllungsgehilfen eines Konzepts“, das eher aggressiv ergreifen soll als informativ berühren.

In dieser Art Firlefanz-Fernsehen gehen kompliziertere Dokus, stillere zumal, naturgemäß unter. Immerhin: es gibt sie noch. Das reflexive Medienstück „Wie Holocaust ins Fernsehen kam“ etwa erhielt Anfang des Jahres ebenso den begehrten Grimme-Preis wie die ausgezeichnete Seenotretter-Begleitung SeaWatch3. Bis zum (coronabedingt ohnehin gedimmten) Rampenlicht in Marl allerdings, mussten sich beide mit Erstausstrahlungen nahe Mitternacht begnügen – die Primetime von WDR und NDR war mit standardisiertem Infotainment belegt. Kein Platz also für Berichte mit Irritationspotenzial. Was übrigens selbst dann gilt, wenn Irritation das Grundgefühl einer ganzen Fernsehnation zu sein scheint.

Als Wladimir Putin für die Winterspiele mit tyrannischer Brutalität das subtropische Sotschi skisporttauglich gewalzt hatte, gab es durchaus kritische Abrechnungen mit der Vergewaltigung aller olympischen, demokratischen Werte. Doch während die akribische ARD-Studie „Putins Spiele“ fünf Tage vor der Eröffnungsfeier im Spätprogramm versteckt wurde, lief kurz danach inmitten der einschaltstarken Primetime die süßliche Tierschau „Wilder Kaukasus“. Fernsehen, sagte Volker Herres seinerzeit vorm Beginn der Selbstbeweihräucherung Top of the Docs in Berlin, wo sich die ARD jedes Jahr für monatlich gut 750 Sachfilmstunden aller ARD-Kanäle feiert, Fernsehen bestehe eben „einfach in hohem Maße aus Sehgewohnheiten“. Und der Montag sei halt Naturfilmzeit. Punkt.

Dass ihm die Gäste im prächtigen Meistersaal jeden Applaus verwehrten, während der Regisseur Arne Birkenstock für seine Forderung, „mal 90 Minuten Primetime pro Woche für unformatierte Dokus freizuräumen“, stehende Ovationen bekam, ficht den Hauptverantwortlichen dabei ebenso wenig an wie der gewaltige Bedarf nach seriöser Berichterstattung im Zuge von Covid-19. Über Wochen hinweg perforierten reichenweitenstarke Sondersendungen und Reportagen spielend jedes Programmschema. Dennoch dürfte dieser Bruch aller Sehgewohnheiten folgenlos bleiben. Während der kommerzielle Teil des dualen Systems Wirklichkeit ohnehin nur noch simuliert, sitzen dem bildungsbeauftragten schließlich die Streamingdienste im Nacken, deren Ästhetik global verwertbar sein muss.

Weltmarktführer Netflix zum Beispiel wird aus Sicht des Branchenkritikers Wolf „nur das verwenden, was sich monetarisieren lässt und kommerziell nutzbar ist“. Mit anderen Worten: formatierte Blockbuster-Ästhetik, aufgebaut wie Melodramen, geschnitten wie Thriller, orchestriert wie Musicals, gerne mit Tieren und Mördern oder wie im Fall der sensationell erfolgreichen Netflix-Doku Tiger King mit beiden. Die Fiktionalisierung der Sachlichkeit – wenn Sender wie ARD oder ZDF nicht bald mal gegensteuern, ist sie in Sichtweite der Zuschauer kaum noch aufzuhalten.


Reichelts Reich & Deutschlands 89

Die Gebrauchtwoche

28. September – 4. Oktober

Eines muss man Mathias Döpfner lassen: Humor hat er ja, der mächtige Vorstandschef von Axel Springers merkwürdigem Erbe. Während sein Kettenhund Julian Reichelt journalistische Grundprinzipien wie gewohnt mit Sturmbannführerstiefeln tritt, um seine vulgärpopulistische Blut-und-Boden-Agenda von oben nach unten durchzusetzen, und Deutschlands Verschwörungsfront am Samstag gleich noch ein paar Brocken frisches Schlagzeilenfleisch (so leiden Kinder unter Corona-Maßnahmen) zuwarf, sagt sein Chef beim BDZV-Kongress ohne zu lachen, „wir Medien müssen Chronisten sein, Zeitzeugen der Realität, und nicht Missionare eines bestimmten Weltbildes“.

Klingt schizophren. Aber vielleicht dürfen wir das ja als Zusage verstehen, die Bild einzustampfen und ihre Karikaturen gewissenhafter Journalist*inn*en alle für fünf Jahre zum Kehrdienst nach Moria abzukommandieren, nachdem sie vorher eine Woche lang 24 Stunden täglich das eindrückliche Video vom abgebrannten Flüchtlingslager auf Lesbos gesehen haben, mit dem Joko & Klaas am Mittwoch ihre 15 Minuten Sendezeit von ProSieben gefüllt haben: „Wenn Journalisten von Aktivisten nicht mehr zu unterscheiden sind, dann können wir einpacken“, fügte Döpfner schließlich hinzu, „dann braucht es uns nicht mehr.“ Stimmt – die Bild braucht niemand.

Noch viel weniger braucht allerdings irgendwer mit Restbeständen von Moral, Prinzipien, Ethos Fox News, die das rechtspopulistische Murdoch-Imperium als Streamingdienst für 7 Euro im Monat nach Deutschland exportieren will, damit sich Trump– und Putin-Fans hierzulande nicht mehr nur in grisseligen Youtube-Videos über die Welt da draußen informieren. Eine Welt, die in 5000 Stunden Endlosschleife weniger Wahrhaftigkeit besitzt als Maria Schraders Serie Unorthodox in jeder Sekunde, für die sie völlig zu Recht den International Emmy erhalten hat.

Die Frischwoche

21. – 27. September

Aus Zeit- und Termingründen müssen die Fernsehtipps dieser Woche angesichts dieser inszenatorischen Gewalt ausnahmsweise mal tabellarisch erfolgen:

Montag, 20.15 Uhr, ZDF: Totgeschwiegen, Franziska Schlotterers Drama um einen S-Bahn-Mord und wie die Eltern der Täter ihn vertuschen

Montag, UniversalTV: Pearson, ein Spin-Off der Anwaltsserie Suits

Mittwoch, 20.15 Uhr, ARD: Das Leben ist kein Kindergarten, Großstadtfamiliengroteske von und mit Oliver Wnuk

Mittwoch, Arte, 20.15 Uhr: Gundermann mit Alexander Scheer als Liedermacher im Stasi-Griff

Freitag, Netflix: Rohwedder, vierteilige True-Crime-Doku über den RAF-Mord am Chef der Deutschen Bank

Freitag, Amazon: Deutschland 89, furioses Finale der großen Spionage-Trilogie vor und nach dem Fall der Mauer

Freitag, 20.15 Uhr, Arte: Kranke Gesellschaft, Urs Eggers Drama über DDR-Patienten, die für Devisen als Versuchskaninchen missbraucht wurden

Wiederholungen der Woche

Dienstag, 22.15 Uhr, Servus: Wie ein wilder Stier, Robert De Niros 2. Oscar-Streich als cholerischer Slumboxer

Mittwoch, 22.45 Uhr, BR: Der blinde Fleck, Daniel Harrichs Reproduktion des Oktoberfestattentats von 1980

Tatort (Dienstag, 22.15 Uhr, WDR): Das Mädchen auf der Treppe, einer der legendärsten Schimanskis (1982)


Yellow Days, Midlife, Whoiswelanski

Yellow Days

Wer Funk und Soul nicht auf den Straßen Detroits der Siebziger aufgesogen hat, steht rasch im Verdacht, beides nur auszuschlachten, weil Funk und Soul nun mal noch immer die Dance-Musik beeinflussen wie kaum ein zweites Genre. Für Zeitzeugenschaft ist George van den Broek allerdings viel zu jung und dann auch noch aus Manchester, nicht Michigan. Die nostalgischen Sounds des britischen Stimmwunders könnten also gut als kulturelle Aneignung durchgehen – klängen sie sie nicht so hinreißend nostalgisch wie zuletzt nur bei Anderson .Paak.

Mit einer ganzen Gang Kollaborateure von Kanye West über Raphael Saadiq oder Weldon Irvine bis Shirley Jones und Mac DeMarco schafft es sein neues Album so zu klingen, als bade er mit den Fun Lovin’ Criminals in Barry Whites Jacuzzi. Alles daran ist strikt gestrig, aber nie verstaubt. Porn-Pop mischt sich da ölig schön mit Future-Funk. Selbst dort, wo Yellow Days mit Bishop Nehru Crooner-HipHop macht, atmet A Day in a Yellow Beat eine Art Motown-Duft des Hybrid-Zeitalters. Das Album der Woche für Gestrige von Morgen.

Yellow Days – A Day in a Yellow Beat (Columbia)

Midlife

Nur eine Handvoll Jahre nach den Ursprüngen von Yellow Days, wurzeln auch Midlife im Blumenbeet musikalischer Zitierfreude längst vergangener, aber nie vergehender Zeiten. Als würde das australische Quartett seinen Sound wahllos aus einem schlecht sortierten Filmarchiv der Siebziger angeln, vermischt auch ihr zweites Album kosmisch flatternde Syntesizer mit krautigem Postrock, bis nichts mehr zusammenzupassen scheint. Konjunktiv. Im Indikativ ist Automatik die Quintessenz des strukturierten Found Footage zum Tanzen.

In Vapour zum Beispiel treibt der Klang einer fiebrigen Querflöte Kevin McDowells Gesang über elegischen Blödsinn repitiver Zeilen wie Everybody wants and needs vor sich her, bevor Tomas Shanahan das analog housige Downstream im Anschluss mit funkigem Bass beträufelt, der hier wie dort im Captain-Future-Gedächtnis-Soundtrack durchs All zu hopsen beginnt. Automatisch ist hier gar nichts, es regiert organische Künstlichkeit, ein warm besseelter Space-Jazz der allerfeinsten Sorte, Liebe zum Chaos in kosmischem Ausmaß.

Midlife – Automatic (Heavenly Records)

Whoiswelanski

Und wo wir schon in der Kategorie Retro sind: wenn der Ekklektizismus unserer zitierfreudigen Tage das Wesen des Pop bestimmt, treibt ihn die oberbayerische Band mit dem halbenglischen Namen Whoiswelanski auf die Spitze. Ihr Debütalbum TALK spricht nämlich gar nicht, es sabbelt unablässig vor sich hin und sondert dabei Klang- und Wortzeugs ab, das aufs erste Hören unzusammenhängend wirkt, aufs dritte, vierte hingegen so schlüssig wie ein Nudelsalat mit allem drin, was die Küche grad noch so hergibt für die WG-Party.

Im Grunde pampig, schmeckt der ja auch dann am besten, wenn man sich gegen Mitternacht in Stimmung gesoffen hat. Die elf elektronischen Tracks, von denen fünf nach den Anfangsbuchstaben des Plattentitels, also im Grunde gar nicht benannt sind, klingen mit beliebiger Alltagsprosa unterlegt wie ein geselliger Rausch, von dem die beidenn Schulfreunde Josef Pötzinger und Tobias Weber vermutlich alle seit der 8. Klasse gemeinsam erlebt haben. Kein Werk für die Ewigkeit, aber eines, das den Moment mit wattiertem Gagapop feiert.

Whoiswelanski – TALK (Popup Records)


Sensationsgonnorhoe & Oktoberfeste

Die Gebrauchtwoche

7. – 13. September

Es ist heutzutage gar nicht mehr so einfach, mit Populismus Quote zu machen, aber die Bild, genauer: deren leitender Sandkastenrabauke verwandelt den Bruch aller journalistischen, ethischen, humanistischen Regeln immer noch spielend in Auflage. Wobei nach dem jüngsten Tiefpunkt redaktioneller Menschenverachtung weiter offen bleibt, was schlimmer war: Die Tatsache, öffentlich aus dem Chatverlauf eines Elfjährigen zu zitieren, der den Kindermord von Solingen überlebt hatte? Julian Reichelts rückgratlose Erklärung, die Ermittlungsbehörden seien schuld an seiner Sensationsgonorrhoe? Oder vielleicht doch RTL?

Während es das Springer-Blatt beim Veröffentlichen des Chatverlaufs beließ, hat der Privatsender das Kind sogar vor seine Kameras gezerrt. Diese Informationsonanie ist von derart infamer Verantwortungslosigkeit, dass man sich fragen muss, wie Friede Springer in den Spiegel blicken kann. Andererseits befinden sich ihre Medien im Wettlauf um Aufmerksamkeit, den auch seriösere Konkurrenten nicht scheuen. Die ARD etwa hat beim halsbrecherischen Auftakt der Tour de France jeden der vielen Stürze dutzendfach in Zeitlupe gezeigt, was ihr Eurosport gleichtat, nachdem Novak Djokovic bei den US-Open eine Linienrichterin am Hals getroffen hatte.

Angesichts solcher Chronistenpflichtexzesse wirkt die Aufregung über Hengemah Yaghoobifarahs missratenen, aber haltungsstarken taz-Kommentar zur Polizei-Entsorgung umso politischer motiviert. Immerhin hat der Presserat nun entschieden, er sei von der Meinungsfreiheit gedeckt – was den lautesten der 382 Beschwerdeführer nicht davon abhielt, die Entscheidung als „unerträgliche Verharmlosung“ anzugreifen.

Wer wüsste schließlich besser als Horst Seehofer, dass noch kein Uniformierter der deutschen Geschichte je ein Unrecht begangen hat… Und damit zur schönsten Nachricht der Woche: nach 14 Jahren endet die Reality-Soap Keeping Up With The Kardashians, die den US-armenischen Clan zwar märchenhaft reich, das Medium dagegen bettelarm gemacht hat. 2006, nur zur Erinnerung, prägte das lineare Fernsehen die Sehgewohnheiten noch mit historischen Mehrteilern von der Luftbrücke bis zur Flucht.

Die Frischwoche

14. – 20. September

Ein, zwei TV-Revolutionen später werden sie von Streamingdiensten dominiert. Das Erste aber füllt sein Programm auch 2020 weiter mit History-Events wie Oktoberfest 1900. Ab Dienstag ersetzt es die Originalkirmes drei Abende lang durch klischeehafte Kulissenschieberei, als habe das Internet die Filmästhetik unberührt gelassen.

Dort aber entstehen Serien, die wirklich unterhaltsam, bedeutsam, manchmal gar beides in einem sind. Ab Donnerstag auf Netflix zum Beispiel Das letzte Wort mit Anke Engelke als tragikomische Trauerrednerin im Bestattungsinstitut von Thorsten Merten. Oder das siebenteilige HBO-Psychodrama The Third Day, eine Art Lost ohne Flugzeugabsturz mit Jude Law, ab Dienstag auf Sky. Zwischendurch zeigt TNT Ridley Scotts postapokalyptische SciFi-Dystopie Raised by Wolfs über die künftige Besiedlung eines Exoplaneten, während der Freitag wie üblich gleich reihenweise Neuerscheinungen sammelt.

Netflix geht mit der Krankenhaushorrorserie Ratched und dem achtteiligen Spin-Off Jurassic World online. Parallel dazu zeigt (kauft nicht bei) Amazon Prime die heitere Binnensicht der Schauspielbranche Für Umme und begibt sich mit der Doku All In übers abstruse Wahlrecht der USA tief aufs öffentlich-rechtliche Gebiet informationeller Kompetenz, die das ZDF am Dienstag (20.15 Uhr) mit Der unterschätzte Präsident beweist, wenn Florian Huber und Carsten Oblaender Donald Trumps Präsidentschaft aus Sicht seiner Fans dokumentieren. Gut 24 Stunden, bevor Richard David Precht am Sonntag (23.45 Uhr) zum 50 Mal (diesmal mit Rezo) populärwissenschaftlich über tiefgründige Fragen (die Medien) philosophiert, macht ProSieben in Stefan Raabs Casting-Show Fame Maker auf sich aufmerksam, wo Luke Mockridge, Carolin Kebekus und Teddy Teclebrhan Showtalente ohne Ton erkennen.

Mehr Ton (und Niveau) sind die Wiederholungen der Woche: Von 1966 ist der Cocktailkleid-Klassiker Arabeske (Samstag, 23.30 Uhr, RBB) mit Gregory Peck und Sophia Loren. Erst acht wurde dagegen Rainer Kaufmanns verstörendes Männermachtpsychogramm Operation Zucker (Mittwoch, 2.10 Uhr, ARD). Ungefähr dazwischen liegt tags zuvor (23.45 Uhr, WDR) Der unsichtbare Gegner mit Horst Schimanski Anfang der Achtziger, gefolgt von Hansjörg Felmy in Der Feinkosthändler Ende der Siebziger.


Annie Taylor, All Them Witches, Tricky

Annie Taylor

Die Schweiz ist für so einiges bekannt, was seinen Ursprung fernab der Berge hat. Schokolade zum Beispiel, dessen Rohstoff eher selten auf Almwiesen wächst. Dazu Plebiszite altgriechischer und Finanzen amerikanischer Herkunft. Da sollte es also nicht überraschen, wenn das Land ohne Küsten kalifornischen Surf-Rock hervorbringt, der es auch ohne Copyright spielend mit dem Westküstenoriginal aufnehmen kann. Annie Taylor heißt die Züricher Band um Sängerin Gingi Jungi und nein, ihr Debütalbum klingt auch nicht innovativer als Schoki, Volksbefragung, Bankgeheimnis.

Dennoch hat Sweet Mortality einen Drive, der selbst im breitgetretenen Genre psychedelischer Krautpunk-Variationen selten ist. Mit fast schon funkigem Bass, treiben zwei hochverzerrte Gitarren ein Schlagzeug vor sich her oder umgekehrt, als hätten sich die Beach Boys mit Sleater Kinney und Warpaint am Strand verabredet, um die Trashmen aus dem Sand zu graben. Mal rotzig, mal tranig betet das Quartett mit One-Two-Three-Four-Akkorden die Sonne an, ohne sich im Tempo zu verlieren. Das ist nicht neu, es ist auch nicht perfekt. Aber gerade deshalb macht es ungeheuer Spaß.

Annie Taylor – Sweet Mortality (Taxi Gauche Records)

All Them Witches

Womit wir beim staubigen Pendant sandiger Musik wären: Stoner. Ob der Gitarrenbrei Spaß macht, kann man Hardcore-Fans beim effektreduzierten Headbangen durch die Wände ihrer Matten ja in der Regel nicht am Gesicht ablesen, aber der Mix aus sedierten Riffs und Vocals hinter meterdicken Walls of Sound ist schon auch für Außenstehende irgendwie ergreifend. Gerade, wenn sie von Virtuosen wie All Them Witches errichtet wird. Auch auf dem sechsten Album seit 2012 baut die Band aus Nashville ja Mauern ins Untergeschoss des Bewusstseins, ohne sich dahinter zu verschanzen.

Während sich Stücke wie Saturnine & Iron Jaw oder See You Next Fall anfangs wie ein Tinnitus durchs Gehirn sägen, nimmt Fast-Forward-Rock wie Enemy of my Enemy keine Umwege ins Großhirn, bevor es sich der Easy Listening Grunge Everest im Anschluss fast schon gemütlich macht. Zusammen schafft es Nothing as the Ideal acht Stücke lang, alle Zonen der Wahrnehmung mit verstörend düsteren Riffs zu durchforsten, bis daraus eines der vielleicht abwechslungsreichsten Alben dieses oft etwa monochromen Genres wird.

Alle Them Witches – Nothing as the Ideal (New West Records)

Hype der Woche

Tricky

Seltsamerweise ist man bei den Stichworten “monochrom” oder “Abwechsung”, “verstörend” und “düster” nicht allzu weit weg vom prominentesten Vertreter einer völlig anderen Stilrichtung, die dem Stoner dennoch irgendwie wesensverwandt ist, nur eben mit einer ganz anderen Dringlichkeit: Tricky. Seit mindestens 3000 Jahren schon macht der Brite aus Bristol eine Art TripHop, die das Gemüt durchkriecht wie flüssige Watte. Da ist es überaus bemerkenswert, dass sein neues, 13. Album Fall to Pieces (False Idols) mithilfe der Sängerin Marta Momente beschwinger Leichtigkeit ins getragene Breakbeatgerüst spinnt. Angeblich soll Adrian Nicholas Matthews Thaws bei der Produktion sogar erstmals in 51 Jahren gelacht haben. ist nur ein Gerücht und vermutlich Blödsinn. Aber seiner Platte hat es offenbar gut getan.


Gökdemir & Zimmermann: heute-up:date

Augenringe verraten so einiges

Im heute journal up:date stehen seit dieser Woche erstmals zwei Frauen allein im Nachrichtenrampenlicht des ZDF: Hanna Zimmermann und Nazan Gökdemir (Foto: ZDF/Witte/Weddig). Ein Gespräch mit den zwei Info-Profis über Gleichberechtigung, Bildsprache, Augenringe und Disziplin im Schichtbetrieb.

Von Jan Freitag

Frau Zimmermann, Frau Gökdemir, haben Sie je von Angelika Hinsch und Petra Welling gehört?

Hanna Zimmermann: Nein.

Nazan Gökdemir: Sollten wir?

So heißt die weibliche Doppelspitze im Stückgutverband Systemlogistik Paderborn. Was sagt es über die Gleichberechtigung in unserer Gesellschaft aus, wenn selbst Männerdomänen mittlerweile von zwei Frauen geführt werden?

Zimmermann: Mir sagt es vor allem, dass es aber auch mal Zeit wird.

Gökdemir: Und entsprechend Zeit, so etwas nicht mehr ständig thematisieren zu müssen.

Sie klingen jetzt beide so kurzangebunden, als wäre Ihnen die Vorreiterinnenrolle irgendwie unangenehm. Dient die Tatsache, dass es nach der taz und der freundin nun auch beim heute-journal up:date eine weibliche Doppelspitze gibt, nicht unweigerlich dem Kampf um Gleichberechtigung in den Medien und damit der Gesellschaft?

Gökdemir: Der Kampf für mehr Gleichberechtigung sollte stets geschlechterunabhängig sein.

Zimmermann: Dass Frauen Führungspositionen übernehmen oder auch mal zwei Frauen eine Nachrichtensendung moderieren, sollte ja eigentlich nichts Besonderes sein.

Gökdemir: Zwei Moderatorinnen und eine mit Migrationshintergrund. Ich ahne, dass Sie mich gleich auch noch auf meine türkische Herkunft ansprechen.

Sie kommen mir da in der Tat zuvor.

Gökdemir: Grundsätzlich will ich im Zusammenhang mit meiner Arbeit vor allem als Journalistin wahrgenommen werden. Ich bin Frau, Gastarbeiterkind und noch so vieles mehr, und ich habe eine gewisse Sensibilität für gesellschaftliche Themen und Probleme. Wenn ich anderen Mut machen kann – umso besser. Aber in einer Nachrichtensendung spielt meine Herkunft keine Rolle.

Worum genau geht es darin denn?

Zimmermann: Der Name der Sendung trifft es gut. Wir liefern zur späten Stunde ein Update, also den neusten Stand der wichtigsten Nachrichten des Tages. Wenn nach dem „heute journal“ noch etwas passiert, dann berichten wird natürlich darüber. Und das geschieht öfter als man denkt. Beispielsweise, wenn ein EU-Gipfel wieder bis in die Nacht hinein dauert oder bei Nachrichten aus den USA wegen der Zeitverschiebung.

Gökdemir: Wir wollen zu später Stunde die wichtigsten Nachrichten des Tages zusammenfassen: verständlich, gut verdaulich und auch packend. So wie das heute-journal das Flaggschiff der Primetime ist, sollte das up:date das Flaggschiff der Late-Night sein.

Also keine Vertiefung, sondern Fortsetzung?

Gökdemir: Die Herausforderung ist definitiv, das heute-journal um weitere Perspektiven, O-Töne, Informationen zu bereichern. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir denselben Aufmacher haben, ist groß. Aber unter aktualisierten Gesichtspunkten.

Zimmermann: Wir werden Themen auch vertiefen, durch erklärende Grafiken und Videos, zum Teil auch mit einem etwas anderen Schwerpunkt als am Abend.

Bei Ihrer Referenzgröße, der abgesetzten Nachrichtensendung heute+, hatte man angesichts der modernen Bild- und Tonsprache gelegentlich das Gefühl, hier wird Fernsehen für jene gemacht, die gar nicht mehr fernsehen.

Zimmermann: Dazu muss man wissen, dass sich einiges, was früher auf diesem späten, etwas experimentelleren Sendeplatz gelaufen und gut angekommen ist, später auch in anderen Sendungen des ZDF-Programms gefunden hat.

Gökdemir: Andererseits machen wir auch mit moderner Bildsprache und passender Tonalität Programm für alle Altersgruppen. Wer kurz vor Mitternacht noch wach ist und sich informieren will, schaltet uns ein. Aber sowohl Hanna, die ja schon heute+ gemacht hatte, also auch ich als Moderatorin des Arte Journal, haben unsere eigene, subjektive und manchmal augenzwinkernde Ansprache.

Wie konsumieren Sie selber denn Informationen?

Zimmermann: Ich konsumiere Nachrichten auf unterschiedlichsten Wegen. Das Fernsehen gehört natürlich dazu, wobei ich Sendungen nicht nur zu einer bestimmten Uhrzeit im linearen Programm sehe, sondern oft auch zeitversetzt in der Mediathek, zum Beispiel auf meinem Smartphone. Außerdem höre ich gern Radio, lese Onlinemedien und nutze auch Twitter als Informationsquelle.

Gökdemir: Bei mir wird auch alles von Online über Radio und Zeitungen konsumiert. Und zwar nicht, weil ich es muss, sondern weil ich es will.

Und beruflich kommen Sie mit der Nachtschicht klar?

Gökdemir: Da müssen Sie mich in zwei Monaten noch mal fragen. Augenringe verraten so einiges…

Zimmermann: Ich kenne das ja schon. Es hilft auf jeden Fall, wenn man wie ich eher nicht der frühe Vogel ist, sondern die Nachteule.  So oder so ist aber auch etwas Disziplin gefragt. Nach der Sendung sollte man nicht mehr zu lange wach bleiben, damit man genug Schlaf bekommt.

Gökdemir: Also ich komme lieber spät von der Arbeit nach Hause, als dass ich früh zur Arbeit muss.


Experte Drosten & Mensch Beckenbauer

Die Gebrauchtwoche

31. Juli – 6. August

Haider hieß mal Wix, Attila heißt jetzt Hitler und der Kommentar nun Meinung. Zumindest in den Tagesthemen, wo die persönliche Sicht der Redakteure künftig stärker als solche gekennzeichnet wird. Beispielsweise über Deutschlands derzeit gernegrößten Verschwörungsmystiker Hildmann, den das Satire-Portal Postillon als heimlichen Kumpel von Angela Merkel dargestellt, also mit seiner eigenen Lügen-Keule geschlagen hat. Eine Waffe übrigens, die Facebook und Twitter teilweise entschärft haben, als sie das News-Portal Peacedata – mutmaßlich befüllt von Trollen russischer Herkunft – sperrten.

Dass der legendäre NDR-Podcast von Deutschlands derzeit ungernegrößtem Corona-Fachmann Christian Drosten – unterstützt von der ausgewiesenen Fachfrau Sandra Ciesek – parallel dazu aus dem selbstverordneten Medienexil zurückgekehrt ist, wird da zur Nebenpointe dieser elendig ernsten Pandemie und somit drittlustigsten nach der Ankündigung von Netflix, die palastflüchtigen Ex-Royals Meghan & Harry zu Protagonist*inn*en mehrerer Streamingformate bislang noch offenen Inhalts zu machen. Die allerlustigste lieferte dagegen mal wieder ein anderer.

In seinem Morning Briefing klagte ausgerechnet Gabor Steingart, bei ihrer Berichterstattung über die Querdenker-Demo mit Reichstags-Brise hätten viele Kolleg*inn*en „Neugier durch Haltung“ ersetzt. Wer sich „im geistigen Ideenraum eines Journalisten“ befinde, sägt der selbstkritikunfähigste Salonpopulist im Berliner Politikbetrieb fröhlich weiter am Ast des eigenen Elfenbeinturms, „darf mit öffentlicher Belobigung rechnen“. Wer sich dagegen außerhalb dieser „Kathedrale aufhält, dem versucht man mit den Methoden des Exorzismus beizukommen“. Na Amen.

Na toll: Die New York Times schafft nach 81 Jahren ihr Fernsehprogramm im Feuilleton ab und holt somit auf dem aussterbenden Medium Papier eine Schaufel mehr aus dem Grab des aussterbenden Mediums Fernsehen. Auch wenn es zuweilen noch mal Überlebenswillen zeigt, indem es sich auf seine Stärken besinnt. Zu denen nämlich zählt unmissverständlich die seriöse Sachinformation.

Die Frischwoche

7.  13. August

Und weil sie dank als eine der Gewinnerinnen aus der Pandemie hervorgehen dürfte, werden die Tagesthemen heute um fünf und freitags weitere zehn Minuten verlängert, während das heute-journal um Mitternacht ein up:date mit dem Moderationsdoppel Hanna Zimmermann und Nazan Gökdemir erhält. Ob das BR-Porträt Der Ball war mein Freund zwei Stunden zuvor den 75. von Mensch Beckenbauer (Dienstag, 20.15 Uhr) ZDF ohne Thomas Schadts kaiserliche Arschkriecherei vor fünf Jahren feiert, bleibt abzuwarten.

Aber als Kontrast werfen wir einen Blick auf Sat1, das sich mal als ernstzunehmende Konkurrenz öffentlich-rechtlicher Nachrichtenkompetenz begriff, jetzt aber nur noch gequirlten Promi-Mist wie Festspiele der Reality-Stars (Freitag) anrührt, den Prodigal Son, eine Art Serien-Spin-Off vom Schweigen der Lämmer, tags zuvor auch nicht aufzuwerten vermag. Dieser bemitleidenswerte Qualitätsabfall ist umso bedauerlicher, als das frühere Beiboot dem Mutterschiff mit Joko & Klaas gegen ProSieben ab Dienstag mal wieder qualitativ den Rang abläuft.

Und das Konkurrenz-Entertainment? Die ARD zeigt morgen (22.50 Uhr) das queere Gangster-Spin-Off Bonnie & Bonnie, Starzplay lässt Donnerstag das feministische Plattenladen-Spin-Off High Fidelity folgen, Neo zeigt ab Mittwoch (23.15 Uhr) die deutsch-belgische Dramaserie Missing Lisa, in der acht Folgen lang mal wieder ein verschwundenes Mädchen gesucht wird. Die Wiederholungen der Woche sind dagegen naturgemäß aufgegossen. Etwa zeitgleich auf ServusTV Hotel New Hampshire nach John Irving von 1984 mit Jody Foster und Rob Lowe oder zwei Stunden zuvor Pretty Woman auf Vox, auch schon wieder 30 Jahre alt. Und damit immerhin neun Jahre jünger als der erste von 20 Schimanski-Tatorten, die der WDR dienstags um 22.15 Uhr – morgen der Fall Grenzgänger von 1981 – wiederholt.


Steffen Hallaschka: stern TV & RTL-Formate

Mein Unterhaltungsspielbein

Vor 30 Jahren schrieb Günther Jauch mit stern TV Fernsehgeschichte – bis ihn Steffen Hallaschka 2011 ersetzte. Ein Gespräch mit dem Nachfolger (Foto: RTL) über die großen kleineren Fußstapfen des legendären Vorgängers, Einzelschicksale in Zeiten der Dauerkrise und warum er nie zum heute journal wollte.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Hallaschka, erinnern Sie sich noch an die Nachrichtenlage im Frühjahr 2011, als Sie zu stern TV gegangen sind?

Steffen Hallaschka: Dunkel, das waren ja wirklich ganz andere Zeiten als heute.

Der Arabische Frühling war angebrochen, die AfD noch undenkbar, statt Trump saß Obama im Weißen Haus und Thomas Gottschalk auf der Wettcouch.

Dass eine Partei wie die AfD den gesellschaftlichen Diskurs bald darauf Millimeter um Milli-meter verrückt, war damals in der Tat undenkbar. Umso nostalgischer blicke auch ich auf die Zeit zuvor.

Auch als Journalist, für den die Gegenwart gefährlicher, aber auch interessanter ist?

Vor zehn Jahren war es fraglos ein gemütlicheres, freieres Arbeiten in einem Medium, das viel größere Deutungshoheit und Relevanz besaß als heute. Spätestens 2015 hat die Flüchtlingsthematik unseren Beruf aber bei aller Dramatik auch interessanter gemacht.

Wie hat stern TV seinerzeit auf die Ruhe reagiert, wie reagiert es jetzt auf den Sturm?

Für mich persönlich ging es zunächst darum, als Neuer meine Rolle zu finden. Und da stellte sich gleich die Herausforderung, soziale Medien zu integrieren. Beim Fernsehschlachtschiff stern TV herrschte 2011 noch das Denken, lineares Fernsehen first. Da mussten wir es gemeinsam sowohl inhaltlich als auch optisch digitalisieren. Aber ob Sturm oder Ruhe: es war immer wichtig, Geschichten von Menschen zu erzählen, die beide Wetterlagen erleben.

Aber Sturm ist schon spannender?

Mag sein. Aber wenn Sozialministerin von der Leyen bei uns live im Studio mit Hartz-IV-Empfängern sprach, hatte das eine ganz andere Dringlichkeit als die Expertenrunden der Talkshows. Unser Erfolgsgeheimnis war immer, die Lebensrealität der Menschen abzubilden.

Allerdings ist die vermeintliche Lebensrealität am Einzelfall mit dem Risiko verbunden, sich für den Knalleffekt stets die krassesten Einzelfälle rauszupicken.

Einspruch Euer Ehren. Das klingt in dieser akademischen Formulierung schlüssig, dürfte aber der Einzelfallprüfung nicht standhalten. Wir suchen für gesellschaftlich relevante Themen immer Menschen, die sie individuell zum Ausdruck bringen. Als Erdogan Journalisten verhaften ließ, haben wir genau verfolgt, inwieweit sein Arm da bis Deutschland greift und davon aufs Thema Migration geschlossen.

Sie waren also nie auf der Jagd nach Skandalen, wie stern TV vorgehalten wird?

Uns ging und geht es nie um Skandale, also Effekte, sondern Inhalt. Wenn Themen von Massentierhaltung über Werkverträge bis Mindestlohn als skandalös wahrgenommen werden, liegt das nicht an uns, sondern den Themen. Aber gut, mit solchen Klischees hat ein RTL-Formate schnell mal zu tun.

Hat sich die Sendung verändert, seit Ihres nicht mehr in Drittsendelizenz, sondern von RTL produziert wird?

Könnte man meinen. Aber so wenig, wie uns der Sender 28 Jahren in die Sendung geredet hatte, so wenig geschieht es seit 2018. Wir konnten und können das machen, was die Redaktion für richtig hält. Sie genießt sei 1990 größte journalistische Freiheit.

Auch zehn Jahre, nachdem Sie die Moderation von Günther Jauch übernommen haben, wird das Magazin immer noch mit ihm assoziiert. Spüren Sie seine Fußstapfen noch?

Weil Günther Jauch für eine Ära steht, in der Unterhaltung und Information neu definiert wurden, bleiben die zu Recht spürbar. Aber da meine Schuhe zwei Nummern größer sind, konnte ich mir – ohne überheblich klingen zu wollen – auch in seinen Fußstapfen meinen Platz in der Sendung suchen.

Mussten Sie sich dennoch von seinem Erbe emanzipieren?

Nicht aktiv. Es ging eher um den Langmut, Günther Jauch von selber aus den Köpfen der Zuschauer verschwinden zu lassen. In den ersten sechs Monaten musste die Rotznase vom Dritten Programm zwar eher Abhandlungen lesen, warum sie keine Krawatte trug, als dass man sich inhaltlich mit mir auseinandergesetzt hätte; aber das ist okay. Fernsehzuschauer sind Gewohnheitstiere. Ich bin ja selbst einer.

Gibt es zehn Jahre danach mittlerweile Ermüdungs-, gar Abnutzungserscheinungen?

Nee, das Tolle an der Sendung ist ja, dass sie sich immer wieder neu erfindet, deshalb wird es nie langweilig. Ich habe also noch immer große Lust auf die Sendung. Wer mich vor 2010 gefragt hatte, was ich gern moderieren würde, dem habe ich schließlich „stern TV“ geantwortet.

Jetzt kokettieren Sie…

Nein, das war neben der NDR Talkshow mein Traum. Während ich die jedoch vertretungsweise moderieren durfte, dachte ich, bei stern TV bleibt es einer, weil Jauch das noch 120 Jahre selber macht.

Was hätten Sie geantwortet, wenn Tagesthemen oder heute journal gefragt hätten?

Weil ich mein journalistisches Zuhause im Infotainment sehe, hätte ich zumindest lange überlegen müssen. Ich war nie Nachrichtenredakteur, kein Auslandskorrespondent, hab noch nicht mal eigenverantwortlich Filmbeiträge realisiert. Mir war stets die Verbindung von Unterhaltung und Journalismus wichtig.

Wobei Claus Kleber zusehends zum Entertainer wird und die „Tagesthemen“ nun verlängert werden, um näher am Menschen zu sein, wie es heißt.

Trotzdem bleiben die Unterschiede auch dann groß, wenn die Presenter dort nun Unterkörper haben. Ich schiele ehrlich nicht auf eine öffentlich-rechtliche Nachrichtenkarriere.

Gibt es mit kurz vor 50 trotzdem noch Ziele?

Infotainment ist sicher weiterhin mein Standbein, aber ich würde gerne häufiger mein Unterhaltungsspielbein trainieren. Anfang des Jahres habe ich zwei Live-Shows mit Sasha und Tim Mälzer moderiert, was mir einen Riesenspaß gemacht hat. Auch ein intelligentes Quiz könnte ich mir gut vorstellen.