1000 Robota, Gaddafi Gals, Fink

1000 Robota

Normalerweise taugen die PR-Beipackzettel neuer Platten alter Bands selten zur Weiterverbreitung, aber jener zum dritten Album der bemerkenswerten Hamburger Indierockband 1000 Robota enthält eine schöne Umschreibung dessen, was Sebastian Muxfeldt, Jonas Hinnerkort und Anton Spielmann seit ihrem Plattendebüt Du nicht er nicht sie nicht vor 15 Jahren auf Tapete Records beherrschen wie kaum drei zweite: den Zeitgeist anschreien.

Seinerzeit taten sie es mit einem Mix aus wütendem Postpunk und avantgardistischem Industrial. Jetzt sind alle, wirklich alle, die sich nicht in eskapistischen Heididei flüchten, auf industriell-avantgardistische Art sauer, und was machen 1000 Robota: dasselbe, nur besser. Gitarrensoli und Kinderchöre vereinen sich auf 3/3 mit Bassgemurmel und Endzeitpoesie zu einer brachialen Melancholie, die zwischen Feuilleton und Gummizelle alle Genres jenseits vom Mainstream bedient, ohne sich irgendwo anzubiedern.

1000 Robota – 3/3 (Tapete Records)

Gaddafi Gals

Eigentlich bürgt ja schon die Rapperin Ebru Düzgün alias Ebow allein für kreative Ausdifferenzierung des planquadratischen HipHop deutscher Herkunft. Fügte man ihr noch die Songwriterin Nalan Karacagil aus Berlin hinzu, wäre das Ergebnis schon die Ausdifferenzierung der Ausdifferenzierung. Gemeinsam mit dem Produzenten walter p99 arkestra jedoch differenziert sich die Ausdifferenzierung zur eklektischen Sinnsuche zeitgenössischer Musik insgesamt aus.

Nach dreijähriger Pause haben sie ihr elektroalternatives Projekt Gaddafi Gals reanimiert, und auch an Romeo Must Die beißen sich Kategorisierungsversuche vermutlich wieder die Zähne aus. Zwölf Stücke lang mäandert das Trio schließlich so virtuos durch Schlabber-Soul und Oriental-Dub, kratzigem Trap und poppigem R’n’B, dass sich die Autotunes nur so im Ohr verhaken, aber nie nerven. Einfach weil es grandios ist, was die drei aus allem machen, was ihnen unters Mischpult gerät.

Gaddafi Gals – Romeo Must Die (3-Headed Monster Posse)

Fink

Und dann noch, weil es immer noch so unendlich traurig und zugleich tröstlich ist, dass Nils Koppruch vor zehn Jahren zwar viel zu früh gestorben ist, aber in unseren Herzen weiterlebt, feiern wir hiermit eine Reissue, die alle Aufmerksamkeit der Welt verdient: das wundervolle Nischenlabel Trocadero hat den kompletten Fundus seiner großartigen Alternativecountry-Band Fink von Soundgarden-Chef Chris von Rautenkranz bearbeiten und auf buntes Vinyl pressen lassen.

Ein Vierteljahrhundert erscheinen damit nicht nur längst vergriffene LPs in herausragender Qualität als Coffeetable-Box für Boomer und andere zum Hinstellen, Durchhören, Liebehaben. Die ersten zwei Alben Vogelbeobachtung im Winter und Loch in der Welt erscheinen sogar erstmals auf 12# und sind wie alle anderen auch einzeln erhältlich. Endlich. Als Hommage an den unbekanntesten Weltstar der deutschen Popkultur, ein Poet von urbaner Windschiefe.

Fink – ne Menge Leute, Ltd Box-Set (Indigo/Trocadero)


Whitney, RSS Disco, Jockstrap

Whitney

Dass aller guten Dinge drei sind, ist wie alle Sprichworte natürlich pauschalierter Unsinn. Aber wie jedes Sprichwort wartet auch dieses auf seine Bestimmung und urteilt aus sicherer Entfernung. So ist es mit dem dritten Album von Whitney, der besten ereignislosen Band überhaupt. Sechs Jahre, nachdem ihr Debüt Light Upon the Lake Easy Listening avantgardetauglich machte, erscheint nun Spark – und wieder passiert wenig. Wieder klingt alles wie in Quark gewälzte Beach Boys. Und wieder ist es wundervoll.

Erinnert der Opener von Julien Ehlrich und Max Kakacek aus dem wuseligen Chicago noch an Bee Gees auf Ketamin, wird es auch danach nur selten dynamischer, versprüht aber dieses buntgemusterte Gefühl von Selbstgenügsamkeit, in der Westcoast-Pop mit Eastcoast-Synths zu einer Melange von so eleganter Cremigkeit emulgiert, dass selbst der dauernde Falsett darin Konturen kriegt. Es bleibt dabei: Whitney haben den Softrock so schön sediert, dass auch Album 4 vermutlich klingt wie 1-3 und dennoch Lust auf Nr. 5 macht.

Whitney – Spark (Secretly Canadian)

RSS Disco

Und was Whitney auf analoge Art zaubern, erzeugen ihre Hamburger Ausstrahlungskollegen RSS Disco in digitaler Vollendung. Das Trio schafft es seit geraumer Zeit schon, Technofestivals aller Art behaglich ins Morgengrauen zu grooven. Jetzt erscheint der Longplayer Mooncake – und wieder wünscht man sich instinktiv auf einen baumumstandenen Floor fernab der 120bpm-Stampfböden, um die letzten Restenergien aus der Hüfte zu kitzeln und dann ab ins eigene Zelt.

Als hätte man Prince eine Dosis Air verschrieben oder die Achtziger in einer Dose Nuller verrührt, plöddert psychedelischer Dreampop auf dem ersten richtig physischen Album durch sonnendurchfluteten Tropical-House, kriecht dabei wie geliert durch abklingende Spaßdrogenversuche und schafft es dennoch, in aller Langsamkeit temporeich zu klingen oder umgekehrt. Das ist mindestens dreimal so berückend wie all die beatüberfrachteten Acts in den Festzelten nebenan.

RSS Disco – Mooncake (Mireia Records)

Jockstrap

Das Londoner Duo Jockstrap dagegen wäre ohnehin eher was für den kleinen Sperrholz-Floor abseits der Trampelpfade zu den großen Stages, irgendwo versteckt im Birkenwald vielleicht. Auf I Love You Jennifer B machen Georgia Ellery und Taylor Skye schließlich mal so gar nichts, was Menschenmassen zufriedenstellt. Im Gegenteil: wenn verschrobene Keyboards unter fazerdaze-katebushigem Gesang verwehen, schlägt sich der der Mainstream in die Büsche.

Von dort aus allerdings kann man dann ja mal zuhören, was das Debütalbum der beiden elektroanalogen Frickelfans zu bieten hat. Gitarren nämlich, die wie Celli klingen, Drums ohne Taktverbindung, Samples von hinreißendem Aberwitz und überhaupt ein Futurepop, dem Zukunft und Vergangenheit völlig egal zu sein scheinen, weil es in der Gegenwart so viele Absurditäten zu entdecken gilt, aus denen sich Harmonie basteln lässt. Man muss nur lange genug hinhören.

Jockstrap – I Love You Jennifer B (Rough Trade Records)


Techno House, Jamie T, Chemical Brothers

Jamie T

Als ein unscheinbarer Shoegazer 2007 Londons Bühnen erobert und dabei gar nicht auf sein Schuhwerk, sondern beherzt, offen und angstfrei ins Publikum davor gesehen hat – da ahnten wohl nur wenige, dass Jamie Treays, kurz T 15 Jahre und fünf Platten später die unbekannteste Ikone des Britpop aller Zeiten werden würde. Sein neues Album zeigt warum er es ist: Atmosphärisch ungefähr mittig zwischen Maximo Park und Billy Bragg ist jedes der 13 Stücke darauf ein Manifest virtuoser Imperfektion.

Mal durchgeschüttelt verschroben wie der Punkpopsong The Old Style Raiders gleich zu Beginn, mal windschief schön wie das Singer/Songwriting 50.000 Unmarked Bullets zum Schluss, schlendert Jamie T angenehm beschwipst durch den Alltag seiner britischen Heimat, kommentiert hier alle Ungerechtigkeit der Welt ringsum, lacht sich da über die eigene Verbissenheit schlapp und ist dabei in einer Gelassenheit zappelig, die The Theory of Whatever zum nächsten Meisterwerk jenseits der Wahrnehmung macht.

Jamie T – The Theory of Whatever (Universal)

Der Fernsehtipp

Techno House Deutschland

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Die achtteilige ARD-Doku erzählt vollständig in der Mediathek vom Siegeszug der Clubkultur und bleibt trotz aller Hingabe neutral. Schließlich schwärmen die Pioniere der Achtziger bis Nullerjahre schon genug.

Im Rückblick war vieles bekanntlich besser. Die Neunziger zum Beispiel, als Sammelsurium stilistischer Irrungen verpönt: aus heutiger Sicht höllischer Krisen ein himmlisches Jahrzehnt. Selbst den Kalten Krieg zuvor verklärt unser Hang zur Nostalgie trotz SS-20 im sauren Regen zur Friedensepoche; daran ändert auch dieses monotone Stampfen wenig, das die Zeit vor und nach dem Mauerfall wie ein Stechschritt untermalt, besser noch: untergraben hat. Techno.

Nüchtern betrachtet ein elektronischer Viervierteltakt, marschierte das repetitive Stakkato vor bald 40 Jahren aus Detroit und Chicago über Frankfurt und Berlin so lautstark durchs geteilte Land auf dem Weg zur Vereinigung, als wäre es der Soundtrack des Mauerfalls. BRD und DDR vor und nach 1989 klangen folglich weniger nach David Hasselhoff als Sven Väth – einst visionärster DJ am Mischpult einer Subkultur, die eigentlich keiner Erklärung mehr bedarf. Das Erste liefert sie trotzdem. Zum Glück!

Denn wenn sich Wero Jägersberg und Mariska Lief in der ARD-Mediathek und Sonntagnacht linear auf Zeitreise zur letzten musikalischen Revolution abseits vom HipHop begeben, gehen auf Dancefloors unter Tage der Republik zwar die Lichter aus – dem Publikum allerdings gehen sie auf. Anders als ähnliche Jugendkulturstudien ihrer Zeit nämlich wie das fabelhafte Hauptstadtporträt B-Movie erstarren die Autorinnen nicht in Ehrfurcht vor der entfesselten Kraft einer neuen Zeitrechnung; sie graben sich mit leidenschaftlicher Akribie durch zu den Wendepunkten und ihrem Personal.

Womit Jägersberg & Lief wieder bei Sven Väth und einem Archivfundus von ihm und seinesgleichen wären, das schier unerschöpflich zu sein scheint. Geboren 1964 in Hessen, hat der „Schamane, Vater, Zeremonienmeister des deutschen Techno“ den aseptischen Sound mit Gleichgesinnten aus Amerikas Industriebrachen nach Mainhattan geholt und von da aus in die heimische Popkultur gedengelt. Kein Wunder, das er achtmal 30 Minuten ständig im Bild ist – auf grisseligen Videos seiner frühen Auftritte ebenso wie als Interview-Partner zwei bis vier Jahrzehnte später.

Mit Weggefährten jener popkulturellen Pioniertage erzählt er zwar sichtlicht gealtert, aber im Herzen blutjung von der Zeit, als Techno zwischen Disco, Punk und NDW groß werden konnte. Wie die Keimzelle elektronischer Musik nach dem Ende seines legendären Parkhaus-Clubs „Omen“ von der Frankfurter Keimzelle ostwärts wanderte. Wie ihr der ähnlich legendäre „Tresor“ im Keller eines verwaisten Kaufhauses in Mitte Asyl gewährte, was dessen Betreiber – auch er: Legende! – als Spätfolge der deutschen Teilung beschreibt.

Nachdem sich die alte Frontstadt über Nacht quasi verdoppelt hatte, meint Dimitri Hegemann mit seiner Gutenachtgeschichten-Stimme, „da knallte dieses Zeug nach Berlin“, und wurde dort nicht nur von der schwarzen zur weißen Musik; sie eroberte sich auch viele Treuhandbrachen, auf denen statt geregelter Besitzverhältnisse nun Anarchie herrschte. Und weil die künftige Weltstadt im Überbietungswettbewerb globaler Investoren bald betonvergoldet wurde, zog der Techno eben weiter. Nach Jena, Chemnitz, Leipzig, wo branchenintern klingende Namen wie Thomas Sperling, Mathias Kaden, Ronny Seifert mit 90 Beats per Minute aufwärts die Wende zur musikalischen Freiheit vollendeten.

All das erzählt Techno House Deutschland mit solch einer Hingabe zur Materie, als wären Jägersberg & Lief eher Fans als Filmemacherinnen. Sind sie ja auch, weshalb beide zuvor schon Wie HipHop nach Deutschland kam gedreht haben, auch das eine dokumentarische Liebesbeziehung. Umso wichtiger ist da, dass sie nicht nur schwärmen, sondern den Sexismus der frühen Technojahre erwähnen, das Gefälle zwischen Stars und Sternchen, die bürgerlichen Vorbehalte gegen Drogenkonsum und Kontrollverluste, unter denen der Underground auch dann noch litt, als er längst in den Mainstream gemündet war.

Aber gut – das Schwärmen abseits journalistischer Distanz übernehmen ja all die Zeitzeugen. Es ist zum Heulen schön, wie Clubbesitzer und Türsteherinnen, Festivalbetreiber und Plattendreherinnen bis zur Selbstaufgabe ihren Traum von Freiheit, Gleichheit, Geschwisterlichkeit auf der Tanzfläche leben oder wie es die Berliner DJ-Institution Monika Kruse nennt: „Techno ist die positivste Jugendkultur, die es jemals gab“. Das allein ist 240 Minuten Nostalgie im repetitiven Viervierteltaktstakkato wert.

Re-Issue

Dig Your Own Hole

Und dann muss hier unbedingt noch an die vielleicht bedeutendste Re-Issue unserer lasterhaften Tage erinnert werden, ein episches Werk aus Zeiten, da bedingungsloses Abdrehen noch keine Weltflucht sein musste und von einem Elektroduo aus – woher sonst? – Manchester mit einem Sound planiert wurde, den es in dieser verschwitzten Dringlichkeit nie wieder geben sollte: die Chemical Brothers, Co-Founder des Big Beat. Genau 25 Jahre nach Dig Your Own Hole bringt Universal nun ein dreiteiliges Vinyl aus der Hochphase des CD-Irrsinns heraus und liefert damit eine haptische Überdosis Block Rockin’ Beats. Endlich.


Beach Bunny, Alex the Astronaut, She and Him

Beach Bunny

Wenn die Zivilisation, kleines Gedankenspiel, ein Strandhäschen wäre – das Empowerment marginalisierter Gruppen würde nicht noch immer in den Startlöchern Cis-Mann-dominierter Machtstrukturen feststecken, sondern fast schon am Ziel sein. Beach Bunny ist schließlich nicht nur eine der aktuell erfrischendsten Alternative-Bands, sondern auch so divers vielschichtig und dabei nie verkrampft, wie überhaupt nur möglich im Cis-Mann-dominierten Musikzirkus.

Niemand im Chicagoer Quartett entspricht irgendeiner Perfektionsschablone, Gitarristin Lili Trifilio traut sich allen Ernstes, zugleich lieblich und tough zu singen und sein. Ihre Westcoast-Kompositionen von der Ostküste klingen wie scheppernde Selbstermächtigungen ohne wütenden Unterton. Das zweite Album Emotional Creatures darf demnach sogar Gefühl im Titel tragen und das auch noch ein bisschen süßlich unter die garagigen Powerpop-Riffs reiben. Selten klang emanzipierte Kraftmeierei tiefenentspannter.

Beach Bunny – Emotional Creatures (Mom + Pop Records)

Alex the Astronaut

Und wo wir grad bei zweiten Platten unaufgeregt feministischer Nebenflusspaddlerinnen mit Potenzial zur emotionalen Überwältigung sind: die Australierin Alex the Astronaut hat ihr Debütalbum mit einer Reihe Songs fortgesetzt, an denen abermals alles, aber auch wirklich alles bezaubernd ist. Bezaubernd klug bezaubernd komisch, bezaubern kreativ, bezaubernd räudig, bezaubernd ergreifend, bezaubernd woke und aware und tough und alles, was Energie einflößt.

Mit gerade mal 26 Jahren singt sie zu ihrer punkig angefolkten Westerngitarre über die richtig beiläufigen Dinge des Lebens und lässt dazu Schnorchelblasen aus der Tiefsee aufsteigen. Hier der tägliche Einkauf im Supermarkt, dort der wöchentliche Besuch bei der Psychologin, alles verabreicht mit der erzählerischen Wucht einer Kimya Dawson und der schnodderigen Shoegaze-Attitütde von Fazerdaze – das macht How to Grow a Sunflower Underwater zur Quintessenz kämpferischer Lebensfreude.

Alex the Astronaut – How to Grow a Sunflower Underwater (Network Music)

She and Him

Wer wie das Westküsten-Duo She and Him aus Portland/Oregon kommt, wo gefühlt ausschließlich vegan-woke Feminist:innen ein Leben in diversem Saus und Braus leben, hat all die Kämpfe um Lebensfreude mit Sinn und Verstand hingegen schon ausgefochten. Zooey Deschanel und M. Ward können sich demnach längst ihrer Lieblingsbeschäftigung jenseits linker Positionsschlachten widmen: in den Dünen des Pop buddeln und fantastische Sandburgen am Strand daraus bauen.

Ihr neuestes Projekt: eine Hommage an den Surfsound der Sixties, stilsicher Melt Away: getauft, als Tribute To Brian Wilson deklariert. Und wie lässig die humorbegabte Schauspielerin (New Girl) an der Ukulele mit Gitarrist M. alias Matthew die Sonnenseiten dieser fernen Zeit des Erwachens durchdekliniert, ohne dabei nostalgisch zu klingen, das macht ungeheuer viel Laune. Es regt aber auch zum Nachdenken an über die Entwicklungen der modernen Musik in den vergangenen 60 Jahren.

She and Him – Melt Away: A Tribute To Brian Wilson (Fantasy-Concord)


Frau Kraushaar, Σtella, Huffduff

Frau Kraushaar

Frau Kraushaar, das klingt nach einer Sat1-Comedy der frühen Neunziger, aber Frau Kraushaar – bürgerlich: Silvia Berger (was wiederum nach einer Sat1-Erotiksprechstunde der frühen Neunziger klingt) – macht weder schlechtes Privatfernsehen noch schlechte Sexberatung, Frau Kraushaar macht ganz wunderbare Musik. Nur: welche eigentlich? Eine Antwort dazu versteckt die Kunstfigur aus St. Pauli auch auf ihrer dritten Platte hinter Tonabfolgen, die eigentlich gar keine Musik sind.

Zugleich aber die denkbar schönste. Denn was Frau Kraushaar auf Bella Utopia serviert, ist zauberhaft verspieltes, elektrophil vertracktes Fieldrecording, das vom Vogelgezwitscher bis zum Metal-Solo allem sein warmes Plätzchen bietet. Wenn sie mit anämisch-schönem Gothic-Falsett “Ich habe Gefühle / die sind einfach da da da” singt, erinnert es dabei an eine harmonische Version des sadomasochistischen Gaga-Kollektivs HGich.T, bisschen wie Techno im Froschteich, die schönste Utopie des Popmusiksommers.

Frau Kraushaar – Bella Utopia (Staatsakt)

Σtella

Die schönste Utopie aller Popjahreszeiten ist hingegen das Verschmelzen kultureller Stile, die dabei zwar ihre Deutungshoheit verlieren, aber nicht den Charakter. Wenn sie beim fließenden Übergang ineinander ganz bei sich bleiben und zugleich außer sich geraten. Wenn sie also ungefähr das tun, was Σtella damit anstellt. Die Songwriterin mit Lebensmittelpunkten in London und Athen schickt griechische Volksmusik durch unbehausten Psychopop und macht dabei vieles richtig.

Mit Bouzouki und Kaffehausgitarre, ägäischer Fiebrigkeit und britischem Cool mäandert Up and Away  zehn Stücke lang englisch betextet durch die musikalischen Schwemmgebiete ihrer zwei Heimaten. Dabei erschafft sie eher Emulsionen als Mash-ups, die weder folkloristisch klingen noch überfrachtet, sondern in ihrer zurückhaltenden Schlichtheit einfach schön sind, ohne hübsch sein zu wollen. Σtella malt schließlich auch sehr komplexe Bilder. Das hört man.

Σtella – Up and Away (Sub Pop)

Huffduff

Komplex ist auch die Platte von Huffduff mit dem vielsagenden Titel AI, der Künstliche Intelligenz ebenso abkürzt wie American Idol oder das Selbstbedienungsprinzip All Inclusive, von alledem aber kaum weiter entfernt sein könnte. AI ist schließlic psychedelischer Noiserock der analogsten Art, mit Gitarre (Abacha Tunde Jr.), Bass (V. Sputnikova) und Drums (Mr. Fust), der Sänger, besser noch: Telefonseelsorger Durian Gray artifizielle DIY-Instrumente aus dem Fundus früher Elektronica unterjubelt.

So verachten die vier Hamburger:innen das Prinzip Harmonie, ohne deren Lehre mitzuverachten. Manchmal mathrockig, meistens surfpunkig, sägen die acht Stücke des zweiten Albums gerne haarscharf am Tinnitus vorbei. Abgemischt und aufgenommen vom ortsansässigen Kettenraucher Rick McPhail klingt das nach Übungsraum im Stahlwerk, aber es klingt fantastisch roh und verbissen wie ein Horrorfilm auf MDMA. Kann man nicht besser beschreiben, sorry. Muss man (etwa auf Bandcamp) hören.

Huffduff – AI (Red Wig/Fidel Bastro)


Rickolus, The Range, Moonchild Sanelly

Rickolus

Für Eindrücke, die bleiben, hilft es manchmal, sich etwas herunter zu regeln. Von groß auf klein schalten, bisschen digital detox, bisschen Anspruchsentschlackung, Ferien im Kleingarten vielleicht oder falls Beton, dann die Abseiten der Boulevards, besser noch: ein Abend mit Rick Colado alias Rickolus, den es wie so viele Amerikaner nach Berlin verschlug, wo der Songwriter aus Florida ungefähr 200.000 Kneipenkonzerte gegeben hat, bevor er nun sein Debütalbum vollenden konnte.

Bones der Name, und so knöchern das klingt – es eine Art immobiler Großstadturlaub. Zu schäbig schöner E-Gitarre erzählt er uns übers Aufwachsen im Westen oder das Großsein im Osten, über Drogen, Träume, Verwandtschaft, die Liebe. Immer klingt es, als blättere Rickolus in Fotoalben und rede dazu ein wenig vor sich hin, nicht melancholisch, sondern ausgeglichen, hier eine Mundharmonika zur Untermalung, dort ein Saxofonsolo. Urbaner Surfpop, als sei da einer mit sich im Reinen. Sind wir dann auch mal.

Rickolus – Bones (Buback)

The Range

Andererseits ist es bisweilen künstlerisch interessanter, mit sich im Unreinen zu sein, ein bisschen dreckig, ein bisschen übellaunig, was musikalisch vor 20 Jahren im Londoner Eastend eine Ausdrucksform erhielt, die entsprechend Grime genannt wurde, aber auch außerhalb großer Moloche funktioniert. James Hinton zum Beispiel, schon vor seinem Abschied aus Brooklyn als The Range bekannter, hat den städtischen Schmutz gegen die Natur Vermonts getauscht, wo er auf der Suche nach Dunkelheit im Lichterglanz ist oder umgekehrt.

Sein erstes Album seit sechs Jahren heißt entsprechend Mercury, denn Quecksilber mag schimmern wie Platin, im Innern ist es hochexplosiv und toxisch, ein schönes Gift also, wie der technoide Wave von The Rave, basslastig und synthetisch, geheimnisvoll dunkel und zugleich lichthell treibend, eine Art Triphop-House mit etwas Big Beat für verlorene Seelen, die in der inneren Immigration gern unter Leute gehen und tanzen wollen.

The Range – Mercury (Domino)

Moonchild Sanelly

Tanzen ist bei Moonchild Sanelly hingegen keine Option, sondern unerlässlich. Viel zu lange nach ihrem Debütalbum hat Sanelisiwe Twisha ihr zweites Album gemacht, und auch Phases kommt aus dem Grime genannten Wutkorridor elektronisch schwitzenden Raps, den die Südafrikanerin mit dem musikalischen Repertoire ihrer Heimat anreichert und dafür ortsansässige Großtalente wie Blxckie und Sir Trill gewinnen konnte.

Das Resultat klingt schwer nach Capetown auf Cockney, ein viriler, ethnopopkulturell angedickter Mix aus HipHop und TripHop, M.I.A. und Thandisma Mazwaim, hintergründig fiebriger, vordergründig nicht grad queerer, aber irgendwie genderfluider Township-Powerpop randvoll von einer missmutigen Energie, die mit minimalem Aufwand wattierter Bässe und verhallender Vocals eine Aura von gelangweilter Hingabe erzeugt.

Moonchild Sanelly – Phases (Transgressive Records)


Erdmöbel, Alex Izenberg, Drens

Erdmöbel

Männliche Boomer unterliegen einer Reihe von Vorurteilen, und nicht alle sind fair. Sie, so heißt es unter Spätgeborenen, seien selbstgefällig, selbstreferenziell, selbstgenügsam und noch so einiges mehr mit “selbst” davor. Wenn vier Fünfziger- bis Sechzigerjahrgänge mit dem morbiden Bandnamen “Erdmöbel” seit 1993 gemeinsam musizieren, müsste das Kreisen ums Ego also eigentlich toxische Form annehmen und irgendwie eklig werden. Wird es aber nicht. Im Gegenteil.

Auf ihrer 13. Platte Guten Morgen, Ragazzi reisen die vier Kölner selbstbewusst, aber bescheiden durch den nostalgischen Klangkosmos. Wenn Markus Berges mit Atari-Kopfstimme Nichts ist nur irgendwas singt und verschlafene Bläser dazu durch den Offbeat einer kleinen Popsinfonie schwirren, die sich nicht mal für ölige Gitarrensoli zu schade ist, lugt die Zukunft durchs Geschichtsbewusstsein. Keines der zehn Stücke klingt da nach kohortenypischer Angst vorm Privilegienverlust, sondern im Gegenteil: neugierig, aufgeschlossen, auf retrospektive Art futuristisch.

Erdmöbel – Guten Morgen, Ragazzi (jippie! industrie)

Alex Izenberg

Schwer zu sagen, welcher Jahrgangskohorte Alex Izenberg. entspringt. Angesichts seines Karrierestarts vor sechs Jahren aber dürfte es eine viel jüngere sein. Das ist bei der Bewertung seiner dritten Platte wichtig – scheint sie doch einer betagten, fast schon greisen Seele zu entspringen, gramgebeugt und kampfgeschunden. I’m Not Here heißt sie und wühlt mit melancholischer Sam-Genders-Stimme so genüsslich im Fundus tradierter Klänge wie Erdmöbel.

Das kann allerdings nur oberflächlich darüber hinwegtäuschen, wie viele Wunden sich der Solo-Künstler aus L.A. mithilfe seiner fröhlichen Melange leckt. Textlich die pure Schmerztherapie, ist der Zehnteiler musikalisch von fast schon orchestraler Verspieltheit. Midwest-Country spielt da hinein, Westcoast-Pop, Eastcoast-Cool, ein bisschen Southern Soul – Izenberg begibt sich auf eine tour d’america, die gleichsam Spaß und nachdenklich macht.

Alex Izenberg – I’m Not Here (Domino)

Drens

Und damit, als Abschluss zum Abklingen, etwas komplett anderes, das Melancholie, Schmerz und Drama kaum ferner sein könnte: Drens, vier Dortmunder, die sich der Bandlegende nach an einem der Ruhrpott-Büdchen versammelt haben, um den beginnenden Blues einer perspektivlosen Großstadtjugend in Grund und Boden zu stampfen. Surfpunk aus der Asphaltwüste – klappt auf dem Debütalbum Holy Demon schon mal ganz gut.

Mit hoch gepitchtem Fuzz-Geschrammel im Flanell der frühen Neunziger machen die weißen Ghettokids keine Kompromisse. Eins-zwei-drei-four to the floor. Viel Tempo, volle Möhre. Was Holy Demon originell macht, ist da ein komischer Wave-Groove im Garagensound, leicht verpeilte Bass-Läufe, ein paar Cramps-Avancen an dystopische Abseiten des Punkrock, Choräle ohne Parolengepöbel. Aufgerauter Gitarrenopop für Saufästheten.

Drens – Holy Demon (Glitterhouse)


OK Kid: F4F & Drei

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Es ist kein Weltschmerz, sondern Weltkrieg

OK Kid machen seit ihrem Debüt vor neun Jahren alles Mögliche: HipHop, Indierock, Powerpop. Auf der fünften Platte Drei haben die drei Kölner aus Gießen das gefunden, was fehlte: den roten Faden. Worin der besteht, ob OK Kid eigentlich Musiker oder Aktivisten sind und wie man in Zeiten der Dauerkrise optimistisch bleibt, erzählen Sänger Jonas Schubert und Keyboarder Moritz Rech im Interview

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Ihr habt vor diesem Interview live auf der Fridays for Future-Demo hier in Hamburg gespielt. War das der Grund, herzukommen?

Jonas Schubert: Genau, wir haben selber gestern Abend in Köln das erste Mal selbst vor 150 Leuten in unserer Stammkneipe das fertige Album durchgehört. Das war toll, aber auch ein bisschen ungewohnt, vor so vielen Leuten. Aber vorhin waren das nochmals viel mehr.

Moritz Rech: Wir haben schon öfter auf Demos wie diesen gespielt, weil es einfach geil ist, wenn Menschen für ihre Ideale auf die Straße gehen. Andererseits verbinden wir den Auftritt jetzt auch damit, über unser Album und die Tour zu sprechen, denn das haben wir seit 2019 schon nicht mehr gemacht.

Seid ihr auf einer Bühne wie der von Fridays for Future Aktivisten oder Musiker?

Jonas: In erster Linie sind und bleiben wir Musiker, deren Musik künstlerisch und ästhetisch im Vordergrund steht. Es gibt Bands, die findet man wegen der Haltung geil, aber die Musik scheiße. Und es gibt Bands wie The Smiths, deren Musik geil ist, die man aber nicht mehr hören kann, weil Morrissey mittlerweile ein nationalistischer Vollspacken ist. Wir probieren beides nicht zu sein, sondern gute Musik zu machen und damit auszudrücken, was uns bewegt.

Moritz: Weil das aber nun mal oft sehr politisch ist, drückt die Musik auch unsere Haltungen aus.

Jonas: Und in dem Sinne sind wir dann schon auch Aktivisten.

Und als was nimmt euch das Publikum denn eher wahr?

Moritz: Das hat eine Wendung genommen. Je mehr wir uns über gesellschaftliche Entwicklungen klar äußern, desto aktivistischer empfindet es vermutlich auch das Publikum. Am Anfang waren wir sogar explizit unpolitisch.

Jonas: Was auch damit zu tun hat, wie wir nach der Wende so aufgewachsen sind. Unsere Jugend war von Wohlstand und Privilegien geprägt, nicht von Politik oder Krisen wie heute. In dieser peacigen Zeit haben wir uns vor allem um uns selbst gedreht. Klar waren man gegen Nazis und auch mal auf Demos. Aber ich war nicht mal wählen! Und auf einmal: Klimakatastrophe, Rechtsruck, Wir-sind-das-Volk-Gegröle, Pandemie…

Moritz: Jetzt auch noch Krieg.

Jonas: Von daher haben nicht wir uns verändert, die Welt hat uns verändert.

Glaubt ihr denn im Umkehrschluss, die Welt mit eurer Musik und Haltung wieder zurückverändern zu können?

Moritz: Schön wär’s…

Jonas: Erstmal verändern wir uns mit der Welt, damit man sich nicht so sinnlos und ohnmächtig vorkommt. Denn so wichtig Bilder und Messages großer Demos wie der von vorhin sind: es geht dabei immer auch ein bisschen um einen selber, dieses Gefühl, Gleichgesinnte zu haben und zu treffen. Das ist beim Musikmachen generell gar nicht anders.

Moritz: Wenn ich von mir auf andere schließe, bewegt Musik unglaublich viel. Sie führt Menschen zusammen, kann auch heilsame Wirkung haben und sorgt dafür, sich mit seiner Sicht auf die Welt weniger allein zu fühlen. Trotzdem ist nach einem Konzert grundsätzlich selbst dann nichts besser, geschweige denn gut, wenn wie bei Fridays for Future schon mal 200.000 Leute da sind.

Moralisch legt ihr die Messlatte dabei – wie auf eurer neuen Platte – von Klimawandel über Konsumkritik bis toxische Männlichkeit mittlerweile extrem hoch. Kommt ihr da auch privat drüber?

Jonas: Drei ist in erster Linie eine Befindlichkeitsplatte, die in der Corona-Zeit sehr ich-bezogen, also aus persönlicher Perspektive heraus entstanden ist. Die Aussagen sind dadurch einerseits von der aktuellen Politik, aber auch von einer Art Weltschmerz geprägt, wie man es überhaupt hinkriegt, aus dem Bett zu kommen. Von daher war dieses Album mehr als jedes zuvor ein Stück Selbsttherapie, um mit der Situation klarzukommen.

Moritz: Und gerade deshalb darf man die Haltungen darauf nicht mit erhobenen Zeigefingern verwechseln. So sehr wir versuchen, uns und damit Dinge zu ändern: wir sind Teil der Krise, also Teil des Problems.

Sind die Texte demnach allesamt autobiografisch?

Jonas: Die Geschichten sind nicht immer autobiografisch, die Emotionen dahinter schon. Und alles hängt auch immer noch davon ab, wie ich sie nach welchem Reimschema singe. Handwerk, Lyrik, Rhythmus, Duktus – alles nimmt Einfluss auf die Geschichten.

Eine gute Punchline ist also manchmal wichtiger als der passende Inhalt?

Jonas: Ich liebe Punchlines und schreibe immer noch wie ein Rapper, obwohl wir Pop machen.

Ist eine Story vom Polizisten Dennis in Hausboot am See zum Beispiel real?

Jonas: Den gibt es wirklich. Die Geschichte ist aber so persönlich, dass ich Namen geändert und eigentlich auch nicht darüber reden möchte. Es gab das Hausboot, es gab den Junggesellenabschied und danach keinen Kontakt mehr.

Wie authentisch sind Zeilen wie „ich bin Halbtagsmisanthrop und Quartalstrinker“?

Jonas: Auch da ist was Wahres dran. Ich liebe Menschen und finde sie gleichsam so bescheuert, dass diese Punchline nicht nur reinmusste, weil ich sie mochte. Wobei sich das Misanthropische eher auf Männer als Menschen bezieht. Klimakrise ist männlich, Kriege sind männlich, Kapitalismus ist männlich. Da hilft als Mann manchmal nur Quartalstrinken.

Sowohl Halbtagsmisanthrop als auch Quartalstrinker klingt so ein bisschen verzagt und larmoyant. Ist Drei ein optimistisches oder pessimistisches Album?

Jonas: Weder noch. Wenn ich singe, es ist kein Weltschmerz, sondern Weltkrieg, habe ich damit schon vor einem Jahr keinen Gemütszustand beschrieben, sondern die Realität. Die Platte ist komplett frei von Selbstmitleid, denn es ist total nachvollziehbar, sich schlecht zu fühlen. Weil mir die Filter für schlechte Nachrichten fehlen, war ich in all den Krisen zuletzt wie gelähmt, habe mich aber trotzdem aufgerafft.

Moritz: Geht mir genauso, ich finde einfach keine Lösungen in mir und schiebe die Realität beiseite. Wie soll man das sonst alles ertragen.

Jonas: Da wären wir wieder bei der Frage, was Musik verändern kann. Denn zumindest zeigt sie den Leuten, die sie hören, dass Leute da draußen genauso denken. Daraus kann, besonders auf Konzerten, was Positives entstehen.

Zumal ihr die tragischen Texte an bedingungslos gutgelaunten Sound, manchmal sogar mit Schulterpolster-Saxofon und Eurodance, koppelt.

Moritz: Es gibt schon Stücke, in denen Text und Musik eins zu eins übereinander passen. Bei einigen lassen wir es aber tatsächlich bewusst eskalieren.

Jonas: Deshalb haben wir nicht nur das erste Saxofon-Solo auf einer Platte von OK Kid, sondern auch das erste Gitarrensolo. Dafür hätten wir uns vor fünf Jahren noch geschämt.

Moritz: Wobei wir schon immer einiges zugelassen haben, aber auf der Suche nach einem roten Faden waren. Den haben wir diesmal gefunden: Keine Schranken mehr, Begrenzung nur durchs Equipment, alles rein!

Das Interview lief zuvor bei Musikblog.de

Rammstein, Blurry Future, St. Arnoud

Rammstein

Manche Dinge ändern sich einfach nie: in Zeiten eruptiver Zeitenwenden ist das im Grunde nicht die schlechteste Nachricht. Wenn Flakes dystopiedicke Keyboard durch wabernden Nebel brachialer Gitarren bricht und Till Lindemann dazu “Komm zu uns und reih dich ein / wir wollen zuhause traurig sein” aus seiner Lunge räuchert, hören sich Rammstein also an wie immer, irgendwie. Und wie immer, sagen wir’s ehrlich, ist zwar nicht sonderlich originell, aber irgendwie tröstlich.

Gut, ein bisschen melodramatischer sind die ewigen Pubertätsverlängerer der neuen deutschen Härte schon geworden, irgendwie wattierter als anno Herzeleid. Das Piano wird eher getupft als zerstört, der Gesang häufiger mal gehaucht statt geprügelt, die Poesie um etwas Sperma erleichtert und dafür noch morbider. Aber der Grundsound, dieser bretthafte, zu Geröllwüsten zerspante Pathos-Metal, den treiben uns die sechs Schmerzensmänner des Rock unter die Fußnägel wie 1994. Danke für die Haue.

Rammstein – Zeit (Universal)

Blurry Future

Ist es HipHop, ist es Postpunk, ist es Elektrotrash, ist es vielleicht sogar so etwas wie Darkwave-Trippop? Wenn alles drin steckt und wenig sichtbar bleibt, mag es für harmoniesüchtige Ohren verwirrend klingen, verstörend, haltlos. Alternative Klanggeschmäcker indes werden bei Bands wie Blurry Future hellhörig. Das Duo aus Hamburg kippt seine Soundbits und Krautflächen so zusammen, dass The B-52’s mit Hayiti im S/M-Keller von Prodigy catchen.

Und das ist selten eingängig, aber stets auf fiebrige Art mitreißend, wenn Songwriterin Charlotte Becher ihre blechernen Raps über Marlon Mausbachs Gitarrenbretter zischt. Manchmal wie Kae Tempest ohne Ideologie-Verwirrung, manchmal wie Chicks on Speed mit mehr Wumms – das selbstverliehene Farbspektrum dunkelbunt trifft dieses Stilgewitter zwischen Weltschmerz und Romantik ganz gut. Und macht Lust auf mehr.

Blurry Future – Alligator (popup-records)

St. Arnault

Aufmerksame Leser*innen dieser Kolumne haben womöglich gemerkt, dass Bläsersequenzen hier ziemlich gut ankommen, sofern sie nicht die Deutungshoheit übernehmen, sondern selbige brechen. Der kanadische Songwriter St. Arnaud hat folglich ein dickes Stein im Brett, wenn er sein neues Album Love and the Front Lawn regelmäßig mit dem Sound einer Trompete auflockert, die sich unter den Crooner-Folk mischt wie ein Schlagsahne in den Pudding.

Und nicht nur Trompeten. Gitarrenriffs der Siebziger schmiegen sich über Sixties-Keyboards und Neunziger-Drums hinweg an St. Arnauds melancholische Wird-schon-Poesie, die selbst tragische Themen von Furcht bis Krankheit in ein Manifest der Zuversicht verwandelt. Den Bläsern und seinem Bruder – dem Youtube-Animator GingerPale – sei Dank. Das klingt dann manchmal wie Neil Diamond auf Ecstasy, zeitloser Westcoast-Pop in den Straßen von San Franzisco. Nicht neu, aber schön.

St. Arnaud – Love and the Front Lawn (Fierce Panda)


Bilderbuch, Kae Tempest, Sophia Bel

Bilderbuch

Rosen, besonders rosarote, haben zu Recht nicht den allerbesten Ruf. Als Ausdruck antiquierter Ansichten von Romantik, sind sie eher was für die Generationen Schlager als Pop. Es sei denn, letzterer okkupiert ersteren und steht auch noch dazu – dann darf die beste Popband der Welt gern die kitschigste Rose der Welt aufs Cover nehmen und dazu “unten am Ende der Straße lebt ein süßes Girl / aber ich weiß nicht wie sie heißt” singen”. Ist auch egal. Wenn man Bilderbuch ist.

Den vier Österreichern um Schmusezyniker Maurice Schmidt vergibt man ja alles: die öligen Gitarrensoli von Michael Krammer, den wattierten Bass von Peter Horazdovsky, das schulterpolsterige  Schlagzeug von Philipp Scheibl und vier Platten, die all das zum geschmeidigsten Lowfi-Bigbeat der Welt vereinen. Jetzt gibt es Gelb ist das Feld mit rosaroter Rose und es beschreitet den Weg gediegener Selbstverseifung konsequent weiter. Wenngleich so brillant, dass die Schlagerhaftigkeit darauf betört, nicht verkleistert.

Bilderbuch – Gelb ist das Feld (Maschin Records)

Kae Tempest

Kae (fka Kate) Tempest ist jemand, der/die/das mit jeder Äußerung Aufsehen im alternativen Kunstbetrieb erregt. Seit einiger Zeit nonbinär definiert, hat er/sie/es schon alles publiziert, was Publikum findet: Lieder, Platten, Stücke, Bücher, Romane, Essays und dummerweise auch Sympathiebekundungen für den latent antisemitischen Israel-Boykott BDS. Mindestens heikel, aber bei aller Kritik: nicht annähernd ausreichend, um ein musikalisches Werk zu ignorieren, das in jeder Hinsicht herausragend ist und bleibt.

Als Rapperin gestartet, haben all ihre Alben eine Kraft des elektronisch ummantelten Sprechgesangs, der kaum noch zu steigern war – in Gestalt von The Line Is A Curve aber doch übertroffen wird. Die zwölf Tracks der realen Kunstfigur aus London sind von einer selbstentblößenden Emotionalität, die mit dem dronigen Triphop ringsum nicht nur korrespondiert, sondern verschmilzt. HipHop aus der Tiefe einer streitbaren, fragilen, trotzigen, lebenswunden Seele, wie er selten zu hören war. BDS ist scheiße, aber Kae Tempest das Beste, was dem Musikbusiness passieren konnte.

Kae Tempest – The Line Is A Curve (Fiction)

Sophia Bel

Als Cindy Lauper Anfang der Achtziger den Musikzirkus aufmischte, war die Zeit reif für feministischen Powerpop, der Gender, nicht Sexus negieren wollte. Fast 40 Jahre später ist die Zeit kaum weniger reif dafür, aber feministische Powerpop-Künstler*innen erregen längst nicht mehr so viel Aufmerksamkeit, was für sich genommen ja schon mal für ihre Verbreitung spricht. Theoretisch. Praktisch sind weibliche Selbstbehauptungen, wie sie Sophia Bel in wunderbaren Powerpop verwandelt, weiter die Ausnahme.

Anxious Avoidant heißt das Debütalbum der amerikanischen Songwriterin kanadisch-holländischer Herkunft, aufgewachsen in Michigan, gemobbt als Kind, als Erwachsene umso robuster im Umgang mit Verletzungen. Und es klingt wie einst Cindy Lauper so eigensinnig verspielt nach dem richtigen Leben im Falschen, dass man ihrem postpunkigen Alternative sogar ein paar Banjos, gar Country-Sequenzen nachsieht. Empowerment darf einen auch mal billig um den Finger wickeln.

Sophia Bel – Anxious Avoidant (Bonsound)