Aesop Rock, Enfant Sauvage, Philip Bradatsch

Aesop Rock

Quantität allein ist kein Qualitätsmerkmal – schon gar nicht in der Poesie, wo die Zahl der Worte nichts über deren Güte sagt. Aber wenn das Vokabular eines Rappers mit bald 8000 verschiedenen Wörtern doppelt so groß ist wie das von Oberflächensurfern wie 50 Cent oder Kanye West, sagt das schon was über Inhalte aus. Auf seiner neuen Platte Garbology jedenfalls erweitert der New Yorker sein Textrepertoire abermals um ein paar Dutzend persönliche Neologismen, aber das ist längst noch nicht alles.

Denn das Besonderes an seiner neunten Platte in 24 Jahren, die er erneut mit dem Produzenten Blockhead aufgenommen hat, sind wie so oft ihre dystopisch dämmerigen Sounds, die sich mit der Dynamik fließenden Quarks vor Abertausend Worte quetschen, aber das Durchsetzungsvermögen einstürzender Wände haben. Aesop Rocks Gedanken über den gedanklichen, kommunikativen, sozialen Müll unserer Zeit sind aber gerade dadurch von so großer Wucht. Qualität durch Quantität – geht doch.

Aesop Rock – Garbology (Rhymesayers Entertainment)

Enfant Sauvage

In der elektronischen Musik ist es ja so, dass Quantität allein schon wegen der Abwesenheit strenger Metriken von Strophe über Bridge bis Refrain schwerer zu messen ist als in der analogen Musik – das ging schon mit Donna Summers I Feel Love los, wo der Pop sein Instrumentarium erstmal vollständig abstrahierte und in seiner repetitiven Flächigkeit trotz der Liebesschwüre aseptisch klang. Guillaume Alric, 50 Prozent des französischen House-Duos The Blaze, macht es knapp 45 Jahre später umgekehrt: unterm Künstlernamen Enfant Sauvage wirken seine Digitalflächen seltsam organisch.

Ein bisschen so, als würde Jean Michel Jarre mit Daft Punk im Kellerclub kiffen, wattiert er die zappeligen Beats seines wundervollen Solodebüts Petrichor mit wachsweichem Phrasengesang, kippt hier mal schrille Industrial-Samples drüber wie in Louve, rührt dort mal plätscherndes Piano drunter wie in It’s All Over, bleibt dabei aber stets auf auf elegante Art so bewegungsfreudig, als würde er einen Sack wirklich guter Drogen mischen. 

Enfant Sauvage – Petrichor (Animal 63)

Philip Bradatsch

Vorschusslorbeeren können auch toxisch sein. Als “deutscher Bob Dylan” bezeichnet zu werden wie es ein Radiosender vor zwei Jahren beim Debütalbum Jesus von Haidhausen des bayerischen Songwriters Philip Bradatsch tat, legt die Messlatte ja gleichermaßen hoch und tief. Wer will, wer kann schon so klingen wie der weltberühmteste Folk-Nuschler mit Nobelpreis und Hut? Philip Bradatsch offenbar nicht, deshalb hat er den Nachfolger nicht nur Die Bar zur guten Hoffnung betitelt, sondern auch ein wenig aufgemöbelt.

Noch immer spielt er mit den Cola Rum Boys zwar steppentaugliche Eckkneipenmusik für melancholische Exiltexaner, die in den besseren Momenten an Voodoo Jürgens erinnert und in den schlechteren an Udo Lindenberg. Sein fröhlicher Schwermut klingt allerdings frischer als früher und wühlt sich dennoch durch traurige Klaviaturen von herzzerreißender Tiefe. Wenn dann allerdings wieder die unverzerrte Westcoast-Gitarre scheppert, ist alles wieder bisschen besoffen, bisschen pathetisch. Musik wie Tresengespräche.

Philip Bradatsch – Die Bar zur guten Hoffnung (Trikont)


Mala Oreen, Geese, Richard Ashcroft

Mala Oreen

Die Schweiz – Gletscher, Alphörner und Kühe. Kennt man. Die Schweiz – Prärien, Steelguitars und Cowboyromantik? Kennt man eher nicht so. Umso überraschender ist es, einer Schweizerin zu hören, die amerikanischen Country in ihr europäisches Heimatland (re)importiert und daraus ein Album zaubert, das offenbar tiefster Überzeugung entsprungen ist, nicht Ironie oder gar kultureller Aneignung. Kein Karneval also auf Awake, nur Empathie. Schließlich hat Mala Oreen aus Luzern verwandtschaftliche Links in die USA.

Und nicht nur das. Auch dessen Folk hat sie von Kindesbeinen an aufgesogen, frühzeitig das Fiddeln gelernt und war zuletzt so lange in Texas, dass daraus in Nashville/Tennessee (wo sonst) zehn Tracks entstanden sind, die sich nur als hingebungsvolle Hommage an die ursprüngliche, nicht popverwaschene Americana hören und sehen lassen. Klar, man muss die Melodramatik ihrer Musik schon grundsätzlich mögen. Aber spätestens dann vergisst man die Schweiz dahinter und sitzt mit am Prärielagerfeuer.

Mala Oreen – Awake (TOURBOmusic)

Geese

Wenn Britrock noch klänge, wie Britrock mal klang, wenn er noch das verwaschen Postpunkige im Popgewand besäße, dieses alte Gespür für kakophone Spielerei im harmonischen Proklamationsgesang, das Bands wie Franz Ferdinand nach New York klingen ließ und solche wie The Strokes nach Manchester, wenn wir also an den Rand der Jahrtausendwende zeitreisen würden, wo Oasis und Suede dringend zu den Akten gelegt werden müssten – dann wäre eine Band wie Geese perfekt für diesen Neustart.

Zum dumm, dass Geese ungefähr 20 Jahre zu spät für eine Revolte kommen, aber es ist ungeheuer schön zu hören, dass Rafinesse und Wahnsinn noch immer zusammenpassen, wenn man beide lässt. Das blutjunge Quintett aus Brooklyn, Durchschnittsalter diesseits der Volljährigkeit, wurde gelassen, woraus das wirklich fabelhafte Debütalbum Projector hervorgegangen ist, auf dem die Gitarren so unverzerrt psychedelisch über geschmeidige Keyboardteppiche fegen, dass es die pure Freude ist.

Geese – Projector” (Partisan Records)

Richard Ashcroft

Um hier aber nicht mal ansatzweise den Eindruck zu erwecken, die wegweisend nostalgische Cool-Britannia-Bewegung vor einem Vierteljahrhundert überflüssig gewesen, zollen wir hiermit jemandem Tribut, der damals wirklich Großartiges geleistet hat: Richard Ashcroft. Und weil der frühere Frontmann, so hieß das in maskulinerer Zeit, von (The) Verve vor lauter Selbstliebe kaum lauen kann, hat er uns passend zur reflexiven Heldenverehrung ein Tributalbum in eigener Sache produziert. Klingt eitel. Ist eitel.

Aber auch herausragendes Zeitzeugnis einer Epoche, die dem Pop Tiefe von einer Oberflächlichkeit verliehen hat, dank der die 1990er trotz Eurodance und Tony Blair ein Sehnsuchtsort sind und bleiben. Acustic Hymns Vol. 1 heißt die geigengesättigte Sammlung von zwölf Stücken seiner frühen Jahre, die er mit Freunden akustisch in den berühmten Abbey Road Studios reanimiet und maximal remastered hat und auch wenn das Resultat zuweilen ganz schön überkommen klingt: Was für ein Zeugnis, was für eine Zeit!

Richard Ashcroft – Acustic Hymns Vol. 1 (RPA)


Lea Lu, The OhOhOhs, Childcare

21lea

Lea Lu

Die weibliche Popkultur bietet bis heute vor allem oft Projektionsflächen. Ewigkeiten zur Dekoration am Bühnenrand drapiert, trat sie im Jazz oder Soul zwar früher aus dem Schatten der Männer, wurde jedoch weiter ständig fremdbewertet. Lieblich, sanft, süß, nett, hübsch, elegant – die Attribute kleiner Mädchen blieben auch jene erwachsener Künstlerinnen. Wenn man(n) Lea Lu als lieblich, sanft, süß, nett, hübsch, elegant bezeichnet, steht also ein Misogynie-Verdacht im Raum. Dummerweise ist ihr neues Album I Call You genau genau das: lieblich, sanft, süß, nett, hübsch, elegant.

Allerdings ist es eben auch raffiniert, eigensinnig, virtuos, facettenreich, feministisch und überhaupt ein famoses Pop-Album mit der Kraft zur Unterwanderung. Die ausgefuchsten Bläsersequenzen soulpoppier Arrangements müssen sich schließlich ständig am engelsgleichen Gesang übers vertrackte Liebesleben der Schweizer Multi-Instrumentalistin vorbeischummeln, um die musikalische Deutungshoheit darüber zu gewinnen. Das aber gelingt ihnen hervorragend. Und sorgen somit für ein Album, das man zwar dreimal hören muss, um überzeugt zu sein. Aber dann ist man gläubig.

Lea Lu – I Call You

The OhOhOhs

Der Glaube ist übrigens auch ein Wesenselement des Frankfurter Duos The OhOhOhs. Der Glaube daran, mit einer Kombination aus Konzertflügel und Schlagzeug die eskalative Stimmung digitaler Raves zu simulieren. Anfangs womöglich von sich selbst noch belächelt, mixen der ausgebildete Pianist Florian Wäldele und sein Drummer Florian Dreßler seit nunmehr 20 Jahren treibende Beats und meisterhafte Klassik zu einer fiebrigen Form analogen Technos, dem die verkapselten Genres U und E gleichermaßen Anerkennung zollt.

Warum genau – das belegt ihr neues Album Sturm & Drang, auf dem die zwei Flos gewissermaßen ein Zwischenresümee ihrer unbändigen Schaffenskraft präsentieren. Hochbeschleunigte Sonaten wie das Titelstück zum Auftakt gehen darauf fließend über in konzertanten Pop mit Flamenco- (Rondoh) und Opern-Elementen (Der Tod und das Mädchen), bevor sich Get up! oder Marimba mit digitalen Keyboards ins Clubgetümmel werfen. Selten zuvor war eine Platte so getragen und gleichsam tanzbar – schon, weil Klassik selten zuvor so herrlich impulsiv und durcheinander war.

The OhOhOhs – Sturm & Drang (Galileo)

Childcare

Und weil im Durcheinander die Kraft liegt, weil für viele erst das Chaos echte Ordnung entfaltet und überhaupt aufgeräumte Kinderzimmer die unkreativsten sind, betreten wir hiermit eines im zauberhaften Mehrgenerationenhaus von Childcare, deren Debütalbum Wabi-Sabi 2019 für ein wenig Aufruhr im Indiefach sorgte. Jetzt bringt das Quartett mit Busy Busy People den Nachfolger raus und er ist, ganz dem Titel entsprechend ein popkulturelles Manifest künstlerischer Hyperaktivität, das seinesgleichen sucht.

Mit großer Freude am Verschrobenen streunt das Quartett um den Frontmann (was für ein Kackwort) Ian durch ein grell beleuchtetes Dickicht aus Psychopop, Elektroclash und zittrigem Alternativerock – stets auf der Suche nach Rausch ohne Drogen. “Feeling kinda wonky / Stood up, like a lump of jam / Feeling kinda shaky, oh I’m / shook up, like a fanta can”, singen alle irgendwie gleichzeitig in Rhubarb und geben damit den Takt einer außergewöhnlichen Platte für jeden Geschmack und keinen vor.

Childcare – Busy Busy People (eOne)


BĘÃTFÓØT, Dÿse, Weil

BĘÃTFÓØT

Das Einfrieren der vergangenen 18 Monate, dieses sedierte Warten auf Tauwetter, unterbrochen nur vom Gebrüll halb- bis hartrechter Realitätsverweigerer und gelegentlichem Startkregengewitter, der anderthalbjährige Stillstand also hat den Vernunft- und Empathiebegabten von uns schmerzhaft vor Augen geführt, wie wichtig Eskalation ist. Ausrasten, Selbstentfesslung, am besten bei der passenden Party – die ein Plattendebüt nun mit dem zugehörigen Soundtrack versorgt: BĘÃTFÓØT. Was genau das israelische Trio aus Tel Aviv macht?

Alles! Etikettiert mit Garagenacidpunk und bei Bedarf noch einer ganzen Reihe weiterer Attribute von Big Beat über Triphop bis Elektrotrash. Als hätten Alec Empire, The Prodigy und Skrillex ihr gesamtes Equipment auf ein Hochhaus geschleppt und von dort auf einen Plattenbausiedlungsrave gekippt, beschleunigen Udio Naor, Adi Bronicki, Nimrod Goldfarb ihr selbstbetiteltes Debüt vom ersten bis 13. Track mit irren Samples, wirren Synths und androgynisiertem Scooter-Geshoute, bis/dass es scheppert. Bruder Puder – was für ein Fanal!

BĘÃTFÓØT – Beatfoot (Life & Death)

Dÿse

Und weil sich Stillstand zuletzt wie Sterben anfühlte, weil Unruhe grad die Lösung vieler Probleme zu sein scheint, weil wir alle jetzt echt einfach mal genug Monotonie, Gleichklang, Eintönigkeit hinter uns haben, geht es an dieser Stelle um das musikalische Gegenteil von alledem und damit die beste DIY-Noise-Band aller Zeiten, mindestens. Schlagzeuger Jarii und Gitarrist Andrej, die gelegentlich klingen wie sechs Gitarristen und zwölf Schlagzeuger, veröffentlichen heute ihr erstes Album seit vorvorvorpandemischer Zeit und wir sagen an dieser Stelle einfach mal Danke Dÿse.

Danke für eure jazzig verschrobenen Mathrock-Sinfonien, die den hirninternen Rechner verlässlich runter- und wieder rauffahren. Danke für euer selbstironisches Pathos, das alle Virtuosität mit Gaga-Poesie erdet. Danke für euren Humor, der die zugehörige Tour hoffentlich bald wieder zur Punkrockcomedysauna macht. Danke für den Tinnitus, den man sich beim nächsten Konzert im Hafenklang redlich verdient haben wird. Danke, so dermaßen hochkomplexe Musik im Mitgefühl heiterer Gelassenheit verabreicht zu kriegen. Danke für die Widergeburt.

Dÿse – Widergeburt (Cargo)

Weil

Mit dem singenden Schauspieler Anton Weil könnte man sich abgesehen vom Standort Berlin nun wirklich nicht weiter von Dÿse und BĘÃTFÓØT entfernen. Wenigstens wenn sich die Oberfläche des neuen Sterns am regenverhangenen Düsterpophimmel über den Hintergrund seines Debütalbums schiebt. Durchweg angedickt mit kleckerndem Autotune und melodramatischem Trap, klingt Groll seltsam berechenbar nach Chartsattitüde, ein bisschen Gangsterrap ohne Knarre, Sexismus und Mackergehabe. Wären da nicht die Texte.

Mit Zeilen wie “auf jeden ersten Mai folgt ein weiterer zweiter Mai / an dem es gleich scheiße bleibt”, also: “egal, viel Steine ich auch schmeiß / alles bleibt hier gleich” bringt Weil das Lebensgefühl seines Kreuzberger Heimatkiezes zum Ausdruck, zumindest all jener, die sich vom Bundestagswahlkampf wenige Kilometer und doch Lichtjahre entfernt nicht einlullen lassen. Groll ist das, wonach es klingt: unzureichend betäubte Wut über die Verhältnisse, angemessen vertont mit kriechenden Beats und zähfließender Poesie. Zum Runterkommen, zum Aufbrausen.

Weil – Groll (Broken Hearts Club)


Martin Gore, Tropical Fuck Storm, Villagers

Martin Gore

Wenn Bandlegenden fremdgehen, gibt es meist nur zwei Durchbruchsvarianten: maximale oder minimale Distanz zum Hauptwerk. Mike Patton macht seit vielen Jahren ersteres und klingt in keinem seiner Sideprojekte ansatzweise nach Faith No More. Karl Barthos macht ähnlich lang letzteres und klingt dabei genau wie Kraftwerk. Martin Gore wählt dann doch den Zwischenweg. Schon mit seiner Kollaboration MCMG hat der Keyboarder den Sound von Depeche Mode auf Minimal House gebürstet. Jetzt bringt er sein drittes Soloalbum heraus, und es klingt ein bisschen, als hätte man Dave Gahan geknebelt in heißes Wachs geworfen und beim Zappeln aufgenommen.

 

Zu nostalgischem Kellerclub-Industrial der späten Achtzigerjahre, schwitzt Martin Gore rustikalen Techno aus, als sei er auf einer der ersten Love-Parades hängengeblieben. Es muss allerdings gutes Zeugs gewesen sein, denn besonders die reduzierten Hallsequenzen überm treibenden Beat entfalten ungeheure Sogwirkung. Ursächlich sind dafür Elektroniker von JakoJako über Jlin bis Chris Liebing, denen er Remixe widmet, die mit Depeche Mode alles und nichts zu tun haben. Deren Ideenreichtum ist spürbar, mangels Gesang aber leicht vereinsamt – und dennoch tanzbar.

Martin Gore – The Third Chimpanzee (Mute)

Tropical Fuck Storm

Ob man den Namen eines Musiklabels buchstäblich auf dessen Bands anwenden sollte, sei mal dahingestellt, aber dass die australischen Harmonie-Zerstörer Tropical Fuck Storm ihr neues, viertes Album nun ausgerechnet bei Joyful Noise veröffentlichen, ist schon bemerkenswert. Dabei passt der zweite Namensteil noch wie Eisenträger auf Wellblech. Das Quartett aus Melbourne mit dem Drones-Gründer Garreth Liddiard an der Gitarre, macht ja seit Jahren schon eine Art Noise, der bis zum Tinnitus Schmerzgrenzen auslotet. Aber freudebringend?

Für Fans dystopischen Antipops auf jeden Fall! Der zottelige Hahn im Drahtkorb der Soundforscherinnen Fiona Kitschin, Lauren Hammel und Erica Dunn schreibt schließlich Stücke von so überfrachteter Gerissenheit, dass krasser Krautrock perfekt mit Punk Blues und Alternative Jazz disharmoniert. Deep States, das sich inhaltlich ziemlich originell mit den Abgründen zeitgenössicher Politik und Kultur befasst, mag zwar nichts für den Sommernachmittag im Schrebergarten sein. Nur – wer will das auch schon…

Tropical Fuck Storm – Deep States (Joyful Noise)

Villagers

Stichwort Sommernachmittag, Stichwort Schrebergarten, Stichworte Disharmonie und Abgründe: Wenn an einer Platte nichts zusammenzupassen scheint und doch alles ineinander übergeht wie Emulisionen aus Saft und Sahne – dann sind wir schnell beim irischen Singer/Songwriter Conar O’Brian und seiner absolut hinreißenden Folkpopband Villagers. Als würde er mit einer Kreuzfahrtschiff-Kapelle Zappa interpretieren, planscht die Band im Flachwasser des Easy Listening und wühlt es dennoch gehörig auf.

Schließlich fläzt sich das halbe Dutzend Bandmitglieder auf einer Bläserluftmatratze voller Saxofon-Kissen aus dem Höllenpfuhl der Achtzigerjahre, schmiert quietschbunte Keyboard-Cocktails mit öligen Orgeltupfen ein und fettet sogar noch den kratzigen Schmusegesang des Taktgebers so nach, dass Sommernachtmittage im Schrebergarten plötzlich sehr erstrebenswert scheinen. Mit dem richtigen Soundtrack. Diesem hier: Fever Dreams.

Vilagers – Fever Dreams (Domino)


Sølyst, Genetikk

Sølyst

21-solyst

Anfang der Neunziger, selbst Postpunk war seinerzeit schon wieder Retro, half Thomas Klein dabei, die elektronische Musik auf ein noch vertrackteres Niveau als am Kraftwerk-Standort Düsseldorf üblich. Man muss das wissen, um zu verstehen, wie der Schlagzeuger sein epochales Trio Kreidler an strukturierter Sperrigkeit noch überbieten konnte. Sølyst heißt sein Solo-Projekt, mit dem der Pionier bereits auf drei Alben Hörgewohnheiten strapazierte. Jetzt kommt mit Spring das vierte, und es ist der perfekte Soundtrack einer gleichsam dystopischen wie lethargischen Welt radikaler Veränderungen.

Durchdrungen von Drones und Bässen, verklebt von Synths und Samples, betrieben von Sequencer und Drumpatterns schichtet Thomas Klein Klangflächen in Moll übereinander und verdichtet sie mit hektischem Downbeat zu einer Welle schlechter Prognosen, aus denen man irgendwie Optimismus herauszuhören glaubt. Ständig hämmert jemand auf kaputtes Blech, dengelt es damit aber scheinbar glatt. Mit einer Portion gesunder Misanthropie im Gepäck wird daraus zukunftstauglicher Pop für die Nische und damit perfekt fürs abgesagte Regenfestival.

Sølyst – Spring (Buereau B)

Genetikk

21-gen

Dazu passt – unbewusst, versteht sich – der Titel des neuen Albums von Genetikk: Mass Destruction New Age, kurz MDNA, was natürlich nur zufällig an illegalisierte Aufhellungsdrogen erinnert. Anonyme Avatare ihrer selbst, pflegt das HipHop-Duo aus Saarbrücken seit zehn Jahren schon ein übellauniges Inkognito, rappen über die dampfende Kacke der Mehrheitsgesellschaft und entziehen sich damit Kategorisierungen von Gangsta bis Conscious. Wenn sie auf ihrer ungefähr zehnten Platte “Ich hab so viel Flow / ich lass Deutschrapper ertrinken” sprechsingen, ist das also auch eine Isolationsgeste.

Und was für eine. Denn auf Great Adventure MDMA mischen Kappa und Sikk wie immer vollverschleiert mit so furiosem Leck-mich-Gestus Harmonien in Schutt und Asche, dass selbst die vielen Streichersamples klingen wie ein Tinnitus – wenngleich ein sehr rhythmischer. Ungefähr so, als säßen Freundeskreis seit Jahren in der Gummizelle, scheppert das Album vor technoider Eleganz und klingt dabei gern so wie Industrial im Kiffermodus. Wem AggroB und Hamburger Politrap zu berechnend sind, findet im Saarland Bauchhöhlen-HipHop vom Feinsten.

Genetikk – MDMA (Outta This World)


Her Tree, Lou Hayter, Del Amitri

her tree

Der Mensch ist dem Tier vor allem deshalb überlegen, weil er den Mangel an Physis habituell ausgleicht. Da wir mäßig laufen, riechen, springen und sehen, übernimmt unser Werkzeug gewissermaßen die Arbeit der Evolution. Alexandra Cumfe geht sogar noch einen Schritt weiter und macht aus dem Sound der Natur elektronische Musik, die trotz der Bearbeitung im Studio gleichermaßen natürlich klingt und artifiziell, also bei aller Wärme kühl und umgekehrt.

her tree – surrender (official video) – YouTube

Für ihr Debütalbum Don’t try, be beautiful ist die österreichische Klangkünstlerin durch den Wald gelaufen, hat Flora & Fauna nach Zwitschern, Rascheln, Summen, Knirschen, Krachen abgegrast und die analogen Field Recordings so digitalisiert, dass daraus ein poppiger Indie-R’n’B wurde, dem selten anzuhören ist, wann er real ist, wann konstruiert. Unzweideutig human ist dabei nur ihr zerkratzt-schönes Englisch über Allerweltgedanken. Das perfekte Album für den Stadtparkspaziergang

her tree – Don’t try, be beautiful (her tree)

Lou Hayter

Alles andere als naturalistisch, geschweige denn dem Wald entsprungen klingt dagegen das Solodebüt von Lou Hayter, zuvor bekannt geworden als Keyboarderin der kurzweilig modernistischen Londoner Band New Young Pony Club. Ab und zu wehen zwar soulige Bläser durch Private Sunshine, gewürzt mit einem verschwitzten Bass, der den wachsweich verhallenden Gesang ein wenig erdet. Die musikalische Dramaturgie dagegen bedient sich so gierig im Fundus der synthetischen Achtziger, dass die Natur weit jenseits der Studiotüren bleibt.

Lou Hayter – Time Out of Mind (Official Audio) – YouTube

Als würde sie Madonna mit Captain Futures Raumschiff zu einer Party mit dem seligen Prince abholen, als er noch nicht Symbol war, flattert ihr retrofuturistischer Sound durchs Erinnerungsvermögen der Generation X und triggert darin den unsterblichen Bedarf nach aufgeblasenem Eklektizismus. Durchs funkig-virile Time Out Of Mind darf daher durchaus ein breitbeiniges E-Gitarrensolo scheppern, während die Orgel ringsum wimmert. Der Pop trägt wieder Schulterpolster.

Lou Hayter – Private Sunshine (Skint Records)

Hype der Woche

Del Amitri

Und um es hier mal nicht zu übertreiben mit der feministischen Ausgestaltung des Männergeschäftes Musikbranche, kommt hier ein wenig Southern Rock, der auch noch mit dem traditionellem Attribut “ehrlicher” behaftet ist: Del Amitri is back, jene fünf Crossover-Schotten der Neunziger, die den Genremix zum Wesensmerkmal erhoben und damit Bands wie jene des gefühlsduseligen Cowboystiefelträgers Justin Currie hervorgebrachten, die der Männlichkeit mit Hits wie Nothing Ever Happens Verletzlichkeit zugemutet haben, ohne ihnen grundsätzlich am Stärkemonopol zu kratzen. Jetzt erscheint das 7. Album in 35 Jahren. Fatal Mistakes (Cooking Vinyl) klingt wie immer. Und damit klingt es wie immer klug, cool, kernig und auf eine Art emotional, die man auch im Jahr 2021 nicht mögen muss, aber wertschätzen darf.

Del Amitri – It’s Feelings – YouTube


Maurice Summen, Buben im Pelz, St. Vincent

Maurice Summen

Es ist Zeit, Maurice Summen Dankeschön zu sagen. Dankeschön für dein wunderbares Label Staatsakt, das progressiver Popmusik aus Deutschland seit langem ein traurig schönes Schaufenster bietet. Danke für deine Hausband Die Türen, deine Radioshow Die Sendung, all den Einsatz für hintersinnige Nischenkultur also, der du seit zwei Jahrzehnten Beine machst. Zugegeben, am Anfang einer Kritik so lobzuhudeln, klingt leicht ranschmeißerisch, muss aber sein. Denn für den Einstieg in dein neues Soloalbum gibt es nur zwei Worte: Fick dich!

Denn so hintersinnig Summens rockelektronischer Eklektizismus durch Paypalpop schimmert: wie er seine Kreativität hier immer und immer und immer wieder mit Autotune verkleistert, ist nicht originell, ist nicht interessant, ist schon ganz und gar nicht ironisch, sondern einfach nur Bullshit. Vor allem aber beraubt es der anderen Hälfte dieser vielfältigen Platte ihrer diskursiven Wucht und sorgt bei seiner eigenen Altersgruppe für etwas fast schon verwerfliches: sich greisenhaft zu fühlen. Trotzdem schönes Album. Trotzdem scheiße.

Maurice Summen – Paypalpop (Staatsakt)

Die Buben im Pelz

Was soll man machen – Prinzipien reiten? Korinthen kacken? Sich selbst verleugnen? Wer langsam mal die Goschen voll hat vom ewigen Zufluss österreichischer Popkulturerretter*innen, wer also auch mal scheiße finden will, was aus Wien, Graz, dem Burgenland unablässig über die Alpen nordwärts rauscht, fände bei den Buben im Pelz gute Angriffsflächen für ein wenig Austrophobie. Knarzige Schweinegitarren, gepaart mit Reval-ohne-Gesang und einem Bandnamen aus dem Hitparadeneck der NDW – alles objektiv eher Wolfgang Ambros als Bilderbuch. Aber genug gemeckert.

Denn das neue Album der sechsköpfigen Retrorockband vom Naschmarkt mag gelegentlich klingen wie besoffene Fußballfans im Bierzelt; dass Alexander Hacke ersichtlich an Geisterbahn mitgearbeitet hat, ist auch nicht ganz zu leugnen. Dank ihm stürzen ständig akustische Neubauten über den Krautflächen ein und bohren so vielgestaltig industrielle Löcher in den Wiener Schmäh, bis sich selbst das totgenudelte Bella Ciao anhört, als käme es aus dem Wutzentrum der Kapitalismuskritik.

Die Buben im Pelz – Geisterbahn (Noise Appeal Records)

Hype der Woche

St. Vincent

Wenn jemand klingt wie ein Hybrid aus Tori Amos und Lady Gaga, kann er, besser: sie nicht so viel verkehrt gemacht haben. Wobei: Dass Annie Clark alias St. Vincent überhaupt mal irgendwas falsch machen könnte, klingt ja ohnehin abwegig. Seit ihrem Debüt vor 14 Jahren hat sie Grammys verschiedenster Kategorien ergattert, bei Nirvana Kurt Cobain ersetzt, David Byrnes Horizont erweitert und vier weitere Platten aufgenommen, die Gefälligkeit struppig definieren wie kaum je ein Popstar zuvor. Jetzt also Daddy’s Home (Loma Vista). 14 Stücke, 14 Heimorgelreiseberichte. Das virile Pay Your Way in Pain fährt gleich zu Beginn nach Minneapolis, um dort mit Prince zu flirten. Das cremige Somebody Like Me klingt später wie ein Karibik-Urlaub in Detroit. Jeder Track tingelt sommerlich beschwingt durch die Orchestergräben, nimmt hier mal eine Marimba mit, dort einen Moog und vernäht alles zu melodramatisch-fröhlichen Netzwerken wie den funkig verschwitzten Titelsong, den St. Vincent zum schlechteren Verständnis scheinbar durch Quark gezogen hat. Wackelpuddingpop. Lecker.


Andreas Spechtl: Ja, Panik & Die Gruppe

Poesie muss nicht verständlich sein

Seit ihrem Umzug nach Berlin vor 15 Jahren zählen Band Ja, Panik zu den Stars im deutschsprachigen Pop-Underground. Stets im Rampenlicht: Andreas Spechtl, Sänger, Gitarrist, Texter und Außenminister des notorisch schwarzgekleideten Quartetts aus dem Burgenland. Ein Interview mit dem 36-Jährigen über Popkulturepochen, seine Politisierung durch G8-Gipfel, ein Musikerleben in der Merkel-Ära und warum das erste Album seit sechs Jahren schlicht Die Gruppe heißt.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Andreas Spechtl, gibt es für Musik so etwas wie Konjunkturen, also gesellschaftliche, politische, kulturelle Umstände, die sie begünstigen?

Andreas Spechtl: Ich denke schon, dass jede Zeit ihre Musik hat, aber interessanter finde ich die Frage, was zuerst da war – die Zeit oder ihre Musik. Macht Kultur Epochen oder machen Epochen Kultur?

Na, das ist ja mal ein kulturoptimistischer Ansatz zu glauben, Musik hätte die Möglichkeit, ihre Zeit zu prägen…

Ich meinte das eher im Sinne, dass die Kunst dafür geschaffen ist, Welten zu erfinden, in denen sich die Realität, wenn schon nicht verwirklicht, dann wenigstens verbildlicht. Kunst hat die Möglichkeit, ungedachte Ideen in die Welt zu setzen. Das merkt man schon daran, wie viel Underground irgendwann im Mainstream, gar in der Werbung landet. Am Ende ist es aber insofern ein Geben und Nehmen, weil man Kunst und Zeit gar nicht komplett voneinander trennen kann.

Gab es demnach gesellschaftliche, politische, kulturelle Umstände, die 2005 quasi organisch zur Gründung einer Band wie Ja, Panik geführt haben?

Die gab es bestimmt, wir alle sind Kinder unserer Zeit. Aber wenn die Umstände so prägend wären, würden wir noch dieselbe Musik machen wie damals. Obwohl wir in Bewegung waren, aus dem Burgenland nach Wien von da aus schnell nach Berlin, ist Ja, Panik eher aus einem persönlichen Zusammenhang als äußeren Umständen entstanden. Andererseits war damals gerade Genua passiert.

Ein G8-Gipfel, der 2001 in unfassbarer Polizeigewalt gipfelte.

Damals habe ich mich überhaupt erstmals als politisches Wesen wahrgenommen.

Hat sich dieses abrupte Ende der Neunziger, deren Hedonismus in 9/11, Dotcom-Blase, Finanzkrise und Genua explodierte, also auch auf euch als Band ausgewirkt?

Wenn die gesamte künstlerische Schaffensperiode deckungsgleich mit der Ära Merkel ist, wird das wohl so sein (lacht). Die verordnete Alternativlosigkeit ihres politischen Handelns spiegelt sich als Gegenimpuls gewiss auch in Ja, Panik wieder.

Passt das neue Album Die Gruppe demnach zum Ende der Ära Merkel, das ja spätestens durch die aktuelle Nachfolgedebatte in der CDU eingeläutet wird?

Eigentlich nicht, denn die Stücke sind anders als bei den Alben zuvor über einen so langen Zeitraum hinweg entstanden, dass einige davon ungefähr so alt sind wie die laufende Legislaturperiode. Als wir dann damit ins Studio gegangen sind, hat die Pandemie zwar alles verändert. Aber weil vorher auch schon vieles im Krisenmodus war, ist das einzig neue dieses Virus, das von Populismus bis zur Krise des Gesundheitssystems alles Virulente unserer Zeit wie unterm Brennglas sichtbar macht. So läuft es auch mit Ja, Panik: Die Gruppe beschäftigt sich zwar mit den Themen ihrer Zeit, aber auch über die kann man besser sprechen, wenn sie ein wenig zurückliegen. Ich finde es grundsätzlich interessanter, wie es zu etwas kommen konnte, als wie es gerade ist.

Klingen Stücke wie Gift oder On Livestream also nur zufällig nach Pandemieverarbeitung oder sind sie tatsächlich währenddessen entstanden?

Die sind interessanterweise älter. On Livestream ist während meiner Residency in Teheran entstanden, das Goethe-Institut hatte mich zwei Monate dorthin eingeladen. Mein Leben mit Lockdowns, in denen man meistens zuhause ist – dieses Leben hatte ich seinerzeit im Iran kennengelernt. Dort passiert eigentlich alles Private daheim, die Straße ist ein feindlicher Ort. Dass das nun auch für Berlin gilt, war beim Schreiben des Songs nicht zu erwarten, zeigt aber zum einen, welche Latenz Poesie haben kann, zum anderen, dass unser Leben schnell so werden kann wie jenes im Iran, wo der Lockdown quasi ein Dauerzustand ist.

Heißt das, die Pandemie hat auch ihr Gutes, weil man das eigene Leben mal kritisch hinterfragt und mit dem Rest der Welt ins Verhältnis setzt?

Unbedingt. Was unsere Normalität von damals bedeutet, merken wir womöglich erst jetzt und werden es nochmals neu entdecken, wenn wir wieder zu ihr zurückkehren. Das kann sehr erhellend sein.

Wie ist abgesehen von dieser Möglichkeit dein aktueller Seelenzustand?

Bis Ende 2020 war es für mich gar nicht so schlimm, weil ich intensiv an der neuen Platte gearbeitet habe und so gesehen im selbstverordneten Lockdown war. In der Jahreszeit bin ich eh relativ asozial, da war ich manchmal froh, mich einigeln zu können. Seit das Album fertig ist und der Platz im Kopf frei für normales Leben, schlägt sich die Pandemie aber schon auch darin nieder.

Sind eure Platten also, zurück zur Eingangsfrage, Spiegelbilder deiner inneren Verfassung oder der äußeren Umstände?

Der Grundversuch der ja, panischen Poesie war immer, die Welt durch die innere Verfassung von uns selber als kleinstem Teil darin ein bisschen besser zu verstehen. Völlig frei von den Verhältnissen über mein Gefühlsleben zu schreiben, hat mich noch nie interessiert. Ich kann mich ja nicht ohne das System denken, in dem ich lebe.

Umso erstaunlicher ist es, wie viel ihr den Zuhörer*innen abverlangt, diese Gedanken zu verstehen. Wollt ihr euer Publikum verwirren oder bin ich nur zu begriffsstutzig?

Letzteres würde ich niemandem unterstellen. Wir nehmen unsere Hörer*innen sehr ernst. Aber ich verlange von Musik, also Poesie überhaupt nicht, verständlich zu sein. Auch ich verstehe nicht alles, was ich schreibe. Auch bei anderen interessiert mich Kunst erst dann so wirklich, wenn sich ihr Sinn nicht sofort offenbart. Ich möchte nicht alles durchschauen. Die Welt hat ohnehin so viele ihrer Geheimnisse verloren, da finde ich es schön, nicht alles auf den ersten Blick zu begreifen. Entsprechend schade ist es, wenn jemand unsere Texte Wort für Wort auseinandernimmt.

Du verlierst dich also gern mal in der Schönheit der Sprache oder dem, was der HipHop Punshlines nennt?

Ich glaub jedenfalls fest an die Poesie der Schönheit. Wer sich mit einer konkreten Idee an Dinge setzt, vermittelt selbst dann Inhalte, wenn sie schwer zu begreifen sind. Das ist glaube ich das Wesen von Ästhetik.

Was sagt der maximal konkrete, gleichsam diffuse Titel „Die Gruppe“ da über den Inhalt aus?

Dass wir uns erstmal wieder darüber im Klaren werden wollten, was Ja, Panik überhaupt war, was an der Gruppe erhaltenswert, was erneuerungswürdig ist. Wir sind jetzt Ende 30. Da stellt man sich schon mal die Frage, welche Richtung unsere Existenzen nehmen. Zugleich geht der Titel über uns hinaus und stellt die Frage, wie Arbeit im Kollektiv generell funktioniert. Jeder hat seine Gruppen.

Meine Deutung war zunächst, Ja, Panik möchte sich und uns beweisen, dass sie mehr ist als Andreas Spechtl.

Das würde voraussetzen, es gäbe Klarstellungsbedarf. Ich bin nun mal eine Art Außenminister der Gruppe, darauf hätte niemand sonst Lust. Frag mal Stefan, ob er Interviews geben möchte! Der macht lieber das Cover, ein anderer die Tourposter. Ja, Panik funktionieren wie ein kleiner Staat mit Ressorts, in denen jeder seine Stärken ausspielt. Wir sind damit sehr zufrieden.


Internat. Music, Dinosaur Jr., Eydís Evenson

International Music

Wenn man Ja, Panik und Wanda mit viel Bilderbuch in den Dampfgarer schmeißt und einen Löffel Tauchen Prokopetz darunter rührt, müsste das eigentlich klingen, als entstünde das Mahl in Wien, also tendenziell sehr weit südlich vom Ruhrgebiet. Dabei kommt die Austropopband der Stunde aus Essen, wird aber auch nicht ganz zufällig in Ostberlin produziert. Dort hat das weltbeste Label Staatsakt vor ein paar Jahren International Music entdeckt, und ihr zweites Album belegt, warum es die aktuell weltbeste Gitarrenrockband ist. Mindestens.

Wie auf Die besten Jahre vor drei Jahren, nur noch viel facettenreicher, leuchte Peter Rubel, Pedro Goncalves Crescenti und Joel Roters mit der klassischen Instrumentierung den Resonanzraum des bombastischen Minimalismus bis in den hinterletzten Winkel aus und entdecken dort Klangstrukturen, von denen niemand geahnt hätte, wie geordnet das Chaos klingen kann. Gitarre, Schlagzeug, Bass, Gesang, bisschen Keyboards und deutschsprachiger Postpunk hat den steinigen Weg von der NDW zur Hochkultur endgültig geschafft.

International Music – Ententraum (staatsakt)

Dinosaur Jr.

Weil die hinterletzten Winkel bombastisch minimalistischer Resonanzräume aber auch mal anstrengend sind, lohnen sich gelegentliche Abstecher auf jene Lichtungen populärer Musik, die schon immer unkompliziert und angenehmm gut beleuchtet waren. Von Dinosaur Jr. zum Beispiel. Seit 1984 singt Joseph Donald, genannt J, Mascis mit seiner querzerkratzten Wiegenliedstimme davon, wie sehr ihm das Leben zu schaffen macht. Wenn er dazu wie immer die Indie-Klampfe scheppern lässt, klingt das fast 40 Jahre später also schwer angestaubt – und sowas von schön!

Postrock ist längst Alternative ist längst Grunge ist längst Crossover ist längst in 1000 Richtungen mal zarter mal harter Riffs zerfasert, aber J, Bassist Lou Barlow und Drummer Murph machen weiter das, was sie halt machen, nur faltiger als zuvor auf dem Dutzend Platten zuvor. Die neueste heißt Sweep it into Space und abermals schafft das Trio den Spagat zwischen breitbeinigen Gitarrensoli und androgyner Selbstbeschränkung mit einer melancholischen Fröhlichkeit, die im Sitzen mitreißt.

Dinosaur Jr. – Sweep it Into Space (Jagjaguwar)

Eydís Evensen

Und damit wir zwischen ziemlich neu und ganz schön alt, zwischen irgendwie eigensinnig und eigenartig vertraut, zwischen Dadapop und Indierock noch ein paar Zwischentöne setzen, kommt hier etwas aus dem Herzen orchestraler Kammermusik: Island. Hoch im Norden der Insel, wo die Sommer kurz sind und die Winde rau, hat Eydís Evensen das Klavierspielen gelernt und später in London oder New York zur Perfektion gebracht. Wenn eine Isländerin Klassik macht, klingt das allerdings wie selbstverständlich völlig anders als im großen Saal der Elbphilharmonie, wenn er denn wieder öffnet.

Ihr Debütalbum Bylur ist eine Ode an die Natur, vertont mit dem sinfonischsten aller Instrumente, aber mit urbanem Gespür für Ästhetik und Sound. Aufgenommen von Valgeir Sigurðsson im Greenhouse Studio, wo der ortsansässige Komponist bereits mit Björk oder Ben Frost produzierte, mäandern die 13 Stücke stilistisch durch Fjorde und Gletscher, klingen aber stets auch nach Reykjavík, dem heißesten Hotpot atmosphärischer Popmusik. Postklassisches Piano für Hirn und Herz denaturierter Stadtbewohner – extrem wohltuend.

Eydís Evensen – Bylur (XXIM Records)