Billy Zach, JW Francis, Fucked Up

Billy Zach

Wo der Hammer des musikalischen Understatements hängt, lässt sich auf Rippenhöhe abzählen. Bei Beatniks hing die Gitarre gern Höhe der dritten, knapp unterm Kinn, im Metal über der zwölften, also Hodenniveau. Alternative-Rock hingegen klemmt sie mittig dazwischen und signalisiert: Wir nehmen den Sound wichtiger als uns selber – womit wir zwischen der 5. und 7. Rippe von Billy Zach wären, wo die drei Saiteninstrumente des Quartetts aus Hamburg hängen schwer verkopfte Bauchgefühle kreieren, die ergreifend sind, ohne übergriffig zu werden.

Mit trotziger Tristesse mischt das Quartett dystopisch gepickte Riffs im Stil der Fuzztones unter die Übellaunigkeit des Song- und Textwriters Max Zacherl, den das tomlastige Schlagzeug manchmal mehr beschleunigt, als ihm zu behagen scheint. Auch auf der dritten Platte gehen (hohes) Tempo und (gedrückte) Stimmung ein Zweckbündnis ein, das zugleich sediert und euphorisiert, dabei allerdings nie so wirkt, als sei beides geplant. Das allein macht Momentary Bliss zur dunkelbunten Perle im Postrock-Allerlei. Und wenn die Bassistin jetzt noch öfter mitsingen darf, hört man Billy Zach vielleicht bald weit über Hamburg hinaus.

Billy Zach – Momentary Bliss – La Pochette Surprise Records

JW Francis

Und weil das Leben doch wirklich immer dann am schönsten ist, wenn uns seine allergrößten Kontraste ins Gesicht springen, weil es ja erst Unterschiede liebenswert machen und Widersprüche würzig, würdigen wir an dieser Stelle das komplette, also wirklich mal hundertprozentige Gegenteil von Billy Zach: JW Francis. Der New Yorker nennt seinen Stil dem PR-Text nach lofi jangle dream slacker bedroom pop, was natürlich ebenso selbstreferenzieller Bullshit ist wie unsere Definition des carribean cruiseship softcore oder so.

Aber mal ehrlich: wenn stilisierte Marimbas oder Steel Pans wie auf Dream House durch die schwülwarme Luft einer Südseeinsel der Sechzigerjahre wehen, wo Adam Green offenbar mit Lou Reed am Strand spazieren geht, drängen sich Abertausend Vergleiche auf, von denen jeder irgendwie nostalgisch klingt und dennoch gegenwärtig. Dass gute Laune um ihrer Selbst willen auch kleben kann wie Easy Listening – egal! Dieser Gitarrenpop hier macht den Winter erträglicher, ohne vom nahenden Frühling zu lügen.

JW Francis – Dream House (Sunday Best Recordings)

Fucked Up

Damit volle Kraft zurück in die Mitte beider Plattentipps aus vergangener Zeit, fürs Jetzt und Heute aufbereitet: die kanadische Hardcore-Institution Fucked Up, bekannt für epische Noisebretter in gefühlter Stundenlänge, haben ihr neuntes Album gemacht, das epische Noisebretter in gefühlter Punkrocklänge kreiert, die weder übellaunig noch harmoniesüchtig, sondern einfach auf emotionale Art gefühlsneutral sind. Wie anno 2001 presst Damian Abraham seinen Gesang aus der Fülle seines Bauches durch aufgerauten Glamrock.

Anders als beim Debüt fünf Jahre später jedoch besinnen sie sich auch formell auf jene Liedstruktur, die ihrem Sound inhaltlich grundiert. Zwei- bis fünfminütige Tracks abseits einstriger Rockopern, hin zu einer Songmetrik mit Anfang, Ende, auf die Zwölf. Aber weil gleich drei Gitarristen plus Sandy Miranda am Bass dazu fröhlich im Fundus früherer Jahrzehnte wühlen, Schweineriffs der Siebziger mit Britpoplicks der Nuller mixen und Abrahams Screamo damit heiter erweitern, ist One Day trotzdem mehr als die Verknappung der eigenen Mittel. Es ist origineller Hardcore. Auch  nicht die Regel…

Fucked Up – One Day (Fucked Up Records)

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Aiming for Enrike/AgarAgar/Johnny Notebook

Aiming for Enrike

Ob es leichter ist, Grenzen leise zu übertreten oder laut zu überrennen, hängt von deren Stabilität ab. Wenn sie sich allerdings als so stabil und gleichsam fließend wie jene zwischen analoger und digitaler Musik erweisen, muss man es wohl mit ähnlich sanfter Wucht tun wie Aiming for Enrike. Seit vier Platten bereits treibt der Schlagzeuger Tobias Ørnes Andersen die Gitarren von Simen Følstad Nilsen mit technoider Präzision zu einer flächigen Form minimalistischer Krautrock-Electronica.

Jetzt erscheint das fünfte Album. Und Empty Airports ist nicht nur länger, sondern flächiger, krautiger, besser. Wie Jean-Michel Jarre auf Koks lässt das Osloer Duo seinen Instrumentalsound durch virtuelle Clubs mäandern und kreiert dabei Sinfonien von repetitiver Originalität, die sich schon im Titeltrack-Tryptichon pt. 1-3 zu einer mal glockenklaren, mal breiig sedierten Masse flatternder Beats übers Ohr stülpen. Nichts für den Moshpit, aber kleine Floors am Festivalrand, baumumstanden, lichtdurchflutet.

Aiming for Enrike – Empty Airports (Jansen Records)

Agar Agar

Was das französische Duo Agar Agar macht, galt dagegen bereits vor rund 20 Jahren unterm Begriff Electroclash als musikalischer Grenzübertritt, hat sich seither links und rechts der Schlagbäume konsolidiert, ist also nicht ganz so revolutionär wie seinerzeit Le Tigre, Miss Kitten, fischerspooner, Peaches oder das Berliner Jeans Team. Dennoch sorgen Clara Cappagli & Armand Bultheel für fabelhafte Feelgood-Melancholie, wenn sie in englischer Sprache über die Liebe oder ihr Ende singen und digitales Konfetti darüber streuen.

Bei Zeilen wie A dude on a horse with no horse weiß man dabei ebenso wenig, ob der Nachfolger des erfolgreichen Debütalbums wie ihr minimalistische Computerspielsound, der oft unter Player Non Player hindurchrätselt, poetisch oder dadaistisch ist. Sei’s drum: Cappaglis nachhallender Gesang holt den Cool der Achtziger in den Trash der Neunziger und macht daraus mit dem Wave der Nuller und ganz viel elaboriertem Unfug einen Electroclash, den man lange nicht gehört und dennoch ständig im Ohr hatte.

Agar Agar – Player Non Player (Grönland Records)

Johnny Notebook

Und um das kleine Eighties-Revival hier am Grenzzaun des vorherigen und anschließenden Jahrzehnts zu komplementieren, wird jetzt noch mal ordentlich das neue Album von Johnny Netbook gefeiert. Das Synthpunk-Duett aus den praktisch identischen Popkulturschmelztiegeln Madrid und Wuppertal prügelt wieder so hochbeschleunigte Beatgebirge aus retrofuturistsichem Weltraumschrott von Roland TR505 bis PolyKorg800, als säßen The B-52s mit Ziggy Stardust in einer Rakete zum Käsemond.

Schwer zu sagen, ob das Uptempo-Stakkato dieses Multilayer-Powerpops immer ernst gemeint ist, zwinkerzwinker. Stücke wie die entfesselt schnelle Dancefloor Queen oder das noch viel rasantere Rate Me Rate Me aber machen eine*n beim Hören von 28th Century Mates viel zu zappelig, um länger darüber nachzudenken, was denn die Metaebene dieses eklektischen Sammelsuriums sein könnte. Denn wie einst bei Spillsbury dürfen darin selbst nietenhosige E-Gitarrensoli zum Refrain-Geshoute nicht fehlen. Geil!

Johnny Notebook – 28th Century Mates (Sounds of Subterrenia)


Belle and Sebastian, Liela Moss, Phal:Angst

Belle and Sebastian

Die mittleren Neunziger, frühe Millennials erinnern sich, waren das Hochplateau des Britpop. Oasis, Suede, Blur, Verve hoben die gediegene Hochnäsigkeit auf ein soziokulturell phänomenales Niveau, und immer im Schlepptau, vom Mainstream eher geduldet als mitgerissen: Belle and Sebastian. Vielleicht, weil es aus dem schottischen Inselteil stammt, dudelt der Tweepop des Glasgower Kleinorchesters eher so im Hintergrund mit – entfaltet dort aber bis heute hörbaren Eigensinn.

Das neue Album macht das Dutzend harmonisch-munterer Platten voll und straft den Titel Late Developers damit Lügen. Denn so gut wie hier waren sie schon bei der Bandgründung 1996 entwickelt und klingen dabei bis heute nach dieser betörenden Melange aus Velvet Underground und Yo La Tengo, als läge der selige Jeff Beck mit Lou Reed bekifft im Schaumbad. Immer eine Spur zu viel ESC im Arrangement, immer facettenreich genug, dass der Indiefaktor im Britpop-Belcanto dominiert.

Belle and Sebastian – Late Development (Matador)

Liela Moss

Während sich die Songwriterin Liela Moss um Kategorien wie muntere Harmonie wenig schert, ist ihr Facettenreichtum umso gewaltiger. Seit fünf Jahren solo, ist die frühere Sängerin von The Duke Spirit stets auf der Suche nach den Abseiten tradierter Songstrukturen, ohne ganz vom Pfad der Hörbarkeit abzuweichen, und jetzt wieder fündig geworden. Denn ihr drittes Album Internal Working Model modelliert wieder synthetische Alternative-Plastiken von zerkratzter Schönheit.

Textlich eher auf der schattigen Seite des Lebens, durchsetzt von Alltagsproblemen und Gelegenheitschaos, klingt die Britin erneut ein bisschen wie Tori Amos mit einer Portion Wut im Bauch. Aber es klingt eben konstruktiv, was aus Stücken wie Empathy Files sickert, in dem sie zum Auftakt über kommunikativen Beziehungsstress singt und düstere Synths darüber kippt wie knallende Türen. Eigentlich kein guter Gesprächsstil, wirkt die ständige Kakophonie allerdings beruhigender als aufgestauter Zorn. Raus damit!

Liela Moss – Internal Working Model (Bella Union)

Phal:Angst

Und um den Hang zur Disharmoniesucht hier auf die Spitze zu treiben, gibt es Neues von Phal:Angst. Für Außenstehende: seit beinahe zwei Jahrzehnten schon zerdeppert das Quartett aus Wien mit industrieller Lust handelsübliche Metriken und kreiert damit musikalische Schwelbrände, für die das Wort Post-Rock mal erfunden wurde, um zu sagen: so wie bislang geht’s nicht weiter, also machen wir alles wie vorher, nur ein wenig krasser, rauer, dystopischer.

Und so klingt denn auch das neue, fünfte Album Whiteout ein bisschen wie Western-Noise aus dem elektroanalogen Folterkeller. Hier mal vereinzelte Gitarren-Pics, dort flächige Breitseiten, beides zusammen einstürzendeneubautenartiger Retrofuturismus mit seltenem Flüstergesang, der nur durch eine Hintertür erahnen lässt, dass die Vorgänger Phal und Projekt Angst der österreichischen Hardcore/DIY/Punkrock-Ecke entstammen, dann aber mit Nachdruck.

Phal:Angst – Whiteout (Noise Appeal Records)


Nina Hagen, Shitney Beers, Isafjørd

Nina Hagen

Es ist ja nicht so, dass Boomer leicht überhörbar wären. Ständig erheben sie ungefragt ihre Stimmen, ständig klingen die dabei ein bisschen lauter als nötig, ständig wollen sie den Generationen XY,Z damit eine Welt erklären, aus der sie längst rausgeschrumpelt sind. Ist es im Lichtkegel dieser geriatrischen Selbstbeweihräucherung also ratsam, ausgerechnet Nina Hagen beim wilden Ritt durchs Panoptikum fremder Musikstile zu folgen? Antwort, so aus Nach-Boomer-Sicht: Unbedingt.

Auf ihrer neuen Platte Unity, der ersten seit 2011, grabbelt Nina Hagen gierig im Wühltisch diverser Genres. Fischt hier mal ein Stück Future-Funk aus dem Haufen, dort ein paar Fetzen Space-Dub, macht aus der sozialistischen Country-Hymne 16 Tons Big Beat, aus dem Atomwaffensperrvertrag Electrotrash, und immer pöbelt sich ihr Punkbariton durch gediegene Disharmonien, als hätte sie alle Nachkriegsgenerationen in sich. Das Resultat: feministischer Experimentalpop, von dem die sich Jüngere noch was abgucken können.

Nina Hagen – Unity (Grönland Records)

Shitney Beers

Und damit zum musikalischen Feminismus jüngerer, viel viel jüngerer Herkunft. Das Hamburger ungefähr Quin- bis Sextett Shitney Bears macht seit ein paar Jahren schon brachialharmonischen, genderfluiden, befreiungssexualisierten, hinreißend unzusammenhängenden Noise-Pop, der sich unablässig selbst überholt, nur um einen Track weiter schon wieder auf der Bremse zu stehen, als würden Mouldy Peaches alle paar Minuten Upper auf Downer klinken oder umgekehrt. Und apropos Peaches Style.

Auf ihrer gleichnamigen Singleauskopplung kombinieren sie den hypersexualisierten Discotechno der kanadischen Berlinerin mit einer Art countryfolkigem Bedroom-Punk, um einen manisch-depressiven Schmerz wegzuficken, den offenbar andere haben – so heiter, statt wolkig klingen selbst ihre Balladen. Geht aber nicht nur um Sex, geht beim benachbarten Label Grand Hotel van Cleef zwölf Stücke lang auch noch um alles und gar nichts, was der Albumtitel This Is Pop perfekt in drei Worte fasst.

Shitney Beers – This Is Pop (Grand Hotel van Cleef)

Isafjørd

Und damit zum Land der angeblich unbegrenzten Möglichkeiten, und nein – zumindest im Verhältnis Bevölkerungsgröße zum popkulturellen Output ist das nicht die USA, sondern Island, dieser heißen Quelle verschrobener Electronica-Variationen. Benannt nach einem Nest in den windumtosten Westfjorden namens Ísafjörður machen Isafjørd eine Form von schwelgerisch orchestralem Alternativerock zwischen Schüchternheit und Selbstüberwältigung, der fast zu schön ist, um wahr zu sein.

Auf Hjartastjak unterfüttern Aðalbjörn Addi Tryggvason und Ragnar Zolberg ihre Flächen so melancholisch mit verhallendem Piano oder stilisierten Geigenteppichen, dass der emotional zerzauste Gesang darüber fast schon zu viel Pathos enthält fürs Anspruchsdenken an isländischen Sound. Der Gitarren-Tinnitus aber, dieses psychotische Hintergrundrauschen, holt die meisten der acht Stücke wieder auf den Boden Reykjaviks zurück und liefert uns krautrockigen Emocore von seltener Vielschichtigkeit.

IsafjørdHjartastjak (Svart Records)


The Robocop Kraus, Leftfield, Haftbefehl

The Robocop Kraus

Als das erste Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts doch nicht wegen Datumskollision ins Armageddon führte und der Hedonismus des vorangegangen also noch kurz die Kataststrophe des übernächsten vernebelte, gab es ein Label, das alles in Sound packte, was dem Millennium musikalisch guttat: Punk und Techno, Ironie und Wahnsinn, Lust und Last einer vollgebremsten Aufbruchsphase, schön kompiliert im Programm von L’Age D’or, wo nach Hamburger Schulbands wie Tocotronic oder Die Sterne auch Von Spar, Ascii Disco. Beige GT und eine von außergewöhnlicher Tiefe groß wurden: The Robocop Kraus.

Der fränkischen Provinz entsprungen, feuerte das Quartett einen Psychopop durchs grungemüde Rockland, dessen kakophonischer Druck Köpfe gutgelaunt platzen ließ. Lange her. 20 Jahre, die Tapete Records jetzt mit einer Sammlung unveröffentlichter Stücke überbrückt. Und während Why Robocop Kraus became the love of my life das vielschichtige Werk zusammenfasst, wirft es ein Schlaglicht in die Vergangenheit. Anfang der Nuller, als noch Hoffnung auf Friede, Freude, Eierkuchen war, schrill-schön vertont von The Robocop Kraus.

The Robocop Kraus – Why Robocop Kraus became the love of my life (Tapete Records)

Leftfield

Noch vor dieser Epochengrenze, an der das vermeintliche Zeitalter ewiger Glückseligkeit Kontakt zu demjenigen aufgetürmter Menschheitskatastrophen aufnahm, komponierten ein paar experimentierfreudige Briten den passenden Soundtrack, namentlich Projekte wie Underworld, Aphex Twin und allen voran: Leftfield, ein Londoner Elektro-Duo, dessen Debüt Leftism 1996 den elektronischen Dance ein bisschen revolutionierte und nun nach längerer Pause sein sechstes Album herausbringt: This Is What We Do.

Und das, was sie da tun, besser: was das verbliebene Gründungsmitglied Neil Barnes tut, lässt sich einfach auf den Punkt bringen: intelligenter, fast schon feuilletonistischer Progressive House mit Breakbeats und Dubsteps, die nicht selbstreferenziell, sondern organisch verspielt auf die Zwölf hauen. Und wie zuletzt vor sieben Jahren, als Leftfield mit Sleaford Mods kooperierte, holt er sich jetzt von Fountaines D.C. Unterstützung, um seinen Techno mit Rock zu würzen. Und das funktioniert wie immer großartig.

Leftfield – This Is What We Do (Virgin)

Haftbefehl

Ach Aykut, alte Selbstvermarktungsmaschine, wenn einer weiß, wie man den Kapitalismustiger reitet, dann du und dein PR-Ego Haftbefehl. Bisschen Provokationspop voller Bitch, Blowjob und Pumpguns, dick bestrichen mit Polarisierungschiffren von Fotze bis Fickteuremütter – schon bist du verlässlich so tief in aller Munde, dass bestimmt bald ein paar weitere Hochglanzfotos mit Monsterprotzkarre im Offenbacher Ghetto drin sind. Und es ist ja auch auf deiner siebten Platte, die vermutlich niemand physisch kauft, schon wieder maßgeblicher HipHop.

“Club fast leer, Nase voll Blut /Stehen uns gegenüber und schreien / alle schauen, keiner wie du / Wir sind mit dem Dreck hier im Reinen” – grob gehackte Straßenpoesie schon im ersten Track Geruch von Koks, gehaucht von Paula Hartmann, zersägt von deiner rachitischen Wutbürgerstimme und diesem Highhat-Tinnitus wie aus dem Torture-Porno: Mainpark Baby, Hassliebeserklärung an ein Leben im Wohlstandsabseits, ist wie immer Gangstarap für urbane Haudraufs, aber eben auch richtig deep, derb, drogig, also alles, was deine Crowd von dir will: Dienstleistungsaggressionen.

Haftbefehl – Mainpark Baby (Urban/Azzlacks)


Instrument, Meskerem Mees, Warhaus

Instrument

In der Rubrik “Bands, die schwer zu googeln sind”, befinden sich von Messer über Dÿse bis KoЯn viele, unter denen eine digital besonders unauffindbar ist: Instrument. Selbst mit dem Zusatz “Band” landet man, klaro, bei Instrumenten aller Art. Erst wer den Mastermind Markus Schäfer dahinter hinzufügt, kriegt ein paar Treffer, die allesamt ein Genre enthalten, das fürs Münchner Trio förmlich erfunden wurde: Post-Rock. Weiter von elektrischer Gitarrenklassik entfernt könnte man kaum sein und gleichsam näher dran.

Englisch betextet, schreddert es seit dem selbstbetitelten Debütalbum von 2010 und mehr noch, dessen Nachfolger Olympus Mons vor zehn Jahren tradierte Harmonien mit tradierter Harmonie, legt elegische Flächen über Viervierteltakte und macht aus Rock Antirock, der so viel Jazz und Noise atmet, dass er auch auf der vierten Platte Sonic Cure ein bisschen so klingt, als würde Frank Zappa mit Messer, Dÿse und KoЯn Instrumente tauschen. Selten ist Abwegiges eingängiger, selten Postrock poppiger.

Instrument – Sonic Cure (The Instrument Village)

Meskerem Mees

Auch Meskerem Mees’ Name ist so sperrig wie ihre Musik. Und doch kann sich zwei Jahre nach ihrer Debütsingle Joe vermutlich kaum jemand, der/die Musik über massentaugliche Codes und Mechanismen hinaus definiert, dem Sound der Belgierin entziehen. Irgendwo zwischen Blue Gras und Trashpop, Cool Jazz und Neofolk. Kimya Dawson und  Billy Eilish wildert die POC mit der Westerngitarre im globalen Soundfundus und wird allerorten fündig.

Ihr Debütalbum Julius reiste damit erfolgreich über Jazz- und Popfestivals. Jetzt erscheint eine Art Nachfolger, der den Bestand erneuert und ein paar Neuigkeiten hinzufügt, aber vor allem dies zeigt: Meskerems herausragendes Gespür für die Leichtigkeit im Schwermut und umgekehrt, ein Talent zu konzentriertem Bedroompop im Central Park, bei dem man zugleich weg- und mitnicken möchte. Moldy Peaches der 2020er Jahre gewissermaßen, nicht weiter von Belang, ungemein dringlich.

Meskerem Mees – Caesar (My Way Records)

Warhaus

Direkt aus dem Bett scheint auch Meskerem Meeses Landsmann Maarten Devoldere ins Studio gewankt zu sein, als es dort das Album mit dem wunderbar lakonischen Titel Ha Ha Heartbreak für sein Sideprojekt aufgenommen hat. Seit langem schon pflegt er mit seiner Indierock-Band Balthazar ja den Spagat orchestralen Easy Listenings. Mit Warhaus allerdings beschreitet der dabei geradezu ekklektizistische Spierenzchen.

Sein – dank der flüsternden Stimme – ständig grundsedierter Garagenpop lässt sich von Ufer zu Ufer treiben, streift hier mal New Romantic der Achtziger (I Had To Be You), dort funkigen Neosoul der Neunziger (When I Am With You) und klingt dabei immer wie eine Art Laid Beck auf Sizilien, wo er Ha Ha Heartbreak angeblich in einer Hotelsuite ersonnen hat. Glauben wir’s ihm mal und erfreuen uns an einer Lässigkeit, für die man das urbane Gent vermutlich schon ein paar Tausend Kilometer hinter sich lassen sollte.

Warhaus – Ha Ha Heartbreak (PIAS)


Leftovers, Hermanos Gutiérrez, Moka Efti

Leftovers

Die Hamburger Schule, wenn sie denn je geöffnet war, ist geschlossen und hat auch keinen Ersatz hinterlassen. Deutschsprachiger Diskurspop existiert zwar weiterhin, aber er ist flatterhaft geworden, irgendwie unbehaust, allerdings mit einem Epizentrum, das undeutscher kaum sein könnte. Dass die ortsansässige Band Leftovers das Auftaktstück ihres famosen Debütalbums Wiener Schule nennt, hat damit allerdings wenig zu tun und grundiert auch keinen neuen Stil, sondern eher das Schreddern eines alten.

Krach ist schließlich kein Austro-Pop. Wenn überhaupt der Begriff darauf anwendbar ist, dann als Pogo- oder Kettensägen-Pop, was mit den Neo-Strizzis Wanda, Bilderbuch, Voodoo Jürgens wenig gemein hat – nicht mal den Schmäh. Ohrenkundig stinksauer brüllen sich Leonid, Leon, Anna und Alex hochdeutsch durch die Gossen ihrer Stadt, arten aber nur partiell in selbstreferenzielles Geschrei aus und sammeln lieber Eighties-Fetzen für ihren Postpunkt-Hardcore, der manchmal ein bisschen wie Messer auf Slayer klingt., manchmal nach Die Nerven auf Frittenbude. aber immer eigensinnig brutal britisch.

Leftovers – Krach (Phat Penguin Records)

Hermanos Gutiérrez

Und wo wir grad bei alpinen Bands sind, die so gar nicht danach klingen, woher sie stammen, muss an dieser Stelle dringend von Hermanos Gutiérrez geredet werden. Das Brüderpaar Estevan und Alejandro kommt zwar aus der Schweiz, hört sich aber schwer nach der Sierra Nevada an, irgendwas mit Mexico oder zumindest so, als würde jemand von außerhalb einen Soundtrack für Spaghetti-Western im Süden Nordamerikas drehen, wobei die ja auch nur selten dort entstanden sind, wo sie sich atmosphärisch verortet haben.

Ohne Gesang, aber mit verschwitzt verhallender Gitarre mäandert das Debütalbum El Bueno Y El Malo durch staubige Wüsten wie einst Sergio Leone oder Ennio Morricone, entfaltet zugleich aber einen fast mediterranen Charme – was natürlich auch mit dem Produzenten zu tun hat: Dan Auerbach verleiht ja auch schon seinen Black Keys grenzgängerische Vielschichtigkeit, die immer nur so wirkt, wie sie nie sein will. Die zehn Stücke mit Titeln wie Hermosa Drive oder Pueblo Man sind, wie sie wirken wollen und doch ganz woanders: schnauzbärtiger Psychopop für Eskapisten.

Hermanos Gutiérrez – El Bueno Y El Malo (Easy Eye Sound-Concorde)

Moka Efti Orchestra

Stichwort Eskapismus: Das Moka Efti Orchestra, vor ein paar Jahren bekannt geworden als 14-köpfige Bigband der Sky-Serie Babylon Berlin und damit Inbegriff der fiktionalen Roaring Twenties, bringt heute sein zweites Album raus – und es hat den Anspruch, der filmischen Vorlage zu entkommen, ohne sie ganz zu verdrängen. Babylon Berlin, wer die ersten drei Staffeln sieht, wird es nie vergessen, ist eine Art tanzchoreografierte Zwischenkriegszeit, gleichermaßen historisch korrekt und komplett drüber, wofür unter anderem Nikko Weidemanns Jazz-Combo verantwortlich war.

Auf Telegramm nun ist sie geerdeter, weniger funkensprühend, spürbar im Studio entstanden und damit nicht unbedingt besser als der Vorgänger, aber irgendwie echter weil weniger cineastisch. Während in der 4. Staffel Babylon Berlin nun die artverwandte Hamburger Bigband Meute den Ton angibt, emanzipiert sich das Moka Efti Orchestra quasi vom Fernsehen und probiert mehr aus – eher sixtiesorientierten Swing wie Sohn zum Beispiel oder Katakomben-Souljazz wie Surabaya Johnny. Eine Weiterentwicklung also. Immer gut.

Moka Efti Orchestra – Telegramm (Motor)


Die Nerven, Sorry, The Düsseldorf Düsterboys

Die Nerven

Der Bandname war ja schon immer fantastisch: Die Nerven. Auch ihr musikalischer Duktus zwischen Wut und Melancholie, Lyrikrock und Politipoesie: selbst im breiten Flussbett alternativer Indie-Seitenarme etwas ganz Besonderes. Jetzt aber schickt das Trio sein sechstes Studioalbum aus dem Stuttgarter Kessel ins krisengeschüttelte Land, und es gibt kein verklausuliertes Erbarmen mehr, nur noch klare Kante.

Wenn Max Rieger “Deutschland muss in Flammen stehen / ich will alles brennen sehen” singt, mag seine Stimme daher noch immer ein bisschen nach Tocotronic beim Beerdigungskaffeeundkuchen klingen, aber der Subtext passt sich den Begebenheiten an, und das ist gut so, weil es gut ist. Weil sich Riffs und Läufe wie und je eher unter die Haut schieben, als darauf herumzukratzen, weil Die Nerven einfach das sind, was man sich im Pop für alle wünscht: aufrichtig.

Die Nerven – Die Nerven (Glitterhouse Records)

Sorry

Noch ein fabelhafter Bandname: Sorry. Sorry für gar nix, müsste man hinzufügen oder wie es im Londoner Norden heißt, wo das Quintett schon seit Jugendtagen musiziert: Fuck you. Das nämlich schleudern Asha Lorenz und Louis O’Bryan ins weite Rund elegischen Alternativepops, sie sind also gleichsam pissed und entspannt. Ein Rezept, das schon ihr Debütalbum prägte und auf Anywhere But Here noch eindrücklicher klingt.

Elegant zerdeppert von Drummer Lincoln Barrett, Multi-Instrumentalist Campbell Baum und Elektroniker Marco Pini nämlich klingen die 13 Tracks wie eine Strandparty in der Gummizelle – gleichermaßen sonnig und betrübt, wach und betäubt, gefangen und befreit, optimistisch und dystopisch. Es sind Fanfaren des selbstgenügsamen Unwohlseins, die über industriell verzerrte Gitarren gelegt und damit spürbar werden. Das muss man eher verkraften als hören, aber dann wirkt es Wunder.

Sorry – Anywhere but Here (Domino)

The Düsseldorf Düsterboys

Und dann wäre da natürlich der depperte, aber irgendwie ja auch famose Bandname The Düsseldorf Düsterboys. Das Duo, bestehend aus Peter Rubel und Pedro Goncalves Crescenti, die aus Mainz stammen und in Essen spielen, haben den Nachfolger ihres vielbeachteten, präpandemischen Debütalbums Nenn mich Musik herausgebracht, und wieder ist der enthaltene Zweipersonenbigbandfolk darauf alles andere als düster.

Im Gegenteil: das Potpourri aus Fieldrecordings und Studioarrangements klingt oft, als träfen sich Peter Licht und Niels Koppruch fürs deutschsprachige Coveralbum der Greatest Hits von Simon & Garfunkel im Bällebad. Das Resultat? Ein retrofuturistisches Manifest augenzwinkernden Unernstes und damit das weltbeste Poesiealbum einer Zeit, in der man ja nie weiß, ob man heulen oder tanzen soll. The Düsseldorf Düsterboys machen immer beides.

The Düsseldorf Düsterboys – Duo Duo (Staatsakt)


1000 Robota, Gaddafi Gals, Fink

1000 Robota

Normalerweise taugen die PR-Beipackzettel neuer Platten alter Bands selten zur Weiterverbreitung, aber jener zum dritten Album der bemerkenswerten Hamburger Indierockband 1000 Robota enthält eine schöne Umschreibung dessen, was Sebastian Muxfeldt, Jonas Hinnerkort und Anton Spielmann seit ihrem Plattendebüt Du nicht er nicht sie nicht vor 15 Jahren auf Tapete Records beherrschen wie kaum drei zweite: den Zeitgeist anschreien.

Seinerzeit taten sie es mit einem Mix aus wütendem Postpunk und avantgardistischem Industrial. Jetzt sind alle, wirklich alle, die sich nicht in eskapistischen Heididei flüchten, auf industriell-avantgardistische Art sauer, und was machen 1000 Robota: dasselbe, nur besser. Gitarrensoli und Kinderchöre vereinen sich auf 3/3 mit Bassgemurmel und Endzeitpoesie zu einer brachialen Melancholie, die zwischen Feuilleton und Gummizelle alle Genres jenseits vom Mainstream bedient, ohne sich irgendwo anzubiedern.

1000 Robota – 3/3 (Tapete Records)

Gaddafi Gals

Eigentlich bürgt ja schon die Rapperin Ebru Düzgün alias Ebow allein für kreative Ausdifferenzierung des planquadratischen HipHop deutscher Herkunft. Fügte man ihr noch die Songwriterin Nalan Karacagil aus Berlin hinzu, wäre das Ergebnis schon die Ausdifferenzierung der Ausdifferenzierung. Gemeinsam mit dem Produzenten walter p99 arkestra jedoch differenziert sich die Ausdifferenzierung zur eklektischen Sinnsuche zeitgenössischer Musik insgesamt aus.

Nach dreijähriger Pause haben sie ihr elektroalternatives Projekt Gaddafi Gals reanimiert, und auch an Romeo Must Die beißen sich Kategorisierungsversuche vermutlich wieder die Zähne aus. Zwölf Stücke lang mäandert das Trio schließlich so virtuos durch Schlabber-Soul und Oriental-Dub, kratzigem Trap und poppigem R’n’B, dass sich die Autotunes nur so im Ohr verhaken, aber nie nerven. Einfach weil es grandios ist, was die drei aus allem machen, was ihnen unters Mischpult gerät.

Gaddafi Gals – Romeo Must Die (3-Headed Monster Posse)

Fink

Und dann noch, weil es immer noch so unendlich traurig und zugleich tröstlich ist, dass Nils Koppruch vor zehn Jahren zwar viel zu früh gestorben ist, aber in unseren Herzen weiterlebt, feiern wir hiermit eine Reissue, die alle Aufmerksamkeit der Welt verdient: das wundervolle Nischenlabel Trocadero hat den kompletten Fundus seiner großartigen Alternativecountry-Band Fink von Soundgarden-Chef Chris von Rautenkranz bearbeiten und auf buntes Vinyl pressen lassen.

Ein Vierteljahrhundert erscheinen damit nicht nur längst vergriffene LPs in herausragender Qualität als Coffeetable-Box für Boomer und andere zum Hinstellen, Durchhören, Liebehaben. Die ersten zwei Alben Vogelbeobachtung im Winter und Loch in der Welt erscheinen sogar erstmals auf 12# und sind wie alle anderen auch einzeln erhältlich. Endlich. Als Hommage an den unbekanntesten Weltstar der deutschen Popkultur, ein Poet von urbaner Windschiefe.

Fink – ne Menge Leute, Ltd Box-Set (Indigo/Trocadero)


Whitney, RSS Disco, Jockstrap

Whitney

Dass aller guten Dinge drei sind, ist wie alle Sprichworte natürlich pauschalierter Unsinn. Aber wie jedes Sprichwort wartet auch dieses auf seine Bestimmung und urteilt aus sicherer Entfernung. So ist es mit dem dritten Album von Whitney, der besten ereignislosen Band überhaupt. Sechs Jahre, nachdem ihr Debüt Light Upon the Lake Easy Listening avantgardetauglich machte, erscheint nun Spark – und wieder passiert wenig. Wieder klingt alles wie in Quark gewälzte Beach Boys. Und wieder ist es wundervoll.

Erinnert der Opener von Julien Ehlrich und Max Kakacek aus dem wuseligen Chicago noch an Bee Gees auf Ketamin, wird es auch danach nur selten dynamischer, versprüht aber dieses buntgemusterte Gefühl von Selbstgenügsamkeit, in der Westcoast-Pop mit Eastcoast-Synths zu einer Melange von so eleganter Cremigkeit emulgiert, dass selbst der dauernde Falsett darin Konturen kriegt. Es bleibt dabei: Whitney haben den Softrock so schön sediert, dass auch Album 4 vermutlich klingt wie 1-3 und dennoch Lust auf Nr. 5 macht.

Whitney – Spark (Secretly Canadian)

RSS Disco

Und was Whitney auf analoge Art zaubern, erzeugen ihre Hamburger Ausstrahlungskollegen RSS Disco in digitaler Vollendung. Das Trio schafft es seit geraumer Zeit schon, Technofestivals aller Art behaglich ins Morgengrauen zu grooven. Jetzt erscheint der Longplayer Mooncake – und wieder wünscht man sich instinktiv auf einen baumumstandenen Floor fernab der 120bpm-Stampfböden, um die letzten Restenergien aus der Hüfte zu kitzeln und dann ab ins eigene Zelt.

Als hätte man Prince eine Dosis Air verschrieben oder die Achtziger in einer Dose Nuller verrührt, plöddert psychedelischer Dreampop auf dem ersten richtig physischen Album durch sonnendurchfluteten Tropical-House, kriecht dabei wie geliert durch abklingende Spaßdrogenversuche und schafft es dennoch, in aller Langsamkeit temporeich zu klingen oder umgekehrt. Das ist mindestens dreimal so berückend wie all die beatüberfrachteten Acts in den Festzelten nebenan.

RSS Disco – Mooncake (Mireia Records)

Jockstrap

Das Londoner Duo Jockstrap dagegen wäre ohnehin eher was für den kleinen Sperrholz-Floor abseits der Trampelpfade zu den großen Stages, irgendwo versteckt im Birkenwald vielleicht. Auf I Love You Jennifer B machen Georgia Ellery und Taylor Skye schließlich mal so gar nichts, was Menschenmassen zufriedenstellt. Im Gegenteil: wenn verschrobene Keyboards unter fazerdaze-katebushigem Gesang verwehen, schlägt sich der der Mainstream in die Büsche.

Von dort aus allerdings kann man dann ja mal zuhören, was das Debütalbum der beiden elektroanalogen Frickelfans zu bieten hat. Gitarren nämlich, die wie Celli klingen, Drums ohne Taktverbindung, Samples von hinreißendem Aberwitz und überhaupt ein Futurepop, dem Zukunft und Vergangenheit völlig egal zu sein scheinen, weil es in der Gegenwart so viele Absurditäten zu entdecken gilt, aus denen sich Harmonie basteln lässt. Man muss nur lange genug hinhören.

Jockstrap – I Love You Jennifer B (Rough Trade Records)