Ryley Walker, audiobooks, Moonface

Ryley Walker

Songs zu covern ist relativ einfach. Mit ein wenig handwerklichem Geschick und musikalischem Gespür verwandelt man das Original in Kopien, die sich nicht allzu sehr vom Ursprung entfernen, aber dennoch Eigensinn entfalten. Ein Album zu interpretieren, dass kaum jemand kennt, stellt da eine besondere Herausforderung dar. Und weil er die mag, hat sich der Experimentalmusiker Ryley Walker aus Chicago The Lillywhite Sessions vorgenommen, die die seinerzeit stadionfüllende Dave Matthews Band 2001 offenbar nicht so richtig wichtig genommen hatten. Ryley Walker hat. Und daraus ein wirklich erstaunliches Cover-Album gemacht.

Mit seiner instrumentell extrem virtuosen Vielschichtigkeit verwandelt er den Jamrock seiner amerikanischen Superstar-Landsleute in ein jazziges Fusionfolk-Album, das in seiner Filigranität fast zu hintergründig und klug ist, um dem Durchschnittsgeschmack einigermaßen gerecht zu werden, also kein Nerdzeugs zu sein. Für den nötigen Kitt in den Mainstream sorgt dabei nicht nur Walkes hintergründige verwaschener, leicht Eddy Vedderiger Gesang, sondern ein Link in den Postrock, der die Absurditäten kontrollierter Improvisation ein bisschen abpuffert. Ein starkes Stück für musikalische Persönlichkeit.

Ryley Walker – The Lillywhite Sessions (Dead Oceans)

audiobooks

Die ewige Frage nach dem richtigen Leben im Falschen, ob man den Tiger also lieber reiten oder meiden sollte, ist für Menschen auf der Suche nach Systemalternativen schwer zu beantworten. Das englische Indie-Duo audiobooks dagegen springt einfach auf und knallt den autotunesüchtigen Charts der Gegenwart ein Stück wie It Get Be So Swansea vor den Rechner. Die Kunststudentin Evangeline Ling krächzt darin ein so heillos verzerrtes Durcheinander von Lyrics über den aufgemotzten Retrowave ihres Mixers David Wrench, dass selbst die Autotune-Pionierin Cher vor Schreck wohl das Botox ausliefe.

Und auch sonst umweht das Debütalbum Now! (In a Minute) ein Hauch von Irrsinn, der sich nicht nur aus exaltierten Alltagsgeschichten speist, sondern der Fähigkeit, gleichermaßen lässig und albern zu sein – also ungefähr so zu klingen wie die beiden Londoner aussehen. Hot Salt zum Beispiel bringt diesen Spagat prima zum Ausdruck. Zwischen dem Elektroclash der Neunziger und dem Synthiepop der Achtziger, führt Wrenchs Keyboardsprengsel ein wirres Gefecht mit Lings Gesang aus, bei dem es am Ende drei Sieger gibt: Spaß, Kreativität und Tanzwut.

audiobooks  – Now!(In a Minute) (PIAS)

Moonface

Auf seiner neuen Platte hört sich Spencer Krug demgegenüber vielfach so an, als hätte er den audiobooks heimlich Brian Ferry ins Studio geschmuggelt und ihren Sound danach leicht beschleunigt in eine Art weltmusikalisches Bällebad geworfen. Während seine vielen Hauptformationen von Swan Lake bis Wolf Parade oft eher getragen sind, manchmal sogar leicht melodramatisch, bringt Spencer Krugs Solo Moonface seit ein paar Jahren bereits die experimentelle, gelegentlich fast glamouröse Persönlichkeit des kanadischen Soundbastlers zum Schwingen.

Die Stimme gewohnt warm und dunkel, mischt er Steeldrums, Marimba, Xylophon und fröhliche Fanfaren jeder Art in ein Album, das mit This One’s For The Dancer & This One’s For The Dancers Bouquet nicht nur ausgesprochen feierlich betitelt ist, sondern angeblich auch sein letztes als Einzelkünstler sein soll. Schade eigentlich. Denn wie er die Erzählungen griechischer Mythologie darauf mit brummenden Synths und orchestralem Pop kombiniert, das zeugt von einer Kreativität, die jede noch so triste Mollsequenz mit Begeisterungsfähigkeit aufhellt. Polyglotter Darkwave zum Jubeln, souverän verabreicht von einem Riesen der Nische.

Moonface  – This One’s For The Dancer & This One’s For The Dancers Bouquet (Jagjaguwar)

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Prodigy, Anoraque, Orchestra of Spheres

The Prodigy

Als The Prodigy vor 20 Jahren im Grunde nicht weniger taten, als die elektronische Musik zu revolutionieren, wirkte ihre brachiale Vorform des Brostep noch seltsam deplatziert. Die Dot-Com-Blase blähte sich noch hoffnungsvoll, Demokratie und Wohlstand schienen den Planeten endgültig zu erobern, trotz anhaltender Kriege in entlegeneren Winkeln der Welt waren Staatskrisen und Terror zumindest aus mitteleuropäischer Sicht fern. Warum also zersägten die drei Briten mit den absurden Tattoos und Frisuren das beginnende Zeitalter himmlischer Harmonie da bloß mit so infernalischem Krach? Vielleicht weil sie ihrer Zeit damals voraus waren.

Und es bis heute noch sind! Nicht, dass die verbliebenen Bandmitglieder Keith Flint und Liam Howlett auf der siebten Platte signifikant anders randalierten als auf dem legendären The Fat Of The Land; wie damals zertrümmert ihr Electropunk jedes Wohlklangbedürfnis mit Dauersalven brutaler Breakbeats, die nur unwesentlich digital verfeinert wurden. Im Jahr 2018 jedoch ist No Tourists der passgenaue Soundtrack einer Zeit zertrümmerter Werte und Gewissheiten. Dass die heile Welt total kaputt ist, haben The Prodigy schließlich schon immer gewusst.

The Prodigy  – No Tourists (BMG)

Anoraque

Den Schlagzeuger einer neuen Band in den Vordergrund zu rücken ist nicht unbedingt das gängigste Stilmittel der Musikkritik, und die Drums sind im Grunde auch gar nicht das Hervorragendste am Debütalbum des Postcore-Quartetts mit dem angenehm bilingualen Namen Anoraque. Trotzdem wird D A R E von wenig mehr geprägt als Jan Schwinning. Wie seine Hi-hat gleich den Auftakttrack Peaks vor sich hertreibt, wie sein Kesselrand das zartbesaitete Outside Us untermalt, wie seine Becken das schrille Uh-Oh schreddern, wie seine Snare den flatternden Bass von Using You zerdrischt – das stellt den Rest der Band manchmal schon leicht in den Schatten.

Und das will was heißen. Denn nach zwei EPs rauscht ein Instrumentarium durch den ersten Longplayer der schweizerisch-deutschen Formation, das weit mehr ist als die Summe der einzelnen Teile. Jazzige Gitarren-Stakkati mischen sich da mit dronigen Bassflächen, verschrobene Synths mit nervöser Irrenhauselektronika. Und über allem schwebt geisterhaft schwebend der Gesang von Lorraine Dinkel, die mal klingt wie gerade aus dem Tiefschlaf erwacht, mal wie auf Drogenmix im Kellerclub. Ein Album von gleißender Dunkelheit, also ganz  gewiss nichts für gewöhnliche Ohren.

Anoraque – D A R E (Radicalis Music)

Orchestra of Spheres

Wenn ein Album schon so losgeht: ein didgeridooartiges Raunen, überlappt von fiebrig an- und abschwellender Percussion, orientalischem Getröte und seltsam tonlosen Mantras. Wer diese Kakophonie offenbar unversöhnlicher Töne knappe zehn Minuten durchhält, ist entweder stocktaub, masochistisch veranlagt oder belastbar genug, um sich den Rest eines durch und durch erstaunlichen Werkes zu verdienen. Mehr noch als auf den drei Platten zuvor nämlich verlieren sich die neuseeländischen Neokrautrocker Orchestra of Spheres nicht in ihren teils absurden Klangkonstrukten.

Kurz vorm Hörsturz biegt Mirror auf afrikanisch angehauchten Future-Funk ab, der oft mitunter klingt, als seien The Mamas and the Papas in einer Science-Fiction-Bigband gelandet. Begleitet von einem halben Dutzend klassisch ausgebildeter Virtuosen wirbelt das Kammerquintett voller Kunstnamen wie Baba Rossa durch tropische Ethnosounds und wird mit jedem der zehn Stücke ein bisschen bekömmlicher, ohne den Mainstream auch nur zu streifen. Oboe und Drums, Harfe und Bass, E-Gitarre und Geschrei, Klarinetten und Synths – erstaunlich, was hier am Ende alles harmoniert. Wer soweit kommt, wird fürstlich belohnt.

Orchestra of Spheres – Mirror (Fire Records)


Dead Can Dance, Mt. Joy, Spiral Deluxe,

Dead Can Dance

Der Soundtrack zum Weltuntergang stammt aus einer Zeit, als sein Anfang noch vergleichsweise unbestimmt war. Der “Club of Rome” hatte ein paar Jahre zuvor erstmals Die Grenzen des Wachstums vermessen und der Konsumgesellschaft damit den Ratschlag gegeben, ihren Verbrauch doch vielleicht mal ein wenig zu drosseln – da setzten sich Brendan Perry und Lisa Gerrard in ihre tausendteilige Orchesterlandschaft und gossen den Kulturpessimismus jener Tage in Weltmusik von melodramatischer Dringlichkeit. Gut, seither hat die Konsumgesellschaft ihren Konsum locker verzehnfacht, aber das macht die die Mission von Dead Can Dance ja nur noch dringlicher.

Auch auf Dionysos, dem zehnten Studioalbum seit 1984, klingen die orientalisch durchwirkten Ethnoklangteppiche der beiden Australier wie Hilfeschreie von mindestens 15 Minuten Länge, in denen sich das Elend der ganzen Erde Luft verschafft. Zwischen Zimbeln und Tröten und Pauken und polyglotten Kultgesängen reisen die beiden Tracks ACTI und ACTII in alle Regionen des Folk. Und wie einst in Philip Glass’ Score zur Zivilisationsdystopie Koyaanisqutsi ist das Ergebnis von so spiritueller Energie, ohne esoterisch zu klingen, dass man seinen ökologischen Fußabdruck spontan aufforsten möchte. Man nennt das Überwältigungsmusik.

Dead Can Dance – Dionysos (PIAS)

Mt. Joy

Mit Überwältigungsmusik fast noch zögerlich umschrieben ist eine Band aus Philadelphia, wenngleich ihr jede Art von Kulturpessimismus wohl ähnlich fremd ist wie Dead Can Dance ein Langstreckenflug im Bumsbomber nach Bangkok. Schon der Name klingt schließlich nach purer Lebensfreude – Mt. Joy ist schließlich das drollige Kürzel eines Berggipfels im Valley Forge National Park, an dessen Hang Gitarrist Sam Cooper aufgewachsen ist, bevor er mit seinem Schulfreund Matt Quinn auf die Erfolgswelle von Mumford & Sons sprang und an der Seite von Multiinstrumentalist Michael Byrnes in den perligen Ozean des modernen Indie-Folk surfte.

Klingt bisschen abgeschmackt? Ist es aber gar nicht! Unterstützt von Sotiris Eliopoulos an den Drums und dem Keyboarder Jackie Miclau schaffen es Mt. Joy auf ihrem selbstbetitelten Debütalbum nämlich spielend, ein bisschen ungemähter Rasenfläche zwischen sich und dem ondulierten Mainstream eines Passenger zu legen. Besonders Quinns Stimme sorgt für unterhaltsamen Eigensinn, während die Arrangements drumherum oft eher fröhlich zittern als warm berechnen. Mt. Joy ist gewiss kein Werk für Alternative-Ästheten, aber vom ersten Ton an überwältigend, ohne zu überrumpeln.

Mt. Joy – Mt. Joy (Dualtone)

Spiral Deluxe

Wenn elektronische Musik nicht daheim am Rechner oder im digitalen Ambiente zugehöriger Labels entsteht, sondern dort, wo schon Serge Gainsbourg, Juliette Gréco, Manu Chao Platten auf Vinyl produziert haben, kann elektronische Musik kaum rein elektronisch klingen. Es ist daher gewiss auch den legendären, elegant holzgetäfelten, akustisch unvergleichlichen Studios Ferber in Paris geschuldet, dass ein Projekt namens Spiral Deluxe die Grenzen zwischen House, Funk und Jazz gerade neu definiert. Verantwortlich dafür ist jedoch vor allem einer der Köpfe hinterm Quartett: Jeff Mills.

Bekannt als Gründungslegende des Detroit Techno, kehrt der DJ auf Voodoo Magic zu seinen Wurzeln als Drummer zurück und macht das Debütalbum dank seiner virtuosen Percussions, Jino Hinos groovendem Bass und schmissigem Vintage-Sound von Yumiko Ohno und Gerad Mitchell an Moog oder Keyboards zum Manifest des Crossovers moderner Prägung. Aufgenommen in nur zwei Tagen, atmen die fünf teilweise breit ausgewalzten Stücke einerseits den Duft bauchgesteuerter Improvisation; andererseits sind sie bis in den letzten Beat hinein ausgefuchst und berechnet. Eine Ader für Jazz kann beim Hören da nicht schaden, zwingend nötig ist sie nicht.

Spiral Deluxe – Voodoo Magic (Axis Records)


Barbara Morgenstern: Nostalgie & Zukunft

Ihr sollt schon bisschen rätseln

Mit gut einem Dutzend teils hochgelobter Platten in verschiedenen Zusammenhängen hat sich Barbara Morgenstern zu einer der wichtigsten Indie-Musikerinnen im Land gemausert. Selbst das Goethe-Institut hat sie dafür schon mal auf Welttournee geschickt. Ihr neues Album zeigt dabei aufs Neue, warum sich die 47-Jährige Autodidaktin aus Hagen nach ihrem Gründungsbeitrag zur Hamburger Schule fast zwei Drittel ihres Lebens am Puls des Pop befindet: Selten zuvor sind Nostalgie und Moderne so elegant verschmelzen wie auf Unschuld und Verwüstung.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Barbara, gibt es aus deiner Sicht so etwas wie zeitgenössische Musik?

Barbara Morgenstern: Oha, das ist ja mal ‘ne Steilvorlage in die Metaebene. Inwiefern zeitgenössisch?

Insofern, ob Musik eine Art zeitlichen, also historischen Kontext hat, von dem sie sich nicht abkoppeln lässt.

Aus der Gegenwart betrachtet, gibt es da bestimmt zeitgenössische Musik. Wenn ich mir Hayti anhöre oder diese ganzen Trap-Geschichten, gehören die schon rein technisch exakt in den Kontext der Epoche. Aber jede Zeit hat zugleich Musik, die sie überdauert.

Hat deine Musik das Potenzial, sich vom Kontext ihres Entstehens zu lösen?

Ich hoffe, würde sie aber diesbezüglich als Hybrid bezeichnen. Ich mache mir über den Klang eines Albums sehr lang Gedanken und bin immer bereit, die vorhandene Technik dafür so auszureizen, dass alles relativ modern und zeitgenössisch klingt. Dazwischen aber gibt es immer auch Stücke mit Piano oder Akkordeon, die sich davon abkoppeln und zeitlos werden.

Ist es also gewollt, dass deine Alben meist zugleich nostalgisch und futuristisch klingen?

Schon, klar. Mein Sound ist zwar zu kleinteilig und die Stimme zu brüchig für die Ewigkeit, aber wer Musik macht, hat immer das Bedürfnis, Songs zu schreiben, die bleiben und zugleich die Gegenwart zu spiegeln. Ich überlege mir bei jedem Album, welche Art Keyboard im Vordergrund stehen soll. Wenn die Wahl wie bei Unschuld und Verwüstung auf Harmonium oder Piano fällt, deckt es naturgemäß eng gefasste Musikepochen ab, was durch das orchestrale Element eines Saxofons noch verstärkt wird. Die Elektronik hingegen ist voll im Hier und Jetzt, da ist es mit dem abgenutzten Begriff Neoklassik also nicht getan.

Hast du dafür irgendwelche Referenzgrößen, vielleicht gar Vorbilder?

Nee, da bin ich schon ganz bei mir selbst. Deshalb höre ich im Entstehungsprozess auch möglichst wenig Musik von anderen.

Ist es daher Zufall, dass die Platte an Christoph Schreuf erinnert, Die Heiterkeit oder Kante?

Dass Kante bei mir einfließt, ist sicher kein Zufall, so viel wie ich die gehört habe. Ich fühle mich allein schon deren Harmonik verbunden, dem Opulenten, Orchestralen. Und natürlich beeinflusst mich auch ein Christof Schreuf, aber weder gewollt noch geplant.

Was beide mit dir verbindet, ist in jedem Fall die manchmal verschrobene Poesie der Texte. Lassen sich die dechiffrieren oder wollen sie gar nicht wirklich verstanden werden?

Also ich könnte dir jeden Text erklären, jede Zeile hat eine konkrete Bedeutung.

Nehmen wir zum Beispiel Angel’s Whisper – ich habe versucht dahinter den tieferen Sinn zu entdecken, bin aber gescheitert.

Angel’s Whisper heißt ein Wein, den ein Freund bei einer Weinprobe getrunken hat und danach gestorben ist.

Krass! Aber nicht am Wein?!

Man weiß nicht, warum. Im Song Revue lasse ich Revue passieren, was das Ereignis mit mir zu tun hat, mit meiner Tochter, mit ihm und erhoffe mir somit einen Zugang zum eigenen Umgang damit.

Aber schon so verrätselt, dass es Hörern nicht sofort klar wird, worum es geht?

Ihr sollt schon ein bisschen rätseln und im Idealfall sogar eigene Deutungen des Liedes finden. Ich erlebe es oft, dass Leute mich mit ihrer Interpretation eines Songs überraschen. Bei Teil 1 oder Teil 2 zum Beispiel kam jemand nach dem Konzert zu mir und meinte, da ginge es doch um Beziehung. Das tut es nicht, aber die Interpretation ist absolut denkbar.

Kann es sogar sein, dass die Interpretation anderer auch dir selbst neue Perspektiven auf deine Songs und ihre ursprüngliche Bedeutung ermöglicht?

Kann sein und ist jedesmal toll!

Geht es denn in Brainfuck tatsächlich um Depression?

Es geht zumindest ums Gedankenkarussell, in dem man nachts sitzt, wenn man nicht aufhören kann, zu grübeln.

Man oder du?

In diesem Fall singe ich tatsächlich von mir, auch wenn Texte oft Freunde vor Augen haben. Aber grundsätzlich sind meine Texte immer autobiografisch; ohne Bezug zur Person, die sie singt, fällt es Musik aus meiner Sicht schwer, wirklich zu berühren. Wenn man es gut zu lesen versteht, kann man mir durch meine Songs schon sehr nahe kommen.

Führst du am Ende Therapiegespräche mit deinem Publikum?

So weit würde ich nicht gehen. Die Leute sollen an meine Gedanken andocken können und sich im Bestfall darin wiederfinden, Therapie klingt so nach Dienstleistung. Als meine Tochter neulich fragte, wann ein Musikstück eigentlich gut sei, meinte Gudrun Gut, wenn es von mir erzählt. Dem ist nichts hinzuzufügen, so musiziere ich mein Leben lang – zunächst unbewusst, später bewusst.

Was treibt dich an, dieses Mitteilungsbedürfnis mittlerweile mehr als die Hälfte deines Lebens in Musik zu gießen?

Abwechslungsreichtum. Außerdem entwickelt sich meine Persönlichkeit weiter und setzt dabei einerseits neue Themen. Andererseits ist es mir wichtig, die Stufen dieser Entwicklung sichtbar zu machen. Wenn mir jemand mit 50 erzählt, wie toll seine Partys sind, finde ich das uninteressanter als seinen reflexiven Umgang mit diesem Lebensabschnitt. Deshalb stehe ich auf Joni Mitchell, deren Lieder von ihrem Leben in der Zeit erzählen, in der sie es lebt.

Also keine Wunschvorstellungen oder Sehnsüchte.

Genau. Da geht es zurück zur Eingangsfrage nach den Schnittmengen von Nostalgie und Gegenwart, immer vermittelt durch eine gewisse Art Sprache, die mir am Herzen liegt.

Zum Beispiel?

Etwa, dass ich in Wortschatz die Verrohung öffentlicher Diskurse beklage, in denen Begriffe wie „Volksverräter“ oder „Asyltourismus“ plötzlich sagbar sind, das aber nicht offen ausspreche, sondern singe: „Und der Wortschatz verlässt den Salon / schlägt sich an den Kopf und verliert die Fasson“.

Könntest du entlang deiner Alben eine Art Autobiografie schreiben, die sämtliche Stationen deiner Entwicklung beinhaltet?

Natürlich.

Aber entsteht bei so viel Bedeutsamkeit nicht manchmal das Bedürfnis, ganz belanglosen Trallalla-Punkrock zu machen, ohne Tiefgang, einfach Spaß?

Ach, ich mache ja genügend Sachen abseits der Solo-Platten, wie meinen Chor in Berlin, Kindertheater, Tausend Kollaborationen, konkret plane ich ein Instrumental-Album mit meinem Saxofonisten – alles natürlich auch, um mal ein Stück weit von mir wegzutreten, aber nicht aus irgendeiner Not heraus, sondern weil es mir ein Freudenquell ist.

Du hast also nachts keinen Brainfuck, weil du mit dir und deinem Leben nicht im Reinen bist?

Im Gegenteil. Mein Kopf ist manchmal einfach so voller Ideen, dass tagsüber nicht genug Zeit bleibt, ihn auszuleeren. Mir geht’s gut.


Neonschwarz, Th. Shitstorm, Hallouminati

Neonschwarz

Fette Bläser – darunter sollte es fetter Sound mit fetter Botschaft heutzutage besser nicht machen, um im HipHop Aufmerksamkeit zu erregen. Bisschen Toasting obendrauf, etwas Autotune, na klar, dazu die übliche Selbstbeweihräucherung des eigenen Namens im Titel: Wäre N.E.O.N. der Opener irgendeines Crossover-Rap-Acts mit Mehrzweckhallenpotenzial und vier, fünf “e” im Namen, Kenner nähmen das zugehörige Album wohl eher schulterzuckend zur Kenntnis. Hieße das Kollektiv dahinter nicht Neonschwarz und wäre gemeinsam mit ähnlich gepolten Bands wie K.I.Z. die Stimme lässiger Vernunft im deutschen Sprechgesang, zu der man trotzdem prima abgehen kann, ja muss!

Clash heißt die dritte Platte von Captain Gips, Marie Curry und Johnny aus Hamburg, wo sie gemeinsam mit dem DJ Spion Y seit fünf, sechs Jahren wuchtig und verspielt gegen Nazis, Kapital, die Gemütlichkeit der Mitte anrappen und damit das unterhaltsamste Sprachrohr einer zusehends selbstgerechten Poplinken sind – musikalisch Betonung auf Pop, textlich Betonung auf den Rest. Die Raps sind nämlich bei aller poetischen Schärfe wie üblich eher Oldschool und die Reime nicht immer so ganz auf den Punkt. Aber was Neonschwarz unvergleichlich, unersetzlich, unwiderstehlich macht ist ohnehin die Kraft der Freude, in der das Quartett gegen die Dummheit vor der Haustür anfeiert.

Neonschwarz – Clash (Audiolith)

Theodor Shitstorm

Dietrich Brüggemann ist ein echtes Inszenierungsgenie. Mit 3 Zimmer/Küche/Bad hat er der Generation X/Y eine Liebeserklärung von entlarvender Leichtigkeit gemacht, das Glaubensdrama Kreuzweg eroberte 2014 gar die Berlinale und dem alten Tatort verlieh sein Stuttgarter Fall im Stau zuletzt neuen Glanz. Da überrascht es kaum, dass dieser Wirklichkeitsdichter die Gründungsstory seiner Band als verkorksten Roadtrip auf den Balkan erzählt. Mit der Songwriterin Desiree Klaeukens, so geht die Legende, bringt er dabei ein Baby namens Theodor Shitstorm zur Welt, das fortan den vielleicht besten Laber-Pop seit den Lassie Singers liefert.

Begleitet von Bass und Drums schildert Sie werden dich lieben das Leben unserer mulitoptional beengten Zeit mit beißendem, nie zynischem Spott, der unter die Haut durchs Zwerchfell zu Herzen geht. Wenn sie den Alltag ihrer Peergroup beschreiben, in dem Madenkolonien unterm Bett wohnen, Sex ein qualvolles Chaos ist und der Drogenmix sowieso, fragen Theodor Shitstorm daher süffisant: „Fühlst du dich so wohl?“, und antworten: „Du sagst Rock’n’Roll.“ Falls sich Thirtysomethings darin wiedererkennen: kein Wunder! Hier singt das neue Sprachrohr dieser verwirrten Alterskohorte.

Theodor Shitstorm – Sie werden dich lieben (staatsakt)

Hallouminati

Wer Bouzouki hört, hat vermutlich entweder Volksmusik aus dem letzten Korfu-Urlaub oder – bei älteren Semestern – womöglich Cindy & Bert im Kopf, aber nichts, das auch nur im Entferntesten an Hallouminati erinnern dürfte. Die Band von Emilios Georgiou-Pavli mag das Saiteninstrument seiner griechischen Herkunft schließlich als Nuance ihres multikulturellen Orchesterfolks nutzen; insgesamt aber stecken schlicht zu viele Einflüsse im Sextett aus London, um es auf den attischen Sound zu reduzieren. Reggea und Ska sind darin ebenso fest verwurzelt wie Afro-Beat, Balkan-Brass und jede Menge Funk.

Besonders letzterem ist es dabei zu verdanken, dass die Mischung vor acht Jahren aus der Nische des Ethnopops in die Clubs der Metropole befördert und dort zum schweißtreibenden Geheimtipp wurde. Nun erscheint ihr erstes Album Tonight, Is Heavy!, und weder wirkt daran alles neu noch makellos; dafür ist – wie so oft im Partyrocksegment – die Männerstimme bei einem Frauenanteil von 16,6 Prozent ein bisschen zu testosteronhaltig. Dennoch schaffen es Hallouminati, die Dynamik ihrer Konzerte ohne Energieverlust auf Platte zu bringen. Live sind sie trotzdem besser. Nehmen wir Tonight, Is Heavy! als Teaser…

Hallouminati – Tonight, Is Heavy! (Batov Records)


Chris Imler, Dissy, Peluché

Chris Imler

Wenn sich Schlagzeuger aus dem Hintergrund an die Bühnenkante wagen, fragt sich ja jedesmal, ob sie den Vordergrund eigentlich immer gesucht hatten, aber nicht hin durften, weil er halt besetzt war. Phil Collins ist da das berühmteste Beispiel, hat allerdings auch an den Drums schon gesungen. Dave Grohl ist das bessere Beispiel, muss aber auch bei den Foo Fighters eher schreiben. Bliebe noch Chris Imler, bei der Electropunkband Die Türen für den Takt verantwortlich und dort so unsichtbar, dass sein Solo-Ausflug Nervös vor vier Jahren viele schlicht umgehauen hat. Jetzt erscheint der Nachfolger dieses erstaunlichen Debüts und ist ernsthaft: umwerfend!

Auf Maschinen und Tiere macht der Berliner aus Augsburg abermals einen elektroalternativen Diskurs-Trash von nervenzerreißender Spannung, aber mehr noch als im Jahr vor der Flüchtlingskrise genannten Populismuskrise klingt er wie das Hintergrundrauschen einer disruptiven Gesellschaft auf der Suche nach Brücken über Gräben, die zertrümmert im Flussbett liegen. Das digitale Raunen und Grunzen und Fiepsen und Grummeln ist ganz ohne explizit politische Phrasen von so eindringlicher Aussagekraft, dass man überlegen sollte, AfD-Parteitage und Pegida-Demos fortan mit genau diesem Album in 120dB zu (zer)stören. Kein Album für den gemütlichen Sonntagskuchen, aber eines mit der Kraft, Gemüter aufzuwühlen.

Chris Imler – Maschinen und Tiere (staatsakt)

Dissy

Eine Jugend in Erfurt ist offenbar auch kein richtiges Zuckerschlecken. Die mittelgroße Stadt ist vielleicht nicht als Thüringer Chemnitz bekannt. Aber wenn Till Krücken in Rave On rappt, „seit der Pupertät befind ich mich im freien Fall / und feier‘ auf dem Parkplatz denn ich kam in die Disco nicht rein / mein inneres Kind ist verstoßen und im Heim / hier gibt’s Wodka und‘n Teil, um es wieder zu befreien“, dann klingt sein Debütalbum trotz fiebriger Beats nicht nach Clubkultur, sondern Bushaltestelle. Und genau da hat Dissy, wie er sich nennt, einen Hip-Hop kreiert, dessen Texte im Nebel düsterer Bässe und Drones dauernd nach provinzieller Ödnis klingen.

Langeweile reimt sich da schnell mal Steine oder Wald auf geil, und auch sonst rotzt Playlist 1 der Heimat von Catterfeld bis Clueso zehn Extraladungen Straßendreck ins Gesicht. Dass letzterer trotzdem zwei Tracks sein süßliches Gesangstimbre leiht, spricht allerdings dafür, wie gut man im Hinterland zusammenhält. Und wenn er in Die Welt Ist Bîse „Baby, ich glaube an das Glück“ beteuert, entdeckt Dissy selbst im kulturellen Nirwana Nischen der Selbstbehauptung. Ohne Hoffnungsschimmer ist die Provinz eben nicht nur öde, sondern schnell auch mal stockfinster.

Dissy – Playlist 1 (Corn Dawg Records)

Peluché

Welch emotionale Kraft Musik hat, zeigt sich am eindrücklichsten, wenn die Instrumente unserer Stimme besonders nah kommen. Das Plattendebüt des englischen Indiepoptrios Peluché etwa wird gleich zu Beginn von Saxofon-Fetzen zersägt, als seien es Hilfeschreie im EBM-Club. Nur ein Stück später erwecken Hi-Hat und Klarinette den Eindruck, jemand bitte zaghaft um Struktur im jazzigen Wirrwarr von Scared After All (Touch My Body). Bass und Gitarre hecheln anschließend wie Schnappatmung dem karibischen To Be A Bird hinterher. Und bei all der redseligen Gerätschaft ist vom ergreifenden, vielfach sirenenhaften Gesang der drei Londonerinnen noch gar nicht die Rede.

Auf Unforgettable zelebrieren Rhapsody Gonzales, Amy Maskell und Sophie Lowe einen orchestral aufgebrezelten Trip-Hop, dessen Bestandteile fortwährend miteinander kommunizieren. Meist klingt das dann, als wäre ihr Album kein Studioprodukt, sondern eine Art eskalierender Dinnerparty, auf der analoge Percussion mit digitalen Loops spricht und der Synthesizer gelegentlich ein wisperndes Piano über funkige Grooves tropfen lässt. Selten zuvor war derart rätselhafter Pop so mitteilsam und hörenswert.

Peluché – Unforgettable (One Little Indian)

 


Agar Agar, alt-j, Cher

Agar Agar

Wer in der elektronischen Musik nostalgisch klingen will und zugleich modern, ist gut beraten, sich entsprechendes Equipment zu besorgen. Weder zu analog noch zu digital – da schlägt dann unweigerlich die Stunde gebrauchter Synthesizer der Marke Korg oder Yamaha, monophone Keyboards, die Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre ebenso futuristisch klangen wie die legendäre Drummachine Roland TR-606 noch heute irgendwie unverwüstlich. Mit alldem und etwas Effektgerät jüngeren Datums hat sich das Duo Agar Agar nun an die französische Atlantikküste verzogen, um ein Album einzuspielen.

Dass es bei aller Vergangenheit nicht gestrig klingt, liegt auch am Instrumentarium. Vor allem aber liegt es an den Pariser Kunststudenten Armand und Clara, beide Mitte 20, die daraus ein wunderbares Plattendebüt gemacht haben. The Dog & The Future vereinigt zehn synthetische Tracks mit Claras melancholischem, amerikanisch vokalisiertem Gesang zu etwas, das in den Neunzigern mal ungemein dringlich klang und offenbar nur Pause gemacht hat: Ein jeanmicheljarriger Elektropop, den etwas Trashpop von Le Tigre bis Ms John Soda zum radiotauglichen Konzentrat einer Art Warp-Philosophie erhebt: experimentell, eingängig, elegant, wavig und schön, aber nicht gefällig.

Agar Agar – The Dog & The Future (Cracki Records)

 

alt-j

Das Mysterium der erstaunlich populären Indiefolk-Band alt-j kreist bekanntlich auch um den Namen. Als die Sprache vor elf Jahren noch am Anfang ihrer grundlegenden Überarbeitung zu Kürzeln, Codes, Symbolen stand, benannte sich das Quartett nach Apples Tastenkombination fürs griechische „Delta“, in der Wissenschaft ein Platzhalter für Differenz. Das vierte Album der Band aus Leeds dreht dieses Namensspiel nun gewissermaßen um. Eher mehr als weniger verschiedene Kollegen wie der Hardrap-Wizzard Danny Brown, Jimi Charles Moodey aus dem leichteren Pop-Fach, Synth-Bastler wie Twin Shadow, ja sogar ein Kontra K aus Deutschland erweisen alt-J ihre Referenz.

Gemeinsam machen sie aus deren dritter Platte Relaxer das Tributalbum Reduxer, auf dem Differenz als Gemeinsamkeit gefeiert wird und umgekehrt. Fast nichts erinnert darauf ans Original, fast alles verströmt den verlockenden Duft der Grenzüberschreitung. Das ist so variabel und spannend, dass selbst Puristen dürften darauf eher Herausforderungen als Gräben erkennen, also keinen Affront, sondern – trotz heftiger Entstellungen und einiger Autotune-Frechheiten – nur Experimente zur gegenseitigen Horizonterweiterung.

alt-j – Reduxer (Infectious Music)

Hype der Woche

Cher

Liebe Cherilyn Sarkisian, es ist natürlich nicht verboten, auch mit 72 noch seiner beruflichen Leidenschaft nachzugehen – selbst und besonders dann, wenn es die Musik ist. Fünf Jahrzehnte Popbiz sorgen schließlich für genug Erfahrung, ja Weisheit, um abschätzen zu können, was man der Welt noch zu geben hat und was nicht. Warum aber, bitteschön, nutzt die alterslos modellierte Cher nichts davon, um im Spätherbst ihrer Karriere resümierend süffisant aufs eigene Werk zu blicken, sondern macht ein Tribut-Album mit Liedern von Abba. Abba? Abba! Und nicht nur das: Dancing Queen trällert ausnahmslos Superhits nach und zwar so inspirationsfrei berechnend, dass man ihr doch ein warmes Plätzchen im Seniorenstift wünscht. Nicht eine Idee, kein Funke, statt Eigensinn nur Ödnis. Wenn jetzt nicht ganz schnell ein Chanson- oder Jazzalbum kommt, kann das nur heißen: Tschö Cher, war nett mit dir, aber jetzt wird’s peinlich.