Katie Von Schleicher, Japanese Breakfast

Katie von Schleicher

Es ist bekanntlich ein unterhaltsames Spielchen, den Klarnamen seltsam bezeichneter Menschen im Musikbetrieb nachzuspüren. Elvis Hitler – ja, den gab’s im Psychobilly der Achtzigerjahre wirklich mal – zum Beispiel ist erkennbar ein Fake, Elvis Costello allerdings auch, von Marilyn Manson, Alice Cooper, Roy Black ganz zu schweigen. Aber Katie Von Schleicher? Klingt für eine Amerikanerin eigentlich etwas artifiziell, um wahr zu sein. Steht jedoch offenbar im Pass – und somit für etwas anderes, das die Songwriterin aus New York kennzeichnet. Sehr eigenwilligen, manchmal fast verschrobenen, überwiegend bemerkenswerten Alternative-Pop.

Fehlt nur noch ein Attribut: dunkel. Das wurde der Mittzwanzigerin mit Wohnsitz Brooklyn nach ihrer EP Bleakspoitation vor gut einem Jahr angehaftet, stimmt aber nicht so ganz.  Atmosphärisch mögen viele der elf Tracks zwar gelegentlich an Tori Amos erinnern, stilistisch hingegen (und ein bisschen auch optisch) steht Katie Von Schleicher der hinreißenden Leslie Feist weit näher. Ihre Gesang scheint aus dem selben Resonanzraum zu kommen – leicht zerbrechlich, aber zäh und seltsam kraftvoll, begleitet von einer zurückhalten, nie nachrangigen Melange aus verwitterten Synths, plötternden Keyboards und einer wirklich lässigen Gitarre im Wind. Solche Debüts machen die Namen dahinter ziemlich egal.

Katie Von Schleicher – Shitty Hits (Full Time Hobby)

Japanese Breakfast

Musik ist bekanntlich ein probates Mittel der Trauerverarbeitung. Beim Hören wie beim Machen befreit sie das Herz schließlich gut vom Schmerz oder macht ihn zumindest erträglich. Michelle Zauner, zuvor Sängerin der Emorock-Band Big Little League, hat daher im vorigen Jahr versucht, den Krebstod ihrer Mutter mit einem Solo-Album zu bewältigen – und war damit offenbar erfolgreich. Klang Psychopomp zuvor zwar trotzig, aber unverkennbar bekümmert, scheint der Nachfolger Soft Sound From Another Planet die Phase der Aufarbeitung auf den Weg kämpferischer Selbstermächtigung verlassen zu haben.

Vom Tonfall her wie Andy Warhols Muse Nico, nur mit weniger Kühle im Ausdruck, ringt Michelle Zauner spürbar befreit ums Gleichgewicht ihrer wunden Seele. In Stücken wie dem kratzbürstigen Opener Diving Woman etwa steckt dabei viel Sonic Youth, in poppigeren wie This House reichlich Gefühlstheater. Und zwischendurch hat sie das Gewesene gar so kompensiert, dass Machinist mit scheußlich verzerrtem Disco-Quark bestrichen wird. Mut zum Mainstream im Seitenarm des Alternative – wer sich sowas traut, kommt wieder ganz gut mit sich selbst zurecht.

Japanese Breakfast – Soft Sound From Another Planet (Dead Oceans)


Max R. Leßmann, Art Feynman, Francobollo

 Max Richard Leßmann

Max Richard Leßmann ist ein Nostalgiker, dass mag ihm Ende der Neunziger noch nicht bewusst gewesen sein, aber als Gleichaltrige damals, wenn nicht für Rolf und seine Freunde, dann allenfalls für Eurodance empfänglich waren, entwickelte der Vierjährige einen Hang zum Soundtrack von Joseph Vilsmaiers Kinofilm Comedian Harmonists, antiquierte Melodien der Vorkriegszeit, orchestral fröhliches, aber ziemlich verstaubtes Zeugs. Zwei Jahrzehnte später hat sich der Sänger der Husumer Indierockband Vierkanttretlager seiner verschütteten Leidenschaft erinnert und ist auf Zeitreise gegangen. In die eigene Vergangenheit. Und in die die deutschen Popmusik insgesamt. Gute Entscheidung!

Denn Liebe in Zeiten der Follower mag trotz des Titels altmodisch wirken wie Stock und Hut und Käseigel; an der Seite seines alten Freundes Sebastian Madsen verwandelt er diesen Rückschritt in den schönsten Grenzgang zur Moderne von heute. Vollständig analog eingespielt klingt es, als forsche da jemand erfolgreich nach den Wurzeln der eigenen Musikalität. Mit Bläsern, Klavier und Geigen beträufelt, reitet bereits Spuren auf dem Mond zum Einstieg so herrlich unbedarft durch glamourösere Epochen des Pop, als wäre Leßmann dort ebenso zuhause wie in dem der Gegenwart. Und auch danach swingt sein schräger Gesang über die Liebe so schön zwischen Chanson, Big Band und Schlager, dass man ihm und uns nur wünschen kann, er bleibe noch etwas im Gestern. Das morgen ist trübe genug.

Max Richard Leßmann – Liebe in Zeiten der Follower (Caroline)

Art Feynman

Wenn das schwül warme Wetter dieser Tage eine Art natürlichen Soundtrack hätte, wenn sich der Hochsommer also gewissermaßen von allein im Kopf vertonen würde – er klänge vermutlich ungefähr wie Art Feynman. Auf seinem Debütalbum Blast Off Through The Wicker nämlich macht der Klangtüftler aus Kalifornien einen derart verschwitzten LoFi-Pop, als wäre er daheim am Pazifikstrand entstanden, ein paar kiffende Surfer im Abendrot um sich herum, glücklich erschöpft vom Tag im heißen Sand, bereit für eine laue Nacht unterm Sternenzelt. Vornehmlich mit digitalen Mitteln erstellt, mischt Feynman Triphop und Krautrock so flächig ineinander, dass die Seele buchstäblich wie auf Wellen dahin wogt.

Ein Stück wie Feeling Good About Feeling Good zum Beispiel klingt demnach nicht nur im Titel bis zur Selbstbetäubung hin tiefenentspannt sediert; dank des psychedelischen Slappings zu fiebrigen Drums und dem tief runter gepitchten Gesang lullt es beim Zuhören auch musikalisch angenehm ein. An dieser sedierenden Wirkung können selbst die ständigen E-Gitarren-Soli im Carlos-Santana-Stil nichts ändern. Kiffermusik ohne Rauschdrogenzufuhr, ziemlich perfekt für den Juli-Feierabend im Park.

Art Feynman – Blast Off Through The Wicker (Western Vinyl)

Francobollo

Wird einer musikalischen Gattung „Garage“ vorangestellt, hat das zunächst mal mit dem Ort ihres Entstehens zu tun. Grobe Handarbeit, kaum Equipment, eingespielt da, wo Vatis bestes Stück zwischen Gartengerät parkt. Kein Wunder, dass der zugehörige Sound oft nach bekiffter Bohrmaschine klingt. Also ungefähr wie Francobollo. Produziert von Charlie Andrew, der schon bei Bands wie Bloc Party an den Reglern stand, dürfte das Debütalbum Long Live Life zwar in einem exquisit ausgestatteten Studio entstanden sein; der Inhalt jedoch wirkt, als wäre er das Ergebnis eines Komabesäufnisses im Spielzeugladen.

Und das ist uneingeschränkt positiv gemeint. Schon das Auftaktstück der vier Schweden aus London verrührt Surfpunk der Sechziger mit Glamrock der Siebziger und brezelt ihn so innbrünstig mit psychedelischem Bass und Weltraumfiepsen auf, dass daraus ganz famose Garagen-Disco entsteht. Gut, Gitarrenwirrwar wie Kinky Lola oder Radio verliert sich bisweilen im selbstgefälligem Chaos. Stücke wie Good Times jedoch gleichen das funkensprühend aus. Und zeigen, dass dort, wo Libertines und Strokes einst Halt gemacht haben, endlich wieder jemand entfesselt steil geht.

Francobollo – Long Live Life (Square Leg Records)


Waxahatchee, Olli Banjo, Lucy Rose

Waxahatchee

Rrriot, das war Anfang der Neunziger mal die musikalische Ausdrucksform, mit der feministische Frauen ihrer Wut über Menschen im Besonderen und Männer in Allgemeinen Ausdruck verliehen haben, als der Feminismus im Mainstream gerade Pause zu machen schien. Ein halbes Jahrhundert später ist selbst die westliche Gesellschaft von Gleichberechtigung zwar immer noch weit entfernt, aber der richtig flammende Zorn von damals ist schon ein wenig verraucht. Vielleicht muss man Katie Crutchfield in diesem Kontext betrachten.

Mit ihrem Projekt Waxahatchee hat die Gitarristin aus Alabama gerade ihr viertes seit 2010 fertiggestellt, und ihre drei bis vier Mitmusikerinnen machen damit abermals einen Rrriotrock, der viel Aufruhr in sich trägt, dabei aber nie zornig klingt. Im Gegenteil. Jeder der zehn Tracks verströmt die gelassene Selbstsicherheit, das sich frau auch ohne Furor unaufhaltsam auf dem Weg in ein besseres Leben befindet, für das es sich zu kämpfen lohnt. Out In The Storm ist sorgsam zerschredderter Indiepop mit Engelsstimme und Folkelementen, der ganz bei sich ist. Und sehr, sehr unterhaltsam.

Waxahatchee – Out In The Storm (Merge Records)

Olli Banjo

Um sich vom Mainstream abzuheben, gibt es kein effektiveres Mittel als Gesichtstattoos. Wer so rumläuft, ist gewiss ein harter Kerl, knasterfahren und gewaltaffin. Olli Banjo mag Gewalt auch ohne Knasterfahrung nicht fremd sein. Aber Gesichtstattoos? Die muss sich der fränkische Rapper schon aufmalen, um der Aggro-Attitüde seiner neuen Platte Ausdruck zu verleihen. Trotzdem ist Großstadtschungel eher Neukölln als Mannheim. Meist grollt ein dumpfer Bass unter den Lyrics übers Leben am Brennpunkt hindurch, das Olli Banjo gleichermaßen zu lieben und zu hassen scheint. Sein gereizter Tonfall täuscht allerdings ebenso wenig wie das ganze Ghettogehabe darüber hinweg, wie sensibel der 40-Jährige nun sein Umfeld analysiert.

Vulgäre Beschimpfung der Ex wie Arschloch Dumme Sau gibt es ja auch bei Kraftklub. Und wenn er in Wir sind das Volk die AfD attackiert, ist das für den Afrodeutschen Oliver Olusegun Otubanjo womöglich weniger politisch als ein Stück Selbstbehauptung. Dennoch ist sein achtes Album das sachlichste, klügste, bedächtigste. Ohne ganz fette Punchlines, dafür voller Konsumkritik. Olli Banjos Hip-Hop hat sich von der Akklamation seines Zorns auf fast alles zur vielschichtigen Poesie der Straße entwickelt. Ein altersweiser Fortschritt.

Olli Banjo – Großstadtdschungel (Bassukah)

Lucy Rose

Mithilfe der Harfe den Eindruck himmlischer Kräfte zu erzeugen, ist nicht gerade subtil, aber schon ziemlich wirkungsvoll. Und im Fall von Lucy Rose ist es auch irgendwie naheliegend. Existierte nämlich ein dingliches Pendent zu ihrer göttlichen Stimme – es wäre zweifellos das Instrument der Engel, mit dem die Sängerin ihr neues, drittes Album einläutet. Was auf das Intro folgt, ist allerdings mehr als emotionale Effekthascherei zur Verstärkung ihrer ätherischen Aura. Auf Something’s Changing ändert die 28-Jährige aus dem südenglischen Surrey kaum etwas am erfolgreichen Konzept ihrer ersten zwei Alben.

Es ist wie gehabt gefühlvoll fließender Indie Folk, der Lucy Rose Partons Gesang gern mal mit wuchtigem Pop unterfüttert. Selbst Abstecher in Country oder Rock sind ihr dabei nicht zu profan. Dass sie wie in No Good At All sogar richtig funky klingen kann oder in der Albumtitel-Vertiefung Can’t Change It All fast orchestral, liegt der Legendenbildung zufolge allerdings an einem Roadtrip durch Südamerika, der ihr angeblich die Schüchternheit ausgetrieben habe. Veränderung ohne Wandel – bei Lucy Rose klingt das vertraut und neu in einem (der Text ist vorab auf Zeit-Online erschienen).

Lucy Rose – Something’s Changing (Communion Records)


Dorau, London Grammar, Kamikaze Girls

Andreas Dorau

Es gibt Popstars, die waren schon immer da und sind doch kaum greifbar. Einer von ihnen ist Andreas Dorau. Als Teenager hat er sein Schul-Video um einen Außerirdischen namens Fred gegen den Willen seiner Lehrkräfte veröffentlicht und seither in 35 Jahren neun Schallplatten gemacht. So richtig abgegangen ist davon allerdings trotz des frühen Superhits keine. Und genau das will der gebürtige Hamburger im stolzen Popalter von 53 nun ändern. Sein zehntes Album Die Liebe und der Ärger der Anderen soll unbedingt in die Charts. Dafür hat er nicht nur 20 Tracks auf zwei Tonträgern kompiliert, sondern auch einen – nun ja – mehr oder weniger erlesenen Kreis Produzenten verpflichtet.

Klangtüftler von Zwanie Jonson über Moses Schneider, Mense Reents, Andreas Spechtl bis hin zu T.Raumschmiere oder dem Eurodance-Gott Luka Anzilotti von SNAP! haben das Werk begleitet und tatsächlich: Es ist absolut chartskompatibel. Also jetzt nicht für oberere Regionen, aber die Top 100. Kluger Dance mischt sich da mit schmissiger LoFi-Electronika und Disco-Schlager zu einer wirklich unterhaltsamen Melange, die ein bisschen nach Gesamtretrospektive eines der ausdauerndsten, zugleich aber unbekanntesten Stars des hiesigen Pop klingt. Wünschen wir ihm dafür mindestens mal Platz 99.

Andreas Dorau – Die Liebe und der Ärger der Anderen (Staatsakt)

London Grammar

Nahe am Trip-Hop, fern dem R’n’B und dabei alles andere als unvollkommen sind London Grammar. Seit ihrem vielbeachteten Debütalbum If You Wait hat sich das Indiepop-Trio aus dem englischen Nottingham zu einer der beliebtesten Festivalbands gemausert, Einsatzort Hauptbühne, dort wo die ganz große Show mit ganz großer Geste gefordert ist. Wenn London Grammar vier Jahre später nun mit ihrem Nachfolger genau dorthin zurückkehren, wirft das daher erneut die Frage auf, warum so ausdrucksstarker, so getragener Electro-Wave ohne jedes Dance-Element derart massenwirksam ist. Die Antwort gibt Hannah Reid.

Sie ist nicht nur eine der schönsten Frontfrauen des Indie-Pop, sondern konterkariert ihre optische Makellosigkeit mit einem Gesang von ergreifender Tiefe. Dass die Melodramatik nie in Pathos abgleitet, dafür sorgen dann schon Dan Rothman und Dominic Major. Wie einst bei U2 huschen ihre Riffs und Synths flächig unter Hannah Reids dunklem Timbre hinweg und hellen es damit angenehm auf. Ein bisschen klingt Truth Is A Beautiful Thing daher wie Birdie nach Erreichen der Volljährigkeit – ungemein vollmundig und bei aller Düsternis sehr hoffnungsfroh.

London Grammar – Truth Is A Beautiful Thing (Universal)

Kamikaze Girls

Man sagt, Musik ohne Bass fehle das Skelett, sie sei konturlos und amorph, ein einziger Brei. Das stimmt. Und ist manchmal nicht weiter schlimm. Dann zum Beispiel, wenn die Kamikaze Girls aus der alten Weberstadt Leeds ihren DIY-Punk allein mit Gitarre und Schlagzeug durch die Garage hetzen. Von den Hochgeschwindigkeitsdrums ihres Kumpels Conor Dawson angetrieben, füllt Sängerin Lucinda Livingstone die zehn Tracks ihres Debütalbums mit so verzerrtem Geschepper, dass der fehlende Bass kaum noch auffällt. Damit dieses Gitarrengemetzel allerdings nicht hoffnungslos in den höheren Tonlagen zerbirst, holt es Lucindas Gesang übers sinnentleerte Leben ihrer Generation regelmäßig auf den Boden der Harmonielehre zurück.

Atmosphärisch meistens dicht an der Achtzigerwave-Ikone Anne Clark, nur ohne deren notorisches Phlegma, verleiht dieser Gesang den Kamikaze Girls somit exakt jene wohl austarierte Ruhe, die den Begleitinstrumenten eher wesensfremd zu sein scheint. So ist Seafoam am Ende dem Emo- doch ein wenig näher als dem Noiserock. Von Gefühlsduselei kann dennoch nirgends die Rede sein. Seafoam liefert reinsten Abgehrrriotkrach, wenngleich – und das nicht nur für Feminist*inn*en mit Hintersinn.

Kamikaze Girls – Seafoam (Big Scary Monsters)


Beth Ditto, Big Thief, Alle We Are, New Swears

Beth Ditto

Und wenn das Leben da draußen stürmt und tobt, wenn die Hoffnung auf ewige Glückseligkeit in die Gewissheit dauernder Konterrevolutionen der Freudlosen umschlägt, wenn allerorten Trübsinn herrscht und Misanthropie und die Macht der Dummen – dann sollte man trotzdem den Kopf nicht hängen lassen, sondern einfach Beth Ditto zuhören und ihn erheben, den Kopf, so wie sie es immer und immer und immer wieder tut, für sich, für uns, für alle, die mehr wollen vom Leben als in ihren Schützengräben hocken und den Untergang herbeizusehnen.

Seit mehr als der Hälfte ihrer 36 Jahre auf dieser komplizierten Erde schafft es das Kleinstadtgewächs aus Arkansas mit einem Selbstwertgefühl am Rande der Sättigungsgrenze, das Ringen gegen das Böse in furiosen Pop zu verwandeln. Bis 2016 in ihrer Discopunk-Band Gossip, jetzt mal wieder solo. Fake Sugar heißt ihr Album ohne Brace Pain und Hannah Blilie. And weather, if your straight or gay, wie es ihr erklärter Fan Barack Obama ausdrücken würde, egal ob man dick oder dünn, hell oder dunkel, gewöhnlich oder anders ist: Es sorgt mit ungeheuer ergreifenden Hymnen der Selbstermächtigung dafür, dass niemand den Spaß beim Kampf um Gleichberechtigung verlieren muss. Ach Beth…

Beth Ditto – Fake Sugar (Sony)

Big Thief

Es ist oft auf seltsame Art ergreifend, wenn die Hand beim Wechsel der Akkorde ein kratziges Wehklagen auf den Saiten erzeugt, so als würden sie vor Schmerz kurz aufheulen. Adrianne Lenkers Gitarre heult zu Beginn ihrer neuen Platte gleich mehrfach auf. Jedesmal ist es zum Niederknien ergreifend. Und wie die Sängerin des New Yorker Quartetts Big Thief dazu mit brüchiger Stimme von den Wunden der Seele erzählt, da zeigt sich auch sonst: Wahre Schönheit entsteht aus dem Imperfekten. Kein Jahr nach ihrem Debütalbum ist Capacity ein überraschendes kleines wunderbares Meisterwerk. Und das hat zwei Gründe.

Es dreht den Alternative-Pop von Masterpiece nicht nur deutlich leiser, sondern verlässt die frühere Harmoniebedürftigkeit immer wieder in dissonante Regionen. Shark Smile zum Beispiel startet mit einer Kakophonie ineinander scheppernder Instrumente, bevor sich daraus ein elegantes Stück Countryfolk entspinnt. Oder die bewegende Single-Auskopplung Mythological Beauty. Sie mag zwar Lagerfeuerromantik verbreiten; hinter all dem Wohlklang sucht Adrianne Lenker allerdings fast verbissen nach den inneren und äußeren Verletzungen ihrer Kindheit. Sie gehen ungemein zu Herzen. Wie das ganze Album.

Big Thief – Capacity (Saddle Creek)

All We Are

Der Charme des Gestrigen im Zwingstock der Gentrifizierung: Mit dem Cover seiner neuen Platte will das Liverpooler Trio All We Are fraglos ein Statement setzen gegen vieles, was Tradition und Nostalgie derzeit den Garaus macht. Zu sehen ist ein verschnörkeltes Gründerzeithäuschen, das sich stolz, aber chancenlos zwischen zwei Stahlskelettkolossen wegduckt. Wer bei dieser Verpackung an politisch bewussten Folkrock denkt, liegt musikalisch allerdings knapp daneben. Wie auf ihrem Debütalbum vor zwei Jahren liefern All We Are abermals tanzbaren Discopop voll elektronischer Spielereien, auch wenn sie ihn leicht wehmütig Psychedelic Boogy nennen.

Unterm Teppich breiter Riffs und treibender Synths erzählen die Uni-Kumpels Richard’O Flynn (Drums), Guro Gikling (Bass) und Luiz Santos (Gitarre) dazu die Geschichte eines malerischen Dorfes im Kampf mit der Moderne: Ein Autobahnprojekt droht, die Gemeinschaft nach und nach zu spalten. Inhaltlich macht das Sunny Hills zu einem echten Konzeptalbum mit sozialkritischer Stoßrichtung. Stilistisch bleibt es dem hedonistischen New Wave der Achtzigerjahre mit Links in die Retrophasen der Gegenwart verhaftet, ohne allerdings ja nostalgisch zu klingen, geschweige denn gestrig.

All We Are – Sunny Hill (Double Six/Domino)

New Swears

Tief in den Siebzigern ohne irgendwelches Retrozeugs verhaftet sind die New Swears aus Ottawa. Sie bestehen aus vier Freunden, die sich angeblich einst im verlausten Gästezimmer eines verranzten Punkclubs zur Band formiert haben. Klingt nach einer Legende, erklärt den zauselig schönen Sound auf ihrem Debütalbum mit dem hinreißenden Titel And the Magic of Horses, der durch ein Kirmes-T-Shirt-Cover mit drei Pferden, die über Kanadas Prärie aus dem Himmel grinsen, nochmals herrlicher wird, aber ganz gut. Was das Quartett darauf macht, könnte man vielleicht am ehesten mit Swaggercountryglampop umschreiben, aber eigentlich sind Umschreibungen hier völlig fehl am Platze.

Schon das Auftaktstück Dance with the Devil scheppert so atemberaubend überdreht zwischen den frühen Strokes und den späten Thin Lizzy durch die saftigen Weiten des Garagenrocks im Westcoast-Outfit, dass man sich Scru Bar, Sammy J Scorpion, Beej Eh, Nick Nofun oder wie auch immer sie wirklich heißen mögen, als uneingeschränkt glückliche Menschen vorstellen muss. Ein Glück, das es ihr verstrubbelter Gesang im permanenten Up-Tempo-Modus in jedem der zehn Stücke über Kiffen, Saufen, Vögeln, Rumhängen, aber auch die Freundschaft und den Tod eins-zu-eins an uns weitergibt. Da ist nichts Verkopftes, keine Metaebene, da ist nur diese Band und ihre Energie. Abfahrt!

New Swears – And the Magic of Horses (Dine Alone Records)

 


J. Bernardt, Big Boi, Danai Moore

J. Bernardt

In einem Land, dass Technotronic hervorgebracht hat oder Stromae, also eurodancigen Ballermann-HipHop ebenso wie intellektuellen New-Beat-Rap ist beim Sprechgesang nahezu alles möglich und nichts. J. Bernardt hat sich für fast alles, also sehr, sehr viel mehr als nichts entschieden. Vom flandrischen Gent aus hat er es als Leadsänger der Indierockband Balthazar unterm nom de guerre Jinte Deprez zunächst mal mit härteren Klängen versucht, die auch schon sehr elaboriert klingen. Jetzt sattelt er um auf Rapper und zeigt mit seinem Debütalbum, dass das absolut die richtige Wahl ist. Running Days erfindet zwar wenig neu, aber es hinterlässt doch einen bleibenden Eindruck.

Sein Flow nämlich ist von so eleganter Schnodderigkeit, als würde der frühe LL Cool J auf Dipset umschulen und sich dafür ein paar der fantastischen Mixer leihen, die Bernardts brillanter Landsmann Stromae für seinen feingliedrigen Electronica-Rap verwendet. Dabei ist es keinesfalls die Stimme des modeltauglichen Hipsterbartträgers allein, mit der sein Neustart glänzt. Fantastische Samples – mal in The Question eine stilisierte Sitar, mal in Wicked Streets gequälte Bläser – unterspülen die Gelassenheit des Gesangs mit großer Vielfalt zu einem breiten Strom schöner Arrangements, die Lust machen aufs nächste Projekt von J. Bernardt. Muss gar nicht HipHop sein. Darf aber gern.

J. Bernardt – Running Days (PIAS)

Big Boi

Wird immer HipHop bleiben, wenngleich der besonderen Art: Big Boi, einst die bessere Hälfte von André 3000. Deren legendäres Eastcoast-Duo OutKast klebte dem Gansta-Rap der Jahrtausendwendzeit einen flamboyanten Sound an die Backe, der all die ausgestellte Männlichkeit jener Tage mit glamouröser Ironie unterwanderte. Bei seinem Solo-Ausflug Sir Lucious Left Foot: The Son of Chico Dusty hatte Antwan André Patton, wie der 42-Jährige bürgerlich heißt, diese Nonchalance dann noch um allerlei Referenzen an den Rest der Popkultur erweitert. Sieben Jahre später erscheint jetzt sein drittes Album ohne die alte Crew. Und es ist ein Schritt zurück nach vorne.

Hatten sich die beiden Vorgänger durchaus poppig von allen Referenzen der früheren Jahre befreit, selbst von dem, nur der robuste Buddy des schillernd schrägen André 3000 zu sein, klingt Boomiverse nun wieder mehr nach altem Atlanta-Rap – schon auch funky, aber sehr viel deeper als alles zuvor. Mit Gastsängern von Killer Mike (im hinreißend japanophilen Kill Jill) über Pimp C bis Adam Levine scheint sich Big Boi sichtlich wohl zu fühlen im großen Pool von Mobb bis Club, von dezenten Harte-Jungs-Avancen bis hin zum lustigen Sarkasmus von OutKast. Ein hinreißendes Album für die kleine Zeitreise durch den testosteronfreien HipHop.

Big Boi – Boomiverse (Sony)

Danai Moore

Danai Moore, auch wenn das im R&B kaum der Rede wert ist, kann famos singen. Stets moduliert sie präzise, jeder Ton sitzt da, wo er hingehört, es klingt herzergreifend schön, wenn die Britin ihr neues Album mit viel Soul zum Ereignis macht. Das aber ist Bring you shame vor allem deshalb, weil Danai Moore weder stimmlich noch dramaturgisch nach jener Perfektion strebt, die ihr Genre oft unangenehm glättet. Zwei Jahre nach dem gefeierten Debüt geht es der Sängerin am Klavier daher um etwas anderes: Versöhnung. Versöhnung mit ihren inneren Dämonen, Versöhnung aber auch mit der begleitenden Musik.

War Elsewhere seinerzeit oft geteilt in den Gospel ihrer jamaikanischen Herkunft und den Alternartive-Rock ihrer Jugend im Londoner Stadtteil Stratford, mischt Danai Moore nun alles durcheinander. Im Titelstück etwa unterwandert eine windschiefe Gitarre die Mondscheinträumerei, bis sich kurz darauf fröhliche Bläser wie ein Sonnenaufgang über die Melancholie legen. Ständig heitert sie ihren Trip-Hop mit lustigem Raumschifffilm-Gefriemel auf oder unterwandert das düstere Bedürfnis „to be someone’s nothing / A hollow plastic bag“ in Trickle mit Trompeten aus luftiger Höhe. Das ganze Album – eine Ode an die Unvollkommenheit.

Danai Moore – Bring you shame (Because)

 


INVSN, Lola Marsh

INVSN

Wer Großes hinter sich lassen will, muss versuchen, noch ein bisschen größer zu wirken. Die schwedische Alternative-Band INVSN versucht sich gleich von einer ganzen Reihe Einflüssen zu emanzipieren: Punk zum Beispiel , dem sie daher ein “Post” vorweg klemmt. Außerdem Stoner, der unüberhörbar eingewirkt hat auf das Kollektiv. Und dann wären da noch die eigenen Wurzeln als Invasion oder Mitglieder des Consciousrock-Komittees The (International) Noise Conspirancy. Zusammengenommen führt all das zu einer Form von Sound, der mit bombastisch noch zaghaft beschrieben wäre. Das Schöne daran? All das voluminöse Pathos stört auch beim zweiten Album unter ihrem Kürzel INVSN gar nicht weiter. Im Gegenteil.

Auf The Beautiful Stories nämlich macht das Quartett um Dennis Lyxzén und Christina Karlsson aus seiner politischen, alternativen, krachigen Vergangenheit das Beste, nämlich sozialkritischen Indierock, der stets bereit ist, mit viel Pop im Repertoire dicke Bretter zu bohren. Im Opener Immer Zu etwa klingen die dann fast wie Industrial, münden aber in eine Art Psychobeat, während I Dreamt Music später wie klassischer New Wave beginnt, dann aber fast Dubstep-Elemente einfügt. Sicher, das alles ist gerade stimmlich besonders dann zu melodramatisch, wenn der weibliche Doppelgesang einsetzt. Aber egal – die Wucht dahinter ist angemessen. Und der Bass zutiefst beeindruckend.

INVSN – The Beautiful Stories (Dine Allone Records)

Lola Marsh

Wie nah sich Bombast und Stille, Orchester und Kammerspiel kommen können, zeigt ein neues Gesicht des Pop, das wie so oft, wenn es aus Israel stammt, auch noch zum Niederknien schön ist: Lola Marsh. Der Name ist eine Art Kollektivpseudonym für Yael Shoshana Cohen und Gil Landau, die nach einer vielbeachteten EP nun ihr Debütalbum veröffentlichen. Es heißt Remember Roses und klingt so wehmütig nach Roadmovie der Sechziger, dass man sich wie im Video zu You’re Mine in einen alten amerikanischen Straßenschlitten wünscht, um gemeinsam in die Wüste aufzubrechen. Verantwortlich dafür ist vor allem Sängerin Yael, deren Stimme irgendwo zwischen Shirley Bassey, Nina Simone und Nancy Sinatra durch den Raum weht: Mal trotzig, mal zerbrechlich, aber stets von einer tiefen Ergriffenheit.

Doch erst im musikalischen Gewand des Multiinstrumentalisten Gil Landau wird das Duo aus dem funkensprühenden Tel Aviv zu dem, was es so besonders macht in diesen Tagen: Eine Ode ans Leben selbst im noch so hoffnungslosen Umfeld. Da flattert dann schon mal ein fröhliches Pfeifen über melodramatische Geigen hinweg, da klimpert die Lagerfeuergitarre verträumt zu großen Streicherarrangements, da ist überall die Lust aufs ganz dicke Brett zum sehr kleinen Gefühl. Indiefolk-Glampop für gute wie schlechte Zeiten. Hach…

Lola Marsh – Remember Roses (Universal)