J. Bernardt, Big Boi, Danai Moore

J. Bernardt

In einem Land, dass Technotronic hervorgebracht hat oder Stromae, also eurodancigen Ballermann-HipHop ebenso wie intellektuellen New-Beat-Rap ist beim Sprechgesang nahezu alles möglich und nichts. J. Bernardt hat sich für fast alles, also sehr, sehr viel mehr als nichts entschieden. Vom flandrischen Gent aus hat er es als Leadsänger der Indierockband Balthazar unterm nom de guerre Jinte Deprez zunächst mal mit härteren Klängen versucht, die auch schon sehr elaboriert klingen. Jetzt sattelt er um auf Rapper und zeigt mit seinem Debütalbum, dass das absolut die richtige Wahl ist. Running Days erfindet zwar wenig neu, aber es hinterlässt doch einen bleibenden Eindruck.

Sein Flow nämlich ist von so eleganter Schnodderigkeit, als würde der frühe LL Cool J auf Dipset umschulen und sich dafür ein paar der fantastischen Mixer leihen, die Bernardts brillanter Landsmann Stromae für seinen feingliedrigen Electronica-Rap verwendet. Dabei ist es keinesfalls die Stimme des modeltauglichen Hipsterbartträgers allein, mit der sein Neustart glänzt. Fantastische Samples – mal in The Question eine stilisierte Sitar, mal in Wicked Streets gequälte Bläser – unterspülen die Gelassenheit des Gesangs mit großer Vielfalt zu einem breiten Strom schöner Arrangements, die Lust machen aufs nächste Projekt von J. Bernardt. Muss gar nicht HipHop sein. Darf aber gern.

J. Bernardt – Running Days (PIAS)

Big Boi

Wird immer HipHop bleiben, wenngleich der besonderen Art: Big Boi, einst die bessere Hälfte von André 3000. Deren legendäres Eastcoast-Duo OutKast klebte dem Gansta-Rap der Jahrtausendwendzeit einen flamboyanten Sound an die Backe, der all die ausgestellte Männlichkeit jener Tage mit glamouröser Ironie unterwanderte. Bei seinem Solo-Ausflug Sir Lucious Left Foot: The Son of Chico Dusty hatte Antwan André Patton, wie der 42-Jährige bürgerlich heißt, diese Nonchalance dann noch um allerlei Referenzen an den Rest der Popkultur erweitert. Sieben Jahre später erscheint jetzt sein drittes Album ohne die alte Crew. Und es ist ein Schritt zurück nach vorne.

Hatten sich die beiden Vorgänger durchaus poppig von allen Referenzen der früheren Jahre befreit, selbst von dem, nur der robuste Buddy des schillernd schrägen André 3000 zu sein, klingt Boomiverse nun wieder mehr nach altem Atlanta-Rap – schon auch funky, aber sehr viel deeper als alles zuvor. Mit Gastsängern von Killer Mike (im hinreißend japanophilen Kill Jill) über Pimp C bis Adam Levine scheint sich Big Boi sichtlich wohl zu fühlen im großen Pool von Mobb bis Club, von dezenten Harte-Jungs-Avancen bis hin zum lustigen Sarkasmus von OutKast. Ein hinreißendes Album für die kleine Zeitreise durch den testosteronfreien HipHop.

Big Boi – Boomiverse (Sony)

Danai Moore

Danai Moore, auch wenn das im R&B kaum der Rede wert ist, kann famos singen. Stets moduliert sie präzise, jeder Ton sitzt da, wo er hingehört, es klingt herzergreifend schön, wenn die Britin ihr neues Album mit viel Soul zum Ereignis macht. Das aber ist Bring you shame vor allem deshalb, weil Danai Moore weder stimmlich noch dramaturgisch nach jener Perfektion strebt, die ihr Genre oft unangenehm glättet. Zwei Jahre nach dem gefeierten Debüt geht es der Sängerin am Klavier daher um etwas anderes: Versöhnung. Versöhnung mit ihren inneren Dämonen, Versöhnung aber auch mit der begleitenden Musik.

War Elsewhere seinerzeit oft geteilt in den Gospel ihrer jamaikanischen Herkunft und den Alternartive-Rock ihrer Jugend im Londoner Stadtteil Stratford, mischt Danai Moore nun alles durcheinander. Im Titelstück etwa unterwandert eine windschiefe Gitarre die Mondscheinträumerei, bis sich kurz darauf fröhliche Bläser wie ein Sonnenaufgang über die Melancholie legen. Ständig heitert sie ihren Trip-Hop mit lustigem Raumschifffilm-Gefriemel auf oder unterwandert das düstere Bedürfnis „to be someone’s nothing / A hollow plastic bag“ in Trickle mit Trompeten aus luftiger Höhe. Das ganze Album – eine Ode an die Unvollkommenheit.

Danai Moore – Bring you shame (Because)

 


INVSN, Lola Marsh

INVSN

Wer Großes hinter sich lassen will, muss versuchen, noch ein bisschen größer zu wirken. Die schwedische Alternative-Band INVSN versucht sich gleich von einer ganzen Reihe Einflüssen zu emanzipieren: Punk zum Beispiel , dem sie daher ein “Post” vorweg klemmt. Außerdem Stoner, der unüberhörbar eingewirkt hat auf das Kollektiv. Und dann wären da noch die eigenen Wurzeln als Invasion oder Mitglieder des Consciousrock-Komittees The (International) Noise Conspirancy. Zusammengenommen führt all das zu einer Form von Sound, der mit bombastisch noch zaghaft beschrieben wäre. Das Schöne daran? All das voluminöse Pathos stört auch beim zweiten Album unter ihrem Kürzel INVSN gar nicht weiter. Im Gegenteil.

Auf The Beautiful Stories nämlich macht das Quartett um Dennis Lyxzén und Christina Karlsson aus seiner politischen, alternativen, krachigen Vergangenheit das Beste, nämlich sozialkritischen Indierock, der stets bereit ist, mit viel Pop im Repertoire dicke Bretter zu bohren. Im Opener Immer Zu etwa klingen die dann fast wie Industrial, münden aber in eine Art Psychobeat, während I Dreamt Music später wie klassischer New Wave beginnt, dann aber fast Dubstep-Elemente einfügt. Sicher, das alles ist gerade stimmlich besonders dann zu melodramatisch, wenn der weibliche Doppelgesang einsetzt. Aber egal – die Wucht dahinter ist angemessen. Und der Bass zutiefst beeindruckend.

INVSN – The Beautiful Stories (Dine Allone Records)

Lola Marsh

Wie nah sich Bombast und Stille, Orchester und Kammerspiel kommen können, zeigt ein neues Gesicht des Pop, das wie so oft, wenn es aus Israel stammt, auch noch zum Niederknien schön ist: Lola Marsh. Der Name ist eine Art Kollektivpseudonym für Yael Shoshana Cohen und Gil Landau, die nach einer vielbeachteten EP nun ihr Debütalbum veröffentlichen. Es heißt Remember Roses und klingt so wehmütig nach Roadmovie der Sechziger, dass man sich wie im Video zu You’re Mine in einen alten amerikanischen Straßenschlitten wünscht, um gemeinsam in die Wüste aufzubrechen. Verantwortlich dafür ist vor allem Sängerin Yael, deren Stimme irgendwo zwischen Shirley Bassey, Nina Simone und Nancy Sinatra durch den Raum weht: Mal trotzig, mal zerbrechlich, aber stets von einer tiefen Ergriffenheit.

Doch erst im musikalischen Gewand des Multiinstrumentalisten Gil Landau wird das Duo aus dem funkensprühenden Tel Aviv zu dem, was es so besonders macht in diesen Tagen: Eine Ode ans Leben selbst im noch so hoffnungslosen Umfeld. Da flattert dann schon mal ein fröhliches Pfeifen über melodramatische Geigen hinweg, da klimpert die Lagerfeuergitarre verträumt zu großen Streicherarrangements, da ist überall die Lust aufs ganz dicke Brett zum sehr kleinen Gefühl. Indiefolk-Glampop für gute wie schlechte Zeiten. Hach…

Lola Marsh – Remember Roses (Universal)


Beach Fossils, Kraftklub, Roger Waters

Beach Fossils

Es ist bekanntlich der größte Spaß, fast schon ein Sport all jener, die intensiver über Musik nachdenken, ihr lustige Label zu verpassen. Psycho-Boogy, Instant-Classic, Postpunkscreamo – solche Sachen. Das ist zwar manchmal ein bisschen selbstgefällig. Doch dann hört man die Beach Fossils, denkt über deren Musik nach, möchte partout ein Label dafür finden und versucht intuitiv die Elemente Easy Listening, Folk, Glamour, Pop, Power, Flower, Singer/Songwriter zu vereinen, dass eine Name daraus wird. Heraus kommt also eine Art Ealifoglapopoflosiso. Das ist natürlich totaler Quatsch.

Aber auch kein größerer, als das dritte Album der drei New Yorker auf einen Begriff bringen zu wollen. Summersault schafft es nämlich, ins vielschichtige Konglomerat unterschiedlichster Stile ab und zu auch noch Country, Rock, gar Jazz einzustreuen. Saint Ivy zum Beispiel, das dritte Stück, klingt zunächst wie eine fröhlich schwingende Zeitreise zurück in den Sommer der Liebe, bevor eine Klarinette die Uhr noch zwei Jahrzehnte früher rückt und später ein paar schreiende Riffs wieder Richtung Zukunft zappeln. Alles durcheinander, alles miteinander, ein Sound zum Zurücklehnen und Wohlfühlen.

Beach Fossils – Sommersault (Bayonet Records)

Kraftklub

Erfolg ist schon auch schwierig manchmal. Wenn man dem verrauchten Kellerclub gerade erst entwachsen ist und plötzlich Headliner gewaltiger Festivals ist, um statt einer Handvoll zigtausend Menschen im Moshpit zum Hüpfen zu bringen, gibt es ungefähr zwei Möglichkeiten. Man dreht ein bisschen durch. Oder man dreht so richtig durch. Kraftklub haben sich für ersteres entschieden und ein bisschen auch für letzteres. Ihr drittes Album in fünf Jahren, betitelt frei nach dem politisch durchaus ähnlich tickenden Vorbild Rio Reiser, schafft nämlich beides: Am Boden zu bleiben und abzuheben.

Ganz im Sinne ihres frischen Status als Megastars des deutschsprachigen Alternative-Vollaufsmettrocks wimmelt es auf Keine Nacht für niemand nämlich wie gewohnt nur so von Pogo-Hymnen mit Gruppengröl-Potenzial. Dafür steht zum Beispiel der selbstironische Opener Band mit K. Zugleich aber ist das Chemnitzer Quintett um den Sänger Felix Brummer, wie sagt man so schön: reifer geworden. Vor allem ruhiger, ohne dabei gesetzt zu werden. Dafür steht mehr als jeder Song Dein Lied, der mit fetten Streichern und saftigem Pathos die Trennung von einer Frau in fröhlichem Hass ertränkt, bei dem sogar ein böses Wort mit “H” fällt, ohne dass es peinlich wird.

Kraftklub – Keine Nacht für niemand (Vertigo)

Roger Waters

Normalerweise wäre an dieser Stelle kein Platz für das Comeback eines Altrockers, der mit 73 Jahren die Klampfe aus dem Schrank holt um a) sich nicht mehr so schrecklich zu langweilen im Ruhestand, b) noch mal richtig Geld zu machen mit seinem klangvollen Namen, c) dem Werk eine völlig neue Richtung zu geben oder d) dem millionenfach geäußerten Wunsch seiner Fans nachzukommen. Bei Roger Waters muss man da aber eine Ausnahme machen, weil er e) sauer ist, richtig sauer und zwar auf die richtigen: Donald Trump und sein Populistenzirkus rings um den Erdball. Darüber hat der frühere Frontmann von Pink Floyd ein Album gemacht. Und was für eins.

Abgemischt vom Radiohead-Produzenten Nigel Godrich ist Is This The Life You Really Want? 25 Jahre nach Waters letzter Solo-Platte genau das, wonach der Titel klingt: Eine wütende Abrechnung mit den herrschenden Verhältnissen, die überhaupt nicht nach Altersweisheit klingt, sondern einer ähnlichen Wut wie damals in The Wall: sinfonisch verwobene Dissonanzen, die ineinander gefügt düstere Harmonien ergeben, die bei jedem der zwölf Stücke aufhorchen lassen. Keines davon lässt sich einfach so nebenbei hören, jedes erfordert volle Aufmerksamkeit, die ihm nicht nur Nostalgiker schenken sollten, sondern auch alle Nachgeborenen. Denn so und nur so gehen gute Protestsongs.

Roger Waters – Is This The Life You Really Want? (Sony)


Marteria, Anneli Drecker, LIFE

Marteria

Der Unterschied zwischen “conscious” und “politisch” ist im Bereich populärer Musik ziemlich simpel: Wenn HipHop zum Beispiel ersteres ist, denkt er kritisch über die Verhältnisse nach, ist er eher letzteres, dann mit ideologischer Stoßrichtung. Die feministische Rapperin Sookee aus Berlin ist demnach bei aller Kampfkraft eher nachdenklich, der antideutsche Rapper Disarstar aus Hamburg bei aller Nachdenklichkeit eher ideologisch. Und dazwischen? Gibt es vor allem einen: Marten Laciny, genannt Marteria. Auf dem traditionell eher dünn besiedelten Terrain dezidiert linken Sprechgesangs füllt der Rostocker die Leerstelle zwischen Poesie und Politik. Und sein neues Album hat sich dafür ein ziemlich interessantes Objekt ausgesucht: Aliens.

Wobei Aliens auf Roswell nicht für Außerirdische, sondern Außenseiter stehen wie er selbst oft einer war in seinen 34 Jahren – als HipHopper unter Glatzen, als Model in Amerika, als Fußballer mit Profi-Ambitionen, jetzt als großes Tier im alten Hood. Zwölf Stücke lang rappt sich Marteria mit düsterem Bass und wenig Chichi durch ein Leben zwischen Plattenbau, Laufsteg, Nationalmannschaft und Starkult. Dabei kritisiert er die Verhältnisse, ohne draufzuhauen. Er singt an gegen Konsumwahn und Bling Bling, aber nicht von oben herab, sondern von innen heraus. Er zieht dabei wie immer hinreißende Punchlines aus dem Ärmel, aber nicht nur um der Punchline Willen. Er ist halt ein Poet unter den Kämpfern des politisch bewussten Rap.

Marteria – Roswell (Four Music)

Anneli Drecker

Ach, ihr Feenwesen des Pop! Ihr Traumtänzerinnen wie Kate Bush! Ihr Folksirenen wie Tori Amos! Mit eurer esoterischen Gefühlsduselei macht ihr es Menschen mit rationalerem Geschmack schon ganz schön schwer, euch ernstzunehmen. All diese Geigen und Zimbeln und Waldgesänge im Pianogeplödder – fraglos harmonisch, aber eben auch ein bisschen nervig. Da tut es ungeheuer gut, wenn der wallende Faltenrock da mal ein bisschen auf dicke Hose macht, wenn etwas Glamour in die Erdverbundenheit hineinrauscht. Wie bei Anneli Drecker.

Schon in den 80ern war der damalige Teenager im Biotop des New Romantic gelandet und über ihre Heimat Norwegen hinaus wahrgenommen worden. Vor zwei Jahren dann folgte das Comeback und jetzt also Revelation For Personal Use, ein Feenwesenfolkpoptraumtanz wie er im Buche steht – wäre da nicht dieser orchestrale Ansatz, den Dreckers Dutzend versierter Mitmusiker über die Emotionalität ihrer Stimme kippen. Das klingt fast nach Big Band, ein Swing-Element im Grünen, gewürzt mit kleinen Electronica-Einsprengseln. Wenn schon Gefühlsduselei – dann so!

Anneli Drecker – Revelation For Personal Use (Rune Grammofon)

LIFE

Mit Gefühlsduselei hat eine neues Quartett aus England so gar nichts am Hut. LIFE, so heißt es proklamatorisch, machen politisch (selbst)bewussten Noiserock aus dem verarmten Industriegürtel rings um Manchester, der recht emotionslos gegen die Verhältnisse angrölt. Wobei Grölen jetzt plumper klingt, als es ist. Mit etwas Hall zerkratzt, klingt Mez Sanders-Greens Stimme wunderbar nach dem Wavepunk der späten Siebziger, wenn er auf dem Debütalbum Popular Music von links gegen rechts anschreit – Donald Trump, Nazis, die Eliten, solche Sachen.

Was die vier Freunde mit den engen Hosen und den tiefhängenden Gitarren dabei allerdings angenehm von vergleichbarem Alternative unterscheidet: Sanders-Green, Mick Sanders, Loz Etheridge und Stewart Baxter definieren ihn strikt als Partysound, der zwar auch schon zum Nachdenken anregen, aber nicht unterwandern soll. Das One-Two-Three-Four-Go-Konzept macht nie Kompromisse, immer volles Rohr. Das erinnert manchmal ein wenig an die jungen Arctic Monkeys, eine schöne Erinnerung.

LIFE – Popular Music (Cargo)

 


Käptn Peng, San Cisco, Kasabian

Käptn Peng

Ach, Robert – HipHop war vor dir ein anderer und wird seither nie mehr ganz der gleiche sein. Wenn du auf deiner neuen Platte Neue Freunde mit “ihr seid hipsterdissende Hipster / die Hipster dissen” begrüßt und weiter rappst, “doch Hipster dissen ist nicht hip / solange alle Hipster Hipster dissen”, dann fragt man sich, ob Sprechgesang vorher überhaupt existiert hat oder einfach nur von Sprechern vorgetragen wurde, die halt nicht singen können. Wer Das nullte Kapitel von Käptn Peng & Die Tentakel von Delphi hört, kommt irgendwie nicht umhin, zu sagen: völlig egal, was vorher, was nachher war. Diese Art von HipHop ist einfach so derartig zum Niederknien grandios, dass sich Vergleiche mit irgendwas von selbst verbieten.

Gut, Langspielplatte Nr. 3 reicht nicht ganz ans Debüt Expedition ins O vor vier Jahren heran, dessen Mix aus analogem Freejazzfunk und dem Philosophieklamauk des Schauspielers, Schriftstellers, Tunichguts und Tausendsassas Robert Gwisdek wie ein Poesiekomet ins Genre krachte. Aber auch die 15 frischen Tracks tarieren es mit vorwiegend kryptischer, sehr schön fließender Lyrik neu aus. Textlich, aber auch stimmlich. Meister und Idiot zum Beispiel ist eine Art Sprechgesangsscratching, Wobwobwob eine Art Sprechgesangsdubstep, π eine Art Sprechgesangsproseminar Mathematik. Stets loten die aberwitzigen Wortkaskaden überm klassischen Bandequipment die Grenzen des Machbaren im HipHop aus und sind dabei fast immer zum Brüllen komisch. Ach, Robert – werd’ bitte nie erwachsen oder sonstwie abgebrüht!

Käptn Peng – Das nullte Kapitel (Kreismusik)

San Cisco

Ach, die Leichtigkeit des Seins am steilen Abgrund der Weltpolitik, dem wir uns gerade allerorten zügigen Schrittes nähern – als kritisches Bildungsbürgergewächs möchte man einfach mal niederknien vor der Naivität einer Band wie San Cisco, den Irrsinn um uns herum mit munterem Trashpop einfach so runterzuspülen wie ein kaltes Getränk am sommerlichen Surfstrand. Gut, vielleicht wirkt die bittere Realität weitab vom sonnig-fernen Australien ein bisschen abstrakter als in den Augen des Sturms von Washington über Paris bis Ankara.

Doch als trieben Josh, Scarlett, Jordi und Nick aus dem freiheitsduftenden Hafenkaff Fremantle den Missmut fern der Heimat vor sich her, durchbricht ihr drittes Album The Water gleich zum Auftakt mit geslappter Gitarre zu irrlichternden Keyboards alle Absperrungen und proklamiert, Erwartungen mal nicht entsprechen zu wollen, denn Kids, so heißt es im ersten Stück, Are Cool. Punkt. Das ist nicht tiefschürfend, es ist schon gar nicht klug, womöglich ist es sogar ein bisschen ignorant. Vor allem aber ist es in seiner discotauglichen Lebenslust ein prima Ventil, das Licht am Ende des Tunnels doch nicht für einen herannahenden Zug zu halten. Für 30 Minuten wirkt das wirklich erholsam.

San Cisco – The Water (Embassy of Music)

Kasabian

Wer Britpop sagt, muss auch … nein – aus Sicht vieler nicht unbedingt Kasabian sagen. Seit ihrem Debüt vor 13 Jahren stand zwar jede der vier Platten ewig auf Platz 1 der englischen Charts und nicht nur deshalb in mancher Liste der besten 100 Platten ever. Trotzdem wird das Werk der vier Schulfreunde aus Leicester meist von jenem artverwandter Bands wie Franz Ferdinand überschattet. Dabei sind Kasabian kreativer, vielschichtiger, mutiger, ergo: besser als vieles, was ihnen als Referenzgröße dient. Nach dem dezidiert digitalen 48:13 zum Beispiel tritt Gitarrist Sergio Pizzorno für For Crying Out Loud nun wieder aus dem Hintergrund zurück an die Bühnenkante.

Dort macht er aus dem rasend erfolgreichen Electroclash von 2014 einen rasend erfolgversprechenden Mix aus Melodyrock der Achtziger und Glampop von heute. Da hallen die Shallalla-Choräle über breit verzerrte Nostalgie-Riffs, dass die Funken nur so sprühen, da peitschen Straßenköterparolen durch profane Liebeslyrik, bis es knallt. Gleich zu Beginn etwa zapppelt ein feingliedriger Funk durch den Hochgeschwindigkeitstrash von Ill Ray, bevor You’re In Love With A Psycho exakt klingt, wie es heißt: nach einer Liaison exzellenten Songwritings mit dem Wahnsinn, dem im Seventies-Revival Comeback Kid noch Bläser untergejubelt werden. Irre. Gut.

Kasabian – For Crying Out Loud (Sony)


L. A. Takedown, A. Schrader, Mogli, Fayzen

L. A. Takedown

Wenn etwas klingt wie Thin Lizzy oder Joe Satriani, dann muss das nicht zwingend nur Schlechtes bedeuten. Wenn etwas klingt wie Air oder Jean-Michel Jarre schon gar nicht. Wenn allerdings etwas klingt, als würden sich all die genannten Künstler auf verschiedenen Drogen zum Instrumenten-Tausch treffen, darf man da ruhig ein bisschen skeptischer sein. Ganz kurz zumindest. Bis einem das zweite Album des Filmkomponisten und Popproduzenten Aaron M. Olsen mit dem sinnigen Titel II vor den Latz gekannt wird. Es klingt exakt so, als hätte seine siebenköpfige Band einen Übungsraum gefunden, der groß genug für so viel geballten Crossover mit so viel geballtem Aberwitz. Und es klingt fantastisch.

Trotz und wegen der vielen Gitarrensoli, die eigentlich gar keine Gitarrensoli sind, weil sie im Grunde nie ganz verstummen. Über alle, wirklich alle zwölf Tracks fegen unablässig gepickte Ricky-King-Gedächtnis-Riffs hinweg, die vermutlich jedes vergleichbare Werk bis zum Würgereiz verunstalten würden. Im Umfeld der oft karibisch angehauchten Instrumentals im Lo-Fi-Tempo jedoch wirkt der Dauerbeschuss des kalifornischen Kleinorchesters irgendwie mitfühlend, fast liebevoll. Als sprächen die entfesselten Krautrocksaiten mit dem Flitterpop ringsum.

L. A. Takedown – II (Domino)

Albrecht Schrader

Was zu tun ist, wenn man den Schlager hasst und den Pop liebt, wenn das Bouquet süffig sein darf, im Abgang jedoch herb, wenn sich das Leben der Realität entziehen will, ohne ihr zu entfliehen – dann gibt es von Voodoo Jürgens über Friedrich Sunlight bis Malakoff Kowalski bereits ein Angebot, das allerdings kaum genug erweitert werden kann. Im erlauchten Kreis des kritischen Eskapismus heißen wir daher Albrecht Schrader herzlich willkommen. Auf seinem Debütalbum Nichtsdestotrotzdem wärmt er den Diskurspop seiner Heimat Hamburg mit einer Tatsachenlyrik, der Flucht ebenso fremd ist wie Zynismus.

„Fremde Wörter in der Sprache/andere Sitten am Tisch/junge Türken in der SPD/harte Drogen auf der Straße/zu viel Gräten im Fisch/zwei Männer küssen sich am See“ erzählt er mit nasalem Caféhaus-Singsang, fügt zur tragikomischen Jammerorgel im Kammertonmoll hinzu, „es wäre nicht anders ohne dich“, und überhaupt komme es darauf an, „dass du sagst – ist mir egal“. Sanfter wurde ein zeitgemäßer Grundzweifel an der eigenen Relevanz im grassierenden Individualismus selten zu Alltagsprosa verarbeitet. Ein famoses Album für die innere Immigration, ohne den Mainstream ganz hinter sich zu lassen.

Albrecht Schrader – Nichtsdestotrotzdem (Sony)

Mogli

Wenn sich ein Sound wirklich glaubhaft ins Schneckenhaus eigener Befindlichkeiten zurückzieht, dann ist es fraglos die blumenumrankte Trailerparksiedlung des Folk und noch fragloser deren neue Bewohnerin: Mogli. Bewehrt, fast gepanzert mit der tröpfelnen Emotionalität ihrer Gitarre und ein paar flatternden Pianoeinsprengseln singt das Feenwesen so zart, so fragil von der Zerbrechlichkeit ihrer Seele im Sturm der Realität, dass man intuitiv nur mit größter Vorsicht am Lautstärkeregler dreht. Kein Jahr nach dem vielbeachteten Plattendebüt Bird streut es auf Wanderer zwar mehr echte, teils computergenerierte Beats ins analoge Songwriting; Stücke wie Waterfall oder Milky Eyes klingen da beinahe schon wavig.

Und wenn Mogli in Walls den inneren Hippie kurz mal Hippie sein lässt, dann entfaltet ihr entrückter Gesang fast schon eine Art von Soul. Ansonsten aber wirkt das musikalische Ergebnis einer Reise im ausgebauten Schulbus von – so lautet die Legendenbildung – Alaska die Westküste runter Richtung Mexiko jedoch erneut, als hätten sich die Cranberries mit The XX vereinigt, um einen Trampelpfad zwischen Folk und Pop zu finden, der noch nicht ganz ausgetreten ist. Es ist ihr ziemlich gut gelungen.

Mogli – Wanderer (H‘Art)

Fayzen

Poppoeten sind seit Jan Böhmermanns Poppoeten-Bashing im Neo Magazin ein wenig mehr in Verruf geraten als sie es zuvor bereits verdient hatten. Wenn der Poppoet Fayzen Poppoeten-Schweiß wie “Ich sehne mich nach Halt” oder “Mein Herz ist traurig” oder “Ich hab Blumen im Kopf” oder “Yeah Yeah Yeah” absondert, darf er sich also nicht wundern, in die Poppoeten-Ecke gedrängelt zu werden. Nur: Da gehört er zwar durchaus hin, aber an dieser Stelle muss man das mit den Poppoeten kurz mal relativieren. Statt einer telefonbuchlangen Liste chartsgestählter Geisterkomponisten hat der Sohn eines persischen Einwanderers nämlich 14 befreundete Musiker im Rücken. Und statt Poppoesie machen sie gemeinsam poetischen Pop, was ein Unterschied ist.

Wie die 15 handgemachten, emotional schwer angefassten Stücke über Kindheit, Leben, Liebe von Fayzen Zoroofchi erzählen, das geht trotz alöer Gefühlsduselei schon auch schwer zu Herzen. Mitverantwortlich dafür ist seine Sozialisation als Rapper auf den Straßen seiner Heimatstadt Hamburg, von deren autobiografisch bedeutsamen Ecken er mehr erzählt als singt. Sein Flow ist dabei angenehm weich, aber nicht schwulstig, die Musik im Hintergrund vielschichtig und doch aufs Wesentliche des urbanen Folk beschränkt. Es schimmert demnach deutlich mehr Moritz Krämer oder Freundeskreis aus den Harmonien als Max Giesinger und Philipp Poisel. Willkommen, liebe Poppoeten zurück auf dem Planeten Respekt!

Fayzen – Gerne Allein (Vertigo)


Fazerdaze, Penguin Café, Blondie

Fazerdaze

Videos sind Videos sind Videos sind zunächst mal nur visuelle Appetizer des zugehörigen Sounds und reichen höchstens im Ausnahmefall ein wenig darüber hinaus oder schaffen es, eine Metaebene zu eröffnen. Mit dem Begleitfilmchen zu ihrem Stück A Little Uneasy schafft Amelia Murray allerdings genau dies: Ein musikalisch-ästhetisches Statement, das ihr Debütalbum ringsum in 3:36 Minuten vollumfänglich auf den Punkt bringt. Mit ihrem Longboard durchfährt die junge Neuseeländerin ein Industriegebiet ihrer Heimat, das dessen sorgsam aufgebauten Klischee vom exotischen Fernreiseziel komplett widerspricht. Zwischen Beton und Palmen ist es zwar hell und luftig, zugleich aber bewölkt und daher leicht trist.

Unterm Alter Ego Fazerdaze legt die Alleinunterhalterin jedoch einen fröhlich flatternden Gitarrenpop über die Ödnis, dass es darin sonnig wird, ohne gleich zu brennen. Die Stimme eher nüchtern beigemengt als krampfhaft überzeugend, zerpickt Amelia Murrays Gitarre zehn Stücke lang unsagbar lässig die Tristesse des zivilisierten Alltags und macht daraus mit Orgel, Bass und Samples kleine Feierabendrevolten gegen den ewigen Selbstoptimierungsstress. Manchmal, ganz selten, ist ihr dabei zum Schreien zumute. Aber nur, um uns aus dem Wachkoma an die frische Luft zu holen, und sei es auf nacktem Asphalt.

Fazerdaze – Morningside (Grönland)

Penguin Café

Von einer Legende abzustammen, kann den Mensch voranbringen ebenso wie blockieren, weshalb Nachkommen genau abwägen sollten, das Werk dieser Legende fortzuführen oder abzubrechen. Arthur Jeffes hat sich entschieden, ersteres zu tun, ziemlich unzweideutig sogar, und damit Bemerkenswertes erschaffen: Sein Soundprojekt Penguin Café verfeinert die semi-akustische Kammermusik vom gleichnamigen Orchestra seines Vaters Simon nicht nur, das den New Age Folk in den Siebziger- und Achtzigerjahren nicht weniger als revolutioniert hat. Besser noch: Der Brite hat ihn für die Nuller- und Zehnerjahre geradezu optimiert.

Auf The Imperfekt Sea erschafft Sohn Arthur eine Art analogen Ambientpop, der in hinreißender Weise klingt, als würden all die Streicher, Drums und Pianosequenzen darin digital geloopt. Dabei mögen sich die neun teils ewig breit gefächerten Tracks an elektronischer Tanzmusik orientieren – alles ist strikt instrumentell und klingt daher mal clubtaugtlich vielschichtig nach dem Mash-up eines Chapelier Fou, mal versonnen klassisch wie einst Keith Jarrett. Beim Hören taucht man daher tatsächlich in jene unvollkommene See, die der Titel verheißt: musikalisch überaus virtuos, doch dabei voller Leerstellen, die der Geist allein mit Leben füllt. Toll!

Penguin Café – The Imperfect Sea (Erased Tapes)

Hype der Woche

Blondie

Ach Debbie, ist dir eigentlich bewusst, was du in deiner Blütezeit mit der schlummernden Libido eines Schulkinds angestellt hast, leicht verrucht, ziemlich tough und trotzdem sexy wie du warst? Nein? Nichts! Als du Ende der Siebziger Denis oder Heart of Glass gesungen und 1980 Call Me aus dem Radio gebrüllt hast, warst du aller Visualität nur das Gesicht hinter jener Musik, die damals halt gehört wurde. Dass dir die restliche Weltbevölkerung damals fast geschlossen hinterher geschmachtet hat, war mir und meinesgleichen gar nicht bewusst. Umso schöner, dass du fast 40 Jahre später immer noch da bist und deine Musik für mich nach wie vor weniger mit deiner Optik als, genau: mit der Musik zu tun hat. Auf deinem elften Studioalbum klingt die zwar so, wie sie bei einer Künstlerin über 70 halt klingt – bisschen betulich, bisschen bemüht, bisschen nostalgisch. Aber Debbie, das ist gut so. Denn mit den Blondie-Veteranen Chris Stein an der Gitarre und Drummer Clem Burke zur Seite erinnert Pollinator (BMG) mehr als die drei Platten seit der Reunion 1997 daran, dass auch Pop mal von innen kam statt aus dem Konzeptomat für Chartserfolge. Gewiss, einige der elf Stücke versuchen sich erfolglos an deiner Modernisierung deines Glampunks. Aber Doom or Destiny zeigt schon zum Auftakt, dass du etwas hast, das jüngeren Kollegen oft fehlt: Spaß. Energie. Leidenschaft. Ach ja – und super siehst du auch noch aus.

Eine der Reviews ist zuvor bei Zeit-Online erschienen