Mourn, Adrian Younge/Ali Shaheed, Immersion

Mourn

Vergleiche können nicht nur in der Musik, aber besonders dort ziemlich schmeichelhaft sein, vergiftet oder schlicht unvermeidbar. Wer Jazz Rodríguez Bueno hört, kommt jedenfalls kaum umhin, darin Corin Tucker zu erkennen. Mitte der Neunziger hatte sie Sleater Kinney einen halsstarrigen, wutentbrannten Tremolo verpasst, der die Tonlage dessen, was seinerzeit Riot Grrrls genannt wurde, auf ein noch zornigeres Niveau hob. Fast 25 Jahre später klingt die Sängerin der Garagenpunkband Mourn aus Barcelona ganz ähnlich wie die Wegbereiterin weiblicher Selbstbehauptung auf der männerdominierten Rockbühne – und das hat durchaus seinen Grund.

Als sie 2015 mit ihrer jüngeren Schwester Leia, der Gitarristin Carla Perez und Antonio Postius am Schlagzeug kaum volljährig ein aufgebrachtes DIY-Debüt veröffentlichte, nahm die männliche Konterrevolution grad so herrisch Fahrt auf, dass neuer Bedarf nach einer feministischen Gegenrevolte aufkam. Dennoch ist das dritte Album Sorpresa Family nicht grundlegend politisch. Die englischen Texte sind reizbar, aber nie parolenhaft. Der Furor entspringt eher den filigranen, vielfach messerscharfen Riffs, die das Schlagzeug mit mathematischer Präzision zerwühlt. All dies macht Mourn auch abseits des Gesangs bemerkenswert. Und angemessen sauer.

Mourn – Sorpresa Family (Captured Tracks)

Adrian Younge & Ali Shaheed

Falls es einen Referenzrahmen zeitgenössischer Popmusik gibt, dessen Einflüsse nicht einmal annähernd ausgeschöpft, geschweige denn erschöpft sind, ist es die Black Music der Sechzigerjahre. Ohne deren Soul wären weder Funk noch Dance, weder House noch Rap denkbar, also auch nicht Adrian Younge und Ali Shaheed Muhammad. Als Mitglieder von Hip-Hop-Legenden wie Ghostface Killah oder A Tribe Called Quest haben beide stets gierig im Fundus ihrer Ahnen gewühlt. Nun geben sie ihnen ein bisschen was davon zurück und erweisen zugleich den Ahnen der Ahnen Respekt: The Midnight Hour.

So heißt ihre Hommage an die Historie schwarzer Subkulturen seit der Zwischenkriegszeit. Unterstützt von gut einem Dutzend höchst verschiedener Kollegen an der Seite des studioeigenen Linear Lab Orchestra in L.A. schlägt es 20 Stücke lang den Bogen vom Jazz der Harlem Renaissance in unserer Gegenwart. Die vielfach fast filmmusikalisch beschwingte Mischung aus Hammondorgel, Querflöte, Synthesizer, Percussion und einem Satz Bläser mit modernem R’n’B, klingt jedoch selten nostalgisch, allenfalls hochachtungsvoll. Und in jeder Sekunde so elegant, wie wir uns die Sixties wünschen.

Adrian Younge & Ali Shaheed Muhammad – The Midnight Hour (Linear Labs)

Immersion

Instrumentelle Musik hat es auch nicht leicht. Fehlender Gesang wird, zumindest jenseits von Techno und Klassik, rasch als Mangel wahrgenommen. Da besonders Pop-Texte vielfach von erschreckender Schlichtheit sind, fragt sich allerdings: was bringt die Stimme zum Ausdruck, das Gitarren, Keyboard, Synths nicht besser können? Beim Hören der neuen Platte des Krautrockduos Immersion lautet die Antwort: Nichts. Wie zuletzt vor fast 20 Jahren walzt die israelische Universalkünstlerin Malka Spigel an der Seite ihres britischen Mannes Colin Newman analog und digital eingespielte Soundfragmente zu einer Fläche aus, die keiner sprachlichen Vertiefung bedarf.

Noch elektronischer als auf den ersten drei Alben in den Neunzigern, erinnert Sleepless an eine Art generalüberholten Jean-Michel Jarre. Ständig fiept und raunt und pluckert es vielgestaltig über der mal sägenden, mal sanften Gitarre. Konsolengeräusche der Videospielära untermalen Spigels blubbernden Bass. Jazzige Rockdrums wechseln sich ab mit hitzigen Breakbeat-Sequenzen. Dicht am Rande der Überfrachtung fließt alles ineinander, bis das Artifizielle naturalistisch klingt und umgekehrt. Gesang wäre da exakt ein Instrument zu viel.

Immersion – Sleepless (Swim ~ )

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Washington, Melody’s Echo Chamber, Whyless

Kamasi Washington

Jazz, tja. Für Spätgeborene ohne Studienrat in der Anrede oder Zeit-Abo ist das ein komischer, staubiger, schwer greifbarer, jedenfalls nicht allzu anziehender Begriff. Jazz, das mögen Eltern, Tendenz Großeltern. Aber Kinder, gar Enkel? Sollten sich zur Erweiterung ihres Horizonts unbedingt mal Kamasi Washington anhören. Der Saxofonist aus Los Angeles hat vor drei Jahren mit The Epic ein Debütalbum produziert, das auch außerhalb seines Fachbereichs hymnisch gefeiert wurde. Nun legt er den Nachfolger vor, der es ebenfalls schafft, die Grenzen zwischen alter und neuer, schwerer und leichter Musik zu durchlöchern, ohne sie vollends zu sprengen.

Geteilt in die Sphären “Himmel und Erde” fliegen sie förmlich durch die Stratosphäre des Sounds und streifen dabei Pop, Soul, Funk und manchmal gar Punkrock ohne E-Gitarre. Begleitet von Kollaborateuren wie Thundercat, Terrace Martin, Ronald Bruner, Jr., Cameron Graves, Brandon Coleman, Miles Mosley, Patrice Quinn oder Tony Austin, die eher in Kamasis Genre ein Begriff sind, erhebt er den Jazz dabei zu einer orchestralen Größe, die auch ohne Gespür für einzelne Noten fasziniert. Heaven & Earth ist Brückenbauer-Musik der allerfeinsten Sorte, oftmals verwirrend, vielfach erhellend, ein Lichtblick im gleißenden Dunkel des Crossover.

Kamasi Washington – Heaven & Earth (Young Turks)

Melody’s Echo Chamber

Einatmen, ausatmen, alles gut? Ach, wären die Wege zu nachhaltigen Lockerung unserer heillos überspannten Zeit doch immer so einfach, wie Melody Prochet es auf ihrer neuen Platte empfiehlt. „Breathe In, Breathe Out“ singt sie auf dem zweiten Stück und fleht sodann mit verhallender Engelsstimme, „there must be some kind of light to come“. Wie auf ihrem Debüt fünf Jahre zuvor ist das schwedische Hippiemädchen bis in tiefere Schichten ihrer Batik-Kleider optimistisch, dass es nun aber wirklich bald Licht werde im Dunkel dieser zerrütteten Tage.

Nur Sekunden, nachdem sie im Opener Cross My Heart bereits Querflöten, Scratching, Breakbeats, Gitarrensoli und Geigenteppiche zu einer mehrsprachigen Collage sommerlicher Zuversicht verwoben hat, mag das vielleicht naiv klingen. Zum einen jedoch ist Bon Voyage kein allzu weltliches, sondern planvoll entrücktes Album. Zum anderen hat Prochet die Indierocker Dungen ins Studio geladen. Sie drängeln ihre Landsfrau immer mal wieder mit einer sanften Tracht Krautprügel aus dem Blumenkinderland. Das Ergebnis ist ein Psychopop, der sein friedliebendes Publikum mit allerlei Wendungen von Gebrüll bis Autotune gelegentlich zum Hyperventilieren treibt. Feueratem nennt sich das im Eso-Fach. Soll sehr befreiend sein.

Melody’s Echo Chamber – Bon Voyage (Domino)

River Whyless

Ist Paul Simon eigentlich noch gut zu Fuß und hat sich kürzlich ein paar hochwirksame Aufputschmittel besorgt, um damit ins Sonic Ranch Studio nach Tomillo/Texas zu fahren? Der fröhlich durcheinander scheppernde Folkpop von River Whyless klingt nämlich so spürbar nach dem Spätwerk ihres Urahnen, als wäre er bei der Herstellung dabei gewesen. Mit ungezügelter, ethnisch aufgeblasener Spielfreude wirbeln Ryan O‘Keefe, Halli Anderson, Daniel Shearin und Alex McWalters auf Kindness, A Rebel die Referenzen alter Country-Helden und neuer Cowpunks so durcheinander, dass es sich abgesehen von ein paar schräg schönen Western-Balladen gelegentlich selbst überholt.

The Feeling of Freedom zum Beispiel klingt mit einem Herb-Alpert-Sample zu Beginn, als habe Paul Simon The Mamas and the Papas exhumiert, um mit ihnen eine Art hochgepitchten Squaredance anzuleiten. Anders als der vorwiegend beschwingte Sound suggeriert, sind O’Keefes Texte zu Andersons oft entfesselter Fidel aber oft von eindringlicher Mitteilungsbedürftigkeit übers Unrecht in der Welt und all die Krisen darin. Schön, dass man sich in diesem Fall davon nicht andauernd belehrt fühlt.

River Whyless – Kindness, A Rebel (Roll Call Records)

 

 


Snail Mail, Foè,

Snail Mail

Will man das eigentlich – weit, wirklich sehr weit jenseits der Volljährigkeit noch dabei zuhören, was eine Songwriterin, die gerade erst von der Highschool abgegangen ist, so von ihrer ausklingenden Jugend zu berichten hat? Ist es für den etwas älteren Geschmack nicht ein bisschen arg melodramatisch, drängend, unreif, hitzig und entrückt, wenn Teenager ihre Sorgen und Nöte mithilfe nölenden Indie-Pops schildern? Das ist es, klar. Und bei Lindsey Jordan ist es das sogar vom ersten bis zum zehnten Track ihres Debütalbums lang. Nur: es ist halt auch genauso genau richtig und gut.

Lush strotzt zwar in der Tat nur so vor Melodramatik, Drang, Unreife, Hitze und Entrückung. Gepaart mit einem erstaunlich ausgefuxten Instinkt für verstörende Harmonien wird es aber gerade dadurch zum charmantesten Karrierestart des Jahres. Wie kurz zuvor schon die ähnlich jungen Fazerdaze oder Soccer Mummy schafft es die Sängerin aus Baltimore mit der schlaffen Kraft ihrer beiläufig gelangweilten Stimme, emotional zu klingen, aber nicht pathetisch. Lindsey Jordan ist spürbar bewegt von allem, was sie hier über ihr kompliziertes Gefühlsleben zum Ausdruck bringt. Aber es mündet nicht in sülzigen Folk, sondern Indierock, der sich auch mal ein verschrobenes Gitarrensolo gönnt oder schredderige Drums. Wie alt war sie nochmal? Ach, egal…

Snail Mail – Lush (Matador Recordss)

Foè

Und wo wir bei Nachwuchsmusikern sind, denen wirklich was auf dem Herzen brennt: Der Franzose Foé ist gerade mal zwei Jahre älter als Lindsey Jordan, wie sie bereits eine Weile im Geschäft, aber dabei natürlich immer noch von unübersehbarer Jugend. Nur: dem Debütalbum des Komponisten und Co-Produzenten spürt man dieses Inbrunst in jeder Note an. Îl hat absolut nichts von der schnodderigen Leichtigkeit seiner Kollegin aus den USA. Alles daran ist irgendwie getragen und schwer und voluminös. Das hat zwei Gründe: Foès Sehnsucht nach Tiefe im flachen Fahrwasser des Pop. Und sein bevorzugtes Instrument – das Piano. Es macht sein Timbre noch ein wenig dunkler und den Wave etwas dazu getragener, vor allem aber macht es ihn außergewöhnlich.

Gemixt mit Synthesizern und Electronica, mit Elementen aus HipHop, Folk und ein paar saftigen Dance-Einsprengseln verströmen die elf Songs einen discoesken Klassizismus, der manchmal für Gänsehaut sorgt (La Machine), manchmal schlicht haarsträubend ist (Mommy), aber durchweg Überraschungspotenzial hat. Gewiss, man muss schon einen Hang zur großen Oper haben, um Îl von Anfang bis Ende zu genießen. Es reicht aber auch ein Gespür dafür, wie viel Energie in Grenzgängern wie diesem ruht, die oft nur musikalisch entfesselt werden kann. Als hätten sich Jacques Brel und Claude Débussy mit Phoenix zum After-Rave getroffen. Es brennt lichterloh in Foè, wenn er über Liebe, Tod und Teufel sind. Lodern wir doch ein bisschen mit.

Foè – Îl (Embassy of Music)

 


Danger Dan, Moffat & Hubbert, McGowan

Danger Dan

Wenn man auf der richtigen Seite steht, also bei den Guten, den Klugen, den Reflektierten, dann darf man auch schon mal Blödsinn verzapfen. Kraftklub zum Beispiel haben der Ex eines Mitglieds auf ihrer letzten Platte kürzlich als “verdammte Hure” zur Hölle gewünscht, was von, sagen wir, fast jeder anderen Band schwer verachtenswert gewesen wäre. Jetzt haut der Berliner Conscious-Rapper Danger Dan auf seiner Solo-Platte erst jemandem aufs Maul (womöglich sich selbst) und glorifiziert danach (ein bisschen) Heroin – aber hey, wer mit der Antilopen Gang zuvor den deutschen HipHop gerettet hat und damit ein bisschen uns alle, der darf das.

Zumal der multiinstrumentell begabte Grenzgänger auch sonst ein Album von hinreißender Polarisationslyrik hingelegt hat, das dem Genre einen wirklich wunderbaren Crossover-Pop verpasst und uns allen dabei lebenslustig, aber durchaus ernst in die zivilisationsmüden Seelen blickt. Es heißt daher nicht umsonst Reflexionen aus dem beschönigten Leben. Ach, klänge klassenbewusster Rap doch immer so fröhlich verkopft, so sachlich enthemmt, so kraftvoll emanzipiert und dabei ulkig. “Es ist uns eine Ehre / mit euch verfeindet zu sein”. Love it!

Danger Dan – Reflexionen aus dem beschönigten Leben (Check Your Head)

Aidan Moffat & RM Hubbert

Was große Erfahrung, noch größere Gelassenheit und grandiose Virtuosität auch aus Stimmen heraus kitzelt, die weder singen noch rappen, sondern einfach so vor sich hin erzählen, belegt eine Band der betagteren Art: Aidan Moffat, allenfalls Nischenkundigen vom Slowcore-Duett Arab Strap bekannt, hat sich mit seinem schottischen Landsmann RM Hubbert zusammengetan, der zumindest daheim in Glasgow als einer der besten Indierock-Gitarristen unserer Zeit gilt. Gemeinsam machen die zwei Mittvierziger einen Sprechgesang, der in seiner musikalischen Verschwiegenheit ganz stumm macht – obwohl er einiges zu berichten hat.

Wie Spukgeschichten düster und rau brummt Moffat verschrobene Poesie über die Narben des Lebens und die Liebe als Balsam über die Inselgruppen seines meisterhaften Pickings. Oberflächlich gehört ist das – schon wegen des ortsüblichen Idioms – so unzugänglich, dass man die Texte eher als Grundraunen wahrnimmt. Dank der eindrücklichen Aura aus Geigen, Drones, Percussion und dem feenhaften Gastgesang von Siobhan Wilson, wird Here Lies The Body jedoch zum Manifest der maximalen Wirkung durch minimalen Einsatz. Ein Album zum Absinken.

Aidan Moffat & RM Hubbert – Here Lies The Body (Rock Action)

Seán McGowan

Wer es als Erfüllung eines ganz großen Traumes bezeichnet, den unverzagten Klassenkämpfer Billy Bragg auf Tour begleitet zu haben, der offenbart zwei Dinge von sich: Offenbar steht er noch am Anfang seiner Karriere. Und er trägt das Herz am linken, also rechten Fleck. Die Rede ist von Seàn McGowan, ein Mittzwanziger aus dem südenglischen Southampton, der seinem bald dreimal so alten Idol in vielerlei Hinsicht ähnelt, ohne ihm zu gleichen. Schon der Titel seines Plattendebüts Son of the Smith verströmt eine proletarisch geprägte Streitlust, die anders als hierzulande eher durch galligen Folkrock Gehör verschafft als im artigen Bergmannschor.

Doch wie ihr Mentor beschränkt sich Seán McGowans Band nicht darauf, parolenhaft die Verhältnisse anzuprangern. Mit Fiddel und Krach und Melancholie und, ja, gehöriger Wut macht sie daraus eine Art folkloristischen Spaßpunk, der nicht nur wegen des breiten Cockney-Slangs an Jamie T und die Levellers erinnert. Liebeskummer hat darin ebenso viel Raum wie Gerechtigkeitsfuror. Und zu beidem kann man Arm in Arm von einer besseren Welt träumen oder entfesselt durch den Club hüpfen. Billy wäre entzückt.

Seán McGowan – Son of the Smith (Xtra Mile Recordings)


H.Schwarz, Tom Wu, Lauren Ward, Pressyes

Henrik Schwarz

Wenn elektronischer Dance auf klassische Orchestermusik trifft oder umgekehrt, hängt das Bild vom Soundtrack per se nicht so ganz schief. Henrik Schwarz aus dem oberschwäbischen Ravensburg, einer der weltweit angesehensten Producer digital erzeugter Klänge, hat sich mit dem womöglich letzten richtigen Rundfunk-Tanzorchester zusammengetan, der niederländischen Big Band Metropol Orkest, und das Ergebnis klingt irgendwie automatisch, als würde auf ihrem Projekt-Debüt ein Film von ungeheurer Wucht vertont, großes Hollywood aus einer Zeit, als noch Heist-Movies gemacht wurden.

Scripted Orkestra ist also richtig fettes Kino. Als säße sie live vor einer mächtigen Leinwand, kippt ihre Bläser-Sektion einen so grandiosen Sound übers digitale Beat-Gespinst von Henrik Schwarz, dass man beim Zuhören sofort im alten Mustang durchs noch ältere Nevada rast, das Verdeck offen, die Haare im Gegenwind. Käsige Vocals wie im eleganten Counter Culture könnte sich das Album zwar schenken. Aber spätestens dann, wenn sich hauchzarte Klarinetten übers klangfeine Xylophon legen, ist das Mash-up aus Pop und Klassik, Funk und Elektro perfekt.

Henrik Schwarz & Metropol Orkest – Scripted Orkestra (7K!)

Tom Wu

Wenn man sich vorstellt, nur mal so, Franz Ferdinand wären keine Salon-Löwen der Hollywoodglampopdisco von heute, sondern noch immer das, was sie zu Beginn ihrer Karriere waren, nämlich konstruktive Glamrockzerstörer, wenn eine Zeitreise in den Übungsraum von Franz Ferdinand demnach möglich wäre, als sie noch nicht so groß und berühmt waren – vielleicht klängen sie wie Tom Wu. Gut, der Schlagzeuger tritt meist solo auf und kommt auch nicht aus Schottland, sondern Bayern. Andererseits schafft er es spielend, Hände und Füße so zu vervielfältigen, dass sein analoger Elektropunk auch auf dem zweiten Album klingt, als sei da eine ganzes Orchester im Studio.

Es ist aber, wie gesagt, nur dieser Tom Wu, der sich auf All You Want zwar gelegentlich von Michi Achers (The Notwist) Trompete oder – da schließt sich der Kreis – dem früheren Franz-Ferdinand-Gitarristen Nick McCarthy unterstützen lässt. Ansonsten aber macht dieses musikalische Koordinationsgenie alles allein – den englischen Gesang, die vogelwilden Drums, das bizarre Synthie-Geflimmer – und mischt es zu einer Art Varieté-Techno, der so voll von sprühender Fantasie und dabei zum Abdrehen tanzbar ist, dass man sich die 75 Euro fürs nächste FF-Konzert leicht schenken kann. Als verschwitztes Kellerclubgewächs der aberwitzigsten Sorte, bringt er selbst Abstellkammern zum Kochen!

Tom Wu – All You Want (Echochamber)

Lauren Ruth Ward

Wer sich zeitgenössischen Pop genauer anhört, dem fällt darin schnell ein chronischer Mangel auf: Dringlichkeit. Oft fehlt ihm jener herzensgetriebene Eifer, der Musik vom Zeitvertreib und schlimmer noch: rein kommerziellem Interesse daran unterscheidet. Lauren Ruth Wards wunderbares Debütalbum Well, Hell als dringlich zu umschreiben, wäre hingegen noch stark untertrieben. Ihr Gesang durchströmt den fiebrigen Sound ringsum wie heißes Wasser. Seit sie 2015 in Los Angeles heimisch wurde, hat die gelernte Friseurin aus Baltimore nach jahrelangem Schlingerkurs in Stil- und Soundfragen offenbar endlich ihre Mitte gefunden – so flatterhaft und entfesselt die auch klingt.

Begleitet von klassischer Bandbesetzung scheppert ihr hippiesker Glamrock mit in einer Innbrunst aus der Box, als ginge es um alles. Immer. Jedes Gefühl in jedem Lied. Gitarre, Bass, Schlagzeug stets am Rand der Ekstase. Die Siebziger auf Hochtouren, als hätte Janis Joplin sie noch erlebt. Das dauernde Tremolo in Wards dunklem Timbre muss man zwar ebenso wie das gelegentliche Pathos in den neun Selbstverortungen zwar schon mögen. Doc wer es tut, erlebt hier das dringlichste Debüt des Plattensommers.

Lauren Ruth Ward – Well, Hell (Weekday Records)

Pressyes

Und als wäre Nostalgie das Postulat des Sommers, der dem Winter gerade ohne Umweg über den Frühling entspringt, suhlt sich auch René Mühlberger genüsslich in den Ausläufern des Flowerpower. Hatte sich der Gitarrist aus Wien mit seiner alten Band Velojet noch strikt am Sound der Sixties orientiert, reist sein Soloprojekt nun ein Jahrzehnt weiter Richtung Gegenwart und landet im teilsynthetischen Progrock der späten 70er. Von dort stammen schließlich auch sämtliche analogen Maschinen und Instrumente, mit denen er On The Run quasi im Alleingang eingespielt hat. Das Ergebnis ist ein fröhlich mäanderndes, lustig fiepsendes, luftig besungenes Potpourri der gut gelaunten Gestrigkeit.

Meist klingt es als träfe Beck die Beach Boys am Düsseldorfer Rheinufer, um dort leicht bekifft in Erinnerungen zu schwelgen, wie nah sich Melancholie und Frohsinn sein können, ohne gleich selbstgefällig zu wirken. Dass die zehn Stücke dann auch noch Namen wie Summertime oder California tragen, wäre dabei ebenso unnötig gewesen wie das ein oder andere Gitarrensolo. Der Summer of Love tanzt hier auch ohne Holzpfahlwinken sehr unterhaltsam im Stroboskoplicht von Disko und Pop weiter.

Pressyes – On The Run (Ink Music)


Christopher, Doré, Arctic Monkeys, Kontra K

Sean Christopher

Singer/Songwriter, machen wir uns nichts vor, gibt es wie Sülze im Formatradio, und den meisten davon ist ein gewisser Hang zur Meldodramatik mehr zu eigen als ein breites Spektrum abwechslungsreicher Gitarrenriffs. Auch Sean Christopher hat es gern leicht pathetisch im Gesangston. Seine Vocals sind meist getragen, die Melodien schleppen sich vorwiegend im gedämpften Moll durchs Dickicht verletzter Gefühle, alles in allem ist Yonder also kein Debütalbum für die gehobene Feierlaune am sonnigen Frühlingstag. Was aber macht es dann so berückend?

Es ist ein verstiegener Flamenco-Sound, den sein fein kalibriertes Picking gelegentlich in den Regenhimmel seines Herzens schickt. Es sind kakophonische Unwetter, die stille Stücke wie Asphalt schon mal lautstark aufmischen. Hinzu kommt eine Vielzahl kleiner Fluchten vom Alltag eines Pop-Poeten aus dem britischen Bristol, dessen zerkratzer Gesang schon mal – wie in Cherokee – neugierig unterm Ethno indianischer Ureinwohner wühlt oder wuchtigen Indierock ausprobiert. Und das ist allemal ergreifender als manch hyperharmonische Selbstspiegelung seiner Singer/Songwriter-Kollegen.

Sean Christopher – Yonder (Dumont Dumont)

Julien Doré

Die Wege des Ruhms sind oft unergründlich. Julien Doré zum Beispiel hat es als Castingshowgewächs daheim in Frankreich nicht nur zum Superstar geschafft, sondern dabei auch noch ein musikalisches Werk weit jenseits des handelsüblichen Dance-Pop kreiert. Dem Chanson näher als jeder Art von Massengeschmack, ist er im frankophilen Deutschland aber dennoch völlig unbekannt. Merkwürdig. Und nachvollziehbar. Seine ersten vier Platten sind schließlich hierzulande bislang noch gar nicht erschienen. Das allerdings ändert sich nun.

Album fünf erscheint nämlich erstmals auch bei uns und ist passenderweise eine Art Best-of von Julien Dorés bisherigem Werk, das sein Schaffen gut zum Ausdruck bringt. Denn Vous & Moi enthält zwölf hauchfeine, zugleich aber kraftvolle Balladen, bei denen sich der Sänger meist nur von Klavier und Gitarre begleiten lässt. Dem Achtziger-Hit Africa von Rose Laurens etwa entlockt sein hauch-rauer Gesang eine Intimität, bei der man den Staub im Raum herumfliegen hört. Doch auch die zehn Eigenkompositionen zeigen aufs Neue, wie kultiviert Frankreichs Pop oft selbst dann klingt, wenn er den Mainstream bewegt.

Julien Doré – Vous & Moi (Sony)

Arctic Monkeys

Der Ruf nach radikaler Erneuerung ist die wohl größte Bigotterie des Pop. Weder Gäste noch Käufer wollen von einer Band ja etwas anderes als das Bekannte hören. Die Arctic Monkeys waren daher gut beraten, sich auf den Nachfolgern ihres epochalen Debüts kaum zu wandeln oder wie es im PR-Deutsch heißt: erwachsen zu werden. Ihr sechstes Album jedoch offenbart einen Sinneswandel, der auch damit zu tun haben dürfte, dass es von Alex Turner produziert wurde. Nicht nur atmosphärisch erinnert Tranquility Base Hotel & Casino nämlich an dessen Last Shadow Puppets.

Mit großer Eleganz, aber gedrosseltem Tempo reist die Platte zurück in den Cool der frühen Sechziger, als es beim Paartanz noch viel um Anmut im Anzug ging. Selbst den diskoesken Bombast des Vorgängers AM hat der Sänger seiner alten Band zugunsten eines Vintage-Appeals ausgetrieben, der Frank Sinatra näher ist als fünf Jahre zuvor Franz Ferdinand. Ab und an zersägen hochgestimmte, grobverzerrte Gitarren zwar noch die Aura des Cocktailbar. Darüber hinaus aber wird in Tranquility Base Hotel & Casino nicht nur das Outfit der Ex-Garagenrocker aufgebügelt, sondern auch ihr Sound. Lässig, kreativ und energisch ist er noch immer, mitreißend nur selten.

Arctic Monkeys – Tranquility Base Hotel & Casino (Domino)

Hype der Woche

Kontra K

Nein, als vernunftbegabter, feministischer, homophobophober HipHop-Fan wird man nie ganz seinen Frieden machen mit Gangster-Rappern – selbst wenn sie wie Kontra K spürbar die Kurve Richtung Zivilgesellschaft genommen haben. Der dreiviertelkörpertätowierte, vierfüntelkörpergepumpte Berliner hat einfach zu testosterongesättigt gegen Frauen, Schwule und friedliche Konfliktlösungen gereimt, um ihm den Wandel zum Kritiker der eigenen Vergangenheit komplett abzunehmen. Dummerweise aber zählt sein Style zum Besten, was das Genre im Ghetto der Gewalt zu bieten hat. “Ich trag ein dickes Fell unterm letzten Hemd” sind Lines von fast einschüchterner Wahrhaftigkeit. Und falls auf seiner siebten Platte Erde & Knochen (BMG) doch mal das Profilneurosenvokabular von “Fotze” über “Hurensohn” bis “Schlampe” fällt, dann überlässt er das mittlerweile seinen Features wie Fatal, Gzuz, SSIO. Tolles Album. Trotz allem.

 


Cut Worms, Trampled By Turtles

Cut Worms

Der schönste Schmerz, so sagt man, ist doch das Fernweh. Bedarf es dafür heutzutage allerdings den Duft der richtig weiten Welt, Umrundung Neuseelands mit dem Kajak aufwärts etwa, so reichten früher bereits kleinste Trigger, ums sich in Reisestimmung zu versetzen. Ein Postkartengruß aus den Bergen zum Beispiel, der Italiener ums Eck und natürlich alles, was irgendwie nach Karibik klang. So gesehen schickt Max Clarke sein Publikum in eine sehr antiquierte Ferienregion, wenn er sein Debütalbum mit einer hawaiianischen Slack-Key Gitarre eröffnet und auch danach den Eindruck erweckt, Hollow Ground sei nicht erst kürzlich im Studio entstanden, sondern am kalifornischen Strand der frühen Sechziger.

Wirkt nostalgisch? Ist es auch! Aber nicht nur. Unterm Künstlernamen Cut Worms mischt sich der Singer/Songwriter fröhlich unter ein paar seiner Urahnen von den Beach Boys bis zu den Everly Brothers und macht mit ihnen eine hinreißend verschrobene Session voll träumerischer Westcoastfolksongs. Zehn Stück sind es, die mal countryesk klingen, mal poppig und auf gemütliche Art vergessen lassen, dass der Mann mit der Schmunzelstimme dahinter aus dem chaotischen Brooklyn stammt. Unter den 5527 Platten, die bislang als das Album des Frühlings angekündigt wurden, ist dieses hier, sagen wir: Nr. 4. Unbedingt miterblühen!

Cut Worms – Hollow Ground (Jagjaguwar)

Trampled By Turtles

Und um die Großstadt jetzt mal richtig zu verlassen, also nicht nur geografisch, sondern atmosphärisch, reisen wir kurz mal akustisch ins staubig ländliche Minnesota und besuchen dort ein Sextett namens Trampled By Turtles. In den USA ein gar nicht mal so junger  Geheimtipp der independenten Country-Szene, mischt das Sextett auch auf dem neuen Album Life is Good on the Open Road wieder Western-Traditionals mit Elementen aus Folk, Punk und Bluegras, was zwar bisweilen leicht sülzig klingt – Volksmusik halt. Schon im ersten Stück aber entfesselt die Band in Kelly’s Bar eine Art musikalische Kneipenschlägerei, die sich lustig vom Mainstream löst.

Entfesselt peitscht die Fiddel da durch den virtuellen Saloon, als sei sie eine Metal-Gitarre. 3:33 Minuten lang geben Dave Simonett, Erik Berry, Ryan Young, Dave Carroll, Tim Saxhaug und Eamonn McLain mit dem klassischen Landei-Equipment Gas, bis die Banjos glühen. Und selbst wenn es im Anschluss wieder ein bisschen ruhiger wird, befindet sich besonders Simonetts Gesang stets unter Strom, ohne zu überdrehen. Für Country-Puristen ist das womöglich Teufelszeug, für Country-Verächter sowieso. Wer sich allerdings mal für ein paar Takte in die alternativen Abseiten des Genres verirren will – hier ist der Wegweiser.

Trampled By Turtles – Life is Good on the Open (Banjodad)