Jo Goes Hunting, TOY

Jo Goes Hunting

Der Begriff des Showrunners ist vom Fernsehen noch nicht so richtig ins Musikgewerbe vorgedrungen – und das, obwohl in Zeiten sinkender Tonträgerabsätze immer mehr Herstellungsarbeit an den Kreativen hängenbleibt. Jimmi Jo Hueting ist so ein Allesverantwortlicher seines vogelwilden Indiepop-Projektes Jo Goes Hunting. Als Sänger sorgt der Holländer aus Rotterdam für Texte, als Strippenzieher für die Produktion, als Schlagzeuger zudem fürs Taktgefühl. Und weil Drummer sowieso oft leicht einen an der Klatsche haben, klingt das Ergebnis entsprechend.

Nach dem Debütalbum 2018 ist der Nachfolger nämlich nicht nur deutlich digitaler als Come, Future, er dekonstruiert Strukturen, Melodik, Harmonielehre auch nochmals hemmungsloser als damals. Front Row ist dabei allerdings ein eklektisches Durcheinander von tieferem Sinn, dass vieles vom Aberwitz im Kreisel wirrer Klangeskapaden zentrifugiert, bis daraus eine Art Krautrockelectronica mit Ethnosynthifunk-Elementen wird. Viel besser beschreiben lässt sich dieses Chaos nur mit sprachlicher Knotenmacherei, aber hören – so viel ist sicher – sollte man es besser nicht nüchtern, dann aber dauernd.

Jo Goes Hunting – Front Row (Backseat)

TOY

Wer wen in der Kunst mal zu was inspiriert hat und warum genau, ist vielfach bloß nachjustierte Post-PR, mit der im besseren Fall Images erzeugt werden, im schlechteren marketingbewusstes Gewäsch. Wenn aber die britische Postpunk-Band TOY behauptet, von Amanda Lear beeinflusst zu sein, ist man nach kurzer Verwirrung, wer zur Hölle das denn sei, ernsthaft angetan von der Idee, dass die LGBTQ-Ikone der discolibertären Siebziger fünf missgelaunte Shoegazer aus Brighton tatsächlich zu irgendwas angeregt haben könnte. Wenn man nämlich das Cover ihres/seines Smashhits Follow Me auf dem fünften TOY-Album hört, wächst zusammen, was zusammen gehört.

Auf Songs of Consumption kompiliert die Band um Sänger und Gitarrist Tom Dougall ja acht Stücke, die angeblich wegweisend für sie sind und waren. Darunter neben Amandas Emanzipationshymne auch ziemlich unterschiedliches Zeug wie Down on the Street von den Stooges oder Serge Gainsbourgs Lemon Incest. Die Interpretationen sind dabei oft erstaunlich werkgetreu. Aber wenn dabei durch Cousin Jane von den Troggs ein verhuschtes Spinett flattert oder Soft Cells Fun City mit tropfenden Bass-Samples unterlegt wird, erweisen TOY ihren Vorbildern auf verspielte Art Reminiszenz. Und wer da wen oder was konsumiert, bleibt so dunkel wie die Blicke der Band.

TOY – Songs of Consumption (Tough Love Records)

 


FKA twigs, French 79, Kele

FKA twigs

Wenn ein experimentelles Popalbum wie bei Tori Amos anfängt, ist das für Experimentalpopalbumfans womöglich verstörender als ein Kaossilator beim Bluesrockfestival, aber auch mit dieser Einstiegssequenz wäre mal wieder bewiesen, dass Musik eben mehr Geduld benötigt als die Rausschmeißimpulse der Generation Spotify zulassen. FKA twigs jedenfalls klingt am Anfang echt esoterisch, also – nun ja, nicht so richtig innovativ. Nachdem die britische Soundsammlerin ein paar Takte voran gekommen ist, wird es allerdings außergewöhnlich, versprochen!

Magdalene heißt der Nachfolger ihres preisgekrönten Debüts LP1, und wieder schimmert dieser leicht waldbodenfeuchte Grundsound unter den Samples, Footages, Spielereien hervor. Doch so sehr man sich manchmal an Kate Bush im binären Fieberwahn erinnert fühlt, so ergreifend ist die klangliche Vielfalt der neun Tracks, die hörbar von Digitalfreaks wie Skrillex, Future, Nicolas Jaar produziert wurden. Gut, manchmal nervt das Melodrama in FKA twigs’ Stimme; aber die Konstruktionen dahinter sprühen vor lauter Wahnsinn.

FKA twigs – Madeleine (Young Turks)

French 79

Über French House ist, seit Daft Punk, Kid Loco, Air oder Cassius vor einem Vierteljahrhundert aus zappelig elektronischer Musik geschmeidig elektronische Musik gemacht haben, schon so viel – oft auch dummes Zeug – erzählt worden, dass niemand mehr genau weiß, was genau French House eigentlich sein soll. Simon Henner weiß es ziemlich genau. Und hat sich deshalb vorsorglich French 79 genannt, was eines der nachhaltigsten Jahre des Pop (Specials! HipHop!! Bobby Brown!!!) im Titel trägt und auch sonst die Messlatte angemessen hochhängt. Eine Messlatte, die Joshua LP buchstäblich spielend überspringt.

Der Nachfolger des eher mäßig beachteten Debütalbums Olympic verirrt sich nämlich so herrlich gedankenverloren in synthetisierter Nostalgie, dass diese Art French House eher an den New Wave der frühen Achtziger erinnert und dabei dennoch fröhlich durch die Electronica der Gegenwart spaziert. Einerseits wühlen sich ja andauernd brummbassige Orgeln, elegische Streicher und Bontempi-Tupfer durch Simon Henners Flokatiteppich; zugleich sorgen elegante Frauenvocals und ein dezent treibender Four-to-the-Floor-Beat allerdings für zeitgenössische Energie – und zwar endlich mal ohne HipHop-Avancen. Wehmut zum Tanzen.

French 79 – Joshua LP (Alter K)

Kele

Wer es schafft, ein Ausnahme-Projekt wie Bloc Party, nein – natürlich nicht vergessen, aber doch zur Randepisode einer Musikbiografie zu machen, der muss fürwahr Großes in sich tragen. Kelechukwu Rowland Okereke jedenfalls hat sich bereits 2010 von seiner damals irre erfolgreichen Britrockband teilemanzipiert und erzeugt seither unterm Vornamenskürzel Soloplatten, die jede für sich etwas Eigensinniges hinterlässt, dem man Bloc Party dank Keles Stimme natürlich anhört, aber ohne davon erdrückt zu werden. Das gilt auch und gerade fürs neue Album mit dem futuristischen Titel 2042.

Nach seinem vollakustischen Vorgänger Fatherland erweitert der Londoner aus Liverpool sein Repertoire um eine Art ethnisch angehauchten Emolectropop, der alles Gute von Bloc Party in alles Bessere des Enddreißigers Kele integriert: lässige Gitarrenslaps, erzählerischen Sprechgesang, cheesigen Experimentalsoul, quirligen Retrowave, gelegentlich gar hardcoreverzerrte Riffs, die sich in My Business mit verschrobener Kapitalismuskritik mischen. Das ist nicht immer leicht verdaulich, weckt aber die Hoffnung, dass Kele als nächstes ein technoides Bigband-Metal-Album macht. Es dürfte grandios werden.

Kele – 2042 (KOLA Records)


Anna of the North/DüDo Düsterboys/AvAvAv

Anna of the North

Seit die Mafia-Serie Lilyhammer die Leichtigkeit krimineller Energie in Norwegens gleichnamige Kleinstadt verpflanzt hat, traut man der polaren Provinz nahezu alles zu. Warum also nicht auch wunderlich feinperlige Musik wie sie Anna Lotterud alias Anna of the North weit einiger Zeit kreiert. Aus einem Nachbardorf des ehemaligen Olympia-Standortes in die weite Welt hinaus gezogen, versprüht ihr elektrophiler Krimskramspop eine Art getragener Fröhlichkeit, die auch auf dem zweiten Album sofort zu Herzen geht.

Wie beim Debüt Lovers vor zwei Jahren rollt auch Dream Girl intellektuell gesehen nicht die ganz großen Steine durch den Kies, keine Frage. Aber wenn sie mit sonnigem Lalala zu viele Lust und Liebe auf den Lippen zwischen Seventies-Soul und Nineties-Samples ihre Weiblichkeit in einer Zeit poröser Beziehungen und Wertemodelle reflektiert, würde man wohl selbst im Feierabendstau lächeln. Zwei, drei Stücke Anna aus dem Norden – fertig ist die gute Laune für den Moment.

Anna of the North – Dream Girl (PIAS)

Düsseldorf Düsterboys

Düsseldorf ist seit jeher ein gutes Pflaster für bessere Independent als üblich. Von A wie Antilopen Gang über K Kreidler bis S wie Stabil Elite entstehen dort auch anderthalb Generationen nach dem Punk-Hype allerlei maßgebliche Bands – wenngleich die derzeit grandioseste nur namentlich aus dem Dunstkreis des Ratinger Hofs kommt. Aber egal: wie die Essener Düsseldorf Düsterboys ihrem Namen Ehre bereiten, ist schlichtweg zum Niederknien.

Analog eingespielt, ist ihr Debütalbum Nenn mich Musik ein blubbernder Topf überm psychedelischen Lagerfeuer, was ein bisschen nach Ruhrpottfeldweg klingt, der sich in die Wüste Arizona träumt, aber auf halbem Wege am Strand von Ibiza landet. Peter Rubel und Pedro Goncalves Crescenti, die Köpfe von International Music, schaffen es im Quartett mit zerzauster Gitarre, Bläsertupfen und verwehendem Doppelgesang einen Folkpop zu zaubern, der äußerst unterhaltsam nach futuristischem Kammerpunk klingt. Ach, Düsseldorf – du bringst es auch, wenn du Essen bist…

Düsseldorf Düsterboys – Nenn mich Musik (Staatsakt)

Hype der Woche

Av Av Av

Aus den Hallräumen der Achtziger, als Düsseldorf noch ein Nabel des deutschen New Wave war, kommt die selbsterklärte Supergroup Av Av Av, in der sich drei dänische Top-DJs und Produzenten namens Eloq, Unkwon, Er Du Dum Eller Hvad zusammen getan haben. Bei einem Land, dass so herausragende Electronica-Projekte wie Den Sorte Skole oder Analogik hervorbringt, sind solche Vereinigungen natürlich immer bemerkenswert. Und in der Tat: Das Debütalbum No Statues (The Bank Music) vereinigt orchestralen House und engmaschige Samples mit einer Ladung Breakbeats und vordergründig phrasenhaftem, hintergründig politischem Sprechgesang zu einer hocheleganten, hochenergetischen Melange, die ein bisschen an French House auf Dubstep erinnert. Vor allem aber: sehr, sehr, sehr tanzbar sein dürfte.

 

Av Av Av – Statues (The Bank Music)


Ali Barter, Grey Hairs, clipping.

Ali Barter

Als Ali Barter vor zwei Jahren ihr Debütalbum herausgebracht hat, verfügte Alternative-Rock plötzlich über völlig neues Handwerkszeug, um den räudigen Charme selbstbestimmter Musikerinnen zu tarnen. Die australische Songwriterin überzuckerte ihre scheinbar fragile Lolita-Stimme nämlich mit so süßlichem Liebreiz, dass oft gar nicht auffiel, wie bitter und derb die Texte überm Gitarrenbrett vielfach waren. Das legte die Messlatte fürs neue Album hoch oder tief – je nach Perspektive.

Und in der Tat: Hello I’m Doing My Best schmeißt uns schon im Opener über ihren Ex Lester kratzig schön “Don’t you know that love sucks” oder “don’t you know that life’s a bitch” um die Ohren, bevor Ali Barter im powerpoppigen Punk des Titelsongs alles macht, was böse Mädchen eigentlich schon immer gemacht haben, nur diesmal mit einer noch hinreißenderen Schnodderigkeit in den Riffs und mehr wütendem Geschrei darüber. Selten so lieblich gekratzt worden.

Ali Barter – Hello I’m Doing My Best (PIAS)

Grey Hairs

Nicht mehr nur zerkratzt, sondern virtuos zerfleischt kriecht man hingegen nach einer Ladung Grey Hairs unter der Wall of Punkrocksound hervor, die das Quartett aus Nottingham auch auf ihrer dritten Platte bauen. Irgendwie bandnamengerecht Health & Social Care betitelt, geht es darin dramaturgisch in der Tat um Englands heillos ruinierte Gesundheits- und Sozialsysteme, wobei die meisten der zehn Tracks klingen, als würden Slayer dabei sediert in der Gummizelle randalieren.

Kein Wunder, dass die Grauen (Scham-)Haare 2018 mit den Sleaford Mods getourt sind. Der Noisepunk von Chris (Gitarre), James (Gesang), Amy (Bass) und Dave (Drums) ist schließlich so wellblechscheppernd schön und saitenzersägt schillernd, dass man sich an die frühen NoMeansNo erinnert fühlt – nur mit weniger Jazz und Humor, dafür mehr Rotz und Wut. Das Resultat ist eine Art Psychosurfrock ohne Sommer, Sonne, Strand und Surfen zum stocknüchtern durchdrehen.

Grey Hairs – Healt & Social Care (Gringo Records)

Hype der Woche

clipping.

Der Prophet, so heißt es, zählt im eigenen Land wenig, was in der Musik fürs eigene Genre gelten würde. Das ist natürlich zunächst mal nur ein Sprichwort, aber wäre es anders, müsste das experimentelle Rap-Trio clipping. auf dem Olymp einflussreichen HipHops ganz oben stehen, schräg gegenüber von den Einstürzenden Neubauten, für die das Gleiche im experimentellen Rock gilt. Dummerweise sind beide unter Fachleuten respektiert, im Mainstream aber nicht, was schon deshalb interessant ist, weil sie ziemlich wesensverwandt sind, ohne es zu wissen. Auf dem neuen Album der Kalifornier türmen die Producer William Hutson und Jonathan Snipes ja wieder ein zerkratztes Sampling-Gebäude über die Hochgeschwindigkeitsreime von Daveed Diggs, das Noise mit Industrial und Rap zu einer ganz neuen Form alternativen Pops macht. Ständig stürzt auf There Existed an Addiction to Blood (Sup Pop) etwas in sich zusammen, überall knarzen, knirschen, scheppern Alltags- und Kunstgeräusche durch die Lyrics. HipHop als Abraumhalde der musikalischen Subversion und als solche nicht weniger als prophetisch brillant.


Rikas, Golden Dawn Arkestra, Kummer

Rikas

Wer würde nicht, Hand aufs Herz, auch gern mal die Katastrophenlage vor der Tür vergessen und sich einfach mit dem Langstreckenflieger first class auf die Bahamas verkrümeln, um – Pina Colada zur Linken, Lovetoy zur Rechten – dem karibischen Eskapismus deluxe zu frönen, statt freitags gegen die Apokalypse zu demonstrieren oder noch anstrengender: an der Siegessäule Haupverkehrsadern zu besetzen? Aber weil das natürlich nur die Dümmsten unter den Ignoranten unserer absurden Welt machen, muss man sich andere Wege zur kleinen Realitätspause suchen. Zum Beispiel die der Fluchthelfer Rikas.

Die ehemalige Schülerband aus der metabürgerlichen Feinstaubhölle Stuttgart kredenzt auf ihrem Debütalbum Showtime einen zuckrig süßen Popcocktail, der uns irgendwo zwischen Friedrich Sunlight und Paul Simon, Laid Back und Phoenix so unwiderstehlich in die Hängematte zieht, dass der PR-Slogan “Swabian Samba” Substanz erhält. Wenn wattierte Funkgitarren zu englischem Gaga-Nonsens durch die Feuchtgebiete ethnisch angedickter Strandpartysounds wehen, rutscht einem der nächste Terroranschlag kurz den Buckel runter und hinterlässt uns fröhlich sediert wie MDMA auf Sekt Mate. Tschüss Wirklichkeit, bin gleich wieder da.

Rikas – Showtime (Sony)

Golden Dawn Arkestra

Die Wirklichkeit unserer Gegenwart verabschiedet sich auch aus dem neuen Album des texanischen Golden Dawn Arkestra – wenngleich auf kantigere Art und Weise wie bei den Rikas. Für Darkness Falls on the Edge of Time hat sich das Kollektiv von bis zu 20 Musiker*inne*n aus Austin zwar ebenfalls auf Spurensuche im musikalischen Überall begeben, ist dabei jedoch weniger im Funk fündig geworden als auf dem staubigen Asphalt eines Roadmovies der späten Siebziger, das ein paar durchgeknallte Japaner scheinbar mit ein paar noch durchgeknallteren Hippies auf amerikanischen Highways eingespielt haben.

Schon die Single-Auskopplung Mama Se: Fiebrige Westernriffs tropfen über hypnotischen Chorgesang, als sei beides auf der Flucht voreinander und gleichsam auf der Jagd. Und der verschwitzte Dunst, den das Kleinorchester bei seinen viel umjubelten Live-Auftritten erzeugt, wabert auch aus der Box, wenn Allo Allo Boom im Anschluss den Postpunk der frühen Achtziger mit Bigbandpop vom Anfang dieses Jahrtausends, in die sich zwischendurch immer wieder peitschende Bläsersequenzen und afrikanische Rhythmen mischen. Nostalgie als Soundtrack des Wahnsinns. Herrlich!

Golden Dawn Arkestra – Darkness Falls on the Edge of Time (13 A Records)

Kummer

Was der deutsche HipHop braucht, um aus dem Klammergriff von gernegroß und gerneklein, Gangsta-Arroganz und Alternative-Gestus zu kommen? Die Antwort ist unterkomplex: Weniger Machismo und Autotune, mehr Bedeutung und Felix Brummer. Der – so sagt man das eben: charismatische Sänger der Chemnitzer Rockband Kraftklub hat nämlich ein Solo-Album aufgenommen, das allen Ernstes dazu geeignet ist, dem hiesigen Sprechgesang frische Luft in die diesigen Hallräume zu blasen.

Es heißt KIOX, ist angeblich zunächst nur im gleichnamigen Pop-up-Store seiner gespaltenen Heimastadt zu kriegen und von einer empathischen, selbstreflexiven, konsumkritischen, aufwühlenden Wut, mit der man wirklich noch Herzen und Hirne bewegen kann. Umringt von minimalistischen Samples, dunklen Drones, bisschen Trap, bisschen R’n’B lautet das Versprechen des Openers Nicht die Musik, “ich mach Rap wieder weich / ich mach Rap wieder traurig”. Das tut er mit vielschichtig präziser Poesie und viel Gefühl für inneren Aufruhr mit Außenwirkung.

Kummer – KIOX (Beat the Rich)


O.T.T.O., Velvet Volume, D I I V

O.T.T.O.

Kennt noch irgendwer Franz Lambert? Mehr als 100 Platten hat er in mittlerweile 50 Jahren eingespielt, und jede davon ist ein kleines Wundwerk wortloser Redseligkeit. Legendar, wie der Hesse allein mit sich und seiner Hammondorgel Klangteppiche wob, die zu mit dem Publikum zu sprechen scheinen. Ebenso legendär ist es allerdings, wie biedermeierblöde sie dabei meist klangen. Als Messlatte für gediegen verstiegenen Instrumentalpop taugt Franz Lambert also nur bedingt. Es sei denn, er rührt noch The Alan Parsons Project mit einer Prise Air unter.

Dann nämlich klingt der Sound verstaubter Heimmorgeln mit Synthybegleitung, die unwesentlich jünger sind als Franz Lamberts Karriere, ungefähr wie das Over The Top Orchestra, kurz: O.T.T.O. Denn auf ihrem elektrisierend pulsierenden Debütalbum gleichen Namens zaubern die zwei süddeutschen Nostalgiker Alexander Arpeggio und Cid Hohner Soundgespinste aus dem Vintagepark, der schwer nach klassischer Retromusik aus der Zukunft klingt oder noch treffender: dem Soundtrack eines SciFi-B-Movies der Siebziger, zu dem sich 2019 famos swingen lässt.

O.T.T.O. – Over The Top Orchestra (bureau-b)

Velvet Volume

Von den drei Schwestern Velvet Volume gibt es dagegen von Anfang an ziemlich aufs Mett. Und das auf eine Art, die zwar ebenso wie O.T.T.O. sehr nostalgisch klingt, aber doch zwei, drei Jahrzehnte jünger. Schließlich wurzelt das Debütalbum des dänischen Trios spürbar in den Neunzigern, als Postpunk mit Grunge zu einer rabiaten Form des Alternative-Rock verschwammen, den die Riot Grrrls jener Tage um viel feministische Sozialkritik erweitert haben.

Die Special Edition von Look Look Look! inklusive zweier Bonustracks ist zwar etwas weniger politisch als ihre Vorfahrinnen von Sleater-Kinney bis Team Dresch; ihr Furor allerdings klingt ebenso virtuos wütend. Dass sich Velvet Volume dank der bauchgrummelnd verzerrten Gitarre von Sängerin Noa zu Natajas grungig verzögerten Drums spielend an den Bühnenmackern jener Tage messen lassen können, ist da schon keiner Erwähnung mehr wert. Ein virtuos ruppiges Hardcore-Album.

Velvet Volume – Look Look Look! (Network Music)

D I I V

Gleiches Zeitalter, ähnlicher Ansatz, nur von männlicher Seite: Auf ihrem mittlerweile dritten Longplayer mischen die Kalifornier D I I V flächig aufgerauten Rock mit Engelsstimmen und taugen damit exakt so zur Verstörung tradierter Stereotypen von Geschlecht und Zuschreibung wie Velvet Volume, nur halt mit mutiertem Chromosmensatz. Im Geschredder zweier Gitarren erinnert Zachary Cole Smiths Gesang schwer an Teenage Fanclub. Doch mit Referenzen allein ist D I I V nicht ausreichend beschrieben.

Dafür verschwimmen die zehn monochromen Tracks von Deceiver zu oft im Durcheinander dissonanter Töne, die bisweilen einfach nicht recht zueinander passen wollen und gerade dadurch oft hypnotische Kraft entfalten. In Stücken wie Lorelei oder Blankenship driftet der Sound dann manchmal fast ins Noisige ab, bis die Saiten schreien. Alles in allem ein Album von schiefer Geradlinigkeit, die gleichermaßen mitreißt und sediert.

D I I V – Deceiver (Cargo Records)


Moon Duo, Stefanie Schrank

Moon Duo

Und wenn das Leben da draußen mal wieder ruckelt und rumpelt, wenn die Welt aus den Fugen und alles durcheinander geraten ist, wenn Katastrophe auf Katastrophe folgt, von der jede für sich schon alles umzustürzen droht, was gewohnt und lieb gewonnen schien – dann hilft es womöglich, sich in ein abgelegenes Flussbett zu legen, gen Himmel zu blicken und vom Wasser umspült der Seele zuzuhören, ob darin noch ein wenig Platz für Besinnung ist. Falls allerdings gerade kein Fluss zur Hand ist: einfach in den Sessel setzen, zurücklehnen und das neue Album vom Moon Duo hören.

Zum siebten Mal nämlich hat die Psychoanalytikerin Sanae Yamada aus Portland mit Ripley Johnson aus Tönen Flüsse gemacht und aus Geräuschen eine Art von Rhythmus, der dank flächiger Synths und krautiger Gitarren zum hintergründig verwehenden Gesang eher nach Studio als Natur klingt. Zugleich ist er jedoch von einer beschwingt organischen Tiefe, als würden Pink Floyd in einer Waldhütte 70s-Funk interpretieren. Sicher – für den urbanen Zeitgeist klingt Stars Are The Light nicht nur vom Titel her arg esoterisch; dieses Gefühl kontern die acht percussionumschmeichelten Tracks aber mit viel Groove im Ethnopop. Fließpop deluxe.

Moon Duo – Stars Are The Light (Cargo)

Stefanie Schrank

Nicht erst seit Jennifer Rostock wissen Fans von geschmeidigem Indiepop mit politisch korrekter Attitüde: ein bescheuerter Bandname schützt nicht vor kluger Musik. Wenn die Bassistin Stefanie Schrank nun also aus dem Schatten der Kölner Kapelle Locas in Love an den Bühnenrand tritt, mag man erstmal kurz aufstöhnen vor diesem kollektivvergessenen Alleingang. Dann allerdings fliegt ein elektroalternatives Geplucker und Gesummse aus der Box, über das sich Stefanie Schrank als “Mutter von Luke Skywalker und Vater von Norman Bates” vorstellt, und ihr Debütalbum Unter der Haut eine überhitzte Fabrik kriegt sofort spürbar Gewicht.

“Don’t take the money / es ist nicht, was du brauchst / don’t go for the gold / bleib lieber zu Haus” singt sie mit butterweich kratzender Kneipengesprächsstimme in Nothing is Lost, bezeichnet sich sodann schon mal als Katze von Jesus – und die verspielte Welt durcheinanderwirbelnder Sounds und Samples erzeugt sogar dann eigensinnigen Wohlklang, wenn dazu plötzlich ein Saxofon-Solo übers geschmeidige Chaos poltert. Mithilfe des Düsseldorfer Synthiebastlers Lucas Croon von Stabil Elite hat Stefanie S. damit ein Stück der Neunziger in die Gegenwart geholt, ohne damit nostalgisch oder selbstreferenziell zu wirken. Ein Debüt von kunstvoller Eleganz.

Stefanie Schrank – Unter der Haut eine überhitzte Fabrik (staatsakt)