QTY, Beans On Toast, Dialects

QTY

Schnodderschnodder, Schrammelschrammel, Rotzrotz – Gitarrenrock ist genetisch betrachtet keine Sache orchestraler Arrangements und feingliedriger Poesie. Gitarrenrock entstammt dem Gestus der Rebellion auf Turbinenlautstärke bei Zimmertemperatur. Gitarrenrock will die Welt nicht umstürzen, aber in klein wenig aufwühlen. Gitarrenrock will, in wenigen Worten: eigentlich seit jeher klingen wie der von QTY. Und da ist es wirklich überhaupt kein Wunder, dass dieses Duett aus New York stammt, wo der Gitarrenrock von den Talking Heads bis Moldy Peaches, von Ramones bis Strokes, von Velvent Underground bis zu den Beasty Boys immer und immer wieder an seine Wurzeln erinnert.

Das selbstbetitelte Debütalbum der singenden Gitarristin Alex Niemetz mit ihrem singenden Gitarristen Dan Lardner (mit namenlosen Drummer) sortiert sich mit seiner entspannt mäandernden Mischung aus Garage, LoFi und Eastcoast-Americana zu Texten über dieses und jenes, aber nichts Besonderes schön verschroben ein zwischen all den Nachbarn früherer Tage. “Undeniably brilliant” urteilt der NME über die zehn kurzen Tracks und meint das gewiss nicht im Sinne vertrackter Tiefe oder komplizierter Fingerfertigkeiten. Es geht um die Reduktion des Genres aufs Wesentliche: eine gute Zeit mit einfachen Mitteln, um Lebensgefühle auf den Punkt zu bringen, die manchmal eben gar nicht so kompliziert sind wie die Welt ringsum. Ein fantastisches Album für einfach so.

QTY – QTY (Dirty Hit)

Beans on Toast

Jay McAllister sieht schwarz, pechschwarz. Scheißwelt da draußen. Big Data stiehlt uns die Privatsphäre und Massentierhaltung alle Lebensgrundlagen, Populisten lügen, Kapitalisten betrügen, überall Fake, Verfall und Gewalt. „The world is dying/shit is getting serious/everybody’s lying/it’s impossible to tell the truth“, singt er mit zerkratzter Stimme und folgert beweint von einer wimmernden Geige gleich achtfach, wie uns die Angst im Griff hat. Worryworryworryworry… Selbst für Berufsoptimisten wie den Songwriter Beans on Toast aus Sussex, als der er ein Drittel seiner 36 Jahre den Anti-Folk seiner englischen Heimat aufmischt, wirkt die Zeit hoffnungslos. Nur ernst, das ist sie nicht.

Und deshalb steckt sich der Zauselbart zum Auftakt seiner neunten Platte eine Sonnenblume an die Kappe, tanzt durchs Industriegebiet, betont im zugehörigen Video, er sei nun seine eigene Propagandamaschine und glaubt einfach nur noch, was sie ihm einflüstert. Es muss was Schönes sein. Denn so beschwingt, furchtlos und humorvoll, wie Beans on Toast auf Cushty die Untiefen des Lebens feiert, scheint ihn nichts auf Erden je unterkriegen zu können. Nicht mal der Brexit, für den er in The Ignorant Englishman zur Quetschkommode auf Deutsch um „Entschuldigung“ bittet. Der Untergang kann echt unterhaltsam sein!

Beans on Toast – Cushty (Xtra Mile Recordings)

Dialects

Es ist natürlich ein schöner Twist, sich als nahezu wortlose Instrumental-Band Dialects zu nennen. Weil die vier dicken Freunde aus Glasgow bis auf seltene Refrainpeitschen weitestgehend auf Gesang verzichten, sind sprachliche Färbungen ja per se ziemlich ausgeschlossen. Umso erstaunlicher ist es, wie sehr ihr Debütalbum mit sich und dem Publikum zu reden scheint. Schon die erste Singleauskopplung, das vielschichtig schöne Auftaktstück Superluminal, feilt mitunter hauchzartes Picking ins Gitarrenbrett, als bäte es schüchtern um Gehör. Später dann beginnt die High-Hat von Szyman Ostasz aufgeregt in Sechzehnteln zu flüstern, als zwischendurch mal für einen Moment lang Ruhe herrscht.

Überhaupt – der Drummer. Er firmiert meistens als ordnende Hand, nur um die Soundwände ringsum kurz darauf dekonstruktiv zum Einsturz zu bringen. Wie im Mathcore üblich ist Because Your Path Is Unlike Any Other schließlich Schlagzeugmusik, für ungeübte Ohren völlig unberechenbar, für geübtere oft reine Notenzählerei. Doch anders als beim Mathcore üblich, ergehen sich die Dialects dabei nicht im Wettbewerb der vertracktesten Taktlängen, sondern machen die zehn Stücke zum Gesprächsstoff. Dem schönstes des Genres seit langem.

Dialects – Because Your Path Is Unlike Any Other (Throuhg Love Records)

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Jim James, Hey Ruin, Miss Li, Fettes Brot

Jim James

Mit Coverversionen ist das so eine Sache, und nur sehr selten eine gute. Neue Bands benutzen sie gern als Erinnerungsanker in eine Vergangenheit, die nicht die ihre ist, um etwas Aufmerksamkeit zu erregen. Schlechte Bands benutzen sie, weil ihnen nichts Neues mehr einfällt, was alten Bands manchmal ähnlich geht. Coverkapellen benutzen sie, weil sie nun mal Coverkapellen sind. Und manchmal, ganz selten, will jemand, der covert, den Gecoverten wirklich Tribut zollen, also die Ehre erweisen. Jim James hängt irgendwo dazwischen, und da hängt er  ziemlich gut. Als Frontman der Rocker My Morning Jacket eher für robustes Zeug verantwortlich, bringt er nun sein zweites Album mit Coverversionen raus und steht damit auf einer Stufe mit der fabelhaften Birdie, die dem Liedgut anderer einst zu neuen Höhen verhalf.

Das tut Jim James auf Tribute To 2 noch nicht mal; die elf Tracks entlocken den Originalen keine unerwarteten Seiten oder setzen sie in ein helleres Licht. Was ihm allerdings gelingt, ist es, mit Stücken von den Bob Dylan über Willie Nelson bis Irving Berlin eine Auswahl zu treffen, die exakt den besten Tonfall zwischen Nostalgie, Interpretation und einem angenehmen Hauch Ironie findet. Mit feinem Gitarren-Picking und seiner leicht quäkenden, aber sehr wandelbaren Stimme macht Jim James selbst aus dem seifigen Lucky Man von Emerson, Lake & Palmer etwas angenehm Zeitgenössisches und erinnert mit dem Opener I Just Wasn’t Made for These Times zwar hinreißend schön an die Pet Sounds der Beach Boys, bleibt aber ganz bei sich.

Jim James – Tribute To Vol. 2

Hey Ruin

Linke Haltung zu zeigen ist leicht dieser Tage. Schön über die AfD lästern, etwas auf Trump schimpfen, bisschen FDP-Bashing – von hart- bis halbrechts bieten sich zurzeit ja reichlich Gegner zur moralischen Selbstvergewisserung an. Wer da nicht den richtigen Tonfall trifft, klingt allerdings leicht mal moralinsauer. Voriges Jahr zum Beispiel, als Hey Ruin ihr Debütalbum veröffentlicht haben, suchten die fünf Punkrocker aus Köln und Trier spürbar verkrampft nach gerechtem Zorn mit poetischer Note. Ihr Indiesound wirkte unreif, der Gesang plakativ, der alternativen Systemkritik fehlte jedes Augenzwinkern, vor allem aber Geist. Nun aber schafft der Nachfolger Poly die Wende.

Es ist keine zur zeitlosen Brillanz, über die man noch in 100 Jahren bewundernd reden wird. Immerhin jedoch eine sehr achtbare zum melodischen Hardcore abseits phrasenhafter Parolen. Damit reiht sich Poly ein zwischen Captain Planet und Fehlfarben, die ihr falsches Leben im Falschen schon immer mit viel Eigensinn und Spielfreude vertonen. Wenn Sebastian Frost das Leid der Bootsflüchtlinge als Mord besingt und im Titeltrack „Feuerfeuerfeuerfeuer“ für die Verantwortlichen fordert, erreicht das zwar noch nicht die metaphorische Wucht der Referenzgrößen von Love A bis Die Nerven. Doch zur linken Haltung zählt auch: Der Weg ist das Ziel. Hey Ruin sind auf einem guten.

Hey Ruin – Poly (This Charming Man)

Miss Li

Vorausgesetzt, Haltung ist jetzt und schon immer ein Gebot der Stunde, fällt sie oft besonders dort auf, wo man es gemeinhin am allerwenigsten erwartet. Im Dancepop etwa, dem Spielplatz von Linda Carlsson. Als Miss Li tummelt sich die schwedische Grammy-Gewinnerin zwar stilsicher im Spannungsfeld von Disco und Trash, Nischentheater und Mehrzweckhalle. Dummerweise ist die Aufmerksamkeitsindustrie allerdings anfällig für ein schwerwiegendes Missverständnis: Wer sich als Frau darin optisch präsentiert wie, sagen wir: Lady Gaga, bedient schnell das Klischee inhaltlicher Leere. Man sollte also dringend an Miss Lis schillernder Fassade vorbeihören. Es lohnt sich. Versprochen!

Wenn der Titeltrack A Woman’s Guide To Survival zu Beginn im dissonanten Synthiegewand erklärt, wie schwer es für Mädchen in einer visuellen Welt ist, Substanz zu zeigen, hat ihr neues Album nicht nur dem Namen nach Rückgrat. Anstatt sich aber in Sack & Asche zu hüllen, gibt Miss Li weiter den Paradiesvogel mit Message. Produziert von denen, die schon Rihannas Grenzgang zwischen emanzipiert und sexy inszeniert haben, entspinnt sich ein Panoptikum aus Trap, Pop, R’n’B und EDM, in dem Songs wie The Day I Die durchaus Chartsappeal ausschwitzen. Doch mit rauer Stimme macht Miss Li daraus eine Demonstration der Selbstermächtigung. Zum Tanzen. Und Krafttanken.

Miss Li – A Woman’s Guide To Survival (Pistol Packin’ Music)

Hype der Woche

Fettes Brot

Fettes Brot mit einem Hype zu umschreiben, ist eigentlich Quatsch. Die Spaßrapper aus Hamburg mögen den Klamauk zwar zur Kunstform des HipHop und bis in die seriöse Oberschicht des Sprechgesangs hinein salonfähig gemacht haben. Aber Hype? Dafür ist Nordisch By Nature einfach schon zu alt. Zu gut. Und zu haltbar. Wie haltbar, zeigen die sicht- und spürbar gealterten Doktor Renz, König Boris und Björn Beton auf ihrer furiosen Live-Platte mit dem gewohnt lustigen, aber leicht kindischen Titel Gebäck in the Days (Fettes Brot Schallplatten) nebst zugehöriger Konzert-DVD und einer kleinen Bandbiografie in Filmform. Die 16 Tracks, aufgeführt in ihrer Heimatstadt, zeigen dabei, was Fettes Brot seit 25 Jahren kennzeichnet: Bedingungsloser Einsatz für den Moshpit mit viel Humor, Tiefgang und schier unerschütterlichem Optimismus. Einziger Makel dieses gelungenen Albums: Schwule Mädchen fehlt. Ansonsten gibt’s wie immer: außen Top-Hits, innen Geschmack.


Babylon Berlin, Nabihah Iqbal, Cherry Dolls

Babylon Berlin

Filmmusik ohne den zugehörigen Film zu sehen, das gleicht meist einem exzentrischen Drei-Sterne-Menü für Schnupfenkranke, denen man auch getrost Stampfkartoffeln vorsetzen kann – sie kauen zwar, schlucken, verdauen. Schmecken tun sie nix. Und gerade in Zeiten wie dieser, wo vom Blockbuster bis zum Serienevent fast jedes Format mit einer lückenlosen Soundkruste überzuckert wird, wäre der Score ohne visuellen Reiz noch sinnloser als früher. Witzigerweise gibt es nun eine Ausnahme, die dramaturgisch Blockbuster und Serienevent vereinigt, tonal ab der ersten Sekunde vollumfänglich verkleistert wird – und dennoch einen Soundtrack hervorgebracht hat, der auch ohne Bildschirm funktioniert.

Die Serie heißt Babylon Berlin und hat das öffentlich-rechtliche Fernsehen mit ihrer 38 Millionen Euro teuren Gangsterballade der Goldenen Zwanzigerjahre mit Hilfe von Sky kürzlich ein klein wenig revolutioniert. Und das liegt auch an einer Musik, die auch ohne Filme fabelhaft wirkt. Zusammengestellt vom Regisseur Tom Tykwer und seinem Tonmeister Johnny Klimek lassen die 34 Tracks der Doppel-CD nämlich nicht nur die Bilder vorm inneren Auge Karussell. Die mal wuchtige, mal feingliedrige, vielfach hypermoderne, aber angemessen nostalgische Arbeit des Leipziger Radio Symphonie Orchesters mithilfe der New Yorker Band Absolute Ensemble schafft es, sich angereichert um Chansons und Charleston jener Zeit vom Werk zu emanzipieren. Allerfeinstes Kopfkino.

Radio Symphonie Orchester Leipzig – Babylon Berlin OST (BMG)

Nabihah Iqbal

Schon klar, Google-Suchen sind wegen der kommerziell gesteuerten Algorithmen vergiftete Recherchen. Aber man kann es ja mal versuchen und den Begriff “Krautrockambient” eingeben. Trefferzahl: 137. Umgedreht ergeben die sphärischen Großklangwelten sogar 17 Hits weniger, darunter ein netter Konzertbericht über den Berliner Auftritt von Denzel + Huhn, was vermutlich eine Band ist. Das Kombi-Genre scheint also bislang eher unbekannt zu sein, aber die Überschrift der titelfreudigen taz macht schon mal ein schönes Angebot: “Wucherndes Klanggestrüpp”. Da nähern wir uns dann mit großen Schritten dem Debütalbum von Nabihah Iqbal, dessen Sound mit Krautrockambient keinesfalls ausreichend, aber doch annähernd beschrieben wird.

Vieles auf Weighing Of The Heart wäre einst wohl gut und gern als Filmsscore von Trainspotting durchgegangen, einiges erinnert an eine Jam-Session von Jean-Michel Jarre mit Tangerine Dream in der Hängematte von Bonobo und Sade. Wie beim unvergleichlichen Label Ninja Tune üblich, hat die Platte einen spürbar elektronischen Background. Schimmernde Synths und Samples grundieren jeden der elf Tracks mit lyrischer Tiefe. Darüber legt die britische Radiomoderatorin mit dem orientalischen Namen allerdings nicht nur ihren durchscheinenden Gesang, sondern auch eine Reihe echter Instrumente vom treibenden Bass bis zur wimmernden Santana-Gitarre. Das macht die Fusion aus Ambient und Krautrock so ergreifend. Vor allem aber: vielschichtig.

Nabihah Iqbal – Weighing Of The Heart (Ninja Tune)

The Cherry Dolls

Fliegersonnenbrille, Motorradlederjacke, Siebzigerjahrematte, dazu dreckig verzerrtes Gitarrengeschrammel, ein paarmal „Come on!“ im Chor und kräftig „Uaaahhh Yeah“ obendrauf: australischer Pubrock hat sich seit den Stadion-Ausgaben von AC/DC bis Rose Tattoo bereits mehrfach gehäutet, aber nie wirklich grundlegend geändert. Obwohl ihr Debütalbum Viva Los Dolls mit Psycho-Grooves und Sixties-Elementen durchsetzt ist, stehen demnach auch The Cherry Dolls in dieser Tradition. Mit stoischen Phil-Rudd-Drums und schlichten Bon-Scott-Vocals rotzt das Quintett aus Melbourne einen Sound zu Boden, der sich nie die Mühe macht, außergewöhnlich, elaboriert, gar intellektuell daherzukommen.

Tausendfach reproduzierte Refrains wie „I’m addicted to love“ führen das Metier eben lieber auf den Kern des Augenblicks zurück. Riffs, Refrain, Bridge darf, muss aber nicht sein, der polternde Bass wie eine Kneipenschlägerei, one-two-three-four ab die Post! Wenn Josh Aubry, Jacob Kagan, Jim Stirton, Brendan West und Thomas van der Vliet die Bühne betreten, tropft Whisky und Schweiß von der Decke, bis alles darunter klebt. Für Außenstehende ist das nichts als ein tausendfach reproduzierter Junggesellenabschied, für alle anderen die Quintessenz der Nacht.

The Cherry Dolls – Viva Los Dolls (Golden Robot Records)


Manfred Groove, Sequoyah Tiger, Morrissey

Manfred Groove

Wäre die Welt ein gerechter Ort, dann gäbe es nirgendwo Hunger, Donald Trump würde Gebrauchtautos verkaufen, Nestlé gar nichts und im HipHop stünden nicht biedere BlingBling-Rapper mit Gangstafassade ganz oben auf der Einkommensskala, sondern Manfred Groove. Hättewärewenngelaber. Vor zwei Jahren nämlich eroberte das Duo aus Berlin die Nische des Sprechgesangs mit einem Album, das vor Witz und Herz und schnodderigem Charme schier überlief; so richtig durchgebrochen ist es damit freilich nicht. Und das ist auch mit dem Nachfolger kaum zu erwarten. Wie gesagt – gerecht geht anders. Denn Blumen aus Wachs ist wie Ton, Scheine, Sterben so vielschichtig, dass man von keinem der 20 Stücke genug kriegt.

Schon das Intro Kunstgewordenes Tresengeschwätz überwältigt exakt mit dem, was der Titel verheißt, durch ein Feuerwerk getoasteten Tempos. Im anschließenden Runner’s High sorgen die Lyrics von Bottom Lip für Southeast L.A.-Appeal, Und der Wettermann folgt trashig, Humphrey Bogart raucht derbe, Mannimachen funky, alles zusammen bildet ein schillerndes Panoptikum getragener Beats, die YellowCookies unter die proklamatorischen Raps von Milf Anderson legt. “Zu viel Kardeshian, zu viel Youporn / ich bin völlig abgenutzt” klagt er zu nostalgischem eins, zwo-Geplödder und rät: “Komm wir reißen alles ein und bauen alles neu”. Danke dafür, Manfred Groove, bitte weitermachen.

Manfred Groove – Blumen aus Wachs (Rummelplatz Musik)

Sequoyah Tiger

Kennt irgendjemand noch die unvergesslich süffige Goombay Dance Band? Das karibisch angehauchte Schlagerpop-Orchester aus dem kühlen Hamburg blies Anfang der Achtziger ja eine schwül-warme Urlaubsbrise durchs Traumschiff-Land. Und verglichen damit war Easy Listening hart wie Heavy Metal. Warum das an dieser Stelle der Rede wert ist? Weil es ausgeschlossen sein sollte, die Verantwortlichen von Sun of Jamaica zur Referenzgröße einer Tonträger-Empfehlung zu machen. Eigentlich. Denn Sequoyah Tiger mögen nach dem westdeutschen Wohlfühlsound klingen, wenn Steeldrum und Marimba durchs Debütalbum von Leila Gharib aus Verona hallen; und dann schwingen auch noch ihre Landsleute Oliver Onions mit, die einst den Haudrauf-Quatsch von Bud Spencer vertont haben.

Aber natürlich ist da noch etwas mehr an Parabolabandit, das all dies auf hochinteressante Art und Weise kontrastiert. Ein zappeliger Breakbeatsteppich zum Beispiel, der sich über den vollsynthetischen LoFi-Pop dieser kleinen Albumperle legt. Und weil Gharibs verhuschter Gesang in ihrer sympathischen Nuscheligkeit einer weiblichen Version von Beck gleicht, wirken die zehn aneinandergereihten Stücke trotz der mitunter fiesen Alleinunterhalteraura oft seltsam ergreifend. Schlechter Geschmack kann so unterhaltsam sein.

Sequoyah Tiger – Parabolabandit (Morr Music)

Morrissey

Darf man, muss man womöglich die Kunst an der politischen Attitüde des Künstlers bemessen? Ist ein Werk schon deshalb kritikwürdig, weil der Verantwortliche dahinter rechtspopulistisches Gefasel von sich gibt? Bei brachialen Knallchargen wie Böhse Onkelz oder Frei.Wild stellt sich die Frage nicht, da sie ungeachtet ihrer geistigen Reife einfach miese Musik machen. Bei einem Ausnahmetalent wie Steven Patrick Morrissey hingegen führt der Versuch, sie zu beantworten, zielsicher ins Jammertal des Sowohlalsauch. Seit Jahren schon äußert sich der Godfather des Britpop bedenklich positiv zum neoliberal-nationalistischen Mainstream seiner Heimat und gibt sich als Fan von Margaret Thatcher bis Nigel Farage. Was das mit seiner neuen Platte zu tun hat? Alles. Und nichts.

Denn sein 16. Soloalbum Low In Highschool ist wie immer ohne die legendären Smiths zur Seite von grandioser Nonchalance. Mit nöliger Stimme seziert er alles, was die Welt von Brexit bis Bürgerkriege, von Armut bis Reichtum bewegt. Und die meisten der zwölf Songs klingen dabei gewohnt souverän, mit dieser unvergleichlichen Dringlichkeit im Ausdruck und herausragenden Indie-Arrangements ringsum. Nur: Jedes Stück atmet eben auch den Alterskonservatismus eines 58-Jährigen, dessen Sozialkritik schon immer im Schatten seiner Ansichten stand. Die frühe Singleauskopplung Spend The Day In Bed zum Beispiel klingt oberflächlich nach einer eleganten Kritik am Hamsterrad Kapitalismus, ist aber eine Suada gegen Lügenpresse und Systemparteien. Die Empfehlung lautet daher: Wem die Sicht eines Künstlers egal ist: unbedingt anhören! Alle anderen: Finger weg!

Morrissey – Low in Highschool (BMG)


Eidinger/Slaughter Beach, Dog/Knyphausen

Lars Eidinger

Matthias Scheighöfer tut es Juliette Lewis auch, David Hasselhoff tut es und Axel Prahl auch, Jan Josef Liefers tut es und seine Frau Anna Loos sowieso, Bruce Willis und Kylie Minogue, Ryan Gosling oder Tom Schilling – sie alle haben ihre Popularität als Schauspieler oft mehr schlecht als recht zu populärer Musik und damit noch mehr Geld, noch mehr Ruhm, noch mehr Geld gemacht. Und jetzt also Lars Eidinger, einer der wirklich Großen in Film & Fernsehen deutscher Herkunft. I’ll Break Ya Leg heißt sein Debütalbum, und es drängt sich der Verdacht auf, da nutzt mal wieder ein Darsteller seine Berühmtheit, um sich auch noch vorm Boxenturm zu profilieren. Welch ein Irrtum!

Ebenso wie die wenig gelungenen Ausnahmen von Nora Tschirner bis Klaas Heufer-Umlauf schafft es Lars Eidinger, an seiner schauspielerischen Existenz vorbei einen Tonträger vorzustellen, der unabhängig vom Namen dahinter funktioniert. Vielleicht liegt es daran, dass der Theaterberserker aus Berlin die elaborierte Mischung aus Instrumental HipHop und grummelnder Electronica zum Teil schon während seiner Schauspielausbildung vor fast 20 Jahren aufgenommen und nun digital überarbeitet hat. Dezente Breakbeats plöddern da durch einen DIY-Sound im LoFi-Tempo, dass man die elf Stücke in Endlosschleife hören kann, ohne dass auch nur einer davon auf die Nerven geht. Das der Künstler dahinter Eidinger heißt? Eigentlich total egal…

Lars Eidinger – I’ll Break Ya Leg (!K7 Records)

Slaughter Beach, Dog

Jake Ewald ist ein Typ, mit dem man gern an der Bar sitzen würde, um die Zeit zu vertrödeln. Noch ein Bier, bisschen Quatschen, auch mal Schweigen, nicht zwingend geistreich, aber sehr amüsant – wie seine Musik. Seit Modern Baseball pausiert, konzentriert sich der Gitarrist aus Philadelphia auf die Momentaufnahmen des Solo-Projekts Slaughter Beach, Dog. Und wie bei dessen Debüt Welcome klingt der Nachfolger Birdie mehr nach Freizeit als Arbeit. Schließlich will Ewalds Powerfolkpop weder virtuos klingen noch außergewöhnliche Storys ersinnen. In seinen zehn Erzählungen aus dem Fantasiedorf Slaughter Beach muss es sich daher nicht mal reimen.

Falls aber doch mal „Ashtray“ auf „Birthday“ folgt oder in Garden and Green angenehm unklar bleibt, ob da jemand Hanf anbaut oder völlig harmlos vom Garten vorm Elternhaus der eigenen Kindheit berichtet, stellt sich sofort dieses angenehme Tresen-Gefühl ein, eher wenig zu wollen und doch fast alles zu kriegen. Hier ein paar genügsame Country-Riffs, da etwas aufgeregtes Westcoast-Gejuchze. Reduziertes Schlagzeug, viel Schlendrian. Es ist ein Album für den Freitagabend, das Wochenende vor Augen. Noch ein Bier, bitte.

Slaughter Beach, Dog – Birdie (Big Scary Monsters)

Gisbert von Knyphausen

Pop-Poeten: Seit Jan Böhmermanns Suada gegen die Fake-Empathie von Max Giesinger bis Philipp Poisel ist das ein vergiftetes Lob – findet die Subkultur, findet ihr Feuilleton, findet Gisbert zu Knyphausen ganz und gar nicht. Der Songwriter lobt lieber die „schöne Alliteration“ und räumt ein, auf poetischen Pop mit eingängigen Refrains zu stehen. Unter einer Bedingung: „Wenn sie textlich übers reine Wohlfühlen hinausgeht.“ Das sollte wissen, wer sein neues, drittes Album hört. Sieben Jahre sind seit dem zweiten vergangen, dazu ein Duett mit Nils Koppruch, aber auch dessen Tod. Genug Leben und Sterben also, um die tiefgründige Melancholie seiner Schmusestimme mit Schwermut aufzuladen. Oder?

Weit gefehlt! Das Licht dieser Welt ist Gisbert zu Knyphausens bislang leichtestes, fast beschwingtes Werk. Während der zutiefst unaristokratische Adelsspross früher bei spärlicher Instrumentierung gern mit seinem Trübsinn allein war, klingt er nun heiter, gelöst, opulenter. Im Uptempo-Stück mit dem vielsagenden Titel Unterm hellblauen Himmel etwa rennt sogar fröhlich ein Bläser unterm Großstadtfolk hindurch und gibt damit die Stimmung vor: Das Trauern hat ein Ende, es lebe das Leben. So macht Pop-Poesie echt Freude.

Gisbert von Knyphausen – Das Licht dieser Welt (PIAS)


We Are Aust, Bootsy Collins, Baxter Dury

We Are Aust

Wer hinter Masken steckt, hat gemeinhin was zu verbergen oder macht furchtbar einen auf dicke Hose. Drei Viertel der Berliner Band Aust, die vor ihren Namen offenbar kürzlich We Are gesetzt haben, um sich von ein paar Schweizer Kollegen zu unterscheiden, treten nur seltsam vermummt auf. Ob das nun mit Geheimnistuerei zu tun hat oder doch eher mit dem Drang zur Effekthascherei sei mal dahingestellt. Aber was die Hauptstadtkarnevalisten im Hintergrund der unverkleideten Sängerin Olivia Gruschczyk musikalisch veranstalten, ist zugleich mysteriös und aufdringlich, aber sehr sehr unterhaltsam. Masken hin, Masken her. Wobei schwer zu sagen ist, was genau auf dem selbstbetitelten Debütalbum eigentlich genau zu hören ist.

Im Kern ist We Are Aust waviger TripHop, der allerdings anders als im Genre üblich mit diversen, oft funkensprühenden Spielereien aufgepumpt wird, bis es fast platzt. Bläser und Grandezza, Technoflächen und Popgedaddel, viel Bass, noch mehr Synthieraunen und im grandiosen Titelstück sogar mal eine Sechzigerjahre-Hammondorgel – andauernd passiert irgendwas Unerwartetes im Downbeat. Gut, manchmal passiert sogar ein bisschen viel und das dunkle Timbre von Olivia klingt nach Shakira. Oft aber ist es einfach so angemessen überfüllt, dass We Are Aust zu einer der tanzbarsten Erscheinungen zeitgenössischen Wave-Sounds werden.

We Are Aust – We Are Aust (RAR)

Bootsy Collins

Es gibt drei Sorten Popstar, die auch im Rentenalter noch den Fummel ihrer wilden Jahre tragen dürfen, ohne dass es peinlich wird. Kompromisslose Freaks, stilsichere Nostalgiker und beider Quintessenz: Bootsy Collins. Der markenbewusste Exzentriker aus Ohio hat den Soul schließlich schon als Bassist von James Brown mit schrillem Glamour zum Funk veredelt und in seiner Formation Funkadelic sodann zum Durchdrehen gebracht. Heute ist der Plateausohlenträger mit dem Sonnenbrillentick weiter dort, wo er vor gut vier Jahrzehnten begann. Und so viril, virtuos, so hingebungsvoll irre wie er seinen Funk mit – Happy Birthday! – exakt 66 noch zubereitet, sei ihm die überdrehte Aufmachung verziehen.

Auf seiner mittlerweile zwölften Soloplatte schafft es dieser Bootsy Collins mit zwei Dutzend Kollaborateuren verschieden großer Prominenz, eine Art Glossar sämtlicher Spielarten des Word Wide Funk – so lautet der Titel – zusammenzustellen. Und da bleibt definitiv kein Auge trocken, kein Bass ungeslappt, kein Genre unkommentiert. Alles für alle und zwar auf einmal. Allein das mitreißende Hot Saucer vereint HipHop feat. Big Daddy Kane mit Zackengitarrensoli und saftigem R’n’B zu einer kleinen Zeitrafferreise durchs halbe Metier. Ein Album wie der Funk selbst – tosend, fröhlich, grell, Bootsy.

Bootsy Collins – World Wide Funk (Mascot Records)

Baxter Dury

Wenn hingegen Baxter Dury eines nicht ist, dann tosend, fröhlich, grell oder sonst irgendetwas in Richtung funky. Daran ändert auch herzlich wenig, dass er seine verstiegen schönen Cockney-Erzählungen auf der neuesten Platte erstmals in ein unverhofft orchestrales Gewand hüllt. Hatte sich der Songwriter zuvor meist mit relativ wenig Brimborium umgeben, entfaltet Prince of Tears daher manchmal fast sinfonische Wucht. Dichte Schwaden windschiefer Geigen wehen durch viele der zehn Spoken-Word-Konstrukte. Geisterhafte Orgeln umnebeln die getragene Langsamkeit. Und so geht es immer und immer weiter auf diesem erstaunlichen Album.

Ständig durchstechen flatterhafte Gitarren den Backgroundgesang von Madelaine Hart. Und wenn der Sleaford Mod Jason Williamson dem Sohn der Siebziger-Ikone Ian Dury in Almond Milk mit ein paar Brocken Entrüstung seine Referenz erweist, wird der Freakpop des 45-Jährigen  noch ein bisschen reicher an Aberwitz. Er übersättigt das Album jedoch nicht mit Selbstgefälligkeit, gar Redundanz, sondern sorgt für große Spannung mit ein bisschen Spaß. Trotz der todessehnsüchtigen Stimme lungert Baxter Dury also wieder sehr lässig zwischen den Stühlen von Post Punk und New Wave herum.

Baxter Dury – Prince of Tears (PIAS)

 


Siinai, Sequoyah Tiger, Jonas Alaska

Siinai

Der ganz hohe Norden erstart die meiste Zeit des Jahres im Anmut einer Kälte, die so trocken ist, so beharrlich und streng, dass sie Einfluss auf praktisch alles nimmt, was Menschen dort tun. Man muss sich nur mal einen Großteil isländischer Musik anhören, um die karstige Aura zu verstehen, der sie entspringt. Auch in Finnland gebiert das raue Klima seltsame Soundmuster, von denen Dark Metal besonders eindrucksvoll ist. Ein anderes klingt wie Siinai. Das Quartett aus Helsinki macht instrumentelle Sinfonien von epischer Breite, und ihr neues Album Sykli klingt nicht ohne Grund wie die Quintessenz der beiden Bands, aus denen die Mitglieder stammen: Zebra and Snake und Jonsuu 1685, Synthiewave und Krautrock, nur noch sehr viel flächiger.

Nachdem Siinai bereits zwei Konzeptalben zum Thema Olympische Spiele in Leni-Riefenstahl-Ästhetik und einer hypnotischen Reise durch die Gänge eines fiktiven Supermarktes kreiert hatte, erkunden Sykli nun vorgeblich den Zyklus des Lebens. Und es wirkt dabei ein bisschen, wie Godfrey Reggios berühmte Parabel vom Wechselspiel zwischen Mensch und Natur in Koyaanisqatsi. Fünf dicht gewobene Ambient-Teppiche begeben sich auf die Reise durch unser Innerstes und landen dabei im Geräuschstaubsauger des finnischen Winters. Das Ergebnis ist eine oft fiebrige, meist geruhsame, stets ergreifende Synthie-Epik mit analogen Mitteln, der man sich unmöglich entziehen kann. Der perfekte Soundtrack zur kalten Jahreszeit.

Siinai – Sykli (Svart)

Sequoyah Tiger

Kennt irgendjemand noch die Goombay Dance Band? Das karibisch angehauchte Poporchester aus Hamburg blies Anfang der Achtziger eine schwül warme Urlaubsbrise durchs Traumschiff-Land. Verglichen damit war Easy Listening hart wie Heavy Metal. Warum das an dieser Stelle der Rede wert ist? Weil es ausgeschlossen sein sollte, die Verantwortlichen von Sun of Jamaica zur Referenzgröße einer Tonträger-Empfehlung zu machen. Eigentlich. Denn Sequoyah Tiger mögen nach dem westdeutschen Wohlfühlsound klingen, wenn Steeldrum und Marimba durchs Debütalbum von Leila Gharib aus Verona hallen; und dann schwingen auch noch ihre Landsleute Oliver Onions mit, die einst den Haudrauf-Quatsch von Bud Spencer vertont haben.

Aber natürlich ist da noch viel, viel mehr am fluffig verspielten, großkotzig minimalistischen Parabolabandit, das all dies auf hochinteressante Art und Weise kontrastiert. Ein zappeliger Teppich aus Breakbeats und Kinderzimmerpercussion zum Beispiel, der sich über den vollsynthetischen LoFi-Pop legt wie ein Drumpad auf Speed. Und weil Leila Gharibs verhuschter nachhalllender Gesang einer weiblichen Version von Beck gleicht, wirken die zehn Stücke trotz der fiesen Alleinunterhalteraura oft seltsam ergreifend. Schlechter Geschmack kann so unterhaltsam sein.

Sequoyah Tiger – Parabolabandit (Morr Music)

Jonas Alaska

Ach, wenn Angst doch immer so optimistisch klingen würde wie bei Jonas Alaska, dann hätten wir vielleicht ein paar Sorgen weniger, die der wachsende Freihandel mit diesem Gefühl erzeugt. Auf seinem dritten Album, so haben findige Hörer herausgefunden, enthält jeder der zehn Songs mindestens einmal das Wort “Fear”, was durchaus mit dem depressiven Tonfall zu tun hat, dessen sich der Norweger für sein Singer/Songwriting bedient, das er nicht nur selbst produziert, sondern auch nahezu alleine einspielt. Und ein Stück wie All Coming Down Today verströmt dann auch musikalisch schon mal Trübsinn. Aber ansonsten? Ist Fear Is A Deamon weit weniger verängstigt als der leicht depressive Titel nahelegt. Im Gegenteil.

Jonas Alaska mag die ein oder andere Geige wimmern lassen. Und das Klavier sorgt derart getupft ebenso wenig für Frohsinn wie die Mundharmonika ganz am Ende. Darüber hinaus aber sind seine dahingehauchten Kurzbeschreibungen der Schwierigkeit, unfallfrei durch dieses Arschloch namens Alltag zu kommen, vielfach von schlichtem Glanz mit Hang zum trotzigen Scheißegal. Kiss Me In The Backseat zum Beispiel erinnert eher an eine Powerpop-Therapie als den die nostalgische Wehmut des Textes. Und wenn das vielschichtige Diamond In The Shadow David Bowie seine Referenz erweist, sprüht der getragene Folkpop fast schon Funken. Ein fantastisches Album für den Übergang zwischen Sommer und Winter, bei dem das Herz festen Halt sucht. Hier wird es fündig.

Jonas Alaska – Fear Is A Deamon (Braveheart Records)