Zweiraumsilke, Friedrich Sunlight, Hot Chip

Zweiraumsilke

Wer je dachte, die Neunziger seien Geschichte, weil sie selbst dort vor allem genervt haben, der muss gerade nur mal über Ballonseide die Leggings abwärts auf dicksolige Buffalos blicken und spontan auf die Bundfaltenhose kotzen. Angesichts dieser revisionistischen Stilistik-Attacke ist es natürlich auch kein Wunder, dass HipHop wieder mal mit robustem Rock vermischt wird, weißer Prollfunk den schwarzen Sprechgesang erobert und Easy Listening durch aasige Schmuseraps schlingert. Klingt nostalgisch? Stimmt! Allerdings auch sehr unterhaltsam – wenn sich ein Freundeskreis aus Bayern mit dem ulkigen Namen Zweiraumsilke im Schlamm von gestern suhlt.

 

Das elfköpfige Kombinat ums Stimmdoppel Rita Bavanati und Christian Emmel macht herrlich aufgeblähten Orchester-HipHop mit mal ernsten, mal ulkigen, aber immer sehr diskursfreudigen Texten, die dem Genre frischen Wind durch die Festivalsaison pusten. “Denn ich mach jetzt Smoothies und Wellness/ anstatt Droofies und Wellblech / tausch jetzt stressige Tage / gegen Fußreflexzonenmassage” erzählen sie E-Gitarren-flankiert und bringen damit schon im Titeltrack gut zum Ausdruck, worin angemessen linke Bands heutzutage feststecken: Alles muss nice sein, aber eben auch bedeutsam. Hergestellt vom Seeed-Produzenten Kraans de Lutin, klingt Detox nach beidem. Nur ohne Offbeats und Chartsappeal. Zum Glück.

Zweiraumsilke – Detox (Musik ist Weltsprache)

Friedrich Sunlight

Aber wenn wir schon beim Thema Retrosound sind, dann doch bitte in ultimativer, konsequenter, allerletzter Konsequenz, wie sie Friedrich Sunlight vornimmt, eine Band, die seltsamerweise auch aus Bayern stammt, ihre Nostalgie allerdings mit einer spielerischen Leichtigkeit vollführt, als gäbe es ringsum nicht überall Lederhosen und Rassismus. Wie schon auf ihrem selbstbetitelten Debütalbum vor knapp drei Jahren zelebriert das Quintett aus Augsburg einen Schlagerpop im Sixties-Gewand, der praktisch ohne Peinlichkeit zu Herzen geht und dort ein bisschen im Alterskonservatismus hamburgerschulgeprägter Diskurspopveteranen rührt.

Zu Kenji Kitahamas androgyn verwackelter Stimme mäandert Sag es erst morgen abermals mit grandioser Nonchalance durchs Caféhaus unserer aufgewühlten Seelen, die sich manchmal eben doch nach etwas uncooler Besinnung sehnen, ohne dafür gleich vom angesagten Hafenviertel in den Speckgürtel ziehen zu müssen. Pianogeplauder, Streicherkaskaden, Stadtfolkgitarre und ein Schlagzeug von verblüffend unaufdringlicher Dynamik machen die Reise in gedanken(nicht: sorg)losere Zeiten dabei so leicht wie einen Sommerausflug ins Grüne, der einem die inneren Akkus randvoll auffüllt. Das Gestern kann sehr angenehm nach Gegenwart klingen.

Friedrich Sunlight – Sag es erst morgen (Tapete)

Hype der Woche

Hot Chip

Und auch wenn, der Vergleich zweier Bands aus Bayern vor eher provinziellem Background mit einer der ganz großen Abräumer des globalen Pop irgendwie vermessen klingt: ihre ausgestellt arglose Aura teilen Friedrich Sunlight und Zweiraumsilke durchaus ein wenig mit Hot Chip. Gut, die fünf Londoner machen weltweit gefeierten Elektropendent der auch in siebter Studiofassung massenkompatibler ist als die zwei deutschen Bands allenfalls im eigenen Umfeld. Dennoch teilt A Bath Full Of Ecstasy (Domino) deren selbstreferenzielle Lässigkeit – dickt sie aber natürlich mit einer High-End-Produktion an, die auf jedem Dancefloor der Erde vom Kopf über den Bauch in die Beine geht und von dort aus Kauf-mich-Impuls zurück nach oben feuert. Melancholie klingt halt selten enthusiastischer als in Alexis Taylors synthiefunkumflatterten Gesang.

Advertisements

K.O.G., The Gotobeds, Denzel Curry

K.O.G. & The Zongo Brigade

Folklore ist auch nicht mehr, was sie mal war. Träumte man sich damit einst in eigene oder exotische, also heimische oder fremde Welten, dient sie im zitierfreudigen Turbopop oft nur als Stichwortgeber selbstfreferenzieller Vielschichtigkeit – ein Schicksal, das besonders afrikanischen Sounds zuteil wird, die als purer Ethnosound jenseits seiner Ursprünge schlichtweg nicht anschlussfähig sind. Vielleicht liegt es also, dass eurozentristisch geschulte Ohren erstmal mit K.O.G. fremdeln. Allerdings nur ganz kurz.

Hinterm Kürzel von “Kweku of Ghana” verbirgt sich nämlich der Sheffielder Klangvisionär Kweku Sackey, der mit dem jamaikanischen Rapper Franz Von und einer vielköpfigen Band namens Zongo Brigade ein amerikanisch inspiriertes Futurefunk-Fundament unter treibende Afro Fusion legt und die Basis auf dem Umweg des Überbaus gewissermaßen mit sich selbst versöhnt. Heillos aufgetakelt mit Bläsern, HipHop und Percussion in wild wechselnden On/Offbeat-Kreiseln, ist das Debütalbum Wahala Wahala ein tolles Feuerwerk des kosmopolitischen Durcheinanders und einfach grandios.

K.O.G. – Wahala Wahala (Pure Vida Sounds)

The Gotobeds

Ob es unter den Abermilliarden The-Bands der Musikhistorie eine gibt, deren Name fluffiger ist als The Gotobeds, bleibt Geschmackssache, aber was das Rootspunk-Quartett aus der verrosteten Stahlstadt Pittsburgh macht, ist nicht annähernd so schläfrig wie sein Label. Auch auf dem dritten Album Debt Begins at 30 klingt der Garagensound nach den Ursprüngen ihres Metiers im britischen Kohlegürtel, hat sich aber angemessen von dessen ungewaschener Dilettanz verabschiedet.

 

Das Besondere am Sound von Cary, TFP, Eli and Gavin ist allerdings weniger die Modernisierung eines nostalgischen Sounds, als vielmehr, dass weder das Gestern noch das Heute Deutungshoheit für sich beanstprucht. Während der Opener Calquer The Hound zum Beispiel nach einer misanthropischen Fusion aus Clash und Shellac klingt, scheppern die Gitarren auf Poor People Are Revolting fast noisig, ohne bloß Krach zu machen. Alles in allem ein unfassbar stimmiges Album einer Band, die sich keiner Zeit zuordnen lässt. Und will.

The Gotobeds – Debt Begins at 30 (Sub Pop)

Hype der Woche

Denzel Curry

Mit Anfang 20 ein aufstrebendes Genre geprägt zu haben, ist ja schon mal was. Diesem Genre dabei in drei Jahren vier Alben hinzuzufügen, ist sogar noch viel mehr. Ihm auch, nachdem es bis zum Rand der akustischen Folter ausgewalzt wurde, noch Impulsen zu geben – im Durchlauferhitzer Cloud Rap grenzt das an ein Wunder. Eines, das Denzel Curry auf Zuu (PH Recordings), dem neuen Longlplayer im Fachgebiet des sphärischen HipHop, spielend vollbringt. Wie so vieles aus der virilen Szene in Florida, verzichtet auch Curry zwar nicht auf ein, zwei “Niggers” pro Punchline, aber auf die nervigen Bass-Kanonaden des Trap und schafft in der Mitte dieser maßgeblichsten aller aktuellen Sprechgesänge ein vielschichtiges, meinungsstarkes, bedeutsames weil unberechenbares Album. Man lernt dabei viel übers Lebensgefühl randständiger Existenzen in den USA, kann sich aber auch gut die Birne wegkiffen und durch den Wald tanzen.


Skinny Pelembe, J-E-T-S, Rammstein

Skinny Pelembe

Es gibt, wenn man es mal aufs Wesentliche reduziert, zwei Ansätze des musikalischen Zugangs: Läuft irgendwie von alleine rein oder benötigt ein wenig Eigenleistung. Zwischen diesen zwei Polen spielt sich von Volksschlager bis Grindcoremetal im Grunde alles ab. Da ist es umso verblüffender, wenn Künstler wie Skinny Pelembe auftauchen, der seinen multipolaren Pop aus Tausend Quellen in ein Meer der Vielfalt fließen lässt, das wahlweise eiskalt oder brühwarm ist, wenn man seinen großen Zeh kurz hineinsteckt, nach dem ersten Schock aber angenehm wie ein isländischer Hotpot im Schneegestöber wirkt.

Insofern ist der Titel seines neuen Albums Dreaming Is Dead Now mindestens missverständlich. Sobald man dem Johannesburger Klangforscher nämlich in seine variantenreiche Welt analoger und digitaler Soundkonstruktionen folgt, begibt man sich in eine Traumwelt, in der es manchmal schrill und kantig, manchmal watteweich, aber fast immer irgendwie einladend zugeht. Mit Ethnoelectronica wäre dieses Konglomerat globaler Einflüsse demnach zu kurz umschrieben. Skinny Pelembe macht Musik fürs Gemüt in seiner unermesslichen Komplexität. Nur einschlafen kann man in diesem Traumland nicht. Dafür ist es dann doch zu aufgekratzt.

Skinny Pelembe – Dreaming Is Dead Now (Brownswood Recordings)

J-E-T-S

Wie aufgekratzt das Debütalbum einer bemerkenswerten Kollaboration der Generation Electrofunk ist, erschließt sich hingegen erst, wenn man ein paar echt softe Tracks von Zoospa durchdrungen hat. Gebastelt von Jimmy Edgar und Machinedrum, die sich auf den Vorzeigelabels Warp oder Ninja Tune zu Vorreitern der experimentellen Tanzmusik gemacht haben, schleicht sich die Platte mit ein paar angenehm verzerrten, am Ende aber doch ganz schön geschmeidigen R’n’ B-Avancen ins Gemüt des Mainstreams – bevor die zwei Briten mithilfe exzellenter Gastmusiker irgendwann doch tief in den Werkzeugkasten digitaler Verwirrungstaktik greifen.

 

Unterm Projektnamen J-E-T-S, je nach Bedarf mit Punkten, Strichen oder puristisch geschrieben, franst Zoospa zur Mitte hin in stark divergierenden HipHop aus, der dank Mykki Blanco in Play extrem trippig klingt, dank Tkay Maidza in Real Truth irgendwie roboterhaft und dank der Begabung, im Absurden nach Sinn zu suchen oder umgekehrt in Stücken von Hyper Hibernate über Q Natural bis Water and Stone ohne Feature-Stars wie ihr eigenes Samplingprogramm, das Harmonien mit großer Spaß am Zerstören erst dekonstruiert, dann neu konstruiert und damit Clubmusik der allerbesten Sorte schafft.

JETS – Zoospa (Innovtive Leisure)

Hype der Woche

Rammstein

Davon ist ein präkambrisches Erdbeben, das sich von Deutschland aus über den ganzen Globus verbreitet und vermutlich selbst auf den Osterinseln am gegenüberliegenden Ende noch für Eruptionen sorgt, natürlich weit entfernt: Rammstein haben nach zehn Jahren ihr siebtes Album (Vertigo) gemacht, und weil es die Band einerseits mit neuer Wucht in die Gegenwart katapultiert, andererseits aber aufs brachiale Grundgerüst der ersten zwei Platten zurückführt, heißt es schlicht wie das Sextett in unverbrüchlicher Originalbesetzung. Abgesehen vom gewohnt provokanten Ankocher der vorab lancierten Single Deutschland mit etwas KZ-Ästhetik im Macho-Gehabe klingt Rammstein also elf Stücke lang wieder wie Rammstein, als der Mob des Mainstreams nicht nach mehr Popmechanik verlangte. Radio zum Beispiel ist ursprünglicher Marsch-Rock, den Flakes Kammerflimmern zerstäubt. Ausländer geht mit Engelszungen um was ganz anderes und auch wieder nicht. Tattoo pudert der eigenen Klientel ähnlich derbe den Hintern. Und zwischendurch geht es in Sex um klaustrophobische S/M-Fantasien, die niemand so kehlig serviert wie Til Lindemann. Ein Fazit? Kein Fazit! Rammstein ist wieder Rammstein bleibt weiter Rammstein nervt uns mit Rammstein, ernährt uns mit Rammstein. Auf ewig.

 

 


Jamila Woods, Holly Herndon, Get Up Kids

Jamila Woods

Was es heißt, als farbige*r Künster*in im Umfeld weißer Dominanz aufzuwachsen, in einem Land zumal, dass sich auf dem Weg zur Gleichberechtigung auf halber Strecke rückwärts bewegt, statt vorwärts – wer also um die Ignoranz der Mehrheitsgesellschaft weiß, neigt noch stärker als die dazu, sich seiner Wegbereiter zu besinnen. Nachdem ihr erstes Album Heavn noch aus sich selbst zu kommen schien, widmet die politisch bewusste Sängerin Jamila Woods das zweite daher musikalischen Urahnen, ohne die sie – unabhängig von deren Hautfarbe – nicht wäre, wo sie ist. Der Titel lautet folgerichtig Legacy! Legacy! und dekliniert diesen Erbteil Vorname für Vorname durch.

In ZORA zum Beispiel setzt der afroamerikanischen Literaturikone Zora Neale Hurston ein sanft mäanderndes Soul-Denkmal aus dem dunstigen Hallraum des R’n’B. Mit milchigen Funk-Avancen huldigt sie kurz darauf FRIDA (Kahlo), in SONIA (Sotomayor) der lateinamerikanischen Bundesrichterin durch eleganten HipHop im Fugees-Style. Bei MILES (David) wird es wenig überraschend jazzig, durch MUDDY (Waters) weht eine verwitterte E-Gitarre. Und wenn die Aktivistin aus Chicago BALDWIN beehrt, klingt es schon deshalb so vielschichtig wie wahre Freundschaft, weil es um ihren Mann Jimmy geht. Was aber all die Hommages vereinigt: Jamila Woods kann betörend singen, betreibt aber nie Stimmakrobatik, sondern Gesangskommunikation. Gespräche zum Tanzen.

Jamila Woods – Legacy! Legacy! (Jagjaguwar)

Holly Herndon

Jamila Woods’ Landsfrau Holly Herndon dagegen unterhält sich auf ihrer neuen Platte mit niemandem. Ihre digital zerhechselten Vokalfragmente sind weder Kommunikation noch Gesang, ja im Grunde genommen nicht mal Teil einer kongruenten Sprache. Mit einer selbst entwickelten Voice-Processing-Technik montiert die Feldklangforscherin mit Doktorinnengrad der Philosophie Stimmfetzen mit Orchesterelementen zu einer Musik, die so selbst auf ihren vorherigen Arbeiten seit 2012 noch nie zu hören war. In einer Mischung aus Field Recordings und Bigbeat-Electronica erkundet die Wahlberlinerin aus Tennessee die Abseiten des Avantgarde-Pop. Und wird dabei fündig.

Das Thema auf PROTO ist dabei das Künstliche menschlicher Wesenszüge, artifizielle Intelligenz, Verfremdung und Rückaneignung. Die meisten der 13 Stücke klingen demnach wie wahllos zusammengewürfeltes Durcheinander, in dem Holly Herndon nach Struktur sucht und doch nur weiteres Chaos findet. Wer sich jedoch wirklich in ihr drittes Album hineinhört, womöglich gar fallen lässt, entdeckt darin die Schönheit vollsynthetischer Choräle und Sinfonien, denen offenbar kein Helicopterproduzent auf Zwang eine Richtung geben durfte. Der Begriff Harmonie erweist sich dabei als Chimäre unserer verbildeten Konsumhaltung. Hier ist alles Energie, Organik und dabei zum Niederknien fantasievoll.

Holly Herndon – PROTO (4AD)

Hype der Woche

The Get Up Kids

Nein, über The Get Up Kids muss man ein Vierteljahrhundert nach ihrer Gründung als Emo-Garagenband in Kansas City nicht mehr viel sagen. Nicht, dass es immer ein bisschen heikel ist, wenn gealterte Skaterkids den selben ewig jungen Skaterkidpunk machen. Nicht, dass man besonders diesem Quintett ewig befreundeter Fourtysomethings irgendwie selbst ein Comeback aus Gründen der Geldnot gönnen würde. Nicht, dass der Sound ihres neuen Albums Problems (Big Scary Monsters) gebraucht klingt. Es ist einfach viel zu schön, Matthew Pryor dabei zuzuhören, wie er zu fröhlich geschredderten Fuzzgitarren unverdrossen vom Erwachsenwerden erzählt, das bei ihm auch auf den acht Alben zuvor so aufrichtig männerbewegt sympathisch klang, als sei er der einzige Kerl auf einer feministischen Poolparty. Nicht neu, nicht alt, nicht weltbewegend, nicht banal, einfach ewig The Get Up Kids.


Decibelles, Flamingods, Spelling

Decibelles

Angeschnauzt werden will ja eigentlich selbst dann niemand so richtig gerne, wenn ein wenig Distanz zwischen Absender und Adressat des Anschnauzens liegt. Wer sich das zweite Album der Decibelles anhört, spürt zudem sogar fast physisch, wie die Spucke durch den Raum fliegt – so derart ruppig schnauzt uns das Punktrio aus Lyon an. Und dann klingen dessen Riffs auch noch ein bisschen wie die dauernden Becken-Exzesse, ein einziger Hochfrequenzbrei, mit Schwung von der Bühnenkante ins Publikum geschleudert. Komisch, dass man sich dort trotzdem instinktiv hinsehnt wie auf ein eskalierendes Festival im warmen Sommerregen. Ist aber so.

Denn Rock Francais mag ein zwölfteiliger, punkgerecht dreißigminütiger Schlag in die Magengrube sein; was die zwei Jugendfreundinnen plus Kumpel aus Lyon da mit Gitarre, Bass, Schlagzeug und einem Gesang anstellen, der selten unter volles Brett brüllt, gilt nicht ohne Grund als Reinkarnation früherer Rrrriot Grrrls von Team Dresch bis Sleater Kinney mit ähnlich feministischem Furor, aber chaostheoretischer zubereitet. Mehr noch, als beim Vorgänger Tight nämlich schreddern Fanny, Sabrina und Emile ihren Hardcore mit Noise-Elementen, streuen aber auch immer mal wieder mal fast balladenartigen Edgy Pop à la Manger son Ex ein. So macht selbst Angeschnauztwerden doch Spaß.

Decibelles – Rock Francais (Surprise Records)

Flamingods

Nicht annähernd so brüllender Sound, aber ähnlich brillanter Name zu einer gigantischen Portion Aberwitz – das sind die Flamingods aus London. Nach einer epischen Weltreise durch alle Einflussfaktoren zeitgenössischer Musik, insbesondere in Afrika und Südamerika, wirft das Quartett auf seiner vierten Platte alles in die Klangschale, was Pop zu Pop macht, ohne Pop, also shallow, berechnend und blöde zu sein. Denn heillos überbrachtet mit Myriaden teils naturalistischer, teils hochtechnologischer Gerätschaften, filetieren Kamal Rasool, Charles Prest, Karthik Poduval und Sam Rowe das, was mal Weltmusik hieß, und machen daraus ein galaktisches Durcheinander.

Wie auf den Alben zuvor zeigt es sich Levitation als psychedelisches Discofunk-Kompendium, in dem alles möglich ist, aber nichts nötig, das bei aller Filigranität dem Chaos huldigt und doch nie manieriert, gar unfertig klingt. Schon der Opener Paradise Drive zeigt dabei, wohin die wilde Fahrt elf Tracks lang geht: auf einen Roadtrip entlang der Fahrbahnmarkierungen von Talking Heads bis Monster Magnet mit ein paar Abzweigungen Richtung Grizzly Bear, Foxygen, Tame Impala. Wer sich auf dem großvateralten Feld intrinsischer Rockmusik bewegt, muss mit Referenzgruppen leben; dennoch sind die Flamingods in ihrer synthiegemästeten Verschrobenheit einmalig. Ein bisschen zumindest.

Flamingods – Leviation (Moshi Moshi)

Spelling

Und wo wir grad beim Thema Psychologie sind: Auch Chrystia Cabral bewegt sich mit ihrem Projekt Spelling tief in den Abseiten ihrer eigenen Seele, dort also, wo selbst Fachleute nur mit Abertausend Sitzungen auf der Couch hingelangen. Wer sich ihr zweites Album Mazy Fly anhört, käme daher nie auf die Idee, sie würde aus der kalifornischen Bay Area stammen, wo selbst im Winter ständig die Sonne scheint und Strandpartys als Menschenrecht gelten. Eher schon verortet man den Sound im London der frühen Neunziger, als Bands wie Tricky oder Massive Attack aus HipHop und Electrowave konzentrierten Schwermut gemacht haben.

Dabei ist Mazy Fly gar nicht wesensmäßig, also grundsätzlich mies gelaunt; die getragenen, oft leicht opernhaften Arrangement klingen nur einfach, als seien sie in Opiumhöhlen auf Absinth entstanden und wühlen sich nun mühsam kriechend zurück ans Tageslicht. Golden Numbers zum Beispiel erinnert zwar an eine der düsteren Kellerkuren frühfreudscher Psychoanalyse, mit Wassertherapien und Zwingsessel; zugleich aber flirrt ein artifizielles Glockenspiel durch knapp drei Minuten, die fast ein wenige R’n’B verströmen, während Under the Sun kurz darauf eher nach Siebziger-Soundtrack als Trübsinn klingt. Trotz aller Drones und Cellos muss man darüber also nicht in Depression verfallen.

Spelling – Mazy Fly (Cargo)


Billy Zach, van Kraut, Ezra Collective

Billy Zach

Ob schlechte Stimmung stets übellaunig klingt und gute beschwingt – die Frage ist spätestens unbeantwortbar, seit selbst The Cure im quietschfidelen Dur über Jungs sangen, die nicht weinen. Als tiefdunkler Wave plötzlich glockenhell klingen durfte, war Max Zacherl zwar nur ein grobes Konzept in der Familienplanung seiner Eltern, aber irgendwie hat er den Paradigmenwechsel mit der Muttermilch aufgesogen. Unterm Kunstnamen Billy Zach kreiert der gebürtige Bayer 32 Jahre später im WG-Zimmer seiner Hamburger Wahlheimat einem Sound kreiert und auf handsigniertes Vinyl gepresst, der zugleich tiefschwarz und strahlend weiß ist, eine Art Gothic Light gewissermaßen mit Songs, die unter der düsteren Oberfläche schwingen wie analoger Rave in einer entweihten Kirche.

Schon der Opener Elite wirkt, als hätte sich Tom Waits mit The Cramps zum Surf Punk verabredet. Riot Circus verliert zwar an Tempo, nicht aber an Verve, bevor uns die Gitarrenproklamation Fights wie ein Tarantino-Soundtrack durch staubige Canyons treibt. Der Schlüsseltrack von Shallow aber ist das epische Where Am I. Mit seiner Reibeisenstimme singt Billy Zach missmutige Zeilen wie „Hate my life and live my hate / I am justified to share your rage“. Im solo eingespielten Rockinstrumentarium zu Betrachtungen seiner gentrifizierten Großstadt schwimmen sie aber in einen Fluss, der mal aufwallt, mal abschwillt, bevor er geruhsam ins Meer eines schräg-schönen DIY-Manifests mündet, das nur selten so trübsinnig ist, wie dunkler Wave schon längst nicht mehr sein muss.

Billy Zach – Shallow (self)

van Kraut

Ungleich fetter und, hüstel, professioneller produziert, aber in einem absolut artverwandten Duktus präsentieren van Kraut am gleichen Standort ihr zweites Album. Auch auf Zäune aus Gold ist die Atmosphäre so getragen wie im poetischen Hardcore von Messer bis Die Nerven üblich. Auch hier dominieren düstere Riffs ein flatterndes Gerüst kulturpessimistischer Grundstimmungen. Auch hier geht es alles in allem eher missmutig zu. Augenscheinlich. Untergründig jedoch mag Christoph Kohlhöfer die Gated Community des Glücks seiner Stadt als elitären Selbstbetrug entlarven also gegen Aufwertung, Kapitalismus, Bürgertum pesten. Es klingt nur nie misanthropisch, sondern allenfalls trotzig.

Sollte es für dieses gesanglich reduzierte, instrumentell aufgewühlte Gitarre-Schlagzeug-Duett, dem Tobias Noormann sehr klug pointierte Drums beisteuert, Referenzgrößen geben – man würde vermutlich irgendwo zwischen Ja, Panik und Fehlfarben fündig. Entscheidend aber ist, dass sich von Kraut nirgends anbiedern, wenn ihr getragener Postpunk den alten Wave des vergangenen Kalten Kriegs ins Jahrtausend des neuen transponiert. Das Resultat ist die meisten der neun Stücke lang zwar angemessen emotional, aber gottlob nie larmoyant oder frei von Selbstironie. Ein wirklich gelungenes Alternative-Album mit gelegentlichem Potenzial zur Bauwagenplatzpartybeschallung.

von Kraut – Zäune aus Gold (DIAN Recordings)

Ezra Collective

So ganz ganz anders, weil ganz ganz lebensbejahend und dabei ganz ganz wunderbar ist hingegen das Ezra Collective. Im Lichtkegel der UK Jazz Invasion, die den angestaubten Distinktionssound ergrauter Professoren und Anwälte gegenwarts-, also poptauglich macht, vermengt das Quintett aus London 2000 Jahre Jazzhistorie mit HipHop, Afrobeat, Ska, Funk, Soul und etwas Grime zu einer Melange, die vom Ohr übers Gehirn ins Herz durch den Schritt Richtung Beine geht und dort für Bewegung sorgt. Befeuert vom Schlagzeug des Bandleaders mit dem fabelhaften Namen Femi Koleoso ist das Debütalbum You Cant’t Steal My Joy demnach mehr als ein Mashup verschiedener Stile.

Es ist ein Manifest der Grenzüberwindung, das besonders in den Songs mit Gaststars wie Jorja Smith oder dem Cockney-Rapper Loyle Carner große Kraft enftacht. Sein What Am I To Do erinnert an die Ursprünge dieser Art des Crossovers, als Jazzmattaz oder Arrested Development den Sound alter weißer Männer mit dem junger schwarzer, na ja – auch Männer, aber androgynerer Selbstwahrnehmung versöhnt haben. So wahnsinnig soziokulturell bis politisch muss man You Cant’t Steal My Joy aber gar nicht höre; die 13 Stücke flattern bis zum karibischen Shakara feat. Kokoroko so hingebungsvoll spielfreudig durch den Kosmos weltweiter Klänge, dass man sich die nächste Fernreise getrost sparen kann. Ist auch besser fürs Klima…

Ezra Collective You Cant’t Steal My Joy


Fontaines D.C., Chemical Brothers

Fontaines D.C.

Ob Punk’s so rein popkulturell musikalisch betrachtet wirklich dead is, ist schon längst keine rein quantitative Fragen des physischen Überlebens einer antiquierten Stilrichtung mehr, sondern eine eher eine qualitative der Definition. So unterhaltsam, ausgefuchst und rüde zeitgenössischer Hardcore oftmals sein mag – mit dem Label Punkrock, der ihm oft übergestülpt wird, hat er in der Regel wenig zu tun. Dafür ist er schlichtweg oft zu virtuos. Im Grunde gilt das auch für Fountaines D.C., die fünf Dubliner haben jedoch etwas, das andere nicht haben: Grian Chatten.

Der Sänger und Songwriter des Quintetts aus dem Arbeiterviertel The Liberties legt ein so wunderbar monochromes Nölen übers Debütalbum Dogrel, dass die elf Stücke scheinbar alle gleich klingen – gleich angepisst, gleich gelangweilt, gleich aufmüpfig. Durchs Gitarrengeschredder von Conor Curley und Carlos O’Connell zu Tom Colls geradlinigen Tempodrums wirken die Kommentare auf Gentrifizierung, Katholizismus, Bigotterie und den Versuch, in diesem Meer der Ignoranz zu schwimmen, allerdings wie Schnappatemübungen des Durchhaltevermögens. Endlich ein Punkrock, der diese Bezeichnung verdient.

Fontaines D.C. – Dogrel (Partisan Records)

Hype der Woche

Chemical Brothers

Sie sind noch da, unverwüstlich, unverdrossen energisch, einfach nicht totzukriegen: The Chemical Brothers. Dabei hatte ihr technoider Breakbeat-Hardcore die eurodancesedierte Welt bereits Mitte der Neunziger so brachial tanzbar auf kommende Verwerfungen vorbereitet, dass die Twin Towers scheinbar im Sound der Block Rockin’ Beats eingestürzt sind. Heute nun erscheint ihr neuntes Album, und wie einst auf Exit Planet Dust oder Dig Your Own Hole entfachen Stücke von Gravity Drops bis Mad As Hell bereits im Titel das Feuer früherer Tage. Die Tonlage legt aber doch eher Eve of Destruction fest. Der Opener überzieht den gewohnten Drum’n’Bass mit einem Schmelz von fast housiger Lässigkeit und auch sonst schalten Tom Rowlands und Ed Simons auf No Geography (Universal) zwei Gänge zurück auf Big Beat mit vielfach fast melodischer Tiefenschärfe. Trotzdem bleibt auch das siebte Nummer-1-Album in spe die Antwort der Disco aufs Chaos vor der Clubtür: tanzt die Katastrophe einfach weg! Für ein paar Stunden wirkt das bestens.