Lafawndah, Jayda G

Lafawndah

Wer mythisch irgendwie aufgewühlt ist und seine Erregung zu Kunst verarbeitet, neigt gemeinhin dazu, die eigene Überwältigung auf andere zu übertragen. Von den Religionsschinken des Mittelalters bis zum Gospel der Gegenwart erwächst aus Spiritualität verlässlich großes Melodrama. Auch die amerikanische Musikerin Lafawndah ist von irgendeinem Geist beseelt und bläst es mit dem emotionalen Klangmobiliar ihrer persisch-ägyptischen Ursprünge auch noch vollmundig raus.

Zum Glück jedoch macht ihr wunderbares Debütalbum Ancestor Boy dabei nicht den Fehler irgendwen zu irgendwas bekehren zu wollen. Die folkloristisch angehauchte, großstädtisch durchproduzierte Ethno-Electronica ihrer 13 abwechslungsreichen Stücke nimmt uns lieber ohne viel Überzeugungsfuror mit in ihre Welt großspuriger Pop-Arrangements, die sie mit kraftvoll-verstörendem Gesang im M.I.A.-Stil unterwandert. So hinreißend also kann Kirchenmusik sein, wenn ihr Altar die Disco ist.

Lafawndah – Ancestor Boy (Concordia)

Jayda G

In der Disco hat sich zweifelsohne auch der weibliche DJ Jayda G einen Schrein errichtet. Sie ist davon allerdings nicht spirituell erbaut oder sonst wie entrückt, sondern ärgert sich darüber, dass auf dem Dancefloor ringsum die Männer so intensiv manspreaden, bis alle Frauen an den Rand einer Tanzfläche verschwunden sind, die zudem kaum noch den freiheitlichen Geist früherer Epochen atmet, sondern nur noch der Selbstdarstellung dient. Nach dreijährigem Aufenthalt in Berlin hat die Kanadierin aus ihrem Ärger nun ein Manifest in Plattenform gemacht, das manchmal leicht gemächlich, bei genauerem Hinhören aber energisch um Aufmerksamkeit bittet.

Passenderweise heißt ihr Debütalbum denn auch Significant Changes. Es ist eine Sammlung sorgsam reduzierter, beizeiten minimaler, aber meistens recht tiefgründig groovender House-Tracks, die von Jaydas Stimme mal feengleich unterwandert, mal neunzigerfunky überlagert werden. Und weil das Ganze bei Ninja Tune erscheint, darf man sich sicher sein, dass all die eingerührten Beats und Samples dem Mainstream mindestens so fern sind wie viele der Texte. Schon cheezy manchmal, aber sehr, sehr schön.

Jayda G – Significant Changes (Ninja Tune)

Advertisements

Night Laser, Scarlxrd

Scarlxrd

Wenn man als Musiker so richtig wütend ist und dies unbedingt rausbrüllen muss, gibt es von Death Metal über HipHop bis Screamo und Punk eine Unzahl an Genres, es zu tun. Weil Marius Lucas-Antonio Listhrop offenbar so richtig wütend ist, aber zugleich etwas entscheidungsschwach, um sich für eines der angesprochenen Genres zu entscheiden, hat er einfach den Mittelweg gewählt und alles ineinandergekippt, bis daraus Scarlxrd geworden ist – ein ungeheuer vielschichtiges, sensationell grimmiges Solo-Projekt des Mittzwanzigers aus dem englischen Wolverhampton, der nicht ohne Grund nebenbei noch Frontman der Nu-Metal-Band Myth City ist.

An Haut, Haar und Kleidung so dunkel, wie seine Seele zu sein scheint, brüllt er auf dem zweiten Album seinen Hass aufs Dasein bürgerlicher, biederer, beliebiger, anteilnahmsloser Existenzen auf Platte, dass man beim Hören unvermeidbar aufgekratzt wird. Umwabert von düsterem Trap und Elementen aus Metal, Hardcore, TripHop gibt es zwölf Stücke lang nicht den leisesten Versuch, der Harmonielehre zu gehorchen. Alles an Infinity ist Furor, alles daran ist aber auch ein sensibles Gespür für Struktur im Chaos. Keine Album zum Entspannen, im Gegenteil. Aber wer will das schon, in Zeiten wie dieser…

Scarlxrd – Infinity (Universal)

Gig der Woche

Night Laser

Heavy Metal, sagen Außenstehende übers geschrammelte Pathos in Nietenleder, Heavy Metal is more fun doing than listening. Selbst für Außenstehende stellt sich jedoch gehöriger Spaß ein, wenn Heavy Metal auch optisch so richtig die Sau rauslässt. Und genau das haben die Lokalmatadoren Night Laser am Mittwoch mit drei artverwandten Bands im Hamburger Logo gemacht. Mit Cowboystiefeln und Röhrenjeans, Augenkajal und Tropfensonnenbrillen, Wind in den Matten und Groupies am Bühnenrand trieb das Quartett den heiligen Unernst des thrashigen Glamrock auf die Spitze, ohne ihn lächerlich zu machen. Textzeilen von “trouble in the neigbourhood” bis “boys are running wild” legen zwischen all den Gitarrensoli um Benno Hankers’ Opernfalsett zwar das Gegenteil nah. Aber dafür sind Max Behrs Drums viel zu virtuos, Hannes Vollraths Riffs zu unprätentiös. Und der Rest? Eine gigantische Show. Nicht nur für Metalfans. Aber für die besonders.


Sasami Ashworth, Alice Phoebe Lou

Sasami

Sasami Ashworth ist gar nicht da. Rein physisch mag die Songwriterin aus Los Angeles zwar anwesend gewesen sein, als ihr fabelhaftes Debütalbum nahezu im Alleingang entstanden ist. Psychisch jedoch, also geistig und mental, hat sie beim Einspielen der zehn Stücke offenbar kurz mal ihren Körper verlassen, ist hoch in Kaliforniens strahlend blauen Himmel entschwebt und sich dort im Palmenhain ihrer angenehm aufgewühlten, aber watteweichen Arrangements verflüchtigt. Umschwurbelt von fuzzigen Gitarrenriffs, leicht bekifften Keyboards und einer Portion Aberwitz in Drums und Samples, schildert sie ihr Seelenleben, als sei es das einer anderen.

Dieses Seelenleben ist zum Glück zwar ein bisschen liebeswund, aber niemals larmoyant. Das Tollste aber: SASAMI, so heißt dieses bezaubernde Wunderwerk des Alternative-Pop, kommt nie entrückt, geschweige denn esoterisch daher. Stattdessen lädt es uns ein, knappe 45 Minuten lang mit ihr auf derselben Wolke zu sitzen und herunterzuschauen auf eine Welt, in der es längst so irre zugeht, dass man seinen Fluchtimpulsen ruhig mal ein Weilchen folgen darf. Diese Zeit da oben mit dieser Multiinstrumentalistin mit Flügelhorn ist wie in der Lieblingsbar beim Lieblingsdrink mit Lieblingsbarflies zu sitzen und nichts zu tun außer – sein.

Sasami – Sasami (Domino)

Alice Phoebe Lou

Die Grenze zur Esoterik ist, seien wir ehrlich, bei Alice Phoebe Lou hingegen schon ein wenig näher gerückt als bei der äußerst weltlichen Sasami Ashworth vom anderen Kontinent. Schon wie die Wahlberlinerin aus Südafrika aussieht – ein bisschen wie aus dem Elbenwald von Mittelerde oder einem isländischen Vulkan entsprungen, leicht anämisch, seltsam entrückt, nicht ganz von dieser Welt jedenfalls. Und so klingt dann auch ihr zweites Album mit dem sprechenden Titel Paper Castles. Zu Anfang jedenfalls. Stück für Stück jedoch entfacht es einen versteckten Schwung, der klingt wie eine Big Band in einem Pool voller Wackelpudding.

Die meisten der zehn Lieder scheinen sich ihrer hintergründigen Kraft fast ein wenig zu schämen, so verträumt haucht Alice Phoebe Lou ihren Inhalt in die Welt. Leicht windschief, aber ausdrucksstark und schön zittert sie sich durch karibische Klangfragmente im jazzigen Swing-Gewand, kiekst dazu wie in Galaxie schon mal wie auf einer Überdosis Absinth und singt überhaupt so hinreißend schräg, ohne schräg klingen zu wollen, dass man spontan in den Wackelpuddingpool dazu springen möchte. Kreativ, verschroben, verträumt und virtuos – der perfekte Sound zum Weltfrauentag.

Alice Phoebe Lou – Paper Castles (Motor)


Káryyyn, Louis Jucker, Quentin Sauvé

Káryyyn

Wenn einer Musik die innere Zerrissenheit der Komponistin anzuhören ist, ohne melodramatisch zu sein, muss schon etwas dran sein an dieser Wirrnis. Die Kalifornierin KÁRYYYN mit drei Y in Großbuchstaben und Wurzeln in Syrien, war nach einer Reise ins Heimatland ihrer Ahnen innerlich so zerrissen, dass sie nach der Sterbebegleitung zweier Familienmitglieder im schwer umkämpften Aleppo förmlich in Fetzen lag. Umso verblüffender ist es da, wie akkurat dieser Scherbenhaufen nach Káryyyns Umzug übers Cherry Valley nach Berlin vor zwei Jahren plötzlich klingt.

Ihr irritierend schönes Debütalbum The Quanta Series, das sie dort mit Frank Wiedemann produziert hat, ist ein so aufgeräumtes Durcheinander elektronischen Dreampops, dass man sich glatt darin verlieren könnte – wäre das scheinbare Chaos verhallender Flächen und sägender Samples nicht viel zu aufregend, um sich vollends fallen zu lassen. Ein bisschen wie einst Kate Bush auf einer Überdosis David Lynch reist Káryyyn durch ihr verborgenes Selbst und hilft uns mit elf verschroben disharmonischen Traumabewältigungen dabei, ins eigene vorzudringen. Und das ist ebenso tröstlich wie aufwühlend.

KÁRYYYN – The Quanta Series (PIAS)

Louis Jucker

Und weil ohnehin nichts langweiliger ist als die Gewohnheit entlang begradigter Asphaltstraßen, feiern wir hier gleich mal den nächsten großen Wurf kakophonischer Schönheit. Der Deutsch-Schweizer Louis Jucker, ehemals Schlagzeuger der Mathrock-Band The Ocean, hat sich dem Vernehmen nach in eine Hütte am Nordrand der norwegischen Zivilisation begeben und dort im Alleingang sein fünftes Solo-Album aufgenommen, das unglaublicherweise noch ein bisschen unzugänglicher ist als alle vorigen dieses Popzerstörers.

Denn Kråkeslottet  wie der Untertitel The Crow’s Castle im ortsüblichen Idiom heißt, klingt in der Tat wie Musik aus dem Krähenschloss. Mit unfassbar viel Gefühl fürs Unerwartbare, verknüpft Jucker seine Field Recordings mit folkloristischen Instrumenten bis hin zur skandinavischen Zither zu einer poetischen Sinfonie, über die sich sein zurückgenommenes Gitarrenspiel ebenso wie der blechern verhallende Gesang wie eine warme Decke im polaren Winter legt. Das ist fast immer zutiefst ergreifend und dennoch robust genug, um weiterhin als Alternative durchzugehen.

Louis Jucker – Kråkeslottet (The Crow’s Castle) (Hummus Records)

Quentin Sauvé

Ach, weißer Mann, du arme Wurst. Wenn dir weiße Frauen nicht grad die jahrtausendealte Alleinherrschaft mit so was Dreistem wie Gleichberechtigung oder dem Wunsch nach körperlicher Unversehrtheit vermiesen, stellst du dich gern mal mit deiner allein Gitarre an den Rand riesiger Bühnen und singst davon, als Eremit deiner Gefühle vom Meer des Kummers umgeben zu sein und Einsamkeit zu trinken, bis du ersäufst in dieser Sackgasse. Auch Quentin Sauvé berichtet im Opener seines Debütalbums aus einer Dead End, die ihn zum Wahnsinn treibt, und man denkt instinktiv: herrje, noch so ein larmoyanter weißer Folkpoet. Wie Instinkte doch täuschen können!

Denn so viel er seinen Weltschmerz auch mit Leichenbitterstimmte intoniert: Whatever It Takes ist ein Werk von hinreißend glaubhafter Emotionalität. Und die zerfließt allein schon schon deshalb nicht im Selbstmitleid, weil der 30-jährige Franzose sie wie zuvor in seiner Hardcore-Band Birds in Row begleitet nur von dieser unverzerrt schrillen Gitarre und ein paar Effektgeräten zersägt, als sei er die Wiedergeburt des wesensverwandten Billy Bragg und seiner gefühligen Wut aufs Schweinesystem. Im neunten Stück Disapper zum Beispiel begleitet sie den herzzerreißenden Gesang nicht, sie schreddert ihn in einer noisigen Kakophonie. Nur: das klingt weder aggressiv noch pathetisch, sondern einfach nur traumhaft trotzig und wunderschön.

Quentin Sauvé – Whatever It Takes (icorruptrecords)


Ove, Bilderbuch, Soybomb

Ove

Wer es versteht, das verflogene Lebensgefühl längst vergangener, wehmütig verklärter Zeiten in gute Musik zu verwandeln, also weder nach Eskapismus der Achtziger noch Hedonismus der Neunziger, sondern nostalgisch und zugleich gegenwärtig klingt, wer also Musik von gestern für heute macht und dabei ein bisschen auch das Morgen im Blick hat – der kriegt dafür wahlweise einen Plattenvertrag bei Tapete Records oder Lob vom Feuilleton, aber ganz selten beides. Zuletzt hatten das Moritz Krämer und Friedrich Sunlight geschafft, während die wunderbaren Theodor Shitstorm zwar auf anderem Label veröffentlichen, aber ähnlich liebenswert sind. Ist allerdings alles schon etwas her. Weshalb es schwer Zeit wird für: Ove.

Ove, Nachname Thomsen, ist ein Junge aus Ostfriesland, der mit vier Freunden Pop macht, der so verschroben nach Sandstrand mit Blick aufs Industriegebiet klingt, als träfen sich Bilderbuch an Manfred Krugs Grab zum Kiffen. Der Opener ihres 3. Albums etwa erzählt von Anders & Annegret Andersen, die umweht von karibischen Samples und fuzzigen Riffs Aale auf Amrum verkaufen. Und auch sonst geht es um Belanglosigkeiten von solch hinreißender Eleganz, dass die Frage kurz in den Hintergrund rückt, ob man jetzt nicht eigentlich gegen den Klimawandel aufstehen müsste. Muss man. Und mit Zeilen wie “Ich muss raus, raus, raus, raus / wie’n wackelnder Milchzahn” gibt Ove sogar das Kommando. Vorher aber tanken wir zehn Stücke Kraft mit Abruzzo, dann scheint am Horizont auch wieder die Sonne.

Ove – Abruzzo (Tapete)

Bilderbuch

Ach, und wo wir grad beim Thema sind: die Geistesverwandten der schmissigen Wahlhamburger sind auch wieder so aktiv geworden, wie es eskapistischer Hedonismus gerade noch so gestattet. Bilderbuch bringen die Fortsetzung ihres fünften Albums Mea Culpa mit dem unfassbar grandiosen Titel Vernissage my Heart heraus und vorweg: Es ist nicht ganz so unfassbar grandios wie fast alles, was die vier Anti-Stil-Ikonen aus Wien zuvor gemacht haben. Dass bereits aus dem allerersten, gitarrensoloumtosten, inhaltsleer gehaltvollen Hallgesang von Maurice Ernst allerdings mehr Funken und Esprit strömen als sich in den weltweiten Charts derzeit zusammen findet, spricht da umso mehr für Bilderburch.

Einen Stil dafür zu benennen, fällt besonders am österreichischen Standort des musikalischen Aberwitzes wie immer schwer. Alles steckt darin und nichts, Heavy Rock und French-House, Schlager und Punk, Electronica und viel Funk natürlich, Achtziger und Siebziger, Neunziger und irgendwie auch längst die 2020er, aber alles so feindosiert aufgeblasen, dass jede Festlegung ein Vergehen am bedingungslosen Willen zum Mash-up wäre. Denn wenn vollsynthetische Fanfaren durch Mr. Supercool fegen und Prince-Gitarren über den Titeltrack, dann wissen wir: die wollen, die können, die machen alles so durcheinander, dass der Begriff “Struktur” einer neuen Definition bedarf. Sie heißt Bilderbuch.

Bilderbuch – Vernissage My Heart (Maschin Records)

Soybomb

Und die gute Nachricht gleich hinten dran: Bilderbuch, Ove, Friedrich Sunlight oder Manfred Krug R.I.P. und wie die futuristischen Nostalgiker des Pop alle heißen, sie sind nicht allein. Immer wieder blitzt etwas Neues auf im expandierenden Kosmos glamouröser Unterhaltungsmusik. Sterne zum Beispiel wie Soybomb. Die drei Schweizer, angeblich ausnahmsweise mal nicht in den bekannten Großstädten von Zürich bis Bern zuhause, sondern eher alpin umhügelt und ländlich, sie machen keyboardunterwanderten Balladenpop mit einer Lässigkeit, die jedes Felsmassiv ringsum zum Bröseln bringt. Ihr Debüt-Album Jonglage ist demnach die Platte der Woche.

Allein schon das mittige Soy el Bombo del Alma – Orchesterpunk mit so viel Witz und Leichtigkeit im Durcheinander, dass man beim Hören so aufgewühlt wird wie durch enodorphinaktive Partydrogen. Oder wahlweise dahin schmilzt wie das Softeis, mit dem sich das Trio im fantastischen Video zu Someone’s Got the Best of Me im Sommer auf einem Jahrmarkt stellt. Nichts an diesem Debüt ist dringlich, weil alles halt einfach so dahinfließt. Dennoch steckt darin der Kern einer spätjugendlichen Befreiungsstrategie, die in der vermeintlichen Substanzlosigkeit Erlösung sucht – und findet. Zum eigenen Nutzen – und unserem. Anhören, mittanzen, wegdösen, aufwachen, weitermachen. Das kann nur Pop, der den Moment feiert.

Soybomb – Jonglage (recordJet)


Rina Mushonga, Charlotte Brandi, Disarstar

Rina Mushonga

Was guten Pop ausmacht, also solchen, der einen nicht so mit schlechtem Geschmack unterwandert, dass man Scheiße für Schokopudding hält? Wer eine Antwort auf diese Fragen aller Musikfragen hat, könnte damit womöglich einen nicht unerheblichen Teil der Welt beherrschen, aber auf eins können sich vermutlich viele einigen: Guter Pop vereint alles mit einer Selbstverständlichkeit in sich, dass nichts darin die Oberhand gewinnt. Auf dem steinigen Weg dorthin hilft es da natürlich sehr, wenn man möglichst vieles in sich trägt. Zum Beispiel Kulturkreise. Rina Mushonga etwa hat vor ihrem Umzug nach London bereits in Holland, Zimbabwe, Indien gelebt, und das spürt man auch auf ihrer neuen Platte.

Nur: Sie macht bloß nicht so viel Wind darum! Fünf Jahre nach ihrem Debütalbum The Wild, The Wilderness nämlich klingt der Nachfolger In A Galaxy noch mehr nach kosmopolitischem Eklektizismus, der nicht überwältigen oder mit Weltgewandtheit prahlen, sondern einfach alles zeigen will, was in ihr und den Wurzeln dahinter steckt. Inspiriert durch Ovids Metamorphoses klingt das Ergebnis manchmal zwar etwas süffig, fast italopoppig in englischer Sprache. Aber wenn Rinas Stimme blechern aus dem Hallraum elektronischer Geigen und Samples durchdringt, wirkt alle Zerrüttung des Planeten für einen Moment irgendwie lösbar.

Rina Mushonga – In A Galaxy (PIAS)

Charlotte Brandi

Auch Pop, nicht annähernd so weit herum gekommen, aber auf seine Art auch sehr angenehm unaufdringlich stammt von Charlotte Brandi aus Dortmund. Schon als Sängerin, Gitarristin, Keyboarderin, also – wie man so sagt: Kopf des Indie-Duos Me And My Drummer betörte sie eine Weile durch gediegenen Pop mit selbstbewusst eigensinniger Stimme. Nach dem Umzug Richtung Berlin veröffentlicht sie nun ihr Solo-Debüt. Und das darf man sich gern mal von Anfang bis Ende durchhören. Erst so kommt ihr vierköpfiges Minimal-Orchester schließlich voll zur Geltung.

Im einzelnen ein bisschen wächsern, um haften zu bleiben, schaffen es die elf Stücke auf – leider, muss man angesichts ihres hörbar deutschen Zungenschlags sagen – Englisch, eine Stimmung zu erzeugen, die wirklich wunderbar zwischen analogen Siebzigern und digitaler Gegenwart wandelt. Mit Flöten und Geigen und Chorälen und ihrem autodidaktisch kreierten Klavier hört man The Magician ihren Hang zum Pathos an, der sich zum Glück nicht allzu ernst nimmt. So klingt die Platte ein bisschen, als würden sich The Last Shaddow Puppets mit Beyoncé Knowles in der Pianobar eines uralten Ausflugsdampfers auftreten, als die meisten Gäste schon schlafen.

Charlotte Brandi – The Magician (PIAS)

Hype der Woche

Disarstar

Im HipHop ist bekanntlich immer viel von Realness die Rede, mit der neben Glaubwürdigkeit immer auch Prinzipientreue gemeint ist. Einmal Gangsta, immer Gangsta, Respect Digga! So gesehen hat Gerrit Falius einen der bemerkenswertesten Wandlungsprozesse im deutschsprachigen Rap durchgemacht. Als er der Hamburger vor fünf Jahren von der Straße ins Studio wechselte und vom Freestyle zur Produktion, war er noch ein Kleinkrimineller mit gutem Flow, aber fatalem Hang zur Gewalt. Seit er seinem Sprechgesang als Disarstar musikalisch Struktur verliehen hat, wechselten aber auch die Inhalte von Selbstbeweihräucherungen zu einer fast philosophischen Sinnsuche, die bereits auf dem zweiten Album Minus x Minus = Plus prägte. Sein drittes Bohemien (Warner) wird nun sogar richtig politisch, wenn es Neoliberalismus und Rechtsruck kommentiert, aber auch jene Konsumgesellschaft, der er selbst lang huldigte. Klanglich oft reduziert und angenehm trapfrei, sind Zeilen wie “Alle wollen ein Haus am See, Kohle und gut aussehen / ich brauch nur Nikes und McDonalds” von so doppelbödiger Lust am Diskurs, dass Disarstar den Gangsta gern noch viel, viel weiter hinter sich lassen darf.

 


Die Goldenen Zitronen: Schorsch & Gaier

Wir sind ja keine Misanthropen

Seit 35 Jahren agitieren Die Goldenen Zitronen (Foto: Frank Egel) erst mit, dann ohne Post vorm Punk gegen die herrschende Verhältnisse eines Systems, dass die vier bis sechs Wahlhamburger aus tiefster Seele verachten, aber nicht mit Gewalt zerdeppern, sondern lieber mit avantgardistischer Poesie entlarven wollen. Auf ihrem neuen, auch schon 13. Album More Than A Feeling tun sie das sogar mal mit wieder mit richtiger Wut im Bauch. Ein – vorab beim MusikBlog erschienenes – Gespräch mit den Gründungsmitgliedern Thomas Sehl alias Schorsch Kamerun und Ted Gaier alias Ted Gaier über Spaß im Proberaum, politische Nostalgie und Reife statt Altersmilde.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Schorsch, Ted – macht es eigentlich Spaß, ein Album der Goldenen Zitronen aufzunehmen?

Ted Gaier: Ich finde schon.

Schorsch Kamerun: Ich finde teils, teils.

Herrscht im Studio eine freudvolle Atmosphäre?

Ted: (lacht) Nein.

Schorsch: Doch, mehr als sonst. Es erzeugt zwar Reibungssituationen, wenn du als Subjekt ins Studio kommst und dich im Kollektiv durchsetzen musst. Bis auf kleine Ausschläge sind wir darin allerdings schon ziemlich erfahren. Warum fragst du?

Weil das musikalische Resultat wie so oft von großer Schwere geprägt ist.

Ted: Was heißt denn Schwere?!

Dass ihr seit den frühen Neunzigern von Platte zu Platte ein bisschen missmutiger zu werden scheint, irgendwie bedrückter.

Schorsch: Witzig. Ein Kollege von dir meinte vorhin, wir seien anschmiegsamer geworden, zugänglicher. Es stimmt natürlich, More Than A Feeling ist eine Dystopie geworden, aber auch die kann ja ganz erhellend sein.

Ted: Entscheidend ist, dass unsere Musik seit 20 Jahren vor den Texten entsteht. Die Atmosphäre ist also nicht von ihnen bestimmt. Schon deshalb finde ich gar nicht, dass wir so missmutig sind, denn musikalisch ist zum Beispiel ein Stück wie Das war unsere BRD cheezy Disco. Und Gebt Doch Endlich Zu Euch Fällt Sonst Nichts Mehr Ein entfaltet fast kindliche Euphorie.

Schorsch: Außerdem muss auch Anti-Musik nicht missmutig sein. Katakombe ist gleich zu Beginn zwar wirklich düster, gibt aber auch Anlass zum Abheben durch Action, die da stattfindet.

Ted: Seit Joy Division wissen wir, dass es auch lustvolle Dystopie geben kann.

Schorsch: Und David Bowie oder selbst Death Metal haben sie endgültig zu Pop gemacht, das ist ja ihre Ausdrucksqualität.

Ted: Oder Wagner, kann ja auch Spaß machen, wenn man sich nicht davon einschüchtern lässt.

Aber führt dieser Zwiespalt nicht dazu, nach der dauernden Problematisierung eurer Texte etwas Leichtes, Unpolitisches, einfach mal Lala-Musik zu machen?

Ted: Ich finde Musiker toll, die das können, bin dafür aber nicht der Typ. Als Texter kann ich mich nur mit Sendungsbewusstsein denken.

Schorsch: Musikalisch reißt das schon mit, was wir machen, finde ich; zumal wir gerade live eine sehr physische Band sind. In Nützliche Katastrophen kommt ja sogar ein „Lalala“ vor. Und 20×20 ist straight rockender Betonpunk. Andererseits benutzen wir Pop- oder auch Balladenelemente eher zur Irritation, als das wir sie aus Überzeugung einbinden.

Ted: In der Schleife hat diesbezüglich fast Hit-Potenzial.

Schorsch: In mir steckt ein Stück weit auch Schlager, weil ich mit dem sozialisiert wurde und seine Einfachheit schätze – sofern es kranker, psychotischer Schlager ist. Schon im Funpunk, später dann bei Das bißchen Totschlag, oder auch im Turnschuhlied haben wir das bigotte im Schlager zur Fratze überhöht.

Täuscht dann der Eindruck, dass ihr euch auf dieser Platte deutlicher echauffiert als zuvor und den lyrischen Suspense gelegentlich durch Kraftausdrücke wie Scheiße ersetzt?

Ted: Ich glaube, Scheiße sagen wir nur im ersten Song.

Schorsch: Und im zweiten. Aber auch ohne Kraftausdrücke hat die Band als eine der wenigen, wenn ich das mal so sagen darf, immer klare Kante gezeigt. Vielleicht sind wir diesmal wirklich direkter, auf jeden Fall was die Themen betrifft. Wir dachten anfangs mal, oh nein – sechs Songs über Volk, Mauer, Rechte. Das könnte man als Indiz für Eindimensionalität verstehen.

Ted: Aber es geht ja nicht darum, was wir im authentischen Sinne denken, sondern wir versuchen über das Einnehmen von Rollen Zustände zu beschreiben. In Katakombe ist es eine Person, die Nazis aus einer eher unterkomplex linken Perspektive abwertet. In „Baut doch eure Scheiß-Mauer“ ist es eher so ein Tourette-Syndromhaftes Aussprechen einer Fantasie die wir Typen wie Seehofer oder Gauland unterstellen.

Schorsch: Ginge man da akademisch ran, variieren wir im Grunde nur verschiedene Sichtweisen und abstrahieren sie. Das sind Haltungen, Charaktere. Als einer der ersten – jetzt komm ich schon wieder mit dem – hat das Bowie überzeugend gemacht, wenn auch nie so politisch. Und endgültig dann die zahllosen HipHop-Characters, die eigentlich alles können.

Ted: Oder Theater. Das wechselt auf unseren Platten ständig. Orientiert habe ich mich Anfang der 90er stark an den Franz Josef Degenhardt Stücken, die Haltungen durchspielen. Der hat sich auch in andere Figuren versetzt, um als Kapitalist oder Spießer sprachgewandt und detailliert über die Verhältnisse zu berichten.

Schorsch: Wir mussten früh nach Platzhaltern unserer Wut suchen, weil es uns nicht mehr gereicht hat, Stimmungen und Zustände nur in Slogans zu verhandeln. Vielleicht sind wir auch deshalb am Theater gelandet. John Lydons hysterisches Spottgemecker finde ich aber bis heute wunderbar – der hat uns als junge Punker bereits tief beeindruckt. Die Texte der Sex Pistols waren beinahe übereindeutig, aber durch seine zickige Überhöhung hat er sie aushaltbar gemacht.

MusikBlog: Was deinen Gesang unüberhörbar geprägt hat.

Schorsch: Total. Ich mochte es schon immer, Dinge schwer in alle Richtungen zu überziehen.

Ted: Das gilt für uns alle.

Wo ihr die Künstler eurer musikalischen Früherziehung ansprecht: seit 35 Jahren singt ihr gegen Verhältnisse an, die immer nur noch beschissener werden – ist das auf Dauer nicht ungemein ermüdend?

Ted: Ich finde gar nicht, dass alles nur beschissener wird.

Schorsch: Es gibt genug Wertvolles, das es festzuhalten lohnt. Wir sind auch nie kulturpessimistisch. Auch wenn man Deprimierendes aus der Platte heraushören möchte, sind wir begeistert dabei, uns immer wieder neu auf die Gegenwart einzustellen, nirgends festzuhaken, frische Haltungen zu finden. Diese Band lebt davon, wach im Jetzt sein zu wollen.

Ted: Ich sehe die Goldenen Zitronen da als Medium. Unseren Text zum G20-Gipfel in Hamburg werden Leute womöglich in 30 Jahren noch hören und darin eine geschichtliche Quelle sehen, während die Fahndungsaufrufe in der Morgenpost längst vergessen sind. Den Ansatz haben wir seit 80 Millionen Hooligans, als wir nach Rostock-Lichtenhagen bewusst in öffentliche Diskurse interveniert haben. Auch beim G20-Text hatte ich das Bedürfnis den ritualisierten, ideologischen Deutungen der Ereignisse, Beobachtungen entgegen zu setzten, die in den Debatten in solchen Fällen nie vorkommen. Das fängt an bei der Beschreibung der Akteure. Es macht ja einen Unterschied aus welcher Motivation heraus ein italienischer Autonomer eine deutsche Bankscheibe einhaut, oder ein unterprivilegiertes Vorstadt-Kid.

Schorsch: Was man als kritische Band dringend austarieren muss, ist die Verschiebung der Diskurs- und Begriffsebenen – wie sehr sich Kapitalismus, Konsumgesellschaft, Kommunikation seit den späten 60ern gewandelt, in den Definitionen teils völlig umgedreht haben. Weil es uns aber auch Spaß macht, all dies zu kommentieren, werden wir darin nicht müde. Wir sind ja keine Misanthropen.

Ted: Dafür steckt viel zu viel Humor und Selbstironie in unseren Texten.

Wenn man sich Das War Unsere BRD anhört, aber auch ein Stück nostalgische Wehmut.

Schorsch: Ambivalenter, rückblickender Schmerz (lacht)

Ted: Als wir das Album überblickt haben, fiel auf, wie viel darin von Mauern, Heimat, Rassismus die Rede ist. Deshalb war das dann ein Versuch weg zu kommen von dieser Gegenwärtigkeit. Es ist ja ein Stück über Nostalgie, das durch den Rückblick auch nostalgisch machen kann. Wobei mein romantisches Gefühl zur alten BRD auch in meiner Abneigung besteht. Ich liebe sozusagen meinen Hass auf die BRD, der ist ebenso Teil meiner Identität wie Boney M., die ich damals zwar scheiße fand, nun aber ein warmes Gefühl in mir erzeugen, wenn ich sie im Oldie Radio höre.

Verklärt man automatisch seine Vergangenheit, wenn man sie mit großem Abstand neu betrachtet?

Ted: Ich glaube schon.

Schorsch: Absolut sogar. Man darf bei der Rückschau nur nicht außer Acht lassen, warum es so war, wie es war, und welche Kräfte darauf eingewirkt haben. Wir sind eine Band, die sich permanent von allem Möglichen abgrenzt. Weil das so anstrengend ist, geht es mir mittlerweile auch schon mal auf die Nerven.

Ted: Ich finde Abgrenzung als Geste ist was für Zwanzigjährige, nicht für Fünfzigjährige.

Ihr seid aber auch noch nicht 70 – schwingt anders als eingangs vermutet dennoch eine Art Altersmilde bei euch mit?

Ted: Nein.

Schorsch: Vielleicht passt „Reife“ besser. Wir versuchen tatterig, aber unter voller Fahrt, auf das Heute zu schauen.

Ted: Zwischen verknöchert und Milde ist die Spanne ja riesig. Wir sind ungefähr in der Mitte.