Sleaford Mods, Pom Poko, Buck Meek

Sleaford Mods

2021. Die Welt liegt in Scherben. Corona mutiert, der Klimawandel entgleist, Amerika steht vor einer faschistischen Revolution, Deutschland könnte von Friedrich Merz regiert werden und England igelt sich endgültig im Brexit ein. Jason Williamson und Andrew Feanr hätten also allen Grund, ihren Furor noch weiter zu radikalisieren als zuvor. Was aber machen die derbsten Systemkritiker des alternativen Politpop? Sie klingen zu Beginn ihres neuen Albums fast schon lieblich.

Doch keine Angst – das tun die Sleaford Mods nur im Prolog von Spare Ribs. Gleich danach schnoddern sie die Verhältnisse gewohnt zu Klump, reimen Uber auf new Computer, sezieren zwölf Tracks lang den globalen Aberwitz rechtspopulistischer Ultrakapitalisten und schaffen damit etwas Erstaunliches: Obwohl auch das elfte Album vom Duo aus Nottingham ähnlich klingt wie das erste, sechste oder neunte, entfaltet es in jeder bassgesättigten Elektropunkkonvulsion innovative Kraft, als wäre es ganz neu im Wutgeschäft. Grrrrr…

Sleaford Mods – Spare Ribs (Rough Trade Records)

Pom Poko

Und wo wir gerade beim Thema musikalischer Konventionsbruch sind: auch das norwegische Quartett Pom Poko sägt mit großer Hingabe an Hörgewohnheiten. Nichts an ihrer zweiten Platte Cheater klingt aufs erste Hören hin eingängig. Im Gegenteil: ab und zu muss man überschüssige Extrabässe reindrehen, damit einem das punkavantgardistische Gitarrengeschepper nicht die Trommelfelle perforiert. Gerade in diesem Too Much allerdings besteht auch das Alleinstellungsmerkmal.

Die meisten der zehn neuen Stücke sind horizontale Überlappungen vertikaler Klangvielfalten, als würden sich die Stile darin selbst potenzieren. Das famose Danger Baby zum Beispiel ist eine Art polarjapanisch-texanischer Mambometal-Easylistening-Noise, an dem das feministische Gesangschaos noch am eingängigsten ist. Klingt wirr? Ist wilder! Und dennoch mit einer so detailveressenenen Liebe zum kosmopolitischen Allerlei, dass der zwischenzeitliche Tinnitus eher stimulierend als nervig wirkt.

Pom Poko – Cheater (Bella Union)

Buck Meek

Und allein schon, um nach so viel Lärm und Wut und Durcheinander ein bisschen  runterzuregeln, runterzukommen, rumzuhängen, sei an dieser Stelle etwas gänzlich anderes empfohlen: Tow Saviors, das zweite Album des Leadgitarristen der New Yorker Indierock-Perle Big Chief. Gemeinsam mit einer Bande Bekannter wie seinem Bruder am den Keyboards oder dem Instrumentalwizzard Mat Davidson, reduziert er den Sound seiner Stammformation nicht nur um ein paar Dutzend Dezibel; er verzaubert die Ruhe in orchestrale Vielfalt.

Ohrenscheinlich tief im Produktionsort am Mississippie verwurzelt, schimmert durch das hintergründe Countrypop-Gewimmel eine Gelassenheit von so großer Vielfalt, dass man vielleicht doch kurz daran glauben möchte, mit guter Musik sei das Schlechte der Welt besiegbar – und sei es nur für die Dauer von der elf alternativen Southern-Rockstücke, in die sich permanent urbaner Größenwahn von Austin bis L.A. mischt. Das perfekte Album für linke Rednecks, falls es die gibt.

Buck Meek – Tow Saviors (Keeled Scales)


Aggregat, Other Lives, Louis Philippe

Aggregat

Wer glaubt, Techno brauche zwingend binäre Codes, kennt die Segnungen analoger Electronica noch nicht. Doch während sich das handelsübliche Schlagzeug seit längerem schon an der Seite künstlich erzeugter Beats ausbreitet, fügt ihnen die norddeutsche Band Aggregat etwas hinzu, was nun wirklich niemand im Umfeld repetitiver Synthesizer-Flächen vermuten würde: Ein Cello nämlich – auch wenn das norddeutsche Trio das klassische Instrument so drastisch verfremdet, dass man schon vom Fach sein muss, um es herauszuhören.

Im Zusammenspiel jedenfalls erzeugt das Debütalbum mit dem schlichten Titel 1 einen synkopisch-wuchtigen Sound, der dank seiner analogen Synths gleichermaßen warum und zappelig klingt, irgendwie auf bassige Art schrill, also nichts für schlichte Gemüter, aber doch äußerst eingängig – als hätte das Electric Light Orchestra ein gedimmtes Mash-up mit Skrillex aufgenommen. Fehlt bloß noch die Möglichkeit, das Ganze live zu hören. Wir warten halt nicht aufs Christkind, sondern Festivals.

Aggregat – 1 (Best’s Friends)

Other Lives

Other Lives gehen da sogar noch einen Schritt weiter, obgleich ihre Musik mit der von Aggregat nahezu nichts zu tun hat: das Quintett aus dem Cowboystaat Oklahoma hat bereits mehrere Platten mit ihrer Mischung aus Americana, Folk und Postrock gefüllt; jetzt dickt es einige ihrer existierenden Tracks mit experimentellen Streichern an, streicht allerdings zugleich die Drums, bis daraus ein fast schon sinfonisches Werk der aufgeblasenen Zurückhaltung geworden ist.

Weil Frontmann Jesse Tabish die zehn alten neuen Stücke gemeinsam mit seiner Frau Kim in Süditalien ersonnen hat, hat er sie unter Sicily Sessions kompiliert. Das klingt zwar einerseits unfertig und roh, wirkt andererseits aber dank Tabishs melancholischem Gesang darüber auch so tiefschürfend schön, als hätte er Monate über jedem Wort gebrütet. Weil Weihnachtsmusik einfach immer ein bisschen scheiße ist, wäre das demnach der perfekte Festtagssoundtrack: wohlig und herzergreifend, ohne pathetisch zu sein.

Other Lives – Sicily Sessions (PIAS)

Louis Philippe & The Night Mail

Und wenn wir schon ins Dickicht abseits der ausgetretenen Pfade des Mainstreams vordringen, dürfen wir an dieser Stelle von Louis Philippe nicht schweigen. Der französische Produzent, seit Jahrzehnten bereits in den Grenzregionen von Pop und Jazz, E und U, Avantgarde und Hitparaden unterwegs, hat sich mit der Band The Night Mail um Paul Wellers früheren Bassisten Andy Lewis zusammengetan, um etwas zu kollaborieren, das – tja, was eigentlich ist?

Wer sich die 13 hinreißend verkopften Klangkaskaden aus kammermuskalischem Big Beat und nostalgischem Futurepop anhört, gräbt Stück für Stück vergeblicher im eigenen Erinnerungsfundus, um dafür Begriffe zu finden. Das liegt vor allem auch an Louis Philippes Kreuzfahrtbarpianostimme, die sich selbst viel zu ernst zu nehmen scheint und gerade dadurch unterhaltsame Ironie verbreitet. Vor allem aber liegt es an der Fähigkeit, mit großer Leichtigkeit dick aufzutragen.

Louis Philippe & The Night Mail – Thunderclouds (Tapete)


Ducks on Drugs, Dreimalumalpha, Haiyti

Ducks on Drugs

Wenn sich “Schreck” auf “weg” reimt, “versäumen” auf “Bäumen” oder “knallt” auf “kalt”, wenn überhaupt jedes Zeilenende zwingend klingen muss wie das vorige und dazu die Keyboards krummes Zeug von sich geben, dann sind wir tief im deutschen Gaga-Pop aus Hamburg gelandet, der mit Fraktus einst sein selbstreferenzielles Eigenzitat in Fakedokuform gegossen hatte. Sich als, nun ja: “Band” in dieser Tradition zu verorten, kann also schnell in den Klamauk führen. Oder zum vielleicht mattesten Juwel der irren Vorweihnachtszeit.

Kein Wunder, wenn Daniela Reis, gleichbessere Hälfte des genialen Duos Schnipo Schranke, gemeinsam mit dem Off-Art-Schauspieler Ente Schulz unterm nom de guerre Ducks on Drugs ein Album aufnimmt, das sich im dunkelsten Eck der Hamburger Schule verortet. So, wie sich hier dadaistische, deutsch-englische, gern doppelt gesungene Dissonanzkollagen über unverzerrte Gitarren und wirre Samples wälzen, haben wir eine Art Kuschelpunk zum Sesselpogen, den man nach drei Takten überhat und dennoch auf Endlosschleife stellt. Audiolith eben. Geht gut mit Gin Tonic und Schlafentzug.

Ducks on Drugs – Stabil Labil (Audiolith)

Dreimalumalpha

Dass die Hamburger Schule schon vor geraumer Zeit größtenteils nach Wien gezogen ist, um dort Matura zu machen, führt bisweilen zu einer gewissen Kritiklosigkeit im Umgang mit jeder Art von Pop aus Österreich, als sei alles aus dem Alpenraum allein wegen der Herkunft schon auf exzessive Art lustvoll und kreativ. Aber gut. Ist ja auch so. Neuestes Beispiel: Dreimalumalpha, ein Jungstrio aus Innsbruck, das zwar nostalgisch nach norddeutscher Tiefebene klingt, aber doch neue Höhen deutschsprachiger Gitarrenmusik erklimmt.

Wenn Simon Rogina von seiner Kreisstadtjugend mit Kirmesfaktor singt, klingt das zwar, als würden – um im Bild zu bleiben – die späten Tocotronic den frühen Thees Uhlmann im Übungsraum von Die Nerven covern; seine Alltagslyrik krächzt stimmbrüchig über glockenklar verzerrte Postpunkriffs und Schlagzeuger Johannes Hahmann gibt dazu den dilettantischen Könner. In Zeiten hyperdigitaler Verschleierung echter Instrumente aber, ist grad dieses analoge Zerlegen klassischer Rockelemente ungemein originell. Austria eben. Schon wieder.

Dreimalumalpha – Jugend ans Geld verloren (Motor Music)

Hype der Woche

Haiyti

Tja, Haiyti. Haiytihaiytihaiyti. Deutschlands beste Rapperin aus den Tiefen St. Paulis hat sich in kurzer Zeit erarbeitet, was kaum jemand mit Undergroundanstand von sich behaupten darf: unantastbar zu sein. Wie dreist sie das Publikum auch mit Autotune druckbetankt, wie selbstgefällig dazu tranige Trapbeats über derbe Lyrics wälzen, wie kryptisch Zeilen wie “Wenn ich expandier / dann wie Andy Warhol” bleiben: mit vier Platten in fünf Jahren hat sie den Männerolymp des HipHop erklommen. Und die zweite allein 2020 wird sie dort gewiss nicht verdrängen. Ronja Zschoche, so heißt das Kind prekärer Verhältnisse, schafft es auf Influencer (Hayati/Warner) ja erneut, sich gleichzeitig überernst und auf die leichte Schulter zu nehmen. “Rap ist cool / doch dafür würd ich nicht mein Leben geben”, singt sie in Klunker, “wenn’s nicht klappt / überfall ich einfach Edelläden”. Zuzutrauen wär’s ihr. Und die Soundtracks zur Knastentlassung hat sie dann ja schon fertig. Einer krasser, nerviger, besser als der andere.


Landshapes, Aeronauten, The Bongolian

Landshapes

Mathrock, Jazz-Fans mit Gitarrenfimmel wissen das, ist nichts für schlichte Gemüter. Mathrock filetiert eingänge Harmonien im Dickicht kakophoner Dissonanz, das selbst Eingeweihte kaum durchdringen. Nichts also könnte der verstiegenen Mathrock-Metrik ferner liegen als Folkrock. Womit wir bei Luisa Gerstein wären. Die Sängerin der Londoner Landshapes klingt so, als habe sie Alufolie im Hals, was ihre Band mit einem Sound garniert, als käme er aus dem Stahlwerk.

Umso ungewöhnlicher, dass es auf einer blühenden Wiese stehen könnte. Denn auch Contact, das fünfte Album der drei Frauen plus Drummer, ist ein bizarres Blumenbeet organischer Instrumente und lieblicher Gesänge, das unter psychedelischen Synths und Samples förmlich zerquetscht wird, aber doch immer wieder durch die Trümmer zur Sonne durchdringt. Klingt zu melodramatisch? Einfach reinhören und kaputte Blumen pflücken!

Landshapes – Contact (Bella Union)

Aeronauten

Wer Stimmen aus dem Jenseits hört, sollte auf die Couch oder rasch unter Leute, und es kann einfach kein Zufall sein, dass beides dieser Tage Gegenpole sind wie nie zuvor in der Geschichte unserer Zivilisation. Denn wenn der viel zu früh verstorbene, unsagbar fehlende Olifr Maurmann aufersteht, um den Aeronauten noch einmal seine seltsam aristokratische Proletenstimme zu leihen, wähnen wir uns allein unter allen, und es ist gut so und schön und so befreiend.

Kaum jemand schleudert dem Mainstream schließlich wattierteren Zorn entgegen als Hamburgs Musterschüler aus der Schweiz. Und alte Gesangsspuren, posthum mit dem üblichen Bigband-Skapunk der fünf verbliebenen Bandmitglieder versehen, machen das zehnte Album Neun Extraleben zum letzten Manifest der Beharrlichkeit, mit dem die Aeronauten seit jeher das alternative Popherz erfreuen. Setzen wir uns aufs Sofa, laden gedanklich Freunde ein und feiern in Endlosschleife das Leben. Danke GUZ!

Aeronauten – Neun Extraleben (Tapete Records)

The Bongolian

Und Dank geht auch, wenngleich nicht posthum, an Nasser Bouzika dafür, dass der alte Londoner Funkwizzard noch einmal in der Mottenkiste der Crooner-Epoche gewühlt hat und unter seinem Pseudonym The Bongolian Musik kredenzt, die auch six feet under noch groovt und groovt und groovt, als trügen die Menschen noch Bienenkorbfrisuren. Harlem Hipshake heißt das neue Album des früheren Big Boss Man emblematisch. Und meine Güte – wie viel Spaß das macht.

Als würde der hauptamtliche Schlagzeuger damit knisternde B-Movies mit flüchtigen Kasino-Räubern im Spider-Cabrio vertonen, scheppern die Big Beats ineinander und erzeugen 13 Stücke lang die lässige Stimmung einer entfesselten Cocktailpoolparty. Bongos und Orgeln, Congas und ganze Batterie Blasmusiker wie Terry Edwards (Trompete, Posaune, Saxophon, Flöte) oder Craig Crofton (Altsaxophon) machen das Album zum stimmgewaltigsten Instrumentalerlebnis dieser abgeschotteten Zeit.

The Bongolian – Harlem Hipshake (Blow Up Records)


Aesop Rock, Luke Titus, Kala Brisella

Aesop Rock

Weißer HipHop, falls er als Kategorie überhaupt zugelassen ist, hat seit jeher ein Akzeptanzproblem, das von Vanilla Ice angefüttert und selbst von den Beastie Boys oder Eminem nie ganz aus den Köpfen gerüttelt wurde. Nonafroamericans müssen sich daher vom Mainstream abheben, um Respekt zu kriegen. Durch Avantgardismus zum Beispiel wie Clipping, Aufsässigkeit wie El-P, Antiattüde wie The Streets oder auch die Fähigkeit, ohne Flow zu rappen.

Das nämlich kultiviert das New Yorker Weißbrot seit bald 20 Jahren und nein, er ist damit nicht sensationell erfolgreich, schafft es aber auch auf der achten Platte ein 21-teiliges Kompendium unterschiedlich angepisster Weltbetrachtungen in einen Sound zu tauchen, bei dem man sich in einem Kellerclub wähnt, der atmosphärisch an Saw erinnert – nur dass man darin wirklich gern gefangen ist.

Aesop Rock – Spirit World Field Guide (Cargo)

Luke Titus

Ob virtuose Schlagzeuger auch gute Bandleader sein können, ohne sich zumindest gedanklich von ihrem Instrument zu verabschieden, ist seit den großen Tagen des Jazz ebenso offen wie die Frage, ob Drums zwingend bloß Hintergrundgeräusche liefern sollten oder auch eigenständig agieren dürfen. Der Schlagzeuger Luke Titus aus Chicago beantwortet sie nach einer Reihe Percussioneinsätze für andere klar mit janeinvielleicht.

Sein Debütalbum Plasma ist nämlich immer dann, wenn es den Rhythmus in den Vordergrund drängelt, kakophonisch und wirr. Sobald Luke jedoch fröhlich in den harmonischen Weiten von HipHop, House, Soul, Electronik herumschlendert und dort Sequenzen seiner verstiegenen Mikropopkultur zusammenklaubt, kriegen die meisten der 13 Stücke eine Art polyphoner Struktur. Und um die geht es Luke Titus. In aller chaotischen Schönheit.

Luke Titus – Plasma (Sooper Records)

Kala Brisella

Die Vergänglichkeit aller, also auch unserer Zeit braucht manchmal nur ein paar wenige, leidlich gereimte Zeilen, um sich ihrer selbst mal bewusst zu werden. “Ist dies mein Ende / oder ein Anfang / ich drive slow durchs Universum / fliege langsam durch das All / es ist ein Wahnsinn / der mich antreibt / ich kann’s nicht sagen ob ich heut noch lange bleib” – so beginnt das neue Album von Kala Brisella und macht deutlich, wohin es will – und wohin eher nicht.

Durchdrungen von funkigen Riffs zu zackigen Drums und Wavebasstupfen, streunern die Berliner*innen Anja Müller, Dennis Deter und Jochen Haker durch ihr Postpunktpopbiotop und machen mit jedem der elf launig dialektischen Songs klar, dass ihre Musik weder neu noch für die Ewigkeit gemacht ist, im Moment allerdings die Realität erträglicher, verständlicher, besser macht.

Kala Brisella – Lost in Labour (Tapete)


Eels, Common, Mr. Bungle

Eels

Nein, für Hektik, Hass und Übereifer ist grad definitiv nicht die richtige Zeit. Falls sie abgesehen von Impfstoffen und Sedativa für irgendetwas ist, dann unbedingt und ausnahmslos und wirklich dringend: Eels. Seit ihrem Debüt Beautiful Freak von 1996 winden sich die Aale des Folkpop mit samtweicher Geschmeidigkeit durchs Genre und hinterlassen dort gesalbte Seelen, die der Hillibilly-Hipster Mark Oliver Everett auch auf dem 13. Album mit seinem Lagerfeuergesang betupft.

Hier und da verwehende Geigen, hier und da verwitterte Drums, hier und da Riffs von verwegener Durchlässigkeit, singt E, wie er sich nennt, vom Leben einer komplizierten Gefühlswelt, in der irgendwie alles möglich scheint, aber nichts richtig funktioniert. Wie jede seiner Platten kann man Earth to Dora einfach so durchhören und nochmals und nochmals und die Welt wirkt danach ein wenig erträglicher, ohne gut zu sein.

Eels – Earth to Dora (PIAS)

Common

Da für Ruhe, Nachsicht, Understatement aber noch viel weniger die rechte, weil rechtsradikale Zeit ist, macht Lonnie Rashid Lynn aka Common mit seiner neuen Platte A Beautiful Revolution Pt. 1 schon im Titel alles richtig. Der grammy-, emmy-, oscargekrönte Rapper, Actor, Aktivist cremt uns darin schließlich mit sanftem R’n’B ein, dass der Belcanto von Gastsängerin PJ nur so im Ohr zergeht. Doch Obacht: die neun vielschichten Tracks sind Trojanische Pferde.

“They say racism yeah it don’t stop / They talk sexism yeah it don’t stop / Americanism yeah it don’t stop” – so liest er der Klassengesellschaft daheim über Gitarrendrops aus Watte die Leviten und rät den Entrechteten mal ruppig, meist sanft orchestriert “You gotta get that wisdom and get your glock” zu. Wenn Trump seine Milizen in fünf Tagen zum Bürgerkrieg aufruft, wäre das nicht der schlechteste Soundtrack für den Widerstand.

Common – A Beautiful Revolution Pt. 1 (Loma Vista Recordings)

Mr. Bungle

Als Mike Pattons Band Faith No More vor gut 30 Jahren den Grunge erfand, war er noch Teil einer anderen, von der er später sagte, in ihr mache er jene Musik, die ihm wirklich am Herzen liege: Mr. Bungle. Warum genau, blieb kryptisch, denn bis heute war niemand in der Lage, den Stil des verkapselten Postrock-Projektes zu definieren. Wer sich nun allerdings das erste Album seit 1999 anhört, könnte eine Ahnung kriegen, was einst damit gemeint war.

Erweitert um die Thrash-Legenden Dave Lombardo (Slayer) und Scott Ian (Anthrax), reaktiviert das Trio einen Hochgeschwindigkeitsmetal, der sich anhört, als würde darin etwas befreit, das Mike Patton, Trevor Dunn und Trey Pruance seinerzeit avantgardistisch unterdrückt hatten. Kathartischer jedenfalls als das nachjustierte 86er Mixtape The Raging Wrath of the Easter Bunny Demo hat ein Musiker der saturierten Mitte nie geklungen. Ohren auf Durchzug. Abfahrt!

Mr. Bungle – The Raging Wrath of the Easter Bunny Demo (Ipecac Recordings)


Hello Forever, Nude Party, Aloe Blacc

Hello Forever

Es gibt ja bekanntlich komplizierte und, nun ja – weniger komplizierte Musik. Erstere wird Jazz genannt oder Mathrock, letztere firmiert unter Begriffen wie Easy Listening und etwas globaler betrachtet: Pop. Fragt sich also, ob es Hard Listening gibt, vielleicht sogar Mathpop und Jazzpop? Seit heute darf man mit Fug und Recht behaupten: Ja. Die kalifornische Band Hello Forever hat ihn erfunden. Wobei er besser mit Hard Listening Mathjazzpop beschrieben wäre.

In seine Einzelteile zerlegt, ist das Debütalbum Whatever It Is ein Mash-up von den Beach Boys über die Beatles bis We Are Scientists. Jede Sequenz für sich suppt geschmeidig ins Ohr wie eine Strandparty der Sixties. Weil das Kollektiv von Samuel Joseph die Soul-Samples und Rock-Schnipsel, Field-Recordings und Queen-Avancen per Stabmixer verrührt haben muss, döst man allerdings nicht in den Sonnenuntergang, sondern bleibt hellwach bis zum Schluss.

Hello Forever – Whatever It Is (Rough Trade)

Nude Party

Wo wir gerade beim etwas alternativeren Pop sind – der kann natürlich auch ganz leicht hörbar sein, wenn er zubereitet wird wie von Nude Party, die nicht umsonst ein bisschen so klingen wie The Strokes auf dem Grab von Velvet Underground. Mit einer sensationellen Mischung aus Rockabilly und Countryglam, Garagengeschrammel und etwas Punk, also dem echten, erinnern die sechs New Yorker an all das, was ihrer irren Stadt so entspringen kann.

Nicht nur, aber vor allem dank Patton Magees vorwitzigem Kneipengesang, reist man auf der zweiten Platte Midnight Manor durch die Bars der Umgebung, probiert in jeder davon einen anderen Schnaps, landet irgendwann wieder am Anfang und beginnt einfach von vorn. Zwölf Tracks wie zwölf Gelage mit Meat Loaf: voller Ausritte in einen Rock’n’Roll, der sogar “run, run, running wild” singen darf, ohne peinlich zu klingen.

Nude Party – Midnight Manor (New West Records)

Hype der Woche

Aloe Blacc

Eine der wichtigen Erkenntnisse im Musikzirkus lautet: Kreativität schützt vor Stumpfsinn nicht. Nehmen wir zum Beispiel Aloe Blacc, der den Soul Mitte des Jahrtausends Richtung Zukunft gepitcht hat. Dieser Tausendsassa der Transformation also singt auf seiner neuen Platte mit grandioser Schmusekratzstimme “My daddy told me how to fight / he said don’t beg down when you were right / my mama teached me how to love / she said always use your heart…” Weia. Wenn nach dieser Lektion in Geschlechterklischees auch noch die Nelly-Furtado-Erweckungshymne scheppert, könnte man All Love Everything (BMG) nach dem ersten Track getrost einstampfen. Muss aber nicht. Weil Aloe nunmal Blacc ist, schimmert unterm Stumpfsinn immer noch diese großartige Gefühl für Harmonie und Stil hindurch. Dennoch: irgendwie ein bisschen Eurodance für Connaisseure.


Yonder Boys, Aaron Taylor, Idles

Yonder Boys

Americana aus der Mark Brandenburg, das klingt ein bisschen wie TikTok made in Texas, also erstmal absurd, aber gut – wir haben komische Zeiten voll komischer Konstellationen, die früher mal unmöglich schienen, jetzt aber genauso realistisch sind wie ein Borderliner als US-Präsident oder wahlweise drei Männer aus Amerika, Chile, Australien, die sich im technoiden Berlin vereinigt haben, um nostalgischen Country-Punk zu machen.

Yonder Boys nennt sich das singende Gitarrenduo aus Jason Serious und David Stewart Ingleton, die der Tausendsassa Tomás Peralta um Kontrabass, Mandoline plus allerlei Schlagwerk ergänzt. Ihr Debütalbum klingt entsprechend nach Surf-Sound für die Prärie. Mit unbedingt lebensbehahender, sehr humorvoller Poesie reiten die Yonder Boys acht Stücke lang im Banjo-Stakkato durchs weite Land und zeigen damit, dass Herkunft nun wirklich nichts mit dem Leben von Menschen zu tun haben muss.

Yonder Boys – Acid Folk (Blue Whale Records)

Aaron Taylor

Während neu interpretierte Traditionals stets einem Konservatismus-Vorbehalt unterliegen, mäandert der Soul seit den Sechzigern so konsequent durch die Popmusik, dass niemand mehr zu sagen vermag, was daran neu ist und was alt. Ob Aaron Taylors Future-Funk also aus der Vergangenheit zu uns kommt oder der Zukunft – dem neuen Album des Londoners mit ghanaisch-karibischen Wurzeln ist das kaum  anzuhören.

Musikalisch zwischen André 3000 und Curtis Blow kratzt seine Schmuse-Gesang über retrospektive Motown-Harmonien, löst sie zwar gelegentlich im Säurebad schiefer Jazz-Sequenzen auf wie in Shooting Star feat. Benni Sings auf. Am Ende findet jeder der elf Tracks jedoch zurück in den hochsommerwarmen Mainstream dieses ubiquitärsten aller massentauglichen Sounds. Läuft gut rein, läuft gut raus, kriegt man irgendwie nie genug von.

Aaron Taylor – Icarus (Edenic Records)

Hype der Woche

Idles

Onomatopoesie ist die Versprachlichung bekannter Geräusche: Tiktak, Dingdong, Klippklapp, süß. Wobei die Wortbilder selbst dann oft arglos klingen, wenn sie wie Peng Schüsse vertonen. Die Onomatopoesie der Idles indes handelt nicht nur von Schießgewehren, sondern Krieg. Krieg auf den Straßen, Krieg in den Köpfen, Krieg überall. Wenn Joe Talbot “Clack clack clack a clang clang! That’s the sound of the gun going bang bang” oder “Tuka tuk tuk tuk tun tuka! That’s the sound of the drone button pusher” proklamiert und danach einfach bloß schreit, wissen wir also, dass sich nicht nur der Opener des dritten Albums im War befindet, sondern ganz Ultra Mono (Partisan Records). Seit ihrem Debüt Brutalism 2017 lässt kaum jemand die Wut über die Wut brachialer, aber auch bedächtiger, reflektierter, klüger raus als das Noise-Quintett aus Bristol. Permanent beschleunigt von Adam Devonshires Bass, geht’s bei aller Gewalt schließlich um Rassismus und Neoliberalismus, toxische Männlichkeit und Machtmissbrauch jeder Art. Großartig wie die Sleaford Mods mit Band. Bamm, Bamm, Bamm!

 


Yellow Days, Midlife, Whoiswelanski

Yellow Days

Wer Funk und Soul nicht auf den Straßen Detroits der Siebziger aufgesogen hat, steht rasch im Verdacht, beides nur auszuschlachten, weil Funk und Soul nun mal noch immer die Dance-Musik beeinflussen wie kaum ein zweites Genre. Für Zeitzeugenschaft ist George van den Broek allerdings viel zu jung und dann auch noch aus Manchester, nicht Michigan. Die nostalgischen Sounds des britischen Stimmwunders könnten also gut als kulturelle Aneignung durchgehen – klängen sie sie nicht so hinreißend nostalgisch wie zuletzt nur bei Anderson .Paak.

Mit einer ganzen Gang Kollaborateure von Kanye West über Raphael Saadiq oder Weldon Irvine bis Shirley Jones und Mac DeMarco schafft es sein neues Album so zu klingen, als bade er mit den Fun Lovin’ Criminals in Barry Whites Jacuzzi. Alles daran ist strikt gestrig, aber nie verstaubt. Porn-Pop mischt sich da ölig schön mit Future-Funk. Selbst dort, wo Yellow Days mit Bishop Nehru Crooner-HipHop macht, atmet A Day in a Yellow Beat eine Art Motown-Duft des Hybrid-Zeitalters. Das Album der Woche für Gestrige von Morgen.

Yellow Days – A Day in a Yellow Beat (Columbia)

Midlife

Nur eine Handvoll Jahre nach den Ursprüngen von Yellow Days, wurzeln auch Midlife im Blumenbeet musikalischer Zitierfreude längst vergangener, aber nie vergehender Zeiten. Als würde das australische Quartett seinen Sound wahllos aus einem schlecht sortierten Filmarchiv der Siebziger angeln, vermischt auch ihr zweites Album kosmisch flatternde Syntesizer mit krautigem Postrock, bis nichts mehr zusammenzupassen scheint. Konjunktiv. Im Indikativ ist Automatik die Quintessenz des strukturierten Found Footage zum Tanzen.

In Vapour zum Beispiel treibt der Klang einer fiebrigen Querflöte Kevin McDowells Gesang über elegischen Blödsinn repitiver Zeilen wie Everybody wants and needs vor sich her, bevor Tomas Shanahan das analog housige Downstream im Anschluss mit funkigem Bass beträufelt, der hier wie dort im Captain-Future-Gedächtnis-Soundtrack durchs All zu hopsen beginnt. Automatisch ist hier gar nichts, es regiert organische Künstlichkeit, ein warm besseelter Space-Jazz der allerfeinsten Sorte, Liebe zum Chaos in kosmischem Ausmaß.

Midlife – Automatic (Heavenly Records)

Whoiswelanski

Und wo wir schon in der Kategorie Retro sind: wenn der Ekklektizismus unserer zitierfreudigen Tage das Wesen des Pop bestimmt, treibt ihn die oberbayerische Band mit dem halbenglischen Namen Whoiswelanski auf die Spitze. Ihr Debütalbum TALK spricht nämlich gar nicht, es sabbelt unablässig vor sich hin und sondert dabei Klang- und Wortzeugs ab, das aufs erste Hören unzusammenhängend wirkt, aufs dritte, vierte hingegen so schlüssig wie ein Nudelsalat mit allem drin, was die Küche grad noch so hergibt für die WG-Party.

Im Grunde pampig, schmeckt der ja auch dann am besten, wenn man sich gegen Mitternacht in Stimmung gesoffen hat. Die elf elektronischen Tracks, von denen fünf nach den Anfangsbuchstaben des Plattentitels, also im Grunde gar nicht benannt sind, klingen mit beliebiger Alltagsprosa unterlegt wie ein geselliger Rausch, von dem die beidenn Schulfreunde Josef Pötzinger und Tobias Weber vermutlich alle seit der 8. Klasse gemeinsam erlebt haben. Kein Werk für die Ewigkeit, aber eines, das den Moment mit wattiertem Gagapop feiert.

Whoiswelanski – TALK (Popup Records)


Annie Taylor, All Them Witches, Tricky

Annie Taylor

Die Schweiz ist für so einiges bekannt, was seinen Ursprung fernab der Berge hat. Schokolade zum Beispiel, dessen Rohstoff eher selten auf Almwiesen wächst. Dazu Plebiszite altgriechischer und Finanzen amerikanischer Herkunft. Da sollte es also nicht überraschen, wenn das Land ohne Küsten kalifornischen Surf-Rock hervorbringt, der es auch ohne Copyright spielend mit dem Westküstenoriginal aufnehmen kann. Annie Taylor heißt die Züricher Band um Sängerin Gingi Jungi und nein, ihr Debütalbum klingt auch nicht innovativer als Schoki, Volksbefragung, Bankgeheimnis.

Dennoch hat Sweet Mortality einen Drive, der selbst im breitgetretenen Genre psychedelischer Krautpunk-Variationen selten ist. Mit fast schon funkigem Bass, treiben zwei hochverzerrte Gitarren ein Schlagzeug vor sich her oder umgekehrt, als hätten sich die Beach Boys mit Sleater Kinney und Warpaint am Strand verabredet, um die Trashmen aus dem Sand zu graben. Mal rotzig, mal tranig betet das Quartett mit One-Two-Three-Four-Akkorden die Sonne an, ohne sich im Tempo zu verlieren. Das ist nicht neu, es ist auch nicht perfekt. Aber gerade deshalb macht es ungeheuer Spaß.

Annie Taylor – Sweet Mortality (Taxi Gauche Records)

All Them Witches

Womit wir beim staubigen Pendant sandiger Musik wären: Stoner. Ob der Gitarrenbrei Spaß macht, kann man Hardcore-Fans beim effektreduzierten Headbangen durch die Wände ihrer Matten ja in der Regel nicht am Gesicht ablesen, aber der Mix aus sedierten Riffs und Vocals hinter meterdicken Walls of Sound ist schon auch für Außenstehende irgendwie ergreifend. Gerade, wenn sie von Virtuosen wie All Them Witches errichtet wird. Auch auf dem sechsten Album seit 2012 baut die Band aus Nashville ja Mauern ins Untergeschoss des Bewusstseins, ohne sich dahinter zu verschanzen.

Während sich Stücke wie Saturnine & Iron Jaw oder See You Next Fall anfangs wie ein Tinnitus durchs Gehirn sägen, nimmt Fast-Forward-Rock wie Enemy of my Enemy keine Umwege ins Großhirn, bevor es sich der Easy Listening Grunge Everest im Anschluss fast schon gemütlich macht. Zusammen schafft es Nothing as the Ideal acht Stücke lang, alle Zonen der Wahrnehmung mit verstörend düsteren Riffs zu durchforsten, bis daraus eines der vielleicht abwechslungsreichsten Alben dieses oft etwa monochromen Genres wird.

Alle Them Witches – Nothing as the Ideal (New West Records)

Hype der Woche

Tricky

Seltsamerweise ist man bei den Stichworten “monochrom” oder “Abwechsung”, “verstörend” und “düster” nicht allzu weit weg vom prominentesten Vertreter einer völlig anderen Stilrichtung, die dem Stoner dennoch irgendwie wesensverwandt ist, nur eben mit einer ganz anderen Dringlichkeit: Tricky. Seit mindestens 3000 Jahren schon macht der Brite aus Bristol eine Art TripHop, die das Gemüt durchkriecht wie flüssige Watte. Da ist es überaus bemerkenswert, dass sein neues, 13. Album Fall to Pieces (False Idols) mithilfe der Sängerin Marta Momente beschwinger Leichtigkeit ins getragene Breakbeatgerüst spinnt. Angeblich soll Adrian Nicholas Matthews Thaws bei der Produktion sogar erstmals in 51 Jahren gelacht haben. ist nur ein Gerücht und vermutlich Blödsinn. Aber seiner Platte hat es offenbar gut getan.