Alligatoah: Rotwein & Rap

Ich bin kein Impuls-Rapper

Mit Kollegen wie Casper, Käptn Peng oder Marteria macht Lukas Strobel alias Alligatoah eine Art von HipHop, dessen Poesie sozialkritisch, gelegentlich gar politisch, aber zugleich äußerst unterhaltsam ist, ohne Parolen zu dreschen. Für eine gute Punchline gibt auch das Nordseeküstengewächs (fast) alles – wie er im Interview zu seiner fünften Platte Schlaftabletten, Rotwein V erzählt. Die Erwartungshaltung ist jedoch nicht nur inhaltlich groß; nach zwei Top-3-Alben zählt der 28-jährige Verwandlungskünstler schließlich auch wirtschaftlich zu den Großen des HipHop. Ein Gespräch über Mitteilungsbedürfnis, Zweckreime, Metaebenen und warum er gern ein Märchenerzähler wäre.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Lukas, es ist nicht ganz leicht, sich durch dein neues Album zu hören.

Lukas „Alligatoah“ Strobel: Warum?

Weil es unfassbar viel Text auf engstem Raum enthält. Ist das dein natürliches Mitteilungsbedürfnis oder steckt alles im HipHop, was du privat nicht ausdrücken kannst?

Interessanter Ansatz. Ich rede tatsächlich im Alltag sehr viel weniger als auf Alben. Aber genau diese Möglichkeit, so viel Text in der Musik unterzubringen, hat mich zum Rap gebracht. Lange Geschichten mit Beats, Musik, Melodien zu erzählen, interessiert mich seit jeher und war Motivation, die Album-Reihe Schlaftabletten, Rotwein so mit Text vollzuballern, dass es meine Liebe zum Rap zelebriert. Aus dem haben mich viele Leute ja bereits weggestrichen, weil sie meinen, der rappt doch gar nicht und hat auch noch eine Gitarre umhängen…

Für Puristen reichen ein paar echte Gitarren-Riffs für den Ausschluss?

In der Tat, das erstaunt mich selber auch. Dabei hatten die Platten zuvor zwar weniger Text als dieses, die Rap-Dichte darauf war aber trotz gesungener Hooks und melodiöser Refrains hoch. Interessanterweise gilt zeitgenössischer Sprechgesang, der nur noch aus Autotune besteht, dennoch eher als Rap.

Stört dich das?

Nein, meine Liebe zu ihm ist groß und die wollte ich mit diesem Album untermauern.

Benutzt du ihn dabei wie einst das „CNN der Schwarzen“ als Medium oder bloß als Mittel deines Mitteilungsbedürfnisses?

Was heißt nur? Ich spiele gern mit Worten, Formulieren und Ideen, die manchmal abwegig sind, manchmal radikal, vor allem aber anders. Wenn ich damit den einen oder anderen Gedanken anstoße – umso besser. Aber ich habe mich nun mal dazu entschieden, Musiker zu werden, kein Meinungsmacher, der seine Zuhörer zum Entschlüsseln möglichst kryptischer Botschaften bringt. Verglichen mit einem Buch oder Blog wäre das ja ein riesiger Umweg.

Andererseits haben Songs wie Füttern verboten oder Meine Hoe doch politisch eine Metaebene zu Themen wie Aufmerksamkeitsindustrie oder Gangsta-Machismo?

Schon, aber nichts liegt mir ferner als marktschreirisch Parolen zu brüllen. Schon weil ich zu vielem, was ich thematisiere, überaus ambivalente Ansichten habe. Als betroffener Beobachter bin ich schließlich nicht unschuldig daran, worüber ich singe. Wenn ich etwa kritisch übers Reisen singe, kann ich mich und meine Mobilität davon ja nicht ausnehmen. Meine Eindrücke in aller Welt haben Abdrücke hinterlassen. Weil jede kritische Auseinandersetzung mit anderen auch mit sich selbst ist, sollte man sich mit Empfehlungen zurückhalten.

Aber heißt es nicht, deine Texte seien gar nicht autobiografisch?

Trotzdem sind es doch meine Beobachtungen aus meiner Perspektive auf meine Welt, die damit auch mich betreffen. Insofern, hat dieses Album mehr Verbindungen zu mir als die anderen. Ich verrate aber natürlich nicht wo.

Fühlst du dich als jemand, dessen Stimme nicht nur von vielen gehört, sondern auch ernst genommen wird, verantwortlich für die Stimmungslage da draußen?

Verantwortung hat doch verschiedene Richtungen. Viele raten mir, mich für junge Zuhörer verantwortlich zu fühlen, die meine Ironie womöglich nicht verstehen. Andere erwarten, dass ich mich mit klaren Statements zur politischen Lage positioniere. Genauso gut könnte ich mich aber denjenigen verpflichtet fühlen, die halt einfach auf derben Humor stehen und nicht auch noch auf Platte von den Nachrichten belästigt werden wollen. Weil man es nie allen recht machen kann, hab ich für mich entschieden, nur mir selbst gegenüber Verantwortung zu übernehmen. Das kann zwar auch kontrovers werden, muss es aber nicht.

Du entwickelst also kein automatisches Bedürfnis, deine Position als Medium zu nutzen, um beispielsweise die Ereignisse in Chemnitz zu kommentieren?

Klar entwickle ich so was. Aber die Reaktionszeit, Dinge, die auf mich einwirken und inspirieren, in Songs umzusetzen, ist bei mir extrem lang. Ich bin kein Impulsrapper, der sich bei einem Ereignis sofort hinsetzt und was dazu aufschreibt. Ich handle generell selten im Affekt, sondern beobachte sehr abwartend und entwickle daraus ausgewogene Bilder, die in alle Richtungen blicken. Das war mir schon immer wichtig.

Im Opener von Schlaftabletten, Rotwein V heißt es, „Rap braucht wieder einen Märchenerzähler“. Bist du das?

Vielleicht ja. Ich erzähle zwar recht derbe Märchen, die thematisch durchaus politische Komponenten enthalten. Aber schon, weil man zu ihrer Zeit vieles nicht offen aussprechen durfte, sind ja auch die der Gebrüder Grimm keineswegs unpolitisch. Vorausgesetzt, dass es nicht nur süße Prinzessinnen-Geschichten sind, wäre ich gerne Märchenerzähler.

Was wäre dir dabei wichtiger: Metaphorik und Zusammenhang oder Poesie und Punchlines?

Ich bin ein großer Fan von Zweckreimen, damit kann man mich also nicht bloßstellen. Ich liebe es, die Sprache zu verbiegen und grammatikalisch zu entfremden, um sie klangvoller zu machen. Ich folge dem Wortklang manchmal mehr als dessen tieferer Bedeutung oder andersrum – erst durch Wortklänge stoße ich oftmals auf Bedeutungen. All dies in eine stimmige Struktur bringen zu wollen, ist der Grund, warum ich solange an Texten knabber.

Hast du dafür, wenn schon keine Vorbilder, dann doch Referenzgrößen?

Ich werde oft damit konfrontiert, in der Tradition von Künstlern zu stehen, die ich selbst kaum kenne. Meine Songs sollen zum Beispiel manchmal klingen wie die Ärzte. Oder Fettes Brot. Kann sein, hab ich aber beides nie wirklich gehört. Umso mehr freue ich mich immer, Bands kennenzulernen, von denen ich angeblich inspiriert wurde. Hast du noch eine?

Fishmob zum Beispiel.

Sagt mir nur vom Namen her was.

Eine der ersten deutschen Rap-Bands, die HipHop mit Rock und Techno verbunden haben.

Dann muss ich mir die unbedingt mal anhören, danke schön. Man nimmt am Ende oft mehr mit nach Hause als erwartet…

Was erwarten deine Fans denn nun vornehmlich von dir – Diskurs oder Spaß?

Meine Hörerschaft erwartet glaube ich vor allem, sich mit Bleistift und Zettel vor meine Texte zu setzen und Zeile für Zeile zu enträtseln. Auf Seiten wie Genius entdecke ich dann manchmal Zusammenhänge eigener Gedanken, die mir selbst gar nicht bewusst waren. Leute, die schnellverständlichen Pop erwarten, hab ich so vermutlich von meinen Konzerten vergrault – dafür muss ich noch nicht mal zu Beginn 30 Minuten Flachwitze über Kot reißen.

Abgesehen vom Inhalt ist aber auch die Show eher großes Theater als kleiner Rap…

Die logische Fortführung davon, textlich in verschiedene Rollen zu schlüpfen, ist es, auch auf der Bühne kostümiert zu sein. Aber das absurde Theater wird durch die Songs zusammengehalten.

Nach zwei Top-3-Alben infolge gibt es zu deiner Musik längst auch wirtschaftliche Erwartungshaltungen. Kriegst du die beim neuen Album zu spüren?

Der Vertrieb möchte sicher gute Zahlen sehen, aber gottseidank bin ich bei einem Independent-Label. Künstlerisch habe ich sämtliche Freiheiten und Leute hinter mir, die wissen, dass ich nur dann abliefern kann. Ich kümmer‘ mich um Worte, nicht um Zahlen.

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Reeperbahn-Festival 2018: Bild & Ton

Feminist Beat Revue

Das Reeperbahn-Festival wächst seit 2006 kontinuierlich zum wichtigsten Ereignis zeitgenössischer Independent-Musik und -Kultur Europas, das weltweit eigentlich nur noch vom texanischen SXSW an Bedeutung übertroffen wird.  Unter den rund 1500 Veranstaltungen in 90 Clubs in, auf, um St. Pauli herum befinden sich allerdings nicht nur gut 600 Konzerte, sondern auch diverse Panels, Diskussionen, Vorträge und Ausstellungen wie diese: Die Hamburger Fotografin Christiane Stephan zeigt am 22. September im Centro Sociale ihre Fotoausstellung Feminist Beat Revue, in der sich geschlechterkampfbewusste Künstlerinnen wie Bernadette la Hengst, Francoise Cactus oder Sookee in zwölf großformatigen Porträts selbstbestimmt in Szene setzen.

FEMINIST BEAT REVUE
22. September 
14 Uhr – 24 Uhr 
Centro Sociale
Sternstraße 2


Orions Belte, Jungle, BC Camplight

Orions Belte

Jedes Zeitalter, jeder Musikstil, jede Band hat Untiefen der scheinbaren Belanglosigkeit, in denen nicht mal CDs von Ricky King ganz versinken. Kuschelrock, Eurodance, Chartspop – es gibt wenig, was aus nichts nicht rein gar nichts machen könnte. Selbst die famosen Beach Boys haben Ende der Achtziger ja ein Lied von so debiler Saftigkeit an die Spitze der Hitparaden gesülzt, dass man beim Hören statt Hirn nur Wachs im Kopf noch spürte. Da ist es schwer zu sagen, ob Orions Belt dieses Wachs nun weiter schmelzen oder nur neu verformen wollte, als das norwegische Duo ins Studio ging, um ein Instrumental-Album aufzunehmen. Es klingt schließlich ein bisschen wie Kokomo auf Ritalin und Koks. Vor allem aber klingt es: Fantastisch.

Øyvind Blomstrøm und Chris Holm, die sonst eher Live-Bands auf Tour begleiten, legen hier ein Debüt von so seifiger Verschrobenheit hin, dass sich die artverwandten Laid Back dagegen anhören wie Garagenpunk im Kellerclub. Mint, so heißt die Platte, vermischt (meist) wortlose Sounds aus den Hintergründen der Musikwelt zu einer umwerfenden Melange schmissiger Melodien. Mal schimmert darin bekiffter Krautrock durch, mal hawaiianischer Strandschlager, oft der Score drittklassiger Actionfilme, alles im Unterton der Ironie, der das analog Dargebotene allerdings nie verächtlich macht, weil stets die Liebe zum Aberwitz im Detail durchblinzelt. Ein irres Erstlingswerk, dem gerne mehr, viel mehr noch folgen dürfen.

Orions Belt – Mint (Jansen Records)

Jungle

Es ist ja nicht so, dass Funk und Soul zwingend der Repertoire-Erweiterung bedürfen. Die Bibliothek ist von der Epochengeburt vor gut 50 Jahren bis tief in die Achtziger hinein so gut sortiert, dass es vermutlich mehr hörbare 7′-Singles aus Motown und Kalifornien gibt als Silben in HipHop und Folkrock zusammen. Dennoch entstehen immer wieder Bands, die dem Genre Innovation abringen. Es begann bei Terence Trent D’Arby, nahm mit Jamiroquai Schwung auf, endete noch lange nicht bei Amy Winehouse und findet gerade im Londoner Kollektiv Jungle seine Fortsetzung – eine schillernde, schlicht unwiderstehliche, seitdem es 2014 half, klassischen Funk und Soul wieder gesellschaftsfähig zu machen.

Gegründet von den Schulfreunden Tom McFarland and Josh Lloyd-Watson schafft es nun auch der Nachfolger des weltweit gefeierten, selbstbetitelten Debüts vor vier Jahren ab Takt eins ins Gemüt der Zuhörer. Wie damals ist Four Ever allerdings kein bloßes Aufwärmen tradierter One-Two-Eleganz früherer Zeiten. Die achtköpfige Band entwickelt erneut einen sehr modernen Stil nostalgischer Disco. Mit hoher Kopfstimme mäandert sie geschickt zwischen Earth Wind & Fire und Pharrell Williams, Soul II Soul oder Kendrick Lamar und schüttet dem Rhythmus schwarzer Musik mit elektronischer Beilage garniert etwas wunderbar Jetziges ins Gestrige.

Jungle – Four Ever (XL Recordings)

BC Camplight

In der Popmusik sollte man Texte meist nicht allzu sehr überbewerten. Falls darin von Liebe, Leid, dem Leben und allem Drumherum die Rede ist, geht es meist weniger um Liebe, Leid, das Leben und allem Drumherum als vielmehr die akkurate Begleitung möglichst eingängiger Melodien. Bei BC Camplight indes lohnt sich ein Blick zwischen die Zeilen ihrer zweiten Platte. Scheinbar ein strukturloses Soundsammelsurium, würfelt Deportation Blues von Swing über New Romantic und Progrock bis modernem Synthiepop acht Jahrzehnte wild durcheinander.

Wenn Brian Christinzio dazu jedoch schmuseweich „Welcome a stranger in you world“ fleht und sodann fragt, wo seine Fröhlichkeit geblieben sei. Wenn er fragend Am I Dead? titelt oder feststellend I’m Desperate. Wenn selbst Sehnsuchtsgewäsch im Kreise disharmonischer Drones seltsam existenziell klingt. Dann vertont das sehr bewusst die Biografie eines depressiven US-Italieners mit Hang zur Drogensucht, der kurz vorm Brexit aus England verwiesen wurde und seither zwischen einer ganzen Reihe halber Heimaten herumirrt. All dies macht Deportation Blues zum Konzeptalbum der inneren Zerrüttung, das mal wie ein Tinnitus klingt, mal wie Brian Ferry auf Ritalin, doch stets betörend und originell.

BC Camplight – Deportation Blues (PIAS)


Anna Calvi, Ohmme, Justice, 1000 Gram

Anna Calvi

Ob Anna Calvi nun lesbisch oder sonstwie homoerotisch ist, wird nach den ersten zwei Platten der britischen Songwriterin zwar hitzig diskutiert. Davon abgesehen, dass Anna Calvis Liebesleben zunächst mal nur Anna Calvi etwas angeht, gibt ihre Musik aber auch auf der dritten Platte reichlich Auskunft darüber, woran sie emotional interessiert ist: An den Gefühlen von Menschen füreinander, besonders die ganz großen, alles umfassenden, herzzerreißenden, tief bewegenden, gern verschwitzten, Hauptsache gegenseitigen. Musikalisch ist Hunter daher der gewohnt elegante Rodeo-Ritt zwischen sehr großer Oper und sehr kleinem Kammerspiel, mit dem sie vor fünf Jahren auch schon auf One Breath brilliert hat.

Und inhaltlich packt sie all die gewaltigen Streicher-Arrangements, Metal-Sägen, Filmscore-Choräle und Orchester-Pauken in ein wallendes Gewand von so aufwühlender Emotionalität, dass man sich bei jedem der zehn im wahrsten Sinne des Wortes grandiosen Tracks zwischen Mailänder Scala, Hauptbühne Wacken und frühem Jamens Bond wähnt. Von dieser Spannkraft zeugt allein das Video zum Titelsong, dessen explizite Darstellung autoerotischer Zärtlichkeit schon wegen der expliziten Bilder kaum auf Facebook verlinkt werden dürfte. Pop klang selten so pathetisch, ohne peinlich zu sein. Großes Melodrama!

Anna Calvi – Hunter (Domino)

Justice

Big Beat, das war doch diese weltumspannende, hochenergetische Elektronikzentrifuge, in der von Techno über Funk, Rap, Klassik hin zu Punkrock alle Sounds so lang durcheinandergewirbelt wurden, bis daraus die denkbar wildeste Tanzmusik entstand. Abgesehen vom unsäglichen Eurodance galt Big Beat demnach als ein Inbegriff der eklektischen 90er, die der Disco kaum Neues geschenkt haben, das aber mit Nachdruck. 20 Jahre, 200 Krisen und ähnlich viele Stilwechsel von Daft Punk später scheint das Zeitalter der boxenturmstürzenden Mashup-Würfe also vorbei.

Doch dann erklingen die ersten Stücke der neuen Platte von Justice und jenseits aller Nostalgie wird spürbar: Das Prinzip alles auf einmal mit viel Bass und Trash funktioniert noch immer. Wenn Xavier de Rosnay und Gaspard Augé etwa ein Spinett unters industrielle Raunen von Heavy Metal montieren, wirkt es wie Slayer auf Jean Michel Jarre, in einem Wort: famos. Vom geschmeidigen, leicht süffigen French House der beiden Freunde sind auf den Neuinterpretationen von Woman Worldwide also nur die inhaltlich gewohnt sinnlosen House-Vocals geblieben. Der Rest ist ein Brett, das den Mainstream des Pop zünftig mit seinen eigenen Waffen vermöbelt.

Justice – Woman Wordlwide (Ed Banger)

Ohmme

Die konsumgeile Spaßgesellschaft ist vielleicht der traurigste Ort unseres lustig verlotterten Planeten. Im Bällebad des Überflusses glotzen adulte Kinder so debil aus der Wäsche, dass Erwachsenen bei Verstand das Lachen vergeht. Sima Cunningham und Macie Stewart zählen definitiv zu letzteren. Unterm Bandnamen Ohmme lassen sie sich jedoch glücklicherweise auf erstere ein und machen daraus Independent von derart sarkastischer Lässigkeit, dass die Ignoranz der konsumgeilen Spaßgesellschaft für neun Tracks ihres Plattendebüts ein wenig erträglicher wird.

Der heilsame Stoff zur Magenentsäuerung heißt Parts und hat das heimische Chicago live verabreicht bereits wie eine gut verträgliche Designerdroge erobert. Sie besteht aus einer Vielzahl von Samples, Instrumenten, Fieldrecordings, die oft hinten und vorne nicht zum dadaistischen Doppelgesang der beiden Endzwanzigerinnen passen, aber klingen wie die Andrew Sisters im heillosen Durcheinander von Weens Garage. Und die Percussions vom vogelwilden Drummer Matt Carroll sorgen auch nicht für Ordnung. Eingängig ist daran wenig, aber vieles auf spöttische Art ergreifend. Der perfekte Soundtrack zum anstehenden Weihnachtseinkauf.

Ohmme – Parts (Joyful Noise)

1000 Gram

Dringlichkeit das vielleicht wichtigste Wort einer Branche, die seit jeher mit undringlichem Überfluss zu tun hat. Meist wird das, was man im weitesten inne Popmusik nennt, mit so viel redundanter Lieblosigkeit überspült, dass die Momente echter Energie gelegentlich untergehen. Wer allerdings wirklich etwas zu sagen, zu spielen, vorzutragen hat und wem all dies ersichtlich eine Herzensangelegenheit ist, wird noch immer gehört, keine Sorge. Bands wie die hinreißenden Modest Mouse etwa oder auch: 1000 Gram. Das skandinavisch-österreichisch-deutsche Kollektiv mit Standort Berlin schafft es seit Jahren Indierock zu machen, der gleichsam in Kopf und Gemüt geht.

Und genau das gelingt Moritz Lieberkühns Gesang auch auf der dritten Platte mit dem wunderbar wortverspielten Titel By all dreams nessecary. Die zehn Stücke darauf sind abermals von so dringlicher Mitteilungsbedürftigkeit, dass es an die Emo-Heroen Buffalo Tom erinnert. Doch so ergreifend Lieberkühns Gesang ist, so virtuos untermalen ihn Arne Braun, Paul Santner, Alexander Simm und Lukas Akintaya mit eleganten Alternative-Kaskaden, von denen die Video-Auskopplung Daydream zeigt, dass 1000 Gram auch ganz schön schrammeln können. Wenngleich sich die Alben gleichen – das amerikanophile Quintett darf gern noch ein paar Jahrtausende genauso weitermachen.

1000 Gram – By all dreams nessecary (staatsakt)


Laurel, Blood Orange, Alice In Chains

Laurel

Wenn man sich vorstellt, also nur mal rein hypothetisch, die notorisch melodramatischen, aufs absolute Minimum reduzierten The XX würden unvermittelt ein paar Stimmungsaufheller ins Dark Ale bekommen und zudem um 30, 40 bpm beschleunigt – das Ergebnis wäre vermutlich nicht nur höchst interessant, es klänge wohl auch wie Laurel Arnell-Cullen. Wie die unwesentlich älteren Hängeschultern des Emo-Genres aus London stammend, macht die 24-Jährige einen ungeheuer dezenten Gitarrenpop, der meist mehr so vor sich hintröpfelt, als die Songs strukturell auszubreiten. Die Stimmung ist also ähnlich wie bei den Hauptstadtnachbarn. Und doch hinkt der Vergleich ein wenig.

Laurels Debütalbum Dogviolet nämlich ist gar kein jugendlich entrückter Versuch, in einer viel zu großen, viel zu weiten Welt Halt zu finden, wie es Dreampopper der Marke XX tun. Mit leicht kehliger, aber erstaunlich voller Stimme positioniert sich die Sängerin ziemlich standfest in der Mitte ihrer Gefühle – ganz gleich, ob ihr Liebesleben ganz gut läuft wie im Opener You make life worth living oder den Bach runtergeht wie in Same Mistakes. Mit eleganten Wave-Grooves und präzise verhallendem Picking zeigt sich Laurel als emotionales, nicht zerrüttetes Mitglied ihrer Alterskohorte. Das hört sich manchmal pathetisch an, aber meistens sehr ausgefuchst und klug.

Laurel – Dogviolet (Counter Records)

Blood Orange

Wer jemals auch nur drei Takte der Test Icicles gehört und danach dieses unangenehme Fiepen im Ohr hatte, käme vermutlich nie auf die Idee, dass ein Mitglied dieser britischen Noise-Band je etwas anderes machen könnte als versierten, aber infernalischen Industrial. Doch weit gefehlt. Der Sänger und Gitarrist Devonté Hynes, gebürtig in den USA, hat nicht nur etwas grundlegend, sondern diametral anderes gemacht. Und das ist ein echter Glücksfall fürs weit entfernte Metier dessen, was man mal Black Music genannt hat. Als Blood Orange wühlt er die Harmonielehre dieser eleganten Stilrichtung seit Jahren schon auf und hat drei ziemlich bemerkenswerte Platten produziert.

Jetzt kehrt der gelernte Cellist mit dem vierten zurück, und Negro Swan ist mehr noch als die vorigen ein Tauchgang durch die manchmal arg seichten Gewässer des R’n’B, bei dem er darin so manch verborgene Höhle entdeckt und besiedelt. Mit Gästen von Puff Daddy über A$AP Rocky bis Steve Lacy ist er zwar nicht mehr ganz so politisch wie zuletzt auf seinem Emanzipationsalbum Freetown Sound. Aber mit Texten über Mobbing, Sexismus, Ungleichheit zu Sounds von Trap, Funk, Pop, Jazz und Electronica bis hin zur Bigband-Klassik, braucht das tiefenentspannt vor sich hin fließende Negro Swan Vergleiche mit Kendrick Lamar oder Arrested Development nicht zu scheuen. Ein bissig heißer Sommerwind für den nahenden Herbst.

Blood Orange – Negro Swan (Domino)

Alice In Chaines

Noch deprimierender als vergeudetes Potenzial ist eigentlich nur noch vergängliches Potenzial. Wie sehr es aufs Gemüt drückt, lässt sich gut beobachten, wenn gereifte Musiker den alten Lorbeer von früher aufkochen. Alice In Chains war einst auch deshalb eine der maßgeblichen Grungebands, weil sie mit viel Stoner im Blut die Ära des Alternative Metal geprägt haben, Markenzeichen: Fett mal breit mal tief verzerrte Gitarrenriffs. Und ein paar davon drischt das Gründungsmitglied Jerry Cantrell auch beim dritten Comeback seit dem selbstbetitelten Nr.-1-Album von 1995 aus dem Nichts ins Heute und alles klingt wie immer. Und immer. Und immer.

Abgesehen vom Ersatz des gestorbenen Sängers Layne Staley hört sich Rainier Fog an, als seien Ziegenbärte noch in Mode und Gitarrensoli irgendwie cool. Identische Tempi, Melodien, Texte und nicht die winzigste Auffrischung, geschweige denn Gadgets vom Rechner oder andere Rockinstrumente als die üblichen drei plus Stimme: selbst für harte Fans gibt es eigentlich nur einen Grund, das sechste Album zu hören: die ersten fünf sind kaputt, vergriffen oder in einer alten WG geblieben, unterm selben Stapel wie das liebste Flanellhemd von damals, als AIC noch wichtig waren.

Alice In Chaines – Rainier Fog (BMG)


Trevor Powers, Slaves

Trevor Powers

Im Kopf eines anderen zu sein, das hat schon der irre Experimentalfilm Being John Malkovich einst gezeigt, klingt fantastisch, kann furchtbar sein, in jedem Fall aber nach einer faszinierender Idee, der man sich zu gern mal hingeben würde. Denn wie es im Kopf eines anderen aussieht, das weiß bislang ja nur der (oder die) andere allein, Änderung (bislang) ausgeschlossen. Es sei denn, der (oder die) andere lädt uns bereitwillig ein, den Kopf zu besteigen. So wie Trevor Powers. Das Solodebüt des Amerikaners nämlich klingt so derart nach einer Reise durchs Innere seiner wirren Gedankenwelt, dass es eigentlich Being Trever Powers heißen müsste.

Der Titel lautet allerdings Mulberry Violence und ist ein Konzeptalbum, das er abseits seines bisherigen Projektes Youth Lagoon mit Freunden und Kollegen auf einer texanischen Obstplantage eingespielt haben soll. Von so viel Natürlichkeit ist darin allerdings wenig zu spüren. Die Texturen, Töne, Arrangements klingen vielmehr nach einer psychotischen Rundreise durch sein Seelen(un)heil. Ein Track nach dem anderen schrubbt sich mit Fiepsen, Piano, Rauschen, Drums, Sägen, Synths, Scheppern, Kazoo, Grunzen und seiner kratzenden Falsettstimme zu einer Art avantgardistischen Ethnonoisepop, bei dem man besser horizontal auf der Couch liegt. Dann aber ist es ein echtes Klangerlebnis im Chaos.

Trevor Powers – Mulberry Violence (Baby Halo)

Slaves

Im Rahmen des Handelsüblichen herrscht auch im neuen Album der Slaves ein angemessenes Durcheinander. Das Metier des Duos aus der Grafschaft Kent ist schließlich eine Form von Garagenrock der diesen Titel auch wirklich verdient. Isaac Holman legt seinen Cockney-Slang dabei so breit übers eigene Schlagzeug, dass sein Partner Laurie Vincent kaum anderes, als Bass und Gitarre tief in die Hüfte zu hängen und derart rotzig zu verzerren, als wären die artverwandten Sleaford Mods Regensburger Chorknaben. Dass sie damit ihre ersten zwei Platten in die heimischen Charts gebracht haben, spricht dabei unbedingt fürs dortige Publikum.

Denn auch Acts of Fear and Love drischt neun gar nicht mal kurze, aber wesensmäßig knackige Punkgewitter aus der Box, die alles Wunderbare am alten Britrock kompilieren und so durch den Fleischwolf ihres Furors drehen, bis einem selbst unter freiem Himmel förmlich Clubdeckenschweiß aufs Gesicht tropft. Dafür ist interessanterweise erneut kein übertriebenes Tempo nötig (das es natürlich dennoch oft gibt). Tracks wie das getragene Magnolia schöpfen ihre Geschwindigkeit vielmehr aus einer Intensität, in der die beiden den Raum mit Riffs und Wut verfüllen. Grandioses Album für die wirre Zeit, in der wir leben.

Slaves – Acts of Fear and Love (Universal)

 


Lui Hill, PR Newman, Whiskey Shivers

Lui Hill

Lui Hill singt und zwar ausgesprochen gefällig. Seine Stimme klingt sanft und doch füllig, ohne sich und andere damit zu überfordern. Sie untermalt eine Art digitalen Weißbrotsoul mit Discoappeal, ein paar Eighties-Orgeln obendrauf und die unvermeidlichen Trap-Elemente – fertig ist ziemlich gediegener Indie-R’n’B, bei dem dennoch etwas fehlt, als hätte man ihm die High-hat geklaut oder alle Dur-Töne: Auf seinem selbstbetitelten Plattendebüt verwendet Lui Hill, der offenbar wirklich so heißt, Achtung: keinen Autotune. Null. Er lässt seinen Gesang allen Ernstes völlig unverzerrt wirken, was in diesem Genre seit zwei Jahren unter Todesstrafe zu stehen scheint. Nicht der einzige Grund, Lui Hill ernsthaft zu empfehlen. Trotz allem.

Viele der elf Stücke verströmen nämlich den bruttigen Dunst funkiger Harmoniesucht, wie sie die Charts von Platz 1 bis 99 so lieben. In seiner bittersüßen Eloge aufs kalifornische L.A. jedoch lotet der musikalische Vieleskönner nicht nur die dunkelsten Ecken seiner Heimatstadt aus; er macht daraus ein Konzeptalbum mit so vielen Hüpfern zwischen unzusammenhängenden Stilen, das etwas Autotune geradezu angemessen gewesen wäre. Pluckernde Basstupfen, metallische Gitarren, seifige Chöre, wirre Samples und immer wieder dieses Synthiegrummeln überm Soul: Man muss sich ein wenig hineinwühlen in Lui Hill, aber dann ist es der Magnet des Monats. Mindestens.

Lui Hill – Lui Hill (Filter Music)

PR Newman

Ach, was waren das für selige Zeiten, irgendwann in den Siebzigern, als die Technikgläubigkeit zwar Risse bekam, aber trotz Arbeitslosigkeit oder Terrorismus alles irgendwie im Griff zu sein schien, und falls nicht, zumindest weggefeiert werden konnte. Kein Wunder, dass damals Stile wie Disco, Funk und Glamrock entstanden sind, die der Miesepetrigkeit fröhlich den Marsch geblasen haben. Mit derlei nostalgischem Disco, Funk und Glamrock wedelt sich nun auch der amerikanische Ex-Punk Spencer Garland die Sorgen fort. Und weil er dafür unterm Pseudonym PR Newman auch noch Country, Folk, Mariachi unters Debütalbum rührt, ist Turnout der lustigste Kommentar auf die Spaltung seiner trumpgeschädigten Nation.

Wie Teenager mit zu viel Abschlussballbowle intus scheppert der blecherne Gesang über den galoppierenden Rock’n’Roll, bevor ein Stück später die Steelguitars wimmern als hätte Willie Nelson in der Schüssel gebadet. Und manchmal ist PR aka Punk Rock derart euphorisiert vom Optimismus im Unheil, dass er durch fröhliche Flamenco-Bläser zu pfeifen beginnt. „I been confused, misguided and blind but happy“, singt er in Everything stellvertretend für den Rest. Falls von der Droge was übrig ist, nur her damit…

PR Newman – Turnout (DevilDuck)

Whiskey Shivers

Über ein paar Bier und Bourbon hinaus brauchen Whiskey Shivers dagegen keine Drogen um auf dem gleichen Label wie PR Newman das Original zu liefern. Die fünf Freunde aus Austin machen total ironiefreien Bluegrass mit Kontrabass und Fidel und Waschbrett und Banjo und überhaupt allem, was Traditionalisten von dieser Art Folk erwarten. Wie gut, dass Andrew VanVoorhees, Bobby Fitzgerald, James Gwyn, James Bookert und Sänger Jeff Hortillosa aus allen Ecken der USA nach Texas gekommen sind, um die ortsübliche Nostalgie kosmopolitisch zu radikalisieren. Denn trotz des klassischen Instrumentariums schwitzt ihr fünftes Album Some Part of Something Elemente von Punk und Wave aus.

Unüberhörbar und unentrinnbar. Die ehrwürdige Washington Post schrieb dazu bereits von „apocalyptic Americana“, was die filigranen Arrangements jenseits der konservativen Überlieferung auch für die Ostküste nutzbar macht. Gewiss, man sollte schon einen Bezug zu dieser Art Volksmusik haben, um sie zu ertragen. Aber wenn sich rasanter Alternative-Country wie Like A Stone und No Pity In The Rose City mit pathetischen Traditionals über die Weite der Prärie reibt, ist horizontal zumindest für gute Abwechslung gesorgt.

Whiskey Shivers – Some Part of Something (DevilDuck)