Jamila Woods, Holly Herndon, Get Up Kids

Jamila Woods

Was es heißt, als farbige*r Künster*in im Umfeld weißer Dominanz aufzuwachsen, in einem Land zumal, dass sich auf dem Weg zur Gleichberechtigung auf halber Strecke rückwärts bewegt, statt vorwärts – wer also um die Ignoranz der Mehrheitsgesellschaft weiß, neigt noch stärker als die dazu, sich seiner Wegbereiter zu besinnen. Nachdem ihr erstes Album Heavn noch aus sich selbst zu kommen schien, widmet die politisch bewusste Sängerin Jamila Woods das zweite daher musikalischen Urahnen, ohne die sie – unabhängig von deren Hautfarbe – nicht wäre, wo sie ist. Der Titel lautet folgerichtig Legacy! Legacy! und dekliniert diesen Erbteil Vorname für Vorname durch.

In ZORA zum Beispiel setzt der afroamerikanischen Literaturikone Zora Neale Hurston ein sanft mäanderndes Soul-Denkmal aus dem dunstigen Hallraum des R’n’B. Mit milchigen Funk-Avancen huldigt sie kurz darauf FRIDA (Kahlo), in SONIA (Sotomayor) der lateinamerikanischen Bundesrichterin durch eleganten HipHop im Fugees-Style. Bei MILES (David) wird es wenig überraschend jazzig, durch MUDDY (Waters) weht eine verwitterte E-Gitarre. Und wenn die Aktivistin aus Chicago BALDWIN beehrt, klingt es schon deshalb so vielschichtig wie wahre Freundschaft, weil es um ihren Mann Jimmy geht. Was aber all die Hommages vereinigt: Jamila Woods kann betörend singen, betreibt aber nie Stimmakrobatik, sondern Gesangskommunikation. Gespräche zum Tanzen.

Jamila Woods – Legacy! Legacy! (Jagjaguwar)

Holly Herndon

Jamila Woods’ Landsfrau Holly Herndon dagegen unterhält sich auf ihrer neuen Platte mit niemandem. Ihre digital zerhechselten Vokalfragmente sind weder Kommunikation noch Gesang, ja im Grunde genommen nicht mal Teil einer kongruenten Sprache. Mit einer selbst entwickelten Voice-Processing-Technik montiert die Feldklangforscherin mit Doktorinnengrad der Philosophie Stimmfetzen mit Orchesterelementen zu einer Musik, die so selbst auf ihren vorherigen Arbeiten seit 2012 noch nie zu hören war. In einer Mischung aus Field Recordings und Bigbeat-Electronica erkundet die Wahlberlinerin aus Tennessee die Abseiten des Avantgarde-Pop. Und wird dabei fündig.

Das Thema auf PROTO ist dabei das Künstliche menschlicher Wesenszüge, artifizielle Intelligenz, Verfremdung und Rückaneignung. Die meisten der 13 Stücke klingen demnach wie wahllos zusammengewürfeltes Durcheinander, in dem Holly Herndon nach Struktur sucht und doch nur weiteres Chaos findet. Wer sich jedoch wirklich in ihr drittes Album hineinhört, womöglich gar fallen lässt, entdeckt darin die Schönheit vollsynthetischer Choräle und Sinfonien, denen offenbar kein Helicopterproduzent auf Zwang eine Richtung geben durfte. Der Begriff Harmonie erweist sich dabei als Chimäre unserer verbildeten Konsumhaltung. Hier ist alles Energie, Organik und dabei zum Niederknien fantasievoll.

Holly Herndon – PROTO (4AD)

Hype der Woche

The Get Up Kids

Nein, über The Get Up Kids muss man ein Vierteljahrhundert nach ihrer Gründung als Emo-Garagenband in Kansas City nicht mehr viel sagen. Nicht, dass es immer ein bisschen heikel ist, wenn gealterte Skaterkids den selben ewig jungen Skaterkidpunk machen. Nicht, dass man besonders diesem Quintett ewig befreundeter Fourtysomethings irgendwie selbst ein Comeback aus Gründen der Geldnot gönnen würde. Nicht, dass der Sound ihres neuen Albums Problems (Big Scary Monsters) gebraucht klingt. Es ist einfach viel zu schön, Matthew Pryor dabei zuzuhören, wie er zu fröhlich geschredderten Fuzzgitarren unverdrossen vom Erwachsenwerden erzählt, das bei ihm auch auf den acht Alben zuvor so aufrichtig männerbewegt sympathisch klang, als sei er der einzige Kerl auf einer feministischen Poolparty. Nicht neu, nicht alt, nicht weltbewegend, nicht banal, einfach ewig The Get Up Kids.

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Decibelles, Flamingods, Spelling

Decibelles

Angeschnauzt werden will ja eigentlich selbst dann niemand so richtig gerne, wenn ein wenig Distanz zwischen Absender und Adressat des Anschnauzens liegt. Wer sich das zweite Album der Decibelles anhört, spürt zudem sogar fast physisch, wie die Spucke durch den Raum fliegt – so derart ruppig schnauzt uns das Punktrio aus Lyon an. Und dann klingen dessen Riffs auch noch ein bisschen wie die dauernden Becken-Exzesse, ein einziger Hochfrequenzbrei, mit Schwung von der Bühnenkante ins Publikum geschleudert. Komisch, dass man sich dort trotzdem instinktiv hinsehnt wie auf ein eskalierendes Festival im warmen Sommerregen. Ist aber so.

Denn Rock Francais mag ein zwölfteiliger, punkgerecht dreißigminütiger Schlag in die Magengrube sein; was die zwei Jugendfreundinnen plus Kumpel aus Lyon da mit Gitarre, Bass, Schlagzeug und einem Gesang anstellen, der selten unter volles Brett brüllt, gilt nicht ohne Grund als Reinkarnation früherer Rrrriot Grrrls von Team Dresch bis Sleater Kinney mit ähnlich feministischem Furor, aber chaostheoretischer zubereitet. Mehr noch, als beim Vorgänger Tight nämlich schreddern Fanny, Sabrina und Emile ihren Hardcore mit Noise-Elementen, streuen aber auch immer mal wieder mal fast balladenartigen Edgy Pop à la Manger son Ex ein. So macht selbst Angeschnauztwerden doch Spaß.

Decibelles – Rock Francais (Surprise Records)

Flamingods

Nicht annähernd so brüllender Sound, aber ähnlich brillanter Name zu einer gigantischen Portion Aberwitz – das sind die Flamingods aus London. Nach einer epischen Weltreise durch alle Einflussfaktoren zeitgenössischer Musik, insbesondere in Afrika und Südamerika, wirft das Quartett auf seiner vierten Platte alles in die Klangschale, was Pop zu Pop macht, ohne Pop, also shallow, berechnend und blöde zu sein. Denn heillos überbrachtet mit Myriaden teils naturalistischer, teils hochtechnologischer Gerätschaften, filetieren Kamal Rasool, Charles Prest, Karthik Poduval und Sam Rowe das, was mal Weltmusik hieß, und machen daraus ein galaktisches Durcheinander.

Wie auf den Alben zuvor zeigt es sich Levitation als psychedelisches Discofunk-Kompendium, in dem alles möglich ist, aber nichts nötig, das bei aller Filigranität dem Chaos huldigt und doch nie manieriert, gar unfertig klingt. Schon der Opener Paradise Drive zeigt dabei, wohin die wilde Fahrt elf Tracks lang geht: auf einen Roadtrip entlang der Fahrbahnmarkierungen von Talking Heads bis Monster Magnet mit ein paar Abzweigungen Richtung Grizzly Bear, Foxygen, Tame Impala. Wer sich auf dem großvateralten Feld intrinsischer Rockmusik bewegt, muss mit Referenzgruppen leben; dennoch sind die Flamingods in ihrer synthiegemästeten Verschrobenheit einmalig. Ein bisschen zumindest.

Flamingods – Leviation (Moshi Moshi)

Spelling

Und wo wir grad beim Thema Psychologie sind: Auch Chrystia Cabral bewegt sich mit ihrem Projekt Spelling tief in den Abseiten ihrer eigenen Seele, dort also, wo selbst Fachleute nur mit Abertausend Sitzungen auf der Couch hingelangen. Wer sich ihr zweites Album Mazy Fly anhört, käme daher nie auf die Idee, sie würde aus der kalifornischen Bay Area stammen, wo selbst im Winter ständig die Sonne scheint und Strandpartys als Menschenrecht gelten. Eher schon verortet man den Sound im London der frühen Neunziger, als Bands wie Tricky oder Massive Attack aus HipHop und Electrowave konzentrierten Schwermut gemacht haben.

Dabei ist Mazy Fly gar nicht wesensmäßig, also grundsätzlich mies gelaunt; die getragenen, oft leicht opernhaften Arrangement klingen nur einfach, als seien sie in Opiumhöhlen auf Absinth entstanden und wühlen sich nun mühsam kriechend zurück ans Tageslicht. Golden Numbers zum Beispiel erinnert zwar an eine der düsteren Kellerkuren frühfreudscher Psychoanalyse, mit Wassertherapien und Zwingsessel; zugleich aber flirrt ein artifizielles Glockenspiel durch knapp drei Minuten, die fast ein wenige R’n’B verströmen, während Under the Sun kurz darauf eher nach Siebziger-Soundtrack als Trübsinn klingt. Trotz aller Drones und Cellos muss man darüber also nicht in Depression verfallen.

Spelling – Mazy Fly (Cargo)


Billy Zach, van Kraut, Ezra Collective

Billy Zach

Ob schlechte Stimmung stets übellaunig klingt und gute beschwingt – die Frage ist spätestens unbeantwortbar, seit selbst The Cure im quietschfidelen Dur über Jungs sangen, die nicht weinen. Als tiefdunkler Wave plötzlich glockenhell klingen durfte, war Max Zacherl zwar nur ein grobes Konzept in der Familienplanung seiner Eltern, aber irgendwie hat er den Paradigmenwechsel mit der Muttermilch aufgesogen. Unterm Kunstnamen Billy Zach kreiert der gebürtige Bayer 32 Jahre später im WG-Zimmer seiner Hamburger Wahlheimat einem Sound kreiert und auf handsigniertes Vinyl gepresst, der zugleich tiefschwarz und strahlend weiß ist, eine Art Gothic Light gewissermaßen mit Songs, die unter der düsteren Oberfläche schwingen wie analoger Rave in einer entweihten Kirche.

Schon der Opener Elite wirkt, als hätte sich Tom Waits mit The Cramps zum Surf Punk verabredet. Riot Circus verliert zwar an Tempo, nicht aber an Verve, bevor uns die Gitarrenproklamation Fights wie ein Tarantino-Soundtrack durch staubige Canyons treibt. Der Schlüsseltrack von Shallow aber ist das epische Where Am I. Mit seiner Reibeisenstimme singt Billy Zach missmutige Zeilen wie „Hate my life and live my hate / I am justified to share your rage“. Im solo eingespielten Rockinstrumentarium zu Betrachtungen seiner gentrifizierten Großstadt schwimmen sie aber in einen Fluss, der mal aufwallt, mal abschwillt, bevor er geruhsam ins Meer eines schräg-schönen DIY-Manifests mündet, das nur selten so trübsinnig ist, wie dunkler Wave schon längst nicht mehr sein muss.

Billy Zach – Shallow (self)

van Kraut

Ungleich fetter und, hüstel, professioneller produziert, aber in einem absolut artverwandten Duktus präsentieren van Kraut am gleichen Standort ihr zweites Album. Auch auf Zäune aus Gold ist die Atmosphäre so getragen wie im poetischen Hardcore von Messer bis Die Nerven üblich. Auch hier dominieren düstere Riffs ein flatterndes Gerüst kulturpessimistischer Grundstimmungen. Auch hier geht es alles in allem eher missmutig zu. Augenscheinlich. Untergründig jedoch mag Christoph Kohlhöfer die Gated Community des Glücks seiner Stadt als elitären Selbstbetrug entlarven also gegen Aufwertung, Kapitalismus, Bürgertum pesten. Es klingt nur nie misanthropisch, sondern allenfalls trotzig.

Sollte es für dieses gesanglich reduzierte, instrumentell aufgewühlte Gitarre-Schlagzeug-Duett, dem Tobias Noormann sehr klug pointierte Drums beisteuert, Referenzgrößen geben – man würde vermutlich irgendwo zwischen Ja, Panik und Fehlfarben fündig. Entscheidend aber ist, dass sich von Kraut nirgends anbiedern, wenn ihr getragener Postpunk den alten Wave des vergangenen Kalten Kriegs ins Jahrtausend des neuen transponiert. Das Resultat ist die meisten der neun Stücke lang zwar angemessen emotional, aber gottlob nie larmoyant oder frei von Selbstironie. Ein wirklich gelungenes Alternative-Album mit gelegentlichem Potenzial zur Bauwagenplatzpartybeschallung.

von Kraut – Zäune aus Gold (DIAN Recordings)

Ezra Collective

So ganz ganz anders, weil ganz ganz lebensbejahend und dabei ganz ganz wunderbar ist hingegen das Ezra Collective. Im Lichtkegel der UK Jazz Invasion, die den angestaubten Distinktionssound ergrauter Professoren und Anwälte gegenwarts-, also poptauglich macht, vermengt das Quintett aus London 2000 Jahre Jazzhistorie mit HipHop, Afrobeat, Ska, Funk, Soul und etwas Grime zu einer Melange, die vom Ohr übers Gehirn ins Herz durch den Schritt Richtung Beine geht und dort für Bewegung sorgt. Befeuert vom Schlagzeug des Bandleaders mit dem fabelhaften Namen Femi Koleoso ist das Debütalbum You Cant’t Steal My Joy demnach mehr als ein Mashup verschiedener Stile.

Es ist ein Manifest der Grenzüberwindung, das besonders in den Songs mit Gaststars wie Jorja Smith oder dem Cockney-Rapper Loyle Carner große Kraft enftacht. Sein What Am I To Do erinnert an die Ursprünge dieser Art des Crossovers, als Jazzmattaz oder Arrested Development den Sound alter weißer Männer mit dem junger schwarzer, na ja – auch Männer, aber androgynerer Selbstwahrnehmung versöhnt haben. So wahnsinnig soziokulturell bis politisch muss man You Cant’t Steal My Joy aber gar nicht höre; die 13 Stücke flattern bis zum karibischen Shakara feat. Kokoroko so hingebungsvoll spielfreudig durch den Kosmos weltweiter Klänge, dass man sich die nächste Fernreise getrost sparen kann. Ist auch besser fürs Klima…

Ezra Collective You Cant’t Steal My Joy


Fontaines D.C., Chemical Brothers

Fontaines D.C.

Ob Punk’s so rein popkulturell musikalisch betrachtet wirklich dead is, ist schon längst keine rein quantitative Fragen des physischen Überlebens einer antiquierten Stilrichtung mehr, sondern eine eher eine qualitative der Definition. So unterhaltsam, ausgefuchst und rüde zeitgenössischer Hardcore oftmals sein mag – mit dem Label Punkrock, der ihm oft übergestülpt wird, hat er in der Regel wenig zu tun. Dafür ist er schlichtweg oft zu virtuos. Im Grunde gilt das auch für Fountaines D.C., die fünf Dubliner haben jedoch etwas, das andere nicht haben: Grian Chatten.

Der Sänger und Songwriter des Quintetts aus dem Arbeiterviertel The Liberties legt ein so wunderbar monochromes Nölen übers Debütalbum Dogrel, dass die elf Stücke scheinbar alle gleich klingen – gleich angepisst, gleich gelangweilt, gleich aufmüpfig. Durchs Gitarrengeschredder von Conor Curley und Carlos O’Connell zu Tom Colls geradlinigen Tempodrums wirken die Kommentare auf Gentrifizierung, Katholizismus, Bigotterie und den Versuch, in diesem Meer der Ignoranz zu schwimmen, allerdings wie Schnappatemübungen des Durchhaltevermögens. Endlich ein Punkrock, der diese Bezeichnung verdient.

Fontaines D.C. – Dogrel (Partisan Records)

Hype der Woche

Chemical Brothers

Sie sind noch da, unverwüstlich, unverdrossen energisch, einfach nicht totzukriegen: The Chemical Brothers. Dabei hatte ihr technoider Breakbeat-Hardcore die eurodancesedierte Welt bereits Mitte der Neunziger so brachial tanzbar auf kommende Verwerfungen vorbereitet, dass die Twin Towers scheinbar im Sound der Block Rockin’ Beats eingestürzt sind. Heute nun erscheint ihr neuntes Album, und wie einst auf Exit Planet Dust oder Dig Your Own Hole entfachen Stücke von Gravity Drops bis Mad As Hell bereits im Titel das Feuer früherer Tage. Die Tonlage legt aber doch eher Eve of Destruction fest. Der Opener überzieht den gewohnten Drum’n’Bass mit einem Schmelz von fast housiger Lässigkeit und auch sonst schalten Tom Rowlands und Ed Simons auf No Geography (Universal) zwei Gänge zurück auf Big Beat mit vielfach fast melodischer Tiefenschärfe. Trotzdem bleibt auch das siebte Nummer-1-Album in spe die Antwort der Disco aufs Chaos vor der Clubtür: tanzt die Katastrophe einfach weg! Für ein paar Stunden wirkt das bestens.


L’Impératrice, Shana Cleveland, Ratso

L’Impératrice

Wer sich wirklich hingebungsvoll mit Musik beschäftigt, sei es als Fan, sei es als Experte, der träumt ja eigentlich immerzu von diesem einen Moment, in dem ein Debütalbum die allerersten Töne verbreitet und sofort im Herzen andockt, ohne melodramatisch zu sein, und im Hirn, ohne verkopft. Dem französischen Sextett L’Impératrice gelingt genau dies mit dem erstaunlichen Opener von Matahari, einem furiosen Erstlingswerk, das hoffentlich Zweit- bis Xlingswerke nach sich zieht.

Wie Regentropfen plöddert ein repititives Elektro-Geklimper darin über einen Air-artigen Bass, bevor hinterm Vorhang sphärischer Jarre-Avancen Todd Terje aus der Synthie-Disco blinzelt. Und auch die elf Stücke danach sind so hinreißende Avancen an den Frenchpop der frühen Neunziger mit funkigen Siebzigereinsprengseln, dass nicht mal die englischen Übersetzungen von Flore Benguiguis ursprünglich französischem Vanessa-Paradis-Gesang stört. L’Impératrice heißt übrigens Herrscherin. Wir sind bereit zur Unterwerfung!

L’Impératrice – Matahari (microqlima)

Shana Cleveland

Shana Cleveland dagegen will offenbar nichts und niemand beherrschen. Dafür verhallt ihr Gesang viel zu fragil im Wüstensand, den das Solodebüt des Gitarren-Genies aufwirbelt. Wer es nicht weiß, würde demnach kaum ahnen, dass die Kalifornierin nebenbei den rauen Ton der Surfpunkband La Luz angibt. Zwischen psychedelischen Lagerfeuerriffs und einem seltsam verträumten Grundraunen unterm irisierenden Westernsound scheint Shana Cleveland förmlich zu verschwinden.

Tatsächlich aber bleiben die schüchternen, leicht mondsüchtigen Berichte aus dem Innersten ihrer Seele und dem Äußeren der Welt ringsum von so unüberhörbarer Präsenz, dass selbst die vielen grandiosen Gastmusiker auf Night of the Worm Moon wie Will Sprott, Abbey Blackwell und Kristian Garrard scheinbar ergriffen in den Hintergrund treten, während sich im Vordergrund eine neue Welt im gleißenden Licht von Amerikas Süden eröffnet.

Shanna Cleveland – Night of the Worm Moon (Sub Pop)

Ratso

Kann es für den Durchbruch je zu spät sein, sagen wir – knietief im Rentenalter, also jenseits der 66? Wer sich das erstaunlicherweise wirklich allererste Solo-Album des erfahrenen Studiomusikers Larry Sloman anhört, dürfte seinen Jugendwahn diesbezüglich kurz überdenken. Mit stolzen 70 Jahren hat der frühere Kollaborateur großer Legenden von Bob Dylan über Leonard Cohen bis Lou Reed sein eigenes Debüt erstellt und durchaus altersgerecht Stubborn Heart genannt. Eine gewisse Sturheit im Herzen ist schließlich unerlässlich, wenn man sich vom Schaukelstuhl nochmals in den Pop-Zirkus wagt.

Doch was heißt hier Pop?! Weil juvenile Musik für einen Mann dieser Reife gewiss würdelos wäre, hat Ratso, wie er sich nennt, eine Art existenzialistischen Kaffeehaus-Soul entwickelt, der zwar durch und durch nostalgisch ist, aber nie rückwärtsgewandt. Ein bisschen im Stile von Nick Cave, der im wunderbar geschmeidigen Our Lady Of The Night die Vocals beisteuert, erzählt Sloman mit Märchenonkelstimme vom Leben der letzten sieben Jahrzehnte und unterlegt es mit dem reduzierten Großstadtfolk seiner New Yorker Heimat, in der sogar mal die E-Gitarre jault. Nicht modern, aber zeitlos schön.

Ratso – Stubborn Heart (Lucky Number)


Palina Rojinksi: Podkinski & Yo! MTV Raps

Wie eine Instagram-Story

Palina hier, Rojinski dort – die rothaarige Moderatorin russischer Herkunft mausert sich zur Allzweckwaffe gehobenen Trash-Entertainments. Und jetzt reanimiert der frühere Sidekick von Joko & Klaas auch noch eine Legende: Yo! MTV Raps. Ein Interview mit der Moderatorin übers Musikfernsehen von früher bis heute und was das HipHop-Magazin für ihr eigenes Leben bedeutet.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Palina Rojinski, als 1995 nach sieben Jahren die letzte Ausgabe Yo! MTV Raps lief, waren Sie gerade mal ein Jahr älter als die Sendung und erst kurz zuvor aus Russland nach Deutschland gezogen.

Palin Rojinski: Drei Jahre, um genau zu sein.

Was verbinden Sie da mit einer Musiksendung, die bereits Geschichte war, bevor Sie sie sehen konnten?

Oh, einiges. Schon weil ich sehr jung begonnen habe, dieselbe Musik zu hören. Meine Jugend war HipHop, meine Gegenwart ist HipHop, mit HipHop verbinde ich demnach ein Lebensgefühl, das sich schon damals in der Sendung wiederfand und hoffentlich jetzt wiederfinden wird.

Sind Sie denn eher der Oldschool-Typ oder offen für neue Entwicklungen?

Ich bin vor allem alive, deshalb mag ich Oldschool, aber auch Neuausrichtungen wie Trap oder Cloud-Rap. Außerdem finde ich es toll, dass darin mittlerweile so viele Frauen mitmischen und sich das Genre langsam in eine ausbalanciertere Richtung entwickelt.

Ist das Ihre Kernqualifikation für die Neuauflage dieser Legende – ein weiblicher Fan zu sein, der Leidenschaft mitbringt und die weibliche Seite des HipHop repräsentiert?

Beides, aber nicht ausschließlich. Es ist ja nicht so, dass ich mir jeden Morgen mein Update auf nerdigen Rap-Seiten hole, um auf dem neuesten Stand zu sein. Und dass ich die Show mit MC Bogy in einer gemischten Doppelspitze moderiere, ist angemessen zeitgemäß.

Soll das nur zeitgemäß oder auch emanzipiert sein?

Ich nenne es nicht Emanzipation, sondern Balance. Ohne Frauen gibt’s keine Kinder, ohne Männer aber auch nicht.

Sie gehörten einst selbst zur MTV-Familie, in der Sie mit Joko & Klaas MTV Home moderiert haben. Fühlt es sich zehn Jahre später da wie eine Heimkehr an?

Weil sich beim Sender, aber auch im Fernsehen insgesamt so viel verändert hat, fühlt es sich eher nicht so an. Aber obwohl ich nicht nach Hause komme, freut es mich total, dass ich mit Anfang dreißig wieder in meinem Jugendzimmer herumspringen kann. Auch wenn HipHop genauso erwachsen geworden ist wie ich. Wenn man sich die Szene ansieht, sind viele Künstler, die auch schon über 40 sind und trotzdem Nummer-1-Alben produzieren.

Die stammen wie Yo! MTV Raps aus einer Zeit als – wie Oli Schulz zurückblickt – Musik noch richtig groß war, während das Musikfernsehen längst richtig klein ist. Welche Relevant hat die Neuauflage auf einem Kanal, von dessen Existenz die meisten vermutlich gar nichts mehr wissen, da für die Popkultur?

Eine große. Denn Yo! MTV Raps bietet der Musik mal wieder eine prominente Plattform, auf der jene Rapper, die man sonst nur von Spotify oder Deezer kennt, live spielen. Pro Sendung gibt es zwei solcher Auftritte. Außerdem sollen bei uns Musikvideos laufen, die einem nicht nur von Youtube empfohlen werden. Ansonsten kennen Fernsehen und Internet entweder Videos oder Konzerte oder Interviews. Bei uns ist alles kompakt beisammen, in einer ausgewogen schönen Mischung. Wie eine Instagram-Story, bloß als Fernsehendung.

Das heißt, Yo! MTV Raps orientiert sich am Ursprung Ende der Achtziger, nicht dem Ende Mitte der Neunziger, als die Show bloß Clips kompiliert hat?

Ja eher. Es ist eine neue eigene Show mit altem Namen, die sich an der Musik orientiert und an sonst nichts.

Könnte sie das einst wirklich weltbewegende Musikfernsehen damit reanimieren und in Konkurrenz zu Spotify oder Deezer für die Jugendkultur wieder bedeutsam werden?

In Konkurrenz zu irgendwas definitiv nicht, nein. Eher ergänzend. Man darf nicht vergessen, dass nahezu alle Rekorde, die im Bereich der Videozugriffe grad gesprengt werden, irgendwie mit HipHop zu tun haben – und obwohl weder von den Machern noch den Nutzern womöglich allzu viele MTV gesehen haben, wollen wir auch für jene da sein, die damit aufgewachsen sind. Ich sehe uns als eine Art Jugendzentrum, dessen Angebot gleichermaßen für die Jugendlichen und die Sozialarbeiter gemacht ist.

Erweitern Sie mit dieser Sendung auch ein wenig Ihr Portfolio?

Inwiefern?

Voriges Jahr haben Sie eine Reportage-Reihe zur Fußball-WM in Russland gemacht, jetzt ein eigenes Musik-Magazin, dazu einen Podcast…

Schön, dass Sie den erwähnen. Er heißt Podkinski und ist eine Spielwiese mit Prominenten, die so gut zu mir passen, dass ich eine Stunde auf Spotify mit denen quatschen, aber auch spielen kann.

Spielen heißt?

Eine Art Seelenstrippoker. Ich glaube, es war Platon, der gesagt hat, man lerne den Menschen durch eine Stunde Spielen besser kennen als in einem Jahr Gespräche. Das nehme ich als Inspiration und meine Gäste sehr intim und spielerisch unter die Lupe. Das sind dann Leute wie Fahri Yardim, Guido Maria Kretschmer, Stefanie Giesinger, Nura oder Oli Schulz. Sehr bunte Mischung. So wie ich.

Eine Mischung, die abgesehen von Guido Maria Kretschmer nach Freundeskreis klingt.

Lustigerweise ist das mein ältester Bekannter.

Zurück zur Portfolio-Erweiterung. Gibt es so was wie eine Kernkompetenz, die sich bei Ihren Tätigkeiten herausschält oder sind Sie für alles zu haben?

Sagen wir so: Ich bin für alles zu haben, was auch mich unterhält; nur dann steckt genügend Neugier und Interesse dahinter, um die Zuschauer mit auf diese kleine Reise nehmen zu können. Meine Kernkompetenz ist demnach, dass man an meiner Seite die Welt entdecken kann.

Bislang hatten Sie das allerdings häufig als Sidekick anderer getan.

Ich bin ein Teamplayer, muss also nicht zwingend alleine im Rampenlicht stehen. Ich würde mich aber auch nicht als ständigen Sidekick bezeichnen; das war ich vor vielen Jahren bei MTV Home. Oder worauf zielt die Frage ab?

Die Branche sucht händeringend nach jungen, aber erfahrenen Showmastern, die die ganz große Fernsehbühne bespielen können. Kämen Sie dafür infrage?

Auf jeden Fall. Aber ehrlich gesagt sind in dem Moment in dem ich das mache mein eigener Podcast oder Yo! MTV Raps für mich richtig schöne große Bühnen und ich gebe alles von mir. Da fühle ich mich wohl und weiß auch keine andere Show, die ich jetzt unbedingt machen wollen würde. Die Branche hat sich gefühlt auch verändert, ein Podcast der früher vielleicht unter ferner liefen irgendwo versauert ist, hat jetzt mehr Zuhörer als je zuvor und wird super aufwändig und qualitativ hochwertig produziert. Die Kanäle sind mehr geworden es gibt nicht mehr nur die eine Samstag-Abendshow. Es macht nur Sinn sich da breiter aufzustellen und ich liebe diese Diversität sehr.

Die Größe einer Bühne bemisst sich bei Ihnen also nicht in Quadratmetern oder Quote, sondern?

Dass ich darauf bereit bin, alles, was von mir dazu gehört und innovativ ist, hineinzugeben.


Lafawndah, Jayda G

Lafawndah

Wer mythisch irgendwie aufgewühlt ist und seine Erregung zu Kunst verarbeitet, neigt gemeinhin dazu, die eigene Überwältigung auf andere zu übertragen. Von den Religionsschinken des Mittelalters bis zum Gospel der Gegenwart erwächst aus Spiritualität verlässlich großes Melodrama. Auch die amerikanische Musikerin Lafawndah ist von irgendeinem Geist beseelt und bläst es mit dem emotionalen Klangmobiliar ihrer persisch-ägyptischen Ursprünge auch noch vollmundig raus.

Zum Glück jedoch macht ihr wunderbares Debütalbum Ancestor Boy dabei nicht den Fehler irgendwen zu irgendwas bekehren zu wollen. Die folkloristisch angehauchte, großstädtisch durchproduzierte Ethno-Electronica ihrer 13 abwechslungsreichen Stücke nimmt uns lieber ohne viel Überzeugungsfuror mit in ihre Welt großspuriger Pop-Arrangements, die sie mit kraftvoll-verstörendem Gesang im M.I.A.-Stil unterwandert. So hinreißend also kann Kirchenmusik sein, wenn ihr Altar die Disco ist.

Lafawndah – Ancestor Boy (Concordia)

Jayda G

In der Disco hat sich zweifelsohne auch der weibliche DJ Jayda G einen Schrein errichtet. Sie ist davon allerdings nicht spirituell erbaut oder sonst wie entrückt, sondern ärgert sich darüber, dass auf dem Dancefloor ringsum die Männer so intensiv manspreaden, bis alle Frauen an den Rand einer Tanzfläche verschwunden sind, die zudem kaum noch den freiheitlichen Geist früherer Epochen atmet, sondern nur noch der Selbstdarstellung dient. Nach dreijährigem Aufenthalt in Berlin hat die Kanadierin aus ihrem Ärger nun ein Manifest in Plattenform gemacht, das manchmal leicht gemächlich, bei genauerem Hinhören aber energisch um Aufmerksamkeit bittet.

Passenderweise heißt ihr Debütalbum denn auch Significant Changes. Es ist eine Sammlung sorgsam reduzierter, beizeiten minimaler, aber meistens recht tiefgründig groovender House-Tracks, die von Jaydas Stimme mal feengleich unterwandert, mal neunzigerfunky überlagert werden. Und weil das Ganze bei Ninja Tune erscheint, darf man sich sicher sein, dass all die eingerührten Beats und Samples dem Mainstream mindestens so fern sind wie viele der Texte. Schon cheezy manchmal, aber sehr, sehr schön.

Jayda G – Significant Changes (Ninja Tune)