Meute, Témé Tan, The Barr Brothers, Gloria

Meute

Die Zeiten, wo massenpopulärer Pop die Elemente Gesang, Bass, Gitarre enthalten musste, sind ebenso unwiderruflich vorbei wie jene, in denen sich die letzte große Musik-Innovation den Gebrauch gerade dieser drei Bestandteile aufs Strengste verboten hat. Rock jeder Art zum Beispiel darf heute ganz ohne Saiten inszeniert werden und Techno mit ganz, ganz vielen. Die quietschbunte Grauzone dieser Grenzverschiebung ist seit zwei Jahren viral im Netz und bei mittlerweile 150 Guerilla-Gigs auch vielfach live zu bestaunen. Nun gibt es endlich die Platte: Meute feiern ihr Debüt. Und wie gewohnt zelebriert sie dabei einen Sound, der zwar unfassbar glaubhaft nach einem sehr virtuosen Elektro-DJ klingt, aber voll und ganz analog ist.

Marching Techno heißt das mitreißende Konzept des elfköpfigen Orchesters aus St. Pauli. Unter der Leitung des Bläsers Thomas Burhorn transponiert es das Prinzip Spielmannszug sprichwörtlich mit Pauken und Trompeten so fantastisch auf den Dancefloor, dass jede(r), wirklich jede(r) schon beim allerersten Takt mit muss. Die Brass-Selection liefert das melodische Grundraunen, zwei Drummer sorgen fürs repetitive Stakkato, ein Vibrafon garniert das Ganze wie im fabelhaften Âme-Cover Rej mit virilen kleinen Klangkaskaden, alles zusammen wird spielerisch leicht, aber technoid präzise zum Wundervollsten, was seit der Geburt des HipHop die Gräben von Musik und Entertainement übersprungen hat. Das Album des Jahres – im Herbst geliefert. Danke, Meute!

Meute – Tumult (finetunes)

Témé Tan

Mit Exotik muss man im Pop nicht erst vorsichtig sein, seit der seltsame Begriff “Weltmusik” endlich im Abseits folkloristischer Musik entsorgte wurde. Was irgendwie ethnisch klingt, also für weiter entfernt aufgewachsene Ohren nach Urlaub oder so, war ja im besten Fall nicht selten die Ausschlachtung handelsüblicher Klischees, im schlechtesten der blanke Rassismus. Zum Glück hat Témé Tan einen musikalischen Hintergrund, der Vorurteilen durch polyglotte Prägung vorbeugt. Geboren im kongolesischen Kinshasa wuchs er überwiegend in Brüssel auf, wo der damals 18-Jährige ein Konzert der Beastie Boys zum Impuls einer Karriere als Musiker erklärte. Das Ergebnis hören wir heute auf seinem schlichtweg hinreißenden Debütalbum.

Nach sich selbst benannt, bündelt Témé Tan darauf elektronische Beats mit minimalistischen Grooves zu Melodieclustern, die zwar ganz fantastisch nach seiner afrikanischen Heimat klingen, aber schon wegen des französischen Gesangs unglaublich global und dabei zutiefst tanzbar. Schließlich ließ er sich für die zwölf vielschichtigen Stücke der Legende nach durch Reisen nach Brasilien, Japan oder Guinea und Kollegen wie Jai Paul, MC Solaar und zweifelsohne vom belgischen Tausendsassa Stromae inspirieren. Und genauso klingt Témé Tan dann auch: Alles für alle in einem von überhall her mit viel Herzblut und Rhythmus und Spielfreude. Ein fantastisches Debüt.

Témé Tan – Témé Tan (PIAS)

The Barr Brothers

Simon & Garfunkel hatten ihre Zeit. Und es war eine, in der die Welt schier durchgedreht ist. Wir schreiben die späten Sechzigerjahre. Heiße, Kalte, Bürger-, Banden-Kriege erschüttern die Welt, Akademiker revoltieren, Reaktionäre reagieren, der Globus steht am Abgrund, als das amerikanische Folk-Duo mit Engelszungen im Doppelgesang gegen den Irrsinn allerorten anhaucht. So gesehen wäre die Zeit durchaus reif für ein neues Simon & Garfunkel, auch wenn es im populistischen Aberwitz unserer Tage natürlich ein bisschen anders klingen müsste. Vielschichtiger, verschrobener, kakophonischer, also ein bisschen wie The Barr Brothers aus Montreal.

Unter Familiennamen fleht das amerikanische Brüderpaar Brad und Andrew, die beide nahezu alles spielen, fast so lieblich nach dem Guten, Schönen, Klugen wie einst Paul & Art. Begleitet von der kanadischen Multi-Instrumentalistin Sarah Page wirkt ihr neues Album allerdings stets leicht neben der arglos folkigen Americana-Spur des Hippie-Zeitalters. Stücke wie der betörende Opener Defibrillation (feat. Lucius) oder das trompetenunterfütterte Dream That I Head verharren nie im Harmoniegeplänkel, sondern legen hochinteressante Disharmonien unters filigrane Gitarrenpicking und garnieren es schon mal mit Mundharmonikasequenzen wie Metal-Soli. Das macht Queens of the Breakers zu einer der schönsten Überraschungen im Folkpop seit langem.

The Barr Brothers – Queens of the Breakers (Secret City Records)

Hype der Woche

Gloria

Wenn Schauspieler Musik machen, klingt das meist fürchterlich. Ochsenknecht, Schilling, Prahl, zuletzt der bemitleidenswert reflexionsbefreite Matthias Schweighöfer – betriebswirtschaftlich nachvollziehbar, aber künstlerisch arm unterm Fernsehstar-Label vermarktet, zeigen die TV-Nasen allzu oft mehr Gespür für den Kontostand als musikalischen Eigensinn. Eine der seltenen Ausnahmen trägt einen Namen, den man an dieser Stelle eher nicht erwartet hätte: Klaas Heufer-Umlauf. An der Seite des Wir-sind-Helden-Gitarristen Mark Tavassol kreiert der Pro7-Sadomasochist vom Dienst einen Indiepop, der auch ohne den Klang seiner Eigenmarke ganz fabelhaft funktioniert. Auch deshalb heißt die Band nicht irgendwas mit KHU, sondern Gloria. Heute erscheint ihr drittes Album namens DA (Grönland), und wie auf den beiden zuvor paart das Duo ausgefuchsten Alternative-Sound mit der klugen Deutschpoppoesie des singenden TV-Berserkers zur aktuell angenehmsten Erscheinung des Genres hierzulande.

 

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Cassels, Beliefs, Jordan Rakei

Cassels

Es gibt Musik, die kann wohl nur in England entstehen, und meistens ist es eine, die sich ihrer Unvollkommenheit vollkommen bewusst ist, ohne es gleich so furchtbar raushängen zu lassen. Kein Wunder also, dass Punkrock von der Insel kommt und das, was man etwas amorph als DIY bezeichnet, ein Sound, der halbfertig klingt und zugleich kleinteilig, versiert, intensiv. Ein Sound wie der von den Cassels. Gitarre, Drums, ein Mikro – das reicht Loz und Jim Beck aus den Niederungen der britischen Provinz dicke aus, um damit eine Wucht zu erzeugen, die sprachlich, musikalisch, atmosphärisch einer Mischung aus Sleaford Mods, Billy Bragg und The Clash erinnert.

Mit grandioser Hingabe zerschreddern die neun Stücke des brüderlichen Debütalbums Epithet jede Art von Liedstruktur in vielfach fast mathematischem Spielwitz, enden dabei allerdings selten im Chaos und falls doch, ist es genauso gemeint, besonders in den finalen Phasen der Songs. Ein fantastischer, ebenso schwelgerischer wie sozialkritischer Track wie You Turn On Utopia zum Beispiel wechselt scheinbar wahllos und doch so klug zwischen Popfolkappeal und Punkbrett, Poesie und Hardcore, dass die Gesichtszüge beim Zuhören im schnellen Wechsel sämtliche Emotionen abklappern. Ein Album für Wut, Intellekt und Spaß in einem – das ist die kleine Sensation des Augenblicks.

Cassels – Epithet (Big Scary Monsters)

Beliefs

Shoegazing war schon immer ein Missverständnis. Wer dieser schwelgerischen Variante des Postrock seit den frühen Neunzigern zugerechnet wird, sieht ja nicht bloß wie vielfach kolportiert aus Schüchternheit auf die Füße statt ins Publikum, sondern weil die ausufernden Gitarrenteppiche größter Konzentration bedürfen. Beim kanadischen Shoegaze-Duo Beliefs ist die Scheu vor den Blicken der Zuhörer verglichen mit dem Konzentrationsbedürfnis sogar noch etwas nachrangiger. Auf dem neuen Album nämlich mischt sich weit mehr technoides Raunen ins analoge Klanggewebe als bei den zwei Vorgängern. Das macht Habitat experimenteller, expressionistischer, radikaler, trotz der verstörenden Noise-Elemente aber auch interessanter und dabei überaus hörbar.

Dennoch legen es Jesse Crow und Josh Korody im Grunde nicht mehr auf Hörbarkeit an. Der Popappeal früherer Tage wird so lang ins Stahlbad des Industrial getaucht, bis es nach einem Mix aus Sonic Youth und Aphex Twin klingt, den Jesse Crowes angenehmer Sopran regelmäßig zurück auf den Boden der Eingängigkeit holt. Sollte das der Plan gewesen sein, ist er gelungen. Dennoch: Habitat ist definitiv eher was Alternativefans als Shoegazer, besonders die scheuen.

Beliefs – Habitat (Dead Oceans)

Jordan Rakei

Nina Tune, eines der angesehensten Independent-Labels überhaupt, ist nicht grad bekannt für sein Soul-Portfolio. Von London aus geht ja gemeinhin eher elektronische Avantgarde um die Welt als sentimentale Geschmeidigkeit.  Es gibt also nur zwei Gründe, warum Jordan Rakei den Nachfolger des selbstveröffentlichten Debütalbums Cloak dort rausbringt: sein Soul ist weder sentimental noch geschmeidig oder digitaler als im vorwiegend analogen Genre üblich. Die Auflösung wirkt überraschend und einleuchtend zugleich: die Aura, vor allem aber der Gesang von Wallflower ist vielfach bis zur Rührseligkeit gefühlig.

Der Multiinstrumentalist aus Neuseeland unterfüttert allerdings fast jede seiner elf eigenhändig eingespielten Kompositionen mit einer so eleganten Portion elektronischer Spielereien, dass daraus – ergänzt durch Virtuosen von Rock bis Jazz – ein vielschichtiges Stück Synthsoul entsteht. Schon der Opener Eye to Eye wandelt sich nach etwas warmem Gitarrengeklimper über ein paar atonale Bridges hinweg zu einer Art Free-R’n’B mit unterschwelligem Bassraunen, der sein Heil spürbar nicht in Harmonie sondern Verstörung sucht. Rakeis Seelensound gleicht somit einer Psychoanalyse im Partykeller: Tiefgründig, aber elegant und tanzbar.

Jordan Rakei – Wallflower (Ninja Tune)

 

 


Otherkin, Primus, Tricky, Phoebe Bridgers

Otherkin

One-Two-Three-Four-Rotz and Go – es ist nicht unbedingt so, dass im Bereich des vermeintlichen Alternativerocks, der seine Distanz zu Majorlabels oft ja bloß in der Gattungsbezeichnung trägt, irgendwie Nachwuchsmangel herrschte. Seit die Libertines den Britpop zum Britrock gemacht haben und die Arctic Monkeys daraus wiederum Britsmosh, hagelt es fast wöchentlich neue Bands ins Segement harter Gitarren mit weicher Stimme. Und nun also Otherkin. Vier Männer, vier Akkorde, Vierviertel und ab die Post. Nichts Neues. Nichts Neues? Ein bisschen doch.

Die Stimme von Luke Reilly ist ein bisschen rauer als der Rest des Genres, das Schlagzeug von Rob Summons ein wenig wilder, der Bass von David Anthony etwas verwaschener und Conor Wynnes Gitarre sägt dazu Riffs in Fetzen, die stets eine Spur verwegener herumfliegen als andernorts üblich. Referenzen an Rancid oder Pennywise verfestigen dabei die Glaubhaftigkeit der Attitüde, es ernst zu meinen mit einer Distanz zum Mainstream, die jeder im Independent für sich reklamiert. Otherkin erfinden den Britrock nicht neu, bieten ihm aber ein neues Speedquartett, das noch manches Stadion zum Kochen bringen dürfte. Freuen wir uns drauf.

Otherkin – OK (Rubyworks)

Primus

Die Begegnung mit Primus, so viel persönliches Erleben ist an dieser Stelle durchaus mal angebracht, kann Leben verändern. Wer Les Claypool Anfang der Neunziger live beobachten durfte, wie er den Bass zugleich funky slappt, rockig pickt und metallisch drischt, während Tim Alexander Dinge am Schlagzeug vollführt, die selbst bei noch so viel eigener Übung unnachahmlich sind. Wenn Larry LaLondes Gitarre dazu tritonale Kryptik verbreitet und Claypool bizarrste Sachen über erschossene Hundebabys singt. Dann war das in seiner Komplexität so überwältigend, dass Musik danach nie wieder dieselbe sein konnte. Lange her.

Und doch sehr präsent, sobald man die neue, neunte Platte hört. In Originalbesetzung zeigt das Trio aus San Franzsico, was es schon 1990 beim legendären Debüt Frizzle Fry zelebriert hat: jazzigen Mathcore mit der Kraft elaborierten Unsinns. Und diese psychedelic polka, wie sie es selbst nennen, hat nichts von ihrer Sokraft verlorgen. Die Stücke mit konzeptionellen Titeln von The Valley bis The Ends? baden im gediegenen Aberwitz, tun es aber wie gewohnt mit einer an Genialität grenzenden Virtuosität, die man immer noch nicht so recht begreift. Kein Album für den entspannten Fünf-Uhr-Tee, eher eine Eigentherapie eleganter Überforderung.

Primus – The Desaturating Seven (ATO Records)

Tricky

Stockdunkel ist das neue Album von Tricky, stockdunkel ist auch dessen Cover, vom Künstler am Rand ganz zu schweigen. Stockdunkel ist schließlich alles am Pseudonym von Adrian Nicholas Matthews Thaws, der dem freudlosen Trip-Hop einst eine Extraportion Trübsinn verpasst hat. Jetzt aber scheint Tricky Licht am Ende des Tunnels zu sehen. Eher ein zartes Schimmern als gleißenden Sonnenschein, aber keine Frage: das 12. Album ist von allen am luzidesten. Noch immer besingt das Waisenkind aus Bristol zwar alles, was es 45 seiner fast 50 Jahre nach dem Suizid der Mutter das Leben verhagelt hat. Doch mithilfe einer Riege russischer Produzenten und Rapper, die bei der Herstellung in Moskau am Werk waren, wirkt Ununiform geradezu gelöst.

Blood on my Blood zum Beispiel oder Dark Days mögen wie so viele seiner Songs eher rhythmisiertes Hintergrundrauschen sein als Melodien für Millionen; stets herrscht darin minimalistisches Nichts in Moll, ständig flehen vereinsamte Tonfetzen um Gesellschaft. Doch all die Worte über Familiendramen und den Tod darin wirken, als blicke er diesmal nach vorn und ließe seine Dämonen zurück. Tricky macht seinen Frieden mit sich. Und wir können dabei zuhören, ohne in uns zusammenzufallen. Endlich.

Tricky – Ununiform (False Idos)

Phoebe Bridgers

Hell ist das erste Album von Phoebe Bridgers, hell ist auch dessen Cover, selbst das handgemalte Geisterkostüm am Rand glänzt im Sonnenlicht. Hell ist schließlich fast alles an der platinblonden Sängerin mit der glockenklaren Stimme. Den Alternativefolk ihres Debüts als unbedingt lebensbejahend zu bezeichnen, wäre dann aber doch zu oberflächlich. Phoebe Bridges war noch ein Teenager, als Ryan Adams vor zwei Jahren auf die erste Single Killer aufmerksam wurde und begann, Stranger in the Alps mit ihr aufzunehmen. Und Melodramatik ist ja kein allzu fernes Gefühl von Menschen dieses Alters.

Melodramatik ist es daher auch, die ihre Lyrik hauchzart durchwirkt, mit Worten voller Sehnsucht, Selbstzweifel und Schwermut. Alles gern garniert mit tröpfelndem Hintergrundpiano oder einer Geige, die im Opener Smoke Signals den dünnen Gitarrenvorhang gleich mal wie ein laues Lüftchen aufwirbelt. Trotzdem klingt die Platte nie getragen, geschweige denn pathetisch, dafür selbstbewusst, aber nie abgebrüht. Damit hat sie es immerhin zum Support von Conor Oberst gebracht und in mehrere Soundtracks bekannter Fernsehformate. Da wächst was heran im Sommersonnenschein.

Phoebe Bridgers – Stranger in the Alps (Dead Oceans)

 


Moses Sumney, Marc Almond, Cold Specks

Moses Sumney

Wer in der breiten Masse Spuren von Eigensinn entdecken will, muss manchmal sehr, sehr genau lauschen. Wenn zum Beispiel Moses Sumney singt, ist er nur mit ein wenig Mühe gut zu hören. Wie durch Watte scheint sich der schimmernde Falsettgesang aus dem dürren Körper des Kaliforniers heraus zu quälen und verweht dann auch noch in geheimnisumwitterten Synthesizerflächen, die von einem Tinnitus mit viel basslastigem Hall manchmal kaum zu unterscheiden sind. Schon mit der selbst veröffentlichten EP Mid City Island hat er damit 2014 in aller Stille die Musikwelt aufgewühlt, was deren Nachfolger Lamentations voriges Jahr noch verstärkt hat, bevor sein fantastisches Debütalbum Aromanticism nun den Rest erledigt.

Denn selten zuvor wurde mit so wenig Effekthascherei so viel Wirkung erzielt. Tracks wie Lonely World oder Plastic, vor allem aber das fabelhafte Doomed wühlen unter der anämischen Oberfläche einen Minimalismus auf, der dem überhängenden Folk eine verspielte Popnote verleiht und dennoch zutiefst anmutig wirkt. Permanent sucht man darin nach Halt und findet doch nur die Hilferufe des gefeierten Indiestars mit ghanaischen Wurzeln, den der Erfolg eher noch in sich gekehrter erscheinen lässt. Da ist es ein kleines Wunder, dass sein Durchbruch mit solcher Wucht wirkt.

Moses Sumney – Aromanticism (Jagjaguwar)

Marc Almond

Es gibt genau zwei Wege, Klischees über Homosexuelle einigermaßen erfolgreich zu begegnen: Man negiert sie, gern mit etwas Lässigkeit. Oder man überhöht sie, auch das am besten nicht allzu verbissen. Als Marc Almond 1979 mit seiner Band Soft Cell die Bühne des Wavepop betrat und zwei Jahre darauf mit dem Cover des Motown-Klassikers Tainted Love den vielleicht unverwüstlichsten Superhit der Achtziger entwarf, wählte er den Mittelweg und feierte sich als offensiv schwul, aber ohne jedes Augenzwinkern. Mehr als drei Jahrzehnte später ist Marc Almond immer noch da. Nur ein bisschen leichter scheint ihm jetzt zumute, wenn er sich im Klischee schwuler Musik suhlt. Und das ist wirklich schön.

Auf Shadows and Reflections interpretiert der Sechzigjährige den glamourösen Pop der Sechzigerjahre. Da flattern die Trombone, da jubeln die Geigen, da zappeln die Keyboards, da liegt über allem Marc Almonds unverkennbarer Gesang, der es so hinreißend versteht, sehnsüchtig und zugleich selbstbewusst zu klingen. Und dann erweist er den Vorbildern von den Yardbirds bis Julie Driscoll, von The Herd bis The Action auch noch kühn die Referenz zweier Eigenkompositionen namens Overture und Interlude, die dem melodramatischen Glamour in nichts nachstehen. Ein Album voller Zuversicht, dass alles, alles gut wird, selbst und besonders dann, wenn man immer zu dem steht, was man ist.

Marc Almond – Shadows and Reflections (BMG)

Cold Specks

Als Ladan Hussein unterm Namen Cold Specks ihr Debütalbum veröffentlicht hat, grenzte es an ein medizinisches Phänomen, dass die Kritik so geschlossen euphorisiert war vom Sound der Kanadierin. Normalerweise hätte das hauchzarte Gespinst aus TripHop und Wavepop im Lärm seiner Zeit verhallen müssen wie die Synthieflächen unterm Klagegesang. Tat es aber nicht – und sorgte für einen der wärmsten Schauder des Frühlings 2012. Fünf Jahre später bringt Al Spx, wie sie sich auch nennt, ihr drittes Album raus. Auch Fool’s Paradise verliert sich bisweilen in schwelgerischer Entrücktheit, als flüchte Cold Specks vorm eigenen Mut, ins Rampenlicht zu treten.

Kraftvolle Songs wie das leichtfüßige Wild Card oder der sonore Soul von New Moon stehen aber für neue Energie im Schaffen von Ladan Hussein. Grund dafür, so ist zu hören, sei die Konfrontation mit der eigenen Familiengeschichte im Bürgerkriegsland Somalia, wo ihr Vater dem Elend ringsum mit selbstbewusster, aufsässiger Musik getrotzt hat. Für Cold Specks war diese Begegnung offenbar Erinnerung und Auftrag zugleich – um ein Album zu machen, dass vom Suchen und Finden der eigenen Identität zeugt. Ladin Hussein ist fündig geworden. Sie scheint darüber nicht ganz unglücklich zu sein.

Cold Specks – Fool’s Paradise (Arts & Crafts)

Ein Teil der freitagsmusik ist zuvor auf ZEIT-Online erschienen

Sløtface, Romano, Fuck Art, Let’s Dance

Sløtface

Ach, Norwegen ist schon bemerkenswert. Obwohl es darin vor allem Fjorde gibt und Mondpreise, ist das Land zu einem der wichtigsten im Kosmos moderner Musik geworden. Kein Wunder, dass dort selbst waschechter Punkrock ein bisschen nach Powerpop klingt. Verantwortlich dafür ist eine blutjunge Band namens Sløtface, die mal Slutface hieß, bevor das feministische Gewissen die vier Freunde zur Umbenennung rief. Das war Anfang 2016, eineinhalb Jahre nach der Gründung und ebenso lange vor der heutigen Veröffentlichung ihres Debütalbums mit dem emblematischen Titel Try Not To Freak Out.

Nicht auszurasten ist nämlich gar nicht so leicht, wenn man die zehn Stücke hört. Denn es ist ein Highspeedspaß der besonders wuchtigen Art, den Haley Shea (Gesang), Tor-Arne Vikingstad (Gitarre), Halvard Skeie Wiencke (Drums) und Lasse Lokøy (Bass) da vom heimischen Stavanger aus auf Englisch in die Welt blasen. Das Tempo ist immer eins-zwei-drei-vier-go, aber die Stimmung dazu geht dank der einfallsreichen Riffs überm Geschrammel leicht am Rückgrat vorbei direkt ins Gehirn. Pop plus Punk kann ganz schön abgebrüht klingen. Und gut.

Sløtface – Try Not To Freak Out (Propeller)

Romano

Als Roman Geike vor zwei Jahren von Köpenick aus die Rap-Republik mit einer alles andere als innovativen, aber sehr, sehr unterhaltsamen Spielart des HipHop bereicherte, war die Kritik ein wenig irritiert. Was genau war das eigentlich – noch Trash, schon Philosophie, bloß PR? Unterm Kampfnamen Romano schuf der Endreißiger mit den Flechtzöpfen schließlich Sprechgesangsrposa, die Puristen fast ebenso verstörte wie das Partyvolk, beide aber gleichermaßen so magnetisch anzog, dass sein minimalistischer Stil als irgendwie kunstvoll durchging.

Und auf seinem zweiten Album geht das ganz genauso weiter. “Wir trinken Sekt an der Champagner-Bar / wenn wir Glück haben ist Tanja da” rappt er zu extrem reduzierten Beats und lässt die Frage abermals unbeantwortet, ob das nun bloß Lalala ist oder relevant. Antwort: Egal. Wenn er im Titeltrack Copyshop “Copycopycopycopycopyshop, die Kopie von der Kopie” dichtet, wenn er den Alltag am Rande des Irrsinns beschreibt oder seinen Eltern skurrile Liebeserklärungen macht, ist das schlichtweg zum Niederknien belanglos schön wie ein wohldosierter Wodkarausch.

Romano – Copyshop (Universal)

Fuck Art, Let’s Dance

Copyshop könnte eigentlich auch das zweite Album der Hamburger Indierockband Fuck Art, Let’s Dance heißen. Wie bereits auf dem ersten namens Atlas lud sie den Ballast einer Musikgeneration auf ihre Schultern, die fieberhaft auf der Suche nach Verlässlichkeit im Morgen war und dabei gestern ebenso fündig wurde wie heute. Die Achtziger sind ja noch immer das Jahrzehnt mit der größten Sogwirkung auf alle Altersgruppen – sei es als reine Retrospektive, sei als Adaption. Und Fuck Art, Let’s Dance haben daraus etwas gemacht, das alle sehr eigensinnig bedient, ohne das ganze Zeugs von früher bloß zu kopieren.

Auch Forward! Future! ist nämlich trotz des Titels zukunftsfreudig und nostaglisch zugleich. Die elf Tracks klingen nach Neunzigerjahren, die die Achtzigerjahre in die Zehnerjahre retten. Der Raumklang ist wavig, die Aura poppig, das Resultat oft fast schon avantgardistisch, dabei aber zutiefst eingängig. Zu Nico Chams düster getragener Stimme ist dafür vor allem Tim Hansens Schlagzeug verantwortlich, dessen Highhat zwar konsequent im Offbeat, also Showmodus bleibt, während der Rest fast mathematisch vertrackt voran flattert. Gemeinsam mit der pointierten Gitarre von Romeo Sfendules’ wird daraus das Tanzbarste, was komplizierter derzeit Rock zu bieten hat. Fuck Yeah!

Fuck Art, Let’s Dance – Forward! Future! (Audiolith)


Busty and the Bass, Matt Bianco, BRKN

Busty and the Bass

Die Zeit des Retrosounds wird niemals enden, allein schon, weil rhythmische Geräuschkombinatorik mit Techno und HipHop insofern als abgeschlossen gelten darf, dass wohl kein grundlegend revolutionärer Musikstil jenseits von atonaler Dissonanz oder totaler Stille mehr zu erwarten ist. Busty and the Bass könnte man daher entspannt in die Kategorie “ham wa alles schon 1000mal gehört” abheften – wäre der Retrosound der neun Kanadier nicht bei aller Nostalgie so kreativ, frisch und befreiend. Nach einer Reihe EPs kombiniert ihr Debütalbum Uncommon Good elektronischen Soul auf eine Art mit jazzigem Rap, dass ein ganzes Bündel an Parallelen aufpoppt, die der Sache doch nie gerecht werden.

OutKast und Dungeon Family klingen da durch die zehn Stücke, Arrested Development oder Daft Punk, alter Mojo wie neuer Funk, Anderson .Paak stehen Pate, A Tribe Called Quest, alles durcheinander und nichts nur als Kopie. Dem getragene Kopfstimmensoul Things Change folgt der Distortion-Rap Free Shoes, lässige Bläsersequenzen wechseln sich mit gesalzenen E-Gitarren-Soli ab, kein Stein bleibt auf dem anderen und dennoch das Gebot geschmeidiger Harmonie stets gewahrt. Vorgestragen vornehmlich von Menschen weißer Hautfarbe ist Common Ground ein Stück Black Music, dass sich im Jungbrunnen des Genres gewaschen hat. Fabelhaft!

Busty and the Bass – Uncommon Good (Peripherique Records)

Matt Bianco

Das angesprochene Problem des Retrosounds ist allerdings noch mal ein wenig problematischer, wenn eine Band drei Jahrzehnte nach ihrer Blütezeit, in der ihre Musik auch schon schwer gebraucht klang, ein Comeback feiert. Was also ist die neue Platte von Matt Bianco – nostalgisch? Antiquiert? Altbacken? Vor allem ist sie alles, was das orchestral aufgeblasene Caféhausjazzpop-Quartett schon bei seinem Durchbruch im Jahr 1984 war – und nichts davon. Geblieben ist davon schließlich nur Sänger Mark Reilly, der ausgerechnet beim Retro-Klasssiker Whose Side Are You On gar nicht gesungen hatte, weshalb man schon genau hinhören muss, was am fünften Studioalbum Gravity eigentlich Matt Bianco ist.

Antwort: eine Menge. Dieser zum Niederknien coole New Jazz, der zugleich fundamentalistisch und frisch klingt, hat seit 1984 wenig von seiner Lebenskraft verloren. Er ist nur versierter geworden, weniger poppig, dafür umso reifer, was natürlich kein Wunder ist, wenn die beteiligten Künstler dem Rentenalter längst deutlich näher sind als der Uni. Piano, Bläser, Gesang, Kontrabass – alles exakt auf dem Punkt, alles für alte Jazz-Hasen erträglich, aber auch für Mojo-Club-Nachwuchs mit Disco-Appeal. Ein herrliches Album für die Zeit der schmalen Revers, die heute ja nicht breiter sind als in den Swinging Sixties.

Matt Bianco – Gravity (Membran)

BRKN

Ein Problem toller Stimmen ist oft, dass sie sich zu ernst nehmen. Ihr Soul erstickt dann jeden Tiefgang in selbstreferenziellem Pathos. Xavier Naidoo tut so etwas. Andac Berkan Akbiyik nicht. Weder zu saftig noch zu dünn macht er als BRKN deutschen R’n’B mit gefühlvoller Selbstironie, von der die Söhne Mannheims nur träumen können. Musikalisch zwischen Hip-Hop und Big Band, feinem Spott und großer Geste weiß sich das Bildungsbürgerkind aus Kreuzberg eben auch auf seiner zweiten Platte Einzimmervilla korrekt einzuordnen. „Leute sagen Dicker“ singt er etwa in Jagd mit harten Mittelkonsonanten, „du hast 100.000 Clicks / doch es bedeutet alles nichts / ist nur Gelaber / bis ich meinen Eltern alles geb und meiner Freundin alles schenk und mit meinen Jungs alles klär / bin ich ein Versager“.

Gut, gelegentlich gleitet BRKN dabei zwar ein bisschen ins Rogercicerohafte, irgendwie gefällig Süffige ab. Unterhaltsam kombiniert mit schriller Santana-Gitarre und Spielmannszugdrums unterm angedeuteten Orchesterfunk, sind solche Zeilen jedoch vor allem Erklärungsversuche, um sich und uns jenen Hype zu erklären, den sein vorjähriges Debüt erzeugt hat. Zum Glück verliert er dabei nie die Bodenhaftung eines swingenden Rappers, der das etwas Leben tanzbarer macht, ohne je gefällig zu klingen. Zugehört, Xavier?

BRKN – Einzimmervilla (studio album)


Lord Youth, Sivu, UNKLE

Lord Youth

Was macht eigentlich Adam Green? Wo treiben sich Nick Cave und Tom Waits bloß rum? Und gibt es Kitty, Daisy & Lewis noch? Die Antwort mag ein wenig esoterisch klingen, sie ist aber durchaus naheliegend: Alle sechs haben sich in einer Wolke dematerialisiert und sind nach einer Weile musikalischen Herumirrens herabgeregnet auf die Erde, wo sie seither einen Fluss bilden, in dem ein gewisser Micah Blaichman offenbar so oft gebadet hat, bis aus ihm Lord Youth geworden ist – die Reinkarnation von fast allem, was den Sound früherer Tage für die Gegenwart verwertbar macht. Sein Debütalbum Gray Gardens klingt so herzzerreißend nostalgisch, dass man geneigt ist, diesen Fluss selber zu suchen.

Denn es ist ein echter Jungbrunnen, an dem sich Lord Youth da gelabt hat. Zwölf Stücke lang taucht er durch antiquarische Stilgewässer von Rock’n’Roll über New-Orleans-Blues und Calypso bis hin zu verschwitztem Gangster-Jazz der Schwarzweiß-Ära. Man riecht förmlich den dicken Qualm filterloser Kippen, wenn Micah im Titelstück seinen Schmusebariton über Hawaii-Gitarre und Steel-Drums legt, wenn der Psychobeatpunk in Someone Was Singing Hi Ho Silver Patina atmet, wenn andauernd verwaschene Keyboards die Harmonie stören, zugleich aber liebevoll streicheln. Für Nostalgiker ein Traum, für alle anderen einen Versuch wert.

Lord Youth – Gray Gardens (BB*ISLAND)

Sivu

James Page ist gar nicht da. Sein Gesang kommt zwar unverkennbar aus den Lautsprecherboxen. Doch er wirkt so flüchtig, fast scheu, als schäme sich der Songwriter seiner eigenen Courage, für uns alle auch auf dem zweiten Album schon wieder von sich selbst zu erzählen, seinen Träumen, den Ängsten, was so im nachdenklichen Kopf des Briten herumgeistert. Unterm Pseudonym SIVU vollführt James Page somit zum zweiten Mal nach dem Debüt Something On High das Kunststück, einem warmen Wind gleich prickelnd, aber unsichtbar durchs Ohr zu wehen und doch darin stecken zu bleiben.

Mal geigenumflort wie im quirligen Orchesterpop Lonesome, mal pianobetupft wie im nostalgischen Childhood House, hier delirierend wie im verschrobenen Opener Submersible, dort aufgeräumt und klar wie im plätschernden Kin And Chrome klingt Sweet Sweet Silent elf Stücke lang oft wie Anohni, als sie mit The Johnsons den Pop hinters Licht der eigenen Zerbrechlichkeit geführt hatte. Trotzdem lässt SIVU abgemischt vom Alt-J-Produzenten Charlie Andrew immer wieder Funken aus seiner Melodramatik sprühen. Und dann ist James Page eben doch da und kaum wieder wegzukriegen. Der schönste Tinnitus des Sommers.

Sivu – Sweet Sweet Silent (Bassukah)

UNKLE

Wenn sich Musik keinem Genre so recht zuordnen lässt. Wenn sie ohne Ziel, Halt und Heimat im Ohr herumschwirrt. Wenn selbst die Allzweck-Chiffren Pop oder Indie kaum so richtig greifen. Dann ist Musik nicht nur spannend, interessant und eigensinnig, sondern stammt mit durchaus messbarer Wahrscheinlichkeit von James Lavelle. In all den Korporationen von Richard Ashcroft über Massive Attack bis Thom Yorke ist der 43-Jährige aus Oxford zwar die Hälfte seines Lebens dem elektronischen Wave verbunden. Noch länger jedoch macht er mit seinem Band-Projekt UNKLE etwas, das atmosphärisch zwar damit zu tun hat, letztlich aber sein eigenes Fach bildet.

In 15 Stücken grast auch das neue, je nach Zählweise fünfte bis 15. Album den halben Fundus modernen Sounds ab: Trip-Hop, Power Pop, modern Classic, selbst Dance, Drones, Disco – alles flackert irgendwo auf, allerdings nicht horizontal, sondern vertikal vermengt. Stück für Stück ein neuer Kosmos. 15 kreative Richtungswechsel auf einer Platte. Verantwortlich dafür ist auch Lavelles Kammerorchester unterschiedlichster Kollegen wie Mark Lanegan (Marilyn Manson) oder Justin Stanley (Beck). Dank des durchweg getragenen Tonfalls machen sie The Road pt. 1 zu einer schwermütigen Version der fröhlichen Grenzgänger Ween oder Phoenix.

UNKLE– The Road pt. 1 (Songs for the Def)