Her Tree, Lou Hayter, Del Amitri

her tree

Der Mensch ist dem Tier vor allem deshalb überlegen, weil er den Mangel an Physis habituell ausgleicht. Da wir mäßig laufen, riechen, springen und sehen, übernimmt unser Werkzeug gewissermaßen die Arbeit der Evolution. Alexandra Cumfe geht sogar noch einen Schritt weiter und macht aus dem Sound der Natur elektronische Musik, die trotz der Bearbeitung im Studio gleichermaßen natürlich klingt und artifiziell, also bei aller Wärme kühl und umgekehrt.

her tree – surrender (official video) – YouTube

Für ihr Debütalbum Don’t try, be beautiful ist die österreichische Klangkünstlerin durch den Wald gelaufen, hat Flora & Fauna nach Zwitschern, Rascheln, Summen, Knirschen, Krachen abgegrast und die analogen Field Recordings so digitalisiert, dass daraus ein poppiger Indie-R’n’B wurde, dem selten anzuhören ist, wann er real ist, wann konstruiert. Unzweideutig human ist dabei nur ihr zerkratzt-schönes Englisch über Allerweltgedanken. Das perfekte Album für den Stadtparkspaziergang

her tree – Don’t try, be beautiful (her tree)

Lou Hayter

Alles andere als naturalistisch, geschweige denn dem Wald entsprungen klingt dagegen das Solodebüt von Lou Hayter, zuvor bekannt geworden als Keyboarderin der kurzweilig modernistischen Londoner Band New Young Pony Club. Ab und zu wehen zwar soulige Bläser durch Private Sunshine, gewürzt mit einem verschwitzten Bass, der den wachsweich verhallenden Gesang ein wenig erdet. Die musikalische Dramaturgie dagegen bedient sich so gierig im Fundus der synthetischen Achtziger, dass die Natur weit jenseits der Studiotüren bleibt.

Lou Hayter – Time Out of Mind (Official Audio) – YouTube

Als würde sie Madonna mit Captain Futures Raumschiff zu einer Party mit dem seligen Prince abholen, als er noch nicht Symbol war, flattert ihr retrofuturistischer Sound durchs Erinnerungsvermögen der Generation X und triggert darin den unsterblichen Bedarf nach aufgeblasenem Eklektizismus. Durchs funkig-virile Time Out Of Mind darf daher durchaus ein breitbeiniges E-Gitarrensolo scheppern, während die Orgel ringsum wimmert. Der Pop trägt wieder Schulterpolster.

Lou Hayter – Private Sunshine (Skint Records)

Hype der Woche

Del Amitri

Und um es hier mal nicht zu übertreiben mit der feministischen Ausgestaltung des Männergeschäftes Musikbranche, kommt hier ein wenig Southern Rock, der auch noch mit dem traditionellem Attribut “ehrlicher” behaftet ist: Del Amitri is back, jene fünf Crossover-Schotten der Neunziger, die den Genremix zum Wesensmerkmal erhoben und damit Bands wie jene des gefühlsduseligen Cowboystiefelträgers Justin Currie hervorgebrachten, die der Männlichkeit mit Hits wie Nothing Ever Happens Verletzlichkeit zugemutet haben, ohne ihnen grundsätzlich am Stärkemonopol zu kratzen. Jetzt erscheint das 7. Album in 35 Jahren. Fatal Mistakes (Cooking Vinyl) klingt wie immer. Und damit klingt es wie immer klug, cool, kernig und auf eine Art emotional, die man auch im Jahr 2021 nicht mögen muss, aber wertschätzen darf.

Del Amitri – It’s Feelings – YouTube


Maurice Summen, Buben im Pelz, St. Vincent

Maurice Summen

Es ist Zeit, Maurice Summen Dankeschön zu sagen. Dankeschön für dein wunderbares Label Staatsakt, das progressiver Popmusik aus Deutschland seit langem ein traurig schönes Schaufenster bietet. Danke für deine Hausband Die Türen, deine Radioshow Die Sendung, all den Einsatz für hintersinnige Nischenkultur also, der du seit zwei Jahrzehnten Beine machst. Zugegeben, am Anfang einer Kritik so lobzuhudeln, klingt leicht ranschmeißerisch, muss aber sein. Denn für den Einstieg in dein neues Soloalbum gibt es nur zwei Worte: Fick dich!

Denn so hintersinnig Summens rockelektronischer Eklektizismus durch Paypalpop schimmert: wie er seine Kreativität hier immer und immer und immer wieder mit Autotune verkleistert, ist nicht originell, ist nicht interessant, ist schon ganz und gar nicht ironisch, sondern einfach nur Bullshit. Vor allem aber beraubt es der anderen Hälfte dieser vielfältigen Platte ihrer diskursiven Wucht und sorgt bei seiner eigenen Altersgruppe für etwas fast schon verwerfliches: sich greisenhaft zu fühlen. Trotzdem schönes Album. Trotzdem scheiße.

Maurice Summen – Paypalpop (Staatsakt)

Die Buben im Pelz

Was soll man machen – Prinzipien reiten? Korinthen kacken? Sich selbst verleugnen? Wer langsam mal die Goschen voll hat vom ewigen Zufluss österreichischer Popkulturerretter*innen, wer also auch mal scheiße finden will, was aus Wien, Graz, dem Burgenland unablässig über die Alpen nordwärts rauscht, fände bei den Buben im Pelz gute Angriffsflächen für ein wenig Austrophobie. Knarzige Schweinegitarren, gepaart mit Reval-ohne-Gesang und einem Bandnamen aus dem Hitparadeneck der NDW – alles objektiv eher Wolfgang Ambros als Bilderbuch. Aber genug gemeckert.

Denn das neue Album der sechsköpfigen Retrorockband vom Naschmarkt mag gelegentlich klingen wie besoffene Fußballfans im Bierzelt; dass Alexander Hacke ersichtlich an Geisterbahn mitgearbeitet hat, ist auch nicht ganz zu leugnen. Dank ihm stürzen ständig akustische Neubauten über den Krautflächen ein und bohren so vielgestaltig industrielle Löcher in den Wiener Schmäh, bis sich selbst das totgenudelte Bella Ciao anhört, als käme es aus dem Wutzentrum der Kapitalismuskritik.

Die Buben im Pelz – Geisterbahn (Noise Appeal Records)

Hype der Woche

St. Vincent

Wenn jemand klingt wie ein Hybrid aus Tori Amos und Lady Gaga, kann er, besser: sie nicht so viel verkehrt gemacht haben. Wobei: Dass Annie Clark alias St. Vincent überhaupt mal irgendwas falsch machen könnte, klingt ja ohnehin abwegig. Seit ihrem Debüt vor 14 Jahren hat sie Grammys verschiedenster Kategorien ergattert, bei Nirvana Kurt Cobain ersetzt, David Byrnes Horizont erweitert und vier weitere Platten aufgenommen, die Gefälligkeit struppig definieren wie kaum je ein Popstar zuvor. Jetzt also Daddy’s Home (Loma Vista). 14 Stücke, 14 Heimorgelreiseberichte. Das virile Pay Your Way in Pain fährt gleich zu Beginn nach Minneapolis, um dort mit Prince zu flirten. Das cremige Somebody Like Me klingt später wie ein Karibik-Urlaub in Detroit. Jeder Track tingelt sommerlich beschwingt durch die Orchestergräben, nimmt hier mal eine Marimba mit, dort einen Moog und vernäht alles zu melodramatisch-fröhlichen Netzwerken wie den funkig verschwitzten Titelsong, den St. Vincent zum schlechteren Verständnis scheinbar durch Quark gezogen hat. Wackelpuddingpop. Lecker.


Andreas Spechtl: Ja, Panik & Die Gruppe

Poesie muss nicht verständlich sein

Seit ihrem Umzug nach Berlin vor 15 Jahren zählen Band Ja, Panik zu den Stars im deutschsprachigen Pop-Underground. Stets im Rampenlicht: Andreas Spechtl, Sänger, Gitarrist, Texter und Außenminister des notorisch schwarzgekleideten Quartetts aus dem Burgenland. Ein Interview mit dem 36-Jährigen über Popkulturepochen, seine Politisierung durch G8-Gipfel, ein Musikerleben in der Merkel-Ära und warum das erste Album seit sechs Jahren schlicht Die Gruppe heißt.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Andreas Spechtl, gibt es für Musik so etwas wie Konjunkturen, also gesellschaftliche, politische, kulturelle Umstände, die sie begünstigen?

Andreas Spechtl: Ich denke schon, dass jede Zeit ihre Musik hat, aber interessanter finde ich die Frage, was zuerst da war – die Zeit oder ihre Musik. Macht Kultur Epochen oder machen Epochen Kultur?

Na, das ist ja mal ein kulturoptimistischer Ansatz zu glauben, Musik hätte die Möglichkeit, ihre Zeit zu prägen…

Ich meinte das eher im Sinne, dass die Kunst dafür geschaffen ist, Welten zu erfinden, in denen sich die Realität, wenn schon nicht verwirklicht, dann wenigstens verbildlicht. Kunst hat die Möglichkeit, ungedachte Ideen in die Welt zu setzen. Das merkt man schon daran, wie viel Underground irgendwann im Mainstream, gar in der Werbung landet. Am Ende ist es aber insofern ein Geben und Nehmen, weil man Kunst und Zeit gar nicht komplett voneinander trennen kann.

Gab es demnach gesellschaftliche, politische, kulturelle Umstände, die 2005 quasi organisch zur Gründung einer Band wie Ja, Panik geführt haben?

Die gab es bestimmt, wir alle sind Kinder unserer Zeit. Aber wenn die Umstände so prägend wären, würden wir noch dieselbe Musik machen wie damals. Obwohl wir in Bewegung waren, aus dem Burgenland nach Wien von da aus schnell nach Berlin, ist Ja, Panik eher aus einem persönlichen Zusammenhang als äußeren Umständen entstanden. Andererseits war damals gerade Genua passiert.

Ein G8-Gipfel, der 2001 in unfassbarer Polizeigewalt gipfelte.

Damals habe ich mich überhaupt erstmals als politisches Wesen wahrgenommen.

Hat sich dieses abrupte Ende der Neunziger, deren Hedonismus in 9/11, Dotcom-Blase, Finanzkrise und Genua explodierte, also auch auf euch als Band ausgewirkt?

Wenn die gesamte künstlerische Schaffensperiode deckungsgleich mit der Ära Merkel ist, wird das wohl so sein (lacht). Die verordnete Alternativlosigkeit ihres politischen Handelns spiegelt sich als Gegenimpuls gewiss auch in Ja, Panik wieder.

Passt das neue Album Die Gruppe demnach zum Ende der Ära Merkel, das ja spätestens durch die aktuelle Nachfolgedebatte in der CDU eingeläutet wird?

Eigentlich nicht, denn die Stücke sind anders als bei den Alben zuvor über einen so langen Zeitraum hinweg entstanden, dass einige davon ungefähr so alt sind wie die laufende Legislaturperiode. Als wir dann damit ins Studio gegangen sind, hat die Pandemie zwar alles verändert. Aber weil vorher auch schon vieles im Krisenmodus war, ist das einzig neue dieses Virus, das von Populismus bis zur Krise des Gesundheitssystems alles Virulente unserer Zeit wie unterm Brennglas sichtbar macht. So läuft es auch mit Ja, Panik: Die Gruppe beschäftigt sich zwar mit den Themen ihrer Zeit, aber auch über die kann man besser sprechen, wenn sie ein wenig zurückliegen. Ich finde es grundsätzlich interessanter, wie es zu etwas kommen konnte, als wie es gerade ist.

Klingen Stücke wie Gift oder On Livestream also nur zufällig nach Pandemieverarbeitung oder sind sie tatsächlich währenddessen entstanden?

Die sind interessanterweise älter. On Livestream ist während meiner Residency in Teheran entstanden, das Goethe-Institut hatte mich zwei Monate dorthin eingeladen. Mein Leben mit Lockdowns, in denen man meistens zuhause ist – dieses Leben hatte ich seinerzeit im Iran kennengelernt. Dort passiert eigentlich alles Private daheim, die Straße ist ein feindlicher Ort. Dass das nun auch für Berlin gilt, war beim Schreiben des Songs nicht zu erwarten, zeigt aber zum einen, welche Latenz Poesie haben kann, zum anderen, dass unser Leben schnell so werden kann wie jenes im Iran, wo der Lockdown quasi ein Dauerzustand ist.

Heißt das, die Pandemie hat auch ihr Gutes, weil man das eigene Leben mal kritisch hinterfragt und mit dem Rest der Welt ins Verhältnis setzt?

Unbedingt. Was unsere Normalität von damals bedeutet, merken wir womöglich erst jetzt und werden es nochmals neu entdecken, wenn wir wieder zu ihr zurückkehren. Das kann sehr erhellend sein.

Wie ist abgesehen von dieser Möglichkeit dein aktueller Seelenzustand?

Bis Ende 2020 war es für mich gar nicht so schlimm, weil ich intensiv an der neuen Platte gearbeitet habe und so gesehen im selbstverordneten Lockdown war. In der Jahreszeit bin ich eh relativ asozial, da war ich manchmal froh, mich einigeln zu können. Seit das Album fertig ist und der Platz im Kopf frei für normales Leben, schlägt sich die Pandemie aber schon auch darin nieder.

Sind eure Platten also, zurück zur Eingangsfrage, Spiegelbilder deiner inneren Verfassung oder der äußeren Umstände?

Der Grundversuch der ja, panischen Poesie war immer, die Welt durch die innere Verfassung von uns selber als kleinstem Teil darin ein bisschen besser zu verstehen. Völlig frei von den Verhältnissen über mein Gefühlsleben zu schreiben, hat mich noch nie interessiert. Ich kann mich ja nicht ohne das System denken, in dem ich lebe.

Umso erstaunlicher ist es, wie viel ihr den Zuhörer*innen abverlangt, diese Gedanken zu verstehen. Wollt ihr euer Publikum verwirren oder bin ich nur zu begriffsstutzig?

Letzteres würde ich niemandem unterstellen. Wir nehmen unsere Hörer*innen sehr ernst. Aber ich verlange von Musik, also Poesie überhaupt nicht, verständlich zu sein. Auch ich verstehe nicht alles, was ich schreibe. Auch bei anderen interessiert mich Kunst erst dann so wirklich, wenn sich ihr Sinn nicht sofort offenbart. Ich möchte nicht alles durchschauen. Die Welt hat ohnehin so viele ihrer Geheimnisse verloren, da finde ich es schön, nicht alles auf den ersten Blick zu begreifen. Entsprechend schade ist es, wenn jemand unsere Texte Wort für Wort auseinandernimmt.

Du verlierst dich also gern mal in der Schönheit der Sprache oder dem, was der HipHop Punshlines nennt?

Ich glaub jedenfalls fest an die Poesie der Schönheit. Wer sich mit einer konkreten Idee an Dinge setzt, vermittelt selbst dann Inhalte, wenn sie schwer zu begreifen sind. Das ist glaube ich das Wesen von Ästhetik.

Was sagt der maximal konkrete, gleichsam diffuse Titel „Die Gruppe“ da über den Inhalt aus?

Dass wir uns erstmal wieder darüber im Klaren werden wollten, was Ja, Panik überhaupt war, was an der Gruppe erhaltenswert, was erneuerungswürdig ist. Wir sind jetzt Ende 30. Da stellt man sich schon mal die Frage, welche Richtung unsere Existenzen nehmen. Zugleich geht der Titel über uns hinaus und stellt die Frage, wie Arbeit im Kollektiv generell funktioniert. Jeder hat seine Gruppen.

Meine Deutung war zunächst, Ja, Panik möchte sich und uns beweisen, dass sie mehr ist als Andreas Spechtl.

Das würde voraussetzen, es gäbe Klarstellungsbedarf. Ich bin nun mal eine Art Außenminister der Gruppe, darauf hätte niemand sonst Lust. Frag mal Stefan, ob er Interviews geben möchte! Der macht lieber das Cover, ein anderer die Tourposter. Ja, Panik funktionieren wie ein kleiner Staat mit Ressorts, in denen jeder seine Stärken ausspielt. Wir sind damit sehr zufrieden.


Internat. Music, Dinosaur Jr., Eydís Evenson

International Music

Wenn man Ja, Panik und Wanda mit viel Bilderbuch in den Dampfgarer schmeißt und einen Löffel Tauchen Prokopetz darunter rührt, müsste das eigentlich klingen, als entstünde das Mahl in Wien, also tendenziell sehr weit südlich vom Ruhrgebiet. Dabei kommt die Austropopband der Stunde aus Essen, wird aber auch nicht ganz zufällig in Ostberlin produziert. Dort hat das weltbeste Label Staatsakt vor ein paar Jahren International Music entdeckt, und ihr zweites Album belegt, warum es die aktuell weltbeste Gitarrenrockband ist. Mindestens.

Wie auf Die besten Jahre vor drei Jahren, nur noch viel facettenreicher, leuchte Peter Rubel, Pedro Goncalves Crescenti und Joel Roters mit der klassischen Instrumentierung den Resonanzraum des bombastischen Minimalismus bis in den hinterletzten Winkel aus und entdecken dort Klangstrukturen, von denen niemand geahnt hätte, wie geordnet das Chaos klingen kann. Gitarre, Schlagzeug, Bass, Gesang, bisschen Keyboards und deutschsprachiger Postpunk hat den steinigen Weg von der NDW zur Hochkultur endgültig geschafft.

International Music – Ententraum (staatsakt)

Dinosaur Jr.

Weil die hinterletzten Winkel bombastisch minimalistischer Resonanzräume aber auch mal anstrengend sind, lohnen sich gelegentliche Abstecher auf jene Lichtungen populärer Musik, die schon immer unkompliziert und angenehmm gut beleuchtet waren. Von Dinosaur Jr. zum Beispiel. Seit 1984 singt Joseph Donald, genannt J, Mascis mit seiner querzerkratzten Wiegenliedstimme davon, wie sehr ihm das Leben zu schaffen macht. Wenn er dazu wie immer die Indie-Klampfe scheppern lässt, klingt das fast 40 Jahre später also schwer angestaubt – und sowas von schön!

Postrock ist längst Alternative ist längst Grunge ist längst Crossover ist längst in 1000 Richtungen mal zarter mal harter Riffs zerfasert, aber J, Bassist Lou Barlow und Drummer Murph machen weiter das, was sie halt machen, nur faltiger als zuvor auf dem Dutzend Platten zuvor. Die neueste heißt Sweep it into Space und abermals schafft das Trio den Spagat zwischen breitbeinigen Gitarrensoli und androgyner Selbstbeschränkung mit einer melancholischen Fröhlichkeit, die im Sitzen mitreißt.

Dinosaur Jr. – Sweep it Into Space (Jagjaguwar)

Eydís Evensen

Und damit wir zwischen ziemlich neu und ganz schön alt, zwischen irgendwie eigensinnig und eigenartig vertraut, zwischen Dadapop und Indierock noch ein paar Zwischentöne setzen, kommt hier etwas aus dem Herzen orchestraler Kammermusik: Island. Hoch im Norden der Insel, wo die Sommer kurz sind und die Winde rau, hat Eydís Evensen das Klavierspielen gelernt und später in London oder New York zur Perfektion gebracht. Wenn eine Isländerin Klassik macht, klingt das allerdings wie selbstverständlich völlig anders als im großen Saal der Elbphilharmonie, wenn er denn wieder öffnet.

Ihr Debütalbum Bylur ist eine Ode an die Natur, vertont mit dem sinfonischsten aller Instrumente, aber mit urbanem Gespür für Ästhetik und Sound. Aufgenommen von Valgeir Sigurðsson im Greenhouse Studio, wo der ortsansässige Komponist bereits mit Björk oder Ben Frost produzierte, mäandern die 13 Stücke stilistisch durch Fjorde und Gletscher, klingen aber stets auch nach Reykjavík, dem heißesten Hotpot atmosphärischer Popmusik. Postklassisches Piano für Hirn und Herz denaturierter Stadtbewohner – extrem wohltuend.

Eydís Evensen – Bylur (XXIM Records)


Haiyti, Mädness, Low Island

Haiyti

Über Ronja Zschoche alias Haiyti alias Germanys Best Trap-Model alias Mischung aus Nina Hagen, Falco und Haftbefehl ist eigentlich schon alles gesagt, seit die Hamburgerin dem Gangsta-Rap vor drei Jahren ein Feuer aus gewaltzem HipHop und Autotune-Kaskaden unterm Hintern machte. Jede Punshline seither: brillant. Jeder Track: gefeiert. Jedes Album: noch gefeierter.  Viel neues zu erzählen gibt es also selbst dann nicht übers Alleinerziehendenkind aus St. Pauli, wenn ihre Schmusestimme eine neue Plattenrille zerkratzt.

Trotzdem kann man Mieses Leben aber natürlich nicht einfach so an sich vorüberziehen lassen. “Oh mein Gott / ich grüße alle meine Dealer aus dem Block”, spachtelt sie in OMG über dronige Attacken aufs Harmoniegefühl “ich bin anscheinend doch mehr Smoke als Pop / alles funkelt aber düster in meim Kopf”. Damit wäre alles gesagt, was auch dieses Album so grandios macht: Der permanente Kontrast des falschen Lebens im Falschen, verdichtet auf 18 Stücke, die tieftraurig euphorisieren.

Haiyti – Mieses Leben (Hayati Records)

Mädness

Und gäbe es, was selbstverständlich nicht der Fall ist, ein männliches Äquivalent, das dem ghettofeministischen Multilayer-Zeugs von Haiyti auch nur annähernd das Wasser reichen könnte, wäre es vermutlich Mädness. Nicht ganz so streetcredible Herkunft (Darmstadt), aber ähnlich eigensinnige Genrezersetzung, rappt sich De Gude Hesse Marco Döll durch sein siebtes Album Mäd Love, als wäre sein Stil ein Zuckerbäckerladen mit brennender Mülltonne vorm Tresen und gelegentlichem Drive-by-Shooting in der Gummibärchenecke.

Kein Rapper mit dieser Ausstrahlung schafft es hierzulande, Agonie und Aufbruch glaubhafter in Reime zu kleiden. Hier verteilt er beide Mittelfinger an Faschisten, Antisemiten, Nationalisten, dort nennt er seine Grundzufriedenheit meinen größten Erfolg, gern schlendert er mit Mojo-Samples durch die Plattenbausiedlung und verortet sich entsprechend überall und nirgendwo. “Sie nennen es conscious nennen es Cro nenn’es Erwachsenen-Rap”, spricht er zum Auftakt in 2 Cent, “nenne es wie du willst / ich nenne es immer noch das was ich mach bis zuletzt”. Mach weiter!

Mädness – Mäd Love (Mädness/Groove Attack)

Low Island

Und einfach, weil wirs können, wird an dieser Stelle mal so mit dem Prinzip der stilistischen Grunstruktur gebrochen, dass völlig ironiefrei auf hochpolitischen Sprechgesang säuseliger Britpop folgt, der ohne Witz auch noch aus Oxford stammt, also irgendwie Ruderrennen und ondulierte Hecken atmet, die Leadsänger Carlos Posada allerdings gleich im ersten Stück des Debütalbums knapp unter Hüfthöhe mit der Kettensäge stutzt. Schon die konfusten Drums darunter zeigen, dass man auch hier seinen Ohren nicht trauen sollte. Und dann…

Dann folgend elf Tracks, in denen die englische Band alles Britpoppige so hinreißend schräg mit Synths aus dem Hecksler Marke Dubstep zerdeppert, dass Paul Weller die Trommelfelle bluten. Dass If You Could Have It All Again ihr Publikum dennoch unversehrt lässt, liegt dabei am Achtziger-Sound, der immer wieder tiefenentspannt durch die Disharmonien wandert und ein Album komplettiert, dass Haiyti vielleicht doch näher ist als Oasis.

Low Island – Don’t Let The Light In (Emotional Interference)


Tune-Yards, Hearts Hearts, L’Impératrice

Tune-Yards

Ist es Funk? Ist es Jazz? Ist es Punk? Ist es Trash? Wenn bei neuer Musik alte Fragen wie diese im Kopf herumschwirren, hat die Band vermutlich einiges richtig gemacht. Wobei Band – sind die Tune-Yards überhaupt eine oder doch eher retrofuturistische Dekodierung des Kollektivgedankens? Sei’s drum – die kalifornische Klangverwirblerin Merrill Garbus hat seit der Gründung ihres Soloprojekts, Eigenschreibweise tUnE-yArDs, mit vielen Menschen musiziert, aktuell ist es der Percussionist Nate Brenner, und in jeder Kombination ist daraus ein Springbrunnen der Mehrdeutigkeit geworden.

Auf dem 5. Album sketchy etwa klettert ihr kehliger Gesang durch einen Hindernisparcours fiepsener, sägender, treibender, bremsender, lauter, leiser Soundfragmente, die sie in einen Kessel Buntes geworfen zu haben scheint und dann bei hoher Körpertemperatur durchgekocht, bis daraus pro Track zehngängige Menüs auf ein und demselben Teller wurden. Am prägnantesten bleibt darin dann eine Art autonom-feministischer Mojotechno, der sich permanent selbst karikiert. Noch prägnanter jedoch ist, wie wenig man sich beim Hören davon lösen kann.

Tune-Yards – sketchy (4AD)

Hearts Hearts

Falls es noch irgendwelche Zweifel an der Variabilität österreichischer Boybands gab: hier werden sie zerstreut – bei den Hearts Hearts. Nicht die neueste Band jenseits der Alpen, auch nicht die originellste, im Gegenteil, da sind Bilderbuch oder Voodoo Jürgens Lichtjahre weiter. Dafür haben die vier Freunde um den Sänger mit Namen Österle etwas, das selbst im vielschichtigen Wien ein echtes USP ist: sie machen zwar unspektakuläre, aber zum Niederknien schöne Popmusik.

Ein bisschen klingt das dann auch auf dem neuen, erst dritten Album Love Club Members in zehn Jahren wie Whitney im Duett mit Moldy Peaches. Verschroben schon, klar. Und Texte wie “All what I really want – so crazy / Had been a pile of junk / All what I really want- so crazy – uhuhuh / All what I really haunt – oh daily”, werden auch nicht sinniger, wenn man darin nach Metaebenen sucht. Aber dieser reduzierte Synthieteppich mit Pianotupfen und Gesang ohne Spirenzchen – a geh, der macht einfach niveauvoll Spaß.

Hearts Hearts – Love Club Members (Parramatta)

L’Impératrice

French House, das mag eine Fehlinterpretation sein, aber sie klingt irgendwie nett: French House war schon immer leicht japanophil. Dieses selbstironisch verspielte, ulkig audiophile, skurrilitätsbereite, aber dabei elegante Gefrickel auf Geräten ostasiatischer Herkunft (Yamaha!) – darin fand der Pop elektronische Vervollkommnung, die bei aller West-Prägung nach Tokio klang. Und dann stieg 2018 das französische Sextett L’Impératrice aus einer explodierenden Supernova und machte daraus das funkensprühendste Easy-Listening-Album seit Pizzicato Fives Happy End of the World Ende der 90er.

Drei Jahre nach ihrem Debüt nun folgt mit Tako Tsubo der – sogar japanisch betitelte – Nachfolger. In Schriftzeichen 蛸壺, auf Französisch piège à poulpe, was auf Deutsch ungefähr Tintenfischfang heißen könnte. Und so hören sich die 13 Stücke denn auch an: geigengezuckerte Tiefseetauchgänge. Orgeltropfen wie Ohrenkerzen, soundgewordene Strandparty am Stil, digitaler Soul zum Verlieben in jeder einzelnen Zeile, Note, Welle. Kopfsprung hinein und vergessen ist der fehlende Festivalsommer.

L’Impératrice- Tako Tsubo (microqlima)


Baby Boys, Schorl3, Gossenboss mit Zett

Baby Boys

Augenzwinkern zählt nicht unbedingt zu den ersten Eigenschaften männlicher Musiker – schon gar nicht, ohne dabei kindisch, ironisch, gar zynisch werden. Die Baby Boys aus Minneapolis sind letzteres gar nicht, ersteres ein bisschen, nur mittleres könnte auf das Trio zutreffen, das nach ein paar Einzeltracks nun ihr erstes Album veröffentlicht. Was Caleb Hinz, Jake Luppen und Nathan Stocker darauf anstellen, ist schwer zu beschreiben, aber genau das dürfte den Wesenskern von Threesome bereits ganz gut eingrenzen.

Mit minimalistischen Cloud-Recordings, digitalen Echtinstrument-Samples, karibischem LoFi-Punk und Gesang am Rande vom Boygroup-Hype der Neunziger, frickeln sich die drei – so sagt man das heute immer, sobald jemand mehr als Gitarre kann: Multiinstrumentalisten einen Dadapop zurecht, der nach Beach Boys auf Designerdrogen klingt, also die falmboyante Schönheit des wohlsortierten Chaos feiert wie zuletzt The Scientists. Das Augenzwinkern ist also doch eher Augenflackern, aber ein wirlich tolles.

Baby Boys – Threesome (Transgressive)

Schorl3

Der Versuch, Bilderbuch gut zu kopieren, ist schon deshalb bislang flächendeckend gescheitert, weil es schon schwer wäre, Bilderbuch schlecht zu kopieren. Deshalb feiern wir an dieser Stelle den gelungenen Versuch der Hamburger Futurefunkformation Schorl3, Bilderbuch weder gut noch schlecht, sondern so funky MDMA-beseelt zu kopieren, als würden die Vorbilder aus Wien auf dem verranzten Studiosofa anerkennend kopfnicken und insgeheim ein paar der Ideen der drei Pseudonym-Künstler LMO, Hans1 und Hans2 notieren.

Zeilen wie “Mein Baby möchte Skifahren / doch ich kann nicht liefern / sie möchte nur mit mir chillen / wenn ich was zum Ziehen hab” aus der Retrodrogenhymne Zu arm etwa. Oder die Achtzigersaxofon-Peitschen der nostalgischen Wave-Fanfare Pia einen Track zuvor. Diese Perlen neonostalgischer Elektropopmusik machen Sprudelpop zwar nicht zwingend innovativ, gar außergewöhnlich, aber so was von erfrischend, dass man gerne mit den drei Kopisten im selben Goldfischglas schwimmen möchte.

Schorl3 – Sprudelpop (Schorl3)

Gossenboss

Zu Gossenboss hält man dagegen besser etwas Sicherheitsabstand – zumindest, wenn man den Sprechsänger aus Dresden als das bezeichnet, was er ja nun schon doch irgendwie ist, aber partout nicht sein will. “Mir ist egal ob HipHop-Journalisten mich überhaupt kennen”, meint er auf seiner neuen Platte No Future, “doch ich ruf die Bullen, wenn du mich noch mal Zeckenrapper nennst”. Okay, machen wir nicht. Schon weil er was völlig anderes ist als der Zeckenrapper Disarstar, dessen Deutscher Oktober ebenfalls heute erscheint.

Anders als der Straßenköter aus Hamburg klingt Gossenboss mit Zett schließlich nicht mal annähernd nach Gangsta. Stimmlich sind seine Wurzeln technoider, alternativer, independenter, verschwitzter, linker, autonomer und zum Glück sehr viel androgyner – dank Contributions von Freunden wie Milli Dance, Danger Dan oder Lulu & die Einhornfarm aber auch rockiger, fröhlicher, frischer, irgendwie optimistischer, bisschen wie Frittenbude auf Kraftklub. Schöne Zukunft mit No Future.

Gossenboss – No Future (100 Prozent O.K.)


Maximo Park, Olympya, Nightshift

Maximo Park

Wenn sich die Welt da draußen fast noch schneller wandelt als das Klima, wenn Pandemie und Populismus, Dummheit und Ignoranz alles durcheinanderwirbeln, wenn das Heute im gleichen Augenblick schon wieder die Geschichte von morgen ist, dann tut es unglaublich gut, mal etwas ewig Bleibendes zu hören. Maximo Park zum Beispiel. Seit ihrem hochgelobten Debüt A Certain Trigger von 2005 und mehr noch dem Nachfolger Our Earthly Pleasures, geht der emotionale Indie-Rock aus Newcastle fast unverändert mit hoher Geschwindigkeit zu Herzen.

Auf dem 7. Album Nature Always Wins bleibt demanch alles, wirklich alles bleibt beim Alten – da kann ein Stück wie Meeting Up gern mal ein bisschen Synthiepop zwischen die Riffs quetschen. Paul Smith pitcht sein Bryan-Ferry-Gedächtnis-Organ wie eh und je hoch über Gitarrennetze, durch die sich Fäden filigraner Drums und Keaboards winden, als seien alle von allem überwältigt. Und das dürfen sie ja auch. Wie in den Nullern, als Maximo Park dabei mithalfen, Grunge und Alternative zukunftstauglich zu machen, geben sie uns auch heute ein vertrautes Gefühl von Zuversicht jenseits männlicher Wir-packen-das-Posen.

Maximo Park – Nature Always Wins (Prolifica)

Olympya

Sich unbedingt verändern zu wollen, also grundlegend und substanziell, ist allerdings auch nicht so einfach in einer Zeit, wo ohnehin alles Zitat zu sein scheint. Marcus Borchert aka Pierre Sonality jedenfalls, Fans als Kopf der HipHop-Formation Funkverteidiger bekannt, war auf der Suche nach Ausdrucksformen abseits vom Rap und glaubt ihn jetzt, im Pop gefunden zu haben. Also natürlich nicht irgendein Pop, sondern die bombastische Version, in der alles durcheinanderscheppert – wie in seinem Sideprojekt Olympya.

Dessen Debütalbum Auto versucht, der Klammer des deutschssprachigen Sprechgesangs mit einem Mash-up mit maximaler Bandbreite zu entkommen. Produziert vom benachbarten Jurik Maretzki, grölt sich der Hamburger unter der Wall of Sound des Multiinstrumentalisten Kay Petersen hindurch in ein Konglomerat aus Stadionrock, Powerpop und Schlagermetal. Das erinnert ein bisschen an Kraftclub im Jägermeisterrausch, ist also nicht sonderlich filigran, aber sehr unterhaltsam und gönnt sich dabei gern mal eine Ladung Oi-Punk mit spaßpolitischer Feine-Sahne-Attitüde. Audiolith at it’s best!

Olympya – Auto (Audiolith)

Nightshift

Christa Päffgen, Arte feiert das in seiner Mediathek gerade mit einem hinreißend skurrilen Biopic, galt kurz als trüb schillerndste Figur des Pop. Unterm Kunstnamen Nico war sie nicht nur Andy Warhols Muse, sondern Teil von Velvet Undergrounds Debütalbum und damit eine Ikone, der man gar nicht oft genug huldigen kann. Wobei die Frage ist, ob Eothan Stearn wirklich das singende Model aus Köln im Kopf hatte, als ihr eigenes Werk daraus hervorquoll. Nightshift heißt die zugehörige Band, und was das Quartett aus Glasgow auf ihrer ersten Platte Zöe macht, ist ein Monument des minimalistischen Retrofuturismus.

In schönstem Nico-Nihilismus überklebt die Keyboarderin einen Sound, der so ziellos durch Zeit und Raum schwebt wie ihr gedrungener Antigesang. Aufgekratzt und zugleich träge schleppt sich Andrew Doigs psychedelischer Bass an Chris Whites Hi-Hat-Uhrwerk vorbei, das David Campbells Gitarrentupfer eher unterwandert als begleitet. Alles an diesem Jazzrockgelee wirkt irgendwie asynchron und schräg. Gerade daraus aber gewinnt Zöe eine Harmonie, die uns ins New York von 1967 zurückversetzt, als Musik noch Grenzen sprengte. Die schönsten Tribut-Alben sind vielleicht jene, die gar keine sein wollen.

Nightshift – Zöe (Cargo-Records)


Botticelli Baby, Edie Brickell, Karl die Große

Botticelli Baby

Falls es so etwas wie strukturierten Free Jazz gibt oder sinfonisches Durcheinander, hätten Boticelli Baby da ein Angebot, dass man schwer ausschlagen kann. Es heißt Saft und wirkt ganz ähnlich, wie die Kalorienbombe aus frischen Obst oder Gemüse. Musikalisch vollgestopft mit Zucker und Vitaminen, aufdringlicher Süße und komplizierter Säure, ist das neue Album ein Frontalangriff auf offen liegende Geschmacksnerven und zugleich hintergründig unterhaltsam, als würde ein Kammerorchester im Darkroom versumpfen.

Wie auf den ersten zwei Platten funktioniert das gut gelaunte Durcheinander aus Bläsern, Bass, Balkan und Blues nämlich wie ein Systemsprenger, was manchen Kritiker*innen gar das Attribut Punk entlockte. Ist natürlich kompletter Blödsinn, dafür wirkt die Band aus Essen viel zu virtuos in dem, was sie tut. Aber ein gewisses Gespür fürs Ungeschliffene im Arrangement kann man Saft auch nicht absprechen. Fazit: wenn sich Botticelli Baby jetzt noch das Dictionary-Englisch verkneifen, darf und muss der Festivalsommer kommen.

Botticelli Baby – Saft (Popup Records)

Edie Brickell & The New Bohemians

Vor gefühlt 1000 Jahren, Kriege waren noch ebenso kalt wie Klima und Ästhetik, erschien Edie Brickell als Frischzellenkur am Folkpop-Himmel, Während er Ende der Achtzigerjahre meist wolkenverhangen, melodramatisch und sehr, sehr männlich war, ritt die junge Songwriterin aus Texas in die Popwelt und gab der Dramatik alternativer Gitarrenmusik die Sporen. Frisch klang es und zugleich emotional, weltzugewandt und skeptisch, ein weibliches Donnerwetter, das dem Emorock das ganze schöne Selbstmitleid zersiebte.

Da ließe sich zu Recht fragen, ob sie 30 Jahre und 40 Krisen später noch ihre Daseinsberechtigung hat. Die Antwort: Unbedingt. Auf ihrer neuen Platte, der fünften seit 1988 mit den New Bohemians, klingt es nämlich genauso frisch verkopft wie in ihrer Glanzzeit, als die Band diverse Blockbuster vertonte und auch sonst die Gabe besaß, den Mainstream heimlich zu unterwandern. Mit Americana-Attitüde, Indiepop-Riffs und Brickells Talent, Schwermut mit altersloser Kopfstimme leicht klingen zu lassen, ist Hunter And The Dog Star der angenehmste Windhauch des Winters.

Edie Brickell & The New Bohemians – Hunter And The Dog Star (Shuffle Records)

Hype der Woche

Karl die Große

Es gab bestimmt mal Momente, in denen sich massentaugliche Randerscheinungen wie 2raumwohnung oder Mine gefragt haben, wie sie vom Hauptstrom in die Seitenarme des Indiepop abbiegen könnten, ohne gleich Hartz-IV anmelden zu müssen. Hätte es da doch bloß schon Karl die Große gegeben. Zum vierten Mal bringt das Leipziger Sechstett ein Album Marke Eigenbau heraus. Und zum vierten Mal ist das Ergebnis nicht nur anspruchsvoll, sondern in Teilen fast radiokompatibel, ohne sich irgendwem anzubieten – da stört es auch nicht, dass Sängerin Wencke Wollny leicht nach Inga Humpe klingt. Egal! Was wenn keiner lacht (Backseat/Golden Ticket) sprüht nur so vor sediertem Gitarrenmashup mit Electro-Einschlüssen, Banjo-Samples und Vögelgezwitscher. Das klingt wie Sommertage auf Abraumhalden – bisschen arrogant, bisschen ironisch, bisschen süßlich, aber gerade deshalb beiläufig schön und gelassen. Muss auch mal sein.


LÜT, A.A.Williams, Audio88 & Yassin

LÜT

Laut rumzuschreien, das gilt in der Psychologie als Binsenweisheit, taugt nur dann zur Problemlösung, wenn man damit innere Blockaden löst, nicht als Mittel der Kommunikation mit anderen. Da sich die norwegische Hardcoreband LÜT mit ihrem Geschrei fraglos an uns wendet, das Publikum, könnte man ihr da dekonstruktive Aggressivität vorwerfen – wäre für deutsche Ohren denn auch nur annähernd verständlich, was uns – nun ja: Sänger Markus Danjok auf norwenglisch entgegenkeift. Versteht aber kein Mensch. Vermutlich nicht mal im eigenen Land. Macht aber nix.

Denn auch mit dem neuen Gitarristen Mads Ystmark knüpfen LÜT ans sensationelle Debütalbum Pandion vor zwei Jahren an und vermischen auf Mersmak wieder wutfröhlich Screamo, Alternative, Noiserock, Powerpop, bis daraus eine Art stadiontauglicher Surfmetal zum Mitgrölen wird, der irgendwie melodischer ist, als er klingt, und brachialer als er schwingt. Die Riffs unterm Geschrei fuzzen nämlich manchmal fast wie Funpunk vom Strand und sind damit so ganz anders als alles, was dieses Genre sonst hervorbringt.

LÜT – Mersmak (Crestwook Records)

A. A. Williams

Eine Cover-Version kann alles Mögliche sein – Anmaßung oder Ehrerbietung, Beleg eigener Einfallslosigkeit oder Bedürfnis nach Veränderung geistigen Fremdeigentums. Wenn Metalbands Nichtmetal galvanisieren oder Klassik mit der Zackengitarre, ist es meist ersteres. Als die blutjunge Birdie das Werk anderer variierte, war es hingegen Ausdruck tiefen Respekts. Und genau das gilt auch fürs Tribut-Album von A.A. Williams – auch weil es aus einer Art demokratisch grundierten Not geboren wurde.

Nach ihrem Debütalbum landete die Britin wie so viele hart im Lockdown und war auf sich allein gestellt. Also bat sie ihre Fans darum, Vorschläge für Kopien jener Stücke zu machen, die sie allein zuhause interpretieren solle. Herausgekommen ist eine Sammlung grundverschiedener, durch Williams betörendes Piano jedoch vergleichbarer Songs from Isolation, mit der sie das geistige Fremdeigentum von Nick Cave über Deftones und Pixies bis hin zu The Cure definitiv aufwertet.

A.A. Williams – Songs from Isolation (Bella Union)

Hype der Woche

Audio88 & Yassin

Nein, Drohungen der Art von “es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir dich finden” oder “Du stehst auf der Todesliste +1” sind nicht kommunikativ oder subtil, sie sind auch nicht konstruktiv, demokratisch, human, überhaupt irgendwie okay. Aber wenn man weiß, dass sie Teil der neuen Platte des antfiaschistischen Zeckenrap-Duos Audio88 & Yassin (Todesliste, Normale Musik) sind, sehen wir darüber mal freundlich hinweg. Rabiat, düster, derbe, krass, politisch, links – KAUFEN!