Christopher, Doré, Arctic Monkeys, Kontra K

Sean Christopher

Singer/Songwriter, machen wir uns nichts vor, gibt es wie Sülze im Formatradio, und den meisten davon ist ein gewisser Hang zur Meldodramatik mehr zu eigen als ein breites Spektrum abwechslungsreicher Gitarrenriffs. Auch Sean Christopher hat es gern leicht pathetisch im Gesangston. Seine Vocals sind meist getragen, die Melodien schleppen sich vorwiegend im gedämpften Moll durchs Dickicht verletzter Gefühle, alles in allem ist Yonder also kein Debütalbum für die gehobene Feierlaune am sonnigen Frühlingstag. Was aber macht es dann so berückend?

Es ist ein verstiegener Flamenco-Sound, den sein fein kalibriertes Picking gelegentlich in den Regenhimmel seines Herzens schickt. Es sind kakophonische Unwetter, die stille Stücke wie Asphalt schon mal lautstark aufmischen. Hinzu kommt eine Vielzahl kleiner Fluchten vom Alltag eines Pop-Poeten aus dem britischen Bristol, dessen zerkratzer Gesang schon mal – wie in Cherokee – neugierig unterm Ethno indianischer Ureinwohner wühlt oder wuchtigen Indierock ausprobiert. Und das ist allemal ergreifender als manch hyperharmonische Selbstspiegelung seiner Singer/Songwriter-Kollegen.

Sean Christopher – Yonder (Dumont Dumont)

Julien Doré

Die Wege des Ruhms sind oft unergründlich. Julien Doré zum Beispiel hat es als Castingshowgewächs daheim in Frankreich nicht nur zum Superstar geschafft, sondern dabei auch noch ein musikalisches Werk weit jenseits des handelsüblichen Dance-Pop kreiert. Dem Chanson näher als jeder Art von Massengeschmack, ist er im frankophilen Deutschland aber dennoch völlig unbekannt. Merkwürdig. Und nachvollziehbar. Seine ersten vier Platten sind schließlich hierzulande bislang noch gar nicht erschienen. Das allerdings ändert sich nun.

Album fünf erscheint nämlich erstmals auch bei uns und ist passenderweise eine Art Best-of von Julien Dorés bisherigem Werk, das sein Schaffen gut zum Ausdruck bringt. Denn Vous & Moi enthält zwölf hauchfeine, zugleich aber kraftvolle Balladen, bei denen sich der Sänger meist nur von Klavier und Gitarre begleiten lässt. Dem Achtziger-Hit Africa von Rose Laurens etwa entlockt sein hauch-rauer Gesang eine Intimität, bei der man den Staub im Raum herumfliegen hört. Doch auch die zehn Eigenkompositionen zeigen aufs Neue, wie kultiviert Frankreichs Pop oft selbst dann klingt, wenn er den Mainstream bewegt.

Julien Doré – Vous & Moi (Sony)

Arctic Monkeys

Der Ruf nach radikaler Erneuerung ist die wohl größte Bigotterie des Pop. Weder Gäste noch Käufer wollen von einer Band ja etwas anderes als das Bekannte hören. Die Arctic Monkeys waren daher gut beraten, sich auf den Nachfolgern ihres epochalen Debüts kaum zu wandeln oder wie es im PR-Deutsch heißt: erwachsen zu werden. Ihr sechstes Album jedoch offenbart einen Sinneswandel, der auch damit zu tun haben dürfte, dass es von Alex Turner produziert wurde. Nicht nur atmosphärisch erinnert Tranquility Base Hotel & Casino nämlich an dessen Last Shadow Puppets.

Mit großer Eleganz, aber gedrosseltem Tempo reist die Platte zurück in den Cool der frühen Sechziger, als es beim Paartanz noch viel um Anmut im Anzug ging. Selbst den diskoesken Bombast des Vorgängers AM hat der Sänger seiner alten Band zugunsten eines Vintage-Appeals ausgetrieben, der Frank Sinatra näher ist als fünf Jahre zuvor Franz Ferdinand. Ab und an zersägen hochgestimmte, grobverzerrte Gitarren zwar noch die Aura des Cocktailbar. Darüber hinaus aber wird in Tranquility Base Hotel & Casino nicht nur das Outfit der Ex-Garagenrocker aufgebügelt, sondern auch ihr Sound. Lässig, kreativ und energisch ist er noch immer, mitreißend nur selten.

Arctic Monkeys – Tranquility Base Hotel & Casino (Domino)

Hype der Woche

Kontra K

Nein, als vernunftbegabter, feministischer, homophobophober HipHop-Fan wird man nie ganz seinen Frieden machen mit Gangster-Rappern – selbst wenn sie wie Kontra K spürbar die Kurve Richtung Zivilgesellschaft genommen haben. Der dreiviertelkörpertätowierte, vierfüntelkörpergepumpte Berliner hat einfach zu testosterongesättigt gegen Frauen, Schwule und friedliche Konfliktlösungen gereimt, um ihm den Wandel zum Kritiker der eigenen Vergangenheit komplett abzunehmen. Dummerweise aber zählt sein Style zum Besten, was das Genre im Ghetto der Gewalt zu bieten hat. “Ich trag ein dickes Fell unterm letzten Hemd” sind Lines von fast einschüchterner Wahrhaftigkeit. Und falls auf seiner siebten Platte Erde & Knochen (BMG) doch mal das Profilneurosenvokabular von “Fotze” über “Hurensohn” bis “Schlampe” fällt, dann überlässt er das mittlerweile seinen Features wie Fatal, Gzuz, SSIO. Tolles Album. Trotz allem.

 

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Cut Worms, Trampled By Turtles

Cut Worms

Der schönste Schmerz, so sagt man, ist doch das Fernweh. Bedarf es dafür heutzutage allerdings den Duft der richtig weiten Welt, Umrundung Neuseelands mit dem Kajak aufwärts etwa, so reichten früher bereits kleinste Trigger, ums sich in Reisestimmung zu versetzen. Ein Postkartengruß aus den Bergen zum Beispiel, der Italiener ums Eck und natürlich alles, was irgendwie nach Karibik klang. So gesehen schickt Max Clarke sein Publikum in eine sehr antiquierte Ferienregion, wenn er sein Debütalbum mit einer hawaiianischen Slack-Key Gitarre eröffnet und auch danach den Eindruck erweckt, Hollow Ground sei nicht erst kürzlich im Studio entstanden, sondern am kalifornischen Strand der frühen Sechziger.

Wirkt nostalgisch? Ist es auch! Aber nicht nur. Unterm Künstlernamen Cut Worms mischt sich der Singer/Songwriter fröhlich unter ein paar seiner Urahnen von den Beach Boys bis zu den Everly Brothers und macht mit ihnen eine hinreißend verschrobene Session voll träumerischer Westcoastfolksongs. Zehn Stück sind es, die mal countryesk klingen, mal poppig und auf gemütliche Art vergessen lassen, dass der Mann mit der Schmunzelstimme dahinter aus dem chaotischen Brooklyn stammt. Unter den 5527 Platten, die bislang als das Album des Frühlings angekündigt wurden, ist dieses hier, sagen wir: Nr. 4. Unbedingt miterblühen!

Cut Worms – Hollow Ground (Jagjaguwar)

Trampled By Turtles

Und um die Großstadt jetzt mal richtig zu verlassen, also nicht nur geografisch, sondern atmosphärisch, reisen wir kurz mal akustisch ins staubig ländliche Minnesota und besuchen dort ein Sextett namens Trampled By Turtles. In den USA ein gar nicht mal so junger  Geheimtipp der independenten Country-Szene, mischt das Sextett auch auf dem neuen Album Life is Good on the Open Road wieder Western-Traditionals mit Elementen aus Folk, Punk und Bluegras, was zwar bisweilen leicht sülzig klingt – Volksmusik halt. Schon im ersten Stück aber entfesselt die Band in Kelly’s Bar eine Art musikalische Kneipenschlägerei, die sich lustig vom Mainstream löst.

Entfesselt peitscht die Fiddel da durch den virtuellen Saloon, als sei sie eine Metal-Gitarre. 3:33 Minuten lang geben Dave Simonett, Erik Berry, Ryan Young, Dave Carroll, Tim Saxhaug und Eamonn McLain mit dem klassischen Landei-Equipment Gas, bis die Banjos glühen. Und selbst wenn es im Anschluss wieder ein bisschen ruhiger wird, befindet sich besonders Simonetts Gesang stets unter Strom, ohne zu überdrehen. Für Country-Puristen ist das womöglich Teufelszeug, für Country-Verächter sowieso. Wer sich allerdings mal für ein paar Takte in die alternativen Abseiten des Genres verirren will – hier ist der Wegweiser.

Trampled By Turtles – Life is Good on the Open (Banjodad)


Intern. Music, Fantasma Goria, Willie Nelson

International Music

Der damals brandneue Musikstil New Wave hatte vor rund 40 Jahren ein besonderes Geschenk fürs deutsche Publikum: Humor ohne Umpftattaa. Gab es ihn im Pop bis dato nur als Schlagerklamauk, gebar NDW abseits einiger Zote plötzlich tiefgründigen Nonsens, der zudem oft virtuos instrumentiert war. Als Beweis reichen ein paar Takte Fee, Ideal, DAF. Bis heute profitiert der Pop hierzulande von dieser Pionierleistung. Darunter eine Band, die ihr Popdasein schon dem Namen nach nicht übertrieben ernst nimmt: International Music. Sie besteht mutmaßlich aus Berliner Exil-Rheinländern oder umgekehrt und macht eine Neo New Wave Welle in deutscher Sprache, die zutiefst gaga ist, aber mit sehr viel Stil.

“Frauen müssen geil sein / Männer müssen cool sein / Jobs müssen Geld bringen”, nölen die Sänger Pedro und Peter auf ihrem Debütalbum Die besten Jahre im emblematischen Stück Cool bleiben und puffert beginnende Fremdscham wie folgt ab: “Männer müssen geil sein / Jobs müssen cool sein / Frauen müssen Geld bringen. Jobs müssen geil sein / Frauen müssen cool sein / Männer müssen Geld bringen”. Unterlegt von einem Schreddersound zwischen Element of Crime, Die Türen, Einstürzende Neubauten und Ja, Panik stopft stopft das Trio so die Selbstoptimierungsgesellschaft in ein buntes Spielplatzförmchen und macht daraus trockenen, aber erfrischenden Sandkuchen fürs Kind im Erwachsenen der Großstadtbohème. Manchmal nervt das, meist erfreut es.

International Music – Die besten Jahre (staatsakt)

Fantasma Goria

Es ist ja nicht so, dass Fantasma Goria den Ball zuvor je flach gehalten hätte. Ihr selbstbetiteltes Debütalbum war ein Feuerwerk der Bilderstürme. Erfrischend aufgewiegelt und konsternierend durcheinander hat es dem deutschsprachigen HipHop eine Ladung Chaos verpasst, dass mancher Rap-Purist die Zugehörigkeit zum Genre negiert haben mag. Warum also noch eine Schippe Exzentrik drauflegen, könnte man da fragen? Weil es nun mal geht, ließe sich antworten. Weil weniger eben nicht grundsätzlich mehr sein muss. Weil Fantasma Goria eben Fantasmal Goria ist. Und so hat die Hamburgerin Remixe ihrer eigenen Platte initiiert, die sich genüsslich im Dreck des örtlichen Asphaltdschungels wälzen.

Kein Wunder, dass die leicht selbstverliebte Latex-Lady ihr Resultat Safari nennt. Bassfett unterfüttert vom Mannheimer Electro-Virtuosen Hans Nieswandt, wird aus dem irrlichternden Rap vom Herbst ein Kettenkarussell aus Techno, Funk, Psychotrance und Punk, das sich permanent selbst überholt, bis alle Ketten miteinander verknotet sind. Während das poppig verspielte Magnet dabei sogar den Dancefloor loungiger Clubs kurz betritt und Ha Ha auch Teenager zum Mittanzen einlädt, testet das dronige Lied vom Bonig alternative Musikgeschmäcker aus. Nichts für schwache Mägen, alles für den kleinen Exzess zur Nacht.

Fantasma Goria – Fantasma Remix Safari (Fantasmic Productions)

Willie Nelson

Wer ein Album Last Man Standing nennt und sich damit selbst bezeichnet, ist entweder steinalt und entsprechend starrsinnig oder selbstironisch, furchtbar eitel oder realitätsbewusst, verblendet oder einfach alles in einem. Auf Willie Nelson dürfte definitiv letzteres zutreffen. Nach drei Dutzend Platten in vier Jahrzehnten ist das Country-Fossil aus Texas noch immer auf den Beinen, noch immer unterwegs, noch immer im Studio, noch immer so beweglich und wach wie viele seiner Kollegen nicht mal mit der Hälfte seiner 85 Jahre auf dem Buckel. Da darf man sich auf einem Spätwerk schon mal als Aufrechter im Meer der Rückgratlosen bezeichnen. Zumal er es im Titeltrack gleich zu Beginn gar nicht sein will, aber knurrend bereit ist, die Bürde zu tragen.

Spirenzchen macht er dabei keine. Sein Western-Woogie ist wie eh und je ein bisschen funky, aber strukturell wertkonservativ. Nelson, dieses kiffende Relikt eines lang zurückliegenden Culture-Clashs zwischen Erhalt und Aufbruch, Konservatismus und Moderne, ist dank seiner Slide-Guitars und Mundharmonika-Fetzen auch im Rustbelt akzeptabel. Die unversiegbare Ironie im alterslosen Gesang allerdings macht ihn auch an West- und Ostküste hörbar. Ach Willie, falls du irgendwann mal stirbst, was noch ein paar Hundert Jahre dauern dürfte – dann kipp’ bitte tot von der Bühne! Oder wie er er es auf dieser Platte ausdrückt: “A bad breath is better than no breath at all”.

Willie Nelson – Last Man Standing (Sony)


Hearts Hearts, W. Müller, Malakoff Kowalski

Hearts Hearts

Den Soul im Pop zu bewahren, ohne dabei seifig, saftig, süffig daher zu kommen, ist eine der schwierigsten Disziplinen zeitgenössischer Musik. Der Black-Keys-Sänger Dan Auerbach hat das vor drei Jahren mit einem bewegend swingenden Soloalbum geschafft. Auch Bon Iver ist ein Meister der Technik, Folk mit Hilfe der Stimme allein funky klingen zu lassen und umgekehrt. Nun zeigt eine Band aus – mal wieder – Wien, wie das Falsett einer melancholischen Stimme die wavige Elektronik darunter zu Schwingen bringen kann: Hearts Hearts. Postomodern namensgedoppelt wie einst Guru Guru, später GusGus, zuletzt Guaia Guaia zelebriert das Quartett einen Sound, der zerbrechlich und doch standhaft wirkt.

 

Verantwortlich dafür ist vor allem David Österle. Sein glockenklarer Gesang flattert scheinbar hilflos unter die analog-digitale Mischung von Daniel Hämmerle (Gitarre), Johannes Mandorfer (Schlagzeug) und Peter Paul Aufreiter (Elektronik) hindurch, gibt ihr jedoch auch auf dem neuen, zweiten Album gleichermaßen Halt und Struktur. In seiner Zerbrechlichkeit beginnen die elf Stücke trotz allem Pathos förmlich zu schimmern, die Video-Auskopplung Phantom / Island gerät dabei geradezu dynamisch. Das Wesen von Goods / Gods bleibt allerdings die feine Klangkaskade, deren Soul versteckt, doch unüberhörbar ist. Seelenpop für Grenzgänger!

Hearts Hearts – Goods / Gods (Tomlab)

 

Wolfgang Müller

Mit dem Alter, Jugendlichen erscheint das meist rätselhaft, sehnt sich der (deutsche) Mensch nach Obhut, Frieden, etwas Ruhe. „In einem Meer aus Hass / wo sich die Wellen verbeißen“, singt Wolfgang Müller ein paar Jahre jenseits der 40 auf seinem neuen Album, fragt, „sag was ist da / die sicherste Art zu reisen?“ und antwortet flugs selber. Musikalisch gewärmt von einem Heizkissen aus Gitarren, Streichern, gar einer plätschernden Querflöte steckt er sich lieber Blumen ins Haar als Trolle zu füttern und ist „endlich nicht mehr dagegen / ich bin nur noch dafür“. Die Reaktion multimedienmüder Fortysomethings aufs Hamsterrad unserer Zeit klingt seltsam artig, sittsam, fast brav.

Wenn sich der hessische Hamburger mit seiner leicht kratzigen, aber erstaunlich jungen Stimme durch die Lebensbrüche seiner Alterskohorte reimt, die unterm gleichen Titel auch in luftig leichte Romanprosa gegossen hat, könnte es daher schon dank einiger Saxofon-Peitschen rückwärtsgewandt wirken, also leicht welk. Doch atmosphärisch zwischen Moritz Krämer und Tom Liwa schrammt seine Alltagslyrik oft elegant und lebensklug am Kitsch vorbei. Die sicherste Art zu reisen ist daher gewiss nicht die aufregendste, aber kultivierteste des erwachenden Frühlings.

Wolfgang Müller  – Die sicherste Art zu reisen (Fressmann)

Malakoff Kowalski

Ach, was ist die Moderne doch laut und hektisch und viel zu voll von allem. Überall Sound, nirgendwo Pausen, dauernd herrscht dieses Grundrauschen als sei der Platz für Stille restlos belegt. Ungefähr so muss sich offenbar auch Malakoff Kowalski gefühlt haben, als er sein viertes Album in Angriff nahm, der eigentlich eher ein Rückzug ist. Reduzierter noch als beim wunderbaren Vorgänger I Love You, auf dem der Hamburger mit Wohnsitz Berlin vor gut drei Jahren Richtung Nostalgie abdrehte, löst sich My First Piano nun förmlich in Luft auf. Besser: einen Windhauch. Weitestgehend allein mit sich und seinem Klavier bläst Aram Pirmoradi, wie ihn seine persischen Eltern 1979 in Boston genannt haben, Partituren in den Himmel, als sei er eine Leinwand und die Erde das Kino.

Struktur zu erkennen, wäre da gewiss die Sache fachkundiger Klassik-Hörer. Für uns Laien mit Popappeal bleibt dagegen das Gefühl, man lausche dem Soundtrack eines Roadmovies in Zeitlupe, dessen Protagonist mal – wie im Titeltrack – melodramatischer Stimmung ist, mal – wie im anschließenden Is It Spring – den Aufbruch wagt, aber stets tief in sich ruht. Ein Album für die Leerstellen des Lebens selbst dort, wo längst schon keine mehr sind. Die Platte zum Runterkommen.

Malakoff Kowalski – My First Piano (MPS/Music Produktion Schwarzwald)


Altin Gün, Gris-de-Lin, Tom Misch

Altin Gün

Klar, einen irgendwie weltmusikalisch flatternden Popsound allein deshalb zu empfehlen, weil er westliche Zivilisation mit östlicher Exotik verbindet oder wie es gern mal heißt: Orient und Okzident, das ist im Kern schon ein bisschen kolonialistisch, Tendenz Eurozentrismus. Aber was soll man machen: Der Sound des türkischen Bandkollektivs Altin Gün klingt für angloamerikanisch geprägte Ohren zutiefst folkloristisch, hat aber diesen psychedelisch krautigen Einschlag, der das Debütalbum so fesselnd macht wie vieles, das sich dem Mainstream auf fremdartig klingende Art entzieht. Der holländische Bassist Jasper Verhulst jedenfalls war vom Turkish Funk der Sechziger bis Siebziger so begeistert, dass er ihn am Ursprungsort wiederbeleben wollte – was ihm echt mitreißend gelungen ist.

Gemeinsam mit ein paar Freunden wie Gino Groeneveld oder Nic Mauskovic suchte er per Facebook einheimische Sängerinnen, fand mit Merve Dasdemir und Erdinc Yildiz Edevit zwei außergewöhnlich stimmstarke, und macht mit mit ihnen nun einen hippiesken Retrosound, der das Fieber des Psychorock vor rund 50 Jahren wunderbar in die Gegenwart treibt. Noch wichtiger aber ist: Die orientalischen Elemente darin sind keine bloßen Accessoires, geschweige denn ethnische Anbiederungen. Auf den meisten der zehn Stücke von On (Türkisch für zehn) verschmilzt das Hier und Dort so organisch, als hätte es schon immer zusammengehört. Hat es ja auch. Nur für europäische Ohren klang das einst seltsam befremdlich. Wenn man es denn befremdlich klingen lassen wollte…

Altin Gün – On (Bongo Joe)

Gris-de-Lin

Kontrollsucht ist nicht grad die sympathischste Eigenschaft, künstlerisch betrachtet aber vielfach ertragreich. Bands von Zappa über Bowie bis Prince können davon wahre Geniestreiche singen. Die Kontrollsucht von Gris-de-Lin allerdings dürften ihre Begleitmusiker schon deshalb nicht beklagen, weil es sie schlichtweg kaum gibt. Auf ihrem Debütalbum Sprung macht die Sängerin aus dem englischen Dorset ja praktisch alles alleine. Sie schreibt melancholisch trotzige Lyrics über ihr Gefühlsleben, unterlegt sie mit ausgefuchsten Postrockstrukturen und spielt auch noch die meisten der Instrumente ein, darunter so verschiedene wie Saxofon, Klavier, Drums, Gitarre und Synthesizer.

In den lauteren Sequenzen erinnern die elf berauschenden Resultate an den rohen Hardcore von Shellac, in den leiseren an Björks bittersüßen Feenfolk, während dazwischen gern mal eine Prise The Notwist verstreut wird. Am ehesten wäre dieser (angeblich im Kindergarten mit Kindergartenequipment aufgenommene) DIY-Alleingang daher wohl mit einer Art New Prog beschrieben. Vom experimentellen Artrock bis zur lieblichen Popballade ist schließlich außer Hip-Hop das meiste dabei. Und auf der Bühne, heißt es, sogar andere Musiker.

Gris-de-Lin – Sprung (BB*Island)

Tom Misch

Und gleich noch so ein Alleskönner/Allesmacher/Alleswoller,  der schon als Teenager diverse Klangkosmen auf eigene Faust erkundet hat: Tom Misch. Mit gerade mal 22 Jahren legt der Gitarrist und Geiger, Produzent und DJ, Sänger und Komponist aus London sein fulminantes Debütalbum vor, und obwohl er sich darauf mit funkigem Nu Soul keinem sonderlich ungewöhnlichen Genre widmet, gewinnt er ihm doch sehr besondere Seiten ab. Gleich im Opener Before Paris zittert sich die Violine wie bei einer Orchesterprobe unter ein Kneipengespräch hindurch, wie und warum man Künstler wird, bevor ein paar leger gezupfte Jazz-Riffs den Tonfall von Geography festlegen: traumwandlerisch versiert und überaus lässig.

„You have to love it / you have to breeze it“, heißt es da zum Beispiel im flatternden Stimmgewirr weiter, „it’s your morning coffee / your food“. Und beides wird noch delikater, weil danach zwölf Stücke lang digital aufgebrezelter Future Funk durch die Siebzigerdisco wabert, als würde er Bruno Mars mit Earth, Wind & Fire versöhnen. Wenn sich die Gaststars von De La Soul dann auch noch aus dem Hintergrund ins Rampenlicht des prickelnden It Runs Through Me rappen und später Steve Wonder gecovert wird, ist das Wintereis endgültig gebrochen.

Tom Misch – Geography (Beyond The Groove)

 


Eels, Die Wilde Jagd, Mien

Eels

Ach, Mark Oliver Everett, alter Zausel, geliebter Eremit – klodeckelbrillendick suppt dein verschrobener Psychopop seit nunmehr fast einer Generation durch den Independent-Wald, und nie, wirklich niemals ist man desse so ganz überdrüssig, auch wenn sich die filligrane Emotionalität seit dem legendären Beautiful Freak vor auch schon wieder 22 Jahren, mit dem ja vermutlich du selbst gemeint warst, kaum verändert hat. 2014 war deine Band Eels mit diesem Prinzip sogar erstmals in den deutschen Top 10, und nichts deutet darauf hin, dass dies nicht auch mit dem Nachfolger möglich wäre. Denn ehrlich: Auch The Deconstruction ist auf seine Art schlicht zum Niederknien.

Dafür darf man nun nicht unbedingt die Neuerfindung des alternativen Artrockrades erwarten, ja im Grunde noch nicht mal die Dekonstruktion von Eels. Doch was dieses Quartett aus dem aktuellen Herz der Finsternis (Washington D.C.) auf dem mittlerweile 12. Album zeigt, fügt dem Werk schon etwas Neues hinzu. Zum Beispiel echten, unverschleierten, also selbstbewussten Frohsinn. Die funkensprühende Video-Auskopplung Bone Dry gibt über diese Gemütsaufhellung ebenso Auskunft wie das fast euphorische Today is the Day. Und sonst: Elaboriertes Feingefühl mit etwas kultiviertem Geschrammel und Everetts unvergleichlich nöliger Stimme. Toll!

Eels – The Deconstruction (E Works Records)

Die Wilde Jagd

Ein Bass, etwas Hintergrundraunen, dazu Synthiegeknister – so einfach kann moderner Pop sein. Und so hypnotisch. Auf dem zweiten Album seines Sideprojects Die Wilde Jagd kultiviert der wahlberliner Produzent Sebastian Lee Philipp wieder die Vielschichtigkeit der Fläche voll Krater und Höhlen. Wie eine Wanderung durch mal gleichförmige, mal karstige, selten aber eintönige Landschaften startet Uhrwald Orange in eine siebenteilige Erkundung der Topografie seiner inneren Uhr. Zu Beginn also Flederboy – geschlagene 15:36 Minuten lang mäandert eine Basslinie aus dem Präkambrium des New Wave durch etwas Begleitgefrickel und wirklich – es wird zu keinem Zeitpunkt monoton, sondern eröffnet Horizonte, hinter die man gern blicken möchte.

Drama, Romantik, Ekstase und Melancholie – so beschreibt das Label selbst dieses minimalistische, aber nicht ereignislose Werk artifizieller Popmusik. Es ist die Aufgabe des Verkäufers, für sein Produkt Schlagworte zu finden, aber diese hier treffen wirklich mal zu. Sebastian Lee Philipps Hang, sich gemeinsam mit seinem Partner Ralf Beck in Arrangement zu verhaken wie ein Platte im Sprung, stört das kontemplative Element dabei nicht im Geringsten. Zum Wellenbad geloopt, wirken seine Tonkaskaden meist, als könne er selbst sich davon kaum lösen. Und das färbt ab. Auf uns, die Hörenden. Uhrwerk Orange ist mechanischer Techno zu einatmen und ausatmen, eine dezent vokalisierte Ode an die Analogie.

Die Wilde Jagd – Uhrwerk Orange (bureau-b)

Mien

Nein – Indierock, dieses klassische,  meist von Jungs vorgetragene Gitarrengehämmer, hat natürlich ebenso wenig mit Indien zu tun wie jene Indianer, in denen Kolumbus einst die Bewohner des haarscharf verfehlten Subkontinents sah. Wer allerdings die Indierocker Mien hört, könnte das Genre fortan indisch definieren. Die Supergroup von Sänger und Gitarrist Alex Maas, nebenbei Frontmann der texanischen Psycho-Band The Black Angels, garniert ihr selbstbetiteltes Debütalbum schließlich so konsequent mit der Sitar von Rishi Dhir (Elephant Stone), dass daraus eine Art westlich geprägter Krautrock im östlichen Gewand wird.

Unterhöhlt vom monochromen Bass des Horrors-Mitglieds Tom Furse, sorgt dabei besonders der Programmierer John-Mark Lapham (The Earlies) für eine halluzinogene Struktur, mit der bekiffte Stonerfans bekanntlich grundversorgt werden wollen. Und die flächigen, nie breiigen Arrangements von Alex Maas verleihen den zehn Tracks zwar eine Bodenhaftung, mit der man auch nüchtern gut unterhalten wird; doch wer beim Wiesentanz ins Morgenrot Farbe hören und Töne sehen möchte, verändert sich das Bewusstsein wohl trotzdem stofflich. Dass beides gleichermaßen funktioniert, spricht unbedingt für Mien von Mien.

Mien – Mien (Rocket Recordings)

 


AB Syndrom, Jo Goes Hunting, Naked Giants

AB Syndrom

Vor drei Jahren, die Welt drehte sich zwar im gleichen Tempo, war aber irgendwie doch eine völlig andere, tropfte plötzlich ein seltsam hybrider Elektropop aus den Boxen, der zugleich altbekannt und ziemlich neu klang. Es war das zweite Album des Berliner Duos AB Syndrom und schaffte es in ein und derselben Tonabfolge spielend, Bauch, Kopf und Seele überfallartig zu erreichen. Nun weckt eine Plattenkritik, die sich zu lang beim Vorgänger aufhält, naturgemäß den Verdacht, der Nachfolger halte da nicht mit. Und in der Tat: verglichen mit Hallo Herz ist Plastik nicht der ganz große Wurf. Einerseits. Denn verglichen mit dem großen Rest dieses kitschanfälligen Stils ist es andererseits wirklich wunderbar.

Der Songwriter Bennet Seuss und sein Schlagzeuger Anton Kırık schaffen es schließlich abermals, die loungig-gediegene Atmosphäre ihrer digitalen LoFi-Gespinste mit einem wattierten HipHop zu kombinieren, dass einem die Knie ganz weich werden und man sich hinlegen muss, am besten in eine Hängematte mit Seeblick. Besonders die pluckernde Percussion sorgt dann dafür, dass die getragene Aura nicht ins Schläfrige abgleitet und immer noch ein Aufspringimpuls zurückbleibt. Plastik ist die Quintessenz des Berliner Cool ohne Metropolengehabe, nicht so gut wie früher, immer noch besser als die Gegenwart im Ganzen.

AB Syndrom – Plastik (Herr Direktor)

Jo Goes Hunting

Wenn PR-Abteilungen ein Produkt beschreiben, muss man die Adjektiv-Kaskaden darin stets mit einer gewissen Vorsicht genießen. Falls allerdings das liebenswerte Alternative-Label Backseat eine Neuerwerbung im Portfolio mit “Beitrag zu mehr Kreativität und Mut im Indiepop” bewirbt, darf man kurz mal Milde walten lassen und dem Werbesprech ein wenig Aufmerksamkeit widmen. Denn Jo Goes Hunting ist genau das: kreativ und mutig, nur ohne verstiegen oder experimentell zu sein. Auf dem seifigen Feld der musikalischen Harmonielehre ist das ausgesprochen ehrgeizig, daher überaus selten und in diesem Fall sogar ziemlich hinreißend. Was vor allem an Jimmi Jo Hueting liegt.

Der singende Drummer aus den Niederlanden hat sich nämlich eine Kapelle zusammen gesucht, die seinem Anspruch von hörbarer Exzentrik Folge leistet. Auf dem Debütalbum verbindet das – so sagt man heute: Projekt Artrock, Discopop und New New Wave zu einer windschiefen, formschönen Mixtur aus englischen Vocals und globalen Arrangements, die an Grizzly Bear oder das deutsche Odd Couple erinnert. Nachdem das Ganze in Holland bereits alle Feuilletons begeistert hat, erscheint Come, Future nun auch hierzulande und dürfte die Hinwendung zum Sound des Nachbarlands weiter verstärken. Schon richtig so.

Jo Goes Hunting – Come, Future (Backseat)

Naked Giants

Seattle – wem es da nicht in den Ohren klingelt, ist entweder vorm Vietnam-Krieg geboren, nach dem Irak-Krieg oder anderweitig aus der Zeit gefallen. Seattle, das war vor bald 30 Jahren die Geburtsstadt dessen, was unterm Label Grunge den Rock mit einer Prise Punk wiederbelebt hat. Wenn eine Band wie Naked Giants von dort stammt, liegt die Messlatte demnach ganz schön hoch. Unter Revolte anzetteln oder Bilder stürmen läuft da wenig. Beides schaffen die drei Freunde von der nördlichen Westküste nicht. Alles andere, was mit ihrem Ursprung in Zusammenhang steht, aber schon: eine räudige, verwaschene, filigrane Spielfreude zum Beispiel, der man die Garage anhört.

Ihr Debütalbum Sluff klingt daher ein bisschen danach, wofür es steht: South Lake Union Fuck Face, was zwar mit der Tech-Branche zu tun hat, die Seattle seit längerem im Griff hat, mehr aber noch mit einer rotzigen DIY-Attitüde, die jedem der zwölf Postpunkohrfeigen entströmt. Mit kreischender Sixtiespsychorockgitarre, dem apokalyptisch drängenden Bass des Sängers Gianni Aiello und einem Schlagzeug, dass wenig auf Punktgenauigkeit, aber viel auf Einfallsreichtum gibt, macht das Trio den verschrobensten Sound der Stunde. Seattle liefert halt noch immer.

Naked Giants – Sluff (New West Records)