Konstantin Gropper: Get Well Soon & Amen

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Privat neige ich nicht zum Pathos

Der Film- und Studiomusiker Konstantin Gropper (Foto: Clemens Fantur) hatte schon immer einen Hang zur Opulenz, aber selten klang sein orchestrales Solo-Projekt Get Well Soon hoffnungsfroher als auf Amen. Dabei ist sein siebtes Album mehrere Katastrophen nach dem Vorgänger The Horror entstanden. Ein Interview über Optimismus, Kontrollwahn, Überwältigungspop und warum ihm Corona auch Glück brachte.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Konstantin Gropper, dein neues Album als Get Well Soon heißt Amen. Bist du auf deine jungen Tage etwa religiös geworden?

Konstantin Gropper: Nee. Ursprünglich war Amen als selbstbetiteltes Album gedacht, also Get Well Soon, weil der Bandname schon so gut zum Kernthema Hoffnung passt, dass man eigentlich nur noch ein Ausrufezeichen dahinter stellen müsste. Amen kam mir dann aber besser, präziser vor, um eine Affirmation mit Punkt dahinter zum Ausdruck zu bringen. Mit Religion hat das nur insofern zu tun, als ich das Album als Kampfansage an den Anspruch der spirituellen Welt sehe, Hoffnungsfreude für sich zu pachten. Dem wollte ich eine Art rationalen Optimismus entgegenstellen.

Rationaler Optimismus?

Na ja – einer, der nicht blind ist, also leicht zu täuschen, sondern der schmale Grad zwischen alles geht den Bach runter und wird schon werden. Denn die Grundvoraussetzung, um kreativ tätig zu werden, ist ja der Glauben daran, dass die Zukunft nicht nur dunkel ist.

Versucht das Album aus der bedrückenden Situation mehrerer Lockdowns, in denen es entstanden ist, bewusst das Gegenteil, also Hoffnung zu ziehen?

Genau, denn was soll man denn sonst haben, wenn nicht Hoffnung, den Glauben ans Bessere danach, ohne dass es genauso werden muss wie zuvor, als meine Platten ja interessanterweise düsterer waren als dieses. Das hier [zeigt auf Bücher- und Plattenwände hinter sich] ist übrigens die Kellersituation, in der Amen entstanden ist.

Und die unterscheidet sich von der Kellersituation vorheriger Platten?

Eigentlich nicht. Bevor ich meine Kompositionen irgendwem zeige, haben sie meistens schon eine Zeit der Isolation hinter sich. Musikalisch gesehen war ich daher schon immer ein Kellerkind, das hier unten realisiert, was ich mir vorstelle. Und auch wenn diesmal ein Teil davon in einem Ferienhaus entstanden ist, hat die Pandemie daran nur wenig geändert.

Was genau hattest du dir denn 2021 unter diesem Album zuvor vorgestellt?

Relativ wenig eigentlich. Wenn ich zu produzieren beginne, habe ich in der Regel keinen Stapel Notizen, auf die ich zurückgreife, sondern fange bei null an – bis aufs Thema. In diesem Fall: die Optimierung der Hoffnung mit der Frage, was eigentlich ein glückliches Leben ist. Dafür habe ich mir vorgestellt, welche Musik ich selber denn in einer Situation wie dieser hören wollen würde, damit es mir danach besser geht. Aus dieser Playlist ist der Albumsound entstanden, der zum ersten Mal aus der Perspektive des Publikums denkt.

Und früher?

Ging es nur um meinen Geschmack, worauf ich Lust habe. Vielleicht auch, weil ich mir nicht anmaßen möchte zu wissen, was das Publikum von mir will. Und da dachte ich, vielleicht ein bisschen Optimismus.

Ist dieses Denken Ergebnis irgendeines persönlichen Veränderungsprozesses oder bloß Resultat der Pandemie?

Vielleicht. Wie alle anderen auch, habe ich die Isolation dazu genutzt, wegen fehlender Austauschmöglichkeiten ja auch nutzen müssen, über mich selbst zu reflektieren – und bin dabei unter anderem zu dem Ergebnis gekommen, riesengroße Glück gehabt zu haben.

Inwiefern?

Kein einziges Konzert absagen zu müssen und weiterhin arbeiten zu können, etwa für Film und Fernsehen, wo ich zuletzt die Scores für How To Sell Drugs Online (Fast) gemacht habe oder Detlev Bucks Wir können nicht anders. Ich bin also bislang zumindest sehr viel besser durch die Pandemie gekommen als viele meiner Berufskollegen. Ich will also niemandem das Recht absprechen, über die Situation zu jammern; für mich hätte sich das falsch angefühlt. Erinnerst du dich an diese Aktion der ganzen Fernsehschauspieler?

#alles dichtmachen, klar. Kleingeistiges Gefasel von Querdenkern wie Volker Bruch.

Das ja nun wirklich niemand bei Verstand hören will. Da musste ich eine andere Sichtweise wählen.

Wobei das Vorgängeralbum The Horror förmlich in Katastrophen schwelgt, obwohl mittlerweile sogar noch ein Dutzend globaler Krisen hinzugekommen ist. Blühst du erst richtig auf, wenn es richtig scheiße wird?

Ich habe zumindest im Vergleich zum jeweils vorherigen Album tatsächlich schon immer ein bisschen antizyklisch gedacht. Aber hierin steckt natürlich auch eine Portion Zweckoptimismus, um nicht völlig zu verzweifeln.

Deine Antwort auf Verzweiflung heißt Überwältigungspop?

[lacht] Den Hang zur Opulenz hatte ich ja schon immer, aber hier wollte ich in der Tat ab und zu eine Schippe zu viel drauflegen und leicht drüber zu sein. Das Theatralische ist gewollt, soll aber bei allem Humor nie ironisch klingen.

Ironie ist im Pop ja auch Feigheit vor der eigenen Haltung…

Ganz genau. Ich mein’s ernst, will aber unterhaltsam sein. Meine Platten sind ja keine politikwissenschaftlichen Abhandlungen.

Witzigerweise bist du als Typ so vor mir das Gegenteil von opulent.

Das ist ja schwer psychologisch. Die wenigsten Künstler, die ich kenne, sind privat deckungsgleich mit der Bühne; das wäre aus meiner Sicht auch erschöpfend, also ungesund. Andererseits habe ich auch kein Problem mit dem großen Wort Authentizität und habe das Theatralische, Opulente tief in mir drin. Ich war immer schon eher Bowie als Dylan. Wobei das Therapeutische am Musikmachen, wenn nicht sogar jeder Kunstrichtung, darin besteht, Seiten in sich auszuleben, die im Alltag verborgen sind. Privat neige ich jedenfalls nicht zum Pathos.

Aber zur Kontrollsucht, könnte man meinen. Oder was hat es damit auf sich, dass du alle Instrumente selber einspielst und nur auf der Bühne mit Musikern arbeitest?

Einfacher: als Produzent und Musiker sind Schreiben und Einspielen bei mir deckungsgleiche Prozesse. Weil ich als Produzent und Musiker von Film- und Fernsehmusik ständig weisungsgebunden bin, lasse ich mir bei Get Well Soon nicht so gern reinreden und kriege von Plattenfirmen oder Management auch öfter zu hören, beratungsresistent zu sein.

Ist es denn auf der Bühne schwierig, deine musikalischen Babys in die Obhut anderer Musiker zu geben?

Gar nicht, denn die Leute wissen ja, was sie spielen sollen, und kriegen auch kein grobes Material, sondern fertige Kompositionen. Andererseits mag ich es nicht, alleine aufzutreten, weil ich, so komisch das klingt, nicht so gern im Mittelpunkt stehe. Von daher ist dieses Loslassen wiederum recht einfach.

Auf deiner Homepage sind in zwei Monaten 16 Konzerte geplant. Wie groß ist – Stichwort Amen – dein Optimismus, dass die alle im vollen Saal stattfinden?

Auch wenn sich die Bedingungen nahezu täglich ändern, ist er groß. Meine größere Sorge ist vielmehr, wie viele von uns gesund, also negativ bleiben. Von daher fahren wir erstmal durch sechs Länder los und schauen, was geht.

Disclaimer: Das Interview ist vorab beim Musikblog erschienen

Shadow-Banning & Almost Fly

TV

Die Gebrauchtwoche

21. – 27. März

Gute Nachrichten sind zurzeit rar aus Russland, der Ukraine, ach – eigentlich weltweit. Aber diese hier hatte doch beinah was Positives an sich: nachdem Wladimir Putin kritische Medien aus heimischer Produktion längst restlos verboten hatte, ließ er nun auch Facebook und Twitter sperren, gestern gefolgt von Bild.de. Ausgerechnet jene Plattformen also, auf denen Lügen und Hatespeech ähnlich zuhause sind wie im Kreml. TikTok dagegen darf weiterlaufen. Vorerst.

Was wiederum auch damit zu tun haben dürfte, dass die politisch eher belanglose Video-App aus der gleichgesinnten Diktatur Chinas stammt und schon deshalb ein russisches Verhältnis zur Zensur hat. Gerade erst wurde schließlich bekannt, dass TikTok sogenanntes Shadow-Banning betreibt. Wobei Worte wie „Porno“ oder „Sex“ zu canceln zumindest aus Jugendschutzgründen durchaus nachvollziehbar erscheint; aber „schwul“ und „LGTBQ“ oder „Auschwitz“ und „Nationalsozialismus“?

Mit ihrem Digital Markets Act (DMA) setzt die EU den Tech-Konzernen von Google bis Apple derweil ganz andere Fesseln: eigene Apps dürfen denen der Konkurrenz gegenüber demnach nicht mehr bevorzugt werden. Außerdem herrschen fortan strengere Regeln bezüglich der Nutzer*innen-Zustimmung, beides unter Androhung drakonischer Strafen hoch in den zehnstelligen Bereich. Milliardenbußgelder wünscht man sich auch fürs bedruckte Toilettenpapier Bild. Dass der Presserat entschieden hat, deren Headline Lockdown-Macher verstoße nicht gegen den eigenen Kodex, ist da beinahe banal.

Abseits dieser wissenschaftsfeindlichen Agenda galten 2021 stolze 26 von 60 Rügen der Propaganda-Abteilung des Springer-Konzerns, während sich die restlichen 34 auf 31 Medien verteilt haben. Obwohl sich einige nach Julian Reichelts Rauswurf anderes erhofft hatten: beim publizistischen Querdenker Johannes Boie ist Bild demokratiezersetzender wie eh und je. Bloß korrupt sind dagegen laut ZDFMagazin Royale offenbar MDR-Kader, die aus Profitgier Sendezeit an Florian Silbereisens Schlager-Mafia verhökern.

Die Frischwoche

28. März – 3. April

Damit startet abermals eine Woche, in der das Fernsehen wahlweise egal oder Eskapismus ist. Aber gut – irgendwie muss es ja auch dort weitergehen. Etwa mit Euer Ehren, deutsche Version der israelischen Thriller-Serie Kvodo, die Showtime erst 2020 mit Bryan Cranston als Your Honor adaptiert hatte. Ab Samstag spielt Sebastian Koch den rechtschaffenen Richter, der zur Rettung seines straffälligen Sohnes sechs Teile lang in der ARD-Mediathek all seine Prinzipien über den Haufen wirft.

David Nawrath verarbeitet also sechs Teile Gebrauchtware, er macht das auch dank seines Ensembles aber bärenstark. Gleiches gilt ab Samstag für die gleichlange AppleTV-Serie Slow Horses mit Gary Oldman als MI5-Agent, dessen Team ab Freitag in einer Art Geheimdienstasyl gescheiterter Spione einer ganz großen Verschwörung auf die Spur kommen. Was überdies zu sehen ist: die ersten neun Teile der Netflix-Romcom Business Proposal ab heute aus – Überraschung: Südkorea. Parallel startet die Magenta-Serie The Responder mit Martin Freeman als weicher Cop im harten Liverpool. Und Dienstag dann setzt Sky das sehenswerte Finanzpolitdrama Devils fort.

Zum Wochenende läuft das sechsteilige Peacock-Familienepos Wolf Like Me bei Prime Video. Samstag ermitteln Julia Jentsch und Ernst Stötzner in Ostfriesensühne erneut an der schroffen Nordseeküste. Am tags zuvor beginnt das Erste wie immer um diese Jahreszeit, aber online first, sein FilmDebüt, diesmal mit Hossein Pourseifis bemerkenswerten Erstlingswerk Morgen sind wir frei über eine ostdeutsche Frau (Katrin Röver), die ihrem persischen Mann 1979 kurz nach der islamistischen Revolution in den Iran folgt.  Und nächste Woche berichten wir an dieser Stelle dann auch ausführlicher vom ersten Oscar als bester Film für ein Werk von Apple mit taubstummem Hauptcast.


Ibibio Sound Machine, Get Well Soon, Bodi Bill

Ibibio Sound Machine

Kennt irgendwer noch Amanda Lear oder Grace Jones? Als androgyn-feministische Stilikonen haben sie den männerdominierten Pop der Siebzigerjahre mit einer diffusen Sexualität variiert, deren Bedeutung heute kaum zu überschätzen ist. Oberflächlich betrachtet sind beide zwar nur marginal mit Ibibio Sound Machine vergleichbar. Aber nur mal rein hypothetisch: hätte Grace Lear auch nur einige der musikalischen Mittel des Londoner Disco-Kollektivs besessen – ihr Dancefloor stünde noch immer in Flammen.

Mit seiner virilen Mixtur aus Afrobeat und Electroclash dampft das neue Album Electricity förmlich aus den Boxen und verbietet sich störende Nostalgie. Zappelige Drums, Synths und Fanfaren wie im heillos überfrachteten, aber gut strukturierten 17 18 19 treiben den eklektischen Futurefunk der siebenköpfigen Band um Sängerin Eno Williams zwar zuweilen leicht hektisch vor sich her. Sie bleiben aber angenehm frei von störendem Folklorismus – und herrlich dick aufgetragen. Wie einst bei Amanda Jones.

Ibibio Sound Machine – Electricity (Merge Records)

Get Well Soon

Und wo wir grad bei dick aufgetragener Opulenz sind: Get Well Soon haben ihr, besser: hat sein neues Album rausgebracht. Mit Glockengeläut, das zum Himmel weist, Bläsersequenzen der Bigband-Ära, Chorälen am Rande des Sakralen und Geigenteppichen flauschig wie Flokatis zur Jarvis-Jocker-Gedächtnis Stimme, platzt Konstantin Gropper aus der Isolation seines Mannheimer Studiokellers und bläst Pandemie oder Kriege in sinfonischer Orchesterstärke aus den Köpfen. Was ein bisschen seltsam ist.

Denn Amen, so heißt die sechste Götterdämmung aus Groppers Multiinstrumentarium, ist katastrophal im Sinne einer Antwort auf all jene Weltkrisen, die er akribisch auflistet, dann aber mit misanthropischem Optimismus zum Schweigen bringt. Verglichen mit The Horror von 2018 ist unsere Zivilisation zwar noch näher am Abgrund. Doch was macht Get Well Soon? Feuert aus allen Rohren seines Überwältigungspops auf beginnende Resignationen und schafft damit nicht weniger als die Platte des Frühlings schlechthin.

Get Well Soon – Amen (Virgin)

Bodi Bill

Und damit hier nicht alles nur auf die elektroeklektizistische Zwölf drischt, noch etwas digitaler Sound ohne den Anspruch größtmöglicher Selbstüberfrachtung: Bodi Bill sind zurück. Drei Jahre, nachdem das Berliner Lowtech-Trio zur absoluten Unzeit seine Reunion feierte, kommt das fünfte Album raus. I Love U I Do klingt zwar bescheuert, ist aber Ausdruck wechselseitiger Sehnsüchte von Band und Fans, die viel zu lange unerfüllt geblieben sind.

Ihr verschroben feiner Alternative House tänzelt wie früher durch drollige Samples und öligen Gesang, der nichts weiter sein will als ein zusätzliches Instrument zur klanglichen Vielfalt, dabei aber die Grenzen zum Po überwinden möchte – und damit sogar erfolgreich ist. Stücke wie Self Improvement oder Loophole Traveling schaffen es schließlich spielend, Glitzerdisco und Kellerclub zu versöhnen. Cheezy manchmal, zugegeben. Aber auf sehr würzige Art käsig.

Bodi Bill – I Love U I Do (Sinnbus)


Jochen Horst: Balko 1998 & Balko 2022

BALKO Teneriffa

Es ist halt, wie es ist…

Genau 25 Jahre nach seiner überaus erfolgreichen Kultserie auf RTL schlüpft Jochen Horst (Foto: González/Ufa) wieder in den Ruhrpott-Cop Balko – diesmal auf Teneriffa statt Kohleflözen, aber mit dem alten Charme und Ludger Pistor zur Seite. Ein (was sehr selten ist: ohne die geringste Korrektur freigegebenes) Gespräch über Lebensrollen und Auslandsermittler, neue Barbaren und das Erbe der Guldenburgs.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Horst, ohne das Ende Ihrer Rückkehr als Balko spoilern zu wollen: das Finale hat’s ja mal in sich, wer denkt sich denn so was aus?

Jochen Horst: Gute Autoren, die das tun, damit ich es nicht tun muss (lacht). Und ich glaube, da wir von 50 auf 90 Minuten erhöht haben, also gewissermaßen Kinoformat, darf Fernsehen durchaus mal cineastisch enden.

Ihr Comeback gibt also den Sound der nächsten Folgen vor?

Absolut. Wir bewegen uns auch was Auflösung, Kamera, Optik betrifft, mit voller Absicht ein Stück weit von RTL weg Richtung Netflix. Eigentlich entsprach die ruhigere Crime Comedy vom Balko der Neunziger mehr meinem Geschmack, aber ich bin immer bereit, mich weiterzuentwickeln. Als Fan von Formaten wie Better Call Saul

Dem Prequel von Breaking Bad auf Netflix.

… das ebenfalls etwas ruhiger, aber humorvoll erzählt wird, befinden wir uns da auf einem guten Mittelweg.

Was genau unterscheidet Balko 1998 denn von Balko 2022?

Die Umstände gealterter Charaktere als Privatdetektive auf Teneriffa statt Polizisten in Dortmund, allerdings mit demselben, leicht verblödelten Spieltrieb. Das Kokettieren mit dem Alter auf der Ferieninsel bringt ein paar Farben mehr verglichen mit dem Ruhrpott der Neunziger.

In denen deutsche Ermittler nicht annähernd so oft im Ausland ermittelt haben wie jetzt.

Das ist in der Tat populär und zieht so größeres Publikum. Darüber hinaus schafft der ausländische Drehort aber auch erzählerisch neue Möglichkeiten. Als Ludger Pistor und ich unsere Figuren mitentwickelt haben, um 15 Jahre im Sinn einer interessanten Neuerzählung zu überbrücken, hat sich ein solcher Ortswechsel fast aufgedrängt. Alles andere wäre auch langweilig gewesen.

Schlimmer noch: nostalgisch.

Und damit absehbar. Für eine Detektivgeschichte deutscher Ex-Polizisten ist es ja spannend, dass es in Spanien verschiedene Polizeikräfte mit völlig verschiedenen Kompetenzbereichen gibt, die weder Balko noch Krapp kennen, was zu originellen Komplikationen führt.

Bringen Sie als Deutscher mit Zweitwohnsitz Mallorca da eigene Erfahrungen mit ein?

Das kommt vor, findet aber allenfalls auf Seitengleisen statt. Bei 80 Prozent Eingeborenen im Team, die oftmals kaum Englisch, geschweige denn Deutsch sprechen, bringe ich mich schon mal vermittelnd ein, bin aber dort ja nicht zum Spanier geworden, sondern deutsch geblieben, fast ein bisschen preußisch.

Privat sind Sie also gar nicht die coole Socke Ihrer Figur?

Das können andere vermutlich besser beurteilen, aber ich bin sicher nicht so chaotisch und ordnungsfern wie Balko, das ist schon eher gespielt als gelebt.

Interessanterweise haben Sie den gar nicht so lange gespielt. Gerade mal drei Jahre…

Wobei ich das in meinem Alter damals, wenn man sich noch viel mehr austoben will, als richtig lang empfunden hatte.

Stört es Sie da umso mehr, dass ein gutes Zehntel Ihrer bisherigen Film- und Fernsehkarriere den Rest so überlagert?

Überhaupt nicht, das gehört zu meinem Beruf dazu. Im Grunde sollte es, glaube ich, sogar ein Ziel des Schauspielens sein, Figuren zu kreieren, die das Publikum nicht nur mag, sondern mit dem es dich auch assoziiert. Wenn das in so langer Zeit nicht gelingt, musst du was falsch gemacht haben. Ich empfinde Wiederkennungswerte als Vorteil. Für beide Seiten. Zumal ich ja andere Sachen gemacht habe, die teilweise nur unterm deutschen Radar stattfanden.

Zum Beispiel?

Meine internationalen Rollen, Der Zementgarten etwa mit Charlotte Gainsbourg oder zuletzt Jaguar fürs spanische Netflix. Das kennt hier kaum jemand, war aber alles wichtig für mich.

Hierzulande sind sie eher für Fernsehen der etwas leichteren Art wie Balko bekannt, der dem damals noch sehr nüchternen Krimi deutscher Art etwas Neues beigefügt hat.

Humor.

Bis auf ein paar Tatorte haben Sie dagegen wenig gemacht, das im Feuilleton besprochen wird.

Wenn es daran läge, dass ich ein mittelmäßiger Schauspieler bin, könnte ich damit leben. Es hing aber wohl eher mit meinem Wohnort Spanien zusammen, der sich mit den Sparmaßnahmen deutscher Fernsehproduktionen nicht gut vertragen hat. Ich persönlich mache aber auch gar nicht so große Unterschiede zwischen leicht und schwer, Qualität und Quantität, Tatort oder Traumschiff. In Ihrer Terminologie kippe ich wahrscheinlich ein bisschen Richtung seicht, aber das macht für meine Art, Figuren respektvoll zu spielen, keinen Unterschied.

Was unbedingt für Sie und Ihre Berufsauffassung spricht. Aber möchte man nicht dennoch auch mal Dominik Graf oder Maren Ade drehen?

Natürlich gibt’s Projekte, bei denen ich gern dabei gewesen wäre. Aber wissen Sie, es ist halt, wie es ist. Und wenn ich es mir aussuchen könnte, hätte ich lieber mit bestimmten englischen oder spanischen Regisseuren gearbeitet. Nur, weil man mit den besten Regisseuren arbeitet, heißt das ja noch lange nicht, zu den besten Schauspielern zu zählen. Wenn ich Kolleginnen und Kollegen bewerte, gehe ich deshalb sehr nach dem Handwerk und sehr wenig nach den Verantwortlichen. Die, machen wir uns nichts vor, sind im internationalen Vergleich oftmals nicht konkurrenzfähig.

Oha!

Nehmen Sie Dinge, die sogar weltweit wahrgenommen werden wie Dark oder How to Sell Drugs Online (fast) – beides super gemacht, auch super gespielt, aber für ein sehr begrenztes Publikum. Sobald deutsches Fernsehen den Mainstream erreichen will, wird es komplizierter. Kennen Sie „Barbaren“, die Nacherzählung der Hermanns-Schlacht? Eigentlich klasse, aber ausgerechnet da, wo es drauf ankommt, nämlich bei der Schlacht selber, sieht es nicht global, sondern deutsch aus. Oder Inventing Anna.

Die Netflix-Serie über die deutsch-russische Betrügerin Anna Sorokin.

Großartig – bis zu der Folge, die vor allem in Deutschland spielt. Da stürzt sowohl die Erzählweise als auch alles Technische abrupt ab. Wahnsinn.

Fühlen Sie sich berufen, daran etwas zu ändern?

Ich schreibe in der Tat an mehreren Drehbüchern und habe auch schon was eingereicht. Aber wer will denn bitte noch richtig was lesen. Wenn Sie eine Synopsis von mehr als zwei Seiten haben, guckt da schon keiner mehr richtig rauf, sondern bittet gleich um einen Trailer.

Was haben Sie denn so geschrieben?

Ach, zum Beispiel eine Fortsetzung vom Erbe der Guldenburgs.

Mit Ihnen als gereifter Sascha Guldenburg?!

The Next Generation plus Christiane Hörbiger und mich, genau. Allerdings nicht mehr in der Bier-, sondern der Opiumbeschaffung für die Pharmaindustrie, also Grauzone der Halbkriminalität.

Und was meinte das ZDF?

Das war denen zu wild. Aber so was ist auch ein bisschen Glückssache. Sie müssen zur richtigen Zeit die richtige Person mit der richtigen Muße, also das richtige Momentum finden. Gerade öffentlich-rechtlich fehlt da allerdings zusehends der Mut.

Ist RTL da mutiger?

Die nehmen sich alle nicht viel und müssen wegen der Streaming-Konkurrenz auch vorsichtiger sein mit ihren Ressourcen. Aber im Fall von Balko merkt man, dass sowohl der Regisseur als auch der Kameramann erst um die 30 sind und sich mehr trauen. Insofern traut sich RTL vielleicht doch etwas mehr.

Hat Balko uns über die Unterhaltung hinaus etwas zu sagen, etwa darüber, was Menschen im Alter machen?

Natürlich geht es auch darum, was zwei alternde Männer mit sich anfangen. Aber wir machen kein Fernsehspiel, sondern Crime-Comedy, das gibt den Rahmen vor.

Und erfahren wir darin endlich, wie Balko mit Vornamen heißt?

Nee, das hat sich ganz gut gehalten und soll so auch bleiben.


WeCrashed: CoWorking & Supernovae

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Liebe in Zeiten des Spätkapitalismus

Die großartige Miniserie WeCrashed erzählt vom Aufstieg und Fall der real existierenden Immobilien-Firma WeWork und ihres charismatischen Gründers, belässt es bei Apple+ aber zum Glück nicht bei wohlfeiler Kritik am Blasen-Kapitalismus.

Von Jan Freitag

Eine Supernova ist Anfang und Ende zugleich. Im Moment seiner größten Ausdehnung kollabiert dieser enorm massige Stern mit solcher Strahlkraft, dass ihr Anblick – würde er sich nur wenige Tausend Lichtjahre entfernt ereignen – nicht nur der imposanteste, sondern letzte aller Lebewesen wäre. Rebekah hätte sich also besser mal ein weniger explosives Kosewort ausgesucht, um Adam Neumann zu beschreiben. Zu spät.

Als sie ihren Mann zu Beginn der Apple-Serie WeCrashed mit „du bist eine Supernova“ zur Aufsichtsratssitzung seiner eigenen Firma schickt, dürften aufmerksame Zuschauer schließlich ahnen: es wird seine letzte. Denn am Ende der ersten von acht Folgen ist der CEO des hellsten Sterns am New Yorker Start-up-Himmel schon wieder verglüht. Danach aber erzählt WeCrashed auf Basis des gleichnamigen Podcasts vom Aufstieg und Fall eines realen Immobilien-Unternehmens, das Rebekah und Adam Neumann 2010 aus den Ruinen der Finanzkrise gestampft haben.

Zwölf Jahre vorm schicksalhaften Septembertag 2018 nämlich schicken die Autoren Lee Eisenberg und Drew Crevello ihre Hauptfigur mit dem Rollkoffer durch Manhattan, wo er Babyknieschützer und Wechselhacken verkaufen und den überhitzten Mietmarkt nebenbei mit einer Idee umwälzen: Coworking-Spaces. „Könnte man Ihr Selbstbewusstsein in Flaschen abfüllen“, meint ein potenzieller Geldgeber über sein Konzept geteilter Büroflächen, „wäre ich dabei“. Luftschlösser jedoch wolle er nicht bauen. Offenbar ein Fehler. Oscar-Preisträger Jared Leto spielt Adam schließlich wie das israelische-amerikanische Original als charismatischen Überzeugungstäter, der sich von Rückschlägen nie einschüchtern lässt.

Weder als seine Idee kollektiver Arbeitswelten in rummelplatzartigen Lofts Absagen erntet, noch als ihn die Yogalehrerin Rebekah – mit kerniger Empathie von Anne Hathaway verkörpert – mehrfach abblitzen lässt. In ihr findet der unwiderstehliche Träumer folglich eine Seelenverwandte, die das gemeinsame Luftschloss mit Worthülsen von „Familie“ über „Lifestyle“ bis „Community“ zum Weltkonzern mit 425 Immobilien in 100 Toplagen aller Global Cities aufplustert. Gesamtwert zwischenzeitlich: Rund 47 Milliarden Dollar – Mitte der Zehnerjahre das drittwertvollste Privatunternehmen Amerikas und schillerndster Ausdruck einer kapitalistischen Kultur, die Eisenbergs und Crevellos Regisseure grandios in Szenen setzen.

Was WeCrushed – Deutsch: wir sind zerbrochen – in achtmal 50 Minuten zeigt, ist das Dotcom-Versprechen explodierender Renditen auf Fabriketagen ohne Produktionsmittel. Wie Popstars werden die Neumanns von Beleg- wie Kundschaft gefeiert, wenn sie ihre Lyrik von der ethischen Gewinnmaximierung vortragen. Eine „Share Economy“ genannte Form urbaner Nachhaltigkeit, in der Besitz zugunsten kollektivierter Waren und Räume an Bedeutung verliert – für andere zumindest. Denn bevor Adam die eigene Kündigung kriegt, lässt er sich von Dienstboten im Luxusloft zum Aufwachen seine Bong anzünden, während die jüdische Millionenerbin Rebekah mit dem Helikopter zur Firmensause ins Grüne fliegt.

Weil fiktionale Fundamentalkritik der Klassengesellschaft 2.0 aber schnell öde wird und auch ein wenig wohlfeil, erzählen die Showrunner parallel noch andere Geschichten. Die einer Börsenblase zum Beispiel, in der Autobauer, bei denen kaum Autos vom Band laufen, mehr wert sind als alle deutschen Autobauer zusammen. Die einer Selbstbetrugsbranche, in der ein Kapitalist zum anderen sagt, „ich habe kein Wort von dem verstanden, was Sie grad gesagt haben, aber ich wünschte, ich hätte es als erster gesagt“. Oder die einer vermeintlich emanzipierten Arbeitsatmosphäre, in der Frauen auf „Fuck-Klos“ gefügig gemacht werden.

Noch bedeutungsvoller jedoch ist, dass WeCrashed abseits der sozioökonomischen Stoßrichtung eine wundervoll gleichberechtigte Lovestory erzählt, deren Tonfall das Ende der ersten Folge setzt. Nachdem Adam abgesetzt wurde und bei der Fahrt im Fahrstuhl abwärts so laut schweigt, dass es schmerzt, meint Rebekah „fertig mit Schmollen?“ und fordert ihre Assistentin auf, die Anwälte anzurufen. „Welche?“, fragt die. „Alle!“. Hier erst geht der Kampf richtig los. Es ist einer um Lebenswerke und Liebesbeziehungen, Überzeugungen und Ideale, männliche und weibliche Egos, also den Spätkapitalismus im Ganzen. Und das sehr sehenswert.


Owsjannikowa & Balko

TV

Die Gebrauchtwoche

21. – 27. März

Sechs Sekunden können eine Ewigkeit sein. Während sechs Sekunden unterm sonnigen Himmel der Freiheit oft wie im Flug vergehen, fühlen sich sechs Sekunden unterm dauernden Beschuss im Luftschutzkeller vermutlich länger als sechs Stunden an. Die russische Journalistin Marina Owsjannikowa hat der Zeitspanne nun eine neue Dimension verliehen, als sie im russischen Staatsfernsehen ein Schild mit den Worten No War hochhielt und sich damit, verrückt genug, nach örtlichem Kriegsrecht nicht nur strafbar machte, sondern zur einzigen öffentlich wahrnehmbaren Stimme der Vernunft.

Zum ersten Mal im Verlauf des russischen Zivilisationsbruchs kamen offizielle Bilder aus Putins faschistischer Diktatur daher ohne den publizistischen Hinweis, sie ließen sich „aus unabhängiger Quelle nicht bestätigen“. Was Marina Owsjannikowa unter Gefahr für Leib und Leben wagte, es war echt. Es war mutig. Es war real in einem digital gestreamten Echtzeitkrieg, dessen erstes Opfer auch 108 Jahre, nachdem der amerikanische Senator Hiram Johnson das schreckliche Bonmot erfunden hatte, die Wahrheit ist.

Ein weiteres Opfer, so scheint es, ist der Humor. Leider. Denn natürlich war und ist es richtig, dass Komiker wie Jan Böhmermann, Klaas Heufer-Umlauf oder Tommi Schmitt in ihren Late-Night-Shows nicht zur Tagesordnung übergehen. Aber Erleichterung hat uns ihre Erbauungsarbeit erst verschafft, als das ZDF Magazin Royal vorigen Freitag nach vorheriger Pointenpause wieder ein bisschen auf die Kacke drosch. Ob es hingegen taktvoll oder verlogen ist, dass Neo die Ausstrahlung der Kriegssatire Californian Commando vom kommenden Freitag auf den Summer of Love verschiebt?

Genauso gut könnte man angesichts des Serienkillers im Kreml den achtteiligen Thriller Blinded um einen Serienkiller in Dänemark aus der Arte-Mediathek verbannen. Doch das sind Spitzfindigkeiten, denn das Leben macht zwar vielerorts Pause, geht andernorts aber ungehindert weiter – so läuft das Spiel des Entertainments, in dem Amazon gerade endgültig MGM übernommen hat und damit seine Marktmacht zementiert.

Die Frischwoche

14. – 20. März

Netflix zementiert die seine derweil mit Staffel 2 des saftigen Historienmelodrams Bridgerton. Vor zwei Jahren wochenlang das Streaming-Gespräch Nr. 1, dürfte sich die Aufregung ab Freitag allerdings im Zaum halten, wenn Shondaland im London vor 200 Jahren wieder die Ballsaison eröffnet. Morgen bereits setzt Sky die Geschichte der religiösen Betrügersippe The Rightous Gemstones fort.

An gleicher Stelle startet am Donnerstag die Videogame-Verfilmung Halo um einen human-androiden Krieg im 26. Jahrhundert. SciFi-Bombast auf höchstem, aber auch ein wenig berechenbarem Niveau. Völlig anderes Thema, ebenso opulent aufgetischt: die dreisprachige Apple-Serie Pachenko erzählt das Schicksal einer koreanischen Einwandererfamilie in den USA nach dem gleichnamigen Bestseller ab Freitag über vier Generationen hinweg.

Und wieder was völlig anderes: Unter der Klammer Short Dramedy stellt die ARD am Mittwoch sechs Serien in ihre Mediathek. In (buchstäblich) aller Kürze: das achtmal zehnminütige Beziehungspotpourri Muspilli. Die Culture Clash-Serie Straight Outta Crostwitz mit Jasna Fritzi Bauer als sorbische Volksmusikerin. Das polykulturelle Kuriositätenkabinett All In um erfolglose Automatenzocker. Die Waschsalon-Liaison Saubere Sache voll prominenter Gäste von Margarita Broich und Caroline Frier bis Benno Fürmann und Samuel Finzi. Das Dorffußball-Porträt Ollewitz und dazu Die Pflegionärin mit Patient*innen wie Iris Berben oder Ronald Zehrfeld.

Erwähnenswert noch, dass Jochen Horst nach 25 Jahren Auszeit als Balko an der Seite seines Kollegen Kommissar Krapp (Ludger Pistor) in einer ziemlich absurden Fortsetzung zu RTL zurückkehrt. Und im maximal weiblichen ARD-Mittwochsfilm Flügel aus Beton inszeniert Lea Becker nach Lilly Bogenbergers Drehbuch ein herzergreifend glaubhaftes Coming-of-Age-Melodram über todessehnsüchtige Teenager im Social-Media-Zeitalter.


Oh Hell: Selbstoptimierung & Selbstbetrug

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Fucking Hell!

In der brüllend komischen Magenta-Serie Oh Hell spielt die verblüffend humorbegabte Mala Emde einen Loser, der sich und andere betrügt – oder doch zu aufrichtig ist für die Selbstoptimierungsgesellschaft? Das überlässt Showrunner und Jerks-Autor Johannes Bosse dem Publikum.

Von Jan Freitag

Das Fernsehen ist seit schwarzweißer Zeit voller Hochstapler. Es gibt die großen und die kleinen, die charmanten und die schamlosen, die echten und die falschen, die Krulls und Madoffs, die Kujaus und Lupins. Mit Anna Sorokin gab es zuletzt zwar eine Frau im Betrugszirkus Maximus; meist aber sind es doch Männer, die publikumswirksam betrügen. Auf Helene hat das Fernsehen daher lange gewartet. Zu lange. Weshalb ihm das Streaming abermals zuvorkommt und der sehenswertesten Hochstaplerin seit Erfindung der Täuschung die Bühne bereitet.

Also Vorhang auf für Hell. Besser: Oh Hell! Da das Fake-Leben dieser Fake-Studentin mit Fake-Freunden und Fake-Jobs bei der Anrede stets unausgesprochen Ausrufe des Erstaunens vor sich zieht, sind Serientitel und Hauptfigur ab heute bei Magenta TV quasi deckungsgleich. (Oh) Hell Sternberg, 24 Jahre alt und auf der Karriereleiter noch deutlich unterhalb der ersten Sprosse, ist nämlich ein autobiografisches Desaster, dem die fabelhafte Mala Emde ein gleichermaßen naives wie abgebrühtes Gesicht verleiht.

Denn anders als Papa Günter (Knut Berger) glaubt, sitzt sie Mitte der zweiten von vorerst acht Folgen keineswegs im Audimax, um ihr Staatsexamen abzuholen, sondern im Call-Center, um Gartenartikel zu verkaufen. Und so geht es weiter. Immer weiter. Angefangen bei Rückblenden zur pubertären Gymnasiastin (Romi Pauline Dörlitz), die wegen fortgesetzten Schwänzens beim Psychologen (Roland Bonjour) ist, dort aber das Liebesleben ihrer Eltern („Ich gehe wieder zur Schule, wenn meine Eltern wieder richtig saftigen Geschlechtsverkehr haben, mit dem Penis in der Scheide“) kitten will und sich zur manipulativen Lügnerin ausbildet.

Nichts an Oh Hell, das wird mit jeder von jeweils 25 Minuten pro Episode offensichtlicher, entspricht den Erwartungen anderer, also: aller. Aber „das Tolle, wenn du immer verkackst“, beteuert sie mit gefälschtem Zeugnis auf dem Weg zur eigenen Abschlussfeier, für die ihr Vater überraschend seine Dienstreise absagt: „Du bist unglaublich gut darin, das Verkacken zu vertuschen“. Und so hangelt sich Oh Hell vom Verkacken zum Vertuschen zum Verkacken zum Vertuschen und wieder zurück. Nur: wen sie mehr betrügt, lässt der frühere Journalist Johannes Boss auf ähnlich brillante Art offen, wie in seiner fabelhaften Männlichkeitsstudie „Jerks“.

Mit Dialogen nahe Monty Python und einer Bildsprache Richtung Wes Anderson, also einer realsatirischen Portion Aberwitz, die hierzulande selten ist, zeichnen die Drehbücher des Showrunners nicht nur das tragikomische Bild einer zwanghaften (Selbst-)Betrügerin. Simon Ostermann und Lisa Miller machen daraus ein entwaffnend lustiges Lehrstück über die Mechanik unserer hochglanzpolierten Aufmerksamkeitsgesellschaft, an der grobkörnige Freigeister wie dieser halt traurig oder fröhlich scheitern. Hell entscheidet sich für letzteres. Was für ein Glück.

Während das strahlende Rolemodel Maike (Salka Weber) schon in der Geburtsklinik besser aussah, täglich ein paar Tausend Insta-Follower zwischen sich und ihre Krippenfreundin legt, reihenweise Weltverbesserungsstart-ups hat und einen Freund zum Niederknien, kultiviert Oh Hell mangelnden Geschmack mit Ramschware, plant ein Losergram mit Don’t Likes für Menschen ohne Stil, Freunde und Einfluss, lebt so mittel- wie ideenlos in den Tag hinein und sucht in Laternenpfahlannoncen Anschluss, den sie im dritten Teil sogar findet.

Der schüchterne Musiklehrer Oskar (furios: Edin Hasanovic), dem sie (natürlich) vorlügt, Cello-Virtuosin ohne Praxis zu sein, entdeckt an seiner neuen Schülerin etwas, das sonst niemand in ihr sieht. Und so wird aus dem bizarren Psychogramm nebenbei die aktuell wohl schönste Lovestory im Serienfernsehen von heute – auch, weil zu keinem Zeitpunkt klar wird, ob Helene alias Oh Hell sich das alles nur einbildet oder wirklich erlebt. Und genau hierin liegt die eigentliche Kunst von Johannes Boss, der alle Fragen nach wahr oder falsch im Ungefähren lässt, also Interpretationsspielräume statt Filterblasen öffnet. Was Helene niemals träumt, ist nämlich eine Aufrichtigkeit, die der bürgerliche Kontrollwahn schon vor den sozialen Netzwerken als übergriffig empfunden hat.

Aus seiner Sicht versagt Helene pädagogisch, als sie der siebenjährigen Madlen (Rosa Löwe) im Kindergarten „wenn du später kiffst, achte auf die richtige Musik“ oder „fuck the system and create your own“ mit auf den Weg gibt, aber Kindern, die sie mobben, „noch eine dumme Bemerkung, dann wacht ihr morgen auf und habt Krebs“. Aus humanistischer Sicht begegnet sie Kindern damit auf Augenhöhe. Ob Oh Hell sich selbst betrügt oder andere, ob hier überhaupt irgendwer betrogen wird oder doch nur zur Aufrichtigkeit animiert – das überlässt Boss demnach uns, dem Publikum.

Es gelingt ihm auch mithilfe der Hintergrundmusik von Daniel Strohhäcker und Felix Raffel blendend, die ein wenig so klingt, als hätten Bach und Buxtehude den Soundtrack von Clockwork Orange auf Ketamin im Kinderkarussell komponiert. Er untermalt eine meist brüllend komische, gelegentlich melancholische Figur, die in uns allen steckt, aber von den Konventionen einer ordnungsliebenden Selbstoptimierungsgesellschaft partout nicht rausgelassen wird. „Wenn die Welt eine Vernissage wäre, wärst du ein tolles Exponat“, sagt die Callcenter-Chefin zu Hell, die nach zwei Wochen nur einen Kaktus verkauft hat, weil sie am Telefon halt lieber quatscht als belabert. „Ist sie aber leider nicht“. Schade eigentlich.


Putins Krieg & Wackernagels Aussicht

TV

Die Gebrauchtwoche

7. – 13. März

Keine drei Wochen ist es nun her, dass Putin die Ukraine überfallen hat. Ganze 19 Tage, um einen Krieg in Europa schon wieder fast als Normalzustand anzusehen. Tote werden gezählt und Bombennächte, Sanktionen verabschiedet und umgangen, russische Medien und Begriffe wie Krieg verboten. Weil Journalist*innen für die Wahrheit darüber nun 15 Jahre Haft drohen, hatten ARZDF das Land zwar zwischenzeitlich verlassen, sind aber schon wieder zurück und berichten zusehends routiniert in der Diktatur über den Ausnahmefall einer Invasion, die gleichermaßen undenk- und erwartbar war.

Es sind bizarre Zeiten, in denen man sich mehr denn je nach Normalität sehnt, vorerst aber schon mit der Anerkennung unverrückbarer Tatsachen wie jener zufrieden wäre, dass man mit faschistischen Kriegstreibern keinen Handel treibt. Immerhin hat die Bundespressekonferenz begriffen, dass man mit deren Handlangern nicht im selben Saal sitzen möchte und den unsäglichen Boris Reitschuster einstimmig ausgeschlossen. Endgültig. Vielleicht stellt ihn Bernd Höcke ja ein, wenn er nach der thüringischen Machtergreifung einen Chefredakteur für den neuen Stürmer braucht.

Ein anderer Grenzwanderer zwischen Hirn und Hoden ist nach seinem Rauswurf beim Tagesspiegel da untergekommen, wo alte weiße Privilegien-Verteidiger gewissermaßen endemisch sind: Harald Martenstein schreibt jetzt für Ulf Poschardts elitenkapitalistische Welt. Das passt ja mal wie Arsch auf Arsch, oder wie heißt das noch? Ob die spektakulärste Personalrochade der Woche passt, muss sich noch zeigen, aber dass Bastian Obermayer und Frederik Obermaier von der Süddeutschen zum Spiegel wechseln, darf man wohl als intrasensationellen Medienscoop bezeichnen.

Die Frischwoche

14. – 20. März

Größer noch als die angekündigte Rückkehr von Stefan Raabs Wok-WM nach sieben Jahren Pause, aber nicht ganz so groß wie jene Boni für die (natürlich komplett männlichen) Springer-Vorstände Jan Bayer, Julian Deutz, Andreas Wiele und Mathias Döpfner, für den (kann so eine Zahl Zufall sein?) 88,8 Millionen Euro Sonderauszahlung ein Trostpflaster ist, dass seinem Königreich BDZV langsam die Stiefellecker ausgehen. Was dem Fernsehen hingegen nie ausgeht: Rateshows.

Jörg Pilawas leutseliges Quiz für Dich geht deshalb Mittwoch bei Sat1 in die zweite Runde. Auch Historytainment wie Honecker und der Pastor, heute Abend im ZDF, wird auf deutschem TV-Boden niemals ausgehen. Ebenso wenig aussterbegefährdet: Schmunzelkrimis der Art von Mord mit Aussicht, jetzt dienstags mit Katharina Wackernagel statt Caroline Peters. Frisch beliebt ist hingegen das Prinzip Mockumentary à la Wrong, mit dem RTL+ gerade in Gestalt einer vermeintlichen dokumentargefilmten Hamburger Hipster-WG Baden geht.

Richtig, also so richtig richtig, um nicht zu sagen richtig richtig richtig gut ist demgegenüber die Magenta-Serie Oh Hell, in der Jerks-Autor Johannes Boss die unfassbare Mala Emde ab Donnerstag zu einer notorisch wahrheitsliebenden Lügnerin macht, die das Medium bislang noch nie gesehen hat. Acht Teile à 25 Minuten und jeder Moment eine Offenbarung sozialanalytischer Realcomedy. Über Human Ressources würde man auch gerne was sagen, aber Netflix ist die Presse wie immer zu lästig, um ihr vorab etwas über den Serienstart am Freitag erzählen.

Ebenfalls bemerkenswert sind zwei Achtteiler. Der erste startet parallel bei Apple+, heißt We crashed und handelt von der Welt des Coworking. Der zweite beginnt tags zuvor, nennt sich Funeral for a Dog und erzählt von einem Reporter (Albrech Schuch), den sein Interview mit dem Bestseller-Autor Svensson (Friedrich Mücke) am Comer See in die Vergangenheit einer merkwürdigen Dreiecksbeziehung zieht. Und die ARD-Serie All In, ab Sonntag in der Mediathek, ist schlicht zu weird, um über Inhalte zu reden. Einfach ansehen, bitte! Zeitgleich bodenständig: Das Rehagel-Porträt König Otto bei Sky. Die liebenswerte Disney+-Doku More Than Robots über kybernetische Bastelwesen. Und die vierteilige Sky-Begegnung mit Janet Jackson an gleicher Stelle ist auch sehenswert.