Reisereportage: Osttirol & Wasserkraft

Im Rausch der Isel

Die Isel ist das letzte freifließende Alpengewässer und nicht nur deshalb Objekt wirtschaftlicher Interessen. Doch gegen die gibt es seit jeher Widerstand. Eine Reise vom Gletscher zur Mündung eines ganz besonderen Flusses im Osttiroler Nationalpark Hohe Tauern.

Von Jan Freitag

Um uns Menschen zu zeigen, was Wasser vermag, wenn man es lässt, hat sich die Isel offenbar diesen Findling ins Bett gelegt. Ein mächtiger Stein, der Osttirols spannendstes Fließgewässer verstopft: tonnenschwer, nilpferdgroß, kaum zu bewegen – es sei denn von jener Lawine, die ihn 1985 mitgerissen und in der ausgespülten Klamm eines Flusses vergessen hat, den nichts und niemand aufhalten kann. So schien es seit Menschengedenken. Und jetzt? Dazu später mehr.

An dieser Stelle reicht es, einem Wildbach zu lauschen, der sich vom Kees, wie Gletscher hier heißen, 57 Kilometer ostwärts bewegt, bevor ihn die Drau gemächlich zur Donau befördert. Hier oben aber, an den Umbalfällen, ist nichts gemächlich, hier ist alles ein Tosen, Toben, Brüllen, ein Wirbeln, Strudeln, Zischen. „Hörst du?“, fragt Matthias Berger und erwartet schon deshalb keine Antwort, weil sie im Lärm von bis zu 20 Kubikmeter Wasser pro Sekunde unterginge. „Das ist der Charakter der Isel“.

Genau zehn Jahre ist der Eingeborene nun Ranger im Nationalpark Hohe Tauern, und diese Erkenntnis lehrt ihn Osttirols flüssige Drama Queen jeden Tag davon: „Er hat ein Herz, ein Gedächtnis, eine Seele.“ Wie er das zwischen den majestätischen Gipfeln von Großglockner und Großvenediger sagt, klingt es nüchtern betrachtet zwar arg esoterisch. Ganze gewiss aber klingt es so folkloristisch, wie Naturburschen mit Seppelhut und Wanderstock aus Städtersicht nun mal wirken, wenn sie von ihrer Heimat schwärmen als sei die lebendig.

Nur: Wer den Charakter der Isel vom Ursprung bis zur Mündung Meter für Meter abwandert, abradelt, abreitet, abfährt, wer sich also darauf einlässt, diesen Fluss wirklich zu spüren, erkennt in ihm tatsächlich etwas Herzliches, eben Beseeltes, also Lebendiges. Schon der Weg durch Österreichs größten Nationalpark zur Quelle, so mundgerecht er am gut gefüllten Parkplatz Prälaten auch zubereitet wurde, ist von einer wilden Schönheit, die man förmlich im Gesicht spürt. Fließt das Wasser talwärts nur noch zügig durch süße Alpendörfer, wird es in den Steilstufen nahe der Kernzone schließlich so rasant, dass die Gischt spritzt wie in der Autowaschanlage.

Matthias Berger wischt sich fröhlich die Isel von der Stirn und erklärt, wo es trockener sei. Er kennt hier jeden Fels, jede Biegung, jedes Gewächs. Vor allem aber liebt er all dies mit unverbrüchlicher Hingabe. Dennoch hält der 30-Jährige das Lauftempo ausgerechnet dort am höchsten, wo die Isel besonders atemberaubend ist. Immerhin geht es ihm bei dieser Tour um etwas anderes als bloß ein natürliches Schauspiel; es geht um die Natur an sich. Ums Ganze. Und das ist nirgends spürbarer in Gefahr als am Fuße der imposanten Dreiherrenspitze, die sich nach einer anspruchsvollen, aber kinderfreundlichen Wanderung mit Übernachtung in der historischen Clarahütte aus der Wolkendecke schält.

Bevor das berggesäumte Rinnsal dank Dutzender oft spektakulärer Wasserfälle zu jenem Strom anschwillt, den man als einzigen Gletscherfluss Tirols raften kann, speist sie der Umbalkees auf 2400 Metern Höhe zunächst mal mit Schmelzwasser. Zu viel Schmelzwasser. „Viel zu viel“, klagt Berger. Überm fahlen Mond macht ein mächtiger Bartgeier Jagd auf den ähnlich großen Steinadler, als er zur grauen Gletscherzunge zeigt. Allein im Jahrhundertsommer 2003 verlor sie 86 Meter. Kann passieren, sagt der sehnige Ranger vom sanften Gemüt und kaut seine Speckjause. Doch weil alle Sommer nun Jahrhundertsommer sind, müsse der Frühling „dringend mal draufschneien“. Nur: es schneit ja nicht mal mehr im Winter richtig. Der Kees schwindet, und ohne Kees, keine Isel. So einfach, so bitter ist die Gleichung. Den Naturburschen Berger bringt sie trotzdem nicht aus der Ruhe. Warum auch?

Die Reise vom Anfang zum Ende der Isel mag eine zum Wesen des Wassers sein, das unsere Spezies längst mehr beeinflusst als jede Jahreszeit. Doch sie führt auch ins Gemüt von Anwohner wie Matthias Berger, der da, wo das bemooste Felsgestein keine drei Generationen zuvor noch unter Eis begraben lag, meint: „Wir müssen akzeptieren, dass Natur Veränderung ist.“ Pause. „Ob mit oder ohne uns“. Doch grad weil der Wandel dazugehört, bekämpft er ihn so vehement. Schon aus Familientradition. Seit jeher ist die Isel Ziel lokaler Träume von Fortschritt und Technik. Erst 2012 sollte sie für mal wieder aufgestaut werden, wogegen schon Bergers Vater Adi vom 800 Jahre alten Hof aus angekämpft hatte und damit in die Fußstapfen von Opa Gottlieb trat, der das gleiche in den Achtzigern tat.

Es waren Leute wie sie, denen Tirol das letzte freifließende Alpengewässer verdankt. Eingeborene, zu denen sich ein Zugereister gesellte, als er 2014 ein dokumentarisches Fanal gegen die energiewirtschaftliche Nutzung drehte. Der „Iselfilm“, erzählt Thomas Zimmermann in seiner Wahlheimat, „soll den Befürwortern des Kraftwerks zeigen, was ihnen verloren ginge“. Da die dramatisch untermalten Bilder von Berg und Fluss, Mensch und Tier und Mensch indes eher Gefühle anspricht, fügt er sachlich hinzu: „Unser bestes Argument gegens Wasserkraftwerk ist allerdings das Wasser selbst.“

Genauer: der Gletscherschliff, den die Isel auf ihrer Tour aus dem Fels wasche, „würde auf Dauer alle Turbinen kaputt machen“. Von wegen Fortschritt. Weil sein Film den Riss durch die Region ein wenig schließen half, ist es am Ende also nicht nur dem ländlichen Matthias, sondern dem städtischen Thomas zu verdanken, dass die Isel kein begradigter Kulturfluss wie jeder andere ist, sondern – eben die Isel; ein Gewässer, dessen Seele man vom hübschen Matrei aus perfekt mit Kanu oder Schlauchboot erkunden kann.

Auf zehn Kilometern Strecke zeigt sie sich hier in ihrer ganzen Vitalität. Von eng bis breit, friedlich bis wild, mehlig bis klar, still bis tobend schlängeln sich die letzten Kilometer Richtung Lienz, wo sie im Herzen der Altstadt zur – was viele nur halb im Scherz für anmaßend halten – kleineren Drau wird. Wer kurz zuvor ins mehlige Nass greift, spürt den Unterschied. „Fühlt sich irgendwie unbehandelt an“, meint Thomas Zimmermann. „Wie das Leben selbst“, ergänz sein Geistesbruder Matthias Berger 1000 Höhenmeter nordwestlich. Dort, wo ein riesiger Stein im Umbalfall von der Kraft des Wassers zeugt.

Info
www.nationalpark.osttirol.com
https://www.osttirol.com/
http://www.virgental.at/clarahuette
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Debatte: Klimawandel & Ökodiktatur

Mehr Kauze oder Klimakollaps!

Der Klimawandel ist keine Bedrohung, er ist längst Realität. Und was machen wir Verursacher? Einfach immer weiter wie bisher. Ein linksliberaler Appell zu mehr exekutiver Härte im Umgang mit unser aller Konsumverhalten, der nach seiner Erstveröffentlichung auf Zeit.de tausendfach meist hitzig diskutiert und geteilt wurde.

Von Jan Freitag

Wer im Sommer aus dem Fenster sah, spürte es: Die Klimakatastrophe kommt nicht, sie ist schon da. Und Schuld? Sind wir. Alle. Auch ich, soviel Ehrlichkeit muss sein. Würde das Gros der Menschheit meinen Lebensstil im Herzen einer deutschen Großstadt kopieren, die Erde hätte sich längst um weit mehr als zwei Grad erwärmt. Und das, obwohl ich vegetarischer Radfahrer mit Palmölphobie, Vintagehandy und biodynamischem Umweltschutztick bin, der mich lieber aus Pfützen als Einwegplastik trinken ließe. Meine Frau meint schon, ich werde kauzig. Mag sein. Aber Käuze wie ich müssen allein 6,3 Milliarden Dosen Red Bull kompensieren, deren Herstellung maßgeblich dafür mitverantwortlich ist, dass es zuletzt kaum Pfützen gab.

Trotzdem darf man mich gern als Kauz bezeichnen. Als was ich mich hingegen nicht mehr bezeichnen lasse: Missionarisch. Seit einem Kurztrip in den (Mitte der Neunziger noch masochistischen) Veganismus habe ich mir das Predigen nämlich abgewöhnt. Schlachtlaute im Grillimbiss schon ja damals destruktiv. Mein karnivorere Freund Christopher zum Beispiel hat auf Tierwohlmahnungen hin nur ein zweites Big Meal bei McDreck geordert. Weil Druck nur Gegendruck erzeugt, moralisiere ich daher kaum noch und falls doch, verständnisvoll. Vorleben statt verbieten, lautet die Devise. Und immer schön freundlich.

„Wenn alle wären wie du“, heuchle ich auf die vielen Selbstauskünfte von Karnivoren hin, sie äßen echt voll selten noch Fleisch, „hätte das Klima kein Problem“. Das ist zwar gelogen, aber ich kann dazu sehr glaubhaft lächeln. Doch jetzt ist Schluss mit der Demutsroutine, denn die Katastrophe beginnt ja bereits im Kleinen. Nehmen wir Bäckertüten. Wie viele davon benutzt werden, zählt nicht mal der Fachverband. Da sich die mobile Gesellschaft jeden Snack einzeln verpacken lässt, summieren sich einige Gramm aber auf enorme Tonnagen. Gleiches gilt für Kunststoff. Einzeln wiegt erdölbasiertes Gebinde wenig, pro Kopf werden es gut 25 Kilo – und da ist vom virulenten coffee to go noch gar nicht die Rede, dessen Becher bundesweit 320.000 Mal in den Müll wandert. Pro Stunde.

Wie ich bei all den globalen Problemen auf die lokalen komme? Ich hole mein Mittagessen an der Salatbar ums Eck in der Mehrwegschale. Plaste gespart, gar Bargeld – so mache ich das seit Jahren. Wortlos, versteht sich. Vorleben statt verbieten. Kürzlich aber hab ich den Besitzer gefragt, wer sein Grünzeug sonst eintuppert. Die Antwort, entgeisterter Blick inklusive: Keiner! Genauso lief es zuhause. Seit meinem Einzug 2005 kaufe ich die Brötchen beim Kiosk nebenan im Stoffbeutel, den ich zwar waschen, aber nie wechseln muss. Auch hier die Nachahmerfrage, auch hier das Antwortstaunen: Nullkommanull.

Ähnliches geschah am Bahnhof: Außer mir bringt niemand seinen Kaffeebecher mit, und wer es mal mit diesen fancy Reise-Cups versucht, wird enttäuscht. Passen nicht unter die Maschine, sagt der Barista, leider. Was ich sagen will: Zurückhaltung ist gescheitert und zwar so nachhaltig wie unser Konsum auch dann nicht wird, wenn vor Sylt längst Pelikane brüten. 1972, Willy war Kanzler, hat der Club of Rome Die Grenzen des Wachstums verkündet, also Verzicht gefordert. 2018, im heißesten Jahr der Neuzeit, werden weltweit eine Billion Plastiktüten verbraucht, die mitverantwortlich sind für den höchsten CO2-Ausstoß seit Messbeginn.

Ausgerechnet jetzt, da sich die Leugnung des Klimawandels auf ein versprengtes, aber lautes Häufchen Rechtsradikaler beschränkt, steigen die Emissionen auf ein Rekordhoch. Und was waren die Aufreger 2018? Flüchtlinge, Fußball, Sommerzeit – im Gegensatz zur Erderwärmung Aufgaben von aufreizender Lösbarkeit. Es ist eine Feuerzangenbowle in Endlosschleife: Während die Einschläge im Vernichtungskrieg des Konsumismus gegen den Planeten näher kommen, sediert sich dessen Bevölkerung mehrheitlich mit Eskapismus wie Diesel-Fahrverboten. Und da sollen wir Aufgeweckten zwar Vorbilder sein, aber die Klappe halten, wie Michael Allmaier rät?

Mit jeder Grenze gegen Amazon-Kunden, SUV-Fahrer oder Fast-Food-Junkies, meinte der ZEIT-Autor kürzlich in einer Breitseite gegen die „Gemeinschaft der anständigen, vernünftigen Menschen“, werde „die richtige Seite kleiner“. Stimmt. Nur: Mit jeder Grenze, die sie nicht zieht, wird auch die Zeit bis zur Sintflut kürzer. Erste Forscher datieren den Point of no Return, an dem sich die Erderwärmung selbst befeuert, aufs nächste Jahrzehnt. Was aber raten reflexive Gänsestopfleberfans wie Herr Allmaier Sparfüchsen wie mir? Heitere Gelassenheit.

Dabei ist auch unser Fußabdruck desaströs. Mein Faible für Käse emittiert wie das für Schokolade oder O-Saft Schadstoffe fern des planetarisch Erträglichen, und vier Flüge pro Jahr heizen den Globus auch dann auf, wenn sie beruflich sind. Ich verhalte mich keineswegs so makellos, wie Fleischesser meinen, wenn sie Vegetariern zuraunen, für den Salat sei ja wohl auch, tihi, Gemüse gestorben. Lustig… Aber ernsthaft: weniger geht immer. Weil das Individuum dazu jedoch außerstande scheint, hilft nur Druck von oben. So schwer es mir als linksliberalem Freund der Eigenverantwortung fällt: Dem Totalverlust unseres Wohlstands nach dem Kollaps kann nur durch unverzügliche, rechtsverbindliche, fiskalisch flankierte Verbrauchssteuerung davor beginnen.

Von rechts schallt es jetzt laut Ökodiktatur! Aber der größte Widerspruch des Anthropozäns besteht nun mal darin, dass wir linksgrün versifften Bilderstürmer mit regierungsamtlicher Macht eine Schöpfung bewahren, die konservative Wachstumsfanatiker nicht selten im Namen Gottes vernichten. Denn was beschneidet wessen Freiheit mehr: ein Tempolimit die freie Fahrt freier Bürger oder deren freie Fahrt meine zum Überleben? Wäre die individuelle Entscheidung wirklich das Maß aller Dinge, wir könnten auch Feuerwaffen freigeben; kann ja jeder selbst entscheiden ob er…

Nein! Da der Klimawandel im Sorgen-Ranking nach Migration, Armut, Rente, Kriminalität, Wohnen nicht mal in den Top-10 ist, muss das dringlichste Problem unserer Zeit grad aus Sicht des Freiheitsgedankens exekutiv gelöst werden. Sofort! Andernfalls wird die Ökodiktatur infolge ständiger Naturkatastrophen, Missernten, Völkerwanderungen bald total. Ein paar Vorschläge im Licht der EU-Entscheidung, ab 2021 Wegwerfplastik zu verbieten: Förderung nachhaltiger Produktion bei steuerlicher Belastung von Flächen-, Ressourcen-, Energieverbrauch, alles gekoppelt an Einkünfte und Vermögen. Ahndung gravierender Umweltverschmutzung als Kapitalverbrechen. Verbot intensiver Landwirtschaft, schwer recyclebarer Verpackungen, von Kohleverstromung, Getränkedosen und (zunächst für Neuwagen) Verbrennungsmotoren bei massivem Ausbau von ÖPNV, Rad- und Mehrwegsystemen, Wind- und Solarstrom, falls nötig im nationalen Alleingang.

Und da der industrialisierte Mensch das größte Risiko ist, muss gar die Subventionierung des Kinderreichtums auf den Prüfstand, von der des Fliegens durch steuerfreies Kerosin ganz zu schweigen. Zwar zeigen etwa 50 Prozent weniger Plastiktüten in zwei Jahren, dass preisbedingte Freiwilligkeit ab und zu Folgen hat; weil sich die Zahl der Flüge seit 2000 verdoppelt, die der Pakete verfünffacht, die der Handys vervielfacht hat; weil wir einmal jährlich das Handy erneuern, dreimal in Urlaub fliegen, fünfzigmal Dinge ordern, siebzigmal Essen und mehrmals täglich Fleisch konsumieren; weil der Benzindurst wieder steigt und auch 198 Kunststoffbeutel pro Kopf das Meer vermüllen, stößt alle Autonomie aber mehr denn je an die Grenzen des Wachstums.

Ich erinnere mich noch gut, wie Opel mal mit Wonderful WorldAutos verkaufte. Jetzt bewirbt Mercedes seine SUV, für die der ADAC breitere Parklücken fordert, mit „Ausdruck innerer Stärke“. Leider begreifen zu wenige, dass die auch im Verzicht besteht – sonst hätte sich Deutschlands Stadtpanzerflotte nicht auf mittlerweile 22 Prozent verzehnfacht. Was da hilft? Die autofreie Stadt, darunter geht’s nicht! Ohne Druck fahren Umweltkiller weiter und weiter und weiter. Mit Vollgas in die Klimakatastrophe.


Hotel-Tipp: Arborea Neustadt

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Das Premierenhaus einer brandneuen Hotel-Kette legt gemeinhin die Messlatte für das, was folgen soll. Im „Arborea Marina Resort Neustadt“ ist alles nachhaltig und kommunikativ, dadurch zwar manchmal etwas überspannt, aber ungemein gesellig und zeitgemäß.

Von Jan Freitag

Mascha-Lou sagt „Du“. Aber gut, Mascha-Lou sieht auch nicht nach Siezen aus. Schließlich hat Mascha-Lou diesen Turm schwarz gefärbter Haare überm exaltierten Make-up, von dem allenfalls ihr mannigfaltiges Portfolio an Tattoos in Hundert Farben auf Tausend Hautpartien ablenkt. Mascha-Lou ist halt keine „Rezeptionistin“, wie die Empfangsdamen der gehobenen Gastronomie einst hießen; im „Arborea Marina Resort Neustadt“ nennt sie sich „Welcome Host“. Und der mag es mit Blick auf die Ostsee offenbar zutraulich. Zumindest im „Gasthaus von morgen“, wie Johann Kerkhofs das erste Kind seiner frisch gegründeten Hotel-Familie schon heute nennt.

Vor gut vier Jahren hatte er die Idee einer „total neuen Art Gasthaus mit kommunikativem Konzept“, das er nun – mit zwölfmonatiger Verspätung – mit zwei Partnern nahe Lübeck eröffnet hat. Bis 2028 sollen 19 weitere hinzukommen. Das zweite entsteht bereits im Vorarlberger St. Gallenkirch, dicht gefolgt vom Harzer Gebirgsdorf Schierke. Gemeinsames Motto: „Experience. Together“. Andernorts klänge der Slogan nach der handelsüblichen PR-Prosa, die jede Sauna im Keller zum Spa verklärt und Strukturholzkubismus mit Design verwechselt. Der hemdsärmelige Hotellier allerdings, seit drei Jahrzehnten in der Spitzengastronomie auf drei Kontinenten tätig, hat am Rande von Nordeuropas größtem privat betriebenem Yachthafen tatsächlich dort für Innovation gesorgt, wo zuvor jahrelang ein wilder Parkplatz für Verdruss im Dorf gesorgt hatte.

Und das liegt keineswegs nur am optisch kapriziösen Personal wie Mascha-Lou, die Neuankömmlinge auf dem iPad registriert und en passant veganen Cappuccino aus der sündteuren Siebträger-Maschine nebenan serviert; es hat auch mit dem Ort ihrer Andersartigkeit zu tun. Rein äußerlich mag der dreistöckige Staffelbau im Sandsteindekor noch recht unspektakulär zwischen Ankerplatz und Naturschutzgebiet errichtet sein. Im Innern herrscht das, was der – natürlich sichtbar tätowierte – Gründungsdirektor Jens Lassen „industrieller Look meets maritimes Flair meets open space“ nennt: Wenig Tradition, noch weniger Standards und kaum Glamour, stattdessen viel Holz, mehr Sichtbeton und reichlich Licht.

„Bämm!“, so beschreibt Jens Lassen den Effekt jener Perspektive, die sich den Gästen gleich beim Betreten des Neubaus eröffnet. Vorbei am sorgsamen Durcheinander der luftigen Lobby geht der erste Blick unweigerlich durch ein gewaltiges Panoramafenster aufs sanft gekräuselte Meer vor der Tür. Und dazwischen, quasi als Pufferzone saturierter Ferienkonzepte: The Stairs. Die affenfelsenartige Sitzlandschaft ist das pulsierende Herz des Hotels. Hier materialisiert sich sein Prinzip unbedingter Kommunikation ohne Sicht-, ohne Kontaktbeschränkung. Der Gast soll hier auf Gäste treffen und den Menschen somit vom Individualreisenden zum Gesprächspartner machen. Soweit die Theorie. Und die Praxis? Ist, nun ja, ausbaufähig, aber auf dem richtigen, dem gewünschten Weg.

An einem dieser siedend heißen Tage des ausklingenden Jahrhundertsommers sitzt das Gros der Besucher naturgemäß in den hoteleigenen Strandkörben oder sucht am hoteleigenen Strand nach Abkühlung. Dennoch sind die klimatisierten Polsterbuchten schon tagsüber gut besetzt. Und was sich beim gemeinsamen „Tatort“ auf der Großbildleinwand sogar noch steigert, grenzte am Abend zuvor fast an Disco-Feeling, als ein DJ aus Hamburg „The Stairs“ in etwas zappeligen House tauchte. Alles für Digital Natives der Generationen X bis Z, könnte man meinen, denen der Server im Untergeschoss rasend schnelles W-LAN liefert, während für analogere Altersgruppen ein Set klassischer Brettspiele herumliegt. Und in einer Sitzecke, diesen Anschein erweckt zumindest der merkliche Alters- und Kleidungsunterschied dreier Gesprächspartner, reden tatsächlich Fremde miteinander über das, was hier, klar, „Activity“ heißt.

Trotz der vielen „Hangout-Areas“ ist längeres Stillsitzen in dieser Art Hotellerie ja fast ebenso verpönt wie Industriefleisch. Während blutjunge Animateure mit umgedrehte Basecap noch im Akkord E-Bikes und Standup-Paddles verteilen, wird in der offenen Restaurantküche „Grand Grand Grill“ gerade ein ganzer Holstein-Büffel fürs Abendessen zerlegt. „Der kommt frisch vom regionalen Bauern“, erklärt Jens Lassen die Herkunft des Tieres, das „vorher sogar einen Vornamen hatte“, wie der Steak-Fan spürbar stolz hinzufügt. Er kennt ihn zwar ebenso wenig wie den seines Grillmeisters. In der betont urbanen Atmosphäre des Arborea nennt ihn aber ohnehin jeder nur „Gonzo“, was irgendwie auch besser zu seiner uralten St. Pauli-Mütze passt als förmlichere Anreden.

Die Schollen auf der Karte kamen übrigens am Morgen zuvor direkt vom Kutter und die Brötchen zum Frühstück vom Bäcker ums Eck. Das Gemüse ist regional, das Obst saisonal, vom Ei über den Schinken bis zur Milch alles so nachhaltig, wie es das elegante „Arbor“ im Titel der neuen Hotel-Gruppe, lateinisch für „Baum“, gebietet. Aber ist das schicke Label mit dem blätterumrankten Weingottes am Ende nicht doch bloß gutes Marketing? Natürlich verschwinden in 124 Zimmern der gehobenen Kategorie, die erst gebaut und dann dekoriert, sommers gekühlt und winters geheizt werden, ja enorme Mengen Energie, Ressourcen, Anfahrtswege. Und natürlich ist der ökologische Fußbadruck dieser Art Hotellerie tief.

Darüber hinaus aber wird das Arborea seinem Ziel durchaus gerecht, der Verschwendungssucht im Metier mit allem Komfort Einhalt zu gebieten. Und wenn der fest angestellte Tischler Hagen in der hauseigenen Werkstatt mit Kindern Müll upcyclet, also aus Altglas oder Restholz Lampen und Möbel bastelt, hängt die Moral nach der Abreise womöglich zuhause beim Gast an der Wand. Um Euphorie vorzubeugen: die Flut hipper Anglizismen nervt bisweilen ebenso wie der unterschwellige Zwang, dauernd irgendwie aktiv zu sein – vom horrenden Getränkepreis an den Bars, der den ohnehin kostspieligen Aufenthalt zusätzlich verteuert, bis hin zum unverputzten Zimmer, das zu selten erholsame Gemütlichkeit verströmt, ganz zu schweigen.

Alles in allem aber ist vieles, wenn schon nicht jedermanns Sache, so doch sehr stimmig. Und wer das „Du“ nicht will, beteuert Jens Lassen, kriege auf Wunsch sogar sein „Sie“, kein Problem. Das Arborea sei jenem Robinson-Club, in dem er 16 Jahre lang gearbeitet hat, zwar durchaus ähnlich. „Aber wir wollen dessen Fehler nicht wiederholen“. Gerade an der Ostsee müssten Coolness und Spießigkeit daher sorgfältig kombiniert werden. „Alles zu Ihrer Zufriedenheit?“, fragt Mascha-Lou zum Abschied und scheint beim Wischen übers Tablet kurz vergessen zu haben, wo sie arbeitet. Die Antwort: War schon richtig geil!

Der Text ist vorab in der Süddeutschen Zeitung erschienen

INFO

Preise: Doppelzimmer ab 104 Euro, Familienzimmer ab 189 Euro

Anfahrt: Mit der Bahn über Lübeck bis Neustadt-Holstein, mit dem Auto auf der A1 Richtung Puttgarden, Abfahrt 14 „Neustadt iH Mitte“, rechts auf L309

Adresse: An der Wiek 7-15, 23730 Neustadt in Holstein, Tel.: 04561.71990

https://www.arborea-resorts.com

 


Reeperbahn-Festival 2018

Von Altin Gün bis Whitney

Am 19. September startet das 13. Reeperbahn-Festival, die größte Club-Veranstaltung Europas. Auch dieses Jahr werden mehr als 40.000 Besucher bei den gut 600 Veranstaltungen von Konzert bis Debatte erwartet. Die freitagsmedien stellen ein paar der Highlights vor.

Doré

Die Wege des Ruhms sind oft unergründlich. Julien Doré zum Beispiel hat es als Castingshowgewächs daheim in Frankreich nicht nur zum Superstar geschafft, sondern dabei auch noch ein musikalisches Werk weit jenseits des handelsüblichen Dance-Pop kreiert. Dem Chanson näher als jeder Art von Massengeschmack, ist er im frankophilen Deutschland aber dennoch völlig unbekannt. Merkwürdig. Und nachvollziehbar. Seine ersten vier Platten sind schließlich hierzulande bislang noch gar nicht erschienen. Das allerdings ändert sich nun.

Album fünf erscheint nämlich erstmals auch bei uns und ist passenderweise eine Art Best-of von Julien Dorés bisherigem Werk, das sein Schaffen gut zum Ausdruck bringt. Denn Vous & Moi enthält zwölf hauchfeine, zugleich aber kraftvolle Balladen, bei denen sich der Sänger meist nur von Klavier und Gitarre begleiten lässt. Dem Achtziger-Hit Africa von Rose Laurens etwa entlockt sein hauch-rauer Gesang eine Intimität, bei der man den Staub im Raum herumfliegen hört. Doch auch die zehn Eigenkompositionen zeigen aufs Neue, wie kultiviert Frankreichs Pop oft selbst dann klingt, wenn er den Mainstream bewegt.

Mittwoch, 22.05 Uhr, Spielbude

DENA

Was ein Name doch alles bewirken kann. Mathangi Arulpragasam zum Beispiel, schwer auszusprechen, noch schwerer zu merken. Oder Denitzka Todorova, kein ganz so komplizierter Brecher deutscher Zungen, aber auch schon leicht sperrig. Da ist es nicht nur zuvorkommend, Spitznamen anzubieten, es hat auch aus Marketingsicht seine Vorteile. Weshalb Popfans das Kürzel M.I.A. ebenso geläufig ist, wie es das von Frau Todorova bald sein dürfte. Denn DENA macht nicht nur einen Electroclash, der verteufelt an den der eingangs erwähnten Londoner Trashpop-Queen mit srilankischen Wurzeln erinnert; er ist auch absolut massenkompatibel. Was der Masse diesmal allerdings durchaus zugute kommt.

Denn wie DENA, die vor knapp zehn Jahren zum Studieren aus Bulgarien nach Berlin kam und natürlich hängengeblieben ist, was also dieser Irrwisch aus dem Osten mit Flash für ein Debütalbum hinlegt, das ist schon ein ganz schönes Clubbrett. Allerdings kein berechenbar Gagamäßiges, prollig berechenbares, R’n’B-verpopptes, sondern ein ziemlich gelungenes. Schon das Auftaktstück Thin Rope, längst ein kleiner Berghain-Hit, so scheint es live, liefert wunderbaren Uptempo-Trash zu den Samples nebst E-Drums ihrer zwei Mitmusiker und kann gar nicht anders, als mit fluffigen Texten über Cheerleader, Party, solche Sachen ein Lachen auf tanzende Köpfer zu zaubern. So geht es neun Lieder weiter.  Kein Sound für die Ewigkeit, eher einer für den Moment. Einen sehr unterhaltsamen.

Mittwoch, 22.40 Uhr, Schmidts Tivoli

1000 Gram

Dringlichkeit das vielleicht wichtigste Wort einer Branche, die seit jeher mit undringlichem Überfluss zu tun hat. Meist wird das, was man im weitesten inne Popmusik nennt, mit so viel redundanter Lieblosigkeit überspült, dass die Momente echter Energie gelegentlich untergehen. Wer allerdings wirklich etwas zu sagen, zu spielen, vorzutragen hat und wem all dies ersichtlich eine Herzensangelegenheit ist, wird noch immer gehört, keine Sorge. Bands wie die hinreißenden Modest Mouse etwa oder auch: 1000 Gram. Das skandinavisch-österreichisch-deutsche Kollektiv mit Standort Berlin schafft es seit Jahren Indierock zu machen, der gleichsam in Kopf und Gemüt geht.

Und genau das gelingt Moritz Lieberkühns Gesang auch auf der dritten Platte mit dem wunderbar wortverspielten Titel By all dreams nessecary. Die zehn Stücke darauf sind abermals von so dringlicher Mitteilungsbedürftigkeit, dass es an die Emo-Heroen Buffalo Tom erinnert. Doch so ergreifend Lieberkühns Gesang ist, so virtuos untermalen ihn Arne Braun, Paul Santner, Alexander Simm und Lukas Akintaya mit eleganten Alternative-Kaskaden, von denen die Video-Auskopplung Daydream zeigt, dass 1000 Gram auch ganz schön schrammeln können. Wenngleich sich die Alben gleichen – das amerikanophile Quintett darf gern noch ein paar Jahrtausende genauso weitermachen.

Mittwoch, 22.50 Uhr, Headcrash

Altin Gün

Klar, einen irgendwie weltmusikalisch flatternden Popsound allein deshalb zu empfehlen, weil er westliche Zivilisation mit östlicher Exotik verbindet oder wie es gern mal heißt: Orient und Okzident, das ist im Kern schon ein bisschen kolonialistisch, Tendenz Eurozentrismus. Aber was soll man machen: Der Sound des türkischen Bandkollektivs Altin Gün klingt für angloamerikanisch geprägte Ohren zutiefst folkloristisch, hat aber diesen psychedelisch krautigen Einschlag, der das Debütalbum so fesselnd macht wie vieles, das sich dem Mainstream auf fremdartig klingende Art entzieht. Der holländische Bassist Jasper Verhulst jedenfalls war vom Turkish Funk der Sechziger bis Siebziger so begeistert, dass er ihn am Ursprungsort wiederbeleben wollte – was ihm echt mitreißend gelungen ist.

Gemeinsam mit ein paar Freunden wie Gino Groeneveld oder Nic Mauskovic suchte er per Facebook einheimische Sängerinnen, fand mit Merve Dasdemir und Erdinc Yildiz Edevit zwei außergewöhnlich stimmstarke, und macht mit mit ihnen nun einen hippiesken Retrosound, der das Fieber des Psychorock vor rund 50 Jahren wunderbar in die Gegenwart treibt. Noch wichtiger aber ist: Die orientalischen Elemente darin sind keine bloßen Accessoires, geschweige denn ethnische Anbiederungen. Auf den meisten der zehn Stücke von On (Türkisch für zehn) verschmilzt das Hier und Dort so organisch, als hätte es schon immer zusammengehört. Hat es ja auch. Nur für europäische Ohren klang das einst seltsam befremdlich. Wenn man es denn befremdlich klingen lassen wollte…

Donnerstag, 16.30 Uhr, Molotow

Foè

Und wo wir bei Nachwuchsmusikern sind, denen wirklich was auf dem Herzen brennt: Der Franzose Foé ist gerade mal zwei Jahre älter als Lindsey Jordan, wie sie bereits eine Weile im Geschäft, aber dabei natürlich immer noch von unübersehbarer Jugend. Nur: dem Debütalbum des Komponisten und Co-Produzenten spürt man dieses Inbrunst in jeder Note an. Îl hat absolut nichts von der schnodderigen Leichtigkeit seiner Kollegin aus den USA. Alles daran ist irgendwie getragen und schwer und voluminös. Das hat zwei Gründe: Foès Sehnsucht nach Tiefe im flachen Fahrwasser des Pop. Und sein bevorzugtes Instrument – das Piano. Es macht sein Timbre noch ein wenig dunkler und den Wave etwas dazu getragener, vor allem aber macht es ihn außergewöhnlich.

Gemixt mit Synthesizern und Electronica, mit Elementen aus HipHop, Folk und ein paar saftigen Dance-Einsprengseln verströmen die elf Songs einen discoesken Klassizismus, der manchmal für Gänsehaut sorgt (La Machine), manchmal schlicht haarsträubend ist (Mommy), aber durchweg Überraschungspotenzial hat. Gewiss, man muss schon einen Hang zur großen Oper haben, um Îl von Anfang bis Ende zu genießen. Es reicht aber auch ein Gespür dafür, wie viel Energie in Grenzgängern wie diesem ruht, die oft nur musikalisch entfesselt werden kann. Als hätten sich Jacques Brel und Claude Débussy mit Phoenix zum After-Rave getroffen. Es brennt lichterloh in Foè, wenn er über Liebe, Tod und Teufel sind. Lodern wir doch ein bisschen mit.

Donnerstag, 20 Uhr, Molotow

Whitney

Liebenswert, verspielt, nicht so wirklich avantgardistisch, aber dafür von ergreifender Schönheit ist ein anderes Debüt, das ebenfalls durch seine Stimme besticht, aber keinesfalls nur. Wirklich nicht. Im Gegenteil. Der junge Mann mit dem zuckersüßen Popfalsett heißt Julien Ehrlich, und es ist nicht die Tatsache allein, dass er zugleich Drummer von Whitney ist, die an eine Band namens The Band und ihren singenden Schlagzeuger Levon Helm – R.I.P. – erinnern; seine Epigonen aus Chicago machen eine Art von lebensbejahendem Westcoast-Folk, an dem sich seit den Beach Boys gefühlt 20.000 Formationen jeder Herkunft versucht haben, dabei allerdings entweder zu leicht oder zu schwer klangen. Whitney hingegen schaffen eine seit den Beach Boys echt selten gehörte Balance.

http://www.vevo.com/watch/US38W1633713

Ihr Debütalbum Light Upon The Lake sprüht schließlich nur so vor guter Laune, die nie aufdringlich, sondern herzenswarm wirkt. Von fröhlichen Bläsersequenzen flankiert, gehen die zehn Stücke im kleidsamen Gitarrensound von Max Kakcek eher im Kopf spazieren, als bloß hindurchzurauschen. Noch die plattesten Analogien von Sonne, Sand und Lagerfeuer erscheinen da nicht zu blöde, ja selbst gelegentliche Lalala-Choräle und Stealguitars stören eigentlich nie, wenn Julien Ehrlich von den Facetten ihrer Großstadtexistenzen singt und dabei klingt wie Neil Young wohl gern noch einmal klingen würde. Ach Musik, du bist doch am größten!

Donnerstag, 20 Uhr und Freitag, 12.30 Uhr, Abaton

Soccer Mommy

Das Leben, so was muss man Jugendlichen und Künstlern nicht groß erklären, ist zu anstrengend, um früh aus den Federn zu kommen. Falls dieses Leben aber trotzdem künstlerisch ausgedrückt werden soll, klingen besonders jugendliche Künstler schon mal, als lägen sie noch im Bett. Auch Sophie Allisons Sound hört sich träge, fast schläfrig an, aber nie betrübt. Unterm Nom de Paix Soccer Mommy macht die Zwanzigjährige etwas, wofür das Englische den schönen Begriff Bedroom Pop hat, so als schlafwandle sie auf ausgeleierten Magnetbändern über den Abgrund ihrer emotionalen Selbstbehauptung. Nach einer halbgaren Kompilation ihrer Garagen-Werke zeigt das tolle Debütalbum Clean nun, welchen Sog das Aroma ausgestellter Unlust an der Leistungsgesellschaft erzeugt.

Als derangiertes Zerrbild des All-American-Girls kratzt sich die New Yorkerin aus Nashville in ihren Videos blutig, schminkt sich hässlich, gibt sich trostlos, singt sich zur unverzerrten Gitarre aber flugs wieder raus aus diesem Desaster und bläst der Oberflächlichkeit unserer Zeit mitsamt ihrem destruktiven Schönheitideal dadurch gehörig den Marsch. Clean ist passive Aggression ohne allzu viel Wut im Bauch: Zu entspannt, um zu revoltieren, geht Sophie Allison lieber noch mal ins Bett als auf die Barrikaden. Krafttanken beim Faulenzen: man möchte sich gern dazulegen.

Donnerstag, 22.30 Uhr, Nochtspeicher

Odd Couple

Es muss wirklich toll sein, kompetent und dämlich in einem zu sein, zugleich kindisch und seriös, ebenso irre wie kontrolliert. Das ziemlich junge Odd Couple Tammo Dehm und Jascha Kreft ist all dies und noch viel mehr. Zum Trio angewachsen macht das frühere Paar Landeier von der Nordseeküste am Standort Berlin einen Dadapostpunk, der von so gleißender Verschrobenheit ist, dass man vor jedem einzelnen der neun neuen Stücke des dritten Albums Yada Yada kurz ratlos in sich zusammenfällt, um dann aufzuspringen und herumzuhüpfen wie man noch nie ohne Drogenbeigabe herumgehüpft sein dürfte. Zum dreckig gewaschenen Gitarrenbrett hagelt es schließlich einen Sound, hinter dem die artverwandten Mudhoney klingen wie ein Knabenchor.

Oder besser: als hätten sie sich mit dem Palais Schaumburg gepaart. “Er will mein Geld / aber ich bin blank / das Bier vom Späti frisst ein Loch in mich / die Handy-Rechnung war auch ziemlich hoch “, singen scheinbar alle drei gemeinsam im grandiosen Opener Bokeh 21, fahren mit “der Selektionsvorteil ist klar / ich bin ehrgeizig und aus Stahl” ähnlich aberwitzig fort, und nichts an diesem HipRock ohne Punkt und Komma erweckt je den Anschein der Berechnung. Alles poltert scheinbar wahllos aus der Garage heraus, fortgespült von Bier und Spaß und Spielfreude und allem, was guter Popmusik auch sonst meistens fehlt. Das Album des Jahrtausends, wenn nicht der Neuzeit insgesamt.

Freitag, 19.30 Uhr, Knust

International Music

Der damals brandneue Musikstil New Wave hatte vor rund 40 Jahren ein besonderes Geschenk fürs deutsche Publikum: Humor ohne Umpftattaa. Gab es ihn im Pop bis dato nur als Schlagerklamauk, gebar NDW abseits einiger Zote plötzlich tiefgründigen Nonsens, der zudem oft virtuos instrumentiert war. Als Beweis reichen ein paar Takte Fee, Ideal, DAF. Bis heute profitiert der Pop hierzulande von dieser Pionierleistung. Darunter eine Band, die ihr Popdasein schon dem Namen nach nicht übertrieben ernst nimmt: International Music. Sie besteht mutmaßlich aus Berliner Exil-Rheinländern oder umgekehrt und macht eine Neo New Wave Welle in deutscher Sprache, die zutiefst gaga ist, aber mit sehr viel Stil.

“Frauen müssen geil sein / Männer müssen cool sein / Jobs müssen Geld bringen”, nölen die Sänger Pedro und Peter auf ihrem Debütalbum Die besten Jahre im emblematischen Stück Cool bleiben und puffert beginnende Fremdscham wie folgt ab: “Männer müssen geil sein / Jobs müssen cool sein / Frauen müssen Geld bringen. Jobs müssen geil sein / Frauen müssen cool sein / Männer müssen Geld bringen”. Unterlegt von einem Schreddersound zwischen Element of Crime, Die Türen, Einstürzende Neubauten und Ja, Panik stopft stopft das Trio so die Selbstoptimierungsgesellschaft in ein buntes Spielplatzförmchen und macht daraus trockenen, aber erfrischenden Sandkuchen fürs Kind im Erwachsenen der Großstadtbohème. Manchmal nervt das, meist erfreut es.

Freitag, 20.30 Uhr, Thomas Read

Danai Moore

Danai Moore, auch wenn das im R&B kaum der Rede wert ist, kann famos singen. Stets moduliert sie präzise, jeder Ton sitzt da, wo er hingehört, es klingt herzergreifend schön, wenn die Britin ihr neues Album mit viel Soul zum Ereignis macht. Das aber ist Bring you shame vor allem deshalb, weil Danai Moore weder stimmlich noch dramaturgisch nach jener Perfektion strebt, die ihr Genre oft unangenehm glättet. Zwei Jahre nach dem gefeierten Debüt geht es der Sängerin am Klavier daher um etwas anderes: Versöhnung. Versöhnung mit ihren inneren Dämonen, Versöhnung aber auch mit der begleitenden Musik.

War Elsewhere seinerzeit oft geteilt in den Gospel ihrer jamaikanischen Herkunft und den Alternartive-Rock ihrer Jugend im Londoner Stadtteil Stratford, mischt Danai Moore nun alles durcheinander. Im Titelstück etwa unterwandert eine windschiefe Gitarre die Mondscheinträumerei, bis sich kurz darauf fröhliche Bläser wie ein Sonnenaufgang über die Melancholie legen. Ständig heitert sie ihren Trip-Hop mit lustigem Raumschifffilm-Gefriemel auf oder unterwandert das düstere Bedürfnis „to be someone’s nothing / A hollow plastic bag“ in Trickle mit Trompeten aus luftiger Höhe. Das ganze Album – eine Ode an die Unvollkommenheit.

Freitag, 23 Uhr, Sankt Pauli Museum

Brett

Brett ist ja mal eine Ansage. Brett heißt musikalisch betrachtet volle Breitseite. Um Brett zu heißen muss man demzufolge auch Brett liefern. Und Brett liefert. Brett ist eine Band, die aus allen Teilen Deutschlands, wie es scheint, zusammengewürfelt in Hamburg zusammengefunden hat, um aus Brettern Rock zu machen oder umgekehrt. Und das Debütalbum mit dem ziemlich grandiosen Titel WutKitsch macht genau das: Postpunkrock, der kachelt. Aber eben nicht nur das. Er kachelt mit Stil und Bedacht. Ganz im Sinne des progressiven Philosphiestudentenhatecore der Marke Messer, Trümmer, 208, Die Nerven und wie sie alle heißen, wird Empörung zu Krach und Krach zu Empörung und das klingt, meistens zumindest, ziemlich gut.

In der Videoauskopplung Ein schöner Tag (schade, dass Krieg ist), dekliniert Sänger Max zu grob verzerrter Gitarre in leicht überhitztem Geschrei durch, wie schön die Welt doch wäre, wenn die Welt denn kollektiv an ihrer Schönheit teilhaben dürfte und nicht nur ein paar Privilegierte. Das ist so der Tonfall. Textlich ausgefuchst, musikalisch vielschichtig, manchmal etwas ostentativ revoltierend und vom Sound her metallisch, aber im Grunde völlig angemessen angesichts einer Zeit, die eigentlich dringend einer Revolte der Entrechteten bräuchte, stattdessen aber bloß eine stumpf nationalistischer Rassisten kriegt. Ein Brett gegen Stumpfsinn und Populismus. Harte Zeiten.

Samstag, 21.30 Uhr, Gruenspan


Nemec/Wachtveitl: BR-Tatort & Reichsbürger

Hast du grad Kollegen gesagt?

Fast 80 Fälle in 6541. Jahren – Miroslav Nemec & Udo Wachtveitl ermitteln schon so lange im Tatort, dass ihnen kaum noch etwas Neues widerfahren dürfte. Freies Land (Foto: Hendrik Heiden) allerdings führt sie dieses Wochenende ins Milieu der Reichsbürger. Ein Gespräch über ihr Odd-Couple Batic/Leitmayr, wie sie unter karnevalesken Nazis zurechtkommen und wie lange das Team noch beieinander bleibt.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Nemec, ganz am Anfang von Freies Land korrigiert Kollege Wachtveitl ihren Satz, etwas mache Sinn grantig mit „ergibt Sinn“.

Udo Wachtveitl: Wenn Sie ein Tatort-Enzyklopädist wären, wüssten Sie, dass das schon ein paarmal vorgekommen ist.

Miroslav Nemec: Wir haben das irgendwann mal als eine Art Spiel eingeführt, deshalb macht der Franz das ständig.

Wachtveitl: Und zwar völlig zu Recht! Ich finde diese Verunstaltung auch privat furchtbar, aber im Film geht es ja nicht eigentlich um Grammatik. Es geht um darunterliegende Emotionen und Charakterzüge, Besserwisserei oder angespannte Stimmungen zwischen den beiden. Wenn es auch noch szenisch was hergibt, umso besser.

Nemec: Interessanterweise ertappe ich mich jetzt auch selber dabei, mich zu korrigieren, sobald ich etwas wie „macht Sinn“ sage. Ich leide also auch privat unterm Franz (lacht).

Wachtveitl: In unserem Tatort steckt zwar so wenig Privates und so viel Persönlichkeit wie möglich. Aber wenn es mal passt und den Figuren dient – warum nicht …

Dringt das Persönliche nach 78 Fällen in 27 Jahren organisch ins Spiel ein oder folgt es stets dem Drehbuch?

Nemec: Das Persönliche dringt durch uns ins Drehbuch ein, um dann bei der Umsetzung das organische Spiel zu ermöglichen.

Wachtveitl: In diesem präzise aufeinander abgezirkelten Apparat müssen sich bis hin zum Ton-Mann, der die Mikro-Angel hält, alle darauf verlassen können, dass wir wiederholbare Abläufe einhalten. Beim Proben wird schon mal improvisiert, aber dann wird „eingeglast“.

Und wie viel polizeilicher Naturalismus steckt in diesem Odd-Couple des Krimis?

Nemec: Wir informieren uns natürlich an zuständiger Stelle über Sachverhalte, aber wir setzen nicht den Polizei-Alltag um. Es bleibt Fiktion.

Wachtveitl: Unsere Ermittlungsarbeit muss ja ein bisschen interessanter anzuschauen sein als in der Realität. Wenn man 90 Minuten bei der echten Polizei am Tatort ist, sind vermutlich 80 davon  ohne den geringsten Schauwert.

Nemec: Im strammen Dienstplan der Polizei stehen nicht unbedingt die privaten Befindlichkeiten der Handelnden im Vordergrund.

Wachtveitl: Unser Realismus besteht darin, wie wir miteinander reden, streiten, interagieren. Man muss den Figuren glauben können, dann kauft man auch so manches, was nicht im dokumentarischen Sinne dem Polizeialltag entspricht.

Nemec: Der Rest ist größtmögliche Verdichtung, sowohl im Dialog, als auch im Szenischen.

Wachtveitl: Und für die richtige Prise Naturalismus sorgen oft auch Komparsen, da sind nämlich regelmäßig echte Polizisten zu sehen.

Nemec: Von den Kollegen …

Wachtveitl: Hast du grad Kollegen gesagt?

Nemec: War das jetzt Amtsanmaßung…? Also von denen lernt man echtes Handwerk. Wie man Verdächtige richtig ins Auto schiebt, wie man die Waffe hält, Zeugen korrekt anspricht, aber auch juristische Grenzen.

Meistens ist Batic dabei der Impulsivere, während Leitmayr zur Ruhe neigt. Wieso ist es im Fall renitenter Reichsbürger umgekehrt?

Nemec: Weil sich Leitmayr in seinem juristischen Rechtsempfinden angegriffen fühlt, während es bei mir oft ein impulsiver Gerechtigkeitssinn ist, den Batic in diesem Fall versucht, nicht hochkochen zu lassen.

Wachtveitl: Hier passt es ganz gut, weil Leitmayr einen idyllischen Landausflug erwartet und plötzlich mit Leuten konfrontiert wird, die sein gesamtes Staatsverständnis herausfordern. Da fühlt er sich persönlich angegriffen.

Nemec: Wobei wir nicht sicher waren, ob man seine Wut erst außerhalb oder noch innerhalb des Münchner S-Bahn-Bereichs ansetzen sollte. Wir haben uns dann entschieden, dass es an dieser Reichsbürgerfestung beginnt.

Wachtveitl: Da wird er wirklich missionarisch.

Hätten Sie diesen Eifer gegen den Staatsboykott der Reichsbürger auch privat?

Nemec: Vermutlich. Da wäre ich dann eben auch impulsiver, weil mir diese Leute so realitätsfern vorkommen.

Wachtveitl: Und zugleich gibt es ja auch den karnevalistisch absurden Aspekt, aber das hören die vermutlich nicht gern. Klar ist: Wo das Gewaltmonopol des Staates in Frage gestellt wird, da gibt‘s kein Vertun, das muss sanktioniert werden.

Nemec: Mir macht der Gedanke dieser völligen Rechtsstaatsverweigerung auch Angst, weil Kriegsverbrecher wie Milosevic und Karadzic vorm Strafgerichtshof in Den Haag ganz real so vorgegangen sind.

Wachtveitl: Wobei deren juristische Munitionierung von anderer Qualität war als die der Reichsbürger.

Würden Sie persönlich mit solchen Totalverweigerern überhaupt noch reden?

Nemec: Nur, wenn’s was bringt. Und bei unseren Reichsbürgern im Film bringt’s eigentlich nix mehr.

Wachtveitl: Ich bin grundsätzlich immer für Gesprächsangebote. Aber wenn es um die Sanktionierung strafrechtlich relevanter Dinge geht, ist die Zeit des Redens vorbei.

Nemec: Das beginnt ja schon damit, Geldbußen nicht zu zahlen, weil man die StVO ablehnt.

Wachtveitl: Wehret den Anfängen. Unser Grundgesetz ruft seine Bürger aktiv dazu auf, das Gemeinwesen, die Rechtswirklichkeit kritisch zu verbessern, aber nur, wenn sie die Grundlage nicht infrage stellen. Wer an diesem Ast sägt, disqualifiziert sich für den Diskurs.

Werden die Reichsbürger im Film deshalb nicht wertfrei dargestellt?

Nemec: Werden sie das nicht?

Sie halten sich ständig im Umfeld steinalter, staubumnebelter Sperrmüllmöbel auf und gruppieren sich beim Essen zu einer Art christlichem Abendmahl …

Nemec: Das ist absolut gewollt, dieses Messianische, und eben auch verdichtet bis zur Kenntlichkeit.

Wachtveitl: Wir nehmen uns da die Freiheit, Partei zu ergreifen. Aber die haben die Reichsbürger ja auch und können mit uns das Gleiche tun.

Nemec: Machen sie ja!

Wachtveitl: Wobei es auch in diesem Spektrum unterschiedliche Leute gibt. Es gibt ja durchaus Beispiele, wo Staatsgründungen im Staate durchaus eine andere Note haben sind. Nehmen Sie Christiania in Kopenhagen oder Polit-Clownerien wie Staatsgründungen auf verlassenen Bohrinseln. Aber diese hier sind gefährlich!

Nemec: Grad weil sie so rechtskundig, manchmal gar gewitzt agieren. Die Sache mit dem „Personalausweis“ zum Beispiel, der uns zum „Personal“ einer BRD-GmbH macht.

Stimmt eigentlich der Eindruck, dass ihre Figuren dem durchschnittlichen Alterungsprozess widersprechen und nicht alterskonservativ werden, sondern altersprogressiv?

Nemec: (lacht) Nein, wir waren eigentlich immer schon so. Das hat auch damit zu tun, dass Franz aus kleinen Münchner Verhältnissen stammt und ich aus dem jugoslawischen Sozialismus.

Wachtveitl: Wir werden auch nicht unbedingt progressiver, sondern erkennen die Segnungen des Rechtsstaats. Ist eigentlich ein alter Hut, aber wenn Sie das inzwischen wieder als progressiv wahrnehmen… Ivo ist emotionaler, Franz analytischer.

Nemec: Es gab mal die Tendenz, dass ich laxer mit dem Recht umgehe und Franz buchstabengetreuer.

Wachtveitl: Trotzdem hab ich zuletzt schon mal jemanden eine verpasst.

Nemec: Und im Wüstensohn habe ich einen Araber im Affekt mal „Kameltreiber“ genannt, was ich privat nicht täte. Aber mit dem Alter hat all dies glaube ich nicht so viel zu tun.

Apropos – seit Sie im Dienst sind, spielt jeder 10. Tatort in München. Ist da ein Ende absehbar?

Wachtveitl: Vom Ende weiß man bisher nur, dass es kommen wird. Irgendwann.

Nemec: Unsere Redaktion hat schon Stoffideen für uns über das Tatort-Jubiläum im Jahr 2020 hinaus.

Sind Sie nach so langer Zeit eigentlich auch privat befreundet?

Wachtveitl: Na ja, alles andere wäre ein bisschen merkwürdig, oder? Andererseits haben sich unsere Lebensentwürfe auseinanderentwickelt. Miro lebt jetzt in einer langweiligen Vorortsiedlung mit Frau und Kind, ich bleibe ein wildes Großstadtkind.

Nemec: Urban und schmutzig. Wir waren allerdings schon bei meiner Familie in Istrien. Was ich wirklich vermisse, ist, dass wir mal zum Charles einen trinken gehen.

Wachtveitl: Aber keine Sorge, wir verbringen noch genug Zeit miteinander. Schon, weil wir, anders als viele Tatort-Kollegen am Set, im selben Wohnmobil hausen.

Nemec: Aber wir haben getrennte Betten.

Wachtveitl: Das kürzen die uns auch noch, wirst sehen.


FC Bayern: Tyrannei & Wahnsinn

Die Bayerannei

Politisch mag Deutschland eine vergleichsweise rechtsstaatliche Demokratie sein. Im Sport hingegen ersetzt ein Verein spätestens seit der Wiedervereinigung konsequent die Herrschaft des Rechts durch das Recht der Herrschaft. Und daran ändert gewiss auch ein mieser Tag im Pokalfinale wenig.

Von Jan Freitag

Die Tyrannei, laut Duden ein antiker Begriff für Schreckens-, Gewalt- und Willkürherrschaft, beschreibt vormoderne Zeiten. Mitunter entflammen sie zwar aufs Neue; bei uns aber sind sie seit der Wende passé, politisch. Sportlich indes baute ein Imperium seine Vormacht nach dem Mauerfall zu etwas aus, das der spätere US-Präsident James Madison vor 230 Jahren mit der Ballung von Legislative, Exekutive, Judikative in einer Hand umschrieb, ob erblich, selbsternannt oder gewählt. Deutschland hat also doch einen Tyrannen, der die Herrschaft des Rechts durchs Recht der Herrschaft ersetzt, und nein, Herr Gauland, es ist nicht Frau Merkel.

Es ist der FC Bayern.

Um den Shitstorm vorsorglich im Klärwerk der Besänftigung zu filtern: wir reden hier von Fußball. Und der bewegt zwar die Massen, aber nur selten den Erdball. Hierzulande aber zeigt die Kapitalgesellschaft aus München trotz der gestrigen Pokalfinalniederlage gegen Eintracht Frankfurt, wie schreckensgewaltwillkürlich ihre Herrschaft ist. So allumfassend und absolut nämlich, das die Süddeutsche Zeitung derst kürzlich eine Vizemeisterschale für die 17 Restplatzierten der Ersten Fußballbundesliga vorgeschlagen hat. Und zwar völlig zu recht. Klingt fatalistisch, feige, larmoyant? Einige Zahlen.

Der Marktwert des FCB wächst gen zwei Milliarden Euro, ein Vielfaches kleiner Vereine, deren Etat nicht mal Bayerns Jahresumsatz in der Champions League erreicht. Da Sponsoren wie Audi an der Säbener Straße Anteilseigner sind, ist die Allianz-Arena abbezahlt, der Kader mit 779 Millionen Euro doppelt so teuer wie der des Vize BVB und ein Transfersaldo von minus 84 Millionen schon deshalb egal, weil sich der Verkaufswert jedes Neu-Münchners bei Vertragsunterzeichnung maximiert. Seit es drei Punkte pro Sieg gibt, hat der Platzhirsch 15 von 23 Meisterschaften geholt, allein seit der Ausweidung von Ex-Meister Dortmund mit 100 Punkten Vorsprung. Im Schnitt 17 pro Titel.

Da ist auch der einzige Verein, dessen Etat wenigstens noch die Hälfte der Bayern erreicht, ratlos. Fehler könnten die Dominanz zwar stören, glaubt BVB-Präsident Watzke, „aber das wird nicht passieren“. Zu brutal dominiert Manager Hoeneß den Markt, zu absolut beherrscht Clubchef Rummenigge das Metier, zu mafiös ist ihr Machiavellismus. Plombo o Plata. Mit gezielter Kaderentleerung wie in Gestalt von Hummels, Götze, Lewandowski hält er das Bürgertum gefügig, mit wohlfeilen Benefizkicks den Pöbel. Brot und Spiele.

Wie in der Antike hält sich der FC Söldner, die er anders als im Profisport üblich nicht nur vertikal erwirbt, sondern horizontal. Kurzzeitig konkurrenzfähigen Clubs von Stuttgart (Gómez, Elber, Thiam) über Leverkusen (Ballack, Kovac, Zé Roberto, Lucio) bis Werder (Basler, Klose, Ismael, Herzog, Pizarro, Frings, Borowski) wurden stets Schlüsselspieler abgekauft, sobald die Schlacht im Stellungskrieg feststeckte. Ähnlich der syrakusischen Tyrannis vor fast 3000 Jahren erhält das gekaufte Heer zudem volles Bürgerrecht und wird Teil eines Stamms, den neben Tracht und Riten auch die Treue kennzeichnet. Der letzte Krieger, den der bayerische Tyrann unfreiwillig abgab, war Christian Nerlinger. 1989!

Wie einst die Wittelsbacher Mittelmacht ist Bayern zwar stark genug, Kleinstaaten anzugreifen, aber zu schwach, um es mit Großmächten aufzunehmen. Dass Toni Kroos 2014 zu Real ging, war auf dem einträchtigen Weg zur europäischen Clubliga dennoch die Ausnahme. Krieg den Hütten, Friede den Palästen. Fürs Konto mag das allerdings lukrativ sein. Doch die Spannung, ätzte der Spiegel übers deutsche Einerlei, gleiche zusehends dem Zirkus Maximus: Christen vs. Löwen. Dem Verlierer bleibt da nur, sich vorm Tribun in den Staub zu werfen, also Gelbsperren gegen München abzusitzen und zu hoffen, dass dort kein Interesse am eigenen Personal entsteht. Zu blöd, dass Bayern sich wie attische Tyrannen schon die Jugend gefügig macht und bundesweit schon Kinder scoutet.

Darüber hinaus aber ist die Nachwuchsarbeit in München ebenso wie die Altenpflege vorbildlich. Der aktuelle Primat ist zwar einer exzellenten Arbeit des Managements geschuldet, aber auch haarsträubendem Missmanagement vieler Konkurrenten. Ihrem Wiederaufstieg stehen neue Tyrannen wie RB Leipzig im Wege, die wie in der durchlässigen Magna Graecia das Zeug zur Tyrannis hätten – sofern sie Härte mit Klugheit verbinden. Dass dem FCB einst sein Olympiastadion geschenkt wurde, ist zwar eine Verschwörungstheorie. Doch da den Emporkömmlingen Hoffenheim und Leipzig für ihre Tempel kaum Mehrkosten entstehen, ist ein Aufschließen zumindest denkbar.

Was Finanziers wie Red Bull bislang indes fehlt, ist eine Medienmacht, um die Tyrannis öffentlich zu legitimieren. Lattek, Strunz, Scholl, Kahn, Basler, Matthäus – der FC Bayern hat sein Personal so gut platziert, dass er stets im Gespräch ist. Selbst der irrelevante Beckenbauer-Cup wird übertragen. Es ist schlicht kein Entrinnen vor der Übermacht dieser Tyrannis. Was aber folgt aus dem Recht zum Widerstand, wie sie die UN-Menschenrechtscharta anerkennt? Von Salary Caps und Drafts amerikanischer Profiligen bis zur Hoffnung, der Bayerndusel könnte in Playoffs kurz pausieren, ist alles denkbar, aber unrealistisch. Zumal der erklärte Gegner des 50+1-Modells gegen all dies sein Veto einlegen würde.

So gibt es nur eine Chance, Münchens Titel-Abo aufzukündigen: Boykott. Geht nicht hin, wenn Bayern kommt! Und falls doch, schweigt die Farce tot, nehmt ihr die Atmosphäre! Denn wie PSG in Frankreich ist Bayern für Deutschland das Böse des Fußballs, sein Richter, Henker, Leichenfledderer. Die gestrige Pokalniederlage war da nur der absolute Ausnahmefall einer immerwährenden Machtdemonstration, die der 7. Meisterschaft in Folge gewiss nicht im Wege steht. Dann unterm Trainer Kovac. Den hat München vorm Finale aus Frankfurt geholt. Seither herrschte Zwietracht bei der Eintracht. Die Tyrannen der Antike wären angetan.


Gewinnspiel: Panini & Fallrückzieher

freitagsmedien-Gewinnspiel

Die Fußball-WM findet in einer Diktatur statt und drumherum ist es auch nicht viel besser, aber hey – Panini sammeln geht trotzdem. Und wie bei jedem Turnier veranstalten die freitagsmedien wieder ein Gewinnspiel. Wer folgende Frage beantwortet und etwas Los-Glück hat, kriegt eines von sieben Alben mit je zehn Tüten:

In welchem Jahr erzielte der legendäre Juve-Spieler Carlo Parola jenen Fallrückzieher, der auf Cover und Päckchen von Panini zu sehen ist?

Antwort bitte per eMail an janfreitag@gmx.net

Endergebnis

So, nach reger Beteiligung beim Gewinnspiel und allen Ernstes sogar einer falschen Antwort (lieber Mikosch B. aus Herne), wurden die Sieger*innen heute im Beisein eines unabhängigen Beobachters (Clemens M. aus Hamburg) gezogen. Die richtige Antwort lautete natürlich 1950. Von einem Teilnehmer gab es die Erkenntnis, der Ball sei gar nicht im Tor gelandet als Gimmick hinzu, weshalb er doppelt im Lostopf gelandet ist und hier sind die glückseligen Gewinnenden:

Emily P. aus Gera

Lothar G. aus Hamburg

Jennifer K. aus Hamburg

Raymond A. aus München

Jens A. aus Pinneberg

Moritz T. aus Hamburg

Raissa G. aus Berlin

Herzlichen Glückwunsch, die Alben gehen euch schnellstmöglich per Post zu