Reeperbahn-Festival 2018

Von Altin Gün bis Whitney

Am 19. September startet das 13. Reeperbahn-Festival, die größte Club-Veranstaltung Europas. Auch dieses Jahr werden mehr als 40.000 Besucher bei den gut 600 Veranstaltungen von Konzert bis Debatte erwartet. Die freitagsmedien stellen ein paar der Highlights vor.

Doré

Die Wege des Ruhms sind oft unergründlich. Julien Doré zum Beispiel hat es als Castingshowgewächs daheim in Frankreich nicht nur zum Superstar geschafft, sondern dabei auch noch ein musikalisches Werk weit jenseits des handelsüblichen Dance-Pop kreiert. Dem Chanson näher als jeder Art von Massengeschmack, ist er im frankophilen Deutschland aber dennoch völlig unbekannt. Merkwürdig. Und nachvollziehbar. Seine ersten vier Platten sind schließlich hierzulande bislang noch gar nicht erschienen. Das allerdings ändert sich nun.

Album fünf erscheint nämlich erstmals auch bei uns und ist passenderweise eine Art Best-of von Julien Dorés bisherigem Werk, das sein Schaffen gut zum Ausdruck bringt. Denn Vous & Moi enthält zwölf hauchfeine, zugleich aber kraftvolle Balladen, bei denen sich der Sänger meist nur von Klavier und Gitarre begleiten lässt. Dem Achtziger-Hit Africa von Rose Laurens etwa entlockt sein hauch-rauer Gesang eine Intimität, bei der man den Staub im Raum herumfliegen hört. Doch auch die zehn Eigenkompositionen zeigen aufs Neue, wie kultiviert Frankreichs Pop oft selbst dann klingt, wenn er den Mainstream bewegt.

Mittwoch, 22.05 Uhr, Spielbude

DENA

Was ein Name doch alles bewirken kann. Mathangi Arulpragasam zum Beispiel, schwer auszusprechen, noch schwerer zu merken. Oder Denitzka Todorova, kein ganz so komplizierter Brecher deutscher Zungen, aber auch schon leicht sperrig. Da ist es nicht nur zuvorkommend, Spitznamen anzubieten, es hat auch aus Marketingsicht seine Vorteile. Weshalb Popfans das Kürzel M.I.A. ebenso geläufig ist, wie es das von Frau Todorova bald sein dürfte. Denn DENA macht nicht nur einen Electroclash, der verteufelt an den der eingangs erwähnten Londoner Trashpop-Queen mit srilankischen Wurzeln erinnert; er ist auch absolut massenkompatibel. Was der Masse diesmal allerdings durchaus zugute kommt.

Denn wie DENA, die vor knapp zehn Jahren zum Studieren aus Bulgarien nach Berlin kam und natürlich hängengeblieben ist, was also dieser Irrwisch aus dem Osten mit Flash für ein Debütalbum hinlegt, das ist schon ein ganz schönes Clubbrett. Allerdings kein berechenbar Gagamäßiges, prollig berechenbares, R’n’B-verpopptes, sondern ein ziemlich gelungenes. Schon das Auftaktstück Thin Rope, längst ein kleiner Berghain-Hit, so scheint es live, liefert wunderbaren Uptempo-Trash zu den Samples nebst E-Drums ihrer zwei Mitmusiker und kann gar nicht anders, als mit fluffigen Texten über Cheerleader, Party, solche Sachen ein Lachen auf tanzende Köpfer zu zaubern. So geht es neun Lieder weiter.  Kein Sound für die Ewigkeit, eher einer für den Moment. Einen sehr unterhaltsamen.

Mittwoch, 22.40 Uhr, Schmidts Tivoli

1000 Gram

Dringlichkeit das vielleicht wichtigste Wort einer Branche, die seit jeher mit undringlichem Überfluss zu tun hat. Meist wird das, was man im weitesten inne Popmusik nennt, mit so viel redundanter Lieblosigkeit überspült, dass die Momente echter Energie gelegentlich untergehen. Wer allerdings wirklich etwas zu sagen, zu spielen, vorzutragen hat und wem all dies ersichtlich eine Herzensangelegenheit ist, wird noch immer gehört, keine Sorge. Bands wie die hinreißenden Modest Mouse etwa oder auch: 1000 Gram. Das skandinavisch-österreichisch-deutsche Kollektiv mit Standort Berlin schafft es seit Jahren Indierock zu machen, der gleichsam in Kopf und Gemüt geht.

Und genau das gelingt Moritz Lieberkühns Gesang auch auf der dritten Platte mit dem wunderbar wortverspielten Titel By all dreams nessecary. Die zehn Stücke darauf sind abermals von so dringlicher Mitteilungsbedürftigkeit, dass es an die Emo-Heroen Buffalo Tom erinnert. Doch so ergreifend Lieberkühns Gesang ist, so virtuos untermalen ihn Arne Braun, Paul Santner, Alexander Simm und Lukas Akintaya mit eleganten Alternative-Kaskaden, von denen die Video-Auskopplung Daydream zeigt, dass 1000 Gram auch ganz schön schrammeln können. Wenngleich sich die Alben gleichen – das amerikanophile Quintett darf gern noch ein paar Jahrtausende genauso weitermachen.

Mittwoch, 22.50 Uhr, Headcrash

Altin Gün

Klar, einen irgendwie weltmusikalisch flatternden Popsound allein deshalb zu empfehlen, weil er westliche Zivilisation mit östlicher Exotik verbindet oder wie es gern mal heißt: Orient und Okzident, das ist im Kern schon ein bisschen kolonialistisch, Tendenz Eurozentrismus. Aber was soll man machen: Der Sound des türkischen Bandkollektivs Altin Gün klingt für angloamerikanisch geprägte Ohren zutiefst folkloristisch, hat aber diesen psychedelisch krautigen Einschlag, der das Debütalbum so fesselnd macht wie vieles, das sich dem Mainstream auf fremdartig klingende Art entzieht. Der holländische Bassist Jasper Verhulst jedenfalls war vom Turkish Funk der Sechziger bis Siebziger so begeistert, dass er ihn am Ursprungsort wiederbeleben wollte – was ihm echt mitreißend gelungen ist.

Gemeinsam mit ein paar Freunden wie Gino Groeneveld oder Nic Mauskovic suchte er per Facebook einheimische Sängerinnen, fand mit Merve Dasdemir und Erdinc Yildiz Edevit zwei außergewöhnlich stimmstarke, und macht mit mit ihnen nun einen hippiesken Retrosound, der das Fieber des Psychorock vor rund 50 Jahren wunderbar in die Gegenwart treibt. Noch wichtiger aber ist: Die orientalischen Elemente darin sind keine bloßen Accessoires, geschweige denn ethnische Anbiederungen. Auf den meisten der zehn Stücke von On (Türkisch für zehn) verschmilzt das Hier und Dort so organisch, als hätte es schon immer zusammengehört. Hat es ja auch. Nur für europäische Ohren klang das einst seltsam befremdlich. Wenn man es denn befremdlich klingen lassen wollte…

Donnerstag, 16.30 Uhr, Molotow

Foè

Und wo wir bei Nachwuchsmusikern sind, denen wirklich was auf dem Herzen brennt: Der Franzose Foé ist gerade mal zwei Jahre älter als Lindsey Jordan, wie sie bereits eine Weile im Geschäft, aber dabei natürlich immer noch von unübersehbarer Jugend. Nur: dem Debütalbum des Komponisten und Co-Produzenten spürt man dieses Inbrunst in jeder Note an. Îl hat absolut nichts von der schnodderigen Leichtigkeit seiner Kollegin aus den USA. Alles daran ist irgendwie getragen und schwer und voluminös. Das hat zwei Gründe: Foès Sehnsucht nach Tiefe im flachen Fahrwasser des Pop. Und sein bevorzugtes Instrument – das Piano. Es macht sein Timbre noch ein wenig dunkler und den Wave etwas dazu getragener, vor allem aber macht es ihn außergewöhnlich.

Gemixt mit Synthesizern und Electronica, mit Elementen aus HipHop, Folk und ein paar saftigen Dance-Einsprengseln verströmen die elf Songs einen discoesken Klassizismus, der manchmal für Gänsehaut sorgt (La Machine), manchmal schlicht haarsträubend ist (Mommy), aber durchweg Überraschungspotenzial hat. Gewiss, man muss schon einen Hang zur großen Oper haben, um Îl von Anfang bis Ende zu genießen. Es reicht aber auch ein Gespür dafür, wie viel Energie in Grenzgängern wie diesem ruht, die oft nur musikalisch entfesselt werden kann. Als hätten sich Jacques Brel und Claude Débussy mit Phoenix zum After-Rave getroffen. Es brennt lichterloh in Foè, wenn er über Liebe, Tod und Teufel sind. Lodern wir doch ein bisschen mit.

Donnerstag, 20 Uhr, Molotow

Whitney

Liebenswert, verspielt, nicht so wirklich avantgardistisch, aber dafür von ergreifender Schönheit ist ein anderes Debüt, das ebenfalls durch seine Stimme besticht, aber keinesfalls nur. Wirklich nicht. Im Gegenteil. Der junge Mann mit dem zuckersüßen Popfalsett heißt Julien Ehrlich, und es ist nicht die Tatsache allein, dass er zugleich Drummer von Whitney ist, die an eine Band namens The Band und ihren singenden Schlagzeuger Levon Helm – R.I.P. – erinnern; seine Epigonen aus Chicago machen eine Art von lebensbejahendem Westcoast-Folk, an dem sich seit den Beach Boys gefühlt 20.000 Formationen jeder Herkunft versucht haben, dabei allerdings entweder zu leicht oder zu schwer klangen. Whitney hingegen schaffen eine seit den Beach Boys echt selten gehörte Balance.

http://www.vevo.com/watch/US38W1633713

Ihr Debütalbum Light Upon The Lake sprüht schließlich nur so vor guter Laune, die nie aufdringlich, sondern herzenswarm wirkt. Von fröhlichen Bläsersequenzen flankiert, gehen die zehn Stücke im kleidsamen Gitarrensound von Max Kakcek eher im Kopf spazieren, als bloß hindurchzurauschen. Noch die plattesten Analogien von Sonne, Sand und Lagerfeuer erscheinen da nicht zu blöde, ja selbst gelegentliche Lalala-Choräle und Stealguitars stören eigentlich nie, wenn Julien Ehrlich von den Facetten ihrer Großstadtexistenzen singt und dabei klingt wie Neil Young wohl gern noch einmal klingen würde. Ach Musik, du bist doch am größten!

Donnerstag, 20 Uhr und Freitag, 12.30 Uhr, Abaton

Soccer Mommy

Das Leben, so was muss man Jugendlichen und Künstlern nicht groß erklären, ist zu anstrengend, um früh aus den Federn zu kommen. Falls dieses Leben aber trotzdem künstlerisch ausgedrückt werden soll, klingen besonders jugendliche Künstler schon mal, als lägen sie noch im Bett. Auch Sophie Allisons Sound hört sich träge, fast schläfrig an, aber nie betrübt. Unterm Nom de Paix Soccer Mommy macht die Zwanzigjährige etwas, wofür das Englische den schönen Begriff Bedroom Pop hat, so als schlafwandle sie auf ausgeleierten Magnetbändern über den Abgrund ihrer emotionalen Selbstbehauptung. Nach einer halbgaren Kompilation ihrer Garagen-Werke zeigt das tolle Debütalbum Clean nun, welchen Sog das Aroma ausgestellter Unlust an der Leistungsgesellschaft erzeugt.

Als derangiertes Zerrbild des All-American-Girls kratzt sich die New Yorkerin aus Nashville in ihren Videos blutig, schminkt sich hässlich, gibt sich trostlos, singt sich zur unverzerrten Gitarre aber flugs wieder raus aus diesem Desaster und bläst der Oberflächlichkeit unserer Zeit mitsamt ihrem destruktiven Schönheitideal dadurch gehörig den Marsch. Clean ist passive Aggression ohne allzu viel Wut im Bauch: Zu entspannt, um zu revoltieren, geht Sophie Allison lieber noch mal ins Bett als auf die Barrikaden. Krafttanken beim Faulenzen: man möchte sich gern dazulegen.

Donnerstag, 22.30 Uhr, Nochtspeicher

Odd Couple

Es muss wirklich toll sein, kompetent und dämlich in einem zu sein, zugleich kindisch und seriös, ebenso irre wie kontrolliert. Das ziemlich junge Odd Couple Tammo Dehm und Jascha Kreft ist all dies und noch viel mehr. Zum Trio angewachsen macht das frühere Paar Landeier von der Nordseeküste am Standort Berlin einen Dadapostpunk, der von so gleißender Verschrobenheit ist, dass man vor jedem einzelnen der neun neuen Stücke des dritten Albums Yada Yada kurz ratlos in sich zusammenfällt, um dann aufzuspringen und herumzuhüpfen wie man noch nie ohne Drogenbeigabe herumgehüpft sein dürfte. Zum dreckig gewaschenen Gitarrenbrett hagelt es schließlich einen Sound, hinter dem die artverwandten Mudhoney klingen wie ein Knabenchor.

Oder besser: als hätten sie sich mit dem Palais Schaumburg gepaart. “Er will mein Geld / aber ich bin blank / das Bier vom Späti frisst ein Loch in mich / die Handy-Rechnung war auch ziemlich hoch “, singen scheinbar alle drei gemeinsam im grandiosen Opener Bokeh 21, fahren mit “der Selektionsvorteil ist klar / ich bin ehrgeizig und aus Stahl” ähnlich aberwitzig fort, und nichts an diesem HipRock ohne Punkt und Komma erweckt je den Anschein der Berechnung. Alles poltert scheinbar wahllos aus der Garage heraus, fortgespült von Bier und Spaß und Spielfreude und allem, was guter Popmusik auch sonst meistens fehlt. Das Album des Jahrtausends, wenn nicht der Neuzeit insgesamt.

Freitag, 19.30 Uhr, Knust

International Music

Der damals brandneue Musikstil New Wave hatte vor rund 40 Jahren ein besonderes Geschenk fürs deutsche Publikum: Humor ohne Umpftattaa. Gab es ihn im Pop bis dato nur als Schlagerklamauk, gebar NDW abseits einiger Zote plötzlich tiefgründigen Nonsens, der zudem oft virtuos instrumentiert war. Als Beweis reichen ein paar Takte Fee, Ideal, DAF. Bis heute profitiert der Pop hierzulande von dieser Pionierleistung. Darunter eine Band, die ihr Popdasein schon dem Namen nach nicht übertrieben ernst nimmt: International Music. Sie besteht mutmaßlich aus Berliner Exil-Rheinländern oder umgekehrt und macht eine Neo New Wave Welle in deutscher Sprache, die zutiefst gaga ist, aber mit sehr viel Stil.

“Frauen müssen geil sein / Männer müssen cool sein / Jobs müssen Geld bringen”, nölen die Sänger Pedro und Peter auf ihrem Debütalbum Die besten Jahre im emblematischen Stück Cool bleiben und puffert beginnende Fremdscham wie folgt ab: “Männer müssen geil sein / Jobs müssen cool sein / Frauen müssen Geld bringen. Jobs müssen geil sein / Frauen müssen cool sein / Männer müssen Geld bringen”. Unterlegt von einem Schreddersound zwischen Element of Crime, Die Türen, Einstürzende Neubauten und Ja, Panik stopft stopft das Trio so die Selbstoptimierungsgesellschaft in ein buntes Spielplatzförmchen und macht daraus trockenen, aber erfrischenden Sandkuchen fürs Kind im Erwachsenen der Großstadtbohème. Manchmal nervt das, meist erfreut es.

Freitag, 20.30 Uhr, Thomas Read

Danai Moore

Danai Moore, auch wenn das im R&B kaum der Rede wert ist, kann famos singen. Stets moduliert sie präzise, jeder Ton sitzt da, wo er hingehört, es klingt herzergreifend schön, wenn die Britin ihr neues Album mit viel Soul zum Ereignis macht. Das aber ist Bring you shame vor allem deshalb, weil Danai Moore weder stimmlich noch dramaturgisch nach jener Perfektion strebt, die ihr Genre oft unangenehm glättet. Zwei Jahre nach dem gefeierten Debüt geht es der Sängerin am Klavier daher um etwas anderes: Versöhnung. Versöhnung mit ihren inneren Dämonen, Versöhnung aber auch mit der begleitenden Musik.

War Elsewhere seinerzeit oft geteilt in den Gospel ihrer jamaikanischen Herkunft und den Alternartive-Rock ihrer Jugend im Londoner Stadtteil Stratford, mischt Danai Moore nun alles durcheinander. Im Titelstück etwa unterwandert eine windschiefe Gitarre die Mondscheinträumerei, bis sich kurz darauf fröhliche Bläser wie ein Sonnenaufgang über die Melancholie legen. Ständig heitert sie ihren Trip-Hop mit lustigem Raumschifffilm-Gefriemel auf oder unterwandert das düstere Bedürfnis „to be someone’s nothing / A hollow plastic bag“ in Trickle mit Trompeten aus luftiger Höhe. Das ganze Album – eine Ode an die Unvollkommenheit.

Freitag, 23 Uhr, Sankt Pauli Museum

Brett

Brett ist ja mal eine Ansage. Brett heißt musikalisch betrachtet volle Breitseite. Um Brett zu heißen muss man demzufolge auch Brett liefern. Und Brett liefert. Brett ist eine Band, die aus allen Teilen Deutschlands, wie es scheint, zusammengewürfelt in Hamburg zusammengefunden hat, um aus Brettern Rock zu machen oder umgekehrt. Und das Debütalbum mit dem ziemlich grandiosen Titel WutKitsch macht genau das: Postpunkrock, der kachelt. Aber eben nicht nur das. Er kachelt mit Stil und Bedacht. Ganz im Sinne des progressiven Philosphiestudentenhatecore der Marke Messer, Trümmer, 208, Die Nerven und wie sie alle heißen, wird Empörung zu Krach und Krach zu Empörung und das klingt, meistens zumindest, ziemlich gut.

In der Videoauskopplung Ein schöner Tag (schade, dass Krieg ist), dekliniert Sänger Max zu grob verzerrter Gitarre in leicht überhitztem Geschrei durch, wie schön die Welt doch wäre, wenn die Welt denn kollektiv an ihrer Schönheit teilhaben dürfte und nicht nur ein paar Privilegierte. Das ist so der Tonfall. Textlich ausgefuchst, musikalisch vielschichtig, manchmal etwas ostentativ revoltierend und vom Sound her metallisch, aber im Grunde völlig angemessen angesichts einer Zeit, die eigentlich dringend einer Revolte der Entrechteten bräuchte, stattdessen aber bloß eine stumpf nationalistischer Rassisten kriegt. Ein Brett gegen Stumpfsinn und Populismus. Harte Zeiten.

Samstag, 21.30 Uhr, Gruenspan

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Nemec/Wachtveitl: BR-Tatort & Reichsbürger

Hast du grad Kollegen gesagt?

Fast 80 Fälle in 6541. Jahren – Miroslav Nemec & Udo Wachtveitl ermitteln schon so lange im Tatort, dass ihnen kaum noch etwas Neues widerfahren dürfte. Freies Land (Foto: Hendrik Heiden) allerdings führt sie dieses Wochenende ins Milieu der Reichsbürger. Ein Gespräch über ihr Odd-Couple Batic/Leitmayr, wie sie unter karnevalesken Nazis zurechtkommen und wie lange das Team noch beieinander bleibt.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Nemec, ganz am Anfang von Freies Land korrigiert Kollege Wachtveitl ihren Satz, etwas mache Sinn grantig mit „ergibt Sinn“.

Udo Wachtveitl: Wenn Sie ein Tatort-Enzyklopädist wären, wüssten Sie, dass das schon ein paarmal vorgekommen ist.

Miroslav Nemec: Wir haben das irgendwann mal als eine Art Spiel eingeführt, deshalb macht der Franz das ständig.

Wachtveitl: Und zwar völlig zu Recht! Ich finde diese Verunstaltung auch privat furchtbar, aber im Film geht es ja nicht eigentlich um Grammatik. Es geht um darunterliegende Emotionen und Charakterzüge, Besserwisserei oder angespannte Stimmungen zwischen den beiden. Wenn es auch noch szenisch was hergibt, umso besser.

Nemec: Interessanterweise ertappe ich mich jetzt auch selber dabei, mich zu korrigieren, sobald ich etwas wie „macht Sinn“ sage. Ich leide also auch privat unterm Franz (lacht).

Wachtveitl: In unserem Tatort steckt zwar so wenig Privates und so viel Persönlichkeit wie möglich. Aber wenn es mal passt und den Figuren dient – warum nicht …

Dringt das Persönliche nach 78 Fällen in 27 Jahren organisch ins Spiel ein oder folgt es stets dem Drehbuch?

Nemec: Das Persönliche dringt durch uns ins Drehbuch ein, um dann bei der Umsetzung das organische Spiel zu ermöglichen.

Wachtveitl: In diesem präzise aufeinander abgezirkelten Apparat müssen sich bis hin zum Ton-Mann, der die Mikro-Angel hält, alle darauf verlassen können, dass wir wiederholbare Abläufe einhalten. Beim Proben wird schon mal improvisiert, aber dann wird „eingeglast“.

Und wie viel polizeilicher Naturalismus steckt in diesem Odd-Couple des Krimis?

Nemec: Wir informieren uns natürlich an zuständiger Stelle über Sachverhalte, aber wir setzen nicht den Polizei-Alltag um. Es bleibt Fiktion.

Wachtveitl: Unsere Ermittlungsarbeit muss ja ein bisschen interessanter anzuschauen sein als in der Realität. Wenn man 90 Minuten bei der echten Polizei am Tatort ist, sind vermutlich 80 davon  ohne den geringsten Schauwert.

Nemec: Im strammen Dienstplan der Polizei stehen nicht unbedingt die privaten Befindlichkeiten der Handelnden im Vordergrund.

Wachtveitl: Unser Realismus besteht darin, wie wir miteinander reden, streiten, interagieren. Man muss den Figuren glauben können, dann kauft man auch so manches, was nicht im dokumentarischen Sinne dem Polizeialltag entspricht.

Nemec: Der Rest ist größtmögliche Verdichtung, sowohl im Dialog, als auch im Szenischen.

Wachtveitl: Und für die richtige Prise Naturalismus sorgen oft auch Komparsen, da sind nämlich regelmäßig echte Polizisten zu sehen.

Nemec: Von den Kollegen …

Wachtveitl: Hast du grad Kollegen gesagt?

Nemec: War das jetzt Amtsanmaßung…? Also von denen lernt man echtes Handwerk. Wie man Verdächtige richtig ins Auto schiebt, wie man die Waffe hält, Zeugen korrekt anspricht, aber auch juristische Grenzen.

Meistens ist Batic dabei der Impulsivere, während Leitmayr zur Ruhe neigt. Wieso ist es im Fall renitenter Reichsbürger umgekehrt?

Nemec: Weil sich Leitmayr in seinem juristischen Rechtsempfinden angegriffen fühlt, während es bei mir oft ein impulsiver Gerechtigkeitssinn ist, den Batic in diesem Fall versucht, nicht hochkochen zu lassen.

Wachtveitl: Hier passt es ganz gut, weil Leitmayr einen idyllischen Landausflug erwartet und plötzlich mit Leuten konfrontiert wird, die sein gesamtes Staatsverständnis herausfordern. Da fühlt er sich persönlich angegriffen.

Nemec: Wobei wir nicht sicher waren, ob man seine Wut erst außerhalb oder noch innerhalb des Münchner S-Bahn-Bereichs ansetzen sollte. Wir haben uns dann entschieden, dass es an dieser Reichsbürgerfestung beginnt.

Wachtveitl: Da wird er wirklich missionarisch.

Hätten Sie diesen Eifer gegen den Staatsboykott der Reichsbürger auch privat?

Nemec: Vermutlich. Da wäre ich dann eben auch impulsiver, weil mir diese Leute so realitätsfern vorkommen.

Wachtveitl: Und zugleich gibt es ja auch den karnevalistisch absurden Aspekt, aber das hören die vermutlich nicht gern. Klar ist: Wo das Gewaltmonopol des Staates in Frage gestellt wird, da gibt‘s kein Vertun, das muss sanktioniert werden.

Nemec: Mir macht der Gedanke dieser völligen Rechtsstaatsverweigerung auch Angst, weil Kriegsverbrecher wie Milosevic und Karadzic vorm Strafgerichtshof in Den Haag ganz real so vorgegangen sind.

Wachtveitl: Wobei deren juristische Munitionierung von anderer Qualität war als die der Reichsbürger.

Würden Sie persönlich mit solchen Totalverweigerern überhaupt noch reden?

Nemec: Nur, wenn’s was bringt. Und bei unseren Reichsbürgern im Film bringt’s eigentlich nix mehr.

Wachtveitl: Ich bin grundsätzlich immer für Gesprächsangebote. Aber wenn es um die Sanktionierung strafrechtlich relevanter Dinge geht, ist die Zeit des Redens vorbei.

Nemec: Das beginnt ja schon damit, Geldbußen nicht zu zahlen, weil man die StVO ablehnt.

Wachtveitl: Wehret den Anfängen. Unser Grundgesetz ruft seine Bürger aktiv dazu auf, das Gemeinwesen, die Rechtswirklichkeit kritisch zu verbessern, aber nur, wenn sie die Grundlage nicht infrage stellen. Wer an diesem Ast sägt, disqualifiziert sich für den Diskurs.

Werden die Reichsbürger im Film deshalb nicht wertfrei dargestellt?

Nemec: Werden sie das nicht?

Sie halten sich ständig im Umfeld steinalter, staubumnebelter Sperrmüllmöbel auf und gruppieren sich beim Essen zu einer Art christlichem Abendmahl …

Nemec: Das ist absolut gewollt, dieses Messianische, und eben auch verdichtet bis zur Kenntlichkeit.

Wachtveitl: Wir nehmen uns da die Freiheit, Partei zu ergreifen. Aber die haben die Reichsbürger ja auch und können mit uns das Gleiche tun.

Nemec: Machen sie ja!

Wachtveitl: Wobei es auch in diesem Spektrum unterschiedliche Leute gibt. Es gibt ja durchaus Beispiele, wo Staatsgründungen im Staate durchaus eine andere Note haben sind. Nehmen Sie Christiania in Kopenhagen oder Polit-Clownerien wie Staatsgründungen auf verlassenen Bohrinseln. Aber diese hier sind gefährlich!

Nemec: Grad weil sie so rechtskundig, manchmal gar gewitzt agieren. Die Sache mit dem „Personalausweis“ zum Beispiel, der uns zum „Personal“ einer BRD-GmbH macht.

Stimmt eigentlich der Eindruck, dass ihre Figuren dem durchschnittlichen Alterungsprozess widersprechen und nicht alterskonservativ werden, sondern altersprogressiv?

Nemec: (lacht) Nein, wir waren eigentlich immer schon so. Das hat auch damit zu tun, dass Franz aus kleinen Münchner Verhältnissen stammt und ich aus dem jugoslawischen Sozialismus.

Wachtveitl: Wir werden auch nicht unbedingt progressiver, sondern erkennen die Segnungen des Rechtsstaats. Ist eigentlich ein alter Hut, aber wenn Sie das inzwischen wieder als progressiv wahrnehmen… Ivo ist emotionaler, Franz analytischer.

Nemec: Es gab mal die Tendenz, dass ich laxer mit dem Recht umgehe und Franz buchstabengetreuer.

Wachtveitl: Trotzdem hab ich zuletzt schon mal jemanden eine verpasst.

Nemec: Und im Wüstensohn habe ich einen Araber im Affekt mal „Kameltreiber“ genannt, was ich privat nicht täte. Aber mit dem Alter hat all dies glaube ich nicht so viel zu tun.

Apropos – seit Sie im Dienst sind, spielt jeder 10. Tatort in München. Ist da ein Ende absehbar?

Wachtveitl: Vom Ende weiß man bisher nur, dass es kommen wird. Irgendwann.

Nemec: Unsere Redaktion hat schon Stoffideen für uns über das Tatort-Jubiläum im Jahr 2020 hinaus.

Sind Sie nach so langer Zeit eigentlich auch privat befreundet?

Wachtveitl: Na ja, alles andere wäre ein bisschen merkwürdig, oder? Andererseits haben sich unsere Lebensentwürfe auseinanderentwickelt. Miro lebt jetzt in einer langweiligen Vorortsiedlung mit Frau und Kind, ich bleibe ein wildes Großstadtkind.

Nemec: Urban und schmutzig. Wir waren allerdings schon bei meiner Familie in Istrien. Was ich wirklich vermisse, ist, dass wir mal zum Charles einen trinken gehen.

Wachtveitl: Aber keine Sorge, wir verbringen noch genug Zeit miteinander. Schon, weil wir, anders als viele Tatort-Kollegen am Set, im selben Wohnmobil hausen.

Nemec: Aber wir haben getrennte Betten.

Wachtveitl: Das kürzen die uns auch noch, wirst sehen.


FC Bayern: Tyrannei & Wahnsinn

Die Bayerannei

Politisch mag Deutschland eine vergleichsweise rechtsstaatliche Demokratie sein. Im Sport hingegen ersetzt ein Verein spätestens seit der Wiedervereinigung konsequent die Herrschaft des Rechts durch das Recht der Herrschaft. Und daran ändert gewiss auch ein mieser Tag im Pokalfinale wenig.

Von Jan Freitag

Die Tyrannei, laut Duden ein antiker Begriff für Schreckens-, Gewalt- und Willkürherrschaft, beschreibt vormoderne Zeiten. Mitunter entflammen sie zwar aufs Neue; bei uns aber sind sie seit der Wende passé, politisch. Sportlich indes baute ein Imperium seine Vormacht nach dem Mauerfall zu etwas aus, das der spätere US-Präsident James Madison vor 230 Jahren mit der Ballung von Legislative, Exekutive, Judikative in einer Hand umschrieb, ob erblich, selbsternannt oder gewählt. Deutschland hat also doch einen Tyrannen, der die Herrschaft des Rechts durchs Recht der Herrschaft ersetzt, und nein, Herr Gauland, es ist nicht Frau Merkel.

Es ist der FC Bayern.

Um den Shitstorm vorsorglich im Klärwerk der Besänftigung zu filtern: wir reden hier von Fußball. Und der bewegt zwar die Massen, aber nur selten den Erdball. Hierzulande aber zeigt die Kapitalgesellschaft aus München trotz der gestrigen Pokalfinalniederlage gegen Eintracht Frankfurt, wie schreckensgewaltwillkürlich ihre Herrschaft ist. So allumfassend und absolut nämlich, das die Süddeutsche Zeitung derst kürzlich eine Vizemeisterschale für die 17 Restplatzierten der Ersten Fußballbundesliga vorgeschlagen hat. Und zwar völlig zu recht. Klingt fatalistisch, feige, larmoyant? Einige Zahlen.

Der Marktwert des FCB wächst gen zwei Milliarden Euro, ein Vielfaches kleiner Vereine, deren Etat nicht mal Bayerns Jahresumsatz in der Champions League erreicht. Da Sponsoren wie Audi an der Säbener Straße Anteilseigner sind, ist die Allianz-Arena abbezahlt, der Kader mit 779 Millionen Euro doppelt so teuer wie der des Vize BVB und ein Transfersaldo von minus 84 Millionen schon deshalb egal, weil sich der Verkaufswert jedes Neu-Münchners bei Vertragsunterzeichnung maximiert. Seit es drei Punkte pro Sieg gibt, hat der Platzhirsch 15 von 23 Meisterschaften geholt, allein seit der Ausweidung von Ex-Meister Dortmund mit 100 Punkten Vorsprung. Im Schnitt 17 pro Titel.

Da ist auch der einzige Verein, dessen Etat wenigstens noch die Hälfte der Bayern erreicht, ratlos. Fehler könnten die Dominanz zwar stören, glaubt BVB-Präsident Watzke, „aber das wird nicht passieren“. Zu brutal dominiert Manager Hoeneß den Markt, zu absolut beherrscht Clubchef Rummenigge das Metier, zu mafiös ist ihr Machiavellismus. Plombo o Plata. Mit gezielter Kaderentleerung wie in Gestalt von Hummels, Götze, Lewandowski hält er das Bürgertum gefügig, mit wohlfeilen Benefizkicks den Pöbel. Brot und Spiele.

Wie in der Antike hält sich der FC Söldner, die er anders als im Profisport üblich nicht nur vertikal erwirbt, sondern horizontal. Kurzzeitig konkurrenzfähigen Clubs von Stuttgart (Gómez, Elber, Thiam) über Leverkusen (Ballack, Kovac, Zé Roberto, Lucio) bis Werder (Basler, Klose, Ismael, Herzog, Pizarro, Frings, Borowski) wurden stets Schlüsselspieler abgekauft, sobald die Schlacht im Stellungskrieg feststeckte. Ähnlich der syrakusischen Tyrannis vor fast 3000 Jahren erhält das gekaufte Heer zudem volles Bürgerrecht und wird Teil eines Stamms, den neben Tracht und Riten auch die Treue kennzeichnet. Der letzte Krieger, den der bayerische Tyrann unfreiwillig abgab, war Christian Nerlinger. 1989!

Wie einst die Wittelsbacher Mittelmacht ist Bayern zwar stark genug, Kleinstaaten anzugreifen, aber zu schwach, um es mit Großmächten aufzunehmen. Dass Toni Kroos 2014 zu Real ging, war auf dem einträchtigen Weg zur europäischen Clubliga dennoch die Ausnahme. Krieg den Hütten, Friede den Palästen. Fürs Konto mag das allerdings lukrativ sein. Doch die Spannung, ätzte der Spiegel übers deutsche Einerlei, gleiche zusehends dem Zirkus Maximus: Christen vs. Löwen. Dem Verlierer bleibt da nur, sich vorm Tribun in den Staub zu werfen, also Gelbsperren gegen München abzusitzen und zu hoffen, dass dort kein Interesse am eigenen Personal entsteht. Zu blöd, dass Bayern sich wie attische Tyrannen schon die Jugend gefügig macht und bundesweit schon Kinder scoutet.

Darüber hinaus aber ist die Nachwuchsarbeit in München ebenso wie die Altenpflege vorbildlich. Der aktuelle Primat ist zwar einer exzellenten Arbeit des Managements geschuldet, aber auch haarsträubendem Missmanagement vieler Konkurrenten. Ihrem Wiederaufstieg stehen neue Tyrannen wie RB Leipzig im Wege, die wie in der durchlässigen Magna Graecia das Zeug zur Tyrannis hätten – sofern sie Härte mit Klugheit verbinden. Dass dem FCB einst sein Olympiastadion geschenkt wurde, ist zwar eine Verschwörungstheorie. Doch da den Emporkömmlingen Hoffenheim und Leipzig für ihre Tempel kaum Mehrkosten entstehen, ist ein Aufschließen zumindest denkbar.

Was Finanziers wie Red Bull bislang indes fehlt, ist eine Medienmacht, um die Tyrannis öffentlich zu legitimieren. Lattek, Strunz, Scholl, Kahn, Basler, Matthäus – der FC Bayern hat sein Personal so gut platziert, dass er stets im Gespräch ist. Selbst der irrelevante Beckenbauer-Cup wird übertragen. Es ist schlicht kein Entrinnen vor der Übermacht dieser Tyrannis. Was aber folgt aus dem Recht zum Widerstand, wie sie die UN-Menschenrechtscharta anerkennt? Von Salary Caps und Drafts amerikanischer Profiligen bis zur Hoffnung, der Bayerndusel könnte in Playoffs kurz pausieren, ist alles denkbar, aber unrealistisch. Zumal der erklärte Gegner des 50+1-Modells gegen all dies sein Veto einlegen würde.

So gibt es nur eine Chance, Münchens Titel-Abo aufzukündigen: Boykott. Geht nicht hin, wenn Bayern kommt! Und falls doch, schweigt die Farce tot, nehmt ihr die Atmosphäre! Denn wie PSG in Frankreich ist Bayern für Deutschland das Böse des Fußballs, sein Richter, Henker, Leichenfledderer. Die gestrige Pokalniederlage war da nur der absolute Ausnahmefall einer immerwährenden Machtdemonstration, die der 7. Meisterschaft in Folge gewiss nicht im Wege steht. Dann unterm Trainer Kovac. Den hat München vorm Finale aus Frankfurt geholt. Seither herrschte Zwietracht bei der Eintracht. Die Tyrannen der Antike wären angetan.


Gewinnspiel: Panini & Fallrückzieher

freitagsmedien-Gewinnspiel

Die Fußball-WM findet in einer Diktatur statt und drumherum ist es auch nicht viel besser, aber hey – Panini sammeln geht trotzdem. Und wie bei jedem Turnier veranstalten die freitagsmedien wieder ein Gewinnspiel. Wer folgende Frage beantwortet und etwas Los-Glück hat, kriegt eines von sieben Alben mit je zehn Tüten:

In welchem Jahr erzielte der legendäre Juve-Spieler Carlo Parola jenen Fallrückzieher, der auf Cover und Päckchen von Panini zu sehen ist?

Antwort bitte per eMail an janfreitag@gmx.net

Endergebnis

So, nach reger Beteiligung beim Gewinnspiel und allen Ernstes sogar einer falschen Antwort (lieber Mikosch B. aus Herne), wurden die Sieger*innen heute im Beisein eines unabhängigen Beobachters (Clemens M. aus Hamburg) gezogen. Die richtige Antwort lautete natürlich 1950. Von einem Teilnehmer gab es die Erkenntnis, der Ball sei gar nicht im Tor gelandet als Gimmick hinzu, weshalb er doppelt im Lostopf gelandet ist und hier sind die glückseligen Gewinnenden:

Emily P. aus Gera

Lothar G. aus Hamburg

Jennifer K. aus Hamburg

Raymond A. aus München

Jens A. aus Pinneberg

Moritz T. aus Hamburg

Raissa G. aus Berlin

Herzlichen Glückwunsch, die Alben gehen euch schnellstmöglich per Post zu


Fußballfanrivalitäten: HSV & St. Pauli

HSt.Vauli

HSV-Fans brauchen seit vielen Jahren vor allem eines, davon aber mehr als reichlich: Leidensfähigkeit. Umso erstaunlicher, dass die im Volksparkstadion schier nicht zu versiegen scheint. Und weil das fast die einzige Gemeinsamkeit mit Anhängern des FC St. Pauli ist, scheint es nahezu unmöglich, beide Clubs gleichermaßen zu mögen. Oder? Unser Autor versucht es dennoch. Heimlich. Bis jetzt.

Von Jan Freitag

Die Hamburger Morgenpost hat ihre Leser vor Urzeiten, als der HSV und St. Pauli kurz in derselben, also ersten Bundesliga spielten, mal irritierend sachlich in den April geschickt. Beide Clubs, titelte das Boulevardblatt, sollen zum FC St. Hamburg fusionieren. Nette Idee, große Wirkung: Das Publikum reagierte so geschockt auf die Ente, dass man sich kaum vorstellen mag, wie es im Zeitalter des digitalen Shitstorms ausgerastet wäre. Womöglich hätten Geschäftsstellen gebrannt. Mindestens.

Mir jedenfalls spritzte im Glauben an die publizistische Seriosität meiner Morgenlektüre fast der Kaffee aus dem Mund. Allerdings weniger, weil die beiden Erbfeinde unvereinbarer sind als Schampus mit Astra. Nein, mir wären gleich zwei Objekte meiner Zuneigung abhanden gekommen. Denn hiermit erkläre ich feierlich: Seit der FC St. Pauli von 1910 e.V. 78 Jahre nach seiner Gründung mit wehenden Piratenfahnen mehrheitlich linker Fans in die Beletage des mehrheitlich von rechts angefeuerten Nationalsports aufgestiegen ist, bin ich ihm verfallen. Da ich den vorherigen Teil meiner Jugend jedoch eng an der Seite des HSV verbracht hatte, mag mein Herz noch so braunweiß sein; ein schwarweißblaues Eckchen darin lässt sich partout nicht umfärben.

Für Menschen ohne Fußballsachverstand muss man dazu sagen: Solche Zuneigungsemulsionen sind auf diesem Ersatzschlachtfeld der postheroischen Gesellschaft nicht vorgesehen. Zwei so ungleichen Clubs auf engstem Raum anzuhängen, erscheint da noch absurder als ein FDP-Senator im Vorstand der Grünen. Und damit sind auch die Stadtrivalen akkurat umschrieben: Hier das aristokratische Handelskonsortium, dessen notorischer Abstiegskampf zur elitären DNA passt wie Altöl ins Watt, also Null. Dort der basisdemokratische Weltladen, dessen notorischer Abstiegskampf zur alternativen DNA passt wie Zahnärzte nach Pöseldorf, also prima.

HSV und St. Pauli, das sind folglich nicht nur verschiedene Ligen, sondern Sportarten, ach was: Aggregatszustände. So weit die Theorie. Praktisch jedoch gibt es etwas, das die Antipoden am Ende eint, eine Art emotionaler Kern, den Liebhaber beider Clubs unwissentlich teilen. Außenstehende könnten ihn als Masochismus missverstehen, ich nenne es: Leidensfähigkeit. Diese Art autoempathischer Gemütsregung kommt dem Wesen nach nicht erst zum Einsatz, wenn sein Adressat (z.B. Bayern) zwei Punkte verliert oder (z.B. Stuttgart) drei Fehlpässe spielt, sondern wenn beides zum Markenkern der Mannschaft zählt.

Der HSV etwa wartet seit 1987 auf Titel von Belang. Stets waren 19 der 20 Bedingungen von Nachwuchs bis Führung für Schalen oder Pötte weiter vom Tabellendritten der ewigen Bundesligatabelle entfernt als RB Leipzig vom financial fair play. Bis auf eine: Obwohl der Verein allein in diesem Jahrzehnt 13 Trainer verheizt hat, um dafür den Relegationsplatz zu abonnieren, sind die 57.000 Plätze des Volksparkstadions meist vollständig mit Menschen besetzt, die selbst dann bis zur Selbstaufgabe treu sind, wenn der megaloman kalkulierte Kader versagt. Dabei ist der Ex-Europapokalsieger so zum Peinlichkeitssynonym  mutiert, dass kaum ein Bericht über die Peinlichkeiten anderer noch ohne Verweis auf den HSV auskommt.

Umso erstaunlicher, mit welcher Opferbereitschaft seine Fans im Feindesland St. Pauli am Tresen meiner Stammkneipe namens Otzentreff hocken und den Spott der Exilkölner erdulden. Während die bei der Sky-Konferenz ihren FC auf großer Leinwand feiern, kriecht der Fanclub „Braunweiße Raute“ still ins Eck, wo ihr HSV auf halber Größe läuft. Ohne Ton. Diese Demut zeigt mir: Ich bin nicht allein. Wobei mir das Rückgrat fehlt, dazu zu stehen. Das aber hätten seine echten Anhänger schon verdient, weil die Saison nach dem Pokal-Aus in der Provinz nach einem Punkt aus neun Spielen längst die gewohnte Richtung einschlägt, begleitet von landesweiter Häme. Doch die Fans? Kommen wieder, hoffen weiter, leiden weiter, kommen wieder.

Von so viel kritischer Duldsamkeit können Hertha, Hannover, Hoffenheim nur träumen, von Wolfsburg ganz zu schweigen. Das VW-Mündel bekam seine Arena ja selbst im Meisterjahr 2009 selten voll. Die Mietbesucher in Leipzig möchte ich mal erleben, wenn ihr Dosenteam drei Spiele am Stück verliert. Und hat einer das Pfeifkonzert auf Schalke im Ohr, falls auch nur eine Halbzeit missrät? Womit wir auf St. Pauli wären. Nach 11 Punkten hätte nirgendwo sonst ein Trainer die Winterpause erlebt. Ewald Lienen aber erntete so lückenlos Zuspruch, dass er sein Team zur besten Rückrunde ever trieb. Wer dagegen diese Saison das Gastspiel in Nürnberg sah, durfte erleben, wie das Heimpublikum beim völlig unverdienten 0:1 für technisch unterlegene, hingebungsvoll kämpfende Hamburger erst verstummte, dann klagte, bald pfiff, also das Gegenteil dessen tat, was Liebe ausmacht. In guten wie in schlechten Zeiten oder wie hieß das noch?

Im atheistischen Hamburg hält man offenbar mehr von Sakramenten als im deutschen Bibelgürtel. Dieser metaphysische Ansatz ist es auch, der viele Anhänger des kleinen Gernegroß HSV nach zwei Siegen von Champions League faseln lässt, während der große Gerneklein St. Pauli das Kapital auch dann zur Hölle wünscht, wenn es dem Verein die fünfthöchsten Merchandising-Einkünfte aller Bundesligisten beschert. Dazu passt es, dass sein ablösefreier Neuzugang Allagui unlängst randalierenden Kieler Fans vorm Anpfiff eine geklaute Fahne des eigenen Vereins entriss. So viel Empathie wird der Söldnergruppe HSV von Angestelltenseite eher selten zuteil. Doch immerhin deren Fans sind hingebungsvoll, fast wie Kinder: voller Flausen und Träume, himmelhochjauchzend oder zu Tode betrübt, in trotziger Liebe an ihre Eltern gekettet. Die lassen ihre Schützlinge ja auch mehr mitregieren als branchenüblich.

Umso gradliniger war es, was sich 2014 beim HSV ereignete. Als die „Chosen Few“ vom Feldzug des milliardenschweren Mäzens Kühne gegen ihre Mitbestimmung genug und in Erinnerung an die Keimzelle des Vereins den HFC Falke gründet hat, bewies die größte Ultra-Gruppe, was es heißt, echter Fan zu sein: Um jeden Preis – sofern er sich nicht ausschließlich in Geld bemisst. Wie bei St. Pauli. Na ja, fast…


Reisereportage: Kinderhotels & Dauerspaß

Nothing exclusive

Es war einmal, vor gefühlt 100 Jahren, da fuhr die Familie sommers ans Meer, wo Eltern ihre Kinder morgens in den Sand setzten und abends herausholten – fertig war das perfekte Ferien-Entertainment, im Winter gegebenenfalls ergänzt um zwei Wochen Berge mit Pistenspaß von früh bis spät. Wer heute mit Nachwuchs reist, erwartet mehr vom Urlaubsort als gutes Wetter – besonders, in der Nebensaison, wenn das Wetter wackelt. Und die Urlaubsorte liefern. Ein Streifzug in fünf Stichworten durch die all-inclusive-Welt der Badeparadiese, Streichelzoos und Spielplatzvillen von fünf ausgewählten Kinderhotels.

Von Jan Freitag

Feldberger Hof

Angebot: Im Herbst eröffnet, ist die „Fundorena“ eine dreistöckige Mehrzweckhallenversion moderner Indoor-Maximalbespaßung auf 4000m² mit Trampolinwelt, Kletterpark, Plastikeisbahn, Dodgeballarena – für stolze sechs Millionen Euro ersetzt das hauseigene Angebot dank viel Adrenalin den Aufstieg zum angrenzenden Feldberg.

Nachfrage: Ideal für hyperaktive Stadtkids mit reichlich Restenergie und ihre Väter, die es der Couchpotato in sich noch mal richtig zeigen wollen (und besser gut unfallversichert sind).

Kirmesfaktor: Gering. Im Hotel gibt es zwar ein Multimedia-Center mit Air-Hockey, Kleinkino und Konsolengames. Das Ambiente ist aber eher sportlich als Las Vegas.

Elternasyl: Selten. Alles ist so radikal auf Kids zugeschnitten, dass Eltern nur im rustikalen Barbereich ab 22 Uhr unter sich sein können. Dafür gibt’s beim Abendessen Alkohol for free.

Go? In schneeloser Zeit die Chance, Baden-Württembergs bestes Skigebiet ohne Outdoor-Zwang zu besuchen – sofern man Gelenke aus Gummi hat oder keine Angst vor gar nichts.

Go! Zwei Erwachsene im Familienzimmer mit Zustellbett, ab ca. 200 Euro pro Nacht all inclusive. Dr. Pilet Spur 1, 79686 Feldberg https://www.feldberger-hof.de

Grandhotel Heiligendamm

Angebot: Was sich Grandhotel nennt, belässt es für die Kleinsten der Größten natürlich nicht bei Baumhaus plus Spielecke; da muss es schon eine „Kindervilla“ sein. Edles Material, viel Holz, Wandgemälde, Mini-Saloon für Kids im 1. Stock, Lounge-Atmo für Teens im 2., alles wertig (Holz), vieles Hightech (PS4), stets betreut – nichts für den Pöbel.

Nachfrage: Ideal für standesbewusste Eltern mit hohem Separationsbedarf, denen das Kind unter zwölf in deren Zimmer 50 Euro extra, also ein Bruchteil vom Gesamtpreis, wert ist.

Kirmesfaktor: Null. Die Kindervilla unterscheidet sich ästhetisch nur graduell vom eierschalenfarben barocken Grundton der Fünf Sterne Deluxe ringsum. Es blinkt allenfalls die PS4

Elternasyl: Praktisch überall. Das Grandhotel ist dank diverser Freizeitangebote zwar ausgewiesen familienaffin, allerdings in großer Sicht- und Hörweite zum G8-Gipfelort 2007

Go? Wer sich Nachwuchs auch aus dynastischen Gründen anschafft, kann sie hier von fachkundiger Hand sorgsam aufs Distinktionsbedürfnis von morgen vorbereiten lassen.

Go! Zwei Personen mit Zustellbett ab ca. 375 Euro die Nacht inkl. Frühstück. Prof.-Dr.-Vogel-Str. 6, 18209 Bad Doberan https://www.grandhotel-heiligendamm.de

Ulrichshof

Angebot: Der historische Bauernhof hat das Streichelzoo-Angebot vergleichbarer Häuser schon vor 20 Jahren um Pferde, Spaßbad, echte Kita ergänzt und seither über Autoscooter, Bogenschießen, Spielscheune, Kletterwand so stetig erweitert, dass seinem Nachwuchs besser Peilsender anheftet, wer ihn beim Abendessen wiedersehen will.

Nachfrage: Ideal für Ottonormalverbraucher mit durchschnittlich gefühlt fünf Kindern, Festanstellung im industriellen bis handwerklichen Mittelstand und großer Lärmresistenz.

Kirmesfaktor: Mittel. Das Angebot ist vorwiegend natürlicher, zum Teil gar tierischer Art in freier Wildbahn, all dies aber in so enormer Dichte, dass es dennoch vorm Auge flimmert.

Elternasyl: Einst allein die Lobby vorhanden, wo Eltern beim Rennen von zwei Dutzend Bobbycars abzuschalten versucht haben. Mittlerweile gibt es ein kinderfreies Beauty-SPA.

Go? Die Mutter aller Kinderhotels wächst so in alle Richtungen des Entertainments, dass jedes Familienmitglied bestens versorgt wird. Und die Bobbycar-Rennbahn ist nun unter Tage.

Go! Midi-Appartement für zwei Erwachsene mit Kind ab ca. 300 Euro mit Vollpension, Arrangements pro Nacht deutlich günstiger. Zettisch 42, 93485 Rimbach http://www.ulrichshof.com

Center Parcs Bispingen

Angebot: Im grünbeigen Neunzigerstil gehalten bietet der Hotelpark konzentrierte Daueraction für alle, denen Momente der Ruhe irgendwie suspekt sind. Umgeben von einem Mischwald, in dem von Pfeil über Ball bis Infrarot überall geschossen wird, befindet sich eine Art Raumstation mit Gastronomie, Daddelhalle, Sport Center und der Wasserwelt Aqua Mundo.

Nachfrage: Ideal für RTL2-Fans mit Zappelphilippsyndrom, denen ein Bungalow im Birkenhain ausreicht, um sich sogar im permanenten Spaßfeuerwerk irgendwie naturnah zu fühlen.

Kirmesfaktor: Im Herzen gewaltig, ringsum gering. Nicht umsonst denkt fast jeder, der vom Center Parcs hört, an eine gigantische Spielzeugwelt unter riesiger Glaskuppel im Dschungel.

Elternasyl: Im Grunde nur auf den gemütlichen Hausbooten im parkeigenen See. Ansonsten herrscht selbst unter dichten Blätterdach permanente Unrast und Spaßverpflichtung.

Go? Die perfekte Illusion großstädtischen Urlaubs im Grünen. Kinder drehen 24/7 permanent durch vor Glück, was allerdings teuer wird – bis aufs Spaßbad kostet fast alles extra.

Go! Pro Nacht im Hausboot für vier Personen bei Selbstversorgung ab ca. 200 Euro. Töpinger Straße 69, 29646 Bispingen http://www.centerparcs.de

Kulturinsel Einsiedel

Angebot: Deutschlands angeblich 1. Baumhaushotel am östlichsten Punkt der Republik mit neun Appartements in maximal zehn Metern Höhe, alle in liebevoller Handarbeit gefertigt und umgeben von einer abenteuerlichen Fantasy-Welt voller Holzspielzeuge jeder Größenordnung, die zudem großflächig untertunnelt und natürlich überwaldet ist.

Nachfrage: Weil Elektrizität ebenso rar ist wie Plastik oder alles aus Nullen und Einsen, ideal für Smombies beim Multimedia-Fasten oder kompromisslose Einsiedler auf Höhlenurlaub.

Kirmesfaktor: Mangels Stromzufuhr aktuell im Minusbereich.

Elternasyl: Da hier jeder Strauch, jeder Stamm, jedes Stück Holz Teil des Gesamtkonzepts ist, Fehlanzeige. Es sei denn, die Erwachsenen spazieren ohne Kinder zur angrenzenden Neiße.

Go? Heute einfach nur schön, könnten Freizeitparks in naher Zukunft, wenn künstliche Ressourcen aufgebraucht sind und der Klimawandel vollzogen ist, ungefähr so aussehen.

Go! Für 4 Personen im Baumhaus ab 230 Euro die Nacht inkl. Parkeintritt. Frühstück oder Halbpension extra. Kulturinsel Einsiedel 1, 02829 Neißeaue http://www.kulturinsel.com


Schwäbische Alb: Steinzeithöhlen & Welterbe

Die Höhlenkunsterben

Die Schwäbische Alb ist von Höhlen durchlöchert. Weil sie Frühmenschen bereits vor Hunderttausenden von Jahren Schutz und Muße boten, fanden sich in sechs davon die ältesten Kunstwerke der Welt. Jetzt hat sie die UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt. Für die Gegenwart ändern das vermutlich alles. Und nichts.

Von Jan Freitag

Wahre Größe kann bisweilen ganz schön winzig sein. Während ihre Kollegen drei Meter unter Sarah Rudolf behutsam den Staub des Winters vom Einsatzort fegen, führt die Archäologin Daumen und Zeigefinger zusammen, bis kaum ein Zentimeter Luft dazwischen bleibt. So klitzeklein also sollen sie sein: die spannendsten Artefakte an einem der zurzeit aufregendsten Fundorte menschlicher Artefakte weltweit.

„Hohle Fels“ heißt die außergewöhnliche Karsthöhle; sie liegt auf der Schwäbischen Alb, auf der es von außergewöhnlichen Höhlen nur so wimmelt. Einen ellenlangen Löwenmenschen aus Elfenbein hat man hier gefunden, das älteste bislang bekannte Musikinstrument – eine Flöte aus Gänsegeierknochen – und die „Venus vom Hohle Fels“, ein Fruchtbarkeitssymbol und eine der ältesten Abbildungen des menschlichen Körpers, benannt nach ihrem Fundort. Inmitten der unwirtlichen Würm-Kaltzeit, vor rund 40 000 Jahren, nahm es Homo Sapiens hier mit übermächtigen Gegnern auf: Mammuts, Bären, der angrenzenden Gletscherfront. Allesamt riesig. Allesamt nur mit grobem Werkzeug bezwingbar. Allesamt auch für Sarah Rudolf faszinierend – und hilfreich bei der Suche nach dem kulturellen Ursprung ihrer eigenen Spezies.

Zu Sarah Rudolfs Füßen, am Ende des Eingangstunnels der Hohle-Fels-Höhle, wurde die Venus gefunden. Dort also, wo Rudolfs Team nun bei konstanten acht Grad und drückender Luftfeuchtigkeit den nächsten Sensationsfund zu machen hofft. Die Grabungsleiterin wirkt sichtlich bewegt, wenn sie vom Sommer 2008 erzählt. Kein Wunder. Als Teenager im Praktikum war sie selber dabei, als sich das Figurenpuzzle der Venus im Lehm offenbarte. Und trotzdem haben es der Grabungstechnikerin vom Ur- und Frühgeschichtlichen Institut Tübingen nicht so sehr die spektakulären, aber doch singulären Reste eiszeitlicher Besiedlung der Alb angetan. „Die wirklich wunderbaren Funde sind am Ende viel kleiner“, sagt sie. Doppelt durchlochte Perlen nämlich. Fingernagelkurzes Kunsthandwerk aus der Aurignacien genannten Epoche im europäischen Jungpaläolithikum, einer Zeit also, die hier auf der Alb auf die Zeit zwischen 43 000 und 34 000 Jahre vor Christus datiert. Sicher, sagt die Mittzwanzigerin mit der Erfahrung aus zehn Jahren Forschung vor Ort, optisch sei so ein Kleinod weniger beeindruckend als die weltberühmte Venus. Aber der Elfenbeinschmuck zeuge halt noch ein bisschen mehr von Liebe zum Detail. „Das ist echt einzigartig.“

Allein im Hohle Fels fanden sich seit der ersten kundigen Grabung in der Höhle vor 147 Jahren mindestens 126 dieser unscheinbaren Preziosen einer Epoche, in der lange nur dumpfe Keulenschwinger vermutet wurden. Ohne Sinn für irgendetwas abseits vom reinen Arterhalt. So dachte man, als Archäologen noch mit Spitzhacke statt Pinsel zu Werke gingen. Die Funde von der Alb halfen verstehen: Diese Menschen besaßen ein Gefühl für das Schöne im Leben, trotz ihres alltäglichen Überlebenskampfes.

Seit kurzem gräbt, besser: tastet sich Sarah Rudolfs Team wie jedes Jahr ab Mitte Juni wieder Millimeter für Millimeter durch den Hohle Fels. Direkt über die Köpfe der Forscher hinweg drängelt eine Schulklasse auf dem stählernen Besuchersteg ins Innere der Höhle, die aus Sicht der Besucher gewiss eine der schönsten der ganzen Alb ist – majestätisch, verzweigt und ganz wichtig: für jedermann frei zugänglich. Aus Sicht der Archäologen ist sie vor allem ungeheuer ergiebig. So sehr, dass die Unesco den Hohle Fels gemeinsam mit fünf benachbarten Höhlen gerade zum Weltkulturerbe gekürt hat. Schließlich wurden allein im kleinen Vorraum schubkarrenweise paläolithische Fundstücke entdeckt.

Als die Donau ihren Lauf gegen Ende der letzten Eiszeit südostwärts verlagerte, hinterließ sie der Alb mit Ach, Blau und Lone drei Flüsschen, die heute selbst während der alljährlichen Schneeschmelze nur geruhsam durchs alte Bett des Stroms mäandern. Umso mehr prägen sie eine Landschaft von unvergleichlichem Liebreiz. Dank der sanft gewellten Topografie sind die bewaldeten Täler ideal zum Wandern. Vor 150 Millionen Jahren war hier ein warmes Meer; der Kalkstein, der aus den maritimen Ablagerungen entstand, wurde stellenweise vom Wasser der Donau ausgewaschen – so entstand eine Vielzahl von Höhlen. Geschätzt gibt es auf der Alb an die 2300. Und weil so manche davon den Nomaden der früheren Savanne als Unterkunft dienten, ist die Alb eine der ergiebigsten Quellen frühmenschlichen Kunstsinns überhaupt.

Johannes Wiedmann kann kaum zählen, wie oft er bereits hinein getaucht ist. Seit seinem Magister in Archäologie an der Uni Tübingen durchmisst der 59-Jährige die Höhlen seiner Heimat nach den Spuren der Jüngeren Altsteinzeit. Und ganz gleich ob Hohle Fels, Sirgenstein, Vogelherd [Archäologen und Prospekte etc. lassen das -Höhle hinter Sirgenstein etc. meist weg] oder wie die Weltkulturerbe-Kandidaten auch heißen: Er kennt darin jeden Winkel, jede Besonderheit, jedes Fundstück, das die Unesco-Juroren aus 25 Ländern bis Ende dieser Woche überzeugen soll. Und doch ist der Ausgrabungsveteran immer wieder aufs Neue fasziniert, wenn er die Fundorte besucht.

Nur Vögel und der Föhnwind sind im beschaulichen Lonetal zu hören, als Johannes Wiedmann zur Bocksteinhöhle aufsteigt. Der schmale, steile Weg, der durch einen Mischwald führt, ist schwer zu erkennen, kein Schild weist nach oben – der forschungsgeschichtlich bedeutsame Ort ist ohne Ortskenntnis kaum zu finden. Als einst Neandertaler hier Unterschlupf fanden, sei die Höhle viel besser einsehbar gewesen, sagt der Archäologe. In der baumlosen Steppe wuchs nur Gras. Die Zugänge zu vielen der Höhlen wurden im Laufe der Jahrtausende durch herab rutschendes Geröll verschüttet. Auch der Bockstein war Ende des 19. Jahrhunderts augenscheinlich nur ein Berg wie jeder andere. Und er wäre es ohne ein paar Berufsgruppen auf Abwegen wohl noch lange geblieben. „Wer außer Förstern war denn damals im Wald unterwegs?“, fragt Wiedmann und antwortet selbst: „Lehrer, Pfarrer, Apotheker.“

Denen also ist es zu verdanken, dass die Alb 100 000 Jahre nach der Besiedlung nun zum paläolithischen Erlebnispark werden könnte. Noch besuchen ihn abgesehen von Archäologie-Fans vor allem Schüler und Senioren. Mit der Auszeichnung durch die Unesco allerdings, so hofft man hier, werden vielleicht auch andere Besuchergruppen angezogen. „Wir wollen kein Remmidemmi“, beteuert Stefanie Kölbl vom Urgeschichtlichen Museum in Blaubeuren, wo neben Myriaden einzigartiger Artefakte der Region auch die Venus vom Hohle Fels ausgestellt ist. „Aber die Höhlen müssen schon noch besser zugänglich werden.“ Ein ganz gewöhnlicher Frühsommertag zeigt, wie viel da noch zu tun ist.

Am „Goissaklöschterle“ zum Beispiel, wie Johannes Wiedmann eine der Höhlen im schönsten Heimatidiom nennt, genießt trotz strahlender Sonne kein Besucher weit und breit die Aussicht. Als sich vor Urzeiten irgendwer die Mühe machte, dem harten Stoßzahn des Mammuts eine Flöte von betörendem Klang abzutrotzen, statt dafür wie damals üblich Vogelknochen zu benutzen, muss der Blick des Künstlers durchs gleiche Felsenloch ins Achtal gegangen sein wie heute. Der Anstieg dorthin ist indes auch 40 000 Jahre später beschwerlich. Wenn das Geißenklösterle Weltkulturerbe wird, soll der steile Weg hinauf zwar komfortabler werden. Doch dass Barrierefreiheit im Jahr 2017 nicht automatisch freie Zugänglichkeit mit sich bringt, kann man ein Tal weiter am Vogelherd begutachten. Auf Landstraßenhöhe gelegen, ist der archäologisch reichhaltige Höhlenkomplex im benachbarten Lonetal rein topografisch gut erreichbar – allerdings nur durchs Besucherzentrum des neuen Archäo-Parks. Gegen Eintritt, versteht sich. „Museumspädagogisch ist das natürlich vorbildlich gemacht“, räumt Johannes Wiedmann ein. Aber man hört seinem Tonfall schon an, dass dem Forscher in ihm der Zaun um die Fundstelle herum ein Dorn im Auge ist.

Wo weiter geforscht wird, das weiß auch Wiedmann, seien Gitter unentbehrlich. „Als im Stadel noch keins war, sind Leute mit Tüten voller Elfenbein rausgegangen“. Was archäologisch ausgeschlachtet ist, solle dagegen unversperrt bleiben wie eh und je. „Das verlangt ja auch die Unesco.“ Doch ganz gleich ob Geopark oder Szeneviertel, historische Altstadt oder Schwäbische Alb: Eine Sehenswürdigkeit für Allgemeinheit wie Anwohner gleichermaßen nutzbar – also am Ende auch profitabel – zu machen, ist stets eine Gratwanderung. Im Hohle Fels kann man sie förmlich mit den eigenen Füßen ertasten: Direkt über Sarah Rudolfs Grabungsteam führt eine Metallbrücke von der aktuellen Grabungsstelle zur archäologisch uninteressanten Haupthalle.

Winters zum Schutz der Fledermäuse gesperrt, tobt hier sommers das Leben neuzeitlicher Freizeitgestaltung. Orchester genießen die Akustik, Gäste die Atmosphäre. Es herrscht zwar noch kein Remmidemmi, aber wenn die Unesco den Zuschlag gibt, entsteht auf dem Parkplatz wohl ein hochmodernes Kulturerbe-Zentrum. Als eine Schulklasse von dort bergeinwärts lärmt, lächelt Sarah Rudolf daher, nennen wir es mal: professionell. „Es ist natürlich schon manchmal nervig, wenn dauernd Leute über unsere Köpfe laufen“, räumt sie ein. Aber Archäologie sei nun mal für alle, „nicht nur für uns.“

Also wird weiter unter Beobachtung gegraben, diesmal vom Aurignacien zurück zum Mittelpaläolithikum, stets in der Hoffnung, auf Kunstgegenstände zu stoßen, die noch älter sind als die bekannten. Und wenn es klappt? Freut sich Sarah Rudolf wie immer über beides: die Funde der Forscher und das Interesse der Menschen. Dann blickt sie wieder auf ihren wasserdichten Computer und vermisst das Sediment, während unter ihr fleißig Sandsäcke abgefegt werden. Es soll ja, die Grabungsleiterin lächelt, „schon auch gut aussehen hier“.

 

INFO Schwäbische Alb

Anreise: Mit dem Zug ab München oder Hamburg über Ulm nach Blaubeuren ab 35 Euro.

Unterkunft: Hotel-Restaurant Ochsen, Marktstraße 4, 89143 Blaubeuren, 07344/969 89-0,

info@ochsen-blaubeuren.de, Preise ab 69/89 Euro im Einzel/Doppelzimmer

Info Geopark Schwäbische Alb: Bis auf den Vogelherd sind die sechs Höhlen im Ach- und Lonetal ganzjährig zugänglich. Zum Schutz der Federmäuse bleibt nur der Hohle Fels von November bis April geschlossen. Steinzeitliche Originalfunde lagern im Museum Ulm (www.ulm.de) und Urgeschichtlichen Museum Blaubeuren (www.urmu.de). Letzteres bietet auch diverse archäologische Workshops und geführte Höhlentouren an. Von Weitere Infos unter www.kultursprung.de