FC Bayern: Tyrannei & Wahnsinn

Die Bayerannei

Politisch mag Deutschland eine vergleichsweise rechtsstaatliche Demokratie sein. Im Sport hingegen ersetzt ein Verein spätestens seit der Wiedervereinigung konsequent die Herrschaft des Rechts durch das Recht der Herrschaft. Und daran ändert gewiss auch ein mieser Tag im Pokalfinale wenig.

Von Jan Freitag

Die Tyrannei, laut Duden ein antiker Begriff für Schreckens-, Gewalt- und Willkürherrschaft, beschreibt vormoderne Zeiten. Mitunter entflammen sie zwar aufs Neue; bei uns aber sind sie seit der Wende passé, politisch. Sportlich indes baute ein Imperium seine Vormacht nach dem Mauerfall zu etwas aus, das der spätere US-Präsident James Madison vor 230 Jahren mit der Ballung von Legislative, Exekutive, Judikative in einer Hand umschrieb, ob erblich, selbsternannt oder gewählt. Deutschland hat also doch einen Tyrannen, der die Herrschaft des Rechts durchs Recht der Herrschaft ersetzt, und nein, Herr Gauland, es ist nicht Frau Merkel.

Es ist der FC Bayern.

Um den Shitstorm vorsorglich im Klärwerk der Besänftigung zu filtern: wir reden hier von Fußball. Und der bewegt zwar die Massen, aber nur selten den Erdball. Hierzulande aber zeigt die Kapitalgesellschaft aus München trotz der gestrigen Pokalfinalniederlage gegen Eintracht Frankfurt, wie schreckensgewaltwillkürlich ihre Herrschaft ist. So allumfassend und absolut nämlich, das die Süddeutsche Zeitung derst kürzlich eine Vizemeisterschale für die 17 Restplatzierten der Ersten Fußballbundesliga vorgeschlagen hat. Und zwar völlig zu recht. Klingt fatalistisch, feige, larmoyant? Einige Zahlen.

Der Marktwert des FCB wächst gen zwei Milliarden Euro, ein Vielfaches kleiner Vereine, deren Etat nicht mal Bayerns Jahresumsatz in der Champions League erreicht. Da Sponsoren wie Audi an der Säbener Straße Anteilseigner sind, ist die Allianz-Arena abbezahlt, der Kader mit 779 Millionen Euro doppelt so teuer wie der des Vize BVB und ein Transfersaldo von minus 84 Millionen schon deshalb egal, weil sich der Verkaufswert jedes Neu-Münchners bei Vertragsunterzeichnung maximiert. Seit es drei Punkte pro Sieg gibt, hat der Platzhirsch 15 von 23 Meisterschaften geholt, allein seit der Ausweidung von Ex-Meister Dortmund mit 100 Punkten Vorsprung. Im Schnitt 17 pro Titel.

Da ist auch der einzige Verein, dessen Etat wenigstens noch die Hälfte der Bayern erreicht, ratlos. Fehler könnten die Dominanz zwar stören, glaubt BVB-Präsident Watzke, „aber das wird nicht passieren“. Zu brutal dominiert Manager Hoeneß den Markt, zu absolut beherrscht Clubchef Rummenigge das Metier, zu mafiös ist ihr Machiavellismus. Plombo o Plata. Mit gezielter Kaderentleerung wie in Gestalt von Hummels, Götze, Lewandowski hält er das Bürgertum gefügig, mit wohlfeilen Benefizkicks den Pöbel. Brot und Spiele.

Wie in der Antike hält sich der FC Söldner, die er anders als im Profisport üblich nicht nur vertikal erwirbt, sondern horizontal. Kurzzeitig konkurrenzfähigen Clubs von Stuttgart (Gómez, Elber, Thiam) über Leverkusen (Ballack, Kovac, Zé Roberto, Lucio) bis Werder (Basler, Klose, Ismael, Herzog, Pizarro, Frings, Borowski) wurden stets Schlüsselspieler abgekauft, sobald die Schlacht im Stellungskrieg feststeckte. Ähnlich der syrakusischen Tyrannis vor fast 3000 Jahren erhält das gekaufte Heer zudem volles Bürgerrecht und wird Teil eines Stamms, den neben Tracht und Riten auch die Treue kennzeichnet. Der letzte Krieger, den der bayerische Tyrann unfreiwillig abgab, war Christian Nerlinger. 1989!

Wie einst die Wittelsbacher Mittelmacht ist Bayern zwar stark genug, Kleinstaaten anzugreifen, aber zu schwach, um es mit Großmächten aufzunehmen. Dass Toni Kroos 2014 zu Real ging, war auf dem einträchtigen Weg zur europäischen Clubliga dennoch die Ausnahme. Krieg den Hütten, Friede den Palästen. Fürs Konto mag das allerdings lukrativ sein. Doch die Spannung, ätzte der Spiegel übers deutsche Einerlei, gleiche zusehends dem Zirkus Maximus: Christen vs. Löwen. Dem Verlierer bleibt da nur, sich vorm Tribun in den Staub zu werfen, also Gelbsperren gegen München abzusitzen und zu hoffen, dass dort kein Interesse am eigenen Personal entsteht. Zu blöd, dass Bayern sich wie attische Tyrannen schon die Jugend gefügig macht und bundesweit schon Kinder scoutet.

Darüber hinaus aber ist die Nachwuchsarbeit in München ebenso wie die Altenpflege vorbildlich. Der aktuelle Primat ist zwar einer exzellenten Arbeit des Managements geschuldet, aber auch haarsträubendem Missmanagement vieler Konkurrenten. Ihrem Wiederaufstieg stehen neue Tyrannen wie RB Leipzig im Wege, die wie in der durchlässigen Magna Graecia das Zeug zur Tyrannis hätten – sofern sie Härte mit Klugheit verbinden. Dass dem FCB einst sein Olympiastadion geschenkt wurde, ist zwar eine Verschwörungstheorie. Doch da den Emporkömmlingen Hoffenheim und Leipzig für ihre Tempel kaum Mehrkosten entstehen, ist ein Aufschließen zumindest denkbar.

Was Finanziers wie Red Bull bislang indes fehlt, ist eine Medienmacht, um die Tyrannis öffentlich zu legitimieren. Lattek, Strunz, Scholl, Kahn, Basler, Matthäus – der FC Bayern hat sein Personal so gut platziert, dass er stets im Gespräch ist. Selbst der irrelevante Beckenbauer-Cup wird übertragen. Es ist schlicht kein Entrinnen vor der Übermacht dieser Tyrannis. Was aber folgt aus dem Recht zum Widerstand, wie sie die UN-Menschenrechtscharta anerkennt? Von Salary Caps und Drafts amerikanischer Profiligen bis zur Hoffnung, der Bayerndusel könnte in Playoffs kurz pausieren, ist alles denkbar, aber unrealistisch. Zumal der erklärte Gegner des 50+1-Modells gegen all dies sein Veto einlegen würde.

So gibt es nur eine Chance, Münchens Titel-Abo aufzukündigen: Boykott. Geht nicht hin, wenn Bayern kommt! Und falls doch, schweigt die Farce tot, nehmt ihr die Atmosphäre! Denn wie PSG in Frankreich ist Bayern für Deutschland das Böse des Fußballs, sein Richter, Henker, Leichenfledderer. Die gestrige Pokalniederlage war da nur der absolute Ausnahmefall einer immerwährenden Machtdemonstration, die der 7. Meisterschaft in Folge gewiss nicht im Wege steht. Dann unterm Trainer Kovac. Den hat München vorm Finale aus Frankfurt geholt. Seither herrschte Zwietracht bei der Eintracht. Die Tyrannen der Antike wären angetan.

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Gewinnspiel: Panini & Fallrückzieher

freitagsmedien-Gewinnspiel

Die Fußball-WM findet in einer Diktatur statt und drumherum ist es auch nicht viel besser, aber hey – Panini sammeln geht trotzdem. Und wie bei jedem Turnier veranstalten die freitagsmedien wieder ein Gewinnspiel. Wer folgende Frage beantwortet und etwas Los-Glück hat, kriegt eines von sieben Alben mit je zehn Tüten:

In welchem Jahr erzielte der legendäre Juve-Spieler Carlo Parola jenen Fallrückzieher, der auf Cover und Päckchen von Panini zu sehen ist?

Antwort bitte per eMail an janfreitag@gmx.net

Endergebnis

So, nach reger Beteiligung beim Gewinnspiel und allen Ernstes sogar einer falschen Antwort (lieber Mikosch B. aus Herne), wurden die Sieger*innen heute im Beisein eines unabhängigen Beobachters (Clemens M. aus Hamburg) gezogen. Die richtige Antwort lautete natürlich 1950. Von einem Teilnehmer gab es die Erkenntnis, der Ball sei gar nicht im Tor gelandet als Gimmick hinzu, weshalb er doppelt im Lostopf gelandet ist und hier sind die glückseligen Gewinnenden:

Emily P. aus Gera

Lothar G. aus Hamburg

Jennifer K. aus Hamburg

Raymond A. aus München

Jens A. aus Pinneberg

Moritz T. aus Hamburg

Raissa G. aus Berlin

Herzlichen Glückwunsch, die Alben gehen euch schnellstmöglich per Post zu


Fußballfanrivalitäten: HSV & St. Pauli

HSt.Vauli

HSV-Fans brauchen seit vielen Jahren vor allem eines, davon aber mehr als reichlich: Leidensfähigkeit. Umso erstaunlicher, dass die im Volksparkstadion schier nicht zu versiegen scheint. Und weil das fast die einzige Gemeinsamkeit mit Anhängern des FC St. Pauli ist, scheint es nahezu unmöglich, beide Clubs gleichermaßen zu mögen. Oder? Unser Autor versucht es dennoch. Heimlich. Bis jetzt.

Von Jan Freitag

Die Hamburger Morgenpost hat ihre Leser vor Urzeiten, als der HSV und St. Pauli kurz in derselben, also ersten Bundesliga spielten, mal irritierend sachlich in den April geschickt. Beide Clubs, titelte das Boulevardblatt, sollen zum FC St. Hamburg fusionieren. Nette Idee, große Wirkung: Das Publikum reagierte so geschockt auf die Ente, dass man sich kaum vorstellen mag, wie es im Zeitalter des digitalen Shitstorms ausgerastet wäre. Womöglich hätten Geschäftsstellen gebrannt. Mindestens.

Mir jedenfalls spritzte im Glauben an die publizistische Seriosität meiner Morgenlektüre fast der Kaffee aus dem Mund. Allerdings weniger, weil die beiden Erbfeinde unvereinbarer sind als Schampus mit Astra. Nein, mir wären gleich zwei Objekte meiner Zuneigung abhanden gekommen. Denn hiermit erkläre ich feierlich: Seit der FC St. Pauli von 1910 e.V. 78 Jahre nach seiner Gründung mit wehenden Piratenfahnen mehrheitlich linker Fans in die Beletage des mehrheitlich von rechts angefeuerten Nationalsports aufgestiegen ist, bin ich ihm verfallen. Da ich den vorherigen Teil meiner Jugend jedoch eng an der Seite des HSV verbracht hatte, mag mein Herz noch so braunweiß sein; ein schwarweißblaues Eckchen darin lässt sich partout nicht umfärben.

Für Menschen ohne Fußballsachverstand muss man dazu sagen: Solche Zuneigungsemulsionen sind auf diesem Ersatzschlachtfeld der postheroischen Gesellschaft nicht vorgesehen. Zwei so ungleichen Clubs auf engstem Raum anzuhängen, erscheint da noch absurder als ein FDP-Senator im Vorstand der Grünen. Und damit sind auch die Stadtrivalen akkurat umschrieben: Hier das aristokratische Handelskonsortium, dessen notorischer Abstiegskampf zur elitären DNA passt wie Altöl ins Watt, also Null. Dort der basisdemokratische Weltladen, dessen notorischer Abstiegskampf zur alternativen DNA passt wie Zahnärzte nach Pöseldorf, also prima.

HSV und St. Pauli, das sind folglich nicht nur verschiedene Ligen, sondern Sportarten, ach was: Aggregatszustände. So weit die Theorie. Praktisch jedoch gibt es etwas, das die Antipoden am Ende eint, eine Art emotionaler Kern, den Liebhaber beider Clubs unwissentlich teilen. Außenstehende könnten ihn als Masochismus missverstehen, ich nenne es: Leidensfähigkeit. Diese Art autoempathischer Gemütsregung kommt dem Wesen nach nicht erst zum Einsatz, wenn sein Adressat (z.B. Bayern) zwei Punkte verliert oder (z.B. Stuttgart) drei Fehlpässe spielt, sondern wenn beides zum Markenkern der Mannschaft zählt.

Der HSV etwa wartet seit 1987 auf Titel von Belang. Stets waren 19 der 20 Bedingungen von Nachwuchs bis Führung für Schalen oder Pötte weiter vom Tabellendritten der ewigen Bundesligatabelle entfernt als RB Leipzig vom financial fair play. Bis auf eine: Obwohl der Verein allein in diesem Jahrzehnt 13 Trainer verheizt hat, um dafür den Relegationsplatz zu abonnieren, sind die 57.000 Plätze des Volksparkstadions meist vollständig mit Menschen besetzt, die selbst dann bis zur Selbstaufgabe treu sind, wenn der megaloman kalkulierte Kader versagt. Dabei ist der Ex-Europapokalsieger so zum Peinlichkeitssynonym  mutiert, dass kaum ein Bericht über die Peinlichkeiten anderer noch ohne Verweis auf den HSV auskommt.

Umso erstaunlicher, mit welcher Opferbereitschaft seine Fans im Feindesland St. Pauli am Tresen meiner Stammkneipe namens Otzentreff hocken und den Spott der Exilkölner erdulden. Während die bei der Sky-Konferenz ihren FC auf großer Leinwand feiern, kriecht der Fanclub „Braunweiße Raute“ still ins Eck, wo ihr HSV auf halber Größe läuft. Ohne Ton. Diese Demut zeigt mir: Ich bin nicht allein. Wobei mir das Rückgrat fehlt, dazu zu stehen. Das aber hätten seine echten Anhänger schon verdient, weil die Saison nach dem Pokal-Aus in der Provinz nach einem Punkt aus neun Spielen längst die gewohnte Richtung einschlägt, begleitet von landesweiter Häme. Doch die Fans? Kommen wieder, hoffen weiter, leiden weiter, kommen wieder.

Von so viel kritischer Duldsamkeit können Hertha, Hannover, Hoffenheim nur träumen, von Wolfsburg ganz zu schweigen. Das VW-Mündel bekam seine Arena ja selbst im Meisterjahr 2009 selten voll. Die Mietbesucher in Leipzig möchte ich mal erleben, wenn ihr Dosenteam drei Spiele am Stück verliert. Und hat einer das Pfeifkonzert auf Schalke im Ohr, falls auch nur eine Halbzeit missrät? Womit wir auf St. Pauli wären. Nach 11 Punkten hätte nirgendwo sonst ein Trainer die Winterpause erlebt. Ewald Lienen aber erntete so lückenlos Zuspruch, dass er sein Team zur besten Rückrunde ever trieb. Wer dagegen diese Saison das Gastspiel in Nürnberg sah, durfte erleben, wie das Heimpublikum beim völlig unverdienten 0:1 für technisch unterlegene, hingebungsvoll kämpfende Hamburger erst verstummte, dann klagte, bald pfiff, also das Gegenteil dessen tat, was Liebe ausmacht. In guten wie in schlechten Zeiten oder wie hieß das noch?

Im atheistischen Hamburg hält man offenbar mehr von Sakramenten als im deutschen Bibelgürtel. Dieser metaphysische Ansatz ist es auch, der viele Anhänger des kleinen Gernegroß HSV nach zwei Siegen von Champions League faseln lässt, während der große Gerneklein St. Pauli das Kapital auch dann zur Hölle wünscht, wenn es dem Verein die fünfthöchsten Merchandising-Einkünfte aller Bundesligisten beschert. Dazu passt es, dass sein ablösefreier Neuzugang Allagui unlängst randalierenden Kieler Fans vorm Anpfiff eine geklaute Fahne des eigenen Vereins entriss. So viel Empathie wird der Söldnergruppe HSV von Angestelltenseite eher selten zuteil. Doch immerhin deren Fans sind hingebungsvoll, fast wie Kinder: voller Flausen und Träume, himmelhochjauchzend oder zu Tode betrübt, in trotziger Liebe an ihre Eltern gekettet. Die lassen ihre Schützlinge ja auch mehr mitregieren als branchenüblich.

Umso gradliniger war es, was sich 2014 beim HSV ereignete. Als die „Chosen Few“ vom Feldzug des milliardenschweren Mäzens Kühne gegen ihre Mitbestimmung genug und in Erinnerung an die Keimzelle des Vereins den HFC Falke gründet hat, bewies die größte Ultra-Gruppe, was es heißt, echter Fan zu sein: Um jeden Preis – sofern er sich nicht ausschließlich in Geld bemisst. Wie bei St. Pauli. Na ja, fast…


Reisereportage: Kinderhotels & Dauerspaß

Nothing exclusive

Es war einmal, vor gefühlt 100 Jahren, da fuhr die Familie sommers ans Meer, wo Eltern ihre Kinder morgens in den Sand setzten und abends herausholten – fertig war das perfekte Ferien-Entertainment, im Winter gegebenenfalls ergänzt um zwei Wochen Berge mit Pistenspaß von früh bis spät. Wer heute mit Nachwuchs reist, erwartet mehr vom Urlaubsort als gutes Wetter – besonders, in der Nebensaison, wenn das Wetter wackelt. Und die Urlaubsorte liefern. Ein Streifzug in fünf Stichworten durch die all-inclusive-Welt der Badeparadiese, Streichelzoos und Spielplatzvillen von fünf ausgewählten Kinderhotels.

Von Jan Freitag

Feldberger Hof

Angebot: Im Herbst eröffnet, ist die „Fundorena“ eine dreistöckige Mehrzweckhallenversion moderner Indoor-Maximalbespaßung auf 4000m² mit Trampolinwelt, Kletterpark, Plastikeisbahn, Dodgeballarena – für stolze sechs Millionen Euro ersetzt das hauseigene Angebot dank viel Adrenalin den Aufstieg zum angrenzenden Feldberg.

Nachfrage: Ideal für hyperaktive Stadtkids mit reichlich Restenergie und ihre Väter, die es der Couchpotato in sich noch mal richtig zeigen wollen (und besser gut unfallversichert sind).

Kirmesfaktor: Gering. Im Hotel gibt es zwar ein Multimedia-Center mit Air-Hockey, Kleinkino und Konsolengames. Das Ambiente ist aber eher sportlich als Las Vegas.

Elternasyl: Selten. Alles ist so radikal auf Kids zugeschnitten, dass Eltern nur im rustikalen Barbereich ab 22 Uhr unter sich sein können. Dafür gibt’s beim Abendessen Alkohol for free.

Go? In schneeloser Zeit die Chance, Baden-Württembergs bestes Skigebiet ohne Outdoor-Zwang zu besuchen – sofern man Gelenke aus Gummi hat oder keine Angst vor gar nichts.

Go! Zwei Erwachsene im Familienzimmer mit Zustellbett, ab ca. 200 Euro pro Nacht all inclusive. Dr. Pilet Spur 1, 79686 Feldberg https://www.feldberger-hof.de

Grandhotel Heiligendamm

Angebot: Was sich Grandhotel nennt, belässt es für die Kleinsten der Größten natürlich nicht bei Baumhaus plus Spielecke; da muss es schon eine „Kindervilla“ sein. Edles Material, viel Holz, Wandgemälde, Mini-Saloon für Kids im 1. Stock, Lounge-Atmo für Teens im 2., alles wertig (Holz), vieles Hightech (PS4), stets betreut – nichts für den Pöbel.

Nachfrage: Ideal für standesbewusste Eltern mit hohem Separationsbedarf, denen das Kind unter zwölf in deren Zimmer 50 Euro extra, also ein Bruchteil vom Gesamtpreis, wert ist.

Kirmesfaktor: Null. Die Kindervilla unterscheidet sich ästhetisch nur graduell vom eierschalenfarben barocken Grundton der Fünf Sterne Deluxe ringsum. Es blinkt allenfalls die PS4

Elternasyl: Praktisch überall. Das Grandhotel ist dank diverser Freizeitangebote zwar ausgewiesen familienaffin, allerdings in großer Sicht- und Hörweite zum G8-Gipfelort 2007

Go? Wer sich Nachwuchs auch aus dynastischen Gründen anschafft, kann sie hier von fachkundiger Hand sorgsam aufs Distinktionsbedürfnis von morgen vorbereiten lassen.

Go! Zwei Personen mit Zustellbett ab ca. 375 Euro die Nacht inkl. Frühstück. Prof.-Dr.-Vogel-Str. 6, 18209 Bad Doberan https://www.grandhotel-heiligendamm.de

Ulrichshof

Angebot: Der historische Bauernhof hat das Streichelzoo-Angebot vergleichbarer Häuser schon vor 20 Jahren um Pferde, Spaßbad, echte Kita ergänzt und seither über Autoscooter, Bogenschießen, Spielscheune, Kletterwand so stetig erweitert, dass seinem Nachwuchs besser Peilsender anheftet, wer ihn beim Abendessen wiedersehen will.

Nachfrage: Ideal für Ottonormalverbraucher mit durchschnittlich gefühlt fünf Kindern, Festanstellung im industriellen bis handwerklichen Mittelstand und großer Lärmresistenz.

Kirmesfaktor: Mittel. Das Angebot ist vorwiegend natürlicher, zum Teil gar tierischer Art in freier Wildbahn, all dies aber in so enormer Dichte, dass es dennoch vorm Auge flimmert.

Elternasyl: Einst allein die Lobby vorhanden, wo Eltern beim Rennen von zwei Dutzend Bobbycars abzuschalten versucht haben. Mittlerweile gibt es ein kinderfreies Beauty-SPA.

Go? Die Mutter aller Kinderhotels wächst so in alle Richtungen des Entertainments, dass jedes Familienmitglied bestens versorgt wird. Und die Bobbycar-Rennbahn ist nun unter Tage.

Go! Midi-Appartement für zwei Erwachsene mit Kind ab ca. 300 Euro mit Vollpension, Arrangements pro Nacht deutlich günstiger. Zettisch 42, 93485 Rimbach http://www.ulrichshof.com

Center Parcs Bispingen

Angebot: Im grünbeigen Neunzigerstil gehalten bietet der Hotelpark konzentrierte Daueraction für alle, denen Momente der Ruhe irgendwie suspekt sind. Umgeben von einem Mischwald, in dem von Pfeil über Ball bis Infrarot überall geschossen wird, befindet sich eine Art Raumstation mit Gastronomie, Daddelhalle, Sport Center und der Wasserwelt Aqua Mundo.

Nachfrage: Ideal für RTL2-Fans mit Zappelphilippsyndrom, denen ein Bungalow im Birkenhain ausreicht, um sich sogar im permanenten Spaßfeuerwerk irgendwie naturnah zu fühlen.

Kirmesfaktor: Im Herzen gewaltig, ringsum gering. Nicht umsonst denkt fast jeder, der vom Center Parcs hört, an eine gigantische Spielzeugwelt unter riesiger Glaskuppel im Dschungel.

Elternasyl: Im Grunde nur auf den gemütlichen Hausbooten im parkeigenen See. Ansonsten herrscht selbst unter dichten Blätterdach permanente Unrast und Spaßverpflichtung.

Go? Die perfekte Illusion großstädtischen Urlaubs im Grünen. Kinder drehen 24/7 permanent durch vor Glück, was allerdings teuer wird – bis aufs Spaßbad kostet fast alles extra.

Go! Pro Nacht im Hausboot für vier Personen bei Selbstversorgung ab ca. 200 Euro. Töpinger Straße 69, 29646 Bispingen http://www.centerparcs.de

Kulturinsel Einsiedel

Angebot: Deutschlands angeblich 1. Baumhaushotel am östlichsten Punkt der Republik mit neun Appartements in maximal zehn Metern Höhe, alle in liebevoller Handarbeit gefertigt und umgeben von einer abenteuerlichen Fantasy-Welt voller Holzspielzeuge jeder Größenordnung, die zudem großflächig untertunnelt und natürlich überwaldet ist.

Nachfrage: Weil Elektrizität ebenso rar ist wie Plastik oder alles aus Nullen und Einsen, ideal für Smombies beim Multimedia-Fasten oder kompromisslose Einsiedler auf Höhlenurlaub.

Kirmesfaktor: Mangels Stromzufuhr aktuell im Minusbereich.

Elternasyl: Da hier jeder Strauch, jeder Stamm, jedes Stück Holz Teil des Gesamtkonzepts ist, Fehlanzeige. Es sei denn, die Erwachsenen spazieren ohne Kinder zur angrenzenden Neiße.

Go? Heute einfach nur schön, könnten Freizeitparks in naher Zukunft, wenn künstliche Ressourcen aufgebraucht sind und der Klimawandel vollzogen ist, ungefähr so aussehen.

Go! Für 4 Personen im Baumhaus ab 230 Euro die Nacht inkl. Parkeintritt. Frühstück oder Halbpension extra. Kulturinsel Einsiedel 1, 02829 Neißeaue http://www.kulturinsel.com


Schwäbische Alb: Steinzeithöhlen & Welterbe

Die Höhlenkunsterben

Die Schwäbische Alb ist von Höhlen durchlöchert. Weil sie Frühmenschen bereits vor Hunderttausenden von Jahren Schutz und Muße boten, fanden sich in sechs davon die ältesten Kunstwerke der Welt. Jetzt hat sie die UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt. Für die Gegenwart ändern das vermutlich alles. Und nichts.

Von Jan Freitag

Wahre Größe kann bisweilen ganz schön winzig sein. Während ihre Kollegen drei Meter unter Sarah Rudolf behutsam den Staub des Winters vom Einsatzort fegen, führt die Archäologin Daumen und Zeigefinger zusammen, bis kaum ein Zentimeter Luft dazwischen bleibt. So klitzeklein also sollen sie sein: die spannendsten Artefakte an einem der zurzeit aufregendsten Fundorte menschlicher Artefakte weltweit.

„Hohle Fels“ heißt die außergewöhnliche Karsthöhle; sie liegt auf der Schwäbischen Alb, auf der es von außergewöhnlichen Höhlen nur so wimmelt. Einen ellenlangen Löwenmenschen aus Elfenbein hat man hier gefunden, das älteste bislang bekannte Musikinstrument – eine Flöte aus Gänsegeierknochen – und die „Venus vom Hohle Fels“, ein Fruchtbarkeitssymbol und eine der ältesten Abbildungen des menschlichen Körpers, benannt nach ihrem Fundort. Inmitten der unwirtlichen Würm-Kaltzeit, vor rund 40 000 Jahren, nahm es Homo Sapiens hier mit übermächtigen Gegnern auf: Mammuts, Bären, der angrenzenden Gletscherfront. Allesamt riesig. Allesamt nur mit grobem Werkzeug bezwingbar. Allesamt auch für Sarah Rudolf faszinierend – und hilfreich bei der Suche nach dem kulturellen Ursprung ihrer eigenen Spezies.

Zu Sarah Rudolfs Füßen, am Ende des Eingangstunnels der Hohle-Fels-Höhle, wurde die Venus gefunden. Dort also, wo Rudolfs Team nun bei konstanten acht Grad und drückender Luftfeuchtigkeit den nächsten Sensationsfund zu machen hofft. Die Grabungsleiterin wirkt sichtlich bewegt, wenn sie vom Sommer 2008 erzählt. Kein Wunder. Als Teenager im Praktikum war sie selber dabei, als sich das Figurenpuzzle der Venus im Lehm offenbarte. Und trotzdem haben es der Grabungstechnikerin vom Ur- und Frühgeschichtlichen Institut Tübingen nicht so sehr die spektakulären, aber doch singulären Reste eiszeitlicher Besiedlung der Alb angetan. „Die wirklich wunderbaren Funde sind am Ende viel kleiner“, sagt sie. Doppelt durchlochte Perlen nämlich. Fingernagelkurzes Kunsthandwerk aus der Aurignacien genannten Epoche im europäischen Jungpaläolithikum, einer Zeit also, die hier auf der Alb auf die Zeit zwischen 43 000 und 34 000 Jahre vor Christus datiert. Sicher, sagt die Mittzwanzigerin mit der Erfahrung aus zehn Jahren Forschung vor Ort, optisch sei so ein Kleinod weniger beeindruckend als die weltberühmte Venus. Aber der Elfenbeinschmuck zeuge halt noch ein bisschen mehr von Liebe zum Detail. „Das ist echt einzigartig.“

Allein im Hohle Fels fanden sich seit der ersten kundigen Grabung in der Höhle vor 147 Jahren mindestens 126 dieser unscheinbaren Preziosen einer Epoche, in der lange nur dumpfe Keulenschwinger vermutet wurden. Ohne Sinn für irgendetwas abseits vom reinen Arterhalt. So dachte man, als Archäologen noch mit Spitzhacke statt Pinsel zu Werke gingen. Die Funde von der Alb halfen verstehen: Diese Menschen besaßen ein Gefühl für das Schöne im Leben, trotz ihres alltäglichen Überlebenskampfes.

Seit kurzem gräbt, besser: tastet sich Sarah Rudolfs Team wie jedes Jahr ab Mitte Juni wieder Millimeter für Millimeter durch den Hohle Fels. Direkt über die Köpfe der Forscher hinweg drängelt eine Schulklasse auf dem stählernen Besuchersteg ins Innere der Höhle, die aus Sicht der Besucher gewiss eine der schönsten der ganzen Alb ist – majestätisch, verzweigt und ganz wichtig: für jedermann frei zugänglich. Aus Sicht der Archäologen ist sie vor allem ungeheuer ergiebig. So sehr, dass die Unesco den Hohle Fels gemeinsam mit fünf benachbarten Höhlen gerade zum Weltkulturerbe gekürt hat. Schließlich wurden allein im kleinen Vorraum schubkarrenweise paläolithische Fundstücke entdeckt.

Als die Donau ihren Lauf gegen Ende der letzten Eiszeit südostwärts verlagerte, hinterließ sie der Alb mit Ach, Blau und Lone drei Flüsschen, die heute selbst während der alljährlichen Schneeschmelze nur geruhsam durchs alte Bett des Stroms mäandern. Umso mehr prägen sie eine Landschaft von unvergleichlichem Liebreiz. Dank der sanft gewellten Topografie sind die bewaldeten Täler ideal zum Wandern. Vor 150 Millionen Jahren war hier ein warmes Meer; der Kalkstein, der aus den maritimen Ablagerungen entstand, wurde stellenweise vom Wasser der Donau ausgewaschen – so entstand eine Vielzahl von Höhlen. Geschätzt gibt es auf der Alb an die 2300. Und weil so manche davon den Nomaden der früheren Savanne als Unterkunft dienten, ist die Alb eine der ergiebigsten Quellen frühmenschlichen Kunstsinns überhaupt.

Johannes Wiedmann kann kaum zählen, wie oft er bereits hinein getaucht ist. Seit seinem Magister in Archäologie an der Uni Tübingen durchmisst der 59-Jährige die Höhlen seiner Heimat nach den Spuren der Jüngeren Altsteinzeit. Und ganz gleich ob Hohle Fels, Sirgenstein, Vogelherd [Archäologen und Prospekte etc. lassen das -Höhle hinter Sirgenstein etc. meist weg] oder wie die Weltkulturerbe-Kandidaten auch heißen: Er kennt darin jeden Winkel, jede Besonderheit, jedes Fundstück, das die Unesco-Juroren aus 25 Ländern bis Ende dieser Woche überzeugen soll. Und doch ist der Ausgrabungsveteran immer wieder aufs Neue fasziniert, wenn er die Fundorte besucht.

Nur Vögel und der Föhnwind sind im beschaulichen Lonetal zu hören, als Johannes Wiedmann zur Bocksteinhöhle aufsteigt. Der schmale, steile Weg, der durch einen Mischwald führt, ist schwer zu erkennen, kein Schild weist nach oben – der forschungsgeschichtlich bedeutsame Ort ist ohne Ortskenntnis kaum zu finden. Als einst Neandertaler hier Unterschlupf fanden, sei die Höhle viel besser einsehbar gewesen, sagt der Archäologe. In der baumlosen Steppe wuchs nur Gras. Die Zugänge zu vielen der Höhlen wurden im Laufe der Jahrtausende durch herab rutschendes Geröll verschüttet. Auch der Bockstein war Ende des 19. Jahrhunderts augenscheinlich nur ein Berg wie jeder andere. Und er wäre es ohne ein paar Berufsgruppen auf Abwegen wohl noch lange geblieben. „Wer außer Förstern war denn damals im Wald unterwegs?“, fragt Wiedmann und antwortet selbst: „Lehrer, Pfarrer, Apotheker.“

Denen also ist es zu verdanken, dass die Alb 100 000 Jahre nach der Besiedlung nun zum paläolithischen Erlebnispark werden könnte. Noch besuchen ihn abgesehen von Archäologie-Fans vor allem Schüler und Senioren. Mit der Auszeichnung durch die Unesco allerdings, so hofft man hier, werden vielleicht auch andere Besuchergruppen angezogen. „Wir wollen kein Remmidemmi“, beteuert Stefanie Kölbl vom Urgeschichtlichen Museum in Blaubeuren, wo neben Myriaden einzigartiger Artefakte der Region auch die Venus vom Hohle Fels ausgestellt ist. „Aber die Höhlen müssen schon noch besser zugänglich werden.“ Ein ganz gewöhnlicher Frühsommertag zeigt, wie viel da noch zu tun ist.

Am „Goissaklöschterle“ zum Beispiel, wie Johannes Wiedmann eine der Höhlen im schönsten Heimatidiom nennt, genießt trotz strahlender Sonne kein Besucher weit und breit die Aussicht. Als sich vor Urzeiten irgendwer die Mühe machte, dem harten Stoßzahn des Mammuts eine Flöte von betörendem Klang abzutrotzen, statt dafür wie damals üblich Vogelknochen zu benutzen, muss der Blick des Künstlers durchs gleiche Felsenloch ins Achtal gegangen sein wie heute. Der Anstieg dorthin ist indes auch 40 000 Jahre später beschwerlich. Wenn das Geißenklösterle Weltkulturerbe wird, soll der steile Weg hinauf zwar komfortabler werden. Doch dass Barrierefreiheit im Jahr 2017 nicht automatisch freie Zugänglichkeit mit sich bringt, kann man ein Tal weiter am Vogelherd begutachten. Auf Landstraßenhöhe gelegen, ist der archäologisch reichhaltige Höhlenkomplex im benachbarten Lonetal rein topografisch gut erreichbar – allerdings nur durchs Besucherzentrum des neuen Archäo-Parks. Gegen Eintritt, versteht sich. „Museumspädagogisch ist das natürlich vorbildlich gemacht“, räumt Johannes Wiedmann ein. Aber man hört seinem Tonfall schon an, dass dem Forscher in ihm der Zaun um die Fundstelle herum ein Dorn im Auge ist.

Wo weiter geforscht wird, das weiß auch Wiedmann, seien Gitter unentbehrlich. „Als im Stadel noch keins war, sind Leute mit Tüten voller Elfenbein rausgegangen“. Was archäologisch ausgeschlachtet ist, solle dagegen unversperrt bleiben wie eh und je. „Das verlangt ja auch die Unesco.“ Doch ganz gleich ob Geopark oder Szeneviertel, historische Altstadt oder Schwäbische Alb: Eine Sehenswürdigkeit für Allgemeinheit wie Anwohner gleichermaßen nutzbar – also am Ende auch profitabel – zu machen, ist stets eine Gratwanderung. Im Hohle Fels kann man sie förmlich mit den eigenen Füßen ertasten: Direkt über Sarah Rudolfs Grabungsteam führt eine Metallbrücke von der aktuellen Grabungsstelle zur archäologisch uninteressanten Haupthalle.

Winters zum Schutz der Fledermäuse gesperrt, tobt hier sommers das Leben neuzeitlicher Freizeitgestaltung. Orchester genießen die Akustik, Gäste die Atmosphäre. Es herrscht zwar noch kein Remmidemmi, aber wenn die Unesco den Zuschlag gibt, entsteht auf dem Parkplatz wohl ein hochmodernes Kulturerbe-Zentrum. Als eine Schulklasse von dort bergeinwärts lärmt, lächelt Sarah Rudolf daher, nennen wir es mal: professionell. „Es ist natürlich schon manchmal nervig, wenn dauernd Leute über unsere Köpfe laufen“, räumt sie ein. Aber Archäologie sei nun mal für alle, „nicht nur für uns.“

Also wird weiter unter Beobachtung gegraben, diesmal vom Aurignacien zurück zum Mittelpaläolithikum, stets in der Hoffnung, auf Kunstgegenstände zu stoßen, die noch älter sind als die bekannten. Und wenn es klappt? Freut sich Sarah Rudolf wie immer über beides: die Funde der Forscher und das Interesse der Menschen. Dann blickt sie wieder auf ihren wasserdichten Computer und vermisst das Sediment, während unter ihr fleißig Sandsäcke abgefegt werden. Es soll ja, die Grabungsleiterin lächelt, „schon auch gut aussehen hier“.

 

INFO Schwäbische Alb

Anreise: Mit dem Zug ab München oder Hamburg über Ulm nach Blaubeuren ab 35 Euro.

Unterkunft: Hotel-Restaurant Ochsen, Marktstraße 4, 89143 Blaubeuren, 07344/969 89-0,

info@ochsen-blaubeuren.de, Preise ab 69/89 Euro im Einzel/Doppelzimmer

Info Geopark Schwäbische Alb: Bis auf den Vogelherd sind die sechs Höhlen im Ach- und Lonetal ganzjährig zugänglich. Zum Schutz der Federmäuse bleibt nur der Hohle Fels von November bis April geschlossen. Steinzeitliche Originalfunde lagern im Museum Ulm (www.ulm.de) und Urgeschichtlichen Museum Blaubeuren (www.urmu.de). Letzteres bietet auch diverse archäologische Workshops und geführte Höhlentouren an. Von Weitere Infos unter www.kultursprung.de


Club-Mausoleum: Marquee

Kiezgötter im Rockolymp

Das Hamburger Marquee (Foto: MRpro) überzeugte bis in die 1990er durch miesen Sound und stickige Luft. Und mit einem der gewaltigsten Konzerte des Post-Beatles-Kiezes: Faith No More!

Die Erinnerung treibt mitunter seltsame Kapriolen. Selbst Dinge, die früher einmal zum eigenen Alltag zählten, ändern bisweilen ihre Gestalt, das Wesen, manchmal sogar den Ort. Das Marquee zum Beispiel, eine der Legenden hanseatischer Clubkultur besserer Zeiten, liegt selbst im Gedenken einstiger Stammgäste oftmals nicht dort, wo es sich bis Ende der neunziger Jahre tatsächlich befand: gegenüber von der eichenrustikalen Spelunke Nordlicht. Sie sind der festen Überzeugung, dass der Musikclub von der Ecke Friedrichstraße/Balduinstraße aus betrachtet 30 Meter landeinwärts lag.

Nun, in diesem Fall gibt es eine einfache Erklärung für die Erinnerungslücke. Denn 30 Meter Richtung Reeperbahn lag ein weiterer Liveclub; die Tanzhalle St. Pauli, die dem Marquee auf den ersten Blick sehr ähnelte. Sie befand sich ebenfalls in exponierter Ecklage, war von außen verziert mit Graffitis und beklebt mit Plakaten. Und auch in ihr war es schon bei halber Befüllung unfassbar eng, das Raumklima bereits Minuten nach Einlass zum Schneiden und die Bühne selbst schwer einsehbar, wenn man direkt davor stand.

Und doch ist es ein großer Fehler, das Marquee mit der Tanzhalle zu verwechseln. Das Marquee verdient seinen eigenen Platz in der Erinnerung. Allein schon musikalisch hob es sich von seinem Club-Nachbarn ab: Gegenüber vom Nordlicht wurde nur wenig elektronische Musik gespielt, sondern überwiegend Rock der härtesten Gangart. Der Sound war bisweilen so einzigartig mies, dass der Frontmann Alec Empire dem Publikum bei einem Konzert mit seiner Band Atari Teenage Riot angeboten haben soll, doch besser in seinem Wagen vor der Tür weiterzufeiern. Da könne man die Anlage nämlich lauter drehen. Punkrock eben. Nicht schön, eher schön scheiße.

Das also war der Geist des Marquee. Ein Club mit einer tief sitzenden Abneigung gegen alles Perfekte. Gerade dieses Laissez Faire konnte eine grandiose Ernergie erzeugen. Auf vielleicht dreifacher Wohnzimmergröße reichten sich schließlich nicht nur die Granden von Hardcore bis hin zu Drum’n’Bass das Mikrofon in die Hand; es gab auch Platz genug für eines der gewaltigsten Konzerte des Post-Beatles-Kiezes. Im Juni 1992, um genau zu sein: Faith No More! Gerade als die Posterboys der Grunge-Ära jede Arena des Erdballs füllten, gaben sie vor ihrem Konzert in der ausverkauften Sporthalle einen Geheimgig im Marquee. Wobei – geheim…

Schon Stunden vorher stauten sich bis zum Hans-Albers-Platz die Menschen. Es war unsagbar voll, unsagbar stickig, unsagbar laut und doch verstand man Mike Patton bestens. Der total dehydrierte Sänger flüsterte vom Bühnenrand, dass er sich in Clubs wie diesem fühle wie damals, als ihm seine Mama morgens im Winter unter der Bettdecke die Socken angezogen habe, damit er nicht friere. Sein Auftritt zeigte einmal mehr: Anders als das berühmte Londoner Clubvorbild, in dem 1962 die Karriere einer blutjungen Nachwuchsband namens Rolling Stones ihren Anfang nahm, war das Marquee zu Hamburg nicht vordringlich eine Talentschmiede. Im Gegenteil. Zwar statteten Genregrößen wie Queens of the Stone Age dem Laden schon lang vor ihrem Durchbruch eindrückliche Besuche ab. Und als Jungle im allgemeinen Sprachgebrauch noch eher für verregneten Urwald und nicht für eine besonders hitzige Spielart der Breakbeats stand, wurde im Marquee bereits regelmäßig dazu gezappelt.

Mehr noch aber atmeten gestandene Stadionrocker, die sich kurz hinter dem Zenit ihrer Weltkarrieren befanden, noch mal geschnittene Clubluft im Marquee. Die Stoner-Stars Kyuss etwa, die um dem Massenandrang gerecht zu werden, ein paar Boxen vor die Tür stellten. Mitte der längst grungemüden Neunziger dann machte besonders der heutige Hafenklang-Kopf Thomas Lengefeld das Marquee als Booker zur deutschen Herzkammer von allem, was Krach machte. Integrity, Turmoil, Turbonegro – es schepperte gehörig in den vier lückenlos vollgeschmierten Wänden. Besinnlich wurde es nur, wenn die linksalternativen Glaubensbrüder der Jesus Freaks ihre gottesfürchtigen Rockmessen abhielten.

Bis, ja bis Ende der Neunziger die Abrissbirne kam. Denn dort, wo ein Flachbau ein Jahrzehnt lang Hamburgs Independent-Szene prägte, wie sonst allenfalls das Grünspan oder das Molotow, steht nun ein Wohnungsblock im ortsüblichen Schuhkartondesign. Das Nordlicht-Publikum gegenüber kann sich schon gar nicht mehr ans Marquee erinnern. “Da”, kriegt man von dort nur zu hören, “hingen immer so Langhaarige rum und ha’m gekifft”.

Der Text ist vorab auf ZEIT


Club-Mausoleum: Steppenwolf (1985-2008)

Gastritis zum Saufen

Tomate, Korn, Tabasco – im Steppenwolf (Foto: creativecommons.org) entstand einst ein Kurzer, der schwer nach Magenweh klingt und gerade deshalb bis heute getrunken wird – zurzeit gar als Teil einer weltweiten Kampagne gegen Donald Trump. Erinnerungen an eine seltsam beschränkte Bar.

Wer Wirte, ihre Läden und ihre Kundschaft richtig verstehen will, der sollte die Bedeutung des Wortes Gastronomie aufschlüsseln. Das “Gast” vor “ronomie” nämlich bezeichnet ursprünglich nicht eine Person, die zu Besuch kommt, es stammt vom griechischen Wort gastron, also “Bauch”. Gefolgt von nomos, vulgo: Gesetz. Rein etymologisch betrachtet, lässt man sich also vom Magen verordnen, wo man bei Hunger und Durst einkehrt. Klingt weit hergeholt, hilft aber dabei, sich eine der bemerkenswertesten Bars auf dem Kiez früherer Tage wachzurufen: das Steppenwolf.

Gastlichkeit, gar Gastfreundschaft, also das, was Gastronomie abseits von sprachwissenschaftlicher Erbsenzählerei im Volksmund kennzeichnet, stand in der schummrigen Kaschemme traditionellen Zuschnitts nie an erster Stelle. Schon der Weg dorthin führte ja ums Eck der Großen Freiheit mitten ins Herz der Finsternis. Die damals wie heute verwilderten Häuser der Schmuckstraße zur Rechten, die damals wie heute stets vermüllte Schnapsleichenwiese zur Linken, betrat man das Steppenwolf. Es kam einer Mutprobe gleich. Als blinkte vor der Tür ein Warnschild: Achtung, Rocker!

Die waren Ende der achtziger, Anfang der neunziger Jahre zwar nur noch eine flüchtige Reminiszenz an längst verhallte Bandenkriege. Doch was im Innern folgte, rief die Erinnerung ruck, zuck wach: Musik, Personal, Einrichtung, Besucher fuhren einem sofort in die Magengrube. Als sich die Reeperbahn bereits für die Eventkultur aufplusterte, saßen da echte Kuttenträger mit echten Bärten und hörten harten Rock zu harten Drinks. Der härteste hieß Mexikaner.

Der höllenscharfe Shot aus Tomatensaft, Korn und einer gehörigen Portion Tabasco ist derzeit als Teil einer bundesweiten Kneipenkampagne gegen Donald Trump in fast aller Munde. Kneipen in aller Welt, seit neuesten sogar – wo sonst? – in Mexiko, schenken ihn aus, um Geld zu sammeln für die Proteste gegen den Wahnsinnigen am Schalthebel des Untergangs, der Anfang Juli auf dem G20-Gipfel in Hamburg erwartet wird. Erfunden wurde der kleine Longdrink im Steppenwolf. 1987, so geht die Legende, hat ihn Inhaber Mike Colani angemischt, aus purer Not. Weil er eine Ladung ungenießbaren Fusels nicht wegkippen wollte, kam ihm die Idee, dem billigen Schnaps etwas beizumengen, was den Geschmack nicht bloß neutralisierte, sondern pulverisierte. In seiner standesgemäß eher schlecht sortierten Bar stieß der Wirt auf die erwähnten Zutaten und betitelte das Ganze nach den Bewohnern eines weit entfernten Landes.

Seither stand das Steppenwolf, benannt nach der berühmten Rockband, die sich wiederum auf Hermann Hesses Weltliteratur berief, nicht mehr nur für den alten Rockerkiez; es wurde zum Synonym seines eindrücklichsten Getränks. Wer sich vor bald 30 Jahren warm trinken wollte für das, was bis zum Morgen noch kommen sollte oder schon müde war, steuerte die Kneipe in St. Paulis früherem Chinatown an. “Noch’n Mexi?” – das war auch für mich damals weniger Frage als Feststellung, dass da etwas fehlte für eine abgerundet festliche Nacht.

Der herbe Kurze passte schließlich perfekt zum Ambiente, das man im Steppenwolf geboten bekam. Wer ohne die Insignien der Stammklientel eintrat, wurde auf so offensive Art ignoriert, dass es lauter in den Ohren dröhnte als AC/DC aus den Boxen. Links die Bar, rechts die Tische, weiter hinten eine Art Bühne, die jedoch in meinem Beisein nie Livemusik bot, orderte man ohne viel Konversation eine Handvoll Mexikaner, setzte sich unauffällig in die Nähe der Tür, staunte über das Motorrad im Raum, fröstelte angesichts der potenziellen Fahrer ringsum, trank und ging. Geschafft!

So war das für Bürgersöhnchen ohne Halstattoos. Damals, als noch Eppendorf das Hipsterviertel war. Und das Steppenwolf die Antithese dazu. Eine, von der heute nicht mehr viel übrig ist. Nachdem die merkwürdige Kneipe vor knapp zehn Jahren geschlossen hat, ist das Gebäude, in dem sie sich befand, seltsam unbehaust. Es wirkt, als würde ihm bald Ähnliches widerfahren wie manch anderem Altbau dieser eher schlichten Art: Vernachlässigung, Entmietung, Leerstand, Abriss, Neubau. Schlimmstenfalls wird das neue Haus so aussehen, wie die zwei Rotklinkerzweckbauten daneben, vermutlich nur teurer.

Das Bauchgesetz des Kiezes 2017 ist eben ein anderes als 1987, als sich vom Steppenwolf aus ein Drink durchs Viertel brannte, der es dank Donald Trumps rassistischem Furor gegen sein Nachbarland nun in die große weite Welt geschafft hat. Gastritis zum saufen. So scharf, scharf war die Zeit.