Fußballfanrivalitäten: HSV & St. Pauli

HSt.Vauli

HSV-Fans brauchen seit vielen Jahren vor allem eines, davon aber mehr als reichlich: Leidensfähigkeit. Umso erstaunlicher, dass die im Volksparkstadion schier nicht zu versiegen scheint. Und weil das fast die einzige Gemeinsamkeit mit Anhängern des FC St. Pauli ist, scheint es nahezu unmöglich, beide Clubs gleichermaßen zu mögen. Oder? Unser Autor versucht es dennoch. Heimlich. Bis jetzt.

Von Jan Freitag

Die Hamburger Morgenpost hat ihre Leser vor Urzeiten, als der HSV und St. Pauli kurz in derselben, also ersten Bundesliga spielten, mal irritierend sachlich in den April geschickt. Beide Clubs, titelte das Boulevardblatt, sollen zum FC St. Hamburg fusionieren. Nette Idee, große Wirkung: Das Publikum reagierte so geschockt auf die Ente, dass man sich kaum vorstellen mag, wie es im Zeitalter des digitalen Shitstorms ausgerastet wäre. Womöglich hätten Geschäftsstellen gebrannt. Mindestens.

Mir jedenfalls spritzte im Glauben an die publizistische Seriosität meiner Morgenlektüre fast der Kaffee aus dem Mund. Allerdings weniger, weil die beiden Erbfeinde unvereinbarer sind als Schampus mit Astra. Nein, mir wären gleich zwei Objekte meiner Zuneigung abhanden gekommen. Denn hiermit erkläre ich feierlich: Seit der FC St. Pauli von 1910 e.V. 78 Jahre nach seiner Gründung mit wehenden Piratenfahnen mehrheitlich linker Fans in die Beletage des mehrheitlich von rechts angefeuerten Nationalsports aufgestiegen ist, bin ich ihm verfallen. Da ich den vorherigen Teil meiner Jugend jedoch eng an der Seite des HSV verbracht hatte, mag mein Herz noch so braunweiß sein; ein schwarweißblaues Eckchen darin lässt sich partout nicht umfärben.

Für Menschen ohne Fußballsachverstand muss man dazu sagen: Solche Zuneigungsemulsionen sind auf diesem Ersatzschlachtfeld der postheroischen Gesellschaft nicht vorgesehen. Zwei so ungleichen Clubs auf engstem Raum anzuhängen, erscheint da noch absurder als ein FDP-Senator im Vorstand der Grünen. Und damit sind auch die Stadtrivalen akkurat umschrieben: Hier das aristokratische Handelskonsortium, dessen notorischer Abstiegskampf zur elitären DNA passt wie Altöl ins Watt, also Null. Dort der basisdemokratische Weltladen, dessen notorischer Abstiegskampf zur alternativen DNA passt wie Zahnärzte nach Pöseldorf, also prima.

HSV und St. Pauli, das sind folglich nicht nur verschiedene Ligen, sondern Sportarten, ach was: Aggregatszustände. So weit die Theorie. Praktisch jedoch gibt es etwas, das die Antipoden am Ende eint, eine Art emotionaler Kern, den Liebhaber beider Clubs unwissentlich teilen. Außenstehende könnten ihn als Masochismus missverstehen, ich nenne es: Leidensfähigkeit. Diese Art autoempathischer Gemütsregung kommt dem Wesen nach nicht erst zum Einsatz, wenn sein Adressat (z.B. Bayern) zwei Punkte verliert oder (z.B. Stuttgart) drei Fehlpässe spielt, sondern wenn beides zum Markenkern der Mannschaft zählt.

Der HSV etwa wartet seit 1987 auf Titel von Belang. Stets waren 19 der 20 Bedingungen von Nachwuchs bis Führung für Schalen oder Pötte weiter vom Tabellendritten der ewigen Bundesligatabelle entfernt als RB Leipzig vom financial fair play. Bis auf eine: Obwohl der Verein allein in diesem Jahrzehnt 13 Trainer verheizt hat, um dafür den Relegationsplatz zu abonnieren, sind die 57.000 Plätze des Volksparkstadions meist vollständig mit Menschen besetzt, die selbst dann bis zur Selbstaufgabe treu sind, wenn der megaloman kalkulierte Kader versagt. Dabei ist der Ex-Europapokalsieger so zum Peinlichkeitssynonym  mutiert, dass kaum ein Bericht über die Peinlichkeiten anderer noch ohne Verweis auf den HSV auskommt.

Umso erstaunlicher, mit welcher Opferbereitschaft seine Fans im Feindesland St. Pauli am Tresen meiner Stammkneipe namens Otzentreff hocken und den Spott der Exilkölner erdulden. Während die bei der Sky-Konferenz ihren FC auf großer Leinwand feiern, kriecht der Fanclub „Braunweiße Raute“ still ins Eck, wo ihr HSV auf halber Größe läuft. Ohne Ton. Diese Demut zeigt mir: Ich bin nicht allein. Wobei mir das Rückgrat fehlt, dazu zu stehen. Das aber hätten seine echten Anhänger schon verdient, weil die Saison nach dem Pokal-Aus in der Provinz nach einem Punkt aus neun Spielen längst die gewohnte Richtung einschlägt, begleitet von landesweiter Häme. Doch die Fans? Kommen wieder, hoffen weiter, leiden weiter, kommen wieder.

Von so viel kritischer Duldsamkeit können Hertha, Hannover, Hoffenheim nur träumen, von Wolfsburg ganz zu schweigen. Das VW-Mündel bekam seine Arena ja selbst im Meisterjahr 2009 selten voll. Die Mietbesucher in Leipzig möchte ich mal erleben, wenn ihr Dosenteam drei Spiele am Stück verliert. Und hat einer das Pfeifkonzert auf Schalke im Ohr, falls auch nur eine Halbzeit missrät? Womit wir auf St. Pauli wären. Nach 11 Punkten hätte nirgendwo sonst ein Trainer die Winterpause erlebt. Ewald Lienen aber erntete so lückenlos Zuspruch, dass er sein Team zur besten Rückrunde ever trieb. Wer dagegen diese Saison das Gastspiel in Nürnberg sah, durfte erleben, wie das Heimpublikum beim völlig unverdienten 0:1 für technisch unterlegene, hingebungsvoll kämpfende Hamburger erst verstummte, dann klagte, bald pfiff, also das Gegenteil dessen tat, was Liebe ausmacht. In guten wie in schlechten Zeiten oder wie hieß das noch?

Im atheistischen Hamburg hält man offenbar mehr von Sakramenten als im deutschen Bibelgürtel. Dieser metaphysische Ansatz ist es auch, der viele Anhänger des kleinen Gernegroß HSV nach zwei Siegen von Champions League faseln lässt, während der große Gerneklein St. Pauli das Kapital auch dann zur Hölle wünscht, wenn es dem Verein die fünfthöchsten Merchandising-Einkünfte aller Bundesligisten beschert. Dazu passt es, dass sein ablösefreier Neuzugang Allagui unlängst randalierenden Kieler Fans vorm Anpfiff eine geklaute Fahne des eigenen Vereins entriss. So viel Empathie wird der Söldnergruppe HSV von Angestelltenseite eher selten zuteil. Doch immerhin deren Fans sind hingebungsvoll, fast wie Kinder: voller Flausen und Träume, himmelhochjauchzend oder zu Tode betrübt, in trotziger Liebe an ihre Eltern gekettet. Die lassen ihre Schützlinge ja auch mehr mitregieren als branchenüblich.

Umso gradliniger war es, was sich 2014 beim HSV ereignete. Als die „Chosen Few“ vom Feldzug des milliardenschweren Mäzens Kühne gegen ihre Mitbestimmung genug und in Erinnerung an die Keimzelle des Vereins den HFC Falke gründet hat, bewies die größte Ultra-Gruppe, was es heißt, echter Fan zu sein: Um jeden Preis – sofern er sich nicht ausschließlich in Geld bemisst. Wie bei St. Pauli. Na ja, fast…

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Reisereportage: Kinderhotels & Dauerspaß

Nothing exclusive

Es war einmal, vor gefühlt 100 Jahren, da fuhr die Familie sommers ans Meer, wo Eltern ihre Kinder morgens in den Sand setzten und abends herausholten – fertig war das perfekte Ferien-Entertainment, im Winter gegebenenfalls ergänzt um zwei Wochen Berge mit Pistenspaß von früh bis spät. Wer heute mit Nachwuchs reist, erwartet mehr vom Urlaubsort als gutes Wetter – besonders, in der Nebensaison, wenn das Wetter wackelt. Und die Urlaubsorte liefern. Ein Streifzug in fünf Stichworten durch die all-inclusive-Welt der Badeparadiese, Streichelzoos und Spielplatzvillen von fünf ausgewählten Kinderhotels.

Von Jan Freitag

Feldberger Hof

Angebot: Im Herbst eröffnet, ist die „Fundorena“ eine dreistöckige Mehrzweckhallenversion moderner Indoor-Maximalbespaßung auf 4000m² mit Trampolinwelt, Kletterpark, Plastikeisbahn, Dodgeballarena – für stolze sechs Millionen Euro ersetzt das hauseigene Angebot dank viel Adrenalin den Aufstieg zum angrenzenden Feldberg.

Nachfrage: Ideal für hyperaktive Stadtkids mit reichlich Restenergie und ihre Väter, die es der Couchpotato in sich noch mal richtig zeigen wollen (und besser gut unfallversichert sind).

Kirmesfaktor: Gering. Im Hotel gibt es zwar ein Multimedia-Center mit Air-Hockey, Kleinkino und Konsolengames. Das Ambiente ist aber eher sportlich als Las Vegas.

Elternasyl: Selten. Alles ist so radikal auf Kids zugeschnitten, dass Eltern nur im rustikalen Barbereich ab 22 Uhr unter sich sein können. Dafür gibt’s beim Abendessen Alkohol for free.

Go? In schneeloser Zeit die Chance, Baden-Württembergs bestes Skigebiet ohne Outdoor-Zwang zu besuchen – sofern man Gelenke aus Gummi hat oder keine Angst vor gar nichts.

Go! Zwei Erwachsene im Familienzimmer mit Zustellbett, ab ca. 200 Euro pro Nacht all inclusive. Dr. Pilet Spur 1, 79686 Feldberg https://www.feldberger-hof.de

Grandhotel Heiligendamm

Angebot: Was sich Grandhotel nennt, belässt es für die Kleinsten der Größten natürlich nicht bei Baumhaus plus Spielecke; da muss es schon eine „Kindervilla“ sein. Edles Material, viel Holz, Wandgemälde, Mini-Saloon für Kids im 1. Stock, Lounge-Atmo für Teens im 2., alles wertig (Holz), vieles Hightech (PS4), stets betreut – nichts für den Pöbel.

Nachfrage: Ideal für standesbewusste Eltern mit hohem Separationsbedarf, denen das Kind unter zwölf in deren Zimmer 50 Euro extra, also ein Bruchteil vom Gesamtpreis, wert ist.

Kirmesfaktor: Null. Die Kindervilla unterscheidet sich ästhetisch nur graduell vom eierschalenfarben barocken Grundton der Fünf Sterne Deluxe ringsum. Es blinkt allenfalls die PS4

Elternasyl: Praktisch überall. Das Grandhotel ist dank diverser Freizeitangebote zwar ausgewiesen familienaffin, allerdings in großer Sicht- und Hörweite zum G8-Gipfelort 2007

Go? Wer sich Nachwuchs auch aus dynastischen Gründen anschafft, kann sie hier von fachkundiger Hand sorgsam aufs Distinktionsbedürfnis von morgen vorbereiten lassen.

Go! Zwei Personen mit Zustellbett ab ca. 375 Euro die Nacht inkl. Frühstück. Prof.-Dr.-Vogel-Str. 6, 18209 Bad Doberan https://www.grandhotel-heiligendamm.de

Ulrichshof

Angebot: Der historische Bauernhof hat das Streichelzoo-Angebot vergleichbarer Häuser schon vor 20 Jahren um Pferde, Spaßbad, echte Kita ergänzt und seither über Autoscooter, Bogenschießen, Spielscheune, Kletterwand so stetig erweitert, dass seinem Nachwuchs besser Peilsender anheftet, wer ihn beim Abendessen wiedersehen will.

Nachfrage: Ideal für Ottonormalverbraucher mit durchschnittlich gefühlt fünf Kindern, Festanstellung im industriellen bis handwerklichen Mittelstand und großer Lärmresistenz.

Kirmesfaktor: Mittel. Das Angebot ist vorwiegend natürlicher, zum Teil gar tierischer Art in freier Wildbahn, all dies aber in so enormer Dichte, dass es dennoch vorm Auge flimmert.

Elternasyl: Einst allein die Lobby vorhanden, wo Eltern beim Rennen von zwei Dutzend Bobbycars abzuschalten versucht haben. Mittlerweile gibt es ein kinderfreies Beauty-SPA.

Go? Die Mutter aller Kinderhotels wächst so in alle Richtungen des Entertainments, dass jedes Familienmitglied bestens versorgt wird. Und die Bobbycar-Rennbahn ist nun unter Tage.

Go! Midi-Appartement für zwei Erwachsene mit Kind ab ca. 300 Euro mit Vollpension, Arrangements pro Nacht deutlich günstiger. Zettisch 42, 93485 Rimbach http://www.ulrichshof.com

Center Parcs Bispingen

Angebot: Im grünbeigen Neunzigerstil gehalten bietet der Hotelpark konzentrierte Daueraction für alle, denen Momente der Ruhe irgendwie suspekt sind. Umgeben von einem Mischwald, in dem von Pfeil über Ball bis Infrarot überall geschossen wird, befindet sich eine Art Raumstation mit Gastronomie, Daddelhalle, Sport Center und der Wasserwelt Aqua Mundo.

Nachfrage: Ideal für RTL2-Fans mit Zappelphilippsyndrom, denen ein Bungalow im Birkenhain ausreicht, um sich sogar im permanenten Spaßfeuerwerk irgendwie naturnah zu fühlen.

Kirmesfaktor: Im Herzen gewaltig, ringsum gering. Nicht umsonst denkt fast jeder, der vom Center Parcs hört, an eine gigantische Spielzeugwelt unter riesiger Glaskuppel im Dschungel.

Elternasyl: Im Grunde nur auf den gemütlichen Hausbooten im parkeigenen See. Ansonsten herrscht selbst unter dichten Blätterdach permanente Unrast und Spaßverpflichtung.

Go? Die perfekte Illusion großstädtischen Urlaubs im Grünen. Kinder drehen 24/7 permanent durch vor Glück, was allerdings teuer wird – bis aufs Spaßbad kostet fast alles extra.

Go! Pro Nacht im Hausboot für vier Personen bei Selbstversorgung ab ca. 200 Euro. Töpinger Straße 69, 29646 Bispingen http://www.centerparcs.de

Kulturinsel Einsiedel

Angebot: Deutschlands angeblich 1. Baumhaushotel am östlichsten Punkt der Republik mit neun Appartements in maximal zehn Metern Höhe, alle in liebevoller Handarbeit gefertigt und umgeben von einer abenteuerlichen Fantasy-Welt voller Holzspielzeuge jeder Größenordnung, die zudem großflächig untertunnelt und natürlich überwaldet ist.

Nachfrage: Weil Elektrizität ebenso rar ist wie Plastik oder alles aus Nullen und Einsen, ideal für Smombies beim Multimedia-Fasten oder kompromisslose Einsiedler auf Höhlenurlaub.

Kirmesfaktor: Mangels Stromzufuhr aktuell im Minusbereich.

Elternasyl: Da hier jeder Strauch, jeder Stamm, jedes Stück Holz Teil des Gesamtkonzepts ist, Fehlanzeige. Es sei denn, die Erwachsenen spazieren ohne Kinder zur angrenzenden Neiße.

Go? Heute einfach nur schön, könnten Freizeitparks in naher Zukunft, wenn künstliche Ressourcen aufgebraucht sind und der Klimawandel vollzogen ist, ungefähr so aussehen.

Go! Für 4 Personen im Baumhaus ab 230 Euro die Nacht inkl. Parkeintritt. Frühstück oder Halbpension extra. Kulturinsel Einsiedel 1, 02829 Neißeaue http://www.kulturinsel.com


Schwäbische Alb: Steinzeithöhlen & Welterbe

Die Höhlenkunsterben

Die Schwäbische Alb ist von Höhlen durchlöchert. Weil sie Frühmenschen bereits vor Hunderttausenden von Jahren Schutz und Muße boten, fanden sich in sechs davon die ältesten Kunstwerke der Welt. Jetzt hat sie die UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt. Für die Gegenwart ändern das vermutlich alles. Und nichts.

Von Jan Freitag

Wahre Größe kann bisweilen ganz schön winzig sein. Während ihre Kollegen drei Meter unter Sarah Rudolf behutsam den Staub des Winters vom Einsatzort fegen, führt die Archäologin Daumen und Zeigefinger zusammen, bis kaum ein Zentimeter Luft dazwischen bleibt. So klitzeklein also sollen sie sein: die spannendsten Artefakte an einem der zurzeit aufregendsten Fundorte menschlicher Artefakte weltweit.

„Hohle Fels“ heißt die außergewöhnliche Karsthöhle; sie liegt auf der Schwäbischen Alb, auf der es von außergewöhnlichen Höhlen nur so wimmelt. Einen ellenlangen Löwenmenschen aus Elfenbein hat man hier gefunden, das älteste bislang bekannte Musikinstrument – eine Flöte aus Gänsegeierknochen – und die „Venus vom Hohle Fels“, ein Fruchtbarkeitssymbol und eine der ältesten Abbildungen des menschlichen Körpers, benannt nach ihrem Fundort. Inmitten der unwirtlichen Würm-Kaltzeit, vor rund 40 000 Jahren, nahm es Homo Sapiens hier mit übermächtigen Gegnern auf: Mammuts, Bären, der angrenzenden Gletscherfront. Allesamt riesig. Allesamt nur mit grobem Werkzeug bezwingbar. Allesamt auch für Sarah Rudolf faszinierend – und hilfreich bei der Suche nach dem kulturellen Ursprung ihrer eigenen Spezies.

Zu Sarah Rudolfs Füßen, am Ende des Eingangstunnels der Hohle-Fels-Höhle, wurde die Venus gefunden. Dort also, wo Rudolfs Team nun bei konstanten acht Grad und drückender Luftfeuchtigkeit den nächsten Sensationsfund zu machen hofft. Die Grabungsleiterin wirkt sichtlich bewegt, wenn sie vom Sommer 2008 erzählt. Kein Wunder. Als Teenager im Praktikum war sie selber dabei, als sich das Figurenpuzzle der Venus im Lehm offenbarte. Und trotzdem haben es der Grabungstechnikerin vom Ur- und Frühgeschichtlichen Institut Tübingen nicht so sehr die spektakulären, aber doch singulären Reste eiszeitlicher Besiedlung der Alb angetan. „Die wirklich wunderbaren Funde sind am Ende viel kleiner“, sagt sie. Doppelt durchlochte Perlen nämlich. Fingernagelkurzes Kunsthandwerk aus der Aurignacien genannten Epoche im europäischen Jungpaläolithikum, einer Zeit also, die hier auf der Alb auf die Zeit zwischen 43 000 und 34 000 Jahre vor Christus datiert. Sicher, sagt die Mittzwanzigerin mit der Erfahrung aus zehn Jahren Forschung vor Ort, optisch sei so ein Kleinod weniger beeindruckend als die weltberühmte Venus. Aber der Elfenbeinschmuck zeuge halt noch ein bisschen mehr von Liebe zum Detail. „Das ist echt einzigartig.“

Allein im Hohle Fels fanden sich seit der ersten kundigen Grabung in der Höhle vor 147 Jahren mindestens 126 dieser unscheinbaren Preziosen einer Epoche, in der lange nur dumpfe Keulenschwinger vermutet wurden. Ohne Sinn für irgendetwas abseits vom reinen Arterhalt. So dachte man, als Archäologen noch mit Spitzhacke statt Pinsel zu Werke gingen. Die Funde von der Alb halfen verstehen: Diese Menschen besaßen ein Gefühl für das Schöne im Leben, trotz ihres alltäglichen Überlebenskampfes.

Seit kurzem gräbt, besser: tastet sich Sarah Rudolfs Team wie jedes Jahr ab Mitte Juni wieder Millimeter für Millimeter durch den Hohle Fels. Direkt über die Köpfe der Forscher hinweg drängelt eine Schulklasse auf dem stählernen Besuchersteg ins Innere der Höhle, die aus Sicht der Besucher gewiss eine der schönsten der ganzen Alb ist – majestätisch, verzweigt und ganz wichtig: für jedermann frei zugänglich. Aus Sicht der Archäologen ist sie vor allem ungeheuer ergiebig. So sehr, dass die Unesco den Hohle Fels gemeinsam mit fünf benachbarten Höhlen gerade zum Weltkulturerbe gekürt hat. Schließlich wurden allein im kleinen Vorraum schubkarrenweise paläolithische Fundstücke entdeckt.

Als die Donau ihren Lauf gegen Ende der letzten Eiszeit südostwärts verlagerte, hinterließ sie der Alb mit Ach, Blau und Lone drei Flüsschen, die heute selbst während der alljährlichen Schneeschmelze nur geruhsam durchs alte Bett des Stroms mäandern. Umso mehr prägen sie eine Landschaft von unvergleichlichem Liebreiz. Dank der sanft gewellten Topografie sind die bewaldeten Täler ideal zum Wandern. Vor 150 Millionen Jahren war hier ein warmes Meer; der Kalkstein, der aus den maritimen Ablagerungen entstand, wurde stellenweise vom Wasser der Donau ausgewaschen – so entstand eine Vielzahl von Höhlen. Geschätzt gibt es auf der Alb an die 2300. Und weil so manche davon den Nomaden der früheren Savanne als Unterkunft dienten, ist die Alb eine der ergiebigsten Quellen frühmenschlichen Kunstsinns überhaupt.

Johannes Wiedmann kann kaum zählen, wie oft er bereits hinein getaucht ist. Seit seinem Magister in Archäologie an der Uni Tübingen durchmisst der 59-Jährige die Höhlen seiner Heimat nach den Spuren der Jüngeren Altsteinzeit. Und ganz gleich ob Hohle Fels, Sirgenstein, Vogelherd [Archäologen und Prospekte etc. lassen das -Höhle hinter Sirgenstein etc. meist weg] oder wie die Weltkulturerbe-Kandidaten auch heißen: Er kennt darin jeden Winkel, jede Besonderheit, jedes Fundstück, das die Unesco-Juroren aus 25 Ländern bis Ende dieser Woche überzeugen soll. Und doch ist der Ausgrabungsveteran immer wieder aufs Neue fasziniert, wenn er die Fundorte besucht.

Nur Vögel und der Föhnwind sind im beschaulichen Lonetal zu hören, als Johannes Wiedmann zur Bocksteinhöhle aufsteigt. Der schmale, steile Weg, der durch einen Mischwald führt, ist schwer zu erkennen, kein Schild weist nach oben – der forschungsgeschichtlich bedeutsame Ort ist ohne Ortskenntnis kaum zu finden. Als einst Neandertaler hier Unterschlupf fanden, sei die Höhle viel besser einsehbar gewesen, sagt der Archäologe. In der baumlosen Steppe wuchs nur Gras. Die Zugänge zu vielen der Höhlen wurden im Laufe der Jahrtausende durch herab rutschendes Geröll verschüttet. Auch der Bockstein war Ende des 19. Jahrhunderts augenscheinlich nur ein Berg wie jeder andere. Und er wäre es ohne ein paar Berufsgruppen auf Abwegen wohl noch lange geblieben. „Wer außer Förstern war denn damals im Wald unterwegs?“, fragt Wiedmann und antwortet selbst: „Lehrer, Pfarrer, Apotheker.“

Denen also ist es zu verdanken, dass die Alb 100 000 Jahre nach der Besiedlung nun zum paläolithischen Erlebnispark werden könnte. Noch besuchen ihn abgesehen von Archäologie-Fans vor allem Schüler und Senioren. Mit der Auszeichnung durch die Unesco allerdings, so hofft man hier, werden vielleicht auch andere Besuchergruppen angezogen. „Wir wollen kein Remmidemmi“, beteuert Stefanie Kölbl vom Urgeschichtlichen Museum in Blaubeuren, wo neben Myriaden einzigartiger Artefakte der Region auch die Venus vom Hohle Fels ausgestellt ist. „Aber die Höhlen müssen schon noch besser zugänglich werden.“ Ein ganz gewöhnlicher Frühsommertag zeigt, wie viel da noch zu tun ist.

Am „Goissaklöschterle“ zum Beispiel, wie Johannes Wiedmann eine der Höhlen im schönsten Heimatidiom nennt, genießt trotz strahlender Sonne kein Besucher weit und breit die Aussicht. Als sich vor Urzeiten irgendwer die Mühe machte, dem harten Stoßzahn des Mammuts eine Flöte von betörendem Klang abzutrotzen, statt dafür wie damals üblich Vogelknochen zu benutzen, muss der Blick des Künstlers durchs gleiche Felsenloch ins Achtal gegangen sein wie heute. Der Anstieg dorthin ist indes auch 40 000 Jahre später beschwerlich. Wenn das Geißenklösterle Weltkulturerbe wird, soll der steile Weg hinauf zwar komfortabler werden. Doch dass Barrierefreiheit im Jahr 2017 nicht automatisch freie Zugänglichkeit mit sich bringt, kann man ein Tal weiter am Vogelherd begutachten. Auf Landstraßenhöhe gelegen, ist der archäologisch reichhaltige Höhlenkomplex im benachbarten Lonetal rein topografisch gut erreichbar – allerdings nur durchs Besucherzentrum des neuen Archäo-Parks. Gegen Eintritt, versteht sich. „Museumspädagogisch ist das natürlich vorbildlich gemacht“, räumt Johannes Wiedmann ein. Aber man hört seinem Tonfall schon an, dass dem Forscher in ihm der Zaun um die Fundstelle herum ein Dorn im Auge ist.

Wo weiter geforscht wird, das weiß auch Wiedmann, seien Gitter unentbehrlich. „Als im Stadel noch keins war, sind Leute mit Tüten voller Elfenbein rausgegangen“. Was archäologisch ausgeschlachtet ist, solle dagegen unversperrt bleiben wie eh und je. „Das verlangt ja auch die Unesco.“ Doch ganz gleich ob Geopark oder Szeneviertel, historische Altstadt oder Schwäbische Alb: Eine Sehenswürdigkeit für Allgemeinheit wie Anwohner gleichermaßen nutzbar – also am Ende auch profitabel – zu machen, ist stets eine Gratwanderung. Im Hohle Fels kann man sie förmlich mit den eigenen Füßen ertasten: Direkt über Sarah Rudolfs Grabungsteam führt eine Metallbrücke von der aktuellen Grabungsstelle zur archäologisch uninteressanten Haupthalle.

Winters zum Schutz der Fledermäuse gesperrt, tobt hier sommers das Leben neuzeitlicher Freizeitgestaltung. Orchester genießen die Akustik, Gäste die Atmosphäre. Es herrscht zwar noch kein Remmidemmi, aber wenn die Unesco den Zuschlag gibt, entsteht auf dem Parkplatz wohl ein hochmodernes Kulturerbe-Zentrum. Als eine Schulklasse von dort bergeinwärts lärmt, lächelt Sarah Rudolf daher, nennen wir es mal: professionell. „Es ist natürlich schon manchmal nervig, wenn dauernd Leute über unsere Köpfe laufen“, räumt sie ein. Aber Archäologie sei nun mal für alle, „nicht nur für uns.“

Also wird weiter unter Beobachtung gegraben, diesmal vom Aurignacien zurück zum Mittelpaläolithikum, stets in der Hoffnung, auf Kunstgegenstände zu stoßen, die noch älter sind als die bekannten. Und wenn es klappt? Freut sich Sarah Rudolf wie immer über beides: die Funde der Forscher und das Interesse der Menschen. Dann blickt sie wieder auf ihren wasserdichten Computer und vermisst das Sediment, während unter ihr fleißig Sandsäcke abgefegt werden. Es soll ja, die Grabungsleiterin lächelt, „schon auch gut aussehen hier“.

 

INFO Schwäbische Alb

Anreise: Mit dem Zug ab München oder Hamburg über Ulm nach Blaubeuren ab 35 Euro.

Unterkunft: Hotel-Restaurant Ochsen, Marktstraße 4, 89143 Blaubeuren, 07344/969 89-0,

info@ochsen-blaubeuren.de, Preise ab 69/89 Euro im Einzel/Doppelzimmer

Info Geopark Schwäbische Alb: Bis auf den Vogelherd sind die sechs Höhlen im Ach- und Lonetal ganzjährig zugänglich. Zum Schutz der Federmäuse bleibt nur der Hohle Fels von November bis April geschlossen. Steinzeitliche Originalfunde lagern im Museum Ulm (www.ulm.de) und Urgeschichtlichen Museum Blaubeuren (www.urmu.de). Letzteres bietet auch diverse archäologische Workshops und geführte Höhlentouren an. Von Weitere Infos unter www.kultursprung.de


Club-Mausoleum: Marquee

Kiezgötter im Rockolymp

Das Hamburger Marquee (Foto: MRpro) überzeugte bis in die 1990er durch miesen Sound und stickige Luft. Und mit einem der gewaltigsten Konzerte des Post-Beatles-Kiezes: Faith No More!

Die Erinnerung treibt mitunter seltsame Kapriolen. Selbst Dinge, die früher einmal zum eigenen Alltag zählten, ändern bisweilen ihre Gestalt, das Wesen, manchmal sogar den Ort. Das Marquee zum Beispiel, eine der Legenden hanseatischer Clubkultur besserer Zeiten, liegt selbst im Gedenken einstiger Stammgäste oftmals nicht dort, wo es sich bis Ende der neunziger Jahre tatsächlich befand: gegenüber von der eichenrustikalen Spelunke Nordlicht. Sie sind der festen Überzeugung, dass der Musikclub von der Ecke Friedrichstraße/Balduinstraße aus betrachtet 30 Meter landeinwärts lag.

Nun, in diesem Fall gibt es eine einfache Erklärung für die Erinnerungslücke. Denn 30 Meter Richtung Reeperbahn lag ein weiterer Liveclub; die Tanzhalle St. Pauli, die dem Marquee auf den ersten Blick sehr ähnelte. Sie befand sich ebenfalls in exponierter Ecklage, war von außen verziert mit Graffitis und beklebt mit Plakaten. Und auch in ihr war es schon bei halber Befüllung unfassbar eng, das Raumklima bereits Minuten nach Einlass zum Schneiden und die Bühne selbst schwer einsehbar, wenn man direkt davor stand.

Und doch ist es ein großer Fehler, das Marquee mit der Tanzhalle zu verwechseln. Das Marquee verdient seinen eigenen Platz in der Erinnerung. Allein schon musikalisch hob es sich von seinem Club-Nachbarn ab: Gegenüber vom Nordlicht wurde nur wenig elektronische Musik gespielt, sondern überwiegend Rock der härtesten Gangart. Der Sound war bisweilen so einzigartig mies, dass der Frontmann Alec Empire dem Publikum bei einem Konzert mit seiner Band Atari Teenage Riot angeboten haben soll, doch besser in seinem Wagen vor der Tür weiterzufeiern. Da könne man die Anlage nämlich lauter drehen. Punkrock eben. Nicht schön, eher schön scheiße.

Das also war der Geist des Marquee. Ein Club mit einer tief sitzenden Abneigung gegen alles Perfekte. Gerade dieses Laissez Faire konnte eine grandiose Ernergie erzeugen. Auf vielleicht dreifacher Wohnzimmergröße reichten sich schließlich nicht nur die Granden von Hardcore bis hin zu Drum’n’Bass das Mikrofon in die Hand; es gab auch Platz genug für eines der gewaltigsten Konzerte des Post-Beatles-Kiezes. Im Juni 1992, um genau zu sein: Faith No More! Gerade als die Posterboys der Grunge-Ära jede Arena des Erdballs füllten, gaben sie vor ihrem Konzert in der ausverkauften Sporthalle einen Geheimgig im Marquee. Wobei – geheim…

Schon Stunden vorher stauten sich bis zum Hans-Albers-Platz die Menschen. Es war unsagbar voll, unsagbar stickig, unsagbar laut und doch verstand man Mike Patton bestens. Der total dehydrierte Sänger flüsterte vom Bühnenrand, dass er sich in Clubs wie diesem fühle wie damals, als ihm seine Mama morgens im Winter unter der Bettdecke die Socken angezogen habe, damit er nicht friere. Sein Auftritt zeigte einmal mehr: Anders als das berühmte Londoner Clubvorbild, in dem 1962 die Karriere einer blutjungen Nachwuchsband namens Rolling Stones ihren Anfang nahm, war das Marquee zu Hamburg nicht vordringlich eine Talentschmiede. Im Gegenteil. Zwar statteten Genregrößen wie Queens of the Stone Age dem Laden schon lang vor ihrem Durchbruch eindrückliche Besuche ab. Und als Jungle im allgemeinen Sprachgebrauch noch eher für verregneten Urwald und nicht für eine besonders hitzige Spielart der Breakbeats stand, wurde im Marquee bereits regelmäßig dazu gezappelt.

Mehr noch aber atmeten gestandene Stadionrocker, die sich kurz hinter dem Zenit ihrer Weltkarrieren befanden, noch mal geschnittene Clubluft im Marquee. Die Stoner-Stars Kyuss etwa, die um dem Massenandrang gerecht zu werden, ein paar Boxen vor die Tür stellten. Mitte der längst grungemüden Neunziger dann machte besonders der heutige Hafenklang-Kopf Thomas Lengefeld das Marquee als Booker zur deutschen Herzkammer von allem, was Krach machte. Integrity, Turmoil, Turbonegro – es schepperte gehörig in den vier lückenlos vollgeschmierten Wänden. Besinnlich wurde es nur, wenn die linksalternativen Glaubensbrüder der Jesus Freaks ihre gottesfürchtigen Rockmessen abhielten.

Bis, ja bis Ende der Neunziger die Abrissbirne kam. Denn dort, wo ein Flachbau ein Jahrzehnt lang Hamburgs Independent-Szene prägte, wie sonst allenfalls das Grünspan oder das Molotow, steht nun ein Wohnungsblock im ortsüblichen Schuhkartondesign. Das Nordlicht-Publikum gegenüber kann sich schon gar nicht mehr ans Marquee erinnern. “Da”, kriegt man von dort nur zu hören, “hingen immer so Langhaarige rum und ha’m gekifft”.

Der Text ist vorab auf ZEIT


Club-Mausoleum: Steppenwolf (1985-2008)

Gastritis zum Saufen

Tomate, Korn, Tabasco – im Steppenwolf (Foto: creativecommons.org) entstand einst ein Kurzer, der schwer nach Magenweh klingt und gerade deshalb bis heute getrunken wird – zurzeit gar als Teil einer weltweiten Kampagne gegen Donald Trump. Erinnerungen an eine seltsam beschränkte Bar.

Wer Wirte, ihre Läden und ihre Kundschaft richtig verstehen will, der sollte die Bedeutung des Wortes Gastronomie aufschlüsseln. Das “Gast” vor “ronomie” nämlich bezeichnet ursprünglich nicht eine Person, die zu Besuch kommt, es stammt vom griechischen Wort gastron, also “Bauch”. Gefolgt von nomos, vulgo: Gesetz. Rein etymologisch betrachtet, lässt man sich also vom Magen verordnen, wo man bei Hunger und Durst einkehrt. Klingt weit hergeholt, hilft aber dabei, sich eine der bemerkenswertesten Bars auf dem Kiez früherer Tage wachzurufen: das Steppenwolf.

Gastlichkeit, gar Gastfreundschaft, also das, was Gastronomie abseits von sprachwissenschaftlicher Erbsenzählerei im Volksmund kennzeichnet, stand in der schummrigen Kaschemme traditionellen Zuschnitts nie an erster Stelle. Schon der Weg dorthin führte ja ums Eck der Großen Freiheit mitten ins Herz der Finsternis. Die damals wie heute verwilderten Häuser der Schmuckstraße zur Rechten, die damals wie heute stets vermüllte Schnapsleichenwiese zur Linken, betrat man das Steppenwolf. Es kam einer Mutprobe gleich. Als blinkte vor der Tür ein Warnschild: Achtung, Rocker!

Die waren Ende der achtziger, Anfang der neunziger Jahre zwar nur noch eine flüchtige Reminiszenz an längst verhallte Bandenkriege. Doch was im Innern folgte, rief die Erinnerung ruck, zuck wach: Musik, Personal, Einrichtung, Besucher fuhren einem sofort in die Magengrube. Als sich die Reeperbahn bereits für die Eventkultur aufplusterte, saßen da echte Kuttenträger mit echten Bärten und hörten harten Rock zu harten Drinks. Der härteste hieß Mexikaner.

Der höllenscharfe Shot aus Tomatensaft, Korn und einer gehörigen Portion Tabasco ist derzeit als Teil einer bundesweiten Kneipenkampagne gegen Donald Trump in fast aller Munde. Kneipen in aller Welt, seit neuesten sogar – wo sonst? – in Mexiko, schenken ihn aus, um Geld zu sammeln für die Proteste gegen den Wahnsinnigen am Schalthebel des Untergangs, der Anfang Juli auf dem G20-Gipfel in Hamburg erwartet wird. Erfunden wurde der kleine Longdrink im Steppenwolf. 1987, so geht die Legende, hat ihn Inhaber Mike Colani angemischt, aus purer Not. Weil er eine Ladung ungenießbaren Fusels nicht wegkippen wollte, kam ihm die Idee, dem billigen Schnaps etwas beizumengen, was den Geschmack nicht bloß neutralisierte, sondern pulverisierte. In seiner standesgemäß eher schlecht sortierten Bar stieß der Wirt auf die erwähnten Zutaten und betitelte das Ganze nach den Bewohnern eines weit entfernten Landes.

Seither stand das Steppenwolf, benannt nach der berühmten Rockband, die sich wiederum auf Hermann Hesses Weltliteratur berief, nicht mehr nur für den alten Rockerkiez; es wurde zum Synonym seines eindrücklichsten Getränks. Wer sich vor bald 30 Jahren warm trinken wollte für das, was bis zum Morgen noch kommen sollte oder schon müde war, steuerte die Kneipe in St. Paulis früherem Chinatown an. “Noch’n Mexi?” – das war auch für mich damals weniger Frage als Feststellung, dass da etwas fehlte für eine abgerundet festliche Nacht.

Der herbe Kurze passte schließlich perfekt zum Ambiente, das man im Steppenwolf geboten bekam. Wer ohne die Insignien der Stammklientel eintrat, wurde auf so offensive Art ignoriert, dass es lauter in den Ohren dröhnte als AC/DC aus den Boxen. Links die Bar, rechts die Tische, weiter hinten eine Art Bühne, die jedoch in meinem Beisein nie Livemusik bot, orderte man ohne viel Konversation eine Handvoll Mexikaner, setzte sich unauffällig in die Nähe der Tür, staunte über das Motorrad im Raum, fröstelte angesichts der potenziellen Fahrer ringsum, trank und ging. Geschafft!

So war das für Bürgersöhnchen ohne Halstattoos. Damals, als noch Eppendorf das Hipsterviertel war. Und das Steppenwolf die Antithese dazu. Eine, von der heute nicht mehr viel übrig ist. Nachdem die merkwürdige Kneipe vor knapp zehn Jahren geschlossen hat, ist das Gebäude, in dem sie sich befand, seltsam unbehaust. Es wirkt, als würde ihm bald Ähnliches widerfahren wie manch anderem Altbau dieser eher schlichten Art: Vernachlässigung, Entmietung, Leerstand, Abriss, Neubau. Schlimmstenfalls wird das neue Haus so aussehen, wie die zwei Rotklinkerzweckbauten daneben, vermutlich nur teurer.

Das Bauchgesetz des Kiezes 2017 ist eben ein anderes als 1987, als sich vom Steppenwolf aus ein Drink durchs Viertel brannte, der es dank Donald Trumps rassistischem Furor gegen sein Nachbarland nun in die große weite Welt geschafft hat. Gastritis zum saufen. So scharf, scharf war die Zeit.


Reportage: Knastalltag & Kreisligaflucht

Die Schlacke von Santa FU

Grätschen hinter Gittern

Grantschlamm, Pöbeln, 0:4 – eigentlich war das Kreisklassenspiel unseres Autors eines wie so viele im Hamburger Amateurfußball. Wären die 8. Herren des FC St. Pauli dafür nicht in den Knast gereist, zu Eintracht Fuhlsbüttel, genannt Santa Fu, Mindeststrafe drei Jahre. Ein Selbsterfahrungsbericht.

Von Jan Freitag

Es regnet, natürlich. Erst leicht, bald strömend. Kein Wunder, schießt es mir Sonntagfrüh halb sechs beim ersten Blick ins Freie durch den Kopf: wenn im Film jemand beerdigt wird, öffnen sich aus trübgrauem Himmel ja auch stets die Schleusen. Und das hier, darauf deutet alles hin, wird eine Beerdigung erster Klasse: Wir treten zum Auswärtsspiel bei Eintracht Fuhlsbüttel an, unterste Liga, dort wo Hamburgs Amateurfußball noch Grantplatzasche und Schiris ohne Regelkenntnis kennt.

Wir, das sind die 8. Herren des FC St. Pauli. Und unser Gegner? Ist der Tabellendritte vom Flughafenviertel. Zuhause kaum besiegbar, auswärts ungeschlagen, obwohl – eigentlich auch sieglos. Fuhlsbüttel darf nicht reisen, weshalb die Kreisklasse B6 ihre Heimspiele komplett bei der Eintracht austrägt: Es ist Hamburgs einziges Knastteam im regulären Spielbetrieb und darin so erfolgreich, dass Kellerkinder wie wir den Hochsicherheitsknast nur zum Punkteliefern betreten. Bis dahin allerdings dauert es. 60 Minuten vorm Anpfiff beginnt am malerischen Eingangstor zur denkmalgeschützten JVA Baujahr 1879 ein bürokratisch eng getaktetes Ritual: Handys abgeben, Pässe auch, Taschenkontrolle, Leibesvisitation, erst dann geht es in die hermetische Welt des geschlossenen Strafvollzugs.

Müde, nass, ein wenig schüchtern und doch sonderbar aufgekratzt trotten 18 Herrenspieler gehobenen Alters ohne Zigaretten (bis auf zwei versiegelte Päckchen), aber mit trotzigem Zweckoptimismus (auf ein Fußballwunder) hinter die Mauer in malerischem Rotklinker. Beim Marsch durch die Zellentrakte öffnet der Wachmann insgesamt sechs mächtige Schlösser in sechs wuchtigen Türen, auch die Umkleidekabine schließt er hinter uns ab. Klackklack, Klackklack – es ist der Sound exekutiver Vollzeitbetreuung von 300 Häftlingen mit mindestens drei Jahren Haft für schwere Straftaten bis zum Kapitalverbrechen, die sich (wie kürzlich ein ZEIT-Artikel offenlegte) auf den JVA-Fluren durch ein Klima aus Gewalt und Angst fortsetzen, weil ihm ein fast grotesker Personalmangel gegenübersteht.

Den haben wir am eigenen Leib erlebt, als uns an einem sonnigen Herbstmorgen von der – kurz darauf ersetzten – Anstaltsleitung erklärt wurde, das Spiel falle wegen, genau, Personalmangels aus und werde 3:0 für uns gewertet. Es waren die ersten von nur drei sieglosen Spielen der Eintracht in dieser Saison. Sportlich ist die Aussicht, aus der Gefangenschaft etwas zurück in die Freiheit mitzunehmen, auch sechs Monate später also gering. Aber geht es an diesem Ort überhaut um Punkte? Die Tabelle? Fußball? „Wir spielen gegen harte Jungs“, bläut uns Spielertrainer Malte beim Umziehen ein, „aber nicht gegen schlechte Menschen“.

Das musste wohl mal gesagt werden angesichts dessen, was sein Kollege über die Eintracht sagt. Er betreue da Vergewaltiger, Räuber, Mörder und früher Mal, nach gut der Hälfte seiner 74 Jahren an der Seitenlinie im Knast scheint Gerhard Mewes fast stolz darauf zu sein, ein Mitglied der Terrorzelle vom 11. September. Wer in den Niederungen kickt, hat es naturgemäß mit rauen Sitten zu tun. „Fotze“ als freundlicher Hinweis auf die Rechtslage im vorigen Zweikampf gehört ebenso dazu wie Revanchefouls mit 40 Metern Anlauf. Aber das hier?

Intuitiv spanne ich den Schienbeinschoner fester vors Bein und schalte die Ohren auf Durchzug. Anderseits – hat nicht der Schiri bestätigt, was Knastspiele als urban legend umweht: „Es geht hier so zur Sache wie draußen“. Kreisklasse eben. „Aber die Spieler von Santa Fu haben mehr als drei Punkte zu verlieren.“ Das Privileg nämlich, dem Gefängnistrott zweimal pro Woche mit der Aussicht auf individuelle Erfolgserlebnisse zu entkommen. Die Statistik gibt ihm Recht: in 14 Spielen hat Fuhlsbüttel keine Karte kassiert. Disziplin durch Verlustangst; im Areal jener, deren Normalität von Entbehrung geprägt ist, klingt das dennoch kaum beruhigend. Im Gegensatz zum Ritual vorm Anpfiff. „Gebt mir ein F!“, ruft der schwarzweiß gestreifte Gegner im Kreis, „Gebt mir ein U! Gebt mir ein San-Ta-Fu!“. Corporate Identity unter Intensivtätern – das kontern mein flaues Gefühl im Magen mit einer Dosis Empathie.

Und die ist auch bitter nötig. Denn das Fußballspiel ist auf dem absurd schmalen Platz mit „Fußballspiel“ schnell falsch umschrieben. Mit jeder Sekunde Regen verwandelt sich der Boden mehr in ein Hochmoor. Bei meiner Einwechslung Mitte der 1. Halbzeit werde ich vom Zellenblock aus gleich mal lauthals für meine Frisur veräppelt, doch da steht es bereits 2:0 für jenes Team, das nach zehn Jahren Ligazugehörigkeit zwar stets ganz vorn mitspielt, aber wegen des Verbots von Auswärtsfahrten nicht aufsteigen darf. Geht also um nix, oder? Von wegen.

Für die Nummer 14 geht es um alles. Der Eintracht-Kapitän dribbelt und pöbelt und kämpft und foult und brilliert und beleidigt locker für zehn, also den Rest des Teams, das in etwa so zurückhaltend agiert wie erhofft und dabei äußerst intensiv spielt, aber praktisch nie unfair. Mein Gegenspieler rät mir nach einem Zweikampf freundlich, die Arme am Körper zu behalten, „der Schiri ist streng, den kenn’ ich“. Sein „Pitbull“ genannter Mitspieler auf der anderen Seite grunzt bisweilen wütend, wenn er zur Grätsche ansetzt. Am Ende ist aber auch er eher angemessen als übertrieben aggressiv.

Ob Eintrachts Torjäger, der dem Sozialpädagogen mit Trainerlizenz Mewes wegen einer Prügelei im Knastallag seit Wochen fehlt, die Stimmung aufgeheizt hätte, bleibt Spekulation. Es ist, wenn man so will, ein Spiel wie jedes andere. Nur dass wir durch sechs wuchtige Türen mit sechs mächtigen Schlössern eskortiert werden. Danach gibt es Frühstück bei Kay oder Mittag mit Familie, je nach Bedarf. So ein Ausflug in die Gefangenschaft hilft, sich das Privileg der Freiheit ganz neu vor Augen zu halten. Nächste Saison kommen wir wieder. Ich freue mich schon jetzt. Sofern es nicht regnet. Und das Personal reicht.

Der Artikel ist vorab auf ZEIT-Online erschienen

Jugendfußball: Gewalt am Spielfeldrand

fusball-viola3Die Famooligans

Seit Fußball selbst für Kinder nicht mehr als Freizeitbeschäftigung, sondern gezielter Schritt auf dem Wege zum Ruhm betrachtet wird, hält das Leistungsdenken schon in der F-Jugend Einzug. Davon zeugt ein übertriebener Ehrgeiz am Spielfeldrand, der mancherorts zu offener Gewalt von Trainern, aber auch Eltern führt. Eine Reise über die Bolzplätze der Republik, an denen der Tonfall frühzeitig rauer wird – sofern besonnene Kräfte wie beim SC Sternschanze in der FairPlayLiga nicht dagegenhalten.

Von Jan Freitag

Ein lauer Herbstabend im Herzen Hamburgs: Vom Park nebenan weht Vogelgezwitscher über den Kunstrasen. Das Heimteam aus dem schwer angesagten Schanzenviertel führt gegen starke Gegner aus einer weit weniger begehrten Wohngegend, wo Plattenbau eng an Reihenhaus grenzt. Die Achtjährigen der F-Jugend laufen bis zum Umfallen, das tun sie immer. Ihre Fans sind entsprechend stolz, es ist Amateurfußball wie er sein soll: innbrünstig, spaßorientiert, selbstgenügsam. Ergebnis? Egal! Eigentlich.

Bis die Stimmung kippt.

Es beginnt mit einer Grätsche der Gäste. Von hinten auf die Knochen. Und der Schiri? Bleibt stumm. Kein Wunder: Es gibt keinen. Schließlich kickt hier eine Altersklasse, die ohne Ordnungsinstanz funktionieren will, soll, könnte – stünden nicht aufgebrachte Trainer wie der des Gästeteams am Seitenaus. Im Kasernenhofton befiehlt er seiner zurückliegenden Mannschaft, Gas zu geben. „Nachsetzen! Aufstehen! Rauf daaaa!“ – so dröhnt es seit Minuten. Resultat: Der Gefoulte liegt am Boden und heult. Der Foulende spielt weiter und trifft. Der Trainer brüllt vor Freude und zur Unterstreichung des Regelbruchs „geht doch!“ hinterher.

Dieser Sound ist in der Altersklasse abnorm und doch gewöhnlich. Achtjährige denken noch olympisch. Punkte werden nicht gezählt, Tore nach Abpfiff bald vergessen. Im Zentrum steht der Spaß am Sport, weshalb Betreuer zur Mäßigung am Spielfeldrand aufgerufen sind, zu dem Eltern 15 Meter Abstand halten, gern mehr. Das Prinzip heißt FairPlayLiga. Seit 2007 lässt es kindliche Fußballseelen von erwachsenem Eifer ungerührt zur Entfaltung kommen, indem man sie einfach spielen lässt. Theoretisch. Praktisch scheitert es auch diesen Abend am Faktor Mensch.

Extreme Gefühlswallungen sind von den Profis über die Kreisklasse bis zur Pampersliga gewandert, seit viele Eltern hinter jedem Hackentrick ihres Jungen den Weltmeister 2026 wittern. In England, wo das Phänomen maximal invasiver Eltern als pushy parents bekannt ist, wurden in 15 Monaten vor der WM 2014 von Pöbelei bis Krankenhausreife 3731 Unsportlichkeiten registriert. Hierzulande, beteuert DFB-Sprecher Thomas Hackbarth, lägen körperliche Auseinandersetzungen verglichen mit der Masse an Jugendspielen zwar noch „im Promillebereich“. Die aber haben es bisweilen in sich. Anfang 2016 etwa prügelten sich bei einem Juniorenturnier im Süden Hamburgs 20 Eltern auf dem Parkett, bis die Polizei mit sechs Wagen anrückte. Eine Art Eskalation, die in Holzmaden bei Stuttgart mal zu Schwerverletzten geführt hatte.

Und als ein Spielleiter kürzlich im Tagesspiegel anonym die hitzige Atmosphäre jenseits des Platzes beklagte, ergänzte der Berliner Verbandsvize Gerd Liesegang Beispiele ehrgeiziger Verwandtschaft, die von Halbwüchsigen Nachtritte fordert, Trainern Prügel androht oder das eigen Fleisch und Blut als „Scheißkackmongo“ beschimpft. Zuletzt sorgte ein Kinderturnier in Kaiserslautern für Schlagzeilen, auf dem acht Mütter zehnjähriger Jungs so wild aufeinander eindroschen, dass die Staatsanwaltschaft wegen Körperverletzung ermittelt. Der Fall hatte zwar offenbar auch mit Trennungsstreitigkeiten zweier Beteiligter zu tun; für Ralf Klohr symbolisiert er dennoch „die sinkende Reizschwelle der ganzen Gesellschaft“.

Bereits zehn Jahre zuvor war sie aus Sicht des hingebungsvollen Jugendtrainers so tief gesunken, dass er sich zum Handeln genötigt sah. Nachdem gewalttätige Eltern zum Abbruch eines Juniorenspiels in seiner pfälzischen Heimat geführt hatten, sah er nur zwei Möglichkeiten: „Ich hör auf oder ändre was.“ Klohr, der vom Bolzplatz über den Jugendwart bis zum Kreisverband die Basis des Nationalsports durchlaufen hat, entschied sich für letzteres und erfand die FairPlayLiga. Nach einem Testlauf im Raum Aachen setzte sich das minimal invasive Konzept bundesweit im Kinderfußball durch – mancherorts gar über die F-Jugend hinaus.

Nach dem Anpfiff, lauten die drei Regeln, beschränken sich Trainer aufs Nötigste, Eltern aufs Loben, Kinder aufs Kicken. Punkt. Dafür hagelt es von Clubs über Eltern bis Funktionären Lob. Der DFB fördert die FPL nach Kräften. Doch um Karriereträume ruhmsüchtiger Väter – und zunehmend auch Mütter – nachhaltig zu regulieren, mahnt der Erfinder landestypisch weich, aber inhaltlich hart, braucht es mehr als einen Verhaltenskodex. Kommunikation vor allem. „Und gute Trainer.“ Besser noch: Trainerinnen. Denn die, weiß Klohr aus 56 Jahren Lebenserfahrung, „sehen Fußball als Spaß-, nicht Kampfsportart“.

Das kann Viola von Düsterlho nur bestätigen. Neben ihrem Vollzeitjob bei einer Versicherung, betreut sie die F-Jugend des SC Sternschanze, seit deren Kinder noch aus der Kita zum Training kamen. 15 Stunden pro Woche. Mindestens. Ehrenamtlich. Die lizensierte Trainerin darf sich also unentgeltlich mit Kollegen wie dem des Freundschaftsspiels herumärgern. Während sie höchstens den Namen anstehender Auswechslungen aufs Feld ruft, richten sich Attacken der Gegenseite inklusive Eltern „oft sogar gegen unsere Kinder und ihren Verein“. Bestürzt erinnert sich die Betreuerin an „Scheiß-Sternschanze-Rufe“ von außen, während die Angefeindeten wie der achtjährige Johnny schon mal heulend vom Platz gehen, „weil der Trainer von den anderen gesagt hat, die sollen uns umtreten“.

Angesichts solcher Entgleisungen habe die Trainerin in der Halbzeit bereits angeboten, ein Spiel abzubrechen. Die Lust, zu kicken, sei jedoch stets größer gewesen als die Furcht vor Aggressivität. Noch. Denn mit dem Spielniveau wachse auch der Leistungsdruck, mahnt die Trainerin und fügt hinzu: „Fußball ist keine Pflicht, sondern Hobby.“ Das aber ist bedroht, wenn „immer Väter und Trainer von ein bis zwei Vereinen cholerisch Kinder anbrüllen“, wie es eine Mutter bei Turnieren ihres Sohnes erlebt. Trainerin Viola nennt die Eltern ihres Teams diesbezüglich zwar „vorbildlich“; aber selbst Barans Papa, meint Mama Özden, sei bei Spielen so hitzig, „dass der Junge ihn nicht mehr dabei haben will, wenn er das nicht lässt“. Fußball ist halt aufwühlend oder um es mit einer alten Trainerweisheit zu sagen: keine Sache von Leben und Tod, sondern viel ernster.

Was offenbar auch für andere Sportarten gilt. Im körperbetonten Eishockey etwa werden Eltern wie unlängst bei einem Juniorenspiel im bayrischen Dingolfing schon mal massiv handgreiflich. Und weil selbst die noblere Feldversion jenseits der Bande verbale Entgleisungen kennt, wird die laufende Hallensaison der Hamburger C-Junioren erstmals ohne Punkte und Meister ausgespielt. „Das trägt deutlich zur Entspannung bei“, lobt Klaus Korn vom zuständigen Ortsverband. Leistungsdruck und Trainingsumfang, Spezialisierung und Athletik, Relevanz und Wertigkeit  – all dies nehme schließlich nicht nur im Fußball zu und sorge für aggressionsfördernde Erwartungshaltungen.

Die Sporthochschule Köln bot ihrem Studenten Robert Freis daher schon vor 20 Jahren an, seine Diplomarbeit zum Verhalten von Trainern und Eltern im Tennis und Eislauf zu schreiben, wo Ehrgeiz von außen gleichfalls großen Druck ausübt. Doch als Jugendtrainer beim örtlichen FC forschte der Münchner lieber am Rande seiner großen Liebe. Dort fand er sieben Trainer- und Elterntypen vor. Von „ruhig“ und „lobend“ über „unkritisch“ oder „impulsiv“ bis „besserwisserisch“, gar „aggressiv“. Freis‘ Fazit: Während Grundschüler just for fun spielen und Pleiten zügig verdrängen, „sind Erwachsene oft leistungsorientiert“. Also zu laut, zu fordernd, zu invasiv. Eine Spirale der Emotionen. Kinder und Jugendliche würden den Sound der Eltern und Trainer ja oft eins zu eins übernehmen.

Dabei sei der Tonlage insgesamt gar nicht unbedingt rauer geworden. Weil die postheroische Gesellschaft auch dem Männersport Fußball viel vom Proleten-Image früherer Tage genommen habe, geht es aus Sicht des Mittvierzigers „oft sogar entspannter zu“ als in seiner eigenen Jugend. Falls vom Gegenteil die Rede ist, liege das auch an der wachsenden Transparenz. Bei Zigtausend Spielen, die 98.066 Kinder- und Jugendteams Woche für Woche austragen, sind soziale Medien stets auf Sendung. Von Exzessen wie in Wilhelmsburg oder Kaiserslautern hätte noch vor zehn Jahren allenfalls die Lokalpresse Wind gekriegt. Dank Smartphone und Facebook geht jede Abweichung der Norm in Echtzeit durchs halbe Land. Trotzdem, meint Freis, schraube „langfristiges Erfolgsdenken vieler Eltern und Trainer die Erwartungshaltung höher“. Auch, und das ist dann doch neu, bei den Kleinsten.

Ein DFB-Lehrbuch erklärte „ergebnisorientierte Kinder- und Jugendarbeit“ bereits vor dem Sommermärchen zur „Ursache vieler Fehlentwicklungen“. Anders gesagt: Wer schon bei Bambinis Siegeswillen sät, erntet bei Teenys rasch Verbissenheit. Und die vergiftet das Klima auf dem Platz ebenso wie daneben. Um es wieder zu entgiften, fahren zum Beispiel 30 DFB-Mobile durchs Land, mit denen der weltgrößte Sportbund Juniorenabteilungen schult. „Dank dieser Einstiegsdroge“, lobt Michael Monath vom Südwestdeutschen Fußballverband, hätten 800 Freizeitbetreuer seiner Region am „Jahr des Kindertrainers 2015“ teilgenommen. Jeder Fünfte erwarb die entsprechende Lizenz. Wichtiger Teil der Ausbildung: Kindern Freiraum lassen. Eltern zur Raison bringen. Und sich selbst auch.

Weil das unweit der Reeperbahn so gut gelingt, schicken viele Familien ihre Kids lieber zum kleinen SC Sternschanze als zum großen FC St. Pauli, selbst wenn der Anfahrtsweg dadurch länger wird. Bei letzterem wird schließlich von Beginn an für die Bundesliga gesiebt. Viola von Düsterloh dagegen sortiert vornehmlich nach Sympathie. „Mir ist lieber, dass Freunde zusammenbleiben als ständig gewinnen“. Das kommt dann schon von allein.

Der Text ist vorab im ZEIT-Spezial Schule & Erziehung erschienen