Club-Mausoleum: Marquee

Kiezgötter im Rockolymp

Das Hamburger Marquee (Foto: MRpro) überzeugte bis in die 1990er durch miesen Sound und stickige Luft. Und mit einem der gewaltigsten Konzerte des Post-Beatles-Kiezes: Faith No More!

Die Erinnerung treibt mitunter seltsame Kapriolen. Selbst Dinge, die früher einmal zum eigenen Alltag zählten, ändern bisweilen ihre Gestalt, das Wesen, manchmal sogar den Ort. Das Marquee zum Beispiel, eine der Legenden hanseatischer Clubkultur besserer Zeiten, liegt selbst im Gedenken einstiger Stammgäste oftmals nicht dort, wo es sich bis Ende der neunziger Jahre tatsächlich befand: gegenüber von der eichenrustikalen Spelunke Nordlicht. Sie sind der festen Überzeugung, dass der Musikclub von der Ecke Friedrichstraße/Balduinstraße aus betrachtet 30 Meter landeinwärts lag.

Nun, in diesem Fall gibt es eine einfache Erklärung für die Erinnerungslücke. Denn 30 Meter Richtung Reeperbahn lag ein weiterer Liveclub; die Tanzhalle St. Pauli, die dem Marquee auf den ersten Blick sehr ähnelte. Sie befand sich ebenfalls in exponierter Ecklage, war von außen verziert mit Graffitis und beklebt mit Plakaten. Und auch in ihr war es schon bei halber Befüllung unfassbar eng, das Raumklima bereits Minuten nach Einlass zum Schneiden und die Bühne selbst schwer einsehbar, wenn man direkt davor stand.

Und doch ist es ein großer Fehler, das Marquee mit der Tanzhalle zu verwechseln. Das Marquee verdient seinen eigenen Platz in der Erinnerung. Allein schon musikalisch hob es sich von seinem Club-Nachbarn ab: Gegenüber vom Nordlicht wurde nur wenig elektronische Musik gespielt, sondern überwiegend Rock der härtesten Gangart. Der Sound war bisweilen so einzigartig mies, dass der Frontmann Alec Empire dem Publikum bei einem Konzert mit seiner Band Atari Teenage Riot angeboten haben soll, doch besser in seinem Wagen vor der Tür weiterzufeiern. Da könne man die Anlage nämlich lauter drehen. Punkrock eben. Nicht schön, eher schön scheiße.

Das also war der Geist des Marquee. Ein Club mit einer tief sitzenden Abneigung gegen alles Perfekte. Gerade dieses Laissez Faire konnte eine grandiose Ernergie erzeugen. Auf vielleicht dreifacher Wohnzimmergröße reichten sich schließlich nicht nur die Granden von Hardcore bis hin zu Drum’n’Bass das Mikrofon in die Hand; es gab auch Platz genug für eines der gewaltigsten Konzerte des Post-Beatles-Kiezes. Im Juni 1992, um genau zu sein: Faith No More! Gerade als die Posterboys der Grunge-Ära jede Arena des Erdballs füllten, gaben sie vor ihrem Konzert in der ausverkauften Sporthalle einen Geheimgig im Marquee. Wobei – geheim…

Schon Stunden vorher stauten sich bis zum Hans-Albers-Platz die Menschen. Es war unsagbar voll, unsagbar stickig, unsagbar laut und doch verstand man Mike Patton bestens. Der total dehydrierte Sänger flüsterte vom Bühnenrand, dass er sich in Clubs wie diesem fühle wie damals, als ihm seine Mama morgens im Winter unter der Bettdecke die Socken angezogen habe, damit er nicht friere. Sein Auftritt zeigte einmal mehr: Anders als das berühmte Londoner Clubvorbild, in dem 1962 die Karriere einer blutjungen Nachwuchsband namens Rolling Stones ihren Anfang nahm, war das Marquee zu Hamburg nicht vordringlich eine Talentschmiede. Im Gegenteil. Zwar statteten Genregrößen wie Queens of the Stone Age dem Laden schon lang vor ihrem Durchbruch eindrückliche Besuche ab. Und als Jungle im allgemeinen Sprachgebrauch noch eher für verregneten Urwald und nicht für eine besonders hitzige Spielart der Breakbeats stand, wurde im Marquee bereits regelmäßig dazu gezappelt.

Mehr noch aber atmeten gestandene Stadionrocker, die sich kurz hinter dem Zenit ihrer Weltkarrieren befanden, noch mal geschnittene Clubluft im Marquee. Die Stoner-Stars Kyuss etwa, die um dem Massenandrang gerecht zu werden, ein paar Boxen vor die Tür stellten. Mitte der längst grungemüden Neunziger dann machte besonders der heutige Hafenklang-Kopf Thomas Lengefeld das Marquee als Booker zur deutschen Herzkammer von allem, was Krach machte. Integrity, Turmoil, Turbonegro – es schepperte gehörig in den vier lückenlos vollgeschmierten Wänden. Besinnlich wurde es nur, wenn die linksalternativen Glaubensbrüder der Jesus Freaks ihre gottesfürchtigen Rockmessen abhielten.

Bis, ja bis Ende der Neunziger die Abrissbirne kam. Denn dort, wo ein Flachbau ein Jahrzehnt lang Hamburgs Independent-Szene prägte, wie sonst allenfalls das Grünspan oder das Molotow, steht nun ein Wohnungsblock im ortsüblichen Schuhkartondesign. Das Nordlicht-Publikum gegenüber kann sich schon gar nicht mehr ans Marquee erinnern. “Da”, kriegt man von dort nur zu hören, “hingen immer so Langhaarige rum und ha’m gekifft”.

Der Text ist vorab auf ZEIT


Club-Mausoleum: Steppenwolf (1985-2008)

Gastritis zum Saufen

Tomate, Korn, Tabasco – im Steppenwolf (Foto: creativecommons.org) entstand einst ein Kurzer, der schwer nach Magenweh klingt und gerade deshalb bis heute getrunken wird – zurzeit gar als Teil einer weltweiten Kampagne gegen Donald Trump. Erinnerungen an eine seltsam beschränkte Bar.

Wer Wirte, ihre Läden und ihre Kundschaft richtig verstehen will, der sollte die Bedeutung des Wortes Gastronomie aufschlüsseln. Das “Gast” vor “ronomie” nämlich bezeichnet ursprünglich nicht eine Person, die zu Besuch kommt, es stammt vom griechischen Wort gastron, also “Bauch”. Gefolgt von nomos, vulgo: Gesetz. Rein etymologisch betrachtet, lässt man sich also vom Magen verordnen, wo man bei Hunger und Durst einkehrt. Klingt weit hergeholt, hilft aber dabei, sich eine der bemerkenswertesten Bars auf dem Kiez früherer Tage wachzurufen: das Steppenwolf.

Gastlichkeit, gar Gastfreundschaft, also das, was Gastronomie abseits von sprachwissenschaftlicher Erbsenzählerei im Volksmund kennzeichnet, stand in der schummrigen Kaschemme traditionellen Zuschnitts nie an erster Stelle. Schon der Weg dorthin führte ja ums Eck der Großen Freiheit mitten ins Herz der Finsternis. Die damals wie heute verwilderten Häuser der Schmuckstraße zur Rechten, die damals wie heute stets vermüllte Schnapsleichenwiese zur Linken, betrat man das Steppenwolf. Es kam einer Mutprobe gleich. Als blinkte vor der Tür ein Warnschild: Achtung, Rocker!

Die waren Ende der achtziger, Anfang der neunziger Jahre zwar nur noch eine flüchtige Reminiszenz an längst verhallte Bandenkriege. Doch was im Innern folgte, rief die Erinnerung ruck, zuck wach: Musik, Personal, Einrichtung, Besucher fuhren einem sofort in die Magengrube. Als sich die Reeperbahn bereits für die Eventkultur aufplusterte, saßen da echte Kuttenträger mit echten Bärten und hörten harten Rock zu harten Drinks. Der härteste hieß Mexikaner.

Der höllenscharfe Shot aus Tomatensaft, Korn und einer gehörigen Portion Tabasco ist derzeit als Teil einer bundesweiten Kneipenkampagne gegen Donald Trump in fast aller Munde. Kneipen in aller Welt, seit neuesten sogar – wo sonst? – in Mexiko, schenken ihn aus, um Geld zu sammeln für die Proteste gegen den Wahnsinnigen am Schalthebel des Untergangs, der Anfang Juli auf dem G20-Gipfel in Hamburg erwartet wird. Erfunden wurde der kleine Longdrink im Steppenwolf. 1987, so geht die Legende, hat ihn Inhaber Mike Colani angemischt, aus purer Not. Weil er eine Ladung ungenießbaren Fusels nicht wegkippen wollte, kam ihm die Idee, dem billigen Schnaps etwas beizumengen, was den Geschmack nicht bloß neutralisierte, sondern pulverisierte. In seiner standesgemäß eher schlecht sortierten Bar stieß der Wirt auf die erwähnten Zutaten und betitelte das Ganze nach den Bewohnern eines weit entfernten Landes.

Seither stand das Steppenwolf, benannt nach der berühmten Rockband, die sich wiederum auf Hermann Hesses Weltliteratur berief, nicht mehr nur für den alten Rockerkiez; es wurde zum Synonym seines eindrücklichsten Getränks. Wer sich vor bald 30 Jahren warm trinken wollte für das, was bis zum Morgen noch kommen sollte oder schon müde war, steuerte die Kneipe in St. Paulis früherem Chinatown an. “Noch’n Mexi?” – das war auch für mich damals weniger Frage als Feststellung, dass da etwas fehlte für eine abgerundet festliche Nacht.

Der herbe Kurze passte schließlich perfekt zum Ambiente, das man im Steppenwolf geboten bekam. Wer ohne die Insignien der Stammklientel eintrat, wurde auf so offensive Art ignoriert, dass es lauter in den Ohren dröhnte als AC/DC aus den Boxen. Links die Bar, rechts die Tische, weiter hinten eine Art Bühne, die jedoch in meinem Beisein nie Livemusik bot, orderte man ohne viel Konversation eine Handvoll Mexikaner, setzte sich unauffällig in die Nähe der Tür, staunte über das Motorrad im Raum, fröstelte angesichts der potenziellen Fahrer ringsum, trank und ging. Geschafft!

So war das für Bürgersöhnchen ohne Halstattoos. Damals, als noch Eppendorf das Hipsterviertel war. Und das Steppenwolf die Antithese dazu. Eine, von der heute nicht mehr viel übrig ist. Nachdem die merkwürdige Kneipe vor knapp zehn Jahren geschlossen hat, ist das Gebäude, in dem sie sich befand, seltsam unbehaust. Es wirkt, als würde ihm bald Ähnliches widerfahren wie manch anderem Altbau dieser eher schlichten Art: Vernachlässigung, Entmietung, Leerstand, Abriss, Neubau. Schlimmstenfalls wird das neue Haus so aussehen, wie die zwei Rotklinkerzweckbauten daneben, vermutlich nur teurer.

Das Bauchgesetz des Kiezes 2017 ist eben ein anderes als 1987, als sich vom Steppenwolf aus ein Drink durchs Viertel brannte, der es dank Donald Trumps rassistischem Furor gegen sein Nachbarland nun in die große weite Welt geschafft hat. Gastritis zum saufen. So scharf, scharf war die Zeit.


Reportage: Knastalltag & Kreisligaflucht

Die Schlacke von Santa FU

Grätschen hinter Gittern

Grantschlamm, Pöbeln, 0:4 – eigentlich war das Kreisklassenspiel unseres Autors eines wie so viele im Hamburger Amateurfußball. Wären die 8. Herren des FC St. Pauli dafür nicht in den Knast gereist, zu Eintracht Fuhlsbüttel, genannt Santa Fu, Mindeststrafe drei Jahre. Ein Selbsterfahrungsbericht.

Von Jan Freitag

Es regnet, natürlich. Erst leicht, bald strömend. Kein Wunder, schießt es mir Sonntagfrüh halb sechs beim ersten Blick ins Freie durch den Kopf: wenn im Film jemand beerdigt wird, öffnen sich aus trübgrauem Himmel ja auch stets die Schleusen. Und das hier, darauf deutet alles hin, wird eine Beerdigung erster Klasse: Wir treten zum Auswärtsspiel bei Eintracht Fuhlsbüttel an, unterste Liga, dort wo Hamburgs Amateurfußball noch Grantplatzasche und Schiris ohne Regelkenntnis kennt.

Wir, das sind die 8. Herren des FC St. Pauli. Und unser Gegner? Ist der Tabellendritte vom Flughafenviertel. Zuhause kaum besiegbar, auswärts ungeschlagen, obwohl – eigentlich auch sieglos. Fuhlsbüttel darf nicht reisen, weshalb die Kreisklasse B6 ihre Heimspiele komplett bei der Eintracht austrägt: Es ist Hamburgs einziges Knastteam im regulären Spielbetrieb und darin so erfolgreich, dass Kellerkinder wie wir den Hochsicherheitsknast nur zum Punkteliefern betreten. Bis dahin allerdings dauert es. 60 Minuten vorm Anpfiff beginnt am malerischen Eingangstor zur denkmalgeschützten JVA Baujahr 1879 ein bürokratisch eng getaktetes Ritual: Handys abgeben, Pässe auch, Taschenkontrolle, Leibesvisitation, erst dann geht es in die hermetische Welt des geschlossenen Strafvollzugs.

Müde, nass, ein wenig schüchtern und doch sonderbar aufgekratzt trotten 18 Herrenspieler gehobenen Alters ohne Zigaretten (bis auf zwei versiegelte Päckchen), aber mit trotzigem Zweckoptimismus (auf ein Fußballwunder) hinter die Mauer in malerischem Rotklinker. Beim Marsch durch die Zellentrakte öffnet der Wachmann insgesamt sechs mächtige Schlösser in sechs wuchtigen Türen, auch die Umkleidekabine schließt er hinter uns ab. Klackklack, Klackklack – es ist der Sound exekutiver Vollzeitbetreuung von 300 Häftlingen mit mindestens drei Jahren Haft für schwere Straftaten bis zum Kapitalverbrechen, die sich (wie kürzlich ein ZEIT-Artikel offenlegte) auf den JVA-Fluren durch ein Klima aus Gewalt und Angst fortsetzen, weil ihm ein fast grotesker Personalmangel gegenübersteht.

Den haben wir am eigenen Leib erlebt, als uns an einem sonnigen Herbstmorgen von der – kurz darauf ersetzten – Anstaltsleitung erklärt wurde, das Spiel falle wegen, genau, Personalmangels aus und werde 3:0 für uns gewertet. Es waren die ersten von nur drei sieglosen Spielen der Eintracht in dieser Saison. Sportlich ist die Aussicht, aus der Gefangenschaft etwas zurück in die Freiheit mitzunehmen, auch sechs Monate später also gering. Aber geht es an diesem Ort überhaut um Punkte? Die Tabelle? Fußball? „Wir spielen gegen harte Jungs“, bläut uns Spielertrainer Malte beim Umziehen ein, „aber nicht gegen schlechte Menschen“.

Das musste wohl mal gesagt werden angesichts dessen, was sein Kollege über die Eintracht sagt. Er betreue da Vergewaltiger, Räuber, Mörder und früher Mal, nach gut der Hälfte seiner 74 Jahren an der Seitenlinie im Knast scheint Gerhard Mewes fast stolz darauf zu sein, ein Mitglied der Terrorzelle vom 11. September. Wer in den Niederungen kickt, hat es naturgemäß mit rauen Sitten zu tun. „Fotze“ als freundlicher Hinweis auf die Rechtslage im vorigen Zweikampf gehört ebenso dazu wie Revanchefouls mit 40 Metern Anlauf. Aber das hier?

Intuitiv spanne ich den Schienbeinschoner fester vors Bein und schalte die Ohren auf Durchzug. Anderseits – hat nicht der Schiri bestätigt, was Knastspiele als urban legend umweht: „Es geht hier so zur Sache wie draußen“. Kreisklasse eben. „Aber die Spieler von Santa Fu haben mehr als drei Punkte zu verlieren.“ Das Privileg nämlich, dem Gefängnistrott zweimal pro Woche mit der Aussicht auf individuelle Erfolgserlebnisse zu entkommen. Die Statistik gibt ihm Recht: in 14 Spielen hat Fuhlsbüttel keine Karte kassiert. Disziplin durch Verlustangst; im Areal jener, deren Normalität von Entbehrung geprägt ist, klingt das dennoch kaum beruhigend. Im Gegensatz zum Ritual vorm Anpfiff. „Gebt mir ein F!“, ruft der schwarzweiß gestreifte Gegner im Kreis, „Gebt mir ein U! Gebt mir ein San-Ta-Fu!“. Corporate Identity unter Intensivtätern – das kontern mein flaues Gefühl im Magen mit einer Dosis Empathie.

Und die ist auch bitter nötig. Denn das Fußballspiel ist auf dem absurd schmalen Platz mit „Fußballspiel“ schnell falsch umschrieben. Mit jeder Sekunde Regen verwandelt sich der Boden mehr in ein Hochmoor. Bei meiner Einwechslung Mitte der 1. Halbzeit werde ich vom Zellenblock aus gleich mal lauthals für meine Frisur veräppelt, doch da steht es bereits 2:0 für jenes Team, das nach zehn Jahren Ligazugehörigkeit zwar stets ganz vorn mitspielt, aber wegen des Verbots von Auswärtsfahrten nicht aufsteigen darf. Geht also um nix, oder? Von wegen.

Für die Nummer 14 geht es um alles. Der Eintracht-Kapitän dribbelt und pöbelt und kämpft und foult und brilliert und beleidigt locker für zehn, also den Rest des Teams, das in etwa so zurückhaltend agiert wie erhofft und dabei äußerst intensiv spielt, aber praktisch nie unfair. Mein Gegenspieler rät mir nach einem Zweikampf freundlich, die Arme am Körper zu behalten, „der Schiri ist streng, den kenn’ ich“. Sein „Pitbull“ genannter Mitspieler auf der anderen Seite grunzt bisweilen wütend, wenn er zur Grätsche ansetzt. Am Ende ist aber auch er eher angemessen als übertrieben aggressiv.

Ob Eintrachts Torjäger, der dem Sozialpädagogen mit Trainerlizenz Mewes wegen einer Prügelei im Knastallag seit Wochen fehlt, die Stimmung aufgeheizt hätte, bleibt Spekulation. Es ist, wenn man so will, ein Spiel wie jedes andere. Nur dass wir durch sechs wuchtige Türen mit sechs mächtigen Schlössern eskortiert werden. Danach gibt es Frühstück bei Kay oder Mittag mit Familie, je nach Bedarf. So ein Ausflug in die Gefangenschaft hilft, sich das Privileg der Freiheit ganz neu vor Augen zu halten. Nächste Saison kommen wir wieder. Ich freue mich schon jetzt. Sofern es nicht regnet. Und das Personal reicht.

Der Artikel ist vorab auf ZEIT-Online erschienen

Jugendfußball: Gewalt am Spielfeldrand

fusball-viola3Die Famooligans

Seit Fußball selbst für Kinder nicht mehr als Freizeitbeschäftigung, sondern gezielter Schritt auf dem Wege zum Ruhm betrachtet wird, hält das Leistungsdenken schon in der F-Jugend Einzug. Davon zeugt ein übertriebener Ehrgeiz am Spielfeldrand, der mancherorts zu offener Gewalt von Trainern, aber auch Eltern führt. Eine Reise über die Bolzplätze der Republik, an denen der Tonfall frühzeitig rauer wird – sofern besonnene Kräfte wie beim SC Sternschanze in der FairPlayLiga nicht dagegenhalten.

Von Jan Freitag

Ein lauer Herbstabend im Herzen Hamburgs: Vom Park nebenan weht Vogelgezwitscher über den Kunstrasen. Das Heimteam aus dem schwer angesagten Schanzenviertel führt gegen starke Gegner aus einer weit weniger begehrten Wohngegend, wo Plattenbau eng an Reihenhaus grenzt. Die Achtjährigen der F-Jugend laufen bis zum Umfallen, das tun sie immer. Ihre Fans sind entsprechend stolz, es ist Amateurfußball wie er sein soll: innbrünstig, spaßorientiert, selbstgenügsam. Ergebnis? Egal! Eigentlich.

Bis die Stimmung kippt.

Es beginnt mit einer Grätsche der Gäste. Von hinten auf die Knochen. Und der Schiri? Bleibt stumm. Kein Wunder: Es gibt keinen. Schließlich kickt hier eine Altersklasse, die ohne Ordnungsinstanz funktionieren will, soll, könnte – stünden nicht aufgebrachte Trainer wie der des Gästeteams am Seitenaus. Im Kasernenhofton befiehlt er seiner zurückliegenden Mannschaft, Gas zu geben. „Nachsetzen! Aufstehen! Rauf daaaa!“ – so dröhnt es seit Minuten. Resultat: Der Gefoulte liegt am Boden und heult. Der Foulende spielt weiter und trifft. Der Trainer brüllt vor Freude und zur Unterstreichung des Regelbruchs „geht doch!“ hinterher.

Dieser Sound ist in der Altersklasse abnorm und doch gewöhnlich. Achtjährige denken noch olympisch. Punkte werden nicht gezählt, Tore nach Abpfiff bald vergessen. Im Zentrum steht der Spaß am Sport, weshalb Betreuer zur Mäßigung am Spielfeldrand aufgerufen sind, zu dem Eltern 15 Meter Abstand halten, gern mehr. Das Prinzip heißt FairPlayLiga. Seit 2007 lässt es kindliche Fußballseelen von erwachsenem Eifer ungerührt zur Entfaltung kommen, indem man sie einfach spielen lässt. Theoretisch. Praktisch scheitert es auch diesen Abend am Faktor Mensch.

Extreme Gefühlswallungen sind von den Profis über die Kreisklasse bis zur Pampersliga gewandert, seit viele Eltern hinter jedem Hackentrick ihres Jungen den Weltmeister 2026 wittern. In England, wo das Phänomen maximal invasiver Eltern als pushy parents bekannt ist, wurden in 15 Monaten vor der WM 2014 von Pöbelei bis Krankenhausreife 3731 Unsportlichkeiten registriert. Hierzulande, beteuert DFB-Sprecher Thomas Hackbarth, lägen körperliche Auseinandersetzungen verglichen mit der Masse an Jugendspielen zwar noch „im Promillebereich“. Die aber haben es bisweilen in sich. Anfang 2016 etwa prügelten sich bei einem Juniorenturnier im Süden Hamburgs 20 Eltern auf dem Parkett, bis die Polizei mit sechs Wagen anrückte. Eine Art Eskalation, die in Holzmaden bei Stuttgart mal zu Schwerverletzten geführt hatte.

Und als ein Spielleiter kürzlich im Tagesspiegel anonym die hitzige Atmosphäre jenseits des Platzes beklagte, ergänzte der Berliner Verbandsvize Gerd Liesegang Beispiele ehrgeiziger Verwandtschaft, die von Halbwüchsigen Nachtritte fordert, Trainern Prügel androht oder das eigen Fleisch und Blut als „Scheißkackmongo“ beschimpft. Zuletzt sorgte ein Kinderturnier in Kaiserslautern für Schlagzeilen, auf dem acht Mütter zehnjähriger Jungs so wild aufeinander eindroschen, dass die Staatsanwaltschaft wegen Körperverletzung ermittelt. Der Fall hatte zwar offenbar auch mit Trennungsstreitigkeiten zweier Beteiligter zu tun; für Ralf Klohr symbolisiert er dennoch „die sinkende Reizschwelle der ganzen Gesellschaft“.

Bereits zehn Jahre zuvor war sie aus Sicht des hingebungsvollen Jugendtrainers so tief gesunken, dass er sich zum Handeln genötigt sah. Nachdem gewalttätige Eltern zum Abbruch eines Juniorenspiels in seiner pfälzischen Heimat geführt hatten, sah er nur zwei Möglichkeiten: „Ich hör auf oder ändre was.“ Klohr, der vom Bolzplatz über den Jugendwart bis zum Kreisverband die Basis des Nationalsports durchlaufen hat, entschied sich für letzteres und erfand die FairPlayLiga. Nach einem Testlauf im Raum Aachen setzte sich das minimal invasive Konzept bundesweit im Kinderfußball durch – mancherorts gar über die F-Jugend hinaus.

Nach dem Anpfiff, lauten die drei Regeln, beschränken sich Trainer aufs Nötigste, Eltern aufs Loben, Kinder aufs Kicken. Punkt. Dafür hagelt es von Clubs über Eltern bis Funktionären Lob. Der DFB fördert die FPL nach Kräften. Doch um Karriereträume ruhmsüchtiger Väter – und zunehmend auch Mütter – nachhaltig zu regulieren, mahnt der Erfinder landestypisch weich, aber inhaltlich hart, braucht es mehr als einen Verhaltenskodex. Kommunikation vor allem. „Und gute Trainer.“ Besser noch: Trainerinnen. Denn die, weiß Klohr aus 56 Jahren Lebenserfahrung, „sehen Fußball als Spaß-, nicht Kampfsportart“.

Das kann Viola von Düsterlho nur bestätigen. Neben ihrem Vollzeitjob bei einer Versicherung, betreut sie die F-Jugend des SC Sternschanze, seit deren Kinder noch aus der Kita zum Training kamen. 15 Stunden pro Woche. Mindestens. Ehrenamtlich. Die lizensierte Trainerin darf sich also unentgeltlich mit Kollegen wie dem des Freundschaftsspiels herumärgern. Während sie höchstens den Namen anstehender Auswechslungen aufs Feld ruft, richten sich Attacken der Gegenseite inklusive Eltern „oft sogar gegen unsere Kinder und ihren Verein“. Bestürzt erinnert sich die Betreuerin an „Scheiß-Sternschanze-Rufe“ von außen, während die Angefeindeten wie der achtjährige Johnny schon mal heulend vom Platz gehen, „weil der Trainer von den anderen gesagt hat, die sollen uns umtreten“.

Angesichts solcher Entgleisungen habe die Trainerin in der Halbzeit bereits angeboten, ein Spiel abzubrechen. Die Lust, zu kicken, sei jedoch stets größer gewesen als die Furcht vor Aggressivität. Noch. Denn mit dem Spielniveau wachse auch der Leistungsdruck, mahnt die Trainerin und fügt hinzu: „Fußball ist keine Pflicht, sondern Hobby.“ Das aber ist bedroht, wenn „immer Väter und Trainer von ein bis zwei Vereinen cholerisch Kinder anbrüllen“, wie es eine Mutter bei Turnieren ihres Sohnes erlebt. Trainerin Viola nennt die Eltern ihres Teams diesbezüglich zwar „vorbildlich“; aber selbst Barans Papa, meint Mama Özden, sei bei Spielen so hitzig, „dass der Junge ihn nicht mehr dabei haben will, wenn er das nicht lässt“. Fußball ist halt aufwühlend oder um es mit einer alten Trainerweisheit zu sagen: keine Sache von Leben und Tod, sondern viel ernster.

Was offenbar auch für andere Sportarten gilt. Im körperbetonten Eishockey etwa werden Eltern wie unlängst bei einem Juniorenspiel im bayrischen Dingolfing schon mal massiv handgreiflich. Und weil selbst die noblere Feldversion jenseits der Bande verbale Entgleisungen kennt, wird die laufende Hallensaison der Hamburger C-Junioren erstmals ohne Punkte und Meister ausgespielt. „Das trägt deutlich zur Entspannung bei“, lobt Klaus Korn vom zuständigen Ortsverband. Leistungsdruck und Trainingsumfang, Spezialisierung und Athletik, Relevanz und Wertigkeit  – all dies nehme schließlich nicht nur im Fußball zu und sorge für aggressionsfördernde Erwartungshaltungen.

Die Sporthochschule Köln bot ihrem Studenten Robert Freis daher schon vor 20 Jahren an, seine Diplomarbeit zum Verhalten von Trainern und Eltern im Tennis und Eislauf zu schreiben, wo Ehrgeiz von außen gleichfalls großen Druck ausübt. Doch als Jugendtrainer beim örtlichen FC forschte der Münchner lieber am Rande seiner großen Liebe. Dort fand er sieben Trainer- und Elterntypen vor. Von „ruhig“ und „lobend“ über „unkritisch“ oder „impulsiv“ bis „besserwisserisch“, gar „aggressiv“. Freis‘ Fazit: Während Grundschüler just for fun spielen und Pleiten zügig verdrängen, „sind Erwachsene oft leistungsorientiert“. Also zu laut, zu fordernd, zu invasiv. Eine Spirale der Emotionen. Kinder und Jugendliche würden den Sound der Eltern und Trainer ja oft eins zu eins übernehmen.

Dabei sei der Tonlage insgesamt gar nicht unbedingt rauer geworden. Weil die postheroische Gesellschaft auch dem Männersport Fußball viel vom Proleten-Image früherer Tage genommen habe, geht es aus Sicht des Mittvierzigers „oft sogar entspannter zu“ als in seiner eigenen Jugend. Falls vom Gegenteil die Rede ist, liege das auch an der wachsenden Transparenz. Bei Zigtausend Spielen, die 98.066 Kinder- und Jugendteams Woche für Woche austragen, sind soziale Medien stets auf Sendung. Von Exzessen wie in Wilhelmsburg oder Kaiserslautern hätte noch vor zehn Jahren allenfalls die Lokalpresse Wind gekriegt. Dank Smartphone und Facebook geht jede Abweichung der Norm in Echtzeit durchs halbe Land. Trotzdem, meint Freis, schraube „langfristiges Erfolgsdenken vieler Eltern und Trainer die Erwartungshaltung höher“. Auch, und das ist dann doch neu, bei den Kleinsten.

Ein DFB-Lehrbuch erklärte „ergebnisorientierte Kinder- und Jugendarbeit“ bereits vor dem Sommermärchen zur „Ursache vieler Fehlentwicklungen“. Anders gesagt: Wer schon bei Bambinis Siegeswillen sät, erntet bei Teenys rasch Verbissenheit. Und die vergiftet das Klima auf dem Platz ebenso wie daneben. Um es wieder zu entgiften, fahren zum Beispiel 30 DFB-Mobile durchs Land, mit denen der weltgrößte Sportbund Juniorenabteilungen schult. „Dank dieser Einstiegsdroge“, lobt Michael Monath vom Südwestdeutschen Fußballverband, hätten 800 Freizeitbetreuer seiner Region am „Jahr des Kindertrainers 2015“ teilgenommen. Jeder Fünfte erwarb die entsprechende Lizenz. Wichtiger Teil der Ausbildung: Kindern Freiraum lassen. Eltern zur Raison bringen. Und sich selbst auch.

Weil das unweit der Reeperbahn so gut gelingt, schicken viele Familien ihre Kids lieber zum kleinen SC Sternschanze als zum großen FC St. Pauli, selbst wenn der Anfahrtsweg dadurch länger wird. Bei letzterem wird schließlich von Beginn an für die Bundesliga gesiebt. Viola von Düsterloh dagegen sortiert vornehmlich nach Sympathie. „Mir ist lieber, dass Freunde zusammenbleiben als ständig gewinnen“. Das kommt dann schon von allein.

Der Text ist vorab im ZEIT-Spezial Schule & Erziehung erschienen

Essay: Die Polizei – dein Feind und Helfer

800px-polizei_laser_messungAre Cops All Bastards?

Seit Jugendbeinen macht es die Polizei (Foto: Christian “VisualBeo” Horvat) dem freitagsmedien-Autor mit viel Willkür und manchem Rechtsbruch im Dienst schwer, sie zu respektieren. Dank wachsender Aufgaben bei sinkendem Renommee und mäßigem Lohn ruft er jetzt aber zur Milde für jene auf, die ungeachtet schwarzer Schafe, Racial Profiling, Gewaltexzessen und Korpsgeist täglich den Kopf zwischen alle Fronten halten. Bei der Veröffentlichung auf ZEIT-Online hat das erstaunlich vielfältige Reaktionen hervorgerufen. Hier ist der Text in voller Länge.

Von Jan Freitag

Es war ein kühler Samstag in Hamburg, als das Gefühl in mir hochkroch, langsam zu alt zu sein, mindestens aber zu bürgerlich fürs radikale Revoltieren. Auf der Bühne stand die Band Waving The Guns und erhob Worte Waffen gleich gegen alles, was ihr HipHop gern fickt: Nazis, Kapital, Trump, das System – von weit links betrachtet alles äußerst verachtenswert, wenngleich nicht halb so sehr wie sie: Cops.

Polizisten.

„ACAB“ brüllt das Publikum mehrfach lautstark, manchmal als Teil eines Songs, manchmal einfach so. Wie es halt so ist, wenn sich ein Publikum gemeinsam mit der Gruppe on stage weit links verortet. Oder andernorts im schwarzen Block antifaschistischer Demos. Oder im schwarzen Block antiantifaschistischer Demos. Oder unter fußballfanatischen Ultras beider Lager. All Cops Are Bastards – darauf können sich braune wie rote Hardcorefans einigen. Moment, Bastards? Bevor man sich fragt, warum „uneheliches Kind“ einer libertären Ideologie als Schimpfwort dient und Individuen ungeachtet ihrer Persönlichkeit in Sippenhaft nimmt, bevor man sich also den Kopf zerbricht, wie rechts die linke Parole ACAB klingt, zerbreche ich mir meinen darüber, warum ich pauschalen Hass auf Polizisten so selbstgerecht und engstirnig finde, so nazikapitaltrumpsystemgefickt dumm.

Die Polizei, das zu sagen fällt mir als Bilderstürmer der Castor-Blockieren- bis Rote-Flora-Verteidigen-Ära nicht leicht, verdient Solidarität auch von denen, die Freunde und Helfer in toto für Feinde und Faschisten halten. Leider gibt‘s nämlich grad ein paar Feinde und Faschisten, die den Namen auch wirklich durchweg verdienen, zu viel. Und wer stellt sich zwischen die und uns, wenn‘s haarig wird? Genau! Doch der Reihe nach. Vor einiger Zeit wäre mir das Gebrüll wider die Staatsmacht durchaus lieb gewesen. Ich hatte ja auch Grund dazu.

Kaum volljährig, wurde ich erstmals Ziel polizeilicher Willkür. Gut, mit drei Freunden auf einer Wache betrunken die Freilassung des vierten zu fordern, dem wegen Alkohols am Steuer (zu Recht) Blut abgenommen wird, war wenig diplomatisch. Doch dass ausgerechnet die zwei Besonnenen unter uns Prügel bezogen und – bezeugt von mehr Beamten als zugegen – eine Anzeige wegen Widerstands, hat mein Vertrauen in die Ordnung der Ruhe früh erschüttert. Und so ging es weiter, je weiter ich auch deshalb nach links rückte. Anfang der Neunziger wurde ich als junger Journalist Zeuge uniformierter Gewalt gegen zwei Fotografen im Einsatz. Damit nicht genug, erzählte mir der Abteilungsleiter „Interne Ermittlungen“ meiner Heimatstadt, die fünf Jahre zuvor 861 Demonstranten 13 Stunden im berühmten „Hamburger Kessel“ ihrer Freiheit beraubt hatte, deprimiert von zwei Handvoll Anklagen gegen rechtsbrüchige Kollegen in zwei Dekaden Dienst.

Wuchs mein Zweifel an der Polizei da bereits heftig, geriet er nach einer Demo in Kiel zur Gewissheit. Auf dem Rückweg nahm mich ein SEK-Kommando wahllos fest und garnierte das Unrecht mit einer Anzeige wegen Landfriedensbruchs, die trotz eines Dutzends Zeugen mit Dienstgrad „mangels Beweisen“ zurückgezogen wurde. Obwohl ich über Rangeleien im Getümmel hinaus nie die Hand gegen Polizisten erhoben habe, arbeiten sie also hart an meiner Antipathie. Wie vor vier Jahren, als ganz St. Pauli zum Gefahrengebiet wurde. Über Tage patrouillierten Einsatzkräfte damals mit schlechter Laune und Schlagstock im Wohngebiet für 23.000 Bewohner wie mir. Es war erniedrigend. Doch obwohl mein achtjähriger Sohn sich nun ein wenig vor Uniformen fürchtet, mache ich hiermit ein Friedensangebot. Denn trotz überdurchschnittlich rechter Gesinnung, trotz Korpsgeist aus dem ethischen Präkambrium kaiserlichen Obrigkeitsdenkens, trotz Racial Profiling, Scheinexekutionen und Lächelverbot im Fronteinsatz sind Polizisten ja zunächst mal – Menschen.

Und als solche, liebe „ACAB“-Hater, bitte individuell zu beurteilen. Davon abgesehen ist die Polizei 2017 trotz aller Auswüchse nicht mit der von 1987 zu vergleichen, schon gar nicht mit der von 1968. Seither ist sie liberaler geworden, weiblicher, selbstkritischer, demokratischer, ja sogar migrationshintergründiger. Vielleicht nicht im Tempo der Gesamtgesellschaft, aber in ähnlicher Richtung. Und abgesehen vom Häuflein Anarchisten, das Ordnung per se ablehnt, seid ihr am Ende vermutlich ebenso erleichtert wie ich, wenn ein rechtschaffender „Bulle“ den Raddiebstahl aufnimmt, Brandanschlag aufklärt, Vergewaltiger findet. Das aber erfordert Personal, zumindest mal rund 10.000 Stellen, denen 20 Millionen Überstunden der 310.000 Beamten 2016 entsprechen. Gut geschult und moralisch gefestigt, versteht sich. Dazu unbestechlich, liberal, human und auch dann cool, wenn es attackiert wird. Da dies selbst im Alltag so oft passiert, dass 2015 mit 64.371 Delikten gegen Polizisten 2,5 Prozent als im Jahr zuvor registriert wurden (wo die Steigerung gar doppelt so hoch war), legte Justizminister Maas gerade den Straftatbestand „tätlicher Angriff auf Vollstreckungsbeamte“ vor. Höchststrafe: Fünf Jahre.

Man muss kein Fanatiker sein, um die Streichung von fast jeder zehnten Polizeistelle seit 1995 angesichts wachsender Aufgabenfelder irgendwie kontraproduktiv zu finden. Die Zahl insbesondere schwerer Delikte geht laut Kriminalstatistik trotz aller Überwachung zwar konstant nach unten; parallel indes wächst der Präventionsbedarf, wenn jeder Päderast, jeder Islamist, jeder potenzielle Täter 24/7 eskortiert und zugleich jedes Fußballspiel, jede Nazidemo, jeder Weihnachtsmarkt bewacht werden soll. Umso mehr verstört ein Zeit-Dossier, das die Misere von ungeheizten Diensträumen bis uralter Bewaffnung am Beispiel der Berliner Polizei gerade tragisch auf den Punkt brachte: So inakzeptabel jeder Rechtsbruch durch jene ist, die das Recht schützen sollen, so bizarr wirkt es, den überforderten, unterbezahlten und doch oft hingebungsvollen Rest verantwortlich für den statistisch üblichen Arschloch-Anteil zu machen.

Der „Bürgernahe Beamte“ meines Wohnviertels zum Beispiel ist von einer verbindlichen Lässigkeit, als gehöre er nicht mal derselben Spezies an wie mancher Kollege, der offenbar Polizist wurde, weil Hooligans keinen Sold beziehen. Auf seiner Wache wurde mir zuletzt nach einem Unfall die Strafanzeige mit einer so klugen Philippika zur heilenden Kraft des Diskurses ausgeredet, dass ich die überlastete Justiz damit nicht behelligt habe. Als der US-Rapper Ice-T angesichts der vielfach tödlichen Diskriminierung schwarzer Amerikaner durch weiße Cops einst “Fuck the Police” ins Mikro brüllte, klang das irgendwie nach Notwehr. Aber in Deutschland, dessen Polizei pro Jahr überhaupt nur 40 Mal auf Menschen schießt? Gut, selbst da trifft es auch falsche Opfer. Und bei Bundesligaspielen ums Eck sähe ich gern mal ein Lächeln zwischen Helm und Schild statt provokanten Missmut. Aber das ist wohl ein Panzer, den in der 356. Überstunde für 2300 Euro brutto selbst jene anlegen, die ihren Job mit gewissenhafter Hingabe ausüben.

Ich werde also auch weiter laut, wenn die Polizei das Recht beugt. Zugleich aber will ich nicht, dass Individuen – ob Flüchtling, Sachse, Journalist, Mann, Frau, Häftling oder eben Ordnungshüter – pauschal verunglimpft werden. Da halte ich es lieber mit Extrabreit als Waving The Guns oder Body Count: „Sie haben Angst vor Terroristen / denn sie ziehen oft nicht schnell genug“, sang die Band 1981, als Polizisten mehr Respekt als Überstunden auf dem Konto hatten. „Sie rauchen Milde Sorte / weil das Leben ist doch hart genug.“ Die Zigaretten gibt’s nicht mehr, das harte Polizisten-Leben schon. Machen wir‘s nicht härter als nötig.


Pullman: Kostümverbot im Kölner Karneval

koln-lorenz1Im Auge des Sturms

Ausgerechnet in Kölns offizieller Hofburg, wo seit 11.11. um 11 Uhr 11 das Dreigestirn residiert und auch sonst alle janz jeck sind, kann man dem Karneval selbst von Weiberfassnacht bis Aschermittwoch entkommen. Hoch droben, unterm Dach, in einer Bar mit fantastischem Domblick, dezenten Drinks und einer Chefin, der Kostüme eher fremd sind.

Von Jan Freitag

Das Auge des Hurrikans liegt nicht im, sondern überm Sturm. Zwölf Stockwerke, um genau zu sein, hinauf zu einer Bar, die kein Lüftchen durchweht. Der Fahrstuhl des Pullman Cologne nimmt sie in einem Tempo, dass die Vollbremsung den Magen am Ziel kurz weiter aufwärts fahren lässt. Es ist also eher nichts für Betrunkene, hineinzugelangen in den stillen Kern eines Wetterextrems namens Kölner Karneval. Dabei läuft das Nobelhotel zwölf Etagen tiefer vor Narren schier über an diesem besonderen Tag im Leben eines jeden Karnevalisten.

Wir schreiben 11/11. Für Nord-, Ost-, Süddeutsche ist das ein Datum wie jedes andere, für Rheinländer die Quintessenz allen Seins. Gute sieben Stunden sind seit dem Auftakt zur aktuellen Session vergangen. Gefühlt jeder Kölner auf dem Planeten plus messbare Teile der Restweltbevölkerung hat den 11.11. um 11 Uhr 11 in der ganzen Altstadt runter gezählt. Und hier, in Grölweite zum rappelvollen Heumarkt, wo Abertausende den Alltag schon mittags alkoholvernebelt zur Samstagnacht machen, da ist die Hofburg, sein offizielles Zentrum, nicht irgendein Hotel also.

Seit 44 Jahren residiert das Dreigestirn genannte Trifolium aus Prinz, Bauer, Jungfrau im äußerlich wenig ansehnlichen Klotz der betonsüchtigen Siebziger. Seinerzeit als Fünfsterne-Haus der Marke Interconti gegründet, hat das mittelgroße Hotel bis heute schließlich den zweitgrößten Ballsaal dieser latent größenwahnsinnigen Metropole des organisierten Frohsinns. Angemessen prunkvoll bietet er spielend Platz für tausend Gäste und mehr, die von mächtigen Kronleuchtern ebenso angemessen hell beleuchtet werden.

Wer dieser Stadt am „Elften im Elften“ nicht vorsorglich (und oft naserümpfend) entflohen ist, kann in dem handballfeldgroßen Raum an diesem kühlen Novemberfreitag all das vorfinden, was Karnevalsfans lieben, Karnevalsgegner hingegen umso mehr verachten: Kontrolliert abdrehende Ottonormalverbraucher vornehmlich reiferen Alters mit viel Farbe am Leib, sehr viel Alkohol im Blut und sehr, sehr viel Volksliedgut auf den Lippen. Heuer startet hier die regional bedeutsame Grosse Braunsfelder Karnevalsgesellschaft von 1976 e.V. in ihre fünfte Jahreszeit, und weil das designierte Dreigestirn nebst Entourage nach der Krönung Anfang Januar bis Aschermittwoch für sechs Wochen acht Zimmer auf Hotelkosten bezieht, zelebriert es sich in seiner künftigen Residenz besonders ausdauernd. Innbrünstig vor allem.

Noch ohne Ornat wärmt seine „Tollität“ in zivil und spe die Feiermeute lautstark für größere Aufgaben vor. Eine Batterie Karnevalsparolen nach der nächsten schleudert Stefan I. von ständigem Alaaf gekrönt in einen Saal, der zwar noch nicht brodelt wie am 23. Februar, wenn die Weiberfassnacht den Regler gen Höchsttemperatur schiebt. Doch schon jetzt wird deutlich, was das Hotel und seine Gäste an diesem geweihten Ort profaner Massenkultur dann erwartet. Das Foyer platzt vor Jecken, deren Stimme immer ein wenig lauter, deren Stimmung stets etwas euphorischer, deren Gestus viel überdrehter ist als nötig, aus allen Nähten. Unkostümiert fällt man zwischen den Paradiesvögeln und Piraten, den Pokemons und – 2016 schwer in Mode – Sondereinsatzpolizisten mehr auf als diese wohl an gewöhnlichen Tagen, wenn gesittete Dreiteiler und Businesskostüme die Lobby dominieren. Und dann das Gesangsrepertoire, Hymnen Kölner Eigenlobes, musikalisch zwischen Après-Ski-Gaudi, Fußballarena und Schützenfest: für alle, die davon Hitzepickel kriegen, empfiehlt sich nur eines: Flucht in ruhigere Gefilde, raus aus dem Sturm, hinein in sein Auge.

Zum Glück haben sie es nicht weit.

„Einfach in den Fahrstuhl, zwölfter Stock drücken und tief durchatmen“, so empfiehlt es der offizielle Herbergsvater des Dreigestirns, Hoteldirektor Henk Jan van Oostrum. Und in der Tat: Kaum schließt sich die Tür, setzt Staunen ein über den Segen guter Schallisolierung. Man hört mit einem Mal – nichts. Zumindest, bis der Lift rund 40 Meter höher hält. Mit gedämpfter Stimme weist die Security den Weg in eine Bar, die nun für mehr steht als den branchenüblichen Ort gediegener Absacker nach getaner Geschäftstätigkeit jeder Art. „Es ist ein echtes Refugium“, meint Henk Jan van Oostrum, ein holländischer Köln-Immigrant, der beim jahrzehntelangen Marsch durch die Institutionen seines Hotels nicht nur zum Manager, sondern zum Karnevalisten geworden ist. Doch weil davon bei zwei von fünf seiner Gäste erwiesenermaßen keine Rede sein kann und 20 Prozent die Maskerade gar offen ablehnen, hat van Oostrums Vorgänger das Restaurant unterm Dach Ende 2015 in die LAB12 verwandelt.

Karnevalsmusik ist zum spektakulären Blick über die halbe Stadt ebenso tabu wie allzu ekstatisches Gebaren in allzu offensichtlicher Verkleidung. Der „Fasteleer“, wie Karneval an dessen globaler Zweitkapitale nach Rio heißt, muss also ausgerechnet da draußen bleiben, wo die offiziellen Fahnen vom Festkomitee, seiner Ehrengarde und des Prinzenkorps wehen. Und das ist absolut im Sinne von Christin Lorenz, die hier gleich doppelt exotisch wirkt: Als Hotelbarchefin ist sie eine der ganz wenigen Frauen in einer der letzten Männerdomänen des Gastgewerbes. Und als Ostdeutsche hat sie ein, nun ja, differenziertes Verhältnis zum Karneval. Was damit beginnt, dass sie ihn beharrlich beim falschen Namen nennt.

„Bei uns in Sachsen-Anhalt feiern nur Kinder Fasching“, sagt die gelernte Restaurantfachfrau und lacht dazu ihr herzliches Lachen, das noch häufiger mal den loungig gedämpften Soulpop vom echten Plattenteller übertönen wird. Normalerweise bildet ihr Stammpublikum aus Handlungsreisenden mit Stehvermögen und Laufkundschaft mit Standesbewusstsein ein distinguiertes Konzentrat der solventen Großstadtbohème. Longdrink-Preise für den Gegenwert eines Wochenendeinkaufs bei Aldi machen ihnen ebenso wenig aus wie Zimmerpreise rund um den Hartz-IV-Satz. Heute dagegen gleicht ihr schicker Laden bereits abends um sieben einem Asyl für Anzugträger, denen die Lobby schlicht zu derbe ist.

Im gestärkten Hemd zur Weste mischt sie einem davon ihr eigenkreiertes Antiserum zur grassierenden Karnevalsinfektion: „Scent of a Woman“, ein Rumcocktail mit Schokoladenlikör und Chilihonig von vier hoteleigenen Bienenvölkern auf dem Dach. Dezent in der Farbe, zurückhaltend im Geschmack. Gut, die dekorative Minipaprika könnten Skeptiker als Clownsnase interpretieren; die Darreichung im unprätentiösen Kristallglas konterkariert die schrille Kostümorgie auf Straßenniveau allerdings durchaus bewusst. So sieht es jedenfalls die Erfinderin eines Barkonzeptes, das den genretypischen Hang zum Chichi im Manufaktum-Stil jetzt auch nicht immerzu leugnet.

Ständig sprüht das vierköpfige Team angeblich exakt austarierte Aromen aus plüschigen Parfümflacons über die Drinks. Und wenn die 33-jährige Selfmade-Barchefin Lorenz aus einer Glaslocke mit großem Trara Holzrauchdampf überm Whisky-Gemisch, Titel: „Smokey Bacon“ entlüftet, feiern eben edle Spirituosen etwas Karneval. Auch wenn ihre Trinker gesitteter trinken. Ja, selbst wenn es Karnevalisten sind. Sogar von denen verirrt sich schließlich der ein oder andere zur LAB12. Die meisten fotografieren zwar nur fix den hell erleuchteten Dom durchs Panoramafenster gegenüber dem gediegenen Marmortresen und verschwinden wieder abwärts. Zwei aber bleiben kurz sitzen: Kurze Erholung vom Tumult, bisschen Fachsimpelei über deutschen Gin, kleine Kostprobe mit Fruchtzerstäubung, gedimmter Gesprächston – das erdfarbene Ambiente schluckt nicht nur Schall und Licht, sondern scheinbar auch Emotionen.

Christin Lorenz hätte zwar nichts dagegen, wenn ihr Arbeitsplatz während der 30 Karnevalssitzungen bis Ende Februar generell jeckenfrei wäre. „Aber ich schmeiß‘ natürlich niemanden raus.“ Die gehobene Gastronomie ist wesensgemäß duldsam. Besonders im Vielsternesegment wird exaltiertes bis exzentrisches Gehabe jeder Couleur stillschweigend bedient. Da wäre es mindestens unschicklich, Besucher auch nur scheel anzusehen, weil sie sich anlassweise kleiden wie Cowboys & Indianer. Doch auch für die hat Christin Lorenz‘ unsagbar professioneller Kollege David, mit dem sie aus dem artverwandten Hilton ins Pullman gewechselt ist, das richtige Rezept: „Jede Situation hat ihren Alkohol“, sagt der Barmann strahlend. Unten Kölsch aus dem Träger, oben Scent of a Woman im Kristallglas. Unten stehen, oben sitzen. Unten „Riesenparty“, wie es der sturmumtoste Herbergsvater van Oostrum ausdrückt, oben „was Schlichtes, Herbes“, so lautet das Angebot von Christin Lorenz. Im Auge des Orkans.


Club-Mausoleum: Tiefenrausch (ca. 1985-97)

ex-tiefenrauschUnter Wasser an Land

Die zuckersüße Kellerdisko Tiefenrausch hat vorgemacht, dass Elektrosound auch ohne Stroboskop-Gewitter genießbar ist. Erinnerungen an Partynächte zwischen Tropenfischen, Zappelbeats und seltsamen Substanzen aller Farben.

Von Jan Freitag

Eintauchen, abtauchen, untertauchen: Wenn es um bewusst bewusstseinsverändernde Wechsel in Gefilde fern der Norm geht, wird dafür gerne mal Wassersportvokabular verwendet. In der Hamburger Hopfenstraße, dort wo St. Paulis Amüsiergegend jahrzehntelang ins Brauereiviertel ausfranste, gab es einst die Disko Tiefenrausch, die sich mit ihrem Namen dieser Assoziationen bewusst bediente.

Tiefenrausch. Clubgängern mit eigenem Erinnerungsspeicher geht gleichermaßen ein wohliges Kribbeln durchs Gemüt, wenn sie an den Laden denken. Schließlich war der kleine Kellerclub abgesehen vom unverwüstlichen Purgatory vermutlich Hamburgs erste Kleinraumdisco mit elektronischer Liedstruktur, dessen Innenausstattung vom Fabrikambiente damaliger Technoclubs konsequent abwich. Wer vor gut 30 Jahren House hören wollte, wurde seinerzeit noch vorwiegend ins Stroboskop-Gewitter geschickt – oder noch artifizieller ins Lasershow-Unwetter. Dann aber eröffnete schräg gegenüber der unberührbaren Herbertstraße dieser pittoreske Laden mit dem Mischnamen aus beidrehen, abdrehen, baden gehen und alles wurde irgendwie anders. Milder. Märchenhaft. Seifenblasig.

In den klinisch-kühlen Achtzigern am Übergang zu den übersteuert-beliebigen Neunzigern war er somit ebenso die Antithese zur herrschenden wie zur aufkommenden Partykultur jener Tage: Weder aseptisch wie Tunnel und Traxx noch poppig wie der analoge Rest des Mainstreams. Sondern wohlig warm und doch sehr künstlich. Schon dieser Einstieg: Ein paar Stufen abwärts ging es durch die wellenfarbig bemalte Fassade mit Tropenfischen hinab zur Tiefsee. Über der Theke hingen Fangnetze und Schwimmflossen, gesäumt von allerlei Korallenriffgetier aus Pappe und Plastik. Die maritime Dekoration garnierte einen Weg zum Dancefloor, der eigentlich fast überall war – so winzig kam der Meeresgrund unterm Kopfsteinpflaster daher.

Getanzt wurde darauf zu einer Art quirliger Entspannungselectronica, die dem damaligen Abzweig des langsam erwachenden Kiezes in die Chichi-Kultur ent-, zugleich aber auch widersprach. Nebenan rollte ja gerade eine Kuschelwelle über die Reeperbahn, vielerorts ging es plötzlich plüschig statt brachial zu. Noch ohne dem “Ex” davor hing selbst im Punkerschuppen Sparr ein Gemälde voll röhrender Hirsche überm Troddel-Sofa. Es war die Zeit der Geweihe und Flora-Soft-T-Shirts. Nach dem verlorenen Jahrzehnt blutiger Bandenkriege und konstanter Vernachlässigung wurde St. Pauli stellenweise behaglich, im Tiefenrausch vertont durch einen Sound, der dem zackigen Acid die Kanten abschliff und das Gemüt eher umschmeicheln als aufwühlen wollte.

Anfang der Neunziger wurde der Clubsound im Tiefenrausch dann zusehends ergänzt vom damals noch smartem Hip-Hop. Der Sprechgesang fand hier ein wichtiges Refugium und machte Hamburg für kurze Zeit zu einem Kristallisationspunkt des europäischen Hip-Hops. Das war natürlich, wie so oft im Rotlichtbereich, ein Stück weit Tarnung der vorherrschenden Mehrheitskultur, denn auch im Tiefenrausch drang neben feinem Elektro und Hip-Hop regelmäßig Mainstream aus den Boxen. Aber man ließ sich davon nur zu gerne blenden. Unterstützt übrigens durch diverse Pillen und Mischgetränke seltsamer Farbgebung von altrosa bis frühlingsgrün, die ihre Wirkung gern unverhofft und verspätet entfaltet haben. Schon deshalb verließ man den Laden selten vor dem Morgengrauen – um aus dem glitzernden Ozean sediert ins Brackwasser der Nachbarschaft gespült zu werden.

Die Querungen der Talstraße Richtung Hafen waren da nämlich noch fest im Griff von Prostitution und Anwohnerparken. Dort, wo die Gentrifizierung bald darauf eine Schneise der Aufwertung ins Quartier trieb, lebten und arbeiteten seinerzeit echte Menschen mit gewachsener Verwurzelung. Statt eines Hotels mit imperialem Namen überm Kupferportal im Albert-Speer-Gedächtnis-Stil erhob sich braukesselgesäumt das stilisierte Betonbierglas der Astra-Zentrale in den Himmel. Wo es jetzt streng nach Geld und Kaffeekapseln riecht, roch es noch strenger nach Hopfen und Malz. Umso erstaunlicher, dass mit dem Wandel von St. Pauli am Ort des Tiefenrausches der Punkrock noch ein Zuhause fand.

Schon in den letzten Zuckungen des Clubs vor der Jahrtausendwende mischte sich montags zwischen Breakbeats und House ein entfesselter Ska-Abend. Und als dann endgültig Schluss war mit Elektronik, zeigten schon die Namen der Nachfolger von Skorbut bis Kraken, wo hier musikalisch der Hammer hing. Der aktuelle Pächter namens Menschenzoo ist ein beharrliches Relikt dieser Punkkultur.

Man taucht allerdings nicht mehr wirklich ein, der Kellerabgang wurde zugemauert, die Fische fehlen sowieso. Chichi war gestern. Und dass die geschossarme Häuserzeile darüber einmal dem Renditewahn zum Opfer fallen wird wie die Brauerei gegenüber, ist keine Frage des Ob, allenfalls des Wann. Es verschwände ein Stück Aufbruchkultur vor dem Zeitalter der Stahlverglasung. Und damit die Erinnerung an Kurzurlaube in einem Club, der zwischen damals und heute stand wie kaum ein anderer. Blubbblubb.

Der Text ist vorab bei ZEIT-Online erschienen