Billy Zach, Chuckamuck, Arlo Parks

Billy Zach

Als Frohnatur fragt man sich ja bisweilen, wie das Leben als Trauerkloß wohl so läuft. Geht er zum Lachen in den Keller? Vergeht es ihm dort vor lauter Grübelei übers Schlechte allerorten die Laune? Schreien Trauerklöße stattdessen die Wand an oder bei Gelegenheit: ins Mikrofon? Bei der trübsinnigen Hamburger Postpunkband Billy Zach scheint Antwort C zu stimmen. Die vier Mitglieder um Mastermind Max Zacherl sind angesichts der Verwerfungen ringsum zwar angemessen frohsinnsgebremst, dem Vernehmen nach aber recht umgänglich, stecken ihre Überllaunigkeit also ins neue Album, das angemessen grantig betitelt ist.

Wie sein Vorgänger nölt Struggle On also Alltagsanklagen wie “And there’s nothin romantic about shit weather / And nothin meaningful about piss in your doorway” über noisige Disharmonien, die Bass und Schlagzeug noch tiefer in den Abwärtsstrudel fehlender Zuversicht ziehen. Atmosphärisch mag das die Anleitung zum autoaggressiven Nihilismus sein, musikalisch ist es waviger Garagenrock auf höchstem Niveau – wenngleich ihm eine Spur weniger Testosteron im Trauerkloßteig vielleicht mal ganz guttäte.

Billy Zach – Struggle On (La Pochette Surprise Records)

Chuckamuck

Das braucht man der entfernt geistesverwandten Postpopband Chuckamuck eher nicht zu empfehlen. Auch sie hat einige ihrer Wurzeln im dekonstruktiven Teil deutscher Gitarrenmusik mit englischer Lyrik. Die vier Berliner machen daraus jedoch ein angenehm androgynes, verquirrlt kosmopolitisches, dramaturgsich vielschichtiges Stück Klangdadaismus, der beim Zuhören fast schon irritierend gute Stimmung verbreitet und dennoch nie seicht daherkommt, geschweige denn gefällig.

Das vierte Album Language Barrier jedenfalls wandert dem Titel entsprechend durch die Reisewörtebücher verschiedenster Berliner Exilgemeinden von Israel über die Türkei bis Spanien und bedient sich dabei mit großer Freude am klischeehaften Irrsinn an der jeweiligen Folklore. Zum Glück allerdings geht anschließend die Zuordnung durcheinander, weshalb uns elf Stück lang dänischer Blue Grass Country blüht oder auch mal japanischer Surfpunk. Was für ein barrierefreies Sprachchaos!

Chuckamuck – Language Barrier (Staatsakt)

Arlo Parks

Von nichts könnte das britische Supertalent Arlo Parks weiter entfernt sein! Auf ihrem herausragenden, von Kolleginnen wie Billie Eilish völlig zurecht öffentlich herbeigesehnten Debütalbum Collapsed in Sunbeams liefert die zwanzigjährige Londonerin schließlich nicht nur ein musikalisches, sondern auch ein sprachliches Meisterwerk ab. Mit einer Stimme wie festivalzerfeierte Sommertage im Sonnenaufgangslicht erzählt sie vom Leben Herangewachsener im Großstadtstress und klingt dabei wie aus der Zeit gefallen futuristisch.

Ein bisschen Elektrotrash der Neunziger, ein bisschen Pop’n’Blues der Nuller, endlich mal weder Trap noch Metal im Subtext – die Grundstimmung des Anti-IT-Girls, das trotz und wegen ihrer geschlechterbrechenden Attraktivität nebenbei zum Supermodel aufgeblasen wird, könnte kaum ambivalenter sein. Wenn sie von der Liebe haucht, fühlt man sich akustisch hart angefasst, wenn sie Selbstwertsorgen seziert, schimmert es watteweich durch ölige Harfenklänge. Ein fantastisches Werk für alles von Regentag bis Party-Warm-up.

Arlo Parks – Collapses in Sunbeams (Transgressive Records)


Tayfun Bademsoy: TV-Türken & Deutsche

Am Ende stets der Kanake

Seit 1979 ist Tayfun Bademsoy (Foto: Raimond Spekking) fester Bestandteil in Film- und Fernsehen. Trotzdem spielt der deutsch-türkische Akademikersohn bis heute fast nur „Kanaken“, wie er sein Rollenprofil selber beschreibt.  Ein Gespräch über die Einbahnstraße Integration, ausländische Darsteller und warum seine Kinder lieber was anderes machen als der 62-jährige Berliner.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Bademsoy, können Sie mit dem Begriff „Integration“ etwas anfangen?

Tayfun Bademsoy: Zwangsläufig. Schließlich beschäftige ich mich damit seit 50 Jahren – zum einen, weil Integration ein wichtiger Aspekt jedes Zusammenlebens ist; zum anderen, weil jeder, der wie ich als Ausländer in ein fremdes Land kommt, darum bemüht sein sollte, sich einzugliedern, also zu integrieren.

Ist Ihnen das nach Ihrer Einreise mit zehn Jahren 1969 gelungen?

Besser jedenfalls als es der Gesellschaft um mich herum gelungen ist.

Inwiefern?

Integration war damals mehr noch als heute eine Einbahnstraße. Zugezogene sollten sich zwar integrieren, sind aber nicht auf die Bereitschaft gestoßen, Integration auch zuzulassen. Nach der gescheiterten Entnazifizierung sollten Gastarbeiter ein, zwei Jahre Deutschlands Dreckarbeit machen und dann abhauen – unabhängig davon, dass viele Unternehmen auf ausländische Mitarbeiter angewiesen waren. Während meine Kinder zwei Pässe haben, stand auf meinem, ich dürfe mich nur in gewisse Viertel von Berlin niederlassen. Den Mietvertrag meiner ersten Wohnung musste mir daher jemand anderes unterschreiben. Unglaublich!

Haben Sie deshalb bei Ihrer eigenen Integration so Fahrt aufgenommen, dass Sie nach weniger als zehn Jahren im Land Abitur gemacht, Psychologie studiert und als Schauspieler begonnen haben?

Als Zehnjähriger hatte ich keine Ahnung von Integration und war auch der Meinung, wir werden hier mit offenen Armen empfangen. Schließlich wurden türkische Arbeiter angeworben. Wobei mein Vater Akademiker aus Mersin war, damals das Beirut der Türkei: modern, offen, multikulturell. Weil meine Mutter wollte, dass wir in Deutschland studieren, ist sie hergezogen, hat erst meinen Vater nachgeholt und dann uns Kinder. Deshalb hat es mich auch umso mehr überrascht, wie arrogant die Leute hier waren, obwohl sie einen Krieg verloren hatten.

Sie hatten mehr Demut erwartet?

Ja. Die Ausländerfeindlichkeit hat mich so überrascht, dass ich für ein Austauschjahr in die USA geflohen bin. Das hat mir das Leben gerettet. Ich war so traumatisiert und seelisch kaputt von der Atmosphäre in Deutschland, dass ich andernfalls vermutlich kriminell geworden wäre, drogenabhängig oder verrückt. Erst in Amerika habe ich zu mir gefunden.

Und die Idee entwickelt, Schauspieler zu werden?

Nein. Ich hatte dort zwar einen Schulkurs in Speech and Drama, bei dem die Lehrerin mein Talent für Pantomime entdeckt hat; damit bin ich sogar aufgetreten, einmal vor 2000 Leuten. Aber erst in Berlin habe ich mit dem Theater begonnen, wo mich der junge Regisseur Peter Keglevic 1979 entdeckt hat.

Und mit Ihrer Mutter und Schwester für den Film Zuhaus unter Fremden engagiert.

Neben Herbert Grönemeyer.

Es war einer der ersten Filme, die Ausländer nicht als Opfer oder Täter, sondern Bürger gezeigt haben.

Und das war nicht nur für die Deutschen neu, sondern uns selber. Auch im Kino hatte sich zuvor niemand für Türken interessiert.

Änderte sich das nach diesem Film?

Schön wär’s. Es gab fast nur noch Rainer Werner Fassbinders Angst essen Seele auf.

Und Verfilmungen von Horst Bosetzky alias -ky.

Ansonsten blieben Türken in Film und Fernsehen, was sie vorher schon waren: Kanaken mit Kopftuch oder Schnurrbart. Der Filmtitel Zuhaus unter Fremden hat also auch mein eigenes Empfinden widergespiegelt.

Tut er das heute denn noch?

Nein. Schon weil sich mein Heimatbegriff weiter von meinem Geburtsort gelöst hat, je länger ich ihm fern war. Der Geburtsort ist Zufall, Heimat nicht. Die ist da, wo Familie ist, Freunde sind, wo mich die Leute so akzeptieren, wie ich bin. Und das ist zumindest hier in Charlottenburg überwiegend der Fall – obwohl uns ein Teil der Gesellschaft noch immer nicht akzeptiert hat und womöglich niemals akzeptieren wird.

Woran machen Sie das fest?

Ach, das reicht von AfD und NSU bis zur Tatsache, dass sich noch kein Politiker offen für den Anteil der Gastarbeiter am Wirtschaftswunder bedankt hat.

Ist es Ihnen ein Anliegen, diesen Missstand in Ihrer Arbeit zu thematisieren?

Von Beginn an. Bis heute. Sie können sich nicht vorstellen, wie viele Streitgespräche ich mit Autoren, Regisseuren, Produzenten über dieses Thema hatte und wie oft ich Rollen ablehnen musste, die nur Klischees transportieren. Deshalb habe ich 1998 ja meine Agentur gegründet.

„Foreign Faces“, die heute „International Actors“ heißt.

Weil wir auch kurz vorm neuen Jahrtausend Kanaken, keine Hauptrollen gespielt haben, sofern es nicht konkret um Ausländerprobleme ging, wollte ich damit zeigen, dass auch Nicht-Deutsche das gesamte gesellschaftliche Spektrum abdecken.

Mit Erfolg?

Wenn man den von Elyas M’Barek betrachtet, Aylin Tezel, Fatih Akin, könnte man das so sehen. Da es zu meiner Anfangszeit außer mir kaum ausländische Künstler gab, darf ich mir das genauso auf die Fahne schreiben wie meine eigene Karriere. Immerhin habe ich mit Dominik Graf gedreht, „Tatorte“ gemacht, „Polizeirufe“, und war damit ein lebender Appell, uns mehr als Spiegel der Gesellschaft, nicht deren Ausnahmefall zu besetzen.

Sie haben ja auch Normalbürger gespielt wie den Bauunternehmer in der RTL-Serie Alle lieben Jimmy oder diverse Polizisten, etwa in Ein starkes Team.

… bin am Ende aber stets der Kanake geblieben.

Wobei man Tayfun Bademsoy mit Ihrer Physiognomie auch schlecht als Horst Schulze besetzen kann…

Richtig, aber meine Herkunft, der Name, die Physiognomie stehen bis heute mehr im Mittelpunkt als bei Deutschen. Als meine Freundin, die erfolgreich Theater gespielt hatte, gemeinsam mit mir einen Film drehen sollte, fragte der Produzent: wieso, wir haben doch schon einen Türken? Gegen diesen Rassismus bin ich am Ende machtlos.

Hat die Emanzipation der vergangenen Jahrzehnte daran denn gar nichts geändert?

Doch, aber zwei Drittel der Gesellschaft bleiben ausländerängstlich. Und obwohl der Kulturbetrieb aufgeschlossener ist, verschwinden die Vorurteile auch darin viel zu langsam. Wir haben zwar mehr tragende Rollen, aber wo bitte sind die türkischen Chefärzte, Wissenschaftler, Juristen in deutschen Serien? Da läuft man gegen Wände!

Ist das auf Dauer nicht ermüdend?

Sehr sogar. Deshalb wollte ich mehrfach nach Frankreich auswandern oder in die USA, wo nichtweiße Menschen selbstverständlicher in Filme integriert werden. Bei uns ist selbst ein Elyas M’Barek nicht von seinen Wurzeln entkoppelt. Bei Frauen gilt das weniger, aber wenn Sibel Kekili eine Sarah im „Tatort“ spielt, fragen viele Zuschauer, warum.

Ist es denn wünschenswert, dass sich die kulturelle Diversität gewissermaßen auflöst?

Nein, Integration heißt nicht Unsichtbarkeit. Wir wollen unsere Mentalitäten mitbringen wie Salz und Pfeffer ins Essen. Diversität ist Reichtum!

Andernfalls wäre Integration Assimilation.

Und das bedeutet Verschwinden. Wir wollen in unserer Individualität und Vielfalt als integraler Bestandteil dieser Gesellschaft akzeptiert und damit auch in unserer orientalischen, muslimischen Identität respektiert werden.

Sind Sie als Kind einer liberalen Künstler- und Akademikerfamilie orientalisch oder muslimisch geprägt?

Weil ich mein Geburtsland früh verlassen habe, kann ich das gar nicht genau sagen, aber irgendwo ist meine Mentalität bestimmt orientalisch geprägt. Ich kann zum Beispiel gut handeln (lacht). Ansonsten bin ich als Mensch mit zwei, drei Heimaten durch und durch multikulti. Deshalb kann ich Ausländer aus deutscher Perspektive betrachten und umgekehrt. Das hilft mir auch als Schauspieler.

Machen Sie sich als solcher seit Jahren rar, um nicht mehr gegen Mauern zu laufen?

Ja. Erstens, weil ich nach 40 Jahren noch immer nicht die Charakterrollen kriege, die ich will. Zweitens, weil ich genug vor der Kamera gestanden habe und lieber Dokumentarfilme drehen wollte. Dummerweise wollen sich deutsche Redakteure von Ausländern nicht ihr Land erklären lassen. Kennen Sie Alemanya? Dem Drehbuch der Şamdereli-Geschwister über türkische Einwanderung wurde alles abgeschliffen, was kritisch mit Deutschland umging. Während die Nazi-Zeit vorbildlich aufgearbeitet wird, bleibt dieser Teil der Nachkriegsgeschichte, bei dem man Türken wie Vieh ins Gebiss geblickt hat, ein blinder Fleck.

Das wäre doch mal ein Projekt!

Wenn mir jemand Geld gäbe, gern. Aber das wird nicht passieren. Als ich ein Buch über den Mauerfall geschrieben habe, fanden das bis auf die Filmförderung alle gut, wo es hieß: wieso soll ein Türke den Mauerfall verfilmen?! Da könnte ich antworten: weil ich seit Jahrzehnten daneben lebe! Aber das bringt nichts…

Klingt alles sehr ernüchtert. Blicken Sie nach 250 Filmen und Serienepisoden trotzdem positiv zurück auf Ihr Berufsleben?

Na ja, schon durch meine Beharrlichkeit habe ich bestimmt was bewegt in der Branche. Aber es bleibt immer der Makel, mich nicht in ganzer Breite verwirklicht zu haben. Dafür war ich zu oft schmückendes Beiwerk statt tragender Charakter.

Ihre Kinder sind vermutlich keine Schauspieler geworden?

Als ich den Sultan in Baron Münchhausen gespielt habe, war mein Sohn der Prinz, das hat er sogar richtig gut gemacht. Auch meine Tochter ist talentiert. Aber weil beide die Szene, der viele ausländische Schauspieler frustriert den Rücken kehren, durch mich gut kennen, lassen sie es lieber bleiben.

Wie wahrscheinlich ist es da, dass wir bald einen türkischstämmigen Chefarzt, Wissenschaftler oder Anwalt in einer großen Fernsehserie sehen?

Ich bin und bleibe Optimist. Einiges hat sich getan und Regisseure wie Fatih Akin oder einige ausländische Drehbuchautoren machen mir immer wieder Mut.


Verschwörungsgeschwurbel & Investigation

Die Gebrauchtwoche

18. – 24. Januar

Nein, man sollte die Namen der Feinde von Demokratie, Realität, Logik und allem, was soziales Miteinander sonst operabel macht, nicht ständig aussprechen. Da jede Art von Aufmerksamkeit Wasser auf die Mühlen ihrer Wahrheitsverachtung ist, sollte niemand über sie reden, schreiben, singen. Konsequentes Ignorieren all der Xaviers, Alices und Atillas hat demnach nichts mit Ignoranz, sondern gesundem Menschenverstand zu tun. Schon richtig.

Aber dass Ken Jebsen von YouTube gesperrt wurde, ist einfach zu schön, um unerwähnt zu bleiben. Allerdings muss die Frage erlaubt sein: Warum jetzt? Warum Jahre, nachdem der selbstverliebte Verschwörungsschwurbler massenhaft Leichtgläubige in die Fundamentalopposition gegen nahezu alles von Sinn und Verstand getrieben hat? Soziale Medien gleich welcher Art zeigen gerade, wie wenig ihnen an wahrer Liberalität gelegen ist und wie viel an Verwertungsketten…

Und die beherzigt kein reaktionäres Sprachrohr mehr als Fox News. Nach zehnwöchiger Besinnungsphase im Zuge der endgültigen Entlarvung ihres abgewählten Quotenbringers, entlässt es 20 Journalisten und ersetzt sie in der Primetime vor acht durch Meinungsrüpel der Marken Hanity bis Ingraham. Damit reagiert Rupert Murdochs Schlachtplatte auf die massive Zuschauerwanderung zu OANN und Newsmax, knickt also vorm Gezeter rechts der Republikaner ein.

Dem ebenso schrillen, aber unpolitischen Boulevard hat Günther Jauch derweil eins ausgewischt und seinen Prozess gegen Bauer gewonnen. Es ging um Clickbaiting mit Bildern des Moderators, die mit der Kampagne aber mal gar nichts zu tun hatten. Guter Nachrichten auch von ProSiebenSat1 Media SE. 2020 hat sie trotz (oder wegen) Corona bei einem Vorsteuergewinn von 700 Millionen Euro gut 4 Milliarden Umsatz erzielt – und das explizit wieder mit ihrem Kerngeschäft, dem Fernsehen.

Die Frischwoche

25. – 31. Januar

Darin sorgt allerdings nur der erste Sender im Portfolio für Qualität – etwa mit Joko Winterscheidts erfolgreichem Quizmaster-Casting Wer stiehlt mir die Show?, die morgen kein Geringerer als Thomas Gottschalk fortsetzt. Beim Privatkonkurrenten RTL ist währenddessen nur bemerkenswert, dass Simon Böer ab Freitag Hendrik Duryn als Der Lehrer ersetzt. Was ein bisschen schade ist, weil dessen Pädagoge Stefan Vollmer glaubhafter war als die meisten Fernsehkollegen zuvor. Seine Rückkehr feiert demgegenüber Wolfgang Stumph am Samstag als Stubbe. So sieht also die Zukunft des ZDF aus…

Und damit zu wirklich ernstgemeinter Programmplanung: Ab Donnerstag arbeitet TV Now den erstaunlichen Mord der schwedischen Journalistin Kim Wall auf dem U-Boot eines dänischen Tüftlers vor vier Jahren auf. Der Sechsteiler The Investigation schafft es nun, die Klärung dieser bestialischen Tat in einer sehenswerten Real-Crime-Fiktion ohne Täter, ohne Opfer, aber mit unbeirrbaren Polizisten und Angehörigen aufzuarbeiten.

Am Mittwoch setzt Netflix seine Reihe ästhetisch anspruchsvoller Serien wie Azizlar und Bir Başkadır aus der Türkei mit dem Thriller 50m2 fort, wo ein verwaister Auftragskiller seine Herkunft im Unterschlupf einer winzigen Istanbuler Wohnung herausfindet. Auf mehr Gefühl als schwarzen Humor und Bandengewalt setzt die ARD. Hier lädt der gesettelte ESC-Sänger Max Mutzke am Dienstag (22.55 Uhr) Promis zum musikalischen Zwiegespräch über ihre Lebenslieder.

Am Sonntag läuft dort zur ähnlich bigotten Sendezeit um 23.35 Uhr Stephen Frears federleichtes Beziehungsdrama State of the Union nach einem Buch von Nick Hornby. Der Mittwochsfilm Ruhe! Hier stirbt Lothar ist dann aber auch aus deutscher Produktion wieder auf unterhaltsame Art heiter – und schafft es, mit Jens Harzer als vermeintlicher Krebspatient, einen Hauptdarsteller jenseits der üblichen TV-Stars zu besetzen.


Lisa Wagner: Kommissarin Hellers Abschied

Auf keinen Fall 08/15

Am vorigen Samstag hat sich Kommissarin Heller (Foto: Hannes Hubach/ZDF) nach (nur) zehn Folgen vom ZDF verabschiedet – und wie es sich für diese Polizistin gehört, natürlich alles andere als gewöhnlich. Ein Gespräch über Wunschabgänge, Menstruationswitze, Cat-Calling und den Tatort Kaiserslautern.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Wagner, ohne zu viel übers Ende von Kommissarin Heller verraten zu wollen: was für ein Abgang am Ende des zehnten Falls!

Lisa Wagner: Toll, oder? Es war von Anfang an klar, dass ihr Abtritt auf keinen Fall 08/15 sein könne. Deshalb hat unser Autor Mathias Klaschka, der ja fast alle Drehbücher zu Kommissarin Heller geschrieben hat, auf Wunsch der Regisseurin so was wie den umgekehrten Deus ex Machina-Effekt gewählt, als schickte man Winnie Heller ins Märchen zurück, aus dem sie irgendwann mal gekommen war.

Wie sähe denn ihr eigener Wunschabgang aus – mit Knalleffekt oder in aller Stille?

Lieber in aller Stille, und ich muss auch wirklich nicht auf der Bühne sterben. Selbst bei Partys bevorzuge ich schließlich eher den polnischen Abgang, ohne mich von allen groß zu verabschieden.

Würden Sie auf diesen Partys wie Winnie Heller im Serienfinale denn Wildfremden gegenüber Menstruationswitze machen?

Nein! Die Figur ist mit den Jahren zwar immer enger an mich herangewachsen, aber ich versuche ein weniger impulsiver, instinktgeleiteter Mensch als sie zu sein und überlege mir sehr gründlich, das Auto eines Kollegen zu schrotten, nur weil er lügt. Winnie stößt einfach lieber Menschen vor den Kopf, als ich es tue. Wichtiger als die Impulsivität war mir zwar immer ihre Unberechenbarkeit, aber sie ist definitiv kein diplomatischer Typ.

Schon gar nicht im Umgang mit Männern, denen sie die eigene Herrlichkeit schon mal buchstäblich vorn Latz knallt und damit einen sehr robusten Weg der Emanzipation wählt.

Winnie denkt eigentlich gar nicht groß über Emanzipation nach. Ihr ist es echt völlig scheißegal, ob es Frauen oder Männer sind, die sich in ihrem Wertesystem danebenbenehmen. Aber diese Aufhebung der Geschlechtertrennung ist im Grunde ja der Kern aller Emanzipation.

Kennen Sie den Begriff des Cat-Calling, bei dem Männer Frauen sexuelle Belästigungen hinterherrufen?

Klar, jede Frau kennt das, auch wenn ihr der passende Begriff dazu vielleicht fehlt. Und bei Winnie gäbe es dafür je nach Stimmungslage schon mal eine aufs Maul

Von Ihnen auch?

(Überlegt lange) Es gab da schon einige Situationen, in meiner Erinnerung habe ich mich aber eher dazu entschieden, keine Lebensenergie darauf zu verwenden und einfach weiterzugehen. Kann schon sein, dass ich mich mal umdrehe und den Typ zur Rede stelle, aber viele von denen machen das ja genau wegen dieser Reaktion, und die gönne ich ihnen nicht.

Mit der sich drei Jahre nach dem Serienstart auch die #MeToo-Bewegung auseinandergesetzt hatte. War Kommissarin Heller ihrer Zeit so gesehen ein Stück voraus?

Ich glaube, sie ist ihrer Zeit sogar noch immer ein Stück weit voraus. Für Winnie sind Mann und Frau nämlich nicht nur absolut gleichberechtigt, sondern auch gleichverpflichtet.

Umso mehr stellt sich die Frage, warum die Erzählung dieser modernen Figur nach nur zehn Fällen endet?

Weil sie so wahnsinnig extrem ist. Mein Albtraum war immer Zuschauer, die Samstagabend einschalten und sagen, ach nee, der geht’s schon wieder so schlecht… Nach meiner Erfahrung nutzen sich dunklere Figuren ein bisschen schneller ab als hellere. Weil Winnie aber nur begrenzt heller funktioniert, wie wir sie in der vorigen Folge gezeichnet haben, scheint sie sich langsam erschöpft zu haben.

Hat die Figur denn auch Sie erschöpft?

Nicht körperlich, aber wenn ich das Gefühl habe, mich im Kreis zu drehen, springe ich lieber ab vom Karussell. Ich will mich nicht wiederholen. Und genau dieses Gefühl hatte ich schon in ein paar Fällen zuvor. Was aber auch nur auffällt, weil wir so viel Privates von ihr erzählen. Krimis, die sich vor allem mit der Tätersuche befassen, sind da vielleicht etwas genügsamer.

Was mögen Sie als Zuschauerin lieber: puristische Falllösung oder mehr Hintergrundinformationen?

Solange keine der zwei Seiten gewollt wirken und das Drehbuch stimmt, ist mir das eigentlich völlig wurscht.

Gehen Sie jetzt, nach der Trennung von Kommissarin Heller, gezielt auf die Suche nach einer weniger dunklen Filmfigur?

Das klingt mir zu sehr, als hätte sie mir keinen Spaß gemacht. Winnie war toll! Aber fröhliche Figuren sind echt schwer zu spielen. Und wer will schon jemanden sehen, der problemlos gut drauf ist? Das ist schnell langweilig. Deshalb sind gute Komödien hierzulande ja auch so selten.

Würden Sie denn gern mal eine spielen?

Das habe ich ja schon gemacht. Es darf aber liebend gern noch häufiger passieren. Jedenfalls, sofern die Bücher stimmen!

Und Tatort, sagen wir: Team Kaiserslautern?

Ach, ich hatte ja schon ein paarmal die Profilerin in München gespielt, das ist nicht so richtig aufgegangen. Und im Moment gibt es bereits so viele verschiedene Tatorte an verschiedenen Orten – da brauchen wir keine neuen. Außerdem: jetzt gleich wieder eine Kommissarin – das muss ja nun auch nicht sein.


Dr. Mertens & Walther Desiato

Die Gebrauchtwoche

11. – 17. Januar

Vor mehr als einem Monat wurde der erste Impfstoff gegen Covid-19 in Großbritannien verabreicht, und es wäre wirklich mal einer Studie wert, wie oft uns die Nachrichten seither genötigt haben, seiner Injektion zuzusehen – in mancher Tagesschau vermutlich sieben-, achtmal. Welchen Informationswert der kleine Stich mit großer Wirkung hat, sei an diese Stelle dahingestellt. Sie verweist aber auch den Bedarf, Optimismus sichtbar zu machen. Wobei das auch für Pessimismus gilt; dafür steht die Dauerschleife der Bilder vom Sturm aufs Kapitol, zu denen sich grad solche vom Aufmarsch der Sicherheitskräfte an gleicher Stelle gesellen.

Andere Sicherheitskräfte bleiben derweil im Verborgenen. Etwa jene, die zurzeit das mutmaßlich größte De-Platforming der Internet-Historie betreiben. Twitter allein hat 70.000 QAnon-Konten dauerhaft gesperrt, Facebook zugleich das Hosting des Messengers Parler beendet, weshalb sich Donald Trump auf der Suche nach Alt-Tech seiner Hate-Speech wie seine Fans umgewöhnen muss. Die wechseln nämlich gerade massenhaft von Youtube zu Rumble oder von Whatsapp zu Clouthub.

Fast pluralistisch wirkt es da, dass sich die pressefreiheitsfeindliche Berufszynikerin Alice Weidel noch immer den Fragen seriöser Medien wie dem MoMa stellt – wo ihr der Moderator Mitri Sirin entsprechend Kontra gab, ohne sich aufs AfD-Spielchen größtmöglicher Polarisierung einzulassen. Nicht leicht, hier den passenden Übergang zum Heitidei-TV zu finden, deshalb lassen wir’s auch: Während HBO die Fortsetzung von Sex and the City ankündigt, endet Tierärztin Dr. Mertens nach 84 Folgen in 15 Jahren mit der 7. Staffel.

Das reißt ja fast so große Lücken ins ARD-Programm wie der FC Bayern. Weil er zum ersten Mal seit 20 Jahren schon in Rund 2 des DFB-Pokals rausgeflogen ist, wird das Erste vermutlich fortan Münchner Spiele vergangenen Wettbewerbe übertragen; denn Live-Partien ohne Bayern-Beteiligung – soweit kommt’s nochs…

Die Frischwoche

18. – 24. Januar

In einer der vielen englisch genannten Bundesligawochen, an denen nur der Donnerstag spielfrei ist, gibt es vergleichsweise wenig nichtsportlicher Unterhaltung zu empfehlen. Auf Sky gibt es heute ein Wiedersehen mit Bryan Cranston aka Walther White. Wie einst in Breaking Bad spielt er zwar auch in der Showtime-Serie Your Honor einen kriminell gefallenen Spießer – diesmal Richter Michael Desiato in New Orleans, der seinen Sohn illegal aus der Patsche einer tödlichen Fahrerflucht zu retten versucht.

Auch, wenn das eine Art thematischer Stagnation zu sein scheint, ist der Zehnteiler jedoch von so bildgewaltiger Zurückhaltung, dass es jeder Moment der Stille mehr scheppert als 100 Actionthriller zusammen. Dieses athmosphärische Niveau erreicht allerdings auch Bjarne Mädels herausragendes Regiedebüt Sörensen hat Angst. Mit sich selber als Kommissar, der Mittwoch im Ersten vor seinen Neurosen nach Friesland flieht, zählt dieses düster-leichte Provinzdrama schon jetzt zum Besten des Jahres.

Auf völlig andere Art unterhaltsam ist hingegen der SciFi-Spaß Moonbase 8 um drei Astronauten, die im Trainingszentrum darum kämpfen, auf den Mond zu fliegen. Hier regiert ab morgen auf Sky aber doch eher die geschriebene Pointe als Situationskomik. Wem die genannten Formate übrigens nicht genug weibliche Hauptrollen enthalten, die den Bechdel-Test bestehen, der sollte am Mittwoch vielleicht ausnahmsweise mal zu Prime wechseln.

Die Coming-of-Age-Komödie Yes, God, Yes, beispiellos bescheuert mit Böse Mädchen beichten nicht übersetzt, handelt von katholischen Teenagern auf der Suche nach weltlicher, nun ja, Entspannung. Amüsant, wenngleich mit etwas viel Attraktivität im Cast. Weil sich das französische Lustspiel Forte davon emanzipiert, ist es allerdings doch empfehlenswerter. Weil die korpulente Buchhalterin Nour (Melha Bedia) in ihrem Pariser Fitnessstudio bei der Männersuche nicht weiterkommt, nimmt sie an einem Pole-Dance-Kursus teil.


Sleaford Mods, Pom Poko, Buck Meek

Sleaford Mods

2021. Die Welt liegt in Scherben. Corona mutiert, der Klimawandel entgleist, Amerika steht vor einer faschistischen Revolution, Deutschland könnte von Friedrich Merz regiert werden und England igelt sich endgültig im Brexit ein. Jason Williamson und Andrew Feanr hätten also allen Grund, ihren Furor noch weiter zu radikalisieren als zuvor. Was aber machen die derbsten Systemkritiker des alternativen Politpop? Sie klingen zu Beginn ihres neuen Albums fast schon lieblich.

Doch keine Angst – das tun die Sleaford Mods nur im Prolog von Spare Ribs. Gleich danach schnoddern sie die Verhältnisse gewohnt zu Klump, reimen Uber auf new Computer, sezieren zwölf Tracks lang den globalen Aberwitz rechtspopulistischer Ultrakapitalisten und schaffen damit etwas Erstaunliches: Obwohl auch das elfte Album vom Duo aus Nottingham ähnlich klingt wie das erste, sechste oder neunte, entfaltet es in jeder bassgesättigten Elektropunkkonvulsion innovative Kraft, als wäre es ganz neu im Wutgeschäft. Grrrrr…

Sleaford Mods – Spare Ribs (Rough Trade Records)

Pom Poko

Und wo wir gerade beim Thema musikalischer Konventionsbruch sind: auch das norwegische Quartett Pom Poko sägt mit großer Hingabe an Hörgewohnheiten. Nichts an ihrer zweiten Platte Cheater klingt aufs erste Hören hin eingängig. Im Gegenteil: ab und zu muss man überschüssige Extrabässe reindrehen, damit einem das punkavantgardistische Gitarrengeschepper nicht die Trommelfelle perforiert. Gerade in diesem Too Much allerdings besteht auch das Alleinstellungsmerkmal.

Die meisten der zehn neuen Stücke sind horizontale Überlappungen vertikaler Klangvielfalten, als würden sich die Stile darin selbst potenzieren. Das famose Danger Baby zum Beispiel ist eine Art polarjapanisch-texanischer Mambometal-Easylistening-Noise, an dem das feministische Gesangschaos noch am eingängigsten ist. Klingt wirr? Ist wilder! Und dennoch mit einer so detailveressenenen Liebe zum kosmopolitischen Allerlei, dass der zwischenzeitliche Tinnitus eher stimulierend als nervig wirkt.

Pom Poko – Cheater (Bella Union)

Buck Meek

Und allein schon, um nach so viel Lärm und Wut und Durcheinander ein bisschen  runterzuregeln, runterzukommen, rumzuhängen, sei an dieser Stelle etwas gänzlich anderes empfohlen: Tow Saviors, das zweite Album des Leadgitarristen der New Yorker Indierock-Perle Big Chief. Gemeinsam mit einer Bande Bekannter wie seinem Bruder am den Keyboards oder dem Instrumentalwizzard Mat Davidson, reduziert er den Sound seiner Stammformation nicht nur um ein paar Dutzend Dezibel; er verzaubert die Ruhe in orchestrale Vielfalt.

Ohrenscheinlich tief im Produktionsort am Mississippie verwurzelt, schimmert durch das hintergründe Countrypop-Gewimmel eine Gelassenheit von so großer Vielfalt, dass man vielleicht doch kurz daran glauben möchte, mit guter Musik sei das Schlechte der Welt besiegbar – und sei es nur für die Dauer von der elf alternativen Southern-Rockstücke, in die sich permanent urbaner Größenwahn von Austin bis L.A. mischt. Das perfekte Album für linke Rednecks, falls es die gibt.

Buck Meek – Tow Saviors (Keeled Scales)


Nina Gummich: Charité & Knopp

Ich bin Bauchschauspielerin

Wenn die Charité ab heute den Mauerbau erlebt, bleibt alles in der ARD beim Alten: fiktionale Frau sucht unter realen Ärzten mit Pathos und Politik die Liebe. Den Unterschied macht ihre Darstellerin: Nina Gummich (Foto: ARD/Honzik). Ein Gespräch mit der 29-jährigern Leipzigerin über Filmblut, Ostbiografien, Serienkrankenhäuser und Erschöpfungszustände

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Nina Gummich, nach Ansicht der ersten paar Folgen Charité, scheint die dritte Staffel eine besonders blutige zu sein.

Nina Gummich: (lacht) Und dabei haben Sie die späteren paar Folgen noch gar nicht gesehen, in denen das Blut nicht nur analysiert wird, sondern auch mal in Strömen fließt.

Hat das auch symbolische Bedeutung oder handelt die neue Staffel nun mal viel von blutiger Forschung?

Klar geht es an der „Charité“ auch immer ums Innerste der Protagonisten oder wenn wir bei ihrer Metapher bleiben wollen, vielleicht das Ausbluten der DDR jener Tage.

Was auf die zweite Symbolik deutscher Fiktionen zur deutsch-deutschen Teilung hinweist: Die DDR ist darin vollumfänglich furchtbar!

Der Eindruck wird tatsächlich oft erweckt, soll hier aber gar nicht im Vordergrund stehen. In der kurzen Zeit, die der Serie bleibt, um den Mauerbau zu erzählen, muss viel zugespitzt werden. Aber zwischendurch geht’s auch darum, dass – schon wieder! – frisches Blut in die Charité kommt, junge Ärzte wie ich, mit medizinischen, nicht politischen Ambitionen.

Dennoch ist die Atmosphäre so trist und böse, wie sie schon Guido Knopp ständig betonen musste, um das Böse Ost vom Guten West abzugrenzen. Wäre es nicht interessanter, die DDR mal ohne Mauer und Stasi zu erzählen, einfach nur menschlich?

Darüber habe ich auch zuhause viel geredet. Besonders meine Mutter war stets der Meinung, dass nicht alles schlecht gewesen sei im Osten. Unsere Regisseurin Christine Hartmann hat ebenfalls darauf geachtet, nicht alles schlecht und grau zu erzählen. So haben wir bewusst für meine Figur schöne und auch farbig strahlende Kleider ausgewählt. Ein Mittel, um eben nicht nur die schon oft in Filmen gesehene DDR-Klischee-Tristesse zu zeigen.

Steht Ihre Ella in einer geraden Linie zu den zwei Hauptfiguren der ersten zwei Staffeln, die ebenfalls fiktive Frauen im Umfeld realer Persönlichkeiten waren?

Die Konstellation der Hauptfigur ist in der Tat ähnlich wie in den anderen Staffeln, wobei

Nina Kunzendorfs Kinderärztin auch als Hauptstrang erzählt wird und wir damit zum ersten Mal in der Geschichte der Charité zwei weibliche Hauptfiguren haben. Das zeigt, wie ernst Ärztinnen in dieser Zeit anders als zuvor an der Charité genommen wurden. Meine Figur der Ella wächst vom jungen Hüpfer in sechs Folgen zur sehr ernsthaften Frau.

Wenn man Ihnen dabei so zusieht, erscheint es erneut, als würden Sie diese Entwicklung wie in so vielen Filmen zuvor eher aus dem Bauch heraus, als nach Drehbuch spielen.

Witzig, dass Sie das sagen, freut mich sehr. Ich bin ja wirklich absolute Bauchschauspielerin. Erst kürzlich kam eine Regieassistentin zu mir und fragte, ob ich jetzt gerade privat war oder die Rolle. Ich verlasse mich zu 100 Prozent auf den Moment.

Text lernen Sie gar nicht?

Doch (lacht). Sehr genau sogar. Aber um aus dem Bauch heraus zu spielen, versuche ich mir für eine Szene nie allzu viel vorzunehmen. Dem besten Plan kommt am Ende stets das Leben dazwischen und macht ihn zunichte. Natürlich sind 40 Drehtage Charité von morgens um fünf bis zur Badewanne am Abend und gute Nacht so durchgetaktet, dass der Text die Grundlage ist, um so einen Dreh überhaupt stemmen zu können. Aber ich bewahre mir dabei mein gutes Gefühl für die Situation. Zum Leidwesen meiner Mitmenschen zuhause, schotte ich mich in solchen Zeiten so ab, dass ich fast ein bisschen asozial werde.

Hat das damit zu tun, dass Sie einem sehr künstlerischen Haushalt entsprungen sind?

Mein Stiefvater hat mich zu Beginn sehr viel gecoacht und dabei eine Mischung aus eigenem Leben und Technik vermittelt. Damals hab‘ ich mir angewöhnt, Texte nicht bloß stur zu lernen und aufzusagen. Das Leben ist halt im Augenblick am erfülltesten.

Sind Sie deshalb, ohne Ihnen Honig um den Bart zu schmieren…

Doch, bitte! Nur zu!

… so oft die authentischste Figur in manchmal artifiziellen Geschichten?

Das wäre jedenfalls schön.

Sind Sie von Ihren Eltern ins Schauspiel gedrängt worden oder zumindest gelotst?

Im Gegenteil. Wie viele künstlerische Eltern wollten auch meine eher verhindern, dass ich ihren Beruf ergreife. Schließlich kennen Sie nicht nur die guten, sondern auch schlechten Seiten daran. Meine Mutter ist Regisseurin und ihr Mann freier Filmschauspieler, mein Vater ist Regisseur und seine Frau Theaterschauspielerin. Ich hatte also Anschauungsmaterial aus allen Bereichen der Kunst und habe mich aus freien Stücken dazu entschieden.

Mit welcher Konsequenz?

Dass meine Eltern mich nach meiner ersten Rolle in einem Weihnachtsfilm erst mal aufbauen mussten, so fertig war ich, dass diese tolle Zeit vorbei sein sollte. Ich war, ehrlich gesagt, auch total angefixt, wie viel Lob man als Zehnjährige von allen kriegt. Deshalb war der Stein schon da so unaufhaltsam ins Rollen geraten, dass meine Eltern mich vor mir schützen mussten, damit ich nur einen Film im Jahr mache und auch keine Leiche im Tatort, sondern was Ordentliches, und nach dem Drehen nicht mit den anderen noch ewig in die Bar. Als Teenager fand ich das zum Kotzen, im Nachhinein bin ich ihnen dankbar. Bedingung war ja, dass mein Schulnotenschnitt immer eine 1 vom Komma hatte.

Und das hatte er?

So gerade eben, Abi 1,9. Aber wenn er noch besser gewesen wäre, hätte ich vielleicht Medizin studiert und würde jetzt mein künstlerisches Blut erforschen (lacht).

Stattdessen stehen Sie mit 29 Jahren zwei Drittel ihres Lebens vor der Kamera. Gibt es da schon Momente der Erschöpfung?

Weil ich durch meine Familie früh gelernt habe, auf mich zu achten, eher nicht. Andererseits habe ich im Shutdown gemerkt, wie wichtig auch mal drei Monate Auszeit sind; die hätte ich mir andernfalls nicht genommen, habe aber gemerkt, wie nötig sie waren. Schon, weil Schauspieler nur dann gute Geschichten erzählen können, wenn sie das Leben daneben noch sehen.

Was wäre das zum Beispiel bei Ihnen?

Als allererstes bedeutet das für mich immer, nach so einem langen Dreh wieder im normalen Leben anzukommen. Herauszufinden, was ich gern erleben möchte, ohne dass mir jemand einen straffen Zeitplan vorgibt. Dann gehe ich in die Natur, um Stress abzubauen, schlafe viel und ernähre mich gut. Wenn die erste Erschöpfungsphase vorbei ist, treffe ich mich viel mit Freunden, die überhaupt nichts mit Schauspiel zu tun haben und nehme an deren Leben Teil.

Ist dieser Außenkontakt üblich in Ihrer Branche?

Nein, eher ungewöhnlich. Wir Schauspieler neigen dazu, privat gern in der eigenen Suppe zu schwimmen. Am Anfang meines Schauspielstudiums habe ich sogar parallel in einer Eventfirma als Kellnerin gearbeitet, auch um zu erfahren, wie es in diesem Beruf ist, um Geschichten zu sammeln, zu beobachten. Beobachtungen ansammeln ist ein großer Teil meiner Figuren-Arbeit.


US-Putsch & DDR-Charité

Die Gebrauchtwoche

4. – 10. Januar

Unter den Bildern aus Washington, die seit Mittwoch alle Welt verstören, war eins besonders spektakulär, aber seltsam unterrepräsentiert: der Berg erbeuteter Kameras und Mikrofone, auf dem Donald Trumps Putschisten vorm Kapitol herumgetrampelt sind. Jene Patrioten also, die den 1. Verfassungszusatz (Meinungsfreiheit) im Pulverdampf des 2. (Waffenbesitz) vernichtet haben. Mit welcher Wut ringsum auch deutsche Reporter attackiert wurden, dürfte daher zum fatalsten Erbe dieser Präsidentschaft werden.

Dass Facebook dessen Account kurz– und Twitter langfristig sperren, dass Reddit, Snapchat, Discord, Twitch, selbst Spoftify nachziehen und dem dunklen Lord demnach bald nur noch das Darknet dient, ist angesichts der permanenten Aufrufe zum Umsturz seit zwei Monaten zwar folgerichtig, aber zu spät. Und weil er seine Fanatiker dort seither allenfalls vom Zusatz ergänzt, seine verlogenen Tweets würden diskutiert, bis zum Blutrausch manipulieren konnte, treibt sie der Wirrkopf im Weißen Haus am Ende auch nur radikaleren Meinungsfabriken wie OANN und Parlor zu. CNN dagegen konnte – anders als die ARD, der viele vorwerfen, fürs „Kapitolverbrechen“ (Süddeutsche) das Abendprogramm nicht unterbrochen zu haben – sein Profil als Notreserve journalistischer Anteilnahme weiter schärfen.

Dennoch ist die Pressefreiheit selbst in Demokratien längst so unter Beschuss, dass sich Despoten von Putin über Erdogan bis Xi Jinping genüsslich die blutigen Hände reiben. Dazu passt, dass ein englisches Gericht die Auslieferung von Julian Assange kurz vor der amerikanischen Katastrophe aus medizinischen, nicht juristischen Gründen abgelehnt hatte. Und das, wo ihm in den USA wegen seiner Arbeit als Journalist 150 Jahre Haft drohen. Es war also ein denkwürdiger Arbeitsauftakt von Tagesschau-Sprecher Constantin Schreiber, der am Montag mit Turner-Kreuz und Schwiegersohn-Lächeln in die Hauptnachrichten wechselte.

Das rückt einen etwas anderen Wechsel zu Recht in den Hintergrund: die unterhaltsame Collien Ulmen-Fernandes verkauft einen Teil ihrer Seele und checkt (ohne finanzielle Not) auf dem Traumschiff ein, während sich RTL nach einem wenig überraschenden Corona-KZ-Vergleich von Michael Wendler trennt, genauer: seinem Bild bei DSDS. Vorgedrehte Passagen mit ihm werden nun gepixelt. Und nur der Vollständigkeit halber: Ferdinand von Schirachs ARD-Experiment Feinde erzielte vor acht Tagen gut zehn Millionen Zuschauer auf elf Sendern.

Die Frischwoche

11. – 17. Januar

Nicht ganz so frisch, aber wegen der Freitagsmontagpause nachzureichen: Magenta TV macht den Mythos den Rom-Gründers Romulus zum Objekt einer altlateinischen Politthrillerserie. In der ZDF-Mediathek ist noch die Langzeit-Doku Höllental übers ungeklärte Verschwinden von Peggy Knobloch vor 20 Jahren zu empfehlen. Und auf SyFy läuft die 4. Staffel der wundervollen Cowboyzombiejägerin Wynonna Earp.

Irgendwie untot ist auch das Prinzip Charité. Wenn morgen die 3 Staffel startet, geht es wieder um ein medizinisches Fantasiemädchen im Kreis männlicher Realkoryphäen. Weil es diesmal von der wunderbaren Nina Gummich gespielt wird, übersehen wir mal die billigen Klischees über böse Kommunisten am Vorabend des Mauerbaus. Mit Emma Thompson als britische Populisten der digitalen Nahzukunftsvision Years and Years könnte die Neo-Serie ab Donnerstag toll sein; dummerweise wurde es von Deutschen synchronisiert. Und das ist fast so furchtbar wie der bescheuerte RTL-Einfall, das Dschungelcamp 2021 ab Freitag als Casting fürs Dschungelcamp 2022 downzugraden.

Anything else? Heute startet bei Prime Video die 3. Staffel des Superhelden-Coming-of-Age-Unsinns Young Gods und Mittwoch bei Disney+ Elizabeth Olsens Sitcom Wand Vision, während Cobra Kai auf Netflix in die 4. Staffel geht. Sonntag beginnt bei 13th Street der skandinavische Krimiachtteiler Verdacht/Mord, abends zuvor geht Kommissarin Heller im ZDF letztmals auf Mörderjagd. Und zum Schluss zwei Filmtipps: Mittwoch um 20.15 Uhr zeigt Arte das Nachkriegsdrama Die Unschuldigen um ein polnisches Kloster, in dem die rote Armee wütet. Und der norwegische Oscar-Kandidat Thelma über eine Frau mit Epilepsie wurde leider ins Spätprogramm (23.30 Uhr) des WDR am Donnerstag abgeschoben.


Rückblick 2: Das Fernsehjahr 2020

Best- & Worst-of Vintage TV 2

Serien, das ist die Erkenntnis des Fernsehjahrs 2020, waren nie wichtiger als im Seuchenjahr 2020. Mangels Alternative bestand die Unterhaltung nicht nur für Couch-Potatoes schließlich vorwiegend aus dem Angebot der Streaming-Portale und TV-Sender. Unter den prägendsten (wenn auch nicht unbedingt besten) Formaten finden sich daher natürlich auch horizontale Erzählungen. Bewegt haben aber auch Dokus, Filme, Reportagen, News. Manchmal sogar ein bisschen mehr als das neue Kino Serie. Zweiter Teil der Retrospektive.

Von Jan Freitag

7. Unorthodox, Netflix

Dass eine Jüdin nach, nicht aus Deutschland flieht, ist ja schon mal bemerkenswert. Weil der Netflix-Vierteiler Unorthodox die Flucht von Esthy Shapira, literarisches Pendant der real existierenden Bestseller-Autorin Deborah Feldman, aus dem Gefängnis ihrer chassidischen Gemeinschaft in New York so unbefangen schildert, dass alle Beteiligen darin Opfer ihrer Konventionen sind, erhielt Maria Schrader dafür fast zwangsläufig den Emmy.

8. Das Unwort, ZDF

Über Antisemitismus zu lachen, ist im Land der Shoah (völlig zu Recht) schwierig. Es sei denn, die israelaffine Iris Berben sorgt dafür in der hinreißenden, bitterblösen ZDF-Tragikomödie Das Unwort, wo sie eine Schulrätin im Streit um judenfeindliche Schüler, deren Opfer und die Eltern aller spielt. Toll war der Film aber auch, weil er nur einer von vier Spätwerken war, die das Fernsehen Iris Berben zum 70. Geburtstag schenkte.

9. Nuhr im Ersten, ARD

„Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“, lautet ein rechtspopulistisches Mantra der Querdenkerstunde – also auch jenes von Dieter Nuhr. Kein Comedian, der – pardon – Mainstreammedien – schießt seine Pointen schließlich beherzter auf Grüne, Frauen, political correctness. Und keiner beklagt dabei kläglicher, dafür kritisiert zu werden. So wurde Nuhr im Ersten – ob gewollt oder nicht – zur satirischen ARD-Zweigstelle der AfD.

10. Fox News Sunday, Fox News

Klar, CNN und NBC sind seriösere Stimmen des US-Journalismus, während QANN oder Fox News in der Regel bloß Donald Trumps Speichel lecken. Aber wie das seriöse Fox-Feigenblatt Chris Wallace den US-Präsidenten beim Sommerinterview an einem heißen Julisonntag grillte, wie er nachhakte, bloßstellte, in aller Seelenruhe sperrfeuerte, war auch wegen der fanatischen Voreingenommenheit seines Senders das politische Streitgespräch des Jahres.  

11. Fritzi, ZDF

Was wahre Siege wert sind, hängt immer auch von der Startposition ab. Als das ZDF ausgerechnet Tanja Wedhorn zur krebskranken Hauptfigur der Dramaserie Fritzi machte, ging die chronisch unterforderte Telenovela-Prinzessin aus der für Feuilletonverhältnisse allerletzten Startreihe ins Rennen – und machte aus dem Familienmelodram dennoch ein leichtfüßiges Manifest der Beharrlichkeit, das nicht nur in der Publikumsgunst weit vorn lag.