Amüsier-Apps & Maskierte Sänger

Die Gebrauchtwoche

17. – 23. Juni

Was, hörte man sich unlängst verblüfft fragen, ist bloß mit Wladimir Iljitsch Putin los? Da hat der zaristische Herrscher einen Reporter eingeknastet, der ihm und seinem Regime doof gekommen war, und was macht er? Lässt die Geisel seines Unrechtsstaates nach ein paar Tagen wieder frei, obwohl dieser Iwan Golunow das Haus doch angeblich voller Drogen hatte, als die über jeden Zweifel erhabene Polizei seine Wohnung durchsuchte… Damit steigt Russland im Pressefreiheitsindex wohl um ein paar Plätze zurück in die Top 150, immerhin vor Nord-Korea.

Klingt nach Lockerung im Käfig der russischen Zivilgesellschaft? Nun – keine zwei Wochen später hielt Zar Putin wie jedes Jahr um diese Zeit für seine Untertanen fernsehöffentlich Audienz und beantwortete Fragen jeder Art, wenngleich natürlich nur solche, für die er königliche Lösungen hatte. Damit rutschte er dann doch wieder ein Stück weit im Ranking ab, dumm gelaufen. Dennoch bleibt Putin auch hierzulande ein Liebling nationalautoritärer Kräfte wie jener Alternativpartei im Deutschen Bundestag, deren medial geschürter Hass aufs System den Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke atmosphärisch vorbereitet hat.

Geschürt wird diese Stimmung allerdings längst auch von Journalisten, die man bei aller Kritik eigentlich auf der Seite faktenfester Haltungen gewähnt hatte. Zum Beispiel Claus Strunz. Gut – das relativ gesittete Kampfblatt Bild am Sonntag hatte zwar auch unter seiner Führung schon einen Hang zu populistischer Zuspitzung; jetzt aber stellte er sich mit seiner rechten Attacke gegen Migranten, deren Heime und überhaupt Neger, Kanaken, kulturfremdes Gesocks so rabiat außerhalb des bürgerlichen Diskurses, dass sein AfD-Beitritt wohl nur noch eine Frage der Zeit sein dürfte.

Und damit bereitet es umso mehr Mühe, zu akzeptieren, dass dieser Mann denselben Beruf ausübt wie die große Wibke Bruhns. Nachdem sie einst als erste Frau die Nachrichten im (Zweiten) deutschen Fernsehen verlesen hatte und danach zu einer der prägenden Journalist(inn)en im Land zählte, ist sie nun mit 80 Jahren verstorben – und damit gewissermaßen erlöst, ihr Metier nicht mehr im Sumpf rechter Lügenmärchen versinken zu sehen. Aber dafür werden wir ja fröhlich mit Unterhaltungsangeboten geflutet wie der neuen Pro7Sat1-App Joyn, die uns seit Mittwoch mit allem nur Erdenklichen entertaint – aber nicht durch wahrhaftige Fakten.

Die Frischwochen

24. Juni – 7. Juli

Im linearen Programm von Pro7 kann man da ab Donnerstag bestaunen, wie sich die Sendergruppe Amüsement so vorstellt: Moderiert vom notorischen Matthias Opdenhövel, singen Prominente als The Masked Singer verkleidet inkognito, wofür sie von den Zuschauern enttarnt werden oder auch nicht, sechs Folgen lang zur besten Sendezeit und danach vermutlich abrufbar auf Joyn. Toll. Das war’s aber auch fast schon mit aktuellen Fernsehtipps. Während die angebrochene Sommerpause im Rest der Woche kaum was anderes als Wiederholungen hervorbringt, gibt es am Donnerstag drauf (4. Juli) jedoch gleich drei Neustarts.

Auf Neo moderiert die Top-Anwältin Laura Karasek um 22.15 Uhr sechsmal das lifestylische Talkformat Zart am Limit und kehrt damit vom knüppelharten Wirtschaftsrecht ins weitaus weichere Gesprächsgenre zurück. Vorschusslorbeer: Die kann das – und zwar nicht nur wegen ihres berühmten Vaters mit Namen Hellmuth. Gut eine Stunde später widmet sich der Schönwetterkabarettist Michael Mittermeier! in seiner selbstbetitelten Nachrichtenpersiflage 45 Minuten lang einem Thema, diesmal: Sicherheit. Vorschussskepsis: könnte ulkig werden im Ersten. Zwischendurch schaltet Netflix die 3. Staffel von Stranger Things frei. Vorschussbonus: Die Güte der ersten zwei Staffeln würde selbst einen Qualitätsabfall um 90 Prozent noch sehenswert machen.

Ansonsten begnügt sich das Regelprogramm dieser heißen Tage so konsequent mit Recyclingware, dass mal wieder nur Arte Platz für Innovationen bietet. Morgen zum Beispiel widmet sich der Kulturkanal um 20.15 Uhr erst den Frauen der Terrormiliz des IS und eine Stunde später deren Kindersoldaten Ashbal, bevor der Themenschwerpunkt 50 Jahre nach Stonewall Freitag (21.45 Uhr) an den Beginn der weltweiten Gay-Pride-Bewegung 1969 erinnert. Und acht Tage danach startet Arte den diesjährige Summer of… mit einem Monat Sendungen jeder Art zum Thema: Freedom. Präsentiert von der glamourösen Beth Ditto, eingeleitet von einer neuen Doku über John und Yoko, deren Liebesbeziehung Anfang der Siebziger mehr spießbürgerliche Verbitterung offengelegt hat als so mancher Beatles-Song.

Dazu passt die einzige Wiederholung der Woche in den Wochen der Wiederholungen, die uns hier der Erwähnung wert ist: das gesellschaftskritische DDR-Spätwerk Coming Out von 1989 aus einem Land, in dem es nach offizieller Diktion nicht nur keine Nazis gab, sondern noch weniger Homosexuelle.


Zweiraumsilke, Friedrich Sunlight, Hot Chip

Zweiraumsilke

Wer je dachte, die Neunziger seien Geschichte, weil sie selbst dort vor allem genervt haben, der muss gerade nur mal über Ballonseide die Leggings abwärts auf dicksolige Buffalos blicken und spontan auf die Bundfaltenhose kotzen. Angesichts dieser revisionistischen Stilistik-Attacke ist es natürlich auch kein Wunder, dass HipHop wieder mal mit robustem Rock vermischt wird, weißer Prollfunk den schwarzen Sprechgesang erobert und Easy Listening durch aasige Schmuseraps schlingert. Klingt nostalgisch? Stimmt! Allerdings auch sehr unterhaltsam – wenn sich ein Freundeskreis aus Bayern mit dem ulkigen Namen Zweiraumsilke im Schlamm von gestern suhlt.

 

Das elfköpfige Kombinat ums Stimmdoppel Rita Bavanati und Christian Emmel macht herrlich aufgeblähten Orchester-HipHop mit mal ernsten, mal ulkigen, aber immer sehr diskursfreudigen Texten, die dem Genre frischen Wind durch die Festivalsaison pusten. “Denn ich mach jetzt Smoothies und Wellness/ anstatt Droofies und Wellblech / tausch jetzt stressige Tage / gegen Fußreflexzonenmassage” erzählen sie E-Gitarren-flankiert und bringen damit schon im Titeltrack gut zum Ausdruck, worin angemessen linke Bands heutzutage feststecken: Alles muss nice sein, aber eben auch bedeutsam. Hergestellt vom Seeed-Produzenten Kraans de Lutin, klingt Detox nach beidem. Nur ohne Offbeats und Chartsappeal. Zum Glück.

Zweiraumsilke – Detox (Musik ist Weltsprache)

Friedrich Sunlight

Aber wenn wir schon beim Thema Retrosound sind, dann doch bitte in ultimativer, konsequenter, allerletzter Konsequenz, wie sie Friedrich Sunlight vornimmt, eine Band, die seltsamerweise auch aus Bayern stammt, ihre Nostalgie allerdings mit einer spielerischen Leichtigkeit vollführt, als gäbe es ringsum nicht überall Lederhosen und Rassismus. Wie schon auf ihrem selbstbetitelten Debütalbum vor knapp drei Jahren zelebriert das Quintett aus Augsburg einen Schlagerpop im Sixties-Gewand, der praktisch ohne Peinlichkeit zu Herzen geht und dort ein bisschen im Alterskonservatismus hamburgerschulgeprägter Diskurspopveteranen rührt.

Zu Kenji Kitahamas androgyn verwackelter Stimme mäandert Sag es erst morgen abermals mit grandioser Nonchalance durchs Caféhaus unserer aufgewühlten Seelen, die sich manchmal eben doch nach etwas uncooler Besinnung sehnen, ohne dafür gleich vom angesagten Hafenviertel in den Speckgürtel ziehen zu müssen. Pianogeplauder, Streicherkaskaden, Stadtfolkgitarre und ein Schlagzeug von verblüffend unaufdringlicher Dynamik machen die Reise in gedanken(nicht: sorg)losere Zeiten dabei so leicht wie einen Sommerausflug ins Grüne, der einem die inneren Akkus randvoll auffüllt. Das Gestern kann sehr angenehm nach Gegenwart klingen.

Friedrich Sunlight – Sag es erst morgen (Tapete)

Hype der Woche

Hot Chip

Und auch wenn, der Vergleich zweier Bands aus Bayern vor eher provinziellem Background mit einer der ganz großen Abräumer des globalen Pop irgendwie vermessen klingt: ihre ausgestellt arglose Aura teilen Friedrich Sunlight und Zweiraumsilke durchaus ein wenig mit Hot Chip. Gut, die fünf Londoner machen weltweit gefeierten Elektropendent der auch in siebter Studiofassung massenkompatibler ist als die zwei deutschen Bands allenfalls im eigenen Umfeld. Dennoch teilt A Bath Full Of Ecstasy (Domino) deren selbstreferenzielle Lässigkeit – dickt sie aber natürlich mit einer High-End-Produktion an, die auf jedem Dancefloor der Erde vom Kopf über den Bauch in die Beine geht und von dort aus Kauf-mich-Impuls zurück nach oben feuert. Melancholie klingt halt selten enthusiastischer als in Alexis Taylors synthiefunkumflatterten Gesang.


Nestlès Hündchen & Eichwalds Bundestag

Die Gebrauchtwoche

3. – 9. Juni

Nein, eine Liebesbeziehung wird das so bald nicht mehr – die CDU und social media. Nachdem Annegret Kramp-Karrenbauer mit der Attacke auf digital Eingeborene der Generation Y bis Z fleißig daran gearbeitet hatte, den Altersschnitt ihrer Wähler*innen über 70 Jahre zu hieven, begab sich Freiwilligkeitsministerin Julia Klöckner mit ihren Memes aufs selbe Niveau und brauchte 24 Stunden, um auf den Shitstorm für ihr Kuschelvideo mit Nestlé zu reagieren. Wie ein verliebter Teenager wanzt sie sich darin an den Lebensmittelkonzern heran, wofür Oli Welke die Verantwortliche in der heute-show zur wichtigsten Werbeikone nach Clementine (Ariel) und Tilly (Palmolive) erklärte.

Noch irritierender war allerdings, dass Klöckner die (wie üblich online sprachlich robuste, aber grundsätzlich berechtige) Kritik an ihrer Korrumpierbarkeit durch Renditeinteressen multinationaler Unternehmen mit Hatespeech verwechselt und allen, die nicht ihrer Meinung sind, Informations-, wenn nicht Demokratie-Defizite unterstellt. Das ist von so himmelschreiender Hilflosigkeit im Umgang mit dem, was aus Unionssicht halt immer noch „Neue Medien“ sind – man könnte diese Peinlichkeit glatt lustig finden, wäre sie nicht Ausdruck einer so tiefgreifenden Betriebsblindheit im Umgang mit den Befindlichkeiten junger Menschen.

Obwohl die Leiterin eines der wichtigsten Ressorts im Kampf gegen den Klimawandel seit zehn Jahren auf Twitter ist und dort seither nahezu 28.000 Tweets abgesetzt hat, tickt sie also noch immer zutiefst analog und befindet sich daher geistig-moralisch auf dem Niveau der Bild-Zeitung. Die nämlich wurde vom Presserat mal wieder gerügt: wegen der Berichterstattung zum rechtsextremen Attentäter von Christchurch, dem das Springer-Organ als eines der ganz wenigen Medien in Deutschland breitenwirksame Aufmerksamkeit in Wort, Bild, Ton gewidmet hatte.

Aus diesem Grund beginnen wir die anstehenden Angebote mal mit den Wiederholungen der Woche, namentlich: Kir Royal. In Helmut Dietls alterslosem Meisterwerk ging es vor 33 Jahren schließlich auch um den Klatschreporter eines Boulevardblatts, das sich um Ethos, Moral und Nachhaltigkeit wenig schert, solange Auflage, Umsatz und Einfluss stimmen. Ab Montag um 22.45 Uhr zeigt der BR die Regenbogenschlacht von Baby Schimmerlos zum 75. Geburtstag des verstorbenen Regisseurs in drei Doppelfolgen, und abgesehen von Wählscheiben, Schulterpolstern, Messingmöbeln ist alles daran wie heute, nur ohne Internet, Klimakrise, Donald Trump.

Die Frischwoche

10. – 16. Juni

Was beide Epochen über Klöckners aasige Anbiederung hinaus verbindet, ist ein Mitglied des Bundestags, das es so nicht gibt und doch vermutlich überall: Eichwald, MdB. Vor zwei Jahren überraschte das ZDF mit einer Art Mockumentary, die den halbfiktionalen Langzeitabgeordneten einer viertelfiktionalen Kanzlerinnenpartei im Aberwitz achtelfiktionaler Tagespolitik karikiert hat. Am Freitag um 22.30 Uhr kehrt Bernhard Schütz als modernisierungsresistenter Chef seiner drei Mitarbeiter (Leon Ulrich, Lucie Heinze, Rainer Reiners) zurück, und es ist abermals von bedauernswerter Wahrhaftigkeit.

Das ließe sich natürlich auch übers Debüt im Ersten ab Dienstag (22.45 Uhr) sagen – echt gut gemeinte Idee, aber was war noch mal das Gegenteil von gut? Ohne der Plattform für Nachwuchsregisseure entweder (wie der österreichischen Landkrimi-Groteske Höhenstraße tags drauf) die Primetime zu räumen oder wenigstens mehr PR-Präsenz im Netz zu verschaffen, dürfte die Filmreihe auch 2019 unter Ausschluss der Öffentlichkeit laufen. Das gilt für Laura Lackmanns Erstlingswert Mängelexemplar um die depressive Borderlinerin Karo (Claudia Eisinger), mehr aber noch für Helene Hegemanns eigene Romanadaption Axolotl Overkill mit Jasna Fritzi Bauer als altersgerecht wildgewordenen Teenager. Da könnte man auch ein Standbild zeigen – es hätte kaum weniger Publikum.

Womit wir im Grunde beim sportlichen Highlight dieser Tage sind: Der Frauenfußball-WM, täglich in ARD oder ZDF, täglich mit Einschaltquoten, die angesichts der nachmittäglichen Anstoßzeiten wohl nur unwesentlich über denen von Warrior liegen. Und das, obwohl die US-Serie ab Samstag im Pay-TV läuft. Allerdings mit einem Thema, dem das Testosteron aus jeder Szene suppt: Martial-Arts-Kämpfer prügelt sich produziert von Bruce-Lee-Tochter, durch den amerikanischen Bürgerkrieg. Auweia. Kultivierte Ablenkungswiederholung gefällig? Etwa den Clan der Sizilianer, legendärer Heist-Movie mit Alain Delon, Jean Gabin und Lino Ventura von 1969 (Samstag, 21.55 Uhr, ServusTV) oder – noch ‘ne Legende, nur drei Jahre älter: Steve McQueen als Nevada Smith (So, 20.15 Uhr, Arte) auf Rachefeldzug gegen fiese Cowboys von 1966.


Das Wichtigste im Leben: Vogel & Lamprecht

Normaler Wahnsinn des Lebens

Jürgen Vogel ist ein alter Hase in der obersten ersten Besetzungsriege von Film und Fernsehen, Bettina Lamprecht dagegen noch relativ neu dort, gemeinsam spielen sie nun die Eltern dreier Kinder in der fabelhaft leichtfüßigen und dennoch höchst präzisen Familienserie Das Wichtigste im Leben, mittwochs auf Vox.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Lamprecht, Herr Vogel – wenn man hinter Ihrer Familienserie Das Wichtigste im Leben ein Satzzeichen setzen würde, wäre es ein Frage- oder Ausrufezeichen?

Jürgen Vogel: Gute Frage, keine Ahnung. Aber wir beide hatten mit der Auswahl des Titels ja auch nichts zu tun. Und wenn es anders gewesen wäre, hätten wir ganz sicher einen anderen gewählt.

Lamprecht: Und weil der Titel außerdem ja kein Satzzeichen hat, würde ich mal denken, dass eher beide gelten.

Gibt die Serie denn Antworten darauf, was das Wichtigste im Leben sein könnte, oder stellt sie nur Fragen?

Lamprecht: Ich hoffe jedenfalls schwer, dass nicht ersteres der Fall ist. Ich finde Fragen grundsätzlich interessanter als Antworten.

Vogel: Wobei gar nicht so wichtig ist, welche Fragen es stellt oder wie klug die genau sind, sondern ob sie dem Zuschauer Anregungen zum Nachdenken liefern. Und weil jede Figur unserer Serie auf der Suche nach dem jeweils besten Weg durchs Leben in einem berührenden, authentischen Tonfall erzählt wird, könnte das aus meiner Sicht auch klappen.

Lamprecht: Es geht darum, welche Rolle jeder in der Familie und darüber hinaus spielt. Wie viel Raum muss man sich selber nehmen, wie viel Raum den anderen geben? Darum geht es doch schließlich in jedem sozialen Zusammenhang.

Der sich im Fall der Familie Fankhauser mit schwer pubertierender Tochter, kleinerem Bruder und einem Adoptivkind mit abruptem Interessenswandel von Basketball zu einer völlig anderen Beschäftigung als dauerhaftes Ringen, fast schon Kämpfen um Nähe und Abgrenzung zeigt.

Lamprecht: Stimmt, Nähe und Abgrenzung bilden den Kern der Serie, aber nicht nur der Kindern, sondern auch meiner Rolle als Frau und Mutter, die nach Aufgaben außerhalb der Familie sucht, ohne sich von ihr abzugrenzen.

Vogel: Und diese Suche ist in der Tat oft ein Kampf.

Der Genrebegriff Feel Good, mit dem hierzulande Familienserien oft etikettiert werden, passt demnach nicht so richtig auf Das Wichtigste im Leben oder?

Lamprecht: Absolut, aber die offizielle Überschrift „Familiendramaserie“ trifft es irgendwie auch nicht; dafür steht das Drama nicht genug im Vordergrund.

Vogel: Für Etiketten sind aus meiner Sicht eher Kritiker wie Sie zuständig; wir sind dafür zu sehr involviert. Richtig ist aber, dass solche Serien vor zwanzig Jahren noch anders konzipiert waren. Da wurde Familie tendenziell viel eher als heile Welt erzählt. Heutzutage ist Realismus wichtiger, also die Normalität des Lebens nicht weich zu zeichnen. Das schafft definitiv mehr Identifikationsmöglichkeiten.

Lamprecht: Und genau deshalb schlagen die Amplituden wie im wahren Leben bei uns in beide Richtungen aus, also Tragödie und Komödie – weil der alltägliche Wahnsinn des Familienlebens auch in der Realität oft eine Prise Humor enthält.

Vogel: Es geht eben darum, Normalität unterhaltsam zu machen, ohne sie zu überzeichnen.

Im Laufe der Serie tauchen also nicht noch dunkle Geheimnisse und menschliche Abgründe auf?

Vogel: Nein, wir wollen den normalen Wahnsinn des Lebens so erzählen, dass er auch ohne Knalleffekte spannend ist.

Lamprecht: Am Ende der ersten Staffel löst sich schon ein geheimnisvoller Bogen auf, aber eben kein allzu ausgefallener. Es gibt also weder eine Drogenküche im Keller noch Ufos auf dem Dach. Gibt’s bei uns zuhause ja auch nicht.

Schöpfen Sie für Ihre Rollen daher auch aus eigener Familienerfahrung?

Vogel: Ich schöpfe auf der Suche nach der bestmöglichen Lösung bei jeder Rolle aus meinem eigenen Leben oder wie ich die Dinge als Schauspieler und Mensch sehe – selbst, wenn es um einen Mörder geht.

Lamprecht: Anders könnte ich gar nicht spielen. Aber bei diesen Drehbüchern war es auch leicht, an eigene Erfahrungen anzuknüpfen.

Haben Sie sich als Eltern beide denn manchmal auch wiederentdeckt in Kurt und Sandra Fankhauser, ihren Denkweisen, Alltagshandlungen, womöglich auch Verschrobenheiten?

Vogel: Ich finde Kurt besonders in seiner Verschrobenheit toll, will mich aber nicht in dieser Figur spiegeln.

Lamprecht: Ich konnte in fast jeder Szene irgendwelche privaten Gefühle oder Erlebnisse heranziehen, und hätte da entsprechend oft genauso oder genau anders reagiert als Sandra. Zum Glück geht es hier aber nicht um mein Leben.

Vogel: Über mein eigenes will ich öffentlich aber ohnehin auch gar nicht so viel preisgeben, ganz ehrlich.

Die Frage war Ihnen also zu boulevardesk?

Vogel: (lacht) mir persönlich ja.

Ist trotzdem die erlaubt, was für Sie beide das Wichtigste im Leben ist?

Vogel: Fragen darf man alles, aber schon, weil diese hier jetzt fast unvermeidbar ist, war ich so strikt gegen den Titel. Meine Antwort lautet daher: gute Verdauung.

Lamprecht: Für mich ist es ein Zusammenspiel aus mehreren Dingen, und das sage ich nicht, um mich vor der Antwort zu drücken, sondern weil es die eine eben nicht gibt. Unter den vielen Faktoren, die mein Leben besser machen, ist daher natürlich auch Familie enthalten. Aber auch mein Beruf, Humor, Offenheit, Selbstreflexion – all so was ist mir wichtig.

Hatten Sie denn einen Alternativ-Titel im Kopf?

Lamprecht: Es gab sogar einen, aber der wurde verändert.


Besinnungsmomente & einsame Herzen

Die Gebrauchtwoche

27. Mai – 2. Juni

Die ganz großen Momente des Fernsehens entstehen manchmal im ganz Kleinen. Immer mal wieder weltbewegendes Enthüllungsentertainment von Jan Böhmermanns Neo Magazin Royale zum Beispiel. Ein kurzer Augenblick der Stille im Gebrüll tausender Talkshows. Claus Klebers Rührungstränen für Busfahrer, der sich dem rechtspopulistischen Mainstream engegenstellte. Und seit Mittwoch weit vorn im Pantheon unvergesslicher TV-Sequenzen: Joko & Klaas.

Tags zuvor hatten beide im Showkampf mit dem eigenen Arbeitgeber 15 Minuten Sendezeit zur freien Verfügung gewonnen. Eine Viertelstunde Anarchie, die angesichts der Begrüßung („Na, ihr Pissnelken“) am Mittwoch um 20.15 Uhr auf Pro7 den personalüblichen Dadaismus befürchten ließ. Dann aber räumte das lustige Rampensauduett bierernst die Bühne und ließ dort nichts als einen Stuhl stehen, auf dem sodann nacheinander drei Menschen platznahmen, die sonst nie zu Wort kämen. Nicht auf diese Sender, nicht zu dieser Zeit.

Erst durfte die Seenotretterin Pia Klemp den zynischen Irrsinn der europäischen Flüchtlingsabwehrpolitik schildern. Danach warb Dieter Puhl von der Bahnhofsmission Zoo in gleicher Länge um Verständnis für Obdachlose. Und als eine Birgit Lohmeyer in aller Stille davon sprach, wie sie im berüchtigten Neonazi-Dorf Jamel die Stellung der Vernunft, der Kraft, der Zivilcourage hält, war klar: Hier kommt das dauererregte Fernsehen und sein aufgeputschtes Publikum kurz zur Besinnung.

Schwer zu glauben, dass so etwas weiter drin sein wird, wenn Silvio Berlusconi mehr als jene 9,6 Prozent übernimmt, mit denen sich seine Mediaset vorige Woche bei ProSiebenSat1 eingekauft hat. Und dass deren CEO Max Conze das Investment nicht als Bedrohung der programmatischen Vielfalt, sondern „Vertrauensbeweis in unsere Strategie“ bezeichnet, lässt Schlimmes befürchten. Es passt jedoch zur Stimmung, die Annegret Kramp-Karrenbauer verbreitet.

Der Peinlichkeit im Streit mit dem Youtuber Rezo ließ sie parallel dazu ja flugs jene folgen, sich öffentlich Gedanken über die Einschränkung der Meinungsfreiheit im Netz zu machen. Für den Versuch, die brennende Demokratie mit populistischem Feuer zu löschen, kreierte das Bohemian Browser Ballett daraufhin den Begriff „verakken“, der die Panik mittiger Parteien im Kampf gegen Bedeutungsverlust gut umschreibt. Aber gut – ganz ähnlich verakkt ja auch das Erste den täglichen Kampf ums junge Publikum.

Die Frischwoche

3. – 9. Juni

Am Samstag etwa in einer Schnulze um drei betagte Freundinnen, die es – so heißt das dann im PR-Sprech – „noch mal wissen wollen“ und ein Tanzcafé für Senioren eröffnen. Der Club der einsamen Herzen ist so saftig, seifig, soßig, dass man Mitleid mit der verstorbenen Hannelore Elsner kriegt, die hier neben Jutta Speidel und Uschi Glas ihr Talent verschleudert hat. Besser macht es (wie so oft) der ARD-Mittwochsfilm. In Die Auferstehung nutzt Regisseur Niki Stein einen Erbschaftsstreit dazu, die beteiligte Verwandtschaft um den gut aufgelegten Joachim Król erst emotional zu vereinen, dann lustvoll zu zerstören.

Noch viel besser macht es (wie so oft) der Privatsender Vox. Trotz des denkbar blöden Titels Das Wichtigste im Leben, verhandeln Bettina Lamprecht und Jürgen Vogel als Eltern einer gewöhnlich ungewöhnlichen Familie ab Mittwoch fünf Doppelfolgen lang ihren Alltag mit drei Kindern, in dem die Probleme nicht künstlich aufgebläht, sondern mit feinem Witz skizziert werden. Und das ist bei aller Fiktion fast so wahrhaftig wie der HBO-Zweiteiler What’s My Name.

Ab heute porträtiert Antoine Fuqua auf Sky Muhammad Ali in einer Art dokumentarischem Tanzfilm, der die Komplexität des weltgrößten Boxers ohne störenden Off-Kommentar als Balanceakt zwischen sportlichem, gesellschaftlichem und menschlichem Rhythmus zeigt. Morgen erinnert dann Arte ab 20.15 Uhr mit einer zweiteiligen Doku und einem Porträt von Liu Xiaobo, dem Mann, der Peking die Stirn bot, ans Massaker auf dem Tian’anmen-Platz vor 30 Jahren. Dass Discovery Donnerstag seinen conscious-lifestyle-Kanal Home & Garden startet, verstauen wir da mal wohlwollend in der Schublade Eskapismus, in die das spanische Netflix-Melodram Elisa und Marzella nicht gehört; schließlich geht es in der Eigenproduktion um zwei lesbisch Liebende im katholischen Spanien des Jahres 1901.

Irgendwie soziokulturell ist auch die Wiederholung der Woche: In Vorbereitung zur 2. Staffel, zeigt das ZDF heute um 23.50 Uhr alle vier Teile der Bundestagsrealsatire Eichwald, MdB mit Bernhard Schütz als abgehalftertem Parlamentarier am Stück. Eine Viertelstunde zuvor zeigt Arte Hans Karl Breslauers Schwarzweißfilm Die Stadt ohne Juden, in dem der aufziehende Nationalsozialismus 1924 auf beklemmende Art vorfiktionalisiert wurde. Wer die Abgründe unserer Spezies lieber theatralisch überhöht mag, sollte den Im Schmerz geboren von 2014 (Dienstag, 20.15 Uhr, BR) sehen, der vielleicht furioseste Austritt des Tatort.