JPD, Goldroger, Robbie Williams

JPD

Ist ja immer klein bisschen peinlich, wenn Debütalben als lang ersehnt angekündigt werden, weil ja niemand als Label, Künstler, Mutti und ein paar Kumpel ein Erstlingswerk wirklich ersehnen, aber auf das von Julian Philipp David alias JPD durfte man schon mit angemessener Sehnsucht warten. Jetzt ist es nach reichlich Digitalgeraune, zwei EPs und ziemlich gefeierten Festivals raus, heißt Auf den großen Knall und ernsthaft – der ist es auch geworden.

Der HipHopster aus Mannheim kreiert einen nahezu perfekten Mix aus melodischen Raps und Soundideen, die in Stücken wie Striche münden, das von Gitarrenpicks zerstochen an Tinnitus im Whirlpool erinnert, während durch Der Wald im Anschluss philosophische Earcatcher wie “Spieglein, Spieglein an der Wand / sag, wer hat das meiste Flaschenpfand im Land” fließen, denen JPDs warmer Sprechgesang Tiefe und Kraft verleiht. Klar, Vergleiche sind oft so blöd wie die Phrase vom ersehnten Debütalbum, aber hiert trifft Casper auf AnnenMayKantereit und doch klingt es unvergleichlich.

JPD – Auf den ganz großen Knall (Popup Records)

Goldroger

Ach, was wäre der HipHop für ein wunderbares Biotop, wenn doch nur der HipHop nicht wäre. Dieser Gestus, diese Selbstverliebtheit, das ganze Getue um Skills und Realness und Blingbling oder auch mal Blingblingscheißefinden – wäre es nicht schön, wenn sich der Rap mal wieder mehr um Sprechgesang und weniger die Stilistik drumherum drehen würde? Vielleicht hilft es da ja, ein Quereinsteiger zu sein. Wie Goldroger. Vor ein paar Jahren aus Fremdgenres wie Ska, Punk, Dancehall in den lukrativeren Musikstil gepoppt, macht er dort denkbar unlukrativen Rap für Leute mit Geschmack, aber ohne Hand im Schritt.

Gut, ein paar handelsübliche Gesten kann sich auch der Junge aus Köln, bürgerlich Sebastian, nicht verkneifen. Aber die dezent, fast trancig instrumentierten Stücke seiner halben zweiten Platte Diskman Antishok, deren zweiter Teil Anfang nächsten Jahres folgt, erinnern angenehm an die Popdandys Bilderbuch, während sein Flow viel von T der Bär hat, also einem Deutschrapper, der gar kein Deutschrapper sein will, sondern Songwriter ohne Gesang. “Ja ich weiß, doch / manche tätowieren sich ihren eigenen Namen, um zu beweisen / sie sind da, ja um sich zu zeigen, dass es sie einst einmal gab” – so uneitel ist Goldroger auch musikalisch.

Goldroger – Diskman Antishok (Irrsinn)

Hype der Woche

Robbie Williams

Ach Robbie, du alte Rampensau! Normalerweise kriegt man bei jedem Weihnachtsalbum im Regal berechnender Publikumsverarschung das kalte Kommerzkotzen – besonders, wenn Helene Fischer daran beteiligt ist. Doch nicht mal die schafft es mit ihrem lausig lasziven Duett Santa Baby, Williams’ The Christmas Present (Sony) in die Liste festlicher Selbstbereicherung zu bringen – dafür versprüht Robbies Weihnachtskompendium viel zu viel Esprit. Dabei besteht ungefähr die Hälfte der 27 Lieder aus Eigenkompositionen, mit denen schon ganz andere Kaliber als dieser gescheitert sind; wie die Klassiker von Let It Snow bis Winter Wonderland jedoch, sind auch viele der neuen Stücke irgendwie – nun ja: Robbie: dick aufgeblasen, aber leidenschaftlich und inspiriert. Ob es dafür Gaststars wie Jamie Cullum, Rod Stewart oder gar den Boxer Tyson Fury gebraucht hätte? Tja, geht halt auch um Geld. Davon abgesehen ist dieses Weihnachtsalbum echt mal hörenswert.


Thilo Mischke: Uncovered & ISIS-Fronten

Die Welt ist ein abgefuckter Ort

Thilo Mischke (Foto: Pro7) berichtet seit Jahren so kompetent und emotional, statt neunmalklug und gefühlsduselig aus Krisenherden in aller Welt, dass man glatt selbst seinen Auftraggeber vergessen könnte: ProSieben. Dort besuchte er nun zur besten Sendezeit Deutsche an der ISIS-Front (abrufbar in der Mediathek). Ein Gespräch über Gefahren, Unabhängigkeit, Abstumpfungseffekte und warum Kinderaugen nicht immer berechnend sind.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Thilo Mischke, im ProSieben Spezial Deutsche an der IS-Front sprechen Sie von der Angst, verletzt zu werden oder getötet. War dieses Gefühl eher abstrakt oder ganz konkret?

Thilo Mischke: Wir haben Uncovered mal gestartet, damit man diese Frage irgendwann nicht mehr stellen muss. Alles, was uns passiert, ist die Realität. Vor drei Monaten, als sich der türkische Einmarsch in Syrien bereits deutlich abgezeichnet hat, war also auch meine Todesangst dort nicht gespielt, sondern immanent.

Wie sind Sie damit als Reporter umgegangen, der sich regelmäßig in gefährliche Situationen begibt, diese hier aber nicht so kennt wie erfahrene Korrespondenten vor Ort?

Ich mache seit mindestens zehn Jahren Auslandsjournalismus, der mich für verschiedene Medien in unterschiedlich gefährliche Situationen führt. Von daher weiß ich, worauf ich mich einlasse und kann auf einiges an Erfahrung zurückgreifen. Ich habe mal einen Kurs über den Umgang mit Krisensituationen besucht; doch im IS-Gebiet war in der Vergangenheit die Lage so unübersichtlich, dass kaum noch Journalisten von dort berichten, und falls doch, die Berichte nicht immer verlässlich waren.

Was man an der Skepsis über Jürgen Todenhöfers Interview mit angeblichen IS-Kämpfern vor drei Jahren gesehen hat…

Da wollte ich bewusst keine Namen nennen. Aber wir waren beim Thema Angst…

Ist die für Sie eher Motor oder Hindernis Ihrer Arbeit?

Sie ist vor allem ein natürlicher Überlebensmechanismus, um Fehler zu vermeiden und die Aufmerksamkeit hochzuhalten. Kollegen, die schon lange an einem Ort sind, reden von einer gewissen Abgefucktheit. Das macht die Arbeit gefährlich, weil man denkt, einem kann schon nichts passieren. So wie Ärzte oft denken, sie sind unfehlbar, meinen ja auch Kriegsjournalisten schnell, sie seien unverwundbar. Von daher bin ich ganz froh, mir meine Angstfähigkeit erhalten zu haben. Krieg ist keine Extremsportart, und ich bin auch kein Adrenalin-Junkie.

Es gibt bei Ihnen keinerlei Gewöhnungs-, gar Abstumpfungseffekte?

Doch, aber in Abstufungen innerhalb der Abstumpfung. Als wir vor vier Jahren geplant hatten, in den Kongo zu fahren, meinte ich: Auf keinen Fall! Mittlerweile waren wir nicht nur dort, sondern auch in Kabul und nun Syrien. Ich würde das als Fähigkeit, Risiken einschätzen zu können, bezeichnen. Eine Form der Abstumpfung ist allerdings, dass ich früher schon vor dem Abflug dieses Pockern im Herzen hatte. Jetzt stellt sich das erst ein, wenn wir vor Ort Gefahrenstufe Gelb erreichen. Mittlerweile wirkt nicht mehr das ganze Land bedrohlich, sondern nur noch einzelne Gebiete oder Situationen.

Erfahrung gleich Abstumpfung…

… gleich emotionale Verrohung.

Gibt es im Rahmen dieser Verrohung Platz für so etwas wie die Lust am Thrill der Gefahr?

Eine gewisse Abenteuerlust lässt sich nicht bestreiten. Obwohl ich bestimmte Herausforderungen durchaus mag, auch um zu sehen, was ich mir zutrauen kann und will, sind sie aber nie die Motivation, hinzufahren. Und seit ich mit 13 Journalist werden wollte, gab es für mich auch nie thematische Grenzen. Deshalb berichte ich ebenso gern über Videospiele oder Wandern in der Sächsischen Schweiz wie Krisengebiete.

Nicht die kleinste Präferenz?

Ich kann ausschließen, was mich nicht interessiert.

Zum Beispiel?

Sport zum Beispiel. Oder tagesaktuellen, Politikjournalismus. Den kann ich einfach nicht. Natürlich interessiere ich mich für Politik, aber darüber berichten, das können andere besser. Und mir fehlt dafür auch die Geduld. Außerdem bin ich einfach gerne im Ausland.

Wo Sie allerdings als einreisender Reporter stets der Gefahr des embedded journalism ausgesetzt sind, also von den Gruppen vor Ort, mit denen sie unterwegs sind, instrumentalisiert zu werden…

Embedded journalism ist in der Tat kritisierungswürdig. Voriges Jahr in Mali mussten wir erleben, wie schwer es ist, objektiv zu berichten, wenn man Teil des Berichtsgegenstands wird. Das haben wir erst umgangen, als wir uns von der Bundeswehr getrennt haben und allein unterwegs waren. Die Perspektive des würde ich demnach nur wieder einnehmen, wenn mich die Bundeswehr in extrem gefährliche Regionen einlädt. Aber weil auch da ein Gefühl der Manipulation bliebe, versuchen wir uns so wenig wie möglich einbetten zu lassen.

Aber ist man nicht bereits eingebettet, wenn man sich wie in der ISIS-Reportage über mehrere Tage in die Strukturen der Widerstandskämpfer einbinden lässt?

Eingebettet ja, aber nicht abhängig. Wobei vollständige Unabhängigkeit generell eine der Unwahrheiten des Journalismus ist. Natürlich habe ich im Volontariat gelernt, wie wichtig Objektivität ist, und versuche sie auch so weit wie möglich zu erreichen. Aber wie soll man objektiv bleiben, wenn der Leiter eines Einsatzes, bei dem vielleicht Menschen sterben, deine Hand streichelt, um dich zu beruhigen? Das geht nicht – ist aber auch Teil des Konzepts von Uncovered.

Inwiefern?

Insofern wir nicht die Position des allwissenden Profis einnehmen, der alles weiß und meistert.

Sie bewahren sich also eine Naivität, die Korrespondenten womöglich nicht mehr haben?

Ja.

Und dringen sprichwörtlich wie in unbekannte Regionen vor wie ein weißes Blatt Papier, das vor Ort beschriftet wird?

Ich glaube, genauso arbeitet ein Großteil der Journalisten weltweit.

Aber ist ein langjähriger Korrespondent mit Netzwerk und Know-how am Ende nicht doch qualifizierter für Reportagen entlegener, auch gefährlicher Orte als Journalisten, die für einen Bericht auftauchen und danach wieder abdampfen?

Seltsame Frage, denn zum einen gehe ich vielleicht naiv, aber nie unvorbereitet dorthin. Zum anderen haben auch Korrespondenten, die irgendwie Relikte einer nicht vernetzten Welt sind, ihren Stützpunkt in irgendeiner Hauptstadt, poppen wie ich für fünf Tage in der Provinz auf, und kehren dann in die Safe Zone ihrer Gated Community zurück. Natürlich gibt Unterschiede – Sprachkenntnisse zum Beispiel oder ein tieferes Verständnis der regionalen Kultur. Aber sobald man ein gutes Team hat, spielt das fürs Publikum kaum eine Rolle.

Wie wichtig ist der Zuschnitt dieses Publikums für die journalistische Herangehensweise – berichten Sie in Uncovered mit zielgruppengerechten Methoden und Stilmitteln?

Ich glaube, Formate wie unsere könnten sehr gut auch in ARD oder ZDF laufen, aber deren Formate nicht umgekehrt bei ProSieben.

Ah, ja?

Dafür sind sie einfach zu konservativ. Man kann das gut am Auslandsjournal sehen, das wir ja alle lieben. Da wird zwar manchmal durchaus was Modernes ausprobiert, aber stets innerhalb der Regeln, die seit 4000 Jahren gelten. ProSieben hat keine Regeln – weder inhaltlich noch visuell. Wenn ein junger Stammzuschauer dann was sehr Sachliches im Weltspiegel sieht, fragt er sich womöglich: was fühlt der Journalist eigentlich?

Privatfernsehen heißt also mehr Emotionalität?

Das hat nichts mehr mit Privatfernsehen, sondern modernerem Journalismus zu tun.

Aber führt dieser modernere Journalismus nicht dazu, dass Deutsche an der ISIS-Front arg plakativ mit Kindern endet, die das Publikum mit dem Holzhammer ergreifen?

Ich würde eher sagen, dass der klassische Journalismus zu dieser zynischen Frage führt.

Es ist doch kein Zynismus, sondern Beobachtung, zu kritisieren, dass Kinder in den Medien zur Emotionalisierung verwendet werden, was hier darauf zuläuft, die letzten zehn Minuten als dramatische Zuspitzung ausschließlich mit denen zu füllen!

Gegenfrage: Hätten Sie die Kinder weggelassen?

Natürlich nicht, aber ich hätte sie eher als Teilaspekt der Terror- und Flüchtlingsmisere in Syrien eingestreut, als am Ende geballt zur Quintessend allen Leids zu inszenieren.

Dass Abdullah am Ende kommt, hat keinen psychologisierenden Effekt, und dahinter steckt auch kein emotionales Konzept. Aber aus der Erfahrung vieler Krisenreportagen, finde ich das Gefühl, mit den unschuldigsten Opfern rauszugehen, die stärkste Aussage. Dramaturgisch ist es absolut legitim, was besonders hängenbleiben soll, ans Ende zu packen; das ist weder ein Trick noch Realitätskitsch, sondern Wahrnehmung. Der Ernst dieses Kindes hat auch mich sprachlos gemacht.

Was hat dieser Einsatz sonst noch mit Ihnen gemacht – emotional, aber auch beruflich?

Ich bin in erster Linie besser informiert daraus hervorgegangen, weil er wie jede meiner Reportagen das eigene Schwarzweißdenken beeinflusst. Wie fast jeder Mensch, verlasse auch ich mich ja auf meine Schubladen. Obwohl ich dem Islamismus schon in verschiedenster Form begegnet bin, war der IS für mich zunächst ein Begriff. Wenn man dann die Menschen dahinter trifft, mit ihren Ängsten, Gefühlen und Lügen, werden Begriffe lebendig und IS-Mitglieder anders, als die Bild das möchte, von Schergen zu Personen. In Schubladen zu denken, ist immer einfacher, aber wer meine Arbeit vor und nach dieser Reportage durchsiebt, findet am Ende immer eines: Toleranz.

Was bedeutet die für Sie?

Menschen immer erstmal auf mich zukommen zu lassen, um mit ihnen zu sprechen – egal ob Opfer oder Täter, Taxifahrer oder Politiker.

Völlig unvoreingenommen?

Na ja, ich habe trotzdem meine Haltungen, und wenn mir ein nachweislicher Terrorist wie Martin Lemke gegenübersitzt, bin auch ich ihm gegenüber nicht unvoreingenommen. Einer Sympathisantin aber, die ich im Flüchtlingslager getroffen habe, ist tatsächlich das weiße Blatt, von dem wir gesprochen haben.

Kann die nächste Reportage emotional eigentlich noch härter für Sie werden als diese?

Was heißt härter? Ich weiß nicht, ob es eine posttraumatische Belastungsstörung war oder einfach Traurigkeit, aber als wir diesen Film vertont haben, bin ich in Tränen ausgebrochen. Die Welt ist ein abgefuckter Ort.

Das Interview ist vorab bei DWDL erschienen

Freiwald & ISIS-Front

Die Gebrauchtwoche

18. – 24. November

Fernsehen, das sind zunächst mal Bilder und dann erst Töne, Sound und Stimmen. Wenn von letzteren eine für immer verstummt, könnte das also kaum der Rede wert sein. Das ist es aber nicht – sofern sie jemandem wie Walter Freiwald gehört. Sein ulkiges Organ aus dem Hintergrund belanglos ulkiger RTL-Shows hat die Hochphase des Privatfernsehens schließlich so geprägt wie Tutti Frutti, heiße Stühle oder Softpornos zur Nacht. Schon lange allerdings, bevor er in der vorigen Woche nach kurzer, schwerer Krankheit gestorben ist, hatten die anfangs so umwälzenden Kommerzkanäle viel ihrer Innovationskraft verloren.

Heute gibt es zwar kreative Ausreißer; die aber finden vornehmlich bei kleineren Ablegern wie Vox oder Pro7 statt, während von Sat1 und RTL kaum noch neuer Inhalt zu hören, geschweige denn sehen ist. Wo deren Kernkompetenzen jetzt liegen, hat die Verleihung der Eyes & Ears Awards vor acht Tagen gezeigt. Insgesamt 44 dieser Preise haben allein die drei Sender mit RTL davor abgeräumt, davon 21. erste Plätze. Die Prämierten vom Bachelor über Love Island bis Krasse Schule zeigen aber schon, dass sie eher keine ganz so hellen Ruhmesblätter sind – bei E&A geht es schließlich vor allem um „Design, Promotion, Marketing“, also die Fähigkeit, mit visuellen Reizen viel Geld zu machen.

Diese Konkurrenz haben ARZDF also womöglich weniger im Blick als die der inhaltlich starken Streamingportale, wenn sie wie angekündigt nun ihre Mediatheken besser verlinken – wenngleich zunächst mal nur im Browser, nicht auf den Apps. Und auch nur für ausgewählte Sendungen wie Weltspiegel oder heute-show. Ob das auch fürs Neo Magazin Royale gilt, wird sich erst noch zeigen. Wer allerdings Jan Böhmermanns halbstündige Abrechnung mit dem Entnazifizierungsversuch der völkermörderischen Hohenzollern-Kaiser gesehen hat, weiß spätestens jetzt, dass er längst zu den politisch wichtigsten Moderatoren Deutschlands gehört.

Die Frischwoche

25. November – 1. Dezember

Interessanterweise gilt das auch für einen, den man in dieser Reihe weniger erwarten würde: Thilo Mischke. Seit ein paar Jahren reist der risikofreudige Journalist für seine Presenter-Reportagen Uncovered in Krisengebiete rund um den Globus. Und dafür räumt Pro7 Dienstag nun sogar die Primetime frei, wenn Mischke Deutsche an der ISIS-Front in Syrien und Irak aufspürt. Das ist natürlich oft aufdringlich pseudonaiv, nähert sich dem Konfliktherd aber mit einer spürbar glaubhaften Empathie und ist damit echt gutes Infotainment. Dass dies auch für Arte gilt, bedarf zwar keiner weiteren Erwähnung; aber die ungeheuer aufrüttelnde Langdoku Wie krank ist Homo-Heilung über den Irrsinn heteronormativer Machtausübung muss hier trotzdem extra hervorgehoben werden.

Abgesehen von Staffel 2 der Provinzpolitikposse Hindafing, die Dienstag (20.15 Uhr) von Arte zum BR wechselt, oder der exzellenten Sky-Serie Der Pass, in der Julia Jentsch und Nicholas Ofczarek Sonntag ab 10 Uhr in der Mediathek und um 22.15 Uhr im ZDF einen Ritualmörder durchs Gebirge jagen, spielt die fiktionale Musik bei Portalen statt Sendern. Etwa mit dem Familiendrama Zeit der Geheimnisse, in dem Christiane Paul und Corinna Harfouch drei Filme lang die Weihnachtszeit zum Selbsterfahrungstrip machen. An selber Stelle läuft ab Mittwoch nach oscartauglicher Kinokurzauswertung Martin Scorseses Mafia-Meisterwerk The Irishman mit de Niro, Pacino, Joe Pesci als, nun ja, de Niro, Pacino, Joe Pesci.

Tags drauf startet auf der Pro7-Plattform joyn der achtteilige Liebesthriller The Pier von Haus des GeldesShowrunner Álex Pina, was beim Amazon-Kanal Starzplay am Freitag mit zehn Folgen der Zukunftsdystopie The Feed beantwortet wird. Und heute bereits startet die düstere Fantasyserie His Dark Materials auf Sky. Wenn das ZDF dieser Serienflut ab Sonntag das plätschernde Remake der Trapp-Familie entgegensetzt, ist also eigentlich schon alles gesagt über anstehende Programm – bis auf die Wiederholungen der Woche.

Für die sorgt auch mal Amazon Prime mit allen 80 Episoden des bellizistischen Achtzigerjahre-Klassikers Airwolf. Außerdem natürlich Arte, das heute um 20.15 Uhr Fred Zinnemanns legendären Schwarzweißwestern High Noon von 1952 mit Gary Cooper als Einzelkämpfer wiederholt. Viel jünger, aber nicht viel weniger gut: das zeitgenössische Soziogramm Du bist dran (Freitag, 21.45 Uhr, One) in dem Mann (Lars Eidinger) wie Frau (Ursina Lardi) 2013 an moderner Rollenverteilung scheiterten. Und heute um 21.45 Uhr kann man sich Uwe Jansons Tatort aus der Pharmabranche Schleichendes Gift mit dem Hauptstadtteam Ritter/Stark von 2007 nochmals im RBB ansehen.


Christian Schwochow: Bad Banks & The Crown

Es war wie im Paradies

Der Deutsche Christian Schwochow durfte an einer britischen Netflix-Serie mitarbeiten, die schon vor ihrer 3. Staffel legendär war: The Crown. Ein Interview mit dem Regisseur von Serien wie Bad Banks über gemachte Nester, kreative Freiräume, lebendige Filmfiguren und was das Biopic der Queen mit dem Brexit zu tun hat.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Schwochow, wenn ein Regisseur die neue Staffel einer erfolgreichen Serie wie The Crown mitgestalten darf – legt er sich ins gemachte Nest oder baut ein ganz neues?

Christian Schwochow: Durch den Erfolg der ersten zwei Staffeln von The Crown war das Nest von Peter Morgan, einem der besten Drehbuchautoren der Welt, und seinem sehr eingespielten Team natürlich schon mehr oder weniger fertig gemacht.

Aber?

Der Qualitätsanspruch ist sehr hoch. Es geht bei jedem Arbeitsschritt um Perfektion. Und die erzielt man nicht, indem man sich auf Erfolgen ausruht, sondern durch unablässige Weiterentwicklung. Peter Morgan sucht nie Erfüllungsgehilfen, sondern Partner.

Innerhalb des historischen und dramaturgischen Korsetts gab es also kreative Freiräume?

Viele sogar. Nachdem wir intensiv über meine Folgen, das Casting, die Schauspieler geredet hatten, konnte ich auch mithilfe des Kameramanns, den ich selbst mitgebracht hatte, die Ästhetik erweitern. Uns war zwar klar, dass wir die Grammatik von The Crown bedienen, aber trotzdem gab es viel Raum für meine Art zu erzählen. Es wäre mir gar nicht in den Sinn gekommen, die Bildsprache und Inszenierungsweise in Frage zu stellen.

Warum nicht?

Weil wir dann womöglich genau das verändert hätten, was ich an der Serie so liebe. Insofern war die Erfüllung bestimmter Gesetze auch keine Bürde für mich.

Aber welche genau hat man sich denn vom deutschen Regisseur erhofft, der eine urbritische Institution darstellt?

Einen anderen Blick auf eine Monarchie vielleicht, die ihre Königin mit Privilegien überhäuft und gleichsam in einem Käfig gefangen hält. Für solche Freiheitsverluste bringe ich als Ostdeutscher, der in einer Diktatur groß geworden ist, womöglich eine besondere Sensibilität mit. Zum einen waren die Macher oft verblüfft über meine Sicht der Dinge, zum anderen haben sie ihre eigene auch dadurch erweitert, dass ich ständig Verständnisfragen zu Land und Leuten hatte. Das erweitert für alle den Horizont.

Man muss das Leben in einer Monarchie also gar nicht mit der Muttermilch aufgesogen haben, um glaubhaft davon zu erzählen?

Nein, aber das gilt ganz grundsätzlich. Wenn man als Regisseur autobiografische Bezüge zur jeweiligen Arbeit bräuchte, könnte ich über viele Themen ja keine Filme machen. Vor „Bad Banks“ hatte ich schließlich auch nie irgendwas mit der Finanzbranche zu tun. Weil ich mich mit Haut und Haar hineingeworfen habe, ist aber trotzdem was dabei rausgekommen. Und das gilt hoffentlich auch für The Crown.

Umso mehr, als die Arbeitsbedingungen in England gewiss besser sind als hierzulande…

Sensationell sogar! Ich bin schon vier Monate vor Drehbeginn nach London gezogen, habe viel gelesen, Zeitzeugen getroffen, Experten befragt, fast schon journalistisch gearbeitet. Vor allem aber gab es eine Rechercheabteilung mit Topleuten, die alles wissen und falls nicht, alles herausfinden. Es war wie im Paradies.

Haben diese paradiesischen Zustände vor allem mit Geld zu tun, von dem pro Folge ja mehr investiert wurde als bei jeder Netflix-Serie zuvor?

Auch, klar. Schließlich wissen Netflix und Sony genau, dass man eine Serie im Buckingham Palace nicht mit gewöhnlichen Budgets erzählen kann. In England merkt man aber auch Projekten, die am Ende weit günstiger sind als The Crown, oft an, wie viel Personal, Zeit und Mittel bereits in die Drehbuchentwicklung gesteckt werden. Dieser Qualitätswahnsinn steht anders als bei uns über allem. Toll!

Aber nehmen Sie diesen Wahnsinn jetzt nicht mit in die nächste deutsche Produktion und machen ihr das Leben schwer?

Ich könnte mir schon vorstellen, bestimmte Qualitätskriterien an Personal und Material fortan deutlicher zu machen als zuvor. Aber meine Ansprüche waren diesbezüglich auch in Deutschland stets hoch, sie finden durch die Arbeit an The Crown nur noch mehr Bestätigung. Auch wenn man hier nie ein solches Budget zusammenkriegt, könnte es also härter werden mit mir.

Mit so einem Referenzprojekt im Gepäck dürfte ihre Verhandlungsposition aber auch deutlich gestärkt sein.

Schon. Aber weil ich bereits durch die tolle Erfahrung mit Bad Banks ein inhaltliches Level erreicht habe, unter dem ich nicht mehr arbeiten kann und will, wird es trotz der besseren Verhandlungsposition nicht leichter, Projekte zu finden, die auch nur annähernd so vielschichtig und so gut entwickelt sind wie The Crown.

Das dabei eher an House of Cards als klassische Königshausserien erinnert. Geht es in der parlamentarischen Monarchie wirklich so intrigant zu?

Aus den Sechzigerjahren, die wir in dieser Staffel erzählen, leben jedenfalls noch genug Zeitzeugen, die das bestätigen. Natürlich sind, gerade was die Privatsphäre der Queen betrifft, oft Lücken mit Interpretation zu füllen. Aber wenn Sie die britische Politik von heute betrachten, wirkt The Crown doch fast harmlos. Das Ausmaß boshafter Schlammschlachten ist damals wie heute also sehr realistisch.

Ist die Analogie zur Verrohung des Königreichs im Zuge des Brexit demnach gewollt?

Kalkül steckte zwar nicht dahinter, aber seit ich im Juli vier Monate nach dem Zuschlag für zwei Folgen nach London gekommen bin, machte jede Nachricht vom Brexit deutlicher, wie Geschichte sich doch wiederholt. Und als wir bemerkten, wie viel die Verschwörung um Lord Mountbatten, von der ich zuvor noch nie was gehört hatte, mit uns und unserer heutigen Zeit zu tun hat, haben wir natürlich nach Analogien von Vergangenheit und Gegenwart gesucht.

Eine der vornehmsten Aufgaben historischer Fiktion.

Genau. Auch um uns und dem Publikum zu ermöglichen, Schlüsse für die Zukunft zu ziehen.

Verändert es die Arbeit, wenn historische Fiktion von lebendigen Personen handelt?

Es macht definitiv demütiger. Vor allem, was die Genauigkeit betrifft. Bei uns im Team arbeitet deshalb Major David, der 35 Jahre im Buckingham Palace für die Queen tätig war und fast alle Menschen in ihrem Umfeld kennengelernt hat. Durch ihn und andere Berater können wir sehr an der Realität erzählen. Olivia Colman standen wie allen anderen ein Movement- und Vocal-Coach zur Seite, mit dem sie bis ins Detail Gesten, Mimik, Sprache der Queen studiert hat. Obwohl viel Hollywood in The Crown steckt, fühlt es sich daher sehr wahrhaftig an.

Aber kann Akribie nicht zu einer Verbissenheit führen, die der Erzählung schadet?

Im Gegenteil: je besser die Vorbereitung ist, desto freier kannst du erzählen. Und das gilt sogar für all jene Episoden und Begebenheiten, von denen selbst in England kaum jemand weiß – geschweige denn ich als Deutscher.

Ist es aus ihrer Sicht vorstellbar, dass jemand aus England umgekehrt ein Biopic über Nationalheiligtümer wie, sagen wir: Helmut Schmidt oder Thomas Gottschalk dreht?

(lacht) Also davon abgesehen, dass sich in England vermutlich keiner für Thomas Gottschalk interessiert, ist dieser Perspektivwechsel nicht nur denkbar, sondern überaus wünschenswert.

Welche Figur der Zeitgeschichte würde Sie persönlich denn interessieren?

Weil ich gerade zweimal historisch gearbeitet habe, würde mich zunächst mal eine frei erfunden der Gegenwart interessieren.

Schreiben Sie sich die im Zweifel selber oder warten lieber auf Angebote?

Witzigerweise entwickle ich da tatsächlich gerade selber etwas mit den Produzenten von The Crown.

Sagen aber vermutlich nicht, worum genau es sich dabei handelt.

Genau, sorry.


Doppelpässe & Rampensäue

Die Gebrauchtwoche

11. – 17. November

Wenn sich die Mächtigen vom Penthaus unter den Wolken ins soziale Tiefgeschoss begeben, empfindet der Pöbel das oft als Anteilnahme oder schlimmer noch: Ehrerbietung. Man konnte das gut am – na ja, relativ reichen, verglichen mit Bayern München aber bitterarmen Thomas Helmer sehen, als Uli Hoeneß beim Doppelpass auf Sport1 anrief, um mehr Respekt für den FCB einzufordern. Während seine Majestät Uli I. am Telefon teils namentlich die Talkrunde des Moderators beschimpfte, reagierte Helmer mit einer Zahnlosigkeit, die andere Speichelleckerei zum revolutionären Akt macht. Der Kotau gipfelte darin dass Hoeneß eine Einladung zur nächsten Sendung mit den Worten quittierte, das käme drauf an, „welche Qualität sonst noch eingeladen wird“, worauf der Ex-Bayer buckelte: „Wir sind bemüht und lernfähig.“

Obwohl er damit vor laufender Kamera seine eigenen Gäste beleidigte, ist von Eigenkritik des Senders nichts überliefert. Schöne neue feudale Welt des Sportjournalismus, in der es statt Gesprächs- nur noch Geschäftspartner gibt… Ob sich das ändert, wenn der Haushaltsausschuss des Bundestags ab 2020 die Zustellung von Tageszeitungen mit bis zu 40 Millionen Euro subventioniert, bleibt da ebenso abzuwarten wie die Folgen von Holger Friedrichs Stasi-Vergangenheit auf Inhalte der Berliner Zeitung, die der verlegerische Quereinsteiger kürzlich erworben hat. Tatsache aber ist, dass Medien, insbesondere am Bildschirm und nicht nur im Fußball, ein Problem mit Alphatieren haben.

Beispiel Pro7. Das Travestie-Casting Queen of Drags geht dort zwar weit verantwortungsvoller mit Diversität um als befürchtet, nicht aber Jurychefin Heidi Klum, der es auch in dieser Show um eins allein geht: ihren Kontostand.  Das teilt sie allerdings mit den ganz großen Unterhaltungs- und Techkonzernen, die nun auch im Streaming mitmischen. Wobei die erste AppleTV-Serie For All Mankind um sexy Astronautinnen im Space Race mit Russland fast noch flacher ist als die Schmonzette The Morning Show mit Jennifer Aniston und Reese Witherspoon an gleicher Stelle. Zumindest qualitativ dürfte das Platzhirschen wie Netflix also kein Kopfzerbrechen bereiten.

Die Frischwoche

18. – 24. November

Im Gegensatz dazu, was Vox abermals mit vergleichsweise wenig Geld, aber viel Chuzpe zustande bringt. Ab Mittwoch spielt Jasna Fritzi Bauer für die Kreativschmiede von RTL eine verkrachte Schauspielerin von 30 Jahren, die dank ihrer kindlichen Optik als Undercover-Cop in einer Schule eingesetzt wird. Rampensau ist von der ersten Minute an so hingebungsvoll inszeniert, gefilmt, vor allem aber gespielt, dass man von der vielschichtigen Geschichte um Männermacht und Frauenrevolte kaum genug kriegen kann.

Das Gegenteil gilt für die Agenten-Serie West of Liberty, in der Wotan Wilke Möhring ab Sonntag im ZDF sechs Folgen lang als verkrachter DDR-Spion ein Nachwendeleben als bester Gast seiner billigen Kneipe mit der Jagd nach einen Whistleblower (Lars Eidinger) auffrischt. Das ist auch dank der beiden Hauptdarsteller noch nicht mal schlecht gemacht, aber so konventionell, dass es vom Bildschirm staubt. Nichts anderes hätte man auch von der ARD-Reihe Bonusfamilie erwartet. Doch das Frauenteam um Regisseurin Jana Filip inszeniert ab Mittwoch nach schwedischem Vorbild eine Patchworksituation, die zwar sehr seifig beginnt, ein wenig klischeehaft bleibt, aber mit zunehmender Dauer Eigensinn und Würde der Figuren wahrt.

Wenn die ARD von beidem auch im Entertainment Restbestände hätte, würde sie sich die Übertragung des Bambi am Donnerstag sparen. So aber schenkt sie dem Regenbogenverlag Burda abermals drei Stunden Werbung in der werbefreien Zeit. Vielleicht sollten sich die Verantwortlichen Hermann Vaskes Doku Why we are creative ansehen, wo 3sat heute um 22.25 Uhr dem Antrieb künstlerischer Gestaltungskraft nachspürt. Ebenfalls sachlich sehenswert: Kleine Germanen, womit Arte tags drauf um 20.15 Uhr Kinder in der rechtsextremen Szene beobachtet, denen ein spezielles Comeback gewiss besser täte als Nazi-Propaganda: 28 Jahre nach der letzten Originalfolge und weitere 32 nach der ersten des Sandmännchens kehrt die DDR-Legende Pittiplatsch am Donnerstag in die Vorschulsendung zurück.

Ähnlich lang her ist die erste Wiederholung der Woche, wobei Joseph Vilsmaiers Versuch, die Schlacht um Stalingrad 1993 schonungslos nachzustellen, in einer dubiosen Wehrmachtsexkulpation endet, die man sich Dienstag (20.15 Uhr) irritiert auf Nitro ansehen kann. Noch älter ist die schwarzweiße Wiederholung Der Vagabund und das Kind, Charlie Chaplins erster Langfilm von 1921 (Mittwoch, 21.40 Uhr, Arte. Und der Tatort Ausgelöscht blendet Dienstag (20.15 Uhr, BR) ins Jahr 2011 zurück, als Bibi Fellner (Adele Neuhauser) noch die neue Assistentin von Kommissar Eisner (Harald Krassnitzer) war.


Jo Goes Hunting, TOY

Jo Goes Hunting

Der Begriff des Showrunners ist vom Fernsehen noch nicht so richtig ins Musikgewerbe vorgedrungen – und das, obwohl in Zeiten sinkender Tonträgerabsätze immer mehr Herstellungsarbeit an den Kreativen hängenbleibt. Jimmi Jo Hueting ist so ein Allesverantwortlicher seines vogelwilden Indiepop-Projektes Jo Goes Hunting. Als Sänger sorgt der Holländer aus Rotterdam für Texte, als Strippenzieher für die Produktion, als Schlagzeuger zudem fürs Taktgefühl. Und weil Drummer sowieso oft leicht einen an der Klatsche haben, klingt das Ergebnis entsprechend.

Nach dem Debütalbum 2018 ist der Nachfolger nämlich nicht nur deutlich digitaler als Come, Future, er dekonstruiert Strukturen, Melodik, Harmonielehre auch nochmals hemmungsloser als damals. Front Row ist dabei allerdings ein eklektisches Durcheinander von tieferem Sinn, dass vieles vom Aberwitz im Kreisel wirrer Klangeskapaden zentrifugiert, bis daraus eine Art Krautrockelectronica mit Ethnosynthifunk-Elementen wird. Viel besser beschreiben lässt sich dieses Chaos nur mit sprachlicher Knotenmacherei, aber hören – so viel ist sicher – sollte man es besser nicht nüchtern, dann aber dauernd.

Jo Goes Hunting – Front Row (Backseat)

TOY

Wer wen in der Kunst mal zu was inspiriert hat und warum genau, ist vielfach bloß nachjustierte Post-PR, mit der im besseren Fall Images erzeugt werden, im schlechteren marketingbewusstes Gewäsch. Wenn aber die britische Postpunk-Band TOY behauptet, von Amanda Lear beeinflusst zu sein, ist man nach kurzer Verwirrung, wer zur Hölle das denn sei, ernsthaft angetan von der Idee, dass die LGBTQ-Ikone der discolibertären Siebziger fünf missgelaunte Shoegazer aus Brighton tatsächlich zu irgendwas angeregt haben könnte. Wenn man nämlich das Cover ihres/seines Smashhits Follow Me auf dem fünften TOY-Album hört, wächst zusammen, was zusammen gehört.

Auf Songs of Consumption kompiliert die Band um Sänger und Gitarrist Tom Dougall ja acht Stücke, die angeblich wegweisend für sie sind und waren. Darunter neben Amandas Emanzipationshymne auch ziemlich unterschiedliches Zeug wie Down on the Street von den Stooges oder Serge Gainsbourgs Lemon Incest. Die Interpretationen sind dabei oft erstaunlich werkgetreu. Aber wenn dabei durch Cousin Jane von den Troggs ein verhuschtes Spinett flattert oder Soft Cells Fun City mit tropfenden Bass-Samples unterlegt wird, erweisen TOY ihren Vorbildern auf verspielte Art Reminiszenz. Und wer da wen oder was konsumiert, bleibt so dunkel wie die Blicke der Band.

TOY – Songs of Consumption (Tough Love Records)

 


Jasna Fritzi Bauer: Angry Young Rampensau

Langsam mal ausgesechzehnt

Seit sie in Barbara oder Ein Tick anders ständig auf 180 sein muss, ist die Burgschauspielerin Jasna Fritzi Bauer (Foto: Stefan Erhardt) Deutschlands Angry Young Woman vom Dienst. Ein Gespräch über männliche Machtstrukturen, das Teeny-Image der 30-Jährigen und was sie sonst noch mit der gleichaltrigen Shiri gemeinsam hat, die sich als Polizeispitzel in der Vox-Serie Rampensau (ab 20. November, 20.15 Uhr) ständig mit allen anlegt.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Jasna Fritzi Bauer, wie oft haben Sie beim Drehen von Rampensau den Satz „ich bin 30!“ gebrüllt?

Jasna Fritzi Bauer: Keine Ahnung (lacht). Haben Sie mitgezählt?

Das nicht, aber es müssen geschätzt allein im ersten Teil zehnmal gewesen sein.

Witzig. Das ist mir wahrscheinlich deshalb nicht aufgefallen, weil ich es auch im Alltag ständig sage. Inzwischen hat es sich zwar etwas gelegt, aber früher musste ich echt dauernd klarmachen, älter zu sein als ich aussehe. Als ich in der Drehpause Zigaretten kaufen wollte, hatte ich meinen Ausweis vergessen und die Verkäuferin sofort so geguckt, wie die Leute halt gucken, wenn sie mich nicht kennen.

Und?

Ich meinte, wenn ich lügen würde, würde ich doch 19 sagen, nicht 30. Hat geklappt… Aber es nervt, für so jung gehalten zu werden, dass ich nicht mal problemlos Kippen kriege.

Wobei Ihre Branche generell eher Frauen wegen ihres zu hohen als zu jungen Alters diskriminiert oder?

Ja, es ist definitiv schwerer für zu alt gehalten zu werden. Trotzdem ist der Mangel an Vorstellungskraft, mich auch mal über 20 zu besetzen, irritierend.

Kriegt die Maske Ältere denn leichter jung oder Jüngere leicht alt?

Ach, das geht beides. Aber es wird langsam mal Zeit, dass es überhaupt mal jemand bei mir versucht. Zum einen, weil ich gar nicht mehr so jung aussehe, zum anderen, weil es genug talentierte Kolleginnen und Kollegen in dem Alter gibt. Außerdem fällt mir mit der Erfahrung eines halben Extralebens zunehmend schwer, mich in Teenager reinzuversetzen. Ehrlich – es hat sich langsam mal ausgesechzehnt!

Wenn Ihnen was spürbar auf die Nerven geht, kriegen Sie fast die gleiche zornige Stirnfalte wie Shiri in der Serie, wenn sie mal wieder auf 180 ist…

(lacht) Ach, die krieg ich auch beim Nachdenken oder wenn die Sonne scheint. Aber stimmt schon – so sehe ich auch in echt aus, wenn ich sauer bin. Meine Oma versucht mir die dann immer so weg zu massieren, wenn sie mich sieht.

Kommt Shiris permanente Wut daher mehr aus Ihnen als dem Schauspiel?

Aus beidem. Schließlich steckt in jedem von uns steckt reichlich Wut oder wie es die Autorin und Hauptdarstellerin der Israelischen Serienvorlage Bat Hen Sabag ausdrückt: ein verwundetes Tier. Aber weil wir beide nicht immer von allen für voll genommen werden, kann ich mich mit Shiris Wut vielleicht besser identifizieren als andere. Trotzdem war es Spiel – was sich schon darin gezeigt hat, wie fertig mich die Rolle den ganzen Sommer über gemacht hat.

Hat Ihr Image als Angry Young Woman eigentlich auch damit zu tun, dass Sie von Ein Tick anders über Elise bis Scherbenpark gleich zu Beginn der Filmkarriere ständig welche gespielt haben?

Bestimmt sogar. Ich dachte ja, mit Axolotl Overkill würde ich mich endgültig davon verabschieden, aber für diese Vorstellungskraft sind die Schubladen in Deutschland doch zu tief.

Andererseits hört man von vielen Ihrer Kollegen mittlerweile, dass Schubladen auch für lukrative Alleinstellungsmerkmale sorgen.

Klar, das kann einträglich sein, aber in meinem Fall auch stinklangweilig, zum 37. Mal die Rotzgöre zu spielen.

Na ja, wie…

… in dieser Serie, ich weiß. Aber die verhandelt das finde ich schon auf sehr besondere, eigenständige, interessante Art und Weise.

Und handelt am Ende eher von männerdominierten Machtstrukturen als Altersfragen.

Absolut, und ziemlich realistischen, finde ich. Am wichtigsten ist mir persönlich aber, dass es insofern vom Einheitsbrei abweicht, als wir Diversität zum Thema machen. Etwa bei Lorna Ishema, die eine dunkelhäutige Polizistin mit dem völlig dunkelhäutigen Namen Anja Rudnik spielen darf, deren ebenfalls farbiger Ex wie sie nur in den Ferien mal in Afrika gewesen sei.

Oder Shiris WG, in der absolut niemand dem heteronormativen Mainstream entspricht.

Solche Figuren bildet das deutsche Fernsehen ansonsten überhaupt nicht ab, im Gegenteil. Bei mir dagegen entspricht es voll und ganz meiner Lebensrealität, mich mit der gesamten Bandbreite menschlicher Unterschiede zu umgeben. Da stecke ich zwar definitiv in meiner Berliner Blase, aber mir wäre es lieb, wenn sie irgendwann mal die Blase des Landes ist, in dem ich lebe.

Ist die Thematisierung von Themen wie Diversität oder Sexismus nur Nebeneffekt Ihrer Filme oder ausschlaggebend, um darin mitzuspielen?

Unbedingt ersteres, ich wähle meine Rollen nach dem Drehbuch aus, nicht nach der Botschaft darin. Trotzdem finde ich es toll, wenn diese Drehbücher meiner Lebensrealität entsprechen – damit sich was ändert und das Unnormale in Deutschland endlich mal normal wird.

Würden Sie ein gutes Drehbuch auch dann annehmen, wenn darin zum Beispiel ein total antiquiertes Frauenbild transportiert wird?

Abgesehen davon, dass es dann vermutlich kein gutes Drehbuch ist, schon. Hängt immer vom Kontext ab, gerade in Komödien. Andererseits habe ich auch schon Castings abgesagt, weil mir das Grundthema der Sachen zu 1950 waren.

Haben Sie selbst schon Castings erlebt wie in Rampensau, wo Ihnen Sophie Rois als Theaterregisseurin aus 30 Metern Entfernung die Leviten liest oder ein Filmregisseur aus nächster Nähe zwingt, sich selbst zu erniedrigen?

Obwohl ich fürs Theater weit seltener bei Castings war als beim Film, kommt zumindest das, was Shiri am Theater passiert, der Realität schon sehr nahe.

Auch dieses totale Ausgeliefertsein, bei dem die Schauspielerin zum reinen Objekt der Regisseurin als handelndes Subjekt wird?

Klar. Im hierarchischen Regierungssystem Schauspiel bin ich immer das Objekt.

Und das ändert sich auch nicht, wenn man wie Sie gleich zu Beginn Preise gewinnt, mit Christian Petzold dreht und danach weiter Erfolg hat?

Natürlich ist meine Macht, besser: mein Einfluss größer als zu Beginn. Aber ich bin echt gerne Teil eines Ensembles, das nennt man vermutlich Teamplayer. Am Set ist mir wichtig, dass es allen gleichermaßen gut geht. Da geht es nicht um mich.

Lassen Sie Neulinge umgekehrt manchmal spüren, selbst schon etabliert zu sein?

Das müssten andere beurteilen, aber ich kann es mir nur schwer vorstellen, weil ich so eigentlich nicht ticke. Einfluss versuche ich nur dann zu nehmen, wenn ich damit was Positives bewirken kann. Diese Männermachtspiele sind mir persönlich echt zu doof.

Glauben Sie, dass die jemals beendet sind?

Nein.

Nie?

Auch wenn man stets jeden Einzelfall betrachten muss und die Wachsamkeit dank #MeToo sicher gewachsen ist, werden sich die Verhältnisse auch in ferner Zukunft keinen Millimeter bewegen.

So misanthropisch?

So realistisch. Es darf und muss aus meiner Sicht sogar Hierarchien geben, aber dummerweise werden sie wohl auch weiterhin überwiegend von Alphatieren an der Spitze gelenkt, die meist männlich sind. Wobei Frauen in solchen Machtpositionen schlimmer sein können als Männer. Wir brauchen da gesellschaftliche Veränderung, sonst gibt es keine im Schauspiel.

Sie mussten im Rahmen dieser Machtverhältnisse aber noch keine Erniedrigung ertragen wie Shiri im Film-Casting, wo sie Brotkrümel vom Boden auflecken soll?

Glücklicherweise nicht, aber wenn doch, würde ich wohl reagieren wie Shiri.

Und ihm in die Eier treten?!

Hoffentlich.

Das Interview ist vorab bei DWDL erschienen