Influencer & Drag Queens

Die Gebrauchtwoche

5. – 11. November

Ob Youtube, Vimeo, Twitch inhaltlich irgendwann konkurrenzfähiges Fernsehprogramm im Kleinformat bieten oder doch nur vorwiegend belanglosen Zeitvertreib von und für junge Menschen mit verkürzter Aufmerksamkeitsspanne, lässt sich wohl erst in ein paar Jahren, wenn nicht Jahrzehnten abschätzen. Tatsache aber scheint es, dass mittlerweile selbst ein seriöses Wirtschaftsportal wie Kurzgesagt – In a Nutshell zehn Millionen Youtube-Abonnenten zählt. Und obwohl nur jede*r zehnte den reichweitenstärksten Online-Kanal aus Deutschland auch in Deutschland anklickt, ist das eine überaus heikle Situation für lineare Konkurrenten.

Die von ProSiebenSat1 konnten den Umsatz zwar grad neuerlich steigern – im abgelaufenen Quartal um vier Prozent auf 926 Millionen Euro. Mehr als die Hälfte davon erwirtschaftet der Medienkonzern allerdings jenseits vom Fernsehen. Während die Erlöse mit TV-Reklame zugleich um weitere sechs Prozent gesunken sind, wuchs die Streamingplattform Joyn auf knapp fünf Millionen installierter Apps. Und wenn Netflix dem Shoppingkanal mit gelegentlicher Kinderprogrammunterbrechung (SuperRTL) parallel die Programmleiterin (Janine Weigold) abwirbt, zeigt sich, wie redundant traditionelle Medien langsam werden – zumindest aus dramaturgischer Sicht.

Arbeitsrechtlich dagegen herrscht dort verglichen mit Tech-Konzernen weiterhin das Paradies. Wie die Influencer-Gewerkschaft (ja, das gibt’s wirklich!) Youtuber Union in Kooperation mit der staubig alten IG Metall herausgefunden hat, fördert das weltgrößte Videoportal vor allem verlinktes Fernsehen wie Tonight-Shows, die verlässlich höhere P-Scores erzielen (mit denen die Werbewirksamkeit eingestellter Inhalte bewertet wird) als genuiner Content. Statt Talente zu fördern, setzt Youtube also auf Altbewährtes – und schlug zudem ein Gesprächsangebot mit Betroffenen über miese Arbeitsbedingungen aus. Schöne neue Welt.

Die Frischwoche

11. – 17. November

Aus der seit gestern Stephen Spielberg berichtet. Im Dokusechsteiler Warum wir hassen reist der Superregisseur als Superproduzent durch die weite Welt extremistischer Unerbittlichkeit. Und wer das nicht jeden Abend um 20.15 Uhr auf ZDFinfo sehen will, kriegt Dienstag zur gleichen Zeit im Zweiten ein 45-minütiges Konzentrat. Um Gewalt anderer Art geht es Mittwoch in der Michael Schumacher-Story mit anschließenden Top Ten der angeblich größten Momente mit dem Rennfahrer. Dass RTL 25 Jahre nach Schumis erstem Sieg auch nur einem Moment auf dessen Beitrag zu Klimawandel, Raserei oder Steuerflucht verwendet, darf allerdings ähnlich bezweifelt werden wie ein respektvoller Umgang von Heidi Klum mit ihrer neuen Castingzucht.

Tags drauf nämlich sucht Deutschlands zugkräftigste Antifeministin sechs Donnerstage lang die Queen of Drags. Angesichts der Menschenverachtung in Heidis Zirkus Maximus erschüttert die plumpe Kopie des US-Originals Ru Pauls Drag Race auf ProSieben im Vorfeld sogar große Teile der LGBTQ-Szene, die nicht zu Unrecht entwürdigende Zurschaustellung psychisch biegsamer Travestie-Künstler*innen erwarten. Dabei kann Fernsehen so schön sein. Etwa, wenn der WDR Dienstag um 23.40 Uhr Julia Kellers tolle Milieu-Studie der PR-Branche Jetzt. Nicht mit Godehard Giese als PR-Manager zeigt, der bis in die Tiefschlafphase alles dem Job unterordnet – bis ihn die plötzliche Kündigung aus der Bahn wirft.

Oder 20 Minuten später beim NDR: Die Verwandlung, Michael Harders Porträt von 20 mehr oder weniger bekannten Schauspielern wie Jörg Schüttauf, Ulrike Krumbiegel, Alexander Jovanovic und Franziska Petri. Vorm intimen Blick der Kamera gewähren sie allesamt tiefe Einblick ins Seelenleben unterschiedlichster Menschen, die zur Unterhaltung des Publikums kurz die eigene Persönlichkeit hintanstellen, gar verleugnen. Das könnte man auch vom Star der besten Historienserie unserer Zeit sagen: Queen Elizabeth II. Die 3. Staffel von The Crown wartet Sonntag auf Netflix mit neuer Königin (Olivia Colman), neuem Prinz (Tobias Menzies), neuer Margret (Helena Bonham Carter) auf und ist – zwei Folgen unter der Regie von Christian Schwochow – fast noch besser als die ersten zwei Staffeln.

Noch besser als viele der zahllosen Meisterwerke von Alfred Hitchcock war die farbige Wiederholung der Woche, heute um 22.15 Uhr: Der zerrissene Vorhang mit Paul Newman, der 1966 geheime Formeln von Ost nach West schmuggeln wollte. In einer Zeit, als der Weltkrieg nicht kalt, sondern heiß war, spielen die schwarzweißen Kanonen von Navarone (Donnerstag, 20.15 Uhr, Tele 5) mit Gregory Peck, David Niven, Anthony Quinn und überhaupt fast allem, was das Monumentalschlachtengenre vor 60 Jahren an Stars vor die Kamera lockte, um der Waffengewalt als Mittel gegen die Waffengewalt zu huldigen.


FKA twigs, French 79, Kele

FKA twigs

Wenn ein experimentelles Popalbum wie bei Tori Amos anfängt, ist das für Experimentalpopalbumfans womöglich verstörender als ein Kaossilator beim Bluesrockfestival, aber auch mit dieser Einstiegssequenz wäre mal wieder bewiesen, dass Musik eben mehr Geduld benötigt als die Rausschmeißimpulse der Generation Spotify zulassen. FKA twigs jedenfalls klingt am Anfang echt esoterisch, also – nun ja, nicht so richtig innovativ. Nachdem die britische Soundsammlerin ein paar Takte voran gekommen ist, wird es allerdings außergewöhnlich, versprochen!

Magdalene heißt der Nachfolger ihres preisgekrönten Debüts LP1, und wieder schimmert dieser leicht waldbodenfeuchte Grundsound unter den Samples, Footages, Spielereien hervor. Doch so sehr man sich manchmal an Kate Bush im binären Fieberwahn erinnert fühlt, so ergreifend ist die klangliche Vielfalt der neun Tracks, die hörbar von Digitalfreaks wie Skrillex, Future, Nicolas Jaar produziert wurden. Gut, manchmal nervt das Melodrama in FKA twigs’ Stimme; aber die Konstruktionen dahinter sprühen vor lauter Wahnsinn.

FKA twigs – Madeleine (Young Turks)

French 79

Über French House ist, seit Daft Punk, Kid Loco, Air oder Cassius vor einem Vierteljahrhundert aus zappelig elektronischer Musik geschmeidig elektronische Musik gemacht haben, schon so viel – oft auch dummes Zeug – erzählt worden, dass niemand mehr genau weiß, was genau French House eigentlich sein soll. Simon Henner weiß es ziemlich genau. Und hat sich deshalb vorsorglich French 79 genannt, was eines der nachhaltigsten Jahre des Pop (Specials! HipHop!! Bobby Brown!!!) im Titel trägt und auch sonst die Messlatte angemessen hochhängt. Eine Messlatte, die Joshua LP buchstäblich spielend überspringt.

Der Nachfolger des eher mäßig beachteten Debütalbums Olympic verirrt sich nämlich so herrlich gedankenverloren in synthetisierter Nostalgie, dass diese Art French House eher an den New Wave der frühen Achtziger erinnert und dabei dennoch fröhlich durch die Electronica der Gegenwart spaziert. Einerseits wühlen sich ja andauernd brummbassige Orgeln, elegische Streicher und Bontempi-Tupfer durch Simon Henners Flokatiteppich; zugleich sorgen elegante Frauenvocals und ein dezent treibender Four-to-the-Floor-Beat allerdings für zeitgenössische Energie – und zwar endlich mal ohne HipHop-Avancen. Wehmut zum Tanzen.

French 79 – Joshua LP (Alter K)

Kele

Wer es schafft, ein Ausnahme-Projekt wie Bloc Party, nein – natürlich nicht vergessen, aber doch zur Randepisode einer Musikbiografie zu machen, der muss fürwahr Großes in sich tragen. Kelechukwu Rowland Okereke jedenfalls hat sich bereits 2010 von seiner damals irre erfolgreichen Britrockband teilemanzipiert und erzeugt seither unterm Vornamenskürzel Soloplatten, die jede für sich etwas Eigensinniges hinterlässt, dem man Bloc Party dank Keles Stimme natürlich anhört, aber ohne davon erdrückt zu werden. Das gilt auch und gerade fürs neue Album mit dem futuristischen Titel 2042.

Nach seinem vollakustischen Vorgänger Fatherland erweitert der Londoner aus Liverpool sein Repertoire um eine Art ethnisch angehauchten Emolectropop, der alles Gute von Bloc Party in alles Bessere des Enddreißigers Kele integriert: lässige Gitarrenslaps, erzählerischen Sprechgesang, cheesigen Experimentalsoul, quirligen Retrowave, gelegentlich gar hardcoreverzerrte Riffs, die sich in My Business mit verschrobener Kapitalismuskritik mischen. Das ist nicht immer leicht verdaulich, weckt aber die Hoffnung, dass Kele als nächstes ein technoides Bigband-Metal-Album macht. Es dürfte grandios werden.

Kele – 2042 (KOLA Records)


Tyrannenwerbung & Freiheitspreise

Die Gebrauchtwoche

28. Oktober – 3. November

Mark Zuckerberg macht gerade ernst mit dem öffentlich geleisteten Schwur, Demokratie und Pluralismus zu fördern. Nachdem Twitter-Chef Jack Dorsey medienwirksam angekündigt hat, fortan keine politische Werbung mehr zu schalten, hat der Facebook-Chef noch etwas lauter ins Netz geblasen, er werde dies auch weiterhin tun, weil es sich für Privatunternehmen nicht „geziemt, Politiker zu zensieren“. Klingt honorig. Doch indem es Steve Bannons rechtes Propagandaportal Breitbart in den Nachrichten-Feed News Tab aufnimmt, verschafft Facebook einer explizit antidemokratischen, antipluralistischen Stimme noch mehr Kraft.

Wenn Zuckerberg diesen Schritt nun mit Meinungsvielfalt erklärt, zeigt er damit allerdings nur eines: Faschismus offenbar für eine Meinung, kein Verbrechen zu halten. Aber gut – damit befindet er sich ja in Gesellschaft amtlicher Potentaten wie Jair Bolsonaro. Weil ihn Enthüllungen des TV-Senders El Globo mit dem Mord an einer Journalistin in Verbindung bringen, drohte Brasiliens rechtsextremistischer Präsident Medien, die gegen ihn recherchieren, in einer geifernden Videobotschaft ganz offen damit, ihnen nach der Wahl 2022 die Lizenz zu entziehen sofern er, Zitat, bis dahin nicht tot sei.

Weil ihm Medien, die überhaupt von irgendwas anderem als seiner unermesslichen Weisheit berichten, suspekt sind, hat Bolsonaros russischer Kollege Putin derweil die Errichtung eines nicht ganz so world Wide Webs namens Runet dekretiert. Womit er angeblich Hackerangriffe umgehen könne, eignet sich aber natürlich auch prima zur digitalen Kontrolle unliebsamer Äußerungen, also Menschen. So richtig weit entfernt von der real existierenden Tyrannei jener Zeiten, deren Ende vor 30 Jahren gerade senderauf, senderab gedacht wird, sind die wütenden weißen alten Männer damit also nicht mehr.

Die Frischwoche

4. – 10. November

Das ZDF etwa fiktionalisiert sie von heute bis Mittwoch mit dem Dreiteiler Preis der Freiheit, der interessanterweise von wütenden weißen jüngeren Frauen handelt. Nicolette Krebitz, Nadja Uhl und Barbara Auer spielen darin drei Schwestern, die auf unterschiedlichste Art ins Wirtschaftssystem der untergehenden DDR involviert sind. Das ist wie so oft im deutsch-deutschen Historytainment häufig arg moralisierend, dank des – auch männlicherseits – großartigen Ensembles aber auch sehr sehenswert.

Was die selbstherrliche Einverleibung des Ostens in den Westen angerichtet hat, lässt sich ja gerade gut an den Wahlerfolgen der AfD erleben. Wobei das Erste damit fiktional einen bemerkenswerten Umgang gefunden hat: Wenn der Erzgebirgskrimi am Samstag den überschwemmten Krimimarkt weiter flutet, suchen Stephan Luca und Lara Mandoki Tote im Stollen einer sächsischen Provinz, in der gierige Wessis eingeborene Bergmänner ausbeuten und die AfD schlichtweg nicht vorkommt. Einen selbstkritischeren Umgang mit dem Facettenreichtum regionaler Strukturen zeigt da der BR, dessen sensationelle Provinzpolitiksatire Hindafing ab Donnerstag auf Arte in zwei Dreifachfolgen weitergesponnen wird.

Überhaupt ist es die Woche der Sequels, Bootlegs, Spin-Offs. Am Mittwoch verlegt Fox das vielfach ausgewalzte SciFi-Drama Krieg der Welten erstaunlich zurückhaltend ins Smartphone-Zeitalter. Bereits heute zeigt Netflix die zweite Staffel der wunderbar absurden Pubertätserzählung The End of the F…ing World, was Sky parallel mit der Serienadaption der Graphic Novel Watchman garniert, bevor dort vier Tage später das halluzinogene Fantasygeschichtsepos Britannia fortgesetzt wird. Und während der Sorgentelefonist Domian nach drei Jahren Pause am Freitag (23.30 Uhr) – diesmal mit Livegästen vor Publikum – zum WDR zurückkehrt, beginnt Samstag die nächste ARD-Themenwoche, diesmal zur digitalen Bildung.

Einmalig ist die Partie der deutschen Fußballnationalspielerinnen, ab Freitag um 18.30 Uhr auf Eurosport vor der Rekordkulisse von 90.000 Fans im Wembley-Stadion. Das könnte auch die Zuschauerzahl der klugen Milieustudie Back for Good sein, mit der sich das Trash-TV Mittwoch (22 Uhr, SWR) selbst auf die Schippe nimmt. Die Wiederholungen der Woche handeln dagegen allesamt von Mördern: Sonntag (20.15 Uhr) treibt Die Filzlaus den Profikiller Lino Ventura (mit anschließendem Arte-Porträt) in den Wahnsinn. Heute zeigt der Kulturkanal Hitchcocks letzten Film Familiengrab um eine Hellseherin, die Erben sucht, aber Profikiller findet. Und zwei Stunden später sucht Manne Krug im herrlich staubigen Tatort Schmutzarbeit von 1989 beim RBB einen, genau: einen Profikiller.