Aktienkurse & Townhallmeetings

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Die Gebrauchtwoche

9. – 15. Mai

Schwer zu sagen, was in der vergangenen Woche mediensoziokulturellpolitisch betrachtet deprimierender war. Dass sich der ehemals und irgendwie ja immer noch ein bisschen liebenswerte Sinnfluencer Fynn Kliemann mit jedem seiner schalen Entschuldigungsversuche mehr demontiert? Dass es schon als echtes Highlight diktaturresilienter Pressefreiheit gelten muss, wenn russische Hacker für fünf Minuten regimekritische Headlines in Putins Propagandaportale schmuggeln? Dass Elon Musk Donald Trump bei Twitter zu rehabilitieren plant, da dessen Verbannung „unmoralisch“ gewesen sein soll?

Jedes Ranking wäre da eines zerplatzter Träume von der Erde als lebenswerter Ort für alle. Immerhin: wenn die Verzögerung der Übernahme von Musks asozialem Spielzeug nicht nur ein (einigermaßen erfolgreiches) Manöver zur Aktienkursmanipulation war, wird die Erde vorerst wenigstens nicht schlagartig schlechter. Was aber könnte uns auf dem Weg zum Besseren Hoffnung machen? Der ESC am Wochenende jedenfalls nicht. Menschen, die Herzfingergestik beeindruckt, dürfte Samstag ab 21 Uhr zwar ziemlich warm ums echte Herz geworden sein.

Wer Eskapismus skeptischer sieht, kam bis eins aus dem Kotzen kaum raus, so wohlfeil und warenförmig waren die Bekenntnisse zu Diversität, Ukraine, Toleranz, Ukraine, Frieden, Ukraine, Vielfalt und Ukraine. Kann es noch schlimmer werden? Es kann! Auf Sat1 zum Beispiel, wo mittwochs ein Club der guten Laune das Gegenteil verbreitet und somit belegt, wie wenig Selbstachtung dem bedeutsamen Sender von einst noch geblieben ist.

Dann doch lieber Superhelden- oder SciFi-Spin-Offs bei Disney+ gucken, das die Zahl seiner Abos nach nur drei Jahren am Markt um ein sattes Drittel auf 137 Millionen gesteigert hat und dem Marktführer Netflix damit dicht auf den Fersen ist. Schon Ende 2023 könnte der Platzhirsch den Frischling überholen.

 

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Die Frischwoche

16. – 22. Mai

Dort läuft diese Woche – tja, bestimmt irgendwas, wovon uns das Portal vorab nicht in Kenntnis setzen wollte, weil egal. Widmen wir uns also den anderen. RTL zum Beispiel, das heute einen kugeligen kleinen Coup in Gestalt des Bundeskanzlers an Land gezogen hat. Um 22.15 Uhr steht er einem Townhall-Meeting um Pina Atalay Rede und Antwort über schwere Waffen, verlorene Wahlen und vielleicht sogar nebenbei um dieses andere Thema, wie hieß es noch gleich? Ach ja: Klimawandel.

Darum geht es am Donnerstag in der Arte-Mediathek nur dem Titel nach, tatsächlich aber handelt Wild Republic acht Teile lang von einer erlebnispädagogischen Maßnahme, die mit großem Getöse in den Alpen misslingt, was für deutsche Verhältnisse ganz gelungen ist. Schon heute startet bei Sky die Romantic-Mystery-Serie The Time Travellers Wife mit Rose Leslie, die ihrem Lover (Theo James) durch Zeit und Raum hinterherreisen muss, während die Biocom Beth und das Leben ab Mittwoch bei Disney+ in der fiktionalen Realität der ziemlich lustigen Stand-up-Komikerin Amy Schumer spielt.

Ab Freitag schickt der Sky-Achtteiler Night Sky Sissy Spacek in einer Art intergalaktischen Abstellkammer durchs Weltall, wo sie verrückte Sachen erlebt, die man durchaus gesehen haben sollte. Ob das auch für die parallel startende, spanisch-amerikanische Coming-of-Age-Serie 20 Years aka Now and Then gilt, können wir hier nur anhand der streamenden Plattform beurteilen. Weil sie Apple TV+ heißt, dürfte es sich aber lohnen. Und dann wäre da noch, als Sahnehäubchen der Woche, Becoming Charlie.

Ab Freitag begleitet die Instant-Drama-Serie Lea Drinda in der ZDF-Mediathek (Neo: 24. Mai) dabei, ihr Geschlecht zu variieren. Und nicht zuletzt wegen der leicht zu unterschätzenden Schauspielerin (Wir Kinder vom Bahnhof Zoo) hält das Diversity-Format in aller sechsteiligen Kürze ein paar angenehme Überraschungen bereit.


OK Kid: F4F & Drei

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Es ist kein Weltschmerz, sondern Weltkrieg

OK Kid machen seit ihrem Debüt vor neun Jahren alles Mögliche: HipHop, Indierock, Powerpop. Auf der fünften Platte Drei haben die drei Kölner aus Gießen das gefunden, was fehlte: den roten Faden. Worin der besteht, ob OK Kid eigentlich Musiker oder Aktivisten sind und wie man in Zeiten der Dauerkrise optimistisch bleibt, erzählen Sänger Jonas Schubert und Keyboarder Moritz Rech im Interview

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Ihr habt vor diesem Interview live auf der Fridays for Future-Demo hier in Hamburg gespielt. War das der Grund, herzukommen?

Jonas Schubert: Genau, wir haben selber gestern Abend in Köln das erste Mal selbst vor 150 Leuten in unserer Stammkneipe das fertige Album durchgehört. Das war toll, aber auch ein bisschen ungewohnt, vor so vielen Leuten. Aber vorhin waren das nochmals viel mehr.

Moritz Rech: Wir haben schon öfter auf Demos wie diesen gespielt, weil es einfach geil ist, wenn Menschen für ihre Ideale auf die Straße gehen. Andererseits verbinden wir den Auftritt jetzt auch damit, über unser Album und die Tour zu sprechen, denn das haben wir seit 2019 schon nicht mehr gemacht.

Seid ihr auf einer Bühne wie der von Fridays for Future Aktivisten oder Musiker?

Jonas: In erster Linie sind und bleiben wir Musiker, deren Musik künstlerisch und ästhetisch im Vordergrund steht. Es gibt Bands, die findet man wegen der Haltung geil, aber die Musik scheiße. Und es gibt Bands wie The Smiths, deren Musik geil ist, die man aber nicht mehr hören kann, weil Morrissey mittlerweile ein nationalistischer Vollspacken ist. Wir probieren beides nicht zu sein, sondern gute Musik zu machen und damit auszudrücken, was uns bewegt.

Moritz: Weil das aber nun mal oft sehr politisch ist, drückt die Musik auch unsere Haltungen aus.

Jonas: Und in dem Sinne sind wir dann schon auch Aktivisten.

Und als was nimmt euch das Publikum denn eher wahr?

Moritz: Das hat eine Wendung genommen. Je mehr wir uns über gesellschaftliche Entwicklungen klar äußern, desto aktivistischer empfindet es vermutlich auch das Publikum. Am Anfang waren wir sogar explizit unpolitisch.

Jonas: Was auch damit zu tun hat, wie wir nach der Wende so aufgewachsen sind. Unsere Jugend war von Wohlstand und Privilegien geprägt, nicht von Politik oder Krisen wie heute. In dieser peacigen Zeit haben wir uns vor allem um uns selbst gedreht. Klar waren man gegen Nazis und auch mal auf Demos. Aber ich war nicht mal wählen! Und auf einmal: Klimakatastrophe, Rechtsruck, Wir-sind-das-Volk-Gegröle, Pandemie…

Moritz: Jetzt auch noch Krieg.

Jonas: Von daher haben nicht wir uns verändert, die Welt hat uns verändert.

Glaubt ihr denn im Umkehrschluss, die Welt mit eurer Musik und Haltung wieder zurückverändern zu können?

Moritz: Schön wär’s…

Jonas: Erstmal verändern wir uns mit der Welt, damit man sich nicht so sinnlos und ohnmächtig vorkommt. Denn so wichtig Bilder und Messages großer Demos wie der von vorhin sind: es geht dabei immer auch ein bisschen um einen selber, dieses Gefühl, Gleichgesinnte zu haben und zu treffen. Das ist beim Musikmachen generell gar nicht anders.

Moritz: Wenn ich von mir auf andere schließe, bewegt Musik unglaublich viel. Sie führt Menschen zusammen, kann auch heilsame Wirkung haben und sorgt dafür, sich mit seiner Sicht auf die Welt weniger allein zu fühlen. Trotzdem ist nach einem Konzert grundsätzlich selbst dann nichts besser, geschweige denn gut, wenn wie bei Fridays for Future schon mal 200.000 Leute da sind.

Moralisch legt ihr die Messlatte dabei – wie auf eurer neuen Platte – von Klimawandel über Konsumkritik bis toxische Männlichkeit mittlerweile extrem hoch. Kommt ihr da auch privat drüber?

Jonas: Drei ist in erster Linie eine Befindlichkeitsplatte, die in der Corona-Zeit sehr ich-bezogen, also aus persönlicher Perspektive heraus entstanden ist. Die Aussagen sind dadurch einerseits von der aktuellen Politik, aber auch von einer Art Weltschmerz geprägt, wie man es überhaupt hinkriegt, aus dem Bett zu kommen. Von daher war dieses Album mehr als jedes zuvor ein Stück Selbsttherapie, um mit der Situation klarzukommen.

Moritz: Und gerade deshalb darf man die Haltungen darauf nicht mit erhobenen Zeigefingern verwechseln. So sehr wir versuchen, uns und damit Dinge zu ändern: wir sind Teil der Krise, also Teil des Problems.

Sind die Texte demnach allesamt autobiografisch?

Jonas: Die Geschichten sind nicht immer autobiografisch, die Emotionen dahinter schon. Und alles hängt auch immer noch davon ab, wie ich sie nach welchem Reimschema singe. Handwerk, Lyrik, Rhythmus, Duktus – alles nimmt Einfluss auf die Geschichten.

Eine gute Punchline ist also manchmal wichtiger als der passende Inhalt?

Jonas: Ich liebe Punchlines und schreibe immer noch wie ein Rapper, obwohl wir Pop machen.

Ist eine Story vom Polizisten Dennis in Hausboot am See zum Beispiel real?

Jonas: Den gibt es wirklich. Die Geschichte ist aber so persönlich, dass ich Namen geändert und eigentlich auch nicht darüber reden möchte. Es gab das Hausboot, es gab den Junggesellenabschied und danach keinen Kontakt mehr.

Wie authentisch sind Zeilen wie „ich bin Halbtagsmisanthrop und Quartalstrinker“?

Jonas: Auch da ist was Wahres dran. Ich liebe Menschen und finde sie gleichsam so bescheuert, dass diese Punchline nicht nur reinmusste, weil ich sie mochte. Wobei sich das Misanthropische eher auf Männer als Menschen bezieht. Klimakrise ist männlich, Kriege sind männlich, Kapitalismus ist männlich. Da hilft als Mann manchmal nur Quartalstrinken.

Sowohl Halbtagsmisanthrop als auch Quartalstrinker klingt so ein bisschen verzagt und larmoyant. Ist Drei ein optimistisches oder pessimistisches Album?

Jonas: Weder noch. Wenn ich singe, es ist kein Weltschmerz, sondern Weltkrieg, habe ich damit schon vor einem Jahr keinen Gemütszustand beschrieben, sondern die Realität. Die Platte ist komplett frei von Selbstmitleid, denn es ist total nachvollziehbar, sich schlecht zu fühlen. Weil mir die Filter für schlechte Nachrichten fehlen, war ich in all den Krisen zuletzt wie gelähmt, habe mich aber trotzdem aufgerafft.

Moritz: Geht mir genauso, ich finde einfach keine Lösungen in mir und schiebe die Realität beiseite. Wie soll man das sonst alles ertragen.

Jonas: Da wären wir wieder bei der Frage, was Musik verändern kann. Denn zumindest zeigt sie den Leuten, die sie hören, dass Leute da draußen genauso denken. Daraus kann, besonders auf Konzerten, was Positives entstehen.

Zumal ihr die tragischen Texte an bedingungslos gutgelaunten Sound, manchmal sogar mit Schulterpolster-Saxofon und Eurodance, koppelt.

Moritz: Es gibt schon Stücke, in denen Text und Musik eins zu eins übereinander passen. Bei einigen lassen wir es aber tatsächlich bewusst eskalieren.

Jonas: Deshalb haben wir nicht nur das erste Saxofon-Solo auf einer Platte von OK Kid, sondern auch das erste Gitarrensolo. Dafür hätten wir uns vor fünf Jahren noch geschämt.

Moritz: Wobei wir schon immer einiges zugelassen haben, aber auf der Suche nach einem roten Faden waren. Den haben wir diesmal gefunden: Keine Schranken mehr, Begrenzung nur durchs Equipment, alles rein!

Das Interview lief zuvor bei Musikblog.de

Pressefreiheit & Sozialkritik light

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Die Gebrauchtwoche

2. – 8. Mai

Der Tag der Pressefreiheit müsste eigentlich längst in Tag der Pressefreiheitsdefizite umbenannt werden. Als er sich den 3. Mai mit Tagen des Waldkindergartens, der Teppichfalte oder einem National Paranormal Day in Amerika teilen musste, ging es dem Gedenkgrund schließlich schlecht wie selten seit Franz-Josef Strauß. Deutschland rutschte im Ranking pressefreier Nationen vom 13. auf den 16. Platz ab, was bedenklich ist. Wenngleich nicht halb so sehr wie der Absturz Österreichs von Position 17 auf 31.

Anders als hierzulande, wo die Presse vor allem von privatwirtschaftlicher und rechtspopulistischer Seite – oft buchstäblich – angegriffen wird, stand die journalistische Berichterstattung dortzulande unter exekutivem Beschuss korrupter Bundeskanzler (Sebastian Kurz) korrupter Parteien (Sebastian Kurz) korrupter Regierungen (Sebastian Kurz). Doch weil der Hauptdarsteller dieses durch und durch korrupten Systems (Sebastian Kurz) am 3. Mai längst seine Anschlusskarriere als ultraliberaler Rechtspopulist von Trumps Gnaden plante, machten sich seine Brüder im Geiste daran, die Pressefreiheit weiter auszuhöhlen.

Allen voran Stephan Mayer. Dienstag wurde publik, dass der CSU-Generalsekretär einem Reporter wegen seiner Gossip-Story die Vernichtung angedroht hatte und der Bunte gleich mit. Ob die überhaupt Presse im journalistischen Sinn ist, könnte man mal diskutieren. Aber dass Mayer seinen Rücktritt mit gesundheitlich begründete, was Parteichef Söder zur „menschlichen Tragödie“ verkleinerte, ist für unsere Demokratie sogar noch gefährlicher als der umgekehrte Weg des baden-württembergischen Innenministers.

Donnerstag wurde bekannt, dass Thomas Strobl Interna eines laufenden Gerichtsverfahrens wegen sexueller Nötigung gegen den Landespolizei-Inspekteur durchgestochen hatte. Richtig skandalös wurde dieser Rechtsbruch allerdings erst, weil ihn Strobl zur Transparenzoffensive erhob, obwohl er nur ein Medium einbezogen hatte. Und damit zu Fynn Kliemann. Am 3. Mai hat der Kuschel-Anarchist Fragen von Jan Böhmermann zur Maskenaffäre, die Freitag im ZDF Magazin Royal publik wurde, nicht der Redaktion, sondern bei Youtube beantwortet. Philanthropie Light, gewissermaßen.

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Die Frischwoche

9. – 15. Mai

Sozialkritik light liefert dagegen die ZDF-Serie Wendehammer. Ab Donnerstag erzählt das alltagsfeministische Dream-Team Alexandra Maxeiner (Buch), Ester Amrami (Regie) und Diana Hook (Produktion) sechs Teile auf originelle Art massenkompatibel von vier Bewohnerinnen (Meike Droste, Susan Hoecke, Friederike Linke, Elmira Rafizadeh) einer suburbanen Spießersiedlung, denen ein langzurückliegender Mord das Spießersiedlungsleben versaut.

Auf salonreaktionäre Art geschichtsrevisionistisch startet Sky tags drauf den nächsten Waschgang deutscher Kollektivschuldnegation. Schlimmer noch als die 2. Staffel steigt Nr. 3 am Samstag auf so AfD-kompatible Weise auf Das Boot, dass man sich die Weltkriegsarie spontan ersparen möchte – und wohl auch sollte. Gibt ja auch andere, bessere, politisch weniger bedenkliche Sachen zu streamen in der kommenden Woche. Claire Danes (Homeland) als Londoner Witwe im viktorianischen England zum Beispiel die auf ihrer romanverfilmten Suche nach der Schlange von Essex ab Freitag den nicht minder mysteriösen Vikar Will (Tom Hiddleston) findet.

Zeitgleich im Angebot von Apple+: Die musikalisch modernisierte Aschenputtel-Version Sneakerella. Auf Netflix startet derweil The Lincoln Lawyer worüber man mangels Respekt des – zum Glück schlingernden – Marktführers vor der journalistischen Berichterstattung mal wieder nix sagen kann (und will). Der amerikanisch-japanische Neo-Noir-Achtteiler Tokyo Vice dagegen, den Starzplay ab Sonntag von HBO Max importiert, wurde nach der Ausstrahlung in den USA zu Recht schwer gelobt. Und am Abend zuvor war auch irgendwas. Ach ja – der ESC im Ersten…


Sebastian Koch: Your Honor & Euer Ehren

koch

Spielberg ist ein extrem freundlicher Mann

Spätestens seit seinem oscargekrönten Welterfolg Das Leben der Anderen ist Sebastian Koch (Foto: Andreas H. Bitesnich) einer der international profiliertesten deutschen Schauspieler. Warum, zeigt er in der ARD-Serie Euer Ehren (abrufbar in der Mediathek). Sein Richter auf Abwegen ist zwar ein Remake vom Remake, aber brillant verkörpert.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Koch, haben Sie vor den Dreharbeiten zu Euer Ehren die amerikanische Version dieser israelischen Serie mit Bryan Cranston gesehen?

Sebastian Koch: Ich hab‘ mich nicht getraut – aus Angst, dass es mich irgendwie besetzt und beschränkt. Aber jetzt, wo ich unsere Serie am Stück gesehen habe und sehr begeistert bin, kann ich das ja nachholen.

Cranston meint über den Michael Desiato, der wie Ihr Michael Jacobi zur Rettung seines straffälligen Sohns unablässig Recht bricht, wer wie er mit Anfang 60 Richter spielt, könnte sich bereits auf dem Weg ins Alterswerk befinden. Sie sind jetzt Ende 50…

Der Titel „Euer Ehren“ klingt natürlich mehr noch als Your Honor ein bisschen sakral, aber ich empfinde den Versuch, seine demokratischen Werte und Einstellungen aktiv umzusetzen als so dynamisch, dass er überhaupt kein alter Sack ist. Deswegen bewerte ich ihn auch nicht nach Alterskriterien.

Nach welchen dann?

Seinem Anspruch an sich selber. Bislang lief bei ihm alles nach Plan, seine Karriere entsprach unserer Wunschvorstellung vom Richter als Idealist, der für die Gerechtigkeit alles sehr genau bewertet. Trotzdem reicht am Ende eine Lüge, um seine Fähigkeiten in einem Abwärtsstrudel so zu überfordern, dass er seine Werte nach und nach aufgibt und aufhört, ein Richter zu sein.

Haben Sie selber schon mal vor einem Richter gesessen?

Vor einer Richterin. In einem Verkehrsdelikt.

Welches Bild von dieser Institution hat sich Ihnen dabei eingeprägt?

Ein beklemmendes. Das liegt im Umstand eines gewissen Freiheitsentzuges, aber auch an der Berufskleidung, die einem Pfarrer nicht unähnlich ist. Wobei Jacobi die Rechtsprechung wirklich als Rechtsprechung auffasst, in seiner Haltung fast schon links ist und deshalb auch dieses einschüchternde, emotionslose Juristendeutsch vermeidet. Ich selbst bin mit Anwälten befreundet, bei denen der Paragrafenwald auf distanzierte Art bis in die Alltagssprache wächst. Bisweilen sehr befremdlich. Jacobi ist da anders, wird von den Ereignissen am Ende aber genauso vor sich hergetrieben, wie alle anderen.

Wie würden Sie als Vater von zwei Kindern denn reagieren, wenn die Rettung eines der beiden nur auf der schiefen Bahn möglich scheint?

Das ist mir zu hypothetisch, deshalb habe ich den Gedanken auch gar nicht zugelassen für die Rolle. Jacobs Reaktion folgt keinem Plan, sondern ist rein intuitiv. Können Sie mit Sicherheit sagen, dass Sie in eine Kugel springen, die auf ihr Kind abgeschossen wird?

Ich würde es mir jedenfalls sehr wünschen.

Gut gelöst, Herr Freitag. Michael Jacobi ist gesprungen, aus dem Bauch heraus, aber mit allen Konsequenzen. Genau das macht den Stoff so spannend und aussagekräftig, was grad unsere Gesellschaft betrifft, die durch Krisen wie den Rechtsruck so durcheinandergeschüttelt wird, dass sich die Kategorien richtig und falsch zusehends auflösen. Die Serie hebt deshalb nie den Zeigefinger, das gefällt mir sehr. Auch, weil das deutsche Fernsehen Gut und Böse gerne klar voneinander abgrenzt. Wer wo steht, erfährt man oft schon durch die Musik. Deshalb mag ich Geschichten wie diese, die auch mir als Darsteller lieber Fragen stellen als Antworten zu geben und damit wirklich nahekommt, ohne moralisch zu werden.

Wenn man wie Sie öfter abgründige Figuren wie Albert Speer, Rudolf Höß oder Stauffenberg spielt – bergen Fragen ohne Antworten und Nähe ohne Moral da nicht die Gefahr der Verharmlosung?

Gute Frage. Denn gerade beim Speer war ich mit Heinrich Breloer nicht ganz d’accord, wie er diesen Täter zum Mitläufer gemacht hat, der sein Umfeld nur perfekt und mit ausgeklügeltem, hochintelligentem Kalkül belogen hat. Ich bin mir sicher, der hat sich geglaubt, das Richtige zu tun, war also im besten Sinne dieses deutschen Wortes in seiner Realität „ver-rückt“, also einer der Guten. Und gerade da fängt es ja an in unsere Nähe zu kommen. Das Monster können wir wegschieben, indem wir sagen, „das hat nichts mit uns zu tun“, den Menschen aber müssen wir aushalten und uns mit ihm beschäftigen. Sich in diesem Bereich zu bewegen, ist für mich nicht nur als Schauspieler enorm spannend.

Durch Formate wie Speer und Er ist auch der internationale Film auf Sie aufmerksam geworden. Wie war es, vom beengten deutschen auf den globalen Markt zu kommen?

Unabhängig von der Frage, ob das mit der deutschen Enge stimmt, war es auf jedenfalls etwas völlig anderes, international zu drehen – schon wegen der Sprache. Auf Französisch zum Beispiel ist meine Stimme ein bisschen höher, auf Englisch geht sie runter. Ich finde es großartig, in Fremdsprachen zu drehen; das Improvisieren fällt zwar schwerer, es öffnet aber neue Türen auf größere Märkte mit anderen, oft besseren Stoffen.

Wenn Sie zugleich ein deutsches und ein englisches Drehbuch von vergleichbarer Qualität auf den Tisch kriegen – für welches entscheiden Sie sich da?

Kommt auf die Menschen an. Als ich vor Euer Ehren David Nawrath traf, wusste ich sofort, in seiner liebevollen Atmosphäre möchte ich arbeiten. Es ist ein Geschenk, jemanden wie ihn zu finden, der in seinen Filmen nichts behauptet, sondern einfach zeigt, wie es ist. So was findet man auch bei Steven Spielberg, mit ihm Bridge of Spies zu machen, war ein Fest.

Aber auch ohne Fest: Spielberg spricht doch für sich, oder?

Eben nicht. Wenn Atmosphäre und Buch gut sind, ist der Name egal und wenn er es nicht ist, dann eben, weil Steven Spielberg so ein extrem freundlicher Mann ist. Ich urteile da eher nach meinem Bauchgefühl.

Das man sich aber auch erarbeitet haben muss?

Da ist ein bissl was dran, führt allerdings eher dazu, sich auch mal zur Ruhe kommen zu lassen und nicht alles anzunehmen. Es gefällt mir sehr, weniger zu drehen als vor fünf oder zehn Jahren und das, was ich mache, mehr zu genießen.

Kann ein Filmstar dennoch starstruck sein, wenn sich zum Beispiel die Möglichkeit bietet, mit Benedict Cumberbatch zu arbeiten?

Kann sein, hab‘ ich auch einmal gemacht, um mit Julianne Moore zu arbeiten, die ich unbedingt mal kennenlernen wollte. Der Film hieß Belcanto, und ganz ehrlich? Da gibt es Bessere. Aber mit Julianne Moore zu drehen, war toll, die ist echt ‘ne Wucht. Trotzdem, die Geschichte sollte doch im Mittelpunkt stehen und das erste Kriterium sein.

Gibt es jemanden, für den Sie alles stehen und liegen lassen würden?

Natürlich kann mir sowas immer wieder passieren (lacht). Guillermo del Toro zum Beispiel, der so spezielle Sachen wie Nightmare Alley oder Pan’s Labyrinth gemacht hat, Sean Baker mit „The Florida Project“, oder Paul Thomas Anderson, dessen Licorice Pizza Lust auf Filme macht, weil es darin um so wenig und zugleich um alles geht. Da kann die Geschichte auch mal den ein oder anderen Schwachpunkt haben.

Auch für Low- oder No Budget Filme junger, hungriger Regisseure, bei denen es außer Renommee womöglich nichts zu verdienen gäbe?

Es geht mir nicht in erster Linie um Gage, aber wenn ein Film am äußersten Gießkannenrand der deutschen Filmförderung liegt, nur im Feuilleton euphorisch besprochen wird und ihn außer 400 deutschen Akademiemitgliedern niemand sieht, würde ich mir doch überlegen, vielleicht abzusagen. Aus meiner Erfahrung findet aber ein wirklich kraftvolles Drehbuch seinen Weg und die damit verbundene Finanzierung und Aufmerksamkeit. Es gibt halt nicht so viele davon…


Bilds Becker & Warners Rapper

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Die Gebrauchtwoche

25. April – 1. Mai

Ach Boris – was warst du tröstlich, was warst du nervig, was hast du uns seit 1985 für Geschichten erzählt, von denen wir viele zwar gern überhört hätten, aber du warst immer da im Lichtkegel des Boulevards von Bild bis Bunte. Weltbewegend war da alles nie, aber auch nicht weiter störend. Jetzt aber, im Spätherbst deiner Karriere, hast du uns einen Moment nervig-tröstlicher Katharsis geschenkt: Nachdem Boris Becker am Freitag wegen Insolvenzverschleierung zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt worden war, begannen selbst seriöse Hauptnachrichten mit diesem Londoner Richterinnenspruch.

Kein Krieg, kein Corona, weder Inflation noch Gaspreise, sondern ein gefallener Tennisstar als Top-News – das stellt sogar jene vom Blender der Vorwoche in den Schatten: Anders als kolportiert, wird Elon Musk Twitter nicht für 42 oder 43 Milliarden Dollar von der Börse nehmen; er lässt sich den Großangriff auf seine Midlifecrisis nun stolze 44.000.000.000 kosten und reiht sich damit in Gruppe Superreicher ein, die ihre Macht mit Medien aller Art zementieren.

Immer noch kein echtes Schnäppchen für den unprofitablen Messenger-Dienst. Aber für Elon I., dem Meinungs- und Pressefreiheit sogar noch ein bisschen unwichtiger sind als Klimaschutz oder Demokratie, ein billiges Vehikel, um die Agenda vom ultraliberalen Nachtwächternationalstaat mit aller, für alle Macht voranzutreiben. Völlig folgerichtig gab es dafür bislang nur von einer Seite Applaus: der rechtsradikalen, impfkritischen, realitätsverleugnenden, querdenkenden in aller weißer alter Herren Länder.

Einer Kohorte, der nicht nur der gleichstellungsgerechte Verein Pro Quote mit wachsendem Frauenanteil die Hölle heiß macht. Auch ein Geschlechtsgenosse wie Hans Janke steht, besser: stand auf der anderen, der besseren Seite. Als langjähriger Programmdirektor hatte sich der frühere Leiter des Adolf-Grimme-Instituts in den Neunzigern mit aller Kraft gegen die Verflachung des ZDF aufgelehnt und damit häufig Erfolg. Jetzt ist er mit 77 Jahren in Wiesbaden gestorben und wir merken: da wird einer fehlen.

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Die Frischwoche

2. – 8. Mai

Frisches, gutes, originelles, dennoch publikumswirksames Fernsehen sieht man schließlich mehr und mehr auf Videoportalen wie Warner TV Serie, das hierzulande über Sky empfänglich ist. Mit Almost Fly startet dort heute ein Sechsteiler, der im öffentlich-rechtlichen Rundfunk ausgeschlossen ist – eine überdreht heitere und trotzdem reflektiert kluge Erzählung über die Anfänge des Deutschrap anno 1990. Nicht frei von Stereotypen, die Showrunner Florian Gaag 16 Jahre nach seiner autobiografischen Fiktion Wholetrain aber in ein schillernd schönes HipHop-Graffiti verwandelt.

Auch RTL schiebt seine Vorstadtweiber-Version Herzogpark um drei Schickeria-Gewächse (Lisa Maria Potthoff, Antje Traue), die gemeinsam mit einem Ex-Knasti (Heike Makatsch) gegen den Immobilienhai van der Brock (Heiner Lauterbach) zu Felde ziehen, tags drauf auf die Plattform mit + dahinter ab. Beim Hauptprogramm bleibt daher mehr Zeit für die Vergangenheit in Gestalt von Harry Wijnvoord, der am Mittwoch nach 25 Jahren Pause wieder zu Der Preis ist heiß bittet.

Für Nostalgiefans ein Muss, aber wer der Realität nicht entkommen möchte, dem sei parallel dazu die ZDFinfo-Serie Lüge und Wahrheit empfohlen, ein sechsteiliger Ritt durch die Macht der Information ergo Propaganda von Krieg über Religion und Medien bis hin zu Verschwörungsideologie. Und das Hauptprogramm? Bittet Andrea Kiewel in Die große Show der schrägen Fragen, von denen uns hier wirklich keine einzige interessiert auch nur annähernd so interessiert wie Marilyn Monroes Cold Case: Tod einer Ikone, am Donnerstag auf Arte.

Oder zum Wochenende in der Mediathek des Kulturkanals: State of Happiness, eine achtteilige Dramaserie um die norwegische Energie-Wirtschaft der späten Sechziger von Petter Næss und Pål Jackmann im Mad-Men-Stil. Letzter Online-Tipp: The Staircase, ein achtteiliger HBO-Thriller mit Colin Firth, tags zuvor bei Sky.


Rammstein, Blurry Future, St. Arnoud

Rammstein

Manche Dinge ändern sich einfach nie: in Zeiten eruptiver Zeitenwenden ist das im Grunde nicht die schlechteste Nachricht. Wenn Flakes dystopiedicke Keyboard durch wabernden Nebel brachialer Gitarren bricht und Till Lindemann dazu “Komm zu uns und reih dich ein / wir wollen zuhause traurig sein” aus seiner Lunge räuchert, hören sich Rammstein also an wie immer, irgendwie. Und wie immer, sagen wir’s ehrlich, ist zwar nicht sonderlich originell, aber irgendwie tröstlich.

Gut, ein bisschen melodramatischer sind die ewigen Pubertätsverlängerer der neuen deutschen Härte schon geworden, irgendwie wattierter als anno Herzeleid. Das Piano wird eher getupft als zerstört, der Gesang häufiger mal gehaucht statt geprügelt, die Poesie um etwas Sperma erleichtert und dafür noch morbider. Aber der Grundsound, dieser bretthafte, zu Geröllwüsten zerspante Pathos-Metal, den treiben uns die sechs Schmerzensmänner des Rock unter die Fußnägel wie 1994. Danke für die Haue.

Rammstein – Zeit (Universal)

Blurry Future

Ist es HipHop, ist es Postpunk, ist es Elektrotrash, ist es vielleicht sogar so etwas wie Darkwave-Trippop? Wenn alles drin steckt und wenig sichtbar bleibt, mag es für harmoniesüchtige Ohren verwirrend klingen, verstörend, haltlos. Alternative Klanggeschmäcker indes werden bei Bands wie Blurry Future hellhörig. Das Duo aus Hamburg kippt seine Soundbits und Krautflächen so zusammen, dass The B-52’s mit Hayiti im S/M-Keller von Prodigy catchen.

Und das ist selten eingängig, aber stets auf fiebrige Art mitreißend, wenn Songwriterin Charlotte Becher ihre blechernen Raps über Marlon Mausbachs Gitarrenbretter zischt. Manchmal wie Kae Tempest ohne Ideologie-Verwirrung, manchmal wie Chicks on Speed mit mehr Wumms – das selbstverliehene Farbspektrum dunkelbunt trifft dieses Stilgewitter zwischen Weltschmerz und Romantik ganz gut. Und macht Lust auf mehr.

Blurry Future – Alligator (popup-records)

St. Arnault

Aufmerksame Leser*innen dieser Kolumne haben womöglich gemerkt, dass Bläsersequenzen hier ziemlich gut ankommen, sofern sie nicht die Deutungshoheit übernehmen, sondern selbige brechen. Der kanadische Songwriter St. Arnaud hat folglich ein dickes Stein im Brett, wenn er sein neues Album Love and the Front Lawn regelmäßig mit dem Sound einer Trompete auflockert, die sich unter den Crooner-Folk mischt wie ein Schlagsahne in den Pudding.

Und nicht nur Trompeten. Gitarrenriffs der Siebziger schmiegen sich über Sixties-Keyboards und Neunziger-Drums hinweg an St. Arnauds melancholische Wird-schon-Poesie, die selbst tragische Themen von Furcht bis Krankheit in ein Manifest der Zuversicht verwandelt. Den Bläsern und seinem Bruder – dem Youtube-Animator GingerPale – sei Dank. Das klingt dann manchmal wie Neil Diamond auf Ecstasy, zeitloser Westcoast-Pop in den Straßen von San Franzisco. Nicht neu, aber schön.

St. Arnaud – Love and the Front Lawn (Fierce Panda)