Heiße Luft & wenig Festes

Die Gebrauchtwoche

19. – 25. Februar

Entschuldigung, sorry, pardon – was jetzt und hier folgt ist echt billig, wohlfeil, ähnlich blöde wie handelsübliche Privatfernsehcomedy, aber diesen Kalauer kann man sich schwer verkneifen: der neue CEO von ProSiebenSat.1 Media, die dessen Vorgänger Thomas Ebeling wegen seiner Publikumsbeschimpfung (fettleibig und arm) gewiss mit wuchtiger Abfindung des Amtes enthoben hat, war zuvor CEO des Staubsauger-Herstellers Dyson, also zuständig für die Produktion von, hüstel, heißer Luft. Gut, so ein Kalauer ist fast so plump wie dieser elitäre Einkommensmillionär zynisch. Aber die Medienwelt von heute hat für plumpen Zynismus nun mal mehr übrig als für empathischen Journalismus.

Das lässt sich sogar bei Fernseh-Erneuerern wie Jan Böhmermann begutachten. Dessen Neo Magazin Royale hat auf der Berlinale Schauspieler wie Jürgen Vogel oder Jan Josef Liefers nach ihrer Meinung zur #MeToo-Debatte befragt. Zur Antwort gab es allerdings nur debiles Geblubber, das beide als Salon-Sexisten der lächerlichsten Art entlarvt hat. Noch viel eindrücklicher zeigt sich die gegenwärtige Stimmung aber wie so oft bei der unverbesserlichen Bild. Die nämlich hat gefälschten Mails des Satiremagazins Titanic, in denen es um Kontakte des Juso-Chefs zu russischen Netz-Trollen geht, nicht nur blindlings geglaubt, sondern den erfolgreichen Hoax aufs Titelblatt gehoben.

Bild-Chefredakteur Julian Reichelt räumt zwar ein, „die Gewichtung als Schlagzeile sei im Nachhinein falsch“. Vorzuwerfen habe er sich aber nichts. Schon weil im Text dauernd von „angeblich“ die Rede ist und jeder Springer-Reporter qua Geburt eine Anwartschaft auf den Pulitzerpreis im Nabelschnurblut hat. Dass bei Bild angeblich Journalisten arbeiten, die angeblich Recherchetechniken beherrschen, denen angeblich echt seriöse Berichterstattung entspringt, hat an dieser Stelle also ein paar Konjunktive zu viel, um es zu glauben.

Wenden wir uns also geistesverwandten Kollegen der Bild zu. Die Moderatoren von Eurosport haben es nämlich geschafft, in 375.720 Stunden Olympia-Berichterstattung handgestoppte 0,000 Sekunden auf etwas anderes als Frohsinn zu verwenden, was sie im Ranking der Jubelperser sogar noch knapp vorm ZDF rangieren lässt. In der Paradedisziplin „kenntnisfreier Sportpatriotismus“ gewann Marco Schreyl dabei knapp vor Norbert König die Goldmedaille. Apropos Gold: Die Goldene Kamera 2018 gewann Donnerstag folgende – ach, eigentlich auch egal…

Die Frischwoche

25. Februar – 4. März

Zumindest angesichts der Tatsache, dass derselbe Sender, der dieser Blödsinn vom Glamour einer Grobcordhose übertragen hat, gleich mehrfach beweist, wie inspirierend fiktionales Fernsehen aus Deutschland sein kann. Im ZDF wirft Matti Geschonneck nach Magnus Vattrodts schlüssigem Drehbuch heute um 20.15 Uhr einen wunderbar verspielten Blick auf den klaustrophobischen Mikrokosmus Nachbarschaft. Dabei glänzt Südstadt von Andrea Sawatzki über Matthias Matschke bis Anke Engelke durch ein Ensemble, dass man genauso im realen Mietshaus findet. Grandioser Film! Gefolgt von einer, wenn nicht der grandiosen Serie des laufenden Jahres: Bad Banks. Sechs Teile lang seziert Christian Schwochow Donnerstag/Freitag ab 20.15 Uhr auf Arte und ab Samstag (21.45 Uhr) im ZDF ein entfesseltes Finanzsystem, das körperlich spürbar Angst vorm nächsten Crash entfacht. Für die Goldene Kamera viel zu anspruchsvoll, dürfte es dafür Grimme-Preise hageln.

Davon träumt wohl auch das Team des ZDFneo-Vierteilers Nix Festes, ab Dienstag (22.45 Uhr). Leider verhaspelt sich die Sitcom über vier Berliner Adoleszenz-Verweigerer um die 30 in Grimassenschneiderei, weshalb das Low-Budget-Projekt nur ganz nett ist, statt wirklich sehenswert. Der Ludwigshafener Impro-Tatort Babbeldasch war dagegen zu miserabel, um freiwillig Lebenszeit auf seinen Nachfolger Waldlust am Sonntag zu verschwenden. Ein bisschen davon verdient demgegenüber der ARD-Mittwochsfilm Die Firma dankt, in dem sich Thomas Heinze als einziger Überlebender einer Kündigungswelle plötzlich allein mit der Firmenspitze wiederfindet, die er in einer bizarren Kammerspielsituation von seiner Bedeutung fürs Unternehmen überzeugen soll.

In Ermangelung weiterer Neuausstrahlungen kommen wir aber jetzt gleich mal zu den Wiederholungen der Woche, zur Feier von Trumps anstehendem Verbot sämtlicher Handfeuerwaffen ausnahmslos aus den USA. Morgen um 22.05 Uhr beweist Jim Carrey im futuristischen Trennungsdrama Vergiss mein nicht von 2003, dass er auch ohne Grimassen unterhaltsam ist. Die Vietnamkriegssatire Tropic Thunder von 2008 beweist am Freitag (20.15 Uhr, Pro7) abermals, wie witzig Ben Stiller ist. Tags drauf beweist Frost/Nixon aus dem gleichen Jahr, wie gut Politik entertainen kann. Und in schwarzweiß beweist John Wayne in John Fords Westernlegende Bis zum letzten Mann (Sonntag, 00.05 Uhr, NDR) von 1948, dass alte Filme auch echt alt aussehen.

Advertisements

Lo Moon, Brett

Lo Moon

Und wenn über dem Keyboard getragen die Stimm fleht, wenn darunter noch getragener das Schlagzeug zappelt, wenn mittendrin Synthesizer zucken, wenn Gitarre und Bass mit Text und Sound ein melodramatisches, aber irgendwie hoffnungsfrohes Gespinst verknüpfen, dann sind wir in einem ganz, ganz schwierigen Genre. Es nennt sich Dreampop und wird gewiss nicht weniger anfällig für kommerzielles Pathos, weil das Marketing ein künstlerisches “Art” davor klemmt. Also gut: Lo Moon ist also ein “L.A.-Art-Pop-Trio”, dem es offenbar darum gelegen ist, so viel Gefühl zu vermitteln, dass durch die zehn Stücke um Liebe, Leid, das Leben schon mal trotzig die Trombone wimmert. Könnte also furchbar sein. Ist es aber nicht.

Die angloamerikanische Mischung aus dem Kalifornier Matt Lowell (Gesang), Bassistin Crisanta Baker (Denver) und an der Gitarre Samuel Stewart (London) mag von hinten durch die Brust ins Auge Emotionalität schießen. Doch ihr selbstbetiteltes Debütalbum verliert dabei nie die Bodenhaftung und klingt dadurch nicht nur ein wenig nach dem New Wave der Achtziger von Talk Talk bis zum Newnew Wave der Nuller von The XX, sondern fast immer ungemein angenehm. Die athmosphärischen Synths sorgen gemeinsam mit der feinen Restrock-Attitüde für eine Eleganz, die man so manchem Schlabber-R’n’B nur wünschen kann. Lo Moon ist vielleicht etwas pathetisch, es bleibt aber stets lässig und cool.

Lo Moon – Lo Moon (BB*Island)

Brett

Brett ist ja mal eine Ansage. Brett heißt musikalisch betrachtet volle Breitseite. Um Brett zu heißen muss man demzufolge auch Brett liefern. Und Brett liefert. Brett ist eine Band, die aus allen Teilen Deutschlands, wie es scheint, zusammengewürfelt in Hamburg zusammengefunden hat, um aus Brettern Rock zu machen oder umgekehrt. Und das Debütalbum mit dem ziemlich grandiosen Titel WutKitsch macht genau das: Postpunkrock, der kachelt. Aber eben nicht nur das. Er kachelt mit Stil und Bedacht. Ganz im Sinne des progressiven Philosphiestudentenhatecore der Marke Messer, Trümmer, 208, Die Nerven und wie sie alle heißen, wird Empörung zu Krach und Krach zu Empörung und das klingt, meistens zumindest, ziemlich gut.

In der Videoauskopplung Ein schöner Tag (schade, dass Krieg ist), dekliniert Sänger Max zu grob verzerrter Gitarre in leicht überhitztem Geschrei durch, wie schön die Welt doch wäre, wenn die Welt denn kollektiv an ihrer Schönheit teilhaben dürfte und nicht nur ein paar Privilegierte. Das ist so der Tonfall. Textlich ausgefuchst, musikalisch vielschichtig, manchmal etwas ostentativ revoltierend und vom Sound her metallisch, aber im Grunde völlig angemessen angesichts einer Zeit, die eigentlich dringend einer Revolte der Entrechteten bräuchte, stattdessen aber bloß eine stumpf nationalistischer Rassisten kriegt. Ein Brett gegen Stumpfsinn und Populismus. Harte Zeiten.

Brett – WutKitsch (Chimperator)


Hannah Hollinger: Männer & Kriege

Ich arbeite gern in Köpfen anderer

Seit Ihrem Seriendebüt Aus heiterem Himmel vor bald 25 Jahren beweist die Drehbuchautorin Hannah Hollinger (60) erstaunliches Gespür für die männliche Befindlichkeiten. Im ARD-Mittwochsfilm Fremder Feind treibt sie diesen Zugang – auch dank Ulrich Matthes’ brillanter Darstellung eines Vaters, den der Soldatentod des Sohnes in die Einsamkeit einer Berghütte treibt – zu einer grandiosen Studie über Männergewalt gegen sich und andere. Ein Gespräch über  Geschlechterthemen, Romanadaptionen, Trauerarbeit und ihr selbstbestimmtes Leben.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Hollinger, warum zeigt die ARD Ihren Film heute Abend eigentlich nicht unterm Roman-Titel Krieg, sondern als Fremder Feind?

Hannah Hollinger: Tja. In Venedig lief er noch unterm Originaltitel. Der Regisseur und ich fanden ihn ebenso wie die Redaktion auch eigentlich ganz passend. Trotzdem verstehe ich die ARD, dass sie damit fremdelt. Für einen Mittwochabend ist das ja sehr martialisch, also nicht sonderlich breitenwirksam. Der mildere Titel tut aber auch niemandem weh, wie es manchmal im Fernsehen der Fall ist. Man will halt auch Frauen oder zartere Seelen ansprechen.

Zumal es in dem Film ja nicht nur um Krieg geht.

Genau. Es geht auch um Trauer, Gewalt, Männlichkeit vor allem. Was die Rolle der Frau darin etwas ungleich verteilt. Sie übernimmt den Part der Selbstkasteiung, also nicht des handelnden Subjekts wie die Männer, sondern des trauerndem Objekts.

Fällt es einer Autorin leichter, sich in die Rolle der Frau als derartiges Objekt hineinzudenken als in die Subjekthaftigkeit des Mannes – auch wenn sie in diesem Fall Täter und Opfer zugleich ist?

Bei einem Roman, der zudem von einem Mann geschrieben wurde, fällt das natürlich leichter, als wenn ich mir die Figuren ausgedacht hätte. Trotzdem fließt auch bei Adaptionen stets meine eigene Sicht mit ein. Und da fiel es mir überhaupt nicht schwer, mich ins Eingemachte einer männlichen Hauptfigur zu versetzen. Erstens, weil ich mich seit jeher viel mit Psychologie beschäftige. Zweitens steckt vieles Männliche ja auch im Weiblichen, wir leben es nur anders aus, oft weniger verdichtet. Ich kann mich daher ganz gut in Männer hineinversetzen.

Damit hat ja gewissermaßen Ihre Laufbahn begonnen, als Sie sich Mitte der Neunziger für die ARD-Serie Aus heiterem Himmel eine Patchwork-Männer-WG ausgedacht haben.

Das war zwar nicht meine Idee allein, aber stimmt schon – die Auseinandersetzung von Männern mit Themen wie Familie, Emotionen, Alltag interessiert mich seit jeher. Vor 20 Jahren war das allerdings noch viel seltener als heute und daher eine weit größere Herausforderung.

Die Regisseurin Brigitte Maria Bertele, mit der Sie bereits drei Filme gedreht haben, findet es sogar leichter, männliche Figuren zu inszenieren, weil sie nicht dauernd von sich auf andere schließen müsse wie bei weiblichen. Kennen Sie das auch?

Nein, denn anders als Brigitte integriere ich die männlichen Teile des Rollenverhaltens womöglich etwas mehr in meinen Alltag. Ich lebe alleine, habe früh meinen Vater verloren, dadurch fast zeitlebens für mich selber gesorgt und oft beide Rollenmuster mit gelebt. Weil ich dennoch versuche, möglichst selten in Kategorien wie „typisch männlich“ und „typisch weiblich“ zu denken, trifft die Rollenverteilung in Krieg einen wunden Punkt bei mir: Die Frau richtet ihre Trauer über den Verlust des Kindes – typisch weiblich – gegen sich selbst und der Mann – typisch männlich – gegen andere. Nicht jedes Bild ist falsch, nur weil es ein Klischee ist, aber auch hier interessiert mich die psychologische Tiefe der Beteiligten weit mehr als die Frage, wie geschlechterspezifisch das Handeln ist.

Woher rührt denn Ihr Interesse an der Psychologie – sind Sie da erblich vorbelastet?

Nicht über die Berufe meiner Eltern, aber die Art meiner Sozialisation, in der sehr früh sehr viel von mir erwartet wurde. Und mitten in der Pubertät seinen Vater zu verlieren, sorgt für eine Art der Verarbeitung, von der aus der Weg zur Psychologie nicht weit ist. Ich habe dann immerhin Sozialpädagogik studiert, wo die Psychologie eine große Rolle spielt. Vielleicht macht es mir deshalb auch so großen Spaß, Romane zu adaptieren. Ich arbeite einfach gern in den Köpfen anderer, gehe mit deren Gedanken um, suche die Essenz dessen, was sie wollen.

Sie schreiben also selten Originaldrehbücher?

Nein, das hält sich ungefähr die Waage. Ich mag  beides.

Kommt man eher mit Ideen auf Sie zu oder bieten Sie eigene Idee an?

Auch das ist ausgewogen, wobei es mittlerweile häufiger vorkommt, dass Ideen an mich herangetragen werden – Krieg zum Beispiel. Umgekehrt wäre es so, dass die Auftragslage definitiv eine  bessere ist, wenn ich einen Roman adaptiere, weil sich die Produzenten unter einem Roman natürlich gleich mehr vorstellen können als unter einem fünfseitigen Exposé.

Brigitte Maria Bertele, ihr als Frau würden nach wie vor häufiger Liebes- und Familiengeschichten angeboten. Ist das bei Ihnen ähnlich?

Das ändert sich schon. Wobei es bei mir schon sehr früh anders war. Auch dank meiner Zusammenarbeit mit Regisseuren wie Matti Geschonnek. Man bietet mir in der Regel schwierige Themen an, in denen die Umsetzung nicht sofort auf der Hand liegt.

Das darf man als Kompliment betrachten oder?

Absolut.

Was ist da gerade in Planung?

Zunächst mal die Weiterführung des Schlöndorff-Films nach Friedrich Ani, wieder mit Thomas Thieme. Das muss der Sender aber erst entscheiden. Und was mich sehr interessiert: Die Verfilmung eines Sachbuchs vom Süddeutsche-Redakteur Ronen Steinke Der Muslim und die Jüdin. Das wäre mein nächstes Projekt.


Freilassungen & Fremder Feind

Die Gebrauchtwoche

12. – 18. Februar

Er! Ist! Frei! 367 Tage nach seiner Inhaftierung wurde Deniz Yücel am Freitag entlassen und erhielt die ausstehende Anklageschrift. Sie! Sind! Es! Nicht! Mehr als 100 seiner Kollegen sitzen weiter willkürlich im Gefängnis, darunter zwei, die parallel zu Yücels plötzlicher Erlösung zu lebenslanger Haft verurteilt wurden. Das Regime behandelt die Medien konsequent mit wenig Rechtsstaatlichkeit, aber viel Diktatur. Auf welcher Seite die AfD da steht, ließ deren Sprecher Jörg Meuthen den Feind (Tagesschau) am Abend drauf wissen. Er hoffe, Yücel sei „in der Haft zur Besinnung gekommen“. Der nervigen Pressefreiheit abzuschwören nämlich, schwang in der kruden Aussage mit, und sich endlich zu Führer, Volk und Vaterland zu bekennen.

Im Angesicht dessen, steht alles, wirklich alles, was vorige Woche medial von Bedeutung war, voll und ganz im Schatten der national-populistischen Welle, die gerade über Europa hinweg rollt. Dass die Neuauflage von Bastian Pastewka als Bastian Pastewka bei Amazon Prime zum Beispiel mehr Schleichwerbung enthält als zehn Staffeln Heidi Klum als Heidi Klum – egal. Dass sich für Anne Wills Talkshow am Abend vorm Rosenmontag keine Gäste fanden, weil nun mal Rosenmontag war– völlig wumpe. Dass Claudia Neumann am Mittwoch als erste Frau ein ZDF-Spiel der Champions League kommentiert und dafür männlicherseits den üblichen Shitstorm geerntet hat – ach komm…

Selbst, dass Olympia-Reporter dauernd investigative Fragen à la „wie glücklich sind Sie nach der sensationellen Goldmedaille?“ stellen oder wie ARD-Ethnologe Wilfried Hark ein Biathlon-Rennen „rassig“ nennen, obwohl weder „Kaffer“ noch „Neger“ oder „Schlitzaugen“ mitmachen – im Vergleich zur anhaltenden Gefahr für die Demokratie auch fast einerlei. Trotzdem muss es ja weitergehen, darf es auch. Sogar mit Belanglosigkeiten im linearen Fernsehprogramm. Die haben ja durchaus ihre Berechtigung. Irgendwie. Manchmal.

Die Frischwoche

19. – 25. Februar

Obwohl – wenn die ARD am Donnerstag zur besten Sendezeit den künstlerisch, aber auch unterhaltungsmäßig irrelevanten ESC-Vorentscheid überträgt und das ZDF zugleich mit großem Trara die künstlerisch, aber auch unterhaltungsmäßig belanglose Verleihung der Goldenen Kamera, während die künstlerisch, aber auch unterhaltungsmäßig bedeutsamere Verleihung der Goldenen Bären zwei Tage später (19 Uhr) zu 3sat abgeschoben wird – dann sind da doch ganz schön viele Koordinaten bedenklich verschoben.

Um das zu verstehen, hilft es ungemein, sich Dominik Grafs klugen Essay Verfluchte Liebe deutscher Film anzusehen, der allerdings leider nicht bei ARZDF läuft, sondern heute um 23.20 Uhr beim WDR. Deutschlands wichtigster Regisseur beleuchtet darin eindrücklich, wie der süffige Nachkriegsheimatfilm erst zum sperrigen Autorenfilm radikalisiert wurde, um dank mehrerer Konterrevolutionen im Traumschiff abzusaufen. Hoffentlich wird Dominik Graf so alt, um in zwei, drei Jahrzehnten auf unsere Gegenwart zurückzublicken.

Ein Zeitalter, dessen Zeitgeist einzig jene Streaming-Dienste prägen, die es vor zwei, drei Jahren noch gar nicht gab. In der ARD gibt‘s dagegen zwar honorige Naturdokus wie Der blaue Planet (montags, 20.15 Uhr) oder den gewohnt sehenswerten Mittwochsfilm Fremder Feind – ein wirklich sehenswertes Freiluftkammerspiel mit Ulrich Matthes als Vater, der den Tod seines Sohnes beim Afghanistan-Einsatz beim Feldzug gegen einen Unsichtbaren kompensiert, der sein selbsterwähltes Asyl auf einer Bergalm terrorisiert.

Doch selbst dieses Schmuckstück des Primetime-Fernsehens (Regie: Rick Ostermann, Buch: Hannah Hollinger) täuscht nicht darüber hinweg, dass die entscheidenden Formate der Woche bei Netflix laufen. Seven Seconds zum Beispiel spielt die regelmäßigen Aufstände, mit denen sich Afroamerikaner gegen die rassistische Mehrheitsgesellschaft der USA erheben, ab Freitag in einer spektakulären US-Serie durch. Zugleich startet Mute, der eigenproduzierte Spielfilm des Kinovisionärs Duncan Jones (Moon). Im Berlin des Jahrs 2052 gerät der stumme Barkeeper Leo (Alexander Skarsgård) bei der Suche nach seiner verschwundenen Freundin in die abgründige Unterwelt einer dystopischen Großstadt.

Und im alten Fernsehen? Zeigt ZDFinfo am Mittwoch den interessanten Dokumentarvierteiler Von der Keule zur Rakete. Geschichte der Gewalt, während die Abschlussfeier der Olympischen Winterspiele Sonntagmittag (ZDF/Eurosport) wieder Platz schafft für fiktionales Programm – wie die Wiederholungen der Woche. Heute um 23.55 Uhr schwarzweiß auf Arte und eigens für die Berlinale restauriert: Das alte Gesetz, ein Ufa-Klassiker von 1923 über den Antisemitismus der Zwischenkriegszeit. 90 Minuten früher im ZDF zu sehen, aber 90 Jahre jünger und äußerst futuristisch – das ästhetische Weltraumdrama Gravity mit wenig Wort und viel Wirkung, Sandra Bullock und George Clooney. Im Tatort Verbrannt verabschieden sich Wotan Wilke Möhring und Petra Schmidt-Schaller, nachdem sie 2015 (Dienstag, 22 Uhr, NDR) den wahren Fall eines verbrannten Asylbewerbers in Dessauer Polizeigewahrsam – der neuen Erkenntnissen zufolge tatsächlich ermordet worden sein könnte – fiktionalisiert haben.


Gordon Raphael, Superchunk, Pete Astor

Gordon Raphael

Nein, wir wollen uns nicht täuschen lassen von äußerem Schein und bunten Flitterkram, wir wollen vorm Vorurteil ins Innere schauen und allem Anschein wenig Beachtung schenken. Wir wollen also, gelobt sei der Tiefgang, Gordon Raphael trotz des geschmacksverirrten Plattencovers eine Chance geben. Sie lohnt sich. Als Produzent von den Strokes oder Regina Spektor bislang eher Backstage bekannt geworden, begrüßt uns seines Debüt als Solo-Musiker mit einer altrosa wabernden Krautrock-Hülle, die auch klanglich zugekiffte Gitarrenteppiche mit synthiebegleitetem Selbsterweckungsgefasel befürchten lässt. Gut, all dies gibt es auf Sleep On The Radio durchaus. Aber eben noch so viel mehr.

Der Wahlberliner aus Seattle schafft es nämlich, Stoner so funkensprühend mit LoFi-Pop zu verweben, dass daraus eine der charmantesten Platten des – zugegeben noch jungen – Jahres wird. Sein Meisterwerk Is This It klingt darin ebenso durch wie ein viriler Mix aus Iggy Pop, Joe Jackson, Frank Zappa und Velvet Underground, die allerdings allesamt so lange durch den Wolf moderner Studiotechnik gedreht werden, dass es glockenklar schön wirkt. Wenn man sich Gordon Raphael jetzt noch auf Tour mit seiner Live-Band Half Full Flashes vorstellt, die aus Kollegen von Die Nerven bis Sea & Air besteht, möchte man sofort reinhüpfen in diese Scheußlichkeit von Cover und auch was von dem Zeug haben, das darin verabreicht wird.

Gordon Raphael – Sleep On The Radio (Zero Hours Records)

Superchunk

Ein bisschen nach gestern und doch modern zu klingen, mag für neue Bands bisweilen heikel sein. Für Superchunk ist es das denkbar größte Lob. Schon als ein George Bush ohne W. dazwischen US-Präsident war, drosch sich das Quartett aus North Carolina den Frust über den Rechtsruck ihres Heimatlandes aus den Saiten. Drei Jahrzehnte später nun ist dieser Rechtsruck zum vulgärnationalistischen Irrsinn angeschwollen, und die vier Freunde haben mehr Grund denn je, optimistisch dagegen anzurocken. “Es wäre einfach seltsam gewesen, wenn eine Band wie unsere das ignoriert hätte”, sagt Mitgründer Mac McCaughan und erklärt das Erscheinen von What A Time To Be Alive. War er nicht erklärt: Wie man so schlecht gelaunt so fröhlich wirken kann.

Ähnlich dem knappen Dutzend Platten zuvor, strahlt auch diese hier nämlich einen gut gelaunten Trotz aus, der mit den geschredderten Fuzz-Gitarren oder McCaughans lustig hochgepitchtem Geschrei allein nicht erklärbar wäre. Superchunk haben sich einfach die unbeschwerte Leichtigkeit der College-Garage bewahrt, ohne dabei je den Ernst des Großen Ganzen davor zu vergessen. Und das Schönste: Endlich gibt es hier Punk, dem man kein verschämtes Post voranstellt, kein Wave, das aufs No folgt. Alles ist ohne Punkt und Komma einszweidreiviergo, dabei jedoch filligran genug, um sich abermals vom genregemäßen Dilettantismus zu lösen.

Superchung – What a Time to Be Alive (Merge)

Pete Astor

So richtig lange dabei, wenngleich in einem völlig anderen Genre, ist auch Pete Astor. Angefangen im Indiepop vor mehr als 30 Jahren, blieb der Frontmann von Indiepop-Bands wie The Weather Prophets oder The Loft auch solo dem Indiepop treu und macht bis heute, genau: Indiepop. Ein schwieriges Metier, stets am brüchigen Rand von Kitsch und Mainstream. Nur zu weit vorbeugen darf man sich da eben nicht. Peter Astor wagte sich manchmal gefährlich nah an die Kante. Aber eben nie zu nah, heute – mit bald 60 – weniger denn je.

Schon vor zwei Jahren schaffte es sein achtes Album Split Milk, Leichtigkeit so mit Tiefgang zu verlinken, dass man ihn kaum wahrnimmt, aber untergründig spürt. Und der Nachfolger One For The Ghost führt das nun fort. Die zehn Stücke klingen, als säße Lou Reed mit den Beach Boys im Countryclub. Dank Pete Astors alterungsresistenter, fast hippieesker Stimme erinnert das manchmal an Emorockjungs der Neunziger wie Better Than Ezra oder Deep Blue Something. James Hoare (Gitarre), Franic Rozycki (Bass) und Jonny Helm (Drums) holen den Sound aber zurück in die Gegenwart des Urban-Folk. Klingt heiter, fühlt sich gut an, hört man so weg. Schönes Album.

Pete Astor – One For The Ghost (tapete records)

 

 


Daniel Donskoy: Judentum & Fernsehpfarrer

Ich lache viel und laut

Die RTL-Serie Sankt Maik ist bestenfalls netter Durchschnitt. Weil Daniel Donskoy darin jedoch die Titelfigur – einen (tihi) falschen Pfarrer – spielt, muss man sie dennoch beachten. Der hyperkosmopolitische Schauspieler mit mindestens fünf Heimaten ist so ziemlich das erfrischendste, was das Mainstreamfernsehen derzeit zu bieten hat. Ein Gespräch über jüdische Wurzeln, internationale Produktionen und wie er mal an einem Tag als US-Offizier, SS-Scherge, schwuler Pianist gecastet wurde.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Daniel Donskoy, Sie sind geboren in Moskau, aufgewachsen in Berlin, weiter gewachsen in Tel Aviv, zum Studium zurückgekehrt nach Berlin und von dort nach New York gezogen. Hab ich was vergessen?

Daniel Donskoy: London fehlt noch.

Sind Sie angesichts Ihrer vielen Stationen irgendwo heimisch?

Geografisch nicht. Ich bin schon da zuhause, wo es Menschen gibt, mit denen ich mich wohlfühle. Tel Aviv ist mir wichtig, weil meine Mama da lebt, bei meinem Vater in der Schweiz gibt‘s auch ein Zuhause. Weihnachten feiere ich seit zehn Jahren mit Freunden in Wien.

Fehlt da nicht manchmal ein Ankerplatz?

Nee. Schon deshalb nicht, weil ich selbst Köln zuletzt als einen betrachten konnte, weil ich da Sankt Maik gedreht hab. Was mich verankert ist letztlich meine russische Erziehung zweier Eltern, die mir die Chance gegeben haben, frei zu leben, mich frei zu bewegen. Dank ihnen ist mir klar, dass sich weiße Männer wie ich immer wieder mal vor Augen halten müssen, wie privilegiert sie eigentlich sind.

Dieses Privileg hat Sie jetztwieder zurück in den deutschen Sprachraum geführt. Fühlen Sie sich da womöglich schon sprachlich sicherer als im Ausland?

Zurzeit passt es, weil vieles zurzeit funktioniert. Grundsätzlich möchte ich gern überall auf der Welt arbeiten, auch wenn das viel Zeit erfordert. London, wo ich sehr international besetzt wurde, war auch toll. Aber das hier läuft grad noch toller. Ich darf eine Menge sehr verschiedener Dinge drehen. Den Mörder bei der SOKO Köln, einen Soldaten bei der SOKO Leipzig, einen Studenten bei Heldt, einen Womanizer im Tatort, dazu den Pfarrer Sankt Maik.

Wie es scheint, ist das Ihre erste wirklich komische Rolle.

Meine zweite. Aber der Humor in der englischen Serie Detectorists ist so britisch, dass er in Deutschland kaum bemerkt, geschweige denn verstanden wird. Deutsche Comedy ist da einfach offensichtlicher. Wobei wir bei Sankt Maik das große Glück hatten, dass es eine Dramedy ist; da mussten wir nicht ständig kalauernd auf den Putz hauen; der Witz entsteht eher aus Figuren als Worten

Sind Figuren wie Ihr Kleinkrimineller, der sich als Pfarrer ausgibt, realistisch?

Zunächst mal ist sie fiktional. Natürlich wäre so eine Figur in unserer Welt irreal, aber in der, die die Ufa da kreiert, ist sie stimmig und damit wahrhaftig. Außerdem machen wir hier kein Dokumentarfilmformat, sondern Unterhaltung für die ganze Familie. Ich finde, das ist etwas sehr Schönes, auch meine Rolle darin.

Entspricht dieser extrem exaltierte Gauner von der Art ins Leben zu springen auch Ihnen als Schauspieler?

Nein. Denn ich kann sein, wie ich bin.

Sehr fröhlich und offenherzig so scheint es.

Stimmt schon: mit weniger Selbstbewusstsein wär die Rolle nichts für mich. Ich lache auch viel und laut, schon weil die Welt zu traurig für noch mehr Trübsinn ist. Ich sehe die Dinge gern positiv, sonst wäre ich längst klinisch depressiv. Maik ist da ähnlich, aber er muss damit anders als ich ständig etwas überspielen, um andere zu täuschen. Deshalb ist es mir wichtig, klarzustellen: ich bin nicht Schauspieler geworden, um im Mittelpunkt zu stehen. Dass RTL einen Newcomer wie mich dennoch dorthin stellt, finde ich dennoch enorm mutig. Oh Mann, ich liebe diesen Beruf.

Warum genau?

Ach, als Biologie-Student hätte ich doch sonst nie die Gelegenheit gekriegt, so tief ins Leben eines katholischen Pfarrers einzutauchen. Oder den Zar von Russland zu spielen. Oder in was ich sonst so hineinschlüpfen darf. Schauspiel kommt da der Psychologie sehr nahe, weil man Charaktere wirklich verstehen lernt.

War dieses Bedürfnis, in Rollen einzutauchen, bei Ihnen familiär vorgeprägt?

Nee, aber es waren sehr aufgeschlossene Menschen. Mein Vater kommt aus dem IT-Bereich, meine Mama aus dem innenarchitektonischen. Sie hat mich mit 20 bekommen und kurz darauf getraut, der Sowjetunion den Rücken zu kehren, um woanders etwas Neues, Besseres zu finden. Diese empathische Weltoffenheit hat mich mehr geprägt als ihr Beruf. Außerdem ging bei uns zuhause viel um Bildung, kultiviert zu sein gehörte ebenso dazu wie ein Musikinstrument zu spielen. Mein Opa ist Geigenvirtuose, meine Oma Pianistin, die geben noch immer gern ein Duett, sobald Gäste kommen.

Also doch eine künstlerische Prägung.

Schon. Aber entscheidend ist: keinem in unserer Familie war je daran gelegen, sein Gesicht auf einem Plakat zu sehen. Es ging immer um den künstlerischen Ausdruck. Obwohl meine Mama fast ganz groß rausgekommen ist. Als sie mich mal am Set besucht hat, durfte sie als Komparsin durchs Bild laufen. Das fand sie nach kurzer Gegenwehr sogar lustig. Plötzlich fehlte jedoch eine Kleindarstellerin, weshalb die Regie fragte, ob Mama das machen kann. Sie durfte dann eine Pornoproduzentin spielen, die Viagras durch den Raum trägt. Das war’s aber auch mit dem Rampenlicht.

Bildet die Familie Ihrer Mutter den jüdischen Teil Ihrer Biografie?

Beide Familien. Vielleicht bin ich vom Glauben her deshalb so traditionell veranlagt.

Inwiefern traditionell?

Ich glaube zwar nicht an das, was im Alten Testament steht, gehe aber mindestens einmal im Jahr in die Synagoge. Am Judentum wie an jeder anderen Schriftreligion finde ich allerdings schwierig, dass ihre heiligen Bücher viel zu konkret gelesen werden, anstatt sie zu abstrahieren. Im Judentum zum Beispiel gibt es geschichtlich betrachtet keine säkulare Alternative zur Bibel, um sich seiner historischen Identität zu versichern. Ich betrachte sie dagegen eher als metaphorischen Leitfaden fürs Leben. Aber egal, ob ich in Tel Aviv, Neukölln oder London gelebt habe: Überall kamen so viele Ethnien zueinander, dass Herkunft und Kultur kaum noch eine Rolle gespielt haben. Das war überaus befreiend und hat meine jüdische Herkunft wieder ein bisschen relativiert.

Hat Ihnen Ihr Elternhaus dennoch was vom legendären jüdischen Humor mitgegeben?

Ja klar. Und die herrliche jüdische Streitkultur. Auf der Schauspielschule wurde ich mal gefragt: Hey Daniel, what do you think ist the essence of jewish humour?

Und was war die Antwort zur Essenz des jüdischen Humors?

(lacht) Frag einen Juden!

Werden Sie oft als solcher besetzt?

Kürzlich, ja. Als israelischer Soldat bei der SOKO Leipzig. Das war echt faszinierend und trotz einiger Fehlinterpretationen super recherchiert. Zumal es da mal nicht wie so oft um den Holocaust ging, sondern den Alltag – auch wenn darin Neonazis vorkommen. Ansonsten versuchen mich die Produzenten überhaupt nicht in die israelische Ecke zu besetzen, eher schon in die katholische (lacht). Die Vielschichtigkeit meiner Rollen könnte zu solch einem frühen Zeitpunkt meiner Laufbahn kaum größer sein. Ich wurde kürzlich morgens für eine Netflix-Serie als amerikanischer Sicherheitsoffizier gecastet, danach als SS-Offizier im besetzten Frankreich, zuletzt als schwuler Pianist. Drei derart verschiedene Figuren, alle an einem Tag.

Kommt man da nicht durcheinander?

Nicht, wenn du genau weißt, wer du bist und was du willst. Um immer wieder zu mir zurückzufinden, mache ich zum Ausgleich viel Sport und Yoga. Das ist grad für Schauspieler enorm wichtig.


Joko, Groko, SOKO & O.KO

Die Gebrauchtwoche

5. – 11. Februar

Die Top-News der vorigen Woche enden definitiv auf „oko“. Erst erlangte uns die irre Nachricht, dass Pro7 seinem ansehnlichen, aber einsilbigen Aushängeschild Joko (Winterscheidt) ab März mehr zutraut, als laut über die Witze von Klaas (Heufer-Umlauf) zu lachen, und ihm eine eigene Late-Nite-Show gibt. Dann nahmen die Koalitionsverhandlungen nach gefühlt 2000 Jahren ein vorläufiges Ende mit der Vorlage eines Groko-Vertrags, dessen Zustandekommen uns aber wohl auch die nächsten 2000 Jahre begleiten wird. Zwischendurch verkündete das ZDF dann noch, dass die unendliche SOKO-Reihe demnächst um den Standort Hamburg erweitert wird. Und zuletzt drohte Oli Welke fast der KO, weil er in der heute-show über jemanden gelästert hat, der stottert.

Gut, dieser angedeutete O.KO wurde nur deshalb zur Meldung, weil der, wie Welke flugs erklärte: versehentlich Verulkte mit Sprachfehler ein Mitglied der AfD war. Und die forderte im üblichen Stürmer-Jargon die unverzügliche „Entfernung“ des Moderators vom ZDF, was gewiss nur deshalb nicht „Ausmerzung“ oder „Vernichtung“ hieß, weil der zuständige AfD-Referent auf der Tatstatur ausgerutscht sein muss. Tatsache ist: Wenn es um sie selbst geht, haben Rechtspopulisten durchaus mal Probleme mit Menschenverachtung. KrOKOdilstränen der größten Fressfeinde von Anstand und Respekt – auch mal schön zu hören.

Ebenfalls mit „o“, aber ohne „ko“ war ein Sandkorn Nichtberichterstattung, das zum Gebirge eines Marketingscoops aufgeblasen wurde: In der Pause des Superbowl-Finales am vorvorigen Wochenende verkündete Netflix, das die mehrfach verschobene Fortsetzung der Cloverfield-Reihe mit dem Zusatz Paradox nun doch nicht auf Leinwand laufe, sondern ab sofort beim Streamingdienst. Das war in der Tat ganz schön überraschend. Medial betrachtet. Darüber hinaus jedoch ist Teil 3 der Science-Fiction-Horror-Dystopie über außerirdische Invasoren, die Daniel Brühl in der Hauptrolle vom Weltall aus beobachtet, nach einhelliger Meinung aller Beobachtenden zwar optisch sehr ansehnlich, inhaltlich dagegen alter Wein in neuen Schläuchen, ergo: komplett irrelevant – wie Das Ding des Jahres – die neue Show von Stefan Raab, in der angeblich tolle Erfindungen zur Abstimmung einer fröhlichen Jury aus einem Ex-Topmodel, Joko ohne Klaas und dem Werbepartner Rewe standen. Schnarch.

Die Gebrauchtwoche

5. – 11. Februar

Es passt so gesehen aber ganz gut ins Ganze des Fernsehens, das voll im Schatten der Olympischen Spiele steht, weshalb viele Sender in Konkurrenz zum wintersportlichen Dauerbeschuss auf Wiederholungen setzen. Arte dagegen macht das einzig Richtige und kontert die verlogene Goldjagd am Dienstag um 20.15 Uhr mit einer sehr sehenswerten Doku über Die Dopingspirale und haut im Anschluss auch noch ein wenig auf die Korruption der FIFA ein. Und ARZDF? Na ja, da hoffen wir mal, dass in der zweiten Wettkampfwoche zur sichtbaren Zeit kritisch übers teure Lizenzprodukt berichtet wird. Die ARD muss sich dank ihres Enthüllungsreporters Hajo Seppelt da ohnehin nichts vorwerfen. Und dass sie Mittwoch eine kreative Eigenproduktion gegen die Champions League im Zweiten ansetzt, spricht auch fürs Erste.

Kai Wessels düstere Vision Aufbruch ins Ungewisse beleuchtet die Migrationsfrage aus umgedrehter Perspektive: Weil ihre Heimat in einer sehr aktuellen Zukunft von Rechtspopulisten regiert wird, flieht der politisch verfolgte Randgruppenanwalt Jan (Fabian Busch) mit seiner Familie aus Deutschland nach Afrika. Das wirkt zunächst recht hanebüchen, entfaltet aber rasch eine beklemmende Sogkraft. Und gleicht darin Staffel 2 der famosen Serie Occupied (Donnerstag, 20.15 Uhr, Arte), die in vier Doppelfolgen Norwegens Besatzung durch russische Truppen beschreibt. So richtig weit entfernt davon ist 24 Stunden vorher an selber Stelle dann auch der Berlinale-Gewinner Taxi Teheran von 2015 nicht. Regisseur Jafar Panahi fährt darin durch seine Stadt und spricht mit den Fahrgästen auf erstaunlich leichtfüßige Art übers Leben in einer Diktatur.

Im Anschluss (21.35 Uhr) befasst sich Deutschlands einflussreichster Arthausregisseur mit Massenwirkung, Dominik Graf, in Offene Wunde deutscher Film mit der hiesigen Kino- und Fernsehgeschichte. Und wenn einer seiner Nachfolger irgendwann mal auf das Programm von heute zurückblickt, wird er vermutlich nicht allzu nett über St. Josef am Berg reden, womit die ARD auf dem Degeto-Platz am Freitagabend in Reihe beweist, dass ihr eine dicke Schicht Heimatfilmsoße auf belangloser Drehbuchsülze immer noch lieber ist als Anspruch ohne Quotengarantie. Das gibt es dafür im Anschluss auf Arte, wo die Kollage Montage of Heck experimentell das Leben von Kurt Cobain erzählt. Und Freitag auf Sky nimmt Showrunner Alan Ball 17 Jahre nach seiner Seriensensation Six Feet Under in Here and Now wieder mal eine amerikanische Familie unter die Lupe, diesmal im Hipster-Eldorado Portland.

Womit wir bei den Wiederholungen der Woche sind. In Schwarzweiß immer wieder aufs Neue besonders: Es geschah am hellichten Tag (Sonntag, 20.15 Uhr, Arte), 1958 noch mit zwei „l“ und einem Heinz Rühmann in so großer Form, dass man ihm die Vergangenheit als Göring-Liebling glatt verziehen hat. Politisch auf der richtigen Seite stand im selben Jahr Flucht in Ketten (Donnerstag, 21 Uhr, 3sat) mit Sidney Poitier und Tony Curtis, einer der ersten Blockbuster zum Thema Rassismus. Weniger ideologisch, aber bei allem Ulk durchaus tiefgründig war Ben Stiller als Model im Kampf um größtmögliche Selbstverliebtheit (Zoolander, Dienstag, 20.15 Uhr, Pro7Maxx) von 2001. Zehn Jahre jünger und gewohnt sozialkritisch: der Tatort-Tipp Mord in der Ersten Liga mit Maria Furtwängler, die es am Dienstag um 22 Uhr (NDR) mit Homosexualität im Profifußball zu tun kriegt.