Milliardenmarken & Lustspielkunst

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

23. – 29. Mai

150.000 Euro – so viel verspürte der FC Bayern München trotz eines Jahresumsatzes oberhalb der Halbmilliardenmarke zu wenig auf dem Konto, um seine Meisterfeier kostenlos im Bayerischen Rundfunk übertragen zu lassen. 150.000 Euro – so viel wollte der weltweit viertwertvollste Fußballclub vom TV-Sender, also uns, den Gebührenzahlern für Bilder vom Rathausbalkon eintreiben. 150.000 Euro – das ist grob geschätzt der PR-Wert, den jede Sportschau, jeder sinnlose Beckenbauer Cup, jedes Dauerwerbeprogramm für den Rekordmeister auf öffentlich-rechtlichen Kanälen in die rappelvolle Kasse spült. 150.000 Euro – das ist demnach die Summe jener Lächerlichkeit, der sich dieser große, alte Verein zuweilen preisgibt.

Das einzig Gute daran ist, dass sich der BR vom FCB – diesmal zumindest – nicht erpressen ließ. Allerdings reagiert ein Alleinherrscher dieser Machtfülle auf Insubordination des Pöbels generell gern bockig. Könnte also sein, dass der global operierende Finanzkonzern mit angeschlossener Sportabteilung doch nicht an einem Projekt teilnimmt, dass die benachbarten Rundfunkmacher am Freitag von Arte klauen. In 24 Stunden Bayern wird dann wie zuvor schon in Berlin und Jerusalem ein vollständiger Tag bajuwarischen Alltags gefilmt und exakt ein Jahr später in Echtzeit ausgestrahlt.

Dem Vernehmen nach hat Karl-Heinz Rummenigge gefordert, dass alle Protagonisten Bayern-Trikots tragen und am Ende jeder Szene die Vereinshymne singen. Ob der BR auch da nicht mitmacht, sehen wir dann am 3. Juni 2017. Vorher sei hiermit empfohlen, sich in diesem Internet da draußen mal anzuschauen, was der wunderbare Late-Nite-Host Jimmy Fallon von einem deutschen Technokünstler namens namens Scooter so hält: Ebenso wenig wie vom deutschen Fernsehen, das dürfte wohl klar sein. Mutlos, so lautet das Urteil aus den USA oft, weshalb Krawall zu harmlos, Humor zu plump und Drama zu pädagogisch sei.

NeidDie Frischwoche

30. Mai – 5. Juni

Ein Regisseur, der mit unpädagogisch heiterem Krawall von hohem Niveau gegenhält, ist Tobi Baumann. Kennern bekannt aus Ladykracher, Pastewka und ähnlichem Geschmeide deutscher Lustspielkunst, feiert das Privatfernsehgewächs am Donnerstag im ZDF sein öffentlich-rechtliches Debüt, und man erkennt sofort seine Qualität. Neid ist auch keine Lösung dekliniert die Midlifecrisis des neuen 30 (also 40) mit so leichtfüßigem Ernst durch, dass erfrischend offen bleibt: ist das nun Komödie oder Problemfilm?

Marie und Markus verlassen für ein Wochenende Reihenhaus und Kinder, um den 40. Geburtstag einer alten Schulfreundin zu feiern. Angesichts des luxuriösen Lebensstils der lässigen Jubilarin löst das eine Kettenreaktion der Missgunst der zwei Gäste aus, die es sich in ihrer soliden Mittelmäßigkeit eingerichtet haben. Vor allem Christina Hecke (beneidenswert) und Stefanie Stappenbeck (neidisch) steuern dabei versiert auf den finalen Offenbarungseid hin, was den Film zu einer angenehm nachhaltigen Selbstreflexion macht.

Gänzlich humorfrei, aber sehr eindrücklich bewirkt das heute Abend der ZDF-Film Ellas Entscheidung. Wegen ihrer Erbkrankheit entscheidet sich die Titelfigur (Anna Schudt) für künstliche Befruchtung und selektiert bedrohliche Eizellen durch Präimplantationsdiagnostik aus. Das allerdings ruft innere wie äußere Konflikte hervor und geht in seiner herausgestellten Sachlichkeit mehr an die Nieren als so manches Tränendrama. So eines hat vermutlich RTL2 im Auge, wenn es zeitgleich sein intellektuellstes Aushängeschild Daniela Katzenberger mit Lucas im Hochzeitsfieber inszeniert, bevor sie den Schlagersängersohn Cordalis Samstag live zur besten Sendezeit heiratet. Flasche Korn, Packung Aufputschmittel, Gehirn ausschalten – dann wird das sicherlich ein großer Spaß.

Ohne Schnaps, Drogen und Stumpfsinn erträglich ist wie gewohnt Arte, wenn es die verstörend gute Mysteryserie Jordskott am Donnerstag ab 20.15 Uhr ins Staffelfinale bringt und tags drauf kurz vor Mitternacht ein paar Highlights vom 32. Hamburger Kurz Film Festival zeigt, die meist in wenigen Minuten das Ganzjahresniveau von RTL überbieten. Und wer dachte, zwischen Bundesliga, EM und Olympia gebe es mal eine öffentlich-rechtliche Bewegungspause – Pustekuchen! Zur Sportschauzeit zeigt das ZDF ein Fußballspiel der Deutschen gegen Ungarn.

Zum richtigen Showdown kommt es aber am Sonntag: Während die ARD ihr Tatort-Team in ein Berlin voll moralisch abgestumpfter Teenys schickt, soll Mensch Gottschalk erkunden, was Deutschland bewegt: Terrorgefahr, Autonomobilität, Krebs, Pubertät, solche Sachen, die ausgerechnet der ewig blonde Dampfplauderer im Gespräch beleuchten will. Na ja, wenn es schon keine Erkenntnisse erbringt, dann gewiss ein nostalgisches Gefühl jener Tage, als Fernsehen noch relevant war.

Apropos: 1972 ist jene Wiederholung der Woche namens Schottische Trilogie entstanden, in der Regisseur Bill Douglas heute (22 Uhr, Arte) einen bildmächtigen Schwarzweißblick zurück auf seine bitterarme Nachkriegszeit wirft. Einen kalten Krieg später spielt morgen in Farbe Bis nichts mehr bleibt (22.10 Uhr, WDR), wo Silke Bodenbender so authentisch in die Fänge von Scientology gerät, das der preisgekrönte Film 2010 auch politisch für Aufruhr sorgte. Aufruhr ist ein gutes Stichwort zum Dokutipp über Vincennes – Die revolutionäre Uni, in der nach ihrer Gründung nahe Paris im Aufruhrjahr 1968 von Michel Foucault über Gilles Deleuze bis Herbert Marcuse so ziemlich alles lehrte, was für die 68er philosophisch Rang und Namen hatte.


Denkmalsschutz: Altbauglanz & Abrissbirne

1-BA-621-2_28_A7 (2)Aus neu mach neu

Wer heutzutage Denkmalschutz sagt, meint meist uralte Prachtbauten von Kirche bis Rathaus. Dass er auch für zahllose Nachkriegs-, also Neubauten gilt, ist eher unbekannt – und keinesfalls unumstritten. Eine Suche nach Erhaltenswertem jüngeren Baujahrs am Beispiel eines Hamburger Amtsgebäudes, das trotz Schutzstatus kurz vorm Abriss stand.

Von Jan Freitag

Der große Sitzungssaal ist ganz schön klein. Schon wenn sich darin, wie an diesem sonnigen Frühlingstag, zwei Dutzend Ausbildungsleiter der städtischen Kernverwaltung treffen, wirkt es dort, wo 60 Jahre zuvor ein neuer Wind durch Hamburgs Bürokratie blies, eng und muffig. Wie soll es da in der nostalgischen Furnierholzvertäfelung erst zugehen, wenn die Bezirksversammlung tagt? Falls alle kommen, meint Harald Rösler, „müssen die zusammenrücken“. Als der Leiter des Bezirksamts Nord 50 Jahre zuvor im damaligen Ortsamt Eppendorf seine Lehre begann, hätten dort ja noch 40 Abgeordnete getagt. „Jetzt sind es 51.“

Entsprechend nüchtern wirkt der Chefadministrator des Areals zwischen Airport und Alster, als er die Perle seines Amtssitzes zeigt. Dabei ist der gesamte Bürokomplex ein architektonisches Juwel, mit dem Hamburgs Erster Baudirektor Paul Seitz der jungen Demokratie einst ein Monument kommunaler Selbstverwaltung erschuf. Um auch baulich den Staub aus der Obrigkeitsstaatlichkeit vordemokratischer Zeit zu klopfen, erzählt Harald Rösler im resopalgrauen Büro mit Blick auf die lauteste Kreuzung der Gegend. Um aufzuräumen im bürokratischen Morast.

Wie Grindelhochhäuser, Alsterschwimmhalle, die Staatsoper war auch das Bezirksamt-Nord bei seiner Eröffnung 1958 kühn, verwegen, also schon bei Grundsteinlegung denkmalschutzwürdig. Betonung auf war. Imperfekt. Denn gut ein halbes Jahrhundert nach dem letzten Anbau von historischem Rang taugt die Backsteinkonstruktion der Schreibmaschinenära nicht mehr so recht fürs Internetzeitalter. Meinen ihre Besitzer, meint auch Harald Rösler. „Wir kommen zurecht“, sagt der Mittsechziger nach einem lückenlosen Erwerbsleben vor Ort. Doch Denkmalschutz hin oder her – wenn es was Besseres für ihn und seine 650 IMG_5807Mitarbeiter gäbe, „stelle ich mich dem nicht entgegen.“

Was er dann auch nicht tat, als mit dem Verkauf der Immobilie an die Richard Ditting GmbH vor zwei Jahren ein Ideenwettbewerb zur Umgestaltung begann. Der sollte das ganze Spektrum von Erhalt bis Abriss erbringen. Eigentlich. Faktisch aber kam keinem Wettbewerber etwas anderes in den Sinn als Kahlschlag. Keinem einzigen! „Denkmalschutz hatte keine Priorität“, moniert Maria Koser vom neubaukritischen Stadtteilarchiv. Es gab allerdings einen Planungsbeirat aus Vereinen, Bürgern und Initiativen des Quartiers, der seinen Einfluss geltend machte. Es gab also neben Gewinn- und Geltungsstreben und „ein Beispiel demokratischer Einbindung“, wie Koser lobt. Es gab demnach viel Streit, „aber auch fruchtbare Debatten“, wie Amtsleiter Rösler bestätigt. Ende 2014 aber gab es: einen Ideenstopp. Status Quo. Bis auf Weiteres.

Was zwei Fragen aufwirft: Warum opfert die Freie & Abrissstadt Hamburg selbst bei wunderschönen Stadtvillen am Alsterufer den Denkmalschutz so leicht? Und: warum braucht Nachkriegsarchitektur wie die City-Höfe am Hauptbahnhof eigentlich gesetzliche Fürsorge? Jedes achte der rund 5000 Baudenkmäler ist nach 1945 erbaut, scheinbar also, nun ja, zu neu, um erhaltenswert zu sein. Anders als Laien glauben, erklärt das zuständige Amt nicht nur das per Verwaltungsakt zu Wahrzeichen, was golden glänzt wie Hamburgs Rathaus, Irdischem trotzt wie der Michel oder Gäste lockt wie die Landungsbrücken; über konsensfähige Attraktivität hinaus, erklärt Enno Isermann von der Kulturbehörde, begründen auch „historische, künstlerische, wissenschaftliche Bedeutung oder die Bewahrung charakteristischer Eigenheiten des Stadtbildes ein öffentliches Erhaltungsinteresse“. Anders ausgedrückt: Die todgeweihten City-Höfe am Hauptbahnhof mögen nicht mehr schön sein, stadtsoziologisch bedeutsam sind auch nach Jahrzehnten gezielter Verwahrlosung noch immer.

b-luftbildIm Bezirksamt Nord mit seinem wabenförmigen Grundriss, der zeittypischen Stahlskelettkonstruktion und dem nimmermüden Paternoster im luftigen Treppenhaus, mehr aber noch der Grundschule nebenan, die Helmut Schmidts Sandkastenfreund Gerhart Laage 1955 im Lichte innovativer Sonderpädagogik entworfen hatte, kam aber noch etwas anderes hinzu. Rösler nennt es „politische Komponente“. Er spricht das trocken aus, ohne Wertung, gar Empathie. Abwägungsprozesse, Belastungsszenarien – solche Begriffe wirft der Pragmatiker im hanseatisch blauen Zweiteiler beim Rundgang oft durch sein Reich. Er sieht es als funktionalen Mikrokosmos, der früher Bücherhalle, Druckerei, Kohlenkeller zählte und nun eben digitalisierte Dienstleistungszentren für Bürger, die jetzt Kunden heißen. Dank dauernder Modernisierungen gebe es demnach keinen Leidensdruck. Dennoch dürfe Denkmalschutz nicht dazu führen, „die Stadt in alle Ewigkeit einzufrieren“.

Der glasstählerne Beleg dieser denkmalschutzkritischen Haltung steht in Sichtweite. Wo einst ein kommunales Kino, später dann Karstadt im schmucken Art-Deco residierten, ragt seit 2008 das Technische Rathaus klinisch weiß ins Farbllinkerumfeld. Oberflächlich betrachtet passt der organisch runde Zweckbau zur kantigen Verwaltungszentrale daneben wie der Fernsehturm zu Planten un Blomen. Aber so, wie sich Hamburgs höchstes Gebäude im Kontext der betonsüchtigen Sechziger unentbehrlich gemacht hat, könnte Hadi Teheranis mondäner Wurf seinerseits den Zorn künftiger Denkmalschützer auf sich ziehen – wenn ihn der Investor nach Ablauf des 20-jährgen Pachtvertrags für überflüssig hält.

Freunde des baulichen Bestands sehen die Sache mit dem Bezirksamt daher differenziert. Als voriges Jahr mit dem Alten Brauhaus das (vor)letzte Stück dörflicher Struktur aus dem Viertel gerissen wurde, war der Widerstand auch wegen des seelenlosen Ersatzes so laut: Ein öder Riegelbau, wie er von Flensburg bis Füssen die Städte dominiert. Teheranis Rathaus, räumt selbst Hakim Raffat vom nostalgischen Stadtteilarchiv ein, „zeigt immerhin Mut.“ Das Gros der Neubauten diene dagegen nicht dem Mensch, nur der Rendite. Dabei sind Deutschlands Städte im Grunde fertig, also allenfalls für Nachverdichtung und Verfallsbeseitigung geeignet.

Für diesen raumsoziologischen Konsens ist Hamburg jedoch kein gutes Pflaster. Nirgends ist Denkmalschutz zahnloser, nirgends Abriss leichter; da hat Ole von Beust ein Trümmerfeld ertragsorientierter Privatisierung hinterlassen, das alle Bürgermeister vor ihm bestellt haben – und sein Nachfolger nicht weniger. Das Bezirksamt ist also keinesfalls gerettet. Harald Röser nennt den Erhalt daher „Momentaufnahme“, als er auf einen Vogel überm Dauerstau zeigt. „Das ist unser Reiher.“ Der flöge ständig über sein Büro mit dem mächtigen Airbus an der Wand zum Teich im Park gegenüber. Dorthin, wo jüngst ein historisches Schwesternheim des benachbarten UKE statt saniert öde ersetzt wurde. Denkmalschutz, Denkmalschutz her.

Der Text ist zuvor bei Zeit-Online erschienen

Moop Mama, Stabil Elite, Fidji Condo Chief

MOOP_MAMA_Album_160309_500Moop Mama

Der deutsche HipHop mag auf vertikaler Ebene, also insgesamt betrachtet, ziemlich vielfältig wirken; horizontal betrachtet, also auf der Ebene einzelner Bands hingegen erscheint er zuweilen etwas, nun ja, monothematisch. Da gibt es die Quatsch-Rapper und die Gangster-Rapper, die Stadien-Rapper und die Conscious-Rapper, die Crossover-Rapper und die Just-Schmuse-Rapper. Was in dieser Aufzählung entsprechend fehlt, sind die Aberwitz-Rapper mit dem Mut, ihr Genre mit subversivem Witz zu dekonstruieren, dabei aber nicht ins Lächerliche zu ziehen oder bloß billigstmöglich auszubeuten. Rapper wie Moop Mama. In Fußballmannschaftsstärke ringt die Brasscombo aus München dem Sprechgesang eine virtuose Vielfalt ab, die auch auf dem dritten Album hinreißt.

Ob das Kollektiv sich überhaupt dort verortet, sei mal dahingestellt, aber M.O.O.P.topia flankiert Keno Langbeins leicht näselnde Raps mit einer fabelhaften Spielfreude, die kaum eine andere Interpretation zulassen. Atmosphärisch erinnert das bisweilen an Seeed, allerdings musikalisch mit dem Wagemut von K.I.Z. und Guaia Guaia, was das Ganze zum permanent beweglichen Parforceritt durch alle denkbaren Begleitstile des HipHop macht. Mal poppig, mal rockig, oft jazzig, meist funky, vielfach einfach nur wahnsinnig unterhaltsam. Nicht die Neuerfindung des Stilbruchs, keine Frage. Aber ein großangelegter Breitbandspaß für alle außer Puristen.

Moop Mama – M.O.O.P.topia (Mutterkomplex)

TT16-SpumanteStabil Elite

Der Frühling ist eine Zeit prachtvoller Entfaltung mit altbekannten Mitteln. Es grünt und blüht und sprießt, als entstünde die Welt komplett aufs Neue. Aber das tut sie natürlich nicht. Was uns die Sinne mit Farbe, Sound, Geruch vernebelt, entspringt demselben Genpool wie im Mai zuvor. Und sieht es bei nüchterner Betrachtung nicht auch exakt so aus? Gegenfrage: Wieso nüchtern betrachten? Meinen auch Stabil Elite, öffnen ein Fläschchen Spumante und feiern den musikalischen Hedonismus, als wären Popper keine Erfindung der frühen Achtziger, sondern von gestern Mittag bei 25 Grad. Wie auf dem Debütalbum vor vier Jahren holen die fünf – ausgerechnet! – akkurat gekleideten Düsseldorfer das geschmeidige Synthiegeklimper von damals aus dem Keller.

Jene fernen und doch ständig wiederbelebten Tage, als der New Wave zur Neuen Welle geriet. Daraus machen sie allen Ernstes saxofonschwangeren Synthiepop zwischen Peter Licht und Palais Schaumburg. Das ist in jeder Note fast zu viel des Grünens, Blühens, Sprießens und doch der ideale Soundtrack einer Zeit des Erwachens. Zumal die dahingehauchten Texte in blumigem Deutsch das Leben in der Matrix ringsum regelmäßig mit poetischer Nonchalance entlarven. Die durchpolitisierte Hochkultur darf ja gern weiterhin Club Mate im Diskurskeller trinken; Stabil Elite sonnen sich derweil mit Softeis und Milchcafé im Strandcafé nebenan.

Stabil Elite – Spumante (ITALIC Recordings)

fidji-condo-chief-condo-islandFidji Condo Chief

Nur ein paar Tische weiter, Blick auf den Rhein, erholen sich womöglich gerade Fiji Condo Chief von einer Nacht besagtem Club darunter. Statt Softeis und Milchkaffee nehmen die fünf – ausgerechnet! – exzentrisch gekleideten Kölner allerdings eher warmen Absinth und Filterlose zu sich, was aber nichts über den Grad der Entspannung aussagt. Grundlage ihres windschief swingenden Retropops ist schließlich eine Mischung aus Fusion-Jazz und Psychobeat, den das Kollektiv um die Electroavantegardistin Niobe mit spielerischer Gelassenheit aus dem Souterrain ins Sonnenlicht befreit.

Wie zuletzt der persisch-hanseatische Wahlberliner Malakoff Kowalski oder einst die Fun Lovin‘ Criminals, entfesselt ihr Debütalbum Condo Island zum struppigen Crooner-Gesang des Bühnenkantengewächses Tillian eine nostalgische Coolness, die in kein Raster passt und doch alle ausreizt. Praktisch jedes Genre aus dem Mitteldrittel des 20. Jahrhunderts von Rock’n’Roll bis Disco findet da elektronisch aufgemöbelt Platz. Denkt man sich das papierne Dictionary-Englisch mal weg: die lässigste Platte des Frühlings.

Fidji Condo Chief – Condo Island (Onglagoo Records)

Zwei der Reviews sind vorab auf Zeit-Online erschienen

Ursula Strauss: Amnesie & Wiener Schmäh

csm_Meine_fremde_Frau_Oliver_Roth_01_572a0957baSo läuft des G’schäft

Durch tragende Nebenrollen hat sich Ursula Strauss (Foto: ZDF) still und leise an Hauptrollen herangetastet. Wie im ZDF-Film Meine fremde Frau, wo die Österreicherin heute Abend an der Seite ihres Landsmanns Harald Krassnitzer eine Amnesie-Patientin auf der Suche nach Vergangenheit und Zukunft spielt. Ein Gespräch über Vergessen, Melancholie, Humor und warum sie es historisch mag.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Ursula Strauss, in Meine fremde Frau verlieren Sie vollständig ihr Gedächtnis. Wie spielt man Vergessen?

Ursula Strauss: Indem man versucht, die Welt mit erwachsenen Kinderaugen zu betrachten, unbelastet von vorherigem Wissen, dabei aber nicht leichtfüßig, sondern schwermütig. Was für den Amnesie-Patienten neu ist, entfacht statt kindlicher Neugierde ja vor allem Ängste.

Was unterscheidet diese Art des Wissensverlustes vom filmischen Modethema Demenz?

Alter und Tempo. Es betrifft hier ja jemanden wie mich und zwar plötzlich, nicht schleichend.

Denkt man bei so einer Rolle darüber nach, was Erinnerung für einen selbst bedeutet?

Ob „man“ das tut, weiß ich gar nicht. Aber obwohl ich Beruf und Privates gut trenne, bringen mich alle Rollen, die nicht grad das große Glück beschreiben, zum Nachdenken darüber, wie ich in dem Fall reagieren würde. Auch deshalb will ich sie so präzise wie möglich verkörpern.

Haben Sie sich dafür nur theoretisch oder auch praktisch informiert, im Gespräch mit Amnesie-Patinten?

 

Nur ersteres. Das lag allerdings auch an einem schweren Unfall, der mein Leben kurz zuvor von jetzt auf heute derart radikal umgewälzt hat, dass ich auch so einen guten Zugang zum Thema derart radikaler Veränderung hatte. Mit den Folgen hatte ich ein Dreivierteljahr zu tun.

Im Film ist davon aber nichts zu sehen…

Ah, gut – auch wenn ich selbst das schon sehen kann… Einen körperlicheren Film hätte ich jedenfalls nicht spielen können; beim Drehen hatte ich bei jedem Schritt Schmerzen.

Ist daraus intuitiv der aggressive Trotz entstanden, mit dem sie die Amnesie darstellen?

Nein, ich habe in der Vorbereitung gelernt, dass Amnesie-Patienten oft so auf ihr Umfeld reagieren, schon weil sie die Situation stark überfordert. Es ging mir bei der Rolle ja weniger um die Krankheit an sich als die Vorstellung, nur noch eine leere Hülle zu sein, mit allen Konsequenzen für die menschlichen Beziehungen.

Lässt sich aus denen etwas typisch Österreichisches herauslesen?

Wien, der Habitus, unsere Sprache – all das eignet sich natürlich schon besonders für so eine Geschichte um Lügen, Vertuschen, Freundlwirtschaft. Aber diese Strukturen finden sich letztlich überall.

Sie selbst stammen nicht aus Wien, sondern dem ländlichen Niederösterreich ringsum.

Eine Kleinstadt namens Melk, 4000 Einwohner.

Würde ich es verstehen, wenn Sie sich mit einem Ihrer alten Nachbarn unterhielten?

Womöglich nicht. Dialekt ist meine Wurzelsprache. Als ich auf die Schauspielschule gegangen bin, war Hochdeutsch für mich wie eine neue Sprache.

Gehören Melk und Wien demselben Kulturkreis oder nur demselben Land an?

Das sind schon ganz verschiedene Kosmen – von denen sich der eine über den anderen gern lustig macht. Wobei ich selbst mich über niemanden lustig mache, auch nicht über die Deutschen. Ich hab sogar einen geheiratet und schon deshalb einen guten Zugang zum großen Bruder dieser kleinen Schwester Österreich.

Wird man in dieser kleinen Schwester schneller ein Star als beim großen Bruder?

Also bei mir kam das sehr schleichend, weil ich lieber einen Schritt nach dem anderen mache. So konnte ich mitwachsen, das liegt mir mehr. Dennoch ist auch einiges parallel passiert, die Serie Schnell ermittelt zum Beispiel fast zeitgleich zur Oscar-Nominierung für Revanche, was es ein wenig beschleunigt hat, vor die Tür zu gehen und erkannt zu werden. In Deutschland reicht das vermutlich noch nicht aus. Umso mehr war es für mich eine krasse Erfahrung, plötzlich von Wildfremden identifiziert zu werden.

Und – fühlt sich das gut an oder nicht so gut?

Doch, fühlt sich gut an, ich mag das, solange sie freundlich sind. Und wer einen anspricht, hat ja meistens was Schönes auf dem Herzen, meist ein Lob für den letzten Film. Es ist allerdings schwer vorstellbar, wie ich damit umginge, stiege die Popularität aufs Niveau großer Hollywoodstars, die keinen Schritt vor die Tür machen können. Auch deshalb halte ich mein Privatleben sehr bewusst aus der Öffentlichkeit heraus. Das soll und wird so bleiben.

Fällt dieses Heraushalten mit wachsender Popularität leichter oder schwerer?

Das ist weniger eine Frage der Popularität als der Konsequenz und inneren Haltung. Ich akzeptiere ja, dass die Menschen auch an mir als Person ein Interesse entwickeln; so läuft das G‘schäft. Das aber hat überhaupt nichts mit meine Familie zu tun. Bei der bin ich in einer Schutzzone, die nur mir gehört; das akzeptieren die meisten mittlerweile.

Sprechen wir also wieder über die Arbeit. Täuscht der Eindruck, dass viele Ihrer Figuren melancholische, fast traurige Frauen sind?

Ich befürchte, da haben Sie nicht genug von mir gesehen. Meine Chefinstpektorin in „Schnell ermittelt“ zum Beispiel ist lebenslustig, tough, mutig mit einem ordentlichen Schuss Schmäh. Vielleicht sorgt es allerdings atmosphärisch für eine gewisse Melancholie, dass meine Figuren selten an der Oberfläche bleiben. Insofern spiele ich diese Traurigkeit schon besonders gern.

Wie ist es mit Komödien?

Super. Weil zu wenig gute geschrieben werden, hab ich davon allerdings nur wenige gemacht.

Wobei Österreich nun wirklich das Land des bizarren Humors ist.

Der Aufschneider zum Beispiel, sehen Sie? Aber wissen Sie was ich wirklich gern mehr spielen würde? Historische Stoffe!

Weil Sie sich gern verkleiden?

Die Art, wie Kostüme in Filmen wie Gefährliche Liebschaften das Körperliche einschränken, macht etwas mit dem eigenen Spiel. Dem Gesicht fällt dabei eine ganz andere Rolle zu, intensiver, aktiver. Das würde ich gern mal am eigenen Leib erleben.


Europaquoten & Filmpreiskonserven

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

16. – 22. Mai

Jetzt sind also die Juristen am Zug: Das Landgericht Hamburg untersagt Jan Böhmermann per einstweiliger Verfügung die Weitergabe sexuell konnotierter Gedichtspassagen, erlaubt aber jene mit politischer Stoßrichtung. Damit tun die Richter exakt das, was dem Satirebegriff widerspricht: Inhalt und Kontext zu trennen. Kein Wunder, dass der Komiker das Urteil dankend ablehnt und dafür – danke, Jan! – zur Not bis vors Verfassungsgericht ziehen will.

Vor einer ähnlichen Instanz könnten auch Netflix oder Amazon landen, wenn die EU ihre Drohung von voriger Woche wahrmacht, Streamingdiensten eine Quote von 20 Prozent des Programms aufzuerlegen, das in Europa produziert wird. Jener Kontinent, mit dem es derzeit große Teile der Wohnbevölkerung nicht mehr so recht haben. Umso mehr klingt solch ein Ansinnen nach einem Kniefall vor eben jenen Rechtspopulisten aller Herren Mitgliedsländer, denen die abendländische Kultur so sehr am Herzen liegt, dass sie deren christliche Grundierung mit Dummheit überpinseln.

Den richtigen Umgang damit fand gerade die hinreißende Dunja Hayali. Einen besonders grässlichen all der Hasspost(s), die ihr das lodernde Netz vor die Füße kotzt, hat sie nun grammatikalisch korrigiert publik gemacht. Damit zeigt die Moderatorin mit irakischen Wurzeln in jeder Hirnzelle mehr Verstand als all die Zwerge zusammen, deren Schatten unter der tiefstehenden Sonne der Kultur gerade besonders lang sind. Da bleibt nur noch, kurz in Demut an zwei Verstorbene der Vorwoche zu erinnern, die verschiedener kaum sein könnten: Emma-Marie Lange, die von Pittiplatsch bis Schnatterinchen fast das gesamte Puppenpersonal des DDR-Kinderfernsehens gestaltet hat. Und Erika Berger, die von Bondage bis Gang Bang fast den ganzen Inhalt des frühen Privatfernsehens prägte.

csm_Meine_fremde_Frau_Oliver_Roth_01_572a0957baDie Frischwoche

23. – 29. Mai

Und was die öffentlich-rechtlichen Platzhirsche alles davon gelernt haben! Dafür muss man gar nicht zur Mitternacht abgeschobene Dokumentarfilme, verbunden mit der grassierenden Verflachung des Restprogramms in den Blick nehmen; es reicht einer auf Freitag, wenn die ARD von der Gala zur Verleihung des Deutschen Filmpreises berichtet. Um 22.15 Uhr. Als Konserve. Nach der Tagesschau läuft schließlich wie gewohnt was Leichtes (Türkisch für Anfänger). Für den wichtigsten deutschen Filmpreis bleibt da nur die Second Prime genannte Spanne im Anschluss an die zugkräftigere Hauptsendezeit, die fix geräumt wäre, würde dort der künstlerisch belanglose, aber privatfernsehgrelle Bambi verliehen, deren Verlag (Burda) das Reklameverbot ab acht dann stundenlang für sich und seine Werbekunden unterlaufen darf.

Wie gut, dass der Mittwoch für seriöse Filme jenseits vom Krimi reserviert bleibt (es sei denn, der Ball läuft). Weil diesmal spielfrei ist, zeigt die ARD dort das grandiose Drama Meine fremde Frau (Foto: Oliver Roth/ZDF) mit der noch grandioseren Ursula Strauss als Gattin und Mutter, die infolge eines Unfalls das Gedächtnis verliert, was ihre scheinbar heile Welt als ziemlich kaputt entlarvt. Selten wurde das Thema Amnesie unprätentiöser und dabei kreativer bearbeitet. Das Gegenteil zeigt RTL tags drauf in Alarm für Cobra 11, wo der Klappentext wie folgt lautet: „Semir übernimmt undercover die Identität des türkischen Folterknechts Serdal, bei dem er sein Gedächtnis teilweise verliert. Semir glaubt danach, er stehe auf Seiten der Verbrecher.“ Da glauben wir hingegen, RTL lässt seine Drehbücher im Betriebskindergarten bekiffter Egoshooter-Entwickler schreiben.

Im Rosengarten der Inspiration muss da der Arte-Film Unter dem Teppich (Freitag, 20.15 Uhr) entstanden sein: Eine feinsinnige, nie klischeehafte, dabei erfrischend entlarvende Komödie über kulturelle Gräben am Beispiel einer iranischen Familie, die ihren toten Vater trotz Embargo aus Frankreich in die Heimat überführen möchte. Witzig, klug, unterhaltsam, kritisch – Anti-RTL in jeder Sekunde. Wie zwei Dokus am heutigen Montag, die – natürlich zur Geisterstunde – zeigen, was Sachfernsehen können sollte. Aufklären wie Was heißt hier barmherzig? über den Wert christlicher Nächstenliebe zum 100. Katholikentag um 0.45 Uhr im Ersten. Oder bezaubern wie Stephan Bergmanns reizendes ZDF-Porträt Die letzten Gigolos (23.55 Uhr) über zwei Kreuzfahrtgesellschafter der alten Schule.

Alte Schule ist auch die schwarzweiße Wiederholung der Woche. Wolfgang Staudtes Kriegsaufbereitung Die Mörder sind unter uns (Montag, 20.15 Uhr, Arte), als die Trümmer noch rauchten, mit Hildegard Knef zwischen seelisch und körperlich verkrüppelten Männern im Rahmen des Defa-Schwerpunktes (21.35 Uhr: Jakob der Lügner von 1974). Da ist der Farbtipp in jeder Hinsicht kolorierter: Wer früher stirbt, ist länger tot (Dienstag, 23.30 Uhr, ARD), Marcus H. Rosenmüllers Independent-Erfolg um einen Jungen im Kampf mit Dies- und Jenseits von 2006. Und die Wochendoku zum Schluss: Planet der Spatzen, ein 3sat-Film über Sperlinge, die heute um 20.15 Uhr belegen, dass Sperlinge echte Überlebenskünstler in nahezu jedem Winkel der Welt sind. Entzückend!


BSM, Demob Happy, Mark Pritchard, LEMO

v600_Tiny_Moving_Parts_sleeveTiny Moving Parts

Labels gehuldigt wird normalerweise eher im elektronischen Fach mit Abstechern in den HipHop. Strikt analoger Sound hingegen wird meist isoliert betrachtet, künstlerzentriert also, auch okay. Aber an dieser Stelle soll doch mal ein Musikverlag im Ganzen gewürdigt werden, der Besonderers leistet: Big Scary Monsters. Von London aus versorgt das winzige Indie-Label die globale Punkrockszene mit Bands, die den Punk zwar eher als Rockasseccoire denn Lebenseinstellung in sich tragen, dem missverständlichen Genre aber umso mehr frische Energie zuführen. Diese Woche zum Beispiel mit dem zweiten Album der Tiny Moving Parts aus Minnesota. Wie das erste liefert Celebrate fantastischen Emocore mit messerscharfen Riffs zum extrem amerikanischen Akkzent.

Ein bisschen ruhiger und doch ähnlich kraftvoll klingen Modern Baseball auf ihrer vierten Platte Holy Ghost, die eine Woche zuvor erschienen ist. Noch ein bisschen ruhiger und damit eher am unteren Rand des Genregpektrums  geht es dann beim Solodebüt von Avalance-Frontman Vinnie Caruana, das nächsten Freitag an gleicher Stelle erscheint. Ein tiefenentspanntes, dabei allerdings unüberhörbar aufgewühltes Indierock-Album, das gemeinsam mit den anderen zwei  zeigt, wie wichtig es ist, dass sich Sparten-Nerds wie die von Big Scary Monsters unablässig um die Randlagen der Rockmusik bemühen. Dafür schon mal vielen Dank nach London!

Tiny Moving Parts – Celebrate (Big Scary Monster)

demob-happy-dream-sodaDemob Happy

Schwer zu sagen, wie oft dem Grunge in den kaum drei Jahrzehnten seines namentlichen Bestehens bereits die Wiederkehr prophezeit wurde, seit ölige Bands wie Bush den ruppigen Protestsound einst Richtung Mainstream geritten haben. Wann immer Alternative die Rockmusik dominiert statt umgekehrt, sprießt die Hoffnung, Kurt Cobains Genre könnte zwischen “zu sanft” und “zu hart” mal wieder etwas Innovatives wie die Arctic Monkeys hervorbringen. Vorweg: auch Demob Happy lassen den Traum von der wirklich wahren Neugeburt nicht mit einem gelungenen Debütalbum Wirklichkeit werden. Trotzdem stoßen die vier achtsam verlotterten Zausel aus Brighton in eine Lücke abseits von Britrock und Seattle-Grunge.

Das Räudige des Alternative ist angenehm versiert, das Berechnende des Rock dissonant genug für die Nachfolge des Grunge in seiner kratzigen Vielfalt. Wie bei Nirvana brettern die Gitarrensoli als Antriebskräfte über Matt Macantonios emotionales Geschrei, sodass gar nicht erst der Gedanke entsteht, es gehe hier um Posen. Dream Soda ist das Realste, was dem Hardcore als Ausdruck echter Gefühle seit Langem widerfährt. Und solange Nostalgiker ihm nicht die Bürde eines offiziellen Erbteils auferlegen, kann daraus sogar etwas Neues im Alten werden. Muss ja keinen Namen tragen.

Demob Happy – Dream Soda (SO RECORDINGS)

mark-pritchard-under-the-sunMark Pritchard

Mark Pritchard führt seine Lebensreise schon immer in Ecken, die ansonsten unbehaust, gegenüber Fremden nicht selten sogar feindselig sind. Seit den ersten Veröffentlichungen vor 25 Jahren lotet der englische Produzent und DJ aus dem landschaftsgärtnerisch bedeutsamen Somerset unter tausend Pseudonymen die Kongruenz schwer vereinbarer Klangwelten aus. Auf seinem neuen Album tut er es nun aber wieder unter seinem Geburtsnamen und macht damit kurz Rast auf dem Weg elektronischer Grenzerfahrung, der ihn von Ambient über Trip-Hop bis zum robusten Techno und zurück an diverse Orte des Digitalen geführt hat.

Auch Under The Sun ist vornehmlich am Rechner generiert; doch viele der 16 Songs klingen erdnah nach Folk, als hätte er sie im Grünen anstatt in seinem australischen Studio aufgenommen. Schon das Auftaktstück mit Fragezeichen im Titel wabert aus den Boxen wie vertonter Nebel, bevor Give It Your Choir im Anschluss schwer an Woodstock erinnert. Das aber ist nur der Prolog einer Nachtfahrt, die permanent das Analoge im Artifiziellen sucht. Und findet. Beats sind darauf eher selten zu finden. Lust am Experiment jenseits aller Struktur dagegen dauernd. Mark Pritchard eben, der Soundvagabund.

Mark Pritchard – Under The Sun (Warp)

Hype der Woche

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Es gibt zurzeit etwas Unmut über eine populäre Band, die nur drei der vier Mitglieder im Namen trägt, als gehört Bassist Malte Huck gar nicht zu AnnenMayKantereit. Was sollen da erst die Herren Hillebrand, Pohn, Schartlmüller, Marageter und Martin sagen, denen ein gewisser Clemens Kinigadner die Erwähnung verweigert, obwohl sie musikalisch eine Menge beigetragen zu einer Band, die nur nach einem benannt ist, nämlich Kinigadner, genannt LEMO, dessen neues Album ziemlich exakt so klingt wie AnnenMayKantereit(Huck)? Beide machen eine Art Neofolkpop mit extrem tiefer Stimme zu hingebungsvoller Poesie urbaner Lebenswelten. Bevor man LEMO nun den Ritt einer Erfolgswelle unterstellt, muss man aber wissen, dass Stück für Stück bereits der Nachfolger zweier Platten ist, die daheim in Österreich gut gelaufen sind. Klingt also nur nach einem Abklatsch, ist aber durchaus eigensinnig und abzüglich strunzblöder E-Gitarrensoli nicht nur für Fans von AnnenMayKantereit durchaus hörbar.


Interview-Classics: Senta Berger zum 75.

bergerUnglaubliche Verluderung

Auch wenn sie gefühlt halb so alt wirkt: Senta Berger ist seit ein paar Tagen unfassbare 75 Jahre auf Erden – und fast Dreiviertel davon vor der Kamera. Grund genug, ein Interview mit der Jubilarin zu dokumentieren, in dem es 2006 auch um einen neuen Fall ihrer Ermittlerin Eva-Maria Prohacek in der Arte-Reihe Unter Verdacht geht – die übrigens noch immer läuft. Ein erstaunlich aktuelles Gespräch über Politikverdrossenheit, Geschlechterfragen und verrohte Wahlkämpfe in ihrer österreichischen Heimat oder anderswo.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Berger, wenn man Sie so strahlend vor sich hat, glaubt man gar nicht an die düstere Atmosphäre bei Unter Verdacht.

Senta Berger: Das macht auch die Ruhe der Serie. Andere Krimis sind oft MTV-artig, aber das brauchst du heutzutage ja auch. Viele Abgänger der Filmhochschulen sind wunderbar und müssen schauen, dass sie erst mal mit Werbung klar kommen, weil sie sonst ihre Miete nicht zahlen können. Den richtigen Weg zu finden, ist zunächst sehr mühsam. Schnelle Schnitte, an die man sich mittlerweile gewöhnt hat, haben wir ganz bewusst nicht eingesetzt. Es ist eine ganz andere Erzählweise.

Weil Sie das moderne Tempo auch persönlich nicht mögen?

Nein, weil wir uns einfach auf die Fälle konzentrieren, die zudem sehr knifflig sind. Ich lese – überspitzt formuliert – jedes Buch dreimal, bevor ich überhaupt eine Ahnung habe, was ich da spiele und von was die Geschichte handelt. Doch obwohl wir uns schon so an die Vernetzungen zwischen Wirtschaft und Politik gewöhnt haben, an Korruption und Kriminalität, ist es interessanter, an der Geschichte dran zu bleiben, statt durch eine flotte Machart davon abzulenken.

Dennoch ist Atemlos, in dem es um Bestechlichkeit in der Politik geht, wie so oft in der Serie ein Märchen.

Das finde ich nicht, denn es ist klar einem Politiker nachgebaut, dessen Namen und Ende wir nur anders formuliert haben. Aber es ist ein authentischer Fall. Unter illegaler Parteienspende verstehen wir ja gemeinhin, dass Zuwendungen an die Partei in Wahlveranstaltungen umgesetzt werden, wo man etwa in Niederbayern Freibier ausschenkt oder eine Blaskapelle engagieren kann, die Geld kostet, aber Wähler bringt.

Sie meinen Bayerns Spezl-System.

Nein, das findet man in jeder Partei vor und in jedem Landkreis unseres schönen Landes. Ich denke nur an den Kölner Mülls- oder Berlins Bankenskandal und mir fiele sicher auch was zu Hamburg oder Hessen ein. Das Märchenhafte ist also nur, dass es die Partei, von der wir im Film reden, nicht gibt. Aber der Parteivorsitzende wird ja von seinen Wahlmännern gewählt, jenen Kollegen, die wiederum in anderen Wahlkreisen organisiert sind. Und irgendwann muss sich alles zuspitzen auf die Wahl des Parteivorstandes. Das ist unser Film – dass die Zuwendungen innerhalb der Partei fließen, um Unterstützung zu honorieren. Diese Gruppenbildung ist auf gar keinem Fall ein Märchen.

Aber die hohe Aufklärungsquote ihrer Fälle, die in der Realität gegen Null tendiert.

Das weiß ich gar nicht. Woher hätten wir denn unsere Fälle, wenn nicht aus der politischen Presse, die viel nachhakt. Wir haben in Deutschland unendlich viel erfahren, was früher unterm Deckel gehalten wurde. Da kann ich mich überhaupt nicht beklagen.

Bildet die anhaltende Politikverdrossenheit ein günstiges Klima für solch eine Serie?

Um Urteile und Vorurteile bestätigt zu sehen – ja. Aber wir stellen die Politiker nicht alle als Schweine dar (lacht). Der Herbert Knaup ist in dieser Folge eigentlich ein netter Kerl, der halt Karriere machen will. Wer will das nicht? Wir zeigen ihn auch als Menschen, der sich im Laufe der Jahre einen gewissen Zynismus zugelegt hat. Wir waren anfangs etwas skeptisch, dass dieses Genre des Politkrimis auch bei uns einen Boden hat, denn es hat seine Wurzeln im Angelsächsischen, mit erfolgreichen Serien wie Internal Affairs und seiner Kritik an Ober- oder Unterhaus. Aber es hat einen Boden. Andererseits treten wir jeden Samstag gegen den Musikantenstadl an. Das Land ist also polarisiert, aber wenn du dann immer noch sechs Millionen Zuschauer hast, ist das ein großer Erfolg.

Verspüren Sie selbst so etwas wie Politikverdrossenheit?

Überhaupt nicht. Dazu bin ich einfach zu naiv.

Was halten Sie dann von Sätzen wie in Atemlos, die Politiker dächten doch immer nur an sich und seien sowieso alle bestechlich?

Hab ich das gesagt?

Nein, Herbert Knaup beim Wahlkampf auf dem Marktplatz.

Sehen Sie? Sehr geschickt, sich selbst aufzuwerten, indem er andere abwertet. Das hören wir ja immer wieder. Dieses Zuschieben, den anderen niedermachen, ist eine entsetzliche Unart, die durch die Medienflut vergröbert wird, die auch unsere Akzeptanz vergröbert. Das heißt, wir gucken nicht mehr so genau hin. Wir bauen uns etwas auf, das unfassbar ist, sind aber dennoch ganz zufrieden damit. Es ist ja nicht so, dass wir sagen, ich hab die Gesundheitsreform nicht verstanden; erklärt es mir bitte noch einmal. Nein, es scheint besser zu sagen, die ist schlecht. Seltsamerweise werden Informationen in Zeiten der Informationsflut immer weniger. Man entzieht sich. Aber das alles ist nichts im Vergleich zu Österreich. Der Wahlkampf dort war eine so unglaubliche Verluderung der Sprache und Sitten, dass es mir als Österreicherin richtig weh tut. Da fühle ich mich noch immer verantwortlich.

Gibt es dort eine vergleichbare Serie wie Unter Verdacht?

Nein, dafür ist der Sender viel zu klein und das Land auch. Es gibt zwei staatliche Sender, einer mehr volkstümlich, der andere eher mit gehobener Unterhaltung, und die bringen Unter Verdacht regelmäßig, nur sehr viel später am Abend.

Überwiegen bei Ihnen mittlerweile die Heimatgefühle für eines der beiden Länder?

Eigentlich nicht. Obwohl ich für die Lesereise zu meinem neuen Buch auf große Fahrt geschickt wurde, bei der ich Deutschland von oben bis unten und von links nach recht kennen gelernt habe. Gerade war ich an den Stationen Weimar, Jena, Leipzig, Dresden, Erfurt und das war sehr, sehr interessant für mich. Ich begreife langsam dieses Land und habe es gern. Wissen Sie, Österreich und Wien sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Ich bin Wienerin und liebe die Stadt und es wird mir fast übel vor Heimweh, weil ich nicht dort bin. Ich bin dort zuhause, wo meine Freunde sind, in München. Aber zur Verantwortung: ich möchte dennoch das Österreich gut dasteht. So wie ein kleines Kind, das möchte, dass wir die Guten sind.

Gelten Sie in Österreich als Botschafterin des Landes, bei ihrer internationalen Bekanntheit?

Nein, weil ich nicht glaube, dass man es mir so ohne weiteres verziehen hat, Wien verlassen zu haben. Ich bin schon ein bisschen fremd und werde immer wieder gefragt: Kennen’s denn überhaupt no Wianerisch? Und da sog i: Na kloar! Aber das ist so ein kleiner schwarzer Punkt in meiner Biografie, zumindest aus Sicht der Wiener.

Sie sagen im Film mehrfach, die Berge zu hassen. Das muss Ihnen schwer gefallen sein.

Das nicht, aber ich hasse die Berge natürlich überhaupt nicht und bin ein großer Wandermensch, der einzige in meiner Familie. Aber ich bin auch ganz verrückt nach Sylt. Das Wetter dort ist herrlich, die scharfen Tropfen am Strand im Gesicht zu spüren, wie das gerochen hat. Aber ich bin auch sehr durch die Berge getröstet. Euch gibt’s schon so lange, ihr seid so groß, dahinter verschwindet mein kleiner Kummer. Ich würde es mit geschlossenen Augen erkennen.

Zurück zu Ihrer Rolle. Sie verkörpern eine Ermittlerin…

Eine Kriminalrätin. Sie kann nur intern ermitteln, nicht gegen einen Bankangestellten wegen Diebstahls zum Beispiel, nur dann, wenn jemand von der Polizeibehörde involviert würde. Eva Prohacek ist die Chefin aller Ermittler. Eine Kriminalrätin hat zumeist ein Studium der Forensie oder der Psychologie, und bei uns kann sie beides. Unsere Rollenauswahl hat auch damit zu tun, dass immer mehr Kriminalrätinnen eingestellt werden, weil sich offenbar die Beobachtungsgabe der Frauen und ihre Intuition, auf die sie sich eher verlassen als Männer, die ihr Gefühl doch eher nochmals mit dem Verstand überprüfen, dafür eignet. Ich möchte jetzt aber nicht, dass jemand denkt, ich glaubte, Männer seien weniger sensibel als Frauen. Überhaupt nicht. Es ist nur oftmals eine andere Herangehensweise an Probleme.

Und dabei haben Frauen – gerade als interne Ermittlerinnen – durchaus noch höhere Mauern einzurennen.

Da wird sie sehr einsam und das versuche ich auch zu spielen, dass sie diese Einsamkeit nicht zeigt und sich eine Fassade zugelegt hat, die allerdings sofort bröckelt, wenn man nur ein bisschen dran kratzt. Jetzt müssen wir nur noch sehen, wie wir mit der Zigarette fertig werden. Denn ich wollte keinen Gutmenschen ohne Makel spielen. Ich wollte, dass Sie Fehler hat und dachte, wenn sie nervös wird und nicht weiter weiß, greift sie zur Zigarette, auch wenn das political uncorrect ist und ihrem Asthma nicht bekommt. Mittlerweile bekomme ich aber so viel Post von Lehrern und so, dass ich schon sagte, Kinder, wir müssen da was machen. Vielleicht Akupunkturnadeln. Ich dachte, das wird als Zeichen der Schwäche erkannt.

Ein echtes Hindernis, dass sie in einzelnen Szenen sogar kampfunfähig macht. Verweist das auf das Bild des Weiblichen solcher Rollen, das erwartete Unterlegene?

Da stimme ich zu, aber es gibt noch eine andere Lesart als Vorbild. Viele sagen dann, machen Sie doch so was nicht, Frau Berger. Aber es war nicht unsere Absicht, das Rollenklischee zu bedienen, eine Frau hätte Schwächen zu haben. Das war ganz pragmatisch. Es ging Alexander Adolf ursprünglich um das Spannende des Asthma-Atmens in der Dunkelheit.