Deutsche Serien: Wenig Stars & Weissensee

WeissenseeSerienunreife

Das ARD-Schmuckstück Weissensee (Foto: ARD/Julia Terjung) ist nicht nur die beste deutsche Serie unserer Zeit. Zum gestrigen Start der dritten Staffel fällt auf: Es ist auch praktisch die einzige, der sich Schauspieler von Rang und Namen so zur Verfügung stellen, wie es in den USA seit geraumer Zeit üblich ist.

Von Jan Freitag

Es gibt Filmstars, die lassen den Pöbel schon beim Klang ihres Namens vor Ehrfurcht erzittern. Clive Owen etwa und Glenn Close, dazu Sam Neill, Halle Berry, Anthony Hopkins, von Jude Law, Patricia Arquette oder Matt Dillon ganz zu schweigen – globale Kinomarken wie Dollarhall, zu teuer fürs profane Fernsehen, einst unerreichbar. Und heute? Hält sich Hollywood längst nicht mehr kategorisch vom Bildschirm fern. Im Gegenteil. Jeder der Genannten war bereits Teil dessen, was hierzulande nach wie vor als Todesstoß seriöser Karrieren gilt: Serien.

Wenn deutsche Produzenten eine planen, wird es hingegen dünn auf der Besetzungsliste. Während amerikanische, britische, skandinavische Serien das Kino zügig als Projektionsfläche horizontaler Erzählung ablösen, führt die dramaturgische Endlosigkeit abseits vom Zwang zu abgeschlossenen Krimireihen bei uns ein Nischendasein zwischen Vorabendspaß und Hauptabendsülze. Da ist es schon einer Meldung wert, wenn Roberto Blanko in Folge 4650 von Verbotene Liebe auftritt. „Ich gebe immer 100 Prozent“, umschrieb das Schunkelfunkinventar seinen Einsatz und freute sich, „wenn die Leute zufrieden sind“.

Nur: Das sind sie nicht, weder mit Seifenopern noch richtigen Serien, was fatale Folgen für die Anziehungskraft auf echte Schauspieler hat. Umso bemerkenswerter ist, was dieser Tage geschieht: Nachdem das ZDF am Freitag keinen Geringeren als Jürgen Vogel zur Titelfigur des fortsetzungstauglichen Fünfteilers Blochin gemacht hat, geht nun das Beste, was made in germany momentan möglich ist, mit dem gewohnten Spitzenpersonal in die dritte Staffel: Weissensee. Diesmal am Übergang von der alten DDR zur neuen BRD, bei dem es Florian Lukas, Anna Loos oder Ronald Zehrfeld wieder mit Jörg Hartmann als grandios diabolischem Stasi-Schergen zu tun kriegen. Großkaliber allesamt, von denen demnächst auch einige das gelungene RTL-Produkt Deutschland 83 adeln, mit Jonas Nay als DDR-Agent zwischen Ulrich Noeten und Maria Schrader.

Das ist ein Fortschritt, ohne Frage. Aber ein Strukturwandel? Dafür fehlen jene famosen Drehbücher, die Jude Law an der Seite von Diane Keaton Anfang 2016 zum Young Pope macht und Oscar-Gewinner Kevin Spacey in die 4. Staffel von House of Cards schickt. Was wiederum auf den inhaltlichen Engpass hiesiger Produkte verweist: Religion oder Politik sind Themen, für die deutschen Produzenten mit ihrer wahnhaften Fixierung auf Polizei und Zeitgeschichte bislang ebenso viel Fantasie fehlt wie für schwule Bestatter, dealende Lehrer oder coole Hacker, dem Topstar Christian Slater als Mr. Robot global gefeiert sein Gesicht leiht.

Wenn das nationale Schwergewicht Moritz Bleibtreu seins hingegen einer kreativeren Figur wie Ferdinand von Schirachs Anwalt in Schuld zur Verfügung stellt, dreht das ZDF ganze fünf Teile. Nicht sechs Staffeln, die eine Serie im Erfolgsfall leicht mal dauert. Doch so lang ist bei den verzagten Pragmatikern von ARD bis RTL kein Atem, sofern die Ware nicht Cobra 11 oder Dr. Kleist heißt. Selbst fürs Polizeiformat KDD war 2009 trotz Topkritiken mit der 3. Staffel Schluss, nachdem der exzellente Cast bis in die Nebenrollen sein Quotenziel verfehlt hatte. Ein Schicksal, das Monate später auch Dominik Grafs Zehnteiler Im Angesicht des Verbrechens ereilte, dessen Finale mangels Publikum nachts versendet wurde. Nicht grad ein Anreiz für bekannte Mimen und Regisseure, das Wagnis Serie einzugehen, der man mehr Lebenszeit und Leidenschaft widmen muss als drei, vier Spielfilmen im Jahr.

Die staffelweise explodierenden Gagen anfangs unbekannter Darsteller bei Big Bang Theorie oder Mad Men belegen zwar die Sicht des Besetzungsbeauftragten Keli Lee vom US-Sender ABC, im Fernsehen gehe darum, „neue Stars zu schaffen“, die erst dann fürs Kino taugen; doch je dicker das Fernsehstück am fiktionalen Kuchen dank gedeihlicher Serien ist, desto mehr berühmte Sahnehauben können sich TV-Konditoren leisten. Nur in Deutschland gibt es dank einer Mixtur aus Inkompetenz, Feigheit, Quotendruck und Misserfolg Schonkost. Da „große Erzählkunst angeblich nur im Kino stattfindet“, meint Jürgen Vogel, „gehen viele Produzenten noch immer davon aus, große Namen für Serien gar nicht erst anfragen zu brauchen.“ Womit die dann auch gar nicht erst rechnen.

Ein Teufelskreis. Und ein Irrglaube. Schließlich wären Schauspieler bei allzu großem Anspruchsdenken „rasch arbeitslos“, weshalb die Neigung zur Serie wächst. Vogel, schon bei KDD im Team, sagte das übrigens zum Start von Blochin, ein Fünfteiler mit viel Polizei, aber kaum Überraschungen, eher gedehnter Tatort als Emmy-Kandidat. So sieht sie aus, die triste, deutsche Serienwelt.

Doppelfogen am Mittwoch und Donnerstag, 20.15 Uhr. Alle sechs Teile in der ARD-Mediathek


Vorher Wertvoll & Gewohnt Fabelhaft

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

21. – 27. September

Über Wochen schien es kaum denkbar, dass mal wieder irgendwas anderes als Flüchtlinge die Nachrichtenlage beherrscht. Dann aber kam eine Art Heilsbringer der Abwechslung mit vier Rädern: VW. Vorher Wertvoll füllte Martin Winterkorns (Ex-)Konzern die Tagesschau, als kämen, pardauz, keine Hilfsbedürftigen mehr an in Europa und falls doch, würden allesamt unkompliziert integriert. Aus den Augen, aus dem Sinn – so läuft weltpolitische Flurbereinigung im Medienzeitalter.

In die Augen, in den Sinn holte der investigative Filmemacher Daniel Harrich dagegen ein Thema, das ebenfalls gelegentlich in tagesaktuelle News schwappt: illegaler Waffenhandel. Sein exzellent recherchierter Spielfilm Meister des Todes lockte damit vier Millionen Zuschauer vor den Bildschirm und sorgte tags drauf sogar für eine Aktuelle Stunde im Bundestag, der durchaus parlamentarische Untersuchungen folgen könnten.

Von so viel weltpolitischer Relevanz können die Sieger der Emmys 2015 nur träumen – auch wenn Viola Davis als erste Preisträgerin der Kategorie „Beste Hauptdarstellerin einer Dramaserie“ dunkler Hautfarbe für How to Get Away With Murder mit einer furiosen Dankesrede den Finger in die Wunde rassistischer Besetzungspolitik des liberalen Hollywood legte. Ansonsten räumte vor einer Woche wie üblich Game of Thrones ab und nach siebeneinhalb Staffeln Mad Men endlich auch der dauernominierte Jon Hamm als bester Darsteller. Neue Preisträger wie das Transsexuellen-Drama Transparent oder Julia Louis-Dreyfus in der Rolle als US-Vizepräsidentin (Veep) belegen zudem erneut, dass kreative Serien trotz und wegen Blochin (dessen Einschaltquoten ansehnlicher waren als das inhaltliche Niveau) weiterhin nur außerhalb deutscher Grenzen entstehen.

0-FrischwocheDie Frischwoche

28. September – 4. Oktober

Die einzige Ausnahme bildet nach wie vor Weissensee. Wenn Dienstag bis Donnerstag zur besten Sendezeit im Ersten die neue Staffel läuft, kann das herausragende Niveau der zwölf Folgen zuvor zwar nicht ganz gehalten werden; doch wie Florian Lukas im Stasi-Griff seiner eigenen Familie durch die offene Mauer stolpert, ist – vor allem dank Jörg Hartmann als systemtreuen Überzeugungstäter – noch immer einzigartig im hiesigen Fernsehen.

Daran kann auch der anschließende Versuch nichts ändern, über die deutsch-deutsche Historienfeinkost dicke Bratensoße zu kippen. Es ist ja durchaus gut gemeint, den Dresdner Jan Josef Liefers mit seinem holsteinische Tatort-Kollegen Axel Prahl durch die Musikgeschichte Ost und West zu schicken. Doch im Anschluss an Weissensee verrührt das lustige Duo in Soundtrack Deutschland die durchgekauten Stars von Schöbel über Lindenberg bis Grönemeyer zu den Puhdys mit etwas Rammstein-Thrill und Sido-Wut zu einer so stereotypen Mainstream-Pampe, dass man auch gleich Oli Geissen gucken kann.

Wie überhaupt das gesamte Jubiläumsprogramm zum 25. Jahrestag der Einheit eher routiniert als leidenschaftlich abgespult wird. Wenn etwa Maybrit Illner ihre ZDF-Talkrunde am Donnerstag auf 20.15 Uhr vorziehen darf und fragt, Sind wir das Volk?, oder hinterher wieder irgendwas mit Trabis und Stasi am letzten Tag der DDR dokumentiert wird. Interessanter wird es da schon ab Sonntag, wenn die ARD ihre jährliche Themenwoche dem vertrackten Begriff Heimat widmet. Angefangen mit der „größten Echtzeitdokumentation im deutschen Fernsehen“ (darunter macht’s Programmchef Volker Herres nicht). Abgesehen davon, dass Artes 24 Stunden Berlin keinesfalls kleiner war, könnte es aber doch ansehnlich werden, wenn 99 Protagonisten ihr Leben an 82 Orten quer durchs Land mit eigenen und professionellen Kameras von 6 bis 18 Uhr begleiten (lassen).

Wem das zu viel Realität ist, dem seien an dieser Stelle zwei Serien empfohlen: Für zahlende Kunden zeigt Sky Atlantic ab Freitag die achtteilige BBC-Serie The Missing um ein vermisstes Kind, das diesem Genre tatsächlich mal neue Nuancen hinzufügt. Viel heiterer setzt ZDFneo tags zuvor um 22.50 Uhr in Doppelfolgen die unvergleichliche Alltagsbeschreibung großstädtischer Girls fort, in denen Hauptdarstellerin Hannah allerdings gen Provinz abdampft. Gewohnt fabelhaft – wie die schwarzweiße Wiederholung der Woche: Orson Welles Der dritte Mann von 1949 (Montag, 20.15 Uhr, Arte), was man schon wegen Anton Karas‘ Zither-Soundtrack mindestens einmal im Leben gesehen haben sollte. Fast 30 Jahre älter und entsprechend farbig ist David Bowie als Der Mann, der vom Himmel fiel (Montag, 22.10 Uhr, ZDFkultur). Nie war ein Alien musikalischer. Zum Schluss der Sachfilmtipp, dann doch wieder mit DDR-Bezug: This Ain’t California (Montag, 22.45 Uhr, BR), Marten Persiels halbdokumentarischer Blick auf die ostdeutsche Skatboard-Kultur vorm Mauerfall.


Jürgen Vogel: Blochin & Physis

blochinGhettogeschulter Ansatz

Seit Jahren redet die Branche über diesen fortsetzungstauglichen Fünfteiler im ZDF (ab Freitag, 20.15 Uhr): Blochin, ein Ermittler an der Grenze zwischen gut und böse, der den deutschen Abstand zur internationalen Serie – obwohl das Echo eher verhalten ausfällt – verringern soll. Hauptdarsteller Jürgen Vogel (Foto@Stephan Rabold/ZDF) über seinen Antihelden, physische Rollen und warum keiner seine guten Filme sehen will.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Jürgen Vogel, wenn man das ZDF so über Blochin reden hört, scheint damit der Anschluss ans internationale Serien-Niveau erreicht.

Jürgen Vogel: Das finde ich auch.

Warum genau?

Weil Bild- und Tonsprache mutig, modern, neugierig sind. Ich spüre da eine große Offenheit für ungewöhnliche Charaktere, die hierzulande selten ist. Einer wie Blochin wär vor fünf Jahren auch im ZDF unmöglich gewesen, weil bis dahin die Überzeugung herrschte, Hauptfiguren müssen zum Sympathieträger, mehr noch: zur Identifikationsfigur für alle taugen, selbst im Kino. Diese Regel lösen wir ein Stück weit auf.

Dass der identifikationsstiftende Sympathieträger einen Mord begeht, wäre unmöglich gewesen?

Mehr noch: moralisch fragwürdige Dinge waren generell tabu für Titelfiguren – es sei denn, sie hießen Hitler oder so. Obwohl auch Helden mal Fehler machen duften, war schwarz stets schwarz und weiß weiß. Da sich unsere Farbskala mehr an Spannung als Formalismen orientiert, deckt Blochin das ganze Spektrum ab. Gerade das macht ihn ja so amerikanisch, skandinavisch. Das Publikum entwickelt Empathie, nicht nur obwohl, sondern weil er fehlbar ist. Es möchte ihn vor seiner eigenen Unberechenbarkeit bewahren und wünscht sich manchmal, Oh Gott, mach das jetzt nicht.

Haben die Deutschen genug von strahlenden Helden?

Ich würde es positiver formulieren: Sie sehnen sich nach einer sehr menschlichen Diskrepanz zwischen Wollen und Können, die in uns allen steckt. Blochin will unbedingt ein guter Vater sein, Ehemann, Freund und Bulle sein, aber seine Vergangenheit und Eigenarten holen ihn immer wieder ein. Das kann fast jeder, der einen Neuanfang wagt, nachempfinden.

Spiegelt diese Diskrepanz auch ein wenig das Männlichkeitsbild unserer Tage wider – hin und hergerissen zwischen Anspruch und Wirklichkeit?

Wenn Blochins Verletzlichkeit zum Vorschein kommt, hab ich meine Arbeit diesbezüglich wohl richtig gemacht. Aber es geht gar nicht so sehr um Männlichkeit als die Konflikte zwischen Opfer und Täter, deren Grenzen hier meist fließen. Denn anders als in anderen Formaten, wird Blochin strikt horizontal erzählt, breiter, vielschichtiger. Er lässt Dinge offen, verstrickt die Handlung, macht also genau das, was sich die Leute heutzutage auf DVD kaufen und mit Untertiteln durchgucken, ohne aufs Klo zu gehen. Schön blöd, dass wir dieses Potenzial bislang so verschenkt haben.

Aber ein Krimistoff sollte es in Deutschland schon sein…

(lacht) Tja, besser isses, auch in Serien. Dieser Kompromiss ist hierzulande wohl nötig. Noch. Durch einen Regisseur wie Matthias Glasner bleibt es aber nie auf dieser Ebene stehen, sondern entfaltet sich in alle Richtungen bis hin zum Familiendrama, mit diesem brüchigen Charakter in der Mitte, der zwar sympathisch sein darf, aber nicht um der Sympathie willen. Nett interessiert mich nicht die Bohne, schon gar nicht in einer Serie.

Was Sie abermals interessiert, scheint hingegen Ihr Körper zu sein, den Sie von Beginn an voll einsetzen.Vogel

Absolut, ich mag das Physische – weil ich es gut kann, weil es mir liegt, weil es für Schauspieler aber auch wichtig ist. Wenn du irgendwo reinkommst, grade stehst, keine Angst zeigst, ist das eine archaische Haltung, auf die auch ich selber da draußen reagiere. Aber dein Auftreten ist nur souverän, wenn Instinkt und Intellekt gut harmonieren. Wenn du die inaktiven Ermittler von früher – Der Alte, Der Dicke, der Derrick – mit der physischen Präsenz moderner Tatort-Kommissare vergleichst, ist es da doch kein Wunder, dass ich für so ein Format wie Blochin infrage komme. Ich hatte schon immer diesen ghettogeschulten Ansatz, bei dem eine Schaufel zur Selbstverteidigung in der Hand nicht wie ein Fremdkörper wirkt.

Eine Geige hingegen schon?

Schon eher. Aber auch das will ich lernen! Je älter du wirst, desto breiter sind deine Facetten aufgestellt, aber das Proletarische steckt immer in mir.

Testen Sie deshalb für DMAX dicke Maschinen?

Klar, das finde ich richtig geil. Aber ich finde es eben genauso geil, Friedrich II. zu spielen. Prinzipiell finde ich alles geil, was mein Repertoire erweitert. Ich bin viel zu neugierig für Genregrenzen.

Und jetzt kommt sogar eine Krimi-Serie hinzu, die es hierzulande schwer haben dürfte, wenn darin kein anschlussfähiger Kommissar im Whodunnit-Modus ermittelt.

Darüber sind wir uns im Klaren.

Bei Matthias Glasners Polizei-Serie KDD haben Sie auf der anderen Seite des Gesetzes mitgewirkt – warum ist die Sendung trotz allen Lobs ins Quotenloch gefallen?

Weil offenbar weder die Zeit noch das Publikum reif waren dafür. Und vor acht Jahren gab es auch noch nicht die Mediatheken von heute, wo du aktuelle Serien am Stück sehen kannst.

Und anders als in den USA, wo Serien längst voller Oscar-Gewinner sind, verirrt sich hierzulande nur selten mal ein Star abseits vom Tatort in eine. Woran liegt das?

Vermutlich, weil große Erzählkunst angeblich nur im Kino stattfindet. Diese Unterscheidung hab ich nie gemacht; ein guter Film ist ein guter Film, egal wo er läuft. Und das Gleiche gilt heute auch für Serien. Dummerweise gehen viele Produzenten noch immer davon aus, dass sie die großen Namen für so was gar nicht anfragen brauchen. Dabei kannst du als Schauspieler nicht nur die ganz anspruchsvollen Sachen machen. Dann bist du nämlich bald arbeitslos.

Oder drehst Komödien…

(lacht) Was ich gut finde, hat da eh keine Chance. Ein wirklich geiler Film wie Stereo hatte voriges Jahr 90.000 Zuschauer und mein Berlinale-Beitrag Gnade noch mal die Hälfte weniger. In Sachen Filme, die keiner sehen will, bin ich Weltmeister. Selbst wenn sie künstlerisch als wichtig gelten. Es gibt immer Cineasten, die für interessante Sachen ins Kino gehen, aber die Masse erreichst du vor allem im Fernsehen. Ehrlich: es ist schon schön, nicht dauernd unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu laufen.


Meister des Todes: Heckler, Koch & HSW

milberg_koffler_lauterbach-100-_v-standard368_bd4351Meister des Politainments

Der heutige ARD-Mittwochsfilm Meister des Todes (20.15 Uhr; Foto@diwafilm) verbindet journalistische Recherchen zum illegalen Waffenhandel von Heckler & Koch so gekonnt mit fiktionalen Mitteln, dass er juristische Folgen haben dürfte. Vorher aber liefert er bedrückend gute Fernsehunterhaltung.

Von Jan Freitag

Sabine Stengele, die Frau des Waffenhändlers, hat keine Kinder. Das sollte unbedingt beachten, wer heute Meister des Todes schaut, einen schmerzhaft sehenswerten ARD-Film, in dem Frau Stengeles Gatte mit Unterstützung von ganz oben illegal Sturmgewehre ins mexikanische Krisengebiet liefert und ertappt wird. Die badische Hausfrau mit Villa im Dorfidyll wird ja von keiner Geringeren als Veronica Ferres verkörpert, was insofern bemerkenswert ist, als sie sonst (abgesehen von einer sexy Bundeskanzlerin) ausnahmslos starke Mütter im Kampf um ihre Brut verkörpert. Dass sie hier allem Anschein nach kinderlos bleibt, muss im Angesicht ihres Rollenprofils demnach dramaturgische Gründe haben: Während Sabine Stengele nämlich auch ohne Nachwuchs ums Gute ringt, soll ihr angetrauter Alex als skrupelloses Arschloch inszeniert werden.

Mission gelungen.

Heiner Lauterbach spielt seinen selbstgerechten, unsympathischen, karrieristischen Biedermann im wohlgenährten Wanst süddeutscher Global Player mit derart provinzieller Grandezza, dass man ihm nicht auch noch Abkömmlinge wünscht, die womöglich Teile seines miesen Charakters erben. Doch so abschätzig, wie dieser bis zur Selbstverleugnung loyal ergebene Prokurist des größten Arbeitgebers im Ort seine Frau behandelt, wird ohnehin schon zu Beginn des Films klar, dass ihm die Verwandtschaft ringsum weit wichtiger ist als jene hinter der eigenen Haustür.

Es geht in Daniel Harrichs fabelhaftem Drama folglich gar nicht nur um die Abgründe des globalen Handels mit Dingen, die besser nicht global gehandelt werden, sondern um was Archaisches: Familie, dieses blutdicke, traditionsharte, oft konservativ gebrauchte, selten belanglose Wort nürlichen Zusammengehörigkeitsgefühls, mit dem sich auch in einer sozial fragmentierten Zeit wie unser nahezu alles verkaufen lässt: Vergangenheit und Zukunft, Abgrenzung und Offenheit, Gemeinsinn, Liebe, Hass, Werte, ach ja: Und Waffen. Waffen? Fragen Sie mal Heckler & Koch!

Die badische Waffenschmiede baut seit 1949, was gemeinhin als „Wehrtechnik“ verharmlost wird und momentan unterm Kürzel „G36“ für größtmögliche Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit im Rüstungssektor steht. Errichtet auf den Ruinen des Konkurrenten Mauser, der vom selben Oberndorf am Neckar aus (mit kurzer Entnazifizierungsunterbrechung) seit gut 200 Jahren Schießgerät in alle Welt liefert, versteht sich H&K nicht bloß als mittelständisches Unternehmen, sondern als weitverzweigte, stets verlässliche, sehr verschwiegene Sippe, zu der Mitarbeiter, Nachbarn, Kunden ebenso zählen wie die Verwandtschaft aus Politik Verwaltung und Ökonomie.

Am Beispiel eines beschlagnahmten G36 mit, Registrierungsnummer 85-012252, das sich trotz Ausfuhrverbot bei einem berüchtigten Killer im mexikanischen Bandenkrieg wiederfand, folgt bereits das aktuelle ZEIT-Dossier den Ästen, Wurzeln, Trieben dieses Stammbaums und stößt dabei auf ein Geflecht wechselseitiger Hilfestellung, Vorteilsnahme und Amtshilfe, die sprachlos macht. Sogar Daniel Harrich. Gewissermaßen. Denn um dem schwebenden Verfahren gegen Heckler & Koch nicht filmisch vorzugreifen, hat der Regisseur und Drehbuchautor sämtliche Protagonisten von den Ergebnissen seiner jahrelangen Recherche zum System H&K abstrahiert. Reiner Selbstschutz, heißt es vom verantwortlichen SWR. Anders als in seiner anschließenden Dokumentation Tödliche Exporte – Wie das G36 nach Mexiko kam, nennt Harrich den inkriminierten Waffenhersteller in Meister des Todes vorsorglich „HSW“. Mit besagtem Alex Stengele in leitender Funktion, dessen Geschäftsführer Heinz Zöblin (Axel Milberg) und einem Mittelsmann namens Lechner (Udo Wachtveitl), die dank willfähriger Ministerialdirigenten (Michael Roll), Wirtschaftsfunktionäre (Herbert Knaup) und anderweitig korrupter Gewährsleute wie dem Botschaftspersonal das Sturmgewehr GS38 nach Mexiko schaffen. Ein Land im Kriegszustand, das vom Auswärtigen Amt auf die Rote Liste jener Staaten gesetzt wurde, dem keine kriegstauglichen Waffen geliefert werden dürfen.

Eigentlich.

Doch wie geschmiert sich solch ein Verbot „mit aktiver Unterstützung der für Kriegswaffenexportkontrolle zuständigen Ministerien und Behörden“ umgehen lässt, wie Harrich feststellt, das zeigt seine Erzählung vom HSW-Mitarbeiter Peter Zierler (Hanno Koffler), der das SG38 so unvoreingenommen wie innbrünstig am fernen Bestimmungsort präsentiert – bis er Augenzeuge eines tödlichen Einsatzes der heißen Ware in den Händen der dortigen Polizei wird und sich fortan von seinem Arbeitgeber, für den schon Vater und Großvater tätig waren, lossagt. Mit allen Folgen eines verletzten Wir-Gefühl verschworener Gemeinschaften. „Die Familie vergisst nichts“, sagt der ausdrucksstark verkarstete Lauterbach zu seinem verstoßenen Ziehsohn, als der „Nestbeschmutzer“ von seiner alten Dorfgemeinschaft erst ausgeschlossen, dann scharf beschossen wurde.

Wie seine „Familie“ all die Schweinereien von Waffenschiebereien bis zum kollektiven Mobbing durchzieht – das ist fast zu realistisch, um bloß erzählt zu sei. Dennoch bleibt es in jeder Sequenz ein erfundenes Fressen für den Prozess gegen Heckler & Koch, der womöglich hohe Strafen nach sich zieht. Wie schons Harrichs erschütternder Oktoberfest-Spielfilm „Der blinde Fleck“, dem im Frühjahr die Wiederaufnahme fahrlässig eingestellter Ermittlungen vor rund 30 Jahren folgte, könnte also auch dieses Werk juristische Konsequenzen haben.

Zuvor aber liefert es exzellentes Politainment mit herausragenden Darstellern in so glaubhaften Rollen, dass selbst Veronica Ferres als Stengeles Frau nie stört. Was in den „Dokumenten zum Leben fehlt“, sagt Co-Autor Gert Heidenreich über die erdachten, aber realen Charaktere, „haben wir durch Fantasie und Dramaturgie erfunden“. Nur so schafft es ein abstraktes Thema wie illegaler Waffenhandel an all den anderen Krisen der Welt vorbei in die Köpfe der Zuschauer. Schon dafür gebührt Daniel Harrich Dank!


Janus Dieckmann & Jürgen Blochin

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

14. – 20. September

Das Netz dreht durch, es spinnt, völlig entfesselt, nichts mehr zu machen, nirgends Ordnung in Sicht, gar Trost. Anstand, Ethos, Logik, Verstand? Gen Null! Wann immer Trolle und ihre Flaming genannten Hasskommentare auftauchen, ach, im Grunde schon, wenn Meinungen ins Spiel kommen, geraten alle Regeln außer Kraft. Da kann Justizminister Maas noch so viele Taskforces mit der Datenkrake Facebook vereinbaren: Hass ist die neue Übersetzung für Internet.

Während nämlich Flüchtlinge landauf landab mit einem Lächeln im Gesicht begrüßt werden, zeigt der rassistische Mob im rechtsfreien Raum virtueller Anonymität seine hässliche Fratze. Vermeintlich rechtsreduziert, vermeintlich anonym: Weil soziale Netzwerke viel gegen Brustwarzen und wenig gegen Nazis haben, wird der SWR selbst aktiv und geht gegen einen Kommentator auf der Facebook-Seite des Weltspiegel vor, der die Menschen an Ungarns Grenze „dreckiges Viehzeug“ nennt, „Tod den Eselfickern“ fordert und sich dafür ein scharfes Messer wünscht. Das einzig Gute daran: Die Anzeige wegen Volksverhetzung könnte tatsächlich Erfolg haben.

Zu dumm, dass man wegen dummdreister Ignoranz nicht belangt werden kann. Sonst gehörte Kai Diekmann für seinen AfD-Vergleich des grundsätzlich fremdenfreundlichen FC St. Pauli, der sich den verlogenen „Wir helfen“-Button der grundsätzlich fremdenfeindlichen Bild (wie mittlerweile die Hälfte aller Zweitligisten, aber nicht ein einziger Verein aus dem Oberhaus) zu recht nichts ans Trikot heftet, lebenslang bei Dosenbier und RTL2 in ein Asylheim gesperrt. Oder lieber mit Prosecco und Mila, einer derart altmodischen Telenovela, dass Sat1 sein debiles Gesülze nach nur zehn Folgen zu Sixx abschiebt. Schön wäre auch, Springers Chefposaunist würde zur Strafe eine Woche lang mal mit guten Journalisten arbeiten, die seinen Populismus als den Müll entlarven, der er publizistisch ist.

Journalisten wie Daniel Harrich zum Beispiel, dessen Drama zum Oktoberfestattentat kürzlich für eine Neuaufnahme der Ermittlungen sorgte. Sein neuer Streich lässt am Mittwoch Licht ins Dunkel der deutschen Industrie. Mit großer Faktenliebe, akribischer Recherche und reichlich Gespür fürs Unterhaltungspotenzial soziokultureller Relevanz, entlarvt sein ARD-Film realgetreue Fiktion Meister des Todes (gefolgt von einer präzisen Dokumentation) mit Heiner Lauterbach und Axel Milberg als skrupellose Waffenhändler, wie die hiesige Wirtschaft mit staatlicher Hilfe am weltweiten Tod Unschuldiger verdient. Ein Fall übrigens, der erst vorige Woche von der Wirklichkeit eingeholt wurde, als illegale Deals von Heckler & Koch (im Film HSW genannt) mit Mexiko durch die Presse gingen.

Schöne Exportnation Deutschland.

0-FrischwocheDie Frischwoche

21. – 27. September

Importiert werden muss hingegen noch immer gutes Serienfernsehen. Und falls mal was Deutsches mit Anspruch entsteht, läuft es wie Lerchenberg zur Geisterstunde, die das ZDF Dienstag für die letzen vier Folgen reserviert. Am späten Gütestammplatz ändert da auch die Topsendezeit des heiß ersehnten Fünfteilers Blochin mit Jürgen Vogel als janusköpfiger Bulle wenig. Der hochkarätig besetzte, horizontal erzählte Thriller ragt (schon dank Thomas Heinze als dubioser Chef) weit aus dem hiesigen Krimiallerlei hervor. Doch weder Buch noch Bildsprache, geschweige denn Vogel erreichen an drei Abenden ab Freitag das Niveau globaler Vorbilder.

So steht die Woche dann doch eher im Zeichen der Rückkehr. Von Big Brother etwa, dass seinen Container aber Dienstag um 20.15 Uhr beim Frauenkanal Sixx aufstellt. Oder von der Anstalt, die zwei Stunden später im Zweiten aus der Sommerpause kommt. Und dann gäbe es da noch das Comeback einer Serie, die Trash-TV-Geschichte geschrieben hat: Hinter Gittern mit der legendären Walter und ihren Mithäftlingen im Frauenknast (ab Samstag, 21.45 Uhr, SuperRTL) von 1997, eine Zeit, als selbst das Privatfernsehen noch die Kraft zu bedeutsamer Innovation besaß.

Weil davon längst nichts mehr zu spüren ist, wenden wir uns den „Wiederholungen der Woche“ zu. In Farbe diesmal Local Hero (1982), Bill Forsyths poetische Tragikomödie (Donnerstag, 22.25 Uhr, 3sat) um die Bewohner eines schottischen Küstendorfs im heiteren Kampf mit einem profitgierigen Ölkonzern. Zur Gattung Tragikomödie zählt auch die schwarzweiße Gebrauchtware: Der alte Mann und das Kind (Montag, 20.15 Uhr, Arte) von 1967, in der ein französischer Antisemit aus Versehen einen kleinen Juden vor den Nazis rettet. Und zum Schluss der Dokumentartipp, heute gleich zwölf Stunden lang: Am Dienstag porträtiert ZDFkultur bis Mitternacht amerikanische Pioniere und Konzerne von Coke über Ford bis Oppenheimer, was durch die Bank spannend ist.


Wahnsinnsstadt: Mega-Events

Hafengeburtstag-HamburgAlles, was dumm und scheiße ist

Seit einem Jahr kommentiert Jan Freitag einem im Monat die dunklen wie hellen Seiten einer Großstadt wie Hamburg auf dem hyperlokalen Blog HH-Mittendrin. Freitagsmedien dokumentieren sie künftig am Wochenende. Zum Auftakt: Mega-Events  wie der Hafengeburtstag (Foto@Dontpanic). Denn Während man als Hamburger eine Großveranstaltung nach der anderen hinnehmen muss, stoßen selbstorganisierte Straßenfeste oft an bürokratische Hürden. Nicht mehr lange, dann ist die Innenstadt für Bewohner ganz gesperrt.

Von Jan Freitag

Schon richtig, angesichts des engmaschigen Netzes an Radwegen, Bus- und Bahnverbindungen braucht in einer Stadt wie dieser niemand, den weder körperliche Handicaps, noch materielles Geltungsbewusstsein an die Straße fesseln, ein Automobil. Manchmal jedoch geht es selbst im örtlichen Dauerstau nur eigenmotorisiert voran. Wenn man was Untragbares transportieren muss, zum Beispiel, sagen wir: eine zentnerschwere Musikanlage nebst Platten und DJs. Theoretisch. Praktisch jedoch wird den Bewohnern innerstädtischer Quartiere tendenziell an jedem zweiten Sommerwochenende die Zufahrt verweigert. Nachhause, wohlgemerkt. Wie ein mittelalterlicher Bann, wenngleich begrenzt auf halbe Tage.

Alles was dumm und scheiße ist

Der Grund sind, klar, Hamburgs Großveranstaltungen. Pardon: Events. Pardoner: Megaevents. Harley Days und Hanse-Marathon, Hamburg-Triathlon oder Schlager Move, Alster-, Hafen-, Ballermannvergnügen und zuletzt, so nötig wie eine nordkoreanische Militärparade: Das dreckschleudernde Urlaubsschlachtschiffmanöver Cruise Days. Zwischen Alster und Elbe finde nun mal, Zitat Rocko Schamoni, alles das statt, „was dumm und scheiße ist“. Was man als Bewohner offenbar klaglos hinzunehmen hat. Denn Hamburg, Zitat eines Polizisten, der den Ring 2 mithilfe hunderter Kollegen unlängst wieder einen Dreiviertel Augustsonntag lang zur Sperrzone für all jene verriegelte, die nicht an den Cyclassics teilnahmen, sei nun mal eine „Entertainment-Metropole“. Oje!

Nachbarschaftsparty statt Hochglanzevent

Blättern wir doch mal kurz im Duden. Entertainment, steht da, ist „berufsmäßig gebotene leichte Unterhaltung“. Abgesehen davon, dass die Teilnehmer, Tagesgäste und sonstwie touristisch Angereisten einwohneraussperrender Entertainmentmetropolenmegaevents zusammenaddiert spielend das Gewicht des jährlichen Warenumschlags im Hamburger Hafen erreichen, ist das eine schallende Ohrfeige ins Gesicht all jener Einwohnenden, die sich unter Unterhaltung doch etwas mehr vorstellen, als berufsmäßig gebotene Leichtigkeit. Ein wenig mehr Schwere, ohne belastend zu sein, konnte man zum Beispiel kurz nach den Cyclassics in der Bernstorffstraße erleben, wo Menschen mit Bezug zum Umfeld ein Straßenfest auf die Beine stellten, dass des nachts ebenfalls das Vorankommen blockierte – allerdings nicht mit grimmiger Polizeigewalt, sondern einem Gratiskonzert des Lokalmatadors Nico Suave, der in seinem Hood für lau rappte, dass der laue Abend zum helllichten Tag geriet.

Bürokratische Hürden im Bezirk

Im Gegensatz zu anwohnerfeindlichen, aber fremdenverkehrsfreundlichen Hochglanzevents sind manchmal laute, aber stets liebenswerte Nachbarschaftspartys wie diese allerdings vom Wohlwollen störrischer Bezirksbürokraten abhängig, die dem nachfolgenden Wohlwillstraßenfest zwei Wochen später die Zustimmung verweigern. Der Grund: die Anmeldefrist habe sich verlängert, sei also diesmal überschritten. Punkt. Einspruch abgelehnt. Allenfalls eine Duldung sei drin. Dann aber ohne polizeiliche Ordnungsmaßnahmen, weshalb sich Menschen, Musik und Stände den knappen Raum am Samstag mit allerlei parkenden Autos teilen dürfen.

„Bewohner bitte draußen bleiben“

Auf derlei Festen, die nicht grad im stinkreichen Eppendorf stattfinden, gibt’s halt nix zu verdienen außer ein Stück stimmungsvoller Atmosphäre, die dem zügig zur Unkenntlichkeit gentrifizierten Wohnraum altbauverzierter Stadtteile ein klein wenig über den Weltschmerz glasstahlbetonierter Lebensfreude hinweghilft – und für einen Moment vergessen macht, dass der Kreislauf übersteigerter Monsterveranstaltungen im Werbegewitter von Red Bull bis Beck’s im nächsten Jahr aufs Neue startet. Bewohner bitte draußen bleiben. Die Innenstadt ist leider gesperrt. Für Konsumenten statt Menschen.

Aus: HH-Mittendrin


Unter meinem Bett, Malakoff Kowalski

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Kinder hatten’s schon immer schwer. Einst mussten es artige kleine Erwachsene sein, denen debile Lieder und Horrorstory voll fieser Wölfe oder toter Suppenkasper vorgesetzt wurden. Jetzt sind die Geschichten zwar altersgerechter, das Liedgut aber verharrte im infantilen Heitidei – bis Deine Freunde dem Nachwuchs ein Stück Wirklichkeit ins wachsende Hirn rappten. Das HipHopTrio aus Hamburg besingt erstmals echte Herausforderungen für die Kleinsten, zu Themen wie Überforderung, Aufräumen, Spickzettel, deine Mudder, betextet mit Niveau, Relevanz und Spaß, in einem Sound, der auch Großen gefällt. Das muss dringend erwähnt werden, wenn von einer neuen Platte mit Kinderliedern die Rede ist. Sie heißt Unter meinem Bett und stammt von den derzeit populärsten Singer/Songwritern im Land.

Im Namen der Zielgruppe protestiert Gisbert zu Knyphausen gegen den Zwang zum dauernden Sollen, dem er das Recht aufs Wollen entgegensetzt. Jan Plewka beschreibt einen grimmigen alten Mann, der wohl jedem Kind beim Spielen schon mal den Tag versaut hat. Desiree Klaeukens vergleicht Urlaub mit einer extralangen Schulpause und Die Höchste Eisenbahn feiern das Großwerden, beschreiben aber auch seine Tücken. Die 13 Tracks von 12 Künstlern sind überwiegend heiter bis wolkig, klingen dabei oft gar nicht anders als andere Lieder der Verfasser, gönnen sich dennoch zwischendurch überdrehten Gaga von Olli Schulz oder Peter Licht und bieten als Schlussakkord den Titelsong des seligen Nils Koppruch, der das Chaos unterm Bett feiert. Im Zielgruppenpraxistest hat die Platte bereits Höchstnoten erzielt. Heitidei war vorgestern, Deine Freunde haben nun Unterstützung, man möchte glatt wieder klein sein.

Various Artists – Unter meinem Bett (Oetinger Audio)

Album_Cover_Malakoff_KowalskiMalakoff Kowalski

Kind geblieben und dennoch gewaltig ist ein Künstler, der aussieht, als verkaufe er Altkleider im Brennpunktviertel, aber zu den fantastischsten Musikern der nostalgischen Moderne: Malakoff Kowalski, ein Erregungskünstler der besonderen Art. Wobei im Zustand großer Erregung zwei Arten Triebabfuhr üblich sind: Alles raus lassen oder nichts rein. Wer verliebt ist, neigt da gelegentlich zum Überschwang und lässt es alle Welt andauernd wissen. Wn die hingegen im Ganzen verdrießt, der zieht sich oft ins Schneckenhaus zurück. Kowalski, der eigentlich heißt, ist beides: Furchtbar verliebt in eine Frau, schrecklich verdrießt von der Popkultur. Ein vertrackter Zustand zwischen Reduktion und Überfluss, die der Hamburger persischen Ursprungs aus Boston am Sitz Berlin mit viel Nonchalance löst.

Sein zweites Album auf Solopfaden heißt I Love You und schmiert dem Zeitgeist hinreißend nostalgischen Honig um den Hipsterbart, als sei nicht der Mittdreißiger in die Spätfünfziger gereist, sondern sie gewissermaßen zu ihm. Er selbst verortet seine wunderbar windschiefe Stimme zu glasklaren Psychobeatriffs in filigraner Jazzkelleraura zwischen Nouvelle Vague und Wes Andersen, was den 15 Tracks abermals die Atmosphäre eines schwarzweißen Science-Fiction-Films verleiht: aufs Nötigste reduziert, von Herzen übermütig, zum Niederknien schön.

Malakoff Kowalski – I Love You (MPS)

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Fettes Brot: Spaßrap & Politpop

Fettes Brot @ Ondrey LudkovskiUnser Chef ist der Song

Kaum zu glauben, aber selbst Fettes Brot (Foto@Ondrey Ludkovski) werden sichtbar älter, wenn man die drei HipHopper aus Hamburg genau 20 Jahre nach ihrem Debüt vor sich hat. Seltsam jünger wird hingegen ihr Sound, der den gewohnt schnodderigen Rap ihrer neuen Platte musikalisch absolut discotauglich begleitet. Das erklärt vielleicht den Titel: Teenager vom Mars. Textlich indes vollführt auch das achte Album seit Nordisch by Nature den unvergleichlichen Mix aus parolenhaftem Humor und linksalternativer Attitüde, die Martin Vandreier alias Doktor Renz, „König“ Boris Lauterbach und Björn (Beton) Warns mit „Unterhaltung & Haltung“ umschreiben. Ein überraschend sachliches Gespräch mit drei Spaßveteranen des Diskurs-Raps.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Ich habe in den letzten Jahren etwas den Anschluss an euer Werk verloren, aber kann es sein, dass Fettes Brot ein wenig den Anschluss an den HipHop verloren haben?

Martin: Wann denn ungefähr – 1996?

Schon später, eher zwischen Domotape und 3 is ne Party. Habt ihr euch in all den Jahren zusehends dem Pop geöffnet oder verklärt man damit die Vergangenheit?

Boris: Wir waren ja noch nie eine Band, die ängstlich war im Umgang mit genrefremder Musik und dem Übertreten von Grenzen im Sinne eines puristischen Ansatzes von HipHop. Die große Klammer sind und bleiben wir drei, unsere Stimmen, die Texte. Auch auf dem neuen Album hört man Songs wie K.L.A.R.O oder Ganz schön Low unsere Wurzeln genau an, aber wir haben auch nix gegen Pop.

Mit dem Begriff tritt man euch nicht zu nahe?

Boris: Anderen im Genre vielleicht schon. Uns nicht. Pop ist, wenn es das Zeug zur Popularität hat, da hat keiner von uns was gegen.

Björn: Dass wir heute klingen, wie wir klingen, hat ja auch damit zu tun, dass wir uns als Musiker weiterentwickelt haben und im Songwriting besser geworden sind. Learning by doing halt und growing up in public, um mal ganz hiphop-mäßig ein paar Anglizismen einzustreuen.

Benutzt ihr also richtige Poppeitschen wie die Cher-mäßige Stimmverzerrung in Mein Haus, weil ihr es könnt oder steckt da ein Konzept hinter?

Martin: Cher? Ein älteres Beispiel ist dir nicht eingefallen?!

Boris: Das ist einfach nur ein Effekt, der drinbleibt, wenn es geil klingt, und rausfliegt, wenn nicht. Unser Chef ist immer der Song, nicht irgendein Anspruchsdenken. Wenn er uns sagt, ein Gitarrensolo reinzupacken, gehorchen wir ihm.

Martin: Und ob nun Hall, Verzerrung, Delay, was immer: So was gehört eben zum modernen Popsound dazu, um etwa eine Stimme mal artifizieller klingen zu lassen. Da nutzen wir nur die gegebenen Möglichkeiten.

Boris: Und machen uns generell nicht mehr so viele Gedanken über Sparten.

Bedeutet „nicht mehr“, dass ihr euch diese Gedanken früher gemacht habt?

Björn: Wir nicht, aber viele um uns herum, allerdings früher mehr noch als heute. Zu Beginn wurde die Frage einfach viel öfter gestellt, ob das noch HipHop ist. Heute ist er auch in Deutschland vielfältig wie nie, da passen die Schubladenbegriffe nicht mehr.

Martin: Nimm mal einen Song wie Hey Ya! von OutKast, das ist kein HipHop, man hört ihm aber in jeder Zeile an, dass André 3000 aus dem Fach kommt.

Boris: Oder Cee-Lo Green mit Crazy.

Martin: Da gibt’s Hunderte von Beispielen, wo die Grenzen verwischen. HipHop hat Musik, die er früher nur gesampelt hat, weiterentwickelt und sich dabei weit für andere Sparten geöffnet. Das macht ihn so spannend.

Gibt es bei aller Veränderung, die auch euer Sound durchlaufen hat, so etwas wie einen Kernbestand von Fettes Brot – Humor zum Beispiel, die Suche nach einer Punchline?

Boris: Beides, auf jeden Fall.

Martin: Die Krone des Songwritings ist für uns, Unterhaltung und Haltung zusammenzubringen, wenn die Leute auf den Dancefloor gezogen werden, das Gehirn aber angeschaltet bleibt und mal subversiv, mal plakativ mit Gedanken gefüttert wird, die uns am Herzen liegen oder wütend machen.

Würdet ihr euch als politische Band bezeichnen?

Martin: Da wir uns alle als politische Menschen bezeichnen und vieles davon in unsere Musik einfließt, wahrscheinlich schon.

Björn: Wobei man politische Musik auf keinem Fall mit dem verwechseln darf, was an Politik in den Nachrichten, geschweige denn den Parteien geschieht. Unser Weg ist eher zu kommentieren, wenn etwas mal sehr richtig läuft.

Boris: Oder sehr falsch.

Ist es da gewollt, dass viele Leute irritiert sind, wenn ihr zum 25. Geburtstag der Roten Flora in Hamburg auf der Bühne eines linksautonomen Zentrums steht aber vor allem auf die Partytube drückt?

Boris: Wenn jemand so irritiert ist, dass er sich zwischendurch fragt, ob das nun sozialkritisch ist oder nicht, haben wir unser Ziel schon erreicht. Wir wollen nicht schwarz oder weiß sein und trennen selten zwischen Entertainment und Diskurs. Wenn wir zum Jubiläum der Roten Flora spielen, ist das für sich ja schon Aussage genug, selbst wenn wir das nicht extra betonen. Aber was das Publikum daraus macht, hängt von jedem einzelnen darin selber ab. Sowas mögen wir alle auch als Hörer.

Heißt das im Umkehrschluss, dass ihr es weniger mögt, wenn sich Musik allzu explizit positioniert und womöglich offen politisieren will?

Boris: Kommt auf den Einzelfall an.

Martin: Wenn etwas oft genug gesagt wurde, würde ich es mir jedenfalls wegen der Aussage allein nicht kaufen. Andererseits wirst du selten ein Stück finden, dass konkreter wird als Ganz schön Low.

In dem es um was genau geht?

Martin: Sexismus im Rap, Fremdenfeindlichkeit, deutsche Angst vor Flüchtlingen, Gewalt im Allgemeinen, Themen einer breiten Palette, die uns ankotzen.

Was ist bei euch als erstes da: das Thema, ein griffiger Slogan oder die Musik?

Martin: Kann alles vorkommen, aber schon oft auch Slogans. „Das letzte Lied auf der Welt“ zum Beispiel war so ein Aufhänger, der mal im Proberaum fiel und schnell den Eindruck erweckte, da könne man was draus machen. Wichtig ist aber immer, dass daraus ein Song entsteht, der unseren Ansprüchen genügt. Bei aller Party darf der nie zu oberflächlich bleiben.

Björn: Wir unterhalten uns ja manchmal einfach nur darüber, was wir lesen, gucken, uns beschäftigt. Alles taugt da zur Inspiration. Ich kann mich noch gut erinnern, wie aus dem Anschlag auf die Redaktion der Charlie Hebdo sofort was in uns entstanden ist. Erst, wenn man am Ende eines Produktionsprozesses schaut, welche Lieder auf der Platte bleiben oder runterfliegen, sieht man, was uns offenbar im letzten Jahr beschäftigt hat.

Boris: Da findet sich inhaltlich immer wieder was Neues, aber auch wiederkehrende Themen.

Björn: Vor dieser Platte hätte ich mir zum Beispiel nicht vorstellen können, mal ein Lied über Barbara Emme, genannt Emmely, zu machen, die diesen gefundenen Pfandbon eingelöst und daraufhin ihren Job im Supermarkt verloren hat. Sehr komplexes Thema, bei dem die künstlerische Herausforderung darin bestand, es trotzdem kunstvoll, schön und unterhaltsam zu machen, ohne mit überflüssigen Erklärungen zu langweilen.

Boris: Da ist die Arbeitsweise intuitiver, als es von außen den Anschein hat, und letztlich ist immer auch ein bisschen Glück dabei, was uns thematisch vor die Füße fällt.

Plant ihr eure Platten heute mehr oder weniger als früher?

Björn: Weder noch, viel geplant haben wir nie.

Martin: Wir haben uns früh dagegen entschieden, uns konzeptionell einzuschränken und haben ja auch bei niemandem unterschrieben, besonders politisch sein zu müssen.

Boris: Oder sonstwie thematisch stringent.

Björn: Das stimmt so nicht.

Martin: Du sagst, ich lüge?!

Björn: Hier mal nicht… Aber ich hatte schon manchmal das Gefühl, dass uns ein paar Ideen zu gagig waren, um dem Ernst der Sache gerecht zu werden. Aber da geht es explizit um unsere eigenen Ansprüche, nicht darum, was jemand von außen von uns erwartet.

Martin: Wobei wir uns ein kreatives, kritisches Umfeld bewahrt haben, dass immer wieder…

Boris: Gern auch ungefragt…

Martin: … Meinungen reinruft; so verfolgen wir oft verworfene Ideen weiter oder werden auf Schwachstellen hingewiesen. Das war früher allerdings ungestümer und hat sich auf sehr erwachsenem Niveau eingependelt.

Entspricht diese Mischung von Haltung und Unterhaltung, von der öfter die Rede war, eigentlich auch euren Persönlichkeiten?

Martin: Keine Fragen zur Übereinstimmung von Image und Person, dass regeln die Genfer Konventionen unmissverständlich!

Boris: Verschiedenste Leute interpretieren verschiedenste Sachen in uns hinein, manchmal entsprechen wir denen mehr, manchmal weniger. Wichtig ist, dass wir uns davon frei gemacht haben, es beeinflusse unser Glück, ob wir uns richtig oder falsch interpretiert fühlen.

Björn: Was ich allerdings sagen kann, ist, dass mir die Leute, die zu unseren Konzerten kommen, eigentlich durchweg sympathisch sind und ich mich unter ihnen zuhause fühle.

Seid ihr mit den Leuten groß geworden oder wächst da was nach?

Björn: Da sind sogar so junge Leute dabei, dass ich mich immer mal frage, ob sich deren Eltern 1994 auf einem Konzert von uns kennengelernt haben.

Martin: Wir haben ja das große Glück, dass unsere Konzerte immer größer geworden sind im Laufe des Jahres. Hier in Hamburg passen 13.000 Leute in die Arena und die werden aller Voraussicht nach auch kommen. Da findest du alles von 15 bis was weiß ich.

13.000 – hattet ihr vor 20 Jahren im Hinterkopf, so was erreichen zu können?

Martin: Wir sollten damals mal im Huxley’s in Berlin vor 2000 Leuten spielen, was uns so erschreckt hat, dass wir lieber zweimal vor der Hälfte im SO36 auftreten wollten, obwohl das viel anstrengender war. Mittlerweile haben wir Spaß daran gefunden, zu wachsen.

Björn: Auch wenn manche Ängste größer werden.

Martin: Aber das ist ja das Gute am Erwachsenwerden.

Der Text ist vorab bei Musikblog erschienen


Das Dienstagsgeheimnis

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Superschurkenhelferrekrutierung

Woher nur beziehen die finstersten Gegenspieler der strahlendsten Helden bloß immer all die uniformierten Söldnerheere, mit denen es nicht nur 007 gern zu tun kriegte? 

Superschurke müsste man sein: Ebenso viel Geld wie Gehirnzellen, Superschurkenzentrale vom Umfang mittlerer Zwergstaaten, dazu siedend heiße Gespielinnen im Dutzend und etwas, das die Weltherrschaftseroberung viel leichter macht als ganz allein vom Sessel aus: Söldnerheere, riesengroß, skrupellos, bis zum bitteren Ende auf ihren finsteren Bandenboss eingeschworen, der ihnen dafür allerdings auch – nun ja, was eigentlich als Gegenleistung erbringt? Wer das berittene Cowboykanonenfutter im technikolorbunten Western à la Winnetou betrachtet oder James Bonds Rivalen, die unterirdische Weltherrschaftseroberungsheere gleich zu Hunderten bevölkern, könnte da ja durchaus neugierig werden…

Denn um sich in mausgrauer bis staubbrauner Uniform für sinistre Despoten mit eher ilimitiertem Gerechtigkeitsverständnis reihenweise abknallen zu lassen bedarf es abseits vom weltlichen Ertrag ja doch eine Perspektive im Jenseits, mindestens das Paradies, Jungfrauen inklusive. Da all die Blofelds und Rattlers der Filmwelt selten islamischen Glaubens waren, muss der Lohn des Todesmutes demnach schon größer als alle Genüsse im Jenseits. Weil aber bislang noch kein einziges Gangsterheer erfolgreich war, bliebe also nur eins: Warhols 15 Minuten Berühmtheit im Dienste eines echt widerlichen Bösewichts, Option unmittelbare Nähe zur Höllenmachine, die 007 Sekunden vor der Detonation noch schnell entschärft. Ein vergänglicher Ruhm, zugegeben. Aber irre aufregend.


Kerners Stumpfsinn & wahre Detektive

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

7. – 13. September

Wenn der latente Rassismus bürgerlicher Mittelschichten mit süffiger Fernsehempathie überkleistert wird, darf er natürlich nie fehlen: Johannes B. Kerner. Benannt nach einem Heiligen und irgendwas mit Taufen, stellt sich der werbende Fan industriell gefertigten Schlachtviehs notorisch an die Bühnenkante, wenn kindliche Kulleraugen den Leuten das Geld aus der Tasche ziehen sollen. Was da allerdings am Donnerstag im als eilends anberaumte Spendengala für Flüchtlinge ins ZDF-Programm suppte, war selbst für JBK an Zynismus, Stumpfsinn und Banalität kaum zu übertreffen. Mit debilem Floskelmüll wie „war’s hart oder ging’s einigermaßen“ lief die Emotionsmaschine dauerhaft heiß und behandelte die Betroffenen dabei so, wie sie in derlei Zusammenhängen so eben noch akzeptabel sind: als kurzzeitig tolerable Schablonen deutscher Gewissenbereinigung, die den Kauf von Billigkleidung aus Bangladesch oder Kerners Foltergeflügel tags drauf ein bisschen erträglicher machen.

Andererseits sollte man sich hüten, alles schlecht zu reden an der furiosen Welle des Mitgefühls, die sich der unbeugsamen Fremdenfeindlichkeit ringsum zum Heulen schön entgegenstellt. Wenn selbst der Boulevard jene Flüchtlinge, die er sonst als Asylbetrüger in die Armut zurückpöbelt, willkommen heißt, scheint sich tatsächlich was getan zu haben, im Einwanderungsland D. Und um nicht zu denken, alles sei nun gut, gibt‘s ja noch Gegenmodelle wie Eva Herman, die nach ihrer Eloge aufs nationalsozialistische Familienmodell eine putzige Idee ins Netz geblasen hat. Lügenpresse, Nato, Politik und IS, meint die blondeste Nachrichtensprecherin seit der Wochenschau auf dem Verschwörungstheroretikerforum Wissensmanufaktur, hätten Länder wie Libyen ins Chaos getrieben, um mit den Flüchtlingsmassen das alte Europa zu zerstören. Gut, warum diese Koalition des Schreckens das will, hat Herman sicher nur zu erwähnen vergessen.

0-FrischwocheDie Frischwoche

14. – 20. September

Umso gespannter erwarten wir da den Flüchtlingsreport im Ersten, der Montag, 22.15 Uhr, darüber hoffentlich Aufschluss über gibt. Vielleicht gönnen wir uns aber zwischendurch auch eine Auszeit vom Dauerbrenner Flucht, das seit Wochen die News dominiert, als stünde die restliche Welt still. Zur niveauvollen Ablenkung ohne Einschläferungswirkung taugt da die zweite Staffel von True Detective, in der es ab Donnerstag auf Sky Atlantic nun Colin Farrell und Vince Vaughn mit den Abgründen ritueller Kriminalität zu tun kriegen, was kaum an ihre Vorgänger Matthew McConaughey und Woody Harrelson heranreichen dürfte, aber immer noch in jeder Minute mehr Substanz haben, als deutsche Durchschnittskrimis in ganzen Staffeln.

In diesem Sinne legen wir den Mantel des Schweigens über den schwäbischen Privatschnüffler Huck, den die ARD ab Dienstag auf Sendung schickt. Und wenden uns einer Perle öffentlich-rechtlichen Humors mit Niveau zu, die Freitag fortgesetzt wird. In Lerchenberg kriegt es die wunderbar spröde Eva Löbau als verdruckstes Mainzer Büro-Tierchen Billie mit dem wunderbar schmierigen Sascha Hehn als wunderbar schmieriger Sascha Hehn zu tun, was wie 2014 wirklich witzig ist – und dafür die Sahnesendezeit um 23 Uhr kriegt, knapp übertroffen von den Folgen 2-4, die Dienstag nach Mitternacht starten.

Etwas mehr Glück haben da die ARD-Großprojekte: Iris Berben als merkeleske Bundeskanzlerin, die eine Amnesie ins Jahr 1989 vergleichsweise heiter zurückwirft, was in den besseren Momenten charmanter ist als ein seifiges Happyend (Die Eisläuferin, Mittwoch, 20.15 Uhr), das Axel Milberg als Star-Psychiater erspart bleibt, wo er neben Mario Adorf als zotteliges Über-Ich den Hamburger Woody Allen gibt, der besser seine eigenen Neurosen behandeln würde (Der Liebling des Himmels, Freitag, 20.15 Uhr).

Alles solide, alles okay, alles nichts gegen Happy Valley, ein britischer Thriller, der mittwochs ab 22 Uhr im WDR sechs Teile lang die schmerzhafte Frage stellt, warum so was bei uns unmöglich ist. Antwort: hierzulande (oder in den USA) wäre die Kleinstadtpolizistin Catherine Cawood (Sarah Lancashire) auf der Jagd nach dem Mörder hübsch, cool und hochhackig im Einsatz, also nicht glaubhaft spannend, sondern klischeehaft artifiziell. Wie die farbige Wiederholung der Woche von 1977: Ein ausgekochtes Schlitzohr (Samstag, 1.15 Uhr, ZDF) mit Burt Reynolds als Trucker im Rennen mit der Polizei, was natürlich totaler Quatsch ist, aber so faszinierend wie die schwarzweiße Wiederholung Zähl bis drei und bete, einem Western von 1957 (Freitag, 22.15 Uhr, Servus) mit Glen Ford als Streiter für die Gerechtigkeit. Was direkt zum dokumentarischen Wochentipp überleitet: Das Justizschiff, eine Art schwimmendes Gericht auf dem Amazonas, das 3sat am Mittwoch (20.15 Uhr) besteigt.