Volker Heise: Schwarzwaldhaus & Tschernobyl
Posted: April 17, 2026 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a commentVerzicht klingt so enthaltsam
Fast 40 Jahre später dokumentiert Volker Heise (Foto: Maren Willkomm) in Tschernobyl 86 (ARD-Mediathek) den ersten Super-GAU. Und wie immer, wenn er die Geschichte aufarbeitet, ist das Resultat zugleich faszinierend, irritierend – und absolut ungewöhnlich aufgearbeitet.
Von Jan Freitag
Herr Heise, in Ihrer neuen Dokumentation befassen Sie sich eingehend mit der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl von 1986. Haben Sie da vor ein paar Jahren die HBO-Serie Chernobyl“ gesehen?
Volker Heise: Selbstverständlich. Tolle Serie, gut recherchiert, beeindruckend dargestellt. Hut ab!
Was ist erschütternder: diese Fiktion oder Ihre Dokumentation?
Das Gute an Fiktionen realer Ereignisse ist, dass man sie mit Emotionalität handelnder Charaktere anreichern kann. Das kam der HBO-Serie auch deshalb zugute, weil es von der Realität in den Tagen nach der Katastrophe, aber auch lange danach kaum Bilder aus Tschernobyl gab und man sie inszenieren konnte. Dennoch ist die Wirklichkeit ungleich härter als jede Inszenierung. Mir geht Archivmaterial grundsätzlich näher und erschüttert mich leichter.
Was war denn an Tschernobyl bestürzender: die Katastrophe an sich, das Schicksal der Betroffenen oder die politische Verharmlosung beiderseits des Eisernen Vorhangs?
Das ist schwer zu trennen. Auf der menschlichen Ebene sind die unmittelbaren Schicksale besonders erschütternd. Zum einen die Strahlenopfer, die fürchterlichste Verbrennungen erlitten haben. Zum anderen die Liquidatoren, die bei den Aufräumarbeiten verstrahlt wurden. Insgesamt waren das Tausende von Männern und Frauen, über deren Langzeitfolgen auch im Zuge des Zusammenbruchs der Sowjetunion viel zu wenig bekannt ist. Gerade an der Informationspolitik erkennt man die Dysfunktionalität autoritärer Systeme. Mangels Fehlerkultur und Medientransparenz werden Missstände nicht behoben, sondern verschoben. Deshalb gab es erst zwei Wochen nach der Katastrophe staatsoffizielle Berichte aus Tschernobyl.
Die das Ausmaß obendrein heruntergespielt haben.
Mehr noch: Die Propaganda hat daraus sofort eine Heldenerzählung selbstloser Sowjetbürger im erfolgreichen Kampf gegen eine neue Art von Naturgewalt gemacht.
Im Westen wurde nach zwei Tage von der Havarie berichtet. Was erinnern Sie vom 28. April, als viele Zeitungen den kryptischen Begriff „Super-GAU“ getitelt haben?
Ein sonniger Tag während meines Studiums in Berlin. Ich war mit Freunden am Wannsee und habe abends zum ersten Mal in den Nachrichten von Tschernobyl gehört.
Und Ihre Reaktion?
Schock, Ernüchterung, Hilflosigkeit. Bis dahin haben Experten und Politiker immer gesagt, so ein Unfall könne nie, nie, niemals passieren. Auf diesen Epochenwechsel waren da weder die Menschen noch ihre Institutionen vorbereitet. Während ihn der Osten untern Teppich kehrte, gab Innenminister Friedrich Zimmermann gebetsmühlenartig Entwarnung, man habe die Lage im Griff und so was könne im Westen nicht passieren. Weil Fehler im System der atomaren Energieerzeugung an sich stecken, im Wesen der Technik, und nicht nur in ihrer Kommunikation, glaubte ihm allerdings kaum jemand.
Sie als Politikstudent im linken Berliner Uni-Betrieb vermutlich schon gar nicht.
Natürlich nicht. Ich gehöre zur Generation, die sich mit Atomkraft kritisch auseinandergesetzt hatte. Heute bin ich zwar weniger kategorisch, aber zwei Dinge hat man bis heute eben nicht in der Hand: Die Folgen einer Havarie, wie zuletzt Fukushima zeigte. Und die Endlagerfrage. Beides hat die Bundesregierung seinerzeit konsequent schöngeredet, und bis Tschernobyl haben ihr das auch viele geglaubt. Danach deutlich weniger. Auch, weil sie es kommunikativ überhaupt nicht in den Griff bekommen hat.
Fasziniert Sie dieser Umstand besonders?
Mich fasziniert vor allem die Nähe aller Beteiligten zum Ereignis. Viele solcher Katastrophen bleiben abstrakt, rücken uns nicht auf die Haut. Damals der saure Regen, jetzt der Klimawandel. Die Radioaktivität aus Tschernobyl dagegen schien uns direkt zu bedrohen. Ähnlich war es auch bei Corona. Wenn uns Katastrophen im Alltag spürbar betreffen, nehmen wir sie ernster.
Warum haben Sie zur Vermittlung dieser Kontinuität nur Archivmaterial verwendet, also komplett auf Off-Kommentare und Zeitzeugen verzichtet?
Verzicht klingt so enthaltsam. Die Frage ist, welchen Film man machen will. Wer Ereignisse rekonstruieren und erklären will, ist mit Experten, Zeitzeugen, Kommentaren gut beraten. Mir ging es darum, ein Gefühl für die damalige Zeit zu vermitteln, und mit Archivmaterial erzählt man mit der Vergangenheit und nicht über die Vergangenheit. Ich bin häufig auf der Suche danach, sie anders als durch den Blick von Fachleuten zu erklären. Das ist unmittelbarer.
Macht den Film aber automatisch zu einer Medienanalyse, weil das Material mehrheitlich der damaligen Berichterstattung entstammt.
Meine Filme sind, wie Gladbeck, oft Reflexionen über die Medien, ihren Voyeurismus, Krisenkommunikation generell. Aber eigentlich ist jeder Film bewusst oder unbewusst eine Reflexion übers eigene Medium.
Formate wie Schwarzwaldhaus 1902 oder 24h Berlin haben das Genre dabei revolutioniert. Wieso arbeiten Sie in Tschernobyl 86 vergleichsweise konventionell?
Finden Sie das konventionell? Daniel Lindseys LA 92 über die Unruhen nach den Freisprüchen im Fall Rodney King oder Asif Kapadias Maradona-Porträt arbeiten zwar ausschließlich mit Archivmaterial, das sind aber absolute Ausnahmen. Ich wollte auch keine formale Innovation. Mir ging es darum, was Krisen mit Gesellschaften machen, welche Prozesse sie anstoßen, welche nur beschleunigen, wie Politik darauf Einfluss nimmt. Man sieht im Iran, wie ihr der eigene Einfluss entgleitet, wenn sich Krisen verselbständigen. Das interessiert mich auch an Tschernobyl und war mit Archivmaterial am besten vermittelbar. Und noch was.
Ja?
Weil unsere Medienlandschaft eine ganz andere ist und die Aufmerksamkeitsspanne kürzer, haben es Experimente wie 24h Berlin schwerer. Angesichts all der Krisen fällt es uns ohnehin zusehends schwer, mal innezuhalten und sich auf eine davon zu konzentrieren. Sich obendrein stilistisch auf etwas Neues einzulassen, macht die Sache noch komplizierter. Aber wer sich auf 90 Minuten Tschernobyl einlässt, spürt womöglich, wie die Stimmung in Ost und West zwischen Hysterie und Apathie pendelte. Mich interessiert daran auch, was Angst mit Menschen macht. Ich sehe den Film eher als fernen Spiegel für unsere Gegenwart.
In diesem Fall also: Angst vor der Atomkraft. Darf man ihre Dokumentation demnach als Plädoyer dagegen lesen?
Ich vermeide es generell, meinem Publikum Reaktionsmuster auf den Weg zu geben. Statt für irgendetwas zu plädieren, gebe ich den Zuschauern Anschauungsmaterial für eigene Entscheidungen. Das Prinzip lautet: wenn, dann. Wenn Kernkraft, dann Vorteile, Klimafreundlichkeit zum Beispiel, aber eben auch Risiken: Die Endlagerfrage, die Beschaffungsfrage, die Unfallfrage. Und wo Atomkraftwerke sind, ist auch die Atombombe nicht weit. Wie bei der KI geht es da schlicht um eine Kosten-Nutzen-Rechnung: Wie viel Risiko gehe ich für welchen Fortschritt? Mein Film ist fertig, jetzt seid ihr dran.
Georg Restle: Monitor & Nairobi
Posted: April 10, 2026 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a commentIch gehe aus voller Überzeugung
Nach 30 Jahren Reaktionszugehörigkeit hat Georg Restle zum letzten Mal Monitor moderiert und wechselt ins ARD Studio nach Nairobi. Ein Gespräch über seinen Wechsel, den Schaum vorm Mund der ÖRR-Gegner, werteorientierte Neutralität und was er in seinen Koffer nach Kenia packt.
Von Jan Freitag
Herr Restle, nach 30 Jahren Monitor, die Hälfte davon als Redaktionsleiter, wechseln Sie nach Nairobi. Ist das Abwechslung, Abstellgleis oder nur die berühmte neue Herausforderung?
Georg Restle: Zuallererst ist es die Erfüllung eines großen Wunsches. Ich habe in dieser langen Zeit beim WDR ja mehrfach aus dem Ausland berichtet – als Korrespondent in Moskau, der Ukraine, Warschau, Afrika, auch Nairobi. Die Welt da draußen hat mich neben Monitor schon immer interessiert, deshalb wollte ich unbedingt nochmal länger raus.
Und verlegen folglich Ihren Lebensmittelpunkt vollständig dorthin?
Na sicher, als Korrespondent muss man vor Ort sein, und zwar dauerhaft.
Sie reden nicht viel über Ihr Privatleben, aber lässt sich so ein Ortswechsel gut damit vereinbaren?
(lächelt) Ein Umzug von Köln nach Nairobi ist definitiv mit Komplikationen verbunden, aber das bekomme ich privat wie beruflich schon hin.
Letzteres betrifft nicht nur fast 40 Länder, sondern als „crossmediales Studio“ alle Ausspielwege von digital über linear bis Rundfunk.
Ja, wobei mir die digitalen Ausspielwege besonders am Herzen liegen. Das habe ich auch bei Monitor jahrelang vorangetrieben, wo wir mittlerweile digital first produzieren.
Dann gehen wir doch von der Perspektive in die Retrospektive: Was ist nach einem halben Leben beim ältesten Politikmagazin nach Panorama Ihr Fazit?
Ein einheitliches Fazit fällt schon deshalb schwer, weil meine Anfangszeit – damals noch unter Klaus Bednarz – mit der heutigen kaum vergleichbar ist. Das journalistische Credo ist geblieben, aber das mediale und gesellschaftliche Umfeld hat sich doch sehr verändert.
Letzteres scheint sich seit 9/11 ständig beschleunigt und radikalisiert zu haben. Krisen zum Beispiel wechseln sich nicht ab, sondern überlappen sich, wir erleben einen Rechtsruck, der lange Zeit ausgeschlossen schien. Und dann müssen Sie über alles auch noch unablässig in Echtzeit berichten.
Das ist in der Tat herausfordernd, war es aber früher ja auch. Als ich 1996 bei Monitor angefangen habe, herrschten im Osten noch die Baseballschlägerjahre, und Kriege wie in Jugoslawien oder dem Irak waren mehr als nur Vorboten heutiger Konflikte. Was sich in den letzten 15 Jahren geändert hat, ist die Rezeption der Berichterstattung insbesondere auf den digitalen Plattformen, gepaart mit einer anschwellenden Menschenfeindlichkeit bis in die Mitte der Gesellschaft hinein.
Was auch für die Reaktion auf Monitor gilt, dessen Berichterstattung und Moderatoren besonders hart und laut kritisiert werden.
Die Schärfe der Kritik an uns ist gewachsen. Aber das Magazin wird ja seit seiner Gründung 1965 hart angegangen – auch, weil sich die Redaktion schon immer den Debatten gestellt hat. Als ich angefangen habe, gab es noch eine Sendung Monitor im Kreuzverhör, da kam die Kritik direkt im Anschluss per Telefon. Hinzu kamen oft Hunderte Briefe, die wir als Redakteure in der Regel selber beantwortet haben. Diesen Austausch hat die Digitalisierung nicht nur beschleunigt, sondern auch radikalisiert. Durch die Anonymität sozialer Medien, müssen sich unsere Kritiker den Schaum vorm Mund nicht mehr abwischen.
Was bei Ihnen kurz vor Corona erstmals zu Morddrohungen führte.
Das hatte aber nichts mit Corona zu tun, sondern einem Kommentar in den „Tagesthemen“, in dem ich die AfD als parlamentarischen Arm des organisierten Rechtsextremismus bezeichnet hatte. Morddrohungen gab es aber auch danach immer wieder. Es wäre gelogen zu behaupten, dass man sich daran gewöhnt. Wir bei Monitor dienen halt als Angriffsflächen all jener, die das System im Allgemeinen und die Öffentlich-Rechtlichen im Besonderen abschaffen wollen. Von der anderen Seite der Brandmauer kommt da schon eine ganz andere Wucht als vor 20 Jahren auf uns zu. Wir stehen einfach auch persönlich stärker im Fokus der Angriffe. Vieles davon würde ich schon als digitale Gewalt beschreiben.
Heißt das, während der junge Georg Restle vor allem journalistische Skills brauchte, benötigt der alte auch kommunikative und obendrein ein dickeres Fell?
Die Bedeutung präziser Recherche ist gleichgeblieben, während das Tempo, in dem wir uns Kritik stellen müssen, zugenommen hat. Und weil diese Kritik – auch mir persönlich gegenüber – unverschämter, bodenloser, kampagnenartiger geworden ist, erfordert es womöglich ein dickeres Fell als früher. Es sollte allerdings nicht so dick sein, dass ich keine Emotionen mehr an mich ranlasse.
Also dickes Fell, aber kein Panzer?
Genau. Journalistisches Handwerk ist unerlässlich, Menschenfreundlichkeit aber auch. Und die will ich mir bewahren.
Können Sie jungen Leuten angesichts dieser Anforderungen da noch leichten Herzens diesen Beruf empfehlen?
Wir bilden bei Monitor viele junge Leute aus. Da stehe ich fast wöchentlich vor der Frage, diese Empfehlung auszusprechen oder nicht. Wenn mir jemand glaubhaft versichert, den Beruf wirklich mit Leidenschaft ausüben zu wollen, ermutige ich in der Regel dazu, auch weil dieses Land dringend gute und engagierte Journalistinnen und Journalisten braucht. Trotz Influencer-Unwesen und Zeitungssterben bleibt es ein toller Job, bei dem man in der Welt rumkommt und in Geschichten eintaucht, die einem sonst verborgen bleiben. Der Bedarf nach seriöser Berichterstattung nimmt ja eher zu.
Heißt „seriös“ bei Ihnen haltungs- und wertegetrieben?
Im Gegenteil: Man sollte sich als Journalist niemals von irgendwas treiben lassen, schon gar nicht von Gesinnungen. Ich stehe allerdings für einen werteorientierten Journalismus gerade im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der seine journalistische Haltung nicht verstecken muss – sofern sie auf recherchierten Fakten basiert und transparent gemacht wird. Ohne Haltung wären wir keine Journalisten, sondern Maschinen.
Beinhaltet diese Haltung gegebenenfalls politische Richtungen, also links oder rechts?
Sie fragen vermutlich, weil wir oft als linkes Magazin bezeichnet werden. Mit solchen Zuordnungen kann ich wenig anfangen; wir vertreten keine Parteipositionen, und ich selbst bin auch kein Mitglied einer Partei. Meine Werte, die mich auch journalistisch leiten, Freiheitsrechte einer pluralistischen Demokratie oder die Menschenwürde etwa, haben mit rechts oder links erstmal wenig zu tun. Und Ideologien, die das Denken einmauern, sind mir seit jeher fremd. Ich bin wie all meine Vorgänger und Vorgängerinnen bei Monitor von einem tiefen, unideologischen Humanismus geprägt.
Bedingt dieser Humanismus berufsethisch so etwas wie Neutralität oder nur Objektivität und Überparteilichkeit?
Kein Mensch ist neutral. Wer denkt, es ließe sich neutral über Dinge berichten, hat weder Ahnung von Menschen noch von Wahrhaftigkeit. Aber klar: Wir sollten immer unvoreingenommen und ergebnisoffen an Themen herangehen. Und bitte immer neugierig bleiben.
Aber wie kam es dann zum jahrzehntelangen Vorwurf, Monitor sei wie der WDR links und damit auch all seine Mitarbeitenden, also Sie?
Ich entstamme einem katholischen Umfeld, habe als Jurist unsere Verfassung schätzen gelernt und mich durch die Beschäftigung mit der deutschen Geschichte früh als Antifaschist begriffen. Offenbar gilt man als Verfechter solcher Werte heute schon als links. Wenn Konservative Kritik an ihrer Politik als links etikettieren, ist das eben Teil eines Geschäfts, da bleibe ich gelassen. Zumal wir auch von linker Seite mitunter als zu rechts kritisiert werden, etwa in unserer Ukraine-Berichterstattung.
Wobei rechte Haltungen bei ARD und ZDF als unterrepräsentiert gelten.
Ich kann nirgends erkennen, dass wir Meinungen, die auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung stehen, nicht repräsentieren. Da sollte man den Kampagnen vom rechten Rand nicht auf den Leim gehen.
Im Herbst kommt dieser rechte Rand erstmals seit 1945 womöglich wieder an eine deutsche Regierung. Bräuchte es den werteorientierten Restle nicht eher hier als in Kenia?
Wie vermessen wäre es denn bitte, wenn ich mich für so unersetzbar hielte?! Ich habe größtes Vertrauen, dass es beim WDR und anderen Medien genügend Kolleginnen und Kollegen gibt, die ihre Finger in die Wunde legen. Und das Team von Monitor bleibt ja hoffentlich bestehen.
Aber juckt es Sie nicht gerade in Ausnahmesituationen, darüber zu berichten?
Ich bin ja nicht aus der Welt und werde alle Entwicklungen auch von Nairobi aus beobachten. Und mit 60 Jahren reizt es mich, nochmal einen anderen, weniger eurozentrischen Blick auf die Welt einzunehmen. Zumal unser Rassismus jede Menge damit zu tun hat, wie wenig wir über Kulturkreise wissen, aus denen viele zu uns kommen. Dass manche meinen, ich würde nach Nairobi strafversetzt, könnte man übrigens als Ausdruck eines neokolonialistischen Rassismus sehen. Nein, ich gehe aus voller Überzeugung sehr gerne dorthin.
Und was packen Sie im Juni – unabhängig von Wechselwäsche – in Ihren Koffer?
Erstmal eine riesige Landkarte. Bei fast 40 Ländern, über die ich künftig berichten werde, verliert man sonst schnell mal den Überblick.
Und etwas Persönliches?
Jede Menge – und na ja, vielleicht meinen Wimpel vom SC Freiburg.
Caren Miosga: Talkshow & Gesellschaft
Posted: March 31, 2026 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a commentIch leite keine Therapiesitzung
Seit gut zwei Jahren leitet Caren Miosga die wichtigste Talkshow im deutschen Fernsehen. Ein Interview mit der 56-Jährigen über die Polarisierung der Debattenkultur, Menschlichkeit im Gesprächsrundengewerbe und wie man mit der AfD umspringt.
Von Jan Freitag
Frau Miosga, Sie sind vor ziemlich genau zwei Jahren aus den Nachrichten zur Talkshow gewechselt. Welche ihrer zwei Silben ist wichtiger – Talk oder Show?
Caren Miosga: Ich würde sie am besten beide ersetzen. Natürlich enthält unsere Sendung unterhaltsame Elemente; es soll ja auch niemand einschlafen vorm Bildschirm. Aber eine Show ist es definitiv nicht.
Wobei „Show“ ja keine Ableitung von „Schau“ im Sinne einer Vorstellung ist, sondern zunächst mal vom Begriff „Zeigen“ kommt.
Also rein etymologisch haben Sie natürlich recht, aber umgangssprachlich ist die Konnotation der Show auf Entertainment ausgelegt oder um mit dem Vokabular des Bundeskanzlers zu arbeiten: auf Rambozambo. Deshalb würde ich nüchterner „Gesprächssendung“ bevorzugen.
Zumal bei Ihnen anders als in den Siebzigern nun wirklich keine Gefahr besteht, dass geladene Spontis eine Axt zücken und das Studiomobiliar zerhacken.
Bis jetzt noch nicht (lacht). Wir führen Gespräche, die Orientierung darüber bieten sollen, was politisch gerade generell diskutiert wird. Erst der Dialog mit dem politischen Gast, dann eine kleine Runde mit Beobachtern oder Wissenschaftlern. Denn was in diesem Genre meist etwas untergeht, sind die Persönlichkeiten hinter den Politikerinnen und Politikern, ihre Beweggründe und Erwartungshaltungen. Mich interessiert eben auch der Mensch dahinter.
Aber ist dieser menschliche Faktor verglichen mit dem reinen Inhaltsdiskurs nicht exakt jenes Unterhaltungselement vom Boulevard, das sie Ihrer Gesprächssendung austreiben wollten?
Wenn der menschliche Faktor ein Selbstzweck bliebe, schon. Uns ist aber sein Erkenntnisgewinn fürs Politische wichtiger als umgekehrt. In einer der letzten Sendungen des vorigen Jahres war es daher sinnvoll, mit Jens Spahn zunächst allein darüber zu reden, warum er in seiner Fraktion bereits zweimal keine Mehrheit zustande gebracht hatte. Nach diesem Zwiegespräch haben wir mit ihm dann in der Runde fundiert über die Rentenabstimmung im Bundestag und die Zukunft der Rente gesprochen. Wer die politischen Schmerzpunkte finden will, muss auch verstehen, wie die Menschen denken, die politische Entscheidungen treffen, und was sie zu ihrem Handeln bewegt; so werden wir unserem Auftrag gerecht, Politik verständlich zu machen.
Welcher Auftrag gehört demnach nicht dazu – das Ersatzparlament etwa, von dem bei ihren Vorgängerinnen am Sonntag seit Sabine Christiansen gern die Rede war?
Alle Formate der politischen Debatte gehören zum Auftrag des öffentlich-rechtlichen Fernsehens und haben ihre Berechtigung. Aber als Zuschauerin politischer Talkshows frage ich mich gelegentlich, was ich wohl lernen kann, wenn Positionen nur konträr besetzt werden, um sie kollidieren zu lassen. Ich habe gar nichts gegen konstruktiven Streit. Aber nicht, wenn er um seiner selbst willen orchestriert und damit vorhersehbar wird. Wir leben in einer Zeit, in der nur noch wenig so ist, wie wir es jahrzehntelang kannten. Russland führt Krieg in Europa, die USA halten nicht mehr die schützende Hand über uns. Zudem funktioniert unser eigenes Land immer weniger, weil zu viel liegengelassen wurde. Das verunsichert viele Menschen. Deshalb versuchen wir eher zu erklären, zu hinterfragen, zu verstehen als ein Parlament zu simulieren.
Ist Ihnen das in 60 Sendungen so gelungen, wie Sie es im Januar 2024 geplant hatten?
Immer schwierig, sich selbst zu bilanzieren, oder? Aber im zweiten Jahr waren wir bestimmt trittsicherer als im ersten. Damals war ja noch alles neu: die Sendung selbst, das Team dahinter, die Technik. Sämtliche Abläufe mussten sich erst finden, um das Thema der Woche am Sonntag aufzugreifen und richtig zu bündeln.
Und das, so der dringliche Wunsch des Senders, mit guter Einschaltquote. Sind sie mit der zufrieden, obwohl es nach der Premiere ein bisschen bergab ging?
Ja. Wir hatten im ersten Jahr eine Durchschnittsquote von 14,4 Prozent bei rund 3,2 Millionen Zuschauern. Diese Quote konnten wir auch 2025 halten – trotz einer kleinen Delle nach der Sommerpause, die es bei allen politischen Talks gab. Manchmal wollen die Leute auch einfach nur mal von all den Krisen verschnaufen, aber bis Ende des Jahres wuchs das Bedürfnis nach jener Orientierung wieder, von der wir eben sprachen.
Ist diese Orientierung abgesehen von der Quote ihr Maßstab für Erfolg oder spielen da auch Faktoren wie Meinungsführerschaft und produzierte Schlagzeilen eine Rolle?
Relevanz ist auch wichtig, genau wie die Frage, wie viele Menschen wir erreichen. Aus unserer Sendung wird viel aufgegriffen, ich wundere mich manchmal, was alles. Aber wirklich etwas über die Hintergründe von Politik zu erfahren, ist mir lieber als jede Schlagzeile.
Hat Anne Will, um sie zum ersten und letzten Mal mir Ihrer Vorgängerin zu vergleichen, die Messlatte da hochgelegt oder mitgenommen, weil Sie Ihr eigenes Ding machen?
Anne Will war mit einem anderen Konzept sehr lange erfolgreich. Aber neue Formate brauchen frischen Wind und frische Angebote – zumal die Gesamtzahl des linearen Publikums sinkt und die digitale Nutzung immer wichtiger wird.
Bei relativ konstantem Talkshow-Personal. Ihre Lieblingsgäste wie Lars Klingbeil, Markus Söder oder Robin Alexander saßen auch bei Anne Will am häufigsten.
Das liegt in der Natur der Sache einer Sendung wie der unseren, die aus dem begrenzten Pool politischer Spitzenleute schöpft. Deshalb laden wir gelegentlich auch ehemalige Spitzenpolitiker ein, die nicht auf Partei- oder Fraktionsdisziplin achten müssen und freier reden können. Da entsteht sofort eine andere Atmosphäre, in der alle einander noch entspannter ausreden lassen.
Manchmal lassen Sie Gäste aber fast ein bisschen zu viel ausreden, wie man Ihnen gleich in Ihrer ersten Sendung mit Tino Chrupalla vorgeworfen hat.
Tino Chrupalla durfte genauso wie andere ausreden. Das sagt aber nichts über die Sendung als Ganzes, in der er sich vielen kritischen Fragen stellen musste.
Bei Sahra Wagenknecht wurde Ihnen umgekehrt einige Wochen später vorgeworfen, zu hart gewesen zu sein.
Die sachliche Auseinandersetzung mit Frau Wagenknecht war genauso kritisch wie mit Herrn Chrupalla. Er musste als Parteichef dazu Stellung nehmen, dass seinem Spitzenkandidaten für die Europawahl – Maximilian Krah – vorgeworfen wurde, Geld aus Russland und China angenommen zu haben. Damit haben wir ihn konfrontiert; was übrigens zur Folge hatte, dass Herr Chrupalla sich von seinem EU-Spitzenkandidaten öffentlich distanzierte. Dafür haben ihn nach seinem Auftritt bei uns sogar die eigenen Leute kritisiert.
Nur zeitlich oder auch kausal in Folge Ihres Interviews?
Auch kausal. Illoyalität der eigenen Partei gegenüber ist nirgendwo verpönter als in der AfD.
Der Vorwurf an Sie lautete eher, ihn mit einer geselligen Plauderei über seinen Vater als ganz gewöhnlichen, statt rechtsradikalen Gesprächspartner eingeführt zu haben.
Mit der Rechtsradikalität seiner Partei haben wir ihn sehr wohl konfrontiert – sei es durch diverse Zitate seines EU-Spitzenkandidaten oder die Wahlwerbung des AfD-Verbands in Sachsen-Anhalt. Die Frage nach dem Vater beziehungsweise dessen Beruf als Malermeister führte allerdings nicht zum gewünschten Ziel.
Dafür zeugte sie von ausgesuchter Höflichkeit. Bedingt journalistische Professionalität die aus Ihrer Sicht im Rahmen einer politischen Talkshow geradezu?
Ich finde grundsätzlich ja. Aber die Frage an Tino Chrupalla nach dem Malermeister verfolgte nicht den Zweck, Harmloses zu fragen, sondern ihn in seiner parteiinternen Rolle als „Pinsel“ zu verstehen, wie ihn Jörg Meuthen mal nannte, der Tino Chrupalla als Handwerker neben der Summa-cum-Laude-Volkswirtin Alice Weidel verunglimpfen wollte.
Wenn es die Thematik zulässt, würden Sie Ihn heute zum Einstieg also etwas ähnlich Harmloses fragen?
Wir haben aus vielen Einzelgesprächen gelernt, uns auf eine oder zwei entscheidende Fragen beziehungsweise Schmerzpunkte zu konzentrieren und bei diesen in die Tiefe zu gehen.
Haben die Gespräche mit dem sehr rechten Tino Chrupalla und der sehr nach rechts gerückten Sahra Wagenknecht generell Ihre Haltung dazu beeinflusst, ob Sie mit Rechten reden oder nicht?
Die AfD ist schlichtweg die größte Oppositionspartei. Mit der müssen wir als öffentlich-rechtliche Sendung reden. Natürlich diskutieren wir in der Redaktion sehr angeregt und nachdenklich, warum wir wen einladen und ob bestimmte Gäste konstruktiv argumentieren oder bloß konfrontativ, also überhaupt diskussionsbereit sind. Weil das bei vielen AfD-Politikern nicht der Fall ist, kann ich es nachvollziehen, wenn sich andere Redaktionen und Medien gegen Interviews mit ihnen entscheiden. Aber wir können sie nicht ignorieren.
Und verhindern dann wie genau, Ihnen auf den Leim zu gehen?
Indem wir beispielsweise die Diskrepanz dazwischen aufzeigen, was die AfD verspricht, wie etwa ein schnelles Wirtschaftswachstum, und was sich davon tatsächlich in ihrer Programmatik findet. Genau das haben VDA-Chefin Hildegard Müller und der Kollege Robin Alexander ja in der Sendung mit Alice Weidel getan, als sie ihr die Folgen von Abschottungspolitik und EU-Austritt in einem exportorientierten Land wie Deutschland sehr sachlich ausbuchstabiert haben.
Das klingt alles sehr nüchtern und distanziert. Aber was macht es mit Ihnen persönlich, mit Rechten zu reden?
Es geht eher um Frage, wie muss ich mich vorbereiten auf einen Gast, der alle Tricks an Ausflüchten, persönlichen Angriffen, Whataboutism und Lügen draufhat, der Interesse an einem echten Gespräch vermissen lässt. Zudem gibt es die Sorge, dass die AfD die Demokratie, so wie wir sie kennen, abschaffen will. Und da gibt es natürlich Grenzen. Wenn ihre Vertreter dezidiert völkisch-nationalistische Thesen vertreten, dann laden wir sie nicht ein.
Gibt es erlernbare Techniken, mit denen man die journalistische Distanz und einer höflichen Gesprächsatmosphäre dann austariert?
Ich wüsste jetzt keine. Sie sind doch jetzt zu mir auch höflich und keifen mich nicht an. Jeder und jedem wird mit demselben Respekt begegnet, und wenn sie oder er mich hinter die Fichte führen will, muss ich halt zehnmal unterbrechen und nachfragen.
Braucht man dafür nur ein dickes Fell oder auch Konflikttraining und Rhetorikkurse?
Also bei mir reicht dickes Fell. Und natürlich Erfahrung. Und es muss Ihnen Freude bereiten. Letztlich können Sie sich irgendeine andere anempfundene Art nicht überstülpen oder wie hat es der Schauspieler Matthias Brandt mal ausgedrückt: Fernsehen ist ein Gedankensichtbarkeitsapparat.
Was bedeutet?
Dass sich niemand komplett verstellen kann. Wenn ich also versuchen würde, die superkonfrontative Marktschreierin zu geben, würde mir das niemand abkaufen. In einer Live-Sendung muss man so oft innerhalb einer Sekunde entscheiden, ob man rechts oder links abbiegt oder geradeaus fährt. Sie müssen zuhören und intuitiv reagieren – dann helfen weder ausgedachte Rollen noch bis ins Detail durchdachte Fragenkataloge. Zwei Drittel meiner Notizen sind oft für die Tonne.
Sind Sie denn grundsätzlich streitfreudig.
Nee.
Und kompromissfreudig?
Ich kann mich an kaum eine meiner Sendungen erinnern, in der meine Gäste nicht letztlich respektvoll miteinander diskutiert hätten. Und gelegentlich fällt sogar der Satz: da hast Du einen Punkt, das muss ich zugestehen. Wenn wir uns in den klassischen Medien genauso fertig machten wie in den sozialen, dann können wir es gleich lassen. Diese vermeintliche Streitkultur in Social Media befeuert nicht nur die inflationär beschworene Polarisierung der Gesellschaft, sie erzeugt sie erst.
Sie glauben nicht, dass die Gesellschaft polarisiert ist?!
Nicht so tief, wie oft behauptet wird, dazu gibt es hochinteressante Forschungen. In Umfragen machen sich viele Leute mehr Sorgen vor der als über die Polarisierung. Die wenigsten sind ja komplett gegen oder komplett für geschlossene Grenzen, Ukraine-Hilfen, Corona-Impfungen, was auch immer. Es gibt viel zu viele Grautöne, um ausschließlich schwarzweiß zu denken. Dennoch jazzen wir mittlerweile jede Auseinandersetzung gleich zur Grundsatzdebatte hoch. Nehmen Sie Friedrich Merz Stadtbild-Äußerung.
Ja?
Unabhängig davon, wie gelungen diese Bemerkung war, sorgt die Aggressivität der anschließenden Debatte innerhalb der gesellschaftlichen Mitte möglicherweise auch dafür, dass sich Menschen von ihr ab- und den Rändern zuwenden. Deshalb finde ich die These nicht falsch, dass eine Sendung, in der politisch gestritten wird, gelegentlich auch eine versöhnliche Wirkung erzielen kann. Dafür müssen sich meine Gäste ja nicht an den Händen fassen und Ringelpiez tanzen, sondern bloß mal auf die Argumente der anderen einlassen. Ich habe den größten Respekt vor allen, die in einer Gesprächsrunde wie meiner auch mal zugeben, dass der politische Gegner Recht hat.
Empfinden Sie Ihre Funktion da auch als Mediatorin divergierender Meinungen und Interessen?
Nein. Ich bin Moderatorin. Ich leite keine Therapiesitzung (lacht).
Einen Lehrberuf aber auch nicht, oder?
Man lernt es durchs Machen. Ich habe zunächst im Radio, dann beim Fernsehen, zwischendurch beim Filmemachen, und natürlich in Kulturformaten wie ttt und den Tagesthemen immer wieder Interviews geführt. Als ich das Medienmagazin Zapp moderiert habe, war gleich mein erster Gast einer der streitlustigsten, Michel Friedman.
Harter Hund. Was war die Einstiegsfrage?
Ob ich ihn mal anfassen dürfe (lacht). Das war nämlich seine Strategie, ganz buchstäblich so nah an seinen Interviewgästen dran zu sein, dass er sie hin und wieder am Arm berührte. Ich wollte wissen, wie es sich für ihn anfühlt, wenn er auf der anderen Seite sitzt.
Hilft ein Faible fürs Plaudern oder wie sind Sie privat so als Gesprächspartnerin?
Das müssten Sie meine Freunde fragen. Ich habe schon immer gerne Fragen gestellt.
War der Wechsel vom Kulturmagazin in die Nachrichten diesbezüglich schwieriger als der Wechsel von den Tagesthemen zur Talkshow?
Ach, das ist doch alles gar nicht so weit voneinander entfernt. Kultur ist schließlich nicht nur Oper, Kino, Literatur. Und Politik sind nicht nur Wahlen, Wirtschaft, Koalitionsstreit. Beide Ressorts behandeln unablässig auch größere und gesellschaftspolitische Fragen.
Wenngleich von unterschiedlich wahrgenommener Bedeutung.
Stimmt, aber die allergrößte Veränderung war für mich am Ende nicht die Art der Bühne, sondern die Verlängerung meiner Bühnenzeit auf 60 Minuten, inklusive der langen Einzelgespräche. Die übrigens immer dann am besten sind, wenn sie sich vom Manuskript lösen und ihre ganz eigene Dynamik entwickeln. Bis ich diese Dramaturgie intus hatte – das hat schon ein bisschen gedauert. Und das Herausforderndste ist, in einer Live-Sendung wirklich jedes Wort wahrzunehmen, wach zu bleiben und dabei immer noch mein iPad im Blick zu behalten, auf den meine Redaktion zwischendurch mit mir in Kontakt bleibt.
Ist das schon der gefordert Faktencheck in Echtzeit?
Wir liefern ihn gleich am nächsten Morgen nach. Ein Echtzeit-Faktencheck ist in der Kürze der Zeit schwierig und in einer Live-Situation kaum zu schaffen. Dagegen war das Moderieren von Kulturmagazinen tiefenentspannt.
Inwieweit profitieren Sie als Talkshow-Host denn von denen?
Insoweit als ich von allem profitiere, was ich zuvor auf dem Weg dorthin gemacht habe. Dazu zählt sowohl mein Studium der Geschichte und Slawistik als auch jedes der Interviews, die ich für ttt beispielsweise mit Michel Houllebecq führen durfte. Der hat schon vor Jahren im Kern über jenen Kulturkampf geschrieben, der heute zu beobachten ist.
Bei ttt wäre um ein Haar aber auch Thilo Mischke einer Ihrer Nachfolger geworden, der wegen seiner bedenklichen Bücher und Aussagen zum Thema Frauen von der ARD verhindert wurde. War diese Entscheidung für Sie nachvollziehbar oder ein Beispiel dafür, wie die Polarisierung der Gesellschaft herbeigeredet wird?
Ganz ehrlich? Ich mag es überhaupt nicht, mich über Kollegen öffentlich zu äußern. Wenn Sie mich als nächstes also auch noch nach meiner Haltung zu Julia Ruhs fragen, gebe ich dieselbe Antwort: Dazu wurde von sehr Vielen schon sehr Vieles gesagt.
Dann nehme ich die konservative Journalistin Julia Ruhs und den misogynen Reporter Thilo Mischke als Anlass einer Frage, die in einer perfekten Welt gar keiner Erwähnung wert wäre: moderieren Frauen anders als Männer?
Die Frage hab‘ ich mir echt noch nie gestellt (überlegt lange). Ich moderiere bestimmt anders als Armin Wolf oder Louis Klamroth. Aber nicht, weil es Männer sind, sondern eben Armin Wolf und Louis Klamroth. Mit dem Geschlecht hat das wenig zu tun.
Aber vielleicht ja mit der Sozialisation, die Journalistinnen bereits als Mädchen womöglich weibliche Attribute wie Empathie oder Fürsorge anerziehen, Jungs hingegen eher Durchsetzungsvermögen und Mut.
Das mag sein, aber die Konsequenz sind nicht empathischere Moderatorinnen oder mutigere Moderatoren. Was aber manchmal vorkommt: dass männliche Politiker mit so einer onkelhaften Umarmungstechnik um die Ecke kommen und auf kritische Fragen erst mal mit „Frau Miosga, Sie können das nicht wissen, ich erklär Ihnen das mal kurz“ reagieren.
Mansplaining genannt. Womansplaining kommt nie vor?
Auch hier gilt: Bei den meistangewandten rhetorischen Taktiken gibt es keine Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Ich frage nach A, er oder sie antwortet auf B, ich insistiere auf Antwort A, er oder sie antwortet auf C. Als Moderatorin bleibt mir dann oft nur übrig, zu konstatieren, der Politiker oder die Politikerin antwortet nicht auf meine Frage, deshalb fahre ich woanders fort. Anders verhält es sich aber natürlich damit, wie unterschiedlich in sozialen Medien auf Moderatorinnen reagiert wird.
Wo Sie mehr Hass ernten als Armin Wolf und Louis Klamroth?
Nicht unbedingt mehr, aber fast immer sexualisiert. Zum Glück hält mein Team derartige Online-Kommentare konsequent von mir fern und filtert zumindest all das, was zu krass und beleidigend ist.
Team heißt hier Ihre Produktionsfirma MIO Media oder die ARD?
Das Team unserer Produktionsfirma und auch die Redaktion beim NDR. Aber auch schon aus meiner Zeit bei den Tagesthemen kenne ich es, dass Frauen im Fernsehen anders betrachtet werden, Sie können sich nicht vorstellen, wie viele Kommentare sich mit meiner Kleidung befasst haben. Und das hat gewiss nicht nur damit zu tun, dass Männer durch ihren Anzug uniformierter aussehen.
Es sei denn, sie haben so strahlend blaue Augen wie Claus Kleber, der permanent darauf reduziert wurde.
Echt? Tja, wir sind ein optisches Medium.
Lesen Sie sachliche Kritiken darüber, wenn es um Ihre Sendung geht?
Klar, schließlich erfahren wir dort sowohl im Positiven wie auch im Negativen Dinge über unsere Sendung, aus denen sich lernen lässt. Aber ich nehme mir nicht alles zu Herzen. Weil mir klar ist, dass eine reine Beschreibung dessen, was in einer Sendung gesprochen wird, in einer Rezension bisschen langweilig wäre, nehme ich es auch nicht zu persönlich, wenn sich Kritiker darin austoben.
Galt das bereits für Caren Miosga 2005?
Nicht im selben Umfang natürlich. Man braucht schon ein wenig Erfahrung, um damit souverän umzugehen. Aber wenn man den Job schon so lange macht wie ich, hat man die Medienmechanismen irgendwann verstanden oder zumindest gelernt, sie von sich persönlich wegzuhalten. Wie das Publikum mich sieht, ist nicht selten ja auch eine Projektionsfläche. Damit kann ich leben.
Zumal Sie dafür ganz gut bezahlt werden.
Ach, da fangen Sie jetzt erst mit an?! (lacht)
Besser spät als nie. Sie werden mir bestimmt auf den Cent genau sagen, was die ARD Ihnen pro Sendung bezahlt oder zumindest die 19.000 Euro bestätigen oder dementieren, die der Business Insider errechnet hat?
Sie wissen doch ganz genau, dass man über Verträge kein Wort verlieren darf. Und ich frage Sie ja auch nicht, was Sie verdienen.
Abgesehen davon, dass ich es Ihnen umstandslos sagen würde, wird mein Honorar auch nicht durch Rundfunkbeiträge finanziert. Verdienen die nicht ein anderes, höheres Maß an Transparenz?
Das ist richtig, und deshalb ist die Produktionssumme für die zuständigen NDR-Gremien, die unsere Arbeit beaufsichtigen und kontrollieren, aufgeschlüsselt und vollständig transparent. Ich erkläre daher gern, wie sich die Kosten zusammensetzen.
Nur zu!
Wir haben von unserem Auftraggeber, dem Norddeutschen Rundfunk, einen sogenannten Vollauftrag. Während andere Sendungs-Aufträge nur die redaktionelle Arbeit beinhalten, gehört bei uns auch alles andere dazu, was sonst noch Teil einer produzierten Sendung ist: neben dem angemieteten und ausgestatteten Studio auch Ton, Licht, Kameraleute, Cutter, Maske bis hin zum Sicherheitsdienst im Studio. Das macht so eine Sendung kostenaufwändig und im Minutenpreis auch teurer, als wenn es nur um den Teil der Redaktion geht. Und ja – auch ich werde bezahlt.
Aber ist es in Zeiten öffentlich-rechtlicher Sparzwänge unabhängig von Ihrem Honorar zu rechtfertigen, dass Sie nicht nur mehr, sondern das Vielfache andere Gewerke verdienen, deren Arbeitsbedingungen obendrein oft extrem prekär sind?
Also in unserer Produktion gibt es keine prekären Arbeitsbedingungen. Sämtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter leisten bei uns eine großartige, unerlässliche Arbeit für die Sendung. Aber während sich die Arbeit bei Etlichen auf die unmittelbare Zeit der Sendung beschränkt, beginnt meine nicht erst am Sonntag, sondern oft schon zehn Tage vorher mit Recherchen und Redaktionssitzungen. Und weil wir unbedingt aktuell sein wollen, bereiten wir manchmal mehrere Themen und Sendungen parallel vor, um je nach Nachrichtenlage gegebenenfalls von Innen- auf Außenpolitik oder umgekehrt wechseln zu können.
Kommt das vor?
Das kommt sogar häufig vor. Es ist eine sehr intensive Arbeit. Und ich trage dafür die Verantwortung. Alle Kritik an der Sendung geht ebenso wie Lob auf meine Kappe. Ich stehe dafür gerade, hier bei Ihnen wie morgens beim Bäcker. Und wenn über Kosten für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk diskutiert wird, fände ich es gut, auch über seine Bedeutung für die Medienlandschaft generell zu sprechen.
Die aus Ihrer Sicht worin genau besteht?
Weil in der Fläche immer mehr Regional- und Lokalzeitungen verschwinden, ist die unabhängige Berichterstattung von ARD und ZDF besonders im ländlichen Raum oft die letzte seriöse Informationsquelle. Deshalb brauchen wir den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in diesen Zeiten umso mehr. Natürlich sind Sparmaßnahmen unerlässlich. Aber an der Reduzierung der Doppelstrukturen der neun Rundfunkanstalten wird ja längst gearbeitet.
Genau diese Konzentrationsprozesse bilden den Kern der anstehenden Reformprozesse, inklusive zusammengelegter Sender und Themenschwerpunkte. Kriegen Sie die Sparmaßnahmen der ARD dennoch auch als Produzentin Ihrer eigenen Sendung zu spüren?
Da rede ich ebenso wenig über konkrete Summen. Nur so viel: Die meisten Verträge und die damit verbundenen Sendungsbudgets sind heute deutlich geringer als früher. Auch das Budget für unsere Sendung ist deutlich geringer als das Budget für das Vorgängerformat. Der Spardruck ist schon zu spüren. Auch bei uns. Und das finde ich in Ordnung so.
Sagen Sie das als Unternehmerin, Beitragszahlerin, Bürgerin oder Mensch?
Als alle zusammen. Ich bin Moderatorin und Unternehmerin, die aus voller Überzeugung für einen öffentlich-rechtlichen Rundfunk arbeitet, den ich auch als Beitragszahlerin, Bürgerin und Mensch unbedingt erhalten möchte.
Sie haben diesbezüglich schon seine Bedeutung für Demokratie und Pluralismus angesprochen. Welche hat er für die Presse und den Journalismus selbst?
Einen großen. Ich habe es unlängst mal versucht, einem Taxifahrer zu erklären, der fragte, warum er für „diesen Scheiß“ bezahlen solle. Ich habe „diesen Scheiß“ dann mit einer Krankenkasse verglichen, in die man ja auch ein Leben lang einzahlt – selbst wenn man niemals krank wird. Es ist ein Solidarbeitrag, der allen zugutekommt, allen etwas anbietet und unabhängige Berichterstattung gewährleistet. Warum die wichtig sei, wollte der Taxifahrer wissen. Ich habe gesagt, weil sie sich weder nach politischen noch kommerziellen Interessen richtet, und sich jeder so seine eigene Meinung bilden kann. Und der Vorwurf, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk zu links sei, hat nun wirklich so einen langen Bart.
Ist er nicht?
Nein. Und ich möchte auch nicht über politische Farben einzelner Kommentare diskutieren, sondern die journalistische Grundversorgung insgesamt. Wir haben gesinnungsfrei zu berichten, weshalb auch niemand weiß, was ich politisch denke und wähle. Es geht nicht mehr um diese Unterscheidung links oder rechts, es geht eher darum, dass wir für alle berichten, über Großstädte genauso wie über Dörfer, Kreise, Kommunen. Bei den Tagesthemen erzählen wir schon seit Jahren individuelle Geschichten ländlicher Räume, damit auch die Wünsche und Probleme dieser Leute gesehen werden.
Diversität hat also nicht nur mit Geschlecht und Herkunft zu tun?
Genau, und die Studios in Singapur oder Washington sind keinesfalls wichtiger als die in Dortmund oder Schwerin. Nur so erhalten wir die Akzeptanz des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.
Wie kann man den Journalismus, der auch dort entsteht, noch verbessern?
Indem man verschiedene Lebenswirklichkeiten unabhängig von der politischen Gesinnung in ihrer Gesamtheit abbildet. Und indem wir der wachsenden Desinformation digitaler Medien journalistische Qualität und Standards entgegensetzen – auch in Konkurrenz zu alternativen Medien und Wahrheiten, wie sie etwa der US-Präsident auf seiner eigenen Plattform Truth Social verbreitet. Damit die Leute nicht 1 und 1 zusammenzählen, aber auf 3 kommen, müssen wir besser sein als die und immer mindestens zwei Quellen parat haben. Das gilt natürlich auch für Sendungen wie meine.
In der das Themenspektrum stark zugespitzt ist, um nicht „eingeschränkt“ zu sagen. In den ersten 60 Sendungen ging es meist um Ukraine, AfD, Israel, Ampel und Groko, dazu Sicherheit und zuletzt gleich dreimal die Rente.
Und?
Welches Orchideenthema würden Sie sich dringend mal wünschen, das im politischen Alltag unterm Radar läuft?
Als studierte Slawistin würde ich natürlich sehr gern den Leuten eine Stimme geben, die komplett verstummt sind, den russischen Oppositionellen. Oder weil Bildung in Deutschland Ländersache ist, denken auch wir darüber nach, wie wir daraus eine Sendung mit bundesweit relevanten Gästen machen können. Und was haben Sie gegen die Rente?
Gar nichts. Aber sie betrifft wie Bildung und Bürokratieabbau gesellschaftspolitische Kernbereiche. Ich dachte eher daran, ob Sie mal mit Wolfram Weimer, Claudia Roth und Carsten Brosda über Kulturpolitik diskutieren wollen. Ach so, ja klar! Aber bevor ich mit Wolfram Weimer übers Sparen an der Kultur reden könnte, müsste ich ihn – und zwar nicht nur durch die Blume – fragen, wie er mit den Vorwürfen der Verflechtung von politischem Amt und privaten wirtschaftlichen Interessen umgeht. Danach gern über Theater, Film und Kunst – Themen, die übrigens viel mehr wert sein sollten als das schmückende Beiwerk der Orchidee.
Dimitrij Schaad: Känguru & Havelkacken
Posted: March 12, 2026 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a commentNaturalismus langweilt mich wahnsinnig
Seit seinem Durchbruch in den Känguru-Chroniken ist Dimitrij Schaad (li., Foto: Netflix) als Komödiant bekannt. Dabei ist der kasachische Berliner seit 20 Jahren schon ein Theaterstar, der eigene Stücke schreibt oder seinem Bruder Alex Drehbücher. Ihr neuester Streich: die Netflix-Groteske Kacken an der Havel. Ein Gespräch über ostdeutsche Ortsnahmen, betrunkene Schweden, magischen Realismus und warum er sich ständig Monologe schreibt.
Von Jan Freitag
Herr Schaad, haben Sie schon mal was von den Ortschaften Sauen, Motzen, Kotzen oder Scheißendorf gehört?
Dimitrij Schaad: Ja, klar. Und die haben mich auch zu dem Titel inspirier
Den Sie sich mit Ihrem Bruder Alex bekifft im Keller ausgedacht haben?
Schöne Idee. Die echte war aber noch schöner. Wir haben unserem Vater zum 60. Geburtstag eine Wohnmobil-Reise geschenkt. Im September 2020 sind wir also von Stockholm Richtung Lappland aufgebrochen, wollten eines Nachts so nah wie möglich an einen See mit besonders schöner Aussicht ran und haben uns voll im Sand festgefahren. Alex und ich hatten da schon was getrunken, unser Vater wurde zunehmend verzweifelter. Und am nächsten Morgen kam ein betrunkener Schwede mit einem großen Traktor vorbei und hat uns abgeschleppt.
So entstand die Frau ihrer Figur Johnny Carrera, die einen Abschleppdienst in Kacken an der Havel betreibt?
Die nächsten 500 Kilometer haben wir in voller Fahrt gefeilt und am Abend hatten wir dann alle Grundzüge der Idee zu Kacken an der Havel in einem Pitch ausgearbeitet.
Wenn der Bestand skurriler Ortsnamen in Brandenburg so groß ist – warum muss man sich da eigentlich überhaupt einen ausdenken?
In der Vorbereitung zur Känguru-Verschwörung hat mir Mark-Uwe Kling über diese tollen Ortsnamen in Brandenburg erzählt, und ich habe irgendwann Kacken an der Havel in mein Notizbuch eingetragen, wo ich mir Film und Serienideen notiere. Nach der Idee mit dem Abschleppdienst kam sie dann wieder zum Vorschein. Fiktive Orte geben viel größere Freiheiten als reale. Deshalb leben die Simpsons ja auch in Springfield.
Das kann überall und nirgendwo sein.
Und so lässt sich alles hineininterpretieren.
Im Fall Ihrer Serie: ein gescheiterter Rapper, der nach dem Tod seiner Mutter in die alte Heimat zurückkehrt, dort mit seiner Vergangenheit konfrontiert wird und nebenbei ein Album schreiben soll.
Gut zusammengefasst.
Ästhetisch wechselt es dabei zwischen Clipshow über Großstädter in der Provinz für die GenZ und Tragikomödie gescheiterter Träume. Was überwiegt aus Ihrer Sicht – Tragik oder Komik?
Das sollte sich bei jeder guten Komödie die Waage halten. Aber für mich ist es vor allem ein lustiger Abgesang auf Millennials der späten Neunziger und ihre Träume von Ruhm.
Ungefähr Ihre Alterskohorte. Geht’s also auch ein bisschen um Sie selbst?
Nicht in der Rolle meines Johnny Carrera, der ist schon eine reine Kunstfigur. Aber ich bin 40 Jahre alt, habe keine Familie und wollte mein Leben lang nichts anderes machen als auf Bühnen zu stehen und Geschichten erzählen – da steckt mehr von mir in der Hauptfigur Toni. Die Vorstellung, welche Wege das Leben hätte nehmen können, wenn als Jugendlicher irgendwas anderes gelaufen wäre, ist in der Tat sehr persönlich.
Nutzen Sie die Möglichkeiten Ihres Berufs also, sich interessante Alternativ-Biografien aufzuschreiben?
(lacht) Ich glaube, das macht jeder Autor ein bisschen. Die berührendsten Momente im Storrytelling entstehen aus Gefühlen, an die man als Geschichtenerzähler wirklich andockt.
Als Darsteller schreiben Sie sich angeblich gern Monologe in die eigenen Theaterstücke. Sind sie generell ein bisschen kontrollsüchtig?
Nein, das hat eher damit zu tun, dass mir oft bestimmte Elemente an Figuren fehlen. Am Theater habe ich das oft ergänzt mit einer Einordnung in die Gegenwart, einer anderen Perspektive oder Komplexität, die der Ursprungstext nicht liefert. Und ja, das würde ich am liebsten auch gerne in den meisten Drehbüchern machen, die ich so zu lesen bekomme. Die empfinde ich meistens nämlich als extrem öde.
Das gilt aber vermutlich nicht für Kleo?
Nein, das war ein echter Glücksfall. Ich habe das Projekt von Sekunde eins geliebt und auch da die Figur noch mit Humor und Widersprüchen angereichert, weil die Creator Hanno Hackfort, Richard Kropf und Bob Konrad mich das haben machen lassen.
Mit dem Ergebnis einer Art zu spielen, die fast schon Ihr Markenzeichen ist, so ein grotesker Realismus.
„Grotesker Realismus“ gefällt mir! Ebenso wie magischer Realismus. Ich suche in meinen Figuren vor allem alles, was nicht naturalistisch ist. So einen Schuss Expressivität. Naturalismus langweilt mich wahnsinnig. Reine Realität ist darstellerisch irre boring.
Das gilt seit den Känguru-Chroniken vor allem für Film- und Fernsehen, wo Ihre Figuren oft überdreht sind. Auf der Bühne spielen Sie viele ernstere Stücke, oft Klassiker.
Ja, ich persönlich ziehe aber auch gar keine Grenzen zwischen tragisch, grotesk oder magisch. Jede Figur braucht etwas anderes. Ich würde mir im Film auch mehr ernste und tragische Rollen wünschen, aber da die Branche da sehr eingefahren ist, kommen halt nur Anfragen für antriebslose Schluffis. Wenn die Figur in den ersten 20 Seiten eines Drehbuchs wie beim „Känguru“ Pyjama trägt, höre ich sofort auf zu lesen.
Na, da bringen Sie ja ideale Familienverhältnisse mit: Sie können sich Ihre Rollen selber schreiben und dann auch noch vom eigenen Bruder drehen lassen.
Der einfach ein sensationeller Regisseur ist.
Bringt es nur Vorteile, unter Verwandten 1. Grades zu arbeiten, oder auch Nachteile?
Ein Vorteil ist, dass man Durststrecken eher gemeinsam durchschreitet als getrennt abbricht. Diese Durststrecken gibt es fast immer. Und sie sind von der Stoffentwicklung bis zur Postproduktion oft lang. Im Fall von Kacken an der Havel fünf Jahre. Da hilft es sehr, dass wir uns nach der Arbeit auch noch mal darüber austauschen, was Mama zu Weihnachten kriegt.
Das sorgt womöglich für harmonische Festtage. Aber kann man einen Regisseur auch zu gut kennen, um mit professioneller Distanz zu arbeiten?
Deshalb bedeutet professionelle Distanz vor allem sehr, sehr viel Arbeit. Wenn wir dabei auf engstem Raum eingeschlossen sind, könnten entsprechend viele Befindlichkeiten, Verletzungen, Diskrepanzen zum Vorschein kommen. Also wir haben uns darauf geeinigt, dass Alex am Set der Chef ist, dem ich vielleicht im vertrauten Gespräch, aber niemals öffentlich widerspreche.
Ist das professionelle Demut, als Schauspieler und Autor eigene Grenzen zu kennen?
Genau. Ich kann nicht inszenieren! Und vor allem könnte ich es nicht aushalten, dass morgens am Set, wo mein Bruder und ich in der Regel die ersten und die letzten sind, sofort 70 Leute auf ihn einreden und Sachen wissen, Pläne verschieben, Entscheidungen haben wollten. Vorm ersten Kaffee würde mich das wahnsinnig machen. Ich bin nicht stressresistent. Dank dieser Erkenntnis kann ich mittlerweile auch besser Kontrolle abgeben als früher.
Reden Sie mit Ihrem Bruder eigentlich Deutsch oder auch Russisch wie als Kinder in Kasachstan?
Nur, wenn wir unsere Eltern imitieren oder Gefühle transportieren wollen, für die es im Deutschen keine so guten Begriffe gibt. Außerdem funktioniert russische Komik oft besser bei uns.
Eren M. Güvercin: Druck & Banksters
Posted: February 26, 2026 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a commentFragen zu meiner Identität machen mich müde
Seit seiner qenderfluiden Rolle in Druck und der anschließenden Drogenbiografie von Euphorie ist Eren M. Güvercin einer der imposantesten Schauspieler unter 25. Bei HBO spielt er nun einen Millennial auf räuberischen Abwegen – und zwar mit ähnlicher Energie wie fsat all seine Figuren, seit er Schultheater macht. Ein Gespräch über Banksters, böse Kapitalisten, Quoten-Kanaken, seine Screen-Time und die Bürde der GenZ.
Von Jan Freitag
Eren M. Güvercin, Sie sind 23, gelten als äußerst impulsiver Schauspieler und standen sogar schon auf der linken Berliner Volksbühne – haben Sie Ihren Marx schon gelesen?
Eren M. Güverci: (lacht) Hab‘ ich. Warum?
Können Sie sich neun Jahre später noch an seine Forderung erinnern, die Expropriateure zu expropriieren?
Also ganz ehrlich? Ich habe Das Kapital ungefähr mit 16 gelesen und eigentlich fast nichts verstanden. Was genau heißt das noch mal?
Sinngemäß ungefähr „beutet die Ausbeuter aus“, ein Slogan, der die HBO-Serie Banksters eigentlich ganz gut umschreibt.
Weil wir darin ausbeuterische Banker ausnehmen? Guter Gedanke. Darum geht’s darin durchaus. Meine Figur Yusuf nimmt ja auch deshalb die eigene Bank aus, weil sein Vater so riesige Schulden bei ihr hat. Er fickt also ein System, das zuvor auch ihn gefickt hat. Auf der inneren Reise ihrer Figuren geht es der Serie aber natürlich noch um mehr. Liebe, Freundschaft, Verrat – alles ebenso große Themen.
Ich wollte Banksters auch nicht auf ihre Gesellschaftskritik reduzieren. Aber so skrupellos, wie Banker darin gleich zu Beginn gezeichnet werden, scheint die Serie doch politischer zu sein als andere Heist-Movies.
Das war Bernd Lange definitiv wichtig. Zumal er die Serie auf Grundlage einer wahren Begebenheit Anfang der Nullerjahre in Berlin geschrieben hat.
Was hat Sie dann an seinem Drehbuch als erstes überzeugt: die Kapitalismuskritik, ihre Rolle darin oder das Bankraubgenre, in dem es seit Steven Soderberghs Oceans’s Eleven ja besonders bildgewaltig rund gehen darf?
Ocean’s Eleven war als Referenzgröße auf jeden Fall früh im Gespräch. Weil ich vorm Casting aber noch gar nicht so viel vom Drehbuch lesen durfte, hat mich persönlich vor allem die Challenge gereizt, eine so komplexe Hauptrolle in der ersten deutschen HBO-Serie spielen zu dürfen.
Was macht Ihren Yusuf denn so komplex?
Dass er ein hochintelligenter, extrem loyaler, zugleich aber eben auch krimineller Fuchs ist.
Der als türkischstämmiger Einser-Abiturient gegen den Strich tradierter Darstellungen von Menschen mit Migrationshintergrund in der deutschen Fiktion gebürstet ist.
Die Facette war zwar nicht mein größter Antrieb, ihn zu spielen. Aber angesichts der Art, wie Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland normalerweise dargestellt werden, hatte die Darstellung eines intelligenten Jungen, der deutsch und Türke ist, fast etwas Provokatives, weil Deutschland diese Identitäten gerne prekär und dumm darstellt. Zumal die Serie außerdem einen Alltagsrassismus thematisiert, der 2004 noch viel ausgeprägter war als heute. Obwohl ich das ehrlicherweise nicht einschätzen kann, da immer mehr Menschen AfD wählen und alles brauner riecht. Dennoch kann ich mich in diese Erfahrungen als Nachfahre türkischer Migranten natürlich gut reinversetzen. Aber sie sind nicht entscheidend für die Serie oder meine Figur.
Haben Sie unabhängig davon dennoch das Bedürfnis, dieser Gruppe durch Ihre Rollen Sichtbarkeit und Repräsentation zu geben?
Schon. Zugleich macht mich die Frage zu meiner Identität aber auch müde und erinnert mich daran, dass ich nicht mit demselben Selbstverständnis in Deutschland lebe wie Biodeutsche. Ich spiele, was ich bedienen kann; deshalb heiße ich in Druck zwar Ismail, in Euphorie aber nicht Yusuf, sondern Jannis.
Eine wichtige Identität Ihrer äußeren Wahrnehmung ist es, wichtiger Teil, wenn nicht gar Aushängeschild der GenZ zu sein. Ist das okay oder nervig?
Obwohl es manchmal ganz cool ist, auch als Schauspieler mit dieser Generation identifiziert zu werden, finde ich es vor allem ein bisschen lustig, dass sie ständig zu einem Nepotismus-Club vereinheitlicht wird, in dem alle irgendwie gleich sein sollen. Das gilt aber wohl für alle Generationen. Und Banksters handelt ja auch eher von Millennials im Y2K-Fieber.
Angesteckt von einer Zeit, als bauchfreie Tops, Tamagotchis und Nokia-Handys angesagt waren.
Genau. Ich bin weder Millennial noch Nepo-Baby und hundert Prozent self made in Kreuzberg.
2004, im Jahr der Banksters, waren Sie keine zwei Jahre alt. Was haben Sie beim Drehen über die damalige Jugendkultur gelernt?
Ich mag es eigentlich nicht sonderlich, wenn transgenerationelle Debatten die Menschen verschiedener Epochen ständig miteinander abgleichen. Aber mir ist bei der Serie nochmals aufgefallen, dass man damals nicht in jeder Situation nach dem Handy gegriffen hat. Meine Generation muss jetzt dagegen in jeder Fiktion pausenlos am Smartphone hängen. Weil mich das extrem ankotzt, war es wirklich befreiend, einen Millennial zu spielen, der das nicht muss.
Hängen Sie selber privat denn auch nicht ständig am Smartphone?
Meine Screentime ist definitiv zu hoch.
Endlich mal was Persönliches! Ansonsten ist wenig über Ihr Privatleben bekannt.
Und das ist auch okay so.
Umso interessanter wäre das, was Sie angesichts von Rollen wie Druck und Euphorie, die ihre Altersgruppe explizit thematisiert haben, ganz persönlich in Ihre Rollen einfließen lassen!
Netter Versuch (lacht) Vieles und gar nichts. Ich finde generell Kolleginnen oder Kollegen interessant, die sich scheinbar überhaupt nicht mit ihrem Bild in der Öffentlichkeit auseinandersetzen. Tilda Swinton zum Beispiel, Paul Mescal oder Phoebe Waller-Bridge. Ich präsentiere mich dort zwar auch mit meinem Instagram-Account, suche aber wie sie in meinen Rollen vor allem nach Wahrhaftigkeit. Am Ende des Tages sind Filme und Serien für mich keine selbsterteilte Therapiesitzung, sondern ein Prozess, Geschichten zu erzählen.
Muss ein Schauspieler, der wie Sie schon als Teenager auf Bühnen stand, aber trotzdem relativ kurz im Geschäft ist, automatisch mehr von sich selbst in Rollen einfließen lassen als alte Hasen, die dafür auch noch jahrzehntelange Berufserfahrung haben?
Ob Jugend impulsiver macht, meinen Sie? Ich hatte seit meinem ersten Job einen ehrlichen, direkten Umgang mit meiner Arbeit. Denke ich zumindest… Sich ehrlich zu zeigen, erfordert Feingefühl und Sensibilität. Sich fragil zeigen zu dürfen, erfordert obendrein auch noch Mut, vor allem wenn alle erwarten, dass man als Mann immer stark sein muss.
Wobei Yusuf verglichen mit dem queeren Isi in Druck, dem drogenaffinen Jannis in Euphorie oder dem überdrehten Amadeus in Mozart/Mozart fast schon ihre normalste Figur war, oder?
Mag sein. Vor allem aber war er die nächste Figur. Ich möchte mit jeder etwas Neues betreten, habe aber natürlich Traumrollen, die meine Freunde auch schauen wollen. Etwas Schamloses, das die meisten langweiligen, konservativen Macho-Filmemacher halt nicht wollen. Eine punkige, triste, nihilistische Geheimagentin zum Beispiel gekoppelt mit Martial Arts und nackig, weil ich auch boxe. Keine Komödie, soll sich aber selbst auch nicht zu ernst nehmen. Außerdem kein Side-Character und 100 Millionen Budget.
Wow, präzise Traumrollenbeschreibung!
Weil ich das Bild davon halt auch präzise vor Augen habe. Eine lange Perücke auf jeden Fall. Vielleicht kommt es davon, dass mich alle auf einmal als Quoten-Kanaken zeigen wollen und ich mich bei solchen Provokationen dann wehren will. Wahrscheinlich brauch ich einfach nur etwas Ruhe und Inspiration. Noch mehr als nach coolen Charakteren suche ich aber nach coolen Kreativen hinter den Projekten. Und vor allem Leute, die sich was trauen.
Wenn man sich das Wehklagen hochkultureller Feuilletons über Clara Zoë My-Linh von Arnims Mozart/Mozart in Erinnerung ruft, geht es dummerweise schnell nach hinten los, wenn sich Kreative wirklich was trauen.
Ich habe penibel umgesetzt, was Regie und Produktion von mir erwartet haben, also meinen Job gemacht und davon die Miete bezahlt. Alles fein! Ich freu mich auf den nächsten Film, der rauskommt.
Welcher Regisseur?
Fatih Akin.
Jochen Breyer: Diktaturen & Winterspiele
Posted: February 7, 2026 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a commentDirektiven gibt es nicht
Jochen Breyer (Foto: ZDF/Nadine Rupp) berichtet schon fast die Hälfte seiner 43 Jahre von großen Sportevents – nicht wenige davon in Diktaturen. Ein Gespräch über die demokratischen Winterspiele von Mailand, was ihn dabei zu Tränen rühren könne und sein Bauchweh als junger Sportfan.
Von Jan Freitag
Herr Breyer, während Sie bereits mehrere Fußballwelt- und Europameisterschaften moderiert haben, sind Ihre Erfahrungen mit Olympischen Spielen noch geringer, oder?
Jochen Breyer: Als Moderator sind die Spiele in Mailand und Cortina nach Paris erst meine zweiten, ja. Als Reporter durfte ich aber zuvor schon einige erleben, von Vancouver 2010 bis Tokio 2021.
Während die Weltmeisterschaften zuletzt in Diktaturen wie Russland und Katar stattfanden, beschränkt sich ihre olympische Erfahrung damit bislang auf Demokratien.
Nicht ganz, ich war 2008 bereits in Peking dabei. Wenn Sie meine olympische Erfahrung als Moderator meinen, haben Sie aber natürlich Recht.
Macht das politische System, in dem solche Sportevents stattfinden, bei der Vorbereitung einen Unterschied?
Auf jeden Fall. Sportliche Großereignisse wie die Olympischen Spiele sind immer auch politisch, sodass ich mich nicht nur darauf vorbereite, was mich sportlich erwartet, sondern auch, was die politischen Rahmenbedingungen angeht. Wie beispielsweise bei der Fußball-WM in Russland 2018 oder Katar 2022. Auch in Paris und Mailand gibt es natürlich Themen abseits des Sports, aber nicht in dem Ausmaß. Und das empfinde ich ehrlich gesagt als wohltuend.
Weil Sie einfach Ihre Arbeit als Sportjournalist machen können?
Nein, weil der Sport im Vordergrund stehen kann und damit die Athletinnen und Athleten. Die Bühne Olympia sollte ihnen gehören, nicht den politisch Handelnden. Sie haben vier Jahre auf diesen Moment hintrainiert, stehen jetzt endlich im Rampenlicht, sie haben jede Aufmerksamkeit verdient.
Ist das Ihre Dienstleistung am Sport?
Bitte nicht falsch verstehen, natürlich schauen wir als Journalisten auch über den sportlichen Tellerrand hinaus und besonders bei Doping oder Korruption sehr genau hin. Aber das Tolle an Olympia sind für mich die menschlichen Geschichten. Sportlerinnen und Sportler, die sich ihre Träume erfüllen, die uns mit Ihren Leistungen faszinieren, die uns teilweise sogar zu Tränen rühren.
Sie auch?
Mich auch. Bei Olympa gehen mir viele Momente unter die Haut. Überraschungserfolge oder dramatische Niederlagen. In Paris zum Beispiel die Goldmedaille des besten deutschen Ruderers Oliver Zeidler. Vier Jahre zuvor in Tokio war er auf tragische Art gescheitert und als großer Favorit im Halbfinale ausgeschieden. Er hatte gar überlegt aufzuhören, weil ihn diese Niederlagen fast gebrochen hätte. Doch er ist wieder aufgestanden, hat nochmals vier Jahre alles reingehauen – und in Paris endlich Gold geholt. Das hat mich emotional sehr gepackt. Diesen Zauber von Olympia meinte ich.
Dann entzaubern wir die anstehenden Winterspiele doch mal ein wenig. Waren Sie unlängst an den Wettkampfstätten von Turin 2006?
Nein.
20 Jahre später ist das Gelände voll weißer Elefanten, also Bauwerken, die seither nutzlos in der Gegend verrotten.
Ich habe die Doku von Felix Neureuther darüber gesehen. Das ist schon deshalb wirklich bitter, weil sich das IOC ja auf die Fahnen geschrieben hat, viel strenger auf Nachhaltigkeit zu achten als damals. Das gelingt sicher partiell. Doch auch für die aktuellen Spiele wurde zum Beispiel ein neuer teurer Eiskanal gebaut, obwohl das nicht notwendig gewesen wäre.
Von den Infrastrukturmaßnahmen in Höhe von 2,2 Milliarden Euro fließen außerdem drei Viertel in den Straßenverkehr, und zwar teilweise erst nach den Spielen. Haben Sie analog zu ihrer Reportage Geheimsache Katar vor vier Jahren schon Geheimsache Mailand im Kasten?
(lacht) Nein, habe ich nicht, aber das Thema Nachhaltigkeit wird ganz sicher bei uns in den Olympia-Sendungen zur Sprache kommen.
Gibt es Direktiven seitens der Sender, in ihrem Fall des ZDF, ein bestimmtes Level sportferner Berichterstattung weder zu über- noch zu unterschreiten?
Nein, Direktiven gibt es nicht. Letztlich reagieren wir als Berichterstatter ja auf das, was passiert. Sollte es einen großen Dopingfall geben, müssen und werden wir darüber natürlich intensiv reden. Es wird aber nicht so sein, dass wir krampfhaft sportferne Themen suchen, die wir zwischen dem ersten und zweiten Slalom-Durchgang noch schnell einweben können. Der Sport steht im Vordergrund.
Nimmt diese Moderation angesichts der wachsenden Zahl großer Sportveranstaltungen in Autokratien und Diktaturen automatisch an Bedeutung zu?
Das ist schon seit einiger Zeit so, denken Sie an die Winterspiele in Sotschi 2014, als der gigantische russische Dopingskandal erst durch ARD-Recherchen publik geworden ist.
Namentlich Hajo Seppelt.
Genau. Oder Peking 2008, meine ersten Spiele als junger Reporter. Da haben wir auch viel über die Unterdrückung Tibets durch China berichtet.
Besonders in Ihrer Brust schlagen zwei Herzen, nachdem sie vor zehn Jahren erstmals auch sportferne Reportagen gedreht haben. Wer darf da im Stockbett oben schlafen: der gesellschaftspolitische Journalist Jochen Breyer oder der wintersportliche?
Es ist kein Stockbett, sondern ein Doppelbett, und die beiden liegen schön nebeneinander. Ich interessiere mich sehr für tiefgründige Recherchen relevanter politischer Themen, bin aber genauso gerne einfach Sportfan, der die sportlichen Höchstleistungen bewundert, ohne immer einen Haken daran zu suchen.
War es ein Hauptgrund für Sie, in den Sportjournalismus zu gehen, weil man einer idealerweise objektiven, aber parteiisch-emotionalen Distanzlosigkeit dort freien Lauf lassen darf, ja mitunter muss?
Nein, der Hauptgrund war, dass ich schon sehr früh quasi zum Sportfan erzogen wurde. Ich habe mit meinem Vater, der selbst aktiver Sportler war und ist, ganze Wochenenden Wintersport geschaut. Und jeden Samstag das aktuelle sportstudio“. Während der Olympischen Spiele hätte ich gern zwei Wochen Schule geschwänzt, so wichtig war es mir, nichts zu verpassen.
Hätten oder haben?
(lacht) Kann schon sein, dass ich zufälligerweise während der zwei Wochen öfter mal Bauchweh hatte und nicht gehen konnte.
Worauf freuen Sie sich in Mailand und Cortina als Erwachsener am meisten?
Da die Spiele sehr dezentral stattfinden, in Cortina, Mailand, Antholz und ein paar weiteren Orten, haben wir uns dafür entschieden, unser Studio in Mainz aufzuschlagen. Am meisten freue ich mich dort auf die Schalten zu den Sportlerinnen und Sportlern, die den olympischen Geist zu uns transportieren werden.
Und welche Sportarten?
Da kann ich mich gar nicht entscheiden. Eishockey wird ganz besonders toll, weil die NHL-Cracks dabei sind. Biathlon ist schon immer eine meiner Lieblingssportarten. Aber genauso gerne schaue ich, kein Witz, Curling. Das wird ja gerne mal belächelt, aber ich kann jedem nur empfehlen, sich darauf mal einzulassen, Curling wird sehr unterschätzt.
Wolfgang Bahro: GZSZ & Potsdam-Krimie
Posted: January 30, 2026 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a commentIch wollte mich wirklich von Jo Gerner lösen
Wolfgang Bahro, seit 32 Jahren der Bösewicht von GZSZ, wechselt die Seiten und ermittelt nun im Potsdam-Krimi: Haveltod von RTL. Der 65-jährige Schauspieler und Kabarettist aus Berlin über Befreiungsschläge, Vorbilder und warum er als Profiler kein Oberhemd tragen wollte.
Von Jan Freitag
Herr Bahro, dass Sie in einem Interview über etwas anderes als GZSZ auch auf Dr. Jo Gerner angesprochen werden, kennen Sie sicher bereits.
Wolfgang Bahro: Daran bin ich gewöhnt, ja.
Sie selbst haben die Messlatte diesbezüglich mit Ihrem Buch Immer wieder Gerner – Mein Leben als Bösewicht der Nation aber auch selber hochgelegt. Wer hatte da die Idee zum Rollenwechsel als Fallanalytiker Armin Weber – RTL oder Sie?
Also ich war es nicht. Aber nachdem Nico Hofmann den Vorstandsvorsitz der Ufa an Sascha Schwingel übergeben hatte, wollte der die Menschen seiner Produktionen mal kennenlernen und hat sich auch mit mir getroffen. Das fand ich sehr nett. Besonders, als er mich fragte, was ich mir für meine Zukunft bei der Ufa wünschen würde. Da meinte ich, dass sie über Dailys wie Gute Zeiten, schlechte Zeiten hinaus auch Formate wie Charité oder Faking Hitler macht und ich gerne mal Spielfilme oder Reihen drehen würde.
Und seine Antwort?
War, dass er genau diese Frage an mich im Kopf gehabt hatte. Ob es schon konkretere Ideen für den Potsdam-Krimi gab, weiß ich nicht. Aber bald darauf ging das Projekt in die Planung. Und hier bin ich als Profiler. Schließlich bin ich Schauspieler geworden, um möglichst viele verschiedene Charaktere verkörpern zu können. Im Theater gelingt mir das auch relativ häufig. Besonders mein Freund Dieter Hallervorden tritt da regelmäßig mit Ideen auf mich zu.
Zum Beispiel?
An schönsten war, bei ihm das Leben von Charles Spencer Chaplin, kurz Charly, spielen zu dürfen. Im Fernsehen sind solche Angebote eher selten. Deshalb habe ich auch sofort zugesagt, als man mir Armin Weber angeboten hat.
Haben Sie das als Befreiungsschlag empfunden?
Als verspäteten, ja. Denn zunächst mal sollte sich Weber exakt so kleiden wie Jo Gerner.
Also Zwei- oder Dreiteiler.
Sowohl als auch. Jedenfalls immer so businessmäßig. Deshalb habe ich hart um den Mittelweg gekämpft, dass er wenigstens T-Shirt unterm Jackett trägt. Ich wollte mich wirklich von Jo Gerner lösen. Äußerlich und innerlich.
Und wie fühlt es sich jetzt an, auf der anderen Seite des Gesetzes zu stehen?
Na ja, Gerner ist ja auch kein Krimineller, geschweige denn Verbrecher.
Zum 25. GZSZ-Geburtstag hatte mal jemand durchschnittlich eine Straftat in 132 Folgen ausfindig gemacht, für die er insgesamt fast 200 Jahre Knast gekriegt hätte.
Meistens aber hat er als Rechtsanwalt doch eher Gesetzeslücken ausgenutzt, um daraus seinen Vorteil zu wahren. Ich würde ihn deshalb trotz meines eigenen Buchtitels eher Antagonist als Bösewicht nennen.
Was er definitiv ist: Ein berechnender Typ, während Weber eher analytisch tickt. Welcher von beiden kommt Ihnen als Mensch näher?
Ich schöpfe emotional oder intellektuell natürlich bei beiden gelegentlich aus mir selber, um sie darzustellen. Aber am Ende bleiben es Abstraktionen. Ich bin meine Rollen also nicht, ich spiele sie nur. Wenn ich allerdings mit einem von ihnen befreundet sein könnte, wäre es der emotionalere Armin Weber. Auch Jo Gerner zeigt zwar durchaus mal Empathie, aber eher mit denen, die ihm nahestehen, vor allem seiner Familie. Trotzdem hätte ich mit ihm lieber dann zu tun, wenn es um juristische Fragen oder Geschäftsinteressen ginge. Essen ginge ich lieber mit Weber.
Ist Blut auch bei Ihnen dicker als Wasser?
Definitiv. Familie steht bei mir über allem.
Würden Sie da auch mit ihrem Sohn zusammenarbeiten, wie Armin Weber es in Haveltod tut?
Anders als ich es mir anfangs gewünscht hätte, ist er ja nicht Schauspieler geworden (lacht). Andernfalls hätte ich liebend gern an seiner Seite gespielt.
Woran liegt es denn aus Ihrer Sicht, dass er damit tendenziell an der Seite eines Antagonisten stünde – sind deutsche Fernsehschubladen besonders tief?
Da ich international keine Erfahrung habe, kann ich das persönlich schlecht vergleichen. Ich glaube aber schon, dass die Schubladentiefe ein sehr deutsches Problem ist. Wann immer ich mit Kollegen spreche, wird mir versichert, wer mehrfach Ärzte spielt, spielt weiterhin Ärzte. Kurz vor GZSZ zum Beispiel habe ich im ZDF-Sechsteiler Durchreise zur Geschichte einer jüdischen Modefirma von 1931 bis 1991 den schwulen Designer gespielt. Und jetzt raten Sie mal, was mir danach ständig angeboten wurde.
Ich ahne es. Haben Sie es da als Fortschritt empfunden, Jo Gerner spielen zu können? Immerhin gelten Typen wie er verglichen mit sympathischen als spannendere Figuren…
Absolut. Die Facetten von Antagonisten sind einfach vielfältiger; deshalb spiele ich Jo Gerner auch schon so lange so gerne. Er ist wie ein Blumenstrauß, in dem bei allem Anmut auch ein paar stachlige und stinkende Pflanzen sind.
Sie beide werden dieses Jahr 66 – hierzulande dank Udo Jürgens fast schon ein mystisches Alter. Fängt Ihr Leben auch gerade an?
Es gewinnt auf jeden Fall gerade ganz neue Facetten hinzu. Zu Ende geht es jedenfalls noch lange nicht. Mein großes Vorbild ist diesbezüglich Dieter Hallervorden, bei dem mit 90 noch nicht mal daran zu denken ist, aufzuhören. Als wir kürzlich bei Roncalli waren, hat er mir schon wieder von neuen Projekten erzählt. Und mit meiner Freundin Brigitte Grothum…
Die kaum jünger als Dieter Hallervorden sein dürfte.
… mache ich gerade Live-Hörspiele nach alten Edgar-Wallace-Filmen. Wie fit die ist – super! In diesem noch so aktiv zu sein, ist auch mein Ziel.
Drehen Sie vorerst noch mehr Potsdam-Krimis? RTL hat das ja als Reihe angekündigt.
Bislang gibt es nur den einen, alles weitere wird sein Erfolg zeigen. Ich würde aber noch gern viele andere Sachen machen.
Wie wäre es für Sie als ausgewiesener Star Trek-Fan mit Science-Fiction?
Natürlich würde ich auch da mitspielen. Ich hatte vor einigen Jahren sogar schon mal an einer Next Generation von Raumpatrouille Orion geschrieben, aber leider war das Interesse an einer solchen Serie in der deutschen Medienlandschaft nicht so groß. Wichtiger wäre mir aber auch, wie am Theater auch im Fernsehen öfter meine komödiantische Seite zeigen zu dürfen. In meinem Bühnenprogramm Berliner Zeitensprünge gehe ich zum Beispiel gerade durch 100 Jahre Humor meiner Heimatstadt seit 1912 und mache mich darin auch über die Politiker verschiedener Epochen lustig.
Fast Kabarett also.
Mit Referenzen an große Vorgänger wie Wolfgang Neuß oder Werner Finck. Sowas würde ich wahnsinnig gerne mal am Bildschirm präsentieren. Aber wie gesagt – bis ich so alt wie Dieter Hallervorden bin, habe ich ja noch ein paar Jahre. Ich bin guter Dinge.
Andreas & Daniel Prochaska
Posted: January 22, 2026 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a commentNepotismus funktioniert nur bedingt
Mit 18 ist Daniel Prochaska in die Fußstapfen des berühmten Vaters Andreas getreten. Sein Landkrimi Bis in die Seele ist mir kalt (Foto: ORF) zeigt aktuell in der ZDF-Mediathek, wie sich die beiden Regisseure unterscheiden – und was sie teilen. Ein Doppel-Interview über Verwandtschaft am Set, amerikanisches Casting und die Arbeitsweisen zweier Generationen.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Andreas Prochaska, wo er nicht zuhört, können Sie es ja sagen – war Daniel, als Sie ihn mit gerade mal 19 Jahren gekriegt haben, ein Wunschkind?
Andreas Prochaska: Ich war sogar erst 18. Das Leben hat einfach zugeschlagen und das war gut so.
Wann ist Daniel denn dann ein Wunschkollege geworden, der ihnen in den Beruf folgt?
Andreas Prochaska: Als er nach der Schule gejobbt hat, hab‘ ich ihn als Video-Operator ans Set von Kommissar Rex genommen. Kurz darauf hat er das Making-of zu „In drei Tagen bist du tot“ übernommen und sein Schnitt-Talent gezeigt. Als drei Jahre später die Editorin meiner Komödie Die unabsichtliche Entführung der Frau Elfriede Ott ausgefallen ist, hab‘ ich Daniel den Schnitt angeboten.
Daniel Prochaska: Das waren alles eher glückliche Zufälle so wie das Leben halt oft spielt. Bis dahin hatte ich nur Musikvideos gedreht und wusste, dass ich nicht am Set mehr machen wollte, als den Kamerawagen zu schieben. Da ich auf keiner Filmakademie war und mein Vater bereits bekannt, habe ich ein bisschen länger für meine Entscheidungsfindung gebraucht. Aber als dann wie aus dem Nichts sein Anruf für Elfriede Ott kam, habe ich gemerkt, wie viel Spaß mir das macht.
Andreas Prochaska: Es war der Beginn einer langen, beglückenden Zusammenarbeit.
War der Name dabei eher Bürde oder Stütze Ihrer Laufbahn?
Daniel Prochaska: Weder noch. Ich habe viel von ihm gelernt und wurde durch ihn geprägt.
Andreas Prochaska: Daniel ist im Gegensatz zu mir Musiker. Ich bin über ein paar Stunden Blockflöte nie hinausgekommen; er hatte schon früh eigene Bands und ließ dieses Talent einfließen. Der Soundtrack zu Elfriede Ott würde ohne Daniels Kontakte in die österreichische Musikszene so nicht existieren.
Daniel Prochaska: Anfangs wurde ich öfters mal als „Sohn von“ betitelt, aber das bin ich ja auch. Und es kann sein, dass besonders im Schnitt Leute glaubten, der Papa schaut noch mal drüber; aber ehrlich: das macht jeder Regisseur beim eigenen Film, unabhängig vom Verhältnis zum Editor.
Andreas Prochaska: Nepotismus funktioniert in unserm Beruf eh nur bedingt. Man kann seinem Sohn als Vater schon ein Projekt vermitteln, aber wenn es in die Hose geht, war‘s das.
Daniel Prochaska: Wir gehören auch unterschiedlichen Generationen mit unterschiedlichen Herangehensweisen an. Und ich bin mit anderen Filmen groß geworden als mein Vater.
Trotzdem haben sie jeweils zwei Landkrimis in Kärnten gedreht. Würde man in einer Blindverkostung merken, welcher von wem stammt?
Andreas Prochaska: Schwer zu sagen. Im Zentrum steht die Geschichte, an die jeder mit eigenem Blickwinkel rangeht. Mir war schon wichtig, dass der Spirit von Daniels Landkrimis erhalten bleibt.
Daniel Prochaska: Kann sein, dass sich meine Arbeit in Nuancen sichtbar unterscheidet. Ich erzähle gern verschiedene Zeitebenen gleichzeitig und mag grafische Bilder. Aber im Zentrum aller Bemühungen steht immer die Geschichte, nicht mein Anteil daran. Was unsere Arbeiten verbindet, ist aber der Humor; dadurch haben wir einen ähnlichen Zugang zu Pia Hierzeggers Figuren und Dialogen gefunden.
Andreas Prochaska: Ich hatte das Vergnügen, den ersten Kärntner Landkrimi mit Gerhard Liebmann in der Hauptrolle zu drehen, bin dann durch einen glücklichen Zufall neu dazugestoßen und konnte mit Daniels Cast zusammenarbeiten. Als Regisseur bist du neben anderen Dingen der erste Zuhörer, und mir hat niemand beigebracht wie man Schauspieler*innen inszeniert. Ich habe da offenbar keinen ganz schlechten Instinkt, und den hat Daniel auch.
Haben Schauspielerführung und Instinkte auch mit der Alterskohorte zu tun? Jüngere Regisseure gelten verglichen mit früheren Alphatieren am Set als achtsamer.
Andreas Prochaska: Was Daniel und mich altersunabhängig verbindet: Es geht uns nie ums Ego, sondern den Film. Wir wollen beide ein Umfeld schaffen, in dem sich alle sicher fühlen, nur so bekommt man das Beste aus Cast und Crew. Aber wenn Männer meiner Generation unter Generalverdacht stehen, finde ich das schon bedenklich. Ich bin seit 1998 Regisseur, und bei mir gab’s nie Geschrei oder Respektlosigkeiten am Set. Respektvolles Benehmen hat dort grundsätzlich weniger mit Alter als mit Charakter und guter Kinderstube zu tun. Bei zweifelhaften Charakteren hilft auch kein Code of Conduct, und das ist geschlechtsunabhängig.
Daniel Prochaska: Es gibt auch in meiner Generation schwarze Schafe, die nicht wissen, wie man sich benimmt. Dabei muss man aber auch berücksichtigen, dass Regisseure am Ende die Verantwortung fürs Ganze tragen; da sind gewisse Hierarchien unerlässlich. Nur wie man die auslebt, hängt eher mit der Persönlichkeit als Geschlecht und Alter zusammen.
Andreas Prochaska: Ich finde es wichtig, dass sich die Strukturen im Hinblick auf Gleichberechtigung, Achtsamkeit, Arbeitsbedingungen ändern. In meinen Anfängen waren Drehtage mit 14 bis 16 Stunden nicht ungewöhnlich. Wenn so viele Leute für mehrere Wochen in einem hochintensiven Arbeitsprozess involviert sind, muss jeder aufpassen, dass sich keine Grenzen verschieben. Das ist auch in den Verträgen mittlerweile ganz klar geregelt.
Daniel Prochaska: Ich bin dabei, seit ich 18 bin, und selbst in dieser kürzeren Zeitspanne hat sich viel verändert, das meiste zum Positiven. Trotzdem plädiere ich ebenfalls für Geduld bei der Anpassung neuer Entwicklungen.
Sind Sie bei all den Gemeinsamkeiten eigentlich nur Kollegen oder auch Konkurrenten?
Andreas Prochaska: Auf jeden Fall Kollegen. Daniel ist sehr erfolgreich mit seinen Projekten und das freut mich sehr.
Daniel Prochaska: Ich empfinde die Filme vieler Kollegen – ob es mein Vater ist oder Hollywood-Stars wie Martin Scorcese – generell eher als Inspiration.
Regisseure werden anders als Schauspieler ja auch nicht gecastet, oder?
Daniel Prochaska: Früher nicht. Aber das hat sich mit den Streamingdiensten ein wenig geändert. Da habe ich noch mal neu mit den Schauspielern gefühlt, so hart war es, von anderen bewertet zu werden.
Andreas Prochaska: Ich mache diese Erfahrung besonders international. Für ein amerikanisches Projekt saßen wir mal zu acht im Raum, und ich habe zum ersten Mal eine Ahnung davon bekommen wie sich Schauspieler*innen nach einem Casting fühlen, wenn du weißt, dass jedes deiner Worte analysiert wird. Das nimmt auch im deutschsprachigen Raum zu, was aber grundsätzlich auch okay ist. Irgendwie muss man ja herausfinden, ob man sich auf das Abenteuer einer gemeinsamen Produktion einlassen will.
Können Sie von den bisherigen Filmen oder Serien des jeweils anderen sagen, welche sie besonders mögen?
Andreas Prochaska: Also bei mir ist es sein erster Film. Als er mir den Schnitt von „Geschenkt“ gezeigt hat, war ich beglückt, weil er mich der Film wirklich berührt hat und ich wusste, dass Daniel seinen Weg machen wird. Das war schon ein besonderer Moment.
Daniel Prochaska: Schwierig. Ich war ja bei vielen dabei und möchte mich nicht loben. Deshalb nehme ich einen kleinen Film, den viele vermutlich gar nicht kennen: Die Hunde sind schuld. Da hat er bereits einen Humor angedeutet, mit dem er seither viele Filme versieht.
Andreas Prochaska: Barbara Valentins letzter Film übrigens, Sendetermin war der 12. September 2001 und der Film ist im Strudel von 9/11 untergegangen.
Denis Moschitto: Chiko & Tatort
Posted: January 8, 2026 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a commentIch bin in vielerlei Hinsicht sehr unauffällig
Jahrelang war Denis Moschitto (Foto: NDR/Georges Pauly) das liebenswerte Migrantenkind, dann der fiese Gangster, jetzt spielt er an der Seite von Wotan Wilke Möhring einen leicht nerdigen IT-Fachmann im Hamburger Tatort. Ein Gespräch mit dem 48-jährigen Schauspieler über Rollenprofile, Geltungsdrang und seine Jugend als Hacker.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Denis Moschitto, als wir 2012 über den Tatort: Hochzeitsnacht geredet haben, waren Sie ein paar Jahre zuvor grad vom liebenswerten Loser Richtung Gangster wie Chiko abgebogen. Was bedeutet es für Sie und Ihre Arbeit, dass Sie jetzt der Gendarm sind?
Denis Moschitto: Zunächst mal nur, dass ich generell so viele unterschiedliche Figuren wie möglich spielen möchte. Und dazu gehören Gangster genauso wie Gendarmen. Früher hatten meine Rollen aber insgesamt wohl ein bisschen mehr mit meinem Migrationshintergrund zu tun. Mittlerweile hat die Branche aber verstanden, dass es mich auch ohne den gibt.
Damals hatten Schauspieler mit Migrationsgeschichte noch vor allem Kriminelle, Putzfrauen oder Flüchtlinge gespielt.
Vielleicht war das bei mir auch deshalb anders, weil ich mich nie richtig mit meiner Herkunft identifiziert habe. Umso interessanter ist das, dass es der Generation Z gerade wieder wichtiger wird, ihre Migrationshintergründe explizit zu thematisieren und daraus Stärke zu gewinnen. Dieses Bedürfnis fehlte mir völlig. Ich erinnere mich an frühere Dreharbeiten, bei denen ich mir die Haare blond färben sollte, um einen Deutschen zu spielen. Das hab‘ ich damals überhaupt nicht verstanden. Doch die Zeiten haben sich geändert. Das spürt man auch im neuen Tatort, wo viele der Schauspieler ihre Wurzeln im Ausland haben. Da bin ich in vielerlei Hinsicht sehr unauffällig. Und das ist auch gut so.
Wobei es gemeinhin als spannender gilt, Antagonisten zu spielen, also eher Kriminelle als Cops. Wie gewinnt man letzteren jene Kanten ab, die sie brauchen, um spannend zu sein?
Es stimmt schon, positive Figuren sind in Deutschland auch heute noch ein wenig glatter als negative Figuren. Oftmals müssen sie parallel als Schwarm des anderen Geschlechts funktionieren, was oft wahnsinnig langweilig ist, in meiner Anfangszeit aber noch viel ausgeprägter war. Mittlerweile geben die Drehbücher auch Protagonisten viel mehr Konturen wie hier bei Alexander Adolph und Eva Wehrum.
Die Ihnen jetzt den Cyber-Experten Mario Schmitt auf den Leib geschrieben haben.
Aber überhaupt nicht darauf eingehen, welche Art von Hintergrund er und all seine Marotten haben. Sehr clever.
Eine holländische Kollegin von Schmitt äußert im Film mal den Verdacht, er sei autistisch. Ist er das?
Nicht, dass ich wüsste. Die Krankheit ist filmisch zu komplex, um daraus voreilige Schlüsse zu ziehen. Da stört es mich ohnehin sehr, dass viele Fiktionen dazu neigen, sie als Superkraft zu verkaufen. Mario Schmitt ist einfach ein nerdiger Typ. Mit diesem Comic Relief bin ich absolut fein. Aber wir müssen schon auch ein bisschen aufpassen, es damit nicht zu übertreiben und ihm seine Ernsthaftigkeit lassen. Albern soll die Figur auf keinen Fall werden. Es geht vor allem um seine Kompetenzen als Cyber-Experte.
Das wäre eine Analogie zu ihrer eigenen Biografie. Als junger Mann waren Sie selbst Hacker.
Ich war eher ein Cracker, um genau zu sein. Während das Ziel von Hackern ist, in Systeme einzudringen und sie zu manipulieren, wollen Cracker einfach nur den Kopierschutz einer Software entfernen. Ich glaube zwar nicht, dass das irgendjemand beim Casting im Hinterkopf hatte, als ich in die Auswahl kam. Aber mich interessiert dieser Aspekt natürlich enorm. Da ist mir sehr daran gelegen, Hackern den Ruf der Magier zu nehmen, sie also ein bisschen zu versachlichen.
Vielleicht auch den Ruf der Schädlinge?
Durchaus. Es gibt schließlich zwei Sorten Hacker. Die einen wollen Systeme knacken, um sie zu stören oder sich sogar daran zu bereichern. Andere wollen auf Fehler aufmerksam und damit oft sicherer machen. Aber obwohl es auch bei Crackern mitunter kriminelle Energien gibt, geht es denen oft eher darum, wer es als erster schafft, und nicht, Schaden anzurichten. Dieses weltweite Netzwerk fasziniert mich bis heute.
Was sagt diese Faszination über Sie als Mensch aus?
Dass ich schon immer ein technik- und computerinteressierter Mensch war, den diese Hackerfilme der Achtziger wie Wargames fasziniert haben, mehr nicht. Ich bin sogar ein eher spiritueller als rationaler Mensch, aber mein Freundeskreis kam damals nun mal größtenteils aus der Computerszene, in der ich versucht habe, mir ein Ansehen zu verschaffen.
Hatten Sie diesen Geltungsdrang?
Auf jeden Fall.
Hat er am Ende dazu geführt, Schauspieler zu werden?
Mit Sicherheit, ja. Vermutlich sogar aus einem Minderwertigkeitskomplex heraus, das ist bei vielen in meinem Beruf womöglich nicht anders. Als ich in der Schule das erste Mal auf der Bühne stand, haben sich der Applaus, das Schulterklopfen einfach unheimlich gut angefühlt. Berühmt zu sein, wurde mit den Jahren zwar immer unwichtiger. Aber positives Feedback ist mir immer noch wichtig.
Ist der Tatort-Kommissar da gewissermaßen das größtmögliche Feedback?
Ach, so viele Gedanken habe ich mir darüber gar nicht gemacht. Und falls doch, hätte ich vermutlich eher gedacht, dass „Tatort“ ein bisschen nach Rente klingt (lacht). Ich habe als Schauspier auch so genug erreicht.Ich muss weder mir noch anderen etwas beweisen. Die Aufmerksamkeit für den Tatort ist zwar groß, aber deshalb habe ich die Rolle nicht angenommen.
Sondern?
Weil ich sie interessant finde und gerne mit Wotan Wilke Möhring zusammenarbeiten wollte.
Schauen Sie selbst gern Tatort?
Selten. Ich sehe überhaupt wenig fern, hole aber auch wegen dieser Rolle gerade ein bisschen auf und merke, wie unglaublich groß das Krimi-Angebot in den Mediatheken ist. Wer soll das alles bloß sehen?! Auch deshalb ist mir durchaus wichtig, dem Genre mit meiner Figur etwas Neues zu geben. Ich sehe das mal als Herausforderung.
Zumal Mario Schmitt zumindest in den ersten zwei Filmen eher der Zuspieler von Wotan Wilke Möhrings Kommissar Falke ist.
Das dürfte sich vielleicht noch etwas ändern. Trotzdem bleiben Wotan und Falke im Mittelpunkt. Da gehören beide auch hin.
Tim Mälzer: Impossible & Meisterklasse
Posted: November 14, 2025 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a commentDas ist hier eine Teller-Therapie
Tim Mälzer war nie weg und ist doch zurück: Als Coach und Kumpel im Sternekoch-Casting Mälzers Meisterklasse, wo er bei Vox diesmal mit Halbprofis in der luxuriösen Inselküche steht. Ein schnodderig-selbstbewusstes Gespräch über Tränen am Herd, Scheitern als Chance und warum er ein Steckrübeneintopf ist, vorab ersscheinen beim Medienmagazin DWDL.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Tim Mälzer, haben Sie die Disney-Serie The Bear um ein hektisches Restaurant in Chicago gesehen?
Tim Mälzer: Ja. Klar.
Und?
Dieses getriebene, lebensschwere Chaos ist mir persönlich viel zu intensiv. Ein Küchenchef, der sein Team heute noch so behandelt, ist nicht nur ein schlechter Küchenchef, sondern bald auch allein und Pleite. Rumgrölen ist Führungsschwäche, nicht Führungsstärke. Wenn du bei Jan Hartwig in der Küche stehst…
Ihr Ko-Juror bei Mälzers Meisterklasse, selber mit drei Sternen dekoriert.
… dann hörst du kaum ein lautes Wort, da läuft alles wie von selbst. Dieses ständige philosophische Überhöhen großer Köche geht mir ohnehin auf die Nerven. Du darfst gerne fürs Kochen brennen, aber am Ende geht es dabei um Essen und Trinken, fertig. Ich vergleiche das gern mit Fußball: Da sind auch elf Leute auf dem Platz, von denen alle spezielle Fertigkeiten haben, aber gewinnen können sie nur gemeinsam.
Die 50.000 Euro für Mälzers Meisterklasse mit dem Bonus eines Duells mit Ihnen bei Kitchen Impossible gewinnt allerdings nur einer oder eine.
Aber auch da ist mir ein gewisses Miteinander wichtig. Schon, um mit Frustrationsmomenten besser umzugehen, die es natürlich gibt. Mein Job dabei ist es ja, die Leute aus ihrer Komfortzone rauszuholen. In der kannst du solide Arbeit abliefern, aber nicht über dich hinauswachsen. Je häufiger du dir die Hände verbrennst, desto klarer wird, wer du bist.
Und Ihre Hände haben öfter gebrannt?
Ja. Und je heißer, desto extremer waren meine Entscheidungen. Mit dem Kochen aufzuhören, zum Beispiel, und lieber Restaurants zu führen als Küchen. Ich wollte schon immer ebenso an mich glauben wie an mir zweifeln und dabei ständig meine eigenen Konzepte verändern. Deshalb wollte ich nach all dem Herumreisen für Kitchen Impossible jetzt auch unbedingt wieder mal ins Studio. Routine ist Langeweile und beides habe ich schon immer als Gift auf dem Weg zur eigenen Persönlichkeit angesehen.
Ein Ziel, dass sie den 15 Kandidatinnen und Kandidaten der Meisterklasse in fast jeder Aufgabe mit an den Herd geben.
Und sie damit bewusst ein bisschen überfordere. Nur so gibt es Lerneffekte, und die sind das Wichtigste an jeder Arbeit.
Das Wichtigste an dieser Art Reality ist wie so oft Emotionalisierung. Ständig sind Tränen, Wut, Verzweiflung in Zeitlupe zu sehen. Gehört das einfach dazu oder stört es Sie?
Es ist Fernsehen und Fernsehen braucht Gefühle! Und ob die wahrhaftig sind, kann ich als Vater und Unternehmer mittlerweile ganz gut einordnen. Tränen, die Druck abbauen, sind meistens echt, die kann man zeigen. Tränen, die aus Missverständnissen entstehen, sind meistens falsch, die sollte man weglassen.
Nicht jede Träne ist ein Trauerfall?
Genau, aber das hier ist eine Teller-Therapie in sechs Sitzungen à 90 Minuten. Da sind Selbstzweifel vorprogrammiert. Ich selber zweifle ja ständig an mir, das grenzt ans Hochstaplersyndrom. Deshalb kann ich auch überhaupt nicht gut mit Komplimenten umgehen. Schlimmer ist eigentlich nur der Vorwurf, ich sei arrogant. Das kriegen Prominente zwar gern zu hören, falls sie nach einem harten Arbeitstag nicht mehr die Kraft haben, auch noch das 40. Selfie zu machen. Aber manchmal ist man halt einfach zu müde.
Und zwar auch langfristig, deshalb haben Sie sich öfter aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Was bringt einen Kochunternehmer am Ende weiter: Erfolg oder Scheitern?
(überlegt lang) Erfolg und Anerkennung sind schon wichtig, aber mehr und nachhaltiger lerne ich aus Fehlern. Deshalb ist mir Scheitern so wichtig. Zumal Deutschland eine so blöde Fehlerkultur hat, und das ist durch Giftspritzen auf Social Media nochmals schlimmer geworden. Viele dort können nicht gut mit Niederlagen umgehen, weiden sich aber an denen anderer. Fürchterlich! In der Meisterklasse geht es mir hingegen darum, die Kandidatinnen und Kandidaten voranzubringen. Ich beziehungsweise Jan muss zwar Leute rauswerfen, aber nicht, weil sie schlecht sind, sondern weil andere besser sind. Auch ich bin zwar manchmal destruktiv, möchte aber grundsätzlich konstruktiv sein.
Aber was entscheidet denn nun wirklich abschließend darüber, wer ein wirklich guter Koch ist – Handwerk, Persönlichkeit, Sendungsbewusstsein, Scheitern, Erfolge, Mut?
Ein guter Koch beherrscht sein Handwerk, ein herausragender Koch hat auch noch Persönlichkeit.
Kann man das in Ausbildung, Praxis oder einer Sendung wie dieser rauskitzeln, oder hat man das oder eben nicht?
So ganz genau weiß ich das gar nicht, Die Identität lässt sich allerdings nur erkennen, wenn sie ins Risiko gehen. Und das geht eigentlich nur in der Selbstständigkeit. Als Angestellter einer großen Küche Persönlichkeit herauszubilden, ist schwierig. Ich hab‘ meine deshalb erst herausgearbeitet, als ich dann mein eigener Chef war
In der ersten Folge von Mälzers Meisterklasse sollen die Kandidaten „kochen, was sie sind“. Welches Gericht sind Sie?
Hühnerfrikassee. Und Steckrübeneintopf. Das bin ich, das ist meine DNA. Wenn ich den koche, schweigen meine Gäste oft andächtig. Ich koche ihn mit der Leidenschaft und den Zutaten wie meine Oma, das lässt sich nicht verbessern.
Gleichzeitig fordern Sie in der Meisterklasse doch ständig, sich was zu trauen, ins Risiko zu gehen, vom Erwartbaren abzuweichen. Ist Omas Steckrübeneintopf nach zu kochen nicht das Gegenteil davon?
Nee, das ist mutig, weil weglassen mutig ist. Das hilft, eine Persönlichkeit herauszubilden und ihr auch treu zu bleiben, wenn man im Sturm steht. Über mich ist schon jeder Dreckkübel ausgekippt worden. Das mithilfe meiner Persönlichkeit wieder abzukriegen, ist vielleicht die größte Fertigkeit, die ich in 20 Jahren Fernsehkochen entwickelt habe.
Welche noch?
Immer absolut ehrlich zu sein. Wenn du mich auf dem Bildschirm siehst, dann bin das immer ich – auch wenn ich dort lauter bin als zuhause, wo ich beim Kochen ganz ruhig bin, eher als würde ich im Atelier stehen und ein Bild malen.
Was genau sind Sie denn nun: Entertainer, Koch, Unternehmer, Food Content Creator?
Also das letzte schon mal nicht. Im Wesentlichen bin ich Gastwirt. Und mit meiner großen Klappe? Geschichtenerzähler.
