Christian Bau: Koch des Jahres & Japan-Fan

Ein Hauch von nix

Seit er sich 2005 im saarländischen Spitzenrestaurant Schloss Berg den dritten Stern erkocht (und bis heute gehalten) hat, verbindet Christian Bau französische Klassik meisterhaft mit japanischer Küche. Dafür wurde der Schwarzwälder nun zum “Koch des Jahres” gewählt. Im freitagsmedien-Interview berichtet er vom Einfluss der Region auf seinen Stil, warum es darin keine Butter gibt und warum der 47-Jährige gern mal eine Currywurst isst.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Bau, beschreiben Sie für Unkundige doch bitte mal Ihre Küche im Schloss Berg.

Christian Bau: Die Küche lässt sich schwer beschreiben, aber wenn Sie mich nach drei starken Worten dafür fragen, wären es: Leicht, zeitgemäß und weltoffen. Ohne uns der absoluten Moderne zuzuschreiben, haben wir uns von der Klassik sowohl im Saal als auch auf dem Teller gelöst. Wir präsentieren eine eigene Stilistik, die ins Hier und Jetzt passt.

Mit leichte Hang zum Asiatischen.

Einer großen Vorliebe sogar. Meine Frau und ich haben eine klassisch französische Ausbildung genossen, mit allen Basics. Die wollen wir mit einem Brückenschlag ins Japanische ergänzen.

Werfen Sie die Traditionen mitteleuropäischen Kochens damit über den Haufen?

Das merkt man ganz sicher am Menü. Die Hochprodukte der europäischen Küche – Steinbutt, Gänseleber, Trüffel, Kaviar, Hummer, Langustine – sind durchaus vorhanden. Doch wie wir sie bearbeiten – oder eben auch nicht bearbeiten – und mit speziellen Flavours versehen, das liegt jenseits vieler Gewohnheiten. Wir werfen also nichts über den Haufen, befinden uns aber auch jenseits verkrusteter Strukturen. Das merkt man schon am Alter unserer Gäste: Es gibt Abende, da liegt der Schnitt an acht oder neun Tischen unter 40 Jahren.

Gibt es bei alldem Verbindungen in die örtliche Küche des Saarlands und Lothringens?

Nein, das ist am Ende nur der Standort. Meine Prämisse lautet: ich möchte die besten Produkte haben. Was es da regional gibt, kaufe ich natürlich hier ein, aber wenn es etwas qualitativ Hochwertigeres aus Paris oder Hamburg gibt, beziehe ich es von dort. Das sind die Vorteile der Globalisierung. Und bestimmte Algensorten kriege ich in Tokio gewiss besser als im Saarland.

Fühlen Sie sich dennoch gut aufgehoben hier?

Sagen wir mal so – meine Frau und ich kommen beide aus dem Schwarzwald, sind hier also nicht gerade fest verwurzelt. Das zeigt sich auch durchaus in einer unterschiedlichen Lebenskultur. Nur: wir sind wegen unseres Jobs hergekommen und haben zur richtigen Zeit am richtigen Ort unseren Chef, den Herrn Ostermann kennengelernt. Obwohl ich damals erst 26 war, hat er uns die Möglichkeit gegeben, uns kulinarisch zu verwirklichen. Dabei kam uns zugute, welch große Rolle die Kuliniarik in dieser Region spielt.

Schon Ende der Neunziger?

Absolut. Dennoch sind wir im Schloss Berg bei Nullkommanull gestartet, es gab keine Auszeichnungen, keine Werbung, 1998 standen hier noch Trockenblumen auf den Tischen. Da mussten wir alles auf den Kopf stellen. Innerhalb von zwei Monaten war das Restaurant gut frequentiert.

Hatten Sie damals schon die heutige Kochphilosophie des Brückenschlags nach Fernost?

Nein, bis zum dritten Stern 2005 haben wir sehr klassisch gekocht, das war überhaupt nicht vergleichbar mit heute. Wir hatten getrüffelte Presspoularde mit Kartoffelpüree oder Gänseleber mit glasierten Äpfelchen zur Brioche. Der Saarländer ist ja ein halber Franzose; dem haben wir uns schon durch die Nähe zu den Benelux-Staaten angepasst. Ich sag’s offen: Da wir damals schnell über die französisch orientierten Restaurantführer Gault-Millaut und Feinschmecker Reputation erlangen wollten, haben wir uns an den Standards orientiert.

Mit Erfolg, kann man sagen.

Es hat sich bewährt, in der Tat. Mit meiner heutigen Art asiatischer Küche hätten wir niemals so schnell Erfolg gehabt. Gerade bei den Einheimischen.

Die ja seit jeher – trotz der robusten Prägung durch den Bergbau – einen guten Bezug zu feiner Küche hatten.

Das stimmt, trotz aller Sättigungsbeilagen. Aber ganz ehrlich: Ich beschäftige mich als Koch kaum regionalen Befindlichkeiten beim Essen. Lokale Küchen sind ja eher von Rustikalität und Deftigkeit geprägt. An dem Punkt kommt das erste Schlagwort unserer Küche ins Spiel: Leicht im Sinne von bekömmlich. Wir kochen komplett ohne Sahne und Butter. Es gibt zwar Milchprodukte wie Milch oder auch mal ein Löffelchen Crème Fraiche. Aber die Soßen basieren gänzlich auf Fonds, die wir allenfalls mit Ölen ergänzen und aufschäumen. In der deutschen Küche sind Sie nach zwei Gängen in der Regel pappsatt, bei uns sind es 16, 18, 20 und sie sind zwar satt, aber nicht voll. Der Umami-Sud zum Steinbutt aus Bonitoflocken und Kombualgen mit eingemixter Auster – das ist ja ein Hauch von Nix und trotzdem präsent.

Gab es dennoch einst den Forscherdrang, zu erkunden, was hier gibt?

Den gab es. Und die Soßen zum Hefekloß mit Speck im Saarland sind gewiss lecker, aber auch viel mächtiger, dazu fehlt mir jeder Bezug. Ich möchte, dass die Leute viel probieren und beim Aufstehen sagen, dass sie sich nicht nur satt, sondern auch wohl fühlen.

Mögen Sie privat ein saarländisches Bergmannsfrühstück mit Lyoner Wurst auf Brot?

Wenn Sie jeden Tag so feine Sachen wie wir verarbeiten, fällt der Zugang zur Hausmannskost naturgemäß schwerer – auch wenn wir in der Küche natürlich nicht löffelweise Kaviar aus der Dose essen; schon weil er dem Unternehmen gehört. Aber wenn ich montags mal mit meiner Frau essen gehe, suchen wir in der Tat eher einfache Kost. Und schon wegen unserer Kinder ist das Essen Nr. 1 zuhause natürlich Spaghetti Bolognese oder Geschnetzeltes  mit Pilzrahmsoße. Erst vorigen Dienstag war ich mit meiner im Dreisterne-Restaurant in Paris essen, aber wenn ich hier in der Stadt bin, ganz ehrlich, esse ich auch mal ‘ne gute Currywurst.

Wie groß ist der Anteil jener Gäste im Schloss Berg, für die das der Regelfall ist und Ihr 18-Gänge-Menü die absolute Ausnahme?

Hoch. Es gibt gewiss auch Stammgäste, die alle vier Wochen kommen. Aber wenn die ungewöhnliche Zubereitung edelster Produkte gewöhnlich wird, verliert sie ihren Reiz. Deftig ist halt manchmal auch lecker, das wissen selbst Feinschmecker.

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Wolfgang Niedecken: Familie & Dialekt

Kölsch saved my life

Seit 40 Jahren ist Wolfgang Niedecken das gute Kölner Gewissen der deutschen Rockmusik. Auf dem Solo-Album Reinrassije Strooßenköter erzählt er uns nun seine Familiengeschichte und damit auch viel übers Land insgesamt. Ein Gespräch mit dem 66-Jährigen über die Liebe zu Köln, BAP, Gassenhauer und wie ihm sein Heimatdialekt 2011 das Leben gerettet hat.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Wolfgang Niedecken, sind es eigentlich grad gute oder schlechte Zeiten für sozialkritische Liedermacher wie Sie, wenn die Stimmung populistischer wird und nach rechts schwenkt?

Wolfgang Niedecken: Also die Platte hätte ich zu jeder Zeit machen können. Ich will niemanden krampfhaft auf irgendeinen Pfad bringen, sondern singe über Sachen, die mich umtreiben – ob sie mir nun schlaflose Nächte machen oder Glücksgefühle. Politrock war mir immer zutiefst suspekt.

Trotzdem kommentieren Sie mit Ihrer Musik gern die Verhältnisse da draußen. Freut man sich da, wenn die so radikal sind, dass es viel zu kommentieren gibt?

Darüber mache ich mir gar nicht so viele Gedanken. Mir ist nicht wichtig, ob ein Album in seine Zeit passt. Wenn es das aber dennoch tut, wie dieses hier, freut es mich. Denn das, was ich darauf tue, kann man allen, die da draußen rumkrakeelen, auch nur empfehlen: Mal innezuhalten, zurückzublicken und sich zu fragen, was tun wir hier eigentlich, um was geht es?

Und die Antwort?

In meinem Fall: Wohl dem, der einen Verbund hat, in dem er sich aufgehoben fühlt. Das kann die Nachbarschaft sein, eine Clique. Bei mir ist es jetzt die Familie – die, aus der ich komme, aber auch die, die ich selber gegründet hab. An deren Beispiel versuche ich rauszufinden, was mir im Leben wirklich wichtig ist. Familie besteht ja aus Individuen, die trotz aller Verschiedenheit miteinander klarkommen müssen; das darf sich die Gesellschaft gern zum Vorbild nehmen. Davon erzählt am Ende auch mein Album.

Dummerweise versteht man davon als Nicht-Kölner nur Bahnhof.

Wissen Sie was? Ich übersetze Ihnen mal das Titelstück, dann versteht man auch den Rest. Meine Tochter hat mir erklärt, dass Reinrassije Strooßeköter ein Oxymoron ist, also ein Begriffspaar, das sich gegenseitig ausschließt. Was man von den Kindern alles lernen kann! Reinrassige Straßenköter gibt’s ja nicht. [setzt seine Brille auf und übersetzt]

 

Der Pappkarton oben im Regal

seit Jahren unberührt, verstaubt

Erst war Margarine drin, dann eine Eisenbahn

und immer noch steht Rama drauf

 

Ohne Leiter kommt da keiner ran

Jedenfalls ist es nicht leicht

Unfallfrei die Kiste runterzuholen

Weil sie links eingerissen ist

 

Fotos mit gewelltem Rand

Und je nachdem abgeknickt, vergilbt, verblasst

Heiligabend, Camping, Karneval

Heinz und ich aufm Chlodwig-Platz

 

Vater, Mutter, Foxtrott wird getanzt

Kätie, Annelie, mit Zöpfen.

Tante Netta kannte ich nur in schwarz

Pollawiese und Severenzbrücke

 

Dieses Lied ist für meine Ahnen, meinen Stamm

Kölsche Seelen allesamt

Für meine Leute, für meine Vertrauten

Blutsverwandt

 

Für meine Familie, meinen Clan

Wir sind reinrassige Straßenköter

Und Südstadt-Adel sowieso

Und auch wenn’s keiner ausspricht –

Insgeheim steht’s fest

Dass Blut dicker als Wasser ist.

Da wird gleich zu Beginn das ganze Personal am Beispiel eines imaginären Fotoalbums vorgestellt. Ich hab ja weder väter- noch mütterlicherseits meine Großeltern je kennengelernt. Mein Opa Hermann, der Kirchenmaler, ist eine Woche vor meiner Geburt im selben Krankenhaus gestorben. Die lerne ich so erst kennen.

Hat es auch mit Ihrem Alter zu tun, dass Sie die Vergangenheit Revue passieren lassen?

Na ja, ich bin 66. Wäre ich Beamter, läge ich schon das erste Jahr mit meiner Pension in der Hängematte. Natürlich denkst du da eher mal über dein zurückliegendes Leben nach als mit 30. Ich wusste auch damals schon, dass es hinterm Horizont weitergeht, wollte aber gar nicht so genau wissen, wie es da aussieht. Aber wenn ihm wie ich jetzt so nahe kommt, macht man sich darüber eher Gedanken.

Wobei Sie kein drastisches Rock’n’Roller-Leben geführt haben oder?

Nicht mit allem Drum und Dran. Ich finde Keith Richards großartig, aber sein Leben war von meinem Lichtjahre entfernt. Wir haben natürlich schon mal mehr Party gemacht als viele in bürgerlichen Berufen, und auf Tournee wurden die Nächte schon mal feuchter, aber das ist echt ewig her.

Vor Ihrer Familiengründung?

Sagen wir: am Ende der ersten, die ja ein bisschen in die Hose gegangen ist. Also vor der zweiten mit dieser netten Dame hier [zeigt auf seine Frau, die nebenan am Computer sitzt]. Wir sind jetzt seit 30 Jahren zusammen, haben zwei erwachsene Kinder, also super.

Kommen die auch vor auf der Platte?

Natürlich, am Ende. Das Album ist ja chronologisch aufgebaut, weshalb ein Stück sogar vor meiner Geburt spielt, als meine Großeltern mit Kindern nach Gera evakuiert waren, weil Köln nach der Zerbombung auch noch der Häuserkampf drohte.

Wenn das Album einem Erzählband gleicht – ist die Musik dazu die, die Sie halt auch mit BAP schon immer machen, oder exakt auf die Texte abgestimmt?

Beides. Es ist halt die Musik, die ich mag. Ich würde ja nie etwas anderes machen als das, was ich mir beim Autofahren ins Fach schiebe und mich freue, am Leben zu sein. Da darf dann auch mal die Steel-Guitar vorkommen, Country, Americana. Sofern es nicht kitschig klingt.

Haben Sie je erwogen, anders als in Kölsch zu singen?

Es war schon vor 25 Jahren immer mal ein Streitpunkt in der Band, ob wir nicht hochdeutscher werden sollten, womöglich gar Englisch. Meine Meinung dazu war immer, dass wir uns damit das Einmalige, Unverwechselbare nähmen, nur um aus Deutschland rauszukommen. Dafür hätte ich mich verstellen müssen. Und wäre auch nicht so gut gewesen.

Entsprang die Entscheidung im Heimatidiom zu singen, damals einem Bauchgefühl oder Lokalpatriotismus?

Ach, es ist viel einfacher. Wenn du wie ich mit dieser Sprache aufgewachsen bist und auf der Volksschule erstmal Deutsch lernen musst, dann steckt das so tief drin, dass es raus will. Als ich vor sechs Jahren einen Schlaganfall hatte…

[Seine Frau ruft rein] 2. November 2011.

… hab ich meinen Schutzengel da drüben später ein Album voller Liebeslieder gewidmet. Die räumen zwar keine Spülmaschinen aus, aber so konnte ich meine Dankbarkeit am besten zeigen. Vorher aber war folgendes passiert: Ich habe in Köln noch ein paar Leute, mit denen ich gar nicht Hochdeutsch sprechen könnte, das klappt nicht. Einer davon ist der vielleicht größte Karnevalist, ohne ein Spießer zu sein. Hans Süper. Kennen Sie den?

Als Kölner würde ich sicher ja sagen.

Garantiert. Das ist die eine Hälfte vom „Colonia Duett“, immer mit Mandoline. Gibt’s leider nicht mehr. Der Hans also war total besorgt, dass ich mich vom Schlaganfall nicht mehr erholen würde. Ich hatte ja damals große Wortfindungsprobleme. Du bist klar im Kopf, aber die Sprache ist weg, furchtbar. Dann aber ruft mich der Hans in der Klinik an und meinte, „wie isset Jung, wat mässte?“ Und ich habe auf Kölsch geantwortet, als wäre nichts geschehen. Die Muttersprache ist halt tiefer eingelagert als alles andere.

Sie haben übers Kölsch wieder sprechen gelernt?

Die Reha hat schon auch geholfen, aber Kölsch saved my life.

Wo wäre Wolfgang Niedecken denn vor 40 Jahren gelandet, wenn BAP von Beginn an in einer anderen Sprache gesungen hätte?

Wir wären gar nix gewesen. Als BAP 1976 gegründet wurde, haben Leute mitgespielt, die in den Sechzigern Beat gemacht hatten. Damals war jeder in irgendeinem Dunstkreis irgendeiner Band, so wie sich heute alles über Fußball definiert. Man traf überall Kollegen, und je mehr das geschah, desto mehr wurde gejammt. Das war das erste Jahr BAP: alle zusammen ins Kalksandsteinwerk Hersel an der Autobahn Köln-Bonn, das gehörte dem Vater eines der Gitarristen. Immer wenn wir einen Kasten Bier leergeprobt hatten, sind wir in die Stammkneipe gefahren und haben weitergefeiert.

Oha.

Klingt jetzt versoffener als es war. Wir waren ja mindestens ein Dutzend Leute, das sind zwei Flaschen pro Person. Jedenfalls hatten wir damals überhaupt keinen Karriereplan. Aber als ich den ersten Song auf Kölsch mitgebracht habe, schwer auf Liebeskummer geschrieben, waren alle irgendwie begeistert. So ging’s los – und hat sich bis heute nicht wirklich geändert.

Was ist denn der grundlegende Unterschied zwischen BAP und Solo-Alben?

BAP ist die Tour-Band, aber wir hießen auch auf unseren ersten drei Alben Niedeckens BAP. Ich hätte das also auch mit denen einspielen können, der Sound wäre dann allerdings etwas anders gewesen, ohne die Americana-Elemente wahrscheinlich. Bei BAP nimmt mir niemand übel, Sachen solo zu machen. Die profitieren da immer auch von. Ich geh mit BAP auf Tour, keine Sorge.

Und spielen die alten Gassenhauer?

Ich will jedenfalls auf keinen Fall Stücke spielen, die die Leute nicht kennen. So ticke ich ja selber auch als Konzert-Zuschauer. Ich hab gerade die Stones in München gesehen, da hab ich mich zwar total gefreut, als die nach Ewigkeiten mal ein Stück wie Dancing with Mr. D gespielt haben, und Satisfaction muss ich gar nicht noch mal hören. Trotzdem sind mir die bekannten Stücke wichtig. Was außer Musik schafft es denn schon, die eigene Jugend so zurück ins Herz zu holen?

Ihre Prognose zum Schluss: Stehen Sie im Alter von Mick & Keith noch auf der Bühne?

Wenn ich mir das gesundheitlich noch schaffe, gern. Und so wahnsinnig lang ist das ja nicht mehr hin. Aber nur, weil ich jetzt im Pensionsalter bin, gucke ich mir keine Louis-Trenker-Filme an. Rock’n’Roll hat nichts mit Jugend zu tun, Rock’n’Roll ist für alle da.


Clemens Schick: bondböse & barcelonacool

Ich liebe es radikal

Zehn Jahre schwamm Clemens Schick (Foto: ARD/Lucia Faraig) sehr sicher durchs Fahrwasser des deutschen Theaters. Dann war er Bonds Gegenspieler und alles plötzlich anders. Zur Weltkarriere reichte es zwar nicht, aber für den Barcelona-Krimi (2. November, 20.15 Uhr, ARD) allemal. Der Mittvierziger über Städtekrimis im Ersten, den katalanischen Nationalismus am Drehort und was 007 so grandios macht.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Clemens Schick, Sie sind ein politischer Künstler, der sich über seine Arbeit hinaus gesellschaftspolitisch engagiert und voriges Jahr gar in die SPD eingetreten ist. Welchen Einfluss hat das auf die Auswahl Ihrer Rollen?

Clemens Schick: Wenn Sie jetzt hören wollen, dass ich nur Filme machen will, die diesem Engagement auch inhaltlich entsprechen, muss ich Sie enttäuschen. Solange darin nicht gerade zu Gewalt, Hass oder Rassismus aufgerufen wird, mache ich, was mir Spaß macht, mich fordert oder eben Geld einbringt. Ich muss ja auch leben von dem Beruf. Deshalb drehe ich vom kleinen Debütfilm über internationale Blockbuster bis hin zum Fernsehen eigentlich alles, sofern mir die Geschichte und meine Rolle darin gefällt. Und was im Grunde an erster Stelle kommt sind die Kollegen und die Regie. Bestimmte Botschaften sind dafür nicht vonnöten.

Gibt es trotzdem welche, die den Barcelona-Krimi für Sie interessant machen?

Schon. Wir thematisieren darin zum Beispiel das, was auch meinen eigenen Wohnort Berlin zurzeit auf schmerzhafte Art prägt: diesen komplett ausufernden Massentourismus, der alles überflutet. In Barcelona kommt allerdings, wie man grad sieht, dieser grassierende Nationalismus hinzu. Dass sich eine Region wie die katalanische im 21. Jahrhundert von Spanien abspalten will, finde ich schlicht unfassbar. Denn wenn etwas im Verlauf der Geschichte zielsicher zu Krieg und anderen Katastrophen geführt hat, dann war es schließlich zum Nationalismus gesteigerte Heimatliebe. Dieses Thema kommt allerdings erst im dritten und vierten Teil zur Sprache.

Bis dahin firmiert Barcelona indes vor allem als etwas, das den ARD-Krimis auf diesem Sendeplatz häufiger mal vorgeworfen wird: vor allem ein touristisch verwertbares Postkartenambiente zu zeigen.

Finden Sie? Barcelona ist wirklich traumhaft schön. Und ich weiß da, wovon ich rede; ein Teil meiner eigenen Familie lebt dort. Anderseits zeigen wir von der Stadt ja keineswegs nur die schönen, also die Postkarten-Seiten, im Gegenteil. Es kommen auch viele der schmutzigen Ecken vor. Andererseits finde ich es überhaupt nicht verwerflich, Filme als Angebote ans Publikum zu inszenieren, etwas zu tun, das vielen im Alltag unmöglich ist: um die Welt zu reisen, andere Länder zu sehen, fremde Kulturen. Das macht Fernsehen im Übrigen ebenso wie das Kino schon immer so; auch James-Bond-Filme sind seit jeher Hochglanzprospekte der jeweiligen Drehorte.

Hat sich für Ihre Arbeit als Schauspieler eigentlich grundlegend etwas geändert, nachdem Sie im ersten Einsatz von Daniel Craig als 007 einen Bösewicht spielen durften?

Das war damals ja eine ziemlich kleine Rolle. Die Aufmerksamkeit dafür war in Deutschland zwar groß. Schauspielerisch allerdings war mein Einsatz darin schlicht zu unbedeutend, um mir international einen Namen zu machen. Trotzdem war es eine unglaubliche Erfahrung, in diesen riesigen Produktionsprozess geraten zu sein. Handwerklich geschieht dort alles, wirklich alles am oberen Limit dessen, was möglich und machbar ist. Die kriegen für jede Arbeit die allerbesten Leute der gesamten Branche weltweit. Und das spürt man nicht nur beim Drehen, sondern im Ergebnis. Man darf auch nicht vergessen, dass ich zuvor zehn Jahre fast nur Theater gemacht hatte. Diese Welt zu verlassen und plötzlich sechs Monate mit einer solchen Produktion unterwegs zu sein, war ein großes Abenteuer.

Haben sie damals Blut geleckt, mehr solcher Großproduktionen zu drehen?

Was heißt Blut geleckt – es hat in mir den Wunsch entfacht, mobiler zu werden, mich nicht mehr an einen Ort zu binden. Deshalb hab ich damals auch mein Engagement am Schauspielhaus Hannover gekündigt, so gerne ich dort gearbeitet habe. Ich wollte freier sein in meinen Entscheidungen.

Fällt es nach so einem Schnupperkurs im ganz großen Kino, den Sie da 2006 absolviert haben, nicht ein bisschen schwer, dann wieder für den kleinen deutschsprachigen Markt zu arbeiten, also sich gewissermaßen zu erden?

Überhaupt nicht. Ich habe gleich danach einen kleinen deutschen Debütfilm gemacht, verglichen mit Bond ein fast lächerliches Budget, umgesetzt von Neulingen im Fach. Aber er war mir zu dem Zeitpunkt genauso wichtig wie der Bond-Film oder so wie jetzt mein Kommissar Xavi Bonet.

Was unterscheidet den eigentlich von all den Kommissaren, die jetzt bereits im Fernsehen ermitteln?

Das kann ich nicht sagen, weil ich nicht alle Kommissare im Fernsehen kenne. Aber mir gefällt es sehr, wie ruhig und zurückhaltend, fast ein bisschen eigenbrötlerisch er ist. Außerdem finde ich seine Bisexualität spannend. Xavi Bonet ist schweigend, beobachtend aber eben auch lebenshungrig und angetrieben von einer Wut die Welt gerechter zu machen.

Haben Sie die Figur unter diesem Gesichtspunkt mitentwickelt?

Auch. Ich war schon sehr früh im Entwicklungsprozess mit eingebunden. Was ein Geschenk ist, aber auch eine Herausforderung. Fernsehen zu machen bedeutet sich mit sehr viel mehr Mitwirkenden auseinander zusetzen als beim Kino oder Theater. Solange die Kinoproduktion nicht zu groß ist. Ich liebe es radikal. Andere weniger. Da gilt es dann sich irgendwo zu treffen. Was ein absolut normaler Prozess ist.

Sie haben vor ein paar Jahren öffentlich gemacht, selber schwul zu sein. Ohne jetzt über Privates reden zu wollen…

Danke!

… glauben Sie, dass man das Thema Homosexualität durch die Präsenz massentauglicher Charaktere wie diesen Fernsehkommissar so weit normalisieren kann, dass es irgendwann keiner Erwähnung mehr wert ist?

Meine Erfahrung ist so.


Hans-Chr. Schmid: Verschwinden & Kino-TV

… wenn man es anständig nutzt

Mit Filmen von Nach fünf im Urwald über Requiem und 23 bis hin zu Was bleibt hat sich Hans-Christian Schmidt (Foto: picture alliance) zu einem der Regie-Stars im Land gemacht. Nur das Fernsehen war ihm stets zu begrenzt. Jetzt aber hat er es doch ausprobiert – und mit dem ARD-Vierteiler Das Verschwinden (Teil 2-4 von Sonntag bis Dienstag, 21.45 Uhr) mal eben das Beste erschaffen, was dieses Medium in deutscher Sprache je hervorgebracht hat. Ein Gespräch über Kino am Bildschirm, die Drogenszene seiner bayerischen Heimat und ob er als Jugendlicher von dort fliehen wollte.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Schmid, haben Sie Julie Jentsch einen kleinen Schrein gebaut, vor dem Sie abends darum beten, der Herr möge mehr solcher Schauspielerinnen vom Himmel regnen lassen?

Hans-Christian Schmid: Genau so, mit Foto und Rosenkranz. Nee, ernsthaft – Julia ist wirklich toll in dieser Rolle. Aber interessanterweise wurde erst im Verlaufe der Arbeit deutlich, wie sehr sie in ihre Figur hineinwächst. Denn die kommt ja keineswegs nur von mir und dem Drehbuch, sondern ebenso sehr aus ihr selbst heraus.

Macht es Das Verschwinden zu einem Julia-Jentsch-Film?

Sie ist die Hauptfigur der Geschichte, ihr Motor, das emotionale Zentrum, keine Frage. Zugleich aber ist ihre Rolle anfangs gar nicht so dankbar. Seine Tochter zu suchen und immer die gleichen Fragen zu stellen – da gibt es echt spannenderes Spielmaterial. Was im zweiten Teil zwischen den Esslingers Sebastian Blomberg, Nina Kunzendorf und Johanna Ingelfinger abgeht ist daher viel dramatischer. Trotz ihrer permanenten Interaktion mit aller Welt fehlt Julias Michelle nämlich das Gegenüber. Sie agiert oft allein, hat aber sechs Stunden Zeit, daraus etwas zu formen. Und wird im Verlaufe der acht Folgen immer mehr zur Hauptfigur.

Wobei es noch eine andere, ebenso zentrale gibt, oder?

Welche denn?

Den Drehort, dieses diffuse, keinesfalls idyllische Ostbayern am Rande Tschechiens.

Das haben Sie gut beobachtet. Im Kino, wo ich herkomme, spielt die Umgebung dank der großen Leinwand eine ungleich größere Rolle als am kleinen Bildschirm. Umso mehr haben wir uns bemüht, das Gefühl für den Ort des Geschehens ins Fernsehen zu holen.

In diesem Fall eine seltsam düstere Provinz, die nichts mit dem gängiger Fernsehbild davon gemein hat.

Dabei ist sie aber dennoch vielschichtig. Man versucht beim Schreiben zwar nicht alles genau so auszuzirkeln, dass die gesamte Breite der Gesellschaft vorkommt. Aber es entsteht automatisch ein Bewusstsein dafür, Differenz zu erzeugen. Und dafür habe ich gemeinsam mit Bernd Lange vom ersten Treatment bis zur letzten Fassung permanent am Inhalt gefeilt.

Wie zum Beispiel?

Eine Figur wie Laura Wagner kam ursprünglich erst im vierten Teil und ohne Verwandtschaft vor. Jetzt ist sie von Anfang an mitsamt ihrer Familie präsent. Aber nicht, weil da die spießige Vorstadtsippe noch gefehlt hätte, sondern weil es die Figur voranbringt. Sie holt sich von mir, was sie braucht, nicht umgekehrt. Gleiches gilt für den Drehort, also die Provinz. Auch in der gibt es von total runtergerockt bis blitzeblank alles, aber nichts davon erstarrt zum Konzept.

Sie stammen ja selbst aus einer Ecke von Bayern, die dieser nicht unähnlich ist. Rechnet die trostlose Darstellung dieser Gegend auch ein wenig mit Ihrer Vergangenheit ab?

Abrechnen, ich weiß nicht… Da gab es in Was bleibt und Requiem oder auch 23 sicher mehr Bezüge zu meiner Biografie. Andererseits hilft es natürlich beim Verständnis, dass ich 100 Kilometer von dort entfernt aufgewachsen bin. Drogen haben auch im Grenzgebiet zu Österreich eine Rolle gespielt, obwohl es in den Achtzigern nicht Chrystal Meth war. Und ich kenne das Wechselbad der Gefühle – Bleiben oder Gehen, Flucht oder Heimat – nur zu gut.

Wollten Sie denn damals eher flüchten oder bleiben?

Ich fand es in der Kleinstadt nie so ganz dramatisch schlimm, wollte aber unbedingt weg aus Altötting und war auch gleich nach dem Abitur ein Jahr in England. Als ich mit einer Klasse im tschechischen Grenzgebiet gesprochen habe, wollte die eine Hälfte schon woanders studieren, aber irgendwann zurückkehren, während die andere echte Fluchtimpulse hatte. Jugendliche hält erstmal wenig in der Provinz.

Hat der Titel Das Verschwinden so gesehen nicht nur mit dem eines Mädchens zu tun, sondern auch vom Mythos einer heilen Welt jenseits der hektischen Städte?

Das darf man sich gern so vorstellen, aber ehrlich – wie unheil die Welt da draußen ist, vermittelt das Fernsehen doch schon seit Twin Peaks. Wenn man diesen Achtteiler genau dort zeigen würde, wo er entstanden ist, wie wir damals Lichter in Frankfurt an der Oder gezeigt haben, würden viele ihre Heimat vermutlich als viel zu düster kritisieren. Aber der Dienststellenleiter vor Ort, den wir zur Drogenproblematik interviewt haben, würde unserer Interpretation zustimmen. Alles eine Frage der Perspektive – weshalb wir die Geschichte in etwas anderer Konstellation auch in der Großstadt erzählen könnten. Es mag ein pessimistischer Blick sein, aber weniger auf den Ort des Geschehens, als den Bund der Familie.

Wie tief mussten Sie dafür in die reale Meth-Szene eintauchen?

Zum Glück nicht so tief, dass ich es selber nehmen musste (lacht). Aber im Gegensatz zu historischen Filmen wie Sturm, wo es um den Internationalen Strafgerichtshof fürs ehemalige Jugoslawien geht, fühlte sich die Recherche hier fast ein bisschen nebensächlich an. Wir haben alles getan, um Figuren lebendig werden zu lassen. Deshalb waren wir in einer Entzugsklinik, haben mit Drogenfahndern geredet, uns juristisch schlau gemacht. Aber all dies hat in den drei Jahren Vorbereitung keine Entscheidung so beeinflusst, dass wir den Inhalt geändert hätten.

Verfolgen Sie denn generell einen eher lässigen oder akribischen Rechercheansatz?

Weil ich es als Zuschauer überhaupt nicht mag, wenn das, was im Kino oder Fernsehen passiert, unglaubwürdig ist, versuche ich auch als Regisseur so realitätsnah wie möglich zu sein. Schon weil ich vom Dokumentarfilm komme. Ich mag Genauigkeit.

Haben Sie als Filmemacher dabei auch den Impuls, die Menschen irgendwie zu bilden, indem Sie ihnen Dinge zeigen, von denen sie bis dahin nichts oder das Falsche wussten?

Ich hatte einfach immer das Bedürfnis, den Leuten keinen Quatsch zu erzählen. Aber es ist gewiss nicht der Impuls meiner Geschichten, sie pädagogisch zu erziehen. Das wird sich durch das Medium Fernsehen nicht ändern.

Warum hatten Sie bislang eigentlich nur Kino gemacht?

Weil mir nie klar geworden ist, warum ich Fernsehen machen sollte, solange ich Kino finanziert bekomme. Die Freiheiten sind dort ungleich größer und das Seherlebnis sowieso.

Und wieso jetzt doch Fernsehen?

Weil in Bernd Lange und mir über Jahre hinweg der Wunsch gewachsen ist, mal dieses epische Format über sechs Stunden zu probieren. Dank Serien wie Twin Peaks, den Sopranos, aber auch Dominik Grafs Im Angesicht des Verbrechens war uns 2012 klar, wie spannend dieses Medium sein kann, wenn man es anständig nutzt. Kann sein, dass Bernds Erinnerung eine andere ist, aber ich glaube, wir hatten schon vor dem Stoff Lust aufs Fernsehen.

Jetzt wo es fertig ist – waren Sie fürs Fernsehen unfreier? Ist das Seherlebnis geringer?

Nö. Mir hat aber auch niemand je was vorgeschrieben. Es war ein gutes Arbeiten mit gutem Ergebnis.

Und haben Sie jetzt Blut geleckt, ist die Scheu vorm Medium verflogen?

Ach, Scheu hatte ich nie. Und so wie sich das Fernsehen diversifiziert hat, schon gar nicht. Zumal sich dieses Eintauchen in eine Serie wie zuletzt bei Top of the Lake fast so anfühlt wie im Kino, wo man nach anderthalb Stunden ja oft denkt: Was, schon vorbei?! Es mag ein Unterschied sein, ob man für einen Streamingdienst arbeitet oder das Öffentlich-Rechtliche, aber wir haben es so gemacht, wie wir es wollten.

Und das Ergebnis?

Sechs Stunden Kino fürs Fernsehen. Hoffe ich.


Marcus Wiebusch: Befindlichkeit & Wut

Wir sind keine Parolenband

Marcus Wiebusch kommt aus dem Punkrock, ging in den Befindlichkeitspop und findet sich nach einem Solo-Ausflug mit seiner alten Band Kettcar in der Mitte wieder. Fünf Jahre nach dem vierten Album wirkt Ich vs. Wir (Grandhotel van Cleef) nicht nur beschleunigt, sondern viel politischer. Damit findet der Songwriter einen gewohnt lyrischen, oft aber auch beherzten Ausdruck für die Verhältnisse. Ein Gespräch mit dem 49-jährigen Heidelberger über die Wiederbelebung seiner Hamburger Indierock-Band, wie man leise Fuck AfD sagt und was Pop zu Literatur macht.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Das neue Kettcar-Album heißt Ich vs. Wir – wer genau ist wer dabei?

Marcus Wiebusch: „Ich“ ist das Individuum und „Wir“ sind die Gemeinschaft.

Das ist also nicht autobiografisch gemeint, von dir oder der Band?

Überhaupt nicht. Der Titel basiert auf dem Song Wagenburg, wo das Ich und das Wir in verschiedenster Konstellation gegeneinander krachen, da spielen wir mit Ambivalenzen. „Wir sind das Volk“ meint ja – Stichwort Pegida – am Ende „Ich bin das Volk“, das ist eine Ansammlung von Egoisten, die alles für sich wollen und sich dafür unter einem völkischem Begriff sammeln. Da mündet alles in die urpolitische Frage: mit wem will man eigentlich noch was zu tun haben, um ein lebenswertes Miteinander hinzukriegen? Das geht über uns als einzelne Teile der Band Kettcar weit hinaus.

Auch nostalgische Erinnerungen wie „Benzin und Kartoffelchips“ entspringen also vollständig der Fantasie?

Genau, bis auf Den Revolver entsichern, wo ich meinen Kindern ganz am Schluss kurz erkläre, was ein guter Mensch ist, ist alles ausgedacht.

Findet denn der Schlüsselsong Sommer 89, in dem Parallelen zwischen Flucht aus dem Osten damals und Flucht nach Deutschland heute gezogen werde, wenigstens nachrichtliche Bezugspunkte in der Realität?

Das schon. Da bin ich übers reale Ereignis eines Fluchthelfers vor 28 Jahren an der deutsch-ungarischen Grenze gestoßen, von dem die Süddeutsche Zeitung mal berichtet hat. Wobei es ja genau der Clou des Stückes ist, von der aktuellen Flüchtlingssituation zu singen, ohne sie auch nur mit einem Wort zu erwähnen.

Wobei erzählen besser passen würde als singen.

Stimmt. Am Anfang hatten wir da einen ganz normalen Popsong mit Reimschema im Kopf, aber mit der Zeit hat sich das Erzählerische ergeben, bei dem man bis hin zu einer Art Romanstruktur unfassbar frei ist in den Formulierungen, aber auch in der Beschreibung der Umstände. Wenn man jeden Grashalm beschreibt, werden die Leute beim Hören viel tiefer in den Song hineingezogen. Über eine Geschichte lässt sich mein Anliegen, das Politische viel besser transportieren. Juli Zeh hat über Sommer 89 gesagt, er sei wie gute Literatur – die am Ende ja mehr Fragen als Antworten bietet. Eine davon wäre, ob es nicht grundsätzlich ein zutiefst menschlicher Akt ist, Menschen über Zäune zu helfen.

Zumal die andere Seite des Zauns keinesfalls das Paradies ist; du zählst ja neben allem, was die Flüchtlinge dort Gutes erwartet, auch das Schlechte auf…

So wie die Menschen 1989 Immobilien ohne Wert und Hartz4 gekriegt haben, gab es eben auch Kiwis und Wahlrecht. Und heute kommen Flüchtlinge nicht nur für Essen und Obdach, sondern Recht und Ordnung. Man kann an diesem Land viel rumhaten, aber das Grundgesetz ist so schlecht nicht, sofern man es wörtlich nimmt. Es geht um Ambivalenz, das funktioniert viel besser als Fuck AfD zu brüllen.

Aber ihr kommt doch seit jeher eher über die Poesie als Parolen?

Wir sind keine Parolenband, kommen aber diesmal mehr denn je übers Storytelling.

Meinst du denn, damit sind Menschen jenseits eurer Filterblase zu beeindrucken?

Da unsere Popularität bis ins Mainstreampublikum reicht, glaube ich schon. Da werden viele zum ersten Mal mit solchen Gedanken konfrontiert. So gesehen spricht der Song nicht nur meine Leute an, schon weil Jan Böhmermann den millionenfach geteilt hat. Ich singe nicht nur für Eingeweihte.

Mit dem Ziel, den Leuten – auch als studierter Pädogoge – was unterzujubeln?

Unterjubeln nicht, aber ich sehe meine Aufgabe schon auch darin, übers Entertainment Inhalte unter meinen Bedingungen zu vermitteln. Ob ich dabei einen AfD-Wähler vom Gegenteil überzeuge, ist dabei fast ein bisschen egal; mir ist wichtig, eine Haltung, von der ich zutiefst überzeugt bin, kraftvoll zu Gehör zu bringen.

Ist das nicht ein avantgardistischer Ansatz?

Inwiefern avantgardistisch?

Eine erhabene Position, leicht über dem Erkenntnisstand der breiten Masse?

Wenn das die Erhabenheit von The Clash, Dead Kennedys, Rage Against The Machine oder Blumfeld ist, womöglich schon. Ich mache politische Haltung ja nicht als erster zu Musik und wurde in meiner diffusen Sichtweise einst selbst von solchen Bands beeinflusst. Wenn mir das mit heute mit anderen gelänge, wäre das echt schön.

Seid ihr so gesehen zuletzt politischer geworden?

Ja, klar.

War das die logische Folge der Umstände oder einer bewussten Entscheidung?

Das lässt sich schwer differenzieren, aber unser letztes Album von 2012 war emotional ein solcher Tiefpunkt, dass ich erst mal was allein machen musste. Das Solo-Album wurde dann als eher politisch wahrgenommen, was sich als Band jetzt fortsetzt. Wir merken ja, was in diesem Land los ist; da haben gefühlige Texte schlicht nix verloren. Wir wollen keinen Selbstvergewisserungs-HipHop machen, der scheinbar gerade alles andere platt macht. Die Leute sollen merken, dass wir uns der Realität stellen. Und diese Gewissheit wurde mit jedem demokratisch legitimierten Schwachsinn von Trump bis Erdogan, von Brexit bis AfD größer.

Sind Zeiten des Rechtsrucks für einen linken Liedermacher daher gute?

Klingt zynisch, ist aber so. Als wir 2002 sehr befindlichkeitsorientierte Lieder gemacht hatten, mag zwar auch schon vieles scheiße gewesen sein, aber ich habe das da noch nicht so gefühlt. Zumal ich da gerade aus dem sehr politischen Punkrock kam.

Mit But Alive.

Das was Kettcar jetzt macht, ist gerade ein Stück weit alternativlos, aber damals wollte ich echt mal was völlig anderes machen, so wie wir in fünf Jahren vielleicht auch wieder was anderes machen wollen.

Drückt sich diese Rückbesinnung auf den Punk auch musikalisch aus?

Klar, wir sind schneller, robuster, energetischer. Anfangs hatten wir tatsächlich nur Bretter, bis unser Produzent gesagt hat, ey können wir mal kurz weg vom ganzen Geballer? Deshalb ist zum Schluss ein ruhiger Song wie Das Gegenteil der Angst dazugekommen.

Um richtig ruppig zu werden, ist allerdings deine Stimme nicht die richtige oder?

Mein Gesang transportiert nie diese Grundwut eines Zack de la Rocha. Weil ich bei But Alive krass geshoutet habe, musste ich 1999 ja eine Stimmbandoperation über mich ergehen lassen. Seitdem singe ich anders.

Kettcar ist das Ergebnis einer ärztlichen Verordnung?

Nein, nein, nein. Ich habe das, was vorher in mir war, einfach nicht mehr gefühlt und wollte ruhigere Musik machen. Auch auf der letzten But Alive singe ich schon weicher.

Ist denn trotzdem noch genügend Wut in dir über die Verhältnisse?

Schon, aber das ästhetische Konzept jenseits des Punk kickt uns nicht mehr. Wir lieben Popsongs – auch wegen der Möglichkeit, Leute zu erreichen, die du nicht erreichst, wenn du im Sinne von preachingtothealreadyconverted nur für die eigene Blase ballerst. Mit so einen lieblich klingenden Stück wie Mannschaftsaufstellung erreichst du da viel mehr, da sind wir musikalisch sanft, aber textlich klar. Kettcar 2017 ist anders als Kettcar 2002, aber auch als Marcus Wiebusch solo vor drei Jahren.

Nimmst du seither weniger Einfluss auf die Band als früher?

Definitiv, wir gehen viel kommunikativer an Sachen ran als früher, wo ich mehr oder weniger alle Songs allein gestemmt hab. Mittlerweile kommt viel mehr von den anderen, auch weil wir sehr konkrete Gespräche hatten, welchen Boden wir jetzt beackern wollen. Das ist eine ganz andere Band – schon weil die anderen mit ihren Möglichkeiten aufgeholt haben, um ihre Kreativität besser einzubringen. Da hätte ich auch früher schon nichts gegen gehabt, aber es kam halt weniger. Ich bin ein Teamplayer, den Austausch möchte ich  nicht mehr missen.

Also erst mal Band statt solo?

Das möchte ich hier und heute bezeugen.

Das Interview ist vorab beim MusikBlog erschienen

Wanda: Manuel Christoph Poppe

Liebe, Leben und Tod

Wanda, das klang schon auf dem umjubelten Debütalbum Amore, als würde Udo Jürgens in einer Wiener Spelunke besoffen das Leben feiern. Auch auf ihrer dritten Platte Niente kommt der Rotz, das Gefühl, die Bierseligkeit eher aus dem Bauch als dem Gehirn. Verantwortlich dafür ist vor allem Marco Wanda (Foto: Pistenwolf. Manuel Christoph Poppe ist daher wie die restlichen drei Mitglieder vor allem für die Umsetzung von Marco Wandas Arrangements und Texten zuständig. Eine ideale Rollenverteilung, meint der Gitarrist und erzählt auch ein bisschen was über den erstaunlichen Erfolg der österreichischen Popszene in Deutschland.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Manuel, auch bei eurer dritten Platte hat man wieder das Gefühl, Wanda macht Musik für den Moment als gäb’s kein Morgen.

Manuel Christoph Poppe: Also es ist schon mal sehr, sehr schön, wenn du das mit dem Moment aus unserer Musik heraushörst, denn er ist das Wertvollste was wir darin haben. Aber natürlich hoffen und wünschen wir uns in diesen Momenten stets, dass es den Morgen danach trotzdem noch gibt.

Umso mehr wirkt eure Musik wie das, was man gemeinhin Eskapismus nennt. Versteht man eure Lieder als kleine Fluchten aus der schwierigen Wirklichkeit falsch?

Ein bisschen. Unsere Lieder sind vielfach Angebote an andere, über schlechte Phasen in ihrem Leben hinwegzukommen oder es selbst dann zu genießen, wenn es mal nicht so läuft. Aber es stimmt schon politische Parolen oder Wahlempfehlungen findet man in unseren Liedern nicht.

Und aus welchem Grund?

Weil Liebe, Leben und Tod die wesentlichen Themen des Alltags sind, das reicht uns völlig als Handlungsspielraum.

Sind in den Liedern über die Liebe und das Leben dann verborgene Metaebenen und Metaphern enthalten, die die Welt da draußen am Ende doch im Ganzen kommentieren?

Auf jeden Fall. Das Geheimnis ist, den Song so zu gestalten, dass man beim Hören glaubt, er sei für mich geschrieben und handelt gewissermaßen von mir. Das wäre optimal, muss aber nicht sein. Man kann sich bei Wanda auch ganz ohne tieferen Sinn am Klang der Wörter und Noten erfreuen. Wir machen nur Vorschläge.

Sind eure Songs dennoch persönliche Geschichten, die mit euch selbst zu tun haben, oder abstrakte Erzählungen von allem und jedem?

Natürlich fließt in jeden Song etwas Persönliches ein, aber wir liefern jetzt kein Dylaneskes Story-Telling der eigenen Erlebniswelt. Marco ist das, wovon er singt, in der Regel nicht selbst widerfahren. Das Wesentliche an seinen Texten ist eher, ein kollektives Unterbewusstsein zu erwischen. Wir versuchen aus allem, was man so aufschnappt, die Essenz der Gefühle darin zu extrahieren und daraus Geschichten zu machen.

Was hat sich diesbezüglich am Inhalt und dem Sound drum herum seit eurem Debüt Amore verändert?

Die Arrangements sind nicht mehr so rotzig wie damals, also ein bisschen feiner. Es gab da aber keinen Plan, geschweige denn ein schlüssiges Konzept. Unser Prozess ist nach wie vor sehr organisch. Wenn Marco mit der Akustikgitarre kommt und seine Songs vorspielt, hat sich bei allen drei Alben der Rest von alleine ergeben. Der Song weiß schon, was er will; wir müssen da nicht bewusst noch ein paar Streicher oder so beifügen. Und Marco kommt auch nie mit bloßen Songfetzen, sondern fertigen Strukturen – Strophe, Refrain, Melodie, Abläufe. Wir setzen das dann nur noch um.

Fühlt ihr vier anderen euch dann dennoch als gleichberechtigte Mitarbeiter oder doch eher Dienstleister?

Wir sind absolut gleichberechtigt. Es ist ja nicht so, dass Schlagzeug, Gitarre, Bass, Keyboard gern mehr beitragen würden, aber nicht dürfen. Wir sind im Gegenteil froh, einen Songwriter wie Marco zu haben. Die Rollenverteilung ist für uns ideal. Mir reicht die Gitarre völlig aus; da muss ich nicht noch mit ihm die Akkordstruktur diskutieren.

Warum ist das Ergebnis dieses Prozesses auch außerhalb von Österreich so erfolgreich, vor allem in Deutschland?

Wenn man danach sucht, würde man gewiss gute Gründe für den aktuellen Österreich-Hype in Deutschland finden, aber wir wollen da gar nicht so analytisch rangehen.

Und falls doch, ausnahmsweise?

Spielt das transportierte Gefühl aus meiner Sicht die größere Rolle als der Wiener Dialekt mit seinem vermeintlichen Charme.

Der Erfolg deines Landsmanns Voodoo Jürgens könnte also daran liegen, dass sich die notorisch verkopften Deutschen nach dieser völlig unverstellten Bauchigkeit sehnen?

Ich glaube schon. Voodoo Jürgens ist sehr erzählerisch, Nino aus Wien eher prosaisch, Bilderbuch eher spielerisch – so bringt jeder sein Gemüt auf sehr individuelle Art so zum Ausdruck, dass man dem glaubt und zuhören will. Wir machen einfach gute Texte.

Sorgt das bereits für die Existenz einer Art Wiener Popkultur, in der alle miteinander rumhängen wie einst die Hamburger Schule?

Teils schon. Von loser Bekanntschaft bis echter Freundschaft ist alles dabei. Nino aus Wien zum Beispiel ist definitiv ein guter Freund von mir, Voodoo Jürgens kennen wir auch schon seit zehn Jahren, der Ansa Sauermann ist auch ein ganz Lieber, mit dem wir uns gut verstehen. Es gibt schon wertvolle Begegnungen, aber wir sind jetzt nicht als geschlossene Szene aktiv.

Wie weit reicht eure Resonanz – über den deutschsprachigen Raum hinaus?

A bissl. Wir haben mal in Luxemburg gespielt und es gibt immer mal wieder Berichte von Bekannten, die jemanden in London oder so kennen, aber das ist extrem vereinzelt. Aber vielleicht ergibt sich ja was in Italien, größere Ambitionen haben wir nicht.

Eines eurer Bandmitglieder ist gerade erkrankt. Sorgt so etwas dafür, nach drei Jahren Vollgas mal einen Gang zurückzuschalten?

Das würde voraussetzen, an der Sache mit dem Vollgas wäre was dran. Im letzten halben Jahr nämlich war es bei uns ziemlich ruhig, das Album haben wir eigentlich in zwei Wochen eingespielt, es gab eine Tour im März und relativ wenig im Festivalsommer. Es war eher zu wenig zu tun, was bis zur Tour im Frühjahr kaum anders werden dürfte. Bisschen gefährlich.

Inwiefern?

Ach, wenn man Zeit hat und etwas Geld auf der Kante, wird es in einem Beruf, für den man ohnehin nicht ständig früh aufstehen muss, rasch etwas strukturlos. Ich hatte zum Beispiel vor, mehr Sport zu machen, mich besser zu ernähren, mal mit einem Therapeuten über Dinge zu plaudern – hat alles nicht funktioniert, keine Chance. Meine sportlichen Ambitionen sind über die Bettkante nicht hinausgekommen, aus der Ernährung wurden Alibi-Smoothies in der Früh und aus dem Therapeuten eine Putzfrau, immerhin.

Das Interview ist vorab erschienen beim MusikBlog

Martin Brambach: 1 Honecker & 4 Hitlers

Täter als Menschen zeigen

Martin Brambach hat sich zu einem der Stars des deutschen Films entwickelt. Warum, das zeigte er zuletzt am Einheitsfeiertag als Titelfigur der halbrealen Wende-Groteske Willkommen bei den Honeckers (zu sehen noch in der ARD-Medieathek). Ein Gespräch über Witzfiguren in der Tyrannei,  seine Jugend unterm Staatsratsvorsitzenden und wie er mal mit drei Adolf Hitlers im Raum saß.

Von Jan Freitag

Herr Brambach, als man Sie gefragt hat, den fast achtzigjährigen Erich Honecker zu spielen – was ist Ihnen da als Erstes durch den Kopf geschossen?

Martin Brambach: Na welche älteren Kollegen haben denn da bitteschön abgesagt…

Und als Zweites?

Habe ich mich sehr gefreut über diese Aufgabe. Schon weil es so ungewöhnlich ist, eine solch bekannte Figur der Zeitgeschichte in ihrer Ambivalenz, also abseits all der Bilder zu spielen, die man von ihr im Kopf hat. Das war nicht nur wegen des Altersunterschiedes spannend.

Also gar nicht so sehr maskenbildnerisch?

Nee, die kriegen ja mittlerweile fast alles hin. Einen alten Mann dramaturgisch glaubhaft zu machen, den dazu auch noch jeder genau zu kennen glaubt – das ist herausfordernd.

Zumal er Sie selbst die ganze Jugend hindurch als Staats- und Parteichef begleitet hat.

Ich bin 1984 als Siebzehnjähriger in den Westen gekommen, aber bis dahin gab es seit ich denken konnte in der Tat nur Erich Honecker da oben.

Was war denn da ihr persönliches Bild von ihm?

Na ja, als er Mitte der Siebziger Staatsratsvorsitzender wurde, hieß es zunächst mal, jetzt gehe es wirtschaftlich aufwärts, und als ich so mit zehn Jahren kurz darauf bei den Jugendweltfestspielen in Berlin war, dachten Kinder wie wir halt schon, alles sei gut. Nachdem ich begonnen habe, mir eine eigene Meinung zu bilden, wurde er allerdings zügig zur Witzfigur, die man nicht richtig ernst nehmen kann.

Wenngleich eine mit teils tödlicher Wirkung…

Und trotzdem war es für die Beschäftigung mit der Rolle wichtig, ihn als jemanden darzustellen, der an das, was er getan, auch wirklich geglaubt hat. Dieser Dachdecker war ja aus tiefster Überzeugung Antifaschist. Das macht Schießbefehl, Umerziehungslager, den Mauerbau nicht besser, aber plausibler. Umso mehr ist bei mir hängengeblieben, dass in Wandlitz nach der Wende eine Pornosammlung gefunden wurde. Da verbietet er den Leuten unter Androhung des Todes, den dekadenten Westen zu sehen, und deckt sich zuhause mit allem daraus ein? Was für eine Pervertierung seiner eigenen Ideale…

Ist die Interpretation Ihres Film-Honeckers also auch persönlich geprägt?

Absolut, gerade die Worthülsen in dieser Stimmlage – das klingt mir noch im Ohr nach und fließt ins Spiel mit ein. Aber natürlich auch das Uneinsichtige, Starrköpfige am Täter Honecker, der Anfang der Neunziger in einem ARD-Interview zum Schießbefehl meinte, niemand sei zur Flucht gezwungen worden. Dennoch wollte ich ihn mit meiner Darstellung nicht denunzieren.

Wird der Film nach 60 eher ulkigen Minuten, in denen der Reporter seine Reise nach Chile vorbereitet, auch deshalb plötzlich so ernst, als Ihr Erich Honecker auftaucht?

Genau. Wir wollten halt keine Karikatur kreieren, sondern den Menschen, der auf der Zielgerade seines Lebens ebenso betrogen wird, wie er zuvor viele andere betrogen hat. Das macht die Komödie am Ende zur Tragödie.

Besteht dabei nicht die Gefahr, dass beim Publikum Mitleid mit diesem gebrochenen alten Mann übrigbleibt?

Die Frage, ob man solche Täter als Menschen zeigen muss, kam ja schon bei Bruno Ganz als Adolf Hitler im Führerbunker auf. Meine Antwort: Man muss! Es waren ja welche. Wenn mir gelingt, Erich Honecker in dieser Ambivalenz darzustellen, sehe ich das demnach als Kompliment. Andererseits geht es auch um einen Reporter, der für sein Ziel alle ethischen Prinzipien über Bord wirft. Mein Mitleid für die Honeckers hält sich zwar in Grenzen, aber da treffen doch zwei sehr fragwürdige Figuren aufeinander.

Können Sie sich an diesen real existierenden Medienscoop erinnern?

Nein. Und ich habe zuerst auch gar nicht geglaubt, dass die Story wahr ist. Dann hab ich aber sogar den Journalisten von damals getroffen. Irre Geschichte! Ich muss allerdings zu meiner Entschuldigung sagen, bis Ende der Neunzigerjahre in Österreich gelebt zu haben; da war es wohl weniger ein Thema, was ein deutsches Magazin abdruckt. Die Wende ist seltsamerweise ein bisschen an mir vorbeigegangen.

Vielleicht auch, weil Sie von der ganzen Sache DDR die Schnauze voll hatten?

Ich wollte die Phrasenhaftigkeit des Systems damals schon möglichst weit hinter mir lassen. Schließlich hat nicht nur Honecker so geredet, als ginge es selbst beim Altpapiersammeln um die Weltrevolution, sondern jeder Staatsbürgerkundelehrer, FDJ-Funktionär oder Volkspolizist. Mit dem heutigen Abstand jedoch finde ich all dies schon wieder spannend.

Wenn man Sie mit kaum 50 einen Mann spielt, der 30 Jahre älter ist – sind den Möglichkeiten als Schauspieler jetzt eigentlich überhaupt noch Grenzen gesetzt?

Nein, keine mehr (lacht laut). So ein Greis ist körperlich wie inhaltlich eine Riesenherausforderung, die aber auch ungemein Spaß macht. Ein echtes Geschenk. Da bleibt mir glaube ich keine Figur der Zeitgeschichte mehr verschlossen.

Gibt es eine, die Sie sich förmlich wünschen?

Ach, da gibt’s so viele, besonders von den widersprüchlichen. Für Deutsche ist es sicherlich am schwierigsten, Faschisten so zu spielen, dass auch Empathie mit ihnen möglich ist. Deshalb ist das – trotz der Masse an Schauspielern, die es bereits versucht haben – nur in den seltensten Fällen geglückt, Adolf Hitler glaubhaft zu machen. Tobias Moretti war mal in Speer und Er ganz toll darin.

Entfacht es da nicht umso mehr Ihren Ehrgeiz, es selber mal zu versuchen?

Ach nee. Aber immerhin hatte ich mal ein Casting, damals bei diesem Film über Rommel, auf dem seinerzeit noch der Heiner Lauterbach saß. Bei dem Termin waren vier Hitlers in Kostüm und Maske – alle völlig verschieden und ich dabei. Ich hatte also meinen Auftritt.