Daniel Küblböck: Glamour, Trash & Reflexion

Das Bohlen-Thema nervt!

Dass Daniel Küblböck wohl von einem Kreuzfahrtschiff in den Tod gesprungen ist, beendet ein bizarres Showdasein zwischen Bohlen-Spielzeug und Selbstbehauptung, Plastikpop und Schauspielstudium, DSDS und ARD. Ohne ihn persönlich zu kennen, hatte fast jeder ein sehr präzises Bild von der Frohnatur aus Bayern, und selten war es positiv. Wer Daniel Küblböck allerdings persönlich erlebt hat wie ich vor zwei Jahren, als er für die Nachmittagsdokusoap Verrückt nach Fluss – ausgerechnet – auf einem Kreuzfahrtschiff gelandet ist, konnte einen reflexiven Mann von Anfang 30 erleben, der sich seiner Ziele, Fehler, Chancen, Wahrnehmung sehr bewusst war. Hier ist – als eine Art Nachruf – das Interview von damals.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Daniel Küblböck, Sie sind 31 Jahre alt – würden Sie „schon“ oder „erst“ voranstellen?

Daniel Küblböck: (zögert kurz) Ich würde sagen „schon“ 31. Zumal mich viele für älter halten und überrascht sind, dass ich bei DSDS erst 18 war.

Fühlt es sich also 13 Jahre her an oder länger?

Das ist situationsabhängig. Wenn ich wie jetzt grad tief im Schauspielstudium stecke, scheint es eine Ewigkeit her, wenn ich in Ruhe drüber nachdenke wieder nur ein paar Momente. Und in Videos von damals sehe ich eine Naivität, die mir jetzt fremd ist, während die Lebensfreude darin weiter zu mir gehört. Wenn ich nun auf die Bühne will, ist es nicht das Rampenlicht, sondern die Theaterbühne, aber alles was ich heute tue, ist irgendwie von der Zeit geprägt.

Kein Wunder – schließlich haben Sie bereits mit 20 ihre Biografie geschrieben!

Mit 18 sogar, aber ich hatte ja damals auch schon mehr erlebt als viele Gleichaltrige.

Fiele die Betrachtung ihrer Jugend anders aus, wenn Sie sie zehn Jahre später nochmals beschreiben würden?

Das Kapitel vor DSDS wäre bedeutend kürzer, weil es damals noch viel aktueller war und ich mit privaten Rückschlägen jener Zeit heute defensiver umginge. Außerdem wäre der Teil im Verhältnis natürlich kürzer, weil ich zwischendurch wieder viel erlebt habe.

Haben Sie im Rückblick alles richtig gemacht?

Um das bewerten zu können, müssen mindestens nochmals 13 Jahre vergehen.

Anders gefragt: Haben Sie irgendwas bereut?

Bereuen klingt so pathetisch. Natürlich hätte ich manches anders gemacht, aber alles hat dazu beigetragen, was für ein Mensch ich heute bin. Selbst der Gurkenlastunfall ohne Führerschein, von dem vielleicht niemand erfahren hätte, wenn die CSU an dem Tag nicht in der Nähe ihren Parteitag gehabt hätte, gehört halt dazu. Und wenn man bedenkt, dass die Tagesschau darüber berichtet hat, scheint es ja seinen Sinn gehabt zu haben.

Ohne DSDS wären Sie aber vermutlich Erzieher geblieben, statt wie jetzt Schauspieler zu werden oder?

Auf jeden Fall, zuvor war die Bühne keine Option. Aber wie da wir in die Öffentlichkeit geworfen wurden, das war schon gewaltig. Heute kennt man von den Kandidaten sogar während der Shows nicht mal die Namen; damals hatte ich als Drittplatzierter Nr-1-Hits – davon können die heute doch nur träumen. Trotzdem war es kein grader Weg zum Schauspiel. Ich hatte kurz darauf Anfragen, die ich zum Glück ausgeschlagen habe, weil ich nicht vom Fach war. Schauspiel war vorher jedenfalls kein Jugendtraum von mir, ich wollte mit Kindern arbeiten. Aber die DSDS-Bühne hat in mir den Wunsch erzeugt, dieses Handwerk wirklich zu lernen. In zwei Jahren bin ich mit dem Studium fertig, dann müssen wir mal sehen.

Ist die Moderation von Verrückt nach Fluss da Teil deines Weges oder ein Abzweig?

Definitiv Abzweig. Ich musste den Schulleiter fragen, ob ich die Zeit zum Drehen freikriege. Er fragte mich dann, für welchen Sender das sei, und als ich ARD sagte, meinte er okay, solange es nicht RTL ist… Ich selber habe das aber gar nicht als Arbeit empfunden, ehr als Tapetenwechsel, zumal ein Teil dieser Flussfahrt durch meine Heimat führt.

Ansonsten reizt sie die Kamera nicht mehr?

Nein. Obwohl mich an diesem Format überzeugt hat, dass verglichen mit RTL wenig gestellt wird, und man etwas über Geschichte erfährt, zum Beispiel, wie nah vor meiner Haustür der Jugoslawien-Krieg stattgefunden hat.

Wen hat die ARD in Ihnen gebucht – den alten DSDS-Daniel oder den neuen Küblböck?

Tja, wenn ich mir das „Verrückt“ im Titel anschaue, hatten die wohl doch auch das Klischee von mir im Hinterkopf, so rein marketingstrategisch.

Der Sender kündigt Sie als „eine der schrillsten Figuren des jungen Jahrtausends“ an.

Ach, ich habe ja auch mit 31 noch meine schrillen Momente, das stört mich gar nicht groß. Und in Deutschland gilt man halt schon als schrill, wenn man schwer einzuordnen ist.

Besonders, wenn man schwul ist…

Ich bin zwar eher bi, aber es stimmt schon – bei dieser Gleichung schwingt Homophobie mit.

Waren Sie damals in Ihrer schrillen Androgynität wirklich Sie selbst oder ein Konstrukt, das RTL aus Ihnen gemacht hat?

Ich glaube, dass alles, was für eine solche Bühne gemacht wird, mehr oder weniger inszeniert wird. Das ist auf seriösen Sprechbühnen nicht anders. So gesehen war auch ich in Teilen eine Kunstfigur, was ich mit 18 Jahren bestimmt nicht immer gemerkt habe und von RTL ziemlich schamlos ausgenutzt wurde. Aber so funktioniert das Geschäft, ich wär mit jemandem wie mir als Sender wohl nicht anders umgegangen. Sie hätten mal meinen Stylisten erleben sollen, wie froh der war, sich mal an einem wie mir austoben zu dürfen; das war schon auch lustig.

Waren Sie dennoch stets das Subjekt Ihres Handelns oder in gewisser Weise Objekt anderer, um nicht Opfer zu sagen?

Als funktionierende Medienfigur bist du – gerade in dem Alter – immer ein Objekt, gar Opfer. Das beginnt ja schon damit, was alles hineinprojiziert wird, worauf man keinen Einfluss hat. Jedes Bild, das an die Öffentlichkeit gerät, ist manipulierbar. Nehmen Sie die ARD-Doku: Da müsste man nur in der Bildunterschrift „vor dem“ durch „vor seinem“ Schiff ersetzen, schon wäre alles am Foto anders. Jeder will doch sehen, was er will, das macht uns alle zum Objekt.

Sind Sie das heute weniger als früher?

Definitiv!

Haben Sie da zum Abschied noch ein Grußwort an Dieter Bohlen?

Nö. Wir haben uns damals auf einer reinen Geschäftsebene getroffen, von der wir beide profitiert haben. Das Bohlen-Thema nervt.

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Joachim Luger: Hansemann & Lindenstraße

Kunst kommt nach Brot

Nach 1685 Folgen in fast 33 Jahren hat mit Joachim Luger alias Hans Beimer (Foto: WDR/GFF) eines der letzten Gründungsmitglieder die Lindenstraße verlassen. Vorab gab er uns ein Interview über gute Zeiten, schlechte Zeiten in Deutschlands dienstältester Weekly-Soap, wie sein Abschied aussah und was danach noch so kommen kann.

Interview: Jan Freitag

Herr Luger, was genau machen Sie am 2. September gegen zehn vor sieben?

Joachim Luger: Ich werde mich im Funkhaus Köln einfinden, wo die Lindenstraße vor geladenen Gästen läuft, während das WDR-Orchester live die Filmmusik einspielt. Große Leinwand, großer Saal, danach große Party…

… großer Bahnhof!

Ich bin ehrlich gesagt auch ein bisschen überwältigt, welchen Abschied man mir bereitet.

Wie geht es dann um 19.20 Uhr in Ihnen vor, wenn nach 33 Jahren Ihr letzter Schlussakkord erklingt? (Wie fühlen Sie sich dann, müsste es heißen?)

Ganz ruhig, nehme ich an. Wenn überhaupt Anlass zur Wehmut bestanden hätte, dann Ende Mai, als wir die letzte Folge im Kasten hatten. Da ich ab Anfang Juni einen Theatervertrag in Dresden hatte, musste alles sehr schnell gehen. Hans Geissendörfer hielt im Studio eine sehr anrührende Rede, meine Kollegin Irene Fischer hat mir ein wunderbares Abschiedsgeschenk gemacht.

Nämlich?

Sie hat mir ein Theaterstück geschrieben. Aber weil ich unmittelbar danach nach Dresden gefahren wurde, hatte ich gar keine Zeit, um melancholisch zu werden. Das kam dann erst im Juli, als ich bei einigen Nachdrehs nochmals durch die Kulissen lief. Da wurde mir schon bewusst, welch großen Teil meines Lebens die Serie ausmacht.

Können Sie sich noch an deren Debüt erinnern, den 8. Dezember 1985 um 18.40 Uhr?

Genau sogar. Die Premiere habe ich gemeinsam mit allen Kollegen geschaut und in der Serie übrigens für den ersten Cliffhanger gesorgt. Es war nur ein Wort: „Marion!“, zu meiner Filmtochter, die plötzlich blutüberströmt in Flur stand.

War damals denn denkbar, dass Stand heute 1677 Cliffhanger hinzukommen würden?

Absolut nicht! Als Hans Geissendörfer sagte, ich sei für ein Jahr engagiert, könne aber nebenher kein Theater spielen, kam mir schon das sehr, sehr lang vor. Und als der Vertrag verlängert werden sollte, wollte ich schon deshalb nicht abbrechen, weil die Presse uns so verrissen hatte, dass ein Ausstieg nach Flucht ausgesehen hätte. Zumal ich längst den Stempel Hans Beimer weghatte. Ich wurde schon fast von Beginn an auf der Straße mit meinem Filmnamen angeredet.

Und wann kam der Punkt, an dem klar wurde: die Serie hält womöglich ewig?

Ich war eigentlich alle fünf Jahre aufs Neue überrascht, dass es weiterging, und überzeugt, dass nach 30 Jahren endgültig Schluss sein würde. Schwer getäuscht! (lacht).

Die Quoten waren auch nicht mehr so besonders…

Das stimmt, da wird aber mit zweierlei Maß gemessen. Als wir anfingen, gab es nur ARD, ZDF, die Dritten und RTL. Der Kuchen wurde also noch in größere Stücke geschnitten und war Hauptnahrungsmittel für viel mehr Menschen. Mit den Jahren wurden die Stücke dünn und dünner, da ist es logisch, dass wir nicht mehr die Quoten von damals haben.

Hatten Sie persönlich denn je das Gefühl, jetzt sei aber mal Schluss.

Es gab eine Phase Anfang der Neunziger, als ich mit der damaligen Regie künstlerisch und menschlich überhaupt nicht zurechtkam. Ich stand vor die Wahl, deswegen aufzuhören, aber Hans Geissendörfer sagte zu mir: es gibt viele Regisseure, aber nur einen Hans Beimer. Damit war meine Treue besiegelt.

Die allerdings dazu geführt hat, nur noch selten etwas anderes zu spielen…

Ja, aber ich hatte durchaus meine kleinen Fluchten. In Bochum zum Beispiel habe ich schon früh erfolgreich musikalische, komödiantische Kleinkunst gemacht und ab 1999 auch Boulevardtheater in Düsseldorf und Köln – und das mit großem Vergnügen. Bei all den Problemen, die Hans Beimer Woche für Woche hatte, hätte er eigentlich beim Psychiater landen müssen. Da brauchte es schon einen heiteren Ausgleich. Mein erster Vertrag am Lübecker Stadttheater lautete übrigens: jugendlicher Charakterdarsteller und Komiker. Gut, Jugend war passé, aber die Komik nur in Vergessenheit geraten.

Zugleich war er 33 Jahre lang ein Fels in der Brandung des ständig wechselnden Personals, der selbst im Untergang noch die Ruhe bewahrt.

Bis auf kleine Ausrutscher wie ein kurzes Alkoholproblem stand ich fast bis zum Schluss stets fest auf dem Boden der Realität.

Fast?

Na ja, die Parkinson-Erkrankung war eine ziemliche Herausforderung. In einem Film würde einen die Krankheit für 90 Minuten beschränken, in einer Serie für immer. Die schauspielerischen Mittel auf Dauer mimisch, gestisch, sprachlich, auch inhaltlich so zu limitieren, war mir irgendwann zu wenig und im Grunde eine Reduzierung zu viel. Außerdem vollende ich genau einen Monat nach der letzten Folge mein 75. Lebensjahr; da darf man gern ein bisschen kürzer treten, und Hans Beimer ist meiner Meinung nach vielleicht auch auserzählt. Ich gehe im Frieden.

Aber wäre Ihre Schauspielerleben ohne diesen quasi verbeamteten Serienjob mit mehr Bildschirmpräsenz als jede andere Figur nicht vielleicht besser, reichhaltiger verlaufen?

So ein Gedanke kam tatsächlich mal – schon weil ich niemals beim Ergreifen dieses Berufes eine Festanstellung im Sinn hatte. Aber ich hatte mich nun mal entschieden und wusste die Sicherheit als Familienvater auch zu schätzen. Anfangs habe ich noch in anderen Produktionen gespielt, sogar einmal den Täter im Tatort: Blindekuh. Aber die Angebote blieben zusehends aus.

So funktioniert die Branche.

So funktioniert die Branche. Aber während anfangseinige Kollegen leicht die Nase gerümpft haben über solch eine Serienrolle, kamen im Laufe der Jahre immer mehr auf mich zu, ob ich Ihnen nicht zu einer Rolle in der Lindenstraße verhelfen könnte. Das zeigt mir: Kunst kommt nach Brot. Ich bin zufrieden, habe mich zuletzt aber in der Tat häufiger gefragt, was jetzt noch kommen soll. Es wird halt schwieriger, Dinge zu erzählen, die polarisieren.

Es ging ums polarisieren?

Nicht in erster Linie, aber Hans Geissendörfer wollte schon bewusst gegen den Strich bürsten. Als wir Homosexualität, Neonazis, Kindesmisshandlung, Drogensucht, Antiatombewegung zum Teil einer alltäglichen Serie gemacht haben, wurde darüber noch wochenlang heiß diskutiert, und ein Gauweiler hat uns verklagt, weil es in einer Folge hieß, er sei ein Faschist. Heute gibt es in jeder Vorabendserie Aufreger wie diese, vom Internet ganz zu schweigen.

Wobei die Lindenstraße weniger wegen der Skandale von Bedeutung ist, sondern als eine Art Glossar gesellschaftlicher Befindlichkeiten der vergangenen vier Jahrzehnte oder?

Das ist ihr Verdienst, fast ein Alleinstellungsmerkmal. Was nie in der Lindenstraße vorkam, war auch in der Wirklichkeit nicht von Belang. Das hat sie sich bis heute bewahrt.

Ist das gewissermaßen ihre Lebensversicherung?

Ich gebe generell keine Prognosen ab, weil die meist danebenliegen, wie lange es die Lindenstraße noch geben wird. Aber soweit ich gehört habe, steigt die Zuschauerzahl gerade wieder. Guter Zeitpunkt für einen Abschied.

Hat man bei Ihnen eigentlich mal nachgefragt, welchen Sie gern hätten?

Als ich mit Hans und Hana Geissendörfer darüber geredet habe, hatte ich einen sehr konkreten Vorschlag, der teilweise sogar übernommen wurde. Dass ich sterbe, ist ja kein Geheimnis.

Aber in ihren Stiefeln, am besten im Sattel?

Im Gegenteil. Ich wollte heimlich, still und leise verschwinden, typisch Hans Beimer eben.


Dunja Hayali: Politik, Talk & Sportstudio

Schweigen liegt mir einfach nicht

Seit Samstag moderiert Dunja Hayali (Foto: Jana Kay/ZDF) Das Aktuelle Sportstudio, nachdem ihr selbstbetiteltes Talkmagazin zuvor bereits einen festen Sendeplatz gekriegt hat. Und zwischendurch macht sie auch noch das MorgenMagazin und politische Reportagen – die Journalistin ist zusehends unersetzlich im ZDF. Und steht dafür konstant im Shitstorm des Internets. Ein Gespräch in ihrem Kreuzberger Heimatkiez über leichte Fernsehkost, ihre Rauflust, Andersartigkeit am Bildschirm und warum sie im Stadion 90 Minuten lang alle Krisen vergisst.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Hayali, wenn eine Fußballweltmeisterschaft wie in Russland läuft – was bewegt Sie währenddessen mehr: Sport oder Politik?

Dunja Hayali: Also mit Anpfiff jedes Spiels, das ich mir ansehe, bewegt mich für 90 Minuten ausschließlich die Fußball-WM. Dazwischen ist es dann auch wieder der ganze Rest. Ich habe zwar mit der Vergabe nach Russland als Fan, Journalistin und erst recht als Sportreporterin noch immer meine Schwierigkeiten, aber sobald ich als Fan im Fußballfieber vorm Fernseher sitze, sind die zweitrangig.

Sie erwarten also auch vom Kommentator nicht, dass er während des Spiels permanent die politischen Begleitumstände erörtert?

Im Gegenteil. Wenn ich Fußball gucke, will ich Fußball gucken. Abgesehen vom Surfen ist dieser Zeitraum fast der einzige im wachen Zustand, wo ich alle Aufgaben, Probleme, Sorgen, Shitstorms vergessen kann. Wenn Mönchengladbach verliert, bin ich kurz sauer, aber dann ist auch wieder gut. Fußball, ich schmeiß mal virtuell fünf Euro ins Phrasenschwein, ist einfach die schönste Nebensache der Welt.

Und da bleibt dann sogar das Handy kalt?

Ja, es sei denn ich muss dringend ein Tor bejubeln. Wenn Gladbach wie letztes Jahr gegen Bayern gewinnt, poste ich natürlich sofort darüber.

Kann, darf, muss man diese Hingabe als Moderatorin einer bedeutenden Sportsendung ausschalten?

Kommt drauf an, wer mir gegenübersitzt. Aber niemand, der was vom Fußball versteht, fordert von jemandem, der wie ich seit 40 Jahren Fan eines Vereins ist, absolute Neutralität. Der offene Umgang damit ist wichtig. Transparenz. Zudem war ich ja schon mal zehn Jahre lang Sportreporterin; das war für Gladbach kein Vergnügen. Als Journalistin ist man ja erst recht versucht, Distanz zu seinem Lieblingsclub aufzubauen.

Das ist wie die Lehrerin des eigenen Kindes…

Härter noch! Und schließlich mache ich auch bei jeder Wahl brav mein Kreuz, obwohl ich Journalistin bin. Mein Vorteil ist allerdings, dass ich Wechselwählerin bin. Politisch bin ich flexibel, da geht es mir um Inhalte, nicht um die Partei, beim Fußball bin ich dem Verein gegenüber extrem treu.

Ändert es etwas an Ihrem Verhältnis zum Fußball, dass sie nun die zweitwichtigste Sportsendung des deutschen Fernsehens moderieren?

(lacht empört) Zweitwichtigste?! Na ja, dazu kann ich nur das wiederholen, was ich auf solche Fragen im Freundeskreis geantwortet habe: Ich werde genauso sein, wie ich immer bin, immer schon war. Das schönste Kompliment einiger Schulkameraden, die ich grade wiedergetroffen habe, war: du hast dich in 38 Jahren kaum verändert. Voll im Leben, auf dem Boden – diese Authentizität werde ich auch im Aktuellen Sportstudio beibehalten. Worin genau die besteht, kann ich immer dann, wenn mich junge Journalisten danach fragen, gar nicht sagen. Vieles kommt da aus dem Bauch. Von daher werde ich meine Interviews im Sportstudio nicht anders führen als im MoMa.

Dennoch erwartet man von Ihnen als ausgebildete Sportjournalistin, die zwischendurch viele Jahre im politischen Fach gearbeitet hat, doch sicher, dass Sie mehr noch als Ihre Kollegen über den Tellerrand des Sports blicken oder?

Womöglich. Wobei ich bei aller Freude über diesen Schritt nicht daherkomme und das Sportstudio revolutionieren will. Erstens hat es das nicht nötig, zweitens wäre es gegenüber den Kollegen arrogant und vermessen, drittens kann ich ja nicht machen was ich will. Es gibt einen Chef. Es gibt ein Team. Es gibt Richtlinien.

Und wie werden Sie die im Rahmen Ihrer Möglichkeiten individuell prägen?

Mein Anspruch ist jedenfalls nicht, nach dem Schlusspfiff nur abzufragen, wer wie wo warum gewonnen oder verloren hat. Themen wie Rassismus, Ausgrenzung, Korruption, Doping, dreckige Deals spielen allerdings nicht erst jetzt eine Rolle im Sport. Obwohl ich nicht alles auf den Kopf stellen werde, erwartet mein neuer Chef Thomas Fuhrmann – den ich noch als Redaktionsleiter des MoMa kennengelernt habe – die politische Einordnung sportlicher Themen. Nur: das erwartet er auch jetzt schon. Und zwar mehr denn je. Er wollte ein neues Mitglied, idealerweise weiblich, hier bin ich und sehr froh darüber.

Das klingt, als hätten Sie ein langfristiges Ziel erreicht…

Na ja, ich hab Sport studiert, lang darüber berichtet und seit Kindesbeinen Interesse an allem, was mit Bällen gespielt wird. Da war es als Neuling beim ZDF selbstverständlich, das Sportstudio im Blick zu haben. Wenn man dann allerdings zehn Jahre lang nur noch Fan ist, verabschiedet man sich von solchen Kindheitsträumen. Das gehört zum Erwachsenwerden dazu. Umso spannender finde ich es, wie sich die Stränge meiner journalistischen Arbeit nun aufeinander zu bewegen.

Wenn man ihr aktuelles Portfolio mal aufklappt, gibt es da weiterhin das MoMa

Aber reduziert.

Ab August dann die Sportmoderation, zwischendurch einen regelmäßigen Sendeplatz für Ihre Talkshow dunja hayali

„Talk-Magazin“ bitte, auch wenn das kleinlich klingt. Wir wollen den Anteil der Filmbeiträge mit dem der Gespräche mindestens gleichwertig halten. Und auch wichtig: wechselnde Talkrunden, in den wir auch „Entscheider“ mit Bürgern zusammenbringen wollen.

Darüber hinaus machen Sie weiter Berichte, Reportagen, Vorträge – unterscheiden Sie all diese Spielwiesen nach leichter, schwerer, mittlerer Kost?

Nein, allenfalls in aktuelle, relevante, interessante Kost. Und all dies kommt immer auch auf Gesprächspartner und Zielrichtung an. Man kann mit einem Fußballer ebenso gut über Politik reden wie mit einem Politiker über Fußball. Ich denke generell nicht so gern in Kategorien.

Gibt es dennoch Themen, die Sie von der Härte des politischen Tagesgeschäfts entlasten?

Außer meinem Hund? Nein. Davor bewahren mich allein schon die sozialen Netzwerke, in denen jedes beiläufige Wort, jeder noch so belanglose Fehler ausgeschlachtet wird, als hänge das Schicksal der Menschheit davon ab.

Kommen Sie Druck gut zurecht?

Wenn es ein fairer Druck ist, fördert er sogar meine Konzentration. Ich habe ja weder Angst noch falschen Respekt, aber auch keine Abneigung gegenüber dem sogenannten Elfenbeinturm vermeintlicher Eliten – so sehr ich Menschen mit größerer Distanz dazu verstehe. Von daher kenne ich unter Druck zwar eine Grundanspannung, bin aber selten aufgeregt. Im Gegenteil – ich freue mich auf jedes Gespräch, besonders das konfrontative.

Ist das manchmal sogar Rauflust?

Total, aber nur, wenn es um die Sache geht, nicht um den Krawall an sich. Ohne Erkenntnisgewinn ist mir der völlig egal. Streit oberhalb der Gürtellinie macht unglaublich Spaß und der Druck darin treibt mich an.

Als Sie auf dem Höhepunkt der sogenannten Flüchtlingskrise vor drei Jahren selbst ins Kreuzfeuer des Internets geraten sind, haben Sie dieser Zeitung gesagt, Sie nähmen den Druck gern auf sich, wenn andere, womöglich Schwächere so von ihm entlastet werden. Sehen Sie das 300 Shitstorms später genauso?

Wenn es sein muss, stelle ich mich immer noch bereitwillig in jeden dieser Stürme. Und da hilft es sehr, sie zunächst mal möglichst wertfrei als Feedback von Menschen zu betrachten, denen feinere, diskursivere Plattformen zur Meinungsäußerung fehlen. Ich muss dabei allerdings höllisch aufpassen, wessen Mitteilungsbedürfnis durch mich sogar noch bestärkt wird, wenn ich mich etwa auf Facebook in Diskussionen einmische. Manchmal muss man die Leute auch schlicht ignorieren, das musste ich erst mühsam lernen.

Es ist eine Gratwanderung.

Die alle Seiten betrifft. Verbal aufrüsten tun ja nicht nur jene, die mich beschimpfen, sondern auch jene, die mich verteidigen. Wir brauchen da dringend Diskussionsabrüstungsverhandlungen. Wobei auch meine Nerven manchmal blanker liegen als hilfreich. Das ist auch bei mir tagesformabhängig.

Insgesamt neigen Sie aber auch unter Beschuss zur Dialogbereitschaft?

Schon. Zumal mir Zuschreibungen von „besorgte“ über „frustrierte“ bis „abgehängte“ Bürger missfallen. Das sind unzulässige Zuspitzungen ganzer Persönlichkeiten auf einzelne Zustände. Wenn einer den Holocaust leugnet, ist für mich jede Diskursbereitschaft beendet, da gibt es Null Toleranz. Aber über einige Hardcore-Rassisten hinaus verdient jeder, der bei Pegida mitläuft, ein Mindestmaß an objektiver Aufmerksamkeit für sein Anliegen.

Ist kritischer Journalismus, wie Sie ihn betreiben…

… wie wir ihn ja wohl hoffentlich alle betreiben bzw. betreiben wollen!

Ist der nur anstrengender geworden oder auch aufregender?

Beides. Seit der Journalismus in die anhaltende Vertrauens- und Glaubwürdigkeitskrise geraten ist, eröffnen sich für uns alle doch auch enorme Chancen zur Reflexion. All die Diskussionsforen und Rechercheplattformen hätte es ohne diese Entwicklung nie gegeben. Es geht mir nicht darum, Schulterklopfen zu ernten, aber ich kriege auch auf meinen Vorträgen viel positive Resonanz für diese Spiegelung. Andererseits ist unser Job dadurch auch anstrengender geworden. Er besteht ja nicht nur darin, ihn zu erklären, sondern vor allem auch zu machen. Immerhin lernt man dabei jedoch, seine Kräfte neu einzuschätzen und genauer abzuwägen, wie viel Zeit auf Facebook zum Beispiel machbar und sinnvoll ist. Also: Shitstorms und die damit verbundene Ungerechtigkeit sind anstrengend, führen aber zu einer neuen Kommunikation mit denjenigen, für die wir das Ganze machen: Unserer Leser, Zuschauer, User.

Läuft man beim Bedürfnis, es dem Publikum recht zu machen, nicht Gefahr, vor allem das zu thematisieren, was die Leute hören wollen?

Absolut. Wir als Medien müssen aufpassen, diese Diskursverschiebung nicht auch noch anzufachen. Pflegenotstand, Altersarmut, Wohnungsmangel, Verteilungsungerechtigkeit sind mindestens genauso wichtige und teilweise viel akutere Themen als Geflüchtete und Migration, auf die wir unverhältnismäßig viel Zeit und Energie verwenden. Ohne von Schuld reden zu wollen, tragen wir als Medien da eine Mitverantwortung, dieses Thema ungeachtet seiner objektiven Relevanz zuzuspitzen. Der Fall der ermordeten Susanna ist dafür ein besonders einprägsames Beispiel: Sicher haben Behörden, Polizei, der Staat da in gewisser Weise versagt. Aber hätten wir darüber in ähnlicher Form berichtet, wenn der Täter nicht aus dem Irak stammen würde?

Ist es hierzulande mittlerweile auch gefährlich, seiner journalistischen Arbeit nachzugehen?

Ja. Noch nicht wie in der Türkei oder Russland, wo sich die Kollegen ihres Lebens nicht mehr sicher sind. Aber Hatespeech, Vergewaltigungsfantasien, Morddrohungen bis hin zur Veröffentlichung privater Adressen – das sind völlig neue Eskalationsstufen. Mittlerweile bin ich ziemlich abgehärtet, so dass ich Hass-Posts, bei denen anderen die Kinnlade runterklappt, fast gelassen zur Kenntnis nehme. Es gibt aber genügend Beispiele, die mein Leben ungleich komplizierter gemacht haben. Besonders wenn die virtuelle Welt auf meine reale trifft.

Zumal Sie als Frau mit Migrationshintergrund abseits vom heteronormativen Mainstreams an allen Fronten Angriffsflächen bieten…

Vordergrund. Dafür habe ich jetzt mal keine Fakten, sondern nur ein Gefühl, aber es stimmt. Anja Reschke vom NDR kriegt den Hass im Netz als Frau auch doppelt ab. Weil ich wie sie jedoch nicht nur öffentlich-rechtlich arbeite, sondern auch noch anders aussehe, sexuell flexibel bin und tätowiert, kommt da bei mir allerdings schon einiges zusammen.

Verändert es die Arbeitsweise, wenn man sowohl Berichtssubjekt als auch -objekt ist.

Ja. Ich finde es zwar jedes Mal wieder aufs Neue befremdlich, mich auf die andere Seite des Mikrofons zu setzen, statt das Interview zu führen. Aber ich habe hier wie dort das Bedürfnis, dem Grundgesetz und unserem Staatsvertrag genüge zu leisten. Beide tragen mir auf, gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus oder Sexismus, aber für Humanismus, Pluralismus, Rechtstaatlichkeit einzutreten. Das ist mehr als eine Haltung, es ist unser inneres Geländer, wie es Hans Leyendecker gesagt hat. Wenn ich mich an dem nicht festhalten würde, hätte ich gewiss mehr Ruhe und Freizeit, aber es geht hier ums Ganze.

Klingt das fast schon ein wenig Trotz durch?

Nein. Schweigen liegt mir einfach nicht. Und wer wegschaut, macht sich mitschuldig. Es soll ja später niemand sagen, wir hätten es nicht kommen sehen. Und als Journalistin ist mir daran gelegen, ein Gespür für den Mittelweg zu erzeugen. Im öffentlichen Diskurs scheinen derzeit nur Freund oder Feind, Schwarz und Weiß zu existieren, die Grautöne verschwinden ebenso wie die Bereitschaft, andere Meinungen zuzulassen. Ich plädiere da für mehr sowohl-als-auch, statt immer nur entweder-oder. Wir müssen versuchen, auch über polarisierende Themen wie Heimat einen Konsens zu finden.

Und was kann der Journalismus dazu beitragen?

Weil uns Teile der Bevölkerung als Akteur dieser Polarisierung ansehen, wird es durch reine Berichterstattung zusehends schwer, mäßigend Einfluss zu nehmen. Ich versuche das zwar regelmäßig im direkten Gespräch und biete unter anderem Hassmail-Schreibern auch mal an, dass ich sie anrufe; das führt dann manchmal für beide Seiten zu überraschenden Erkenntnissen. Andererseits ist es nicht unsere Aufgabe, den Menschen in diesem Land Wertschätzung zu zeigen oder den Weg zurück in die Mitte zu weisen. Das ist Aufgabe der Politik. Unsere besteht darin, die Welt in ihrer Gesamtheit abzubilden.

Also auch den guten Seiten?

Unbedingt. Wenn wir nur negativ berichten, rücken die Menschen immer weiter von den Medien ab. Bei unseren Zuschauern gibt es ein Bedürfnis nach der Ganzheit und zu der gehört auch, dass wir das Gelungene, das Positive zeigen.

Dann sind Sie ja trotz aller negativen Begleiterscheinungen im Sportstudio bestens aufgehoben, wo im Kern ja die Lebensfreude im Mittelpunkt steht.

Sind Sie eigentlich Fußball-Fan?

Unbedingt sogar.

Welcher Verein?

FC St. Pauli.

(lacht) Na, dann wissen Sie ja, wie viel Leid bei aller Freude im Fußball steckt. Als es mit Gladbach um die Nullerjahre herum ständig abwärts ging, waren das die beschissensten Fußball-Jahre meines Lebens. Das ist natürlich Leiden auf hohem Niveau, aber auch im Sport geht es längst nicht mehr nur um Sieg oder Niederlage, sondern viel Geld, Macht und wie Donald Trumps Sanktionsdrohung für Gegner der WM-Vergabe 2026 an die USA, Kanada und Mexiko zeigt, auch um handfeste Politik. All dies macht meine Aufgabe im Aktuellen Sportstudio gewiss nicht zur reinen Spaßveranstaltung.

Wird eine Frau in dieser Position noch mit anderen Augen betrachtet als Männer oder haben wir diese Stufe der Emanzipation hinter uns gelassen?

Schön wär’s… Sehen Sie sich die Abneigung an, mit der Claudia Neumann zu kämpfen hat.

Die kommentiert allerdings als bislang erste Frau Männer-Fußball. Sie hingegen folgen einer ganzen Reihe von Moderatorinnen.

Das stimmt. Als ich vor 20 Jahren Sportmoderatorin wurde, bekam ich meine Sonderstellung vom Publikum über Kollegen bis hin zu Sportlern noch deutlich zu spüren. Da hat sich spätestens mit Monica Lierhaus viel geändert. Sky hat hervorragende Sportreporterinnen, Jessy Wellmer macht das großartig Dennoch scheinen Frauen in diesem Genre immer noch als Fremdkörper wahrgenommen zu werden. En Fehler und die Nation dreht hohl.

Werden Sie das im Sportstudio inhaltlich oder ästhetisch kommentieren?

Auf keinem Fall. Wenn ich versuchen würde, da Bedürfnisse zu befriedigen oder konterkarieren, würde ich durchdrehen. Das Feedback ein paar enger Vertrauter wie meine Schwester oder zwei, drei enge Kollegen ist mir wichtig. Ansonsten agiere ich weiter aus dem Bauch heraus. Vielleicht falle ich damit irgendwann mal auf die Schnauze, aber bislang ist es gut gegangen.

Verzweifeln Sie als Journalistin, die auf fast allen Ebenen an vorderster Front mitkriegt, wie viel schief läuft, nicht manchmal an der Welt?

Klar, auch ich schlage abends manchmal die Hände vors Gesicht und denke, hier fährt gerade alles gegen die Wand. Aber dann stehe ich am nächsten Morgen im MoMa und spüre: genau darüber zu berichten ist mein Job, und  ich will nichts anderes machen. Und Niederlagen gehören zum Leben; man muss halt, noch fünf Euro ins Phrasenschwein, einmal mehr aufstehen als hinfallen.

Eine kürzere Version des Textes ist vorab im journalist erschienen

Zum Tod vom Tatort-Erfinder Gunther Witte

Alles. Und nichts!

Die Kommissare kennt jeder, ihre Regisseure schon seltener, Autoren fast niemand mehr – wer weiß da schon von Gunther Witte? Dabei war er es, der 1970 den Tatort erfunden hat. Vor ein paar Tagen ist der damalige WDR-Fernsehspielchef nun im Alter von 82 Jahren gestorben. Aus diesem Anlass dokumentieren wir hier ein Interview, das der TV-Pionier zum 1000. Tatort gegeben hatte.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Witte, wie groß haben Sie am 29. November 1970 die Wahrscheinlichkeit eingeschätzt, dass der Tatort seinen Erfinder überleben wird?

Gunther Witte: Null Prozent; so langfristig hat man seinerzeit selten gedacht. Und wir wussten auch nicht, dass die Laufzeit eines solchen Projekts von der jährlichen Zustimmung der Direktorenkonferenz abhing. Da war keineswegs absehbar, wie begeistert die Direktoren von unserem Tatort sein würden. Also haben wir zwar von der Langfristigkeit geträumt – aber nicht mit ihr gerechnet.

Und andere – die Zuschauer etwa oder das Feuilleton?

Auch das war eine völlig offene Frage. Ich erinnere mich da noch gut an die Pressekonferenz vor der Ausstrahlung von Taxi nach Leipzig. Von den paar Journalisten, die sich dorthin verlaufen hatten, fragte einer leicht gelangweilt, wie lang denn dieser Tatort überhaupt gesendet werden solle. Da meinte Horst Jaedicke, damals Programmdirektor des SDR, in seiner schwäbischen Gelassenheit: „So zwei Jahre hätten wir uns schon vorgestellt.“

Hat das Fernsehen damals generell nicht langfristig gedacht?

Das schon; aber wir wussten nicht, wie sich das Format durchsetzen würde. Die unterschiedliche Rolle des Kommissars war unbestritten. Aber die Verbindung von Krimi und sozialkritischem Thema, die im Tatort auch stattfinden sollte, musste sich noch bewähren. Auch waren an dieser Variante nicht alle Sender besonders interessiert. Besonders wichtig aber war die Regionalität, die den einzelnen Ermittlern und ihren Geschichten ihr besonderes Gesicht gab, was auch den Charakter der einzelnen ARD-Sender ausdrücken konnte.

Damals standen die sich zwar zeitgenössisch in Blöcken gegenüber – weit rechts der Bayerische Rundfunk, angeblich rot der WDR, dazwischen ein sozialdemokratisch geprägter NDR.

Und heute?

Sind die Unterschiede nicht mehr so ideologisch, aber keineswegs verschwunden.

Alles andere hätte mich auch gewundert (lacht). Ich musste also versuchen, die alle an einen Strang zu kriegen. Und das ging nur mit landestypischen Storys ortsbezogener Kommissare – schon um dem Wesen der ARD als Verbund endlich mal Genüge zu leisten.

Und die noch relativ junge Republik bekam gleich noch die Chance, sich nach der Vereinheitlichung durch die Nazis und im Osten die DDR als vielfältig zu zeigen oder?

In der Tat! Das hat den Erfolg des Formats mit ausgemacht. Dennoch war zunächst ungeklärt, ob die Menschen ein Konzept mit neun Kommissaren verschiedener regionaler Prägung annehmen. Aber es gab praktisch nie eine ernstzunehmende Stimme, die sich darüber beschwert hätte. Von daher ist die Debatte, ob es wirklich noch einen und noch einen Ermittler aus einer noch kleineren Stadt geben muss, eine des Feuilletons. Die Zuschauer freuen sich über jeden neuen Kommissar.

Sehen Sie das als Ihr Verdienst an?

Na ja, der Verdienst meines Anschubs des Projekts. Ich war damals zwar ein bisschen verwirrt, dass Günter Rohrbach ausgerechnet mich gebeten hat, eine Krimiserie zu konzipieren, aber es lag wohl auch an meiner Beteiligung bei den Durbridge-Krimis.

Das Halstuch, legendär.

Aber im Rückblick grauenvoll: langatmig, überall diese Pappkulissen, künstliche Atmosphäre, furchtbar! Verglichen damit wollten wir einfach realistischer sein. Jeder Fall sollte sich theoretisch genauso auch in der Wirklichkeit abspielen können. Und der Erfinder von Kommissar Trimmel, Friedrich Werremeier, war halt auch vorher schon ein gesellschaftskritischer Autor. Taxi nach Leipzig war zunächst gar nicht als Tatort, sondern als gewöhnlicher Krimi konzipiert; der wurde dann einfach ins Programm geworfen und alle anderen kamen hinterher.

Sind Sie stolz auf das, was aus Ihrer Erfindung geworden ist?

Und wie! Es gibt bei aller Bescheidenheit sogar Momente, in denen ich mir sage: Wenn ich nicht gewesen wär, würde es das alles heute gar nicht geben. Und der ARD ginge es gewiss auch nicht besser.

Was hat sich aus Ihrer Sicht vom ersten bis zum 1000. Fall grundlegend verändert?

Alles. Und nichts. So wie sich die Realität da draußen verändert, verändert sich natürlich auch die filmische. Weil der Tatort aber zugleich sein Wesen bewahrt, kann man sich alle 1000 Folgen hintereinander ansehen und hätte eine Sozial- und Kulturgeschichte dieses Landes en bloc.

Und was hat sich – abgesehen vom Vorspann – nicht verändert?

Das Gewicht des Kommissars, die Einbindung seines Privatlebens, keine Reduzierung auf den Fall zulasten der Ermittler. Der Tatort wurde bis heute nicht künstlich modernisiert.

Dennoch gibt es nun Split-Screens, Ulk-Teams, verdeckte Ermittler und Till Schweiger.

Aber das Format ist schon lange stark genug, all dies aufzunehmen und einzubinden.

Schauen Sie regelmäßig zu?

Bei den Erstausstrahlungen gehe ich recht oft ins Theater oder in die Oper, aber es gibt ja die Mediathek, und so behalte ich schon den Überblick.

Gibt es etwas, dass Sie heute am Tatort wirklich stört?

Ach, spätestens seit dem großartigen Tatort Im Schmerz geboren mit Ulrich Tukur habe ich den letzten Widerstand gegen „Regelabweichungen“ aufgegeben und gemerkt: Der Tatort schafft das, er wächst daran.

Haben Sie nach fast 50 Jahren einen Lieblingsermittler?

Ganz eindeutig der Götz mit seinem Schimanski. Das war der erste, der wirklich außergewöhnlich war und gegen den Strom schwamm.

Die Tatorte wurden mit der Zeit immer teurer. Eine durchschnittliche Folge kostet heute um die 1,6 Millionen Euro. Wie war es zu Ihrer Zeit?

Ich erinnere mich daran, dass die Fälle mit Oberzollinspektor Kressin schon mal 700.000 D-Mark kosten durften. Das lag aber nicht deutlich über dem Budget anderer Filme, im Gegenteil. Aber das notwendige Geld stand zur Verfügung.

Gibt es einen Fall, der Ihnen immer im Gedächtnis bleiben wird?

Mehrere. Den Moltke mit Götz George von 1988 etwa, toller Film. Und natürlich Reifezeugnis mit Nastassja Kinski.

Regie Wolfgang Petersen.

Sehen Sie! Diese zwei Folgen gehören für mich wirklich zur Spitze des Formats.


Interview-Classic: Christiane Hörbigers 80.

Kitsch kann furchtbar schön sein

Kaum eine Schauspielerin hat in ihrer Karriere so viel, vor allem so viel Verschiedenes gespielt wie Christiane Hörbiger (Foto: Mona Film/Petro Domenigg). Von Ulk bis Tragik, von Schmonzette bis Weltkino war nahezu alles dabei. Jetzt wird die Wienerin 80 Jahre alt und dreht noch immer Filme wie den ZDF-Thriller Die Muse des Mörders am 8. Oktober. Zum Geburtstag zeigen die freitagsmedien hier ein Interview zum 75. vor fünf Jahren.

Interview: Jan Freitag

Frau Hörbiger, es ist immer etwas uncharmant, mit älteren Menschen über das Alter zu sprechen…

Christiane Hörbiger: Da haben Sie nicht Unrecht, aber weil es in diesem Film ums Altern und seine Konsequenzen geht, darf es notgedrungen auch gerne bei mir mal darum gehen.

Wie würde sich ein charmanter Wiener aus Ihrer Heimat an dieses Thema herantasten?

Ach, direkt. Schließlich habe ich das Publikum nie mit meinem Alter belogen. Das wäre ja nun wirklich ungleich peinlicher als 75 zu werden.

Spüren Sie wenige Tage davon entfernt, dass der Kopf manchmal hakt, wenn auch nicht so wie bei Ihrer Charlotte?

Gott sei Dank nicht. Ehrlich: ich hatte auch bei meinem vorigen Film trotz unzähliger Szenen nicht einen einzigen Hänger.

Bleibt diese Rolle als Alzheimer-Patientin, die nach und nach ihren Geist verliert, vollends abstrakt.

Das bleibt sie nicht. Ich konnte mir diese Krankheit schon vor Drehbeginn lebhaft vorstellen. Das ist allerdings auch dem genialen Drehbuch von Thorsten Näther geschuldet, der fast jede Bewegung, jede Pause, jeden Aspekt minutiös vorgeschrieben und somit fühlbar gemacht hat. Mich in diese Figur hineinzuversetzen, fiel mir also leicht, hat aber auch etwas damit zu tun, dennoch souverän über dem Text zu stehen und in die unbeschreiblichen Tiefen dieser Person vorzudringen.

Wie tief genau war das – sind Sie am Ende diese Figur?

Dement meinen Sie?

Frau Hörbiger…

(lacht). Also ich komme ihr äußerlich wie innerlich schon recht nah, nehme sie aber nicht mit aufs Hotelzimmer. Im Gegenteil – ich bin immer froh, nach dem Abschminken, erschöpft und müde, aber privat zu sein. Vielleicht denke vielleicht ich nach Drehschluss gelegentlich noch darüber nach, was ich hätte anders machen können, aber das ist rein beruflich. Dieses an sich Heranlassen passiert Laien, keinen Profis.

Ist Ihnen also früher in Ihrer Karriere eher widerfahren?

Durchaus, aber das ist länger her. Andererseits ertappe ich mich heute durchaus dabei, meinem Mann nach dem Einstudieren einer eifersüchtigen Ehefrau etwas misstrauisch gegenüberzutreten.

Zum Jubiläum sind Sie nun in grundverschiedenen Stoffen zu sehen: einem harten über Verfall und Tod, einem weichen über Neubeginn und Liebe. Was spielen Sie trotz aller Distanz lieber?

Ich spiele selbstverständlich das Positive lieber, die heitere Welle, alles wunderbar, alles herrlich. Wohlgemerkt: Spiele! Aber gehaltvoller ist ohne Frage Stiller Abschied, weil der uns irgendwie alle berührt, weil jeder Angst vor dieser Krankheit hat oder Betroffene kennt. Im Gegensatz zur Liebesgeschichte ist das die interessantere, allgemeingültigere, konfrontativere.

Auch erschöpfendere?

Natürlich! Diese Unberechenbarkeit, die Verhaltenssprünge waren extrem anstrengend.

Wie haben Sie sich darauf vorbereitet?

Durch drei Fälle, die mir ein Münchner Arzt vorgeführt hat. Eine leichte, eine mittlere, eine schwere Erkrankung. Der leichte Fall hat mir erzählt, wie sie plötzlich die Autobahnausfahrt zu einem Ort verpasst hat, den sie nicht mehr erkannte, so dass sie ihren Sohn anrufen musste. Oder wie schwer es ihr fiel, von 20 rückwärts zu zählen. Der mittlere Fall wirkte eher wie eine schwere Depression. Und der schwere war offenbar so furchtbar, dass ich ihn auf Geheiß der Verwandten nicht getroffen habe.

Bereiten Sie sich auf Ihre Rollen immer so intensiv in der Wirklichkeit vor?

Nicht immer. Manchmal höre ich auch nur in mich selbst hinein: wo meine eigenen schlechten Eigenschaften liegen zum Beispiel, etwa, dass ich früher zuhause vor einer Premiere oft unausstehlich war. Mein verstorbener Mann sagte dann immer, er gehe mal lieber aus der Schusslinie. Dieses verdrängte Böse in mir versuche ich für manche Rolle nutzbar zu machen, denn ich muss da wirklich schrecklich gewesen sein.

Reizbar?

Und nervös. So sehr, dass ich meinen kleinen Sohn angefahren habe, wenn er beim Abfragen vom Einmaleins die Zwölfer nicht mehr konnte. In solchen Momenten habe ich die Verkäuferin im Kaufhaus beneidet, die parterre Parfüm anbieten, ein Beruf, in dem man keine Furcht vorm eigenen Verhalten haben muss und die Rollläden nach Feierabend einfach runterlässt.

Steckt darin auch die Sehnsucht nach dem einfachen Leben?

Allerdings. Aber wenn die Premiere dann geschafft ist, steht ja der Himmel wieder offen und alles ist so gut wie nach einem gelungenen Film.

Haben Sie eigentlich die Interpretation eines Alzheimer-Patienten von Ihrem Landsmann Klaus Maria Brandauer in Die Auslöschung gesehen?

Natürlich.

Hat sie das inspiriert?

Nein, denn das ist eine Liebesgeschichte, also ein völlig anderer Film als unserer. Wunderbar gespielt, aber fast noch eindrücklicher fand ich zudem Götz George als alzheimerkranker Busfahrer, der ständig die falschen Stationen anfährt. Grandios, auch sein Sohn, Klaus J. Behrendt. Stiller Abschied widmet der Familie ebenfalls den nötigen Raum, dieses Ignorieren, die Ausreden. Das wirft weit mehr die Frage auf, wer an der Krankheit eigentlich mehr leidet, in welche Grenzbereiche beide Seiten dadurch geraten.

Ihre letzten Rollen dringen ebenfalls zusehends in Grenzbereiche vor: Alkoholsucht, Sex im Alter, jetzt Alzheimer. Suchen Sie sich diese Themen ganz gezielt?

Nein, aber es folgt meinem Wunsch, dass eines schönen Tages etwas übrig bleibt von mir, dass mich die Zuschauer nach meinem Tod vor allem mit wesentlichen Themen in Verbindung bringen und vielleicht nach dem dritten Cognac ihrer Mutter sagen, Mutti, erinnere dich mal an diesen Film mit der Hörbiger. Da bin ich meinem Produzenten Trebitsch sehr dankbar, mich an solche Themen herangeführt zu haben. Und das ist mal wirklich ein Segen des Alters, dies erkannt zu haben, wie wertvoll diese Stoffe sind – selbst wenn die Quote dabei geringer bleibt als mit leichteren Themen.

Welcher Ihrer Filme, welcher Schaffensperiode, welche Rolle wird von Ihnen dann am meisten erinnerlich bleiben?

Ich bin der ARD sehr dankbar, in einer Woche zwei vollständig verschiedene Neuproduktionen mit mir zu bringen, die eher meine Bandbreite als meine Paraderolle zeigen. Ein einzelner Film fällt mir da nicht ein.

Schtonk vielleicht?

Ah ja, da sagen sie was. Es wäre schön, wenn etwas von mir bleibt wie dieser große deutsche Filmerfolg, der nahe am Oscar vorbeigeschrammt ist. Im Kino bleibt es leider Gottes wohl doch eher Hotzenplotz und bei den Fernsehspielen diese Kette sozialkritischer Stücke. Da hat der Thorsten Näther nächstes Jahr wieder was mit mir vor, dann zum Thema Altersarmut.

Puh…

Ja, puh. Das ist dann wirklich langsam so viel Schwermut, dass ich fast hoffe, noch mal eine Prinzessinnenrolle zu kriegen. So eine Putzfrau, die den George Clooney kriegt.

Wie stehen da die Chancen?

(lacht) Wenn er selber mitspielen soll, eher gering. Leider. Kitsch kann furchtbar schön sein.


Stella Sommer: Die Heiterkeit & Happiness

Songwriting ist immer einsam

Eigentlich ist Stella Sommer Kopf und Stimme der Hamburger Indie-Band Die Heiterkeit. Nach drei Platten hat sie nun jedoch ein Solo-Album aufgenommen. Wobei der Titel 13 Kinds of Hapiness trügt. Die 13 Tracks klingen getragen, melodramatisch, orchestral, also ganz anders als der ironische Diskurspop ihres Hauptprojekts. Ein Gespräch (vorab erschienen auf MusikBlog) mit der Alleskönnerin über autobiografische Lieder, englische Texte, künstlerische Inspirationsquellen und warum ihr Glück mit der Einsamkeit verwandt ist.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Stella Sommer, wenn man den Sound und die Texte von 13 Kinds of Hapiness mit dem vergleicht, was Die Heiterkeit macht, wirkt dein Soloalbum melodramatisch, manchmal fast pathetisch. Woher kommt diese Stimmungslage so plötzlich?

Stella Sommer: Ach, das ist gar nicht so plötzlich. Auf dem letzten Album der Heiterkeit gab es auch schon Stücke wie Die Kälte, die womöglich ins Melodramatische gehen. Wobei ich den Begriff sowieso ein bisschen komisch finde…

Nennen wir es Getragenheit. Kennzeichnet sie das Gegenteil jener unterkühlten Lässigkeit, mit der Die Heiterkeit sonst spielt?

Ich finde, die Stimmung dieses Albums rührt viel stärker als sonst von der Instrumentierung her. Bei der Heiterkeit hab ich schließlich immer nur Gitarre in einer klassischen Indieband-Konstellation gespielt. Jetzt ist alles ein bisschen größer, orchestraler. Durchs Klavier oder die Orgel nehme ich mir definitiv Freiräume, die auch emotional spürbar sind.

Sind mit dem Titel denn tatsächlich 13 verschiedene Glückszustände gemeint?

Der Ansatz war eigentlich eine Sammlung von Kurzgeschichten, die ich mal gelesen habe. Ich fand diese Eleven Kinds of Loneliness zwar ein bisschen langweilig, aber die Idee dahinter, elf Erzählungen über die Einsamkeit zu schreiben, ganz gut. Deshalb habe ich das aufs Glück übertragen. Von Einsamkeit ist das schließlich gar nicht unbedingt weit entfernt.

Wird diese Verwandtschaft dadurch zum Ausdruck gebracht, dass du vermeintliche Glücksgefühle mit derart getragenem Sound verknüpfst?

Ganz genau. Ich spreche ja schon im Titelstück abwechselnd von 13 Kinds of Hapiness und Loneliness. Die Musik dazu soll zum Ausdruck bringen, wie austauschbar beide Begriffe oft sind.

Ist diese Austauschbarkeit autobiografisch geprägt?

Autobiografisch ist die Platte vor allem in dem Sinne, dass ich die Stücke über einen sehr langen Zeitraum angesammelt habe. Einige davon sind sicher zehn Jahre alt, stammen also aus einer völlig anderen Lebensphase von mir. Abgesehen davon, dass Liedtexte eigentlich immer auch ein wenig vom Texter erzählen, würde ich mich aus meiner Sicht viel zu angreifbar machen, wenn darin alles von mir und meinem Innersten handelt.

Ein vertontes Tagebuch ist das Album also nicht?

Nein, so weit will ich die Musik nicht an mich und das Publikum heranlassen. Es geht inhaltlich auch gar nicht um so persönliche Sachen. Die Stücke sind einfach Ergebnisse verschiedener Skizzen um Themen wie Einsamkeit oder Glück. Es gibt da noch viel mehr unveröffentlichtes Material von mir, aber der Rest passt bislang nicht richtig zueinander.

War denn beim Entstehen der ersten Stücke noch vor der Gründung von Die Heiterkeit absehbar, dass sie irgendwann mal Teil eines Konzeptalbums werden?

Eher nicht. Damals war ich ja noch nie im Studio, weshalb das Plattenmachen noch sehr weit entfernt war. Die Idee einer Band war seinerzeit zwar durchaus präsent, aber ziemlich schwer zu greifen. Ich habe mit elf oder zwölf angefangen, Lieder zu schreiben – damals noch überwiegend auf Englisch, weil ich damals halt viel britischen Folk gehört hatte. Erst, als ich mit 20 nach Hamburg gezogen bin, fiel mir auf, dass man Indie auch Deutsch singen kann, hatte aber dieses Arsenal von Texten in englischer Sprache – sehr schlechtem Englisch allerdings.

Und jetzt hat es sich so weit verbessert, dass es an die Öffentlichkeit darf?

Als ich an die Platte herangegangen bin, habe ich es eher als große Herausforderung empfunden, die Bruchstücke und Refrains auszuarbeiten und zu vervollständigen. Im Deutschen kenne ich mich gut aus, da bin ich zuhause. Sich eine andere Sprache anzueignen wie die eigene, ohne sich dabei lächerlich zu machen, das fand ich interessant und spannend. Letztlich war es dann aber gar nicht so großartig anders, nicht auf Deutsch zu schreiben.

Du hast nicht das Gefühl, verkünstelt zu klingen?

Also ich bin ganz zufrieden.

Gab es Momente, in denen du mit Deutsch weiter gekommen wärst, weil du dich nicht adäquat ausdrücken konntest?

Eigentlich nicht. Beide Sprachen sind in meinem Alltag so präsent, dass ich gar nicht groß differenziere. Bei Filmen zum Beispiel weiß ich hinterher oft nicht, ob ich sie im Original oder übersetzt gesehen habe. Ich hoffe, das überträgt sich auch auf meinen Gesang.

Ist es Zufall, dass der ein wenig an Andy Warhols Muse Nico erinnert?

Unterbewusst vielleicht. Als die Stücke entstanden sind, habe ich viel Musik aus den Sechzigerjahren wie Marianne Faithfull oder die Stones gehört. Es gibt aber auch andere Inspirationsquellen wie Nick Cave oder Tocotronic.

Inspirationsquellen oder schon Vorbilder?

Wo genau ist da der Unterschied?

An Vorbildern orientiert man sich, Inspirationsquellen macht man sich nutzbar.

Dann eher letzteres. Ich habe sie quasi ausgenutzt [lacht].

Und die Instrumente hast du alle selbst eingespielt?

Philipp spielt wie bei der Heiterkeit Schlagzeug, der Bass kommt teilweise von Pogo McCartney und ein Freund von ihm hat eine Gitarrenlinie beigesteuert. Ansonsten kommt alles von mir, ja.

Wenn du so viel Unterstützung hast – warum heißt es dann Solo-Album?

Weil ich alles alleine arrangiert und vorproduziert habe und es irgendwie lächerlich gefunden hätte, jetzt noch eine Band aufzumachen. Ich wollte mich nicht wieder abhängig machen von Leuten, bei denen unklar ist, ob sie nach der Platte wieder aussteigen. Als Stella Sommer hab ich alle Freiheiten und muss keine Kompromisse machen. Aber auch Die Heiterkeit weiß gar nicht so ganz genau, ob es überhaupt eine Band ist beziehungsweise was das überhaupt sein soll – eine Band. Vielleicht sind wir ein projektbezogenes Kollektiv.

Das es weiterhin gibt?

Ja, grad letzte Woche hab ich ein Album fertig gemacht, das im Grunde seit einem Jahr rumliegt.

Kommt man nicht durcheinander, wenn zwei Projekte nebenher laufen?

Nein, das geht. Es ist ja nicht zeitgleich passiert.

Was unterscheidet Die Heiterkeit musikalisch von Stelle Sommer solo?

Allein bin ich folkiger, zeitloser, vielleicht auch klassischer, nostalgischer. Ich finde es sehr angenehm, dem Band-Zusammenhang zu entkommen und jeden Song in jede Richtung zu denken, weil nicht alle Mitglieder beschäftigt sein müssen. Im Proberaum alles alleine gemacht zu haben, war schon eine neue Erfahrung. Aber Songwriting ist immer einsam.

Bist du trotzdem Teamplayer?

Doch. Schon. Aber ich habe es in 20 Jahren noch nie anders versucht.


Jason Priestley: Beverly Hills & Private Eyes

Ich habe immer gearbeitet

Jason Priestleys Glück ist zugleich sein Problem: Die Hauptrolle in der 90er-Legende Beverly Hills, 90201 hat ihn zwar weltberühmt gemacht, aber auch langfristig auf den braven Sunnyboy festgelegt. Beim Privatsender 13th Street kehrt der 48-Jährige nun als Privatdetektiv in Private Eyes zurück. Ein Gespräch über seine Anfänge im Meer vor Vancouver, Ähnlichkeiten seiner Charaktere und ob er je als Brandon nach Beverly Hills zurückkehrt.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Jason Priestley, können Sie sich noch an ihren ersten Auftritt vor der Kamera erinnern?

Jason Priestley: Oh Boy, das ist lange her. Mehr als 40 Jahre, ich war damals noch ein kleines Kind und habe nach meinem Einstieg eigentlich nie aufgehört, zu drehen.

Wirklich? Hierzulande empfinden viele Ihren Auftritt als Privatdetektiv in Private Eyes sicher als Comeback…

Das ist es absolut nicht, ich habe immer gearbeitet. Und das im Gegenteil sogar immer und immer mehr. Deshalb ist vielleicht schwierig, sich an alles zu erinnern, was am Anfang passiert ist.

War es den zunächst Werbung, Fernsehen oder Kino?

Kann sein, dass ich zuvor schon mal einen Werbeclip gedreht habe, aber mein erster richtiger Auftritt als Schauspieler war in einem Drama, ganz ernster, schwerer Stoff. Und wahnsinnig anstrengend zu drehen. Ich musste im strengen Winter von Vancouver – und die Winter von Vancouver sind sehr streng – in den Ozean steigen und so tun, als würde ich ertrinken. Diese Kälte, die damals trotz dickem Badeanzug meine Wirbelsäule runterkroch, werde ich nie vergessen.

Ist es trotzdem eine gute Erinnerung?

Absolut. Aber wenn ich zurückblicke, kann ich mich eigentlich nur an gute Momente erinnern. Die schlechten habe ich wahrscheinlich frühzeitig verdrängt. Als Kind ist allerdings ohnehin immer alles aufregend, was man mit Erwachsenen machen darf.

Wollten Sie da schon Schauspieler sein oder war es noch eher Spielerei als Spielen?

Na ja, es hat mir gut gefallen und großen Spaß gemacht, sonst hätte ich damit ja nicht weitergemacht. Aber mich hat niemand dazu gedrängt, ein Schauspieler zu sein, geschweige denn dazu gezwungen. Es war meine eigene Entscheidung. Und als ich meiner Mutter sagte, einer werden zu wollen, hat sie sich sofort um einen Agenten gekümmert, der mich mit Vorsprechen versorgt hat und kleineren Jobs. In den 70ern hatte Vancouver eine wirklich kleine Filmindustrie, da war es schwer, Fuß zu fassen. Aber ich bin quasi mit ihr gewachsen und deshalb gut vorbereitet nach Los Angeles gegangen.

Wenn Sie jetzt auf diese fast 40 Jahre im Business zurückblicken – sind Sie genau da, wo Sie es sich beim ersten konkreten Plan vorgestellt hatten?

Wow, schwierige Frage. Ich glaube, die kann niemand aufrichtig mit Ja beantworten, oder? Wenn ich mir die Ziele eines Achtjährigen ansehe mit seinem begrenzten Horizont, wurden natürlich alle Erwartungen meilenweit übertroffen. Wenn ich den 21-Jährigen betrachte, der dachte, die Filmwelt von Beverly Hills aus zu erobern, wurden sie eher unterboten. Trotzdem bin ich überaus zufrieden mit dem, was ich erreicht habe.

Welche Rolle spielt da eine Serie wie Private Eyes?

Eine große, wirklich. Das sage ich nicht nur zu Werbezwecken. Es ist mein erstes Format, das ich entwickelt, produziert und geformt habe – inklusive meiner eigenen Figur und ihrer Partnerin Angie Everett. Die kam im Drehbuch zunächst nämlich gar nicht vor. Wir wollten unbedingt starke Frauencharaktere, mit denen Matt Shade zusammenarbeiten, aber auch streiten kann. Das ist einerseits diese Privatdetektivin, aber auch seine Tochter. Erst in der Mitte dieses Dreiecks kann er sich voll entfalten.

Zu was genau?

Zu einem komplizierten, aber bodenständigen Mann, der immer an sich selbst glaubt, seinen Instinkten folgt und bereit ist, härter zu arbeiten als andere. Und auch wenn er seinen Porsche nicht verkauft hat, scheut er es auch nach seiner besten Zeit als Eishockey-Agent nicht, sich dreckig zu machen. Um ein guter Vater zu sein, ein guter Ex-Mann, ein guter Detektiv.

Kann man sich Matt Shade als eine Art erwachsenen Brandon Walsh vorstellen, der Sie vor einem Vierteljahrhundert auf einen Schlag berühmt gemacht hat?

Das ist ein schöner Gedanke. Aber darüber hinaus, dass beide irgendwie Nice Guys sind, die auf der guten Seite stehen und meistens nur das Beste für alle wollen, ist das schwer vorstellbar. Brandon war vielleicht ein bisschen zu brav, zu tugendhaft, zu rechtschaffen, um die jüngere Version von Matt zu sein, der im reiferen Alter all das wiedergutzumachen versucht, was er vorher verbockt hat. Umso mehr ist Brandon Geschichte für mich und meine Karriere.

Weil Sie auf diesen Charakter reduziert wurden?

Anfangs wurde das versucht, aber mit wenig Erfolg. Ich habe mein Leben lang sehr verschiedene Figuren gespielt, die zum Teil Lichtjahre weg waren von Brandon. Trotzdem betrachte ich Beverly Hills 90210 bis heute als Geschenk. Die Möglichkeit zu haben, bei einer weltweit so derart erfolgreichen Show mitzuarbeiten, kann man gar nicht hoch genug bewerten. Diese Chance bietet sich echt nicht jedem Schauspieler. Das macht mich unendlich dankbar – gerade, weil die Serie für viele Menschen und die Branche jener Zeit äußerst bedeutsam war.

Inwiefern?

Es war die erste Serie überhaupt, die konsequent für Jugendliche zwischen 14 und 24 gemacht wurde, ohne ein Kinderprodukt zu sein. Aaron Spelling, der Sender Fox, den Autoren war früher als dem Rest des Metiers bewusst, wie radikal unterrepräsentiert die Altersgruppe von Beverly Hills 90210 im Fernsehen war. Leute um die zwanzig waren bis dahin höchstens Anhängsel ihrer Eltern. Hier dagegen standen sie voll im Fokus. Das war für uns ganz allein!

Wo Sie sich selbst offenbar zur Zielgruppe dazuzählen: Gab es zwischen dem jungen Jason und Brandon irgendwelche Ähnlichkeiten?

Nicht wirklich viele. Bis auf das Aussehen hatten Jason und Brandon echt wenig miteinander gemeinsam.

Wie ist es mit Matt Shade?

Als guter Kanadier hab ich natürlich wie Matt Eishockey gespielt, wenn auch nicht annähernd so gut. Wir sind beide Väter, trinken gern mal einen, sonst haben wir exakt so viel gemeinsam wie Männer unseres Alters in einer Großstadt nun mal gemeinsam haben können.

Versuchen Sie generell eher Bezüge zur Rollen zu finden oder bewusst davon zu abstrahieren, um größtmögliche Distanz zu erzeugen?

Um einen Charakter glaubhaft zu spielen, ist aus meiner Sicht unbedingt beides nötig. Wenn man ihn zu nah an sich ranlässt, wird er schnell melodramatisch, wenn er einem zu fern bleibt, artifiziell. Ich hoffe, diese Balance ist mir in Private Eyes gelungen. Denn wie gesagt: Es liegt mir wirklich sehr am Herzen.

Wird es weitere Fortsetzungen geben?

Wir sind gerade mitten in der dritten Staffel, und besonders in Kanada, aber auch den USA und Großbritannien ist die Serie echt populär. Wenn jetzt auch noch Deutschland dazukommt, sind das beste Voraussetzungen für weitere Staffeln.

Und wo wir uns gerade im Zeitalter des ewigen Sequels befinden: Wird es irgendwann eine Fortsetzung von Beverly Hills 90201 geben?

Haha! Wissen Sie was? Ich hab keine Ahnung… Bislang hat niemand mit darüber geredet, was aber nicht heißt, dass nicht morgen früh schon jemand damit ankommen könnte.

Und was würden Sie sagen, wenn jemand käme?

Was ich sagen würde? Natürlich!