Senta Berger: Kir Royal & Eva Prohacek

Ich komme grad aus dem Garten

Senta Berger (Foto: ZDF) ist seit 60 Jahren im Filmgeschäft. Jetzt aber tritt sie ein bisschen kürzer – weshalb ihr neuer Terror-Fall (in der ZDF-Mediathek abrufbar) von Unter Verdacht der vorletzte sein soll. Ein Gespräch über Amtsmüdigkeit, Hierarchien, Heimatfilme und das Refugium Gartenarbeit.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Berger, gab’s das schon mal – Unter Verdacht als Zweiteiler?

Senta Berger: Nein, das war eine außerordentliche Idee. Sie wurde dadurch geboren, dass ich schon vor zwei Jahren gesagt habe, es wäre jetzt langsam mal an der Zeit, Eva Prohacek – die ja  Beamtin mit festgelegter Pensionsgrenze ist – in Rente gehen zu lassen. Wir wollten eine komplexe Geschichte erzählen. Das persönliche Schicksal der Prohacek mit der gegenwärtigen Situation in Deutschland verknüpfen. Dafür haben wir uns ein umfangreicheres Format gewünscht und vom Sender auch zugestanden bekommen.

Das ist also Ihr Abschied von der Reihe?

Nicht ganz. In der Zeit, in der das Drehbuch für Verlorene Sicherheit geschrieben wurde, liefen im Fernsehen zwei neue Folgen und mehrere Wiederholungen älterer Filme, die nicht nur mir, sondern dem Publikum offensichtlich großen Spaß bereitet haben. So haben wir uns alle auf eine letzte Folge einigen können und freuen uns auf die Dreharbeiten im Herbst.

Nichtsdestoweniger scheint sich die Figur in Verlorene Sicherheit von ihrer Rolle innerlich zu verabschieden.

Ist das so?

Sie wirkt psychisch, aber auch physisch angeschlagener als in den 25 Folgen zuvor.

Na – dann ist uns ja geglückt, was wir uns vorgenommen hatten, für Eva Prohacek ein neues Kapitel aufzuschlagen, einen Aufbruch – und sei es einer ins Ungewisse.

Ist es eher Amts- oder Altersmüdigkeit, die Eva Prohacek da erwischt?

Weder noch. Wir haben das Alter der Kriminalrätin immer unbestimmt gelassen. Dass ich zehn Jahre älter bin als die Prohacek im Staatsdienst eigentlich sein darf, weiß ja jeder, und ich finde, langsam sieht man es auch. Es geht mir um die Glaubwürdigkeit der Figur und damit auch um die Glaubwürdigkeit der Geschichten, die wir erzählen.

Gab es bei Ihnen selbst schon mal so etwas wie Amtsmüdigkeit, was diese Rolle betrifft?

Nein, gar nicht. Sie macht mir großen Spaß und wird mir unglaublich fehlen – nicht nur die Geschichten, sondern das Team, mit dem ich bis auf wenige Ausnahmen seit 2001 zusammen arbeite. Weil ich selber schon lange in der Produktion tätig bin, kenne ich auch die Bedingungen, die Notwendigkeiten hinter der Kamera gut und weiß, was die Menschen dort leisten, aber auch brauchen. Wenn man sich gut versteht, haben Dreharbeiten auch immer etwas vom Schulausflug einer Klasse, in der es verschiedene Temperamente und Aufgaben gibt, aber keine Hierarchien.

Entspricht das auch Ihrer Persönlichkeit, es mit Hierarchien nicht so zu haben?

Absolut, aber die gibt es schon seit Jahrzehnten nur selten am Set. Und falls doch, empfinde ich das immer als ein Zeichen von begrenzter sozialer Intelligenz. Ich werde öfter gefragt, wie sie denn so waren – diese großen Hollywoodstars, mit denen ich gearbeitet habe. Mein Eindruck: Je berühmter, desto bescheidener. Ich werde nie einen Film mit Marcello Mastroianni vergessen, der ganz unscheinbar auf einem Stühlchen in der Ecke saß, an dem ständig Leute vorbeiliefen und fragten, Marcello, was kann ich dir bringen, Marcello willst du noch einen Kaffee. Aber er wollte das alles nicht, er wollte nur arbeiten.

Umschwärmt man Sie nach 60 Jahren im Geschäft ähnlich?

Manchmal, aber man merkt dann schnell, dass es eher den Umschwärmenden schmücken soll als mich.

Sah man Sie darin nach Ihrer Rückkehr aus den USA hierzulande mit anderen Augen?

Ach wissen Sie, dieser Beruf folgt ja selten einer geraden Linie. Als ich aus Amerika zurückgekehrt bin, habe ich in Rom, in der Cinecitta weiter Kinofilme gedreht. Da gab es ja noch bis Anfang der 80er lange Schlangen vor den Kinos, in den Sälen durfte sogar geraucht werden. Das kann ich mir heute gar nicht mehr vorstellen, obwohl das Popcorn-Schmatzen eine ebensolche Pest ist. Aber in Deutschland galt Hollywood dem damaligen Autorenfilm als Feind und ich war seine Vertreterin. Ich habe also jahrelang in Deutschland keine Filme machen können. Aber ich habe Theater gespielt. Begonnen hat es bei den Salzburger Festspielen dass  ich, als erwachsene Frau meine eigene Sprache wieder entdeckt habe, das war sehr aufregend. Unsere Produktionsfirma Sentana-Film hat erste Erfolge gehabt, zum Beispiel mit Die Weiße Rose und ich habe – vielleicht das schönste Abenteuer meines Lebens – zwei Kinder bekommen. Es war also klar, dass ich mich entscheiden musste, wo ich leben und arbeiten wollte. Der Übergang nach Deutschland war also fließend, bevor ich dort die erste wichtige Arbeit hatte.

Nämlich?

Kir Royal, zumal das ausgestattet war wie ein Kinofilm, auf 35mm, pro 45-minütiger Folge 28 Drehtage.

Wann genau ist eine Arbeit inhaltlich wichtig für Sie?

Wenn es etwas ist, an das ich glaube und zugleich das Interesse anderer weckt. Ich bin in der Zeit dieser verlogenen Heimatfilme aufgewachsen, ein gebranntes Kind. In Österreich haben hervorragende Kabarettisten die schlimmsten Drehbücher geschrieben, weil sie glaubten, dem  Publikum sei die Wahrheit nicht zumutbar, die man auch durchaus humorvoll erzählen könnte. Das versteht der Zuschauer nicht – wie oft habe ich das gehört! Welch ein furchtbarer Irrtum! Den Zuschauern ist das Beste zumutbar, selbst wenn sie gar nicht wissen, was genau das ist. Nur ein gemeinsamer Anspruch macht Filme wichtig.

Ist das bei diesem hier aus Ihrer Sicht der Fall?

Ich denke und hoffe es.

Wobei man nicht weiß, was einem mehr Angst macht – der islamistische Terror oder ein Staat, der bei dessen Bekämpfung alle Regeln missachtet.

Weil es nur ein Krimi und kein Dokumentarfilm ist, ganz gewiss nicht letzterer. Dennoch erhebt der Film natürlich einen gewissen Wahrheitsanspruch. Und angesichts der Tatsache, dass seine Ausstrahlung wegen der Anschläge von Frankreich und Berlin verschoben wurde, offenbar auch zu recht. Aber es gibt ja viele Wirklichkeiten. Eine davon erzählt von einer türkischen Familie, die bis auf ein junges Mädchen, das auf der Suche ist, ohne noch  zu wissen, was es sucht, bestens integriert ist. So gesehen ist dieser Film in anderer Hinsicht wichtig.

Wenn Sie die Zeitspanne zurück zu Ihrem ersten im Jahr 1957 betrachten: ist das überhaupt noch derselbe Beruf?

Das ist schwer zu vergleichen. Vom technischen Standpunkt hat sich alles verändert. Was sich nicht geändert hat, ist das Bedürfnis Geschichten zu erzählen, hören, sehen, die die Menschen berühren – das war  immer so. Denken wir nur an Höhlenzeichnungen, das Antike Theater, an Shakespeare, Moliere, ans Kasperletheater…

Was bedeutet Ihnen an der Arbeit über diesen langen Zeitraum hinweg besonders viel?

Dass ich in keine Schublade gesteckt worden bin. Dazu gehört, dass ich nach der glamourösen Mona in Kir Royal sofort Die schnelle Gerdi spielen durfte.

Eine Taxi-Fahrerin.

Die mir als Kind der Wiener Vorstadt sehr vertraut ist. Und fragen sie mal meinen Mann; der kennt meinen Jähzorn nur zu gut, auch wenn er sich gebessert hat. Aber mir haben viele Arbeiten etwas bedeutet. Sie und Er zum Beispiel, der erste Westfilm von Frank Beyer mit der gesamten Schauspielelite des Ostens; so was ist im kollektiven Gedächtnis womöglich nicht mehr präsent, aber in meinem sehr. Das war eine sehr besondere Arbeit, wie Frau Böhm sagt Nein und Lilli Lottofee und… und… und eben die Eva Prohacek. Ich hatte oft Glück, das weiß ich, aber ich möchte mich nicht zu viel mit der Vergangenheit beschäftigen.

Warum?

So sehr ich stets mit ganzem Herzen bei meinem Beruf bin – ich habe auch noch ein anderes Leben. Jetzt grad komme ich aus dem Garten, um neue Pflanzen zu setzen. Nach zuletzt vier, fünf Filmen im Jahr genieße ich es, ein bisschen zuhause zu sein und mich mit meinem Mann wieder mehr aufeinander besinnen zu können. Das ist schön.


Kraftklub: Provokation & Mitgrölrock

Keine Psychopathen auf Koks

Vor sechs Jahren kannte man Kraftklub allenfalls daheim in Chemnitz, bald darauf waren die fünf Indierocker aus dem Osten schon Headliner großer Festivals und die ersten zwei Alben Nr. 1 in den Charts. Genau dort dürfte also auch Keine Nacht für niemand landen, das heute rauskommt. Frontmann Felix Brummer, verantwortlich für Texte und Gebrüll, erzählt im Interview, wie es dazu kommen konnte, was das aus den fünf Freunden gemacht hat und warum sie diesmal eher lässig als schnell sein wollen.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Felix, ist eure Starrummel-Hymne Band mit K gleich zum Auftakt eures neuen Albums eigentlich nur ironisch gemeint oder auch ein bisschen angenehm überrascht vom Erfolg?

Felix Brummer: Da ist der Interpretationsspielraum bewusst relativ weit gefasst. Wir inszenieren uns ja schon schamlos als Sektenführer, kritisieren aber auch den Kult um Stars inklusive der Youtuber-Szene, die jungen Menschen das Geld aus den Sparschweinen fingert. Andererseits kann man es auch einfach als lustige Überhöhung der Popkultur von außen hören. Denn in der Realität hält sich der Rummel bei uns selbst ja doch noch in Grenzen. Wir haben anders als ein paar unserer Kollegen noch keine campenden Fans vor den Wohnungen.

Wenn anders als im Song keine Schlüpfer fliegen – wie weit geht die Fan-Liebe?

Dass manche wirklich zu jedem einzelnen unserer Konzerte fahren. Das finde ich natürlich schon auch ein wenig verrückt, vor allem aber sehr sympathisch.

Trotzdem lief der Schritt vom kleinen Club auf die ganz große Bühne für euch in einem Tempo, das schon ein wenig Größenwahnsinn rechtfertigen würde oder?

Na ja, es gab 2012 schon eine Phase, wo es im Rückblick ziemlich schnell ging. In dem Jahr ist gefühlt alles auf einmal passiert, zwischen ganz klein, erster Platte und ganz groß haben wir noch eine Kolumbien-Tour gespielt. Ernsthaft! Trotzdem hat sich für uns immer alles natürlich angefühlt, wir haben keinen Schritt übersprungen. Bei Rock am Ring zum Beispiel haben wir erst auf dem Zeltplatz gespielt, im Jahr drauf auf der kleinsten Bühne, zwei Jahre später auf der Hauptbühne, aber um 18 Uhr, dann abends und zuletzt als Headliner. Das ist schon krass, aber eben eine fließende Entwicklung.

Hat sie euch als Band, Musiker und Menschen verändert?

Sicherlich, aber ich könnte gar nicht im Einzelnen aufzählen, was genau. Wir sind jedenfalls keine kokainsüchtigen Psychopathen geworden in den letzten sieben Jahren. Vielleicht aber auch deshalb, weil wir vor dem Album hier eine Pause eingelegt haben, um wieder normale Sachen zu machen, weil man sonst schnell das Leben der anderen verschwitzt. Wir hatten das Gefühl, unsere Freunde nur noch dann zu treffen, wenn wir sie auf unsere Konzerte einladen. Das ist auf Dauer einfach nicht geil.

Ihr habt euch also bewusst wieder ein bisschen geerdet?

Auf jeden Fall, das muss man manchmal. Es gibt bestimmt genügend Menschen, die es total geil finden, sich mit einem crazy Rockstar-Life von der Realität zu entfremden. Für uns war das alte Umfeld schon immer ein wichtiger Quell der Inspiration.

Und hat es etwas an eurer Musik verändert, dass dieser Quell zwischenzeitlich ein bisschen weiter weg war?

Inwiefern?

Das man mit wachsendem Publikum versucht, fetter zu produzieren, mehr Mitgrölsongs zu schreiben, um die Massen in Bewegung zu setzen zum Beispiel?

Nee, gar nicht. Wir lernen zwar mit jedem Auftritt dazu, sind aber bis heute nicht die großartigen Virtuosen an unseren Instrumenten. Ich als Frontmann kann ja im Grunde noch nicht mal richtig singen. Dennoch bleibt es dabei, dass wir jeden Song auch im Club spielen können müssen. Was wir machen, muss sich auch im Proberaum richtig anfühlen; erst wenn es das tut, funktioniert es auch auf der Bühne.

Aber zollt man dem wachsenden Moshpit vor der Bühne nicht dennoch insofern Tribut, als man ihm auch was bieten muss?

Weil wir uns immer sehr als Live-Band begriffen haben, waren die ersten zwei Alben genau dieser Ausgangslage geschuldet. Wir wollten auch im Studio, dass es permanent knallt. Immer schnell, immer ballern. Davon haben wir uns auf diesem Album verabschiedet. Aber eher weil wir das Gefühl hatten, dass das auserzählt ist. Das Ende der Fahnenstange war einfach erreicht, denn bei der Frage, wo es mit uns hingegen soll, wurde einfach deutlich, dass noch mehr Tempo keine Antwort ist.

Welche Antwort gäbe es dann?

Mehr Lässigkeit vielleicht und eine gewisse Antihaltung zu bestimmten Erwartungen einzunehmen. Wenn alle wollen, dass wir noch ein und noch ein Album im 16el-Beat durchhacken, müssen wir mal was anderes machen. Es ist ja schon schwer genug, sich unter fünf Bandmitgliedern auf eine Linie zu einigen; falls dann noch Meinungen und Ansprüche von außen hinzukommen, wird es richtig anstrengend. Wenn den Leuten das, was da dieses Mal rausgekommen ist, nicht gefällt – gut, dann ist es halt so…

Sind eure Einigungsprozesse im Übungsraum so kompliziert wie es jetzt klingt?

Ja, da knallen schon auch Egos aneinander. Aber das war schon immer so, ist also nicht erst mit dem Erfolg passiert. Wenn man zu jemandem sagt, der und der Part passe nicht, dann kommt das schnell so an, als meinte man eigentlich: du bist scheiße! Das ist die Grundschwierigkeit aller Gruppen.

Macht es die Tatsache, dass ihr nicht nur fünf Musiker, sondern fünf Freunde seid, schwieriger oder leichter, da einen Konsens zu finden?

Ich glaube, schwieriger. Der Bassist ist mein Bruder, den kenne ich, seit er auf der Welt ist; da kenne ich seine Stärken und Schwächen so genau, dass es leichter fällt, sich zu verletzen. Zugleich aber ist es eben auch einfach schöner, mit guten Freunden Sachen zu erreichen als mit Kollegen.

Politisch steht ihr dabei ehr links vom Mainstream oder ist das bloß Wunschdenken all jener, die sich freuen, endlich stehe ein unterhaltsame Band mal politisch auf der richtigen Seite?

Das ist insofern Wunschdenken als ich es total arrogant und herablassend finde, sich auf der richtigen Seite zu fühlen. Natürlich kommt, wenn fünf politisch denkende Typen Musik machen, am Ende auch irgendwie politische Musik heraus. Aber weil wir als Menschen alle links sind, heißt das nicht, dass wir irgendeine Agenda hätten, um die Welt da draußen mit Kraftklub-Songs zu retten. Wir lassen uns vor keinen Karren spannen. Aus dem Anspruch, die Wahrheit zu kennen, entsteht ja genau das Denken, gegen das wir draußen auf der Straße demonstrieren. Wir machen Dreieinhalbminutensongs. Wer komplexe Themen in so kurzer Zeit zu lösen vorgibt, dem sollte man grundsätzlich misstrauen.

Aber ein Song wie Fenster richtet sich doch ganz klar gegen Wutbürger von AfD bis Pegida.

Das tut er. Aber nicht, um Lösungen anzubieten, sondern Kommentare auf die Gegenwart.

Ist Dein Lied dann einer für vermeintliche Gutmenschen, die natürlich rote Ohren kriegen, wenn jemand seine Ex als „Du Hure“ beschimpft?

Nein, das ist keine bewusste Provokation, sondern der Versuch, die Perspektive eines verlassenen Freundes von verständnisvoll auf rachsüchtig kippen zu lassen. Und natürlich der Spaß, eine heftige Bildsprache zu benutzen, um heftige Emotionen zu beschreiben. Ich verstehe, dass das manchen zu krass ist – gerade aus unserem Mund, von der netten Indie-Band, nicht dem fiesen Gangsta-Rapper. Und stimmt ja: ich finde es furchtbar, wenn Frauen als Schlampen oder so bezeichnet werden. Aber wenn wir einen Song wie diesen schreiben, machen wir das aus Interesse an der Situation, dass so etwas nun mal existiert.

Ist so ein Song also gar nicht autobiografisch geprägt?

Ich erzähle eine Geschichte, die alle betreffen könnte und zwar möglichst authentisch. Wenn sie in der dritten Person geschrieben wäre, also „er sagt, du Hure!“, würde es niemanden berühren. Aber ich will unsere Songs auch nicht immer erklären. Darum muss ich halt damit leben, dass mich manche Leute wegen solcher Texte für ein sexistisches Schwein halten. Die meisten werden mich schon richtig verstehen…

Dahinter steckt kein Spaß an der Provokation?

Nee. Höchstens an der Reibung . Zumal Dein Song völlig anders ist als unsere anderen Sachen, keine fetten Riffs, sondern mit echtem Orchester. Da reibt sich dann vor allem die schöne Musik an der krassen Sprache.

Habt ihr live einen Satz Streicher dabei, wenn ihr den Song aufführt?

Genau deshalb wissen wir noch gar nicht so genau, ob wir ihn live spielen. Im Studio war das toll, aber wie sollen die alle auf die Bühne passen?

Gut, die sind ja mittlerweile groß genug bei euch.

Stimmt, raufpassen würden sie. Aber was für ein Aufwand! Weiß nicht, ob wir auf den Bock haben, so als Kraftklub.

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Wilson Gonzalez Ochsenknecht: Sohn & Kampf

Der Boulevard-Flüchtling

Komischer Name, exzentrische Eltern, wenig Talent? Wilson Gonzalez Ochsenknecht hat ein gehöriges Imageproblem. Dennoch schafft es der Schauspielersohnschauspieler längst in seriöse Filme wie das amerikanische Schwulendrama Stonewall oder den aktuellen Tatort. Erstaunliche Begegnung mit dem Opfer einer Branche, die ihn gleichermaßen groß und klein gemacht hat.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Wilson Gonzalez Ochsenknecht, was genau machen Sie eigentlich beruflich?

Wilson Gonzales Ochsenknecht: (lacht) Ich bin Schauspieler und Musiker, wobei – das ist ja eher so ein Hobby-Ding. Ich bin Schauspieler, mit Leib und Seele, obwohl ich da eher reingewachsen bin, als es von der Pieke auf gelernt zu haben.

Gar keine Ausbildung?

Mit 17 bin ich auf eine Filmschule gegangen, wo ich Schauspiel, Improvisation, Regie, Stand-up, Kamera, Beleuchtung, also alles ein bisschen gelernt hab. Eigentlich ist mir allerdings da erst wirklich bewusst geworden, wie wichtig es für mich ist, am Set zu sein. Ich wusste, dass es für ehemalige Kinderdarsteller ein harter Kampf ist, sich als Erwachsener durchzusetzen. Mir war klar, dass es kein einfacher Weg wird, aber Film hat schon damals alles bedeutet. Ich hab mich mit allem befasst, was damit zu tun hat, sogar Filmgeschichte. Bis heute schaue ich nach Feierabend zwei bis drei Filme am Tag und zwar alles von Hitchcock über Fassbinder und Herzog bis zu modernen Sachen.

Ist das cineastisches Interesse oder Fortbildung?

Beides, schon seit ich denken kann. Mich interessiert bei jedem Film immer auch die Entstehungsgeschichte; deshalb lese ich parallel Biografien der Beteiligten. Ich fress‘ das förmlich in mich rein und sauge die Fähigkeiten meiner Kollegen auf, ohne sie zu klauen. Gary Oldman zum Beispiel achtet darauf, in jedem Film einen anderen Akzent zu haben. Das hat mich dazu animiert, jedem meiner Charaktere eine Eigenheit zu geben und sei es eine Handhaltung.

Was wäre denn die Eigenheit Ihrer Figur in Level X?

Ihre Gier nach Aufmerksamkeit, die sich in ruckartigen Bewegungen und dem Zwang, ständig „Hey“ und „Yo“ zu brüllen, ausdrückt. Das musste ich mir als jemand ohne Internet-Präsenz erst aneignen, auch wenn mir das oft ziemlich seltsam vorkam.

Sie haben keinen eigenen Youtube-Channel?

Um Gottes willen, nein!

Der würde doch super laufen, Sie passen doch bestens in die Zielgruppe…

Nee, mit 27 bin ich dafür doch schon zu alt. Und inhaltlich interessiert sich von der Zielgruppe bestimmt kaum jemand für das, was mich interessiert. Ich krieg schon mit, was im Netz läuft, schaue mir aber lieber einen „Tatort“ an, als stundenlang zu surfen. Und wer 16, 17 ist, will von mir ganz sicher nichts über alte Filme sehen, sondern Schminktipps, wie meine kleine Schwester, Tutorials über Videospiele. Oder eben Pranks wie in diesem „Tatort“, was allerdings auch nichts anderes ist als Versteckte Kamera, nur dass die jetzt ein Smartphone ist und englisch benannt wird, weil alle immer schwer auf international machen.

Das klingt alles ziemlich analog; sind Sie überhaupt ein digital native?

Schon. Ich habe ein gutes Verhältnis zum Internet, zumal es mir meine Fernbeziehung nach Amerika enorm erleichtert und die Nähe zu meiner Familie und meinem Publikum. Wenn ich heutzutage in die 4. Klasse ginge, wo alle nix als ihr Smartphone im Kopf hätten, wäre mein Zugang zum Internet wohl ein anderer, so wie es zu meiner Zeit eben Tamagochi oder Star Wars war, was alle in den Bann gezogen hat. Aber so käme ich ganz gut ohne Internet klar.

So weit wie der Dezernatsleiter Schnabel, der fragt, ob nicht jemand das Internet wieder abschalten könne, würden Sie also nicht gehen?

Die Uhr lässt sich nicht zurückdrehen. Und es herrscht darin ja auch ein ständiger Kampf darum, die richtige Balance zu finden, Grenzen zu setzen, einen verantwortungsvollen Weg zu finden. Nehmen Sie die Musik; als ich angefangen hab, mich dafür zu interessieren, wurde sie überall illegal runtergeladen. Jetzt bezahlen die meisten ihre Downloads und parallel dazu fangen viele wieder an, sich Vinyl zu kaufen. Ich selbst ersetze grad nach und nach alte CDs durch Schallplatten. Daran sieht man: nach einer Phase der Anarchie reguliert sich auch das Internet. Sogar das Dark Web, in dem die Hälfte aller Aktivitäten kriminell ist, bietet Menschen in Diktaturen die Chance, miteinander zu kommunizieren.

Ist das Bild, das der Tatort vom Internet zeichnet, da nicht viel zu negativ? Seine Nutzer sind ja praktisch ausnahmslos durchgeknallte Egomanen oder konsumgeile Gören…

Das ist halt die Krimi-Story, aber gar nicht mal übertrieben. Denn ganz ehrlich: diese Pranks haben auch in er Realität manchmal drastische Konsequenzen. Es gibt sicher auch sehr lustige Streiche, aber die erfordern Feingefühl und Intelligenz, sonst kann man die Opfer echt schwer traumatisieren.

Apropos Trauma: Zu Beginn Ihrer Karriere war der Name Ochsenknecht unter tatkräftiger Hilfe des Vaters sicher ein großes Einfallstor in die Filmbranche. Ist er jetzt eher Hürde oder immer noch hilfreich?

Ach, beides. Mir war nach Wilde Kerle schnell klar, dass es als Erwachsener gewiss nicht einfacher wird, künstlerisch ernst genommen zu werden. Dieses Bewusstsein hat mir von Beginn an geholfen, Höhen und Tiefen richtig einzuordnen. Ich heiße halt nicht Müller. Mittlerweile kriege ich aber viel positives Feedback, gerade für etwas wie Tatort oder einen Punk-Film an der Seite von Tom Schilling.

Ihre erste Hauptrolle als Erwachsener.

Wobei mir Hauptrollen gar nicht so wichtig sind, weil danach ja irgendwann auch nichts mehr kommt. Deshalb kann ich gern noch ein paar Jahre auf den ganz großen Kinofilm warten, alles andere wäre auch arrogant.

Was bringt so eine Rolle als Junger Wilder auf dem Weg dorthin?

Weiß nicht. Einen zehn Jahre jüngeren im Tatort zu spielen ist schon was, aber eigentlich ist meine Rolle ja eher klein. Von daher ist es einfach erst mal ein Charakter mehr auf einem langen Weg vom Kinderstar zum reifen Schauspieler.

Durften Sie überhaupt je richtig Kind sein?

Voll sogar, meine Kindheit war super. Oft natürlich im Campingbus am Set, aber auch das war super. Und zuhause habe ich sowieso immer auf der Straße gespielt, bis ich mit 19 nach Berlin gezogen bin. Der Film hat mir nicht meine Kindheit geraubt, keine Sorte.

Hat er Sie denn frühzeitig erwachsener gemacht?

Das schon eher. Ich habe mich unter Erwachsenen vermutlich viel jünger wohl gefühlt als Gleichaltrige, das prägt. Außerdem hatte ich einfach coole Eltern. Hab ich immer noch.


Marteria/Marsimoto: Plattenbau & Punchlines

Ich war echt ein Alien

Mit 34 hat Marten Laciny einiges erlebt: aufgewachsen im Rostocker Plattenbau spielt der Fußballprofi für die Jugendnationalmannschaft, als ihn eine New Yorker Modelagentur entdeckt und zum Shooting um die halbe Welt schickt. Seit 2010 jedoch kennt man ihn hierzulande vor allem unter seinem HipHop-Namen Marteria. Er steht für Conscious-Rap mit Kampfkraft und Sprachwitz. Auch sein neues Album Roswell kommentiert den Irrsinn da draußen aus entspannt linker Perspektive. Ein Interview über Aliens im eigenen Land, politische Musik und was Lego einst aus ihm gemacht hat.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Marten, wer sich dein neues Albums anhört, könnte meinen, du glaubst an Außerirdische.

Marten/Marteria: Nein, ich bin eher Fan von Real Life als Science Fiction. Ein guter Indikator dafür ist zum Beispiel, was ich am Kind am liebsten aus Lego gebastelt hab. Damals gab es zwar noch nicht diese megakrassen Fantasiewelten von heute. Aber auf der riesigen Platte, die mein Vater mir gebaut hat, stand eine stinknormale Stadt mit Polizei, Feuerwehr, Wohnhäusern. Es gab sogar einen Vorort, wo man viel Fahrrad fuhr. Mein bester Freund hingegen, der damals schon diese komplizierten Sachen von Lego-Technics hatte, ist DJ geworden.

Lego hat aus dir den Rapper gemacht, der du bist?

Ein bisschen schon. Vermutlich kann man an jeder Biografie ablesen, von welchem Spielzeug sie in der Kindheit geprägt wurde. Und wenn mich jetzt Dinge mit einem Hauch von Science Fiction interessieren, sind sie wie E.T. voll in der Realität verwurzelt.

Wie kommt es dann, dass nicht nur der Albumtitel Roswell an die berühmte UFO-Sichtung vor 70 Jahren erinnert, sondern die ersten drei, vier Tracks alle von Aliens handeln?

Weil ich doppelte Böden mag. Im Englischen sind Aliens ja auch ganz allgemein Fremde oder wie ich es auf der Platte ausdrücken möchte: Außenseiter. Das kenne ich gut aus meiner eigenen Jugend in Rostock; als Teil einer HipHop-Szene wie ich da echt ein Alien, so wie man es als 17-jähriger Deutscher in New York war. Da geht es gar nicht um grundsätzliches Anderssein, sondern auch Andersfühlen.

Geschieht dir das heutzutage noch im vertrauten Umfeld oder nur in der Ferne?

Als krasser Außenseiter sehe ich mich eher selten, aber wenn ich international auf Reisen bin, bin ich das halbe Jahr lang ein Ausländer. Als ich im Dezember in Angola war, fast direkt vom Flugzeug aus auf einen Jeep gesprungen bin, um mit drei Einheimischen zu angeln, war das ein echter Alien-Moment. Da muss man sich akklimatisieren und wenn möglich verbrüdern, um nicht außen vor, sondern Teil von etwas zu sein. Auch darum geht es in Songs wie Roswell oder Scotty, beam mich hoch.

Macht es die dadurch zu politischen Songs?

Absolut. Ich finde Musik ohne Message langweilig. Jeder Mensch hat eine Meinung, und die kann man als Musiker selbst in tanzbaren Songs wie Alien unterbringen. Umgekehrt sollte man zu politischen Liedern aber auch ein bisschen abfeiern, sonst wird es schnell öde. So gesehen glaube ich, dass Rapper für junge Fans oft die besseren Politiker sind.

Wie vermeidet man da, belehrend zu werden?

Indem ich den Zeigefinger unten lasse und einfach aufschreibe, was ich empfindet, was meiner Situation entspricht. Das beste Beispiel ist Links. Das ist kein Song für Linke, sondern für solche, die den Weg dorthin suchen und glauben, es gebe da nur einen richtigen. Ich biete Optionen an. Mein Appell geht da eher an den gesunden Menschenverstand als irgendwelche Dogmen, denn auf jeder Seite gibt es welche, die Ahnung haben und es gibt die anderen.

Zu welcher Seite zählst du dich?

Schwer zu sagen (lacht). Ich komme aus dem Neubaublock eines Landes, aus dem man nicht raus durfte, jetzt reise ich viel und entdecke die Welt – das ist eine gute Voraussetzung, sich Ahnung zu verschaffen.

Hast du das Gefühl, der deutsche HipHop schafft sich durch Rapper wie Sookee, Disarstar oder dir eine Flanke von links, die es jenseits von Spaß und Gangsta nicht gab?

Ich möchte mich da mit niemandem in eine Reihe stellen, schon weil du politisch auf der richtigen Seite stehen und trotzdem unfassbar nervig sein kannst. Das ist halt auch Geschmackssache. Ich finde, Musik muss und sollte manchmal anstrengend sein, aber trotzdem immer cool bleiben. Was mich am meisten nervt, ist herum zu heulen.

Was ist dir, wenn du wählen müsstest, bei einem Song wichtiger: Die Lyrics oder der Sound?

Was glaubst du denn?

Die Lyrics.

Daran sieht man, dass der Zugang zu Musik immer auch eine Frage der persönlichen Betrachtungsweise ist. Für mich ist ein Marteria-Song stets eine komplette Symbiose von Beats und Text, wobei es auf der vorherigen Platte sogar textlastiger, deeper war. Das entsprach damals halt meiner Lebenssituation, die ich mithilfe der Musik auch abschließen konnte.

Wenn deine Musik derart Stimmungen wiedergibt – zu welcher Art von Musik dürfte deine derzeitige Laune führen?

(lacht) Wenn sich das so exakt benennen ließe, dürfte es eine stressige Platte werden.

Auch eine wütende – angesichts der weltpolitischen Situation, die uns gerade im Griff hat?

Kommt drauf an. Wut kann ganz schön peinlich werden, deshalb sollte man sie wohldosieren. Ich hatte auf der vorigen Platte mit Bengalische Tiger daher einen sehr wütenden Song, auf dieser ist es Elfenbein, ein echter Schlüsselsong fürs ganze Album. Mir ist vor allem eins wichtig: Nichts wiederholen.

Was dir noch besonders wichtig erscheint, sind griffige Punchlines oder?

Kann man so sagen.

Zeilen wie „Ich bin Julius C & A / ich kam, sah und kaufte“…

Gute Punchline!

… poppen die so auf und werden dann in den Rest des Textes integriert oder entwickeln die sich organisch aus dem Rest der Lyrics?

(lacht) Na ja – beides ein bisschen. Marteria-Musik steht seit 2010 auch dafür, Spaß dabei zu haben, mit Wörtern rumzuspielen. So ein bisschen ist das schon unser Branding. Das geht so weit, das die Hälfte meiner Punchlines keiner versteht. Vielleicht mache ich irgendwann mal eine Lesereise, wo ich sie erkläre.

Könnte das soweit gehen, dass du die Ebenen wechselst und Bücher schreibst?

Wenn man wie ich in erster Linie schreibt, ist der Horizont offen. Aber geplant ist da nix.

Der Text ist vorab beim MusikBlog erschienen

Maximilian Brückner: Mundart & Amigos

Ich vermeide Wohlfühlzonen

Maximilian Brückner sieht aus, als könne er kein Wässerchen trüben. Umso erstaunlicher ist, dass er ständig abgründige Rolle spielt wie Alfons Zischl, der sich als korrupter Bürgermeister des Provinznestes Hindafing mittwochs im BR und vollständig in der Mediathek abrufbar von Folge zu Folge näher an den Abgrund stößt. Ein Gespräch über Lokalpolitik, Heimatdialekt und die Schönheit des Scheiterns.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Brückner, wenn Sie wählen müssen – was wäre der bislang wichtigste und wegweisendste Film Ihrer Karriere?

Maximilian Brückner: Wenn man’s genau nimmt, war das 2003 mein erster: Männer wie wir. Ich kam damals frisch von der Schauspielschule, durfte sofort die Hauptrolle eines großen Kinofilms spielen – und dann auch noch einen schwulen Fußballer. Das war mein Entrée, ich hatte sofort einen Namen, eine Agentur. Ich war drin. Drin zu bleiben ist zwar manchmal schwieriger, als drin zu sein, aber der Start war schon mal perfekt – obwohl es oberflächlich betrachtet nur eine Komödie ist.

Welchen Stellenwert hat im Vergleich da Ihr Räuber Kneißl fünf Jahre später?

Warum der?

Weil Sie darin nicht nur einen Schurken mit reiner Seele spielen, sondern auch noch in Ihrer Mundart.

Stimmt schon; witzig, dass Sie das sagen. Zuletzt hatte ich mit Pregau eine ganz ähnliche Figur in der Gegenwart, die ohne es zu wollen immer tiefer in eine kriminelle Spirale gerät. Vorm Kneißl dagegen war ich tatsächlich viel öfter die Unschuld vom Lande. Trotzdem verlaufen auch Schauspielerleben in Phasen. Vorige Woche erst stand ich als Ibsens Baumeister Solness auf der Bühne, ein älterer Herr um die 60 mit schwerer Midlife  Crisis, den jetzt halt mal ein jüngerer wie ich spielt. Meine Rollenauswahl lässt sich vermutlich darauf reduzieren, dass ich Wohlfühlzonen vermeide.

Wie jetzt, in Hindafing.

Ganz genau. Wobei der Alfons Zischl zwar wie der Räuber Kneißl Mundart spricht, aber alles andere als eine reine Seele hat. Er ist zwar kein waschechtes Arschloch, aber es ist völlig offen, wohin es ihn im Strudel aus Korruption und Vetternwirtschaft in der Provinzpolitik treiben wird.

Die kennen Sie als Dorfbewohner ja auch aus eigener Erfahrung.

Grundsätzlich wird es die in viel schlimmerer Form geben. Es ist verglichen mit meiner eigenen realen Umgebung eine heillose Überspitzung.

In der Sie selbst sogar mal kommunalpolitisch aktiv waren.

Aber wirklich nur ganz kurz und ganz pragmatisch, weil ich die Leute dort halt kannte, wie es auf dem Dorf eben so ist.

Die berüchtigte Amigo-Wirtschaft der CSU haben Sie nicht erlebt?

Nein! Deshalb hat meine Realität da draußen mit der dieser Serie auch wirklich überhaupt nix zu tun. Zumal dieser Alfons Zischl im Grunde auch gar nicht am System scheitert, sondern an all den selbst gestellten Fallen, in die er permanent hineintappt. Fernsehen kann natürlich auch in aller Ruhe funktionieren, aber die permanente Eskalation einer heillos überforderten Figur finde ich fesselnd. Zumal man ihn ständig packen, durchschütteln und da raus holen möchte.

Sie empfinden scheinbar große Sympathie für diese Figur?

Es ist ja das Geheimnis jeder schlüssigen Filmfigur, dass das Publikum selbst dann Empathie empfindet, wenn sie abgründig ist. Nehmen Sie Francis Underwood in House of Cards, bei dem das Publikum mit fiebert, ob er es ganz nach oben schafft, obwohl das ein skrupelloser Zyniker ist, der für sein Ziel sogar tötet. Da ist es doch kein Wunder, wenn man den kleinen Zischlaus Hindafingmag. Wobei mir anders als Kevin Spacey bei dessen Figur auch wichtig war, das Menschliche an meiner herauszuarbeiten. Eigentlich will er das Gute, aber die Gier ist stärker und der Drang, aus dem Schatten des übermächtigen Vaters herauszutreten.

Kennen Sie das als ältestes von acht Geschwistern, sich behaupten zu müssen?

Nein. Wir sind zwar alles andere als stets harmonisch; das schafft man ja nicht mal in Zweierbeziehungen. Aber die Grundlage ist solide genug, um bei allen notwendigen Auseinandersetzungen am Ende immer gut miteinander klarzukommen.

Sie wohnen immer noch mit zwei Brüdern auf dem Bauernhof?

Brüder ja, Bauernhof klingt jetzt zu sehr nach Landwirtschaft. Wir haben ein bisschen Kleinvieh, das war’s.

Apropos Kleinvieh: Warum läuft Hindafing eigentlich im kleinen Dritten, nicht im großen Ersten Programm?

Weil es in seiner Besonderheit hervorragend auf diesen Sendeplatz passt. Am Anfang geht es ja noch gemächlich los, aber mit jeder weiteren Folge nimmt alles so absurd Fahrt auf, dass es für die ARD vielleicht etwas zu wild ist.

Suchen Sie als Hauptrollenschauspieler manchmal gezielt nach solchen Abseiten?

Ich suche weder das eine noch das andere, schließe aber auch nichts aus. Nachdem ich zum Beispiel Martin Luther gespielt habe, mache ich jetzt ein Low-Budget-Projekt fürs Kino. Dabei bin ich mir allerdings auch des riesigen Glückes bewusst, diese Wahl zu haben.

Nutzen Sie die auch, um Ihre Bandbreite zu erweitern?

Ich drehe jedenfalls ganz bestimmt keine schlecht geschriebene Komödie, weil ich jetzt grad was mit Humor zur Primetime brauche. Dann mach ich lieber weiter gute Krimis, danach besteht hierzulande ohnehin ständig Bedarf, gerade in meinem Alter. Oder ich spiele Theater, um mich wieder mehr der Gefahr auszusetzen, auf die Schnauze zu fallen. Das ist mir mal mit Schillers Die Räuber passiert, hat mich aber eher angestachelt, wieder aufzustehen und weiterzumachen. Solange dich die Niederlage nicht zerstört, macht sie dich im Gegensatz zum Erfolg nur stärker.

Lesen Sie Kritiken?

Manchmal ja, besonders die schlechten. Auch wenn mir Lob natürlich gut tut.


Julia Koschitz: Schönheit & Bedeutung

Ich lass mich gern mal belehren

Julia Koschitz (Foto: diwafilm/BR) ist viel zu hübsch um variabel zu sein? Falsch! Die österreichische Schauspielerin schafft es am süßen Lächeln vorbei immer wieder, fiktive Figuren so wahrhaftig zu machen wie ihre Interpol-Agentin Juliette, die heute Abend im ARD-Drama Gift wirkungslosen Arzneimitteln nachspürt, mit denen Pharmakonzerne skrupellos Profit machen. Dass der Film so real wirkt, liegt aber auch an Daniel Harrich. Nach Oktoberfest-Attentat und Waffenhandel macht der Regisseur nun Medikamentenbetrug zu großer Fiktion. Ein Interview mit seiner Hauptdarstellerin über Enthüllungsfernsehen, Frauenrollen und was sie privat für etwas Großes opfern würde.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Koschitz, mögen Sie eigentlich Happyends?

Julia Koschitz: Im Leben ja, unbedingt sogar (lacht).

Und im Film?

Im Film nur, wenn sie zur Geschichte passen und mir als Zuschauer nicht das Gefühl vermitteln, betrogen worden zu sein. Das Leben ist ja selten schwarz oder weiß. Deshalb finde ich die bittersüßen Schlüsse einer Geschichte meist ehrlicher; ganz unsentimentale Happyends im Dienste der Handlung können toll sein!

Ohne zu viel verraten zu wollen: Bei Gift ahnt man von der ersten Sekunde an, dass er nicht mal dieses unsentimentale Happyend bereithält.

Das wäre bei dem Thema auch schwierig. Aber das Positive am Ende dieses Films ist, dass es zum Nachdenken und hoffentlich auch zum Handeln anregt. Darum geht es dem Regisseur Daniel Harrich. Er weist mit seinem Film auf das Problem gefälschter, wirkungsloser, in manchen Fällen sogar tödlicher Medikamente hin und darauf, dass dieser Missstand veränderbar wäre.

Und das Medium Film ist dazu in der Lage, dies zu bewerkstelligen?

Die Frage stelle ich mir als Schauspielerin immer wieder. Können Filme was bewirken? Ich bin da nicht hoffnungslos. Bei mir als Konsumentin lösen Filme durchaus mal Lerneffekte aus. Ich lasse mich gerne in Frage stellen und auch mal belehren, wenn ich was Neues erfahre, eine andere Perspektive kennenlerne und die Geschichte gut erzählt ist. Ich glaube dass die Bereitschaft etwas zu lernen am größten ist, wenn man auch emotional berührt wird.

Hat es da bei Ihnen da gleich geklingelt, als Daniel Harrich überm Drehbuch stand, der große Aufklärer des deutschen Spielfilms?

(lacht) So konkret hatte ich ihn zwar vorher nicht im Kopf. Aber er war mir natürlich ein Begriff, schon weil Der blinde Fleck dazu beigetragen hat, den Fall des Oktoberfest-Attentats neu aufzurollen. Nach dem ersten Kennenlernen war mir aber klar, wie wichtig es ihm ist, mit seinen Filmen gesellschaftlich etwas zu bewegen. Das ist natürlich auch die Hoffnung bei Gift schon weil er Dinge thematisiert, die der Öffentlichkeit bislang unbekannt sind. Das Thema war für mich ausschlaggebend, mitzumachen. Dass meine Figur widersprüchlich ist, hat auch geholfen.

Aber im Umfeld gewissenlosen Geschäftemacher ist Ihre Juliette Pribeau neben der altruistischen Entwicklungshelferin Katrin doch die philanthropische Konstante des Guten?

Weil sie in ihrem Kampf für die gute Sache nicht korrumpierbar ist, stimmt. Aber dafür opfert sie gewissermaßen die Beziehung zur eigenen Tochter. Diese Konsequenz und Strenge im Privaten ist ein Widerspruch zu ihrer Selbstlosigkeit im Beruf.

Wobei der nur bei Frauen auch kritikwürdig erscheint, während Männern in gleicher Position die Vernachlässigung der Kindeserziehung in der Regel nicht mal vorgehalten wird.

Das würde wahrscheinlich nicht groß thematisiert werden, stimmt. Aber wie es Männern in derselben Situation erginge, ändert ja nichts daran, wie strittig das Verhalten von Juliette ist. Sie nimmt einen Job in Kauf, der sie die meiste Zeit über von ihrer Tochter trennt. Gerade weil es sich dabei um eine Frau handelt, fand ich das schauspielerisch interessant.

Haben Sie selbst Kinder?

Nein.

Wären Sie andernfalls bereit, Ihr Familienleben für etwas Größeres zu opfern?

Ich kann nicht von mir behaupten, dass ich in meinem Leben Größeres vollbringe, auch nicht, mich fürs Allgemeinwohl aufzuopfern. Trotzdem glaube ich, dass man auch im Kleinen Dinge bewegen kann und dafür bin ich bereit, mein Ego hintan zu stellen. Zumindest versuche ich es. Aber das Gefühl, viel Zeit und Energie in seinen Beruf zu investieren und damit ein Opfer auf der privaten Seite zu bringen, das kenne ich schon. Denn natürlich fehlt mir diese Zeit dann für meine Freunde und für mich. Ich verzichte manchmal auf Freizeit, weil ich meinen Beruf liebe.

Ist es da eine Art Ausgleich, wenn Sie zwischen extrem harten Stoffen wie Das Wunder von Kärnten und Der letzte schöne Tag immer mal was Leichtes spielen, etwa Doctor’s Diary oder Das Sacher?

Weniger ein Ausgleich, als eine Abwechslung – die ist mir wichtig. Ich versuche Filme zu machen, die ich mir im besten Fall selber anschauen würde, und da sind Komödien auf jeden Fall dabei. Sie mögen leicht daherkommen, sind in der Machart aber oftmals schwerer als so manches Drama. Das wichtigste für mich, für jeden Schauspieler…

Ist das Drehbuch.

Genau. Und meine bisherige Erfahrung war: Man kann aus einem schlechten Drehbuch keinen guten Film machen, aber aus einem guten Drehbuch einen schlechten Film. Die Qualität eines Buchs liegt aber nicht in der Härte des Stoffs. Man kann auch aus leichten Geschichten hilfreiche Erkenntnisse fürs Leben schöpfen. Ich muss nicht zwingend leiden, um was Neues zu lernen. Umso toller finde ich es, wie Daniel Harrich es immer wieder schafft, gesellschaftskritische Themen doch auch spannend zu erzählen. Ich verstehe jeden, der sich nach einem anstrengenden Tag abends vor allem gut unterhalten lassen will. Ich hoffe, dass wir diese Zuschauer auch kriegen.

Ist das nächste, was wir von Ihnen zu sehen kriegen, daher wieder leichterer, unproblematischerer Natur?

Was ins Kino kommt, definitiv: Happy Burnout, eine Tragikomödie. Danach Hanni und Nanni und auch im Fernsehen kommt als nächstes ein tragikomischer Stoff, Am Ruder, wo ich mich als Bankräubern ausprobieren durfte. In der Zwischenzeit drehe ich einen Krimi. Es fühlt sich grad schön bunt an bei mir.

Läuft gut aus bei Julia Koschitz…

Danke, ich kann nicht klagen.


Martin Suter: Weltliteratur & ARD-Allmen

Optimismus ist immer hilfreich

Fast jeder von Martin Suters Romanen wird mittlerweile verfilmt. Mit Heino Ferch als Titelheld erwacht nun auch der nostalgische Aristokrat Allmen zu neuem Leben (29. April und 6. Mai, 2015 Uhr, ARD). Ein Gespräch mit dem 69-jährigen Bestsellerautor (Foto: Sven Teschke), einem der weltweit meistgelesenen Schriftsteller im deutschsprachigen Raum, über unvernünftigen Hedonismus, stillosen Reichtum und die Kraft der Zuversicht.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Suter, sind Sie besonders hedonistisch veranlagt, also den schönen Dingen des Lebens auch ohne Rücksicht auf alle Vernunft fröhlich zugewandt?

Martin Suter: Ich muss zugeben, dass Sie mit dieser Vermutung nicht ganz daneben liegen.

Worin zeigt sich das?

Nun, ich mag zum Beispiel schöne, also durchaus auch teure Hotels. Und offen gestanden besitze ich wie meine Romanfigur Johannes Friedrich von Allmen weit mehr Anzüge als ich unbedingt brauche, um mich bloß warmzuhalten.

Dieser formvollendete, aber leider heillos verschuldete Gentleman wirkt zumindest in der verfilmten Fassung als permanente Feier des gediegenen Geschmacks, obwohl ihn sich die Hauptfigur schon längst nicht mehr leisten kann…

Und so wirkt er auch in den Romanen. Ich mag Leute, die schöne Dinge mögen. Und Hochstapler empfand ich schon immer als besonders sympathische Figuren. Damit dürfen Sie aber nun nicht wieder Rückschlüsse auf den Autor, also meine Person ziehen.

Ist Ihr Hochstapler der Allmen-Reihe in seiner eleganten Art elitärer Noblesse aus der Zeit gefallen oder angesichts einer wachsenden Schicht finanziell sorgloser Millionäre allerorten schon wieder modern?

Er ist definitiv aus der Zeit gefallen. Schauen Sie nur mal auf die Vereinigten Staaten: Die Vulgarität, die in der Wirtschaft und Politik Einzug gehalten hat, erschreckt mich mittlerweile zutiefst. Den heutigen Millionären jedenfalls fehlt es ganz im Gegensatz zu dem im Film meistens an Stil.

Da klingt fast ein wenig Enttäuschung durch.

In der Tat. Deshalb versucht mein Johannes Friedrich von Allmen diesen Typus vergangener Epochen im Roman ja auch mit viel Hingabe zu verkörpern. Und ich finde, es gelingt ihm im Roman dabei ebenso schön wie Heino Ferch in der Verfilmung. Er wurde dafür ja nicht umsonst mit dem Hessischen Film- und Kinopreis ausgezeichnet.

Hat ihm da womöglich seine aristokratische Körperhaltung geholfen, die er sich aus Zeiten als reitender Kunstturner bewahrt hat?

So etwas kann tatsächlich nur hilfreich sein. Seine Noblesse jedenfalls lässt mich jenen Protagonisten, den ich einst beim Schreiben im Kopf hatte, nahezu vergessen. Dummerweise gab es bei diesem Filmpreis nur einen ersten Platz, denn auch die zweite Hauptfigur Carlos wird von Samuel Finzi so gespielt, wie sie literarisch gedacht war und ist.

Ist der Zweiteiler dennoch mehr Interpretation als Adaption Ihrer Bücher?

Gute Verfilmungen sind meistens mehr Interpretation als Adaption, aber hier dreht sich das Verhältnis schon ein wenig um. Ich würde sogar so weit gehen, zu behaupten: von allen Verfilmungen meiner Bücher ist die Allmen-Serie bislang nicht nur am elegantesten, sondern auch am stilsichersten.

Ihre anderen Bücher, etwa Ein perfekter Freund oder auch Der Koch, bestechen vor allem durch eine nüchterne, extrem präzise Betrachtung zwischenmenschlicher Zustände, während es bei Allmen stets funkensprühend zugeht und oft genug skurril. Wie kam es zu diesem Gattungswechsel?

Meine Romane sind meistens Würdigungen eines bestimmten literarischen Genres. Die Allmen-Reihe etwa ist eine Hommage an die Gattung der Serienkrimis. Auch, weil ich die Autoren solcher Reihen manchmal darum beneidete, dass sie nicht jedes Mal Personen und Schauplätze einführen müssen.

War die Verfilmbarkeit dabei gewissermaßen schon mitgeschrieben?

Nein, ich denke beim Schreiben niemals an die möglichen Verfilmungen. Ich baue meine Geschichten zwar gerne als Szenenfolgen auf, aber das hilft den Drehbuchautoren meistens nicht beider Arbeit. Im Gegenteil.

Atmosphärisch, vor allem aber ästhetisch wirkt das Ganze dabei wie eine Hommage an die Heist-Movies der Sechziger. Hätten Sie es auch in dieser Mischung aus James Bond, Oceans’s Eleven und Graf Yoster inszeniert?

Inszenieren ist nicht so mein Fach, bedaure. Aber ich war wirklich angenehm überrascht von der Stilsicherheit des Settings oder auch der Garderobe. Und ich freue mich über schauspielerische Leistung und Regie ebenso wie über das nostalgische Flair der Filme.

Verspüren Sie selbst diese Sehnsucht nach Nostalgie, die Thomas Bergers Regie permanent ausstrahlt?

Nein, nein. Die Allmen-Romane sind reine Fiktion und strahlen wie die Adaptionen fürs Fernsehen allenfalls die Sehnsucht nach Nostalgie des Protagonisten aus.

Was den kennzeichnet, ist seine unwiderstehliche, unverbrüchliche Zuversicht. Ist Ihnen dies beides auch zueigen?

Eine gewisse Zuversicht habe ich zum Glück schon in den Genen. Im Übrigen gilt: Ich versuche mich möglichst aus meinen Romanfiguren herauszuhalten. Aber natürlich bin ich es, der schreibt. Insofern haben alle und hat alles immer auch ein wenig etwas von mir.

Braucht es in der weltpolitischen Lage unserer Zeit mehr solcher Optimisten oder eher rationale Analytiker?

Ich glaube, Optimismus ist in diesen Zeiten immer hilfreich. Und sei er noch so unangebracht.