Christine Strobl:

Ich bin keine Zukunftsforscherin

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Seit Mai ist Christine Strobl (Foto: ARD/Laurence Chaperon), Tochter von Wolfgang Schäuble und Frau des baden-württembergischen CDU-Innenministers Thomas Strobl, Programmdirektorin der ARD. Ein Interview mit der 50-jährigen Medienmanagerin über gläserne Decken, föderale Strukturen, die Konkurrenz amerikanischer Konzerne und was wichtdiger ist: Information oder Entertainment.

Von Jan Freitag

Frau Strobl, Sie sind jetzt schon eine Weile Leiterin der ARD-Programmdirektion. Lassen Sie sich eigentlich als Frau Direktorin anreden?

Christine Strobl: Quatsch (lacht). Leute, die ich noch nicht so gut kenne, siezen mich, alle anderen duzen mich. Und ich bin hier ja auch keine Unbekannte.

Verläuft man sich dennoch gelegentlich in den Fluren dieses Verwaltungsapparates?

Wenn ich mich hier manchmal verlaufe, liegt das vor allem daran, dass ich über ein schlechtes räumliches Orientierungsvermögen verfüge. Schon in meiner Funktion bei der Degeto war ich in enger Abstimmung mit meinem Vorgänger Volker Herres, also alle paar Wochen vor Ort. Und auch sonst sind ja oft Sitzungen der ARD beim Bayerischen Rundfunk. Die Degeto war immer als wichtige Programmzulieferin im fiktionalen Bereich eng mit der Programmdirektion verzahnt.

Können Sie für Außenstehende schildern, was eine Programmdirektorin genau macht?

Die ARD ist ein einzigartiges föderales Gebilde von neun Landesrundfunkanstalten, die alle ein eigenständiges Angebot von Filmen und Serien über Dokumentationen und Nachrichten bis hin zu Quiz, Sport oder Shows redaktionell verantworten und produzieren. Wir hier in München sind für das zuständig, was diese neun Häuser gemeinschaftlich machen, also das Erste Deutsche Fernsehen und die ARD-Mediathek. Wir entscheiden zusammen mit den Redaktionen der Häuser und unseren Koordinationen, was gesendet und eingestellt wird, vernetzen die Inhalte, gewichten sie, sorgen für Präsenz in Presse und Social Media, für die Kommunikation mit den Zuschauern und sind für die für strategische Ausrichtung und Weiterentwicklung zuständig. 

Klingt volkwirtschaftlich ausgedrückt wie Nachfragepolitik, die das Angebot am Abnehmer ausrichtet.

Unsere Arbeit orientiert sich an den Vorgaben unseres Auftrags, und der lautet ganz klar: Angebote für alle Bevölkerungsschichten anzubieten und dabei zu bilden, zu unterhalten, Orientierung zu geben, einzuordnen und damit Meinungsbildung zu fördern, also zum demokratischen Prozess beizutragen. Am Ende tragen wir die Verantwortung für die Gemeinschaftsangebote der ARD.

Ist eine ARD-Programmdirektorin dennoch anders als die Degeto-Geschäftsführerin kein gestalterischer, sondern koordinierender Posten?

Auch wenn ich hier anders als bei der Degeto keine Drehbücher mehr lese, ist mein Anspruch natürlich, gemeinsam mit den Redaktionen vor Ort Programm, also Inhalte zu gestalten. Verantwortung ohne Gestaltungsmöglichkeit ist substanzlos. Verschiedene Haltungen zu programmatischen Fragen zu diskutieren und am Ende zusammenzubringen, ist allerdings jetzt für mich noch wichtiger geworden.

Haben Sie wie die Bundeskanzlerin demnach so etwas wie eine Richtlinienkompetenz?

Lustiger Vergleich. Und nein: Die Redaktionen sind – nicht nur, aber besonders in der politischen Berichterstattung – unabhängig, unterstehen also allenfalls disziplinarisch den Direktorinnen und Direktoren. Die redaktionelle Hoheit für die Tagesschau und Tagesthemen liegt bei den Kollegen von ARD aktuell und damit beim NDR. Richtlinienkompetenz gehört auch aber dort nicht zum öffentlich-rechtlichen Sprachgebrauch. Wenn etwas schiefläuft, tragen wir aber zusammen die Verantwortung, insofern auch, wenn etwas gut läuft.

Erhofft sich die ARD durch die doppelte Erneuerung in Gestalt einer jüngeren Frau als Nachfolgerin älterer Herren diesbezüglich eine grundlegende Veränderung, um nicht gar Revolution zu sagen?

Ach, meine Person ist dabei nicht so wichtig. Wir verstehen unsere Verantwortung ohnehin als Teamarbeit. Meine Kollegen, Florian Hager, der auch für die ARD-Mediathek verantwortlich ist, und Oliver Köhr als Chefredakteur, sind männlich, aber jünger als ich. Die grundlegende Veränderung betrifft ja vor allem unser Angebot und hier geht es um unser Kernthema – das deutlich veränderte Nutzungsverhalten.

Also die massive Wanderungsbewegung vom linearen zum digitalen Angebot.

Genau. Wobei die Sehdauer im Fernsehen zwar weiterhin steigt, aber eben vor allem bei eher Älteren. Das führt dazu, dass wir in bestimmten Zielgruppen mit dem klassischen Fernsehen nicht mehr relevant sein können, weil dieses Medium nicht mehr genutzt wird. Wenn ich mit 25-Jährigen übers Fernsehen rede, ist klar, dass sie darauf noch zurückgreifen, wenn Fußball läuft, die Tagesschau, der ESC und der Tatort. Ansonsten nutzen sie ihr Medienangebot zeitunabhängig über Smartphone oder Tablet. Wenn sich die Welt so verändert, müssen auch wir unsere Angebote danach ausrichten.

Und in welche Richtung?

Na ja, der schönste Zustand für uns Fernsehmacher war doch, als es exakt ein Bewegtbildangebot gab, nämlich die ARD. Das mussten alle schauen (lacht).

Und es wollten jahrzehntelang auch alle schauen.

Die meisten unserer Zuschauer zeigen sich in Umfragen sehr zufrieden mit unserem Angebot, das sie in seiner gesamten Bandbreite als hohes Gut betrachten. Demgegenüber gibt es allerdings wachsende Bevölkerungsgruppen, die diesen Schatz nicht mal kennen, geschweige denn, schätzen. Weil auch diese Gruppen uns über die Rundfunkbeiträge finanzieren, lautet unsere Grundprämisse, auch für sie Inhalte zu liefern. Unser Anspruch ist ein Angebot für alle – und das im Angesicht des sich verändernden Nutzungsverhalten.

Vor allem die auch nicht mehr ganz neue Konkurrenz der Unterhaltungskonzerne und Streamingdienste.

Mit der völlig selbstverständlichen Nutzung fast aller Zuschauergruppen von Netflix bis Amazon müssen wir uns auseinandersetzen und messen. Nicht im Nachrichten- und Informationsbereich, da stehen wir auch im Vergleich mit den Privatsendern nach wie vor gut da. Aber es muss und wird unser Anspruch sein, mit unserem fiktionalen und dokumentarischen Angebot konkurrenzfähig zu bleiben, ebenso wie zum Beispiel in der Comedy. Unsere Gesellschaftsbilder, Meinungsvielfalt, Emanzipation werden ja nicht nur durch die Vermittlung von Information und harten Fakten geprägt, sondern eben auch durch das Erzählen von Geschichten.

Also was genau heißt dann Angebot für alle?

Angebot für alle, heißt ein Angebot für alle. Grundsätzlich müssen wir unseren Auftrag für alle Gesellschaftsschichten und Milieus erfüllen.

Aber wie wollen Sie denn Leute zur ARD holen, die nicht mal mehr genau wissen, wie ein Fernseher aussieht?

Weil die nicht mehr zum guten alten Fernsehgerät zurückkehren, müssen wir dorthin, wo sich ihr Nutzungsverhalten abspielt. Dafür ist es unerlässlich, on demand Angebote wie die ARD-Mediathek so zu positionieren, dass sie mit ihrem Angebot auch auf anderen Plattformen gefunden wird. Im Ergebnis heißt das auch, dass wir in das „Produkt“ Mediathek investieren müssen und dies auch tun. Nur, wenn sie nutzerfreundlich ist und die Inhalte auffindbar sind, die die jeweiligen Nutzer interessiert, sind wir attraktiv für diese Zielgruppen. Es reicht eben nicht mehr, zu einer bestimmten Zeit Programm abzuspielen und darauf zu warten, dass viele Zuschauer dazu stoßen. Wir müssen dort sein, wo die Nutzung stattfindet und in der Qualität, die dort State of the Art ist, also auf den Smartphones mit Apps und so weiter. Das kostet natürlich Geld.

Von dem die Öffentlich-Rechtlichen ja auch nicht wenig haben…

Das stimmt, aber Sie wissen ja auch, welche Millionenbudgets im Zweifel hinter jeder Netflix-Dokumentation stehen, von fiktionalen Serien ganz zu schweigen! Da bereiten uns die Zusammenschlüsse großer amerikanischer Konzerne schon Sorge.

AT&T kauft TimeWarner, Disney kauft FOX, Amazon kauft MGM.

Und da weiß man doch, mit welcher Marktmacht die auch den deutschen Markt überschwemmen können. Das ist für nationale Anbieter wie uns natürlich herausfordernd.

Begegnet die ARD der Gefahr, indem sie Angebote für den deutschsprachigen DACH-Raum macht oder mit international anschlussfähigen Formaten wie Babylon Berlin die Welt im Blick behält?

Ich halte es sogar für zwingend notwendig, auch international ausgerichtet zu sein. Andernfalls berauben wir uns wichtiger Kooperationsmöglichkeiten. Babylon Berlin zum Beispiel war nicht nur eine Zusammenarbeit mit Sky, sondern Firmen wie Beta Film, die daran glaubten, dass sich eine deutsche Serie in deutscher Sprache aus deutscher Produktion in über 100 Ländern verkaufen lässt. Dadurch hatten wir Geld zur Verfügung, das im heimischen Markt gar nicht vorhanden war – mit dem Ziel vor Augen, Geschichten auf Deutsch in die Welt zu tragen und damit deutsche Geschichte aus unserer Sicht zu erzählen. Denn es macht schon einen Unterschied, ob wir mit unseren Kreativen, unseren Produzentinnen und Produzenten und unserer Schauspielerriege das Berlin der 1920er Jahre zum Leben erwecken oder amerikanische, gar russische Produzenten.

Weil sich die ARD diesbezüglich für historisch verantwortungsvoller hält?

Naja, ich glaube, weil wir historisch zuständiger, also näher dran sind. Der Anspruch als überzeugte Europäer sollte es sein, unsere Geschichte, aber auch unsere Vorstellungen von Gesellschaft und Demokratie selbstbewusst zu verkaufen.

Aber können Gebührenzahler nicht erwarten, dass sie im Mittelpunkt Ihrer Programmplanung stehen und nicht der globale Markt?

Absolut! Unsere Aufgabe ist es nicht, Programm fürs Ausland zu produzieren. Das schließt aber doch nicht aus, Look and Feel deutscher Koproduktionen auf internationalem Niveau zu machen und unsere Geschichten, die wir für das deutsche Publikum erzählen, auch in die Welt zu schicken.

Heißt das im Umkehrschluss, unter Ihrer Führung macht die ARD mehr Babylon Berlin und weniger Um Himmels Willen?

Ganz unabhängig vom anstehenden Urteil des Bundesverfassungsgerichts über die Erhöhung des Rundfunkbeitrags müssen wir uns da ehrlich machen: Die Mittel, die uns für Programm zur Verfügung steht, sind endlich. Es gilt einerseits, durch internationale Kooperationen wie Babylon Berlin mit dem Produktionsniveau von Netflix konkurrenzfähig zu sein, wir brauchen aber andererseits genauso Unterhaltungsserien wie Um Himmels Willen oder auch Charité. Wir wollen für alle Zielgruppen relevant bleiben.

Während meine Eltern den klassischen Fernsehkonsum der Achtzigerjahre an mich vererbt haben, haben meine Kinder keinerlei Bezug mehr zum linearen Programmangebot. Ohne pietätlos wirken zu wollen: Stirbt mit der Generation Um Himmels Willen irgendwann nicht das Fernsehen als Ganzes aus?

Ich bin keine Zukunftsforscherin, glaube aber, dass der Bedarf nach klassischem Fernsehangebot länger überleben wird als vielerorts befürchtet. Zugleich ist mir allerdings bewusst, dass die Zahl derer, die woanders nach Unterhaltung und Information suchen, langfristig immer weiter ansteigt. Um das eine zu tun und das andere nicht zu lassen, braucht die ARD-Mediathek also ein eigenständiges, ein anderes Angebot. Sie mit 90 Prozent des linearen Angebots zu füllen, wird langfristig nicht reichen, um jüngere Zielgruppen an uns zu binden.

Heißt das auch, mehr Informations- und Nachrichtenformate eigens fürs Internet zu produzieren?

Wir haben ja schon heute mit der ARD-Mediathek und hier dem Angebot der Tagesschau aktuelles Informationsprogramm bewusst in den Vordergrund gestellt, das unterscheidet uns von den Streamern und anderen Anbietern. Im Übrigen natürlich auch über die App. Und es gibt schon heute Informationsprogramme bei funk, die ausschließlich fürs Internet entstehen. Diesen Weg werden wir konsequent weitergehen, und am Ende wird es auch Nachrichtenformate eigens fürs Internet geben. Entsprechendes Informationsprogramm wie Dokumentationen, die für die ARD-Mediathek entstehen, soll es zeitnah geben.

Welche lizenzrechtlichen Belange müssen Sie bei der Erstellung eigener Inhalte fürs digitale Programm berücksichtigen?

Lizenzen müssen sie erwerben, und die sind im Zweifel teuer, denken Sie an Serien und Sport. Der Gesetzgeber hat uns zudem weitere Beschränkungen auferlegt; amerikanische Serien dürfen wir gar nicht und europäische nur für eine beschränkte Verweildauer einstellen.

Wie gehen Sie angesichts dieser Entwicklung zur Mediathek als zentrale Abspielplattform mit Kritik von der FDP um, dass sich ARD und ZDF ganz aus der Unterhaltung zurückziehen sollten?

Unsere Kritiker vergessen dabei gerne, dass unser Auftrag explizit Unterhaltung beinhaltet. Davon abgesehen hat jeder das Recht, sich gut unterhalten zu lassen. Auch bei der Unterhaltung kann ich im Übrigen klare Unterscheidungen zu den Privaten erkennen. Wir setzen auf Sendungen wie „Klein gegen Groß“ und lassen dort die Protagonisten selbst im Wettkampf mit Respekt und Wertschätzung für die Leistung begegnen. Wir setzen niemanden herab oder wollen ihn auch nicht bloßstellen, wie ich es bei einigen Angeboten der Privaten durchaus beobachte. Als jemand, der ursprünglich vom Kinderfernsehen kommt und dort gelernt hat, wie früh Menschen durch Bewegtbilder geprägt werden, ist mir dieser respektvolle Umgang sehr wichtig. Soziale Kompetenzvermittlung ist auch etwas, dem wir verpflichtet sind.

Und wie wird die idealerweise vermittelt?

Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen sehr klar, wie sehr es Kinder, aber auch Erwachsene beeinflusst, wenn sämtliche Helden Männer sind oder selbst geschlechtsneutrale Figuren maskuline Stimmen haben. Oder nehmen Sie die Biene Maja…

Früher eine geruhsame Comicfigur.

Heute vor allem nicht mehr mit dickem Bauch, sondern Wespentaille. Fernsehen muss sich an dieser Stelle seiner Verantwortung bewusst sein, und ich bin froh, dass wir den KiKa an dieser Stelle haben. Aber auch darüber hinaus müssen wir darauf achten, das Thema Diversität in all seinen Facetten ernst zu nehmen; Frauen in Führungspositionen oder Handwerksberufen etwa müssen bei uns genauso selbstverständlich vorkommen wie Moderatorinnen im Fußball. Da haben wir ja gerade mit Esther Sedlaczek eine neue tolle Kollegin hinzugewonnen, die ihren Einstand bei der ARD direkt bei der EM feiert. Dem Thema Diversität insgesamt gerecht zu werden, ist öffentlich-rechtlicher Anspruch.

Allerdings ohne erhobenen Zeigefinger.

Absolut, der hilft niemandem.

Wie erklären Sie da, dass das Image öffentlich-rechtlicher Information hervorragend sein mag, das der eigenen Fiktion aber trotz einiger Leuchtturmprojekte miserabel?

Diese Einschätzung teile ich weder noch kenne ich sie. Wo ich Ihnen recht gebe, ist, dass wir gerade für jüngere Zielgruppen noch zu wenig fiktionale Angebote haben. Aber zum Beispiel mit All you need ist ein Anfang gemacht.

Eine Serie über Homosexueller in Berlin, die sich mal weniger um Diskriminierung und Emanzipation dreht als um Freundschaft und Spaß.

Die Serie ist speziell auf die Mediathek zugeschnitten. Wir sind zwar in den Hauptsendezeiten klar vor den Privatsendern, aber wir müssen auch für Jüngere im Netz erkennbar bleiben.

Aber warum nutzen Sie diesen Vertrauensvorschuss nicht dafür, All you need mal in der Donnerstagsprimetime zu zeigen, anstatt es in der Mediathek zu verstecken?

Weil die Mediathek in meiner Vorstellung nichts versteckt, sondern im Gegenteil gleichberechtigt ist und wie die lineare Primetime Highlights braucht. Deshalb wird die Mediathek unter der gemeinsamen Leitung von Florian Hager und Oliver Köhr Mittel erhalten, um dem veränderten Anforderungen noch gerechter zu werden.

Trotzdem bleibt die Frage nach dem mangelnden Mut, auch die Kernzielgruppe über 60 mal mit so etwas zu fordern.

Wir wollen niemanden erziehen, niemandem etwas abfordern. Das ist nicht unsere Aufgabe. Wir machen Angebote und mit der Mediathek können diese zielgruppenspezifischer ausfallen. Im Übrigen: Unterschätzen Sie mir das ältere Publikum nicht. Auch Ältere suchen und finden ihre Inhalte in der Mediathek heute völlig selbstverständlich.

Klingt, als hätte Ihr Vorgänger Volker Herres am falschen Ende gespart…

Nein. Er hat ja die Entwicklung bereits eingeleitet und wichtige Strukturen geschaffen. Die möchten wir nun mit Leben füllen. Das dauert eben. Daneben müssen sich die Kolleginnen und Kollegen in Mainz, die bei ARD online für das Produkt zuständig sind, auch um die Usibility der Plattform, ihre Bedienungsfreundlichkeit, kümmern. Ich bin mir sicher, wenn wir uns in zwei Jahren hier zum Gespräch treffen, werden Ihre Fragen nicht mehr unterstellen, die Mediathek sei ein Versteck.

Na ja – Volker Herres hatte zwar gebetsmühlenartig wiederholt, Dokumentarfilmern sei es egal, zu welcher Zeit sie wo laufen. Aber wann immer man die fragte: jeder, wirklich jeder versicherte, liebend gern in der ARD-Primetime laufen zu wollen, aber die sei nun mal mit Krimis verstopft. So egal scheint 20.15 Uhr im Ersten nicht zu sein…

Das Fernsehen wird bekanntermaßen am Abend am intensivsten genutzt, im Radio ist es anders, dort wird die Morgenstrecke am meisten genutzt und in der Mediathek finden die Inhalte die größte Beachtung, die wir beim Seitenaufruf ganz oben, auf der sogenannten „Stage“, haben. Volker Herres‘ Ansatz war der, wenn fünf Millionen Zuschauer die Krimireihe nach der Tagesschau sehen wollen…

Genau da sind wir wieder beim Thema Angebots- oder Nachfragepolitik: vorm Entstehen der Mediatheken gab es um 20.15 Uhr im Ersten soziokulturell relevante Dokumentationen ohne Tiere, aber mit Millionenpublikum! Heute starrt die ARD wie das Kaninchen vor der Schlange auf Sehgewohnheiten und programmiert lieber erfolgreiches als anspruchsvolles Programm.

Da unterstellen Sie, Anspruch und Erfolg beim Publikum seien Gegensätze. Das ist mir zu hypothetisch. Da reden wir eher über Geschmack und Macharten: Ich will nicht einfach nur zeigen, was gefällt, sondern auch anspruchsvolle Themen so erzählen, dass wir damit möglichst viele ansprechen und gewinnen, sich damit auseinanderzusetzen.  Ich wurde bei der Degeto oft gefragt, ob man Freitagabend den Tod erzählen darf. Klar darf man das, kommt nur drauf an, wie. Komödie ohne Fallhöhe funktioniert auch nicht. Lineares Fernsehen bedeutet, zu einer bestimmten Zeit eine Verabredung mit dem Zuschauer einzugehen, und natürlich müssen wir die Bedürfnisse dieser um diese Uhrzeit ernst nehmen. Alle anderen können zeitunabhängig aus einem bunten Angebotsreigen auswählen. Aber an der Unterscheidbarkeit des Angebots gegenüber dem klassisch linearen Programmangebot müssen wir noch massiv arbeiten.

Heißt dieses massive Arbeiten auch, die Mediatheken von ARD und ZDF mit Arte, 3sat, One und Neo zusammenzulegen?

Arte-Inhalte sind seit einigen Wochen bereits in der ARD-Mediathek integriert, aber weiterhin klar als Produktionen von Arte erkennbar. Wir wollen einerseits eine möglichst barrierefreie Navigation durch das öffentlich-rechtliche Angebot, aber auch die Pluralität und die eigenständigen Programmangebote erhalten. Wenn ich den Intendanten des ZDF, Herrn Thomas Bellut, richtig verstanden habe, geht es auch ihm darum, die „User Journey“ technisch zu vereinfachen, ohne die inhaltliche Unterschiedlichkeit zwischen ARD und ZDF zu verwischen.

Bereitet es Ihnen da Sorge, dass Privatsender wie ProSieben gestandenes ARD-Personal wie Linda Zervakis oder Matthias Opdenhövel abwerben, um ihr Nachrichtenportfolio zu stärken?

Konkurrenz finde ich immer gut, sonst droht die Gefahr, träge zu werden. Deshalb schätze ich auch die des ZDF besonders im journalistischen Bereich sehr. Und wenn Sender wie ProSieben oder RTL jetzt mit ARD-Leuten auf Informationskompetenz setzen, spricht das zunächst mal für uns und unsere Leute, die hier Glaubwürdigkeit und Expertise erhalten haben. Aber natürlich geht ein Sender wie ProSieben die Themen völlig anders an als wir. Ich würde nie so weit gehen, einer politischen Führungskraft nach dem Interview Beifall zu klatschen. Aber wir blicken neugierig auf die Nachrichtenoffensive der Privatsender und sind selbstbewusst genug, das einordnen zu können. Über 40 Prozent Informationsanteil bei uns im Vergleich zu knapp 20 bei den Privaten können sich, glaube ich, sehen lassen. Aber da, wo wir was lernen können, sollten wir es auch tun.

Was zum Beispiel?

Auch hier: die Ansprache junger Menschen. Wie nähert man sich Erstwählern? Wie sieht das Rahmenprogramm dieser Berichterstattung aus? Arbeitet man vielleicht mal mehr mit Musik oder anderem Schnitt? Ganz grundsätzlich gilt aber auch, dass ProSieben überrascht, wenn dort die grüne Spitzenkandidatin interviewt wird, von ARD und ZDF erwartet man das. Mit unserer Informationskompetenz können wir niemanden überraschen.

Aber sollte ProSieben seine Nachrichtenkompetenz verstetigen und state of the news art werden – ist die ARD in der Lage und bereit, sich diesem Zeitgeist anzupassen?

Bei allem Respekt vor den Privaten und ihrer Arbeit: ob ProSieben seinen aktuellen Kurs verstetigt oder das Ganze doch eher ein Marketing-Instrument bleibt, warten wir mal ab. Erstens. Zweitens sehe ich bei allem Respekt die großen amerikanischen Medienkonzerne, die mit sehr viel Geld und internationalem Einfluss in den deutschen Markt drängen, als Hauptkonkurrenz im Kampf um Aufmerksamkeit – weniger RTL oder ProSieben. Und drittens finde ich es absolut erstrebenswert, im Bereich harter Fakten tendenziell eher seriös als lässig rüberzukommen – auch wenn das eine das andere nicht ausschließen muss. Aber das machen wir schon seit Jahren.

Womit genau?

Mit Townhall-Meetings zum Beispiel, in denen wir vor Wahlen als Erste im deutschen Fernsehen Politiker mit Bürgerinnen und Bürgern und ihren Fragen konfrontiert haben. Wir haben für diese Wahl auch für die Mediathek ganz neue Angebote, mit denen wir speziell Erstwählern ein spannendes Angebot bieten wollen. Stimmst du? ist so ein multimediales Angebot, ein Instagram-Format mit einer Staffel von Bewegtbild-Content in der ARD-Mediathek. Die Protagonisten greifen in unterschiedlichen Regionen Deutschlands jede Woche ein politisches Thema auf, sammeln Erfahrungsberichte und zeigen Lösungsansätze der zur Wahl stehenden Parteien auf. Sound of Germany ist ein Roadmovie für die ARD-Mediathek. Olli Schulz nutzt die Musik, um mit Menschen an unterschiedlichsten Orten ins Gespräch zu kommen. Er spricht mit Rappern über ihre Texte, geht auf ein Techno-Event und trifft Klaus Meine. Die Frage der dreiteiligen Reihe: Wie klingt Deutschland?

Wie ist es mit denjenigen, die sie nicht wegen ihres Alters, sondern der Ansichten verloren haben – Querdenker zum Beispiel oder AfD-Wähler?

Das ist eine extrem schwierige Herausforderung. Die Ablehnung sogenannter Systemmedien ist ja nicht Teil einer sachlichen Auseinandersetzung, sondern hat zum Teil einen Kampagnencharakter, den einige Medien sogar unterstützen. Als beitragsfinanzierte Sender haben wir den Vorteil, aber auch die Verantwortung, uns auch offensiv gegen populistische Vorwürfe zur Wehr zu setzen. Wir müssen aber eigene Fehler explizit auch im Bereich Social Media vermeiden und falsche Vorhaltungen per Faktencheck widerlegen. Wir müssen uns nicht alles bieten lassen, dafür aber auch wehrhaft in Debatten einsteigen.

Heißt das auch, Rechtspopulisten in Talkshows einzuladen?

Sofern sich Rechtspopulisten diesseits der Brandmauern menschenverachtender, strafrechtlich relevanter Aussagen und Taten bewegen, schon. Natürlich müssen wir da aufpassen, wem wir eine Plattform zur Verbreitung kruder Thesen geben. Aber da vertraue ich unseren Redaktionen.  Es ist aber sicher ein ständiger Abwägungsprozess, der nicht einfach ist.

Der auch in den Gremien dieses föderalen Organismus ARD entschieden wird. Wissen Sie, wie viele Menschen darin arbeiten und von Ihren Entscheidungen abhängig sind?

Es gibt natürlich viele Gremien der Landesrundfunkanstalten. Für die Gemeinschaftsprogramme der ARD ist der Programmbeirat zuständig, der uns inhaltlich kontrolliert. Die sogenannte Gremienvorsitzendenkonferenz ist zudem für die grundsätzliche und strukturelle Ausrichtung aller gemeinsamen Programminitiativen der ARD zuständig. Das sind in der Summe knapp vierzig Personen.

Und wie hoch ist der Frauenanteil?

Das schwankt immer wieder, weil ja die Verbände, Gewerkschaften, Kirchen, Regierungen ihre Mitglieder entsenden. Aber es sind meines Erachtens keine 50%.

Gibt es bei der ARD noch Männerbünde und gläserne Decken?

Allein die Tatsache, dass wir beide darüber reden, zeigt – wie die Tatsache, dass ich als erste Frau auf dieser Position bin – ja, dass es noch ein Weg bis zur Gleichberechtigung ist. Aber wir haben jetzt vier Intendantinnen, so viele wie wahrscheinlich noch nie in der Geschichte der ARD – und ab 2022 mit Frau Schlesinger eine starke ARD-Vorsitzende. Ich glaube fest daran, dass das etwas bewirkt. Mir persönlich macht es ja auch mehr Freude, wenn in den Sitzungen mehr als eine Frau mit am Tisch ist. Wir halten da auch ganz gut zusammen, das tut wirklich gut. Trotzdem sind wir noch nicht da, wo wir sein sollten, und ich empfinde das explizit als meine Aufgabe, daran weiterzuarbeiten – besonders natürlich im unmittelbaren Einflussbereich.

Sind Sie diesbezüglich eine Netzwerkerin?

Ja.

Auch ein Quoten-Fan?

Wenn weibliches Netzwerken – übrigens gern gemeinsam mit Männern – nichts bringt und die gläserne Decke hält, bin ich am Ende auch für die Frauenquote. Aber lieber wäre mir, wir würden es ohne schaffen.

Hatten Sie selber je das Gefühl, benachteiligt zu sein?

Nein. Umso mehr habe ich in der Verantwortung gelernt, wie selten das für viele Kolleginnen gilt. Deshalb sehe ich mich in meiner Position auch in der Pflicht, das zu verändern – etwa durch die noch bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf für Führungskräfte, aber auch durch die gezielte Förderung von Frauen. Da haben wir als Öffentlich-Rechtliche eigentlich gute Möglichkeiten, müssen sie aber auch nutzen.

War Ihr familiärer Hintergrund als Wolfgang Schäubles Tochter und Mann des Baden-Württembergischen CDU-Landesvorsitzenden mit eigenem Parteibuch dabei je hinderlich oder förderlich?

(lacht) Darum kann es ja nicht gehen. Familiärer Hintergrund oder die Mitgliedschaft in einer Partei darf in meinem Job nie eine Rolle spielen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass das immer, wenn ich in der Vergangenheit meinen Job gewechselt habe, auch durchaus kritisch kommentiert wurde. Es ist mir am Ende der jeweiligen Aufgabe dann, glaube ich, aber auch immer gelungen, dass das niemand mehr thematisiert hat. Ich habe bei der Degeto in neun Jahren 1900 Filme verantwortet, da steht die Arbeit am Ende für sich und ist auch überprüfbar.

Aber eben auch für Haltungen, Meinungen, Sichtweisen.

Die habe ich wie jeder Mensch, bin aber nicht nur in der CDU oder in der katholischen Kirche, sondern beim DJV, im Museumsverein oder in Umweltverbänden. Wichtig ist, dass meine private Haltung nicht meine Arbeit beeinflusst – so ist mein Verständnis journalistischer Standards, die für alle gelten müssen. Dass ich dennoch einer besonderen Aufmerksamkeit unterliege, finde ich nachvollziehbar undvöllig in Ordnung. Ich fühle mich dadurch aber eher herausgefordert als gestresst.


Ralf Schmitz: Punchline & Paar Wars

Ralf Schmitz stellt Paare auf die Probe in "Paar Wars"

Krieg unter Paaren

Comedian Ralf Schmitz (Foto: Boris Breuer) entwickelt sich gerade zum Beziehungsexperten. Nach der RTL-Datingshow Take Me Out moderiert er nun Paar Wars bei Sat1. Ein Gespräch über Alltagskomik, Katzenfimmel, Paartherapie und ob er mal Kanzler werden will.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Schmitz, der Name Ihrer neuen Sat1-Beziehungsshow Paar Wars klingt ganz schön martialisch.

Ralf Schmitz: Jetzt, wo Sie’s sagen.

Ist das nur eine tolle Punshline oder ernst gemeint?

Beides. Es ist ein Krieg unter Paaren, aber im humoristischen Sinne. Die kämpfen schon richtig gegeneinander ums Preisgeld, aber auch untereinander um Teamfähigkeit, Stressresilienz, Verständnis, Vertrauen. Wer all das mitbringt, kommt weiter – in der Show wie in der Beziehung.

Klingt wie eine paartherapeutische Mischung aus Ulla Kock am Brinks 100.000-Mark-Show und Jürgen von der Lippes Geld oder Liebe?

Ach, Ähnlichkeiten gibt es im Showgeschäft immer wieder, aber diese hier sind ja doch ganz schön lang her, um nicht uralt zu sagen. Paare mussten sich im Fernsehen schon oft unter Beweis stellen, allerdings häufig eher akrobatisch. Bei uns offenbaren Paare, ob und was sie sich vormachen, voneinander wissen oder nur zu wissen glauben. Es geht also um Klischees, aber auch Überraschungen und ist daher keine Paartherapie mit Tiefenanalyse, sondern eine Beziehungsshow mit Humor.

Spätestens da käme dann Ralf Schmitz ins Spiel, der als Comedian Expertise in Sachen Alltagskomik mitbringt und als Moderator die RTL-Show Take Me Out moderiert.

Moderierte. Ich habe mich entschlossen, ein paar Formate wie dieses hier gemeinsam mit Sat1 und meinem Team zu entwickeln, und Take Me Out deshalb kürzlich beendet. Mir ist ja immer sehr wichtig, Menschen vor der Kamera auf Augenhöhe kennenzulernen. Es könnte also sein, dass die Verantwortlichen mich als spontanen, freundlichen, schlagfertigen Komiker mit Stand-up- und Paarshow-Erfahrung wollten, aber das müsste man die fragen.

Was außerdem hilfreich sein kann, sind – um mal von hinten durch die Brust ins Auge ein bisschen Gossip abzufragen – persönliche Beziehungserfahrungen…

(lacht) netter Versuch!

Bislang schaffen Sie es gut, Ihr Privatleben abgesehen von Ihrem Katzenfimmel vollständig aus der Öffentlichkeit herauszuhalten.

Katzenfimmel?! (lacht laut) Das hat sich noch niemand getraut, super.

Immerhin sind Sie 2008 mit einem Buch über ihre Katze durch alle Talkshows getingelt.

Trotzdem bin ich kein Freak mit 18 Stück, aber in der Tat ein katzenaffiner Mensch.

Sind Sie denn auch ein frauenaffiner Mensch und können bei der Moderation ein wenig aus dieser Lebenserfahrung schöpfen?

Nicht mehr oder weniger als andere Menschen mit mehreren Beziehungen im Leben, aber natürlich trägt man den privaten Kosmos als Komiker immer auch ein bisschen mit rein ins Berufliche. Für mich zum Beispiel war es in Beziehungen stets wichtig, das Gespräch zu suchen, Kompromisse, Fehler zu akzeptieren und authentisch zu bleiben, sich und der Partnerin nichts vorzumachen. Als Kandidat meiner eigenen Show wären das schon mal ganz gute Voraussetzungen.

Würden Sie die denn dann tendenziell gewinnen, Ihrem hohen Anspruch als Moderator also auch selber genügen?

Mit einigen meiner bisherigen Partnerinnen vermutlich schon. So wahnsinnig viele Beziehungen hatte ich gar nicht, aber mit der ersten wäre das womöglich schwieriger. Die Show wäre jedenfalls ein guter Gradmesser.

Obwohl sie nicht müde werden, den paartherapeutischen oder zumindest -analytischen Ansatz hervorzuheben, bleibt sie am Ende aber doch leichte Unterhaltung. Gibt es dafür, angesichts der katastrophalen Situation in aller Welt, gute und schlechte Zeiten?

Ich finde ja, aber gute Unterhaltung, egal ob leicht oder schwer, hat immer ihre Berechtigung. In guter Zeit sowieso, weil sie das Lebensgefühl widerspiegelt. In schlechter Zeit sogar noch mehr, weil sie für ein paar Stunden die Möglichkeit zum Abschalten schafft. Das darf man nicht unterschätzen.

Meinen Sie, das Angebot des Fernsehens steuert die Nachfrage der Zuschauer diesbezüglich bewusst?

Oh, das setzt zum einen voraus, dass es das Fernsehen gäbe. Zum anderen sind die Prozesse von der Idee bis zur Ausstrahlung einer Fernsehsendung viel zu lang, um auf aktuelle Befindlichkeiten reagieren zu können. Eine Spendengala wie die, bei der ich auf Sat1 für die Flutopfer mitgeholfen habe, ist da was anderes; das geht als direkte Antwort spontan. Aber das dank der Katastrophen und Krisen in aller Welt jetzt plötzlich mehr oder weniger Unterhaltung entsteht, glaube ich nicht. Trotzdem ist gutes Entertainment auch als Antwort auf den grassierenden Zynismus überall gerade wichtiger denn je.

Wie ist es denn mit Ihnen als Komiker: Empfinden Sie angesichts der Welt am Abgrund das Bedürfnis, ihr lustiges Alltagsallerlei um etwas Politik zu erweitern?

Das kann ich nicht ausschließen, aber jeder muss letztlich das tun, was in ihm steckt. Und es gibt bereits genügend ganz wunderbare Kabarettisten, Satiriker, auch ein paar Comedians, die das hervorragend können. Ich sorge eher für die Auszeit vom Abgrund, da liegt mein Talent. Wer weiß – wenn es mich irgendwann kitzelt und ich es mir zutraue, werde ich vielleicht auch mal politischer. Momentan aber gucke ich den Menschen lieber aufs Herz als ins Gewissen. Ohne mich mit ihm vergleichen zu wollen, Gott bewahre…

Loriot!

Der hat auch lieber den Menschen beim Menschsein zugesehen als es politisch zu analysieren.

Wobei seine Kunst darin bestand, den Leuten durch scheinbar harmlose Beschreibung ihre bürgerlichen Abgründe aufzuzeigen.

Unter anderem. Abzüglich seiner Einzigartigkeit möchte ich das auch.

Stichwort Berufsperspektiven: In letzter Zeit haben Komiker in Ländern wie Island, Italien, der Ukraine sogar politisch Karriere bis hoch zum Staatspräsidenten gemacht. Wäre das was für Sie?

(lacht) Spannende Idee, aber nein. Das ist nix für mich. Wir alle denken ab und zu, wenn man mich nur ließe, dann… Abgesehen von mangelnden Nehmerqualitäten, bestünde mein Problem aber schon darin, dass ich dazu neige, Dinge zügig umsetzen zu wollen. Nicht hektisch, wohlgemerkt, auch wenn ich so rede; aber schnell und vor allem gründlich. Das ist der politischen Entscheidungsfindung fremd. Bei all den Stöcken, die einem in der Politik zwischen die Beine geworfen werden, hätte ich außerdem nach drei Jahren einen Herzinfarkt. Damit wäre ja auch niemandem gedient.


Fritz Wepper: Schwiegersohn & Grantler

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Humor ist auch Selbstironie

Er ist Harry Klein und dessen Parodie, verhinderter Hollywoodstar und Schnulzenschauspieler, ewiger Schwiegersohn, alternder Dickschädel und für kurze Zeit angeblich rechtsradikal. Fritz Wepper (Foto ARD/Barabara Bauriedl) war schon immer von Vorurteilen bedroht, die er sich nicht selten selbst eingebrockt hat. Beim Gespräch über ältere Rollenprofile und falsche Ehrendoktorwürden aber zeigte er sich vor 15 Jahren aufgeschlossen und freundlich. Die Dokumentation eines alten Interviews zum 80. Geburtstag.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Wepper, Sie waren bis ins hohe Erwachsenenalter hinein auf den Typ juveniler Traumschwiegersohn abonniert, bis Sie plötzlich auf alternde Grantler und Dickköpfe gebucht wurden.

Ein bisschen. Das erklärt sich aus der professionellen Sicht des Schauspielers; man nennt es Charakterfach.

Das Fernsehen erweckt insgesamt den Eindruck, als übernähmen alternde Darsteller vor allem den halsstarrigen Part einer Geschichte.

Ich empfinde das nicht ganz so, aber wenn ich den lieben Gott oder den Teufel spielen sollte, dann doch lieber den Teufel. Nicht aus Sympathie For The Devil, der Förster vom Silberwald wäre mir jedoch zu glatt. Beim Faust würde mich der Mephisto mehr reizen. Es gibt Helden oder Bösewichter, dazwischen bewegt sich das klassische Theaterfach älterer Figuren mit mehr Lebenserfahrung als die Schwiegersöhne von damals. Das ist reizvoll, weil sie innerhalb der Geschichte Entwicklungen durchmachen. Sei es eine Läuterung, sei es ein Erfahrungsgewinn, meistens ausgelöst von Partnern oder in diesem Fall der Tochter.

Dickköpfigkeit ist also keine Frage des Alters, sondern der Biografie.

So würde ich das sehen. Ich habe ja im Film ein fortgeschrittenes Alter und stehe von einem Tag auf den anderen ohne Beruf da. Ein leidenschaftlicher Gärtner, der mit den Händen denkt, gern wachsen sieht und plötzlich von einem Großmarkt des amerikanischen Systems verdrängt wird. Das entspricht der Situation von vier Millionen Menschen in unserem Land. Wobei sich ja ein Silberstreif am Horizont abzeichnet. Dennoch zeigt sich, dass nicht jeder unbedingt seines Glückes Schmied ist und so ein sozialer Absturz in einer spätkapitalistischen Phase ist gar nicht so einfach.

Das spricht gegen den Titel Ein unverbesserlicher Dickkopf.

Der Titel ist okay, aber unverbesserlich klingt zu starrhalsig und Dickkopf zu stumpf, beschreibt er doch nur die Richtung der Figur, die ja ihre Chancen nutzt, dazuzulernen. Wenn man mit dem Kopf durch die Wand will, tut es spätestens bei der ersten Berührung weh.

Sie haben sich selbst als sturköpfig bezeichnet, weil sie im Gespräch – etwa mit Ihrer Tochter – gern auf ihrer Position beharren.

Aber das heißt ja nicht unbedingt stur. Unterschiedliche Ansichten sind nichts Verwerfliches; ein Herz und eine Seele zu sein, erklärt sich nicht darin, dieselben Gedanken zu denken, gerade wenn es sich um zwei Generationen handelt. Eltern verhalten sich zum Beispiel anders zu ihren Kindern als Großeltern, bei aller Liebe. Bei meiner Großmutter hätte ich im Bereich des Verträglichen alles tun können. Wie bei Freunden, wo man einen Riesenkredit hat, ihn aber gar nicht abhebt, ohne Druck, ohne erhobenen Zeigefinger. Eltern müssen strenger sein und ich bin immer noch das Kind meiner Mutter und nicht Fritz, sondern Fritzi. Die ist zwar 88 aber das bleibt so.

Eltern hassen Großeltern oft für deren Nachsicht mit den Enkeln.

Bei uns ist das nicht so und es ist ja auch kein Konkurrenzunternehmen. Meine Tochter geht einmal in der Woche mit meiner Mutter zum Essen und das finde ich als Vater toll. Deshalb sehe ich mich nicht als Dickkopf, wenngleich es wenig schmeichelhaft ist, sich belehren zu lassen. Auch im Alter bin ich lernfähig, wie im Golf, wo man sich immer verbessern kann.

Vor über 30 Jahren hatten Sie mal die Gelegenheit, sich beruflich zu verbessern: Nach der Rolle Cabaret stand Ihnen der Weg nach Hollywood offen.

Ich hatte eine Einladung zur Oscar-Verleihung und mein TV-Produzent hat mich nicht fahren lassen, was ich ihm heute noch übel nehme. Aber es gab eine Nachlese. Die MCA, Amerikas größte Agentur, eigentlich acht Anwälte, haben mir ein Stück am Broadway und zwei Filme angeboten. Das war im Mai 1972 und ich sagte, ich hätte noch einen Vertrag für dieses Jahr und eine Option aufs nächste. Ich bin so doof, ich halte meine Verabredungen immer ein, und die sagten nur: Okay, forget it. Das war der härteste Satz, den ich in meinem Berufsleben je hören musste. Damals war ich 31 und wäre selbst in dem Bewusstsein gern nach Hollywood gegangen, dass man keine Hauptrollen kriegt und meistens den Deutschen spielt.

Bereuen Sie es heute?

Nein, denn es war wie es war. Und echten Mutterwitz kann man ohnehin nur zuhause spielen. Auch die Körpersprache muss genetisch angewölft sein. Ich hätte nie an Walther Matthau und Jack Lemmon herangereicht.

Dafür muss man Muttersprachler sein.

Es ginge auch mit deutschem Akzent, aber die Selbstsicherheit, die professionelle Gelassenheit, kannst du nur bringen, wenn du dir der Mittel, deines Handwerks sicher bist. Die Sprache zu betonen, zu ironisieren, dafür musst du deiner Sprache absolut mächtig sein. Das ist eine Mentalitätsfrage.

Denken Sie heute manchmal an damals?

Ja, jetzt wo Sie es sagen (lacht). Nein, ich wache nicht nachts auf und grüble. Das ist abgehakt, auch wenn es eine knallharte Lektion bleibt: Forget it, kalt formuliert, aber that’s New York und die Branche und nicht drum rum geredet. Hier kriegst du ja den Mund manchmal nicht auf, weil dir so viel Honig um den Bart geschmiert wurde. Und ein bisschen mitspielen durfte ich danach ja auch noch.

Gab es andere Dinge, die Sie bereut haben. Etwa, so lange im Serienfach zu bleiben?

29 Jahre, um genau zu sein. Nein, denn ich hab ja zwischendurch was anderes gemacht. Außerdem gibt es viele Krimiformate, aber anscheinend haben wir die Frage, wo waren Sie letzte Nacht, besser gefragt als andere, sonst wären wir mit Derrick nicht in 102 Länder verkauft worden. Es gibt eben phänomenale Konstellationen wie mit dem Autor Herbert Reinecker. Es gab unlängst eine Fritz-Wepper-Nacht auf Premiere.

Ist nicht wahr?

Doch, mit Zwei Brüder, Derrick und der Persiflage von Harald Schmidt – Harry, hol schon mal den Wagen. Irrsinnig schmeichelhaft. Ich hab festgestellt, dass solche Serien eine ungemeine Präsenz bringen. Kollegen wie mein Bruder machen tolle Einzelfilme, aber diese Präsenz kriegt man sonst nirgends. Und dann ich hatte später auch noch großes Glück mit Um Himmels Willen, womit ich den Spagat geschafft habe von Harry zu Wöller, das war ein glücklicher Umstand. Es gibt in Deutschland Worte wie Häme und Neid, da kann ich mich doch glücklich schätzen, weiter gemacht zu haben.

Letzte Reue-Frage: Haben sie es bereut, kürzlich die Ehrendoktorwürde einer fiktiven Deutschen Nationalakademie mit Satzungspassagen aus Mein Kampf und dem NPD-Programm angenommen zu haben, die in Wahrheit das Magazin Tempo verliehen hatte.

Nein, denn das war eine ganz linke Nummer. Ich habe ja das Anschreiben gar nicht gelesen, sondern nur beim dazugehörigen Anruf gesagt, mich geehrt zu fühlen, so eine Würde angetragen zu bekommen. Das war Vorspiegelung falscher Tatsachen, die vor Gericht gehört. Wenn es da nicht einige Namen gegeben hätte, mit denen ich mich nicht verbünden wollte, hätte ich eine Gemeinschaftsklage vorgeschlagen. Eine ganz üble Falle, wodurch diese Zeitschrift womöglich sogar PR erzielt hat.

Müssen Sie sich nicht eine gewisse Unachtsamkeit und Nachlässigkeit vorwerfen?

Hören Sie, es war ein fünf Seiten langer Brief, der zudem zuvor telefonisch abgefangen wurde. Und so eine Doktorwürde klingt natürlich erst mal, obgleich ich skeptisch war. Es gab keine inhaltliche Auseinandersetzung, sondern nur eine Terminabsprache. Ich möchte mal Sie in so einem Fall erleben. Bei einem Terminvorschlag lese ich nicht fünf Seiten.

Hat die Sache Ihrem Ruf geschadet?

Nein, das war ein Rohrkrepierer. Was die sich erhofft haben, war verwerflich und hat nicht mal den Charme von Vorsicht Kamera, man müsste fast sagen: Vorsicht Presse!

Nun gut, der Gedanke dahinter war ja eher: Vorsicht Rechtsradikale! Sind wir da wirklich aufmerksam genug…

Aber das soll man doch bitte nicht auf diese Art herausfinden. Mit der Unwahrheit zu arbeiten ist nie sehr ruhmreich. Jeder fällt schließlich mal auf irgendwas rein. Wir sind da alle anfällig und da soll mir bloß keiner einen Strick draus drehen. Ich bin alles andere als rechtsradikal.

Sind Sie denn selbstkritisch? Der Zeichentrickversion von Derrick, dem Sie Ihre Stimme geliehen haben, gilt als Misserfolg.

Das empfinde ich nicht so. Ich war bei zwei Premieren dabei und es gab herzliches Gelächter und lang anhaltenden Applaus. Und dann muss man die Entstehungsgeschichte sehen: wir mussten unsere Texte sprechen, bevor die Bilder da waren, dann haben wir nochmals drüber gesprochen, bis es erneut gepolisht wurde. Aus dieser Perspektive war der Film ein Erfolg. Dass das erwartet große Publikum nicht kam, war etwas anderes. Kino ist eben nicht gleich Fernsehen, und viele, die Derrick gemocht haben, wollten ihn nicht verunglimpft sehen. Wir, Tappert und ich, hatten Abstand und Humor genug, uns zu karikieren.

War das der endgültige Abschied von Derrick?

Nein, das war die letzte Folge. Und mit viel Wehmut verbunden. Erinnern Sie sich an die Darstellung in Samstag Nacht? Horst Tappert meinte zu mir, Fritz, wir werden da verunglimpft, da meinte ich, Horst, wir werden wahrgenommen! Humor ist auch Selbstironie. Meine Mission des Humors, über den man trotzdem lacht, ist erfüllt.


Markus Lanz: Talkshow & Pandemie

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Wir kalkulieren nicht mit Krawall

Es ist noch keine sieben Jahre her, da galt Markus Lanz wahlweise als Kasper oder Streber, Nervensäge oder Langweiler. In der Pandemie allerdings hat sich der 52-jährige Südtiroler zur wichtigsten Stimme des Talkfernsehens entwickelt. Ein – vorab im Medienmagazin journalist – veröffentlichtes Gespräch über Sitzordnungen, Krisengewinnler, Katharsis und die Angriffshaltung der Cobra

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Lanz, erinnern Sie sich noch an Der heiße Stuhl?

Markus Lanz: Ja, klar. RTLPlus. Erst Ulrich Meyer, später Olaf Kracht. Die Provokation bestand darin, Politikern harte Fragen zu stellen und dann auch noch auf einer Antwort zu bestehen. Frechheit! (lacht) Später machte Uli Meyer dann Einspruch!, Norbert Blüm gegen Franz Schönhuber – da hat’s richtig geknallt. Einmal ließ er sich von Rainer Langhans das Leben in der Kommune1 erklären und kommentierte die Ausführungen abschließend mit dem Satz: „Ah, verstehe, erst Meditation, dann Penetration.“ Da blieb mir die Spucke weg. Aber das Original blieb Der heiße Stuhl.

Wobei er vom Publikum zumindest anfangs geliebt, vom Feuilleton hingegen verrissen wurde.

Ich spüre, worauf Sie hinauswollen.

Erst geht es um die Sitzordnung. Gibt es bei Markus Lanz auch einen heißen Stuhl, aus Zuschauersicht gleich rechts neben Ihnen?

(lacht) Das mögen manche so sehen. Wobei ich Ihnen Unions-Politiker nennen könnte, die genau dort sitzen wollen. Vermutlich, weil sie ahnen, dass man auf diesem Platz besondere Aufmerksamkeit erfährt.

Dafür aber auch Feuer unterm Hintern vom Moderator.

Als Gastgeber so herumzuzappeln, wie ich das manchmal mache, und dabei immer näher an den Gast heranzurücken, wirkt über den Bildschirm viel zu raumgreifend und verstößt eigentlich gegen jede Fernsehregel. Ich mache das unbewusst, aber ich brauche wohl diese Nähe zum Gegenüber.

Für den Energiefluss?

Vielleicht. Als Friedrich Merz das erste Mal direkt neben mir Platz genommen hatte, war ich beeindruckt von der Kraft, die dieser Mann ausstrahlt. Ich habe ihn dann ein bisschen provoziert und ihm prophezeit, er würde in seiner Partei ohnehin nichts mehr werden, man würde ihn einfach auflaufen lassen. Da schoss er wie eine Kobra nach vorne und meinte: Das wollen wir doch erstmal sehen! Bei Markus Söder vibriert die Luft genauso, ich mag das.

Woher nehmen Sie das Selbstbewusstsein, als gelernter Radiomoderator aus Südtirol ebenfalls die Cobra zu machen, um mit solchen Alphatieren auf Augenhöhe in den Infight zu gehen?

Empfinden Sie das so?

Sie wirken zumindest relativ angstfrei.

Das bedeutet aber keineswegs, keinen Respekt vor Alphatieren zu haben. Das hat auch damit zu tun, dass ich eben nicht der Meinung bin, die erste und zweite Reihe der deutschen Politik bestünde aus Leuten, die es nicht können – ganz im Gegenteil. Da sind viele sehr kompetente Menschen unterwegs, die aber häufig mit Widersprüchlichkeiten zu kämpfen haben, weil sie an bestimmten Stellen völlig quer zu ihrer Partei liegen wie etwa Winfried Kretschmann, der sich, wenn’s sein muss, als Grüner auch schon mal für den Verbrennungsmotor einsetzt. Um sie mit ihren Widersprüchen zu konfrontieren, begebe ich mich gedanklich in einen Tunnel und lasse es dann mithilfe einer gewissen Routine laufen.

Sie machen also nicht in ihrer rotgestrichenen Garderobe 15 Minuten Feueratem, um Kraft für den Kampf zu tanken?

Nein, natürlich nicht (lacht)! Ich treffe die Gäste ganz kurz vorher, dann geht’s direkt los. Interessant ist, dass die Profis unter Druck erst richtig gut werden. Mit Olaf Scholz zum Beispiel ging es vor einiger Zeit um die Cum-Ex-Geschäfte der Hamburger Warburg Bank, natürlich nicht sein Lieblingsthema. Wir haben das vorher angekündigt, und es hätte mich nicht überrascht, wenn eine Absage gekommen wäre. Doch Scholz stellte sich. Das ist nicht nur professionell, sondern zeigt auch, wie ernst er die Dialektik aus Politik und freier Presse nimmt. Die Aufgabe war die größte im deutschen Polittalk.

Nämlich?

Olaf Scholz dazu zu bringen, nicht wie Olaf Scholz zu gucken. Denn dann weiß selbst Olaf Scholz nicht mehr, was Olaf Scholz wirklich denkt. Er ist darin unschlagbar, weiß aber auch wie alle anderen, die bei mir sind, was auf sie zukommt.

Eine Streitkultur am Rande des Krawalls.

Nein, da gibt es offenbar ein Missverständnis über meine Rolle. Die besteht nämlich ganz simpel darin zu klären, was Reden einerseits und Handeln andererseits in der Politik für dieses Land bedeuten. Und wer es mit Floskeln versucht, muss damit rechnen, dass die Nachfrage kommt. Ich habe immer das Gefühl: Profis wie Malu Dreyer, Peter Tschentscher, aber auch ein Armin Laschet schätzen das sogar. Denn die wissen: Da draußen warten Erdogan, Putin, Trump. Es wäre anmaßend und lächerlich zu glauben, dass die mit mir nicht fertig werden.

Kitzeln Sie damit auch das Ego Ihrer Gäste?

Das müssten Sie die Gäste fragen, aber was wir immer wieder gespiegelt kriegen, ist: Ja, die Sendung ist manchmal unberechenbar und deshalb auch gefährlich. Auf der anderen Seite gibt es im deutschen Fernsehen kaum eine bessere Gelegenheit, mal auf so langer Strecke seinen Standpunkt klarzumachen. Ein intensives Gespräch mit Stephan Weil kann locker 40 Minuten dauern. Als ein anderer Gast neulich zu ihm sagte, „ich will sie nicht zu hart kritisieren, aber…“, da antwortete er nur lachend: „Machen Sie ruhig, ich bin hier anderes gewohnt.“ So lässig kann man das auch machen.

Sein Platz war wie bei Friedrich Merz tags drauf gleich rechts von Ihnen. Alice Weidel dagegen saß tags zuvor einen Stuhl weiter. Hat das mit ihrem Geschlecht zu tun? Weniger rauflustig ist sie ja nun nicht…

Nee, das hatte eher mit der restlichen Besetzung zu tun. Sie saß zwischen der Spiegel-Journalistin Ann-Katrin Müller und FDP-Generalsekretär Wolker Wissing.

Wenn man die Sitzordnung der vergangenen sechs Wochen sieht, saßen 21 Männer auf dem heißeren Stuhl, aber nur vier Frauen, die wiederum wohl den Platz neben Ihnen geräumt hätten, wenn Markus Söder oder Wolfgang Schäuble nicht nur per Video zugeschaltet worden wären. Ist das etwa kein geschlechterpolitisches Kalkül?

Wunder Punkt, den Sie da gerade berühren. Ich könnte jetzt sagen, das hat vor allem was mit Aktualität, Persönlichkeitsprofilen, Prominenz und so weiter zu tun. Die Wahrheit ist: es hat vor allem mit den Machtverhältnissen in unserer Gesellschaft zu tun, die nach wie vor mehr Männer als Frauen an die Spitze befördern. Das bedauere ich tatsächlich sehr. Mir sagen zwar selbst Frauen, sie möchten nicht über Quoten besetzt werden; aber wenn ich mir allein unsere Sendung so ansehe, würde ich sagen: vielleicht übergangsweise doch!

Zumal wir jahrtausendelang Männerquoten der Macht hatten, nämlich 100 Prozent.

Genau. Am Ende entscheidet die Redaktion organisch, wer wann kommt und wo genau sitzt. Wenn Sahra Wagenknecht eine gesellschaftspolitische Rollbombe auf den Weg bringt wie ihr letztes Buch Die Selbstgerechten, in dem sie von „Lifestyle-Linken“ spricht, dann ist klar, wo sie sitzt. Dann bauen wir um ein solches Thema herum schon mal die ganze Sendung. Trotzdem zwingt uns die Nachrichtenlage manchmal dazu, noch am Tag der Aufzeichnung Gäste ein- oder wieder auszuladen. Dann entsteht die Sendung beim Senden.

Was Ihre Vorbereitung nicht leichter machen dürfte…

Und ein Grund mehr ist, warum meine Stichwortkarten meistens unbenutzt neben mir liegen. Es hat lange gedauert, bis ich mich das getraut habe, aber ich habe irgendwann kapiert, dass man ein echtes Gespräch ja ebenfalls ohne Karteikarten führt…(lacht) Deshalb missfällt mir auch der Vergleich mit dem Heißen Stuhl. Da war nämlich manches offensichtlich gescripted. Wenn Ihr Eindruck ein anderer ist, akzeptiere ich das, aber wir wollen eben nicht holzschnittartig zuspitzen, sondern differenziert diskutieren. Ich glaube im Übrigen, dass die Leute genau das auch schätzen. Nur zur Erinnerung: Der heiße Stuhl wurde nach knapp 160 Folgen wieder abgesetzt, wir sind bei Folge 1540. Wir kalkulieren nicht mit Krawall.

Andererseits wäre es doch fast schon widernatürlich, wenn ein polarisierender Gastgeber wie Sie mit polarisierenden Gästen wie Merz oder Weidel nicht auch mal aneinander rasselt. Wie finden sie da die Balance zwischen Krawall und Diskurs?

Da haben Sie einen Punkt. Wichtig ist mir nur, dass es irgendwann in der Sendung immer auch den Moment der Erlösung geben muss.

Lanz’sche Katharsis.

Bei der jemand, mit dem ich vielleicht gerade noch im Sparring war, auch Zustimmung erhält. Oder wir lachen gemeinsam, Humor ist ganz wichtig. Und es geht darum, dem Gegenüber klarzumachen: Ich verstehe, was Dich treibt. Jeder hat etwas, das ihn wirklich bewegt. Es geht darum, diese Punkte zu finden.

Punkte oder wunde Punkte?

Egal, es geht um die intrinsische Motivation ihres Handelns. Um es mal mit meiner eigenen Küchenpsychologie zu sagen: Wer das Gefühl hat, gesehen zu werden, wird offener. Jemanden wie Friedrich Merz in die Chauvi-Kiste zu stecken, ist einfach und wohlfeil. Ich finde es spannender, bei aller Kritik, die man an seinen Positionen haben kann, zu zeigen, dass er eben kein Chauvi ist.

Ach!

Das kann man daran sehen, wie respektvoll er hinter den Kulissen mit Frauen umgeht. Und es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn sich die Tatsache, dass der Rest seiner Familie aus vier Frauen besteht, nicht irgendwie aufs Weltbild auswirkte, oder?

Privat kein Chauvinist zu sein, schließt allerdings nicht aus, chauvinistische Politik zu machen, die sich bei ihm gerade stark um seinen Kampf gegen das Gendern richtet.

Da macht er sich definitiv angreifbar. Aber interessanter ist die Auseinandersetzung mit ihm doch beim Thema Klimaschutz, wo er unverdrossen behauptet, der Markt regle schon alles – und das, obwohl Joe Biden ausgerechnet den Turbokapitalismus in den USA gerade auf eine Art ökologische Planwirtschaft umstellt. Noch interessanter finde ich allerdings etwas ganz anderes.

Na?

Wie redet man mit Leuten, die im Grunde auserzählt sind? Die jedes Argument bereits kennen und das Gegenargument sowieso? Die also komplett druckfest sind? Deshalb ist der Stuhl neben mir am Ende vielleicht doch entscheidend. Da ist der Druck höher als zwei Stühle weiter, man bringt die Leute auf dem Weg zur Selbstentlarvung zumindest ab und zu aus dem Tritt. Wird im Fernsehen jeden Tag gelogen, dass sich die Balken biegen? Auch nicht mehr als woanders… (lacht). Aber wenn es zumindest gelegentlich mal einen Augenblick der Wahrhaftigkeit gibt, freue ich mich.

Haken Sie in solchen Augenblicken Strichlisten ab, welche Politiker sich mit welcher Sache selbst entlarvt haben?

Keine Strichlisten, aber eine Form professioneller Genugtuung, wenn sich zeigt, dass jemand rumeiert wie Friedrich Merz zuletzt bei Fragen zu Hans-Georg Maaßen. Übrigens interessant, wie unterschiedlich die Leute reagieren, wenn sie unter Druck geraten. Olaf Scholz zum Beispiel wird dann plötzlich lustig oder nennt Friedrich Merz einen Waschlappen. Solche Kleinigkeiten erzählen was und zeigen den Zuschauern, wen genau sie eigentlich wählen.

Wobei Sie das im Grunde gar nicht als Moderator, sondern Interviewer tun.

Lieber wäre mir noch: Gesprächsleiter.

Ihr Kollege Micky Beisenherz hat Sie in der Süddeutschen Zeitung „Deutschlands schönste Grillzange“ genannt.

Schreiben Sie so was im Jahr 2021 mal über eine Frau! Das gäbe direkt Ärger – und zwar völlig zu Recht.

Ist in ihrem Fall aber gleich doppelt schmeichelhaft.

Als jemand, der seit Jahren schon interessante Formulierungen von Journalisten und in wachsender Zahl auch von Journalistinnen sammelt, fand ich es vor allem einfach lustig und originell.

Gelegentlich verheddert sich die Grillzange jedoch in der glühenden Kohle. Immer dann nämlich, wenn Sie hart fragen, aber die Antwort mit Nachfragen unterbrechen und den Gesprächsfluss so stoppen. Ist das Ihrer Anspannung geschuldet?

Nein, das ist Inkompetenz.

Sie kokettieren.

Leider nicht. Ich bin wie eingangs erwähnt mit meiner Art zu reden, zu gestikulieren, zu sitzen, zu sein fürs Fernsehen eigentlich völlig ungeeignet. Um noch ein bisschen damit weitermachen zu dürfen, muss ich mich daher gelegentlich selbst überprüfen.

Durch intensives Videostudium Ihrer Sendungen?

Im Gegenteil: ich sehe mir nichts von mir an, niemals. Ich ertrage das nicht. Wenn ich irgendwo auftauche, schalte ich sofort um.

Weil Sie etwas sehen, das Sie nicht an sich mögen?

Zum einen, weil ich mir die Erinnerung an die Situation nicht kaputt machen möchte. Vor allem aber, weil ich mich nicht kontrollieren will. Wie sehen Sie mich denn am Bildschirm?

Sie haben so was Raubkatzenartiges, immer zum Sprung bereit, dadurch aber auch auf gelegentlich unangenehme Art nervös, beinahe gehetzt. Dazu ihr abgeknickter Zeigefinger, mit dem Sie auch jetzt hier im Interview gerne fuchteln…

(lacht) Immerhin abgeknickt, nicht ausgestreckt. Die ehrliche Antwort ist: das mit dem ausgestreckten Zeigefinger hab‘ ich mir bewusst abgewöhnt. Über alles andere denke ich nicht nach und übe schon gar nichts ein. Wer anfängt, sich zu beobachten, fängt bald an, sich zu kontrollieren. Und um ein Modewort der Selbstoptimierungsgesellschaft zu benutzen: dann ist man nicht mehr bei sich oder, schlimmer noch, authentisch. Wer ständig seine eigene Projektionsfläche ist, wird irgendwann auch sein eigenes Klischee. Das möchte ich nicht. Meine Mutter sagte früher allerdings öfter zu mir, Junge, leg doch deine Stirn nicht immer so in Falten. Inzwischen hat sie aufgegeben.

Typische Klugscheißer-Mimik.

Aber auch die ist nicht antrainiert, ich kann das nur so. So guckte auch schon mein Vater. Am Anfang meiner Karriere dachte ich gar, die schmeißen mich deswegen raus – verrückt! Wenn man nicht ist wie Thomas Gottschalk, nämlich die völlige Abwesenheit von Komplexen, dann hilft nur eins: sich mit Anlauf an dieser Diskussion vorbei ins Wasser werfen. Sonst kommt man ins Grübeln und verliert den Spaß.

Sie haben Spaß an Ihrer Sendung?

Ja, was denn sonst? Sonst würde ich das Ganze doch nicht machen! Wer wie ich seine Eigenarten und Marotten vor der Kamera ausstellt, macht sich angreifbar, am Ende also verletzlich. Hätte ich dabei keinen Spaß, würde ich mir das ersparen, glauben Sie mir.

Aber wie verhindert man, dass Ihre Art – also alles von den Marotten bis zur unterbrechenden Hartnäckigkeit – selbstreferenziell wirkt?

Indem ich vorher darüber nachdenke, an welchem Punkt ich mir beides besser verkneife. Mit Schaum vorm Mund einen AfD-Vertreter zu zerlegen, kann böse nach hinten losgehen. Das ist erwartbar, vielleicht sogar ein bisschen billig. Mein Partner Markus Heidemanns ist nicht nur in dieser Hinsicht sehr, sehr wichtig für mich. Wir tauschen uns oft darüber aus und versuchen, wann immer es geht, gegen das Klischee zu bürsten. Deshalb war das Gespräch mit dem FDP-Generalsekretär aus meiner Sicht sogar härter als das mit Alice Weidel in derselben Sendung.

Weil der sich als Liberaler neben einer Rechtsradikalen vor Angriffen sicherer fühlt?

Vielleicht. Seiner Lockdown-Kritik konnte der Epidemiologe Timo Ulrichs einfach sehr fundiert widersprechen. Was Alice Weidel angeht: Ich würde Ihrer Einschätzung widersprechen. Frau Weidel ist sehr widersprüchlich: politisch extrem konservativ, privat ganz anders. Und, ja, sie hat Sachen gesagt, die klar rassistisch und nicht akzeptabel sind. Aber ist sie wirklich eine Rechtsradikale? Was sie macht, ist: Sie setzt mit voller Absicht Punchlines, um zu provozieren. Und wenn es sich dann im Kreis dreht, werde ich so nervös, wie Sie es gerade geschildert haben. Wer Sendezeit verschwendet, macht mich ungeduldig.

Gibt es Momente, in denen Sie es sich verbieten, sich einfach mal locker zurückzulehnen und damit Druck vom Kessel zu nehmen?

Ja, die gibt es, denn manchmal möchte man sein Gegenüber nicht in Sicherheit wiegen. Die Momente, in denen ich ruhiger werde, sind die, in denen jemand ein Argument vorträgt, das ich so noch nie gehört habe. Dann höre ich einfach erst mal entspannt zu.

Haben Sie beim Gegenüber eine Präferenz zwischen Raufbold und Gesprächspartner?

Das ist zwar ein bisschen tagesformabhängig, würde aber auch wieder unterstellen, mir ginge es um den Krawall, nicht die Sache. Vielleicht so: Als Kind kleiner Leute werde ich manchmal etwas ungeduldig, wenn Kinder größerer Leute zu abgehoben, zu selbstreferentiell, zu sehr aus dem Elfenbeinturm heraus argumentieren.

Sagen Sie deshalb Dinge wie „das interessiert mich jetzt als Bürger dieses Landes“?

Ja. Ich habe darüber viel gelernt auf meinen Reportage-Reisen. Vor allem 2016 in die USA, kurz vor der Wahl Donald Trumps. Da wurde allen, die dabei waren, das erste Mal wirklich klar, wie tief die Gräben zwischen Arm und Reich, aber auch zwischen Stadt und Land und vor allem zwischen Gebildet und Ungebildet mittlerweile sind. Ein Jahr später bin ich dann auf einer Reise durch Deutschland zu meinem großen Erstaunen auf ähnliche Phänomene gestoßen. Wer das als Journalist nicht versteht, verliert den Anschluss an die eine oder andere Seite. Das will ich um jeden Preis vermeiden.

Haben Sie bei Subjekten der Macht wie dem Intensiv-Pfleger Ricardo Lange daher größere Beißhemmungen als bei Objekten wie Friedrich Merz, der Ihnen drei Stühle näher saß?

Einen Friedrich Merz muss man schon deshalb härter angehen, weil er sonst unter Umständen zu lange redet… (lacht) Im Ernst: Merz ist medialer Vollprofi, der eine Nebelkerze nach der anderen wirft, wenn man nicht aufpasst. Dem begegne ich natürlich anders als einem Mann wie Ricardo Lange, der nicht jeden Tag vor einer Kamera sitzt. Mich hat bewegt, was er berichtet hat, ehrlich und direkt. Den eigentlichen Gänsehaut-Moment hatte ich aber nach der Sendung, als er erzählte, dass manche COVID19-Patienten noch im Sterben behaupten, Corona sei nur eine Erfindung.

Puh… Diskutieren Sie lieber mit Laien oder Profis?

(Schweigt lange)

Anders gefragt: Wo spielen Sie Ihre Kernkompetenzen besser aus – im mitfühlenderen Gespräch wie einst Kollege Beckmann oder im investigativeren wie jetzt Kollegin Will?

Idealerweise spielt man in meiner Position die ganze Klaviatur und vermeidet dabei, bloß Erwartungen erfüllen zu wollen – entweder als harter investigativer Hund oder als sanfter mitfühlender Menschenversteher. Das Gleiche gilt allerdings für meine Gäste. Ich will in jedem Fall etwas erfahren. Von wem genau, ist dabei gar nicht so entscheidend. Jeder hat eine Geschichte.

Erinnern Sie sich noch an jene Hinrichtung, durch die Ihre Sendung von der gefälligen Plauderei mit Wendler-Effekt zur konfrontativen Talkshow mit politischen Topstars wurde?

Falls Sie Sarah Wagenknecht vor sieben, acht Jahren meinen: das war keine Hinrichtung.

Dafür alle gegen eine und nicht durchweg über der Gürtellinie.

In der Presse war sogar von „Blutrausch“ die Rede! Aber wer sich die Sendung heute ansieht, wird sie womöglich für vergleichsweise unspektakulär halten. Der damalige Stern-Chef Ulrich Jörges war vielleicht wirklich etwas auf Krawall gebürstet, aber ich mochte Frau Wagenknecht damals, ich mag sie heute, wir haben uns nach der Sendung bei aller Irritation die Hand gegeben. Sie gehört zu den wenigen, die man zu jeder Tages- und Nachtzeit anrufen könnte, und sie würde zu fast allem etwas wirklich Fundiertes beitragen können.

Sie sind ja richtiger Fan!

Eher voller Respekt für Ihre Sachkenntnis und Recherchen, aber auch für ihre Gabe, wirklich gute Texte zu schreiben und Dinge auf den Punkt zu bringen. Die Sendung, die Sie beschreiben, fiel übrigens in die Zeit, in der es ohnehin sehr en vogue war, mir wegen Wetten, dass…? so richtig eins überzubraten. Sahra Wagenknecht hat da nicht mitgemacht, weil sie zunächst mal unvoreingenommen an Dinge herangeht.

Gleichwohl hätten Sie damals das sein müssen, was Ihnen weit weniger liegt, nämlich Moderator zwischen Jörges und ihr.

Stimmt. Aber mein Punkt war die Präambel des linken Programms. Darin stand sinngemäß, die EU sei eine Militärdiktatur. Das als Partei zu behaupten, die mit ihrer eigenen diktatorischen Vergangenheit nie richtig aufgeräumt hat, habe ich ihr vorgehalten. Was dann folgte, war – übrigens auch mit Blick auf Gleichberechtigung: eine Frau gegen zwei Männer – sicher nicht das Innovativste, was wir je gemacht haben. Aber interessanterweise flog dieser EU-Satz kurz darauf klammheimlich aus der Präambel.

Macht Markus Lanz Politik?

Nein, aber es wäre doch toll, wenn das gute alte Fernsehen öfter mal wirklich etwas bewirken könnte. Damals erschien mir das so – und das auf dem Höhepunkt meines Tiefpunktes.

Wenige Wochen später war der dann damit vollendet, dass Sie mit Wetten, dass…? ein bundesdeutsches Kulturgut beerdigt haben. Was hat der Entertainer davon mit in den Hauptberuf als politischer Journalist genommen – eine gewissen Shitstorm-Resilienz?

Vermutlich. Es gab Schlagzeilen, die waren echt hart. Die härteste lieferte wenig überraschend die Bild-Zeitung: „Halt die Fresse, Lanz!“

Na ja, die Bild-Zeitung

Was es nicht weniger verwerflich macht. Das war Steinigung vom Sofa aus. Wer solche Erfahrungen macht, wird in beide Richtungen misstrauisch. Lob und Tadel, das habe ich gelernt, sind immer ebenso subjektiv wie vergänglich und nähren das Bedürfnis, den Durchschnitt zu leben.

Heißt das, Sie wollten einerseits vom Streber-Image weg, dass Ihnen als Talkshowmoderator anhaftete, andererseits vom Kasper-Image der Samstagabendshow, um ein wenig feuilletonistischer zu werden?

Unterbewusst vielleicht. Von da an wollte ich jedenfalls seltener Kompromisse machen, sondern mit dem Erfolg haben, was ich wirklich machen möchte – notfalls um den Preis, aufzuhören. Ich habe mir irgendwann mal vorgenommen, mit 50 als Skilehrer für fitte Senioren in den Dolomiten zu arbeiten; das war damals näher denn je. Jetzt bin ich knapp über 50 und denke, Gott sei Dank habe ich es nicht gemacht. Ich hätte sonst die besten Jahre meines Lebens verpasst.

Müssen Sie sich manchmal kneifen, um zu glauben, dass Sie vom Publikum grad gleichermaßen gewürdigt werden wie vom Publikum?

Schon (lacht). Eigentlich muss man sich im Fernsehen immer entscheiden, ob man vom Feuilleton oder vom Publikum gemocht werden will. Deshalb löste eine gute Kritik in der Süddeutschen früher bei RTL oft Alarm aus, nach dem Motto: Vorsicht, die finden das gut, wir werden bald abgesetzt… (lacht). Und umgekehrt galt: je schlechter die Kritiken, desto besser die Quote. Dass bei uns momentan beides möglich zu sein scheint, hat aber deutlich mehr mit dem Krisenkontext zu tun als mit meiner vermeintlichen Begabung, Massen- und Hochkultur miteinander zu versöhnen. Außerdem ist Fernsehen wie kaum ein anderes Feld Teamwork. Beim Radio war ich damals auf mich selbst zurückgeworfen, also alleiniger Herr des Verfahrens. Markus Lanz ist ohne Team gar nichts; deswegen sage ich in der Sendung auch meistens „wir“ und nicht „ich“.

Dass sollten Stürmer nach sechs Toren im Finale auch sagen…

Trotzdem ist es mehr als eine Höflichkeitsfloskel. Als Team machen wir ja nicht nur gute Zeiten gemeinsam durch, sondern auch die harten. Es gab Moment, da musste man sich mehr oder weniger dafür entschuldigen, bei mir zu arbeiten. Deswegen freut es uns alle, dass sich der Wind irgendwie gedreht hat. Die Redaktion versorgt mich perfekt mit Dossiers aus einem dicht gesponnenen Netzwerk heraus, die ich für eine optimale Vorbereitung brauche.

Ein bisschen vom früheren Streber ist also noch vorhanden.

Ach Streber – Sie würden es mir doch noch viel mehr vorwerfen, wenn ich dreimal pro Woche schlecht vorbereiteten Schrott abliefern würde. Im Grunde basiert das ganze Geschäft noch immer auf der alten Showbusiness-Weisheit von Rudi Carrell: Wenn Du ein Ass aus dem Ärmel ziehen willst, musst Du vorher eins reinstecken.

Sie machen Showbusiness?

Mit Informationen, die meine Redaktion und ich wirklich aufsaugen. Wir sind Faktenfresser, die ihre Köcher mit möglichst vielen Pfeilen füllen. Im Unterschied zu Formaten geschätzter Kollegen wie Maybrit Illner oder Frank Plasberg, deren Konzepte auf exakter Orchestrierung beruhen, feuern wir aber nicht zwingend alle ab, sondern lassen es situativ wachsen.

Passt Markus Lanz also deshalb so gut zur Pandemie, weil auch die keinem Konzept zu folgen scheint, sondern ihr Wesen manchmal minütlich verändert?

Der Gedanke gefällt mir.

Sind Sie ein Krisengewinnler?

Das Wort würde ich angesichts dieses globalen Desasters wirklich gerne vermeiden. Wir alle haben in dieser Pandemie verloren. Aber die hohe Frequenz unserer Sendung hat uns sicher dabei geholfen, größere Bedeutung zu erlangen. Im Grunde funktionieren wir eher wie Netflix-Serien, die mit Cliffhangern von Folge zu Folge gehen, deren Inhalt sich komplett wandeln kann. Ein gutes Beispiel dafür ist Karl Lauterbach. Wir haben uns früh entschlossen, Experten wie ihn konsequent zu Wort kommen zu lassen.

Wann genau?

Ende Januar 2020, eine Sendung mit SPD-Schwerpunkt, in der er auf die Bemerkung eines Gastes hin, das neue Virus aus China werde uns nicht so richtig betreffen, plötzlich meinte: Da muss ich massiv widersprechen, das wird ein Fiasko. Da schluckten erstmal alle – auch im Publikum.

Publi… was?

Echte Menschen im Studio (lacht). Daran kann man sich kaum noch erinnern, oder? Dass wir seither ohne Zuschauer senden, hat übrigens etwas sehr Nachhaltiges bewirkt: Den populistischen Ausfallschritt für den schnellen Applaus traut sich heute kaum noch einer.

Aber sie werden, sobald es möglich ist, wieder vor Publikum talken?

Ganz ehrlich? Keine Ahnung! Aber ich persönlich würde es lassen. Die Stille im Studio hat die Sendung intensiver gemacht. Und ich glaube, es hat uns dabei geholfen, eine Instanz zu werden, die kurz vor Mitternacht noch einmal das oft verwirrende Geschehen des Tages einordnet.

Sind Sie mit dieser Sendezeit also zufrieden oder sehnen sich wie alle Entertainer nach der Primetime?

Ehrlich gesagt, nein. Ich habe mich – auch nicht vor, nach oder während Wetten, dass…? – je danach gesehnt, um Viertel nach acht die Showtreppe runterzulaufen. Schon deshalb fühle ich mich am späten Abend so gut aufgehoben. Einzige Einschränkung: Wir werden da manchmal unglaublich herumgeschoben. Es kann sein, dass wir an einem Dienstag um 22.45 Uhr anfangen und am Dienstag darauf zehn vor zwölf. Diese sehr spezielle ZDF-Schnitzeljagd sorgt nicht nur bei der Redaktion gelegentlich für Frust, sondern auch bei denen, um die es geht: den Zuschauern. Wer eine Sendung kaputtprogrammieren will, nimmt ihr jede Verlässlichkeit. Ich würde aber andererseits vermuten, dass das ja eigentlich nicht gewollt ist.

Auch der Hauptabend wird halt von Aktualität geprägt…

Trotzdem kriegen die Kollegen im Ersten komischerweise ein verlässliches Sendeschema hin. Ähnliches gilt übrigens für Dokumentationen, für die die Autorin Silke Gondolf, das Kamerateam und ich oft viele, viele Wochen arbeiten und auch hohe gesundheitliche Risiken eingehen wie jüngst in Schweden. Diese Dokus laufen meist sehr erfolgreich, und viele Zuschauer fragen sich: Warum sendet man so etwas nachts um halb zwölf, während um 20.15 Uhr der Currywurst-Test läuft? Ich habe keine Antwort darauf.

Vielleicht, weil jüngere Menschen Ihre Sendung ohnehin in der Mediathek sehen?

Mag sein. Aber ehrlich: Da könnte man sich dann ja auch den Currywurst-Test anschauen. Warum sind eigentlich immer wir die aus der Mediathek?! (lacht)

Zitieren Sie da gerade aus Debatten mit der Programmdirektion?

Das haben Sie gesagt. Aber letztlich sind wir wie Wasser und finden unseren Weg zum Publikum.

Dasselbe gilt, um ein letztes Mal Wetten, dass…? anzusprechen, für Thomas Gottschalk. Können Sie sich vorstellen, wie er irgendwann wieder Radio zu machen, womit sie einst ja angefangen haben, bis Sie ihr Sender in Hamburg dafür rausgeschmissen hat, unangemeldet Ihren Protestsong „Fuck Chirac“ gespielt zu haben?

Wir liebäugeln zumindest mit dem artverwandten Thema Podcast. Zumal unsere Sendung in Struktur, Zusammensetzung und Länge abzüglich der Bewegtbilder gar nicht so weit davon entfernt ist. Wir entwickeln zurzeit eine charmante Idee mit Richard David Precht.

Also nicht Radio Südtirol?

Nee. Irgendwann werde ich die Studiotür verlassen und nie wieder zurückgehen, um etwas völlig anderes zu machen.

Ökobauer auf der Seiser Alm?

Sie lachen, aber das ist konkreter als Sie denken. Vorher will ich aber noch was anderes sein: Reporter. Einfach nur Reporter.


Erdogan Atalay: 25 Jahre Cobra 11

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Die Welt retten und dabei draufgehen

Genau 25 seiner 54 Jahre fährt Erdoğan Atalay (Foto: Gordon Mühle) aus Hannover bei RTL Autos zu Schrott. Ein Jubiläumsgespräch übers Erfolgsgeheimnis von Cobra 11, wie viel Realität drinstecken darf, was die Endlosserie zur Diversität beiträgt und wie er abtreten will, falls es nach der 26. Staffel, die heute beginnt, womöglich nicht weitergeht.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Atalay, wissen Sie, wie viele Autos in 25 Jahren Cobra 11 geschrottet wurden?

Erdoğan Atalay: (lacht) Tausende. Die Zahlstelle weiß da vermutlich näheres. Ich nicht.

Wissen Sie denn, wie viele Verbrecher Ihre Figur Semi Gerkhan erschossen hat oder in Gefahr war, selbst draufzugehen?

Keine Ahnung, aber wenn man zusammenzählt, dürfte er nach fast 400 Fällen der effizienteste Killer der Geschichte sein. Immerhin waren seine Opfer stets die Bösen. Und das Besondere an Serienhelden wie meinem ist ja: wenn die Guten getroffen werden, genesen sie bis zur nächsten Folge.

Normale Polizisten wären entweder in psychiatrischer Behandlung oder tot. Was bewahrt Semi Gerkhan realistisch betrachtet vor beidem?

Das Wissen, im Recht und meist ohne Alternative gehandelt zu haben. Anfangs habe ich ihn tatsächlich noch so gespielt, dass er Probleme mit der Gefahr für sich und andere hat. Mittlerweile pflastern so viele Leichen seinen Weg, dass wir Cobra 11 in Semis Traumata umbenennen müssten, wenn ihm das allzu naheginge. So ein alter Hase wie er hat zu viel auf dem Kerbholz, um alles an sich ranzulassen. Das zu thematisieren, wäre nicht Ziel unserer Serie.

Was ist dann ihr Ziel?

Entertainment. Punkt (lacht).

Das sich bei aller Unterhaltsamkeit in der Realität abspielt. Wie viel davon darf, wie viel muss so seine Serie enthalten, um weder Fantasy noch der Tatort zu sein?

So viel wie nötig, so wenig wie möglich. Schließlich gibt’s noch nicht mal eine Autobahnpolizei in der Form, wie wir sie spielen. Was in der Realität auf 1000 Abteilungen verteilt wird, macht Cobra 11 ja im Alleingang – bis hin zur Entschärfung von Atombomben.

Geil!

Nicht wahr? Es ist eine Mischung aus Fantasy und Tatort, die sich an der Realität orientiert, aber nicht widerspiegeln will. Was im Gegensatz zur Action allerdings unbedingt authentisch sein sollte, sind die Emotionen der Beteiligten. Und da sind wir definitiv erwachsener geworden, erdiger als früher, wo sich alles den Stuntszenen unterordnen musste.

Warum dieser Wandel? Das alte Konzept war doch erfolgreich.

Das hat mit den Neunzigerjahren zu tun, in denen unser Konzept halt funktionierte. Aber auch damit, dass wir mit dem Personalwechsel der 25. Staffel angesichts der horizontalen Entwicklung am Streamingmarkt den großen Cut wollten, anstatt uns zu wiederholen. Außerdem sind lange Serien wie Persönlichkeiten: die verändern sich mit dem Alter auch. Und wer uns von Anfang an begleitet, wird mir zustimmen, dass sich kaum eine andere mehr gewandelt hat.

Ach.

Ja! Schon durch die ständigen Wechsel meiner Partner kamen immer neue Einflüsse, die das Publikum mitbekommen hat.

Ein Publikum, dass überwiegend aus Männern bestehen dürfte.

Wir waren halt eine testosterongesteuerte Vereinigung (lacht).

Wie reagiert diese Stammkundschaft, dass Ihr Kollegium diverser wird – zum türkischstämmigen Chefermittler gesellen sich ja nicht nur ein Rollstuhlfahrer, sondern mittlerweile auch zwei Frauen?

Davon sind nicht alle megabegeistert. Aber das hat auch was mit der Liebe zur Kontinuität zu tun, die ich selbst von mir kenne. Ich bin abgesehen von meiner Filmtochter der einzig übriggebliebene Charakter. Dass Sender wie Netflix ihre Hauptfiguren nach kurzer Zeit sterben lassen, finde ich persönlich irritierend.

Entspringt der Wandel zu mehr Diversität bei „Cobra 11“ dem Zeitgeist oder echter Überzeugung?

Beides ein bisschen. Und weil die Einschaltquoten okay, aber ausbaufähig waren, bot sich ein kleiner Paradigmenwechsel an. Über den gab es intensive Diskussionen und ebenso intensive Tests, was die Akzeptanz beim Publikum betrifft.

Die muss von Beginn an hoch gewesen sein. Als Semi Gerkhan vor 25 Jahren bei Cobra einstieg, waren Menschen mit Migrationshintergrund im deutschen Fernsehen entweder Täter oder Opfer.

Das stimmt.

War ihre Herkunft in der Serie je Thema?

Nein. Es gab zunächst die Überlegung, dass ich Semi in gebrochenem Deutsch spiele, aber ich wollte ihn an mir selbst orientieren, hier geboren und aufgewachsen, mit ein, zwei türkischen Elternteilen. Das Einzige, wo seine halbkriminelle Herkunft in Köln-Kalk durchschimmert, ist sein Bedürfnis, ein kleiner Patriarch zu sein. Aber wenn er „zuhause mach‘ ich die Ansagen“ sagt, weiß jeder, dass das Wunschdenken bleibt. Diese Ironisierung mag ich sehr.

Sehen Sie sich und Ihre Figur daher Integrationsmodelle?

Wenn Film und Fernsehen die Menschen dahingehend beeinflussen, ihr Denken zu verändern, wäre das wunderschön. Aber ich glaube nicht daran. Selbst „Türkisch für Anfänger“ hat nicht zu Akzeptanzschüben geführt. Im Gegenteil. Wer sich die Medienberichte von heute ansieht, erkennt da eher Rückwärtstendenzen. Ich halte es mit Spike Lee, der mal sagte, ein Denzel Washington sei gar kein Schwarzer, sondern Schauspieler.

Aber ist nicht genau das ein Zeichen von abklingendem Rassismus, wenn die Hautfarbe schlicht keine Rolle mehr spielt?

Schon. Aber wenn man mit Brechts Worten statt Theater Fernsehen fürs Volk machen wollte, müsste dieses Volk zugucken. Immer dann jedoch, wenn Filme bewusst zum Nachdenken anregen wollen, schauen meist nur die ohnehin Nachdenklichen zu, nicht die Denkfaulen. Trotzdem ist es wünschenswert, dass wir Diversität nebenbei als Normalität darstellen. Von daher glaube ich schon, dass mein Auftritt vor 25 Jahren unterbewusst etwas bewirkt haben könnte.

Wenn man sich an jenen Tag im März erinnert, hieß der Bundeskanzler Helmut Kohl, der Papst Johannes Paul II. und die Nummer 1 im Tennis Steffi Graf. Alle längst weg. Sie sind noch da. Spricht das eher für ihr Beharrungsvermögen oder das der Serie?

Ach, dazu werde ich schon meinen Teil beigetragen haben, aber es liegt doch eher am Format. Andererseits steckt bei allem Drang zur Veränderung in jedem von uns der Keim des Bewahrens, eine Art instinktiver Heimatsuche – und die endet gelegentlich auch in Fernsehformaten, deren Hauptfiguren für eine Kontinuität stehen, die seltener wird. So gesehen ist Semi schon ein Anker in die Vergangenheit.

Sind Sie als Darsteller dahinter denn eine so treue Seele oder womöglich in einer Schublade gefangen, aus der es nach 25 Jahren längst schon kein Entrinnen mehr gibt?

Entrinnen klingt, als müsste ich vor irgendwas fliehen. Mir hat das all die Jahre einfach so irre Spaß gemacht, dass es keinen Grund dazu gab. Natürlich gab es auch mal Zeiten, in denen es schwerfiel, sich um vier Uhr morgens aus dem Bett zu quälen, um zwei Stunden später vom Helikopter ins Eiswasser zu springen. Aber ich würde die Serie auch ohne Rolle darin sehen.

Sagen Sie das jetzt, weil Sie müssen?

Ich muss gar nix sagen! Obwohl es durchaus zwischendurch Überlegungen gab, mal was anderes zu machen, hab‘ ich am Ende immer auch Verantwortung für die Serie als solche empfunden. Je länger ich dabei bin, desto größer ist die Gefahr, ihr und damit all den Menschen, die dafür arbeiten, durch einen Abschied zu schaden. Und das möchte ich nicht.

Klingt nach einer Art Fürsorgepflicht.

Nehmen Sie Pflicht raus, dann passt es.

Aber gibt es nicht auch eine Pflicht ihrem Renommee gegenüber? Im Feuilleton gilt die Serie seit Anbeginn als Synonym für hirnloses Macker-Fernsehen.

Tja.

Hat Sie das je gestört?

Früher schon. Nach einer Weile aber dachte ich, wer so denken will, soll so denken, ich denke anders. Was mich allerdings bis heute stört, ist die Pauschalisierung, was Action ist oder auch Komödie, müsse anspruchsloser Mainstream sein. Das ist mir schon deshalb zu einseitig, weil ich Mainstream überhaupt nicht als minderwertig betrachte. Aber die Kritik hat nachgelassen, mittlerweile ist Cobra bisschen Kult. Was auch an den besseren Drehbüchern von heute liegt. Und letzten Endes werde ich lieber von Zuschauern gemocht als von Fernsehkritikern.

Stimmt es, dass Staffel 26. die vorerst letzte sein soll?

Da laufen Gespräche. Schließlich ist Cobra 11 die teuerste Serie Europas, da muss RTL gerade in Zeiten von Corona die Kosten immer wieder neu abwägen. Ich bin gespannt.

Gehen wir mal davon aus, irgendwann sei Schluss: Welches Ende wünschen Sie sich für Semi Gerkhan – Tod in der Massenkarambolage oder leiser Abtritt in den Sonnenuntergang?

Unbedingt megamäßig die Welt retten, dabei draufgehen und danach kurze Zusammenfassung meiner geilsten Stunts.


Sonja Zietlow: Dschungelcamp & Hundeshow

Mein Hund fürs Leben

In Ferienclubs lernt man Selbstbewusstsein

Ein Vierteljahrhundert Privatfernsehen, davon mehr als die Hälfte im Dschungelcamp – die frühere Urlaubsanimateurin Sonja Zietlow (Foto: ZDF) ist nicht unbedingt prädestiniert fürs Nachmittagsprogramm des ZDF. Seit Sonntag allerdings moderiert die passionierte Tierschützerin dort die Nachmittagsshow Mein Hund fürs Leben – auch, um ihr Portfolio zu erweitern.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Zietlow, zurzeit wechseln gerade massenhaft Moderatoren und Moderatorinnen von der ARD zu den Privatsendern. Sie dagegen wechseln vom Privatsender zum ZDF. Warum?

Sonja Zietlow: Na ja, es ist nicht direkt ein richtiger Wechsel, sondern eher eine Erweiterung meines Portfolios. Ich moderiere eben gern Formate, die mir persönlich gefallen, zu denen ich passe, bei denen man mich sehen möchte. Und für eine Show wie diese hier, bin ich ja schon als Hunde-Fan qualifiziert.

Anders als viele ihrer Kollegen und Kolleginnen bei RTL oder auch Pro7 haben Sie allerdings keine öffentlich-rechtliche Ausbildung genossen, sondern kommen eher aus Ferienclubs und Flugzeugen. Was lernt man da fürs Fernsehleben?

In Ferienclubs lernt man das nötige Selbstbewusstsein, um souverän vor Publikum aufzutreten, also die professionelle Interaktion mit Kunden und Gästen. Bei der Fliegerei kommt vor allem die Mehrfachbelastung hinzu. Dieses Multitasking ist eine gute Fähigkeit – als Pilotin, wie auch als Moderatorin in einer Show oder Sendung. Dass man quasi zuhören kann, aber gleichzeitig genau weiß, wie es weiter geht. Von alledem kann ich so einiges bei Ein Hund fürs Leben gebrauchen – mal ganz abgesehen von meiner persönlichen Liebe zu Hunden.

Wie genau läuft die Show denn ab?

Es ist so eine Mischung aus Haustiervermittlung und Herzblatt mit Reportage-Elementen. Erst lernen wir die Menschen und Hunde kennen, dann beraten und entscheiden die Experten, also Tierpfleger vom Tierheim und ich, wer zueinander passen könnte. Und der spannendste Moment der Sendung ist dann, wenn Hund und Mensch sich das erste Mal sehen und aufeinandertreffen. Das kann durchausmal sehr emotional werden…

Und was genau ist über die Expertise hinaus Ihre Aufgabe dabei?

Ich begleite die potenziellen Adoptanten, nehme sie in Empfang, begrüße sie und stehe natürlich auch mal mit dem ein oder anderen Ratschlag zur Seite. Natürlich berate ich mich mit den Hundepflegern und führe durch die Sendung. Es geht uns vor allem um Tierliebe.

Auch die eigene?

Absolut. Ich hatte bisher fünf Hunde. Momentan leben bei meinem Mann und mir noch zwei kleine. Mein erster eigener war Laska, eine Border Collie Dame. Durch meine Heirat kam ein Podenco-Mix-Rüde dazu, der aber leider schon verstorben ist. Dann habe ich die kleine Windspiel-Mix-Dame Lila adoptiert, die jetzt immer noch da ist und schon über 13 Jahre alt. Mein Mann hat sich dann noch in die Podenco-Portugues-Hündin Lotta verliebt, die leider vor anderthalb Jahren mit zehn, also viel zu früh von uns gegangen ist. Wir hatten also gleichzeitig vier Hunde. Nach Lottas Tod haben wir die kleine griechische Mix Hündin Manki adoptiert, die jetzt zwei Jahre und ein fröhlicher Wirbelwind ist.

Wenn es um Ihre Hunde geht, kommen Sie ja fast noch mehr ins Reden als bei „Ich bin ein Star, holt mich hier raus!“ Wie viel Schlagfertigkeit steckt eigentlich in solchen Moderationen und wie viel Drehbuch?

Also bei IBES würde ich sagen: 70 Prozent sind Skript und 30 Prozent frei. Die Moderationstexte werden von Jens Oliver Haas, Micky Beisenherz und Jörg Übber geschrieben, alles super Autoren. Aber ob der Rest wirklich Schlagfertigkeit bedeutet, bleibt dem Zuschauer überlassen.

Kann man die denn überhaupt lernen oder ist die angeboren?

Das weiß ich nicht. Aber bestimmt irgendwie. Keine Ahnung. Ich habe sie jedenfalls nicht bewusst gelernt, die ist einfach so gekommen, ganz von alleine (lacht).

Hätten Sie sich angesichts Ihrer messbaren Intelligenz eigentlich gewünscht, auch mal so richtig hartes Informationsfernsehen ohne Entertainment-Faktor zu machen?

Nein. Da ich nicht nur einen relativ hohen IQ habe, sondern auch ziemlich viel Mitgefühl und Schlagfertigkeit, finde ich die Unterhaltungsformate halt am reizvollsten; sonst ist man ja nur die Informationsüberbringerin, das liegt mir – bei allem Respekt dafür – nicht.

Wäre umgekehrt ein Intelligenzquotient von 135 im sachlicheren, tendenziell verkopften Fernsehen womöglich hinderlich?

Das könnte durchaus sein. Weil Intelligenz auch bedeutet, dass man sich oft noch etwas tiefgreifender mit Themen befassen möchte und gegebenenfalls nicht immer einer Meinung mit den Inhalten ist oder diese einfach mal anders betrachtet. Bei reiner Unterhaltung kann das problematisch werden.

Mit der haben Sie Ende der Neunziger in Formaten wie dem Daily-Talk Sonja Ihre Karriere begonnen und nie wieder ganz verlassen. Was bringen Sie aus dieser Zeit mit in die Gegenwart?

Ich würde mal sagen, Wettbewerbshärte und die Schlagfertigkeit, von der wir vorhin geredet haben. Man wusste nämlich nie, wie die Gäste tatsächlich reagieren. Seither kann mich, auch bei Live-Pannen, so schnell nichts aus der Ruhe bringen.

Und was lernt man am Nachmittag privater Kanäle fürs eigene Leben an sich?

Ich habe gelernt, dass es wahnsinnig viele unterschiedliche Menschen gibt. Die meisten hätte ich im normalen Leben niemals kennengelernt. Durch deren Sicht aufs Leben und die Art, mit Dingen des Alltags umzugehen, habe ich auch viel Toleranz gelernt.

Außerdem sind Sie angeblich auch noch exzellente Golferin…

Was heißt hier angeblich? (lacht). Naja – okay, ich war wohl eher eine exzellente Golferin; seit vier Jahren spiele ich nicht mehr aktiv. Aber eine Golfkarriere wäre mir nie in den Sinn gekommen. Außerdem habe ich mittlerweile auch Pferde, die sehr viel Zeit in Anspruch nehmen.

Wie viel Zeit bleibt denn da noch für weitere Staffeln IBES oder Mein Hund fürs Leben?

Oh, ganz viele hoffe ich. Denn beide Formate machen mir ziemlich viel Freude.


ARD-EM: Sedlaczek & Neumann

704x396Emanzipation ist nicht nur Frauensache

Als Sportjournalistinnen im Männerbusiness Fußball sind Esther Sedlaczek und Claudia Neumann Kummer gewohnt. Jetzt arbeiten beide für die ARD und zeigen bei der Europameisterschaft gerade, wie irrelevant ihr Geschlecht ist, wenn es um Qualität geht. Ein Gespräch über EM-Euphorie, Medien-Sexismus und wie weit die Sportschau vom Matriarchat entfernt ist.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Neumann, Frau Sedlaczek – wissen Sie, wo Sie am 11. Juni, dem Tag des EM-Eröffnungsspiels, sein werden?

Esther Sedlaczek: Also ich bin in Hamburg.

Claudia Neumann: Weil wir Reporter noch immer von den Corona-Regeln und Inzidenzzahlen abhängen, weiß ich es tatsächlich noch nicht genau. Am 12. kommentiere ich zwar Russland gegen Belgien in St. Petersburg, weiß aber auch noch nicht genau, von wo aus.

Sedlaczek: Die Moderation jedenfalls findet sowohl bei uns in der ARD als auch beim ZDF, wie ich meine, komplett in Deutschland statt.

Neumann: Aber auch für Reporter macht es vorerst keinen Sinn, Reisen in alle ausrichtenden Länder zu planen, wo man womöglich vor Ort oder nach der Rückreise fünf Tage und mehr in Quarantäne muss. Wir planen da mindestens doppelgleisig, das wird sehr spannend und frisst wohl mehr Zeit, Geld und Nerven als die eigentliche Durchführung.

Sedlaczek: Deshalb mache ich bei meiner EM-Premiere auch keine Field-Interviews, sondern bleibe mit dem Sportschau-Club komplett im deutschen Studio. Immerhin ist das sehr viel leichter planbar. Meine Reiserouten stehen längst: Hamburg-München-Hamburg-München.

Aber wie soll bei all den Unwägbarkeiten so was wie Fußballstimmung, gar EM-Euphorie aufkommen?

Neumann: Ach, ich bin diesem Sport so nah, dass meine Gemütslage von der fußballerischen Qualität abhängt. Wenn die stimmt, verbessert sich meine Stimmung automatisch. Denn machen wir uns nichts vor: das übliche Drumherum so großer Turniere, Esther kennt das ja auch schon von Champions League, ist für uns Journalisten selten von euphorischer Stimmung geprägt. Akkreditierungen, Sicherheitsvorkehrungen, Schlangestehen, Abwarten.

Sedlaczek: Jetzt noch ergänzt um Schnelltests.

Neumann: Das war ohnehin immer nervig. Als Journalisten befinden wir uns da seit jeher in einer Blase. Während immerhin wieder Publikum im Stadion sein darf, wird allerdings die Atmosphäre in den Städten, der Kontakt zu den Menschen vor Ort, die Begegnungen mit den Fans umso mehr fehlen.

Sedlaczek: Wir haben bei Sky ja auch vor Corona schon wichtige Spiele wie das DFB-Pokalfinale aus dem Studio gemacht, das kenne ich also schon. Und durch die Pandemie haben wir uns ein wenig an größere Distanz bei weniger Atmosphäre gewöhnt. Umso nervöser werde ich sein, am 11. Juni das erste Mal für die ARD bei so einem Ereignis vor der Kamera zu stehen.

Nervös im Sinne von Hose voll oder im Sinne von aufgeregt?

Sedlaczek: Nee, meine Hose bleibt leer (lacht), aber die Mischung aus Vorfreude, Anspannung und Konzentration, die ich vor jeder Sendung habe, wird in der Situation vermutlich noch etwas größer sein. Bei einer neuen Herausforderung steht man natürlich unter anderer Beobachtung und will besonders gut performen. Eine halbe Stunde vorm Beginn geht einem der Allerwerteste daher schon noch mal auf Grundeis, aber sobald das rote Lämpchen leuchtet, kommt der Spaß.

Neumann: Eine Portion Anspannung bleibt wohl stets, aber den Druck eines Millionenpublikums, das teilweise auf Fehler nur wartet, habe ich mit meiner Erfahrung ganz gut im Griff. Und weil ich weniger im Bild bin als Esther, ist die Beobachtung auch eine andere. Zum Glück (lacht).

Anderseits war die Beobachtung für Sie als erste Frau, die 2018 ein WM-Spiel der Männer kommentieren durfte, enorm.

Neumann: Das stimmt natürlich, da schwappte einiges aus Deutschland nach Russland rüber. Das wurde auch mit der Chefredaktion besprochen, die sehr beruhigt war, wie – ich will nicht sagen locker, aber souverän ich mit der Netz-Hetze umgegangen bin. Doch wer wie ich in Russland 2018 rund drei Wochen bis zum Achtelfinale quer durchs Land gereist ist, für den war der Zeitplan so straff, dass er wenig Möglichkeiten bot, sich mit allzu vielem darüber hinaus zu beschäftigen. Aber das ist kein Thema mehr, ich bin fein mit allem, auch mit den scheinbar unvermeidbaren Social-Media-Reflexen. Punkt, Aus, Ende.

Heißt Punkt, Aus, Ende für Sie, am liebsten gar nicht mehr übers Thema Frauen im Fußballjournalismus und den irritierenden Sexismus, der dabei noch immer offenbart wird, reden zu wollen?

Sedlaczek: Mir wäre es in der Tat am liebsten, wenn die Frage nach Frauen im Fußball gar nicht mehr gestellt würde. Aber da sind wir nun mal noch nicht, weshalb auch unsere Stimmen gebraucht werden, um auf Missstände aufmerksam zu machen.

Neumann: Denn machen wir uns nichts vor: Medienfrauen im Männerfußball sind abgesehen von der Printbranche, wo sie etwas unauffälliger Topjobs erledigen, weiter ein Riesenthema. Aber wir werden es nicht verkleinern, indem immer nur auf die negativen Aspekte Bezug genommen wird. Umso mehr spüre ich mittlerweile eine gewisse Verantwortung und Sensibilität, dabei zu helfen, Frauen im Sportjournalismus sichtbar, also normal zu machen. Vielleicht braucht es dafür der Erfahrung und Reife aus 30 Berufsjahren, die ich mitbringe.

Sedlaczek: Jeder Kollegin, aber auch jeder Kollege muss da für sich entscheiden, wie er oder sie damit umgeht. Emanzipation ist ja nicht nur Frauensache und Sexismus weit über unseren Arbeitsbereich hinaus ein gesellschaftliches Problem. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass es nach der Geburt meiner Tochter hieß, jetzt geht sie endlich wieder an den Herd.

Neumann: Wahnsinn!

Sedlaczek: Das hat mich persönlich gar nicht so sehr berührt, macht aber trotzdem betroffen und traurig. Im Jahr 2019! Denn auch, wenn mir die großen Shitstorms bisher erspart geblieben sind, wird bei uns Frauen bei jedem Versprecher, jedem Fehler viel genauer hingehört als bei Männern. Und auch, wenn das mit den Jahren weniger wird, habe ich mit Hass und Hetze im Netz zu tun. Ich habe zwar meinen Umgang damit gefunden, das nicht persönlich an mich herankommen zu lassen, muss und werde es aber immer kritisch hinterfragen.

Neumann: Wobei Moderatorinnen im Fußball weit etablierter sind als Kommentatorinnen.

Spätestens seit Monica Lierhaus Anfang der Nuller zumindest.

Neumann: Trotzdem bleibt die Grundhaltung uns gegenüber skeptisch. Wenn ein Mann kommentiert, kommentiert er eben. Wenn es eine Frau tut, kommt sofort die Frage auf: kann die das überhaupt? Das gilt ebenso für Moderatorinnen. Oder nehmen Sie die Suche nach einem DFB-Präsidenten. Wollte bei den Herren Koch, Peters, Grindel irgendwer wissen, ob der das grundsätzlich kann? Nee! Das wird nur bei Frauen hinterfragt.

Sind Sie deshalb Teil einer Kampagne für mehr weibliche Führungskräfte im DFB?

Neumann: Es geht uns keinesfalls ausschließlich um den DFB, sondern das gesamte Fußball-Spektrum. Frauen sind in allen Bereichen nur im marginalen Prozentbereich vertreten, das bildet die Vielfalt unserer Gesellschaft einfach nicht ab. Die Diskussion über die Neubesetzung des DFB-Präsidentenamtes folgt überholten Mechanismen und wirkt damit ziemlich hilflos. Vor irgendwelchen Personaldebatten sollten inhaltliche und strukturelle Fragen geklärt werden. Stattdessen erleben wir gerade wieder Machtgehabe, Intrigen, ausgeprägte Beharrungskräfte. Es geht ausschließlich um persönliche Interessen, eigentlich unfassbar.

Immerhin gibt es jetzt bei der Berichterstattung einen Fortschritt. Wenn Sie Matthias Opdenhövel im August bei der legendären Samstags-Sportschau ablösen, Frau Sedlaczek – haben Frauen dort dann die Mehrheit?

Sedlaczek: Lassen Sie mich mal durchzählen – 2:1, in der Tat. Wie geil ist das denn!

Sind wir etwa vorm Umweg über echte Parität gleich auf dem Weg ins Matriarchat oder ist das bloß Episode?

Sedlaczek: Mir würde es reichen, wenn wir dadurch so viel darüber reden, dass wir irgendwann gar nicht mehr darüber reden. Ich glaube nicht, dass die ARD hier Quoten erfüllen wollte, sondern ich mir den Job verdient habe. Aber es ist ein schönes Signal, oder?

Neumann: Unbedingt sogar, es verändert sich was.

Könnte sich das auch sprachlich auswirken – werden Sie bei der EM und in der Sportschau zum Beispiel gendern?

Sedlaczek: Bei der Sportschau verwenden wir aktuell das Gender-Sternchen im Schriftverkehr, in der Regel aber nicht auf dem Sender.

Neumann: Obwohl ich mich persönlich nicht herabgewürdigt fühle, bei „Sportreporter“ mitgemeint zu sein, mache ich mir darüber immer mehr Gedanken in den letzten Wochen. Ich bin unbedingt auf allen Ebenen der Gesellschaft für absolute Gleichberechtigung und verstehe die Haltung derer, die Gendern wichtig finden, weil Sprache nun mal Haltungen definiert. In der Live-Situation empfinde ich es aber als sperrig. Vermutlich wähle ich da einen Mittelweg, der mir aber schon deshalb leichter fällt, weil ich als Kommentatorin eines Männerturniers naturgemäß selten von Frauen rede.

Letzte Frage, darf nicht fehlen, sorry: Wer wird Europameister?

Sedlaczek: Mangels Kristallkugel sage ich: sag ich nicht, bei so vielen starke Teams!

Neumann: Der beste (lacht). In den redaktionellen Tipprunden gewinnen eh immer die, die bekennend am wenigsten Ahnung von Fußball haben.

Bios

Esther Sedlaczek, Tochter des Schauspielers Sven Martinek, war Modejournalistin, bevor sie 2011 als Fußballreporterin zu Sky geht. Im August wechselt die 36-jährige Ostberlinerin zur ARD-„Sportschau“

Claudia Neumann, 1964 geboren in Düren, ist seit 30 Jahren Sportreporterin, gut zwei Drittel davon beim ZDF, für das sie bei der EM 2016 als erste deutsche Frau ein Männer-Länderspiel kommentiert.


Filip Zumbrunn: Wackelkamera & Tatort

Nur Schauspieler sind unersetzbar

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Filip Zumbrunn (Foto: Zumbrunn) zählt zu den besten Kameraleuten der Schweiz. Durch seine One-Takt-Tatort Die Musik stirbt zuletzt wurde er 2017 auch hierzulande berühmt, zuletzt feierte sein Bremer Tatort Neugeboren Premiere, bei dem der 52-Jährige wie so oft auf viel Bewegung setzt. Mein DWDL-Interview übers Leben außerhalb des Rampenlichts, Wackeln als Prinzip, Hierarchien am Set und wie es sich auf dem Teppich der Berlinale anfühlt.

Von Jan Freitag

Filip Zumbrunn: (lacht) Nein, das kann gut sein. Wir haben, glaube ich, ein oder zwei Einstellungen vom Stativ gedreht. Aber selbst da kam die Idee auf, in der Postproduktion zusätzlich etwas Handbewegung zu simulieren. Abgesehen von ein paar Ausnahmen habe ich jedes Bild aus der Hand gedreht. Idee und Konzept war, dass die Perspektive nie ganz zum Stillstand kommt.

Aber sind Idee und Konzept einer Philosophie geschuldet oder dem Format, also der Geschichte?

Immer der Geschichte. Wir wollten damit der Lebendigkeit der Figuren in diesem Milieu gerecht werden. Um die atmende Bewegung zu verstärken, hatten wir die Handkamera überall dabei.

Aber entsteht für Sie als Kameramann und den Tatort als Film nicht die Gefahr, manieriert zu wirken, wenn dieses Konzept zum Prinzip wird, wenn die Kamera also nicht mehr mit den Figuren korrespondiert, sondern der ästhetischen Idee?

Wie gesagt, es war keine ästhetische Idee, sondern ging darum, ein dokumentarisches Gefühl zu erzeugen, das die Zuschauer wirklich einbindet. Die Direktheit der Figuren findet in der Direktheit ihrer Abbildung visuellen Widerhall.

Sie benutzen also schon auch mal ein Stativ, wenn das Thema Ruhe erfordert?

Da bin ich flexibel. Grundsätzlich verlangt jede Geschichte ihre eigene Erzählstruktur, Bilderwelt und Dynamik. Aber dadurch, dass ich schon einige Spielfilme mit Handkamera gedreht habe, werde ich gerne von Produktionen ins Boot geholt, die eine lebendige Kamera bevorzugen, um möglichst nah am Menschen zu sein.

Gibt es grundsätzlich bestimmte Kameraführungen, die sich für bestimmte Erzählstrukturen, womöglich gar Genres eignen, etwa Krimi oder Romantic Comedy?

Finde ich nicht. Das Genre findet sich gelegentlich bei Faktoren wie Schnitt oder Tempo wieder, aber die Bildsprache als Ganzes variiert selbst innerhalb verschiedener Genres enorm. Im Gegenteil: je mehr Genre und Bildsprache auseinandergehen, also Kontraste offenbaren, desto interessanter, überraschender, origineller wird die Umsetzung.

Passt Ihre Handkamera besser zum jungen Bremer Tatort mit der notorisch hitzköpfig besetzten Jasna Fritzi Bauer als, sagen wir: zu gereiften Ermittlern wie in Köln oder München?

Um es für ein jüngeres Publikum zugänglicher zu machen, könnte ich mir das tatsächlich vorstellen. Dessen Serien-Konsum, der visuelle Überfluss, dem sie auch über soziale Netzwerke ausgesetzt sind, verschafft ihnen Zugang zu höherer Bildbeweglichkeit, die man durchaus bedienen kann und darf.

Und wer entscheidet darüber – holt man sich mit Filip Zumbrunn automatisch mehr Bewegung in die Ästhetik oder ist das Aushandlungssache?

Da wird viel diskutiert. Ich lese das Drehbuch meist, bevor ich erstmals mit der Regie zusammensitze. Und Barbara kannte ich schon gut, wir stammen aus der Schweiz, haben bereits viel miteinander durchlebt, wussten also genau, was auf uns zukommt. Aber egal, ob man von Anfang an auf gleicher Wellenlänge liegt oder sich erst später findet: den Prozess des Austauschs finde ich spannend.

An welchem Punkt von der Idee bis zur ersten Aufnahme treten Kameraleute normalerweise in den Produktionsprozess ein?

In dem Moment, wenn das Drehbuch freigegeben wird und die Regie ihre visuelle Idee entwickelt. Kameraleute werden aber auch nicht nur im professionellen, sondern persönlichen Sinn eingebunden. Weil man eine lange, intensive Zeit miteinander verbringt, wäre es anstrengend für alle, wenn sich Regie und Kamera nicht verstehen. Schon deshalb werden wir mit der letzten Drehbuchzeile zumindest mitgedacht, und bereits da beginnt auch der Austausch mit der Regie.

Sind Sie als Kameramann demnach ein verlängerter Arm der Regie oder eher der linke oder rechte?

Kommt auf die jeweilige Person an. Es gibt Regisseur*innen mit einer glasklaren Vorstellung, die setzen ausschließlich den eigenen Stil durch. Auch da kann ich mich einbringen, aber die Spielräume sind begrenzter. Auf der anderen Seite gibt’s aber auch Regisseur*innen, die es lieben und einfordern, von außen Input zu kriegen. Dazwischen ist das Spektrum echt riesig.

Lassen Sie sich lieber leiten oder leiten gerne selbst?

Kommt drauf an. Es gibt Visionäre, die derart klare Vorstellungen vom Film haben, dass ich ihnen bedingungslos folgen kann. Solche Genies sind allerdings sehr selten. Wenn ich hingegen merke, dass die klare Vorstellung nur unbegründeter Ausdruck eigener Machtbedürfnisse ist, wird es schwieriger, mich ihr unterzuordnen.

Wer hatte die Idee, Ihren Schweizer Tatort vor vier Jahren in einem Take durchzudrehen?

Die war von Dani Levy, mit dem ich auch Die Känguru-Chroniken gemacht habe. Wir waren beide extrem angefixt von Sebastian Schippers Viktoria, den Sturla Brandth Grøvlen ebenfalls in einem Take aufgenommen hat.

Und dafür den Silbernen Bären gekriegt.

Im Kino gab es das schon öfter. Dani Levy wollte es zum ersten Mal in so einer Länge fürs Fernsehen ausprobieren. Ich war mir absolut sicher, dass Sender und Redaktion die Idee abschießen, aber erstaunlicherweise haben alle sofort mitgezogen.

Animieren solche Experimente im Erfolgsfall zur Wiederholung oder sollten es Ausnahmen bleiben, um sich nicht abzunutzen?

Ausnahmen! Bei Projekten wie diesem merkt man, dass der Schnitt erfunden wurde, um die Filme besser zu machen. Das hat sich bereits im Entstehungsprozess gezeigt. One-Take-Film klingt nach kurzem Arbeitsprozess, aber wir konnten erst nach vier Wochen Probe mal 90 Minuten am Stück drehen, und als wir uns die angesehen haben, war das Resultat so schlecht, dass wir alles umstellen mussten. Nicht nachträglich eingreifen zu können, ist eine Riesenherausforderung.

Zumal die Vorbereitung vom Kameramann ein fotografisches Gedächtnis erfordert.

Ich konnte den Film Sekunde für Sekunde im Kopf präzise abspulen, aber das konnten alle am Set, der Regisseur sowieso.

Als Dokumentarfilmer sind Sie Ihr eigener.

Dokumentarfilm drehen benötigt Intuition. Im Dokumentarfilm kannst du nicht unbedingt einer Regieanweisung folgen oder noch einen Take drehen, sondern reagierst darauf, was sich vor der Kamera abspielt, nicht dahinter.

Haben Sie schon mal eigene Ideen in Fiktion umgesetzt, standen also ganz am Anfang eines Produktionsprozesses?

Das überlasse ich den Fachleuten. Vielleicht kommt das irgendwann mal, aber momentan fehlen mir Ideen, die mir so dringlich erscheinen, dass ich sie unbedingt der Menschheit erzählen müsste. Ich lasse mich gerne inspirieren von Geschichten, die andere schreiben.

Haben Sie als Kameramann das Gefühl, von der Branche, vom Publikum, auch von der Kritik ausreichend gewürdigt zu werden?

Puh, schwere Frage. Offen gesagt, sind alle hinter der Kamera prinzipiell uninteressanter als die vor der Kamera. Das war schon immer so und wird wohl auch so bleiben. Falls es anders wäre, erscheint mir die Regie doch wichtiger als ich. Da laufen schließlich alle Fäden zusammen. In der Pandemie kam öfter die Frage auf, wer austauschbar ist, wer nicht. Da zeigte sich, dass eigentlich nur die vor der Kamera unersetzbar sind, also Schauspieler. So gern ich wertgeschätzt werde, habe ich damit aber auch kein Problem. Selbst die Kameraleute in Hollywood kennen schließlich die wenigsten mit Namen.

Dafür tragen sie mit „Director of Photography“ den aufregenderen Titel.

(lacht) Kameramann ist völlig okay.

Sie wirken gelassen im Umgang mit Hierarchien. Aber gibt es nicht doch Konkurrenzdenken, gar Minderwertigkeitskomplexe der Gewerke vom Casting über die Maske bis hin zur Postproduktion, von denen allenfalls am Ende des Abspanns kurz die Rede ist?

Das ist wie in jeder Position jeder Branche vor allem ein Ego-Problem. Mir reicht es, wenn ich gut durchs Leben komme, ausreichend zu Essen habe und die Kinder gesund sind. Ich bin glücklich mit dem, was ich habe.

Hat Michael Ballhaus, den nicht nur Cineasten kennen, demnach ein größeres Ego als Sie oder einfach das Glück gehabt, so bekannte Filme zu drehen, dass sein Name nicht mehr zu verschweigen war?

Natürlich hatte er Glück, mit Leuten wie Scorsese filmgeschichtlich so neue Wege zu gehen, dass die Leute neugierig waren, wer da die Kamera führte. Wie groß sein Ego war, kann ich nicht beurteilen, aber er hat auch in einer Zeit gearbeitet, als Experimente vom Arthaus-Kino in den Mainstream geflossen sind. Mit krasser Bildsprache so berühmt zu werden, ist in einer Zeit wie heute, wo grundsätzlich alles möglich ist, definitiv schwieriger

Waren Sie jemals auf dem Roten Teppich?

Als Nachtzug nach Lissabon auf der Berlinale Premiere feierte, bin ich drüber gegangen, aber für mich hat sich gar niemand interessiert. Dennoch war es toll, aus der Limousine auszusteigen und ins Blitzlichtgewitter von Journalisten zu gehen, die wie verrückt Vornamen schreien.

Nur nicht Ihren.

Natürlich nicht. Umso lustiger fand ich es, wie panisch die Stimmung auf dem Roten Teppich ist. Ich würde durchdrehen, die ständig erleben zu müssen.


András Arató: Klubrádio & Viktor Orbán

Ich bin publizistischer Aktivist

arato

Als das „Klubrádió“ Mitte Februar seine Lizenz verlor, schien eine der letzten unabhängigen Stimmen Ungarns zu verstummen. Ein Gespräch – vorab erschienen im Medienmagazin journalist – mit Senderchef András Arató (Foto: Laszlo Balogh) über Journalismus in der Autokratie, Kontroversen in seiner Redaktion, Spenden statt Werbung und warum er trotz aller Repression keine Angst vor russischen Verhältnissen hat.

Von Jan Freitag

Freitagsmedien: András Arató, Ihr Klubrádió galt als letzter unabhängiger Radiosender Ungarns.

András Arató: Er gilt nicht nur als letzter unabhängige Radiosender, Klubrádió ist auch. Leider. Zumindest unter den redaktionell geführten. Es gibt zwar noch ein paar Online-Stationen mit jeweils ein paar Dutzend Zuhörern, aber das sind eher Radioprojekte als richtige -sender. Ich benutze übrigens nicht die Vergangenheitsform.

Also Indikativ, Klubrádió ist der letzte unabhängige Radiosender Ungarns!

Und nicht nur das. Ich betrachte unseren politisch erzwungenen Wechsel ins Internet sogar als echte Herausforderung. Zumal wir zwar durchaus klassische Radiohörer verloren haben, aber auch neue, vor allem jüngere hinzugewonnen. Und die sind sogar überaus einsatzfreudig. Wir haben gerade die erste von zwei Spendenaktionen im Jahr beendet und dabei mehr Geld als je zuvor verdient. Das Klubrádió ist also keinesfalls verstummt, im Gegenteil. Die unabhängige Stimme unseres Senders ist lauter denn je.

Aber was heißt denn „unabhängig“ in einer Autokratie?

Zunächst mal sind wir institutionell unabhängig, gehören uns demnach selbst und keiner Partei oder sonstigen Einrichtung. Das gilt also auch für George Soros (lacht), weswegen weder wir ihn unterstützen noch umgekehrt – obwohl uns das finanziell bestimmt sehr helfen würde. Zum anderen gibt es aber auch keinen Großsponsor oder Mäzen, der Wünsche über Inhalt und Ausrichtung äußern könnte. Da sich die Zahl der aktiven Unterstützter zwischen 10.000 und 20.000 bewegt, verteilet sich die Abhängigkeit daher auf viele, statt nur wenigen. Und drittens sagt auch unter den Mitarbeitern niemand dem anderen, was er zu denken oder zu sagen habe.

Trotzdem gibt es aber redaktionelle Linien.

Die sich allerdings von selbst ergeben. Denn natürlich sind alle im Team liberale Demokraten, also das genaue Gegenteil der aktuellen Regierung, die beide Begriffe missbräuchlich für sich vereinnahmt. Über diese Linien herrscht bei uns absoluter Konsens, auch wenn wir übers Programm im Einzelnen durchaus unterschiedlicher Meinung sind.

An welchem Punkt zum Beispiel?

Ein guter wäre Jobbik.

Einer Oppositionspartei, die einst sogar noch rechts von Viktor Orbans Fidesz stand.

Auch wenn sie behauptet, sich diesbezüglich verändert zu haben, fehlt mir bis heute der Beweis, dass sie politisch woanders stehen als 2014. Als es unlängst eine regionale Nachwahl gab, kam der einzige Gegenkandidat zur Fidesz-Partei von Jobbik, vertreten durch einen Politiker, der kurz zuvor noch heftig gegen Juden, Sinti, Flüchtlinge gehetzt hatte. Obwohl das alle Mitglieder unserer Redaktion scharf verurteilen, gab es einige, die ihn dennoch zu einer Diskussion beim Klubrádió einladen wollten. Ich dagegen gehörte eher zur Gruppe jener, die solche Antisemiten nicht im Haus dulden – auch, wenn er die Möglichkeit hatte, Viktor Orbán eine Wahlniederlage beibringen. Das zeigt: es gibt durchaus kontroverse Ansichten über unseren Unabhängigkeitskurs.

Bedeutet der denn automatisch, sich in Opposition zur aktuellen Regierung zu befinden?

Das ist eine gute Frage. Denn natürlich sollten unabhängige Medien als Teile des Systems der Checks & Balances auch einer schlechten Regierung gegenüber genauso neutral und objektiv bleiben wie der Opposition gegenüber. Aber als die Fidesz 2002 zuletzt abgewählt wurde, haben auch wir uns acht Jahre lang so neutral und objektiv verhalten, dass die radikalisierte Partei vor elf Jahren die Wahl gewann und seine Vormachtstellung seither massiv ausbaut. Wir versuchen also wie zuvor das Gleichgewicht zwischen journalistischer Kritik und Fundamentalopposition zu wahren, aber Viktor Orbáns Regime regiert mittlerweile derart absolutistisch, dass es zur Fundamentalopposition faktisch keine Alternative mehr gibt.

Aber wie vermeidet man in so einer Situation, unkritisch gegenüber der Opposition zu sein, also selbst zur politischen Partei zu werden?

Indem wir es einfach nicht sind (lacht). Das Klubrádió ist und bleibt jeder undemokratischen, illiberalen Tendenz gegenüber kritisch und tut das auch lautstark kund. Und weil das undemokratische, illiberale Verhalten der Fidesz längst selbst das der offen rechtsextremistischen Jobbik übertrifft, fällt es uns ungemein leicht, die meiste Kritik aufs Orbán-Regime zu konzentrieren.

Sie sagen konsequent „Regime“. Zeugt das nicht bereits von einer journalistischen Voreingenommenheit, die Viktor Orbán nur in die Karten spielt?

Nein, es drückt eine Tatsache aus. Punkt.

Aber auch wegen dieser Abwehrhaltung bezeichnet die Fidesz Sie und ihr Radio nicht als journalistisches Medium, sondern im Sinne des Gesetzes über Nichtregierungsorganisationen von 2017 als feindliche Agenten, die ihrerseits Demokratie und Rechtstaat unterwandern, ja Ungarn als Feind betrachten.

Muss ich das wirklich kommentieren? Ich bin Ungar, in Budapest geboren, leiste meinen Beitrag zum Gemeinwohl, zahle Steuern und kann das guten Gewissens für all meine Kollegen behaupten. Es ist doch offensichtlich, wie konstruiert die Vorwürfe sind, um sich damit kritischer Stimmen zu entledigen. Nur deshalb hat uns der politisch besetzte Medienrat ja die Frequenz entzogen.

Als einzigem Bewerber, wohlgemerkt.

Sehen Sie!

Sind Sie überrascht, dass mit Spirit FM stattdessen nun ein religiöser Sender, der sich vorher gar nicht beworben hatte, die Frequenz erhält?

Wenn man sieht, wie über die Verweigerung oder Verlängerung von Frequenzen entschieden wird, überrascht mich das überhaupt nicht. Die Rücknahme der zunächst verfügten Ablehnung von Spirit FM wegen formeller Mängel, das voreingenommene Verhalten der zuständigen Kammer und nicht zuletzt Gesetzesänderungen im Medienrecht, das vorläufige Frequenzvergaben erleichtern – all dies belegt doch, dass die Entscheidung für Spirit oder den Propaganda-Kanal Kvarc FM, der eine zweite vergebene Frequenz erhält, lange im Voraus getroffen wurde.

Aber verstoßen die Vergabekriterien nur gegen Gebote der Fairness oder auch gegen geltendes Recht?

Aus meiner Sicht ist der gesamte Ablauf ebenso wie das Medienrecht insgesamt illegal. Unseren Fall betrifft das schon deshalb, weil die Entscheidung für Spirit FM noch während des ungeklärten Rechtsstreits um die Rücknahme unserer Frequenz gefallen ist. Das war weder juristisch noch moralisch korrekt.

Können Sie dagegen juristisch vorgehen?

Schwierig. Weil wir nicht mehr Teil des offiziellen Vergabeprozesses sind, können wir keine einstweilige Verfügung mehr erwirken. Und da es in Ungarn mittlerweile keine unabhängigen Gerichte mehr gibt, machen wir uns auch über andere Rechtswege kaum noch Illusionen. Der Ablehnungsgrund, unser Geschäftsmodel sei inhaltlich und formell widerrechtlich, diente ja vor allem dazu, unsere Reputation auch international zu zerstören.

Mit Erfolg?

Nein, das Gegenteil ist eingetreten. Auch Ihr Interesse an einem Budapester Lokalradio, als dessen Leiter ich kürzlich sogar zu einem Gastkommentar der Süddeutschen Zeitung eingeladen wurde, zeigt aber doch, dass das Gegenteil eingetreten ist. Während das Renommee von Orbáns Regime dank solcher Rechtsbeugungen international weiter leidet, haben wir an Unterstützung, Zuhörern, sogar Einnahmen gewonnen.

In welchem Verhältnis setzen die sich aus Spenden, Werbung und Beiträgen zusammen?

Bis 2010 existierte für ungarische Medien ein konsolidierter Werbemarkt, auf dem auch wir uns finanziert haben. Weil unser Publikum mit 500.000 Zuhörern, die uns mindestens einmal pro Woche hörten – zumindest für ungarische Verhältnisse – ziemlich groß war, hatten wir entsprechende Einnahmen von rund 60 Millionen Forint im Monat.

Umgerechnet annähernd 200.000 Euro.

Innerhalb eines Jahres brach die Zahl allerdings auf gerade mal ein Zehntel dieser Summe ein. Gleich nach seiner Machtübernahme erklärte das Orbán-Regime nämlich nach und nach allen demokratischen Institutionen erst inoffiziell, später dann auch offen den Krieg. Unabhängige Medien jedoch standen von Beginn an am stärksten unter Beschuss. Und die wichtigste Waffe dafür war schon frühzeitig ökonomischer Natur. Nach kürzester Zeit wurden staatliche Stellen und ihre Wirtschaftsverbündeten die wichtigsten Akteure des Werbemarktes und trockneten oppositionelle Stimmen somit finanziell aus. Abgesehen vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk, den das Regime bald und sehr konsequent mit Gefolgsleuten besetzte, traf es 2016 die linksliberale Népszabadság, seinerzeit Ungarns auflagenstärkste überregionale Tageszeitung.

Die kurz zuvor von einer dubiosen Holding mit Sitz auf den Seychellen und Nigeria übernommen und Richtung Pleite getrieben worden war.

Das gehört zum Prinzip. Oppositionelle Medien wurden und werden so geschwächt, dass sie leichte Ziele für Übernahmen durch Strohmänner und Mitglieder des Orbán-Clans sind, der durch staatliche Aufträge so reich geworden ist, dass er die Branche förmlich aufkaufen kann. Mit der Presse- und Medienstiftung Kesma kontrolliert Orbán mittlerweile mehr als 500 Medienunternehmen und damit praktisch die gesamte Presse.

Aber wieso ist das Klubrádió angesichts dieser politischen und wirtschaftlichen Übermacht dann noch – und sei nur digital – auf Sendung?

Ohne mich selbst loben zu wollen, habe ich einfach schon relativ früh geahnt, was nach einem Machtwechsel passieren würde. Schon vor Orbáns Wiederwahl war sein künftiges Verhalten nämlich absehbar. Ende 2009 habe ich deshalb eine Stiftungsstruktur zur Finanzierung durch Spenden ins Leben gerufen, um uns von Werbeeinnahmen unabhängiger zu machen. In einem Land, dessen zivilgesellschaftliche Tradition bis heute eher geringer ausgeprägt ist als in anderen europäischen Ländern, war das zwar eine Lotterie, von der selbst hochgeschätzte Kollegen meinten, ich würde sie verlieren.

Aber Sie haben trotz allem gewonnen.

Mehr noch, es war fast ein Wunder! In den zehn Jahren seit Viktor Orbáns Wahlsieg, haben wir mehr als fünf Millionen Euro eingesammelt, die vollständig in Programm und Infrastruktur geflossen sind. Wir schalten zwar ab und zu noch mal Reklame, aber die meisten unserer Ausgaben sind durch Spenden gedeckt.

Und das reicht, um Ihre Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen so zu bezahlen, wie vorm Verlust der Sendefrequenz?

Natürlich. Seit 2015 schreiben wir wieder einigermaßen schwarze Zahlen. Bis dahin hatten wir große finanzielle Probleme, die wir mit Krediten überbrückt haben. Aber zum Glück war der wichtigste Gläubiger ich selbst, weswegen die Vorwürfe bei der Finanzierung im Prozess der Frequenzvergabe, wir seien von irgendwelchen Banken finanziert und deshalb in Abhängigkeit fremder Mächte geraten, völliger Unsinn.

Aber was hat sich am 14. Februar, dem Tag des Frequenzentzugs, denn dann für die alltägliche Arbeit beim Klubradio geändert?

Nicht allzu viel, wir tun dasselbe wie immer. Aus zwei Gründen: zum einen, weil wir unsere Arbeit so lieben, dass wir sie unter jeder erdenklichen Bedingung ausüben würden. Zum anderen, weil wir das unseren Spendern und vor allem: dem Publikum schuldig sind. Selbst im Internet ist es schließlich so groß, dass wir zehnmal mehr Hörer haben als der Zweite unter den Top ten.

Aber spricht das nicht weniger für Sie als gegen die Medienvielfalt in Ungarn?

Absolut, und die Arbeitsbedingungen für unabhängige Recherche werden auch für uns mit jedem Tag schwieriger. Umso erstaunlicher ist es, dass sich am 15. Februar zwar unser Verbreitungsmedium, aber nicht die Reichweite geändert hat – schon, weil wir unsere Homepage in weiser Voraussicht schon 2018 so überarbeitet haben, dass sie modernen Anforderungen entspricht und dennoch dem alten Medium Radio Genüge leistet. Denn was ist Radio?

Ja was?

Ein möglichst gewissenhaft kuratiertes Informations- und Unterhaltungsmedium, das man nebenbei beim Autofahren, Essenmachen, Wäschebügeln hört und dennoch informativ unterhalten wird. Deshalb wird gutes Radio wider alle Prognosen fortbestehen. Als das Kino erfunden wurde, hieß es ja auch schon, das Theater werde sterben. Als das Fernsehen erfunden wurde, hieß es, das Kino werde sterben. Seit das Streaming erfunden wurde, heißt es nun, das Fernsehen wird sterben. Wir werden sehen, welchen Einfluss die Pandemie darauf nimmt, aber bislang ist keine Befürchtung eingetreten.

Aber trotzdem haben sich doch die Arbeitsbedingungen in dem, was Viktor Orbán „illiberale Demokratie“ nennt, geändert.

Das stimmt. Aber Klubrádió war zu jeder Zeit seit 2001 so unübersehbar und definitiv liberal, dass uns kein Vertreter des Regimes bislang nahekommen wollte. Trotzdem ist es natürlich eine Illusion, zu glauben, wir könnten einfach so nur unsere Arbeit machen. Staatliche Stellen zum Beispiel, von Regierungsvertretern ganz zu schweigen. Umso zynischer ist es, dass sich ein Fidesz-Minister kürzlich damit rühmte, in Ungarn sei noch kein Journalist wegen seiner Tätigkeit in Haft oder gar getötet worden. Aber obwohl ich selbst das bei genauerer Prüfung bezweifeln würde, sehe ich in den Augen meiner Kollegen beim Klubradio, aber auch bei unseren Zuhörern keine Angst. Im Gegenteil.

Sie befürchten also keine russischen Verhältnisse, in denen Journalistinnen und Journalisten zusehends in Lebensgefahr schweben?

Auch, wenn ich ein unverbesserlicher Idealist bin, würde ich mich nicht trauen, das Gegenteil zu behaupten. Solange Ungarn allerdings wie bisher am Tropf der Europäischen Union hängt, wird es sich diesbezüglich zurückhalten. Und es gibt auch erste Anzeichen dafür, dass die EU von ihrer Zurückhaltung in der Sanktionierung Ungarns – aber auch Polens – für die permanenten Rechtsverstöße beider Regimes langsam, aber stetig abweicht. Als ich 2012 zu einer ARD-Konferenz in Brüssel zum Thema Pressefreiheit in Europa eingeladen war, gab es dort noch praktisch keinerlei offizielle Kritik an Viktor Orbán. Mittlerweile ändert sich das langsam, obwohl es schon fast ein bisschen zu spät ist.

Nächstes Jahr finden Parlamentswahlen statt, in die Ungarns Opposition ungewohnt vereinigt zu gehen scheint. Sind Sie optimistisch, dass Viktor Orbán verlieren könnte?

Ja, das bin ich. Obwohl die Hoffnung den Glauben manchmal leicht übersteigt. Ich werde öfter gefragt, ob ich bezüglich der Zukunft Ungarns und seiner Medien optimistisch oder pessimistisch bin. Meine Antwort: weder noch. Als Pessimist verliert man nämlich schnell den Antrieb, als Optimist den Realismus. Ich bin Aktivist. Publizistischer Aktivist.

Und was macht dem nun mehr Hoffnung als Glauben?

Mehrere Regionalwahlen im Oktober 2019 zum Beispiel. Damals wurden abgesehen von Budapest gleich mehrere – nach ungarischem Maßstab – größere Städte von Oppositionellen gewonnen. Seit dieser Überraschung kann man die wachsenden Angst von Fidesz vor der nächsten Wahl förmlich riechen, andererseits aber auch den Mut ihrer Gegner, die Viktor Orbáns aggressive Politik eben nicht gespalten, sondern vereinigt und mit einer echten Chance auf Veränderung versehen hat. Das war vor drei, vier Jahren noch absolut unvorstellbar.

Das klingt so, als seien sie zuversichtlich, es könne einen politischen Regimewechsel geben. Aber sind Sie es auch bezüglich eines soziokulturellen Systemwechsels? Viktor Orbán hat Ungarns demokratische Institutionen schließlich so geschleift, dass sie auch nach seiner möglichen Abwahl rechte, reaktionäre Politik begünstigen.

Das ist eine extrem wichtige, für unsere Zukunft in Ungarn, Europa und der Welt absolut entscheidende Frage. Wenn ich diesbezüglich von einer Revolution spreche, meine ich also keine brennenden Barrikaden, die ich mir auf keinen Fall wünschen möchte. Das ungarische System ist jedoch so verkrustet, dass es schon ein revolutionärer Ansatz ist, die Medien- und Steuergesetze so zu reformieren, dass sie nicht ausschließlich den Macht- und Finanzinteressen einer korrupten Clique dienen. Insofern vergleiche ich diesen Prozess mit der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, als Länder wie Ungarn, aber auch Deutschland kein Fundament mehr hatten, auf dem sich ein Reformprozess hätte ereignen können. Das System musste also vollständig geändert werden.

Ungarns Situation 2021 gleicht aus Ihrer Sicht der von 1945?

In abgeschwächter Form natürlich, aber ja. Erst kürzlich hat unser Außenminister allen Ernstes die gesamte europäische Presse ohne Ausnahme als Lügner bezeichnet. Also nicht irgendwer, sondern der Führer des diplomatischen Corps! Das gab es nicht mal in den Dreißigerjahren. Oder nehmen Sie den ungarischen Oberstaatsanwalt, ein treuer Orbán-Soldat. Seine Entscheidungen können nur mit Zweidrittelmehrheit im Parlament überstimmt werden. Eine demokratisch nicht legitimierte, rein exekutive Machtfülle wie diese muss jede Opposition auf legalem Wege beseitigen, sonst würde sie dafür sorgen, dass sich der Horror des Orbán-Regimes auch nach einer Wahlniederlage in kürzester Zeit wiederholt. Von daher zurück zu Ihrer Frage: ja, das System muss sich grundlegend ändern, sondern ist ein Regierungswechsel nicht von Dauer.

Glauben Sie daran, dass ein Regierungswechsel in absehbarer Zeit auch die verloren gegangene Pressefreiheit wiederherstellen könnte?

Wenn ich es nicht täte, wäre ich hier am falschen Platz, oder? Aber machen wir uns nichts vor: es wird ein harter, ein langer Weg. Denn ich weiß nicht, wie viele Ungarn sich darüber noch im Klaren sind, wie wichtig die Freiheit der Presse für die Freiheit der Menschen ist. Diese Unwissenheit gefördert zu haben, ist einer der großen, langfristigen Erfolge von Viktor Orbáns Politik. Deshalb hat er die freie Presse schon so früh attackiert. Und deshalb braucht sie so viel Solidarität und Hilfe und Expertise von außen – auch aus Deutschland.

Wie lautet da dann Ihre Prognose fürs Klubrádó: Werden Sie irgendwann wieder ein gewöhnlicher Sender mit regulärer Frequenz und Werbeeinnahmen zur Finanzierung sein?

Diese Hoffnung haben wir nie aufgegeben. Nie. Genau deshalb klagen wir ab Freitag schließlich vorm Verfassungsgericht dagegen, dass unsere Lizenz – und zwar erkennbar rechtswidrig – aufgehoben wurde. Weil selbst Ungarns höchste Gerichte mittlerweile von Orbáns Leuten besetzt sind, machen wir uns zwar nicht allzu viele Hoffnungen auf Gerechtigkeit. Aber wir gehen diesen Weg weiter und klagen eine Woche später auch gegen die Entscheidung eines Budapester Gerichtes, das den Lizenzentzug bestätigt hat. Und wenn es sein muss, gehen wir vor den Europäischen Gerichtshof – koste es, was es wolle. Aber wichtiger als der juristische Kampf ist und bleibt für uns der journalistische.


Özgür Yıldırım: 4 Blocks, Para & Dulsberg

Ego klingt immer so negativ

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Mit Para hat Özgür Yıldırım (Foto: Jens Mackeldey) nach 4 Blocks die nächste große Brennpunkt-Serie gedreht. Unterschied: Bei TNT sind junge Frauen die Hauptfiguren. Ein Gespräch mit dem 41-jährigen Berliner aus Hamburg über Gastarbeiterkinder, Milieustudien, Glaubwürdigkeit und warum sein Weg vom Horror- zum Gangsterfilm führte.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Özgür Yıldırım, Sie sind im Hamburger Stadtteil Dulsberg aufgewachsen.

Özgür Yıldırım: Ja, inklusive Schule, Abi, Zivildienst in einer Dialysestation, aber dann bin ich von dort weggezogen.

War das damals schon oder noch ein sozialer Brennpunkt?

So nannte man das zwar noch nicht, aber es war auf jeden Fall ein heißes Pflaster. In meiner Jugend galt Dulsberg als sozial schwächster Stadtteil Hamburgs, bis es im neuen Jahrtausend massiv renoviert wurde und den schlechten Ruf ziemlich verloren hat.

Gibt es dort trotzdem noch Frauen wie Hajra, Jazz, Fanta und Rasaq, die Hauptfiguren Ihrer neuen Serie Para?

Keine Ahnung, aber in den Neunzigern gab es sie, auch wenn meine ersten Freundinnen keine Hajra oder Jazz waren. Trotzdem wusste ich, wie tough Frauen in meinem Umfeld sein konnten. Bei mir nebenan haben zwei davon einer Mitschülerin mal den Arm gebrochen. Ohne soziale Medien wurde das zwar anders verbreitet als heute, aber Mund zu Mund hat es doch die Runde gemacht.

Und wurde in Brennpunkt-Formaten wie Chiko, 4 Blocks oder Para verarbeitet?

Verarbeiten klingt nach Psychotherapie, aber diese Welten meine ich so gut zu kennen, dass ich mir auch als Filmemacher ein authentisches Bild davon machen und das Gefühl dafür zum Ausdruck bringen kann. Mit meiner Backstory fällt mir das womöglich leichter als Regisseuren, die von außen draufblicken.

Zumal als Gastarbeiterkind, dessen Eltern aus der Türkei ausgewandert sind.

Mein Vater war nachts Taxifahrer und tagsüber bei der Post, meine Mutter Schneiderin, und unsere Wohnung hatte 50 Quadratmeter – das war meine Realität, sie fand aber im Fernsehen praktisch überhaupt nicht statt. Manchmal kamen im Großstadtrevier Gangster mit hörbar geschriebenen Lines vor. Es hat mich schon als Kind gestört, dass diese Menschen im Film anders reden als in der Realität.

Und haben es deshalb besser gemacht?

Na ja, zunächst habe ich Horrorstorys geschrieben, mit zehn, elf Jahren. Kurzgeschichten, die ich sogar in einen Sammelband verlegen durfte. Für die 12.000 Mark Eigenbeteiligung an den Verlag musste mein Vater einen Kredit aufnehmen.

Hat sich das ausgezahlt?

Höchstens langfristig. Von den Büchern wurden nicht viele verkauft. Ich hab‘ hier sogar noch einige hier rumstehen. Inhaltlich haben die ohnehin wenig mit meinem Alltag zu tun, aber sie bilden eine Klammer zu Para. Denn wie HipHop kamen auch Horrorfilme fast ausschließlich aus dem Ausland; jetzt hören die Kids fast nur deutschen Rap, und deutsche Serien werden immer anschaulicher. Unsere Popkultur ist so selbstbewusst, dass neben Gangsta-Rap auch Gangster-Serien wie 4 Blocks hochwertig und glaubhaft sind.

Erfordert diese Glaubwürdigkeit, dass der Filmemacher aus demselben Kiez kommt wie die Protagonisten oder kann man sich das auch aneignen?

Hängt vom Anspruch ab. Wenn es um Authentizität geht, ist es von großem Vorteil, das Milieu aus eigener Erfahrung zu kennen; das gilt allerdings auch, wenn man was über Landwirte oder Banker macht. Wenn ich das versuche, muss der Film nicht schlechter sein. Man würde ihm aber anmerken, dass ich nicht aus der Welt herausschaue, sondern auf sie drauf. Chiko hat 2008 auch deshalb so gut funktioniert, weil das Publikum meine Vertrautheit mit der Gegend gespürt haben, das hat sich einfach nicht so unecht angefühlt.

So unecht wie kurze Abstecher des Tatorts nach Wedding oder Dulsberg?

Genau. Lebensgefühl ist unerlässlich für die Figuren in Chiko oder 4 Blocks. Und so brutal, oft unmenschlich sie mit Abstrichen auch in Para agieren: es sind echte Geschichten echter Menschen aus echten Welten heraus.

Auch Hajra, Jazz, Fanta und Rasaq sind also keine bürgerlichen Projektionen, sondern echter Brennpunkt?

Die gibt‘s genauso im Wedding. Wobei wir nicht 4 Blocks mit bösen Mädchen statt bösen Jungs erzählen. Für testosterongesteuerte Menschen im Publikum könnte Para also zu wenig Gangsta sein. Die vier kommen zwar aus der Gegend, wollen aber keinen Bezirk kontrollieren, sondern ein kleines Stück vom Luxus der Reichen im Grunewald, mehr nicht. Deshalb ist die Atmosphäre auch weniger gewalttätig und düster. Der Wedding ist eben nicht nur Männergewalt wie in „4 Blocks“, sondern auch Frauenalltag wie in Para.

Kann man den Darstellerinnen die impulsive Sprache der Straße überhaupt Wort für Wort ins Drehbuch schreiben oder ist das alles Improvisation?

(lacht) Ich arbeite seit Chiko ähnlich. Ob mit Wotan Wilke Möhring beim Tatort oder Kida Khodr Ramadan in 4 Blocks: um sie wirklich zu verstehen, führe ich unendlich viele Gespräche über jede einzelne Figur jeder einzelnen Szene. Und wenn wir uns darüber im Klaren sind, schmeiße ich die Darsteller mit Stichworten in die Szene und schaue, was passiert.

Texte sind also nur Orientierungshilfen?

Texte sind Texte. Alles andere wäre respektlos den Autoren gegenüber. Aber Regieanweisungen, wo genau wer wann zu stehen oder gehen hat, vermeide ich seit jeher. Die Intensität der Worte entsteht durch die Art der Umsetzung. Ego klingt immer so negativ, aber es muss bei jedem Charakter mitschwingen. So tasten sich Darsteller und Drehbuch aneinander ran. Ich bin kein technischer Regisseur, der den Leuten bloß Vorschriften macht, das hat mir zu wenig Seele. Mein Prinzip heißt Gruppendynamik.

Sehen Sie es als Zuschauer Filmen an, ob sie gruppendynamisch oder vorschriftsmäßig entstanden sind?

Würde ich mal behaupten. Ich mache das seit mittlerweile 13 Jahren professionell, da entwickelt man ein Gespür dafür, ob jemand wirklich mit den Schauspielern arbeitet. Meine jedenfalls bedanken sich öfter bei mir, endlich mal nichts aufsagen zu müssen. Nichts ist schlimmer als gute Schauspieler, die hölzern wirken.

Heißt das, wortgetreu aufgesagter Text sorgt automatisch für schlechtere Filme?

Nein! Natürlich können gescriptete Serien und Filme großartig sein – sofern sie einen stilistischen Ansatz verfolgen. Wenn ich mein DVD-Regal hier durchsehe, sind tolle Sachen dabei.

Was sehen Sie denn?

Mal schauen. Nightcrawler von Dan Gilroy oder noch Nicolas Winding Refns Drive. Der hat definitiv nicht den Anspruch, authentisch zu sein. Wer wie ich diesen Anspruch hat, sollte dagegen nicht nach Punkt und Komma arbeiten.

Könnten Sie sich als Regisseur, der mit maximal artifiziellem Horrorfilm begonnen hat und jetzt maximal authentische Milieustudien dreht, einen maximal authentischen Horrorfilm vorstellen?

(lacht) wer weiß. Man entwickelt sich ja weiter und kriegt das Bedürfnis, sich nicht ständig zu wiederholen. Da ist Para trotz des gleichen Milieus wie 4 Blocks aber schon deshalb ein neuer Schritt, weil ich erstmals weibliche Protagonisten in den Vordergrund stelle. Und diese Runde musste ich dringend drehen.