Marvin Kren: 4 Blocks & Freud

Kein Minimalismus, all in!

Mit dem teilfiktionalen Biopic Freud liefert der 4 Blocks-Regisseur Marvin Kren (2.v.l., Foto: Hans Starck/ORF) ein Meisterwerk psychedelischer Serienunterhaltung ab. Ein Gespräch über seinen Landsmann aus Sigmund Freud, dessen Psychoanalyse, Kostümfilme und wie sich Krens eigene Hypnose angefühlt hat.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Marvin Kren, haben Sie sich selbst mal einer Psychoanalyse unterzogen?

Marvin Kren: Das nicht. Ich habe in der Vorbereitung zu Freud aber mehrfach Psychoanalytiker getroffen, die sich mit ihm auskennen. Nur so konnte ich den Ansatz medizinisch, aber auch geschichtlich verstehen. Das war zwar eher trocken, aber um sie selbst mal zu erleben, muss man sich ja mindestens sieben Jahre lang fünfmal pro Woche auf die Couch legen. So viel Zeit hatte ich dann doch nicht.

Auch nicht, um mal am eigenen Leib zu spüren, wie es sich darauf anfühlt?

Das habe ich sogar mal getan, bei einem Doktor in Wien, der das tut, womit sich Freud auch in unserer Serie auseinandersetzt, bevor er sich davon löst, weil sich reihenweise Patientinnen in ihn verliebt haben: Hypnose mit Psychoanalyse zu verbinden. Dieser körperliche Zugang zum Thema war mir wichtig.

Und wie hat er sich angefühlt?

Das war ein sehr massives, wahrhaftiges Erlebnis. Allerdings auch, weil ich es am Todestag meines verstorbenen Vaters gemacht habe. Dadurch kam sehr viel Trauer nach oben, das hat mich voll erwischt.

Soll die Serie ihr Publikum ähnlich erwischen, also psychologisch unterwandern, oder bloß damit unterhalten?

Wer meine Arbeit kennt, der weiß, dass meine Figuren immer ein Gefühl von Wahrhaftigkeit transportieren, die den Zuschauern in die Seele vordringt. Das gilt eigentlich für jeden meiner Filme. Ich war also auch bei Tatorten oder 4 Blocks auf der Suche nach Charakteren, die mit dem Guten und dem Schlechten, Bewussten und Unterbewussten, mit Freud ausgedrückt: dem Ich und dem Es ringen. Hier allerdings ist dieses Vordringen, wie sagt man?

Generisch?

Danke! Deshalb ist „Freud“ auch für mich persönlich ein echter Entwicklungsschritt, da geht es wirklich an die Substanz meiner dramaturgischen Ästhetik.

Bleibt die Serie dabei streng biografisch, also historisch verbürgt, oder gönnt sie sich fiktionale Freiheiten?

Natürlich letzteres. Aber auch, wenn es kein Biopic ist, habe ich versucht, der Figur durch intensives Studium seiner Schriften so nah wie möglich zu kommen. Woher kommt der Ödipus-Komplex? Woher seine Sehnsucht zum Vatermord? Woher rührt das Unbehagen mit der Kultur? Warum ist er, wie er ist? Nur wer ins Innerste seiner Figuren vordringt, kann spannende Geschichten erzählen.

Erzählen Sie diese hier demnach entlang eines realen Handlungsfadens und verweben ihn dann mit Fantasie im Detail?

Na ja, wir starten die Erzählung im Jahr 1885, nehmen also einiges seiner späteren Erkenntnisse vorweg.

Die er damals noch gar nicht hatte?

Die er damals noch nicht veröffentlicht hatte! Freud war ein zögerlicher Mensch, in einer Zeit zumal, die von unfassbarer Ehrfurcht gegenüber Autoritäten und Eltern geprägt war; da haut man nix raus, bevor man sich dessen absolut sicher ist. Aber vielleicht war Freud am Ende ja auch deshalb so revolutionär, weil er seine Ideen vorm Ausscheiden so lange verdaut hat.

Also nochmals: Wie viel ist Fiktion, wie viel verbürgt?

Man kann den hypothetischen Anteil der Serie nicht in Prozent angeben, aber wir nehmen alles darin sehr ernst und haben dafür schon deshalb reichlich Originalmaterial, weil Freud sehr intensiv an seiner eigenen Legende gestrickt und sich larger than life gemacht hat.

Wie schafft man es, auf einer so guten Quellenlage nicht verkopft zu erzählen?

Indem man mich als Regisseur engagiert (lacht). Mich interessiert zwar immer die Katharsis meiner Figuren, aber sie muss bei aller Präzision auch Spaß machen. Deshalb sind viele meiner Filme Opern. Kein Minimalismus. All in!

Wobei Sie dafür historisch nun weiter zurückreisen also je zuvor, also klassisches Kostümfernsehen machen. Ist die Arbeit daran anders als bei zeitgenössischen Stoffen?

Ganz ehrlich? Es ist jeden Tag, wenn man zum Set kommt, ein bisschen wie Kindergeburtstag. Kurze Trips in die Vergangenheit, bei denen das Gewöhnliche ungewöhnlich wird und umgekehrt. Kulissen und Kostüme erlauben es einem, auch in andere Geisteszustände zu reisen.

Stets mit der Gefahr versehen, Inhalt durch Form zu ersetzen…

Wobei ich der Meinung bin, dass es hier gelungen ist, uns nicht hinter der Geschichte zu verstecken. Deshalb gibt es bei Freud bis auf eine kaum Totalen, in denen die Kulissen zentral würden. Da sind mir Close-ups auf Gesichter allemal lieber. Ich wollte kein normales Historytainment.

War Netflix dafür der richtige Partner?

Übers Budget darf ich nicht reden, aber inhaltlich hatte ich alle Freiheiten; die ich mir allerdings auch über diesen Auftraggeber hinaus hart erarbeitet habe. Das klingt jetzt arg martialisch, aber mein bisheriges Schaffen erlaubt mir da eine gewisse Schlagkraft und damit kreative Freiheiten. Die hatte ich zwar auch schon in Rammbock. Kennen Sie den?

Der erste und beste deutsche Zombiefilm, klar.

Echt? Cool! Aber so viel Freiheit wie in Freud hatte ich bislang nie. Auch dank meiner drei Autoren, mit denen wir aus fast jedem Budget was Spannendes gemacht hätte. Natürlich wäre es toll, mal ohne Budgetgrenze zu arbeiten, aber wir Künstler brauchen schon auch Rahmen.

Sonst wird man Christo und packt am Ende ganze Städte ein.

Ganz genau. Irgendwann fällt einem außer Überfluss gar nichts mehr ein.

Gibt es einen roten Faden, der von Rammbock über 4 Blocks zu Freud führt?

Habe ich mich auch schon gefragt. Vielleicht eine gewisse Faszination von Gewalt, sei es körperliche, sei es psychische. Gewalt kommt aus meiner Sicht zunächst aus dem Herzen; das zu analysieren, ohne es zu bewerten, bildet den Kern meiner gesamten Arbeit.

Gibt es für diese Faszination Erweckungserlebnisse in Ihrer eigenen Biografie? Als Kind mal einem Huhn den Hals umgedreht?

Nein, nein (lacht), eher die Betroffenheit, dass mich die entfesselte Energie der Gewalt immer wieder aufs Neue schockiert. Warum tun wir selbst denen so oft weh, die wir lieben?

Wollen Sie mit Serien wie dieser hier Antworten geben oder erstmal nur Fragen stellen?

Weder noch und beides. Freud ist größer. Freud will zeigen, was wir für großartige, aber auch abgründige Wesen wir sind. Trotzdem will Freud auch ganz dringend gut unterhalten.


Julie Zeh: Brandenburg & Unterleuten

Ich habe noch untertrieben

Mit dem gelungenen Fernsehdreiteiler Unterleuten (in der ZDF-Mediathek) um ein zerrissenes Dorf im Kampf um Windräder, wurde nun der nächste Roman von Juli Zeh (Foto: Sven Mandel/rawpic) verfilmt. Ein Gespräch mit der 45-jährigen Bonnerin über Parallelen zur eigenen Haustür in Brandenburg, Schreiben fürs Fernsehen und ob sie ein Buch über ihre Arbeit als Landesverfassungsrichterin plant.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Zeh, kennen Sie Rainald Grebe?

Juli Zeh: Ich verehre Rainald Grebe sogar!

Wie viel von seiner hassliebenden Brandenburg-Hymne steckt in ihren Roman Unterleuten und dessen Verfilmung?

Rainald Grebe blickt bei allem Spott überaus liebevoll auf Brandenburg. Das steckt auch bei mir drin. Man ist zwar manchmal fassungslos, dass es inmitten einer der größten Industrienationen der Welt so eine Ödnis gibt, aber dafür können die Leute vor Ort ja nichts. Weil Buch und Film verschiedene Kunstwerke sind, möchte ich hier nicht für Matti Geschonneck sprechen, aber mein Hauptanliegen war es, die Leute auch dann verstehen zu wollen, wenn sie krasse Sachen machen.

Wie krass hätten Sie persönlich denn reagiert, wenn Ihnen in Ihrem Dorf jemand einen Windpark vors Fenster bauen will?

Ich glaube da niemandem, der behauptet, es sei ihm egal. Vor zehn Jahren hätte ich das wohl noch kritischer gesehen; man gewöhnt sich ja an fast alles. Aber auch heute wäre ich vermutlich entsetzt. Von daher würde ich bei so einem Projekt erwarten, dass man bei aller Notwendigkeit der Energiewende ehrlich zu mir ist und akzeptiert, dass ich den Park scheiße finden darf, wie es viele in Unterleuten tun. Unserer aufgeheizten Gesellschaft täte es generell gut, wenn die Leute mehr Verständnis füreinander entwickeln.

Ist es ein pädagogischer Ansatz Ihrer Literatur, den Lesern dieses Verständnis zu erleichtern?

Ich sträube mich zwar gegen den Begriff „pädagogisch“, aber irgendwie besteht das Wunder von Literatur und teilweise auch Film doch darin, in die Köpfe und Herzen der Leute wirklich eindringen zu können. Dieses Lichtschwert führe ich mit großer Freude. Weil es mir Spaß macht, weil ich es interessant finde, weil es spannend ist und am Ende auch politisch. Empathie und Zivilgesellschaft sind ja eng miteinander verbunden.

Aber schaut Unterleuten wirklich in echte Köpfe und Herzen, oder sind es überspitzte Abstraktionen?

Meine Literatur versucht zwar grundsätzlich realistisch zu sein, aber ich blicke beim Schreiben natürlich zunächst in meinen Kopf und mein Herz. Insofern sind die Figuren schon Abstraktionen, aber ehrlich: ich habe an keiner Stelle übertrieben, eher schon untertrieben (lacht). Wenn ich das nicht getan hätte, wäre „Unterleuten“ vielen als Farce erschienen.

Das heißt, die Figuren laufen tatsächlich auch bei Ihnen zuhause rum?

Ja, wenngleich in mehreren Dörfern der Umgebung. Umso mehr habe ich versucht, den Leuten nie an den Karren zu fahren; erstens, weil ich meinen Alltagsfrieden nicht gefährden will, und zweitens, weil ich niemanden verletzen will. Von daher beschreibe ich eher Typen als Personen. Am nächsten an einer realen Figur ist da der LPG-Chef Gombrowski.

Gespielt von Thomas Thieme.

Solche Männer gibt’s in Ostdeutschland überall.

Wenn man LPG durch Baufirma ersetzt, allerdings auch in Westdeutschland.

Wobei am Ost-Patriarchen besonders ist, dass sich in ihm oft der Systembruch vollzieht – erst Genossenschafts-, dann GmbH-Chef, von dem die einen behaupten, er habe das Dorf gerettet, und die anderen, er habe sich das Dorf unter den Nagel gerissen.

Hätten Sie als Drehbuchautorin die Geschichte und ihre Figuren eigentlich so gewichtet wie Magnus Vattrodt?

Als ich die Drehbücher gelesen habe, hatte ich tatsächlich eine Art Checkliste im Kopf und hätte nur eine Figur anders dargestellt: Linda Franzen. Als Satansbraten einer Geschichte, in der echt alle Mist bauen, ist ihr Mist zwar auch im Buch zentral; sie kommt mir im Film aber trotzdem zu kalt und berechnend weg. Ihr fehlt da die verletzliche Seite. Sie ist in Wahrheit eine schwache Frau, die in einer Optimierungsspirale steckt.

Können Sie als Autorin der Vorlage loslassen und die visuelle, dramaturgische Idee des Fernsehens akzeptieren?

Das kann ich und hab es ja auch schon mit mehreren meiner Romane so gemacht. Andernfalls könnte ich es auch gar nicht ertragen, sie für Verfilmungen, aber auch Theaterstücke und Hörspiele freizugeben. Wenn ich diesen Schritt mache, sage ich zum Buch: geh‘ in die Welt und mach was dir gefällt! Natürlich möchte ich, dass es gut wird, aber der Schmerz, falls es doch mal anders kommt, wird so geringer.

Und bei Unterleuten?

Ging es ganz gut, loszulassen. Zu Spieltrieb und Schilf existieren auch Verfilmungen, andere wurden teils aufwändig zu Drehbüchern gemacht, aber nicht umgesetzt.

Wenn man wie Sie so regelmäßig verfilmt wird – beginnt man dann schon beim Schreiben, auf Visualisierungsmöglichkeiten zu achten?

Einmal, bei Nullzeit. Da hatte ich mit meinem Mann darüber gesprochen, ob er das Drehbuch dazu schreibt. Ich kenne mich ein bisschen mit Drehbuchdramaturgie aus und habe bewusst auf nur vier Personen in Einheit von Ort und Zeit gesetzt, was sich gut verfilmen lässt. Im Gegensatz zu Unterleuten übrigens, wo ich zunächst gar nicht wusste, wohin die Reise geht. Als dann klar war, dass auch dazu Drehbücher entwickelt werden, dachte ich erst nur: Na, viel Spaß!

Sie sind nebenbei noch Juristin und arbeiten am Brandenburger Verfassungsgericht.

Ich bin dort Richterin. Wie alle Verfassungsrichter der Bundesländer übrigens im Ehrenamt – wir machen das vor allem aus Liebe zur Demokratie. Es ist schön, mal ganz direkt was für die Gesellschaft zu tun.

Können Sie sich vorstellen, mal ein Buch aus diesem eher spröden Umfeld zu schreiben.

Man kann aus jedem Mikrokosmos spannende Geschichten erzählen, sobald mindestens zwei Menschen aufeinandertreffen. Und wenn das dann noch im Zusammenhang juristischer Streitigkeiten passiert, knallt es oft richtig.

Dazu muss man ja nur mal Ferdinand von Schirach fragen.

Das Leben ist halt fünftausend Mal krasser als jede Fiktion. Und Strafrechtsakten sowieso. Ich habe aber bislang nie einen echten Fall für meine Geschichten verwendet. Ich muss mich immer erst mehrere Jahre in einem Mikrokosmus aufhalten und ein Gefühl von Fassungslosigkeit kriegen, vorher kommt bei mir kein Schreibimpuls. Ich brauche einen Abgrund.


Kai Diekmann: Bild-Chef & Startupper, 2. Teil

Es gibt kein Recht auf Überleben

Als Chefredakteur hatte Kai Diekmann die Bild einst wieder zum Kampfblatt des Erregungsbürgertums gemacht, später die Tageszeitungssparte im Springer-Konzern verantwortet, jetzt leitet er ein hippes Berater-Startup in Berlin. Teil 2. des großen Interviews mit einem Macher der Medienbranche über Populismus und Wutbürgertum, Journalismus und Wirtschaftlichkeit.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Diekmann, machen Sie doch mal Angebote, wie das unschuldige Internet vom Multiplikator von Hatespeech und Konsumwahn zu etwas zu Gutem für die Menschheit wird? 

Kai Diekmann: Ach, das ist es doch schon. Nehmen Sie Uber, Airbnb, Google, die Mobilität, Reisen, Informationen für alle leicht zugänglich gemacht haben.

Dummerweise aber auch Taxigewerbe, Mietenspiegel, die Kommunikation zerstören. 

Als vor 150 Jahren die ersten Züge fuhren, hieß es auch, bei der Geschwindigkeit platzen die Trommelfelle. Und Fake-News gab es lange vor Twitter. Kaum eine Innovation kommt doch anfangs ohne Geburtswehen und Gegenwehr aus. Aber wie Google meine Möglichkeiten erweitert hat, schnell an Informationen jeder Art zu kommen, macht für mich persönlich viele der negativen Aspekte wett.

Bleiben wir also optimistisch und glauben mal, die Digitalisierung und ihre technischen Gadgets helfen dabei, auch dem Journalismus langfristig zu dienen, nicht zu schaden. Wodurch ersetzen wir dann die alten Verlage als Gate-Keeper und Agenda-Setter? 

Das wird sich zeigen, aber es gibt auch für die klassische Medien-Industrie kein Recht auf Überleben. Nehmen Sie Nokia, das vier Wochen vorm ersten iPhone eine Milliarde Nutzer hatte und die Nokia-Manager davon überzeugt waren, dass Apple keine Handys bauen könne. Heute ist das iPhone das beliebtestes Handy auf der ganzen Welt. Es gibt doch aber auch in der Medienbranche ein paar ganz spannende Ansätze: Ich finde es sehr aufregend, was Gabor Steingarts ebenso informativer wie unterhaltsamer Newsletter inklusive Podcast als Kurator leistet. Überhaupt, Newsletter: Neben Gabors Morning Briefing empfehle ich immer den der New York Times und natürlich Medium, der spektakulär wertig Inhalte sortiert.

Denken wir mal größer: Wie sähe ein relevanter, rentabler, nutzwertiger Verlag aus, wenn Sie heute nochmal einen aufbauen könnten? 

Vor allem würde ich nicht mehr von Verlag sprechen! Im Ernst: muss ich nicht aufbauen, gibt es schon, heißt Bild. Die nämlich hat gezeigt, wie sie von einer Zeitung mit zwölf Millionen Lesern zu einer digitalen Informations- und Unterhaltungsplattform mit 30 Millionen Usern von Papier bis Snapchat aufsteigt, die man in der analogen Welt allein nie generieren könnte. Als Publizist muss ich dort sein, wo mein User ist. Und da ist ein Faktor auf dem Weg zur vollständigen Digitalisierung weiterhin heillos unterbewertet.

Nämlich?

Der Lokaljournalismus. Ich bin fest davon überzeugt, in einer zusehends unübersichtlichen globalisierten Welt wird der lokale Kontext immer wichtiger. Für meine Kinder ist das tote Eichhörnchen in der Auffahrt wichtiger als ein Flugzeugabsturz in Ruanda, so funktionieren wir als Mensch psychologisch. Und keiner kennt sich vor meiner Haustür besser aus als die Potsdamer Neuesten Nachrichten, die mir als einzige sagen, ob dort irgendwo etwas abgerissen, gebaut oder saniert wird. Wenn sie eine Lokalschlagzeile aus meinem Lebensumfeld haben, greife ich sofort zu.

Auch auf Papier?

Auch auf Papier – mit 55 bin ich ja fast schon scheintot. Was für mich total unverständlich ist: wenn Lokalzeitungen auf der Basis von dpa-Meldungen mit Trump, Lagarde, Brexit aufmachen und im Inneren vom Chefredakteur kommentieren lassen. Die haben den Schuss nicht gehört. Die Chance des Lokaljournalismus liegt im Lokalen und sonst nirgends, da kennt er sich aus, da ist er zuhause. Aber wer kennt sich da noch besser aus?

Na?

Die Leute, die dort wohnen. Könnte es gelingen, unter denen ein System von Kontributoren aufzubauen, die Beiträge für ein journalistisch kuratiertes Lokalangebot schreiben? Schließlich gibt es zu jedem erdenklichen Thema Experten, die sich dazu besser auskennen als Journalisten, die dem Wesen nach ja Generalisten sind. In den USA gibt es ein Angebot namens Sportblog Nation, auf dem etwa Fans der San Francisco 49ers hochkompetent über die Geschehnisse im und außerhalb des Stadions berichten – und damit dem San Francisco Chronicle überlegen sind, wo ein einzelner Redakteur über Football schreibt. So schafft es der Blog, das Wissen und die Leidenschaft der Leute redaktionell einzubinden.

Wie einst die BildLeserreporter, mit denen Sie 2006 die Trennung zwischen Medium und Kundschaft aufgeweicht haben.

Wie böse von uns: Wir haben bei Bild den Leser ernst genommen – nicht nur als zahlenden Kunden, sondern auch als jemanden, der inhaltlich Beiträge zu leisten vermag. SB Nation ist mit seinem ausgebauten Kontributoren-Modell sehr erfolgreich. Die besten sind übrigens geschiedene Juristen Anfang 40 – die haben Zeit, wollen sich einbringen, sind angemessen eitel. Und weil die Beiträge vom eigenen Kiez noch von anderen Bewohnern des jeweiligen Habitats gerated werden, ist das auch für den deutschen Lokaljournalismus ein hochinteressantes Modell.

Aber macht es den Redakteur nicht zum bloßen Administrator des interaktiven Publikums?

Nicht Administrator, sondern Kurator, der sich den natürlichen Darstellungsdrang des Publikums zielgerichtet zunutze macht und wie ein menschlicher Algorithmus funktioniert. Was anderes ist denn bitte das, was die FAZ in ihrem Finanzteil macht, wo regelmäßig Unternehmensexperten, Fachanwälte, Wirtschaftswissenschaftler Gastbeiträge aus ihrem Einsatzgebiet schreiben? Was anderes macht ein Journalist, der für seine Artikel Fachleute zitiert, die dem Thema Expertise verleihen? Was anderes ist letztlich unser Interview? Es geht um Sachverstand, Nähe, Einblick, Wissen und wie all das die Medien von heute erfolgreich machen kann.

Wozu abseits der Inhalte natürlich auch ein Geschäftsmodell gehört. Welches wäre aus Ihrer Sicht tragfähig, um kuratierten Content von wo und wem auch immer, finanzieren zu können?

Am Ende muss der Kunde bereit sein, Geld dafür zu bezahlen.

Also die pay wall, das große Mysterium der modernen Medienlandschaft?

Bei Bild funktioniert diese pay wall doch hervorragend, sie hat mehr als 400.000 vollzahlende Nutzer. Damit ist Bild die größte Abo-Marke in Deutschland überhaupt – und zwar aus einem Model heraus, das in der Vergangenheit auf Papier zu keiner Zeit Abonnenten hatte.

Und das lässt sich auf die gesamte Branche übertragen?

Spätestens mit dem kostenpflichtigen Klingelton fürs Handy war doch der Nachweis erbracht, dass die Leute für immaterielle Dinge, die auf ihren Devices landen, auch Geld bezahlen. Und das lässt sich von Newslettern über Streamingdienste bis hin zu Spotify, wo man für nur zehn Euro in Monat sogar der Werbung ausweicht, weiterdenken. Man muss den kostenpflichtigen Inhalt nur gut verpacken.

Aber eben auch noch journalistisch gehaltvoll machen.

Was wiederum Geld kostet, das sich über Werbung allein nicht bereitstellen lässt. Womit wir bei den Daten wären, dem Öl des 21. Jahrhunderts, bei dem ich mich oft frage, warum wir das Ausbeuten dieser Ressource allein den Amerikanern überlassen und nicht selber ein Modell finden, mit dem wir persönliche Daten zugleich schützen und monetarisieren können.

Glauben Sie denn, man könnte damit ein Geschäftsmodell wie das der Bild, die ihre Mischung aus Unterhaltung und Information, Journalismus und Trash auf allen Kanälen abspielt, heute noch mal neu gründen?

(überlegt lange) Warum sollte ich Bild noch mal neu gründen, wenn es Bild bereits gibt – und sich im Kontext der digitalen Revolution erfolgreich neu erfunden hat? Darauf kommt es eben an: sich den drastisch veränderten Bedingungen anzupassen. Ein Beispiel: Wenn Bild früher einen Trainerwechsel in der Bundesliga exklusiv vermeldet hat, dauerte es manchmal bis zum nächsten Tag, ehe die Konkurrenz gleichziehen konnte. Das passiert heute in Bruchteilen von Sekunden. Exklusivität ist eben nicht mehr der zeitliche Vorsprung, sondern zum Beispiel die Art und Weise, wie eine Geschichte erzählt wird. Jede Marke muss ihre eigene, sehr spezielle Art des Storytellings erfinden. Je spezifischer, desto erfolgreicher.

Skeptiker würden dem entgegnen: je wütender, desto erfolgreicher.

Nö – ich habe offensichtlich ein fröhlicheres Menschenbild als Sie und bin ein unverbesserlicher Optimist!

Teilen Sie das mit ihrem Bild-Nachfolger Julian Reichelt?

Über meine Nachfolger äußere ich mich grundsätzlich nicht.

Weil es dem Ehrenkodex der Bild widerspricht?

Nein, einem Prinzip. Ich fand‘s immer furchtbar, wenn Vorgänger über meine Arbeit geurteilt haben; wo ich draußen bin, bin ich draußen – so großen Spaß mir die 31 Jahre bei Axel Springer auch gemacht haben. Trotzdem hätte ich den Absprung schon viel früher schaffen müssen.

Warum?

16 Jahre an der Spitze eines Blattes wie Bild sind einfach zu viel; so oft können Sie sich in der gleichen Position als Chefredakteur gar nicht neu erfinden. Da kommen am Ende zwei Dinge zusammen: Auf der einen Seite eine gesunde und positive Routine, ein Team, das sich blind versteht und aufeinander verlassen kann. Auf der anderen Seite ist es genau diese Routine, die dazu führt, dass nicht mehr genügend hinterfragt wird. Am Ende haben viele in der täglichen Arbeit – gut gemeint – zu häufig nicht mehr gefragt: Was ist gut für die Marke, was ist gut für das Blatt, sondern was will Kai? Das ist der Punkt, an dem ein Chef der Marke nicht mehr nur gutgetan, dem Team nicht und auch dem Blatt nicht.

Haben Sie den Laden denn so hierarchisch geführt?

Ich hatte einen einfachen Führungsgrundsatz: in meiner Redaktion darf jeder machen was ich will. Im Ernst: Zumindest in der analogen Welt war und ist schon viel auf den Chefredakteur zugeschnitten. Besonders bei einer Zeitung wie Bild, die nicht so klare Blattstrukturen hat wie etwa die FAZ mit Wirtschafts-, Finanz-, Politikteil und dem Feuilleton. Bild ist eher wie ein Menü im Drei-Sterne-Restaurant, wo es keine getrennten Teams gibt, die unabhängig voneinander Vor-, Haupt- und Nachspeisen zubereiten, sondern einen Maitre, der am Ende für die ganze Komposition Verantwortung trägt.

Der Dreisterne-Vergleich klingt nach einer gesunden Portion Selbstbewusstsein, wenn nicht gar Eitelkeit.

Der Vergleich beschreibt vor allem die kreative Herausforderung, der man sich bei Bild jeden Tag stellen muss. Dazu kommt, dass ein so großes Blatt auch jeden Tag Krise bedeuten kann. Ein Beispiel: Wenn die Lokalredaktion in Aachen Mist gebaut hat, wurde von Kritikern von draußen nie gesagt, die Lokalredaktion Aachen habe ein Fehler gemacht, es wurde immer Bild als Ganzes vorgeführt. Da stellt sich nach so vielen Jahren an der Spitze gesunde Routine ein, wie mit solchen Situationen umzugehen ist, also Fehler zu analysieren und künftig zu vermeiden. Aus der anderen Seite erschlägt selbst die positivste Routine irgendwann die Kreativität.

Zum Beispiel?

Wir hatten mal überraschend großen Erfolg mit einer Weihnachtsausgabe, die ausschließlich gute Nachrichten enthielt. Das hat so gut funktioniert, dass wir es Jahr für Jahr wiederholt haben, dabei irgendwann aber in einer Routine erstarrt sind, die eher gelangweilt hat.

Bei Bild die Todsünde schlechthin.

In der Tat.

Aus der Leidenschaft, mit Sie von dort erzählen, könnte man glatt schlussfolgern, Sie vermissen die Bild nach drei Jahren schon wieder…

Ich habe es mit Leidenschaft gemacht und staune immer noch darüber, so lange Geld für etwas gekriegt zu haben, für das ich im Zweifelsfall sogar Geld gezahlt hätt, um es machen zu dürfen. Seit ich Schüler war, hat mir das Erzählen von Geschichten und ihre Inszenierung Freude bereitet. Meine Neugierde bei einem Blatt zum Beruf machen zu können, das tagtäglich alle Strukturen neu einreißt und dabei wirklich jede Darstellungsform erlaubt, das an jedem Ort der Erde die Augen der Leser sein will und dafür die entsprechenden Mittel zur Verfügung stellt, war demnach ein gigantisches Glück.


Kai Diekmann: Bild-Chef & Startupper, 1. Teil

Es gibt kein Recht auf Überleben

Als Chefredakteur hatte Kai Diekmann die Bild einst wieder zum Kampfblatt des Erregungsbürgertums gemacht, später die Tageszeitungssparte im Springer-Konzern verantwortet, jetzt leitet er ein hippes Berater-Startup in Berlin. 1. Teil des großen Interviews mit einem Macher der Medienbranche über Populismus und Wutbürgertum, Journalismus und Wirtschaftlichkeit.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Diekmann, wenn Sie da vom vergleichsweise kleinen Berliner Startup aus die aktuelle Medienlandschaft betrachten – tun Sie das dann mit Stolz oder Schrecken? 

Kai Diekmann: Kleine Berliner Startup? Sie meinen Story Machine! Das sind inzwischen über 70 großartige Kollegen, die den Paradigmenwechsel in der Medien- und Kommunikationsbranche perfekt verinnerlicht und mit sehr viel Spaß in ein überaus spannendes und profitables Geschäftsmodell verwandelt haben. Aber was meinen Sie mit „Stolz oder Schrecken“?

Weil die Bild unter Ihrer Führung sowohl eine Vorreiterrolle im Bereich der Digitalisierung eingenommen als auch durch fortwährende Polarisierung ihren Teil zur Verrohung der kommunikativen Sitten beigetragen hat. 

Fangen wir mit ersterem an. Den Strukturwandel zur Digitalisierung, die am Ende ein Stück weit Entmaterialisierung ist, hat abgesehen von Spiegel Online tatsächlich Bild früher als alle anderen derart zielstrebig vorgenommen. Was ist in unserer Branche denn eigentlich passiert? Zunächst hat die Digitalisierung dem Geschäftsmodell „Zeitung“ beide Beine weggeschlagen. Mit diesem kleinen Gerät hier [zeigt sein Smartphone], ist uns zunächst das Trägermedium Papier abhanden gekommen, mit Social Media [breitet die Arme aus] auch noch die Gatekeeper-Funktion. Die große Frage ist: Wie gelingt es traditionellen Medienmarken, im digitalen Zeitalter ein tragfähiges, journalistisches Geschäftsmodell zu entwickeln?

Und Ihre Antwort? 

Den Medien im Ganzen sicher nicht, was ein Stück weit frustrierend ist. Denn wir sind ja gar nicht mal die ersten gewesen, die der digitale Strukturwandel erwischt hat. Vom Niedergang der Musik auf Tonträgern hätte die Branche durchaus gewarnt sein können, aber ausgerechnet wir Journalisten, die für das Neue eigentlich Sensoren, vor allem aber echtes Interesse haben müssten und ja mit großer Leidenschaft den Strukturwandel in anderen Branchen anmahnen, haben diese Revolution bestenfalls übersehen, schlimmstenfalls ignoriert. Und nicht nur das – viele tun sich bis heute schwer damit.

Wen meinen Sie da genau? 

Viele regionale Zeitungsverlage, wo das bedruckte Papier immer noch höher gewichtet wird als das Netz. Oder das Fernsehen. Wissen Sie, wer der meistgesehene Sender 2019 war?

Vermutlich das ZDF. 

Und wie hoch lag der Zuschaueranteil unter 20?

Im Promillebereich. 

Bei 0,8 Prozent. Und selbst bei Unsern unter 30 liegt der Wert von ARD und ZDF nur deshalb ein paar Prozentpunkte höher, weil so viel Fußball gezeigt wird. Dafür bin ich mit meinen vier Kindern das beste Beispiel. Seit es bei uns zuhause Netflix und Apple-TV gibt, ist lineares Programm nicht nur weniger geworden, sondern tot. Die Vorstellung, zu einer bestimmten Tageszeit am Fernseher zu sitzen, ist für Millenials ähnlich absurd, wie eine Tageszeitung am Kiosk zu kaufen oder mit der Postkutsche zu reisen. Da hat sich die Bild schon sehr früh völlig neu erfunden.

Und dabei allein unter Ihrer Ägide zwei Drittel an Auflage eingebüßt. 

Aber eben digital mehr als nur kompensiert. Wir können da gern noch mal das Thema Schallplatte vertiefen. Tatsache ist: Bild hat sich früher als andere auf die Suche nach ihrer Rolle in der neuen Welt begeben und neue Kunden, aber auch Ertragsmöglichkeiten ausgelotet. Das ist in manch anderen Redaktionen bis heute nicht der Fall: Es gibt offenbar zu viele in meinem Alter, die meinen, für mich wird’s schon noch reichen, und das digitale Potenzial der Publizistik bis heute nicht ausreichend verinnerlicht haben. Selbst im eigenen Haus musste ich seinerzeit erleben, wie schwer es ist, vom Papier übers Internet aufs Smartphone zu wechseln, das es ja auch schon wieder fast 13 Jahre gibt. 

Sie argumentieren jetzt stark von der Form her, statt vom Inhalt, der zunächst mal ja nur anders verbreitet wird als zuvor… 

Nein, nein, nein – so einfach ist es auch nicht. Es ist schon etwas völlig anderes, ob ich ausgesuchte Informationen auf einen Redaktionsschluss hin für den nächsten Tag verarbeite oder in Echtzeit aufs gesamte Weltgeschehen reagiere; das ist nicht nur eine Frage des Verbreitungsmediums, sondern des Journalismus insgesamt. Denn der lässt sich nicht mehr in Bild, Wort, Text, Video unterteilen, sondern muss oft alles in einem sein. Zu begreifen, nicht bloß ein Medium, sondern ein Markenversprechen zu sein, fällt vielen bis heute schwer.

Womit wir von der Form beim Inhalt, also der Kommunikation wären, die den gleichen Wandel durchmacht – und zwar auch dank der Bild, deren Auflage parallel zum massiven Anstieg der Presseratsrügen gesunken ist, keinesfalls zum Guten… 

Ich gehe jetzt einfach mal davon aus, dass Sie intelligent genug sind, diesen Stuss nicht wirklich selbst zu glauben. Es gab ja zum Beispiel immer wieder jede Menge politisch motivierter Beschwerden im Zusammenhang mit der Bild-Berichterstattung über ausländische Straftäter. Dafür, dass sie wahrheitsgemäß  die Herkunft von Straftätern benannte, hat ihr der Presserat regelmäßig Rügen erteilt. Welch eine unsinnige Haltung, Herkunft nicht zu benennen, wenn sie im Zusammenhang mit einer Tat offensichtlich eine Rolle spielt!

Wenn sie es denn tut! 

Das ist schon vor Jahren meine Haltung gewesen, inzwischen wird sie von immer mehr Kollegen – auch im Presserat – geteilt. Die Unterschlagung der Nationalitäten überführter Straftäter im Sinne einer irgendwie angenommenen politischen Korrektheit bildet fast logischerweise den Nährboden von Verschwörungstheorien, die journalistisch nur schwer in den Griff zu kriegen sind. Deshalb war es mir stets wichtig, Fakten zu benennen, sobald sie bekannt sind.

Oder gegebenenfalls zu unterschlagen, wie etwa im Fall des vermeintlichen Bolzenschneiderfotos von Jürgen Trittin. 

Bei genauerer Durchsicht des Archivs hätten Sie feststellen können, dass wir vor 19 Jahren bei der Foto-Beschriftung einen Fehler gemacht haben – einen richtig dummen Fehler, aber eben keine gewollte Unterschlagung von Fakten. Und wissen Sie, ich wurde in meiner Zeit bei Bild stets von beiden Seiten angefeindet – aus der rechten Ecke zum Beispiel für unsere Refugees-Welcome-Kampagne, aus der linken für die Forderung, auf deutschen Schulhöfen müsse auch deutsch gesprochen werden. Dinge klar anzusprechen sorgt immer für Gegenwind.

Aber machen Sie nicht den Bock zum Gärtner, für Verschwörungstheorien des Rechtspopulismus ausgerechnet jene Journalisten verantwortlich zu machen, die dessen Maßstäbe etwa bezüglich der Herkunft von Straftätern anders als die Bild ablehnen? 

Ist es nicht Giovanni di Lorenzo gewesen, der sehr selbstkritische Worte gefunden hat, was die zu unkritische Haltung vieler Medien etwa in Fragen der Flüchtlingspolitik angeht. Was die Haltung von Bild zur AfD angeht: In meiner Zeit haben wir ihr zu keinem Zeitpunkt eine Bühne geboten. Ich bin stolz darauf, dass Olaf Henkel…

Zu Bernd Luckes Zeit eines der neoliberalen Aushängeschilder der AfD. 

… mir in seiner Biografie ein ganzes Kapitel gewidmet hat, was für ein Blödmann ich sei. Das Problem mit Populisten sind ja die Populisten, nicht ihre Themen, die häufig durchaus ihre Berechtigung haben. Erst weil sie – Stichwort Integrationsfähigkeit vieler Flüchtlinge – von den Medien nicht ausreichend formuliert worden sind, konnten sie zu verschwörungstheorieanfälliger Größe anwachsen.

Die Bild und Sie tragen also keinerlei Verantwortung an der radikalen Verrohung gesellschaftlicher Diskurse? 

Im Gegenteil, Bild hat über Jahre einen großen Teil dieser Debatte publizistisch aufgefangen und ausgehalten. Im Übrigen ist eine solch radikale Zäsur in der Kommunikation nicht neu: Als der Buchdruck erfunden wurde, haben sich die ersten Flugschriften vor allem gegen das politische und geistliche Establishment gerichtet. Warum? Weil es bis dahin für die überwältigende Mehrheit der Menschen keine Möglichkeiten gab, sich öffentlich zu artikulieren. Das war vorm Durchbruch von Social Media im Grunde ähnlich. Bis dahin hatten Meinungen jenseits des Mainstreams ebenfalls keine Plattform. Man kann das aus journalistischer Sicht bedauern; weil sich das Internet ebenso wie der Buchdruck nicht mehr rückgängig machen lässt, muss man damit jedoch vor allem umgehen.

Und wie? 

Anders als die ersten Flugblätter vor gut 500 Jahren, verbreitet sich ein Post heute in Echtzeit um den Globus und stößt dabei auf völlig verschiedene Wertesysteme. In den USA steht das Recht auf freie Meinungsäußerung an erster Stelle der Verfassung, in Deutschland aus gutem Grund weit nach der Würde des Menschen an fünfter. Wie kriegt man es also auf eine Plattform wie Facebook, dass die Leugnung des Holocaust in den USA legal ist, bei uns hingegen ein Straftatbestand? Ganz ehrlich – auf gesellschaftspolitische Fragen wie diese habe ich keine Antwort.

Worauf Sie als ehemaliger Chef der Bild und heutiger der Social-Media-Agentur Story Machine allerdings eine Antwort haben sollten, wenn nicht gar müssten, ist die Frage, wie wieder das zu den Menschen vordringt, was besonders wahrhaftig ist, nicht besonders laut. 

Ach, was wahrhaftig ist, ist ja auch immer subjektiv.

Nehmen wir das objektive Ethos von Persönlichkeitsrechten über die Unschuldsvermutung bis hin zur Sorgfaltspflicht, die allesamt im Pressekodex verankert sind. 

Sehen Sie, wir sind Zeitzeugen eines technologischen Paradigmenwechsels, den es nie zuvor gegeben hat. Die Digitalisierung schafft ja nicht nur eine neue Kommunikation, sondern mehr noch als alle Aspekte der Industrialisierung zusammen eine völlig neue, vollständig virtuelle Welt, in der Zeit und Raum keine Rolle mehr spielen. Für ihren legendären Satz, das Internet sei Neuland, ist Angela Merkel ausgelacht worden.

Und als weltfremd beschimpft. 

Dabei hatte sie Recht! Denn wir wissen erst zu einem Bruchteil, wie man sich in dieser digitalen Welt bewegt. Wie in der Neuzeit, als die Menschen lernen mussten, einigermaßen selbstbestimmt durchs Leben zu gehen, entstehen heute rasend schnell neue Kommunikationsmöglichkeiten, die ebenso schnell wieder verschwinden können. Während Facebook bei manchen an Attraktivität verliert, wachsen Instagram und LinkedIn in den Himmel. Beides Portale übrigens, in denen Hatespeech weit weniger stattfindet. Solche Plattformen zu nutzen und fördern, ist daher auch Aufgabe verantwortungsbewusster Journalisten. Was wir aber definitiv nicht können, ist den Menschen zu verändern, denn der ist, wie er ist. Ich möchte eine aufgeklärte Gesellschaft, aber keine, die den Leuten vorschreibt, was sie zu denken haben.

Trauern Sie dem Journalisten früherer Tage, der das Weltgeschehen möglichst gewissenhaft vorsortiert hat, in denen Absender und Empfänger von Informationen also voneinander getrennt waren, nicht dennoch ein wenig nach? 

Ich bin keiner, der trauert. Tatsache ist: Wir haben hierzulande in einer weltweit einzigartigen Medienlandschaft mit starkem öffentlich-rechtlichem Rundfunk und einer publizistischen Vielfalt gelebt, die selbst Kleinstädte mit zwei konkurrierenden Tageszeitungen versorgt hat. Deren Aufgabe als Gate-Keeper und Agenda-Setter, das Gespräch der Gesellschaft über sich selbst im Hinblick darauf zu organisieren, wie alle miteinander leben wollen, hat sich in einer Welt, wo die Inhalte der Kommunikation algorithmisch gesteuert werden, nun mal verändert.

Aus Ihrer Sicht offenbar nicht zum Schlechteren. 

Weil es in der digitalen Welt immer weniger gelingt, gemeinsame Themen medial zu setzen, führt das gesellschaftspolitisch schon zu einer dramatischen Herausforderung für alle. Aber ehrlich: auch früher schon haben die Leute doch eine Vorauswahl getroffen, weshalb niemand Süddeutsche oder FAZ von vorne bis hinten gelesen hat. Nur war die eben sehr individuell. Im News-Feed dagegen finde nicht ich die Information, die Information findet mich und suggeriert mir damit, was relevant ist und was nicht.

Aus journalistischer Sicht wäre das dann nachfrage-, statt angebotsorientierter Inhalt. 

Ja, aber die Plattformen arbeiten daran herauszufinden, was der User wirklich will. Und ich bin gar nicht so pessimistisch, dass am Ende jene erfolgreich sind, die es seriös machen.

Woher beziehen Sie diesen Optimismus? 

Aus einem Mangel an Technologieskepsis. In der Vergangenheit haben sich meistens nur solche Innovationen durchgesetzt, die den Menschen das Leben erleichtert haben. Vor 500 Jahren hat die Mehrzahl der Menschen in der Landwirtschaft gearbeitet, konnte nicht lesen oder schreiben und ist mit 30 gestorben. Heute haben wir fließend Wasser und Strom und können innerhalb von 10 Stunden die Kontinente wechseln. Das hat sich doch einiges zum Positiven verändert…

In China sogar gerade in Echtzeit. 

Auf der ganzen Welt sterben längst mehr Menschen an Fettsucht und Suizid als Hunger und Krieg. Deshalb müssen wir uns als Journalisten ständig vor Augen halten: nicht das technische Gerät ist böse, sondern die Menschen, die es missbrauchen. Nehmen Sie den Volksempfänger, das Radio: jahrzehntelang ein wunderbares Unterhaltungs- und Informationsmedium, zwölf Jahre lang Vehikel des Untergangs.

Dieser Text ist zuvor im Medienmagazin journalist erschienen. Zweiter Teil am nächsten Donnerstag

Jürgen von der Lippe: Smalltalker & Feierbiest

Ich bin xenologophil

Wenn Jürgen von der Lippe mit seiner WDR-Talkshow Nicht dein Ernst! sonntags über Alltägliches plaudert, kehrt der 71-Jährige nicht auf die Bühne zurück – er war nie fort davon. Ein Gespräch über Partymäuse, Altersmilde, Ehrenpreise und was er als Offizier für die Bühne gelernt hat.

Von Jan Freitag

Herr von der Lippe, wenn Sie nicht zufällig der Gastgeber ihrer Auftaktsendung zum Thema Party wären – würden Sie sich selber als Gast einladen?

Jürgen von der Lippe: Klar. Ich würde mich zwar nicht mehr als Partymaus bezeichnen, hatte wie die meisten  aber solche Phasen.  Und das gilt ja scheinbar auch für Frank Plasberg, der hat da einiges zu erzählen.

Wobei einem sein Name nicht zwingend als erstes einfallen würde, wenn man sich in einer Talkshow übers Feiern unterhalten möchte.

Mag sein, aber wir mussten auch nichts aus ihm rauskitzeln. Meine Einstiegsfrage an ihn als Moderator verschiedenster Fernsehformate, der zudem in mehreren Filmen mitgespielt hat und laut Wikipedia bisher mit acht Preisen ausgezeichnet wurde, lautete: welches Völkchen feiert die besten Partys?

Oh, ist mir gar nicht aufgefallen.

Weil es dem Schnitt zum Opfer gefallen ist. Aufzeichnungen dauern ja stets viel länger als die geplante Sendung. Dennoch zeigt sich, dass jeder zu fast allem was zu sagen hat. Das muss gar nicht so naheliegend sein wie bei Elena Uhlig, wo beide zusammen auf sieben Kinder kommen und die man dann natürlich zu dem Thema einlädt. Wobei das Interessante an Nicht dein Ernst! ist, dass sowohl Sabine und ich als auch der jeweilige Gast manchmal persönliche Erfahrungen offenbaren, die man noch nie gehört hat.

In diesem Fall Dinge von großer Leichtigkeit. Ist das alltägliche Plaudern auch ein Statement gegen die Härte politischer Talkshows?

Ich persönlich empfinde das in der Tat als angenehm. Wobei Themen wie Geld oder Partnerschaft alltäglich, aber keinesfalls belanglos sind. Es geht meist um Probleme, die die meisten von uns betreffen, manchmal auch um heikle.  Das unterscheidet sich aber wohltuend von der allgemeinen Hysterie um uns herum. Ich zitiere da gern Max Goldt: wenn die Kritik an den Zuständen nerviger wird als die Zustände, muss man aufpassen, also Ruhe bewahren.

Für Ruhe sind Sie selbst ein gutes Beispiel. Können Sie eigentlich auch richtig laut sein?

Kann ich schon, bringt aber nichts. Und das ist einer der wenigen Vorteile des Alters, die Altersmilde, die, wie ich in meinem aktuellen Bühnenprogramm erkläre, ein hormonelles Geschehen ist: das Kämpferbenzin, das Testosteron wird weniger, das Östrogen mehr, leider nur bei Männern, bei Frauen ist es umgekehrt. Vom Rumbrüllen hatte ich schließlich schon bei der Bundeswehr genug.

Weil Sie dort so angeschnauzt wurden?

Zunächst ja. Aber meine einzig abgeschlossene Berufsausbildung ist die zum Offizier; da habe ich auch gelernt, andere anzuschnauzen. Hierarchie ist natürlich in einer solchen Organisationsform notwendig, aber als junger Leutnant und stellvertretender Kompaniechef lässt man dann schon mal die Sau raus, einfach weil man es kann und das ist Scheiße.

War es andererseits eine gute Übung für die Bühne, Menschen nach der eigenen Pfeife tanzen zu lassen?

Das nicht, aber ich habe es nur meinem schauspielerischen Talent zu verdanken, dass ich die ganzen Lehrgänge überhaupt bestanden habe. Schließlich war ich nicht beim Bund, weil ich so ein begeisterter Militarist bin, aber Wehrdienstverweigerung kam für mich nicht in Frage, weil ich den pazifistischen Standpunkt nicht sinnvoll finde: Es hat noch nie einen Aggressor abgehalten, dass jemand sich nicht verteidigen kann, warum sollte ihn  also die Tatsache abhalten, dass jemand sich nicht verteidigen will.

Außerdem?

Hatte ich keine Lust, meine Eltern vor Gericht zu schleppen, um feststellen zu lassen, wie viel Bafög ich kriege. Deshalb war die recht hohe Abfindung, die man als Zeitsoldat bekam, natürlich ein Anreiz, zumal man mir in Aussicht stellte, beim PSK-Sendebataillon in Andernach eine Journalistenausbildung zu bekommen, was aber, wie sich später herausstellte, eine Fehlinformation war. Also habe ich die drei Jahre abgeleistet, war aber wirklich keine Traumbesetzung. Egal, lange her.

So wie Ihr Start ins Unterhaltungsgeschäft. Wenn man wie Sie bereits mit Ende 50 die ersten Preise fürs Lebenswerk erhält fühlt man sich da geehrt oder doch bloß alt?

Eher alt! Und es klang für mich wie eine Aufforderung, nun aber bitte endlich aufzuhören. Ich hatte also den Produzenten ersucht, es bei „Ehrenpreis“ zu belassen und das Wort „Lebenswerk“  zu vermeiden. Das hatte man mir auch versprochen, es aber Dieter Nuhr, der die Laudatio hielt, nicht  gesagt. Also war ich sauer und habe Dieter angemeckert, der daraufhin, völlig zu Recht, auch sauer wurde. Meine Empfindlichkeit hat sich aber gelegt, als ich im Jahr drauf den zweiten Grimme-Preis erhielt und Hape Kerkeling, der ja noch jünger ist, zugleich den für sein Lebenswerk und bei der Dankesrede meinte, super, da kann ich ab jetzt ja Scheiße bauen. Diese Haltung habe ich mir zueigen gemacht.

Fühlen Sie sich demnach befreit, seit Ihr Alter jederzeit den Ruhestand erlaubt?

Nö. Ich fiebere keinem Pensionsdatum entgegen, sondern mache weiter, so lange mein Körper, das Gehirn und die Zuschauer mitspielen. Schließlich habe ich den für mich schönsten Beruf der Welt gewählt, was ich als großes Privileg empfinde.

Haben Sie sich auch deshalb so lange gehalten, weil das Publikum glaubt, es hätte nicht Jürgen von der Lippe, sondern den echten Hans-Jürgen Huber-Dohrenkamp vor sich?

Keine Ahnung, de facto schlüpfe ich aber ständig in andere Rollen, bin mal Autor, Komiker, Leser, Schauspieler, Moderator. Gerade erst habe ich auf Einladung der Uni Düsseldorf im Audimax einen Vortrag über den Einfluss der alten Sprachen auf meine Comedy gehalten. Hat Riesenspaß gemacht.

Sie sind aber kein Philologe?

Kein studierter. Aber in der Schule hatte ich sieben Jahre Griechisch und neun Jahre Latein. Seitdem bin ich xenologophil, habe also eine Schwäche für Fremdwörter.

Was zeichnet Sie noch aus?

Dass ich privat  lieber zuhöre als rede. Nur wer ständig mit ausgefahrenen Antennen durchs Leben geht, kriegt genug Stoff für die Bühne. Überall gibt es Comedy-Material, im Cafe, im Zugabteil, beim Sport, beim Einkaufen, im Hotel und und und.

Ihr Hawaii-Hemd ist also auch eher Maskerade als Kleidungsstil?

Reines Bühnenoutfit –  ich muss nicht auch noch privat so auf mich aufmerksam machen.


Bjarne Mädel: Ernie, Schotty & ein Manager

Auch ein Banker hat Gefühle

Kaum ein Schauspieler hatte es schwerer als Bjarne Mädel, sich von beharrlichen Rollenklischees zu lösen. Sein Banker im ZDF-Melodram Tage des letzten Schnees zeigt: es ist ihm gelungen. Ein Interview über Mittelschichtsfiguren, Realitätsvortäuscher und wie er mal auf einen Hütchenspieler reingefallen ist.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Bjarne Mädel, sind Sie selbst schon mal reingelegt worden wie Ihre Filmfigur Markus Sellin?

Bjarne Mädel: Nicht in dem Ausmaß, aber als ich vor vielen Jahren nach Berlin gekommen bin, hab ich den Fehler gemacht, Hütchenspielern auf den Leim zu gehen. Nachdem ich denen eine Weile lang von der anderen Straßenseite aus zugesehen hatte, war ich mir so derart sicher zu gewinnen, dass ich danach 50 Mark verloren habe. Seither bin ich nicht mehr so richtig betrogen worden.

Wobei Schauspielerei selbst als kleiner Betrug gilt…

Sagt man so, ja. Ich würde allerdings eher von Realitätsvortäuschung reden.

Kriegt man als berufsbedingter Realitätsvortäuscher ein anderes Sensorium für echte Betrüger?

Nicht so sehr, wenn es um Tricksereien geht. Aber wenn mir jemand eine Stimmungslage nur vorgibt, merke ich das auch deshalb oft relativ schnell, weil ich es ebenfalls gelernt habe, Gefühle künstlich herzustellen.

Sind Sie dadurch auch privat in der Lage, anderen emotional einen Bären aufzubinden?

Nein, das sind zwei verschiedene Welten. Zumal es mir auch im Schauspiel nicht darum geht, mich zu verstellen. Meine Figuren sind mir vielfach emotional sehr nah.

Wobei Ihnen der Banker Sellin verglichen mit vielen Ihrer Charaktere seltsam fern wirkt…

Der Mensch war mir nicht fern, nur seine Arbeitswelt; da gibt’s ja auch tatsächlich überhaupt keine Berührungspunkte – was schon beim Anzug oder der Lebensweise anfängt. Beides ist allerdings nur Teil seines beruflichen Umfelds. Die Privatperson mit all ihren Problemen ist mir dann wieder gar nicht so fern. Auch ein Banker hat ja Gefühle!

Fällt es Ihnen dennoch leichter, untere Mittelschicht wie Der kleine Mann, Mord mit Aussicht oder Stromberg zu spielen?

Ich fühle mich meinem Tatortreiniger zwar irgendwie verbundener als einem leitenden Angestellten, für die Intensität des Spiels macht das aber keinen Unterschied. Die Konzentration aufs Spiel ist einfach Teil meines Berufs. Ich bin ja nicht zufällig vor der Kamera gelandet und zum Glück nicht deckungsgleich mit den Figuren, die ich spiele.

Aber trotzdem wie Schotti HSV-Fan.

Es war von Anfang an klar, dass sich Heiko Schotte als Hamburger Macho mit Goldkette für Fußball interessieren sollte. Regisseur Arne Feldhusen war damals eher für St. Pauli, ich für den HSV – aber Pauli wird ja von Axel Prahls Kommissar Thiel im Tatort als Fan schon gut am Fernseher vertreten, auch deshalb haben wir uns für den größeren Traditionsverein Hamburgs entschieden. Dass ich HSV-Fan bin, hat es mir leichter gemacht, das glaubhaft zu vertreten, aber darum geht es echt nicht.

Sondern?

Es geht darum, was für die Geschichte richtig und stimmig ist, nicht was mir privat lieber ist. Natürlich gibt es Figuren oder Lebensumstände, die einem persönlich näher sind als andere. Ich habe zuletzt etwa in Der Überläufer einen Soldaten gespielt, ohne jemals beim Bund gewesen zu sein. Ich kann mich aber natürlich dennoch in seine Not hineinversetzen, auch wenn mir der Umgang mit einer Waffe nicht so vertraut ist. Ich habe durchaus innere Widerstände gegen allzu erfolgreiche Typen, aber einfach nur weil ich es langweiliger finde, sie zu spielen, wenn sie keine Abgründe haben.

Folgt Ihre Rollenauswahl dem Bedarf, sich von Rollenklischees zu emanzipieren?

Ich habe tatsächlich eine Weile aufgepasst. Nach zehn Jahren Stromberg haben alle gesagt, guck mal, da kommt Ernie. Nach sieben Jahren Mord mit Aussicht haben alle gesagt, guck mal, da kommt Dietmar. Nach sieben Jahren Tatortreiniger haben alle gesagt, guck mal, da kommt Schotti. Das waren ja auch alles tolle Sachen, auf die ich sehr stolz bin, aber wenn ich im Theater auf die Bühne komme und jemand fängt an zu lachen, bevor ich angefangen habe zu spielen, oder schlimmer noch, ruft laut Schotti, dann nervt das nicht nur mich, sondern alle. Aber letztlich ist es nur ein Lob für eine Figur, die ich selber ja auch sehr mochte.

Mochten Sie auch diesen Film hier, oder anders gefragt: Würden Sie sich Tage des letzten Schnees auch privat ansehen?

Ja, absolut! Schon allein wegen des tollen Ensembles. Außerdem mag ich die Arbeit von Jan Costin Wagner sehr, der die Romanvorlage geschrieben hat. Er erschafft tolle Figuren, erzählt spannende Krimis, aber eben psychologisch so tiefgründig, dass der Anteil der Polizeiarbeit in den Hintergrund rückt.

Von den Romanen gibt es noch drei. Macht das den Stoff automatisch reihentauglich?

Hätte ich nichts dagegen, aber ohne zu viel zu verraten, bin ich dann ja als Protagonist definitiv raus.


Hans Sigl: Bergdoktor & Gossipgeschichten

Operetten mag ich sehr

Anfang des Jahres begann die 13 Staffel Der Bergdoktor. Stets dabei: Hans Sigl (Foto: Erika Hauri/ZDF), steirisches Mannsbild von fast zwei Metern, der seit 2008 am Bildschirm praktisch nur in seiner Alpenpraxis zu sehen ist. Ein Gespräch mit dem 50-jährigen Schauspieler über leichtes Fernsehen und schweres Theater, blutige Operationen und ob er nach 121 Folgen in derselben Rolle noch immer Lust auf seinen Martin Gruber hat.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Sigl, was halten Sie vom Titel „Quotenkönig“, den Ihnen in die Medien oft verleihen?

Hans Sigl: Ich finde die Wortkombination seltsam. Insofern ist er mir sehr fremd.

Wird im Gegensatz dazu aber auch anerkennend verwendet – wenngleich quantitativ.

Das ist der Punkt. Ich freue mich stets über gute Quoten, weil uns dann viele Menschen zugeschaut haben. Aber daraus einen Wert über die Qualität hinaus zu machen, liegt mir fern.

Erreichen Sie denn lieber viele Menschen mit weniger Anspruch oder wenige Menschen mit mehr?

Ach, im Künstlerherz schlagen doch stets beide Seelen. Ich spiele im Theater ebenso gern auf samstags der großen Bühne vor vollem Haus Musicals wie Donnerstagnacht ein Ibsen-Stück im kleinen Studio. Dasselbe gilt fürs Fernsehen; auch da hat beides seine Berechtigung, seinen Wert – zumindest sofern es gut gemacht ist. Die leichtesten Stücke sind oft am schwersten zu spielen. Operetten zum Beispiel, die ich sehr mag.

Hat der vermeintliche Gegensatz von leicht und schwer, Masse und Klasse auch damit zu tun, dass erstere einfacher zu erreichen ist – etwa wenn beim Bergdoktor stets die Sonne überm Gipfel strahlt und Mutti zuhause das Frühstück macht wie in der angeblich guten alten Zeit?

Das ist eine Frage der Mischung von Bildsprache und Dramaturgie. Während die Kombination Bergformat plus Quote im Feuilleton reflexartig zur Ablehnung führt, bemüht man sich als Schauspieler umso mehr, dieser Art Unterhaltung Qualität zu entlocken. Natürlich geht es von der Figurenzeichnung bis zur Optik immer noch mutiger. Aber der Bergdoktor ist nun mal eine Familienreihe, also für alle Altersgruppen und Schichten gemacht. Ein sogenanntes Well Made Play.

Bedingt das einen eher konservativen Ansatz, bei dem die Familie so über allem steht, dass ein ungewollt schwangerer Teenager zum Start der neuen Staffel nie infrage stellt, das Kind zu kriegen?

In mittlerweile 121 Folgen variiert das von Geschichte zu Geschichte und Regisseur zu Regisseur, hätte in anderen Episoden also auch anders ausgehen können. In diesem Fall ist es in der Tat ein traditionelles, eher ländliches Modell der Familienplanung. Aber glauben Sie mir: ich kämpfe durchaus für modernere, eher städtische Perspektiven. Und manchmal gewinne ich, manchmal gewinnen andere.

Liegt es demnach an Ihnen, dass sich beim Bergdoktor im Gegensatz zum restlichen Genre der Himmel schon auch mal zuzieht?

Ich hoffe schon, aber den Anspruch hatte die Serie von Beginn an. Natürlich kann man immer noch radikaler werden, aber es gibt halt Formatgrenzen, die das ZDF am Donnerstag nicht so überschreiten darf wie Solo für Weiß am Montag, wo es auf fast unerträgliche Art um Kindesmissbrauch ging. Würden wir in jeder Folge drastisch über Krankheit, Tod und Abgründe erzählen, hätten wir definitiv weniger Erfolg. Und ehrlich: Anfangs haben wir öfter mal blutige Operationsszenen gezeigt; das möchte ich als Zuschauer auch nicht immer sehen.

Zumal so was schnell selbstreferenziell wird wie in Game of Thrones, wo Feinde lieber gehäutet werden als einfach nur getötet…

Und deshalb erzählen wir lieber emotional als alles explizit zu bebildern. Umso mehr stört es mich, dass Kritiker gar nicht so sehr uns, sondern das Genre kritisieren. Denn so harmonisch geht es bei uns gar nicht zu.

Im Vergleich zu Ihrem Privatleben mit Frau und Kindern geht es bei Martin Gruber im Gegenteil sogar ziemlich durcheinander zu.

Genau so kann man das beschreiben. Zwinkersmiley.

Gibt es überhaupt Ähnlichkeiten zur Serienfigur, die Sie seit 2008 spielen?

Als Österreicher bin ich verglichen mit deutschen Kollegen vermutlich eher ein Bauchmensch mit einer gewissen Gemütlichkeit, aber auch Grantigkeit, der nicht „und wie geht es dir, mein Schatz“ fragt, sondern einfach „was is?!“. Davon steckt eine Menge im Martin; weil ich nun mal so bin, aber auch, weil die Figur in mittlerweile 121 Produktionseinheiten, wie man einzelne Folgen so schön nennt, aus meiner Sicht ganz gut funktioniert.

Haben Sie nach so langer Zeit nicht manchmal die Schnauze voll von ihr?

Nein, dann könnte ich es ja nicht machen.

Na ja, als Dienstleister am Publikum könnten Sie auch einfach deren Bedarf befriedigen oder einfach vertraglich noch länger gebunden sein?

Emotionale Dienstleitung bearbeite ich schon in meinem Kabarettprogramm. Nein, ich muss von jeder Rolle emotional berührt sein, um mich und andere dafür zu motivieren. Dienst nach Vorschrift funktioniert bei mir nicht. Und um mal was ganz anderes zu machen, hab ich gerade den Actionthriller „Flucht ins Höllental gedreht.

Und – Adrenalin geleckt?

Schon ein bisschen, deshalb wollen wir das vielleicht fortsetzen. Als Schauspieler will man ja grundsätzlich Genres wechseln. Deshalb würde ich zum Beispiel gern Komödien drehen. Andererseits freue ich mich nach dem Winterspecial des Bergdoktors im Frühjahr oft schon Wochen vor Drehbeginn darauf, dass es im Juni wieder losgeht.

Und in der Zwischenzeit stehen Sie auf der Kabarettbühne?

Unter anderem, ja. Grundsätzlich findet die Bühne aber auch parallel zum Drehen statt. Obwohl das im Grunde zwei ganz verschiedene Berufe sind.

Nicht bloß verschiedene Ebenen desselben Berufs?

Eigentlich nicht, aber bei mir trifft das offensichtlich insofern zu, als es Regenbogenjournalisten gibt, die Passagen meines Kabarettprogramms dafür benutzen, Gossip-Geschichten über mich zu schreiben. Dieses Verschmelzen von beruflicher und privater Figur ist echt irre. Und spornt mich zu neuen Dingen an. Man darf gespannt sein.