Hackedepicciotto: Neubauten & Grenzbereiche

Es kann auch alles wieder gut werden…

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Einstürzende Neubauten-Bassist Alexander Hacke ist einer der wenigen deutschen Weltstars, seine Frau Danielle Picciotto kennt zumindest die Berliner Boheme bestens. Gemeinsam (Foto: Sven Marquardt) machen sie seit Jahren Musik, die man als Industrial Folk bezeichnen könnte. Ein Gespräch über ihr neues Album The Silver Threshold, Lockdowns als Horizonterweiterung, Touren in der Klimakrise und welches Instrument selbst Hacke zu laut ist.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Bei der Ouvertüre von The Silver Threshold kam kurz die Befürchtung auf, es könnte ein sphärisches, gar esoterisches Album werden. Soll der Einstieg bewusst irritieren, um den beatlastigeren, weniger organischen Anschluss vorzubereiten?

Alexander Hacke: Wieso Befürchtung? Wir wollten auch insgesamt ein sphärisches, esoterisches Album machen.

Danielle Picciotto: (lacht) Dieser Einstieg ging weniger von Alex als von mir aus. Ich komme aus der Klassik und dachte im Angesicht von Pandemie und Klimakrise, ein opernhafter Anfang würde passen. Ich beschäftige mich seit langem mit Umwelt und wollte damit den Naturzustand beschreiben – bis am Ende der Ouvertüre der Mensch kommt, was sich in bedrohlichen Geräuschen zeigt. Dieser Kontrast zieht sich durchs ganze Album, ist also nicht esoterisch, sondern ganz praktisch.

Hacke: Bei Silver Threshold geht es ja schon dem Titel nach um Grenzbereiche unserer Zeit, die unglaubliches Potenzial in beide Richtungen hat: Bei dieser Weichenstellung kann ja alles noch viel schlimmer werden.

Picciotto: Könnte!

Hacke: Könnte. Es kann aber auch alles wieder gut werden.

Sind Sie da eher misanthropisch oder philanthropisch?

Picciotto: Wie unser Album bin ich da in der Mitte – manchmal deprimiert, manchmal aber auch auf der Suche nach Strohhalmen guter, positiver Nachrichten. Es kann auch aus Sicht der Wissenschaft jederzeit in beide Richtungen kippen.

Hacke: Es ist zwei Minuten vor zwölf, aber eben nicht nach. Das bringen wir auch musikalisch zum Ausdruck, denn Musik hat die Möglichkeit, dir Kraft, Sicherheit und das Gefühl zu geben, nicht allein zu sein. An dieser Form von Energieerzeugung arbeite ich seit jeher.

Picciotto: Trotzdem regen wir in den Texten auch zur Nachdenklichkeit an. Obwohl ich nicht religiös erzogen wurde, transportiert „Babel“ zum Beispiel meinen Eindruck, dass selbst gute Freunde im Zuge der Pandemie kaum noch zu verstehen sind und oft verschiedene Sprachen sprechen, während „The Watered Garden“ am Schluss wieder vom Grenzbereich handelt, den wir nur mit einer gemeinsamen Sprache zum Guten verlassen.

Hat das Album musikalisch den Anspruch, die Leute wieder auf der Tanzfläche zu versammeln? Anders als die zwei Vorgängerplatten ist es jedenfalls deutlich rhythmischer.

Hacke: Perseverantia und Menetekel waren zuvor in der Tat droniger, flächiger. Seit The Current versuchen wir unsere Musik unabhängig vom Zeitgeschehen energetisch aufzuladen. Aber die Sehnsucht nach Bewegung und Versammlung manifestiert sich natürlich schon auch im Rahmen unserer künstlerischen Arbeit.

Picciotto: Wir haben das Album so gemacht, wie es ist, weil wir Lust dazu hatten. Aber weil Veränderung nun mal aus Energie entsteht, passt es auch zu seiner Zeit. Inmitten der Pandemie ein Depri-Album zu machen, erschien uns irgendwie unangebracht.

Künstler*innen mögen es oft nicht, wenn ihre Kunst von außen gelabelt wird, aber statt Depri-Album wäre Industrial Folk passend, irgendwie organischer Techno.

Hacke: Solange ich mir selber keines ausdenken muss, kann ich mit fast jedem Label gut leben. Wir hatten kurz mal sowas wie „cinematic drone“ vor Augen, aber wenn man das googelt, werden einem nur fliegende Kameras angeboten.

Wie hoch ist darin der analoge, wie hoch der digitale Anteil?

Hacke: Ich spiele die Saiteninstrumente und viele der Percussions, also oft richtige Trommeln, die wir bislang elektronisch eingespielt hatten. Aber weil „The Silver Threshold“ in einem richtigen Studio mit Toningenieur eingespielt wurde, anstatt alles wie üblich unterwegs, ging das mal. Danielle spielt viele der klassischen Instrumente – Drehleier, Geige, Kemence.

Picciotto: So ein türkisches Cello. Bis auf die elektronischen Sounds von Alex ist alles live und analog. Ich spiele übrigens noch so eine türkische Flöte.

Hacke: Das ist keine Flöte, sondern die Surna, eine Art persischer Oboe.

Picciotto: Ein ewiger Streit, aber weil ich sie spiele, darf ich sie nennen, wie ich will (lacht). Ich bin schon deshalb so stolz darauf, weil es das einzige Instrument ist, was Alex trotz der Neubauten jemals zu laut war.

Hacke: Unglaublich, was da für ein Geschrei rauskommt.

Verändert es eigentlich die Musik, wenn man sie als Paar macht, anstatt mit Bandkolleginnen?

Hacke: Auf jeden Fall. Wir kennen uns besser und haben daher ein Vertrauensverhältnis, das ich zu Kollegen nicht habe. Die Tatsache, dass wir im romantischen Sinne ein Paar sind, wird aber natürlich nochmals dadurch verstärkt, dass wir seit nahezu zwei Jahren sieben Tage die Woche 24 Stunden beisammen sind, weshalb wir uns in keiner Form irgendwie briefen müssen für das, was wir planen.

Kann auch anstrengend sein.

Picciotto: Aber genau das macht unsere Zusammenarbeit im Guten wie im Schlechten persönlich, intensiv und wurde durch die Pandemie nochmals verstärkt. Normalerweise sind wir Nomaden, die seit zehn Jahren ohne festen Wohnsitz um die Welt reisen. Von daher war es für uns toll, wegen der Pandemie mal wieder an einem festen Ort zu sein und zum Beispiel Berlin ganz neu kennenzulernen.

Hacke: Vor allem den Osten. Als Westberliner ist der Blickwinkel da gern mal ein wenig eingeschränkt.

Picciotto: Die Stadt wurde plötzlich ungleich größer.

Hacke: Das war auch wichtig, denn eigentlich hatten wir geplant, 2020 komplett auf Tour zu sein. Anfang des Jahres hatten wir gerade mal vier Shows statt weiterer 20 geschafft. Weil auch die Neubauten unterwegs gewesen wären, wollten wir eigentlich gar unsere Studios aufgeben. Glücklicherweise habe ich die Kündigungsfrist verpasst, weshalb wir die Orte während der Lockdowns noch hatten.

Picciotto: Ansonsten hätten wir nur so ein kleines Bürozimmer gehabt, zwölf Quadratmeter. Umso mehr konnten wir die ersten Monate des Herunterfahrens genießen – auch, weil ich nach zehn Jahren Jetlag erstmal vier Monate durchgeschlafen habe. Nicht müde zu sein, das kannte ich vorher gar nicht mehr. Super.

Aber ploppen Sie dann jetzt trotzdem wie die Sektkorken aus der Flasche, wenn der Normalzustand wieder hergestellt wäre?

Picciotto: Normalzustand schon deshalb nicht, weil sich unser Reisen durch den Klimawandel massiv ändern wird. Wir sind schon vor Pandemie innerhalb Europas kaum noch geflogen, sondern Zug gereist. Das wird sich jetzt nochmals verstärken.

Hacke: Wir versuchen unseren Fußabdruck auch nach der Pandemie klein zu halten. Aber auch sonst hat sie den Blickwinkel auf alles dahingehend verändert, Routinen abzubauen. Das wird nicht spurlos an uns vorrübergehen. Die ersten paar kleinen Shows haben uns bereits gezeigt, was es bedeutet, auch nur Soundcheck zu machen oder Gepäckstücke zu bewegen. Wie es sich anfühlt, mit vielen Menschen auf engstem Raum zu sein, wissen wir da noch gar nicht.

Picciotto: Ich hatte kürzlich eine Ausstellungseröffnung, wo wir einige Lieder gespielt haben – da waren 300 Leute, Wahnsinn! Und alle waren kurz vorm Heulen, inklusive mir. Ich bin es als Tochter eines Vaters in der US-Armee gewohnt, umherzuziehen, aber dieses Ankommen an einem Ort unter Menschen, die man alle kennt, war rührend. Weil wir sicher nicht ewig touren, ist unser Ziel seit langem, ein Kulturhaus eröffnen, zu dem die Leute hinkommen, anstatt dass wir ständig zu ihnen reisen. Das kann ich mir durch die Pandemie besser vorstellen.

Das Interview ist vorab beim MusikBlog erschienen


Giovanni Zarrella: Castingpop & Schlagershow

Probleme löse ich allenfalls zuhause

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Nach seiner Pop-Karriere mit Bro’Sis steckte das Casting-Gewächs Giovanni Zarrella (Foto: Tobias Schult) eine Weile lang im Loch einer Resterampen-Karriere. Dann sang der Schwabe Italienisch, feierte Erfolge und darf Samstag zum zweiten Mal im ZDF Die Giovanni Zarrella Show“ moderieren.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Giovanni Zarrella, kennen Sie eigentlich Vicco Torriani?

Giovanni Zarrella: Natürlich kenne ich den, ein großer Kollege.

Seit den späten 50er Jahren war er so eine Art italienisches Fernwehmaskottchen des Nachkriegsfernsehen. Verbindet ihn das ein wenig mit Ihnen?

Abgesehen davon, dass er Schweizer war und einer sehr komplizierten Zeit entsprungen ist, hat Vicco Torriani tatsächlich versucht, das italienische Fernweh der Deutschen zu bedienen. Interessanterweise spüre ich diese Sehnsucht nach dem dortigen Dolce Vita seit den Siegen bei der EM und dem ESC wieder ein bisschen mehr. Viele hier bringen Genuss, Entspannung, Lebensfreude ja noch immer mit der Heimat meiner Eltern in Verbindung.

Und das bedienen Sie auch?

Ich hoffe! Es ist schließlich Teil meiner Aufgabe, das Publikum einer Live-Show wie dieser für zwei, drei Stunden aus dem Alltag zu befreien. Das habe ich übrigens schon in der Pizzeria meiner Eltern im Schwabenland gelernt. Wenn ich ausgeholfen habe, war es meine Challenge, dass die Menschen zufrieden nach Hause gehen. Deshalb hat mein Papa mich gern zu Leuten geschickt, die besonders gestresst waren. Giova, meinte er dann (simuliert den italienischen Akzent seines Vaters) – du gehste da hinne, singste, machste sie glucklisch.

Sie haben am Tisch gesungen?

Ja. Und ich habe es geliebt. Nicht nur, weil es angesichts der Konkurrenz von mindestens sieben italienischen Restaurants in Hechingen auch eine Werbung für uns war, sondern weil es mir schon damals wirklich wichtig war, Menschen glücklich zu machen. Vor 23 Uhr, indem ich alle Italo-Hits vom Band laut mitgesungen habe. Nach 23 Uhr, als nur noch Stammgäste da waren, zu Papas Gitarre am Tresen. Für Gastgeber ist die Gastronomie die denkbar beste Schule. Und weil ich aus der italienischen komme, stille ich dabei auch ein bisschen das Fernweh meines Publikums.

Klingt trotzdem klischeehaft.

Aber wenn es alle Beteiligten doch gut finden und niemand darunter leidet? Ich finde es toll, dass Italien hierzulande selbst im Fußball wieder mehr Fans hat. Das merkte man besonders bei der EM, als uns viele Deutsche die Daumen gedrückt haben.

Aber auch ein wenig aus Mitgefühl für die fürchterlichen Pandemie-Bilder aus Bergamo ein Jahr zuvor, oder?

Ganz bestimmt sogar, die Bilder von Särgen überall vergisst niemand mehr, der sie gesehen hat. Aber nicht nur Bergamo, auch Rom, es war damals überall furchtbar. Auch im Angesicht der schweren Zeit, die wir alle auch in Deutschland grad durchmachen, möchte ich die Leute kurz aus ihrem Alltag holen, damit sie es sich einfach mal gutgehen lassen.

Es gibt dafür einen Begriff, der es selten gut meint mit dem Fernsehen: Eskapismus.

Kenne ich.

Er besagt ja nicht nur, Menschen aus dem Alltag zu holen, sondern sie zu sedieren.

Niemand behauptet, dass Unterhaltung Probleme lösen kann. Probleme löse ich allenfalls zuhause, mit meiner Frau und meinen Kindern. Wenn es irgendjemandem in meinem Umfeld schlecht geht, kann ich keine gute Zeit haben, unmöglich. Das geht so weit, dass Jana manchmal zu mir sagt, ich solle mich selbst dabei nicht vergessen. Auf der Bühne versuche ich, für Entspannung zu sorgen, also buchstäblich für ein paar Stunden Druck vom Publikum zu nehmen, denn Druck ist kontraproduktiv, unter Druck brechen Dinge.

Druck kann aber auch motivierend wirken. Manche sind ohne Druck unproduktiver.

Das stimmt, die definieren Druck dann eben anders; was aber nicht heißt, dass er für sie nicht dennoch zu groß werden kann.

Spüren Sie Druck, auf diesem immer noch wichtigen Sendeplatz am Samstagabend im ZDF ein Millionenpublikum beliefern zu müssen?

Nein, ich betrachte das als großes Geschenk, eine Spielwiese, auf der ich mich austoben kann.

Wobei diese Spielwiese gar nicht ihr eigenes Biotop ist. Als Mitglied der Casting-Band Bro’Sis kommen Sie ja eher aus dem Pop. Entspringt der Weg in den Schlager da echter Überzeugung oder doch eher dem Pragmatismus, damit erfolgreicher zu sein?

Ich stehe zu 1000 Prozent hinter diesem Weg, denn wer mich kennt, weiß genau: wenn ich etwas tue, zu dem ich nicht stehe, würde es mir dabei absolut nicht gut gehen. Das gilt auch für die letzten zwei Alben, auf denen ich deutsche Hits auf Italienisch singe. Nach Bro’Sis war erst mal 14 Jahre Sendepause, 14 Jahre, in denen es keinen wirklich interessiert hatte, was ich musikalisch mache. Jetzt hole ich als Italo-Deutscher eben alles aus den zwei Kulturen, die mich geprägt haben und die Leute glauben mir, dass ich es ehrlich meine. Außerdem ist Schlager 2021 nicht das Gleiche wie Schlager 1971.

Er ist viel poppiger geworden.

Und klingt darin ganz schön nach dem Italopop der Achtziger, von dem die Leute auch dachten, das sei Schlager. Ist er aber nicht. Es ist Pop. Von Pragmatismus also keine Spur.

Ist es denn Pragmatismus oder Überzeugung, sich so bereitwillig ins Rampenlicht zu stellen, dass sogar während der Schwangerschaft Ihrer Frau ständig die ProSieben-Kameras bei den Zarellas mitliefen?

Zu der Zeit, 2008, wollten wir eine Sendung machen, die das Schönste, was es für einen Italiener und eine Brasilianerin gibt, zeigen wollte, nämlich eine Familie zu gründen. Wenn das ein Klischee ist – bitte. Aber lieber Klischees von Herzen als Gefühle nach Drehbuch. Damit kann ich mich auch deshalb voll identifizieren, weil uns niemand aufgefordert hat, Dinge zu tun oder sagen, die gescriptet sind. Deshalb gibt es bei aller Bereitschaft, etwas öffentlich von mir preiszugeben, Formate, in denen man mich nie sehen wird.

Stichwort Dschungelcamp.

Oder Promiboxen, Big Brother, alles durchaus lukrativ. Aber selbst in weniger guten Jahren, von denen es einige gab, kam so was nie infrage. Das ist ein Lifestyle, für den ich mich später vor meinen Kindern nicht rechtfertigen möchte.

Aber „Giovanni & Jana Ina – wir sind schwanger“ würden Sie heute nochmal machen?

(überlegt lange) Ich würde es nur aus einem Grund nicht mehr machen: Weil es eine bessere Zeit hatte, die vorüber ist. Mein Popstars-Casting war das erste, bei denen Männer dabei waren, und es hat mir erstmals die Möglichkeit gegeben, das beruflich zu tun, was vorher nicht richtig geklappt hatte. Von der Schwangerschaftsdoku gab es damals eine im gesamten Jahr. Heute sind die Sender voll von solchen Real-Life-Formaten, der Charme ist nicht mehr von damals.


Christoph Nickel: Beleuchtung & Blackout

Zuhause heißt mein Lichtkonzept gemütlich

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Christoph Nickel hat von Homeland bis Babylon Berlin schon viele Serien erhellt, mit Blackout (seit 14. Oktober bei Joyn+) betritt aber auch der erfahrene Oberbeleuchter aus Kiel Neuland. Wie man Licht ins Dunkel eines europaweiten Stromausfalls bringt und was deutsche von amerikanischer Beleuchtung unterscheidet.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Nickel, in der Joyn-Serie Blackout fällt der Strom in ganz Europa aus. Wie beleuchtet man glaubhaft und dennoch sichtbar die Dunkelheit?

Christoph Nickel: Das Gleiche hat mich die Produktionsseite auch gefragt und meinte, das könne ja nicht so aufwändig sein – ist ja eh dunkel.

Im Scherz, nehme ich an?

Klar, die Sache ist ja doch komplizierter. Fangen wir draußen an. Wenn man nicht grad auf offenem Feld dreht, lässt sich die Dunkelheit mit vorhandenem Restlicht wunderbar erzählen. Dummerweise fällt in einer Stromausfallserie auch in der Stadt alles weg, was sonst leuchtet. Straßenlaternen zum Beispiel oder Wohnungsfenster. Klassischerweise imitiert man dann Mondlicht mit hartem, kühlen Gegenlicht. Unser Ansatz war es, No-Light Situationen zu schaffen.

No-Light?

Zum Beispiel eine bewölkte, mondlose Nacht ohne andere Lichtquellen. Wir haben große flächige, an Kränen hängende, Leuchtquellen gebaut, um möglichst schattenarmes Licht zu erzeugen. Oder selbstleuchtende Heliumballons, von denen ich bei dieser Serie mehr eingesetzt habe als in 30 Berufsjahren vorher zusammen. Da dürfen Kameraleute keine Angst vor Dunkelheit haben, und bei Kolja Brandt wusste ich, dass er wie ich bereit ist, viel Dunkelheit im Bild zuzulassen. Wir haben aber auch mit Feuer, Autoscheinwerfern, Blaulicht von Polizei und Feuerwehr oder Petroleumlaternen gearbeitet – Lichtquellen, die es auch beim Stromausfall noch gibt.

Vom Leuchten der Smartphones ganz zu schweigen.

Ganz wichtig. Eine Krankenhausszene haben wir ausschließlich mit einer Reihe batteriebetriebener Baumarktlampen beleuchtet – mit denen würde ich sonst eher den Weg zum Catering beleuchten.

Was ist aus Ihrer 30-jährigen Berufserfahrung heraus denn herausfordernder: Tag oder Nacht, Helligkeit oder Finsternis?

Die Herausforderung, Dinge nachts sichtbar zu machen, ohne dass es künstlich wirkt, ist allgemein schon größer, auch spannender. Aber hier war es auch tagsüber anspruchsvoll, weil die Regisseure keine Sonne erzählen wollten, sondern fahles, winterliches Licht. Da kämpft man dann mit vielen großen Segeln gegen die direkte Sonne, die ja auch wandert, sodass man ständig korrigieren muss.

Zumal es mit jedem Tag „Blackout“ dunkler zu werden scheint.

Und da haben wir uns mit Regie, Kamera und Szenenbild Timelines erstellt, welche technischen Geräte wann innerhalb der sieben, acht Handlungstage den Geist aufgeben. Wenn die Kraftwerke stoppen, gehen Deckenlampen sofort aus, aber die Akkus sind noch voll. Wir haben da – auch mit der Continuity – genau überlegt, an welchem Punkt des Drehbuchs selbst mit Taschenlampen Schluss ist, um es von Tag zu Tag dystopischer wirken zu lassen.

Wie eng arbeitet der Oberbeleuchter darüber hinaus mit dem restlichen Team – stehen Sie von Anfang an mit der Regie in Verbindung?

Manche Regisseurinnen und Regisseure haben genaue visuelle Vorstellungen, auch übers Licht. Da fängt die Kommunikation dann schon sehr früh an, und es gibt auch beim Dreh einen engen Austausch. Meist sind es aber die Kameraleute, mit denen ich mich als erstes treffe und ein Konzept erstelle. Man arbeitet dann aber auch eng mit den anderen Gewerken, vor allem dem Szenenbild, zusammen – besonders bei so einem Projekt wie diesem, wo viele Lichtquellen ja auch Teil der Ausstattung sind.

Dafür haben Sie zu Beginn Ihrer Karriere vermutlich noch mit analogem Licht gearbeitet, Kilowatt-Strahlern, womöglich gar Glühbirnen.

Bis in die 80er gab es eigentlich nur Glühlicht und HMI-Scheinwerfer fürs Tageslicht. Mitte der 90er kamen Kino-Flos auf den Markt – filmtaugliche, nicht grünstichige Leuchtstoffröhren in leichten Gehäusen, die das Leuchten in Innenräumen sehr vereinfacht haben. HMI und Glühlicht sind weiterhin tolle Leuchtmittel – allerdings hat LED-Technik die Filmbeleuchtung mittlerweile revolutioniert.

Und das ist auch gut so?

Das ist auch gut so. LED-Lampen sind mittlerweile farblich hervorragend vielseitig, ohne aufwändige Dimmertechnik wireless steuerbar, und nicht zuletzt energiesparend. Wenn es nicht gerade richtig große Sets sind, bei denen ich einen Dimmeroperator brauche, steuere ich im Prinzip alles per Software vom Ipad. Und LED wird auch von der Lichtqualität her ständig verbessert, man kann es mit jeder anderen Quelle mischen, jede erdenkliche Farbe erzeugen. Ich kann heute Kerzenschein mit einer LED-Lampe verlängern. Das war vor drei Jahren so nicht möglich.

Woher rührt eigentlich die spürbare Leidenschaft fürs Licht – hatten Ihre Eltern ein Lampengeschäft?

(lacht) Nee. Und ich komme eigentlich auch aus der Fotografie. Als ich Ende der Achtziger nach Berlin kam, hatte ich Geografie studiert und bin durch so eine Filmclique an der Uni zur Kamera gekommen, das war mein erster Traum. An der Filmhochschule bin ich dann zwar nicht genommen worden, aber gleichzeitig bei kleinen Projekten gelandet, wo ich das Licht gemacht habe, mit null Erfahrung, aber Zeit, Dinge auszuprobieren. Als ich gemerkt habe, wie kreativ und abwechslungsreich das ist, war meine Leidenschaft geweckt.

Also alles Zufall?

Eher Glück, würde ich sagen. Auch, früh mit Kameraleuten gearbeitet zu haben, mit denen ich kreativ auf einer Wellenlänge lag und die offen für meine Ideen waren. Der Job des Oberbeleuchters hat drei Aspekte: Kreativität, Organisation, Technik. Ich hab‘ schnell gemerkt, dass diese drei Dinge, und vor allem die Kombination, mich herausfordern und mir Spaß machen, besonders der technische Aspekt in den letzten Jahren, all die Innovationen für mich zu entdecken.

Laufen Sie mit dem Lötkolben am Set rum und basteln sich das perfekte Licht selbst?

Ich hab‘ immer gern verrückte Sachen, die es so zuvor noch nicht gab, gebaut. Da liegt so Einiges in den Regalen unseres Lagers. In meiner Crew habe ich aber meist jemanden, der darauf spezialisiert ist, am Set mal schnell was zu basteln. Es sind auch ziemlich professionelle Lampen entstanden, zum Beispiel ein umfangreiches Set von LED-Panels in diversen Größen und Formen mit Steuerungstechnik.

Sind Beleuchter denn alles ausgebildete Lichttechniker?

Ab und an gibt’s da mal einen Veranstaltungstechniker, professionelle Rigger, und bei großen Institutionen wie dem Studio Hamburg, auch noch richtige Lichtmeister. Aber die meisten der freien Filmwirtschaft sind Quereinsteiger wie ich, die sich aber zunehmend fortbilden müssen, zum Beispiel zum Thema Strom.

Die größte Serie, die Sie bislang beleuchtet haben, war vermutlich Babylon Berlin.

Hierzulande schon. Aber noch größer war zum Beispiel Homeland, da habe ich bei einer Staffel mitgemacht. Mir gefällt die deutsche Einschränkung. Ich mag es, aus der Not eine Tugend zu machen.

Arbeiten amerikanische Beleuchter anders als deutsche?

Im amerikanischen System gibt es Beleuchter, die nur für Lampen zuständig sind, und Grips, die mit Fahnen oder Segeln arbeiten – das ist in Europa nicht getrennt. Was amerikanische Produktionen aber definitiv unterscheidet: der Beleuchtungsaufwand ist viel größer. Größere Sets, höheres Lichtlevel, mehr Freiheit beim Spiel mit Lichtrichtungen. Diesen Aufwand können sich deutsche Produktionen so in der Regel nicht leisten.

Wäre das denn besser?

Es gibt Geschichten wie die eines oscarprämierten Kameramanns, der für einen Zugüberfall im Western megaaufwändig ausgeleuchtet hat, mit vielen Lichtkränen. Die hat er dann allerdings ausschalten lassen und die Szene mit einer offenen 5000-Watt Halogenbirne vorn auf der Lokomotive gedreht. Dafür würde dir hier jeder Produzent den Kopf abreißen. Aber ehrlich? Mir gefällt die deutsche Einschränkung. Ich mag es, aus der Not eine Tugend zu machen; daraus entsteht oft etwas viel Besseres, als wenn man alle Optionen hat. Manchmal kreiert der Zufall die tollsten Dinge.

Wie schauen Sie selbst denn Filme anderer an – zuerst mit Blick aufs Licht?

Nee, ich lasse mich fallen, wenn der Film mich einfängt, und wenn ich Kamera und Licht toll finde, schaue ich oft ein zweites Mal und achte auf die Visualität und technische Umsetzung.

Und ist Ihre Wohnung nach einen speziellen Lichtkonzept ausgeleuchtet?

(lacht) Ich habe schon viele Lampen, auch schöne, aber keine komplizierten Installationen mit smarter Regulierung. Zuhause heißt mein Lichtkonzept gute Atmosphäre und Gemütlichkeit.


Guido Marie Kretschmer: Shopping & Wedding

Erfahrung, Liebe, Energie

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Dank seiner endlosen Empathie ist der hilfsbereite Designer Guido Maria Kretschmer (Foto: Enver Hirsch/SpotOn) everybodys darling. In seiner Vox-Show Guidos Wedding Race hat er Linda nun Linda de Mols Traumhochzeit nun eine Frischzellenkur verpasst. Nach der ersten Folge wurde sie zwar vorübergehend abgesetzt, aber ein Interview (vorab auf DWDL) über Äußerlichkeiten, Geschlechtergerechtigkeit, Homophobie und wo selbst der 55-jährige Harmoniefan wütend wird, ist dennoch immer ein Fest.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Kretschmer, können Sie das Erfolgsgeheimnis Ihrer Fernsehkarriere in einem Satz zusammenfassen?f

Guido Maria Kretschmer: Eine schöne Verbindung aus Kreativität, Freude am Menschen und derjenigen, mit ihnen besondere Momente zu teilen. Was wäre denn Ihr Satz?

Ich kann Ihnen den meiner Frau nennen, ein großer Fan. Sie meint: Weil er uns, also Frauen, so aufrichtig liebt.

(lacht) Schön. Ich wurde ja vornehmlich von Frauen sozialisiert wie meinen äußerst speziellen Großmüttern – eine sehr intellektuell, eine sehr modeverdreht; sonst wäre ich heute ein anderer. Dass ich ihnen so viel zu verdanken habe, hängt aber auch damit zusammen, Frauen immer besonders zugehört zu haben. Das ging von meiner Schwester bis hin zu Lehrerinnen. Ich spürte einfach, dass von denen mehr zu holen war als von Männern.

Nämlich was genau?

Erfahrung, Liebe, Energie. Ich glaube bis heute, die Welt wäre ein entspannterer Ort, würden Männer Frauen mehr Raum lassen. Deshalb hat mir im Bundestagswahlkampf auch am meisten die Geschlechtergerechtigkeit gefehlt. Wir reden zwar viel übers Gendern, haben es aber noch immer nicht geschafft, für gleiche Arbeit gleiches Geld zu bezahlen. Dieser Irrsinn verleitet mich dazu, Frauen in meinen Sendungen viel mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Auch wenn ich Männer, wie Sie sich denken können, sehr mag, feiere ich die Frauen, wo ich kann.

Wobei Sie, so scheint es zumindest in Ihren Shopping-Shows, dabei vor allem das Äußere der der Frauen feiern, um nicht die Oberfläche zu sagen.

Na ja, die Oberfläche ist eben Teil meines Berufes als Designer, aber anders als manch andere Kollegen dringe ich vom Äußeren möglichst schnell ins Innere vor. Schließlich sage ich immer, Mode ist die Haut der Seele. Wer das nicht glaubhaft machen würde, könnte doch nicht erfolgreich das einzige Frauenmagazin mit einem Männernamen machen.

Guido!

Das ist ein wunderbares Vehikel, um Frauen das Handwerkszeug für echte Selbstachtung zu vermitteln. Ich versuche ja auch bei Shopping Queen nicht nur, das Äußere zu optimieren, sondern damit neues Selbstbewusstsein zu erzeugen, das auch andere spüren.

Können Sie das Innere eines Menschen über sein oder ihr Äußeres erkennen?

Ich glaube schon. An ihrem Auto zum Beispiel kann man sich sowohl anhand der Marke als auch der Aufkleber, des Nummernschilds oder dem Zeugs auf der Rückbank ein erstes Bild von Ihnen machen. Das Gleiche gilt fürs Zuhause, wo schon ein Blick durch den Flur reicht, um die Bewohner grob einschätzen zu können. Auch das gehört ja zum Beruf des Designers. Der ist nämlich idealerweise ein enger Vertrauter seiner Kundinnen – was mir als schwulem Designer nochmals leichter fällt. Wenn ich mit ihnen auf der Bettkante sitze, müssen sie sich keine Sorgen machen, dass ich mit ihnen hineinspringen will. So kann eine unvoreingenommene Art von Nähe entstehen. Für mich war Mode daher auch immer eine Möglichkeit, Menschen näher als andere zu kommen, fast wie ein Psychologe. Von daher bin ich im Grunde der letzte, der nur an Äußerlichkeiten interessiert wäre.

Bei Ihrer neuen Vox-Show Guidos Wedding Race geht es also auch ums Innere der Teilnehmer?

Natürlich ist so eine Show zunächst mal visuell; ich bin schließlich Fan von Linda de Mols Traumhochzeit aus den Neunzigern, an der sich das Wedding Race orientiert. Ich versuche darin besonders Frauen zu helfen, sich klarzumachen, was genau sie von Hochzeit und Ehe eigentlich wollen, warum sie ihre Auserwählten so lieben, dass sie es aller Welt mitteilen. Dafür blicke ich hinter die Kulissen, lerne ihre Verwandtschaft kennen, aber auch die Budgets – denn heutzutage verschulden sich viele für dieses besondere Ereignis im Leben.

Und darum kämpfen die Paare der Sendung daher im harten Wettstreit?

Eher Rennen als Wettstreit, daher der Name Wedding Race. Jeweils drei Paare fahren im E-Auto von Süd nach Nord und kriegen übers Navi Aufgaben zum Erledigen. Die Sieger erhalten gewissermaßen ihre Traumhochzeit 3.0, bei der ich dann die Traurede halte. Aber auch die Verlierer bekommen etwas. Von mir kreierte Eheringe zum Beispiel, das Brautkleid, auch nicht schlecht. Bei mir sind alle Gewinner.

Sie sind also wie immer auf der Seite von allen?

Absolut. Mein Anspruch ist, allen Paaren – so unterschiedlich sie auch sind – die Hochzeit zu ermöglichen, bei der ich gerne als Gast dabei wäre.

Wenn man betrachtet, wie Sie auch in dieser Sendung also auf Seiten aller sind: Können Sie eigentlich auch mal richtig konfrontativ und sauer werden?

Sauer schon, aber es ist nicht in meiner DNA kodiert, auf andere draufzuhauen. Aus meiner Sicht hat jeder Mensch das gleiche Recht, mit größtmöglichem Respekt behandelt zu werden. Versagen abzufeiern, liegt mir nicht. Ich bin als Christ stets darum bemüht, ein anständiger Mensch zu bleiben. Es gibt im Fernsehen viele, die provozieren wollen und das auf ihre Art auch sehr unterhaltsam tun. Die müssen sich dann aber auch fragen, was das bei den Menschen hinterlässt, die es abkriegen. Ich glaube ans Prinzip der Subsidiarität.

Inwiefern?

Wenn jemand Hilfe braucht, nehme ich ihn wie einen Vogel auf den Finger und füttere ihn durch.

Aber wann werden Sie denn dann mal richtig sauer?

Wenn Leute dumm, radikal, intolerant daherreden. Aber selbst da werde ich mit Anstand und Würde wütend. Ich würde auch keine Mitarbeiter zusammenstauchen und bin selbst im Straßenverkehr die Ruhe selbst.

Wie reagieren Sie denn zum Beispiel auf Homophobie?

Schon auch mal wütend, aber wenn mich Leute fragen, was die beste Reaktion ist, antworte ich gerne: Homosexualität ist kein Ausbildungsberuf. Den Umgang anderer damit muss jeder auf seine Art selber erlernen, mit dem Einmaleins des Lebens an sich.

Wie viel Homophobie erfahren Sie denn am eigenen Leib?

Wenig. Und ich habe in meinem Leben generell nie Ausgrenzung erlebt – vielleicht, weil ich mich noch nicht mal öffentlich outen musste und seit jeher offensiv damit umgehe, schwul zu sein, ohne andere damit zu verängstigen. Natürlich bekomme ich auch mal homophobe Post, aber die meiste beinhaltet eher Danksagungen von Leuten, denen mein Umgang mit Homosexualität Mut gemacht hat. Umso trauriger ist es natürlich, wie die Emanzipation in Ländern wie Polen oder Russland gerade zurückgedreht wird.

Macht der Grad an Prominenz, wie Sie ihn haben, anfälliger für Homophobie oder im Gegenteil gefeiter davor?

Gute Frage, ich glaube beides. Ich bin zwar exponierter, aber womöglich auch abwehrfähiger als weniger prominente Personen. Umso wichtiger ist es, mit Offenheit, Toleranz und Bildung für Normalität zu sorgen. Am Ende wär’s mir am liebsten, das Thema wäre viel zu gewöhnlich, um darüber ständig zu reden.

Wie wir jetzt.

Wie wir jetzt.


ARD-Programmdirektorin Christine Strobl

Ich bin keine Zukunftsforscherin

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Seit Mai ist Christine Strobl (Foto: ARD/Laurence Chaperon), Tochter von Wolfgang Schäuble und Frau des baden-württembergischen CDU-Innenministers Thomas Strobl, Programmdirektorin der ARD. Ein Interview mit der 50-jährigen Medienmanagerin über gläserne Decken, föderale Strukturen, die Konkurrenz amerikanischer Konzerne und was wichtdiger ist: Information oder Entertainment.

Von Jan Freitag

Frau Strobl, Sie sind jetzt schon eine Weile Leiterin der ARD-Programmdirektion. Lassen Sie sich eigentlich als Frau Direktorin anreden?

Christine Strobl: Quatsch (lacht). Leute, die ich noch nicht so gut kenne, siezen mich, alle anderen duzen mich. Und ich bin hier ja auch keine Unbekannte.

Verläuft man sich dennoch gelegentlich in den Fluren dieses Verwaltungsapparates?

Wenn ich mich hier manchmal verlaufe, liegt das vor allem daran, dass ich über ein schlechtes räumliches Orientierungsvermögen verfüge. Schon in meiner Funktion bei der Degeto war ich in enger Abstimmung mit meinem Vorgänger Volker Herres, also alle paar Wochen vor Ort. Und auch sonst sind ja oft Sitzungen der ARD beim Bayerischen Rundfunk. Die Degeto war immer als wichtige Programmzulieferin im fiktionalen Bereich eng mit der Programmdirektion verzahnt.

Können Sie für Außenstehende schildern, was eine Programmdirektorin genau macht?

Die ARD ist ein einzigartiges föderales Gebilde von neun Landesrundfunkanstalten, die alle ein eigenständiges Angebot von Filmen und Serien über Dokumentationen und Nachrichten bis hin zu Quiz, Sport oder Shows redaktionell verantworten und produzieren. Wir hier in München sind für das zuständig, was diese neun Häuser gemeinschaftlich machen, also das Erste Deutsche Fernsehen und die ARD-Mediathek. Wir entscheiden zusammen mit den Redaktionen der Häuser und unseren Koordinationen, was gesendet und eingestellt wird, vernetzen die Inhalte, gewichten sie, sorgen für Präsenz in Presse und Social Media, für die Kommunikation mit den Zuschauern und sind für die für strategische Ausrichtung und Weiterentwicklung zuständig. 

Klingt volkwirtschaftlich ausgedrückt wie Nachfragepolitik, die das Angebot am Abnehmer ausrichtet.

Unsere Arbeit orientiert sich an den Vorgaben unseres Auftrags, und der lautet ganz klar: Angebote für alle Bevölkerungsschichten anzubieten und dabei zu bilden, zu unterhalten, Orientierung zu geben, einzuordnen und damit Meinungsbildung zu fördern, also zum demokratischen Prozess beizutragen. Am Ende tragen wir die Verantwortung für die Gemeinschaftsangebote der ARD.

Ist eine ARD-Programmdirektorin dennoch anders als die Degeto-Geschäftsführerin kein gestalterischer, sondern koordinierender Posten?

Auch wenn ich hier anders als bei der Degeto keine Drehbücher mehr lese, ist mein Anspruch natürlich, gemeinsam mit den Redaktionen vor Ort Programm, also Inhalte zu gestalten. Verantwortung ohne Gestaltungsmöglichkeit ist substanzlos. Verschiedene Haltungen zu programmatischen Fragen zu diskutieren und am Ende zusammenzubringen, ist allerdings jetzt für mich noch wichtiger geworden.

Haben Sie wie die Bundeskanzlerin demnach so etwas wie eine Richtlinienkompetenz?

Lustiger Vergleich. Und nein: Die Redaktionen sind – nicht nur, aber besonders in der politischen Berichterstattung – unabhängig, unterstehen also allenfalls disziplinarisch den Direktorinnen und Direktoren. Die redaktionelle Hoheit für die Tagesschau und Tagesthemen liegt bei den Kollegen von ARD aktuell und damit beim NDR. Richtlinienkompetenz gehört auch aber dort nicht zum öffentlich-rechtlichen Sprachgebrauch. Wenn etwas schiefläuft, tragen wir aber zusammen die Verantwortung, insofern auch, wenn etwas gut läuft.

Erhofft sich die ARD durch die doppelte Erneuerung in Gestalt einer jüngeren Frau als Nachfolgerin älterer Herren diesbezüglich eine grundlegende Veränderung, um nicht gar Revolution zu sagen?

Ach, meine Person ist dabei nicht so wichtig. Wir verstehen unsere Verantwortung ohnehin als Teamarbeit. Meine Kollegen, Florian Hager, der auch für die ARD-Mediathek verantwortlich ist, und Oliver Köhr als Chefredakteur, sind männlich, aber jünger als ich. Die grundlegende Veränderung betrifft ja vor allem unser Angebot und hier geht es um unser Kernthema – das deutlich veränderte Nutzungsverhalten.

Also die massive Wanderungsbewegung vom linearen zum digitalen Angebot.

Genau. Wobei die Sehdauer im Fernsehen zwar weiterhin steigt, aber eben vor allem bei eher Älteren. Das führt dazu, dass wir in bestimmten Zielgruppen mit dem klassischen Fernsehen nicht mehr relevant sein können, weil dieses Medium nicht mehr genutzt wird. Wenn ich mit 25-Jährigen übers Fernsehen rede, ist klar, dass sie darauf noch zurückgreifen, wenn Fußball läuft, die Tagesschau, der ESC und der Tatort. Ansonsten nutzen sie ihr Medienangebot zeitunabhängig über Smartphone oder Tablet. Wenn sich die Welt so verändert, müssen auch wir unsere Angebote danach ausrichten.

Und in welche Richtung?

Na ja, der schönste Zustand für uns Fernsehmacher war doch, als es exakt ein Bewegtbildangebot gab, nämlich die ARD. Das mussten alle schauen (lacht).

Und es wollten jahrzehntelang auch alle schauen.

Die meisten unserer Zuschauer zeigen sich in Umfragen sehr zufrieden mit unserem Angebot, das sie in seiner gesamten Bandbreite als hohes Gut betrachten. Demgegenüber gibt es allerdings wachsende Bevölkerungsgruppen, die diesen Schatz nicht mal kennen, geschweige denn, schätzen. Weil auch diese Gruppen uns über die Rundfunkbeiträge finanzieren, lautet unsere Grundprämisse, auch für sie Inhalte zu liefern. Unser Anspruch ist ein Angebot für alle – und das im Angesicht des sich verändernden Nutzungsverhalten.

Vor allem die auch nicht mehr ganz neue Konkurrenz der Unterhaltungskonzerne und Streamingdienste.

Mit der völlig selbstverständlichen Nutzung fast aller Zuschauergruppen von Netflix bis Amazon müssen wir uns auseinandersetzen und messen. Nicht im Nachrichten- und Informationsbereich, da stehen wir auch im Vergleich mit den Privatsendern nach wie vor gut da. Aber es muss und wird unser Anspruch sein, mit unserem fiktionalen und dokumentarischen Angebot konkurrenzfähig zu bleiben, ebenso wie zum Beispiel in der Comedy. Unsere Gesellschaftsbilder, Meinungsvielfalt, Emanzipation werden ja nicht nur durch die Vermittlung von Information und harten Fakten geprägt, sondern eben auch durch das Erzählen von Geschichten.

Also was genau heißt dann Angebot für alle?

Angebot für alle, heißt ein Angebot für alle. Grundsätzlich müssen wir unseren Auftrag für alle Gesellschaftsschichten und Milieus erfüllen.

Aber wie wollen Sie denn Leute zur ARD holen, die nicht mal mehr genau wissen, wie ein Fernseher aussieht?

Weil die nicht mehr zum guten alten Fernsehgerät zurückkehren, müssen wir dorthin, wo sich ihr Nutzungsverhalten abspielt. Dafür ist es unerlässlich, on demand Angebote wie die ARD-Mediathek so zu positionieren, dass sie mit ihrem Angebot auch auf anderen Plattformen gefunden wird. Im Ergebnis heißt das auch, dass wir in das „Produkt“ Mediathek investieren müssen und dies auch tun. Nur, wenn sie nutzerfreundlich ist und die Inhalte auffindbar sind, die die jeweiligen Nutzer interessiert, sind wir attraktiv für diese Zielgruppen. Es reicht eben nicht mehr, zu einer bestimmten Zeit Programm abzuspielen und darauf zu warten, dass viele Zuschauer dazu stoßen. Wir müssen dort sein, wo die Nutzung stattfindet und in der Qualität, die dort State of the Art ist, also auf den Smartphones mit Apps und so weiter. Das kostet natürlich Geld.

Von dem die Öffentlich-Rechtlichen ja auch nicht wenig haben…

Das stimmt, aber Sie wissen ja auch, welche Millionenbudgets im Zweifel hinter jeder Netflix-Dokumentation stehen, von fiktionalen Serien ganz zu schweigen! Da bereiten uns die Zusammenschlüsse großer amerikanischer Konzerne schon Sorge.

AT&T kauft TimeWarner, Disney kauft FOX, Amazon kauft MGM.

Und da weiß man doch, mit welcher Marktmacht die auch den deutschen Markt überschwemmen können. Das ist für nationale Anbieter wie uns natürlich herausfordernd.

Begegnet die ARD der Gefahr, indem sie Angebote für den deutschsprachigen DACH-Raum macht oder mit international anschlussfähigen Formaten wie Babylon Berlin die Welt im Blick behält?

Ich halte es sogar für zwingend notwendig, auch international ausgerichtet zu sein. Andernfalls berauben wir uns wichtiger Kooperationsmöglichkeiten. Babylon Berlin zum Beispiel war nicht nur eine Zusammenarbeit mit Sky, sondern Firmen wie Beta Film, die daran glaubten, dass sich eine deutsche Serie in deutscher Sprache aus deutscher Produktion in über 100 Ländern verkaufen lässt. Dadurch hatten wir Geld zur Verfügung, das im heimischen Markt gar nicht vorhanden war – mit dem Ziel vor Augen, Geschichten auf Deutsch in die Welt zu tragen und damit deutsche Geschichte aus unserer Sicht zu erzählen. Denn es macht schon einen Unterschied, ob wir mit unseren Kreativen, unseren Produzentinnen und Produzenten und unserer Schauspielerriege das Berlin der 1920er Jahre zum Leben erwecken oder amerikanische, gar russische Produzenten.

Weil sich die ARD diesbezüglich für historisch verantwortungsvoller hält?

Naja, ich glaube, weil wir historisch zuständiger, also näher dran sind. Der Anspruch als überzeugte Europäer sollte es sein, unsere Geschichte, aber auch unsere Vorstellungen von Gesellschaft und Demokratie selbstbewusst zu verkaufen.

Aber können Gebührenzahler nicht erwarten, dass sie im Mittelpunkt Ihrer Programmplanung stehen und nicht der globale Markt?

Absolut! Unsere Aufgabe ist es nicht, Programm fürs Ausland zu produzieren. Das schließt aber doch nicht aus, Look and Feel deutscher Koproduktionen auf internationalem Niveau zu machen und unsere Geschichten, die wir für das deutsche Publikum erzählen, auch in die Welt zu schicken.

Heißt das im Umkehrschluss, unter Ihrer Führung macht die ARD mehr Babylon Berlin und weniger Um Himmels Willen?

Ganz unabhängig vom anstehenden Urteil des Bundesverfassungsgerichts über die Erhöhung des Rundfunkbeitrags müssen wir uns da ehrlich machen: Die Mittel, die uns für Programm zur Verfügung steht, sind endlich. Es gilt einerseits, durch internationale Kooperationen wie Babylon Berlin mit dem Produktionsniveau von Netflix konkurrenzfähig zu sein, wir brauchen aber andererseits genauso Unterhaltungsserien wie Um Himmels Willen oder auch Charité. Wir wollen für alle Zielgruppen relevant bleiben.

Während meine Eltern den klassischen Fernsehkonsum der Achtzigerjahre an mich vererbt haben, haben meine Kinder keinerlei Bezug mehr zum linearen Programmangebot. Ohne pietätlos wirken zu wollen: Stirbt mit der Generation Um Himmels Willen irgendwann nicht das Fernsehen als Ganzes aus?

Ich bin keine Zukunftsforscherin, glaube aber, dass der Bedarf nach klassischem Fernsehangebot länger überleben wird als vielerorts befürchtet. Zugleich ist mir allerdings bewusst, dass die Zahl derer, die woanders nach Unterhaltung und Information suchen, langfristig immer weiter ansteigt. Um das eine zu tun und das andere nicht zu lassen, braucht die ARD-Mediathek also ein eigenständiges, ein anderes Angebot. Sie mit 90 Prozent des linearen Angebots zu füllen, wird langfristig nicht reichen, um jüngere Zielgruppen an uns zu binden.

Heißt das auch, mehr Informations- und Nachrichtenformate eigens fürs Internet zu produzieren?

Wir haben ja schon heute mit der ARD-Mediathek und hier dem Angebot der Tagesschau aktuelles Informationsprogramm bewusst in den Vordergrund gestellt, das unterscheidet uns von den Streamern und anderen Anbietern. Im Übrigen natürlich auch über die App. Und es gibt schon heute Informationsprogramme bei funk, die ausschließlich fürs Internet entstehen. Diesen Weg werden wir konsequent weitergehen, und am Ende wird es auch Nachrichtenformate eigens fürs Internet geben. Entsprechendes Informationsprogramm wie Dokumentationen, die für die ARD-Mediathek entstehen, soll es zeitnah geben.

Welche lizenzrechtlichen Belange müssen Sie bei der Erstellung eigener Inhalte fürs digitale Programm berücksichtigen?

Lizenzen müssen sie erwerben, und die sind im Zweifel teuer, denken Sie an Serien und Sport. Der Gesetzgeber hat uns zudem weitere Beschränkungen auferlegt; amerikanische Serien dürfen wir gar nicht und europäische nur für eine beschränkte Verweildauer einstellen.

Wie gehen Sie angesichts dieser Entwicklung zur Mediathek als zentrale Abspielplattform mit Kritik von der FDP um, dass sich ARD und ZDF ganz aus der Unterhaltung zurückziehen sollten?

Unsere Kritiker vergessen dabei gerne, dass unser Auftrag explizit Unterhaltung beinhaltet. Davon abgesehen hat jeder das Recht, sich gut unterhalten zu lassen. Auch bei der Unterhaltung kann ich im Übrigen klare Unterscheidungen zu den Privaten erkennen. Wir setzen auf Sendungen wie „Klein gegen Groß“ und lassen dort die Protagonisten selbst im Wettkampf mit Respekt und Wertschätzung für die Leistung begegnen. Wir setzen niemanden herab oder wollen ihn auch nicht bloßstellen, wie ich es bei einigen Angeboten der Privaten durchaus beobachte. Als jemand, der ursprünglich vom Kinderfernsehen kommt und dort gelernt hat, wie früh Menschen durch Bewegtbilder geprägt werden, ist mir dieser respektvolle Umgang sehr wichtig. Soziale Kompetenzvermittlung ist auch etwas, dem wir verpflichtet sind.

Und wie wird die idealerweise vermittelt?

Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen sehr klar, wie sehr es Kinder, aber auch Erwachsene beeinflusst, wenn sämtliche Helden Männer sind oder selbst geschlechtsneutrale Figuren maskuline Stimmen haben. Oder nehmen Sie die Biene Maja…

Früher eine geruhsame Comicfigur.

Heute vor allem nicht mehr mit dickem Bauch, sondern Wespentaille. Fernsehen muss sich an dieser Stelle seiner Verantwortung bewusst sein, und ich bin froh, dass wir den KiKa an dieser Stelle haben. Aber auch darüber hinaus müssen wir darauf achten, das Thema Diversität in all seinen Facetten ernst zu nehmen; Frauen in Führungspositionen oder Handwerksberufen etwa müssen bei uns genauso selbstverständlich vorkommen wie Moderatorinnen im Fußball. Da haben wir ja gerade mit Esther Sedlaczek eine neue tolle Kollegin hinzugewonnen, die ihren Einstand bei der ARD direkt bei der EM feiert. Dem Thema Diversität insgesamt gerecht zu werden, ist öffentlich-rechtlicher Anspruch.

Allerdings ohne erhobenen Zeigefinger.

Absolut, der hilft niemandem.

Wie erklären Sie da, dass das Image öffentlich-rechtlicher Information hervorragend sein mag, das der eigenen Fiktion aber trotz einiger Leuchtturmprojekte miserabel?

Diese Einschätzung teile ich weder noch kenne ich sie. Wo ich Ihnen recht gebe, ist, dass wir gerade für jüngere Zielgruppen noch zu wenig fiktionale Angebote haben. Aber zum Beispiel mit All you need ist ein Anfang gemacht.

Eine Serie über Homosexueller in Berlin, die sich mal weniger um Diskriminierung und Emanzipation dreht als um Freundschaft und Spaß.

Die Serie ist speziell auf die Mediathek zugeschnitten. Wir sind zwar in den Hauptsendezeiten klar vor den Privatsendern, aber wir müssen auch für Jüngere im Netz erkennbar bleiben.

Aber warum nutzen Sie diesen Vertrauensvorschuss nicht dafür, All you need mal in der Donnerstagsprimetime zu zeigen, anstatt es in der Mediathek zu verstecken?

Weil die Mediathek in meiner Vorstellung nichts versteckt, sondern im Gegenteil gleichberechtigt ist und wie die lineare Primetime Highlights braucht. Deshalb wird die Mediathek unter der gemeinsamen Leitung von Florian Hager und Oliver Köhr Mittel erhalten, um dem veränderten Anforderungen noch gerechter zu werden.

Trotzdem bleibt die Frage nach dem mangelnden Mut, auch die Kernzielgruppe über 60 mal mit so etwas zu fordern.

Wir wollen niemanden erziehen, niemandem etwas abfordern. Das ist nicht unsere Aufgabe. Wir machen Angebote und mit der Mediathek können diese zielgruppenspezifischer ausfallen. Im Übrigen: Unterschätzen Sie mir das ältere Publikum nicht. Auch Ältere suchen und finden ihre Inhalte in der Mediathek heute völlig selbstverständlich.

Klingt, als hätte Ihr Vorgänger Volker Herres am falschen Ende gespart…

Nein. Er hat ja die Entwicklung bereits eingeleitet und wichtige Strukturen geschaffen. Die möchten wir nun mit Leben füllen. Das dauert eben. Daneben müssen sich die Kolleginnen und Kollegen in Mainz, die bei ARD online für das Produkt zuständig sind, auch um die Usibility der Plattform, ihre Bedienungsfreundlichkeit, kümmern. Ich bin mir sicher, wenn wir uns in zwei Jahren hier zum Gespräch treffen, werden Ihre Fragen nicht mehr unterstellen, die Mediathek sei ein Versteck.

Na ja – Volker Herres hatte zwar gebetsmühlenartig wiederholt, Dokumentarfilmern sei es egal, zu welcher Zeit sie wo laufen. Aber wann immer man die fragte: jeder, wirklich jeder versicherte, liebend gern in der ARD-Primetime laufen zu wollen, aber die sei nun mal mit Krimis verstopft. So egal scheint 20.15 Uhr im Ersten nicht zu sein…

Das Fernsehen wird bekanntermaßen am Abend am intensivsten genutzt, im Radio ist es anders, dort wird die Morgenstrecke am meisten genutzt und in der Mediathek finden die Inhalte die größte Beachtung, die wir beim Seitenaufruf ganz oben, auf der sogenannten „Stage“, haben. Volker Herres‘ Ansatz war der, wenn fünf Millionen Zuschauer die Krimireihe nach der Tagesschau sehen wollen…

Genau da sind wir wieder beim Thema Angebots- oder Nachfragepolitik: vorm Entstehen der Mediatheken gab es um 20.15 Uhr im Ersten soziokulturell relevante Dokumentationen ohne Tiere, aber mit Millionenpublikum! Heute starrt die ARD wie das Kaninchen vor der Schlange auf Sehgewohnheiten und programmiert lieber erfolgreiches als anspruchsvolles Programm.

Da unterstellen Sie, Anspruch und Erfolg beim Publikum seien Gegensätze. Das ist mir zu hypothetisch. Da reden wir eher über Geschmack und Macharten: Ich will nicht einfach nur zeigen, was gefällt, sondern auch anspruchsvolle Themen so erzählen, dass wir damit möglichst viele ansprechen und gewinnen, sich damit auseinanderzusetzen.  Ich wurde bei der Degeto oft gefragt, ob man Freitagabend den Tod erzählen darf. Klar darf man das, kommt nur drauf an, wie. Komödie ohne Fallhöhe funktioniert auch nicht. Lineares Fernsehen bedeutet, zu einer bestimmten Zeit eine Verabredung mit dem Zuschauer einzugehen, und natürlich müssen wir die Bedürfnisse dieser um diese Uhrzeit ernst nehmen. Alle anderen können zeitunabhängig aus einem bunten Angebotsreigen auswählen. Aber an der Unterscheidbarkeit des Angebots gegenüber dem klassisch linearen Programmangebot müssen wir noch massiv arbeiten.

Heißt dieses massive Arbeiten auch, die Mediatheken von ARD und ZDF mit Arte, 3sat, One und Neo zusammenzulegen?

Arte-Inhalte sind seit einigen Wochen bereits in der ARD-Mediathek integriert, aber weiterhin klar als Produktionen von Arte erkennbar. Wir wollen einerseits eine möglichst barrierefreie Navigation durch das öffentlich-rechtliche Angebot, aber auch die Pluralität und die eigenständigen Programmangebote erhalten. Wenn ich den Intendanten des ZDF, Herrn Thomas Bellut, richtig verstanden habe, geht es auch ihm darum, die „User Journey“ technisch zu vereinfachen, ohne die inhaltliche Unterschiedlichkeit zwischen ARD und ZDF zu verwischen.

Bereitet es Ihnen da Sorge, dass Privatsender wie ProSieben gestandenes ARD-Personal wie Linda Zervakis oder Matthias Opdenhövel abwerben, um ihr Nachrichtenportfolio zu stärken?

Konkurrenz finde ich immer gut, sonst droht die Gefahr, träge zu werden. Deshalb schätze ich auch die des ZDF besonders im journalistischen Bereich sehr. Und wenn Sender wie ProSieben oder RTL jetzt mit ARD-Leuten auf Informationskompetenz setzen, spricht das zunächst mal für uns und unsere Leute, die hier Glaubwürdigkeit und Expertise erhalten haben. Aber natürlich geht ein Sender wie ProSieben die Themen völlig anders an als wir. Ich würde nie so weit gehen, einer politischen Führungskraft nach dem Interview Beifall zu klatschen. Aber wir blicken neugierig auf die Nachrichtenoffensive der Privatsender und sind selbstbewusst genug, das einordnen zu können. Über 40 Prozent Informationsanteil bei uns im Vergleich zu knapp 20 bei den Privaten können sich, glaube ich, sehen lassen. Aber da, wo wir was lernen können, sollten wir es auch tun.

Was zum Beispiel?

Auch hier: die Ansprache junger Menschen. Wie nähert man sich Erstwählern? Wie sieht das Rahmenprogramm dieser Berichterstattung aus? Arbeitet man vielleicht mal mehr mit Musik oder anderem Schnitt? Ganz grundsätzlich gilt aber auch, dass ProSieben überrascht, wenn dort die grüne Spitzenkandidatin interviewt wird, von ARD und ZDF erwartet man das. Mit unserer Informationskompetenz können wir niemanden überraschen.

Aber sollte ProSieben seine Nachrichtenkompetenz verstetigen und state of the news art werden – ist die ARD in der Lage und bereit, sich diesem Zeitgeist anzupassen?

Bei allem Respekt vor den Privaten und ihrer Arbeit: ob ProSieben seinen aktuellen Kurs verstetigt oder das Ganze doch eher ein Marketing-Instrument bleibt, warten wir mal ab. Erstens. Zweitens sehe ich bei allem Respekt die großen amerikanischen Medienkonzerne, die mit sehr viel Geld und internationalem Einfluss in den deutschen Markt drängen, als Hauptkonkurrenz im Kampf um Aufmerksamkeit – weniger RTL oder ProSieben. Und drittens finde ich es absolut erstrebenswert, im Bereich harter Fakten tendenziell eher seriös als lässig rüberzukommen – auch wenn das eine das andere nicht ausschließen muss. Aber das machen wir schon seit Jahren.

Womit genau?

Mit Townhall-Meetings zum Beispiel, in denen wir vor Wahlen als Erste im deutschen Fernsehen Politiker mit Bürgerinnen und Bürgern und ihren Fragen konfrontiert haben. Wir haben für diese Wahl auch für die Mediathek ganz neue Angebote, mit denen wir speziell Erstwählern ein spannendes Angebot bieten wollen. Stimmst du? ist so ein multimediales Angebot, ein Instagram-Format mit einer Staffel von Bewegtbild-Content in der ARD-Mediathek. Die Protagonisten greifen in unterschiedlichen Regionen Deutschlands jede Woche ein politisches Thema auf, sammeln Erfahrungsberichte und zeigen Lösungsansätze der zur Wahl stehenden Parteien auf. Sound of Germany ist ein Roadmovie für die ARD-Mediathek. Olli Schulz nutzt die Musik, um mit Menschen an unterschiedlichsten Orten ins Gespräch zu kommen. Er spricht mit Rappern über ihre Texte, geht auf ein Techno-Event und trifft Klaus Meine. Die Frage der dreiteiligen Reihe: Wie klingt Deutschland?

Wie ist es mit denjenigen, die sie nicht wegen ihres Alters, sondern der Ansichten verloren haben – Querdenker zum Beispiel oder AfD-Wähler?

Das ist eine extrem schwierige Herausforderung. Die Ablehnung sogenannter Systemmedien ist ja nicht Teil einer sachlichen Auseinandersetzung, sondern hat zum Teil einen Kampagnencharakter, den einige Medien sogar unterstützen. Als beitragsfinanzierte Sender haben wir den Vorteil, aber auch die Verantwortung, uns auch offensiv gegen populistische Vorwürfe zur Wehr zu setzen. Wir müssen aber eigene Fehler explizit auch im Bereich Social Media vermeiden und falsche Vorhaltungen per Faktencheck widerlegen. Wir müssen uns nicht alles bieten lassen, dafür aber auch wehrhaft in Debatten einsteigen.

Heißt das auch, Rechtspopulisten in Talkshows einzuladen?

Sofern sich Rechtspopulisten diesseits der Brandmauern menschenverachtender, strafrechtlich relevanter Aussagen und Taten bewegen, schon. Natürlich müssen wir da aufpassen, wem wir eine Plattform zur Verbreitung kruder Thesen geben. Aber da vertraue ich unseren Redaktionen.  Es ist aber sicher ein ständiger Abwägungsprozess, der nicht einfach ist.

Der auch in den Gremien dieses föderalen Organismus ARD entschieden wird. Wissen Sie, wie viele Menschen darin arbeiten und von Ihren Entscheidungen abhängig sind?

Es gibt natürlich viele Gremien der Landesrundfunkanstalten. Für die Gemeinschaftsprogramme der ARD ist der Programmbeirat zuständig, der uns inhaltlich kontrolliert. Die sogenannte Gremienvorsitzendenkonferenz ist zudem für die grundsätzliche und strukturelle Ausrichtung aller gemeinsamen Programminitiativen der ARD zuständig. Das sind in der Summe knapp vierzig Personen.

Und wie hoch ist der Frauenanteil?

Das schwankt immer wieder, weil ja die Verbände, Gewerkschaften, Kirchen, Regierungen ihre Mitglieder entsenden. Aber es sind meines Erachtens keine 50%.

Gibt es bei der ARD noch Männerbünde und gläserne Decken?

Allein die Tatsache, dass wir beide darüber reden, zeigt – wie die Tatsache, dass ich als erste Frau auf dieser Position bin – ja, dass es noch ein Weg bis zur Gleichberechtigung ist. Aber wir haben jetzt vier Intendantinnen, so viele wie wahrscheinlich noch nie in der Geschichte der ARD – und ab 2022 mit Frau Schlesinger eine starke ARD-Vorsitzende. Ich glaube fest daran, dass das etwas bewirkt. Mir persönlich macht es ja auch mehr Freude, wenn in den Sitzungen mehr als eine Frau mit am Tisch ist. Wir halten da auch ganz gut zusammen, das tut wirklich gut. Trotzdem sind wir noch nicht da, wo wir sein sollten, und ich empfinde das explizit als meine Aufgabe, daran weiterzuarbeiten – besonders natürlich im unmittelbaren Einflussbereich.

Sind Sie diesbezüglich eine Netzwerkerin?

Ja.

Auch ein Quoten-Fan?

Wenn weibliches Netzwerken – übrigens gern gemeinsam mit Männern – nichts bringt und die gläserne Decke hält, bin ich am Ende auch für die Frauenquote. Aber lieber wäre mir, wir würden es ohne schaffen.

Hatten Sie selber je das Gefühl, benachteiligt zu sein?

Nein. Umso mehr habe ich in der Verantwortung gelernt, wie selten das für viele Kolleginnen gilt. Deshalb sehe ich mich in meiner Position auch in der Pflicht, das zu verändern – etwa durch die noch bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf für Führungskräfte, aber auch durch die gezielte Förderung von Frauen. Da haben wir als Öffentlich-Rechtliche eigentlich gute Möglichkeiten, müssen sie aber auch nutzen.

War Ihr familiärer Hintergrund als Wolfgang Schäubles Tochter und Mann des Baden-Württembergischen CDU-Landesvorsitzenden mit eigenem Parteibuch dabei je hinderlich oder förderlich?

(lacht) Darum kann es ja nicht gehen. Familiärer Hintergrund oder die Mitgliedschaft in einer Partei darf in meinem Job nie eine Rolle spielen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass das immer, wenn ich in der Vergangenheit meinen Job gewechselt habe, auch durchaus kritisch kommentiert wurde. Es ist mir am Ende der jeweiligen Aufgabe dann, glaube ich, aber auch immer gelungen, dass das niemand mehr thematisiert hat. Ich habe bei der Degeto in neun Jahren 1900 Filme verantwortet, da steht die Arbeit am Ende für sich und ist auch überprüfbar.

Aber eben auch für Haltungen, Meinungen, Sichtweisen.

Die habe ich wie jeder Mensch, bin aber nicht nur in der CDU oder in der katholischen Kirche, sondern beim DJV, im Museumsverein oder in Umweltverbänden. Wichtig ist, dass meine private Haltung nicht meine Arbeit beeinflusst – so ist mein Verständnis journalistischer Standards, die für alle gelten müssen. Dass ich dennoch einer besonderen Aufmerksamkeit unterliege, finde ich nachvollziehbar undvöllig in Ordnung. Ich fühle mich dadurch aber eher herausgefordert als gestresst.


Ralf Schmitz: Punchline & Paar Wars

Ralf Schmitz stellt Paare auf die Probe in "Paar Wars"

Krieg unter Paaren

Comedian Ralf Schmitz (Foto: Boris Breuer) entwickelt sich gerade zum Beziehungsexperten. Nach der RTL-Datingshow Take Me Out moderiert er nun Paar Wars bei Sat1. Ein Gespräch über Alltagskomik, Katzenfimmel, Paartherapie und ob er mal Kanzler werden will.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Schmitz, der Name Ihrer neuen Sat1-Beziehungsshow Paar Wars klingt ganz schön martialisch.

Ralf Schmitz: Jetzt, wo Sie’s sagen.

Ist das nur eine tolle Punshline oder ernst gemeint?

Beides. Es ist ein Krieg unter Paaren, aber im humoristischen Sinne. Die kämpfen schon richtig gegeneinander ums Preisgeld, aber auch untereinander um Teamfähigkeit, Stressresilienz, Verständnis, Vertrauen. Wer all das mitbringt, kommt weiter – in der Show wie in der Beziehung.

Klingt wie eine paartherapeutische Mischung aus Ulla Kock am Brinks 100.000-Mark-Show und Jürgen von der Lippes Geld oder Liebe?

Ach, Ähnlichkeiten gibt es im Showgeschäft immer wieder, aber diese hier sind ja doch ganz schön lang her, um nicht uralt zu sagen. Paare mussten sich im Fernsehen schon oft unter Beweis stellen, allerdings häufig eher akrobatisch. Bei uns offenbaren Paare, ob und was sie sich vormachen, voneinander wissen oder nur zu wissen glauben. Es geht also um Klischees, aber auch Überraschungen und ist daher keine Paartherapie mit Tiefenanalyse, sondern eine Beziehungsshow mit Humor.

Spätestens da käme dann Ralf Schmitz ins Spiel, der als Comedian Expertise in Sachen Alltagskomik mitbringt und als Moderator die RTL-Show Take Me Out moderiert.

Moderierte. Ich habe mich entschlossen, ein paar Formate wie dieses hier gemeinsam mit Sat1 und meinem Team zu entwickeln, und Take Me Out deshalb kürzlich beendet. Mir ist ja immer sehr wichtig, Menschen vor der Kamera auf Augenhöhe kennenzulernen. Es könnte also sein, dass die Verantwortlichen mich als spontanen, freundlichen, schlagfertigen Komiker mit Stand-up- und Paarshow-Erfahrung wollten, aber das müsste man die fragen.

Was außerdem hilfreich sein kann, sind – um mal von hinten durch die Brust ins Auge ein bisschen Gossip abzufragen – persönliche Beziehungserfahrungen…

(lacht) netter Versuch!

Bislang schaffen Sie es gut, Ihr Privatleben abgesehen von Ihrem Katzenfimmel vollständig aus der Öffentlichkeit herauszuhalten.

Katzenfimmel?! (lacht laut) Das hat sich noch niemand getraut, super.

Immerhin sind Sie 2008 mit einem Buch über ihre Katze durch alle Talkshows getingelt.

Trotzdem bin ich kein Freak mit 18 Stück, aber in der Tat ein katzenaffiner Mensch.

Sind Sie denn auch ein frauenaffiner Mensch und können bei der Moderation ein wenig aus dieser Lebenserfahrung schöpfen?

Nicht mehr oder weniger als andere Menschen mit mehreren Beziehungen im Leben, aber natürlich trägt man den privaten Kosmos als Komiker immer auch ein bisschen mit rein ins Berufliche. Für mich zum Beispiel war es in Beziehungen stets wichtig, das Gespräch zu suchen, Kompromisse, Fehler zu akzeptieren und authentisch zu bleiben, sich und der Partnerin nichts vorzumachen. Als Kandidat meiner eigenen Show wären das schon mal ganz gute Voraussetzungen.

Würden Sie die denn dann tendenziell gewinnen, Ihrem hohen Anspruch als Moderator also auch selber genügen?

Mit einigen meiner bisherigen Partnerinnen vermutlich schon. So wahnsinnig viele Beziehungen hatte ich gar nicht, aber mit der ersten wäre das womöglich schwieriger. Die Show wäre jedenfalls ein guter Gradmesser.

Obwohl sie nicht müde werden, den paartherapeutischen oder zumindest -analytischen Ansatz hervorzuheben, bleibt sie am Ende aber doch leichte Unterhaltung. Gibt es dafür, angesichts der katastrophalen Situation in aller Welt, gute und schlechte Zeiten?

Ich finde ja, aber gute Unterhaltung, egal ob leicht oder schwer, hat immer ihre Berechtigung. In guter Zeit sowieso, weil sie das Lebensgefühl widerspiegelt. In schlechter Zeit sogar noch mehr, weil sie für ein paar Stunden die Möglichkeit zum Abschalten schafft. Das darf man nicht unterschätzen.

Meinen Sie, das Angebot des Fernsehens steuert die Nachfrage der Zuschauer diesbezüglich bewusst?

Oh, das setzt zum einen voraus, dass es das Fernsehen gäbe. Zum anderen sind die Prozesse von der Idee bis zur Ausstrahlung einer Fernsehsendung viel zu lang, um auf aktuelle Befindlichkeiten reagieren zu können. Eine Spendengala wie die, bei der ich auf Sat1 für die Flutopfer mitgeholfen habe, ist da was anderes; das geht als direkte Antwort spontan. Aber das dank der Katastrophen und Krisen in aller Welt jetzt plötzlich mehr oder weniger Unterhaltung entsteht, glaube ich nicht. Trotzdem ist gutes Entertainment auch als Antwort auf den grassierenden Zynismus überall gerade wichtiger denn je.

Wie ist es denn mit Ihnen als Komiker: Empfinden Sie angesichts der Welt am Abgrund das Bedürfnis, ihr lustiges Alltagsallerlei um etwas Politik zu erweitern?

Das kann ich nicht ausschließen, aber jeder muss letztlich das tun, was in ihm steckt. Und es gibt bereits genügend ganz wunderbare Kabarettisten, Satiriker, auch ein paar Comedians, die das hervorragend können. Ich sorge eher für die Auszeit vom Abgrund, da liegt mein Talent. Wer weiß – wenn es mich irgendwann kitzelt und ich es mir zutraue, werde ich vielleicht auch mal politischer. Momentan aber gucke ich den Menschen lieber aufs Herz als ins Gewissen. Ohne mich mit ihm vergleichen zu wollen, Gott bewahre…

Loriot!

Der hat auch lieber den Menschen beim Menschsein zugesehen als es politisch zu analysieren.

Wobei seine Kunst darin bestand, den Leuten durch scheinbar harmlose Beschreibung ihre bürgerlichen Abgründe aufzuzeigen.

Unter anderem. Abzüglich seiner Einzigartigkeit möchte ich das auch.

Stichwort Berufsperspektiven: In letzter Zeit haben Komiker in Ländern wie Island, Italien, der Ukraine sogar politisch Karriere bis hoch zum Staatspräsidenten gemacht. Wäre das was für Sie?

(lacht) Spannende Idee, aber nein. Das ist nix für mich. Wir alle denken ab und zu, wenn man mich nur ließe, dann… Abgesehen von mangelnden Nehmerqualitäten, bestünde mein Problem aber schon darin, dass ich dazu neige, Dinge zügig umsetzen zu wollen. Nicht hektisch, wohlgemerkt, auch wenn ich so rede; aber schnell und vor allem gründlich. Das ist der politischen Entscheidungsfindung fremd. Bei all den Stöcken, die einem in der Politik zwischen die Beine geworfen werden, hätte ich außerdem nach drei Jahren einen Herzinfarkt. Damit wäre ja auch niemandem gedient.


Fritz Wepper: Schwiegersohn & Grantler

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Humor ist auch Selbstironie

Er ist Harry Klein und dessen Parodie, verhinderter Hollywoodstar und Schnulzenschauspieler, ewiger Schwiegersohn, alternder Dickschädel und für kurze Zeit angeblich rechtsradikal. Fritz Wepper (Foto ARD/Barabara Bauriedl) war schon immer von Vorurteilen bedroht, die er sich nicht selten selbst eingebrockt hat. Beim Gespräch über ältere Rollenprofile und falsche Ehrendoktorwürden aber zeigte er sich vor 15 Jahren aufgeschlossen und freundlich. Die Dokumentation eines alten Interviews zum 80. Geburtstag.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Wepper, Sie waren bis ins hohe Erwachsenenalter hinein auf den Typ juveniler Traumschwiegersohn abonniert, bis Sie plötzlich auf alternde Grantler und Dickköpfe gebucht wurden.

Ein bisschen. Das erklärt sich aus der professionellen Sicht des Schauspielers; man nennt es Charakterfach.

Das Fernsehen erweckt insgesamt den Eindruck, als übernähmen alternde Darsteller vor allem den halsstarrigen Part einer Geschichte.

Ich empfinde das nicht ganz so, aber wenn ich den lieben Gott oder den Teufel spielen sollte, dann doch lieber den Teufel. Nicht aus Sympathie For The Devil, der Förster vom Silberwald wäre mir jedoch zu glatt. Beim Faust würde mich der Mephisto mehr reizen. Es gibt Helden oder Bösewichter, dazwischen bewegt sich das klassische Theaterfach älterer Figuren mit mehr Lebenserfahrung als die Schwiegersöhne von damals. Das ist reizvoll, weil sie innerhalb der Geschichte Entwicklungen durchmachen. Sei es eine Läuterung, sei es ein Erfahrungsgewinn, meistens ausgelöst von Partnern oder in diesem Fall der Tochter.

Dickköpfigkeit ist also keine Frage des Alters, sondern der Biografie.

So würde ich das sehen. Ich habe ja im Film ein fortgeschrittenes Alter und stehe von einem Tag auf den anderen ohne Beruf da. Ein leidenschaftlicher Gärtner, der mit den Händen denkt, gern wachsen sieht und plötzlich von einem Großmarkt des amerikanischen Systems verdrängt wird. Das entspricht der Situation von vier Millionen Menschen in unserem Land. Wobei sich ja ein Silberstreif am Horizont abzeichnet. Dennoch zeigt sich, dass nicht jeder unbedingt seines Glückes Schmied ist und so ein sozialer Absturz in einer spätkapitalistischen Phase ist gar nicht so einfach.

Das spricht gegen den Titel Ein unverbesserlicher Dickkopf.

Der Titel ist okay, aber unverbesserlich klingt zu starrhalsig und Dickkopf zu stumpf, beschreibt er doch nur die Richtung der Figur, die ja ihre Chancen nutzt, dazuzulernen. Wenn man mit dem Kopf durch die Wand will, tut es spätestens bei der ersten Berührung weh.

Sie haben sich selbst als sturköpfig bezeichnet, weil sie im Gespräch – etwa mit Ihrer Tochter – gern auf ihrer Position beharren.

Aber das heißt ja nicht unbedingt stur. Unterschiedliche Ansichten sind nichts Verwerfliches; ein Herz und eine Seele zu sein, erklärt sich nicht darin, dieselben Gedanken zu denken, gerade wenn es sich um zwei Generationen handelt. Eltern verhalten sich zum Beispiel anders zu ihren Kindern als Großeltern, bei aller Liebe. Bei meiner Großmutter hätte ich im Bereich des Verträglichen alles tun können. Wie bei Freunden, wo man einen Riesenkredit hat, ihn aber gar nicht abhebt, ohne Druck, ohne erhobenen Zeigefinger. Eltern müssen strenger sein und ich bin immer noch das Kind meiner Mutter und nicht Fritz, sondern Fritzi. Die ist zwar 88 aber das bleibt so.

Eltern hassen Großeltern oft für deren Nachsicht mit den Enkeln.

Bei uns ist das nicht so und es ist ja auch kein Konkurrenzunternehmen. Meine Tochter geht einmal in der Woche mit meiner Mutter zum Essen und das finde ich als Vater toll. Deshalb sehe ich mich nicht als Dickkopf, wenngleich es wenig schmeichelhaft ist, sich belehren zu lassen. Auch im Alter bin ich lernfähig, wie im Golf, wo man sich immer verbessern kann.

Vor über 30 Jahren hatten Sie mal die Gelegenheit, sich beruflich zu verbessern: Nach der Rolle Cabaret stand Ihnen der Weg nach Hollywood offen.

Ich hatte eine Einladung zur Oscar-Verleihung und mein TV-Produzent hat mich nicht fahren lassen, was ich ihm heute noch übel nehme. Aber es gab eine Nachlese. Die MCA, Amerikas größte Agentur, eigentlich acht Anwälte, haben mir ein Stück am Broadway und zwei Filme angeboten. Das war im Mai 1972 und ich sagte, ich hätte noch einen Vertrag für dieses Jahr und eine Option aufs nächste. Ich bin so doof, ich halte meine Verabredungen immer ein, und die sagten nur: Okay, forget it. Das war der härteste Satz, den ich in meinem Berufsleben je hören musste. Damals war ich 31 und wäre selbst in dem Bewusstsein gern nach Hollywood gegangen, dass man keine Hauptrollen kriegt und meistens den Deutschen spielt.

Bereuen Sie es heute?

Nein, denn es war wie es war. Und echten Mutterwitz kann man ohnehin nur zuhause spielen. Auch die Körpersprache muss genetisch angewölft sein. Ich hätte nie an Walther Matthau und Jack Lemmon herangereicht.

Dafür muss man Muttersprachler sein.

Es ginge auch mit deutschem Akzent, aber die Selbstsicherheit, die professionelle Gelassenheit, kannst du nur bringen, wenn du dir der Mittel, deines Handwerks sicher bist. Die Sprache zu betonen, zu ironisieren, dafür musst du deiner Sprache absolut mächtig sein. Das ist eine Mentalitätsfrage.

Denken Sie heute manchmal an damals?

Ja, jetzt wo Sie es sagen (lacht). Nein, ich wache nicht nachts auf und grüble. Das ist abgehakt, auch wenn es eine knallharte Lektion bleibt: Forget it, kalt formuliert, aber that’s New York und die Branche und nicht drum rum geredet. Hier kriegst du ja den Mund manchmal nicht auf, weil dir so viel Honig um den Bart geschmiert wurde. Und ein bisschen mitspielen durfte ich danach ja auch noch.

Gab es andere Dinge, die Sie bereut haben. Etwa, so lange im Serienfach zu bleiben?

29 Jahre, um genau zu sein. Nein, denn ich hab ja zwischendurch was anderes gemacht. Außerdem gibt es viele Krimiformate, aber anscheinend haben wir die Frage, wo waren Sie letzte Nacht, besser gefragt als andere, sonst wären wir mit Derrick nicht in 102 Länder verkauft worden. Es gibt eben phänomenale Konstellationen wie mit dem Autor Herbert Reinecker. Es gab unlängst eine Fritz-Wepper-Nacht auf Premiere.

Ist nicht wahr?

Doch, mit Zwei Brüder, Derrick und der Persiflage von Harald Schmidt – Harry, hol schon mal den Wagen. Irrsinnig schmeichelhaft. Ich hab festgestellt, dass solche Serien eine ungemeine Präsenz bringen. Kollegen wie mein Bruder machen tolle Einzelfilme, aber diese Präsenz kriegt man sonst nirgends. Und dann ich hatte später auch noch großes Glück mit Um Himmels Willen, womit ich den Spagat geschafft habe von Harry zu Wöller, das war ein glücklicher Umstand. Es gibt in Deutschland Worte wie Häme und Neid, da kann ich mich doch glücklich schätzen, weiter gemacht zu haben.

Letzte Reue-Frage: Haben sie es bereut, kürzlich die Ehrendoktorwürde einer fiktiven Deutschen Nationalakademie mit Satzungspassagen aus Mein Kampf und dem NPD-Programm angenommen zu haben, die in Wahrheit das Magazin Tempo verliehen hatte.

Nein, denn das war eine ganz linke Nummer. Ich habe ja das Anschreiben gar nicht gelesen, sondern nur beim dazugehörigen Anruf gesagt, mich geehrt zu fühlen, so eine Würde angetragen zu bekommen. Das war Vorspiegelung falscher Tatsachen, die vor Gericht gehört. Wenn es da nicht einige Namen gegeben hätte, mit denen ich mich nicht verbünden wollte, hätte ich eine Gemeinschaftsklage vorgeschlagen. Eine ganz üble Falle, wodurch diese Zeitschrift womöglich sogar PR erzielt hat.

Müssen Sie sich nicht eine gewisse Unachtsamkeit und Nachlässigkeit vorwerfen?

Hören Sie, es war ein fünf Seiten langer Brief, der zudem zuvor telefonisch abgefangen wurde. Und so eine Doktorwürde klingt natürlich erst mal, obgleich ich skeptisch war. Es gab keine inhaltliche Auseinandersetzung, sondern nur eine Terminabsprache. Ich möchte mal Sie in so einem Fall erleben. Bei einem Terminvorschlag lese ich nicht fünf Seiten.

Hat die Sache Ihrem Ruf geschadet?

Nein, das war ein Rohrkrepierer. Was die sich erhofft haben, war verwerflich und hat nicht mal den Charme von Vorsicht Kamera, man müsste fast sagen: Vorsicht Presse!

Nun gut, der Gedanke dahinter war ja eher: Vorsicht Rechtsradikale! Sind wir da wirklich aufmerksam genug…

Aber das soll man doch bitte nicht auf diese Art herausfinden. Mit der Unwahrheit zu arbeiten ist nie sehr ruhmreich. Jeder fällt schließlich mal auf irgendwas rein. Wir sind da alle anfällig und da soll mir bloß keiner einen Strick draus drehen. Ich bin alles andere als rechtsradikal.

Sind Sie denn selbstkritisch? Der Zeichentrickversion von Derrick, dem Sie Ihre Stimme geliehen haben, gilt als Misserfolg.

Das empfinde ich nicht so. Ich war bei zwei Premieren dabei und es gab herzliches Gelächter und lang anhaltenden Applaus. Und dann muss man die Entstehungsgeschichte sehen: wir mussten unsere Texte sprechen, bevor die Bilder da waren, dann haben wir nochmals drüber gesprochen, bis es erneut gepolisht wurde. Aus dieser Perspektive war der Film ein Erfolg. Dass das erwartet große Publikum nicht kam, war etwas anderes. Kino ist eben nicht gleich Fernsehen, und viele, die Derrick gemocht haben, wollten ihn nicht verunglimpft sehen. Wir, Tappert und ich, hatten Abstand und Humor genug, uns zu karikieren.

War das der endgültige Abschied von Derrick?

Nein, das war die letzte Folge. Und mit viel Wehmut verbunden. Erinnern Sie sich an die Darstellung in Samstag Nacht? Horst Tappert meinte zu mir, Fritz, wir werden da verunglimpft, da meinte ich, Horst, wir werden wahrgenommen! Humor ist auch Selbstironie. Meine Mission des Humors, über den man trotzdem lacht, ist erfüllt.


Markus Lanz: Talkshow & Pandemie

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Wir kalkulieren nicht mit Krawall

Es ist noch keine sieben Jahre her, da galt Markus Lanz wahlweise als Kasper oder Streber, Nervensäge oder Langweiler. In der Pandemie allerdings hat sich der 52-jährige Südtiroler zur wichtigsten Stimme des Talkfernsehens entwickelt. Ein – vorab im Medienmagazin journalist – veröffentlichtes Gespräch über Sitzordnungen, Krisengewinnler, Katharsis und die Angriffshaltung der Cobra

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Lanz, erinnern Sie sich noch an Der heiße Stuhl?

Markus Lanz: Ja, klar. RTLPlus. Erst Ulrich Meyer, später Olaf Kracht. Die Provokation bestand darin, Politikern harte Fragen zu stellen und dann auch noch auf einer Antwort zu bestehen. Frechheit! (lacht) Später machte Uli Meyer dann Einspruch!, Norbert Blüm gegen Franz Schönhuber – da hat’s richtig geknallt. Einmal ließ er sich von Rainer Langhans das Leben in der Kommune1 erklären und kommentierte die Ausführungen abschließend mit dem Satz: „Ah, verstehe, erst Meditation, dann Penetration.“ Da blieb mir die Spucke weg. Aber das Original blieb Der heiße Stuhl.

Wobei er vom Publikum zumindest anfangs geliebt, vom Feuilleton hingegen verrissen wurde.

Ich spüre, worauf Sie hinauswollen.

Erst geht es um die Sitzordnung. Gibt es bei Markus Lanz auch einen heißen Stuhl, aus Zuschauersicht gleich rechts neben Ihnen?

(lacht) Das mögen manche so sehen. Wobei ich Ihnen Unions-Politiker nennen könnte, die genau dort sitzen wollen. Vermutlich, weil sie ahnen, dass man auf diesem Platz besondere Aufmerksamkeit erfährt.

Dafür aber auch Feuer unterm Hintern vom Moderator.

Als Gastgeber so herumzuzappeln, wie ich das manchmal mache, und dabei immer näher an den Gast heranzurücken, wirkt über den Bildschirm viel zu raumgreifend und verstößt eigentlich gegen jede Fernsehregel. Ich mache das unbewusst, aber ich brauche wohl diese Nähe zum Gegenüber.

Für den Energiefluss?

Vielleicht. Als Friedrich Merz das erste Mal direkt neben mir Platz genommen hatte, war ich beeindruckt von der Kraft, die dieser Mann ausstrahlt. Ich habe ihn dann ein bisschen provoziert und ihm prophezeit, er würde in seiner Partei ohnehin nichts mehr werden, man würde ihn einfach auflaufen lassen. Da schoss er wie eine Kobra nach vorne und meinte: Das wollen wir doch erstmal sehen! Bei Markus Söder vibriert die Luft genauso, ich mag das.

Woher nehmen Sie das Selbstbewusstsein, als gelernter Radiomoderator aus Südtirol ebenfalls die Cobra zu machen, um mit solchen Alphatieren auf Augenhöhe in den Infight zu gehen?

Empfinden Sie das so?

Sie wirken zumindest relativ angstfrei.

Das bedeutet aber keineswegs, keinen Respekt vor Alphatieren zu haben. Das hat auch damit zu tun, dass ich eben nicht der Meinung bin, die erste und zweite Reihe der deutschen Politik bestünde aus Leuten, die es nicht können – ganz im Gegenteil. Da sind viele sehr kompetente Menschen unterwegs, die aber häufig mit Widersprüchlichkeiten zu kämpfen haben, weil sie an bestimmten Stellen völlig quer zu ihrer Partei liegen wie etwa Winfried Kretschmann, der sich, wenn’s sein muss, als Grüner auch schon mal für den Verbrennungsmotor einsetzt. Um sie mit ihren Widersprüchen zu konfrontieren, begebe ich mich gedanklich in einen Tunnel und lasse es dann mithilfe einer gewissen Routine laufen.

Sie machen also nicht in ihrer rotgestrichenen Garderobe 15 Minuten Feueratem, um Kraft für den Kampf zu tanken?

Nein, natürlich nicht (lacht)! Ich treffe die Gäste ganz kurz vorher, dann geht’s direkt los. Interessant ist, dass die Profis unter Druck erst richtig gut werden. Mit Olaf Scholz zum Beispiel ging es vor einiger Zeit um die Cum-Ex-Geschäfte der Hamburger Warburg Bank, natürlich nicht sein Lieblingsthema. Wir haben das vorher angekündigt, und es hätte mich nicht überrascht, wenn eine Absage gekommen wäre. Doch Scholz stellte sich. Das ist nicht nur professionell, sondern zeigt auch, wie ernst er die Dialektik aus Politik und freier Presse nimmt. Die Aufgabe war die größte im deutschen Polittalk.

Nämlich?

Olaf Scholz dazu zu bringen, nicht wie Olaf Scholz zu gucken. Denn dann weiß selbst Olaf Scholz nicht mehr, was Olaf Scholz wirklich denkt. Er ist darin unschlagbar, weiß aber auch wie alle anderen, die bei mir sind, was auf sie zukommt.

Eine Streitkultur am Rande des Krawalls.

Nein, da gibt es offenbar ein Missverständnis über meine Rolle. Die besteht nämlich ganz simpel darin zu klären, was Reden einerseits und Handeln andererseits in der Politik für dieses Land bedeuten. Und wer es mit Floskeln versucht, muss damit rechnen, dass die Nachfrage kommt. Ich habe immer das Gefühl: Profis wie Malu Dreyer, Peter Tschentscher, aber auch ein Armin Laschet schätzen das sogar. Denn die wissen: Da draußen warten Erdogan, Putin, Trump. Es wäre anmaßend und lächerlich zu glauben, dass die mit mir nicht fertig werden.

Kitzeln Sie damit auch das Ego Ihrer Gäste?

Das müssten Sie die Gäste fragen, aber was wir immer wieder gespiegelt kriegen, ist: Ja, die Sendung ist manchmal unberechenbar und deshalb auch gefährlich. Auf der anderen Seite gibt es im deutschen Fernsehen kaum eine bessere Gelegenheit, mal auf so langer Strecke seinen Standpunkt klarzumachen. Ein intensives Gespräch mit Stephan Weil kann locker 40 Minuten dauern. Als ein anderer Gast neulich zu ihm sagte, „ich will sie nicht zu hart kritisieren, aber…“, da antwortete er nur lachend: „Machen Sie ruhig, ich bin hier anderes gewohnt.“ So lässig kann man das auch machen.

Sein Platz war wie bei Friedrich Merz tags drauf gleich rechts von Ihnen. Alice Weidel dagegen saß tags zuvor einen Stuhl weiter. Hat das mit ihrem Geschlecht zu tun? Weniger rauflustig ist sie ja nun nicht…

Nee, das hatte eher mit der restlichen Besetzung zu tun. Sie saß zwischen der Spiegel-Journalistin Ann-Katrin Müller und FDP-Generalsekretär Wolker Wissing.

Wenn man die Sitzordnung der vergangenen sechs Wochen sieht, saßen 21 Männer auf dem heißeren Stuhl, aber nur vier Frauen, die wiederum wohl den Platz neben Ihnen geräumt hätten, wenn Markus Söder oder Wolfgang Schäuble nicht nur per Video zugeschaltet worden wären. Ist das etwa kein geschlechterpolitisches Kalkül?

Wunder Punkt, den Sie da gerade berühren. Ich könnte jetzt sagen, das hat vor allem was mit Aktualität, Persönlichkeitsprofilen, Prominenz und so weiter zu tun. Die Wahrheit ist: es hat vor allem mit den Machtverhältnissen in unserer Gesellschaft zu tun, die nach wie vor mehr Männer als Frauen an die Spitze befördern. Das bedauere ich tatsächlich sehr. Mir sagen zwar selbst Frauen, sie möchten nicht über Quoten besetzt werden; aber wenn ich mir allein unsere Sendung so ansehe, würde ich sagen: vielleicht übergangsweise doch!

Zumal wir jahrtausendelang Männerquoten der Macht hatten, nämlich 100 Prozent.

Genau. Am Ende entscheidet die Redaktion organisch, wer wann kommt und wo genau sitzt. Wenn Sahra Wagenknecht eine gesellschaftspolitische Rollbombe auf den Weg bringt wie ihr letztes Buch Die Selbstgerechten, in dem sie von „Lifestyle-Linken“ spricht, dann ist klar, wo sie sitzt. Dann bauen wir um ein solches Thema herum schon mal die ganze Sendung. Trotzdem zwingt uns die Nachrichtenlage manchmal dazu, noch am Tag der Aufzeichnung Gäste ein- oder wieder auszuladen. Dann entsteht die Sendung beim Senden.

Was Ihre Vorbereitung nicht leichter machen dürfte…

Und ein Grund mehr ist, warum meine Stichwortkarten meistens unbenutzt neben mir liegen. Es hat lange gedauert, bis ich mich das getraut habe, aber ich habe irgendwann kapiert, dass man ein echtes Gespräch ja ebenfalls ohne Karteikarten führt…(lacht) Deshalb missfällt mir auch der Vergleich mit dem Heißen Stuhl. Da war nämlich manches offensichtlich gescripted. Wenn Ihr Eindruck ein anderer ist, akzeptiere ich das, aber wir wollen eben nicht holzschnittartig zuspitzen, sondern differenziert diskutieren. Ich glaube im Übrigen, dass die Leute genau das auch schätzen. Nur zur Erinnerung: Der heiße Stuhl wurde nach knapp 160 Folgen wieder abgesetzt, wir sind bei Folge 1540. Wir kalkulieren nicht mit Krawall.

Andererseits wäre es doch fast schon widernatürlich, wenn ein polarisierender Gastgeber wie Sie mit polarisierenden Gästen wie Merz oder Weidel nicht auch mal aneinander rasselt. Wie finden sie da die Balance zwischen Krawall und Diskurs?

Da haben Sie einen Punkt. Wichtig ist mir nur, dass es irgendwann in der Sendung immer auch den Moment der Erlösung geben muss.

Lanz’sche Katharsis.

Bei der jemand, mit dem ich vielleicht gerade noch im Sparring war, auch Zustimmung erhält. Oder wir lachen gemeinsam, Humor ist ganz wichtig. Und es geht darum, dem Gegenüber klarzumachen: Ich verstehe, was Dich treibt. Jeder hat etwas, das ihn wirklich bewegt. Es geht darum, diese Punkte zu finden.

Punkte oder wunde Punkte?

Egal, es geht um die intrinsische Motivation ihres Handelns. Um es mal mit meiner eigenen Küchenpsychologie zu sagen: Wer das Gefühl hat, gesehen zu werden, wird offener. Jemanden wie Friedrich Merz in die Chauvi-Kiste zu stecken, ist einfach und wohlfeil. Ich finde es spannender, bei aller Kritik, die man an seinen Positionen haben kann, zu zeigen, dass er eben kein Chauvi ist.

Ach!

Das kann man daran sehen, wie respektvoll er hinter den Kulissen mit Frauen umgeht. Und es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn sich die Tatsache, dass der Rest seiner Familie aus vier Frauen besteht, nicht irgendwie aufs Weltbild auswirkte, oder?

Privat kein Chauvinist zu sein, schließt allerdings nicht aus, chauvinistische Politik zu machen, die sich bei ihm gerade stark um seinen Kampf gegen das Gendern richtet.

Da macht er sich definitiv angreifbar. Aber interessanter ist die Auseinandersetzung mit ihm doch beim Thema Klimaschutz, wo er unverdrossen behauptet, der Markt regle schon alles – und das, obwohl Joe Biden ausgerechnet den Turbokapitalismus in den USA gerade auf eine Art ökologische Planwirtschaft umstellt. Noch interessanter finde ich allerdings etwas ganz anderes.

Na?

Wie redet man mit Leuten, die im Grunde auserzählt sind? Die jedes Argument bereits kennen und das Gegenargument sowieso? Die also komplett druckfest sind? Deshalb ist der Stuhl neben mir am Ende vielleicht doch entscheidend. Da ist der Druck höher als zwei Stühle weiter, man bringt die Leute auf dem Weg zur Selbstentlarvung zumindest ab und zu aus dem Tritt. Wird im Fernsehen jeden Tag gelogen, dass sich die Balken biegen? Auch nicht mehr als woanders… (lacht). Aber wenn es zumindest gelegentlich mal einen Augenblick der Wahrhaftigkeit gibt, freue ich mich.

Haken Sie in solchen Augenblicken Strichlisten ab, welche Politiker sich mit welcher Sache selbst entlarvt haben?

Keine Strichlisten, aber eine Form professioneller Genugtuung, wenn sich zeigt, dass jemand rumeiert wie Friedrich Merz zuletzt bei Fragen zu Hans-Georg Maaßen. Übrigens interessant, wie unterschiedlich die Leute reagieren, wenn sie unter Druck geraten. Olaf Scholz zum Beispiel wird dann plötzlich lustig oder nennt Friedrich Merz einen Waschlappen. Solche Kleinigkeiten erzählen was und zeigen den Zuschauern, wen genau sie eigentlich wählen.

Wobei Sie das im Grunde gar nicht als Moderator, sondern Interviewer tun.

Lieber wäre mir noch: Gesprächsleiter.

Ihr Kollege Micky Beisenherz hat Sie in der Süddeutschen Zeitung „Deutschlands schönste Grillzange“ genannt.

Schreiben Sie so was im Jahr 2021 mal über eine Frau! Das gäbe direkt Ärger – und zwar völlig zu Recht.

Ist in ihrem Fall aber gleich doppelt schmeichelhaft.

Als jemand, der seit Jahren schon interessante Formulierungen von Journalisten und in wachsender Zahl auch von Journalistinnen sammelt, fand ich es vor allem einfach lustig und originell.

Gelegentlich verheddert sich die Grillzange jedoch in der glühenden Kohle. Immer dann nämlich, wenn Sie hart fragen, aber die Antwort mit Nachfragen unterbrechen und den Gesprächsfluss so stoppen. Ist das Ihrer Anspannung geschuldet?

Nein, das ist Inkompetenz.

Sie kokettieren.

Leider nicht. Ich bin wie eingangs erwähnt mit meiner Art zu reden, zu gestikulieren, zu sitzen, zu sein fürs Fernsehen eigentlich völlig ungeeignet. Um noch ein bisschen damit weitermachen zu dürfen, muss ich mich daher gelegentlich selbst überprüfen.

Durch intensives Videostudium Ihrer Sendungen?

Im Gegenteil: ich sehe mir nichts von mir an, niemals. Ich ertrage das nicht. Wenn ich irgendwo auftauche, schalte ich sofort um.

Weil Sie etwas sehen, das Sie nicht an sich mögen?

Zum einen, weil ich mir die Erinnerung an die Situation nicht kaputt machen möchte. Vor allem aber, weil ich mich nicht kontrollieren will. Wie sehen Sie mich denn am Bildschirm?

Sie haben so was Raubkatzenartiges, immer zum Sprung bereit, dadurch aber auch auf gelegentlich unangenehme Art nervös, beinahe gehetzt. Dazu ihr abgeknickter Zeigefinger, mit dem Sie auch jetzt hier im Interview gerne fuchteln…

(lacht) Immerhin abgeknickt, nicht ausgestreckt. Die ehrliche Antwort ist: das mit dem ausgestreckten Zeigefinger hab‘ ich mir bewusst abgewöhnt. Über alles andere denke ich nicht nach und übe schon gar nichts ein. Wer anfängt, sich zu beobachten, fängt bald an, sich zu kontrollieren. Und um ein Modewort der Selbstoptimierungsgesellschaft zu benutzen: dann ist man nicht mehr bei sich oder, schlimmer noch, authentisch. Wer ständig seine eigene Projektionsfläche ist, wird irgendwann auch sein eigenes Klischee. Das möchte ich nicht. Meine Mutter sagte früher allerdings öfter zu mir, Junge, leg doch deine Stirn nicht immer so in Falten. Inzwischen hat sie aufgegeben.

Typische Klugscheißer-Mimik.

Aber auch die ist nicht antrainiert, ich kann das nur so. So guckte auch schon mein Vater. Am Anfang meiner Karriere dachte ich gar, die schmeißen mich deswegen raus – verrückt! Wenn man nicht ist wie Thomas Gottschalk, nämlich die völlige Abwesenheit von Komplexen, dann hilft nur eins: sich mit Anlauf an dieser Diskussion vorbei ins Wasser werfen. Sonst kommt man ins Grübeln und verliert den Spaß.

Sie haben Spaß an Ihrer Sendung?

Ja, was denn sonst? Sonst würde ich das Ganze doch nicht machen! Wer wie ich seine Eigenarten und Marotten vor der Kamera ausstellt, macht sich angreifbar, am Ende also verletzlich. Hätte ich dabei keinen Spaß, würde ich mir das ersparen, glauben Sie mir.

Aber wie verhindert man, dass Ihre Art – also alles von den Marotten bis zur unterbrechenden Hartnäckigkeit – selbstreferenziell wirkt?

Indem ich vorher darüber nachdenke, an welchem Punkt ich mir beides besser verkneife. Mit Schaum vorm Mund einen AfD-Vertreter zu zerlegen, kann böse nach hinten losgehen. Das ist erwartbar, vielleicht sogar ein bisschen billig. Mein Partner Markus Heidemanns ist nicht nur in dieser Hinsicht sehr, sehr wichtig für mich. Wir tauschen uns oft darüber aus und versuchen, wann immer es geht, gegen das Klischee zu bürsten. Deshalb war das Gespräch mit dem FDP-Generalsekretär aus meiner Sicht sogar härter als das mit Alice Weidel in derselben Sendung.

Weil der sich als Liberaler neben einer Rechtsradikalen vor Angriffen sicherer fühlt?

Vielleicht. Seiner Lockdown-Kritik konnte der Epidemiologe Timo Ulrichs einfach sehr fundiert widersprechen. Was Alice Weidel angeht: Ich würde Ihrer Einschätzung widersprechen. Frau Weidel ist sehr widersprüchlich: politisch extrem konservativ, privat ganz anders. Und, ja, sie hat Sachen gesagt, die klar rassistisch und nicht akzeptabel sind. Aber ist sie wirklich eine Rechtsradikale? Was sie macht, ist: Sie setzt mit voller Absicht Punchlines, um zu provozieren. Und wenn es sich dann im Kreis dreht, werde ich so nervös, wie Sie es gerade geschildert haben. Wer Sendezeit verschwendet, macht mich ungeduldig.

Gibt es Momente, in denen Sie es sich verbieten, sich einfach mal locker zurückzulehnen und damit Druck vom Kessel zu nehmen?

Ja, die gibt es, denn manchmal möchte man sein Gegenüber nicht in Sicherheit wiegen. Die Momente, in denen ich ruhiger werde, sind die, in denen jemand ein Argument vorträgt, das ich so noch nie gehört habe. Dann höre ich einfach erst mal entspannt zu.

Haben Sie beim Gegenüber eine Präferenz zwischen Raufbold und Gesprächspartner?

Das ist zwar ein bisschen tagesformabhängig, würde aber auch wieder unterstellen, mir ginge es um den Krawall, nicht die Sache. Vielleicht so: Als Kind kleiner Leute werde ich manchmal etwas ungeduldig, wenn Kinder größerer Leute zu abgehoben, zu selbstreferentiell, zu sehr aus dem Elfenbeinturm heraus argumentieren.

Sagen Sie deshalb Dinge wie „das interessiert mich jetzt als Bürger dieses Landes“?

Ja. Ich habe darüber viel gelernt auf meinen Reportage-Reisen. Vor allem 2016 in die USA, kurz vor der Wahl Donald Trumps. Da wurde allen, die dabei waren, das erste Mal wirklich klar, wie tief die Gräben zwischen Arm und Reich, aber auch zwischen Stadt und Land und vor allem zwischen Gebildet und Ungebildet mittlerweile sind. Ein Jahr später bin ich dann auf einer Reise durch Deutschland zu meinem großen Erstaunen auf ähnliche Phänomene gestoßen. Wer das als Journalist nicht versteht, verliert den Anschluss an die eine oder andere Seite. Das will ich um jeden Preis vermeiden.

Haben Sie bei Subjekten der Macht wie dem Intensiv-Pfleger Ricardo Lange daher größere Beißhemmungen als bei Objekten wie Friedrich Merz, der Ihnen drei Stühle näher saß?

Einen Friedrich Merz muss man schon deshalb härter angehen, weil er sonst unter Umständen zu lange redet… (lacht) Im Ernst: Merz ist medialer Vollprofi, der eine Nebelkerze nach der anderen wirft, wenn man nicht aufpasst. Dem begegne ich natürlich anders als einem Mann wie Ricardo Lange, der nicht jeden Tag vor einer Kamera sitzt. Mich hat bewegt, was er berichtet hat, ehrlich und direkt. Den eigentlichen Gänsehaut-Moment hatte ich aber nach der Sendung, als er erzählte, dass manche COVID19-Patienten noch im Sterben behaupten, Corona sei nur eine Erfindung.

Puh… Diskutieren Sie lieber mit Laien oder Profis?

(Schweigt lange)

Anders gefragt: Wo spielen Sie Ihre Kernkompetenzen besser aus – im mitfühlenderen Gespräch wie einst Kollege Beckmann oder im investigativeren wie jetzt Kollegin Will?

Idealerweise spielt man in meiner Position die ganze Klaviatur und vermeidet dabei, bloß Erwartungen erfüllen zu wollen – entweder als harter investigativer Hund oder als sanfter mitfühlender Menschenversteher. Das Gleiche gilt allerdings für meine Gäste. Ich will in jedem Fall etwas erfahren. Von wem genau, ist dabei gar nicht so entscheidend. Jeder hat eine Geschichte.

Erinnern Sie sich noch an jene Hinrichtung, durch die Ihre Sendung von der gefälligen Plauderei mit Wendler-Effekt zur konfrontativen Talkshow mit politischen Topstars wurde?

Falls Sie Sarah Wagenknecht vor sieben, acht Jahren meinen: das war keine Hinrichtung.

Dafür alle gegen eine und nicht durchweg über der Gürtellinie.

In der Presse war sogar von „Blutrausch“ die Rede! Aber wer sich die Sendung heute ansieht, wird sie womöglich für vergleichsweise unspektakulär halten. Der damalige Stern-Chef Ulrich Jörges war vielleicht wirklich etwas auf Krawall gebürstet, aber ich mochte Frau Wagenknecht damals, ich mag sie heute, wir haben uns nach der Sendung bei aller Irritation die Hand gegeben. Sie gehört zu den wenigen, die man zu jeder Tages- und Nachtzeit anrufen könnte, und sie würde zu fast allem etwas wirklich Fundiertes beitragen können.

Sie sind ja richtiger Fan!

Eher voller Respekt für Ihre Sachkenntnis und Recherchen, aber auch für ihre Gabe, wirklich gute Texte zu schreiben und Dinge auf den Punkt zu bringen. Die Sendung, die Sie beschreiben, fiel übrigens in die Zeit, in der es ohnehin sehr en vogue war, mir wegen Wetten, dass…? so richtig eins überzubraten. Sahra Wagenknecht hat da nicht mitgemacht, weil sie zunächst mal unvoreingenommen an Dinge herangeht.

Gleichwohl hätten Sie damals das sein müssen, was Ihnen weit weniger liegt, nämlich Moderator zwischen Jörges und ihr.

Stimmt. Aber mein Punkt war die Präambel des linken Programms. Darin stand sinngemäß, die EU sei eine Militärdiktatur. Das als Partei zu behaupten, die mit ihrer eigenen diktatorischen Vergangenheit nie richtig aufgeräumt hat, habe ich ihr vorgehalten. Was dann folgte, war – übrigens auch mit Blick auf Gleichberechtigung: eine Frau gegen zwei Männer – sicher nicht das Innovativste, was wir je gemacht haben. Aber interessanterweise flog dieser EU-Satz kurz darauf klammheimlich aus der Präambel.

Macht Markus Lanz Politik?

Nein, aber es wäre doch toll, wenn das gute alte Fernsehen öfter mal wirklich etwas bewirken könnte. Damals erschien mir das so – und das auf dem Höhepunkt meines Tiefpunktes.

Wenige Wochen später war der dann damit vollendet, dass Sie mit Wetten, dass…? ein bundesdeutsches Kulturgut beerdigt haben. Was hat der Entertainer davon mit in den Hauptberuf als politischer Journalist genommen – eine gewissen Shitstorm-Resilienz?

Vermutlich. Es gab Schlagzeilen, die waren echt hart. Die härteste lieferte wenig überraschend die Bild-Zeitung: „Halt die Fresse, Lanz!“

Na ja, die Bild-Zeitung

Was es nicht weniger verwerflich macht. Das war Steinigung vom Sofa aus. Wer solche Erfahrungen macht, wird in beide Richtungen misstrauisch. Lob und Tadel, das habe ich gelernt, sind immer ebenso subjektiv wie vergänglich und nähren das Bedürfnis, den Durchschnitt zu leben.

Heißt das, Sie wollten einerseits vom Streber-Image weg, dass Ihnen als Talkshowmoderator anhaftete, andererseits vom Kasper-Image der Samstagabendshow, um ein wenig feuilletonistischer zu werden?

Unterbewusst vielleicht. Von da an wollte ich jedenfalls seltener Kompromisse machen, sondern mit dem Erfolg haben, was ich wirklich machen möchte – notfalls um den Preis, aufzuhören. Ich habe mir irgendwann mal vorgenommen, mit 50 als Skilehrer für fitte Senioren in den Dolomiten zu arbeiten; das war damals näher denn je. Jetzt bin ich knapp über 50 und denke, Gott sei Dank habe ich es nicht gemacht. Ich hätte sonst die besten Jahre meines Lebens verpasst.

Müssen Sie sich manchmal kneifen, um zu glauben, dass Sie vom Publikum grad gleichermaßen gewürdigt werden wie vom Publikum?

Schon (lacht). Eigentlich muss man sich im Fernsehen immer entscheiden, ob man vom Feuilleton oder vom Publikum gemocht werden will. Deshalb löste eine gute Kritik in der Süddeutschen früher bei RTL oft Alarm aus, nach dem Motto: Vorsicht, die finden das gut, wir werden bald abgesetzt… (lacht). Und umgekehrt galt: je schlechter die Kritiken, desto besser die Quote. Dass bei uns momentan beides möglich zu sein scheint, hat aber deutlich mehr mit dem Krisenkontext zu tun als mit meiner vermeintlichen Begabung, Massen- und Hochkultur miteinander zu versöhnen. Außerdem ist Fernsehen wie kaum ein anderes Feld Teamwork. Beim Radio war ich damals auf mich selbst zurückgeworfen, also alleiniger Herr des Verfahrens. Markus Lanz ist ohne Team gar nichts; deswegen sage ich in der Sendung auch meistens „wir“ und nicht „ich“.

Dass sollten Stürmer nach sechs Toren im Finale auch sagen…

Trotzdem ist es mehr als eine Höflichkeitsfloskel. Als Team machen wir ja nicht nur gute Zeiten gemeinsam durch, sondern auch die harten. Es gab Moment, da musste man sich mehr oder weniger dafür entschuldigen, bei mir zu arbeiten. Deswegen freut es uns alle, dass sich der Wind irgendwie gedreht hat. Die Redaktion versorgt mich perfekt mit Dossiers aus einem dicht gesponnenen Netzwerk heraus, die ich für eine optimale Vorbereitung brauche.

Ein bisschen vom früheren Streber ist also noch vorhanden.

Ach Streber – Sie würden es mir doch noch viel mehr vorwerfen, wenn ich dreimal pro Woche schlecht vorbereiteten Schrott abliefern würde. Im Grunde basiert das ganze Geschäft noch immer auf der alten Showbusiness-Weisheit von Rudi Carrell: Wenn Du ein Ass aus dem Ärmel ziehen willst, musst Du vorher eins reinstecken.

Sie machen Showbusiness?

Mit Informationen, die meine Redaktion und ich wirklich aufsaugen. Wir sind Faktenfresser, die ihre Köcher mit möglichst vielen Pfeilen füllen. Im Unterschied zu Formaten geschätzter Kollegen wie Maybrit Illner oder Frank Plasberg, deren Konzepte auf exakter Orchestrierung beruhen, feuern wir aber nicht zwingend alle ab, sondern lassen es situativ wachsen.

Passt Markus Lanz also deshalb so gut zur Pandemie, weil auch die keinem Konzept zu folgen scheint, sondern ihr Wesen manchmal minütlich verändert?

Der Gedanke gefällt mir.

Sind Sie ein Krisengewinnler?

Das Wort würde ich angesichts dieses globalen Desasters wirklich gerne vermeiden. Wir alle haben in dieser Pandemie verloren. Aber die hohe Frequenz unserer Sendung hat uns sicher dabei geholfen, größere Bedeutung zu erlangen. Im Grunde funktionieren wir eher wie Netflix-Serien, die mit Cliffhangern von Folge zu Folge gehen, deren Inhalt sich komplett wandeln kann. Ein gutes Beispiel dafür ist Karl Lauterbach. Wir haben uns früh entschlossen, Experten wie ihn konsequent zu Wort kommen zu lassen.

Wann genau?

Ende Januar 2020, eine Sendung mit SPD-Schwerpunkt, in der er auf die Bemerkung eines Gastes hin, das neue Virus aus China werde uns nicht so richtig betreffen, plötzlich meinte: Da muss ich massiv widersprechen, das wird ein Fiasko. Da schluckten erstmal alle – auch im Publikum.

Publi… was?

Echte Menschen im Studio (lacht). Daran kann man sich kaum noch erinnern, oder? Dass wir seither ohne Zuschauer senden, hat übrigens etwas sehr Nachhaltiges bewirkt: Den populistischen Ausfallschritt für den schnellen Applaus traut sich heute kaum noch einer.

Aber sie werden, sobald es möglich ist, wieder vor Publikum talken?

Ganz ehrlich? Keine Ahnung! Aber ich persönlich würde es lassen. Die Stille im Studio hat die Sendung intensiver gemacht. Und ich glaube, es hat uns dabei geholfen, eine Instanz zu werden, die kurz vor Mitternacht noch einmal das oft verwirrende Geschehen des Tages einordnet.

Sind Sie mit dieser Sendezeit also zufrieden oder sehnen sich wie alle Entertainer nach der Primetime?

Ehrlich gesagt, nein. Ich habe mich – auch nicht vor, nach oder während Wetten, dass…? – je danach gesehnt, um Viertel nach acht die Showtreppe runterzulaufen. Schon deshalb fühle ich mich am späten Abend so gut aufgehoben. Einzige Einschränkung: Wir werden da manchmal unglaublich herumgeschoben. Es kann sein, dass wir an einem Dienstag um 22.45 Uhr anfangen und am Dienstag darauf zehn vor zwölf. Diese sehr spezielle ZDF-Schnitzeljagd sorgt nicht nur bei der Redaktion gelegentlich für Frust, sondern auch bei denen, um die es geht: den Zuschauern. Wer eine Sendung kaputtprogrammieren will, nimmt ihr jede Verlässlichkeit. Ich würde aber andererseits vermuten, dass das ja eigentlich nicht gewollt ist.

Auch der Hauptabend wird halt von Aktualität geprägt…

Trotzdem kriegen die Kollegen im Ersten komischerweise ein verlässliches Sendeschema hin. Ähnliches gilt übrigens für Dokumentationen, für die die Autorin Silke Gondolf, das Kamerateam und ich oft viele, viele Wochen arbeiten und auch hohe gesundheitliche Risiken eingehen wie jüngst in Schweden. Diese Dokus laufen meist sehr erfolgreich, und viele Zuschauer fragen sich: Warum sendet man so etwas nachts um halb zwölf, während um 20.15 Uhr der Currywurst-Test läuft? Ich habe keine Antwort darauf.

Vielleicht, weil jüngere Menschen Ihre Sendung ohnehin in der Mediathek sehen?

Mag sein. Aber ehrlich: Da könnte man sich dann ja auch den Currywurst-Test anschauen. Warum sind eigentlich immer wir die aus der Mediathek?! (lacht)

Zitieren Sie da gerade aus Debatten mit der Programmdirektion?

Das haben Sie gesagt. Aber letztlich sind wir wie Wasser und finden unseren Weg zum Publikum.

Dasselbe gilt, um ein letztes Mal Wetten, dass…? anzusprechen, für Thomas Gottschalk. Können Sie sich vorstellen, wie er irgendwann wieder Radio zu machen, womit sie einst ja angefangen haben, bis Sie ihr Sender in Hamburg dafür rausgeschmissen hat, unangemeldet Ihren Protestsong „Fuck Chirac“ gespielt zu haben?

Wir liebäugeln zumindest mit dem artverwandten Thema Podcast. Zumal unsere Sendung in Struktur, Zusammensetzung und Länge abzüglich der Bewegtbilder gar nicht so weit davon entfernt ist. Wir entwickeln zurzeit eine charmante Idee mit Richard David Precht.

Also nicht Radio Südtirol?

Nee. Irgendwann werde ich die Studiotür verlassen und nie wieder zurückgehen, um etwas völlig anderes zu machen.

Ökobauer auf der Seiser Alm?

Sie lachen, aber das ist konkreter als Sie denken. Vorher will ich aber noch was anderes sein: Reporter. Einfach nur Reporter.


Erdogan Atalay: 25 Jahre Cobra 11

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Die Welt retten und dabei draufgehen

Genau 25 seiner 54 Jahre fährt Erdoğan Atalay (Foto: Gordon Mühle) aus Hannover bei RTL Autos zu Schrott. Ein Jubiläumsgespräch übers Erfolgsgeheimnis von Cobra 11, wie viel Realität drinstecken darf, was die Endlosserie zur Diversität beiträgt und wie er abtreten will, falls es nach der 26. Staffel, die heute beginnt, womöglich nicht weitergeht.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Atalay, wissen Sie, wie viele Autos in 25 Jahren Cobra 11 geschrottet wurden?

Erdoğan Atalay: (lacht) Tausende. Die Zahlstelle weiß da vermutlich näheres. Ich nicht.

Wissen Sie denn, wie viele Verbrecher Ihre Figur Semi Gerkhan erschossen hat oder in Gefahr war, selbst draufzugehen?

Keine Ahnung, aber wenn man zusammenzählt, dürfte er nach fast 400 Fällen der effizienteste Killer der Geschichte sein. Immerhin waren seine Opfer stets die Bösen. Und das Besondere an Serienhelden wie meinem ist ja: wenn die Guten getroffen werden, genesen sie bis zur nächsten Folge.

Normale Polizisten wären entweder in psychiatrischer Behandlung oder tot. Was bewahrt Semi Gerkhan realistisch betrachtet vor beidem?

Das Wissen, im Recht und meist ohne Alternative gehandelt zu haben. Anfangs habe ich ihn tatsächlich noch so gespielt, dass er Probleme mit der Gefahr für sich und andere hat. Mittlerweile pflastern so viele Leichen seinen Weg, dass wir Cobra 11 in Semis Traumata umbenennen müssten, wenn ihm das allzu naheginge. So ein alter Hase wie er hat zu viel auf dem Kerbholz, um alles an sich ranzulassen. Das zu thematisieren, wäre nicht Ziel unserer Serie.

Was ist dann ihr Ziel?

Entertainment. Punkt (lacht).

Das sich bei aller Unterhaltsamkeit in der Realität abspielt. Wie viel davon darf, wie viel muss so seine Serie enthalten, um weder Fantasy noch der Tatort zu sein?

So viel wie nötig, so wenig wie möglich. Schließlich gibt’s noch nicht mal eine Autobahnpolizei in der Form, wie wir sie spielen. Was in der Realität auf 1000 Abteilungen verteilt wird, macht Cobra 11 ja im Alleingang – bis hin zur Entschärfung von Atombomben.

Geil!

Nicht wahr? Es ist eine Mischung aus Fantasy und Tatort, die sich an der Realität orientiert, aber nicht widerspiegeln will. Was im Gegensatz zur Action allerdings unbedingt authentisch sein sollte, sind die Emotionen der Beteiligten. Und da sind wir definitiv erwachsener geworden, erdiger als früher, wo sich alles den Stuntszenen unterordnen musste.

Warum dieser Wandel? Das alte Konzept war doch erfolgreich.

Das hat mit den Neunzigerjahren zu tun, in denen unser Konzept halt funktionierte. Aber auch damit, dass wir mit dem Personalwechsel der 25. Staffel angesichts der horizontalen Entwicklung am Streamingmarkt den großen Cut wollten, anstatt uns zu wiederholen. Außerdem sind lange Serien wie Persönlichkeiten: die verändern sich mit dem Alter auch. Und wer uns von Anfang an begleitet, wird mir zustimmen, dass sich kaum eine andere mehr gewandelt hat.

Ach.

Ja! Schon durch die ständigen Wechsel meiner Partner kamen immer neue Einflüsse, die das Publikum mitbekommen hat.

Ein Publikum, dass überwiegend aus Männern bestehen dürfte.

Wir waren halt eine testosterongesteuerte Vereinigung (lacht).

Wie reagiert diese Stammkundschaft, dass Ihr Kollegium diverser wird – zum türkischstämmigen Chefermittler gesellen sich ja nicht nur ein Rollstuhlfahrer, sondern mittlerweile auch zwei Frauen?

Davon sind nicht alle megabegeistert. Aber das hat auch was mit der Liebe zur Kontinuität zu tun, die ich selbst von mir kenne. Ich bin abgesehen von meiner Filmtochter der einzig übriggebliebene Charakter. Dass Sender wie Netflix ihre Hauptfiguren nach kurzer Zeit sterben lassen, finde ich persönlich irritierend.

Entspringt der Wandel zu mehr Diversität bei „Cobra 11“ dem Zeitgeist oder echter Überzeugung?

Beides ein bisschen. Und weil die Einschaltquoten okay, aber ausbaufähig waren, bot sich ein kleiner Paradigmenwechsel an. Über den gab es intensive Diskussionen und ebenso intensive Tests, was die Akzeptanz beim Publikum betrifft.

Die muss von Beginn an hoch gewesen sein. Als Semi Gerkhan vor 25 Jahren bei Cobra einstieg, waren Menschen mit Migrationshintergrund im deutschen Fernsehen entweder Täter oder Opfer.

Das stimmt.

War ihre Herkunft in der Serie je Thema?

Nein. Es gab zunächst die Überlegung, dass ich Semi in gebrochenem Deutsch spiele, aber ich wollte ihn an mir selbst orientieren, hier geboren und aufgewachsen, mit ein, zwei türkischen Elternteilen. Das Einzige, wo seine halbkriminelle Herkunft in Köln-Kalk durchschimmert, ist sein Bedürfnis, ein kleiner Patriarch zu sein. Aber wenn er „zuhause mach‘ ich die Ansagen“ sagt, weiß jeder, dass das Wunschdenken bleibt. Diese Ironisierung mag ich sehr.

Sehen Sie sich und Ihre Figur daher Integrationsmodelle?

Wenn Film und Fernsehen die Menschen dahingehend beeinflussen, ihr Denken zu verändern, wäre das wunderschön. Aber ich glaube nicht daran. Selbst „Türkisch für Anfänger“ hat nicht zu Akzeptanzschüben geführt. Im Gegenteil. Wer sich die Medienberichte von heute ansieht, erkennt da eher Rückwärtstendenzen. Ich halte es mit Spike Lee, der mal sagte, ein Denzel Washington sei gar kein Schwarzer, sondern Schauspieler.

Aber ist nicht genau das ein Zeichen von abklingendem Rassismus, wenn die Hautfarbe schlicht keine Rolle mehr spielt?

Schon. Aber wenn man mit Brechts Worten statt Theater Fernsehen fürs Volk machen wollte, müsste dieses Volk zugucken. Immer dann jedoch, wenn Filme bewusst zum Nachdenken anregen wollen, schauen meist nur die ohnehin Nachdenklichen zu, nicht die Denkfaulen. Trotzdem ist es wünschenswert, dass wir Diversität nebenbei als Normalität darstellen. Von daher glaube ich schon, dass mein Auftritt vor 25 Jahren unterbewusst etwas bewirkt haben könnte.

Wenn man sich an jenen Tag im März erinnert, hieß der Bundeskanzler Helmut Kohl, der Papst Johannes Paul II. und die Nummer 1 im Tennis Steffi Graf. Alle längst weg. Sie sind noch da. Spricht das eher für ihr Beharrungsvermögen oder das der Serie?

Ach, dazu werde ich schon meinen Teil beigetragen haben, aber es liegt doch eher am Format. Andererseits steckt bei allem Drang zur Veränderung in jedem von uns der Keim des Bewahrens, eine Art instinktiver Heimatsuche – und die endet gelegentlich auch in Fernsehformaten, deren Hauptfiguren für eine Kontinuität stehen, die seltener wird. So gesehen ist Semi schon ein Anker in die Vergangenheit.

Sind Sie als Darsteller dahinter denn eine so treue Seele oder womöglich in einer Schublade gefangen, aus der es nach 25 Jahren längst schon kein Entrinnen mehr gibt?

Entrinnen klingt, als müsste ich vor irgendwas fliehen. Mir hat das all die Jahre einfach so irre Spaß gemacht, dass es keinen Grund dazu gab. Natürlich gab es auch mal Zeiten, in denen es schwerfiel, sich um vier Uhr morgens aus dem Bett zu quälen, um zwei Stunden später vom Helikopter ins Eiswasser zu springen. Aber ich würde die Serie auch ohne Rolle darin sehen.

Sagen Sie das jetzt, weil Sie müssen?

Ich muss gar nix sagen! Obwohl es durchaus zwischendurch Überlegungen gab, mal was anderes zu machen, hab‘ ich am Ende immer auch Verantwortung für die Serie als solche empfunden. Je länger ich dabei bin, desto größer ist die Gefahr, ihr und damit all den Menschen, die dafür arbeiten, durch einen Abschied zu schaden. Und das möchte ich nicht.

Klingt nach einer Art Fürsorgepflicht.

Nehmen Sie Pflicht raus, dann passt es.

Aber gibt es nicht auch eine Pflicht ihrem Renommee gegenüber? Im Feuilleton gilt die Serie seit Anbeginn als Synonym für hirnloses Macker-Fernsehen.

Tja.

Hat Sie das je gestört?

Früher schon. Nach einer Weile aber dachte ich, wer so denken will, soll so denken, ich denke anders. Was mich allerdings bis heute stört, ist die Pauschalisierung, was Action ist oder auch Komödie, müsse anspruchsloser Mainstream sein. Das ist mir schon deshalb zu einseitig, weil ich Mainstream überhaupt nicht als minderwertig betrachte. Aber die Kritik hat nachgelassen, mittlerweile ist Cobra bisschen Kult. Was auch an den besseren Drehbüchern von heute liegt. Und letzten Endes werde ich lieber von Zuschauern gemocht als von Fernsehkritikern.

Stimmt es, dass Staffel 26. die vorerst letzte sein soll?

Da laufen Gespräche. Schließlich ist Cobra 11 die teuerste Serie Europas, da muss RTL gerade in Zeiten von Corona die Kosten immer wieder neu abwägen. Ich bin gespannt.

Gehen wir mal davon aus, irgendwann sei Schluss: Welches Ende wünschen Sie sich für Semi Gerkhan – Tod in der Massenkarambolage oder leiser Abtritt in den Sonnenuntergang?

Unbedingt megamäßig die Welt retten, dabei draufgehen und danach kurze Zusammenfassung meiner geilsten Stunts.


Sonja Zietlow: Dschungelcamp & Hundeshow

Mein Hund fürs Leben

In Ferienclubs lernt man Selbstbewusstsein

Ein Vierteljahrhundert Privatfernsehen, davon mehr als die Hälfte im Dschungelcamp – die frühere Urlaubsanimateurin Sonja Zietlow (Foto: ZDF) ist nicht unbedingt prädestiniert fürs Nachmittagsprogramm des ZDF. Seit Sonntag allerdings moderiert die passionierte Tierschützerin dort die Nachmittagsshow Mein Hund fürs Leben – auch, um ihr Portfolio zu erweitern.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Zietlow, zurzeit wechseln gerade massenhaft Moderatoren und Moderatorinnen von der ARD zu den Privatsendern. Sie dagegen wechseln vom Privatsender zum ZDF. Warum?

Sonja Zietlow: Na ja, es ist nicht direkt ein richtiger Wechsel, sondern eher eine Erweiterung meines Portfolios. Ich moderiere eben gern Formate, die mir persönlich gefallen, zu denen ich passe, bei denen man mich sehen möchte. Und für eine Show wie diese hier, bin ich ja schon als Hunde-Fan qualifiziert.

Anders als viele ihrer Kollegen und Kolleginnen bei RTL oder auch Pro7 haben Sie allerdings keine öffentlich-rechtliche Ausbildung genossen, sondern kommen eher aus Ferienclubs und Flugzeugen. Was lernt man da fürs Fernsehleben?

In Ferienclubs lernt man das nötige Selbstbewusstsein, um souverän vor Publikum aufzutreten, also die professionelle Interaktion mit Kunden und Gästen. Bei der Fliegerei kommt vor allem die Mehrfachbelastung hinzu. Dieses Multitasking ist eine gute Fähigkeit – als Pilotin, wie auch als Moderatorin in einer Show oder Sendung. Dass man quasi zuhören kann, aber gleichzeitig genau weiß, wie es weiter geht. Von alledem kann ich so einiges bei Ein Hund fürs Leben gebrauchen – mal ganz abgesehen von meiner persönlichen Liebe zu Hunden.

Wie genau läuft die Show denn ab?

Es ist so eine Mischung aus Haustiervermittlung und Herzblatt mit Reportage-Elementen. Erst lernen wir die Menschen und Hunde kennen, dann beraten und entscheiden die Experten, also Tierpfleger vom Tierheim und ich, wer zueinander passen könnte. Und der spannendste Moment der Sendung ist dann, wenn Hund und Mensch sich das erste Mal sehen und aufeinandertreffen. Das kann durchausmal sehr emotional werden…

Und was genau ist über die Expertise hinaus Ihre Aufgabe dabei?

Ich begleite die potenziellen Adoptanten, nehme sie in Empfang, begrüße sie und stehe natürlich auch mal mit dem ein oder anderen Ratschlag zur Seite. Natürlich berate ich mich mit den Hundepflegern und führe durch die Sendung. Es geht uns vor allem um Tierliebe.

Auch die eigene?

Absolut. Ich hatte bisher fünf Hunde. Momentan leben bei meinem Mann und mir noch zwei kleine. Mein erster eigener war Laska, eine Border Collie Dame. Durch meine Heirat kam ein Podenco-Mix-Rüde dazu, der aber leider schon verstorben ist. Dann habe ich die kleine Windspiel-Mix-Dame Lila adoptiert, die jetzt immer noch da ist und schon über 13 Jahre alt. Mein Mann hat sich dann noch in die Podenco-Portugues-Hündin Lotta verliebt, die leider vor anderthalb Jahren mit zehn, also viel zu früh von uns gegangen ist. Wir hatten also gleichzeitig vier Hunde. Nach Lottas Tod haben wir die kleine griechische Mix Hündin Manki adoptiert, die jetzt zwei Jahre und ein fröhlicher Wirbelwind ist.

Wenn es um Ihre Hunde geht, kommen Sie ja fast noch mehr ins Reden als bei „Ich bin ein Star, holt mich hier raus!“ Wie viel Schlagfertigkeit steckt eigentlich in solchen Moderationen und wie viel Drehbuch?

Also bei IBES würde ich sagen: 70 Prozent sind Skript und 30 Prozent frei. Die Moderationstexte werden von Jens Oliver Haas, Micky Beisenherz und Jörg Übber geschrieben, alles super Autoren. Aber ob der Rest wirklich Schlagfertigkeit bedeutet, bleibt dem Zuschauer überlassen.

Kann man die denn überhaupt lernen oder ist die angeboren?

Das weiß ich nicht. Aber bestimmt irgendwie. Keine Ahnung. Ich habe sie jedenfalls nicht bewusst gelernt, die ist einfach so gekommen, ganz von alleine (lacht).

Hätten Sie sich angesichts Ihrer messbaren Intelligenz eigentlich gewünscht, auch mal so richtig hartes Informationsfernsehen ohne Entertainment-Faktor zu machen?

Nein. Da ich nicht nur einen relativ hohen IQ habe, sondern auch ziemlich viel Mitgefühl und Schlagfertigkeit, finde ich die Unterhaltungsformate halt am reizvollsten; sonst ist man ja nur die Informationsüberbringerin, das liegt mir – bei allem Respekt dafür – nicht.

Wäre umgekehrt ein Intelligenzquotient von 135 im sachlicheren, tendenziell verkopften Fernsehen womöglich hinderlich?

Das könnte durchaus sein. Weil Intelligenz auch bedeutet, dass man sich oft noch etwas tiefgreifender mit Themen befassen möchte und gegebenenfalls nicht immer einer Meinung mit den Inhalten ist oder diese einfach mal anders betrachtet. Bei reiner Unterhaltung kann das problematisch werden.

Mit der haben Sie Ende der Neunziger in Formaten wie dem Daily-Talk Sonja Ihre Karriere begonnen und nie wieder ganz verlassen. Was bringen Sie aus dieser Zeit mit in die Gegenwart?

Ich würde mal sagen, Wettbewerbshärte und die Schlagfertigkeit, von der wir vorhin geredet haben. Man wusste nämlich nie, wie die Gäste tatsächlich reagieren. Seither kann mich, auch bei Live-Pannen, so schnell nichts aus der Ruhe bringen.

Und was lernt man am Nachmittag privater Kanäle fürs eigene Leben an sich?

Ich habe gelernt, dass es wahnsinnig viele unterschiedliche Menschen gibt. Die meisten hätte ich im normalen Leben niemals kennengelernt. Durch deren Sicht aufs Leben und die Art, mit Dingen des Alltags umzugehen, habe ich auch viel Toleranz gelernt.

Außerdem sind Sie angeblich auch noch exzellente Golferin…

Was heißt hier angeblich? (lacht). Naja – okay, ich war wohl eher eine exzellente Golferin; seit vier Jahren spiele ich nicht mehr aktiv. Aber eine Golfkarriere wäre mir nie in den Sinn gekommen. Außerdem habe ich mittlerweile auch Pferde, die sehr viel Zeit in Anspruch nehmen.

Wie viel Zeit bleibt denn da noch für weitere Staffeln IBES oder Mein Hund fürs Leben?

Oh, ganz viele hoffe ich. Denn beide Formate machen mir ziemlich viel Freude.