Birgit Schrowange: Extra & Abschied

Man lässt ständig irgendwas los

Als Moderatorin des RTL-Magazins Extra hat Birgit Schrowange (Bild: RTL) den Boulevard 1994 neu erfunden. 25 Jahre und 1500 Sendungen später hat sie den Staffelstab melodramatischer Anteilnahme nun an Nazan Eckes übergeben – auch, weil sie mit fast 62 kürzer treten will. Ein Gespräch über Privatsphäre, Dschungelcamp, Helmut Thoma und was aus all der Zeit haften geblieben ist.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Schrowange, herzlichen Glückwunsch!

Birgit Schrowange: Äh, wozu genau?

Sie heiraten bald Ihren Verlobten Frank Spothelfer.

Oh, danke schön.

Anders als viele Kollegen machen Sie Ihr Privatleben publik. Kommt diese Transparenz von Herzen oder ist sie eine Reminiszenz an Ihren Beruf als Boulevardmoderatorin?

Ach, ich bin doch schon seit 40 Jahren eine öffentliche Person und werde 30 davon gefragt, wann ich denn nun endlich mal heirate. Trotzdem hat die Offenheit natürlich Grenzen.

Welche zum Beispiel?

Meinen Sohn, den ich seit jeher aus der Öffentlichkeit heraushalte. Darüber bin ich auch sehr froh. Obwohl, mittlerweile ist er ein so kluger, schöner Mann – da würde ich ihn schon gern mal mit auf den roten Teppich nehmen. Für mich gehört er halt dazu. Doch weder ich noch mein Freund würden so weitgehen wie Boris Becker und ein Kamerateam zum Traualtar lassen.

Ins Dschungelcamp würden Sie also nicht gehen?

Für kein Geld der Welt! Ich hab mich trotz einiger Angebote ja auch nicht für den „Playboy“ ausgezogen.

Verlangt der Markt, also das Publikum, von Moderatoren, die ihrerseits in die Privatsphäre anderer vordringen, dennoch größere Bereitschaft, mehr von sich selber preiszugeben als sagen wir: Nachrichtensprecher?

Absolut. Deshalb kann jemand, die wie ich im Boulevard tätig ist, schwerer völlig zu machen. Und weil ich nie etwas zu verbergen hatte, hab ich auch gar kein Problem damit, mich an seine Spielregeln zu halten. Aber wenn Paparazzi meinem Sohn aufgelauert haben, musste ich trotzdem die eine oder andere Zeitschrift verklagen.

Haben Magazine wie Extra, das den Boulevard vor 25 Jahren hierzulande mitgeprägt hat, aus Ihrer Sicht die Grenzen der Privatheit Prominenter verschoben?

Nein, denn Prominente machen wir fast gar nicht, Sie verwechseln uns da mit einem People-Magazin wie Exklusiv!. Frauke Ludowig würde uns was husten, wenn wir in ihrem Revier wildern. Haben sie „Extra“ überhaupt schon mal gesehen?

Klar! Und da gibt es unter anderem Aufarbeitungen eigener Sendungen wie Dschungelcamp oder DSDS, in denen Prominenz eine wichtige Rolle spielt.

DSDS kommt fast nie bei uns vor und über die Prominenz der Dschungel-Kandidaten könnte man jetzt streiten. Wenn wir über so etwas berichten, dann als Cross-Promotion vorangehender Sendungen, in denen es äußerst selten mal um Prominente geht. Wir machen eher Schicksalsgeschichten ganz normaler Leute wie die aus einem Kinderhospiz in Olpe, wo ich gleich hinfahre, und geben Themen eine Öffentlichkeit, über die sonst wenig berichtet wird.

Bezeichnen Sie sich demnach als Journalistin, womöglich gar Reporterin, oder doch als Moderatorin?

Also ich bin gern unterwegs, gehe auf Menschen zu und brenne für emotionale Geschichten. Gleichzeitig drehe ich selten selber welche. Deshalb kann man mich als Moderatorin mit journalistischen Aufgaben bezeichnen.

Sie machen den Beruf seit 1981 und sind die meisten Zeit davon auf dem Boulevard tätig. Wie hat sich die Branche, wie hat sich Ihr aktuelles Genre in dieser Zeit verändert?

Sehr, sowohl technisch als auch inhaltlich! Als ichanfing, gab es ja noch TV-Ansagerinnen wie mich. Und das war im Wesentlichen auch die Hauptaufgabe von Frauen in dieser reinen Männerwelt. Ich kann mich deshalb noch gut an den Aufschrei erinnern, als Barbara Dickmann 1979 die Tagesthemen moderiert hatte. Da sind wir heute zum Glück ein Stück weitergekommen. Auch RTL, das allerdings schon früh auf Frauen gesetzt hat, etwa mit Ulrike von der Groeben als Sportmoderatorin.

Sie sind dort in einer Zeit hingewechselt, als RTL Marktführer war und vom legendären Helmut Thoma geleitet wurde…

Aber schon längst nicht mehr das Schmuddelimage der Anfangszeit hatte. Dafür gab es viel mehr Geld und Quoten. Heute sind die Mittel knapper, der Markt ist zersplitterter, die jungen Leute gucken kaum noch lineares Fernsehen, mit Netflix und Amazon gibt es neue Konkurrenten – man kann die damalige Zeit mit heute überhaupt nicht mehr vergleichen.

Hat die frühere Marktmacht von RTL für Sie als Moderatorin mit sich gebracht, mehr wagen zu können, sich nicht ständig in Formatgrenzen zu bewegen?

Ja, wir konnten uns früher mehr trauen und auch mehr investieren. Ich erinnere mich an den Fall eines amerikanischen Serienmörders, der in den USA zum Tode verurteilt war. Da bin ich mit Frank Hoffmann, meinem damaligen Redaktionsleiter…

… und bis Anfang des Jahres Geschäftsführer.

… hingefahren und mit einer monothematischen Sendung zurückgekommen. Einfach los, vor Ort schauen, was daraus wird, und gegebenenfalls alles in die Tonne kloppen – das wäre heutzutage unmöglich.

Auch wegen der gesunkenen Aufmerksamkeitsspanne des Publikums?

Vermutlich. Man hat sich aber auch damals ein Stück weit den Zuschauern angepasst und am Quotenverlauf beobachtet, welche Beiträge gut liefen, welche weniger. Wie hat Dr. Thoma so schön gesagt: Der Wurm muss nicht dem Angler schmecken, sondern dem Fisch.

Was für ein Chef war Helmut Thoma verglichen etwa mit Anke Schäferkordt?

Ach Gott, darüber möchte ich ausgerechnet jetzt, wo ich bei RTL aufhöre, nicht mehr reden.

Wissen Sie eigentlich, wie viele Ausgaben von Extra Sie moderiert haben?

Fast 1500, meine ich.

Gibt es da Sendungen, Momente, auch Begegnungen, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind?

Viele sogar. Einer war, als ich Natascha Kampusch nach ihrer Befreiung exklusiv interviewt habe. Spannend war es auch, als wir Monica Lewinsky in New York besucht haben. Am Ende hängen gute Geschichten aber nie an großen Namen. Erst Montag hatte ich eine junge Frau im Studio, die ihren schwerkranken Vater pflegt, seit sie acht Jahre alt ist. Acht! Und das ist kein Einzelschicksal in Deutschland. Das war ebenso eindrücklich wie Besuche im Drogenmilieu oder bei Flüchtlingen. So was berührt einen emotional schon sehr.

Wird man da mit den Jahren nicht abgebrühter?

Ich kann einiges ab, aber besonders, wenn Kinder beteiligt sind, fasst es einen immer noch an. Andererseits war Extra schon immer eine bunte Wundertüte, in der es neben Schicksalsgeschichten auch mal leicht und lustig zugehen kann. Diese Mischung war mir stets wichtig.

Warum machen Sie dann gerade jetzt damit Schluss?

Weil mir eine innere Stimme seit drei Jahren schon flüstert, dass ich den richtigen Zeitpunkt zum Aufhören nicht verpassen solle – und mit dem 25. Geburtstag ist der für mich erreicht. Nach 40 Jahren im Beruf, möchte ich ein bisschen kürzer treten, mehr Zeit für mich haben, andere Sachen machen. Mein Ziel war es immer, dass man mich nicht aus dem Studio raustragen muss. Ich werde nächstes Jahr 62, da ist es ein großartiger Moment, zu sagen: danke RTL! Ich hatte eine großartige Zeit, aber jetzt ist es Zeit zu gehen.

Können Sie generell gut loslassen?

Ja, schließlich lässt man ständig irgendetwas los. Man lässt los von der Kindheit, man lässt los von der Jugend, man lässt los von den Eltern, man lässt los von den Kindern, man lässt los von der Schönheit. Wer das nicht akzeptieren kann, verkrampft am Leben.


Eidinger/Möhring: West of Liberty & 25 km/h

Ich telefoniere nicht mal gern

Lars Eidinger und Wotan Wilke Möhring zählen schon lange zu den Superstars der deutschen Filmszene, im Agenten-Zweiteiler West of Liberty (als internationale Serienfassung in der ZDF-Mediathek) spielten sie kürzlich erstmals gemeinsam tragende Hauptrollen. Ein Doppelinterview über Whistleblower und Agenten, moderne Helden, wahrhaftige Fiktion und warum man Tim Burton nicht absagt.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Eidinger, Herr Möhring – Sie beide haben in Ihrer Karriere bislang äußerst unterschiedliche Genres gespielt. War schon mal eine Agentenserie dabei?

Wotan Wilke Möhring: Ein bescheuerter Agentenfilm, ganz am Anfang. So einen Untergrund-Thriller hatte ich dagegen noch nie. Kriegt man bei uns auch nicht oft angeboten.

Lars Eidinger: Im Ausland schon eher. Mein größter Traum ist es, einmal den Bösewicht im James Bond zu spielen.  Wobei ich gehört habe, dass der nächste 007 eine Frau sein soll. Vielleicht bewerbe ich mich dann lieber als Bond-Boy.

Möhring: Der im Einteiler aus dem Wasser steigt, geil.

Sagt man einem Drehbuch, auf dem „Agententhriller“ steht, sofort zu, weil das so außergewöhnlich und aufregend ist?

Möhring: Solche Begriffe stehen da in der Regel ja nicht drauf. Es sei denn damals, als ich für RTL Old Shatterhand spielen sollte.

Eidinger: Da stand „Western“ drauf?

Möhring: Nee, aber bei Winnetou ist das ja klar und hat mich sofort gepackt.

Eidinger: Liest du eigentlich auch erstmal nur deine Passagen oder das ganze Buch von vorne nach hinten?

Möhring: Auch erstmal nur meine. Schon um zu wissen, ob der überhaupt irgendwas in der Geschichte zu melden hat und mit welchem Aufwand.

Eidinger: Bei mir Stand „Whistleblower“ im Anschreiben. Ein moderner Held.

Möhring: Der für seine Vorstellung von Wahrheit alles gibt.

Darf man sowas Traumrolle nennen oder ist das gar keine Kategorie, in der Schauspieler denken?

Eidinger: Mir war das vorher nicht bewusst, aber im Nachhinein ist es schon eine Traumrolle. Auch, weil sie so kammerspielartig an einem Ort spielt. Normalerweise ist man dauernd zwischen Drehorten unterwegs; hier war ich fast durchgehend in einem Studio in Malmö – und hatte nahezu keine Spielszenen mit Partnern.

Möhring: Außer im zweiten Teil, wo wir uns zum einzigen Mal wirklich begegnen.

Kommt dieses Kammerspiel dem Theater näher als im Film üblich?

Eidinger: Das physische Spiel auf engstem Raum? Ja. Ich habe schon das Gefühl, dass ich, wenn es körperlich wird, von meinen Erfahrungen auf der Bühne profitiere.

Möhring: Wobei sich die Klaustrophobie des Whistleblowers auch ohne Bühnenerfahrung sofort erschließt. Sein Wesen besteht ja quasi in der selbstgewählten Isolation.

Eidinger: Das sah man auch an dem verwahrlosten Zustand, in dem Julian Assange aus der Botschaft abgeführt wurde. Bei West of Liberty fiel dazu mir Platons Höhlengleichnis ein und wie sich die Wahrnehmung verändert, wenn man im wahrsten Sinne des Wortes nur Schatten der Ereignisse sieht. Der Mensch braucht ein leibhaftiges Gegenüber, sonst ist er verloren.

Und ein digitales Netzwerk reicht dafür nicht?

Möhring: Nicht, um sich seiner wahrhaftigen Existenz zu versichern. Sonst bleibst du ein Avatar deiner Fantasie. Deshalb kommuniziere ich nach wie vor extrem haptisch. Als Vater von drei Kindern weiß ich eben, wie wichtig spürbare Berührung ist. Und du, Lars?

Eidinger: Weil ich Leuten am liebsten gegenübersitze, telefoniere ich nicht mal gern. Aber in West of Liberty trifft die gefilterte Kommunikation ohne echten Kontakt den Kern dessen, wogegen Lucien Gell angetreten ist: Sich von der Manipulation durch Medien zu befreien – ganz gleich ob digital oder analog und selbst beim Hörensagen. Wenn man am Tatort eines Verkehrsunfalls zehn Zeugen befragt, bekommt man zehn unterschiedliche Beschreibungen der Ereignisse. Das macht die Serie zum Appell, Informationen grundsätzlich zu hinterfragen.

Aber auch anfällig für die populistische Kernthese der Lügenpresse.

Eidinger: Im Gegenteil: Die Skepsis macht im Umgang mit Populismus sogar ausgesprochen hellhörig und sensibel. Nur so wird ersichtlich, ob man durch die subjektive Sicht einer Quelle manipuliert wird.

Möhring: Schließlich filtern wir sogar die eigene Kommunikation. Ich hab grad gelesen, dass es in Sozialen Netzwerken kaum noch ungefilterte Informationen gibt. Profilbilder sind ebenso gefiltert wie Biografien, der Schein entwickelt sich zum Sein. Meine Schwester ist Professorin für Journalistik und rät ihren Studenten daher, jede Quelle mit der nächsten zu überprüfen, weil es schlicht keine gibt, die zweifelsfrei unabhängig, gar objektiv ist. Jede Wahrheit braucht Skepsis und je größer die Wahrheit, desto größer sollte sie sein.

Und wie wahrhaftig ist die ZDF-Serie?

Eidinger: Zumindest sosehr, dass sie jedem Zuschauer ermöglicht, eine eigene Haltung zum Thema einzunehmen. Es gibt darin weder schwarz noch weiß, richtig oder falsch, alle Figuren sind extrem ambivalent, kein Whistleblower ist bloß gut, kein CIA-Agent bloß schlecht, aber alle sind dazu fähig, das große Ganze durch ihr Handeln zu beeinflussen. Wie sagst du am Ende noch so schön?

Möhring: Die Mauer ist nicht gefallen, sie wurde von Menschen zum Einsturz gebracht?

Eidinger: Genau. Das gilt doch für jedes noch so komplexe System. Nehmen Sie die Brände im Amazonas: Wir können 1000 entrüstete Bilder posten. Oder wir hören auf Fleisch zu essen, für das der Regenwald brandgerodet wird. Um diese Verantwortung jedes Individuums geht es im Grunde auch in der Serie und um das Potenzial jedes einzelnen von uns.

Möhring: Dass Politik, Wirtschaft und Geheimdienste so verstrickt sind, wie wir es zeigen, könnte also Anlass zur Resignation sein. Aber irgendwo taucht halt doch immer wieder eine Greta Thunberg oder ein Edward Snowdon auf, deren selbstloser Idealismus zeigt, wie viel jeder und jede einzelne tun kann.

Der Idealismus ihrer Figuren ist dagegen wie im Fall des desillusionierten CIA-Spitzels Ludwig Licht erloschen oder wie in dem von Lucien Gell übersteigert. Hätten sie beide beides spielen können oder passt das so schon am besten?

Möhring: Das passt jedenfalls nicht so wie Faust aufs Auge, dass es nicht auch andersrum gegangen wäre.

Eidinger: Ludwig Licht hätte ich auch gern gespielt.

Merkt man den Filmen an, dass die Hauptverantwortlichen, also Buch und Regie, Frauen sind?

Möhring: Vielleicht ein bisschen daran, dass der einzig echte Held am Ende eine Heldin ist. Aber ob es eine Art weiblicher Kraft gibt, übersteigt meine Fantasie. Die Frage ist immer, ob es einen guten oder einen schlechten Kapitän gibt, und Barbara Eder war ein guter.

Eidinger: Ich höre schon oft von Frauen in dem Beruf, wie schwer es ihnen teilweise von Seiten der Männer gemacht wird und wie viel mehr Widerstände sie zu überwinden haben. Bei Barbara Eder hatte ich das Gefühl, dass ihr das gelingt und sie sich gut dagegen behaupten kann.

Möhring: Das ist aber keine weibliche oder männliche, sondern fachliche und menschliche Stärke.

Hatten Sie abgesehen von 25 Km/h voriges Jahr eigentlich schon mal miteinander gedreht?

Möhring: Nicht dass ich wüsste, und da haben wir auch nur Tischtennis gegeneinander gespielt.

Eidinger: Stimmt. Da hatte Wotan eine eher kleine Rolle, jetzt ist es umgekehrt. Das entspricht auch meinem Ideal, dass wie in einem Theaterensemble mal der eine, dann die andere groß spielt und man sich so gegenseitig stützt.

Möhring: Zumal man in Nebenrollen viel mehr aufs Gas treten kann, während Hauptrollen moderater angelegt sind. Es darf nur nie um Hierarchien, sondern das Ergebnis gehen.

Eidinger: Oder man darf wie ich in Dumbo mitspielen. Die Rolle war zwar winzig, aber ich will den Schauspieler sehen, der eine noch so kleine Rolle ausschlagen würde, wenn er die Möglichkeit hat mit Danny DeVito unter der Regie von Tim Burton zu spielen.


Tilo Jung: junge Naivität & alte Streitlust

Allerlei Rumgeschwurbel

Mit seiner streitlustigen Interviewtechnik gilt Tilo Jung (Foto: Jan Michalko) als Guerillero der Hauptstadtjournalisten. Dafür spricht der Erfolg seines Blogs jung & naiv, aber auch die regelmäßigen Wortwechsel in der Bundespressekonferenz. Hier ist der zweite Teil des Gespräches mit dem Mittdreißiger aus Mecklenburg über die Zukunft des Journalismus und überhaupt.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Aus deinem Grundvertrauen ins öffentlich-rechtliche Fernsehen, das ausgerechnet jene digital natives konsequent meiden, die mit der Umsonstkultur des Internets aufgewachsen sind, also selten zu den ein Prozent freiwilligen Zahlern gehören, spricht ein bemerkenswerter Optimismus. Bist du ein Philanthrop?

Nein, aber aus der Erfahrung unseres eigenen Modells, das in den vergangenen fast fünf Jahren gut funktioniert hat, bin ich gleichermaßen Optimist und Realist. Ich habe nämlich noch keinen einzigen Grund dafür gefunden, warum das nur bei uns klappen sollte und nicht auch bei anderen, die zum Beispiel mit dem Medium Podcast gerade Riesenerfolge feiern.

Genau wie du. Warum lädt der altehrwürdige Presseverband DJV zum 70. Geburtstag eigentlich einen halb so alten digitalen Bilderstürmer auf sein Jubiläumspodium, der mit klassischen Medien, insbesondere denen auf Papier, kaum noch zu tun hat?

Das hat man mir auch nicht gesagt. Ich habe mich aber schon deshalb sehr darüber gefreut, weil ich als DJV-Mitglied, das mit diesem Verband nicht allzu zufrieden ist, damit die Gelegenheit kriegt, seine Kritik mal im Kreis des Vorstands kundzutun.

Es geht also eher um Streit als Selbstbeweihräucherung?

Ich hab meine Vorrecherchen noch nicht gestartet, nehme mir aber vor, alles anzusprechen, was ich in meiner Tätigkeit nebenbei negativ vom DJV wahrgenommen habe. Denn der muss sich aus meiner Sicht ändern, vielleicht auch in personeller Hinsicht. Das Versagen, das er der Politik vorgeworfen hat, gibt es ohne Frage auch im Journalismus bis hoch in die Führungsebenen des DJV. Das werde ich anprangern, denn es liegt ja in unserer Hand, etwas zu ändern. Sonst blamieren wir uns als Branche weiter. Ich bin gespannt, ob die anderen auf dem Podium das reflektieren. Wenn nicht, wird es ein lustiger Abend.

Gehst du eigentlich auch an deine Interviews und die Besuche der Bundespressekonferenz generell mit einer gewissen Streitlust heran?

Nein, denn anders als beim DJV, wo ich meine Meinung präsentiere, leiste ich als Blogger journalistische Arbeit und informiere etwa in der BPK darüber, wie die Bundesregierung informiert. Daraus kann dann jeder seine eigenen Schlüsse ziehen. Interessanterweise sehen die Leute in exakt demselben Ereignis schließlich oft völlig verschiedene Sachen. Deshalb gehe ich da nicht aufklärerisch rein, sondern nehme die Aufgabe wahr, durch meine Fragen zu zeigen, was die Bundesregierung freiwillig preisgibt und was nicht.

Ist es für dich in jeder Sitzung aufs Neue ein Lernprozess, wie politische Kommunikation funktioniert, oder bist du da mittlerweile so abgebrüht, alles zu verstehen?

Sagen wir mal so: ich finde das immer noch spannend, bin von Grund auf neugierig und habe mir dabei ein Stückchen Naivität bewahrt. Andererseits weiß ich durchaus um die Einzigartigkeit unserer Sendung und habe darin gelernt, mit welcher Art Fragen die Grenze der Bundesregierung, über ihr eigenes Handeln Auskunft zu erteilen, aufgezeigt werden kann. Ich komme ja gerade aus der heutigen Sitzung.

Worum ging es da?

Um das deutsche CO2-Budget und ob es für die Bundesregierung eigentlich eine relevante Größe ist, wie viel Treibhausgase genau wir noch verbrauchen dürfen.

Und?

Das kann sich jeder natürlich selbst ansehen und seine Schlüsse draus ziehen, aber nach allerlei Rumgeschwurbel war die Antwort: Nee, eigentlich nicht. In diesem Fall war der Mangel an druckreifen Antworten fast schon amüsant, aber manchmal ist er auch einfach nur traurig.

Nimmst du es nicht billigend in Kauf, dass diese Art der Vorführung politischer Kommunikationsunfähigkeit zu weiterer Politikverdrossenheit führt?

Nein, denn ich unterscheide da deutlich zwischen Politik- und Politiker- oder Parteienverdrossenheit. Erstere gibt es aus meiner Sicht nicht, letztere schon. Und da finde ich es einerseits absolut förderlich, wenn deren Kommunikationsverhalten zwischen Propaganda und PR von der Bevölkerung erkannt und abgelehnt wird. Denn das ist schädlich und muss bekämpft werden, weil es in einer Demokratie des 21. Jahrhunderts schlicht nichts zu suchen hat.

Und andererseits?

Traue ich unseren Zuschauerinnen und Zuschauern zu, dass sie die Politik von diesen Repräsentanten gut unterscheiden können. Wenn die Sendung also irgendetwas fördert, ist es Regierungsverdrossenheit; und damit habe ich persönlich überhaupt kein Problem.

Kannst du dich erinnern wie viele dieser Interviews und Konferenzen du mittlerweile hinter dir hast?

Also die langen Interviews sind ja durchnummeriert, da komme ich gemeinsam mit denen im Podcast auf mehr als 500. Und bei rund 100 Bundespressekonferenzen im Jahr waren das sicher an die 400.

Und da gibt es keinerlei Ermüdungseffekte?

Nein, im Gegenteil, mir macht fast jede einzelne davon noch immer Spaß.

Damit dürftest du im politischen Berlin allein dastehen…

Na ja, bis auf zwei, drei andere… Ein Abnutzungseffekt träte dann ein, wenn mir die Motivation fehlen würde. Aber wenn du meine Interviews siehst, wirst du erkennen, dass sie sich von den ersten bis zu den aktuellen grundlegend unterscheiden, aber eines gemeinsam haben: dass ich mich dabei nie langweile. Wenn ich zum zweiten Mal mit Sahra Wagenknecht rede oder zum dritten Mal mit Gregor Gysi, ergäbe es ja auch keinen Sinn, dieselben Fragen nochmal zu stellen. Bislang finde ich immer neue Wege, zu fragen – und das gilt auch für die Regierungspressekonferenzen. Was natürlich auch damit zu tun hat, dass es bislang niemanden gibt, der außer mir diese Arbeit macht.

Würdest du dich als dein eigener Kunde ausschließlich mit jung und naiv übers Geschehen der deutschen Politik informieren?

Nein! Denn wie eine Quelle allein generell nicht ausreicht, wäre es sogar gefährlich, sich nur über uns zu informieren. Wissen muss immer plural entstehen. Deshalb würde ich mindestens fünf, sechs weitere Medien empfehlen. Aber jung und naiv ist eine gute, tiefergehende, ruhige Ergänzung – und das ist auch das Feedback von 99 Prozent aller Menschen, die uns zusehen.

Welche Medien nutzt du selber?

Alle.

Auch klassisches Papier.

Ja, wenn auch keine Tageszeitungen mehr, von denen ich eher pdf-Dateien lese. Ich habe die Le Monde Diplomatique abonniert, meine Lieblingszeitung. Dazu das Katapult-Magazin, ein Journalismus-Start-up aus Greifswald, das mich auch als Mecklenburger interessiert. Außerdem lese ich je eine Wochenzeitung, die ich aber alle drei Monate wechsle.

Das heißt, du hegst keinen Dünkel gegen Papiermedien, nutzt nur digitale regelmäßiger?

Gegen bestimmte Papiermedien hege ich sehr wohl einen Dünkel und hoffe, dass sie sehr bald sterben. Aber das hat nichts mit dem Verbreitungsweg zu tun.

Du selbst hast als Teenager zuletzt in einer analogen Tageszeitungsredaktion gearbeitet.

Mit 15, als Schülerpraktikant beim Nordkurier aus Neubrandenburg, bei dem ich danach noch sechs Jahre als freier Reporter weitergemacht habe. Weil ich damals anders als die Redakteure alle Freiheiten der Welt hatte und nur zu den Terminen geschickt wurde, zu denen ich wollte, hat es mir damals zwar aufgezeigt hat, wie schön es ist, Journalist zu sein, aber auch, dass ich nie fest in einer Tageszeitungsredaktion arbeiten will.

Auch, weil du damals schon gespürt hast, dass dieses Medium keine Zukunft hat, oder dass du in diesem Medium keine Zukunft hast?

Weder noch. Ich bin nämlich der Meinung, dass die Tageszeitung auf lokaler Eben sehr wohl eine Zukunft hat. Selbst meine Eltern, die sich nicht allzu sehr für Bundespolitik interessieren, haben immer noch den Nordkurier abonniert, um zu wissen, was in ihrer eigenen Stadt los ist. Außerdem bin ich überzeugt, dass Lokalredaktionen weiter eine super Anlaufstelle für den journalistischen Nachwuchs ist, um diesen Beruf from the bottom zu lernen. Ich habe zwar generell Probleme damit, wenn sich die Politik zu sehr ins Private einmischt, aber wenn der Lokaljournalismus vorm Untergang stünde, müsste ihn der Staat deshalb irgendwie retten.

Vom Kohlepfennig gewissermaßen zum Zeitungscent.

Wie auch immer man das nennt, aber die Zeitung muss auch ausgedruckt bei Oma Erna und meiner Mutter landen. Dafür ist allerdings unbedingt notwendig, dass die Arbeit mit Hingabe erledigt wird. Man merkt Texten nämlich schnell an, ob sie aus Interesse am Thema verfasst wurden oder bloßer Pflichterfüllung. Und weil mir bei vielen meiner Kollegen seinerzeit die Leidenschaft fehlte, habe ich zwischenzeitlich auch mit dem Journalismus aufgehört. Ist aber anders gelaufen. Jetzt glaube ich wieder an ihn.

Hat dich der DJV ein Stück weit auch für diesen Optimismus eines jungen, erfolgreichen Online-Journalisten zu seiner Jubiläumsfeier eingeladen?

Keine Ahnung, aber falls der DJV eine Kommission zur Rettung des Journalismus einsetzen will, wäre ich bereit, darin mitzuwirken. Ich bin aber auch kein Zauberer.

Was du bist, ist mittlerweile 34. Wie lange kannst du deine Plattform dann eigentlich noch jung und naiv nennen?

Bis ich meine Frau geheiratet und ihren Namen angenommen habe. Innerlich bin ich nämlich noch immer ein Kind.


Tilo Jung: junge Naivität & alte Streitlust

Ich bin meine eigene Zielgruppe

Mit seiner streitlustigen Interviewtechnik gilt Tilo Jung (Foto: Jan Michalko) als Guerillero der Hauptstadtjournalisten. Dafür spricht der Erfolg seines Blogs jung & naiv, aber auch die regelmäßigen Wortwechsel in der Bundespressekonferenz. Ein – wegen der Länge zweigeteiltes – Gespräch mit dem Mittdreißiger aus Mecklenburg über die Zukunft des Journalismus und überhaupt.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Jung, Tilo – die Frage, ob wir uns duzen, wird anders als in Interviews unter Kollegen üblich, bei dir nicht ausgehandelt, sondern vorausgesetzt. Wird in deiner journalistischen Praxis eigentlich irgendjemand von dir auch gesiezt?

Tilo Jung: Klar, aber nicht in meinen eigenen Interviews meiner eigenen Sendung, da gelten anders als in Pressekonferenzen wie hier meine eigenen Regeln. Und eine davon ist es, sich zu duzen.

Gab es da in bislang knapp 500 Ausgaben je Widerspruch?

Klar. Wolfgang Thierse, relativ am Anfang. Der wurde offenbar von seinem Team nicht ausreichend informiert, ist empört darüber, dass ohnehin schon viel zu viel geduzt werde, aufgestanden und hat das Interview abgebrochen, bevor es überhaupt begonnen hatte. Ich sitze halt oft großen Egos gegenüber.

Zum Beispiel?

Peer Steinbrück. Der wollte sich als Kanzlerkandidat auch nicht von mir duzen lassen, konnte sich aber auch nicht dagegen wehren. Dadurch entstand eine Loriot-artige Situation, in der er mich weiter gesiezt hat, nach fünf Minuten jedoch plötzlich aufs Du umgeschwenkt ist. Und Sigmar Gabriel, der sich als damaliger Außenminister auch nicht duzen lassen wollte. Dem musste ich allerdings nur erzählen, wer sich vor ihm noch geziert hatte.

Nämlich?

Erika Steinbach zum Beispiel. Und Steffen Seibert.

Mit dem Sie sich mehrmals die Woche bei der Bundespressekonferenz streiten. Was zu meiner ersten Sachfrage führt: Wo befinden wir uns gerade?

Eben im Haus der Bundespressekonferenz in Berlin, einer altehrwürdigen Institution der Bundespolitik, die ich vor etwa fünf Jahren noch gar nicht kannte, geschweige denn deren Bedeutung und ihre Möglichkeiten für mich.

Und wer bist du?

Ich bin Tilo Jung und hauptberuflicher Hauptstadtjournalist, der allerdings nicht auf Papier, sondern in diesem Internet veröffentlicht.

Warum beginnst du all deine Interviews mit diesen zwei Fragen, deren Antwort dir doch stets wohlbekannt sein dürfte oder anders formuliert: Warum senkst du deine Vorkenntnis künstlich ab?

Damit ich den Zuschauer abholen kann. Mich stört es einfach, dass Journalistinnen und Journalisten im politischen Gespräch so tun, als wären sie auf demselben Level ihrer Gesprächspartner. Wir sollten bei unserer Aufgabe nie die grundlegende Informationsvermittlung vergessen. Deshalb versuche ich in meinen Interviews, durchschnittlich Ahnungslose zu verkörpern, denn das sind wir im Zweifel ja alle, je konkreter es in der Politik zugeht. Das senkt die Schwelle, sich das Gespräch von Anfang bis Ende anzusehen.

Aber steckt darin nicht auch ein Stück weit Koketterie mit vermeintlicher Unwissenheit, eine Art Anbiederung oder schlimmer noch – stilistischer Manierismus?

Nein, denn es ist bezogen aufs „wo“ angesichts der wechselnden Drehorte unserer Interviews unerlässlich und hat bezogen aufs „wer“ zudem psychologische Auswirkungen auf den Gast, für den es ungewohnt sein dürfte, so etwas gefragt zu werden. Als ich ganz früh in der Reihe, Folge 17 oder so, Wolfgang Kubicki auf dem FDP-Parteitag gefragt habe, wer er ist, war sein Ego von dieser Frage sichtbar gekränkt – so was triggert mich enorm. Und es sagt einiges aus über die Selbstwahrnehmung vieler Politiker versus Fremdwahrnehmung der Öffentlichkeit.

Klingt andererseits aber auch ein wenig nach Sendung mit der Maus für Erwachsene.

Finde ich nicht. Jung und naiv ist ja kein Erklär-Format; davon gibt es ja schon genug im öffentlich-rechtlichen Journalismus. Mir geht es darum, die Schwelle senken, sich mit politischer Diskussion auseinanderzusetzen – und zwar jenseits der klassischen Talkshow, die aus meiner Sicht mehr Drama als Debatte ist. Selbst Anne Will sagte mir in meiner Sendung, dass es in ihrer um Inszenierung gehe.

Und das tut es bei dir nicht?

Im Gegenteil. Ich möchte das, was ich auf meinem Bildungsweg nicht gelernt habe, nämlich mich mit Menschen, die womöglich nicht meiner Meinung sind, in Eins-zu-eins-Situationen wirklich auseinanderzusetzen. Damit wollte ich lernen, auch Menschen, die ich politisch vielleicht ablehne, als Personen interessant zu finden. Das gab es aus meiner Sicht früher mehr. Mein Vorbild ist da Günther Gaus, der in den Sechziger- und Siebzigerjahren von gegenseitigem Interesse geprägte Fernseh- und Radiointerviews geführt hat. Auch Reinhold Beckmann hat das mal probiert, mich persönlich damit aber nicht angesprochen. Ich dachte mir also, bevor ich immer nur über den Mangel meckere, behebe ich ihn selbst.

Mit Erfolg?

Ich glaube zumindest, einen Weg gefunden zu haben, mit dem ich auch junge Leute fürs politische Gespräch interessiere. Im Vergleich zu den paar Sekunden Redezeit in der Tagesschau oder Minuten in den Tagesthemen, kann ich mir nämlich alle Zeit der Welt nehmen, um Leuten wirklich zuzuhören. Dass viele Journalistinnen und Journalisten das nicht mehr tun, ist ja eins der Geheimnisse, die ich in den vergangenen Jahren entschlüsseln konnte. So wie du deine Fragen akkurat aufgeschrieben hast, klemmen auch die meisten Kolleginnen und Kollegen an ihrem Katalog.

Ach, ich bin da flexibel…

Vielleicht. Aber generell ist es doch so, dass die Redaktion vom Reporter erwartet, fünf vorbereitete Themen in kurzer Zeit abzuarbeiten; da bleibt für Nachfragen selten Zeit. Wenn die Kamera bei Interviews von, sagen wir: Bettina Schausten mal auf sie zoomt, sieht man, wie sie bei den Antworten permanent aufs eigene Manuskript schaut. Und das Schlimme ist: die Politikerinnen und Politiker wissen das ganz genau und sondern erstmal ihre Talking Points ab, also das, worum es ihnen geht, nicht den Fragestellenden. Mit diesem Automatismus räume ich schon deshalb auf, weil ich keine Zeitbeschränkung habe.

Folgen deine Interviews damit einer Art erzieherischem Ideal, wieder mehr dem Impuls der Neugierde zu folgen?

Also erzieherisch war dieser Impuls nie. Er ist ebenso wie das Duzen evolutionär entstanden. Das war nicht so geplant, sondern hat sich mit allerlei Glücks- und Zufällen eher so ergeben, hatte aber den Effekt, Interesse an der Ausführlichkeit des politischen Gesprächs zu wecken. Mich kann man zwar nicht nachmachen, aber ich merke schon, dass andere Medien sich wieder auf längere Interviews einlassen, etwa im Podcast der Zeit, wo sie dann schon mal zwei, drei Stunden dauern.

Ist es dir denn zumindest unterschwellig ein Anliegen, die Gesprächskultur aktiv zu beeinflussen, wenn nicht gar positiv zu verändern?

Ich will da weder Pionier noch Vorturner oder gar Messias sein, und es liegt mir auch fern, zu sagen, macht es alle so, wie ich es mache. Ich war zwar einer der ersten, wenn nicht der erste ausschließliche Blogger in der Bundespressekonferenz. Zum Vorbild tauge ich deshalb noch lange nicht, merke aber, was aktuell erfolgreich ist und erreiche damit Hunderttausende von Leuten. Um das zu analysieren, bin ich zwar der Falsche, aber es muss dafür Gründe geben.

Vielleicht deine Zielgruppe, die zwar zu jung ist, um den neugierigen Interviewer Günter Gaus noch zu kennen, aber alt genug, um die Verlautbarungsgespräche im journalistischen Mainstream zu entlarven?

Ich halte nichts vom Marketingdenken in Zielgruppen, aber Jung und naiv ist in der Tat ein Angebot für 18- bis 35-Jährige, also uns selber. Ich bin daher meine eigene Zielgruppe, würde mir aber sehr wünschen, auch Jüngere zu erreichen. Nur – die hören eher Leuten wie LeFloyd oder Rezo zu, während ich nichts erkläre, sondern nur Fragen stelle. Mein Format setzt voraus, dass sich die Zuhörer ihre Meinung im eigenen Kopf bilden. Das finde ich viel faszinierender als in der Talkshow, wo man sich als Zuschauer eine von fünf Haltungen aussucht und damit in der eigenen bestärkt wird. Meinen Umgang mit politischer Willensbildung finde ich da bei aller Bescheidenheit erwachsener. Aber was war noch mal die Frage.

Welchen Einfluss die Zielgruppe auf deinen Erfolg hat.

Weil der Begriff „Zielgruppe“ langsam überholt ist, einen geringen. Zumal ich jeden Tag sehr süße Post von Omas kriege, die unser Programm ebenfalls regelmäßig abgucken und fragen, warum es so was nicht öfter im Fernsehen gibt. Und wenn ich mir als zuschauerfinanziertes Medium die Überweisungen des Crowdfundings ansehe, fällt schon auf, dass die Vornamen eher selten nach unter 30 klingen. Wir werden mehrheitlich von Jüngeren geguckt, aber von älteren bezahlt.

Birgt die Finanzierung durchs Crowdfunding nicht die Gefahr, vom Goodwill der User abhängiger zu sein als bei geschalteter Werbung, die sich relativ wertfrei an Zahl und Alter der User orientiert?

Für den Anzeigenkunden ganz sicher nicht, aber dieses Werbe- und Marketingdenken ist mir auch völlig egal.

Es ging bei der Frage auch nicht um 1000-Kontakt-Preise für Werbebanner, sondern angesichts der enormen Kosten, die jung und naiv allein schon logistisch hat, das Risiko, zahlenden Kunden nach dem Mund zu reden, also nachfrageorientierten Journalismus anzubieten?

Das sind sehr gute Fragen, die ich befürchtet habe. Bevor wir uns selbstständig gemacht und durch Dauercrowdfunding finanziert haben, liefen wir auf Plattformen wie Joyce oder Krautreporter und wurden dafür regelmäßig bezahlt. Einfach nur die Bundespressekonferenz abzufilmen und abends ins Netz zu stellen – dafür spendet kein Medium. Wobei spenden so nach Gemeinnützigkeit klingt.

Vielleicht: einen Beitrag leisten.

Genau. Eine Paywall war angesichts der öffentlichen Inhalte von vorneherein ausgeschlossen. Da hier zwei Menschen dreimal die Woche je vier, fünf Stunden allein für die BPK-Berichte arbeiten, wollten wir deshalb probieren, ob sich dieser Aufwand durch Crowdfunding finanzieren lässt. Und weil es unser Angebot sonst nirgendwo gab, hat das schon nach einem Monat so gut geklappt, dass wir seit mittlerweile viereinhalb Jahren so gut davon leben können, um schlechte Monate kompensieren zu können. Manchmal sogar mehr, als bei Festanstellungen.

Glaubst du denn, dass Crowdfunding langfristig dazu in der Lage ist, freien Journalismus im Netz für die Anbieter einträglich zu machen?

Nur, wenn man damit einen Mangel behebt, also was wirklich Besonderes macht. Meine Erfahrung ist da: man muss den Leuten schon was bieten, was sie anderswo nicht kriegen. Niemand zahlt freiwillig für etwas, das er einen Click weiter umsonst bekommt. Ohne Nützlichkeit kein Einkommen; von gelegentlichem Goodwill kann niemand leben. Wer mich kennt, weiß, dass ich nicht nur ein politischer Mensch, sondern sogar ziemlich linksgrünversifft bin. Trotzdem kriegen wir nachweislich auch Geld von Leuten mit konservativer Sicht – weil wir denen was geben, was sie wollen, ohne es woanders zu kriegen.

Zahlen die Leute auch spontan nach einzelnen Beiträgen, also quasi als pay-per-view?

Gibt’s immer wieder. Wenn wir virale Hits haben, kommt schon mal Geld aus unbekannter Ecke.

Weil aber nun mal nicht jeder Freelancer die eine weltexklusive, zugkräftige Idee hat – worin siehst du die Chancen der Finanzierbarkeit des freien Qualitätsjournalismus im Netz, wenn die Presse bis auf ein paar Platzhirsche und Coffeetable-Magazine dorthin abgewandert sein wird?

Da fehlt mir zunächst mal die Definition des Qualitätsjournalismus. Mache ich, machst du einen?

Wenn er fakten-, sach-, rechercheorientiert ist und damit der Zivilgesellschaft als relevantes Informationsmedium dienen will und kann, schon.

Aber das würde die Bild-Zeitung doch auch von sich behaupten, die zwar keinen Qualitätsjournalismus macht, damit aber auch im Netz sehr erfolgreich ist. Deshalb müssen wir von der Logik wegkommen, Erfolg in Zugriffen zu messen. Wir wissen doch alle, dass intellektuell anspruchsvoller Inhalt seltener geklickt wird als Bullshit. Deshalb verfahren wir danach, intellektuellen Anspruch als Bullshit zu tarnen, damit er geklickt wird.

Das ist die Zustandsbeschreibung. Was wäre der Ausweg?

Dass wir uns aus der Abhängigkeit von Werbung befreien, also den kommerziellen Aspekt beseitigen. Werbefinanzierter Journalismus führt zwangsläufig zu den Clickhuren des Boulevards. Die Zukunft liegt daher in Abo-Modellen, Bezahlschranken, pay first, read later, oder wie bei uns: Inhalt für alle, den ein Prozent der User bezahlt. Das gilt für jung und naiv ebenso wie für meinen Podcast, reicht aber bislang aus. Umso mehr sollten wir versuchen, die 99 Prozent Nichtzahler durch Qualität zu den Zahlern von morgen zu machen. Dabei muss ich allerdings anmerken, ein großer Fan des öffentlich-rechtlichen Fernsehens zu sein. Mit deren Angebot bin ich zwar absolut unzufrieden, aber vom gebührenfinanzierten Modell überzeugt.

Das Interview ist vorab im Medienmagazin journalist erschienen

Thilo Mischke: Uncovered & ISIS-Fronten

Die Welt ist ein abgefuckter Ort

Thilo Mischke (Foto: Pro7) berichtet seit Jahren so kompetent und emotional, statt neunmalklug und gefühlsduselig aus Krisenherden in aller Welt, dass man glatt selbst seinen Auftraggeber vergessen könnte: ProSieben. Dort besuchte er nun zur besten Sendezeit Deutsche an der ISIS-Front (abrufbar in der Mediathek). Ein Gespräch über Gefahren, Unabhängigkeit, Abstumpfungseffekte und warum Kinderaugen nicht immer berechnend sind.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Thilo Mischke, im ProSieben Spezial Deutsche an der IS-Front sprechen Sie von der Angst, verletzt zu werden oder getötet. War dieses Gefühl eher abstrakt oder ganz konkret?

Thilo Mischke: Wir haben Uncovered mal gestartet, damit man diese Frage irgendwann nicht mehr stellen muss. Alles, was uns passiert, ist die Realität. Vor drei Monaten, als sich der türkische Einmarsch in Syrien bereits deutlich abgezeichnet hat, war also auch meine Todesangst dort nicht gespielt, sondern immanent.

Wie sind Sie damit als Reporter umgegangen, der sich regelmäßig in gefährliche Situationen begibt, diese hier aber nicht so kennt wie erfahrene Korrespondenten vor Ort?

Ich mache seit mindestens zehn Jahren Auslandsjournalismus, der mich für verschiedene Medien in unterschiedlich gefährliche Situationen führt. Von daher weiß ich, worauf ich mich einlasse und kann auf einiges an Erfahrung zurückgreifen. Ich habe mal einen Kurs über den Umgang mit Krisensituationen besucht; doch im IS-Gebiet war in der Vergangenheit die Lage so unübersichtlich, dass kaum noch Journalisten von dort berichten, und falls doch, die Berichte nicht immer verlässlich waren.

Was man an der Skepsis über Jürgen Todenhöfers Interview mit angeblichen IS-Kämpfern vor drei Jahren gesehen hat…

Da wollte ich bewusst keine Namen nennen. Aber wir waren beim Thema Angst…

Ist die für Sie eher Motor oder Hindernis Ihrer Arbeit?

Sie ist vor allem ein natürlicher Überlebensmechanismus, um Fehler zu vermeiden und die Aufmerksamkeit hochzuhalten. Kollegen, die schon lange an einem Ort sind, reden von einer gewissen Abgefucktheit. Das macht die Arbeit gefährlich, weil man denkt, einem kann schon nichts passieren. So wie Ärzte oft denken, sie sind unfehlbar, meinen ja auch Kriegsjournalisten schnell, sie seien unverwundbar. Von daher bin ich ganz froh, mir meine Angstfähigkeit erhalten zu haben. Krieg ist keine Extremsportart, und ich bin auch kein Adrenalin-Junkie.

Es gibt bei Ihnen keinerlei Gewöhnungs-, gar Abstumpfungseffekte?

Doch, aber in Abstufungen innerhalb der Abstumpfung. Als wir vor vier Jahren geplant hatten, in den Kongo zu fahren, meinte ich: Auf keinen Fall! Mittlerweile waren wir nicht nur dort, sondern auch in Kabul und nun Syrien. Ich würde das als Fähigkeit, Risiken einschätzen zu können, bezeichnen. Eine Form der Abstumpfung ist allerdings, dass ich früher schon vor dem Abflug dieses Pockern im Herzen hatte. Jetzt stellt sich das erst ein, wenn wir vor Ort Gefahrenstufe Gelb erreichen. Mittlerweile wirkt nicht mehr das ganze Land bedrohlich, sondern nur noch einzelne Gebiete oder Situationen.

Erfahrung gleich Abstumpfung…

… gleich emotionale Verrohung.

Gibt es im Rahmen dieser Verrohung Platz für so etwas wie die Lust am Thrill der Gefahr?

Eine gewisse Abenteuerlust lässt sich nicht bestreiten. Obwohl ich bestimmte Herausforderungen durchaus mag, auch um zu sehen, was ich mir zutrauen kann und will, sind sie aber nie die Motivation, hinzufahren. Und seit ich mit 13 Journalist werden wollte, gab es für mich auch nie thematische Grenzen. Deshalb berichte ich ebenso gern über Videospiele oder Wandern in der Sächsischen Schweiz wie Krisengebiete.

Nicht die kleinste Präferenz?

Ich kann ausschließen, was mich nicht interessiert.

Zum Beispiel?

Sport zum Beispiel. Oder tagesaktuellen, Politikjournalismus. Den kann ich einfach nicht. Natürlich interessiere ich mich für Politik, aber darüber berichten, das können andere besser. Und mir fehlt dafür auch die Geduld. Außerdem bin ich einfach gerne im Ausland.

Wo Sie allerdings als einreisender Reporter stets der Gefahr des embedded journalism ausgesetzt sind, also von den Gruppen vor Ort, mit denen sie unterwegs sind, instrumentalisiert zu werden…

Embedded journalism ist in der Tat kritisierungswürdig. Voriges Jahr in Mali mussten wir erleben, wie schwer es ist, objektiv zu berichten, wenn man Teil des Berichtsgegenstands wird. Das haben wir erst umgangen, als wir uns von der Bundeswehr getrennt haben und allein unterwegs waren. Die Perspektive des würde ich demnach nur wieder einnehmen, wenn mich die Bundeswehr in extrem gefährliche Regionen einlädt. Aber weil auch da ein Gefühl der Manipulation bliebe, versuchen wir uns so wenig wie möglich einbetten zu lassen.

Aber ist man nicht bereits eingebettet, wenn man sich wie in der ISIS-Reportage über mehrere Tage in die Strukturen der Widerstandskämpfer einbinden lässt?

Eingebettet ja, aber nicht abhängig. Wobei vollständige Unabhängigkeit generell eine der Unwahrheiten des Journalismus ist. Natürlich habe ich im Volontariat gelernt, wie wichtig Objektivität ist, und versuche sie auch so weit wie möglich zu erreichen. Aber wie soll man objektiv bleiben, wenn der Leiter eines Einsatzes, bei dem vielleicht Menschen sterben, deine Hand streichelt, um dich zu beruhigen? Das geht nicht – ist aber auch Teil des Konzepts von Uncovered.

Inwiefern?

Insofern wir nicht die Position des allwissenden Profis einnehmen, der alles weiß und meistert.

Sie bewahren sich also eine Naivität, die Korrespondenten womöglich nicht mehr haben?

Ja.

Und dringen sprichwörtlich wie in unbekannte Regionen vor wie ein weißes Blatt Papier, das vor Ort beschriftet wird?

Ich glaube, genauso arbeitet ein Großteil der Journalisten weltweit.

Aber ist ein langjähriger Korrespondent mit Netzwerk und Know-how am Ende nicht doch qualifizierter für Reportagen entlegener, auch gefährlicher Orte als Journalisten, die für einen Bericht auftauchen und danach wieder abdampfen?

Seltsame Frage, denn zum einen gehe ich vielleicht naiv, aber nie unvorbereitet dorthin. Zum anderen haben auch Korrespondenten, die irgendwie Relikte einer nicht vernetzten Welt sind, ihren Stützpunkt in irgendeiner Hauptstadt, poppen wie ich für fünf Tage in der Provinz auf, und kehren dann in die Safe Zone ihrer Gated Community zurück. Natürlich gibt Unterschiede – Sprachkenntnisse zum Beispiel oder ein tieferes Verständnis der regionalen Kultur. Aber sobald man ein gutes Team hat, spielt das fürs Publikum kaum eine Rolle.

Wie wichtig ist der Zuschnitt dieses Publikums für die journalistische Herangehensweise – berichten Sie in Uncovered mit zielgruppengerechten Methoden und Stilmitteln?

Ich glaube, Formate wie unsere könnten sehr gut auch in ARD oder ZDF laufen, aber deren Formate nicht umgekehrt bei ProSieben.

Ah, ja?

Dafür sind sie einfach zu konservativ. Man kann das gut am Auslandsjournal sehen, das wir ja alle lieben. Da wird zwar manchmal durchaus was Modernes ausprobiert, aber stets innerhalb der Regeln, die seit 4000 Jahren gelten. ProSieben hat keine Regeln – weder inhaltlich noch visuell. Wenn ein junger Stammzuschauer dann was sehr Sachliches im Weltspiegel sieht, fragt er sich womöglich: was fühlt der Journalist eigentlich?

Privatfernsehen heißt also mehr Emotionalität?

Das hat nichts mehr mit Privatfernsehen, sondern modernerem Journalismus zu tun.

Aber führt dieser modernere Journalismus nicht dazu, dass Deutsche an der ISIS-Front arg plakativ mit Kindern endet, die das Publikum mit dem Holzhammer ergreifen?

Ich würde eher sagen, dass der klassische Journalismus zu dieser zynischen Frage führt.

Es ist doch kein Zynismus, sondern Beobachtung, zu kritisieren, dass Kinder in den Medien zur Emotionalisierung verwendet werden, was hier darauf zuläuft, die letzten zehn Minuten als dramatische Zuspitzung ausschließlich mit denen zu füllen!

Gegenfrage: Hätten Sie die Kinder weggelassen?

Natürlich nicht, aber ich hätte sie eher als Teilaspekt der Terror- und Flüchtlingsmisere in Syrien eingestreut, als am Ende geballt zur Quintessend allen Leids zu inszenieren.

Dass Abdullah am Ende kommt, hat keinen psychologisierenden Effekt, und dahinter steckt auch kein emotionales Konzept. Aber aus der Erfahrung vieler Krisenreportagen, finde ich das Gefühl, mit den unschuldigsten Opfern rauszugehen, die stärkste Aussage. Dramaturgisch ist es absolut legitim, was besonders hängenbleiben soll, ans Ende zu packen; das ist weder ein Trick noch Realitätskitsch, sondern Wahrnehmung. Der Ernst dieses Kindes hat auch mich sprachlos gemacht.

Was hat dieser Einsatz sonst noch mit Ihnen gemacht – emotional, aber auch beruflich?

Ich bin in erster Linie besser informiert daraus hervorgegangen, weil er wie jede meiner Reportagen das eigene Schwarzweißdenken beeinflusst. Wie fast jeder Mensch, verlasse auch ich mich ja auf meine Schubladen. Obwohl ich dem Islamismus schon in verschiedenster Form begegnet bin, war der IS für mich zunächst ein Begriff. Wenn man dann die Menschen dahinter trifft, mit ihren Ängsten, Gefühlen und Lügen, werden Begriffe lebendig und IS-Mitglieder anders, als die Bild das möchte, von Schergen zu Personen. In Schubladen zu denken, ist immer einfacher, aber wer meine Arbeit vor und nach dieser Reportage durchsiebt, findet am Ende immer eines: Toleranz.

Was bedeutet die für Sie?

Menschen immer erstmal auf mich zukommen zu lassen, um mit ihnen zu sprechen – egal ob Opfer oder Täter, Taxifahrer oder Politiker.

Völlig unvoreingenommen?

Na ja, ich habe trotzdem meine Haltungen, und wenn mir ein nachweislicher Terrorist wie Martin Lemke gegenübersitzt, bin auch ich ihm gegenüber nicht unvoreingenommen. Einer Sympathisantin aber, die ich im Flüchtlingslager getroffen habe, ist tatsächlich das weiße Blatt, von dem wir gesprochen haben.

Kann die nächste Reportage emotional eigentlich noch härter für Sie werden als diese?

Was heißt härter? Ich weiß nicht, ob es eine posttraumatische Belastungsstörung war oder einfach Traurigkeit, aber als wir diesen Film vertont haben, bin ich in Tränen ausgebrochen. Die Welt ist ein abgefuckter Ort.

Das Interview ist vorab bei DWDL erschienen

Christian Schwochow: Bad Banks & The Crown

Es war wie im Paradies

Der Deutsche Christian Schwochow durfte an einer britischen Netflix-Serie mitarbeiten, die schon vor ihrer 3. Staffel legendär war: The Crown. Ein Interview mit dem Regisseur von Serien wie Bad Banks über gemachte Nester, kreative Freiräume, lebendige Filmfiguren und was das Biopic der Queen mit dem Brexit zu tun hat.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Schwochow, wenn ein Regisseur die neue Staffel einer erfolgreichen Serie wie The Crown mitgestalten darf – legt er sich ins gemachte Nest oder baut ein ganz neues?

Christian Schwochow: Durch den Erfolg der ersten zwei Staffeln von The Crown war das Nest von Peter Morgan, einem der besten Drehbuchautoren der Welt, und seinem sehr eingespielten Team natürlich schon mehr oder weniger fertig gemacht.

Aber?

Der Qualitätsanspruch ist sehr hoch. Es geht bei jedem Arbeitsschritt um Perfektion. Und die erzielt man nicht, indem man sich auf Erfolgen ausruht, sondern durch unablässige Weiterentwicklung. Peter Morgan sucht nie Erfüllungsgehilfen, sondern Partner.

Innerhalb des historischen und dramaturgischen Korsetts gab es also kreative Freiräume?

Viele sogar. Nachdem wir intensiv über meine Folgen, das Casting, die Schauspieler geredet hatten, konnte ich auch mithilfe des Kameramanns, den ich selbst mitgebracht hatte, die Ästhetik erweitern. Uns war zwar klar, dass wir die Grammatik von The Crown bedienen, aber trotzdem gab es viel Raum für meine Art zu erzählen. Es wäre mir gar nicht in den Sinn gekommen, die Bildsprache und Inszenierungsweise in Frage zu stellen.

Warum nicht?

Weil wir dann womöglich genau das verändert hätten, was ich an der Serie so liebe. Insofern war die Erfüllung bestimmter Gesetze auch keine Bürde für mich.

Aber welche genau hat man sich denn vom deutschen Regisseur erhofft, der eine urbritische Institution darstellt?

Einen anderen Blick auf eine Monarchie vielleicht, die ihre Königin mit Privilegien überhäuft und gleichsam in einem Käfig gefangen hält. Für solche Freiheitsverluste bringe ich als Ostdeutscher, der in einer Diktatur groß geworden ist, womöglich eine besondere Sensibilität mit. Zum einen waren die Macher oft verblüfft über meine Sicht der Dinge, zum anderen haben sie ihre eigene auch dadurch erweitert, dass ich ständig Verständnisfragen zu Land und Leuten hatte. Das erweitert für alle den Horizont.

Man muss das Leben in einer Monarchie also gar nicht mit der Muttermilch aufgesogen haben, um glaubhaft davon zu erzählen?

Nein, aber das gilt ganz grundsätzlich. Wenn man als Regisseur autobiografische Bezüge zur jeweiligen Arbeit bräuchte, könnte ich über viele Themen ja keine Filme machen. Vor „Bad Banks“ hatte ich schließlich auch nie irgendwas mit der Finanzbranche zu tun. Weil ich mich mit Haut und Haar hineingeworfen habe, ist aber trotzdem was dabei rausgekommen. Und das gilt hoffentlich auch für The Crown.

Umso mehr, als die Arbeitsbedingungen in England gewiss besser sind als hierzulande…

Sensationell sogar! Ich bin schon vier Monate vor Drehbeginn nach London gezogen, habe viel gelesen, Zeitzeugen getroffen, Experten befragt, fast schon journalistisch gearbeitet. Vor allem aber gab es eine Rechercheabteilung mit Topleuten, die alles wissen und falls nicht, alles herausfinden. Es war wie im Paradies.

Haben diese paradiesischen Zustände vor allem mit Geld zu tun, von dem pro Folge ja mehr investiert wurde als bei jeder Netflix-Serie zuvor?

Auch, klar. Schließlich wissen Netflix und Sony genau, dass man eine Serie im Buckingham Palace nicht mit gewöhnlichen Budgets erzählen kann. In England merkt man aber auch Projekten, die am Ende weit günstiger sind als The Crown, oft an, wie viel Personal, Zeit und Mittel bereits in die Drehbuchentwicklung gesteckt werden. Dieser Qualitätswahnsinn steht anders als bei uns über allem. Toll!

Aber nehmen Sie diesen Wahnsinn jetzt nicht mit in die nächste deutsche Produktion und machen ihr das Leben schwer?

Ich könnte mir schon vorstellen, bestimmte Qualitätskriterien an Personal und Material fortan deutlicher zu machen als zuvor. Aber meine Ansprüche waren diesbezüglich auch in Deutschland stets hoch, sie finden durch die Arbeit an The Crown nur noch mehr Bestätigung. Auch wenn man hier nie ein solches Budget zusammenkriegt, könnte es also härter werden mit mir.

Mit so einem Referenzprojekt im Gepäck dürfte ihre Verhandlungsposition aber auch deutlich gestärkt sein.

Schon. Aber weil ich bereits durch die tolle Erfahrung mit Bad Banks ein inhaltliches Level erreicht habe, unter dem ich nicht mehr arbeiten kann und will, wird es trotz der besseren Verhandlungsposition nicht leichter, Projekte zu finden, die auch nur annähernd so vielschichtig und so gut entwickelt sind wie The Crown.

Das dabei eher an House of Cards als klassische Königshausserien erinnert. Geht es in der parlamentarischen Monarchie wirklich so intrigant zu?

Aus den Sechzigerjahren, die wir in dieser Staffel erzählen, leben jedenfalls noch genug Zeitzeugen, die das bestätigen. Natürlich sind, gerade was die Privatsphäre der Queen betrifft, oft Lücken mit Interpretation zu füllen. Aber wenn Sie die britische Politik von heute betrachten, wirkt The Crown doch fast harmlos. Das Ausmaß boshafter Schlammschlachten ist damals wie heute also sehr realistisch.

Ist die Analogie zur Verrohung des Königreichs im Zuge des Brexit demnach gewollt?

Kalkül steckte zwar nicht dahinter, aber seit ich im Juli vier Monate nach dem Zuschlag für zwei Folgen nach London gekommen bin, machte jede Nachricht vom Brexit deutlicher, wie Geschichte sich doch wiederholt. Und als wir bemerkten, wie viel die Verschwörung um Lord Mountbatten, von der ich zuvor noch nie was gehört hatte, mit uns und unserer heutigen Zeit zu tun hat, haben wir natürlich nach Analogien von Vergangenheit und Gegenwart gesucht.

Eine der vornehmsten Aufgaben historischer Fiktion.

Genau. Auch um uns und dem Publikum zu ermöglichen, Schlüsse für die Zukunft zu ziehen.

Verändert es die Arbeit, wenn historische Fiktion von lebendigen Personen handelt?

Es macht definitiv demütiger. Vor allem, was die Genauigkeit betrifft. Bei uns im Team arbeitet deshalb Major David, der 35 Jahre im Buckingham Palace für die Queen tätig war und fast alle Menschen in ihrem Umfeld kennengelernt hat. Durch ihn und andere Berater können wir sehr an der Realität erzählen. Olivia Colman standen wie allen anderen ein Movement- und Vocal-Coach zur Seite, mit dem sie bis ins Detail Gesten, Mimik, Sprache der Queen studiert hat. Obwohl viel Hollywood in The Crown steckt, fühlt es sich daher sehr wahrhaftig an.

Aber kann Akribie nicht zu einer Verbissenheit führen, die der Erzählung schadet?

Im Gegenteil: je besser die Vorbereitung ist, desto freier kannst du erzählen. Und das gilt sogar für all jene Episoden und Begebenheiten, von denen selbst in England kaum jemand weiß – geschweige denn ich als Deutscher.

Ist es aus ihrer Sicht vorstellbar, dass jemand aus England umgekehrt ein Biopic über Nationalheiligtümer wie, sagen wir: Helmut Schmidt oder Thomas Gottschalk dreht?

(lacht) Also davon abgesehen, dass sich in England vermutlich keiner für Thomas Gottschalk interessiert, ist dieser Perspektivwechsel nicht nur denkbar, sondern überaus wünschenswert.

Welche Figur der Zeitgeschichte würde Sie persönlich denn interessieren?

Weil ich gerade zweimal historisch gearbeitet habe, würde mich zunächst mal eine frei erfunden der Gegenwart interessieren.

Schreiben Sie sich die im Zweifel selber oder warten lieber auf Angebote?

Witzigerweise entwickle ich da tatsächlich gerade selber etwas mit den Produzenten von The Crown.

Sagen aber vermutlich nicht, worum genau es sich dabei handelt.

Genau, sorry.


Jasna Fritzi Bauer: Angry Young Rampensau

Langsam mal ausgesechzehnt

Seit sie in Barbara oder Ein Tick anders ständig auf 180 sein muss, ist die Burgschauspielerin Jasna Fritzi Bauer (Foto: Stefan Erhardt) Deutschlands Angry Young Woman vom Dienst. Ein Gespräch über männliche Machtstrukturen, das Teeny-Image der 30-Jährigen und was sie sonst noch mit der gleichaltrigen Shiri gemeinsam hat, die sich als Polizeispitzel in der Vox-Serie Rampensau (ab 20. November, 20.15 Uhr) ständig mit allen anlegt.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Jasna Fritzi Bauer, wie oft haben Sie beim Drehen von Rampensau den Satz „ich bin 30!“ gebrüllt?

Jasna Fritzi Bauer: Keine Ahnung (lacht). Haben Sie mitgezählt?

Das nicht, aber es müssen geschätzt allein im ersten Teil zehnmal gewesen sein.

Witzig. Das ist mir wahrscheinlich deshalb nicht aufgefallen, weil ich es auch im Alltag ständig sage. Inzwischen hat es sich zwar etwas gelegt, aber früher musste ich echt dauernd klarmachen, älter zu sein als ich aussehe. Als ich in der Drehpause Zigaretten kaufen wollte, hatte ich meinen Ausweis vergessen und die Verkäuferin sofort so geguckt, wie die Leute halt gucken, wenn sie mich nicht kennen.

Und?

Ich meinte, wenn ich lügen würde, würde ich doch 19 sagen, nicht 30. Hat geklappt… Aber es nervt, für so jung gehalten zu werden, dass ich nicht mal problemlos Kippen kriege.

Wobei Ihre Branche generell eher Frauen wegen ihres zu hohen als zu jungen Alters diskriminiert oder?

Ja, es ist definitiv schwerer für zu alt gehalten zu werden. Trotzdem ist der Mangel an Vorstellungskraft, mich auch mal über 20 zu besetzen, irritierend.

Kriegt die Maske Ältere denn leichter jung oder Jüngere leicht alt?

Ach, das geht beides. Aber es wird langsam mal Zeit, dass es überhaupt mal jemand bei mir versucht. Zum einen, weil ich gar nicht mehr so jung aussehe, zum anderen, weil es genug talentierte Kolleginnen und Kollegen in dem Alter gibt. Außerdem fällt mir mit der Erfahrung eines halben Extralebens zunehmend schwer, mich in Teenager reinzuversetzen. Ehrlich – es hat sich langsam mal ausgesechzehnt!

Wenn Ihnen was spürbar auf die Nerven geht, kriegen Sie fast die gleiche zornige Stirnfalte wie Shiri in der Serie, wenn sie mal wieder auf 180 ist…

(lacht) Ach, die krieg ich auch beim Nachdenken oder wenn die Sonne scheint. Aber stimmt schon – so sehe ich auch in echt aus, wenn ich sauer bin. Meine Oma versucht mir die dann immer so weg zu massieren, wenn sie mich sieht.

Kommt Shiris permanente Wut daher mehr aus Ihnen als dem Schauspiel?

Aus beidem. Schließlich steckt in jedem von uns steckt reichlich Wut oder wie es die Autorin und Hauptdarstellerin der Israelischen Serienvorlage Bat Hen Sabag ausdrückt: ein verwundetes Tier. Aber weil wir beide nicht immer von allen für voll genommen werden, kann ich mich mit Shiris Wut vielleicht besser identifizieren als andere. Trotzdem war es Spiel – was sich schon darin gezeigt hat, wie fertig mich die Rolle den ganzen Sommer über gemacht hat.

Hat Ihr Image als Angry Young Woman eigentlich auch damit zu tun, dass Sie von Ein Tick anders über Elise bis Scherbenpark gleich zu Beginn der Filmkarriere ständig welche gespielt haben?

Bestimmt sogar. Ich dachte ja, mit Axolotl Overkill würde ich mich endgültig davon verabschieden, aber für diese Vorstellungskraft sind die Schubladen in Deutschland doch zu tief.

Andererseits hört man von vielen Ihrer Kollegen mittlerweile, dass Schubladen auch für lukrative Alleinstellungsmerkmale sorgen.

Klar, das kann einträglich sein, aber in meinem Fall auch stinklangweilig, zum 37. Mal die Rotzgöre zu spielen.

Na ja, wie…

… in dieser Serie, ich weiß. Aber die verhandelt das finde ich schon auf sehr besondere, eigenständige, interessante Art und Weise.

Und handelt am Ende eher von männerdominierten Machtstrukturen als Altersfragen.

Absolut, und ziemlich realistischen, finde ich. Am wichtigsten ist mir persönlich aber, dass es insofern vom Einheitsbrei abweicht, als wir Diversität zum Thema machen. Etwa bei Lorna Ishema, die eine dunkelhäutige Polizistin mit dem völlig dunkelhäutigen Namen Anja Rudnik spielen darf, deren ebenfalls farbiger Ex wie sie nur in den Ferien mal in Afrika gewesen sei.

Oder Shiris WG, in der absolut niemand dem heteronormativen Mainstream entspricht.

Solche Figuren bildet das deutsche Fernsehen ansonsten überhaupt nicht ab, im Gegenteil. Bei mir dagegen entspricht es voll und ganz meiner Lebensrealität, mich mit der gesamten Bandbreite menschlicher Unterschiede zu umgeben. Da stecke ich zwar definitiv in meiner Berliner Blase, aber mir wäre es lieb, wenn sie irgendwann mal die Blase des Landes ist, in dem ich lebe.

Ist die Thematisierung von Themen wie Diversität oder Sexismus nur Nebeneffekt Ihrer Filme oder ausschlaggebend, um darin mitzuspielen?

Unbedingt ersteres, ich wähle meine Rollen nach dem Drehbuch aus, nicht nach der Botschaft darin. Trotzdem finde ich es toll, wenn diese Drehbücher meiner Lebensrealität entsprechen – damit sich was ändert und das Unnormale in Deutschland endlich mal normal wird.

Würden Sie ein gutes Drehbuch auch dann annehmen, wenn darin zum Beispiel ein total antiquiertes Frauenbild transportiert wird?

Abgesehen davon, dass es dann vermutlich kein gutes Drehbuch ist, schon. Hängt immer vom Kontext ab, gerade in Komödien. Andererseits habe ich auch schon Castings abgesagt, weil mir das Grundthema der Sachen zu 1950 waren.

Haben Sie selbst schon Castings erlebt wie in Rampensau, wo Ihnen Sophie Rois als Theaterregisseurin aus 30 Metern Entfernung die Leviten liest oder ein Filmregisseur aus nächster Nähe zwingt, sich selbst zu erniedrigen?

Obwohl ich fürs Theater weit seltener bei Castings war als beim Film, kommt zumindest das, was Shiri am Theater passiert, der Realität schon sehr nahe.

Auch dieses totale Ausgeliefertsein, bei dem die Schauspielerin zum reinen Objekt der Regisseurin als handelndes Subjekt wird?

Klar. Im hierarchischen Regierungssystem Schauspiel bin ich immer das Objekt.

Und das ändert sich auch nicht, wenn man wie Sie gleich zu Beginn Preise gewinnt, mit Christian Petzold dreht und danach weiter Erfolg hat?

Natürlich ist meine Macht, besser: mein Einfluss größer als zu Beginn. Aber ich bin echt gerne Teil eines Ensembles, das nennt man vermutlich Teamplayer. Am Set ist mir wichtig, dass es allen gleichermaßen gut geht. Da geht es nicht um mich.

Lassen Sie Neulinge umgekehrt manchmal spüren, selbst schon etabliert zu sein?

Das müssten andere beurteilen, aber ich kann es mir nur schwer vorstellen, weil ich so eigentlich nicht ticke. Einfluss versuche ich nur dann zu nehmen, wenn ich damit was Positives bewirken kann. Diese Männermachtspiele sind mir persönlich echt zu doof.

Glauben Sie, dass die jemals beendet sind?

Nein.

Nie?

Auch wenn man stets jeden Einzelfall betrachten muss und die Wachsamkeit dank #MeToo sicher gewachsen ist, werden sich die Verhältnisse auch in ferner Zukunft keinen Millimeter bewegen.

So misanthropisch?

So realistisch. Es darf und muss aus meiner Sicht sogar Hierarchien geben, aber dummerweise werden sie wohl auch weiterhin überwiegend von Alphatieren an der Spitze gelenkt, die meist männlich sind. Wobei Frauen in solchen Machtpositionen schlimmer sein können als Männer. Wir brauchen da gesellschaftliche Veränderung, sonst gibt es keine im Schauspiel.

Sie mussten im Rahmen dieser Machtverhältnisse aber noch keine Erniedrigung ertragen wie Shiri im Film-Casting, wo sie Brotkrümel vom Boden auflecken soll?

Glücklicherweise nicht, aber wenn doch, würde ich wohl reagieren wie Shiri.

Und ihm in die Eier treten?!

Hoffentlich.

Das Interview ist vorab bei DWDL erschienen