Elmar Theveßen: Interview 25 Jahre 9/11

Erst problematisch, wenn es knallt

Als am 11. September 2001 drei Flugzeuge ins World Trade Center und das Pentagon flogen, war US-Korrespondent Elmar Theveßen (Foto: ZDF/Max Sonnenschein) zwar gerade wieder zurück in Deutschland. Von dort aus hat der Terror-Experte die Ereignisse allerdings monatelange in Echtzeit begleitet – wie sich der Leiter des ZDF-Büros in Washington genau 25 Jahre nach 9/11 erinnert.

Von Jan Freitag

Herr Theveßen, sie sind nach sechs Jahren Washington ausgerechnet kurz vorm 11. September 2001 nach Deutschland zurückgekehrt. Fühlte sich das für den Ex-Korrespondenten nach falscher Zeit am falschen Ort an?

Elmar Theveßen: Aus beruflicher Sicht wäre ich definitiv lieber vor Ort gewesen, als Familienvater hingegen weniger gern. Wir haben natürlich auch mitbekommen, dass eine Nachbarin von uns an Bord des Flugzeugs war, das ins Pentagon geflogen ist. Das hat uns auch persönlich sehr bewegt. Aber ich war halt nicht mehr in Washington, sondern Reporter bei Frontal 21, als plötzlich jemand die Tür zum Schneideraum aufriss und fragte, warum wir noch einen anderen Beitrag bearbeiten.

Über wen genau?

Rudolf Scharping, der dadurch womöglich schon etwas eher zurückgetreten wäre. So aber bin ich umgehend von Berlin nach Mainz geflogen, um die Berichterstattung über die Anschläge zu unterstützen. Denn auch wenn ich vorher nicht mit einem solch großen Anschlag gerechnet hatte, war mir schnell klar, dass mit höchster Wahrscheinlichkeit Al-Qaida dahintersteckt.

Woher nahmen Sie diese Gewissheit?

Weil ich sehr tief in der Materie drinsteckte und Ende der Neunziger bereits über die Bombenanschläge von Kenia und Tansania berichtet hatte. Mir war bekannt, dass Al-Qaida plant, zehn entführte Flugzeuge in Ziele zu steuern. Dass dieser sogenannte Bojinka-Plot 2001 Wirklichkeit geworden war, machte mich natürlich fassungslos. Schließlich wussten die Amerikaner davon. Fürs ZDF war es ein Vorteil, dass ich mich mit dem Thema gut auskannte.

Gab es vom Moment dieser Erkenntnis an standardisierte Abläufe, um über 9/11 und seine Folgen zu berichten?

Das nicht, aber ich bin aus dem Schneideraum tatsächlich sofort zum Flughafen Tegel gefahren, wohin auch meine Frau und unsere drei kleinen Kinder mit meinem Gepäck kamen, um mich zu verabschieden. Als ich in Mainz ankam, bin ich sofort zum Lerchenberg gefahren und habe mit Wolf von Lojewski, Thomas Kausch, Steffen Seibert oder wie sie alle hießen, live über die Ereignisse berichtet. Dass Osama bin Laden wirklich dahintersteckt, war da zwar noch eine Mutmaßung, allerdings mit der höchsten Wahrscheinlichkeit.

Wie wahrscheinlich war zu der Zeit denn die Verbindung zur Hamburger Terrorzelle?

Wir konnten schon bei den Anschlägen in Nairobi und Daressalam 1998 nachweisen, dass dabei Gelder aus Deutschland geflossen sind. Wir hatten auch die Rolle von Mohammedou Ould Slahi bei den geplanten „Millenniumsanschlägen“ recherchiert. Er hatte in Duisburg studiert und soll den mutmaßlichen Attentäter der vereitelten Attacke auf den Flughafen Los Angeles, Ahmed Ressam, aktiviert haben. Deswegen waren die Deutschland-Bezüge bei 9/11 nicht so megaüberraschend.

Man merkt daran, wie leicht Ihnen die Namen und Zusammenhänge von den Lippen gehen, dass Sie auch 25 Jahre später gut im Stoff stecken. Wie wird man eigentlich Terror-Experte eines öffentlich-rechtlichen Senders?

Das Interesse wurde bereits in meinem Politikstudium bei Manfred Funke, damals einer der großen Extremismusforscher Deutschlands, geweckt. Als ich später beim ZDF für die Sicherheitspolitik zuständig war, hatte ich neben der notwendigen Expertise auch die nötigen Kontakte zum BKA, zum BND, zum Verfassungsschutz aufgebaut. Und dazwischen lag ja noch meine Zeit in den USA ab 1995, wo es große Terroranschläge gab wie die rechtsextreme Attacke von Oklahoma City. Als dann 9/11 passierte, lag es fürs ZDF irgendwie nah, mir das Etikett Terrorismus-Experte anzuheften.

Was haben Sie in den Tagen, Monaten und Jahren nach 9/11 über den Terrorismus gelernt, das Ihnen wirklich neu war?

Das Ausmaß der Arroganz, der Unfähigkeit, der Naivität bei uns allen, vor allem aber bei den Sicherheitsbehörden. Mir wurde damals mit jeder neuen Recherche klarer, wie viel vorhandenes Wissen – übers Training der Terroristen auf amerikanischem Boden zum Beispiel – aufgrund von Eifersucht, Missgunst und Konkurrenzdenken verbündeter Behörden wie FBI und CIA unbeachtet geblieben war. In diese Lücken konnte Al-Qaida mit entschlossener Dreistigkeit stoßen.

Was haben Sie als Berichterstatter dabei über sich selbst gelernt?

Ehrlicherweise etwas, das ein Journalist eigentlich immer im Auge behalten sollte: Es ist sehr einfach, Kurzschlüsse zu ziehen und Fehler zu machen. Die überwältigende Mehrheit meiner Berichte hat das vermieden. Aber es gab auch Fälle, in denen ich aus Selbstgewissheit überzogen habe. Meine wichtigste Erkenntnis lautet: tief in der Materie zu stecken, reicht nicht; man muss die aktuelle Faktenlage ständig einbeziehen und selbst bei Quellen vorsichtig sein, die die sich sonst immer als verlässlich erwiesen haben.

Und was haben Sie über Ihren Beruf Neues gelernt, den Journalismus?

Dass sich auch die Medien gern damit befassen, was gerade am meisten ins Auge sticht. Journalisten reagieren oft nur, anstatt es zu antizipieren, weil die notwendigen Ressourcen für arbeits- und kostenintensive Vorfeldrecherche fehlen, wenn man nicht weiß, ob es sich lohnt. Darin ähneln viele Medien mitunter den Sicherheitsbehörden. Oft wird etwas erst als problematisch angesehen, wenn es knallt.

Und das hat sich mit 9/11 geändert?

Ja, aber mit kontraproduktivem Nebeneffekt. Weil viele Redaktionen ihren Fokus massiv auf den Islamismus gelegt haben, wurde der Rechtsextremismus vernachlässig. Die Folgen kann man an der Mordserie des NSU sehen. Was dabei oft übersehen wird: Terrorismus, egal von welcher Seite, ist brutal einfach. Man braucht ein Messer oder Auto und viel Aufmerksamkeit. Dass Islamisten wie ISIS oder Al-Qaida parallel dazu eine hochtechnisierte Infrastruktur des Terrors aufgebaut haben, bereitet mir heute übrigens noch mehr Sorge als damals.

Warum?

Weil sie Ihre Waffen mithilfe künstlicher Intelligenz noch gefährlicher machen. Umso wichtiger ist es, nicht wieder in die Muster der Gleichgültigkeit der Zeit vor 9/11 zurückfallen.

Die Gefahr besteht?

Sie wächst sogar. Denn anders als 9/11 arbeiten sunnitische und schiitische Terrororganisationen, etwa Al-Shabaab in Somalia und die Huthi im Jemen, nun teilweise zusammen. Al-Qaida hat in einem Drittel der afghanischen Provinzen neue Stützpunkte, der IS Ableger in 20 Staaten. Sie können neue Technologien und KI für ihre Planungen nutzen. Gleichzeitig schlagen die USA unter Donald Trump viele Lehren aus 9/11 in den Wind und schwächen das System internationaler Sicherheitszusammenarbeit. Das ist auch für uns in Europa brandgefährlich.


Ich mache einfach gern Quatsch

Schon ein bisschen wie Gott

Hazel Brugger ist die Königin des heiteren Alltagsirrsinns und seit dem ESC 2025 ein kleines bisschen weltberühmt. Im LOL-Spinoff Next mit Content-Creators statt Komikern ersetzt die Schweizerin jetzt Bully Herbig. Ein DWDL-Gespräch über die Macht des Buzzerns, politische Comedy und wie Ehen unter Spaßvögeln funktionieren.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Hazel Brugger, so als alte LOL-Häsin – was hat in fünf Einsätzen mehr Spaß gemacht – viermal als Kandidatin vorm Buzzer herumzuhampeln oder ihn jetzt selbst drücken zu dürfen?

Hazel Brugger: Nicht lachen zu dürfen, ist für mich eine der größten Qualen überhaupt. Unterbewusst muss mir zwar auch das irgendwie Spaß machen, sonst wäre ich ja nicht viermal dabei gewesen. Aber Getriebene seiner Gesichtsmuskulatur zu sein, ist eher anstrengend als lustig. In meiner neuen Rolle bei LOL Next bin ich jetzt dagegen so ein bisschen wie Gott. Schon auch geil. Aber Leute zu eliminieren, denen ich in der Sendung eigentlich gern weiter zugesehen hätte, empfand ich als erstaunlich unlustig.

LOL ist also nur fürs Publikum wirklich ein Spaß?

Kann man so sagen.

Was ist denn dann als Protagonistin beider Seiten herausfordernder: Andere Comedians zum Lachen zu bringen oder selbst nicht über sie zu lachen?

Nicht lachen ist wirklich schwierig, das tut ungelogen körperlich weh.

Was machen die Content-Creator genannten Internet-Comedians der Next-Staffel, die ja oftmals Autodidakten ohne Bühnenpraxis sind, anders als die analogen Profis der ersten neun Staffeln?

Viele von ihnen sind das Auftreten vor Leuten spürbar nicht gewohnt. Die machen halt vieles allein zuhause mit sich und dem Smartphone. Deshalb war es aber auch krass zu sehen, dass sie zugleich als Regisseure, Kameraleute, Lichttechniker agieren, die genau wissen, wie man sich perfekt inszeniert. Content-Creator denken von Beginn an szenisch, nicht programmatisch. Das ist für dieses Format perfekt. Wenn du für ein Handy performst, lacht es ja auch nicht. Für Bühnenkomiker dagegen ist es zutiefst verstörend, wenn das Publikum schweigt.

Wer das allerdings sogar noch besser beherrscht als alle Komiker, war…

… Susanne Daubner.

Die hier eine Tagesschau nur mit Jugendsprache präsentiert.

Wahnsinn, oder? Als sie sich in einer anderen „Chaya“ nannte, ist das Internet explodiert vor Lachen. Gut, dass ich das ungehindert tun durfte, als sie jetzt bei LOL aufgetreten ist. Ich fand aber auch die anderen sehr witzig und widerstandsfähig. Man muss bedenken: viele davon haben sich nicht auf der Ochsentour über winzige Bühnen die Hornhaut echter Comedians angeeignet.

Wie reagieren Sie denn auf Stille im Publikum?

Indem ich mich darüber amüsiere, wie leid ich mir in dem Moment tue. Das kann ich mir lustig imaginieren. Scheitern gehört dazu. Man sollte sich zu jedem Zeitpunkt des Lebens offen dafür zeigen, ein Niemand zu sein. Etwas gesunder Selbsthass gehört auf jede Comedybühne. Auch auf die von LOL.

Was ist dessen Erfolgsgeheimnis – die explizite Harmlosigkeit der Witze, in denen es anders als beim politischen Kabarett niemals um Politik, Krisen, Trump oder Merz geht?

Das kann schon sein. Ich werde jedenfalls oft von Kindern zwischen acht und zwölf auf LOL angesprochen. Das ist offenbar ein richtiges Familienevent geworden. Darin sehe ich eine riesige Chance des Formats. Nicht nur für Amazon, sondern auch für die Teilnehmenden, wieder mal alle anzusprechen, von jung bis alt.

Also schon auch eskapistisch?

Eher allgemeinverständlich und zeitlos, würde ich sagen. Du kannst LOL geschnitten oder am Stück gucken, eine Folge heute, die andere 2027. Wenn man nicht ständig auf aktuelle Ereignisse eingeht, ist das Format fast so ein bisschen für die Ewigkeit.

Sie selbst machen ja auch eher alltägliche als politische Comedy, oder liest man da einfach nicht sorgfältig genug zwischen den Zeilen?

Humor ist halt genauso politisch wie das Leben an sich. Politik ist nichts, was oben über der Gesellschaft steht, sondern mittendrin ist. Dennoch würde ich mich natürlich nicht als politische Kabarettistin betrachten und finde es wirklich erfreulich, mit meiner subjektiv erlebten Alltäglichkeit so viele Menschen unabhängig voneinander zu erreichen.

Für Die Anstalt reicht es aber trotzdem ab und zu. Könnten Sie noch politischer sein, wenn Sie wollten?

Interessant, die Frage hab‘ ich mir bislang noch gar nicht gestellt. Da plädiere ich für Arbeitsteilung. Andere können besser politisches Kabarett, ich mache einfach gern Quatsch.

Ist das die beste humoristische Exit-Option in einer Zeit, die gerade mit vollem Ernst auf katastrophale Kipp-Punkte zusteuert?

Ein nicht zu vernachlässigend großer Teil der Gesellschaft fühlt sich von ihr abgehängt oder möchte unbedingt andere abhängen. Da würde es mir jedenfalls zusehends schwerfallen, darauf mit Humor, also Spaß, zu blicken.

Wenn alles noch drastischer würde, mit AfD-Regierungen zum Beispiel: Würden Sie dann erst recht alltägliche Comedy machen oder doch irgendwann politischere?

Ich hoffe so sehr, mir diese Frage nicht irgendwann auch selbst stellen zu müssen. Aber wenn es so käme, könnte ich meine Arbeit splitten – also einerseits bei unpolitischer Comedy bleiben, andererseits journalistisch arbeiten. Allerdings strikt getrennt voneinander. Ich möchte mir meine Insel der unterhaltsamen Freiheit einfach von niemandem kaputt machen lassen.

Dann machen wir an dieser Stelle doch noch ein bisschen Gossip, okay?

Oh ja, bitte. Hau raus!

Sie sind mit einem Poetry-Slammer verheiratet. War das für Sie als Poetry-Slammerin die einzige Option, um zusammenleben und gemeinsame Kinder haben zu können?

Das impliziert fast so einen Poetry-Slam-Zucht-Gedanken (lacht). Ich glaube einfach nicht daran, dass sich Gegensätze anziehen und bin deshalb lieber mit jemandem zusammen, der mich nicht nur versteht, sondern physisch nachfühlen kann. Wichtig ist nur, dass man sich dabei genügend Raum zur eigenen Entfaltung gibt. Und dass bei ähnlichem Beruf kein Konkurrenzdenken entsteht.

Lachen Sie Probleme mitunter gemeinsam weg, anstatt sie zu lösen?

Im Gegenteil: Weil wir beide wissen, Probleme gegebenenfalls einfach weglachen zu können, diskutieren wir zuhause meist sehr kontrovers und sachlich. Mein Mann ist aber definitiv besser darin, Dinge beim Namen zu nennen und Klartext zu reden. Was uns aber beide eint: Wir nehmen Humor sehr ernst.


David Schalko: Braunschlag & 1986

Eigentlich vermisse ich nur das Jungsein

14 Jahre nach der 1. Staffel setzt David Schalko die Provinzposse Braunschlag bei HBO Max fort und versetzt sie ins Jahr 1986 – wenngleich ohne Zeitreise. Ein Interview mit dem Regisseur und Autor übers Jahrzehnt seiner Jugend, humanistischen Humor und die Verklärung der vermeintlich guten alten Zeit.

 

Von Jan Freitag

David Schalko, in ihrer Braunschlag-Fortsetzung, die stilistisch ins Jahr 1986 zurückreist, sagt jemand, „Zukunft liegt in der Vergangenheit“.

David Schalko: Simon Schwarz als Landespolitiker Rainer Katzlbrunner, genau.

Gilt das auch für den Humor, der das, was kommt, an dem misst, was war oder ist?

Humor benötigt immer Bezugspunkte, die er naturgemäß da sucht, was alle kennen – also tendenziell in der Vergangenheit. Humor braucht Referenzgrößen, über die man sich entlang der Schere von Behauptung und Wirklichkeit lustig machen kann. Deshalb schlägt er in der Tat oft retrospektive Richtungen ein.

Wobei „sich lustig machen“ bei Ihnen vermutlich nicht „ins Lächerliche ziehen“ heißt.

Nein, ich will ja niemanden beleidigen, schon gar nicht aus einer erhabenen Position. Mir ist Empathie und Humanismus am Humor wichtig.

Und gilt diese Empathie allen – also auch der rechtspopulistischen Koks-Nase, die in Braunschlag 86 ständig von Remigration faselt?

Das muss sie sogar! Deshalb hat auch der Rechtspopulist eine Familiengeschichte, die Scham erzeugt, also Mitgefühl verdient. Als ausschließlich verabscheuungswürdige Figur ohne menschliches Antlitz wäre er für mich humoristisch uninteressant. Wer bin ich, mir anmaßen zu dürfen, über andere abschließend zu urteilen? Da kommen wir wieder zur Schere: Der Humor entsteht erst, wenn die Realität dieser Figur mit ihrer Vergangenheit konfrontiert wird. Deshalb erforsche ich all ihre Seiten.

Sind Serien und ihre Figuren für Sie Forschungsobjekte?

Ja. Allerdings nicht unbedingt in dem Sinne, Dinge zu entdecken, die noch niemand zuvor gesehen hatte. Aber jeder Film, jede Serie sind wie jedes Buch oder eigentlich jedes Kunstwerk Reisen ins Ungewisse. Mit vorhersehbarem Ausgang müsste man sie gar nicht unternehmen.

Wobei diese Reise eine mit höchst bekanntem Ausgang ist, nämlich in die Zeichen- und Verhaltenswelt der Achtziger – zufällig das Jahrzehnt ihrer eigenen Jugend. Macht das Braunschlag 86 automatisch zur autobiografischen Serie?

(lacht) Ach, was ist schon Zufall?! Aber tatsächlich ist 1986 unabhängig von meinem Jahrgang vor allem die Jugend vieler Protagonistinnen und Protagonisten der ersten Staffel und damit wie jede Kindheit ein verklärter Sehnsuchtsort.

Wobei die Achtziger nicht nur die vielleicht zitierfähigste Dekade des 19. Jahrhunderts waren, die praktisch jede Generation bis heute mit Mottopartys und Moderevivals feiert; es war auch eine Zeit politischer Eruptionen.

Besonders in Österreich und ganz besonders 1986. Damals übernahm Jörg Haider die FPÖ, machte sie wieder zur nationalistischen Partei und feierte schnell Erfolge. Der mutmaßliche Kriegsverbrecher Kurt Waldheim wurde Bundespräsident, die Rechte war erneut auf dem Vormarsch, zugleich allerdings rückte die SPÖ unter Franz Vranitzky in die Mitte. Es war aber auch das Jahr von Tschernobyl, Glasnost, Sandoz. Wie nah sich das noch alles anfühlt, zeigt mir persönlich, wie kurz 40 Jahre im historischen Maßstab sind.

Benutzen Sie Braunschlag 86 demnach nur, um dieses Jahrzehnt und seine Langzeitwirkung zu erzählen?

Eigentlich nicht, denn 1986 wird in der Fortsetzung ja nur als politisches Machtinstrument simuliert und dabei deutlich bunter nachgestellt als in der grauen Wirklichkeit. Eigentlich war die Zeit nämlich eher trist. Der Mensch, der sich gegen die Trostlosigkeit um ihn herum aufbäumt und daran scheitert – das ist ja eines meiner Leitthemen. Es geht darin im Grunde also eher um Verklärung als Nostalgie.

Ist die Serie trotzdem nostalgisch?

Zumindest insofern, 14 Jahre nach der ersten Staffel eine zweite zu machen. Mir geht es dabei aber gar nicht so sehr darum, das bewährte Rezept nochmals aufzuwärmen. Mich interessiert vielmehr, was aus den Figuren wohl so geworden ist.

Tendenziell konservative Folkloristen, die sich in vermeintlich gute alte Zeiten zurücksehnen, in denen man mit 0,79 Promille noch Auto fahren durfte, angeblich sagen, was man wollte, und dann auch noch überall rauchen. Schwieriges Terrain.

Nur, wenn man diese Zeiten unkritisch idealisiert. Es geht aber darum, die Verklärung als Verklärung zu zeigen. Es gibt ja auch vieles, das besser geworden ist. Wir sind zum Beispiel sprachlich wesentlich sensitiver. Gleichzeitig sind wir aber wesentlich egozentrischer geworden.

Was vermissen Sie dennoch an den Tagen als Teenager?

Als Raucher sollte ich jetzt vermutlich Rauchen sagen. Aber eigentlich vermisse ich nur das Jungsein.

Den damaligen Humor also nicht?

Der Humor war immer gut oder schlecht, das hat sich nicht geändert.

Was macht Humor aus Sicht des Humoristen lustig – Menschen oder ihre Milieus?

Weil beides kulturhistorisch unmöglich voneinander zu trennen ist, sind es nahezu ausnahmslos Menschen und ihre Kommunikation. Lustige Landschaften sind mir persönlich jedenfalls nicht bekannt. Aber stimmt schon: Erst in ihren Milieus entfalten Menschen Humor. Oder wie man heute sagen würde: in ihren Bubbles. Der gemeinsame Humor ist ja quasi milieubildend. Man hat das gleiche Niveau und eine ähnliche Humorästhetik.

Ihr Milieu ist unter anderem Österreich, wo ein ganz spezieller Humor gepflegt wird.

Manche sagen, es ist Humor, andere nennen es eine Kulturtechnik, um Außenstehende zu täuschen. Der österreichische Humor ist jedenfalls bösartiger als der deutsche und dient meistens dazu, etwas zu kaschieren. Er ist daran geschult, in der Monarchie die Zensur zu umgehen. Es ist ein Humor, der immer über Bande gespielt wird, während deutscher Humor oft Klarheit sucht. Und der österreichische Humor überschreitet gern Grenzen.

Geschmacksgrenzen?

Schamgrenzen vor allem. Wir sind schamloser und amüsieren uns brachialer. Aber wenn Sie Manfred Deix betrachten…

Ein Karikaturist der Achtzigerjahre, bei dem jede Zeichnung österreichischer Eigenarten körperliche Schmerzen verursacht.

Die saftige Abgründigkeit seiner Karikaturen wirkt überspitzt, sie ist aber zutiefst naturalistisch, fast schon dokumentarisch.

Gehen Sie analytisch an den Humor heran?

Das versuche ich eher zu vermeiden. Die Analyse ist der Feind guter Pointen.

Kennt Ihr Humor denn Grenzen – egal, ob des Geschmacks oder der Scham?

Ja, wenn man Schutzbefohlene verhöhnt, etwa. Aber grundsätzlich erleichtert es uns zu sehr, sich über Dinge lustig zu machen, als sich dies aus moralischen Gründen zu verbieten. Selbst Gewalt wird mit Humor leichter erträglich. Und weil er die Realität auf einem bestimmten Niveau mit der Wahrheit konfrontiert, ist er am Ende auch meistens politisch.


Uthoff, Kühl, Wagner: Danger & Die Anstalt

Fassungslos. Ungläubig. Wütend

Jens Hartmann/ZDF

Kurz vor ihrer umstrittenen Jubiläumssendung ohne Danger Dan haben sich die Hosts der Anstalt – Max Uthoff, Maike Kühl und Claus von Wagner zum Skandal um die ZDF-Selbstzensur geäußert – und den Zustand des Kabaretts ingesamt, 100 Folgen nach dem Debüt vor zwölf Jahren. freitagsmedien dokumentiert das DWDL-Interview in voller Länge.

Von Jan Freitag

Max Uthoff, Maike Kühl, Claus von Wagner – als kleines Jubiläumsgeschenkt hat Ihnen das ZDF den Jubiläumsgast Danger Dan wegen seines vermeintlichen Gewaltaufrufs im Song „Keine Angst” ausgeladen. Was war Ihre erste Reaktion darauf?

Claus von Wagner: Fassungslos.

Maike Kühl: Ungläubig

Max Uthoff: Und wütend. Ich habe versucht, schnell noch Klavier zu lernen.

Wagner: Ich singen.

Kühl: Ich kann beides einigermaßen… War trotzdem zu knapp.

Was war das aus Ihrer Sicht – perfekte PR, Selbstzensur, Hilfe beim Versuch der AfD, den ÖRR abzuschaffen?

Wagner: Das war vor allem unprofessionell. Das ZDF hatte lange genug Zeit, sich den Text anzuschauen.

Uthoff: In der Zeit hätte ich den Text auswendig lernen können.

Kühl: Hätten Sie nicht. 

Wagner: Im Ernst, weil Keine Angst eine Anleitung zum Widerstand gegen rechtsextreme Strukturen und Zeilen enthält, die zur Diskussion einladen, wollten wir genau das machen.

Kühl: Und nach dem Song über diese Zeilen reden, im Rahmen des geschützten Raums einer Bühne eine Diskussion führen, wie weit Kunstfreiheit reicht und wo vielleicht eine Grenze durch die Lyrics des Songs überschritten wurde. Das alles hat das ZDF nicht gewollt und den Künstler eigenständig, gegen unseren Protest, wieder ausgeladen. Alles weitere kann man in der Sendung selbst sehen. 

Wie genau werden Sie darauf denn in der 100. Sendung reagieren?

Kühl: Wir werden uns der Leerstelle von Danger Dan und dessen Text stellen.

Wagner: Wäre schön gewesen, wenn wir das mit dem Künstler gemeinsam hätten machen können.

Wo steht das Fernseh-Kabarett denn unabhängig von dieser Situation 99 Folgen nach ihrer ersten Anstalt?

Wagner: Nach der Absetzung von Dieter Hildebrandts „Notizen aus der Provinz“ fand im ZDF 30 Jahre lang kein Kabarett statt. Dann haben Urban Priol und Georg Schramm 2007 dankenswerterweise Neues aus der Anstalt aus der Taufe gehoben. Ein Neuanfang der ZDF-Satire, den die heute-Show, anfangs von der Popularität von Neues aus der Anstalt getragen, fortsetzen konnte. Dann kam Jan Böhmermann, wir… auch in der ARD gibt es Satire-Formate. Alles öffentlich-rechtlich. Die privaten Sender halten sich bei der Satire sagen wir mal vorsichtig, sehr zurück…

Kühl: Es steht also öffentlich-rechtlich – privat mindestens 6 : 0.

Wobei sich auch die ARD mit Dieter Nuhr als Aushängeschild nicht gerade mit Ruhm bekleckert.

Uthoff: Die ARD hat immerhin „Extra 3“, und Christian Ehring macht einen hervorragenden Job. Davon abgesehen driftet das Kabarett dort ab und an bedenklich ins Rechtspopulistische ab.

Wagner: Man hat das Gefühl, ein paar Redakteure im Ersten finden, es müsste unbedingt auch rechtskonservatives Kabarett im öffentlich-rechtlichen Rundfunk geben.

Die berüchtigte False Balance.

Uthoff: Vielleicht ist das Kabarett aber auch hier Spiegel der Gesellschaft. Das zeigt sich sogar noch mehr auf den Bühnen jenseits des Fernsehens. Mit der Konsequenz, dass wir einige Kolleginnen von früher heute nicht mehr zu uns einladen.

Lisa Eckhart und Monika Gruber zum Beispiel.

Kühl: Was mich noch mehr als Dieter Nuhrs Haltung wundert, ist, dass sie von seiner Redaktion offenbar nicht mal auf Fakten gecheckt und stattdessen durchgewunken wird.

Uthoff: Ist das Aufmerksamkeitsökonomie oder Überzeugung?

Kühl: Beides.

Wagner: Dieter Nuhr hat bezeichnenderweise mal bedeutungsschwanger herumgeraunt, bei unserer Sendung gäbe es „Korrektoren“. Ja. Aber wir nennen die halt Faktencheck!

Uthoff: Gäbe es den auch bei den Verantwortlichen von WDR und rbb, wären Nuhrs Pointen über Femizide nie durchgegangen. Wobei: Pointen? Unser Verständnis von Satire unterscheidet sich grundlegend von Nuhr, Eckhart, Gruber. Man tritt nach oben, nicht nach unten, fertig!

Kühl: Nach unten Treten ist halt einfacher, weil dazu nur Ressentiment, aber keine Information nötig ist.

Uthoff: Unsere Themen sind je nach Faktenlage durchaus konträr. Auch, wenn es mitunter anstrengend ist, lassen wir auch andere Argumente gelten.

Kühl: Und zwar schon während der Vorbereitung, wo wir uns Meinungen unterschiedlichster Expert:innen anhören, die unsere schon mal auf die Probe stellen.

Learning by Joking?

Uthoff: Sozusagen. Und dann Joking after learning.

Dann gehen wir doch mal auf Anfang der Anstalt zurück. Deutschland war Weltmeister, Obama US-Präsident, die AfD eine Splitterpartei und Deutschland ganz zufrieden. War das ein besseres oder schlechteres Biotop fürs Kabarett als die Dauerkrise von heute?

Uthoff: Schön Dank schon mal; erschütternder kann man die Niederlage der Anstalt als Ansporn gesellschaftlicher Verbesserung nicht zusammenfassen. Jede Satire antwortet auf ihre Zeit und muss dafür entsprechende Formeln finden. Ob es schwerer oder leichter war, weiß ich gar nicht, aber Satire ist immer möglich und nötig.

Wagner: Ich wehre mich dagegen, dass uns Donald Trump mit seiner Realsatire Arbeit wegnimmt. Satire hat aber immer eine Form, durchläuft einen Prozess der Reflexion. Und wir versuchen zudem, nicht nur tagespolitische Aussagen wiederzukäuen, sondern längerfristige Entwicklungen aufzuzeigen.

Die Themen der 2. Folge waren Rente, Ukraine, Alltagsstress. Wenn Alltag durch Hitze ersetzt, würde sie inhaltlich auch zur 100. Folge taugen.

Uthoff: Die Probleme liegen in einem System begründet, dessen Profitzwänge naturgemäß nicht darauf ausgerichtet sind, Gerechtigkeit zu schaffen. Und das prangert linkes Kabarett ebenso naturgemäß an, was die Arbeit für uns nicht leichter macht. Zum zehnten Mal die Rentendebatte neu abzubilden, ist zermürbend.

Kühl: Und manchmal genauso frustrierend wie die Tatsache, dass sich zwischen dem ersten und zehnten Mal so wenig geändert hat. Es geht uns des Öfteren so, dass wir überzeugt sind, etwas erzählen zu müssen und beim Betrachten alter Sendungen merken, wie oft wir das bereits getan haben.

Wagner: Ja, ich weiß nicht, wie oft wir die vom Bundesverfassungsgericht schon lange angemahnte Erbschaftsteuerreform thematisiert haben, ohne dass sich was getan hat. Aber, manchmal tut sich politisch ja wirklich was. Ich weiß noch, als wir – viel zu spät – unsere erste reine Klimasendung gemacht haben, war die Debatte darüber in der Gesellschaft echt überschaubar. Dann hat Fridays for Future Druck gemacht und daran mitgewirkt dass Klima-Forderungen in konkrete Gesetze eingeflossen sind und anschließend kommunales Verwaltungshandeln verändert haben.

Kühl: Als ich 2019 das erste Mal in der Anstalt war, ging es auch um den Klimawandel, und die neuesten Erkenntnisse, darüber waren eigentlich alle entsetzt. Trotz all des fantastischen Engagements ist das Tempo, in dem Politik und Gesellschaft auf diese Bedrohung reagieren, nicht hoch genug. Im Gegenteil. Man stumpft zusehends ab und zuckt mit den Schultern, wenn sich Wetter-Moderator*innen noch über Rekordtemperaturen freuen.

Ihre Vorgänger hatten noch wirres Haar, Lederhände, Herrenhandtaschen. Warum sind komödiantische Alter Egos in der Anstalt seltener geworden?

Uthoff: Weil Urban Priol, Georg Schramm und Frank-Markus Barwasser ihre Alter Egos mit in die Anstalt gebracht haben, während Claus und ich nie welche hatten. Ich kenne kaum jüngere Kollegen, die noch mit einer Bühnenfigur arbeiten. Selbst in der Comedy nimmt die Zahl künstlicher Figuren ab.

Wagner: Es gibt natürlich noch Leute wie Olaf Schubert oder Atze Schröder. Ich glaube, sowas geschieht in Wellenbewegungen. Manchmal schöpft die Satire ihr Komik aus Theatralik, manchmal aus der Sachlichkeit.

Kühl: Wobei auch wir regelmäßig in Rollen schlüpfen, nur eben keine festen. Wer Texte lernt und damit auf die Bühne steigt, abstrahiert aber fast immer von sich als Person.

Wie kommt es eigentlich, dass so viele dieser Personen wie Sie drei aus Bayern sind?

Uthoff: Machen wir uns nichts vor – außerhalb Bayerns gibt’s gar kein politisches Kabarett.

Kühl: Deshalb habe ich meinen Geburtsort Worms auch heimlich in München geändert.

Uthoff: Was?! Es könnte sein, Herr Freitag, dass Frau Kühl in der nächsten Sendung nicht die Anstalt betritt. Aber ernsthaft: Wenn wir aufzählen, wer nicht aus Bayern kommt, fangen wir mit Christian Ehring an, kommen zu Tobias Mann oder Christoph Sieber und hören noch nicht bei Volker Pispers auf…

Alle männlich, weiß, mittelalt und damit das, was das deutsche Kabarett seit Ewigkeiten prägt. Ist „Die Anstalt“ diverser, weil sie gezielt danach suchen oder weil die Branche diverser wird?

Uthoff: Beides. Wenn sich 30 Prozent Migrationshintergrund in Deutschland nicht mal im linken Kabarett spiegeln würden, wäre das geradezu grotesk. Und wir sind natürlich auch immer auf der Suche nach Kabarettistinnen und finden dabei überall lustige, haltungsstarke Kolleginnen wie Ana Lucia oder Teresa Reichl…

Kühl: Die wiederum andere anziehen. Ich sehe uns in der Pflicht, Vorbilder zu zeigen.

Uthoff: Zumal viele Veranstalter bei einer Kabarettistin noch immer sagen, wir hatten doch schon letztes Jahr eine

[Claus von Wagner bittet um die letzte Frage]

Okay, als wir uns vor der ersten Folge gesprochen hatten, meinte Herr Uthoff, Kabarett zu machen, bis er den Friedensnobelpreis kriegt. Kriegen Sie den vor oder nach Donald Trump?

Uthoff: Den will ich gar nicht mehr. Beim Streben nach der höchsten satirischen Auszeichnung, zieht es mich zum Nonplusultra, den Fifa Friedenspreis. Danach ist definitiv Schluss.

Kühl: Aber Herr von Wagner und ich bleiben.


Claudia Paganini: Andrea Kiewel & Danger Dan

“Das Dilemma des ZDF”

Was hat Andrea Kiewels rassistische Entgleistung im Fernsehgarten mit Danger Dans Ausladung aus der Anstalt zu tun? Ein Interview mit Claudia Paganini (Bild: Studio Matphoto), Professorin für Medienethik an der Unsiversität Innsbruck, über Beschwichtigungs-PR, Fehlerkultur und das informelle Vetorecht der AfD.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Paganini, kurz nachdem das ZDF eine rassistische Entgleisung im Fernsehgarten mit der Live-Situation entschuldigt hat, cancelt die Intendanz Keine Angst von Danger Dan. Was waren Ihre Reaktionen?

Bei Andrea Kiewel war ich über die halbherzige Entschuldigung irritiert. Die Live-Situation erklärt, dass nicht sofort reagiert wurde, aber weder den weiteren Verlauf noch rassistischen Gehalt. Bei Danger Dan war meine Reaktion vor allem Unverständnis über die Ängstlichkeit und Kurzfristigkeit der Entscheidung. Gleichzeitig sehe ich das Dilemma des ZDF, denn der öffentlich-rechtliche Rundfunk steht unter extremer Beobachtung und soll möglichst nie einen Fehler machen – gerade das erhöht aber die Gefahr, aus Angst vor negativer Bewertung Fehler zu produzieren.

Wie bewerten sie die beiden Fälle jeweils?

Bei Kiewel sehe ich einen spontanen persönlichen Fehler, der Fragen zur Haltung der Moderatorin aufkommen lässt und auf den institutionell nicht klar genug reagiert wurde. Bei Danger Dan sehe ich dagegen ein institutionell erzeugtes Problem: Aus einer möglichen problematischen Deutung wurde vorsorglich die Absage eines Kunstbeitrags. Der erste Fall verlangte eine bessere Entschuldigung bzw. Aufarbeitung, der zweite eine größere Bereitschaft sich mit Alternativen auseinanderzusetzen, sodass statt einer Absage eine redaktionelle Kontextualisierung erfolgen hätte können:

Haben die beide Fälle aus Ihrer Sicht miteinander zu tun?

Nicht ursächlich, aber durch die zeitliche Nähe entsteht eine eigenartige Optik. Bei Kiewel beruft sich das ZDF auf die gute Absicht, bei Danger Dan orientiert es sich an einer möglichen problematischsten Wirkung. Diese unterschiedlichen Maßstäbe wirken inkonsequent: Hier wird eine tatsächlich ausgestrahlte Entgleisung relativiert, dort ein noch gar nicht ausgestrahlter Beitrag sehr streng interpretiert.

Sind die unterschiedlichen Maßstäbe eher kommunikativer oder senderpolitischer Natur?

Kiewel ist vor allem ein Fall der Kommunikation und Fehlerkultur: Wie entschuldigt man sich, ohne den Fehler sofort wieder kleinzureden? Der Fall Danger Dan ist stärker senderpolitisch. Er berührt die Frage, wie autonom Redaktionen und Satireformate sind, wie viel Provokation ein öffentlich-rechtlicher Sender aushält und wie stark die Logik der Risikovermeidung das Programm bestimmen soll.

Haben diese beiden Reaktionsmuster mit der großen Gereiztheit zu tun, die Bernhard Pörksen der Kommunikation insgesamt unterstellt?

Zum Teil. In einer gereizten Öffentlichkeit wird jede Äußerung sofort moralisch bewertet, politisch eingeordnet und über soziale Medien vervielfacht. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk befindet sich dabei in einer prekären Lage: Er muss Fehler vermeiden, obwohl Liveprogramm und Entscheidungen, die in Wechselwirkung zu gesellschaftlichen Debatten stehen, grundsätzlich nicht fehlerfrei sein können. Die Lösung kann aber nicht noch mehr Ängstlichkeit sein, sondern eine gute Fehlerkultur: Fehler eingestehen, erklären und korrigieren, ohne bei jeder möglichen Empörung in Panik zu geraten.

Ist Ehrlichkeit in der PR grundsätzlich besser als Beschwichtigung oder gibt es Ausnahmen?

Ehrlichkeit ist fast immer besser, aber sie bedeutet nicht, vorschnell jede Vermutung zu bestätigen. Gute Krisenkommunikation bringt deutlich und schnell auf den Punkt, was geschehen ist, was noch unklar und was daraus folgt. Beschwichtigung wird besonders dann zum Problem, wenn sie die Perspektive der Betroffenen übergeht. Der Satz „Es war nicht so gemeint“ kann daher invalidierend wirken und die Sache schlechter statt besser machen. Im schlimmsten Fall kann das sogar zu einer Reviktimisierung der Betroffenen führen, die durch die in der „Entschuldigung“ spürbare Ignoranz ein weiteres Mal zu Opfern werden.

Wie viel haben die Fälle mit Angst zu tun, der AfD kein ideologisches Futter zu geben?

Vermutlich spielt diese Angst eine Rolle, auch wenn man die internen Motive von außen nicht bewerten kann. Öffentlich-rechtliche Sender wissen, dass jeder Fehler von rechts als Beleg für angebliche Parteilichkeit, Verschwendung oder moralische Bevormundung genutzt wird. Problematisch wird es, wenn die Angst vor solchen Angriffen das Programm indirekt mitbestimmt. Wer permanent vermeiden will, der AfD „Futter“ zu geben, räumt ihr am Ende eine Art informelles Vetorecht ein.

Wie hätte das ZDF jeweils medienethisch besser und medientaktisch klüger agiert?

Bei Kiewel wäre eine klare persönliche Entschuldigung sinnvoll gewesen: die Äußerung konkret benennen, ihre rassistische Wirkung anerkennen und erst danach erklären, dass sie nicht beabsichtigt war. Außerdem hätte man transparent machen können, wie der Vorfall intern aufgearbeitet und was unternommen wird, um ähnliche Vorkommnisse in Zukunft zu vermeiden.

Und bei Danger Dan?

Wäre eine denkbare Lösung gewesen, den Song aufzuführen und die problematischen Passagen unmittelbar anschließend zu diskutieren. So entstehen Diskurs und Öffentlichkeit und es kann zu einer produktiven Auseinandersetzung mit der Frage kommen, welche Werte man gemeinsam in einer Demokratie hochhalten will. Sollte das ZDF den Auftritt allerdings für indiskutabel gehalten haben, hätte diese Entscheidung erheblich früher fallen und nachvollziehbarer erklärt werden müssen. Dass selbst das Team der „Anstalt“ von der kurzfristigen Absage überrascht wurde, verstärkt den Eindruck eines späten, eher planlosen Eingriffs der Senderführung.

Wie fängt das ZDF den Shitstorm jetzt wieder ein?

Am besten nicht durch einen PR-Trick. Das ZDF sollte möglichst offenlegen, wie man zu den problematischen Entscheidungen gekommen ist, bei Danger Dan die Kurzfristigkeit ausdrücklich als Fehler anerkennen und mit den Beteiligten öffentlich ins Gespräch kommen. Dass es eine Aspekte-Sonderausgabe produziert hat und der Anstalt erlaubt, die Ausladung im eigenen Programm zu kritisieren, sind richtige Schritte.

Halten Sie es für möglich, das ZDF habe die Reaktion kalkuliert, um für Aufmerksamkeit zu erhöhen?

Möglich ist vieles, plausibel erscheint es mir nicht. Der Imageschaden, der interne Konflikt und der Vorwurf eines Eingriffs in die Kunstfreiheit wären für eine geplante PR-Aktion sehr hohe Risiken. Wahrscheinlicher ist eine verspätete Eskalation innerhalb der Entscheidungsstrukturen: Je höher der Vorgang im Haus wanderte, desto stärker wurden offenbar die möglichen negativen Effekte des geplanten Auftritts gewichtet.

Aber ist ein Shitstorm am Ende nicht womöglich besser als gar keine Resonanz?

Für populistische Politiker vielleicht, für öffentlich-rechtliche Sender nicht. Aufmerksamkeit bedeutet nämlich nicht Vertrauen. Ein Shitstorm kann eine wichtige Debatte auslösen, aber er ist kein Erfolg, wenn beim Publikum vor allem der Eindruck von Ängstlichkeit, Inkonsequenz oder mangelnden redaktionellen Feingespürs hängen bleibt. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk lebt nicht primär von Reichweite, sondern von Glaubwürdigkeit.

Wie werden beide Fälle aus Ihrer Sicht weitergehen?

Der Fall Kiewel dürfte sich schnell beruhigen, sofern keine weiteren vergleichbaren Vorfälle hinzukommen. Er wird vermutlich als Negativbeispiel für etwas wie Entschuldigungs- oder Fehlerkultur und den schwierigen Umgang mit Alltagsrassismus in Erinnerung bleiben. Wichtig wäre hier zu diskutieren, wie im Vorfeld Schulungen oder der gezielte Austausch mit Menschen, die häufig diskriminierten oder rassistisch beleidigten Gruppen angehören, die Wahrscheinlichkeit derartiger Entgleisungen reduzieren können. Der Fall Danger Dan hat vermutlich das größere senderpolitische Nachspiel. Er dürfte noch länger Anlass für die Diskussion darüber sein, wie öffentlich-rechtliche Institutionen unter politischem Druck zu angemessenen Entscheidungen gelangen können. Entscheidend wird sein, ob das ZDF den Vorgang nur auf der Ebene der Kommunikation bearbeitet oder daraus Konsequenzen für frühzeitige Prüfungen, redaktionelle Zuständigkeiten und den Umgang mit künstlerischer Provokation zieht.


Meike Droste: Fernsehrollen & Hörspiele

Bügeln mache ich eh nicht so gerne

Seit ihrer Rolle als Dorfpolizistin in Mord mit Aussicht ist Meike Droste (Foto: Harald Fuhr) gut gebucht. Dass sie auch als Hörspiel-Regisseurin Erfolg hat, wissen hingegen nur wenige. Mit Und was macht das mit Ihnen? (Sprecherin: Karoline Herfurth) gibt die 46-Jährige am 25. Juni nun ihr Debüt beim Marktführer Audible. Ein Gespräch über die Faszination des Hörens, unzumutbare Synchronisationen, Gestikulieren am Mikro und ob sie eher auf Augen oder Ohren verzichten könnte.

Von Jan Freitag

Meike Droste, Sie haben als Schauspielerin bislang weder Serien noch Filme inszeniert, aber schon mehrere Hörbücher und Hörspiele. Was fasziniert sie als Regisseurin so sehr am Akustischen?

Meike Droste: Das hat zunächst mal mit Angebot und Nachfrage zu tun, also was vom Himmel fällt und ob ich es aufhebe. Hinzu kommt, dass ich in meinen Hauptberuf schon sehr oft Hörbücher gesprochen habe, wo es anders als in Hörspielen weder Nebengeräusche noch Musik gibt. Ich mag es einfach, alles allein mit meiner Stimme darstellen zu müssen. Diese fein abgestimmte Konzentration wie jetzt bei Und was macht das mit Ihnen? genieße ich sehr, weiß aber als Sprecherin ebenso wie als Regisseurin genau, wie schwierig es für die Sprecherin…

In diesem Fall Karoline Herfurth.

… ist, ohne das Spiel anderer oder überhaupt äußere Impulse in die richtigen Stimmungskanäle zu finden.

Heißt das, Hörbücher sind anspruchsvoller zu spielen und zu inszenieren als Filme?

Einerseits kommt zum Fehlen der optischen und akustischen Reize noch hinzu, dass man sich ohne Mimik und Gestik, Körperhaltung und den Raum ausdrücken muss, in dem Schauspieler agieren. Andererseits macht es das nicht unbedingt anspruchsvoller, aber schon fokussierter – auch fürs Publikum übrigens, dass nur einen der Sinne nutzen muss.

Was bei der Zuspitzung aufs Sprechen oft passiert, ist eine etwas anstrengende Überbetonung, die auch bei deutscher Synchronisation auffällt. Wie verhindert man es als Sprecherin und Regisseurin, dass das Gesprochene wie Waschmittelwerbung klingt?

Weil ich genau diesen Sound nicht mag, schaue ich Filme und Serien generell lieber im Original. Was aber auch damit zu tun hat, dass es wie der Name schon sagt, nun mal keine Kopie und damit authentischer ist. Als Regisseurin muss ich aber versuchen, die Balance zwischen Ausdrucksstärke und Erzählfluss oder Rhythmus zu finden, in den Sprecherinnen und Sprecher geraten. Bei 30 Stunden Rohmaterial wie hier muss man aber auch berücksichtigen, wie schwierig es ist, die Konzentration permanent hochzuhalten. Da versuche ich dann oft so wenig wie möglich einzugreifen.

Ist da aus Ihrer Sicht beim Schauspiel im Allgemeinen und beim Hörspiel im Besonderen weniger mehr oder darf man mangels anderer Impulse gern etwas überbetonen?

Das klingt jetzt so, als säßen die Leute beim Sprechen von Hörbüchern still auf dem Hocker und lesen ab. Aber wir bewegen uns, gestikulieren, grimassieren, als liefe die Kamera. Und das merkt man der Stimme an.

Heißt das im Umkehrschluss, je weniger Sprechende körperlich agieren, desto mehr Ausdruck legen sie in die Sprache?

Vermutlich schon. Aber manchmal ist mehr gut, manchmal ist weniger gut. Mir persönlich ist es weniger lieber; deshalb gehe ich auch über falsche Aussprache oder Versprecher gerne mal hinweg, weil es organischer, persönlicher, echter klingt.

Unvollkommenheit zulassen also.

Absolut. Die Kunst besteht in der organischen Einheit des Unperfekten mit der Präzision. Danach suche ich aber auch als Schauspielerin.

Sind sie als Teil des Publikums denn eher ein akustischer oder ein visueller Typ?

(überlegt lange) Kommt natürlich sehr aufs Medium an, aber ich bin schon sehr empfindlich für akustische Reize und versuche sie daher, sorgfältig zu dosieren.

Hypothetisch zugespitzt: könnten Sie eher auf Augen oder Ohren verzichten?

Sehr philosophische Frage. Weil das Hören fürs Verstehen des Semantischen aus meiner Sicht wichtiger ist, könnte ich glaube ich eher aufs Sehen verzichten. Aber ich bin so froh, beides zu können. Darf ich bitte beides behalten? (lacht) Gerade als Regisseurin wird es sonst schwer, das große Ganze im Blick zu behalten.

Okay, okay. Dann mit allen Sinnen – wie schafft man genau das, wie hält man die Konzentration hoch?

Indem man zum Beispiel weiß, ein Team um sich herum zu haben, auf dass ich mich verlassen kann. Ich bin überhaupt keine Einzelkämpferin. Und ich genieße es als Regisseurin sehr, zuzuhören und nicht selber zu sprechen. Das empfinde ich mitunter trotz aller Verantwortung fast als entspannend.

Dafür muss man delegieren können und multitaskingtauglich sein.

Oh ja.

Steckt das in Ihrer Persönlichkeitsstruktur oder mussten Sie beides mühsam lernen?

Ach, wir Schauspielerinnen haben anders als Außenstehende schnell meinen ja mehrere Skills anstatt bloß Texte aufsagen zu können: Soziale, psychologische, organisatorische. Es gibt natürlich auch in meiner Branche Inselbegabungen. Aber weil ich mich grundsätzlich als kommunikative Person bezeichnen würde, komme ich mit den Herausforderungen der Regie ganz gut zurecht. Sonst würde ich sie ja nicht machen (lacht).

Könnte es sein, dass Sie sich zulasten des Schauspiels künftig stärker der Inszenierung widmen?

Nee, nee. Ich bin viel zu dankbar, ständig die Perspektiven wechseln zu können, um mich auf eine davon zu beschränken. Deshalb mache ich seit Jahren Autorenlesungen, arbeite mit Orchestern zusammen, drehe Filme, mache Fernsehen, spiele Theater, habe mein eigenes Stück mit vier Frauen gemacht, mit dem wir gerade auf Tour sind. Diese Vielfalt empfinde ich als bereichernd. Neue Dinge zu entdecken, gibt mir die Möglichkeit, an ihnen und mir zu wachsen. Da möchte ich keine missen oder höher gewichten.

Sind solche Hörspiel-Inszenierungen dann trotzdem schon Probebühnen für die künftige Aufgabe, Filme oder Serien zu drehen?

Also Lust hätte ich total, das merke ich aber erst mit zunehmendem Alter. Vor zehn Jahren hätte mich das noch gar nicht gereizt. Da wären wir dann wieder bei Angebot und Nachfrage; wenn da etwas Gutes vom Himmel fällt, greife ich zu.

Dann letzte Frage zu Konzentration und Hören: Sind Sie der Typ Podcast beim Bügeln oder Hinsetzen und Augen zu?

Definitiv letzteres. Falls ich nebenbei zuhöre, egal was, dann nur mit halbem Ohr, also nicht richtig. Multitasking klappt hier nicht, nur hundertprozentige Konzentration auf alles, was dazu gehört. Und Bügeln mache ich eh nicht so gerne.


Wacken: Thomas Jensen & Holger Hübner

Mit Freunden ‘ne geile Zeit verbringen

Als Thomas Jensen und Holger Hübner 1991 auf ihr erstes Open Air veranstalten, ist nicht absehbar, dass 35 Jahre später 80.000 Menschen nach Wacken pilgern. Eine Magenta-Dokumentation zeigt jetzt, wie es so weit kommen konnte. Ein Interview mit den Gründern übers Familienfest auf der Wiese und was das mit beiden heute macht.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Thomas Jensen, Holger Hübner – was ist mit Blick aufs Wacken Open Air surrealer: Dass es demnächst zum 35. Mal stattfindet, dass wieder 85.000 Gäste kommen oder dass ihr noch immer dabei seid?

Thomas Jensen: Alles daran ist absolut gleich surreal. Denn nichts davon war unsere Motivati-on, so ein Festival zu machen. Deshalb empfinden wir es auch als Geschenk, dass wir beide dieses Festival noch immer für so viele Leute machen dürfen. Wobei es ja nur 1993 mal kurz auf der Kippe stand.

Holger Hübner: Da kamen mehrere Tragödien zusammen. Thomas Mutter war gestorben, es gab finanzielle Probleme, wir hatten paar Konzerte vergeigt. Aber auch da sind wir durchgekommen und haben uns voriges Jahr nach 40 Jahren den Traum erfüllt, dass Guns’n’Roses in Wacken spielen. Mehr geht nicht. Deswegen sind wir vor allem dankbar und demütig, dass Wacken ist, was es ist, und wir mit über knapp 60 immer noch dafür brennen sowie uns freuen, Menschen Glücklich zu machen, mit dem was wir tun. Ein Dorf wird zur Marke und Metropole!

Jensen: Für unsere Utopie und ihre Heimat, so groß solche Worte auch klingen. Denn eigentlich steht Wacken für was ganz Kleines: Mit Freunden aus der gleichen Community gemeinsam ‘ne geile Zeit zu verbringen.

Hübner: Wacken ist das kleine gallische Dorf und die Musik, ihre Fans, alles drumherum und genießen unseren Zaubertrank gegen die Welt da draußen.

Bringt der Film von den Beetz-Brüdern dieses Gefühl aus Ihrer Sicht gut auf den Punkt?

Hübner: Auf jeden Fall. 100 Prozent.

Jensen: Schon, weil es ihnen und Regisseurin Cordula Kablitz-Post gelingt, die Masse an Infos so zu extrahieren, dass nicht alles, sondern das Wesentliche drin ist. Uns wär’s definitiv schwerer gefallen, Dinge auszusortieren, die nicht allen so wichtig sind wie uns. Am Ende ist das – um Lemmy Kilmister zu zitieren – nur Rock’n’Roll und keiner stirbt (lacht). Aber ist es auch gutes Entertainment? Ich glaub schon, bin aber auch bisschen nervös, ob das alle so sehen (lacht).

Ist es denn ein Porträt von Wacken oder seiner zwei Gründer?

Jensen: Ach, das lässt sich mittlerweile doch gar nicht mehr trennen. Hübner und Jensen ohne Wacken – das klingt für mich langweilig, gilt aber für die ganze Region. So viel wir beide in der Welt rumreisen: hier, südliches Holstein, liegen unsere Wurzeln, da gehören wir hin.

Hübner: Ich war zwischendurch in Hamburg, bin aber in der Pandemie – back to the roots – zurückgezogen gen Wacken.

Jensen: Du warst aber auch damals ständig hier. Das Festival und uns auseinanderzudividieren, wird schwer – das wusste die Regisseurin Cordula ganz genau. Und trotzdem kommt die Musik nie zu kurz. Das merkt man besonders in den Passagen mit Motörhead und Lemmys Tod – so traurig das alles war.

Was macht es da mit zwei Jungs vom Dorf, wenn sie zu weltbekannten Figuren der Popkultur werden, die Freunde wie Lemmy Kilmister haben?

Hübner: Gar nicht so viel, würde ich sagen. Wir sind eigentlich immer noch zwei Jungs vom Dorf, denn unsere Freunde ordentlich auf die Finger hauen würden, wenn wir uns selber wir Rockstars aufführen. Wir denken immer noch von Fans für Fans! Authentisch, ehrlich und laut!

Jensen: Bei mir hatte es für einen richtigen Rockstar nicht gereicht, aber die Leidenschaft zur Livemusik war und ist immer da. Wir haben das Festival angefangen, dass ja auch damals komplett mit Kumpels aufgebaut wurde. 

Hübner: Von denen viele seit 35 Jahren noch immer unsere Kumpels sind. Und zwar weil wir alle, die und wir, authentisch geblieben sind und mehrfach gemeinsam auf die Fresse gefallen, aber auch immer wieder aufgestanden sind. Klingt abgedroschen, aber so ist es doch. Deshalb erleben wir auch keine Katstrophen, sondern Krisen Herausforderungen und die kann man meistern. Wer schläft verliert!

Jensen: Wer uns am Boden gehalten hat, waren aber auch unsere Familys. Und die Tatsache, dass wir nicht schnell gewachsen sind, sondern organisch, mit zehn steinigen Jahren am Anfang und viel Kampf. Junge Künstler haben ja oft das Problem, zu schnell zu groß zu werden und mit dem Erfolg nicht umgehen zu können.

Aber wie verhindert man trotz langsameren Wachstums, dass Wacken vom Mythos zur Marke wird? Sie haben mittlerweile ja auch einen Finanzinvestor im Boot, der nicht den allerbesten Ruf hat.

Jensen: Ach, wir haben es doch wie in der ganzen Gesellschaft am Ende selbst in der Hand, sich klarzumachen, worum es uns geht? Wir wollen Menschen mit Musik verbinden, fertig. Denn bei uns stehen immer die Band und ihre Fans im Mittelpunkt aller Bemühungen. Wenn was nicht läuft, haben wir uns deshalb nie zwei Bier geschnappt und mal geguckt, sondern angepackt, dass es besser läuft. Denn so sehr wir das lieben, was wir hier machen: am Ende sind wir vor allem Dienstleister zwischen Bands und Publikum.

Hübner: Wichtiger als jeder Investor ist deshalb, dass immer wieder junge Leute mit demselben Mindset dazukommen.

Im Film sagen Sie einmal: Wir haben’s gemacht, als es keiner machen wollte, und wir machen’s auch noch, wenn es keiner mehr machen will. Wer macht’s denn, wenn Sie nicht mehr können – Ihre Kinder?

Jensen: Das hoffen wir natürlich beide. Meine sind aber noch bisschen zu jung. Holgers Tochter geht gerade schon so ein Stück Richtung Musikmanagement, aber wir werden beide sicher nicht unsere Verwandtschaft ins Festival zwängen. Am Ende haben wir schließlich auch jetzt schon ein Team, dass Verantwortung übernimmt. Für die, aber auch für alle Fans, versuchen wir Strukturen zu schaffen, die für die Ewigkeit halten.

Hübner: Damit es mit oder ohne uns immer weitergeht. Wir sind nach all den Jahren demütig genug zu wissen, wie schnell alles vorbei sein kann. Deshalb sind wir letztlich auch schmerz-frei, wer es übernimmt. Hauptsache es geht weiter.

Sind Ihre Kinder denn als Grundvoraussetzung wenigstens Metalheads?

Hübner: Meine Tochter leider nicht, da habe ich offenbar als Vater nicht genug aufgepasst (lacht). Aber sie ist jetzt 26, war schon ab dem frühen Teenagealter auf den Festivals dabei und auch als Kind schon immer präsent. Musikalisch hat es noch nicht wirklich gezündet. 

Jensen: Ach, ich finde es eigentlich ganz gut, dass die Leute heute musikalisch viel toleranter als Holger und ich in unserer Jugend. Die eine meiner Töchter hört eigentlich gar keine Musik, findet aber Organisation interessant und war auch schon ein paarmal mit mir unterwegs. Die andere hat einen sehr breiten Geschmack. Wer weiß, wo der noch hinführt.


Sebastian Koch: Etty bei Arte

Ich habe auch immer wieder weggesehen

In der herausragenden Arte-Serie Etty spielt Sebastian Koch (Foto:xC.xBehringx/xFuturexImagex) einen real existierenden Psychiater, der im nationalsozialistisch besetzten Amsterdam einer nicht näher definierten Gegenwart die Titelfigur therapiert. Ein Gespräch über Fernsehen mit Haltung, den aktuellen Rechtsruck und wie er selbst vor 85 Jahren gehandelt hätte.

Von Jan Freitag

Herr Koch, Hagai Levi überträgt Etty Hillesums Überlebenskämpfe im nationalsozialistisch besetzten Amsterdam auf die Gegenwart, wo Faschisten längst wieder mitregieren. Macht das die Serie von der historischen Fiktion zur Realitätsbeschreibung?

Sebastian Koch: Wenn ich mir Donald Trump, Geert Wilders, oder Victor Orbán in Ungarn, ansehe, sind das Blaupausen der Dreißigerjahre. Und weil der Rechtsruck mittlerweile fast überall spürbar ist, finde ich es bemerkenswert, dass Hagai Levi die Geschichte von damals auf heute überträgt. Wobei „Etty“ in einer abstrakten Gegenwart ohne feste Jahreszahl spielt. Das macht sie zum Platzhalter dafür, dass sich Geschichte eben doch traumatisch wiederholt und wir offensichtlich immer wieder dieselben Fehler machen müssen.

Und, dass Diktaturen überall zu jeder Zeit auf ähnliche Art entstehen?

Das beste Beispiel ist Donald Trump, der langsam, aber stetig Grenze für Grenze überschreitet, statt mit einem Knall die Demokratie zu sprengen. Genau dieses Verhalten führte seinerzeit ja auch zur Appeasement-Politik des Abwartens, da ähnelt 2026 durchaus 1938.

Wird „Etty“ damit automatisch zum Appell, den Anfängen zu wehren?

Zunächst mal wollten wir diese fantastische, emotional kraftvolle Geschichte einer beeindruckenden Frau erzählen. Ihr appellativer Charakter, uns zur faschistischen Bedrohung auch in Deutschland irgendwie verhalten zu müssen, wird darin quasi mitgeliefert. Er ist aber nicht die Intention der Serie. Sie soll keine Warnung in sechs Teilen sein, wirft aber die Frage auf, wo das Menschsein beginnt, und wo es aufhört. Weil Etty Hillersum der Welt den Gefallen getan hat, ihr Leben in Tagebüchern festzuhalten, gibt sie uns die Möglichkeit zu ermessen, wie man wohl selber in so einer Situation gehandelt hätte damals.

Wie hätten Sie denn gehandelt in einem totalitären System, das Wegducken ebenso belohnt wie Mitmachen?

Oh, das ist schwer zu sagen. Aber wirklich aktiv dabei zu sein wie die Judenräte, in die Etty sich hätte retten können, dafür aber andere Juden verraten hätte müssen – ich hoffe sehr, so etwas nicht getan zu haben.

Das hoffen wir vermutlich alle. Aber was würde Ihrem Mindset am Ehesten entsprechen: Mitläufer, Widerstandskämpfer, Emigrant?

Natürlich sähe sich jeder selbst am liebsten als Held. Ich habe im Laufe des Lebens ein paarmal eingegriffen, wenn andere hilflose Menschen bedroht waren, bei Schlägereien zum Beispiel oder verbalen Bedrohungen. Aber sicherlich habe ich auch immer wieder weggesehen. Das ist zu abhängig von Situation und Intuition, um es zu verallgemeinern. Deshalb ist es schwer jemanden dafür zu verurteilen, wenn er passiv geblieben ist. An Revolutionen muss man schon glauben, bevor sie beginnen.

Woran glaubt denn Ihre Figur des Psychologen Julius Spier, der die Hauptfigur Etty im aufkommenden Faschismus therapiert?

An die Wahrheit. Das merkt man in der Szene, als er einem Gestapo-Mann aus der Hand liest und ihm schonungslos sagt, was dort steht, obwohl er dafür umgebracht werden könnte – das ist so ein unerschütterlicher Glaube ins eigene Handeln; beim Gedanken daran kriege ich jetzt noch Gänsehaut. Gleichzeitig geht ihm die Kraft aus, je physischer die Bedrohung in Amsterdam wird. Was aber auch damit zu tun hat, dass er als Psychologe anderen hilft, ins Handeln zu kommen. Der Mann hatte durch jahrelanges Praktizieren sein Ego unter bewundernswerter Kontrolle.

Und das mit der fast schon sprichwörtlichen Ruhe, die viele Ihrer Rollen prägt.

Wobei das Spannendste an jeder ruhigen Rolle doch das Brodeln unter der Oberfläche ist.

Mit Julius Spier füllen Sie ihr deutsches Diktaturen-Portfolio auf. Sie haben von Rudolf Höß und Albert Speer über Graf Stauffenberg oder Georg Dreymann bis zum DDR-Unterhändler Wolfgang Vogel alle Facetten politischer Extreme gespielt…

Andreas Baader nicht zu vergessen.

Stellen Sie lieber Macht oder Ohnmacht dar?

Das klänge so, als würde ich meine Rollen danach aussuchen. Auf ihre Art waren meine Figuren zwar allesamt interessant, aber schon häufiger total narzisstisch besetzte Machtmenschen. Die sind schon spannend zu spielen. Wonach ich wirklich immer suche, sind aber eher Traumata – sei es bei denen, die sie auslösen, oder denen, die darunter leiden. Das Verständnis solcher Verletzungen ist der Schlüssel, um den erwähnten Kreislauf der Geschichte zu unterbrechen. Danach strebe ich auch als Schauspieler.

Allerdings zusehends seltener. Sie drehen gerade kaum mehr als ein Projekt pro Jahr.

Na ja, ich bin jetzt 64 und muss wirklich nicht mehr andauernd in der Welt rumreisen. Es gab eine Zeit Anfang der 2000er, da habe ich extrem viel hintereinanderweg gemacht. So gefragt gewesen zu sein, empfinde ich im Nachhinein auch als Kompliment, aber es muss nicht mehr sein. Und damals hatte ich auch stark das Bedürfnis, von mir als Mensch zu abstrahieren; die meisten meiner Rollen waren kostümiert, also weit weg von mir. Julius Spier ist dagegen näher an mir dran. Viele seiner Sätze und die Methoden, an die er glaubt, sind mir sehr bekannt.

Und trotzdem, oder gerade deswegen war das eine große Herausforderung.

Wie groß war denn die Herausforderung, das physische Wirken dieses Psychiaters wirklich zu durchdringen, statt nur zu verkörpern?

Groß, aber toll. Seine sehr physische, fast erotische Art zu therapieren, wäre unter heutigen Maßstäben nicht mehr möglich.

Und zwar zu Recht!

Dennoch glaube ich felsenfest daran, dass sich viele unserer Neurosen im Körper manifestieren. Gesprächstherapie führen da bei allem Respekt nicht immer zum Kern. Ich habe selber mehrere hinter mir, und erst als es physisch wurde, hat sich wirklich etwas verändert. Deshalb war mir Julius Spier, dessen Methode des Handlesens und Wrestlings ungeheuer physisch, ja geradezu intim ist, so nahe. Die Grenze zwischen Übergriffigkeit und Hilfsbereitschaft mit einer Frau, die seine Tochter sein könnte, war schauspielerisch interessant und anspruchsvoll.


Volker Heise: Schwarzwaldhaus & Tschernobyl

Verzicht klingt so enthaltsam

Fast 40 Jahre später dokumentiert Volker Heise (Foto: Maren Willkomm) in Tschernobyl 86 (ARD-Mediathek) den ersten Super-GAU. Und wie immer, wenn er die Geschichte aufarbeitet, ist das Resultat zugleich faszinierend, irritierend – und absolut ungewöhnlich aufgearbeitet.

Von Jan Freitag

Herr Heise, in Ihrer neuen Dokumentation befassen Sie sich eingehend mit der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl von 1986. Haben Sie da vor ein paar Jahren die HBO-Serie Chernobyl“ gesehen?

Volker Heise: Selbstverständlich. Tolle Serie, gut recherchiert, beeindruckend dargestellt. Hut ab!

Was ist erschütternder: diese Fiktion oder Ihre Dokumentation?

Das Gute an Fiktionen realer Ereignisse ist, dass man sie mit Emotionalität handelnder Charaktere anreichern kann. Das kam der HBO-Serie auch deshalb zugute, weil es von der Realität in den Tagen nach der Katastrophe, aber auch lange danach kaum Bilder aus Tschernobyl gab und man sie inszenieren konnte. Dennoch ist die Wirklichkeit ungleich härter als jede Inszenierung. Mir geht Archivmaterial grundsätzlich näher und erschüttert mich leichter.

Was war denn an Tschernobyl bestürzender: die Katastrophe an sich, das Schicksal der Betroffenen oder die politische Verharmlosung beiderseits des Eisernen Vorhangs?

Das ist schwer zu trennen. Auf der menschlichen Ebene sind die unmittelbaren Schicksale besonders erschütternd. Zum einen die Strahlenopfer, die fürchterlichste Verbrennungen erlitten haben. Zum anderen die Liquidatoren, die bei den Aufräumarbeiten verstrahlt wurden. Insgesamt waren das Tausende von Männern und Frauen, über deren Langzeitfolgen auch im Zuge des Zusammenbruchs der Sowjetunion viel zu wenig bekannt ist. Gerade an der Informationspolitik erkennt man die Dysfunktionalität autoritärer Systeme. Mangels Fehlerkultur und Medientransparenz werden Missstände nicht behoben, sondern verschoben. Deshalb gab es erst zwei Wochen nach der Katastrophe staatsoffizielle Berichte aus Tschernobyl.

Die das Ausmaß obendrein heruntergespielt haben.

Mehr noch: Die Propaganda hat daraus sofort eine Heldenerzählung selbstloser Sowjetbürger im erfolgreichen Kampf gegen eine neue Art von Naturgewalt gemacht.

Im Westen wurde nach zwei Tage von der Havarie berichtet. Was erinnern Sie vom 28. April, als viele Zeitungen den kryptischen Begriff „Super-GAU“ getitelt haben?

Ein sonniger Tag während meines Studiums in Berlin. Ich war mit Freunden am Wannsee und habe abends zum ersten Mal in den Nachrichten von Tschernobyl gehört.

Und Ihre Reaktion?

Schock, Ernüchterung, Hilflosigkeit. Bis dahin haben Experten und Politiker immer gesagt, so ein Unfall könne nie, nie, niemals passieren. Auf diesen Epochenwechsel waren da weder die Menschen noch ihre Institutionen vorbereitet. Während ihn der Osten untern Teppich kehrte, gab Innenminister Friedrich Zimmermann gebetsmühlenartig Entwarnung, man habe die Lage im Griff und so was könne im Westen nicht passieren. Weil Fehler im System der atomaren Energieerzeugung an sich stecken, im Wesen der Technik, und nicht nur in ihrer Kommunikation, glaubte ihm allerdings kaum jemand.

Sie als Politikstudent im linken Berliner Uni-Betrieb vermutlich schon gar nicht.

Natürlich nicht. Ich gehöre zur Generation, die sich mit Atomkraft kritisch auseinandergesetzt hatte. Heute bin ich zwar weniger kategorisch, aber zwei Dinge hat man bis heute eben nicht in der Hand: Die Folgen einer Havarie, wie zuletzt Fukushima zeigte. Und die Endlagerfrage. Beides hat die Bundesregierung seinerzeit konsequent schöngeredet, und bis Tschernobyl haben ihr das auch viele geglaubt. Danach deutlich weniger. Auch, weil sie es kommunikativ überhaupt nicht in den Griff bekommen hat.

Fasziniert Sie dieser Umstand besonders?

Mich fasziniert vor allem die Nähe aller Beteiligten zum Ereignis. Viele solcher Katastrophen bleiben abstrakt, rücken uns nicht auf die Haut. Damals der saure Regen, jetzt der Klimawandel. Die Radioaktivität aus Tschernobyl dagegen schien uns direkt zu bedrohen. Ähnlich war es auch bei Corona. Wenn uns Katastrophen im Alltag spürbar betreffen, nehmen wir sie ernster.

Warum haben Sie zur Vermittlung dieser Kontinuität nur Archivmaterial verwendet, also komplett auf Off-Kommentare und Zeitzeugen verzichtet?

Verzicht klingt so enthaltsam. Die Frage ist, welchen Film man machen will. Wer Ereignisse rekonstruieren und erklären will, ist mit Experten, Zeitzeugen, Kommentaren gut beraten. Mir ging es darum, ein Gefühl für die damalige Zeit zu vermitteln, und mit Archivmaterial erzählt man mit der Vergangenheit und nicht über die Vergangenheit. Ich bin häufig auf der Suche danach, sie anders als durch den Blick von Fachleuten zu erklären. Das ist unmittelbarer.

Macht den Film aber automatisch zu einer Medienanalyse, weil das Material mehrheitlich der damaligen Berichterstattung entstammt.

Meine Filme sind, wie Gladbeck, oft Reflexionen über die Medien, ihren Voyeurismus, Krisenkommunikation generell. Aber eigentlich ist jeder Film bewusst oder unbewusst eine Reflexion übers eigene Medium.

Formate wie Schwarzwaldhaus 1902 oder 24h Berlin haben das Genre dabei revolutioniert. Wieso arbeiten Sie in Tschernobyl 86 vergleichsweise konventionell?

Finden Sie das konventionell? Daniel Lindseys LA 92 über die Unruhen nach den Freisprüchen im Fall Rodney King oder Asif Kapadias Maradona-Porträt arbeiten zwar ausschließlich mit Archivmaterial, das sind aber absolute Ausnahmen. Ich wollte auch keine formale Innovation. Mir ging es darum, was Krisen mit Gesellschaften machen, welche Prozesse sie anstoßen, welche nur beschleunigen, wie Politik darauf Einfluss nimmt. Man sieht im Iran, wie ihr der eigene Einfluss entgleitet, wenn sich Krisen verselbständigen. Das interessiert mich auch an Tschernobyl und war mit Archivmaterial am besten vermittelbar. Und noch was.

Ja?

Weil unsere Medienlandschaft eine ganz andere ist und die Aufmerksamkeitsspanne kürzer, haben es Experimente wie 24h Berlin schwerer. Angesichts all der Krisen fällt es uns ohnehin zusehends schwer, mal innezuhalten und sich auf eine davon zu konzentrieren. Sich obendrein stilistisch auf etwas Neues einzulassen, macht die Sache noch komplizierter. Aber wer sich auf 90 Minuten Tschernobyl einlässt, spürt womöglich, wie die Stimmung in Ost und West zwischen Hysterie und Apathie pendelte. Mich interessiert daran auch, was Angst mit Menschen macht. Ich sehe den Film eher als fernen Spiegel für unsere Gegenwart.

In diesem Fall also: Angst vor der Atomkraft. Darf man ihre Dokumentation demnach als Plädoyer dagegen lesen?

Ich vermeide es generell, meinem Publikum Reaktionsmuster auf den Weg zu geben. Statt für irgendetwas zu plädieren, gebe ich den Zuschauern Anschauungsmaterial für eigene Entscheidungen. Das Prinzip lautet: wenn, dann. Wenn Kernkraft, dann Vorteile, Klimafreundlichkeit zum Beispiel, aber eben auch Risiken: Die Endlagerfrage, die Beschaffungsfrage, die Unfallfrage. Und wo Atomkraftwerke sind, ist auch die Atombombe nicht weit. Wie bei der KI geht es da schlicht um eine Kosten-Nutzen-Rechnung: Wie viel Risiko gehe ich für welchen Fortschritt? Mein Film ist fertig, jetzt seid ihr dran.


Georg Restle: Monitor & Nairobi

Ich gehe aus voller Überzeugung

Nach 30 Jahren Reaktionszugehörigkeit hat Georg Restle zum letzten Mal Monitor moderiert und wechselt ins ARD Studio nach Nairobi. Ein Gespräch über seinen Wechsel, den Schaum vorm Mund der ÖRR-Gegner, werteorientierte Neutralität und was er in seinen Koffer nach Kenia packt.

Von Jan Freitag

Herr Restle, nach 30 Jahren Monitor, die Hälfte davon als Redaktionsleiter, wechseln Sie nach Nairobi. Ist das Abwechslung, Abstellgleis oder nur die berühmte neue Herausforderung?

Georg Restle: Zuallererst ist es die Erfüllung eines großen Wunsches. Ich habe in dieser langen Zeit beim WDR ja mehrfach aus dem Ausland berichtet – als Korrespondent in Moskau, der Ukraine, Warschau, Afrika, auch Nairobi. Die Welt da draußen hat mich neben Monitor schon immer interessiert, deshalb wollte ich unbedingt nochmal länger raus.

Und verlegen folglich Ihren Lebensmittelpunkt vollständig dorthin?

Na sicher, als Korrespondent muss man vor Ort sein, und zwar dauerhaft.

Sie reden nicht viel über Ihr Privatleben, aber lässt sich so ein Ortswechsel gut damit vereinbaren?

(lächelt) Ein Umzug von Köln nach Nairobi ist definitiv mit Komplikationen verbunden, aber das bekomme ich privat wie beruflich schon hin.

Letzteres betrifft nicht nur fast 40 Länder, sondern als „crossmediales Studio“ alle Ausspielwege von digital über linear bis Rundfunk.

Ja, wobei mir die digitalen Ausspielwege besonders am Herzen liegen. Das habe ich auch bei Monitor jahrelang vorangetrieben, wo wir mittlerweile digital first produzieren.

Dann gehen wir doch von der Perspektive in die Retrospektive: Was ist nach einem halben Leben beim ältesten Politikmagazin nach Panorama Ihr Fazit?

Ein einheitliches Fazit fällt schon deshalb schwer, weil meine Anfangszeit – damals noch unter Klaus Bednarz – mit der heutigen kaum vergleichbar ist. Das journalistische Credo ist geblieben, aber das mediale und gesellschaftliche Umfeld hat sich doch sehr verändert.

Letzteres scheint sich seit 9/11 ständig beschleunigt und radikalisiert zu haben. Krisen zum Beispiel wechseln sich nicht ab, sondern überlappen sich, wir erleben einen Rechtsruck, der lange Zeit ausgeschlossen schien. Und dann müssen Sie über alles auch noch unablässig in Echtzeit berichten.

Das ist in der Tat herausfordernd, war es aber früher ja auch. Als ich 1996 bei Monitor angefangen habe, herrschten im Osten noch die Baseballschlägerjahre, und Kriege wie in Jugoslawien oder dem Irak waren mehr als nur Vorboten heutiger Konflikte. Was sich in den letzten 15 Jahren geändert hat, ist die Rezeption der Berichterstattung insbesondere auf den digitalen Plattformen, gepaart mit einer anschwellenden Menschenfeindlichkeit bis in die Mitte der Gesellschaft hinein.

Was auch für die Reaktion auf Monitor gilt, dessen Berichterstattung und Moderatoren besonders hart und laut kritisiert werden.

Die Schärfe der Kritik an uns ist gewachsen. Aber das Magazin wird ja seit seiner Gründung 1965 hart angegangen – auch, weil sich die Redaktion schon immer den Debatten gestellt hat. Als ich angefangen habe, gab es noch eine Sendung Monitor im Kreuzverhör, da kam die Kritik direkt im Anschluss per Telefon. Hinzu kamen oft Hunderte Briefe, die wir als Redakteure in der Regel selber beantwortet haben. Diesen Austausch hat die Digitalisierung nicht nur beschleunigt, sondern auch radikalisiert. Durch die Anonymität sozialer Medien, müssen sich unsere Kritiker den Schaum vorm Mund nicht mehr abwischen.

Was bei Ihnen kurz vor Corona erstmals zu Morddrohungen führte.

Das hatte aber nichts mit Corona zu tun, sondern einem Kommentar in den „Tagesthemen“, in dem ich die AfD als parlamentarischen Arm des organisierten Rechtsextremismus bezeichnet hatte. Morddrohungen gab es aber auch danach immer wieder. Es wäre gelogen zu behaupten, dass man sich daran gewöhnt. Wir bei Monitor dienen halt als Angriffsflächen all jener, die das System im Allgemeinen und die Öffentlich-Rechtlichen im Besonderen abschaffen wollen. Von der anderen Seite der Brandmauer kommt da schon eine ganz andere Wucht als vor 20 Jahren auf uns zu. Wir stehen einfach auch persönlich stärker im Fokus der Angriffe. Vieles davon würde ich schon als digitale Gewalt beschreiben.

Heißt das, während der junge Georg Restle vor allem journalistische Skills brauchte, benötigt der alte auch kommunikative und obendrein ein dickeres Fell?

Die Bedeutung präziser Recherche ist gleichgeblieben, während das Tempo, in dem wir uns Kritik stellen müssen, zugenommen hat. Und weil diese Kritik – auch mir persönlich gegenüber – unverschämter, bodenloser, kampagnenartiger geworden ist, erfordert es womöglich ein dickeres Fell als früher. Es sollte allerdings nicht so dick sein, dass ich keine Emotionen mehr an mich ranlasse.

Also dickes Fell, aber kein Panzer?

Genau. Journalistisches Handwerk ist unerlässlich, Menschenfreundlichkeit aber auch. Und die will ich mir bewahren.

Können Sie jungen Leuten angesichts dieser Anforderungen da noch leichten Herzens diesen Beruf empfehlen?

Wir bilden bei Monitor viele junge Leute aus. Da stehe ich fast wöchentlich vor der Frage, diese Empfehlung auszusprechen oder nicht. Wenn mir jemand glaubhaft versichert, den Beruf wirklich mit Leidenschaft ausüben zu wollen, ermutige ich in der Regel dazu, auch weil dieses Land dringend gute und engagierte Journalistinnen und Journalisten braucht. Trotz Influencer-Unwesen und Zeitungssterben bleibt es ein toller Job, bei dem man in der Welt rumkommt und in Geschichten eintaucht, die einem sonst verborgen bleiben. Der Bedarf nach seriöser Berichterstattung nimmt ja eher zu.

Heißt „seriös“ bei Ihnen haltungs- und wertegetrieben?

Im Gegenteil: Man sollte sich als Journalist niemals von irgendwas treiben lassen, schon gar nicht von Gesinnungen. Ich stehe allerdings für einen werteorientierten Journalismus gerade im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der seine journalistische Haltung nicht verstecken muss – sofern sie auf recherchierten Fakten basiert und transparent gemacht wird. Ohne Haltung wären wir keine Journalisten, sondern Maschinen.

Beinhaltet diese Haltung gegebenenfalls politische Richtungen, also links oder rechts?

Sie fragen vermutlich, weil wir oft als linkes Magazin bezeichnet werden. Mit solchen Zuordnungen kann ich wenig anfangen; wir vertreten keine Parteipositionen, und ich selbst bin auch kein Mitglied einer Partei. Meine Werte, die mich auch journalistisch leiten, Freiheitsrechte einer pluralistischen Demokratie oder die Menschenwürde etwa, haben mit rechts oder links erstmal wenig zu tun. Und Ideologien, die das Denken einmauern, sind mir seit jeher fremd. Ich bin wie all meine Vorgänger und Vorgängerinnen bei Monitor von einem tiefen, unideologischen Humanismus geprägt.

Bedingt dieser Humanismus berufsethisch so etwas wie Neutralität oder nur Objektivität und Überparteilichkeit?

Kein Mensch ist neutral. Wer denkt, es ließe sich neutral über Dinge berichten, hat weder Ahnung von Menschen noch von Wahrhaftigkeit. Aber klar: Wir sollten immer unvoreingenommen und ergebnisoffen an Themen herangehen. Und bitte immer neugierig bleiben.

Aber wie kam es dann zum jahrzehntelangen Vorwurf, Monitor sei wie der WDR links und damit auch all seine Mitarbeitenden, also Sie?

Ich entstamme einem katholischen Umfeld, habe als Jurist unsere Verfassung schätzen gelernt und mich durch die Beschäftigung mit der deutschen Geschichte früh als Antifaschist begriffen. Offenbar gilt man als Verfechter solcher Werte heute schon als links. Wenn Konservative Kritik an ihrer Politik als links etikettieren, ist das eben Teil eines Geschäfts, da bleibe ich gelassen. Zumal wir auch von linker Seite mitunter als zu rechts kritisiert werden, etwa in unserer Ukraine-Berichterstattung.

Wobei rechte Haltungen bei ARD und ZDF als unterrepräsentiert gelten.

Ich kann nirgends erkennen, dass wir Meinungen, die auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung stehen, nicht repräsentieren. Da sollte man den Kampagnen vom rechten Rand nicht auf den Leim gehen.

Im Herbst kommt dieser rechte Rand erstmals seit 1945 womöglich wieder an eine deutsche Regierung. Bräuchte es den werteorientierten Restle nicht eher hier als in Kenia?

Wie vermessen wäre es denn bitte, wenn ich mich für so unersetzbar hielte?! Ich habe größtes Vertrauen, dass es beim WDR und anderen Medien genügend Kolleginnen und Kollegen gibt, die ihre Finger in die Wunde legen. Und das Team von Monitor bleibt ja hoffentlich bestehen.

Aber juckt es Sie nicht gerade in Ausnahmesituationen, darüber zu berichten?

Ich bin ja nicht aus der Welt und werde alle Entwicklungen auch von Nairobi aus beobachten. Und mit 60 Jahren reizt es mich, nochmal einen anderen, weniger eurozentrischen Blick auf die Welt einzunehmen. Zumal unser Rassismus jede Menge damit zu tun hat, wie wenig wir über Kulturkreise wissen, aus denen viele zu uns kommen. Dass manche meinen, ich würde nach Nairobi strafversetzt, könnte man übrigens als Ausdruck eines neokolonialistischen Rassismus sehen. Nein, ich gehe aus voller Überzeugung sehr gerne dorthin.

Und was packen Sie im Juni – unabhängig von Wechselwäsche – in Ihren Koffer?

Erstmal eine riesige Landkarte. Bei fast 40 Ländern, über die ich künftig berichten werde, verliert man sonst schnell mal den Überblick.

Und etwas Persönliches?

Jede Menge – und na ja, vielleicht meinen Wimpel vom SC Freiburg.