Christian Friedel: Babylon & Parfum

Meine Musik ist persönlicher

Der Schauspieler Christian Friedel (Foto: Jakub Bejnarowicz/ZDF) brilliert nicht nur mit seiner leicht gehetzten Intensität, er ist auch als Musiker recht erfolgreich. Zuletzt (und weiterhin in der ZDF-Mediathek) war er in der ersten großen Eigenproduktion von Neo als Hauptfigur der Roman-Adaption Parfum zu sehen. Ein Gespräch mit dem 39-jährigen Magdeburger über Spätstarter, verschrobene Figuren und wofür er sogar in die Muckibude ginge.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Friedel, wenn Sie sich aussuchen dürften, worum es im Interview geht – wäre das die neue Platte ihrer Band Woods of Birnam oder der ZDF-Mehrteiler Parfum?

Christian Friedel: Oh, böse Frage… Weil es vom künstlerischen Ausdruck her etwas äußerst Persönliches ist, würde ich dem Album kurz Vorrang geben. Seine Serienfigur über so lange Zeit entwickeln zu dürfen, macht natürlich auch Parfum zum tollen Gesprächsthema. Aber das Album liegt mir zurzeit noch mehr am Herzen.

Weil Sie es als Kopf der Band selber verantworten?

Schon. Aber obwohl ich die Songs meist mit meinem Gitarristen schreibe, sehe ich uns unbedingt als Kollektiv; sonst hießen wir ja Christian Friedel & Band oder so. Dennoch kann ich beim Film mehr Entscheidungen abgeben. Die Figur und wie ich sie spiele, ist abhängig davon, wie der Autor sie ins Buch geschrieben und der Regisseur sie umgesetzt sehen möchte. Meine Musik ist definitiv persönlicher.

Was soweit geht, dass Sie vor fünf Jahren ihr Engagement am Dresdner Staatstheater zugunsten der Musik beendet haben?

Schon. Aber die Bühne hat auch meine Filmarbeit beeinträchtigt. So sehr ich das Theater liebe, konnte ich mich im starren Konstrukt fester Spielpläne nicht so vielfältig ausdrücken, wie ich es wollte. Trotzdem mache ich damit weiter, zuletzt auch als Regisseurin Göttingen.

Hätte ein zeit- und kostenaufwändiges Projekt wie sechs Stunden Parfum denn den Vorzug erhalten, wenn es mit Theater oder Musik kollidiert wäre?

Wenn mich ein Projekt wirklich packt, krieg ich‘s im Zweifel irgendwie hin, es mit anderen zu koordinieren. Als ich Das weiße Band gedreht habe, war mir klar, bis zur Vertragsauflösung am Theater darum zu kämpfen. Ich setze daher manchmal Prioritäten gegen oder für das eine oder andere. Meine Jungs in der Band wissen das; wir haben sogar beim Abschlussfest der Dreharbeiten zu Parfum gespielt.

Was hat die mehrmonatige Arbeit daran so spannend gemacht?

Die Charaktere, ihre Vergangenheiten und Geheimnisse. Man merkt, dass sie jemand ersonnen hat, der sich mit der menschlichen Psyche auskennt. Das geht weit über die übliche Frage des whodunnit hinaus. Auch wenn ich einzelne Szenen beim Lesen schwach fand, hat mich das Gesamte immer mehr hineingezogen. Und Philipp Kadelbach hat das so umgesetzt, dass dieser Sog am Bildschirm erhalten bleibt.

Wenn Sie sich den Charakter darin selbst hätten aussuchen dürfen – wäre die Wahl auf den verschrobenen Außenseiter Daniel Sluiter gefallen?

Absolut! Ich verwandle mich lieber in skurrile Figurenwie diese mit den falschen Zähnen. August Diehls Rolle des Parfümeurs fand ich auch spannend, aber die arme Seele mit dem versteckten, unfreiwilligen Humor liegt mir definitiv mehr.

Ist es also eine Typfrage, dass sie oft so verhuschte, leicht fiebrige Figuren wie Georg Elser spielen, oder bietet man Ihnen auch gar nichts anderes an?

Ich bin sehr froh über das breite Spektrum was man mir anbietet und bislang kein Schauspieler, den man sofort mit einer bestimmten Sorte Film oder Figur verbindet. Bei Babylon Berlin wurde ich gleich für zwei Rollen gecastet. Man wollte mich dabeihaben, war sich aber noch nicht sicher für welchen Part. Es wurde der Fotograf und so wie es jetzt mit ihm weitergeht, regt es meine Spiellust ungeheuer an.

Sie sind relativ spät zum Film gekommen sind.

Definitiv. Wenn Michael Haneke nicht mit Das weiße Band auf mich zugekommen wäre, würde ich hier vermutlich nicht sitzen– zumindest nicht mit einer Hauptrollen wie jetzt. Das ich die nun bekomme, macht mich sehr dankbar. Umso mehr hoffe ich, dass die Produzenten und Caster den Blick weiter in die Branche schweifen lassen. Da gibt es so viele unentdeckte Perlen, die wegen der deutschen Krankheit, oftmals dieselben Gesichter zu besetzen, im Verborgenen bleiben.

Ist es eine bewusste Entscheidung Ihrerseits, relativ wenige Filme zu drehen oder hat es damit zu tun, dass Sie trotz allem noch immer zu diesen Perlen im Verborgenen zählen?

Vermutlich beides. Ich war von der Qualität des Weißen Bands so verwöhnt, dass es mir schwerfiel, neue Rollen zu finden. Zum Glück meinten einige Kollegen zu mir, das sei eine Ausnahme gewesen, daran solle ich nicht alles messen. Ich bin weit weg von einem Star.

Könnte die erste Serie Ihrer Karriere daran etwas ändern?

Theoretisch schon – zumal im Fernsehen, dem ich lang kritisch gegenüberstand. Dann aber kam mein erster Fernsehfilm zur Odenwaldschule…

Die Auserwählten.

Mit Uli Tukur, Julia Jentsch, spannend umgesetzt von Christoph Röhl. Meine Rolle darin war zwar unangenehm, schauspielerisch aber ungemein herausfordernd. Da dachte ich mir: wenn so was kommt, bin ich auch künftig nicht abgeneigt. Und dass dem neuen Sehverhalten jetzt auch in Deutschland Rechnung getragen wird und hochwertige Serien entstehen, betrachte ich als große Chance.

Ist Parfum da noch Ausnahme oder schon Regel?

Irgendwas dazwischen, der Stoff lässt sich über eine Staffel hinweg weiterdenken. Bad Banks zum Beispiel ist auch großartig! Dark hat einen Sog auf internationalem Niveau entwickelt und Babylon Berlin ist sowieso unvergleichlich gut, ein Geschenk dabei sein zu können. Es gibt sehr ambitionierte Autoren, Regisseure und Projekte, die einen Fokus verdienen. Alles, was wir brauchen, ist ein bisschen mehr Mut.

Darf es demnach bei Ihrer nächsten Serie ein Charakter mit mehr Sexappeal sein?

Natürlich. Einen verkopften Romeo mit unterschwelligem Humor, also dafür geh ich sogar in die Muckibude.

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ZDF-Weihnachtsmehrteiler: Timm & Anna

Patricks Werk und Josefs Beitrag

Ein kurzes, lange Jahrzehnt waren die Weihnachtsmehrteiler im Zweiten fester Bestandteil der Festtage vor Silvester. Ein halbes Menschenleben nach Timm Thaler, dessen Remake an den Feiertagen im ZDF lief, passt das Format schon längst nicht mehr zu den Sehgewohnheiten der Generation Internet. Doch warum nur? Eine Spurensuche. 

Von Jan Freitag

Man muss sich Patrick Bach als glücklichen Mann vorstellen. 25 Jahre nach seiner allergrößten Rolle, sitzt er in einem Luxushotel am Rande seiner Heimatstadt Hamburg und blickt mit fideler Gelassenheit auf das zurück, was gleichsam Bonus und Ballast jeder Schauspielkarriere sein kann: den Weihnachtsmehrteiler im ZDF, ein bundesrepublikanisches Lagerfeuer von maximaler Behaglichkeit. Die Frohnatur mit der markanten Zahnlücke hat es zwar nicht entzündet; doch als der kleine Patrick 1981 den Zirkusjungen Silas spielte und im Jahr darauf die Vollwaise Jack Holborn, befand sich das Leitmedium auf dem Höhepunkt gesellschaftlicher Bindungskraft.

Und nun also, es ist die Zeit des Sommermärchens, erzählt der Familienvater von seinem Durchbruch und was danach noch kam. Obwohl das meiste davon eher leichte Kost war, er selbst sagt offenherzig „sogar seicht“, obwohl seine Anschlusskarriere eher „Traumschiffe“ als „Tatorte“ aufweist, obwohl es beruflich gesehen bis heute leicht, aber stetig bergab geht, analysiert der große Bach ein Lebenswerk in fast meditativer Seelenruhe. Warum auch nicht? Der Familienvater zeigt sein junges altes Silas-Lächeln: „Ich hab ja kein Problem damit, ein Kinderstar gewesen zu sein.“

Gewesen, grammatikalisch Perfekt, irgendwie von gestern: Patrick Bachs Erinnerung an eine Institution des Kinderprogramms sagt viel aus übers Leitmedium früherer Tage. Denn wenn das ZDF am Mittwoch zur besten Lagerfeuerzeit ein Remake der ersten Weihnachtsserie zeigt, fährt nicht nur Fortysomethings Nostalgie ins Gemüt. 1979 – Telefone hatten noch Wählscheiben und Bundeskanzler Schmidts Schnauze – verkaufte der herzliche Timm Thaler dem herzlosen Baron Lefeut nach James Krüss‘ Jugendroman sein ansteckendes Lachen. Dafür gewann er vom 25. Dezember bis Ferienende täglich im ZDF jede Wette, bis ihm nach zwölf Folgen Kampf ums alte Glück am 5. Januar der Gedanke kam, ums alte Gelächter zu wetten. Kluger Junge.

So ähnlich endet auch Andreas Dresens Neuverfilmung. Bis dahin jedoch ist alles ein wenig anders als im Original der öffentlich-rechtlichen Monopolphase. Bunter, schriller, ulkiger, eben zeitgemäßer. Tims Gegner ist kein beigegrauer Horst Frank, sondern der karnevalistische Justus von Dohnányi, es gibt von Król und Uhl bis Hübner und Haberlandt ein Dutzend Superstars, dazu sprechende Ratten und reichlich Brimborium, also wenig, was Timm 37 Jahre zuvor ausgemacht hat: eine ruhige, ja träge Ereignislosigkeit, mit der man heute kein Kind mehr hinter der Spielkonsole hervorlockt.

Und so ging es weiter. Reihe für Reihe, Jahr für Jahr. In der anschließenden Lindgren-Adaption, die zehn Teile von wenig mehr als der kleinen Schwedin Madita (Jonna Liljendahl) beim Spielen handelt, bis Else Urys Nesthäkchen, das die Geschichte des bürgerlich-preußischen Fin de Siècle 1983 sechs Episoden lang in Weichzeichner tauchen durfte. Zwischendurch sorgten Patrick Bachs nostalgische Zeitreisen zwar bei (wilden) Jungs wie (verliebten) Mädchen für Hormon-Schübe.

Wer sich die Serien allerdings periodisch bei ZDFneo oder ständig auf YouTube ansieht, muss zugeben: Für superRTL-, gar internetgeschulte Sehgewohnheiten der Zielgruppe unter 16 wirken Inhalt, Tempo, Tonfall, Ausstattung eher sedierend als unterhaltsam. Und weil sich mit dem Anspruchsdenken das Freizeitverhalten gewandelt hat, passt die lineare Programmierung auch strukturell nicht mehr zur digital eingeborenen Generation Y bis Z. Jeden Tag zur selben Zeit vorm Fernseher sitzen, der womöglich nicht mal smart ist – what the…?!

Dass Weihnachtsmehrteiler so anachronistisch sind, ist aber trotzdem kein Phänomen des neuen Jahrtausends. Von 17 Ausgaben haben es schließlich nur einige der ersten Hälfte ins kollektive Gedächtnis geschafft – allen voran der sanft beschleunigte Biotechagententhriller Patrik Pacard. Dessen Darsteller Hendrik Martz war 1984 allerdings schon ausgewachsene 16 Jahre alt. Auch deshalb konnte der blonde Hamburger von den Wicherts von nebenan über den Woyzeck an der Berliner Vaganten Bühne bis hin zum Dozenten diverser Schauspielschulen eine respektable Anschlusskarriere hinlegen.

Davon konnten seine Nachfolger allenfalls träumen. Der Violinist Josef Gröbmayr (Oliver Maas) blieb ebenso wie der Italiener Guido Cella (Mino) ein One-Hit-Wonder des Massenfernsehens – von Alexandra Henkel, Leandro Blanco, Coco Winkelmann oder Norman Nitzel ganz zu schweigen, dessen Abschlussreihe namens Frankie 1995 bereits weit unter der Wahrnehmungsschwelle des Feuilletons lief. Nur eine Titelheldin brachte es wirklich noch zu nachhaltiger Berühmtheit: Silvia Seidel.

Ihre Nachwuchsballerina Anna erreichte 1987 – mit Patrick Bach als gehbehinderter Kumpel Rainer – geradezu Kultstatus. Ihretwegen, meint der Shootingstar Alicia von Rittberg (Charité), „wollte ich Balletttänzerin werden“. Ihretwegen gab es aber auch Homestorys in der Bravo, Märchenstunden in der Regenbogen-Presse und ein erfolgreiches Kino-Spinoff. Was es nicht gab: nachhaltigen Erfolg. Denn wie so viele ihrer Ahnen im Pantheon der Weihnachtsserien, endete auch die Münchnerin im Flachwasser von Seifenopern, Boulevardtheater und Panelshows.

Silvia Seidels Suizid mit gerade mal 42 Jahren mag privatere Gründe haben; dass nach ihrer Paraderolle auch der ZDF-Mehrteiler zum Christfest verging, fügt sich auf tragische Art ins Bild eines Formats, das in der Vergangenheit stecken geblieben ist. Patrick Bach war übrigens zuletzt bei Cobra 11 im Einsatz. Könnte schlimmer kommen. Besser aber auch.


Nadine Bilke: ZDFneo & Digitalkonkurrenz

Natürlich mag ich Böhmermann

Fürs Fernsehen ist Nadine Bilke (Foto: Dirk Ueberle/ZDF) vergleichsweise jung. So jung sogar, dass die wichtigste Onlinerin des ZDF nun als Senderchefin den liebenswerten Spartenkanal Neo verantwortet. Ein Gespräch über die ersten drei Monate im Amt, Lebensanstellungen, Experimentierfreude, Stammzuschauer und wie man für alle Generationen gutes Fernsehprogramm im Kampf mit Streamingdiensten macht.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Bilke, wenn Sie die Zahl von 370.000 Zuschauern betrachten – sind das aus Ihrer Sicht viele oder wenige?

Nadine Bilke: So pauschal lässt sich das unmöglich sagen. Da kommt es ganz darauf an, von welchen Formaten wir reden, weil die im Zweifel sehr unterschiedlich mit sehr unterschiedlichen Ausrichtungen sind. Außerdem kenne ich meist eher prozentuelle Anteile als absolute Zahlen. Wer hatte denn die 370.000 Zuschauer?

Laut offizieller Quotenmessung der mutmaßlich kreativste, witzigste, klügste, wichtigste, also beste Moderator des deutschen Fernsehens: Jan Böhmermann.

Schön, dass Sie Fan sind. Wichtig an dieser Zahl ist allerdings, dass seine gestrige Sendung eine Sonderausgabe mit sehr persönlichem Angang war. Die reguläre Ausgabe vom Neo Magazin Royale schafft es ja schon oft über die drei-Prozent-Marke, also deutlich mehr als die 370.000 von gestern.

Warum waren die dennoch nur ein Bruchteil jener 5,2 Millionen Zuschauer, die zwei Stunden zuvor bei der Seifenoper Lena Lorenz im Hauptprogramm des ZDF dabei waren?

Da vergleichen Sie jetzt Dinge miteinander, die ich gar nicht so in Gegensatz zueinander stellen würde, sondern in Ergänzung. Noch vor drei Monaten habe ich ja für die Mediathek gearbeitet; da lernt man ein starkes Portfolio-Denken fürs gesamte ZDF, also verschiedene Zielgruppen in verschiedenen Formten mit unterschiedlichen Köpfen auf unterschiedlichen Plattformen mit unterschiedlichen Logiken zu betrachten. Das Neo Magazin Royale ist eine dezidiert crossmediale Marke, wohingegen Lena Lorenz eine genuine Primetime-Entwicklung ist. Das ZDF braucht beides.

Sie schauen also gar nicht neidisch auf die Topquoten von Sendungen, die aus feuilletonistischer Sicht nicht das Niveau von Jan Böhmermann erreichen?

Nein, zumal ich keine Qualitätsdiskussion führen möchte in einer Senderfamilie, die so verschiedenartige Geschmäcker und Bedürfnisse bedient. Auch Lena Lorenz behandelt durchaus moderne Familiensettings, nur in einer anderen Tonalität und Erzählweise. Natürlich mag ich Jan Böhmermann total gern, das war quasi die Einstellungsvoraussetzung für meinen Job bei ZDFneo. Aber ich finde es auch mehr als okay, sich unseren gesellschaftlich relevanten Themen auf leichter unterhaltsamere Art ansprechen zu lassen. Fernsehen darf ruhig auch einen Entspannungsmoment haben, und ich kriege trotzdem was mit übers richtige Leben.

Welchen Einfluss haben Sie denn nach den ersten 100 Tagen im Amt darauf, wie entspannend die Unterhaltung bei Neo sein darf?

Ich habe mir parallel zum Einstieg ins laufende Geschäft natürlich von Beginn an Gedanken über Strategien und Inhalte gemacht, um genreübergreifend alles einschätzen und von Show über Factual bis Fiction Einfluss nehmen zu können. Was wir jetzt gemeinsam anschieben, braucht natürlich oft noch ein bisschen. Aber währenddessen beschäftige ich mich die ganze Zeit auch damit, was Neo in den nächsten drei Jahren erreichen will.

Und das wäre?

Wenn ich mir ansehe, dass die europäische Koproduktion Greyzone zurzeit stolze 2,7 Millionen Sichtungen hat, erhoffe ich mir davon, dass es möglichst viele davon neugierig macht auf das, was Neo sonst noch so Cooles für jene Altersgruppen bietet, die wir innerhalb der Sendergruppe erreichen wollen. Ohne andere abzuschrecken, zielen fast alle Eigenentwicklungen, aber auch viele Lizenzprodukte von Neo auf die Zielgruppe 25 bis 49 Jahre.

Bislang unterscheidet sich das Durchschnittsalter der Neo-Zuschauer allerdings weitaus geringer von dem des überalterten ZDF-Publikums als ursprünglich geplant, und eher traditionelles Fernsehen wie Inspector Barneby erzielt verlässlich die besten Einschaltquoten…

Da muss man stark zwischen linear, etwa Wilsberg, und digital, zum Beispiel den Blockbustaz unterscheiden. Aber selbst ein Format wie Bares für Rares, wo die Leute häufig „Trödel“ mit „alt“ assoziieren, hat viele Fans unter 05, sogar 30 Jahren, erreicht also durchaus auch Jüngere. Meine Hoffnung ist die permanente Wechselwirkung zwischen traditionellem und experimentellem Programm.

Gibt es dennoch auch den Bedarf nach echten Kurskorrekturen ihrer beiden Vorgänger Norbert Himmler und Simone Emmelius?

Neo spielt innerhalb der Senderfamilie von Beginn an die Rolle des Innovators, der bislang rund 100 Formate eigenproduziert hat. Da gibt es naturgemäß welche, die nicht funktioniert haben. Fiction dagegen, wo Neo erst seit rund einem Jahr richtig aktiv ist, probiert enorm viel aus und ist damit teils sehr erfolgreich. Das zu vertiefen, nenne ich aber nicht Kurskorrektur, sondern Fokussierung. Gleiches gilt für Shows oder Social Factual, wo wir mit No More Boys And Girls gerade ein gesellschaftlich relevantes Format über Geschlechterstereotype im Kinderzimmer gestartet haben. Ein Strang wie die Musik hingegen ist schon vor meiner Zeit ins Leere gelaufen, den werde ich nicht wiederbeleben.

Schade eigentlich. Ihre Kernzielgruppe, die ja noch mit Viva und MTV aufgewachsen ist, hatte sich genau das von Neo erhofft. Woran ist das Genre gescheitert?

Gescheitert ist es nicht. Auf ZDFkultur behält Musik zumindest online weiter seinen Raum. Und einzelne Farbe wie HipHop werden im Neo Magazin Royale oder bei den Blockbustaz weiter gut bedient, was besonders in der Mediathek goutiert wird. Der Strang ist also nicht abgeschnitten, geht aber in seiner Reinform eines Musik-Magazins auf Neo erst mal nicht weiter.

Weil die Quote nicht stimmte oder der Inhalt?

Am Ende ist es natürlich so, dass sich Neo fokussieren muss. Und glauben Sie mir: wir sind hier alle mit so viel Spaß und Leidenschaft bei der Sache, dass wir 1000 andere Ideen noch hätten, um andere Stränge weiter zu verfolgen. Aber wir können nicht alles machen. Leider.

Aber nochmals: Macht der Sender quantitative Vorgaben gewünschter Zuschauerzahlen?

Ach, die machen wir uns doch schon selber. Denn die große Strategische Antwort lautet immer, dass man sich von dem, was unsere Zuschauer wollen, nicht komplett freimachen kann und will. Wir wollen die Menschen erreichen, schon weil sie auch für unser Angebot Rundfunkgebühr bezahlen. Sicherlich lösen eigenproduzierte Sitcoms wie Tanken kein Massenphänomen aus, sprechen aber eine kleine, spannende Zielgruppe an und sorgen so für Bindekraft in alle Schichten. Es geht darum, wo wir auch in Ergänzung des gesamten ZDF-Portfolios qualitativ ansprechend die Zuspitzung auf bestimmte Zuschauer vornehmen.

Und qualitativ?

Erwartet das ZDF von uns ganz gewiss einen crossmedialen Ansatz, also Show in Verbindung mit Information, gern in Erstentwicklung zu Themenkomplexen wie Familie und Kindern mit den entsprechenden Moderatoren wie Collien Ulmen-Fernandes. Das betrifft unsere Zielgruppe ja sehr unmittelbar.

Einer Generation, die zwar noch nicht richtig zu den digital natives zählt, aber schon sehr natürlich mit dem Internet umgeht.

Absolut.

Sie haben zuvor 16 Jahre in der Hauptredaktion Neue Medien gearbeitet, davon acht Jahre als Chefin vom Dienst. Kann man also davon ausgehen, dass Ihnen die Digitalstrategie ihres Senders besonders am Herzen liegt?

Unbedingt sogar.

Worin äußert sich das?

Das ich bei jeder, wirklich jeder strategischen Überlegung die Online-Ebene mit im Kopf habe. Jetzt muss man dazu sagen, dass ich auch schon in meiner alten Funktion – oft in Zusammenarbeit mit Neo – viel mit dem digitalen Bereich zu tun hatte und muss daher jetzt ebenso wenig das strategische Online-Denken erfinden wie Neo umgekehrt durch mich. Das Internet und insbesondere Social Media gehören hier seit jeher zur DNA.

Worin äußert sich das?

Unter anderem darin, dass Neo seine Serien seit jeher zum Binge-Watching bereitstellt, um sie – abgesehen von Jugendschutzgrenzen – gucken kann, wann und wo man will. Neo heißt Freiheit beim Medienkonsum. Das zeigt sich dann auch darin, dass wir bei jedem Show- oder Factual-Format vorab genau drüber nachdenken, wie und wo es die Leute zum Diskutieren bringt. Eignet es sich für Instagram oder Facebook? Spricht es Jugendliche an? All so was. Und natürlich blicke ich sehr genau auf die medienrechtlichen Veränderungen im kommenden Jahr und was das für Medien heißt.

Aber wie schafft es das Fernsehen bei dieser multimedialen Ausspielung, dass sich lineares und abrufbares Programm nicht gegenseitig kannibalisiert?

Diese Diskussion haben wir auch in meinem alten Job schon mit dem Ergebnis geführt: Es passiert einfach nicht. Um zu wissen, in welche Richtung sich diese extrem dynamische Branche entwickelt, bräuchte man zwar den Blick Glaskugel. Bislang aber deutet nichts auf diese Kannibalisierung hin. Meiner Meinung nach bleibt das lineare Nutzungsverhalten langfristig relevant für ein Publikum, das sich zwischen mehreren kuratierten Angeboten entscheiden will und kann. Momentan herrscht eher gegenseitige Aufmerksamkeit beider Sphären füreinander.

Kann es dennoch sein, dass ein Sender wie Neo, dessen Publikum sehr selbstverständlich mit Neuen Medien umgeht, irgendwann mal komplett ins Netz geht, also das starre Programmschema aufgibt?

Legen Sie mich bitte nicht auf die Ewigkeit fest, aber ich vermute sehr, dass die rocket science der Medienlandschaft künftig sein wird, mit allerlei Mischmodellen zu spielen, die einander ergänzen, nicht ersetzen. Denn Streaming-Portale haben aus meiner Sicht einen strukturellen Nachteil: Die ZDF-Familie hat ebenso wie andere Sender nämlich die Möglichkeit, smarte Publikationspläne für alle Zielgruppen zu erdenken; das können Netflix und Amazon mangels linearer Plattform nicht.

Dann gehen wir in der Eskalationsspirale einen Schritt zurück und fragen, ob Mediatheken-Zugriffe die Einschaltquote mittelfristig als Leitwährung ablösen?

Will ich nicht ausschließen, deutet sich aber nicht an.

Gab es bei Neo schon mal eine Sendung mit höherer Click-Zahl als Quote?

Wenn wir nur die Erstausstrahlung des Neo Magazin Royale auf Neo betrachten, kann das mal sein; aber die Sendung wird ja linear wiederholt und läuft zusätzlich noch im ZDF. Zusammengenommen liegt linear da immer noch vorn. Und daran wird sich unter meiner Führung jetzt auch nichts Gravierendes ändern.

Als Sie diese Führung übernommen haben, waren Sie mit 43 zehn Jahre jünger als Ihre Vorgängerin Simone Emmelius bei Amtsantritt. Kann man da von einem Generationenwechsel sprechen?

Puh. Es ist natürlich immer was dran, weil die Medienentwicklung so rasant verläuft, dass ein paar Jahre Altersunterschied in der Nutzung schon viel ausmachen können. Ich tue mich allerdings deshalb ein wenig schwer mit dem Begriff Generationenwechsel, weil ich mit Simone Emmelius auch vorher schon oft zusammengearbeitet habe und weiß, dass sie auch ohne meinen sehr digitalen Berufshintergrund voll drinsteckte in dem Thema. Dass die Online-Frau von der ZDF-Mediathek nun Senderchefin wird, ist aber schon ein Statement.

Wie viel hat Veränderung denn überhaupt mit dem Alter zu tun?

Sie hat damit zu tun, aber nur dann, wenn sich alle Lebenswelten der Zuschauer auch in den Altersgruppen der Verantwortlichen wiederspiegeln. Weil man diverse Fähigkeiten an verschiedenen Punkten der eigenen Entwicklung erwirbt, halte ich Homogenität hier eher für kontraproduktiv. Und Souveränität, Gelassenheit, Erfahrung sind bei aller Freude über jugendliche Leidenschaft vorsichtig ausgedrückt auch nicht zu verachten. Erst die Mischung bringt das Ganze zum Fliegen.

Wo liegt denn Ihr Jahrgang 1976 im innerredaktionellen Vergleich – angemessen mittig?

Vermutlich. Ich glaube, wir haben den Altersschnitt der Neo-Redaktion noch nie ausgerechnet, was unbedingt dafür spricht, wie relativ Alter bei uns ist. Es gibt definitiv viele sehr junge Kollegen, die in ihrer Lebensplanung noch völlig woanders stehen als meine Generation, aber eben auch ältere, die ihr wiederum 20 Jahre voraus sind. Umso mehr schätze ich an unserem Team, dass es eine Spreizung gibt. Sie drückt sich allerdings eher in Social Scills als Vorurteilen aus.

Achten Sie dessen ungeachtet darauf, dass die alten Hasen im Team durch das buchstäbliche Beamtenverhältnis öffentlich-rechtlicher Lebensanstellungen nicht an Esprit und Feuer verlieren?

Mir ist es jedenfalls ungeheuer wichtig, dass das nicht passiert. Aber weil die Leute bei uns ganz gleich welchen Alters alle so riesige Lust haben, den Prozess permanenter Veränderung in Gang zu halten, sehe ich diese Gefahr gerade nicht. Hier ist alles viel zu sehr in Bewegung für Stillstand – und um auf den neuen Feldern der Branche voran zu kommen, brauchen wir definitiv auch die Expertise der Älteren.

Haben Sie zu deren Unterstützung denn schon neue eingestellt?

Noch nicht, aber das könnte möglicherweise demnächst anstehen. Altersunabhängig, versteht sich.

Sie selbst wurden ja, wie die meisten in der Branche über 40, noch sehr klassisch, also analog in Ihrer Heimatregion ausgebildet.

Bei den Ruhr-Nachrichten, ganz genau. Ich hatte allerdings schon in diesem sehr klassischen Zeitungsvolontariat frühzeitig Kontakt zur Online-Redaktion, die es dort bereits gab.

Haben Sie da bereits Ihre Präferenz fürs Digitale entwickelt?

Ach, das kam eigentlich sogar schon in der Orientierungswoche am Institut für Journalistik an der Uni Dortmund. Da gab’s einen Computerraum, in dem – wie damals noch mehr als heute üblich in der Tech-Branche – zwei Männer saßen. Die Frauenquote hab ich da also gleich mal radikal nach oben getrieben und gemeinsam mit den beiden die Online-Campus-Zeitung gemacht. Das war 1995 wohlgemerkt, wir haben da echt noch HTML gecodet und war meine Online-Erweckung, die ich aus meiner Faszination für Technik heraus im Volontariat fortgesetzt habe.

Und haben den analogen Platzhirschen der Ruhr-Nachrichten mal gezeigt, wo die digitalen Frischlinge hinwollen?

Nö, das hatten ein paar Junge vor mir schon erledigt, ich hab das nur mit großem Spaß weitergeführt.

Wenn man wie Sie beide Sphären der Medienlandschaft kennt – welchen Blick darauf bringt das mit sich: Einen leicht verklärten?

Schwierig zu beantworten. Was ich dadurch zu schätzen gelernt habe, ist vor allem die Vielfalt. Natürlich prägt so ein Print-Volontariat, selbst wenn man wie ich im Anschluss fast nur Fernsehen gemacht hat und jetzt sogar einen ganzen Sender. Mein Blick auf alte Medien ist aber auf jeden Fall ein liebenswerter, respektvoller.

Würden Sie sich demnach als Nostalgikerin oder Pragmatikerin bezeichnen?

Für eine Nostalgikerin habe ich viel zu viel Lust auf Erneuerung, für eine Pragmatikerin bin ich zu begeisterungsfähig für Experimente.

Zu welcher Art ZDFneo führt Ihrer Ansicht nach diese erneuerungsfreudige Experimentierlust in, sagen wir: zehn Jahren?

Was ich fürs Fernsehen im Allgemeinen und Neo im Besonderen in Hinblick auf die mittleren Jahrgänge unter 50 fest glaube, ist eine starke Verschiebung in Richtung Online, die wir hoffentlich auf allen Plattformen qualitativ anspruchsvoll mit Diskussionsgrundlagen vornehmen können. Das ist mir angesichts der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen besonders im Bereich Information ungeheuer wichtig.

Und dämpft die Experimentierfreude um ihrer selbst willen?

Womöglich. Weil man Plattform und Inhalt stets zusammen denken muss, glaube ich, dass die entsprechenden Nutzungsszenarien von Social Media bis Mediathek auf die Art zurückspiegeln, wie wir welchen Content produzieren.

Glauben Sie, dass sich der Medien-Markt in diesem Szenario noch weiter diversifizieren oder eher konzentrieren wird?

Weil bei aller Diversifikation Marken noch immer wichtige Orientierungshilfen der Mediennutzer sind, glaube ich nicht, dass ihre Zahl unglaublich viel gigantischer wird als jetzt bereits. Trotzdem werden sich die Player dahinter sehr verändern.

Sie selbst sind dann Anfang 50. Glauben Sie, das könnte dann das Durchschnittsalter des Stammpublikums von ZDFneo sein?

Wie die Kohorten wandern, ist schlicht nicht absehbar, aber auch das digitale Publikum wird in einer alternden Gesellschaft natürlich älter. Fürs lineare Angebot würde ich daher mal sagen: Ja.


Collien Ulmen-Fernandes: Boys & Girls

Im  Backmischungswerbespot

Collien Ulmen-Fernandes (Foto: ZDF) ist wunderschön und mit einem A-Promi verheiratet. Umso verbissener löst sich die Moderatorin 20 Jahre nach Bravo-TV vom süßen Image. In der Neo-Reportage No More Boys and Girls kämpft sie – noch in der Mediathek – nun darum, dass auch Kinder den Klischeefallen ihres Geschlechts entkommen. Ein Gespräch über reaktionäre Weltbilder, die frühere Macht des Fernsehens und welche Serien-Figur ihr Vorbild war.

Von Jan Freitag

Frau Ulmen-Fernandes, in der Neo-Reportage No More Boys and Girls machen Sie einen Streifzug durch die Geschlechterwelten unserer Kinder. Wie rosa ist das Leben Ihrer sechsjährigen Tochter?

Collien Ulmen-Fernandes: Für die Antwort würde ich gern etwas weiter ausholen. Es geht weder mir noch der Sendung darum, Kinderzimmer umzugestalten. Mädchen dürfen rosa tragen, genauso wie Jungs mit Autos spielen dürfen. Wir wollen ja nicht den Zeigefinger heben, sondern Horizonte erweitern. Es geht darum, Kindern jenseits tradierter Rollenbilder die Vielfalt der Welt zu zeigen.

Umso schockierender muss es da doch gewesen sein, welch reaktionäre Weltbilder die Kinder der Klasse hatten, die Sie besucht haben?

Absolut. Dass Frauen Flugzeuge fliegen und Männer Floristen sein können, war unvorstellbar. Aber wir dürfen uns als Eltern keine Illusionen über unseren Einfluss machen. Weit wichtiger ist der der Medien, des Fernsehens vor allem, ihrer Freunde und Vorbilder.

Also – wie rosa ist das Zimmer ihrer Tochter?

Sehr! (lacht). Meine Tochter ist zum Beispiel sehr mutig und wild, findet aber, dass Mädchen beim Sprung ins Schwimmbad kreischen müssen und große Autos oder HipHop für Jungs sind. Das hat sie von den Stereotypen ihrer Filme und Bücher. Deshalb appelliere ich mit meinem Buch dafür, im Bücherregal für Diversifikation zu sorgen, um Kinder selbst entscheiden zu lassen, wie sie sein wollen. Rollenbilder sind ein riesiges Puzzlespiel, sie setzen sich aus vielen Teilen und Einflüssen zusammen. Wir Eltern sind nur ein Teil des Puzzles.

Das klingt ganz schön fatalistisch.

Eher realistisch. Die Peer-Group ist halt schon früh wichtiger als Eltern. Ich hab meiner Tochter eine Werkbank geschenkt, aber als sie merkte, dass ihre Freundinnen das blöd fanden, meinte sie, Mama, das ist nichts für mich. Andererseits erleben wir in der Sendung auch, dass Eltern vierjähriger Jungs, die sich T-Shirts aussuchen sollen und welche mit Blumen nehmen, sagen, leg‘ das weg, das ist für Mädchen.

Angesichts der Fortschritte in der Gleichberechtigung ist das doch zum Haareraufen!

Das mag vielleicht für die rechtliche Situation gelten, aber gesellschaftlich sind wir doch nicht wesentlich weiter als in diesem Backmischungswerbespot der 50er, wo es heißt, die Frau habe zwei Lebensfragen: Was soll ich anziehen und was kochen? Faktisch schmeißen 80 Prozent allein den Haushalt. Wenn die Kinder in unserem Film zu 100 Prozent ankreuzen, Putzen sei Frauen- und Geldverdienen Männersache, ist das also nicht reaktionär, sondern deren Realität.

Was hätte Ihre Tochter denn angekreuzt?

Interessanterweise hat sie ihren Vater schon vor der Doku mal gefragt, warum eigentlich immer Mama kocht und den Tisch deckt – kannst du das etwa nicht? Ich finde cool, dass sie sich ohne unser Zutun damit auseinandergesetzt hat.

Können Fernsehsendungen wir diese dafür sorgen, dass das mehr Kinder tun?

Ich glaube schon. Weil die Politik in Fragen nach der gleichberechtigten Aufgabenteilung im Haushalt nicht eingreifen kann und sollte, müssen wir anders in die Köpfe der Menschen. Die Kinder selbst sind häufig ja viel offener für Veränderungen als ihre Eltern. Ich selbst habe es in meiner Kindheit erlebt, dass man mir vor allem technische Fähigkeiten nicht zugetraut hat, also versucht man gar nicht erst, gewisse Dinge zu verstehen.

Wurden Sie klassisch als Mädchen erzogen?

Es gab in dem Spielzeugladen, wo meine Eltern eingekauft haben, keine verschiedenen Abteilungen für Jungs und Mädchen wie heute. Deshalb hatte ich neben Puppen auch Roboter und Dinosaurier. Andererseits war mein Vater gut in handwerklichen Dingen, hat mir aber nie gezeigt, wie das geht. Als ich dann aber meinen ersten Freund mit nachhause brachte, kriegte der sofort einen Werkzeugkoffer in die Hand gedrückt. Das ist mir jedoch erst viel später aufgefallen.

Wann genau?

Als Christian mit zu mir nachhause kam und sofort einen Werkzeugkoffer von meinem Vater kriegte. Und das, obwohl er sich dafür überhaupt nicht interessiert (lacht). Also hab ich angefangen, damit Möbel zu bauen.

Würden Sie sich da als emanzipiert oder gar feministisch bezeichnen?

Weil ich die exakte Definition dafür nicht kenne, lieber nicht.

Emanzipiert ist schon, wer das eigene Handeln verändert, feministisch hingegen, wer auch gesellschaftlich für Gleichberechtigung sorgen will.

Aha. Trotzdem möchte ich mich lieber nicht so bezeichnen. Die Debatten zu der Frage sind mir zu aufgeheizt.

Welches Role Model bieten Sie der Gesellschaft da an – gerade wenn man sich den Anfang Ihrer Karriere vor Augen hält, wo das Fernsehen sie stark auf Ihre Oberfläche reduzieren wollte?

Typisch für den Umgang mit Frauen oder? Andererseits habe ich schon sehr früh damit begonnen, mich gegen schlechte Moderationstexte zu wehren und meine eigenen zu schreiben.

Bucht ein Sender wie Neo dennoch eher die „Sexiest Woman in the World“ des FHM-Magazins 2010 oder doch die Familienkolumnistin der Süddeutsche Zeitung.

Also nach dem, was ich weiß, waren die Redakteure Fans der Kolumne. Trotzdem finde ich, dass Frauen ihre Weiblichkeit sehr wohl zeigen dürfen, ohne dass ihnen gleich jegliche Intelligenz abgesprochen wird.

Dafür gibt es diesen schönen neuen Begriff des Femizissmus.

Und was ist das?

Eine Mischung aus Feminismus und Narzissmus, die Eitelkeit und Geschlechterkampf nicht gegenseitig ausschließt.

Klingt interessant.

Was wollten Sie denn eigentlich mit sechs Jahren werden?

In dem Alter ist die Vorstellung von Beruf noch diffus, aber ich war stark durch die Fernsehserie „Anna“ beeinflusst.

Ende der Achtziger mit Silvia Seidel als Ballerina.

Genau. Das wollte ich damals auch werden. Ich habe später tatsächlich eine Berufsausbildung zur klassischen Tänzerin gemacht und bin dafür schon sehr früh von zuhause ausgezogen.

Was Fernsehen doch mal für einen Einfluss hatte…

Wahnsinn oder?


August Diehl: Süskinds Parfum & Neos Serie

Alles riecht, alles!

Im Neo-Sechsteiler Parfum, der mit Abstand aufwändigsten Eigenproduktion des ZDF-Ablegers, spielt August Diehl (Foto: ZDF) derzeit die Figur mit der größten Nähe zu Patrick Süskinds Romanvorlage. Ein Interview mit dem Berliner Film- und Bühnenstar über Einsamkeit vorm Fernseher, das Gemeinschaftserlebnis Kino und warum ihm der Geruchssinn so wichtig ist.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Diehl, Ihre Filmliste ist lang, eine Serie findet sich darin allerdings bislang nicht.

August Diehl:Das stimmt fast. Ich habe mal eine BBC-Serie gedreht, aber hierzulande in der Tat noch keine. Was auch daran liegt, wie neu der Serien-Boom ist. Früher hat man sich vieles nur in 90-Minütern getraut, die man heute kaum noch finanziert bekommt, um bestimmte Geschichten zu erzählen. Dieser Bewusstseinswandel hat zu mehr Quantität, aber auch Qualität geführt.

Wurde Ihnen vorm Parfum also einfach noch nichts auf dem Niveau angeboten?

Vermutlich. Als Schauspieler denkt man allenfalls am Rande über Format und Umfang nach. Wichtig ist, welche Figur mir in welcher Geschichte zufällt und mit wem ich sie unter welcher Regie spielen darf. Da waren meine Begegnungen mit Philipp Kadelbach absolut ausschlaggebend. Außerdem durfte ich mit tollen Kollegen zusammenarbeiten, mit denen ich das zuvor vielfach noch nicht getan hatte.

Aber was hat sie an der Figur des Parfümeurs Moritz interessiert, dass Sie sie sechs statt üblicherweise maximal zwei Stunden verkörpern wollten?

Ganz banal, also gar nicht mal sonderlich intellektuell: die Lust darauf, ihr bei der Entwicklung zuzusehen. Das hat mir einen Heidenspaß gemacht.

Welche Rolle hat dabei Patricks Süskinds Romanvorlage genommen, die ja weltweit zu den erfolgreichsten unserer Zeit gehört?

Gar keine so große. Am Ende ist unsere Geschichte ja so weit davon entfernt, dass mir erst im Gespräch darüber so richtig auffällt, dass sie dennoch die Grundlage bildet. Beim Drehen fiel das gar nicht auf. Da habe ich mich ganz gegenwärtig vorbereitet, etwa Parfümeure getroffen und dabei gemerkt, was für ein ungeheuer aufregender, sehr handwerklicher, also bodenständiger, aber kosmopolitischer, weitgereister Beruf das ist. Ihn umweht etwas sehr Mystisches.

Stehen Sie Patrick Süskinds Grenouille damit von allen Charakteren am nächsten?

Das kann man vielleicht so sagen. Ich habe sogar darüber nachgedacht, dass Moritz wie Grenouille kaum Eigengeruch hat, was seine Diabolik im Roman schon als Baby kennzeichnet. Tolle Idee, auch wenn sie der Wirklichkeit natürlich nicht standhält. Alles riecht, alles!

Sind sie ein olfaktorischer Typ, der seine Umgebung stark über die Nase wahrnimmt?

Absolut. Falls ein Hotelzimmer zum Beispiel schlecht aussieht, stört es mich weit weniger als wenn es schlecht riecht. Dann kann ich darin nicht wohnen. Wenn die Chemie zwischen zwei Menschen nicht stimmt, heißt es ja nicht umsonst, man könne sich nicht riechen. In dem Fall, kommt man selbst mit den wunderbarsten Menschen nur schwer klar. Insofern sind Parfümeure wie Moritz Meister der Manipulation des Unterbewusstseins. Dennoch finde ich andere Rollen im Film nicht unspannender. Trystan Pütters Butsche zum Beispiel oder Ken Dukens Roman.

Inwiefern?

Sie haben einfach klarere Problematiken. Moritz dagegen ist schwer zu definieren und damit zu greifen. Wie ein diffuser Geruch. Natürlich macht es Riesenspaß, einen Manipulator, vor denen alle Angst haben, zu spielen, aber es ist auch ein wenig dankbar. Dennoch finde ich alle Figuren und damit die Geschichte auf ihre Art herausfordernd.

Hebt es das Parfum somit auf jenes angloamerikanische oder skandinavische Niveau, von dem das deutsche Fernsehen seit langem träumt?

Zu solchen Gedanken muss ich mich manchmal ein bisschen zwingen. Ich finde uns gar nicht so schlecht. Weil die Bedeutung und Akzeptanz der Serie als Genre auch hierzulande wächst, kommt das dem Handwerk früherer Tage fast zwangsläufig näher, bei dem man sich halt viel mehr Zeit gelassen hat, bis ein Produkt vollendet war. Wie im klassischen Roman ermöglicht es diese Zeit, erst in der dritten Folge eine Hauptfigur einzuführen oder drei Folgen vorm Ende zu verabschieden. Welchen Suchtfaktor Serie da ausübt, merke ich ja an mir selbst. Er hat allerdings auch damit zu tun, wie sehr wir mittlerweile vereinsamen.

Und uns die Zeit allein gern mit Serien vertreiben?

Mehr noch: abends zu bekannten Gesichtern zurückzukehren, die uns im realen Alltag zusehends fehlen. Nach dem Motto: Ach, da sind ja all meine Freunde wieder, machen wir’s uns zusammen auf dem Sofa gemütlich. Trotzdem hoffe und glaube ich, dass der Spielfilm Zukunft hat. Eine Geschichte auf diesen Zeitraum zu verdichten, hat auch seinen Reiz. Wie im Theater.

Oder im Kino.

Wo dieses gemeinschaftliche Erlebnislangsam ausstirbt, dass sich Wildfremde nach dem Abspann, wenn das Licht angeht, in die Augen blicken und ohne viele Worte über die vergangenen zwei Stunden austauschen. Das macht das neue Kino Serie allein am Fernseher daheim ein bisschen einsam. Für meinen Beruf hingegen ist die Komplexität der Serie ein Geschenk.

Interessanterweise sind Sie unter den Hauptdarstellern am längsten im Geschäft.

Rund 20 Jahre, das stimmt.

Parallel zu ihrem Durchbruch in 23 waren Sie ein gefeierter Bühnenstar. Gab es je den Punkt, sich zwischen Bühne und Film entscheiden zu müssen?

Nie, nein. Ich konnte immer beides machen – obwohl Film eher bildende Kunst ist und Theater darstellende, ist ersterer für mich am Ende fotografiertes Theater ohne Publikum vor Ort. Aber im Schauspiel ist ohnehin alles miteinander verwandt. Filmen finde ich allerdings schon deshalb so fantastisch, weil man so viele Menschen aus unterschiedlichen Ländern trifft.

Dennoch haftet Ihren Rollen dabei oft etwas Melancholisches, fast Trauriges an.

Mhmm.

Ist das eine Typ-, womöglich gar Persönlichkeitsfrage oder liegt es nur am Angebot?

Das ist sehr kompliziert zu beantworten. Einerseits bringe ich diesen Typ, diese Persönlichkeit natürlich mit, andererseits legen bestimmte Rollen immer bestimmte Charakterarten fest. Ich habe zwar auch fröhliche Figuren gespielt, würde aber gern mal eine richtig waschechte Komödie machen, sofern der Humor da hintergründig abläuft, nicht nur auf Pointen-Niveau. Mit Gewinnern lacht man weit weniger herzlich als mit Verlierern. Gut gemachte Komödien (lacht laut) sind voll melancholischer, fast trauriger Figuren. Voila!

Gibt’s da schon ein Angebot?

(zögert kurz) Ich warte noch…


Marco Kreuzpaintner: Clubkulturkrimi & BEAT

Ich hatte sehr wenig Schlaf

Mit Filmen wie Trade oder Krabat hatte Marco Kreuzpaintner (2.v.li; Foto: Wolf Lux/Amazon) schon sehr jung sehr viel Erfolg. Durch sein Seriendebüt BEAT dürfte der bayerische Regisseur nun endgültig zum Star werden: Sein Amazon-Thriller spielt ab Freitag in jener Clubkultur, die der 40-Jährige noch selbst hautnah erlebt hat. Ein Gespräch über biografische Filme, feiernde Komparsen und liberale Streamingdienste.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Marco Kreuzpaintner, ist BEAT ein klassischer Thriller, der das Berliner Nachtleben nur als Kulisse nutzt, oder ein Film über die Clubkultur mit Krimi-Elementen?

Marco Kreuzpaintner: Zunächst mal ist es ein Thriller, aber so ein Genre-Thema kann immer nur vor einem bestimmten, prägenden Hintergrund stattfinden. Und dieser Backdrop ist in diesem Fall die Clubkultur.

Die also doch vornehmlich Kulisse ist?

Nein, viel mehr als das. Selbst wenn die Rahmenhandlung ein Thriller ist, erfahren wir enorm viel über die Systematik der Parallelwelt Clubkultur und ihrer Protagonisten. Die tanzen darin nicht nur vor sich hin, sie sind zentrales Element. Sämtliche Komparsen leben dieses Gefühl so, wie ich und meine Kumpels es über acht, neun Jahre hinweg als Ausdruck eines intensiven Lebensgefühls selber getan haben.

Mit allen Exzessen, die der Film zum wummernden Technobeat inszeniert?

Na ja. Ein Großteil meiner damaligen Freunde hatte ein intensives Nachtleben, das den Tag eigentlich nur zum Erholen davon brauchte. Ich hatte im Gegensatz dazu auch noch ein sehr intensives Tagleben, war also auch ohne die szenetypischen Exzesse viel auf den Beinen und hatte dementsprechend sehr wenig Schlaf. Darum sehe ich in meinem Alte so alt aus (lacht).

Ist BEAT so gesehen wie ihr bayerischer Coming-Out-Film Sommersturm vor 14 Jahren autobiografisch geprägt?

Absolut. Aber eigentlich fließt in jeden meiner Filme, den Plot, die Figuren, viel Autobiografisches ein. So gesehen entspricht auch der Charakter von Beat zumindest in Teilen dem, was ich selbst mal gelebt habe. Noch wichtiger ist jedoch meine persönliche Haltung. Sie wird in allem spürbar, was ich mache. Umso mehr natürlich, wenn es darin um Musik geht. Dennoch müssen wir vorsichtig sein, falsche Erwartungen gewisser Zielgruppen zu wecken. Aber weil wir stark mit dem darkem Techno arbeiten, der im Berghain läuft, ansonsten aber viel zu wenig vorkommt im Film, ist der Sound in etwa so zentral wie die Handlung.

Ist es da eine Reminiszenz ans deutsche Publikum, dass der Musik ein kriminologisches Thema übergestülpt wird, anstatt sich voll auf die Clubkultur zu konzentrieren?

Nein, es gibt ja kein Whodunnit oder Mordermittlungen, sondern Thriller-Elemente. Natürlich haben Filme wie Berlin Calling Kultstatus…

Der den DJ Paul Kalkbrenner in einer Art Mockumentary porträtiert…

Aber ich weiß nicht, ob das auf sieben Stunden ausgedehnt tragfähig wäre. Abgesehen vom Lebensgefühl des unbedingten Hedonismus muss anders als auf Spielfilmlänge irgendwann noch mehr passieren, Dramen und Konflikte. Bei uns bestehen sie darin, dass Beat aus seiner nächtlichen Subkultur abrupt in den Tag gerissen wird und dort mit dem international organisierten Verbrechen zu tun kriegt.

Wurde Ihnen das Thema vorgeschrieben?

Nein. Warner ist nur mit den Ansinnen auf mich zugekommen, eine deutsche Serie für Amazon Prime machen zu wollen. Das Thema habe ich mir selbst in nächtelanger Arbeit ausgedacht.

Und bei der Umsetzung die legendäre Narrenfreiheit der Streamingdienste genossen?

Narrenfreiheit würde ich nicht sagen. Aber ich war wirklich überrascht, wie viel Vertrauen mir geschenkt wurde. Wo man schwere See anderswo gern umschifft, durfte ich hier mitten hinein steuern, alle Risiken inklusive. Das waren schon deshalb ungewöhnlich große Freiräume, weil ich zuvor noch keine Serie gemacht hatte. Im deutschsprachigen Raum braucht man normalerweise schon sehr viel Glück, Talent und Geld, um mal einen Arthaus-Film wie „Toni Erdmann“ zustande zu bringen, der dann in der Regel nur einige zehntausend Zuschauer erreicht. Hier ist das Kräfteverhältnis zwischen Kreativität und Investment ein völlig anderes.

Auch, weil es neue Zielgruppen erreichen kann?

BEAT ist definitiv für jüngere Zuschauer als bei den Öffentlich-Rechtlichen üblich geeignet. Aber auch die älteren werden von dieser Subkultur mit ihrer sexuell extrem befreiten, drogenschwangeren Atmosphäre angesprochen.

Mussten Sie die künstlich erzeugen oder wächst so was in einem authentisch nachgebauten Technoclub organisch?

Letzteres. Als Regisseur stellt man ohnehin nur Weichen. Es ist ein Irrglaube, wir könnten die Darsteller wie Marionetten durch den Set bewegen. Für mich wäre es daher ein Alptraum gewesen, diesen Raum mit Menschen zu füllen und zum Tanzen animieren zu müssen. Weil die Serie auch daran gemessen wird, wie glaubhaft die Clubszenen sind, habe ich von Anfang an gesagt: wir machen eine Party und drehen dabei, nicht umgekehrt.

Wie darf man sich das vorstellen?

Wir haben rund 500 Komparsen einzeln aus der Techno- oder Fetisch-Szene und einfach feiern lassen, die Musik permanent am Anschlag. Die haben deshalb wirklich gefeiert – mit allem, was dazu gehört. Als wir ihnen erklärt haben, dass wir den Sound in den Drehpausen nicht abdrehen, gab es frenetischen Jubel. Am Ende haben die uns applaudiert, nicht wir denen. Bevor wir Bild und Spiel für einen sauberen Ton trennen, lasse ich lieber die 20 Sätze während der Party synchronisieren.

Haben Sie das erste Mal so realistisch gedreht?

Ja.

Werden Sie jetzt immer…

Ja!

Darf ich für dieses Format noch um ein Versprechen bitten?

Gern.

Als Alexander Fehling einem Mafiosi kurz vorm Zusammenstoß Kaffee kocht, bleibt die Kamera ohne Schnitt, ohne Ereignis, ohne Sound minutenlang auf ihm haften. Versprechen Sie, dass diese Ruhe in der Post-Produktion nicht dem üblichen Zappelschnitt zum Opfer fällt?

So arbeite ich seit meinem Polizeiruf vor zwei Jahren immer, weil ich seither noch mehr an die starke Einstellung glaube. Von daher ja – ich verspreche es!


RTL-CSO Marc Schröder: Linear & Digital

TV steht für Total Video

RTL befindet sich seit lange nicht nur mit der linearen Konkurrenz, sondern auch mit Video-Portalen in einem knallharten Wettkampf um Marktanteile und Deutungshoheiten. Zugleich aber hat der Privatsender die Fortsetzung von Deutschland 83 gemeinsam mit Amazon Prime produziert, wo Deutschland 86 zurzeit ebenso abrufbar ist wie beim US-Sender sundance TV. Ein Gespräch mit Marc Schröder (Foto: Bernd Arnold/journalist), als CSO der Mediengruppe RTL besonders für deren Digitalstrategie verantwortlich, über das Fernsehen von gestern, heute, morgen und wie seine Sender fortan bestehen wollen.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Schröder, wie sehen Sie persönlich lieber fern – auf 4,8 Zoll, Touchpad-Größe oder einem Meter Bildschirmdiagonale?

Marc Schröder: Meine Videonutzung ist da vielfältig. Beim entspannten Fernsehabend mit einem Spielfilm oder einer guten Serie, bevorzuge ich den großen Screen im Wohnzimmer. Für den kurzen Newsclip reichen aber schon vier Zoll.

Also anlassbezogen.

Genau, es kommt auf die Inhalte an. Abgesehen davon hängt die Nutzung allerdings auch von der Situation ab. Wenn ich im Zug sitze und Zeit habe, schaue ich mir dort nicht nur Newsclips auf dem Smartphone an, sondern auch mal eine Serienepisode.

Dienen die Vorlieben des CSO der Mediengruppe RTL da auch als Indikator, was deren Kundschaft wollen könnte?

Von sich auf die Allgemeinheit zu schließen, nenne ich Marktforschung mit der Stichprobengröße 1 und die halte ich für gefährlich und warne entsprechend davor. Da verlassen wir uns neben der Intuition lieber auf richtige Marktforschung.

Darüber hinaus lebt die Zukunft der Mediennutzung direkt bei Ihnen im Haus. Dienen Ihre eigenen Kinder da als erste Gradmesser?

Es hilft jedenfalls bei der Einschätzung unserer Mediennutzung, diese Generation unmittelbar vor Augen zu haben. Auch da ist mir die Stichprobe zwar zu klein, um auf die Allgemeinheit zu schließen, aber es gibt mir ein erstes Gefühl dafür.

Entscheidet also vor allem die Nachfrage übers Angebot der Mediengruppe RTL oder manchmal – egal, auf welchem Bildschirm – auch die eigene Idee vom Fernsehen?

Die Mediengruppe RTL ist zunächst mal ein Unternehmen. Neben dem Kulturgut produziert es also auch ein Wirtschaftsgut. Deshalb ist es bei uns ganz klar so, dass wir Inhalte für Zielgruppen schaffen, die werberelevant sind. Genau darauf ist unser Portfolio zugeschnitten. Das Besondere ist, dass wir dabei auf viele Experten und Talente bauen können, um diese Zielgruppen mit massenattraktiven Inhalten zu erreichen. Wir können unterhalten und informieren, hochwertige Nachrichten und Shows produzieren, über unsere Formate Themen setzen und damit Nachfrage adressieren.

Sie setzen also schon gezielt Themen?

Historisch betrachtet, haben wir das immer wieder erreicht. Soaps wie Gute Zeiten, schlechte Zeiten oder die großen Shows sind weiterhin Formate, über die man morgens im Büro an der Kaffeemaschine spricht, mit denen wir auch regelmäßig Talk of the Town sind. Team Wallraff oder Das Jenke Experiment, ein RTL-Themenmonat Hartz IV oder die Doku Asternweg bei VOX schaffen es gezielt Themen zu setzen, die von hoher gesellschaftlicher Relevanz sind und den Nerv der Zuschauer treffen. Das sind TV-Events, über die ganze Deutschland spricht.

Ist das nicht ein bisschen nostalgisches Wunschdenken aus der analogen Ära?

Schauen Sie sich nur die Berichterstattung darüber in den Print- und Onlinemedien oder die Interaktion in sozialen Netzwerken an, wo wir übrigens, wie kaum eine andere Medienmarke in Deutschland, über insgesamt 30 Millionen Facebook-Fans verfügen. Natürlich verschließen wir vor der Fragmentierung auch nicht die Augen, die erleben wir in unserem Medium seit Jahrzehnten und haben sie durch diverse Sendergründungen ja auch selbst aktiv vorangetrieben. Es ist naturgemäß schwerer als vor 15 Jahren, große Themen zu setzen und damit eine zweistellige Millionenreichweite zu erzielen. Aber wenn das noch irgendwo gelingen sollte – dann im linearen Fernsehen. Wir beobachten hier auch jenseits des Sports noch Massenphänomene.

Dafür muss allerdings auch die Mediengruppe RTL versuchen, junge Zuschauerschichten an sich zu binden. Wie lockt sie die Generationen Y bis Z vor den Fernseher?

Abgesehen davon, dass es der Mediengruppe RTL zunehmend egal ist, auf welcher Art Bildschirm ihr Angebot genutzt wird, konfektionieren wir die Inhalte auf alle Zielgruppen zu. Da hat unsere Senderfamilie für jeden Bedarf den zugehörigen Kanal. Daneben haben wir mit TV Now seit gut zehn Jahren ein Video-on-demand-Angebot, das der Zeit- und Ortsunabhängigkeit jüngere Zielgruppen gerecht wird.

Nur technisch oder auch dramaturgisch?

Wir erreichen mit Informationen wie RTL Aktuell oder Team Wallraff und Unterhaltung von Der Lehrer auf RTL bis zur Höhle der Löwen bei VOX weiterhin sehr viele junge Zuschauer. Linear – aber zunehmend eben auch bei TV Now. Darüber hinaus experimentieren wir natürlich auch mit verschiedenen Erzählformen und haben das viele Erfahrungen gesammelt.

Zum Beispiel?

Dass sich anspruchsvolle, horizontal erzählte Serien besonders für VoD-Plattformen eignen. Dafür dürfen wir allerdings nicht immer nur vom Gleichen mehr schaffen oder die nächste noch komplexere Crime-Serie aus den USA importieren, sondern das tun, was wir am besten können: bessere Unterhaltung spezifisch für den deutschen Markt generieren.

Ihr Fokus, so scheint es, liegt dabei unmissverständlich auf Fiktion und Entertainment. Wird es darüber hinaus mehr Information und Dienstleistung geben – seien es digitale Lifestyle-Channels, seien es neue Nachrichtenportale?

Wenn Sie sich TV Now anschauen, bieten wir bereits heute einen breiten Themen- und Genremix. Das werden wir fortsetzen, stärken und ausbauen. Wir werden daher auch in exklusive lokale Inhalte investieren, aber nicht in einer Monokultur, wie es anfangs bei den amerikanischen Streamingportalen der Fall war. Auch da beobachten wir zwar eine Verbreiterung des Angebots, aber noch nicht wie bei klassischen TV-Sendern. Darin wollen und werden wir uns deutlich unterscheiden.

Aber ist für ein wirtschaftlich denkendes Unternehmen da nicht die Verlockung groß, auf rentable statt nachhaltige Inhalte zu setzen, also eher Fashion als News?

Journalistische Bewegtbildinhalte sind auf n-tv, aber auch RTL Basis und integraler Bestandteil unserer Sender- und Webangebote. Aktuelle Informationen haben bei der Mediengruppe von Beginn an einen sehr hohen Stellenwert. Wir nehmen unsere gesellschaftliche Verantwortung sehr ernst.

Wie passt es dann dazu, dass RTL II die Abendnachrichten auf 17 Uhr vorverlegen und das Wochenende gänzlich newsfrei halten will?

Die Sendeplatzverlegung ist eine programmstrategische Entscheidung von RTL II. Darüber hinaus sind wir überzeugt, dass Nachrichten nicht auf jedem unserer Sender gleichermaßen nachgefragt werden. RTL produziert pro Werktag fünfeinhalb Stunden News und Magazine. Gemeinsam mit n-tv bietet die Mediengruppe neben dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk so einen privat finanzierten Qualitätsjournalismus, der die Menschen rund um die Uhr auf allen Plattformen informiert. Und die Brücke vom seriösen Spielfilm zum Makeup-Video ist breit. Ohne zu weit in die Zukunft zu blicken, liegt unser Fokus aber eher auf längeren Formaten. Ob das immer 42-minütige Episoden sind, sei mal dahingestellt, aber zwischen 25 und 3 Minuten ist abgesehen vom Inhalt schon ein gehöriger Unterschied. Um nicht beliebig zu werden, muss man sich hier klar positionieren.

Positionieren sich zumindest die Vollprogramme der Gruppe als Teil der alten Medien, die sie drei Jahrzehnte nach Öffnung des dualen Systems nun mal sind, auch gegen die Probleme der digitalen Kommunikation von Hate-Speech bis Fake-News?

Auf jeden Fall, da haben wir nicht nur hohe journalistische Ansprüche, sondern auch gesellschaftliche Verantwortung. Wir setzen auf professionellen Journalismus als Mittel gegen Fake News, die wir als Online Desinformation bezeichnen. Denn Begriffe „Fake“ und „News“ in einem Atemzug zu nennen, ist ein leider beliebtes und durchaus wirksames Mittel, eine ganze Branche zu verunglimpfen. Darüber hinaus spielt es denjenigen in die Karten, die diese bewusste Manipulation von Informationen mit meist wirtschaftlicher oder politischer Motivation verschleiern wollen. Sauberes journalistisches Handwerk, eine hochwertige journalistische Ausbildung sowie ein konsequentes Qualitätsmanagement sind der Schlüssel, um Vertrauen und Treue der Zuschauer und Nutzer zu sichern. Darin investieren wir und dafür sorgen über 700 Mitarbeiter in journalistischen Funktionen bei der Mediengruppe RTL, in Außenstudios im Inland und Korrespondentenbüros weltweit sowie ein eigens geschaffenes Verifizierungsteam. Hinsichtlich Hate-Speech haben wir zunächst mal keine eigene Plattform mehr, in der die Communities selbst solche Inhalte einstellen könnten.

Sie meinen user generated content, den der Watchbox-Vorläufer Clipfish schon 2013 eingestellt hat.

Genau. Die Zeiten, in denen Clipfish auch ein Videoforum war, sind länger vorbei. Nichtsdestotrotz schauen wir, was insbesondere auf Facebook in den Diskussionen zu unseren Inhalten passiert. Wir stehen zu unserer Verantwortung als Inhalteanbieter. Darüber hinaus nutzen aber auch wir einschlägige Plattformen aus den USA, um mit den Nutzern in Dialog zu treten. Und wenn dort Äußerungen jenseits des juristisch Erlaubten oder gegen unsere Netiquette veröffentlicht werden, lautet unser Motto ganz klar: Handeln. Und das bedeutet bei Rechtsverstößen nicht nur löschen, sondern verfolgen. Hier arbeiten wir unter Koordination der Landesmedienanstalt Nordrhein-Westfalen und dem Ministerium des Inneren von NRW mit den Behörden und Plattformanbietern zusammen, um eine effektive Strafverfolgung im Netz zu gewährleisten.

Könnte ein digitaler Nachrichtenkanal über die strafrechtliche Verfolgung von Hate-Speech hinaus nicht zur Verbesserung der Streitkultur im Netz beitragen?

Den haben wir bereits. Er heißt n-tv und stellt auch online relevante News im Vordergrund – auch wenn die App klar auf die mobile Nutzung anderer Zielgruppen als am Fernseher zugeschnitten ist. Zudem bauen wir RTL.de grad zum General-Interest-Portal aus – journalistischer, aber auch weiblicher und boulevardesker. Dadurch werden wir digital gut und komplementär aufgestellt sein.

Wird es dazu eine Art kommerzielles funk geben, mit dem ARD und ZDF ihren Jugendkanal ins Netz verlegt haben?

Auf absehbare Zeit nicht. Da fehlt schlicht ein Geschäftsmodell, über das sich funk dank des Rundfunkbeitrags nicht kümmern muss. Für uns ist es – mit Verlaub – absurd, dass öffentlich-rechtliche Anstalten dank gebührenfinanzierter Inhalte gigantische US-Plattformen kostenlos ausstatten und stärken. Wir haben zwar mit Formaten wie Comedy Rocket experimentiert und festgestellt, dass an so anspruchsvoller Komik durchaus Interesse besteht. Auf Youtube ist die Monetarisierung allerdings nach wie vor schwierig für jemanden, der professionell produzierten Inhalt einstellt. Insofern zeigen wir so etwas eher im eigenen digitalen Kontext.

Wie würden Sie die digitale Gesamtstrategie der Mediengruppe RTL in einem Satz zusammenfassen?

Wir wollen die besten, relevantesten Inhalte für unsere Zielgruppen auf all unseren Plattformen so konfektionieren und verbreiten, dass die Nutzer immer und überall Zugriff darauf haben.

Und welche Bedeutung hat das lineare Fernsehen dabei noch?

Für uns steht TV seit langem für Total Video. Lineare wird es als Ursprung und Basis unseres Geschäfts wichtiger Bestandteil dieser Strategie bleiben, konzeptionell aber ein Element unter vielen. Der klassische Weg, auf dem Bewegtbildinhalte zum Zuschauer kommen, nimmt ab.

Welche Rolle werden neue Wege wie Snapchat und Facebookin da künftig spielen?

Wir sind stets früh dabei, wenn sich neue Verbreitungswege öffnen, und bereit, Portalen wie Snapchat die nötige Zeit zu geben. Irgendwann kommt jedoch der Punkt, wo man vom Experimentierfeld zum Geschäftsmodell kommen muss, und ob das auf absehbare Zeit geschieht,  gleicht dem Blick in die Glaskugel. Zumal wir nicht wissen, welche Innovationen demnächst hinzukommen. Wir nutzen Facebook oder Twitter zur Kommunikation mit unseren Communities, aber noch nicht als Ertragsfeld.

Wie ist es mit digitaler Technik von Virtual Reality bis 360˚-Ansichten – sind das auch noch Experimentierfelder oder schon Zukunftsmodelle?

Was VR betrifft, sind wir über Gehversuche bereits hinaus, die Group hat sich sogar am VR-Unternehmen Inception beteiligt. Und vor zwei Jahren haben wir Stern TV bereits auf der IFA im 360° Stream gezeigt. Anders als auf dem Smartphone haben solche Ansichten auf großem Bildschirm noch ihre Probleme. Genauso wenig, wie bei 3D, wird es demnach eine flächendeckende Ablösung des Mediums Video durch VR und 360˚ geben.

Und wenn es die Kundschaft fordert?

…würden wir eine gute Balance zwischen Bedarf und Ertrag finden. Unsere Erfahrung ist, dass VR insbesondere im Bereich Live-Konzerte und Computerspiele zur Anwendung kommen wird. Ich habe dagegen mal eine VR-Version vom Kleinen Hobbit gesehen und bis dato nichts von weiteren, größeren Plänen der Filmindustrie gehört. Wir investieren, testen, experimentieren immer da, wo wir einen zusätzlichen Nutzen für unsere Zuschauer und Werbekunden sehen, es macht jedoch wenig Sinn, zu viel vor der Welle zu investieren.

Beim Wetter testen Sie dagegen bereits die Zukunft und ersetzen Moderationen durch automatisierten Bot-Prognosen…

Bei wetter.de setzen wir diese Möglichkeit in der Tat seit einiger Zeit für einfache ortsgebundene Vorhersagen ein. Es macht aber derzeit keinen Sinn, künstliche Intelligenz mit komplexen Themen, wie Berichten zu Unwettern, der Dürre und Hitze des Sommers oder Ursachen des Klimawandels zu betrauen. Hier bedarf es weiterhin der Einordnung und hohen Kompetenz unserer Journalisten.

Was halten Sie denen entgegen, die Digitalisierung vormals analoger Medien für massiven Stellenabbau verantwortlich machen?

Dass Digitalisierung die Chance bietet, Zuschauer und Nutzer überall und jederzeit mit Inhalten zu erreichen. Allein 2017 wurden 45 Millionen bewegtbildfähige Screens in Deutschland verkauft. Auf all diesen Endgeräten möchten wir unser Publikum erreichen. Und wie bereits erwähnt, verfügt die Mediengruppe RTL mit rund 700 Journalisten über eine der größten Redaktionen Deutschlands, die auf allen Plattformen veröffentlicht. Um die Chancen der Digitalisierung noch besser zu nutzen, bauen wir derzeit insbesondere die Online-Redaktion sogar deutlich aus – gerade aufgrund der steigenden Möglichkeiten für Journalismus.

ProSiebenSat1 Media wird mit Schuhshops und Reisebüros gerade zum Gemischtwarenladen mit angeschlossener Fernsehsparte. Wie viel Diversifizierung abseits vom klassischen Kerngeschäft wird es bei der Mediengruppe RTL geben?

Ich finde den Vergleich schon deshalb schwierig, weil ProSiebenSat1 als börsennotiertes Unternehmen die oberste Konzernebene ist, während über der Mediengruppe RTL noch die RTL Group kommt und eine Stufe höher Bertelsmann. Diversifikation stellt sich bei uns also völlig anders dar. Zumal ProSiebenSat1 als deutsches Unternehmen zur Diversifikation gezwungen ist. Für uns ergibt es dagegen bei internationalen Geschäften vielfach keinen Sinn, eine Technologie, die global skaliert, nur von Deutschland aus zu betreiben. Hinzu kommt, dass akquisitorische Investments oft davon getrieben sind, TV-Werbung zu brauchen.

Im Tausch gegen Firmenanteile.

Unser Ansatz ist ein anderer, wir nennen ihn TV-Werbevertrieb, wofür wir innerhalb unseres Vermarkters IP-Deutschland ein Team namens Unit3 aufgestellt haben, das Unternehmen auf flexiblerer Grundlage Werbung verkauft, ohne sich daran zu beteiligen. Alles andere erscheint uns zu riskant. Unser Fokus liegt auf strategischer Diversifikation. Da agieren wir mediennah, selektiv, fokussiert und schauen uns nur Unternehmen an, die nachhaltig von uns profitieren.

Zum Beispiel?

Couponing. Da haben wir im Bereich E-Commerce B2C zwei Akquisitionen getätigt, die keinen größeren Logistikaufwand betreiben müssen: Gutscheine.de und Sparwelt.de. Beide haben, was Markenbekanntheit und Suchmaschinensichtbarkeit betrifft, von TV-Werbung profitiert.

Und welcher Rolle bemessen Sie dem Gaming inklusive der Boom-Sparte E-Sports bei,  wo besonders ProSieben sehr aktiv ist?

Computerspiele sehe ich derzeit – von Promo-Kooperationen wie RTLspiele.de abgesehen – jenseits unseres Horizonts. E-Sport dagegen macht aus dem Thema Games ein Videoprodukt, das der Übertragung von Formel1 oder Fußball konzeptionell sehr nah kommt. Die Phänomene finden allerdings schwerpunktmäßig auf Digitalkanälen wie Twitch statt. Und die globale Verbreitung macht es lokalen Partnern – in diesem Fall gegen den Mutterkonzern Amazon – schwer, darum ein Geschäftsfeld zu errichten.

Sind ProSiebenSat1 und die Öffentlich-Rechtlichen da überhaupt noch Ihre Hauptkonkurrenten oder längst Medienkonzerne wie Amazon oder der Streamingdienst Netflix?

Alle sind Mitbewerber eines fragmentierten Marktes, den die Öffentlich-Rechtlichen zwar durch die Art ihrer Finanzierung verzerren, aber trotzdem bespielen – und zwar zusehends jenseits des linearen Angebots. Das macht sie für uns sehr relevant, aber unser Referenzrahmen bleibt die Gesamtnutzung des Mediums Video. Die gute Nachricht ist: Es wächst auch dank der großen Streamingdienste. Kopieren hilft da nicht weiter, ein RTL-Netflix kann nicht unser Ziel sein.

Zugleich setzen Sie auf Kooperationen wie im Fall von Deutschland 83, dessen Fortsetzung zuerst bei Amazon laufen wird.

Solang man die dringend nötige Exklusivität der Inhalte in Kooperationen abbilden kann, wie es ARD und Sky ja gerade auch mit Babylon Berlin machen, ist das denkbar. Wenn man sich mit der Konkurrenz zusammentut, ist Exklusivität natürlich relativ, könnte aber am Ende auch ein Weg von vielen sein. Darüber hinaus werden wir mit unseren Mitteln eine Alternative bieten und die ist künftig TV Now als eigenständiges, vollumfängliches VoD-Angebot.

Den Vorläufer dieser Video-on-Demand-Plattform haben Sie damals noch unterm Titel „RTL Newmedia“ bereits ab 1999 mit aufgebaut.

Lang ist’s her, wir haben da auch mal Video gezeigt, aber es gab ja noch gar keine Breitbandanschlüsse…

Knapp zehn Jahre später ist unter Ihrer Führung RTL Interactive entstanden, wo das multimediale Geschäft jenseits vom Fernsehen gebündelt wird. Wie hat sich Ihr Tätigkeitsfeld seither verändert?

Da muss ich in aller Bescheidenheit ergänzen, dass ich 2008 auf einer sehr guten Basis aufsetzen konnte. Heute besteht der Unterschied zunächst in der Streichung des „neu“ in „neue Medien“. Klingt banal, kennzeichnet aber die Tatsache, dass digitale Medien einst als Insellösung betrachtet, organisiert und auf grüne Wiesen ausgelagert wurden, um sich dort ordentlich auszutoben. Mittlerweile ist die Digitalstrategie kein Spielplatz mehr, sondern integraler Bestandteil jeder Gesamtstrategie, die in sich digital sein muss.

Warum sind Sie 2007 nach Ihrem Intermezzo bei der Telekom zu RTL zurückgekehrt. Heimweh?

Auch, aber ich hatte seinerzeit schon bei der Telekom Video-Angebote entwickelt, angefangen vom ersten großen Breitband-Portal T-Online Vision bis hin zu T-Home, das nun Entertain heißt. Sie sehen – bei mir war schon immer alles Video. Aber nach sechs Jahren war dieser Abschnitt einfach abgeschlossen. Interessanter ist daher die Frage, warum ich zur Telekom gegangen bin.

Und?

Weil unser erster Geschäftsplan bei RTL 2002 ergeben hatte, dass sich Video-on-Demand seinerzeit nicht rechnen konnte. Weil bei der Telekom nicht nur Videos, sondern auch DSL-Anschlüsse verkauft werden sollten, war das dort etwas anderes.2008 dagegen war die Zeit auch bei RTL reif, im Jahr zuvor ist dort RTL Now entstanden, da war es überaus spannend, zurückzukehren.

In ein Management übrigens, das Anke Schäferkordt allein unter einem Dutzend Männern führt. Ist das in Zeiten von MeToo und Quoten ein Unfall?

Bei der  Mediengruppe RTL gibt es über 50 Prozent weibliche Mitarbeiterinnen und eine Reihe von Frauen in leitenden Funktionen. Gleichzeitig wissen wir, was den Frauenanteil in Führungspositionen betrifft, dass wir noch besser werden können und halten stetig Ausschau nach geeigneten Kandidatinnen. Manchmal lässt es sich aber einfach nicht erzwingen.

Was hat Ihr Wechsel ins strategische Management für Sie persönlich geändert?

Dass ich heute noch übergreifender denken darf. Strategische Aspekte waren zwar auch zuvor schon sehr wichtiger Teil meiner Aufgaben. Aber sich nun von manchen Zwängen des operativen Geschäfts freimachen zu können, empfinde ich als große Chance. Als Strategieverantwortlicher habe ich mit allen Geschäftsbereichen zu tun, um die Entwicklung einzelner Inseln zum Kontinent voranzutreiben. Das Wesen meiner Arbeit heißt Integration. Wann eine Sendung wie und auf welcher Plattform ausgestrahlt wird, entscheidet ja keine Abteilung für sich, sondern ein übergreifendes Content-Board, das vom Programmeinkauf über die Sender bis zu TV Now alle einbezieht.

Zum Abschluss ein letzter Blick in die Glaskugel: Wo sehen Sie sich und RTL 2028?

Wir werden noch mehr Vielfalt haben und Inhalte weiter ausdifferenzieren. Auf der anderen Seite wird es weiter die Highlight-Formate geben, also zentrale Lagerfeuer. Bei der Anzahl fiktionaler Eigenproduktionen legen wir ein hohes Tempo vor. Schon heute sind rund 90 Prozent der Inhalte von RTL Eigen- und Auftragsproduktionen. Wir werden ein Zeitalter großer Kreativität und Qualität erleben. Aber das wird für alle Marktteilnehmer nötig sein, um sich zu differenzieren.

Das Interview ist zuvor im Medienmagazin journalist erschienen