Abdollahi: Deutscher Michel im Nazidorf

Ich bin ein Kind der alten Glotze

Am Freitag sitzt der Guerilla-Reporter Michel Abdollahi zum zweiten Mal auf dem Sofa seiner eigenen Late-Night-Show Der deutsche Michel im NDR und versucht das ausgetretene Metier dabei erneut auf den Kopf zu stellen. Ein Gespräch mit dem persischen Hamburger über vollen Körpereinsatz, Performance-Journalismus, pädagogisches Fernsehen und wie es wirklich war im Nazidorf.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Michel Abdollahi, Sie sind 1986 aus Iran nach Hamburg gezogen. Wie war zwei Jahre später ihr Deutsch?

Michel Abdollahi: Weil ich persisch aufgewachsen bin, noch nicht so doll, aber zum Fernsehen hat’s gereicht.

Haben Sie da eine bildhafte Erinnerung an Gladbeck?

Dieses Geiseldrama, das rund um die Uhr übertragen wurde? Als Zuschauer hab ich das nicht mehr in Erinnerung, aber natürlich später einiges darüber erfahren.

Ein Zweiteiler zum anstehenden 30. Jahrestag hatte gerade das kollektive Versagen der Medien, die sich wie nie zuvor gemein gemacht hatten mit dem Gegenstand ihrer Berichterstattung, zum Thema. Wären Sie als Reporter, der notorisch dorthin geht, wo es wehtut, wie der spätere Bild-Chef Udo Röbel zu den Entführern ins Auto gestiegen?

Grundsätzlich wäre ich lieber derjenige gewesen, der über die Eingestiegenen berichtet hätte. Aber wahrscheinlich hätte ich es gemacht, ja. Allerdings nicht aus Sensationslust, sondern um das Gespräch mit den Entführern zu suchen. Mich hätte interessiert, was die wirklich wollen, was die antreibt.

Und dafür riskieren Sie im Zweifel ihre körperliche Unversehrtheit?

Wenn es sein muss, schon. Bei meiner Reportage Im Nazidorf war das zunächst nicht anders. Ich bin dorthin gegangen, wo es theoretisch wehtun könnte, habe aber schnell das Gespräch gesucht und dabei auch Dinge über mich selbst preisgegeben.

Weil das deeskaliert?

Und wie! Den Ansatz hätte ich auch in Gladbeck verfolgt: kein stures Abfragen, sondern ein Dialog, bei dem alle voneinander lernen. Das ist nicht nur erhellender, sondern auch interessanter. Ich bin kein Ausfragejournalist, eher ein Gesprächsjournalist, und profitiere in Fällen wie meinem Umzug nach Jamel, wo ich 2015 vier Wochen lang Tür an Tür mit Nazis gelebt habe, von der Fallhöhe meiner Herkunft. Dass einer wie ich südländisch aussieht, aber hamburgisch spricht und tickt, überfordert die so sehr, dass kreative Reibung entsteht. Wenn die Vorurteile der Menschen ins Schwimmen geraten, wird es stets spannend.

Reicht für diese Art Konfrontation ihre bloße Präsenz?

Nein, ich muss mich schon schlau machen vorher, sonst endet die Überforderung schnell auch wieder. Zum Glück weiß ich so viel über den Nationalsozialismus und seine Folgen, dass ich auf deren Feld punkten kann. Wenn eine derart gemeinsame Ebene hergestellt ist, kann man die Situation auch mal laufen lassen.

Entwickelt man da als neutraler Journalist nicht eine heikle Nähe zu Nazis, die in Empathie münden und das eigene Urteilsvermögen beeinträchtigen kann?

Ich würde es nicht Nähe oder Empathie nennen, sondern nehme sie einfach ernst und zeige es ihnen auch. Was dazu führt, dass die mich auch ernst nehmen. Wenn ich mit meiner vorgefertigten Meinung dahingehe, um sie bloß abzumelken, kommt nichts rum. Deshalb bin ich während des Gesprächs bereit und willens, meine Ansichten zu hinterfragen. Nur so gelingt es mir manchmal, den Kern des Denkens anderer freizulegen. Natürlich gerate ich dabei niemals in Gefahr, Nazidenken zu übernehmen. Aber womöglich gelingt es mir, eigene Pauschaleinstellungen auf den Prüfstand zu stellen, um gegenseitiges Verständnis zu fördern.

Haben Sie dabei den pädagogischen Ansatz, ihr extremes Gegenüber zu läutern?

Die Hoffnung schwingt mit, ist aber kein wesentlicher Antrieb meiner Arbeit. Mir ist wichtig, zu verstehen, wie jemand wird, was er ist. Nur was man wirklich begreift, lässt sich sinnvoll beeinflussen. Als ich nach meiner Rückkehr ins Dorf mal mit dessen Chef Sven Krüger gesprochen habe, meinte der ganz überrascht: Mann, du hast ja wirklich Wort gehalten und das Dorf gezeigt, wie es ist, ohne was zu verändern. Das hätte er der liberalen Presse offenbar nie zugetraut. Aber man muss natürlich dazu sagen, dass bei den meisten unserer Gespräche Kameras dabei waren, aber eben nicht immer. Morgens am Gartenzaun haben wir schon auch mal übers Wetter oder Schlaglöcher geredet. Ich wollte ja nicht permanent als Journalist definiert werden, sondern wirklich eintauchen in die Materie, um kurzfristig eins damit zu werden. Das prägt meine Arbeit insgesamt.

Ist das dann der Performance-Künstler im Field-Reporter Michel Abdollahi?

Performance-Kunst mache ich, wenn ich einen überdimensionalen Spülschwamm in die Hafencity stelle und schaue, was damit passiert. Was allerdings immer Teil meiner journalistischen Tätigkeit ist, ist Entertainment. Davon kann und will ich mich nicht lösen.

Zum Beispiel bei Ihrer vielfach zitierten Aktion, sich mit einem Schild „Ich bin Muslim. Was wollen Sie wissen?“ in eine Fußgängerzone zu stellen und abzuwarten.

Ganz genau. Der klassische Ablauf journalistischen Erkenntnisgewinns wurde dahingehend umgedreht, dass nicht ich komme und frage, sondern die Fragen der anderen erwarte.

Wer sich den Film im Netz ansieht, erkennt darin allerdings auch Comedy-Elemente, etwa über die Mimik oder eingespielte Off-Kommentare.

Das nennt man dann wohl Infotainment… Informationen, unterhaltsam verpackt – das ist gerade dann, wenn es fürs Netz gemacht ist, enorm wichtig. Den klassischen Zeit-Leser erreiche ich ja auch in eher nachrichtlicher Form. Für Digital Natives, Teenager oder auch Leute, die von klassischer Wissensvermittlung entwöhnt sind, brauch ich schon ein paar mehr Anreize. Welche das in welcher Dosierung sind, ist auch für mich ein permanenter Lernprozess. Ich selbst schaue gern und viel lineares Fernsehen, habe aber natürlich auch ein Smartphone, auf dem ich permanent herum wische. Nach zehn Jahren Facebook richtig einzuschätzen, was mit modernen Mitteln netzfähig wird, ohne das gute alte journalistische Handwerk zu vergessen, vereint daher zwei Welten, in denen ich mich auch persönlich viel bewege.

Aber selbst für verantwortungsbewusste Journalisten mit Hang zum Entertainment wie Sie entsteht daraus doch die Gefahr…

… nur noch auf schnelle Clicks zu zielen.

Exakt. Die Befürworter des öffentlich-rechtlichen Schweizer Rundfunks haben dessen Erhalt vorm Plebiszit darüber auch damit begründet, dass es eines gebührenfinanzierten Systems braucht, damit Informationen unabhängig von wirtschaftlichen und politischen Interessen vermittelt werden. Wie schafft man es, im Durchlauferhitzer Internet der Versuchung zu widerstehen, Inhalte durch Oberfläche nicht zu ersetzen?

Sehr schwierig, in der Tat. Das Geheimnis sind aus meiner Sicht gute Leute um einen herum, die genau diesen Mittelweg nicht nur als nötig, sondern fast schon als Mission betrachten. Mit denen könnte ich meine Inhalte ja auch im kommerziellen Umfeld vermitteln.

Nur dass Ihnen der Aufnahmeleiter dort schnell mal ein Logo ins Bild klebt oder negative Aspekte eines Berichts über den wichtigsten Werbepartner untersagt…

Solange ich unabhängig darüber entscheiden dürfte, ob so ein Eingriff das beeinträchtigt, was ich im Beitrag zum Ausdruck bringen will, wäre das okay. Ich sehe das im Zweifel pragmatisch: Wenn mir ein Sponsor ermöglicht, Inhalte zu vermitteln, die mir wichtig sind, bin ich da zu Kompromissen bereit. Es muss einfach nicht per se schlecht sein, wenn etwas mit Hilfe von Werbung sehenswert wird. So halte ich es zum Beispiel auch, falls ich Firmenveranstaltungen moderiere. Natürlich nenne ich das Produkt da auf Wunsch; die haben das Ganze hier ja bezahlt! Wichtig ist aber immer, dass es den Inhalt nicht negativ beeinflusst. Ich nenne daher gern Audi oder lasse dessen Logo ins Bild, lasse mir vom Unternehmen aber nicht verbieten, den Diesel-Skandal zu thematisieren. Diese Art Einflussnahme würde ich nie akzeptieren. Und diese Grenze respektieren meine Auftraggeber. Alle.

Versuchen diese Auftraggeber angesichts Ihrer Bereitschaft zur Konfrontation manchmal, diese Grenze zumindest physisch auszuweiten?

Zum Beispiel?

Mit dem Muslim-Bekenntnis nicht in die Hamburger Fußgängerzone zu gehen, sondern eine Dresdner Pegida-Demo mit all dem aufgestauten Aggressionspotenzial gegen Andersdenkende, Andersseiende.

Nein, nein, die wollen gar nicht andauernd weiter ins nächste Extrem. Und selbst wenn – versuchen dürfen sie alles; am Ende entscheide ich das mit meinem Team allein. Und da mache ich zwar ganz überwiegend Sachen, die mit Schmerzen wirklich gar nichts zu tun haben, war aber auch oft genug auf Nazi-Demos, wo ich oder die Kameraleute ständig links und rechts mit den Ellenbogen eine verpasst kriegen. Das gehört dazu.

Sind Sie diesbezüglich Gefahrensucher?

Überhaupt nicht. Am liebsten würde ich zuhause auf dem Sofa sitzen und in aller Ruhe Texte schreiben. Aber so läuft’s halt nicht.

Weil Sie selbst in Extremsituationen stets höflich und stilvoll bleiben, nennt Sie Ihre Panorama-Kollegin Anja Reschke hochachtungsvoll „Gentleman-Journalist“. Ist das ein Geheimnis Ihrer bisherigen Unversehrtheit?

Zum Teil vielleicht. Die meisten Menschen rechnen einfach nicht mehr damit, dass man ihnen zuhört, sie ausreden lässt, nett ist. Lass die Leute reden. Punkt. Wenn mir jemand sagt, er mag keine Moslems, weise ich ihn ruhig darauf hin, dass ich auch einer bin und fordere ihn unterschwellig dazu auf, mir zu sagen, dass er mich dementsprechend auch nicht mag. Das verunsichert enorm. Wenn sie darüber hinaus noch zur Gewalt aufrufen oder verfassungsfeindliches Zeug quatschen, kann man ja immer noch dazwischen gehen.

Machen Sie das auch?

Ja. Wenn Fakten falsch sind und der Holocaust geleugnet wird, kann ich sehr deutlich werden.

Auch aus der Haut fahren?

Selten. Die wollen in der Regel ja nichts von mir persönlich, ich mache ja nur meinen Job.

Aber macht es Ihr Migrationshintergrund nicht per se zu einer persönlichen Sache, wenn Gesprächspartner rassistisch werden?

Selbst da sehe ich mich allenfalls als Stellvertreter für Nicht-Deutsche. Persönlich nehme ich es eher, wenn jemand meinen Anzug oder mein Aussehen kritisiert. Beides entspringt ja meinem Geschmack oder Genom. Andernfalls neige ich einfach zur Sachlichkeit und korrigiere Unwahrheiten. Was übrigens großen Spaß machen kann. Als mir Sven Krüger im Nazidorf mal selbstgebrannten Schnaps angeboten hat und ich den getrunken hab, war der völlig perplex, weil er dachte, Moslems dürften das nicht. Daraus ist ein Gespräch entstanden, dass die Grenzen von privat und beruflich sehr informativ verwischt hat.

Sind Sie denn privat exakt so wie vor der Kamera?

Natürlich, wie soll ich denn sonst sein?! Ich bin ja nicht Atze Schröder oder Cindy aus Marzahn, also eine Kunstfigur. Ich bin Michel Abdollahi und bleibe es auch dann, wenn ich auf der Bühne stehe oder etwas überspitze. Ich habe überhaupt nichts gegen Künstlichkeit, aber nur aus Authentizität kann Wahrhaftigkeit erwachsen. Gerade wenn man wie ich den Beruf des Journalisten nicht gelernt hat, aber schon ewig auf der Bühne steht.

Würden Sie sich dennoch als Journalist bezeichnen?

Ich würde mich als gar nichts bezeichnen. Conférencier, Performance-Künstler, Journalist – alle Begriffe, die über mich kursieren, stammen von anderen. Wenn ich male, bin ich gerade Maler, wenn ich moderiere, Moderator, wenn ich einen Bericht mache, Journalist. Ich empfinde mich als Auftragnehmer des Publikums.

Aber schlägt das Pendel nicht gerade ein wenig in Richtung Fernsehen aus?

Ein bisschen vielleicht. Mit meinen NDR-Formaten habe ich grad mehr zu tun als mit Poetry-Slams. Und Karfreitag starte ich dort in Fortsetzung meiner Panorama-Show eine Late-Night-Show, die Information wieder mit Unterhaltung verbinden will.

Orientieren Sie sich dabei an den amerikanischen Late-Night-Hosts wie Jimmy Kimmel, Stephen Colbert, John Oliver oder Jimmy Fallon, die von den Networks einen großen Teil der politischen Information übernommen haben?

Absolut. Reine Unterhaltung wäre in diesem Format irrelevant. Unser Ziel ist das klassische Infotainment-Konzept: These, Antithese, Synthese, nur eben humoristisch verpackt. Und da sind die amerikanischen Hosts definitiv gute Vorbilder. Ich mag deren Art, ich mag deren Bildsprache, ich mag deren Gäste, ich mag deren Look, ich mag sogar deren Anzüge.

Wenn Sie nun das Fernsehflaggschiff Late-Night moderieren, könnte man das als Einfallstor zu größeren Aufgaben sehen. Die Süddeutsche Zeitung hat die Verantwortlichen kürzlich explizit dazu aufgefordert, Sie häufiger einzusetzen.

Oh, schön!

Hätte die Forderung Aussicht auf Erfolg?

Na ja, ich weiß was ich kann, aber noch viel besser, was ich nicht kann. Wenn die Verantwortlichen ihre Schablonen rausholen und bei mir anpassen, sage ich das immer sehr deutlich.

Was genau können Sie denn nicht?

Zum Beispiel in dem Sinne lustig zu sein, die Witze anderer zu erzählen. Im Standup-Teil der Late-Night werde ich daher ein komplexes Thema abarbeiten, das mit mir zu tun hat, statt das aktuelle Tagesgeschehen mit One-Linern zu kommentieren. Und anstelle vorgefertigter Pointen, wollen wir lieber die hochgezogene Augenbraue meiner Interviews ausbauen, mit der ich den Blödsinn mancher Gesprächspartner viel besser beantworten kann als mit lauter Empörung. Ich mag einfach keine Texte aufsagen, konnte ich nie, hab ich auch nie. Wenn ich nicht mit mir im Reinen bin, bin ich nicht gut.

Die Bandbreite von Tagesthemen bis Wetten, dass…?, wofür Kritik, Zuschauer, Intendanten virtuell immer frisches Personal suchen, kommt für Sie nicht infrage?

Witzigerweise hat mich der Tagesschau-Chef neulich mal gefragt, ob das nichts für mich wäre. Da bin ich aus allen Wolken gefallen. Ihr wollt mich für die Tagesschau, obwohl ich nicht sauber ablesen kann, dauernd nuschel und das auch noch im breiten Hamburger Slang? Das ehrt mich sehr, aber so was sollen lieber Leute machen, die dafür ausgebildet sind. Und Wetten, dass…?, ehrlich – so sehr ich altes Fernsehen liebe: Das ist definitiv vorbei.

Aber Sie sind schon noch ein linearer Fernsehnutzer?

Absolut, ich bin ein Kind der alten Glotze. Anmachen, hinsetzen, gucken. Ich hab nicht mal einen Netflix-Account, das würde mich vermutlich viel zu sehr ablenken, so suchtanfällig ich in Bezug auf Serien schon gewesen bin. Ich mag es, wenn ein Format nach 45 Minuten vorbei ist und eine Woche später zur gleichen Zeit weitergeht. Mochte ich schon immer.

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Yftach Katzur: Eis am Stiel & Segensfluch

Ich habe mich geschämt

1978 wurde der israelische Nachwuchsschauspieler Yftach Katzur mit einem Schlag weltberühmt. Genau 40 Jahre nach dem ersten Teil der Filmreihe Eis am Stiel empfindet er seine Hauptrolle als Teenager Benni zwar eher als Segen. Für viele Kollegen jedoch haben sich die acht Sex-Klamotten jedoch als Fluch erwiesen – wovon Eric Friedlers grandiose Dokumentation “Eskimo Limon” im Ersten erzählt, die noch bis Sonntag in der Mediathek abrufbar ist. 

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Yftach Katzur, als Eric Friedler Sie angerufen hat, um genau 40 Jahre nach Eis am Stiel eine Doku über die Filmreihe zu machen – was war Ihre Reaktion: Oh Gott, bitte nicht?

Yftach Katzur: Nein, nein, nein. Meine Reaktion war sofort: Ja! Die Reihe hat so viele Leben so vieler Menschen so vielfältig beeinflusst, dass ich eigentlich immer auf einen Dokumentarfilmer wie Eric gehofft habe, der das Kapitel aus öffentlich-rechtlicher, nicht kommerzieller Perspektive beendet. Nach so langer Zeit brauchte Eskimo Limon, Eis am Stiel, Lemon Popsicle – wie immer Sie es nennen – einfach einen Abschluss.

Wenn man Ihr feines Lächeln sieht, das Sie die meiste Zeit des Films zeigen, scheinen Sie allerdings vollauf mit sich im Reinen zu sein.

Absolut. Meine Reise mit Eric zu den Ursprüngen dieser Reihe war ja auch eine zu den Wurzeln meines Berufs und mehr noch meiner Persönlichkeit. Sie müssen bedenken: Kurz bevor mich der Regisseur Boaz Davidson zum Star einer weltweit erfolgreichen Filmreihe machte, hatte ich in Peter Shaffers Theaterstück Equus erstmals in meinem Leben auf der Bühne gestanden – der größten im Land. Ich war damals gerade 18 Jahre alt geworden und überwältigt von allem. Zumal mir überhaupt nicht bewusst war, ein Schauspieler zu sein.

Danach schon?

Ja, und zwar für 15 Jahre, in denen ich neben Eis am Stiel auch Shakespeare gespielt habe. Aber mit jedem weiteren Film der Reihe, die ich schon damals überaus kritisch gesehen habe, fragte ich mich mehr, ob das dem entspricht, was ich will. Ich kannte die Welt damals so wenig, wie die Welt Israel kannte. Und plötzlich stand ich im Rampenlicht des internationalen Films, auf der Berlinale, in Hollywood. Für diesen Rummel fehlte mir damals jedes Rüstzeug.

Wie haben Sie es erlangt?

Durch mich selbst, ganz allein. Ich hatte keine Hilfe dabei, in mich hinein zu hören. Deshalb blieb mir gar nichts anderes übrig, als die Sache laufen zu lassen und die Welt kennenzulernen. Es war ein jahrelanger Selbstversuch. Als ich diese Zeit mit Eric nochmals erleben durfte, konnte ich endlich von außen darauf blicken und sah die Dinge fortan klarer. Deshalb das Lächeln während der Dreharbeiten. Ich war wie erleuchtet. Natürlich habe ich auch zuvor im Leben dauernd die Zeit von damals reflektiert, aber der Film war wie der Schlussakt im Theaterstück meines bisherigen Lebens. Mit Eric und mir als Regisseure.

Haben Sie jemals bereut, Eis am Stiel gemacht zu haben?

Ja und nein. Einerseits fühlte ich mich unwohl mit den Botschaften der Filme, die nach dem ersten Teil folgten. Ich habe mich geschämt, weil die Filme einfach sexistisch waren und eine verzerrte Realität der Beziehungen zwischen Männern und Frauen zeigten. Andrerseits war die Filmarbeit die Entdeckung einer neuen Welt für mich, für dich dankbar bin. Also kann ich nicht hundertprozentig sagen, dass ich es bereue.

Einige Ihrer Kollegen schon wie Zachi Noy, der im Film deutlich beklagt, dass er bis heute als „dicker Johnny“ über die Dörfer tingelt.

Mag sein. Mir hat die Reihe ein Geschenk gemacht, nämlich die Möglichkeit, ein Star zu sein. Das ist ein echtes Privileg. Fragen Sie mal junge Menschen, was sie sich vom Leben erhoffen. Da werden einige antworten, berühmt sein zu wollen. Ich war es und hab dadurch Orte gesehen, Leute getroffen, Erfahrungen gemacht, die mir sonst verborgen geblieben wären. Nun, da ich erwachsen bin, würde ich die Erkenntnisse dieser Zeit gerne als Schauspieler anwenden. Aber das Kapitel ist geschlossen. Ich bin jetzt Unternehmer und sehr glücklich damit.

Welche Art Unternehmer?

Zurzeit baue ich eine Immobilienfirma namens Feijoya auf, benannt nach einer sehr speziellen Frucht. Unser Startup entwickelt Methoden, um Häuser zu kaufen und zu verkaufen. Zunächst in Israel, wir würden aber gern auch nach Europa expandieren. Außerdem kreiere ich Business-Strategien.

Mit Schauspielerei hat das wenig zu tun oder?

Na ja, ich nenne es die Kunst des Geschäftemachens, es ist ein kreativer Prozess.

Vermissen Sie das echte Schauspiel da nicht umso mehr?

Jetzt, wo die Dokumentation fertig ist, tue ich das in der Tat. Andererseits mochte ich am Beruf des Schauspielers noch nie, wie sehr er einen zur Passivität verdammt. Man wartet ständig darauf, Teil der Vision eines anderen zu sein. Das ist okay, reicht mir aber nicht mehr. Ich bin jetzt der Regisseur meines eigenen Lebens.

Heißt das, Sie werden nie mehr vor die Kamera treten?

Wenn mir jemand die Möglichkeit gibt, meine Fähigkeiten selbstbewusst einzubringen, würde ich es mit Freuden wieder tun.

Und wenn jemand käme, um den neunten Teil von Eis am Stiel zu drehen, als Sequel 30 Jahre später?

Das kommt darauf an. Es gab immer wieder Gespräche über eine Fortsetzung, aber das hängt von der Geschichte ab, von den Darstellern, vom Konzept. Die Story mit Erwachsenen neu zu denken, könnte durchaus seinen Reiz haben, ich bin da offen für vieles. Aber bislang kam da wenig Konkretes, was dem Alten etwas Neues abgewinnen würde.

Inwiefern hat Jesse, pardon: Yftach von Benni profitiert…

Interessant, dass Sie mich noch als Jesse kennen. Der deutsche Produzent Sam Weinberg fand Yftach seinerzeit offenbar zu sperrig für die Filmplakate, deshalb hat er meinen Namen geändert. Einfach so. Ohne mich zu fragen! Das irritiert mich bis heute.

Wie viel von Benni steckt also in Yftach und umgekehrt?

Viel. Ich habe meinen Preis dafür bezahlt; zum Beispiel, dass viele Menschen mich zu kennen glauben, ohne die geringste Ahnung von mir zu haben. Auch im Geschäft muss ich andauernd über Eis am Stiel reden. Aber sofern ich nicht danach bewertet werde, ist das okay. Denn andererseits habe ich ja sehr profitiert von Benni. Er öffnet mir bis heute Türen, ich muss nur hindurchgehen. Benni hat mir die Chance zu Abenteuern gegeben, die ich ohne ihn nie erlebt hätte. Wichtig ist jedoch, dass er nicht an mir klebt, ich werde durch ihn nicht definiert. Anders als bei ein paar Kollegen wurde er nicht zur Identität, sondern blieb stets nur Teil davon. Zum Glück. Es ist ungeheuer traurig, wenn deine Persönlichkeit von einer einzigen Rolle definiert wird, die auch noch 40 Jahre zurückliegt.

Davon können weit berühmtere Darsteller ein Lied singen. Fragen Sie mal Darsteller von Star Wars

Ganz genau. Ruhm, Aufmerksamkeit, Publikumsliebe macht abhängig, wer ihn einmal probiert hat, kommt schnell nicht mehr davon los. Zum Glück war mir das schon früh bewusst. Auch deshalb bin ich heute ein glücklicher Mensch mit zwei tollen Kindern und einem Beruf, den ich liebe. Auch das bringt mein Lächeln in Erics Film zum Ausdruck.


Antonio Banderas: Picasso & Málaga

Ich bin Romantiker

Wenn der große Antonio Banderas ab heute auf National Geographic den noch größeren Pablo Picasso spielt, teilen die beiden Weltstars nicht mehr nur ihre Geburtsstadt Málaga, sondern die absolute Hingabe fürs eigene Schaffen. Freitagsmedien hat den leicht ergrauten Hollywood-Star bei der Premiere in seiner alten Heimat getroffen. Ein Interview über die TV-Serie Genius: Picasso!, dessen Verhältnis zu Frauen und warum Banderas einige davon manchmal im Tagtraum trifft.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Antonio Banderas, Sie sind nach Pablo Picasso der berühmteste Sohn Málagas. Gibt es darüber hinaus noch Gemeinsamkeiten zwischen Ihnen und ihm?

Antonio Banderas: [lacht laut] Nein!

Nicht einen?

Ich atme, ich schlafe, ich esse – das war’s.

Haben Sie denn wenigstens einen Picasso zuhause?

Ja, aber nur eine kleine Malerei, kein Gemälde. Dafür müsste ich wohl noch viel, viel mehr solcher Serien drehen.

Wie haben Sie darin dann die persönliche Verbindung zu Picasso hergestellt, um ihn glaubhaft zu spielen?

Ach, das war gar nicht so schwer. Wenn ich als Kind auf dem Weg zur Schule an seinem Geburtshaus vorbeigegangen bin, sagte meine Mutter [flüstert verschwörerisch]: hier wurde Picasso geboren. Jeden Tag. Hin- und Rückweg. Als Kind kam ich also gar nicht drum herum, mich ständig zu fragen, wer dieser Mann war, von dem Mama so ehrfürchtig spricht. Seinerzeit war er der einzige, der es aus unserer Stadt in die weite Welt geschafft hat. Unter derselben Sonne wie er gelebt zu leben, war fast einschüchternd.

Zu einschüchternd, um ihn auch zu mögen?

Wie für alle Málagenions war er mein Held, dem konnte sich niemand entziehen. Aber um ihn wirklich zu mögen, war für mich noch wichtiger, dass er ein Gegner Francos und der Faschisten war.

Könnten Sie seine Kunst denn auch schätzen, wenn es anders gewesen wäre?

Oh, schwierige Frage [überlegt lang]. Vermutlich schon. Ich bewundere ja auch die Kunst von Salvador Dali, der Franco gegenüber zumindest furchtbar gleichgültig war. Dennoch fällt es mir schwer, den Künstler vom Menschen zu trennen. Auch Picasso hatte ja bekanntlich dunkle Seiten, das Verhältnis zu Frauen etwa. Aber das versuche ich so wenig wie möglich zu bewerten; wer seine Figur beim Spielen ständig verteidigen muss, kriegt sie nicht lebendig. Umso wichtiger war es mir, sie in langen Diskussionen zu verstehen.

Diskussionen mit wem?

Dem Regisseur zum Beispiel oder Picassos Tochter Maya. Sie hat mir zum Beispiel in mehreren Gesprächen versichert, was für ein fantastischer Vater er war oder wie innig er seine Heimatstadt, die er mit zehn verlassen hatte, im Herzen trug. Solche Anker haben mir nicht nur die Komplexität dieser Figur erklärt, sondern erneut gezeigt, dass man alle Seiten eines Charakters beleuchten muss, um ihn zu begreifen. Sonst wird er hohl und kommt niemandem nah.

Wird Genius: Picasso! Durch diese Anker zu einer Serie über seine Kunst, seine Person oder seine Epoche?

Sie kennen die Antwort!

Über alles, sicher. Aber mit welcher Gewichtung?

Mit keiner, wirklich! Er führte zu allem, was ihn umgab, intensive Beziehungen – zur Kunst ebenso wie zu Familie, Freunden, der Politik. Dass Paris während seines Aufenthalts dort von den Nazis besetzt war, hat ihn Tag und Nacht umtrieben, aber nie daran gehindert, weiter zu malen, zu lieben, zu sein. Leben und Kunst waren für ihn identisch, er hat da nicht getrennt.

Gilt das auch für Sie?

Oh Gott, wenn ich ja sage, klingt das, als würde ich mich mit ihm vergleichen. Das käme mir nie in den Sinn! Aber gut: ich trenne wahrscheinlich etwas mehr als er. Wobei ich ihn an einer Stelle des Films sagen lasse, seine Kunst sei ihm wichtiger als die Familie. Das kann ich zwar durchaus verstehen, es gilt aber nicht mal annähernd für mich. Auch ich liebe meine Arbeit, bereue es aber bis heute zutiefst, ihretwegen meiner Tochter so wenig beim Aufwachsen beigewohnt zu haben. Picasso hat am Ende ja auch einen hohen Preis für seine Fokussierung auf die Kunst gezahlt. Der einzige Freund, den er am Ende hatte, war sein Friseur.

Als Picasso 1973 starb, waren Sie selbst Teenager. Welche Erinnerung haben sie daran?

Eine seltsame. Franco war noch am Leben, aber nicht mehr so mächtig. An den Universitäten herrschte Unruhe, der Rest des Landes war jedoch ruhig. Alles schien fein zu sein, auch wenn nichts fein war. was Picasso betrifft: Als gleich nach Francos Tod viele Künstler nach Spanien und auch Málaga zurückgekehrt sind, wurde mir bewusst, wie sehr ich es mir gewünscht hätte, dass auch er aus Frankreich kommt und die Strandpromenade entlang spaziert. Warum ist dieser Fucker Franco bloß zwei Jahre nach Picasso gestorben und nicht zwei davor?!

Immerhin kehrt er jetzt ja im Film zurück.

Ja, wir holen es in Genius: Picasso! gewissermaßen nach. Das sehe ich als eine Art emotionales Geschenk von Ken Biller an mich. Und an Málaga. Manche behaupten ja, Picasso habe die Stadt nicht richtig geliebt. Aber das stimmt nicht. Seine Tochter hat mir dazu eine Geschichte erzählt. Als er schon sehr alt war und nach dem Mittagsschlaf versonnen aufs Mehr vor der französischen Küste sah, fragte sie ihn: Papa, bist du in Málaga? Und er sagte: Ja, in Málaga. Ich musste dabei an meinen Vater denken. Weil er Alzheimer hatte, konnte er sich im Alter kaum an die letzten fünf Minuten erinnern, aber ganz genau an seine Kindheit. Vielleicht hoffe ich nur, dass es Picasso ähnlich ging, aber es ist ein schöner Wunsch. Ich bin Romantiker. Und der liebt diese Serie.

Vor der hatten Sie schon länger geplant, irgendwann Picasso zu verkörpern. Was hat Sie an diesem Projekt überzeugt?

Dass mir glaubhaft versichert wurde, es sein kein übliches Biopic, sondern das Porträt jener 33 Tage, in denen er Guernica gemalt hat, wie es dazu kam und was es aus ihm gemacht hat. Denn das Gemälde kam im Augenblick großer Lebenskrisen, in denen ihm auch infolge emotionaler Zerrüttung das Malen schwer fiel. Dorthin musste mich fühlen, das war sehr intensiv.

Fiel es ihnen da am Ende eines Drehtags schwer, von Pablo Picasso in Antonio Banderas zurückzukehren?

Es wurde jedenfalls von Mal zu Mal schwerer. Als ich ihn am Ende der Serie kurz vorm Tod gespielt habe, um halb drei morgens in der Maske, nach Stunden gebeugter Haltung vom Set ins Hotel, wo ich noch ein wenig an der Rolle arbeiten musste und nach der Dusche ins Bett gehen, nur um nach viel zu wenig Schlaf wieder fünf Stunden in der Maske zu sitzen – da hab ich mich in der Tat wie ein steinalter Mann gefühlt.

Ist ein paar Monate nach Drehschluss etwas von Picasso in Ihnen verblieben?

Nicht nur ein bisschen! Erst vor ein paar Tagen hatte ich imaginären Streit mit Françoise Gilot, der Mutter seiner zwei jüngsten Kinder, in ihrer Budapester Wohnung. Seine Freundin Dora Maar nahm mich erst kürzlich nochmals mit in ihr Fotostudio. Ich tauche immer wieder ab in solche Filmszenen. Nichts in meiner Laufbahn war mir je so nah wie Genius: Picasso! und nichts hat mich je so vollständig eingenommen – vom Makeup bis zur kleinsten Geste.

Aber mussten Sie dafür nicht das Genie vergessen, um den Menschen zu spielen?

Absolut. Als Normalsterblicher kann man sich dem Genie nur übers Menschliche annähern; wer es umgekehrt versucht, ist pausenlos in Gefahr, es zu übertreiben, zu überdramatisieren. Außerdem ist das Geniale an ihm bekannt genug.

Sein selbstsüchtiger Umgang mit Frauen allerdings auch. Was halten Sie angesichts der #MeToo-Debatte von seiner notorischen Untreue?

Daran ist für mich wichtig, dass er offenbar keine Frau je gegen deren Willen zu irgendetwas gezwungen hat. Emotional war er zwar oft grausam, aber nie unaufrichtig. Das ewige Kind in ihm wollte Frauen nicht sammeln, sondern keine davon verlieren. Und man darf nicht vergessen: Picasso war wie ein Planet mit enormer Anziehungskraft, um das alle Welt kreisen wollte – egal ob Frauen oder Männer, Kunstsinnige oder Kunstbanausen.

Was glauben Sie – wäre seine Anziehungskraft heute die gleiche um eine ähnliche Karriere zu starten?

Mit seinem Genie und seiner Fertigkeit hätte er jedenfalls noch ganz andere Ebenen der Kunst erobert, Film zum Beispiel.

Mit Ihnen in der Hauptrolle…

Unter Pablo Picassos Regie zu spielen – was für eine unfassbare Idee!

Weitere Interviews und Texte zu Genius: Picasso! auf DWDL

Anja Reschke: Shitstorm & Panorama

Man gewöhnt sich dran

Spätestens, seit sie wegen eines Kommentars zur Flüchtlingskrise in einen gewaltigen Shitstorm geriet, ist Anja Reschke eine der prägnantesten Journalistinnen im deutschen Medienbetrieb. Ein Interview über den richtigen Umgang mit Hass im Netz, die Illusion nachrichtlicher Neutralität, das dicke Fell der Reporterin und wovor die furchtlose Panorama-Chefin dennoch wirklich Angst hat.

Van Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Reschke, wenn Sie so auf 2017 zurückblicken – das war besonders für eine politische Journalistin schon ein aufregendes Jahr oder?

Anja Reschke: Absolut. Es war zwar für alle aufregend, aber weil die Debatten ungefähr seit 2015 extrem polarisiert sind, macht sich das für Journalisten noch bemerkbarer. Schließlich werden gerade politische Linien gezogen, die für unsere Zukunft gravierend sind – und zwar gar nicht nur in Deutschland, sondern mehr noch in Europa oder den USA.

Ist das bereits ein echter Umbruch oder nur das Ende lieb gewonnener Gewohnheiten?

Da sich die Gegenwart für viele ausgesprochen unruhig anfühlt, kann man gar von Krise reden. Andererseits ist es immer gut, wenn alte Strukturen aufbrechen. Bei Panorama waren die letzten drei von 18 Jahren, die ich schon dabei bin, definitiv am spannendsten. Man hatte schon das Gefühl, wirklich was zur politischen Willensbildung beitragen zu können. Im Moment ist mein Eindruck, dass die großen Fragen gestellt werden. Was ist eine Demokratie? Welche Institutionen braucht sie? Welche Rolle spielen Parteien noch? Wie vermitteln wir in Zukunft Informationen? Brauchen wir dazu noch einen öffentlich-rechtlichen Rundfunk?

Sind Zeiten solcher Krisen mit solchen Fragen für politische Journalisten so gesehen gute Zeiten?

Wenn ich meinen Job so verstehe, Diskussionsprozesse nicht nur zu begleiten, sondern konstruktiv anzustoßen, ist das der Fall. Auseinandersetzung ist für Demokratie wichtig, besser als  die Bräsigkeit politisch ruhiger Zeiten. Das macht natürlich auch Journalismus spannender.

Ein ängstlicher Typ sind Sie demnach nicht?

Nein. Wenn ich auf einem Felsvorsprung stehe und runter schaue, dann habe ich Angst. Was die Zukunft betrifft, eher nicht.

Und das, obwohl Sie die Verwerfungen der weltpolitischen Lage weit besser überblicken als die meisten anderen Menschen!

Angst macht mir das nicht, aber durchaus Sorgen. Gerade mit Blick auf unsere Nachbarländer. Österreich mit seiner Mitte-Rechts Regierung muss man beobachten. Und die Entwicklung in Polen oder Ungarn mahnt, Errungenschaften wie unseren Rechtsstaat nicht mehr so selbstverständlich zu sehen. Die Gewissheit, es würde nie wieder Krieg geben und unsere Demokratie sei sicher, ist nicht mehr so vorhanden, wie vielleicht noch vor ein paar Jahren.

Erwächst aus dieser Sorge Angst um Ihr persönliches Wohlergehen?

Zunächst mal habe ich Angst um zivilisatorische Errungenschaften der Bundesrepublik vom Schutz von Minderheiten über die Emanzipation der Frau bis hin zum zivilisierten Miteinander, also die 20 Grundrechte. Um mein persönliches Wohlergehen musste ich nie wirklich fürchten. Dennoch hat mich die Verachtung, die einem teilweise aus dem Netz entgegen schlägt, wirklich erschüttert.

Heute tut sie das nicht mehr?

Doch, aber man gewöhnt sich dran. Ich weiß heute schon, wer da schreibt, kann das besser einsortieren, als am Anfang.  Das ist wirklich Erfahrung, die man da sammelt. Eine junge Kollegin bekam neulich, nach ihrem Beitrag über den Erfolg der AfD im Osten eine Welle von üblen Kommentaren ab, was sie natürlich getroffen und auch verunsichert hat. Da habe ich gemerkt, dass ich schon einen Schritt weiter bin. Ich weiß, welch kleinen Ausschnitt der gesamten Bevölkerung dieser Hass darstellt. Für den Betroffenen fühlt es sich immer immens an. Aber dieses Starren in soziale Netzwerke ist für keinen von uns gesund.

Ist Ihres Fell dicker als vor drei Jahren?

Das ist tagesformabhängig. Ich sehe heute vieles klarer, rationaler als damals, aber manchmal trifft mich ein Kommentar trotzdem frontal, dann packt mich die Wut. Als Journalist will man ja grundsätzlich Gutes erreichen; da nervt es umso mehr, wenn die Leute darauf so destruktiv reagieren.

Werden Journalisten in Ausbildung und Arbeitsalltag ausreichend darauf vorbereitet, auch mit der Rezeption ihrer Arbeit umzugehen?

In meiner Ausbildung gab es das nicht. Aber dieser unmittelbare Kontakt zum Zuschauer oder Leser ist ja auch ein neues Phänomen der digitalen Zeit. In der Redaktion reden wir natürlich schon oft darüber, wie man mit Kommentaren umgeht. Wichtig ist das vor allem für die Onliner, die den ganzen Müll filtern und moderieren. Auf die aufzupassen ist auch eine neue Verantwortung in Redaktionen. Wer sich dauernd mit verleumderischen, hasserfüllten Kommentaren beschäftigt, muss zwischendrin wirklich mal detoxen. Auf Dauer vergiftet einen dieser Hass. Ich selbst merke, wie wichtig es ist, möglichst viel mit echten Menschen von Angesicht zu Angesicht zu reden. Deshalb gehe ich auch auf so viele Podiumsdiskussionen oder Veranstaltungen. Natürlich gibt es da auch Kritik, aber eben auf eine zivilisierte Art und Weise.

Was würden Sie einer jungen Kollegin wie der Autorin des Afd-Beitrags denn mit auf den Weg geben, wenn sie um Rat bitten würde?

Man gerät im Falle eines Shitstorms schnell in eine Rechtfertigungsposition, um sich und seine Arbeit zu verteidigen. Da rate ich zum Bremsen. Schenk dem Hass nicht zu viel Aufmerksamkeit. Kommentare im Netz sind oft sehr böse und es sind nicht alle! Das Hate Mining Projekt der Uni Münster, das Hasskommentare und deren Quellen im Netz untersucht, hat errechnet, dass im Frühjahr 2016 beispielsweise bei welt.de 50 % der Anti-Flüchtlingskommentare gerade mal von 3,8% der Nutzer geschrieben wurden.

Fleißige Hater…

Und zersetzende. Denn wir selbst müssen uns angesichts dieser Zahl nicht nur fragen, was die Medien mit den Populisten, sondern was die Populisten mit den Medien gemacht haben. Man kann schon spüren, dass viele Journalisten durcheinander waren und vielleicht noch sind. Die verbalen und teils auch körperlichen Angriffe, die Lügenpresse Vorwürfe, das hatte ja Auswirkungen, das ging ja an die journalistische Substanz. Die Frage, welche Berichterstattung angemessen ist, welche kritisiert wird und warum, über was man berichten soll und wie, haben uns alle beschäftigt. Ich denke, dass bei vielen – gerade im Bereich der Flüchtlingsberichterstattung – der Kompass durcheinander geraten ist.

Haben sie ihn mittlerweile wiedergefunden?

Das ist ein Prozess. Journalisten gehen heute viel selbstkritischer mit sich und ihrer Rolle um, als noch vor ein paar Jahren. Das ist sicher positiv. Aber wir müssen auch aufpassen, dass wir uns nicht dauerhaft verunsichern lassen. Journalismus ist nicht dazu da, die Meinung der Rezipienten zu bedienen. Wo soll das hinführen? Wenn Holocaust-Leugner behaupten, es seien keine Juden ermordet worden und die Realität liegt bei sechs Millionen – einigt man sich dann gütlich bei drei? Das Beispiel hinkt vielleicht, aber es gibt keinen Kompromissjournalismus, um alle Meinungen zu bedienen. Es gibt nur Journalismus.

Haben Sie selbst erst zu positiv, dann zu negativ über Flüchtlinge berichtet?

Wir bei Panorama haben weder das eine noch das andere getan, aber ich hab mich schon gefragt, ob ich vor Silvester 2015 darüber berichtet hätte, dass es auf der Domplatte Belästigungen und Taschendiebstähle durch junge nordafrikanische Männer gibt. Vermutlich wäre uns das für eine bundesweite Sendung zu regional gewesen, aber ich würde zugeben, dass es gerade bei Themen, die rassistisch genutzt werden, bei Journalisten immer auch ein bisschen die Angst gibt, falsche Emotionen zu schüren. Das „pädagogische“ gehört zum deutschsprachigen Journalismus dazu. Das gab es übrigens schon vor dem Nationalsozialismus, in der Weimarer Zeit. Im angelsächsischen Journalismus wird unmittelbarer berichtet, ohne Gedanken oder Verantwortungsgefühl für die Folgen von Berichterstattung.

Wo verorten Sie sich da?

Nun ich bin ja auch noch im öffentlich- rechtlichen Rundfunk tätig, in dessen Leitlinien ja schon Dinge wie „Minderheitenschutz“ stehen, das heißt ich empfinde eine hohe Verantwortung für unsere Berichterstattung.

Umso mehr fällt auf, wie klar Sie an jenem 5. August 2015, auf den der heftige Shitstorm folgte, Position für Flüchtlinge bezogen haben.

Nein, ich habe keine Position für Flüchtlinge bezogen, ich habe Position gegen Rassismus und Hetze bezogen.

Wie sehr hat dieser Tag Ihr Leben privat und journalistisch verändert?

Das ist zwar mittlerweile fast drei Jahre her und ich bin etwas müde, immer und immer wieder darüber zu sprechen, aber gut: Ich war auch zuvor schon für pointierte Meinungen bekannt. Es war ja auch nicht mein erster Kommentar in den Tagesthemen. Trotzdem hat dieser eine  natürlich viel bewegt in meinem Leben. Er war knackig, zugegeben. Trotzdem hätte ich bei diesem Inhalt nicht diese Wirkung erwartet.

Haben Sie ihr journalistisches Selbstverständnis oder den Beruf im Ganzen danach je in Frage gestellt?

In Frage gestellt nicht, hinterfragt natürlich schon. Aber ich glaube, das haben alle Journalisten, alle alle alle getan. Das liegt aber nicht nur am Einfluss von Populismus und Fake News, sondern am Prozess der Digitalisierung insgesamt. Die Tatsache, dass Journalisten, Verlage und Sender aufgrund der technischen Entwicklungen nicht mehr die einzigen sind, die Nachrichten und Informationen verbreiten können, hat alles verändert. Jeder kann jetzt Informationen verbreiten, jeder kann Öffentlichkeit erreichen, damit haben wir Journalisten unsere Informationshoheit verloren. Das Alleinstellungsmerkmal der publizistischen Willensbildung durch Journalisten ist verloren. Die neue Frage lautet daher: Was ist der Unterschied, der Mehrwert von journalistischen Produkten im Gegensatz zu allen anderen, die da publizieren? Das ist ja entscheidend für die zukünftige Finanzierung des Journalismus.  Dieser Prozess ist längst noch nicht abgeschlossen.

Wie lautet aus Ihrer Sicht das Rezept im Umgang mit Tendenzmedien ohne Ethos, Redaktion, Handwerkszeug: mehr oder weniger Meinung?

Gedruckte Zeitungen müssen einen Mehrwert bieten, der den Kauf am nächsten Tag rechtfertigt. Mit der reinen Nachricht muss man einen Tag später ja nicht mehr kommen. Die war schon online überall. Deshalb bleibt dem klassischen Journalismus fast nur noch die Einordnung, der Hintergrund, vielleicht auch die Bewertung. Das gilt für Print in besonderem Maße, aber auch fürs Fernsehen, weil man ja nicht permanent alles live überträgt. Selbst das impulsive Radio ist bei Nachrichten im Zweifel langsamer als jede Push-News auf deinem Smartphone.

Klassische Medien bedürfen also zusehends der klaren Haltung?

Ich würde sie durch klare ethische, journalistische Maßstäbe ersetzen, in die eine persönliche Haltung dann fast unvermeidbar hineinfließt. Da ist Trennschärfe vonnöten. Andererseits ist völlige Neutralität seit jeher Humbug – auch wenn sie der Journalismus jahrzehntelang wie eine Monstranz vor sich hergetragen hat.

Panorama war schon lange vor ihrem Einstieg der Inbegriff eines haltungsgetriebenen Journalismus. Hat sich das Magazin dennoch verändert in den vergangenen Jahren?

Ich hoffe es! Wobei ich den Begriff „Meinungsmagazin“ nicht leiden kann. Unsere Berichte entstehen nicht durch Meinungen, sondern durch Recherche. Natürlich wird diese Recherche erstmal von einer gewissen Überzeugung bestimmt, sonst wüsste man ja gar nicht, wohin man loslaufen soll. Entscheidend ist, dass man auch die Argumente der Gegenseite berücksichtigt, im Prinzip wie ein Staatsanwalt. Wir versuchen schon, aus These und Antithese schlüssige Synthesen zu erstellen

Was ist Ihnen selber als Medien-Konsumenten wichtiger – Neutralität oder Haltung?

Ich finde Haltung, besser gesagt: Positionierung schon deshalb toll, weil man damit als Leser vielmehr gefordert ist. Es lädt ein zur Debatte, man kann sich an Argumenten reiben. Aber diese Position muss auch deutlich erkennbar sein und nicht unter einem pseudo Neutralitätsmäntelchen versteckt werden. Mehr Mut zur Ehrlichkeit, zur Transparenz, auch was die Herkunft von Informationen betrifft. Da hat das Fernsehen sogar einen Vorteil gegenüber Print, weil wir alles bebildern müssen.  Mit „wie aus informierten Kreisen zu hören war“ kommen wir nicht weit.

Sind Sie zuversichtlich, dass das Publikum diese Transparenz, den Mut zur Ehrlichkeit so wertschätzt, dass es weiter seriöse Medien nutzt und gegebenenfalls sogar bezahlt?

Da bin ich momentan ein bisschen ernüchtert. Der Wert von freier, unabhängiger, seriöser Presse ist nicht mehr jedem bewusst. Die Möglichkeit, dass jeder in Deutschland jederzeit seine Meinung sagen kann, dass auch Journalisten schreiben und kritisieren können, was sie für richtig halten, wird für selbstverständlich genommen oder durch „Lügenpresse“-Rufe sogar in die gegenteilige Richtung gedeutet. Ich weiß nicht, ob den Menschen bewusst ist, was sie verlieren können. Aber fangen privatwirtschaftliche Unternehmen wirklich auf, was der öffentliche Rundfunk leistet? Braucht eine Gesellschaft nicht auch Räume, die eben frei sind, von Marktinteressen? Einmal abgeschafft, wird es die jedenfalls nicht wieder geben.

Haben Sie die Sorge, das könnte auch hierzulande geschehen?

Auch unser öffentlich-rechtlicher Rundfunk steht unter Rechtfertigungsdruck. Das ist grundsätzlich auch richtig, denn alle Bürger bezahlen ihn. Wir müssen Umfang, Strukturen, Qualität, Kosten, immer wieder auf den Prüfstand stellen. Aber die Kräfte, die die Abschaffung des öffentlich-rechtlichen Systems in Deutschland fordern, haben vor allem ein politisches Interesse. Es geht in Wahrheit doch keinem um Volksmusik oder Sportrechte. Es geht darum, bestimmte politische Richtungen einzudämmen, auszublenden. All das, was eben die Bundesrepublik ausmacht, in ihrer Ausdifferenzierung von Rechten für Minderheiten, in ihrer Toleranz gegenüber anderen Religionen, anderen Formen des Zusammenlebens. All die zivilisatorischen Errungenschaften, die als „linksversifft“ gebranntmarkt werden. Und was bleibt dann?

Ihre Antwort?

Weiß ich nicht. Und wo Sie mich vorhin nach meiner Angst gefragt haben: Vor einer Gesellschaft, die sich in der Vermittlung von Informationen nur noch auf Marktinteressen, auf Algorithmen, auf Renditeziele verlässt, habe ich welche.

Das Interview ist vorab beim Medienmagazin journalist erschienen

Moby: Tech-Pop, TripHop & Gospel

Ich hasse es, live zu spielen

Moby hingegen zählt bereits die Hälfte seiner 52 Jahre zu den ganz Großen des globalen Tech- und Dance-Pop. Doch der New Yorker wurde nicht nur mit jedem seiner Alben populärer, sondern politischer, vielschichtiger, manchmal gar ein bisschen subkulturell. Ein Gespräch zum 15., sehr triphoppigen Longplayer Everything Was Beautiful, And Nothing Hurt über kalkulierbaren Sound, die Hölle auf Erden, was Musik dagegen tun kann und warum er lieber in den Bergen wandert als aufzutreten.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Richard, je mehr ich deine Musik über die Jahrzehnte verfolge, desto schwerer wird es, sie irgendwo zuzuordnen. Hast du eine griffige Beschreibung dafür?

Richard Melville Hall alias Moby: Also grundsätzlich möchte ich ein guter Interviewpartner sein, der nachdenklich und smart klingt. Leider tue ich das nicht, weshalb mir eine nachdenkliche, smarte Beschreibung meiner Musik schwerfällt. Weil ich jeden Tag mit mir selbst leben muss, fällt mir Objektivität in Bezug auf mich ohnehin schwer. Als Begriff für meine Musik fällt mir am ehesten Kraut und Rüben ein. Es gibt gewiss ein paar gemeinsame Nenner, die sich durch alle hindurch ziehen. Aber mir fällt keiner ein. Dir?

Der elektronische Einfluss vielleicht?

Eigentlich ja, aber die Platte, an der ich jetzt grad arbeite, ist vollends akustisch und orchestral. Aber ehrlich: als ich mit der Musik begonnen habe, war Eklektizismus noch die absolute Ausnahme. Wer sich in den Achtzigern ein Genre gesucht hat, blieb ihm ein Leben lang treu. Dass Rockmusiker ewig Rockmusiker sind und Dancemusiker ewig Dancemusiker, hat sich mittlerweile geändert. Heute darf man sein Publikum gern ein bisschen verwirren.

Ist das eines deiner erklärten Ziele beim Musikmachen?

Nein, mein Ziel ist eigentlich ganz einfach: Als ich aufgewachsen bin, war eine meiner tiefgründigsten emotionalen Erfahrungen, Musik zu hören. Das wollte ich selber für andere bewirken. Deshalb gilt meine ganze Loyalität dem Streben, musikalisch Gefühle zu erzeugen, die wie molekulare Teilchen in der Luft dazu in der Lage sind, Menschen zum Weinen, zum Lachen oder voll besetztes Stadion zum Schweigen oder Hüpfen zu bringen.

Und da ist die Festlegung auf ein Genre hinderlich?

Ich würde nicht hinderlich sagen, sondern beliebig. Vor 30, ach – vor 20 Jahren hat sich das Instrumentarium einer Rock-, Pop-, Jazz- oder Rap-Band noch grundsätzlich unterschieden. Und jetzt? Benutzen alle einen Laptop. Die Genres mag es also noch geben, aber die Art, sie zu erzeugen, ändert sich radikal. Das macht jede Festlegung auf ein bestimmtes Genre ein wenig willkürlich und mich selbst in zunehmendem Maße eklektizistisch.

Umso mehr erstaunt, dass Everything Was Beautiful, And Nothing Hurt so unglaublich nach TripHop klingt. Wurdest du da von Tricky und Portishead beeinflusst?

Ich würde eher sagen, es wurde beeinflusst, wovon Tricky und Portishead beeinflusst worden waren: vom Soul der Sixties, vom Dub der Seventies, vom R’n’B der Eighties.

Das klingt nach einem fast wissenschaftlichen Ansatz.

Es ist aber zu 100 Prozent ein emotionaler, persönlicher, subjektiver. In einer Zeit, die den meisten Künstlern sowieso nahezu unmöglich macht, Platten zu verkaufen, also mit ihrer Musik Geld zu verdienen, ist das sehr befreiend. Ich muss auf nichts mehr Rücksicht nehmen und muss noch weniger irgendetwas im Hinblick auf eine Karriere kalkulieren.

Das war also mal anders?

Am Anfang fand ich die Idee, viele Platten zu verkaufen und ausverkaufte Konzerte zu geben, toll. Jetzt finde ich es schöner, einfach Musik zu machen und nie mehr auf Tour zu gehen.

Ernsthaft – du spielst nicht gern live?!

Ich hasse es, live zu spielen. Ernsthaft. Wenn es nach mir ginge, würde ich nie mehr auf Tour gehen, sondern zuhause bleiben, ab und zu durch die Berge wandern, mit Freunden essen gehen, Musik machen. Das ist so viel besser als ständig im Bus zu sitzen und in artifiziellen Hotels zu übernachten.

Ist es dann eine Art Dienstleistung am Fan, dass du dennoch auftrittst?

Nein, denn ich war ja schon einige Jahre nicht mehr auf Tour. Und die fürs neue Album beschränkt sich auf drei Shows in kleinen Clubs von Los Angeles und weiteren zwei in noch kleineren Clubs in New York. Nenn es faul – aber mein Traum von Festival ist es, nach dem Gig ins Auto zu steigen und eine halbe Stunde später in meinem Bett zu liegen. Das Leben ist zu kurz, um sich dauernd zu wiederholen. Ich will nicht der nächste mittelalter Musiker sein, der sein Lebenswerk bei einer Greatest-Hits-Tour reproduziert.

Der Titel deines neuen Albums Everything Was Beautiful, And Nothing Hurt klingt was die Vergangenheit betrifft, irgendwie versöhnlicher…

Das Zitat stammt aus einem Buch von Kurt Vonnegut und als Albumtitel ungemein idealistisch und utopisch. Vielleicht ist das jetzt für mich interessanter als für andere, aber wenn ich auf die Geschichte der Menschheit blicke, waren unsere Probleme bis vor 100 Jahren solche, die sie nicht kontrollieren konnten. Erdbeben, Unwetter, Missernten, Hunger, von Bären gefressen zu werden. In dem Moment aber, als wir all das im Griff hatten, haben wir uns selbstgemachte Probleme erschaffen, was zur merkwürdigen Situation führt, dass wir die Welt, je sie unter unserer Kontrolle ist, nachhaltiger zerstören als jede Naturkatastrophe. Wir könnten das Paradies erschaffen und erschaffen stattdessen die Hölle. Darauf soll der Albumtitel die Aufmerksamkeit lenken.

Bist du optimistisch, dass wir die Hölle in den Griff kriegen?

Ein bisschen ja. Ich hoffe, dass wir alle irgendwann aufwachen, um die Selbstzerstörung unserer Spezies durch fossile Brennstoffe, Massentierhaltung, Konsumwahn zu stoppen.

Kann deine Musik, kann Musik generell dabei helfen?

Meine letzten Alben waren zumindest insofern politisch, als sie all dies thematisiert haben. Von daher war ich wohl schon der Meinung, das ginge. Das Politische an dieser Platte ist eher anthropologischer Natur. Ich frage mich darauf, warum wir handeln wie wir handeln, ohne es zu bewerten. Ich möchte zum Nachdenken anregen, wie wir uns selbst als Spezies sehen, wie wir uns zu anderen Lebewesen verhalten.

Nochmals – kann die Platte das Handeln der Hörer beeinflussen, gar verändern?

Schön wär‘s. Vielleicht kann die selbstbewusste Kombination aus Musik, Essay, Video und Interview Standpunkte so in die Welt senden, dass es Aufmerksamkeit für globale Probleme erzielt.

Ist Motherless Child, das auf einem Gospel früherer Sklaven basiert, so gesehen ein politscher Song mit dem Potenzial zur Veränderung?

Er wirft zumindest einen Blick auf die menschliche Kultur, besser noch: die Kultur der Menschlichkeit, um womöglich das Verständnis dafür zu verändern, warum sie so oft derart furchtbare Entscheidungen gegen die eigene Spezies trifft. Jeder versucht sein Leben Tag für Tag krampfhaft mit einem Sinn zu füllen, nur um Abend für Abend zu bemerken, wie endlich das Leben ist und wie isoliert, verloren, entfremdet wir sind. Davon handelt der Song. Meine Hoffnung ist nicht, dass er daran etwas ändert, sondern die Menschen beim Hören eine emotionale Bindung dazu finden und über sich selbst und ihr Handeln nachdenken – so wie es ein Stück wie Imagine in all seiner Einfachheit einst getan hat. Obwohl: die Ausstrahlung von John Lennon maße ich mir besser nicht an…

Das Interview ist vorab beim MusikBlog erschienen

Hannah Hollinger: Männer & Kriege

Ich arbeite gern in Köpfen anderer

Seit Ihrem Seriendebüt Aus heiterem Himmel vor bald 25 Jahren beweist die Drehbuchautorin Hannah Hollinger (60) erstaunliches Gespür für die männliche Befindlichkeiten. Im ARD-Mittwochsfilm Fremder Feind treibt sie diesen Zugang – auch dank Ulrich Matthes’ brillanter Darstellung eines Vaters, den der Soldatentod des Sohnes in die Einsamkeit einer Berghütte treibt – zu einer grandiosen Studie über Männergewalt gegen sich und andere. Ein Gespräch über  Geschlechterthemen, Romanadaptionen, Trauerarbeit und ihr selbstbestimmtes Leben.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Hollinger, warum zeigt die ARD Ihren Film heute Abend eigentlich nicht unterm Roman-Titel Krieg, sondern als Fremder Feind?

Hannah Hollinger: Tja. In Venedig lief er noch unterm Originaltitel. Der Regisseur und ich fanden ihn ebenso wie die Redaktion auch eigentlich ganz passend. Trotzdem verstehe ich die ARD, dass sie damit fremdelt. Für einen Mittwochabend ist das ja sehr martialisch, also nicht sonderlich breitenwirksam. Der mildere Titel tut aber auch niemandem weh, wie es manchmal im Fernsehen der Fall ist. Man will halt auch Frauen oder zartere Seelen ansprechen.

Zumal es in dem Film ja nicht nur um Krieg geht.

Genau. Es geht auch um Trauer, Gewalt, Männlichkeit vor allem. Was die Rolle der Frau darin etwas ungleich verteilt. Sie übernimmt den Part der Selbstkasteiung, also nicht des handelnden Subjekts wie die Männer, sondern des trauerndem Objekts.

Fällt es einer Autorin leichter, sich in die Rolle der Frau als derartiges Objekt hineinzudenken als in die Subjekthaftigkeit des Mannes – auch wenn sie in diesem Fall Täter und Opfer zugleich ist?

Bei einem Roman, der zudem von einem Mann geschrieben wurde, fällt das natürlich leichter, als wenn ich mir die Figuren ausgedacht hätte. Trotzdem fließt auch bei Adaptionen stets meine eigene Sicht mit ein. Und da fiel es mir überhaupt nicht schwer, mich ins Eingemachte einer männlichen Hauptfigur zu versetzen. Erstens, weil ich mich seit jeher viel mit Psychologie beschäftige. Zweitens steckt vieles Männliche ja auch im Weiblichen, wir leben es nur anders aus, oft weniger verdichtet. Ich kann mich daher ganz gut in Männer hineinversetzen.

Damit hat ja gewissermaßen Ihre Laufbahn begonnen, als Sie sich Mitte der Neunziger für die ARD-Serie Aus heiterem Himmel eine Patchwork-Männer-WG ausgedacht haben.

Das war zwar nicht meine Idee allein, aber stimmt schon – die Auseinandersetzung von Männern mit Themen wie Familie, Emotionen, Alltag interessiert mich seit jeher. Vor 20 Jahren war das allerdings noch viel seltener als heute und daher eine weit größere Herausforderung.

Die Regisseurin Brigitte Maria Bertele, mit der Sie bereits drei Filme gedreht haben, findet es sogar leichter, männliche Figuren zu inszenieren, weil sie nicht dauernd von sich auf andere schließen müsse wie bei weiblichen. Kennen Sie das auch?

Nein, denn anders als Brigitte integriere ich die männlichen Teile des Rollenverhaltens womöglich etwas mehr in meinen Alltag. Ich lebe alleine, habe früh meinen Vater verloren, dadurch fast zeitlebens für mich selber gesorgt und oft beide Rollenmuster mit gelebt. Weil ich dennoch versuche, möglichst selten in Kategorien wie „typisch männlich“ und „typisch weiblich“ zu denken, trifft die Rollenverteilung in Krieg einen wunden Punkt bei mir: Die Frau richtet ihre Trauer über den Verlust des Kindes – typisch weiblich – gegen sich selbst und der Mann – typisch männlich – gegen andere. Nicht jedes Bild ist falsch, nur weil es ein Klischee ist, aber auch hier interessiert mich die psychologische Tiefe der Beteiligten weit mehr als die Frage, wie geschlechterspezifisch das Handeln ist.

Woher rührt denn Ihr Interesse an der Psychologie – sind Sie da erblich vorbelastet?

Nicht über die Berufe meiner Eltern, aber die Art meiner Sozialisation, in der sehr früh sehr viel von mir erwartet wurde. Und mitten in der Pubertät seinen Vater zu verlieren, sorgt für eine Art der Verarbeitung, von der aus der Weg zur Psychologie nicht weit ist. Ich habe dann immerhin Sozialpädagogik studiert, wo die Psychologie eine große Rolle spielt. Vielleicht macht es mir deshalb auch so großen Spaß, Romane zu adaptieren. Ich arbeite einfach gern in den Köpfen anderer, gehe mit deren Gedanken um, suche die Essenz dessen, was sie wollen.

Sie schreiben also selten Originaldrehbücher?

Nein, das hält sich ungefähr die Waage. Ich mag  beides.

Kommt man eher mit Ideen auf Sie zu oder bieten Sie eigene Idee an?

Auch das ist ausgewogen, wobei es mittlerweile häufiger vorkommt, dass Ideen an mich herangetragen werden – Krieg zum Beispiel. Umgekehrt wäre es so, dass die Auftragslage definitiv eine  bessere ist, wenn ich einen Roman adaptiere, weil sich die Produzenten unter einem Roman natürlich gleich mehr vorstellen können als unter einem fünfseitigen Exposé.

Brigitte Maria Bertele, ihr als Frau würden nach wie vor häufiger Liebes- und Familiengeschichten angeboten. Ist das bei Ihnen ähnlich?

Das ändert sich schon. Wobei es bei mir schon sehr früh anders war. Auch dank meiner Zusammenarbeit mit Regisseuren wie Matti Geschonnek. Man bietet mir in der Regel schwierige Themen an, in denen die Umsetzung nicht sofort auf der Hand liegt.

Das darf man als Kompliment betrachten oder?

Absolut.

Was ist da gerade in Planung?

Zunächst mal die Weiterführung des Schlöndorff-Films nach Friedrich Ani, wieder mit Thomas Thieme. Das muss der Sender aber erst entscheiden. Und was mich sehr interessiert: Die Verfilmung eines Sachbuchs vom Süddeutsche-Redakteur Ronen Steinke Der Muslim und die Jüdin. Das wäre mein nächstes Projekt.


Daniel Donskoy: Judentum & Fernsehpfarrer

Ich lache viel und laut

Die RTL-Serie Sankt Maik ist bestenfalls netter Durchschnitt. Weil Daniel Donskoy darin jedoch die Titelfigur – einen (tihi) falschen Pfarrer – spielt, muss man sie dennoch beachten. Der hyperkosmopolitische Schauspieler mit mindestens fünf Heimaten ist so ziemlich das erfrischendste, was das Mainstreamfernsehen derzeit zu bieten hat. Ein Gespräch über jüdische Wurzeln, internationale Produktionen und wie er mal an einem Tag als US-Offizier, SS-Scherge, schwuler Pianist gecastet wurde.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Daniel Donskoy, Sie sind geboren in Moskau, aufgewachsen in Berlin, weiter gewachsen in Tel Aviv, zum Studium zurückgekehrt nach Berlin und von dort nach New York gezogen. Hab ich was vergessen?

Daniel Donskoy: London fehlt noch.

Sind Sie angesichts Ihrer vielen Stationen irgendwo heimisch?

Geografisch nicht. Ich bin schon da zuhause, wo es Menschen gibt, mit denen ich mich wohlfühle. Tel Aviv ist mir wichtig, weil meine Mama da lebt, bei meinem Vater in der Schweiz gibt‘s auch ein Zuhause. Weihnachten feiere ich seit zehn Jahren mit Freunden in Wien.

Fehlt da nicht manchmal ein Ankerplatz?

Nee. Schon deshalb nicht, weil ich selbst Köln zuletzt als einen betrachten konnte, weil ich da Sankt Maik gedreht hab. Was mich verankert ist letztlich meine russische Erziehung zweier Eltern, die mir die Chance gegeben haben, frei zu leben, mich frei zu bewegen. Dank ihnen ist mir klar, dass sich weiße Männer wie ich immer wieder mal vor Augen halten müssen, wie privilegiert sie eigentlich sind.

Dieses Privileg hat Sie jetztwieder zurück in den deutschen Sprachraum geführt. Fühlen Sie sich da womöglich schon sprachlich sicherer als im Ausland?

Zurzeit passt es, weil vieles zurzeit funktioniert. Grundsätzlich möchte ich gern überall auf der Welt arbeiten, auch wenn das viel Zeit erfordert. London, wo ich sehr international besetzt wurde, war auch toll. Aber das hier läuft grad noch toller. Ich darf eine Menge sehr verschiedener Dinge drehen. Den Mörder bei der SOKO Köln, einen Soldaten bei der SOKO Leipzig, einen Studenten bei Heldt, einen Womanizer im Tatort, dazu den Pfarrer Sankt Maik.

Wie es scheint, ist das Ihre erste wirklich komische Rolle.

Meine zweite. Aber der Humor in der englischen Serie Detectorists ist so britisch, dass er in Deutschland kaum bemerkt, geschweige denn verstanden wird. Deutsche Comedy ist da einfach offensichtlicher. Wobei wir bei Sankt Maik das große Glück hatten, dass es eine Dramedy ist; da mussten wir nicht ständig kalauernd auf den Putz hauen; der Witz entsteht eher aus Figuren als Worten

Sind Figuren wie Ihr Kleinkrimineller, der sich als Pfarrer ausgibt, realistisch?

Zunächst mal ist sie fiktional. Natürlich wäre so eine Figur in unserer Welt irreal, aber in der, die die Ufa da kreiert, ist sie stimmig und damit wahrhaftig. Außerdem machen wir hier kein Dokumentarfilmformat, sondern Unterhaltung für die ganze Familie. Ich finde, das ist etwas sehr Schönes, auch meine Rolle darin.

Entspricht dieser extrem exaltierte Gauner von der Art ins Leben zu springen auch Ihnen als Schauspieler?

Nein. Denn ich kann sein, wie ich bin.

Sehr fröhlich und offenherzig so scheint es.

Stimmt schon: mit weniger Selbstbewusstsein wär die Rolle nichts für mich. Ich lache auch viel und laut, schon weil die Welt zu traurig für noch mehr Trübsinn ist. Ich sehe die Dinge gern positiv, sonst wäre ich längst klinisch depressiv. Maik ist da ähnlich, aber er muss damit anders als ich ständig etwas überspielen, um andere zu täuschen. Deshalb ist es mir wichtig, klarzustellen: ich bin nicht Schauspieler geworden, um im Mittelpunkt zu stehen. Dass RTL einen Newcomer wie mich dennoch dorthin stellt, finde ich dennoch enorm mutig. Oh Mann, ich liebe diesen Beruf.

Warum genau?

Ach, als Biologie-Student hätte ich doch sonst nie die Gelegenheit gekriegt, so tief ins Leben eines katholischen Pfarrers einzutauchen. Oder den Zar von Russland zu spielen. Oder in was ich sonst so hineinschlüpfen darf. Schauspiel kommt da der Psychologie sehr nahe, weil man Charaktere wirklich verstehen lernt.

War dieses Bedürfnis, in Rollen einzutauchen, bei Ihnen familiär vorgeprägt?

Nee, aber es waren sehr aufgeschlossene Menschen. Mein Vater kommt aus dem IT-Bereich, meine Mama aus dem innenarchitektonischen. Sie hat mich mit 20 bekommen und kurz darauf getraut, der Sowjetunion den Rücken zu kehren, um woanders etwas Neues, Besseres zu finden. Diese empathische Weltoffenheit hat mich mehr geprägt als ihr Beruf. Außerdem ging bei uns zuhause viel um Bildung, kultiviert zu sein gehörte ebenso dazu wie ein Musikinstrument zu spielen. Mein Opa ist Geigenvirtuose, meine Oma Pianistin, die geben noch immer gern ein Duett, sobald Gäste kommen.

Also doch eine künstlerische Prägung.

Schon. Aber entscheidend ist: keinem in unserer Familie war je daran gelegen, sein Gesicht auf einem Plakat zu sehen. Es ging immer um den künstlerischen Ausdruck. Obwohl meine Mama fast ganz groß rausgekommen ist. Als sie mich mal am Set besucht hat, durfte sie als Komparsin durchs Bild laufen. Das fand sie nach kurzer Gegenwehr sogar lustig. Plötzlich fehlte jedoch eine Kleindarstellerin, weshalb die Regie fragte, ob Mama das machen kann. Sie durfte dann eine Pornoproduzentin spielen, die Viagras durch den Raum trägt. Das war’s aber auch mit dem Rampenlicht.

Bildet die Familie Ihrer Mutter den jüdischen Teil Ihrer Biografie?

Beide Familien. Vielleicht bin ich vom Glauben her deshalb so traditionell veranlagt.

Inwiefern traditionell?

Ich glaube zwar nicht an das, was im Alten Testament steht, gehe aber mindestens einmal im Jahr in die Synagoge. Am Judentum wie an jeder anderen Schriftreligion finde ich allerdings schwierig, dass ihre heiligen Bücher viel zu konkret gelesen werden, anstatt sie zu abstrahieren. Im Judentum zum Beispiel gibt es geschichtlich betrachtet keine säkulare Alternative zur Bibel, um sich seiner historischen Identität zu versichern. Ich betrachte sie dagegen eher als metaphorischen Leitfaden fürs Leben. Aber egal, ob ich in Tel Aviv, Neukölln oder London gelebt habe: Überall kamen so viele Ethnien zueinander, dass Herkunft und Kultur kaum noch eine Rolle gespielt haben. Das war überaus befreiend und hat meine jüdische Herkunft wieder ein bisschen relativiert.

Hat Ihnen Ihr Elternhaus dennoch was vom legendären jüdischen Humor mitgegeben?

Ja klar. Und die herrliche jüdische Streitkultur. Auf der Schauspielschule wurde ich mal gefragt: Hey Daniel, what do you think ist the essence of jewish humour?

Und was war die Antwort zur Essenz des jüdischen Humors?

(lacht) Frag einen Juden!

Werden Sie oft als solcher besetzt?

Kürzlich, ja. Als israelischer Soldat bei der SOKO Leipzig. Das war echt faszinierend und trotz einiger Fehlinterpretationen super recherchiert. Zumal es da mal nicht wie so oft um den Holocaust ging, sondern den Alltag – auch wenn darin Neonazis vorkommen. Ansonsten versuchen mich die Produzenten überhaupt nicht in die israelische Ecke zu besetzen, eher schon in die katholische (lacht). Die Vielschichtigkeit meiner Rollen könnte zu solch einem frühen Zeitpunkt meiner Laufbahn kaum größer sein. Ich wurde kürzlich morgens für eine Netflix-Serie als amerikanischer Sicherheitsoffizier gecastet, danach als SS-Offizier im besetzten Frankreich, zuletzt als schwuler Pianist. Drei derart verschiedene Figuren, alle an einem Tag.

Kommt man da nicht durcheinander?

Nicht, wenn du genau weißt, wer du bist und was du willst. Um immer wieder zu mir zurückzufinden, mache ich zum Ausgleich viel Sport und Yoga. Das ist grad für Schauspieler enorm wichtig.