Marcus Wiebusch: Befindlichkeit & Wut

Wir sind keine Parolenband

Marcus Wiebusch kommt aus dem Punkrock, ging in den Befindlichkeitspop und findet sich nach einem Solo-Ausflug mit seiner alten Band Kettcar in der Mitte wieder. Fünf Jahre nach dem vierten Album wirkt Ich vs. Wir (Grandhotel van Cleef) nicht nur beschleunigt, sondern viel politischer. Damit findet der Songwriter einen gewohnt lyrischen, oft aber auch beherzten Ausdruck für die Verhältnisse. Ein Gespräch mit dem 49-jährigen Heidelberger über die Wiederbelebung seiner Hamburger Indierock-Band, wie man leise Fuck AfD sagt und was Pop zu Literatur macht.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Das neue Kettcar-Album heißt Ich vs. Wir – wer genau ist wer dabei?

Marcus Wiebusch: „Ich“ ist das Individuum und „Wir“ sind die Gemeinschaft.

Das ist also nicht autobiografisch gemeint, von dir oder der Band?

Überhaupt nicht. Der Titel basiert auf dem Song Wagenburg, wo das Ich und das Wir in verschiedenster Konstellation gegeneinander krachen, da spielen wir mit Ambivalenzen. „Wir sind das Volk“ meint ja – Stichwort Pegida – am Ende „Ich bin das Volk“, das ist eine Ansammlung von Egoisten, die alles für sich wollen und sich dafür unter einem völkischem Begriff sammeln. Da mündet alles in die urpolitische Frage: mit wem will man eigentlich noch was zu tun haben, um ein lebenswertes Miteinander hinzukriegen? Das geht über uns als einzelne Teile der Band Kettcar weit hinaus.

Auch nostalgische Erinnerungen wie „Benzin und Kartoffelchips“ entspringen also vollständig der Fantasie?

Genau, bis auf Den Revolver entsichern, wo ich meinen Kindern ganz am Schluss kurz erkläre, was ein guter Mensch ist, ist alles ausgedacht.

Findet denn der Schlüsselsong Sommer 89, in dem Parallelen zwischen Flucht aus dem Osten damals und Flucht nach Deutschland heute gezogen werde, wenigstens nachrichtliche Bezugspunkte in der Realität?

Das schon. Da bin ich übers reale Ereignis eines Fluchthelfers vor 28 Jahren an der deutsch-ungarischen Grenze gestoßen, von dem die Süddeutsche Zeitung mal berichtet hat. Wobei es ja genau der Clou des Stückes ist, von der aktuellen Flüchtlingssituation zu singen, ohne sie auch nur mit einem Wort zu erwähnen.

Wobei erzählen besser passen würde als singen.

Stimmt. Am Anfang hatten wir da einen ganz normalen Popsong mit Reimschema im Kopf, aber mit der Zeit hat sich das Erzählerische ergeben, bei dem man bis hin zu einer Art Romanstruktur unfassbar frei ist in den Formulierungen, aber auch in der Beschreibung der Umstände. Wenn man jeden Grashalm beschreibt, werden die Leute beim Hören viel tiefer in den Song hineingezogen. Über eine Geschichte lässt sich mein Anliegen, das Politische viel besser transportieren. Juli Zeh hat über Sommer 89 gesagt, er sei wie gute Literatur – die am Ende ja mehr Fragen als Antworten bietet. Eine davon wäre, ob es nicht grundsätzlich ein zutiefst menschlicher Akt ist, Menschen über Zäune zu helfen.

Zumal die andere Seite des Zauns keinesfalls das Paradies ist; du zählst ja neben allem, was die Flüchtlinge dort Gutes erwartet, auch das Schlechte auf…

So wie die Menschen 1989 Immobilien ohne Wert und Hartz4 gekriegt haben, gab es eben auch Kiwis und Wahlrecht. Und heute kommen Flüchtlinge nicht nur für Essen und Obdach, sondern Recht und Ordnung. Man kann an diesem Land viel rumhaten, aber das Grundgesetz ist so schlecht nicht, sofern man es wörtlich nimmt. Es geht um Ambivalenz, das funktioniert viel besser als Fuck AfD zu brüllen.

Aber ihr kommt doch seit jeher eher über die Poesie als Parolen?

Wir sind keine Parolenband, kommen aber diesmal mehr denn je übers Storytelling.

Meinst du denn, damit sind Menschen jenseits eurer Filterblase zu beeindrucken?

Da unsere Popularität bis ins Mainstreampublikum reicht, glaube ich schon. Da werden viele zum ersten Mal mit solchen Gedanken konfrontiert. So gesehen spricht der Song nicht nur meine Leute an, schon weil Jan Böhmermann den millionenfach geteilt hat. Ich singe nicht nur für Eingeweihte.

Mit dem Ziel, den Leuten – auch als studierter Pädogoge – was unterzujubeln?

Unterjubeln nicht, aber ich sehe meine Aufgabe schon auch darin, übers Entertainment Inhalte unter meinen Bedingungen zu vermitteln. Ob ich dabei einen AfD-Wähler vom Gegenteil überzeuge, ist dabei fast ein bisschen egal; mir ist wichtig, eine Haltung, von der ich zutiefst überzeugt bin, kraftvoll zu Gehör zu bringen.

Ist das nicht ein avantgardistischer Ansatz?

Inwiefern avantgardistisch?

Eine erhabene Position, leicht über dem Erkenntnisstand der breiten Masse?

Wenn das die Erhabenheit von The Clash, Dead Kennedys, Rage Against The Machine oder Blumfeld ist, womöglich schon. Ich mache politische Haltung ja nicht als erster zu Musik und wurde in meiner diffusen Sichtweise einst selbst von solchen Bands beeinflusst. Wenn mir das mit heute mit anderen gelänge, wäre das echt schön.

Seid ihr so gesehen zuletzt politischer geworden?

Ja, klar.

War das die logische Folge der Umstände oder einer bewussten Entscheidung?

Das lässt sich schwer differenzieren, aber unser letztes Album von 2012 war emotional ein solcher Tiefpunkt, dass ich erst mal was allein machen musste. Das Solo-Album wurde dann als eher politisch wahrgenommen, was sich als Band jetzt fortsetzt. Wir merken ja, was in diesem Land los ist; da haben gefühlige Texte schlicht nix verloren. Wir wollen keinen Selbstvergewisserungs-HipHop machen, der scheinbar gerade alles andere platt macht. Die Leute sollen merken, dass wir uns der Realität stellen. Und diese Gewissheit wurde mit jedem demokratisch legitimierten Schwachsinn von Trump bis Erdogan, von Brexit bis AfD größer.

Sind Zeiten des Rechtsrucks für einen linken Liedermacher daher gute?

Klingt zynisch, ist aber so. Als wir 2002 sehr befindlichkeitsorientierte Lieder gemacht hatten, mag zwar auch schon vieles scheiße gewesen sein, aber ich habe das da noch nicht so gefühlt. Zumal ich da gerade aus dem sehr politischen Punkrock kam.

Mit But Alive.

Das was Kettcar jetzt macht, ist gerade ein Stück weit alternativlos, aber damals wollte ich echt mal was völlig anderes machen, so wie wir in fünf Jahren vielleicht auch wieder was anderes machen wollen.

Drückt sich diese Rückbesinnung auf den Punk auch musikalisch aus?

Klar, wir sind schneller, robuster, energetischer. Anfangs hatten wir tatsächlich nur Bretter, bis unser Produzent gesagt hat, ey können wir mal kurz weg vom ganzen Geballer? Deshalb ist zum Schluss ein ruhiger Song wie Das Gegenteil der Angst dazugekommen.

Um richtig ruppig zu werden, ist allerdings deine Stimme nicht die richtige oder?

Mein Gesang transportiert nie diese Grundwut eines Zack de la Rocha. Weil ich bei But Alive krass geshoutet habe, musste ich 1999 ja eine Stimmbandoperation über mich ergehen lassen. Seitdem singe ich anders.

Kettcar ist das Ergebnis einer ärztlichen Verordnung?

Nein, nein, nein. Ich habe das, was vorher in mir war, einfach nicht mehr gefühlt und wollte ruhigere Musik machen. Auch auf der letzten But Alive singe ich schon weicher.

Ist denn trotzdem noch genügend Wut in dir über die Verhältnisse?

Schon, aber das ästhetische Konzept jenseits des Punk kickt uns nicht mehr. Wir lieben Popsongs – auch wegen der Möglichkeit, Leute zu erreichen, die du nicht erreichst, wenn du im Sinne von preachingtothealreadyconverted nur für die eigene Blase ballerst. Mit so einen lieblich klingenden Stück wie Mannschaftsaufstellung erreichst du da viel mehr, da sind wir musikalisch sanft, aber textlich klar. Kettcar 2017 ist anders als Kettcar 2002, aber auch als Marcus Wiebusch solo vor drei Jahren.

Nimmst du seither weniger Einfluss auf die Band als früher?

Definitiv, wir gehen viel kommunikativer an Sachen ran als früher, wo ich mehr oder weniger alle Songs allein gestemmt hab. Mittlerweile kommt viel mehr von den anderen, auch weil wir sehr konkrete Gespräche hatten, welchen Boden wir jetzt beackern wollen. Das ist eine ganz andere Band – schon weil die anderen mit ihren Möglichkeiten aufgeholt haben, um ihre Kreativität besser einzubringen. Da hätte ich auch früher schon nichts gegen gehabt, aber es kam halt weniger. Ich bin ein Teamplayer, den Austausch möchte ich  nicht mehr missen.

Also erst mal Band statt solo?

Das möchte ich hier und heute bezeugen.

Das Interview ist vorab beim MusikBlog erschienen
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Wanda: Manuel Christoph Poppe

Liebe, Leben und Tod

Wanda, das klang schon auf dem umjubelten Debütalbum Amore, als würde Udo Jürgens in einer Wiener Spelunke besoffen das Leben feiern. Auch auf ihrer dritten Platte Niente kommt der Rotz, das Gefühl, die Bierseligkeit eher aus dem Bauch als dem Gehirn. Verantwortlich dafür ist vor allem Marco Wanda (Foto: Pistenwolf. Manuel Christoph Poppe ist daher wie die restlichen drei Mitglieder vor allem für die Umsetzung von Marco Wandas Arrangements und Texten zuständig. Eine ideale Rollenverteilung, meint der Gitarrist und erzählt auch ein bisschen was über den erstaunlichen Erfolg der österreichischen Popszene in Deutschland.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Manuel, auch bei eurer dritten Platte hat man wieder das Gefühl, Wanda macht Musik für den Moment als gäb’s kein Morgen.

Manuel Christoph Poppe: Also es ist schon mal sehr, sehr schön, wenn du das mit dem Moment aus unserer Musik heraushörst, denn er ist das Wertvollste was wir darin haben. Aber natürlich hoffen und wünschen wir uns in diesen Momenten stets, dass es den Morgen danach trotzdem noch gibt.

Umso mehr wirkt eure Musik wie das, was man gemeinhin Eskapismus nennt. Versteht man eure Lieder als kleine Fluchten aus der schwierigen Wirklichkeit falsch?

Ein bisschen. Unsere Lieder sind vielfach Angebote an andere, über schlechte Phasen in ihrem Leben hinwegzukommen oder es selbst dann zu genießen, wenn es mal nicht so läuft. Aber es stimmt schon politische Parolen oder Wahlempfehlungen findet man in unseren Liedern nicht.

Und aus welchem Grund?

Weil Liebe, Leben und Tod die wesentlichen Themen des Alltags sind, das reicht uns völlig als Handlungsspielraum.

Sind in den Liedern über die Liebe und das Leben dann verborgene Metaebenen und Metaphern enthalten, die die Welt da draußen am Ende doch im Ganzen kommentieren?

Auf jeden Fall. Das Geheimnis ist, den Song so zu gestalten, dass man beim Hören glaubt, er sei für mich geschrieben und handelt gewissermaßen von mir. Das wäre optimal, muss aber nicht sein. Man kann sich bei Wanda auch ganz ohne tieferen Sinn am Klang der Wörter und Noten erfreuen. Wir machen nur Vorschläge.

Sind eure Songs dennoch persönliche Geschichten, die mit euch selbst zu tun haben, oder abstrakte Erzählungen von allem und jedem?

Natürlich fließt in jeden Song etwas Persönliches ein, aber wir liefern jetzt kein Dylaneskes Story-Telling der eigenen Erlebniswelt. Marco ist das, wovon er singt, in der Regel nicht selbst widerfahren. Das Wesentliche an seinen Texten ist eher, ein kollektives Unterbewusstsein zu erwischen. Wir versuchen aus allem, was man so aufschnappt, die Essenz der Gefühle darin zu extrahieren und daraus Geschichten zu machen.

Was hat sich diesbezüglich am Inhalt und dem Sound drum herum seit eurem Debüt Amore verändert?

Die Arrangements sind nicht mehr so rotzig wie damals, also ein bisschen feiner. Es gab da aber keinen Plan, geschweige denn ein schlüssiges Konzept. Unser Prozess ist nach wie vor sehr organisch. Wenn Marco mit der Akustikgitarre kommt und seine Songs vorspielt, hat sich bei allen drei Alben der Rest von alleine ergeben. Der Song weiß schon, was er will; wir müssen da nicht bewusst noch ein paar Streicher oder so beifügen. Und Marco kommt auch nie mit bloßen Songfetzen, sondern fertigen Strukturen – Strophe, Refrain, Melodie, Abläufe. Wir setzen das dann nur noch um.

Fühlt ihr vier anderen euch dann dennoch als gleichberechtigte Mitarbeiter oder doch eher Dienstleister?

Wir sind absolut gleichberechtigt. Es ist ja nicht so, dass Schlagzeug, Gitarre, Bass, Keyboard gern mehr beitragen würden, aber nicht dürfen. Wir sind im Gegenteil froh, einen Songwriter wie Marco zu haben. Die Rollenverteilung ist für uns ideal. Mir reicht die Gitarre völlig aus; da muss ich nicht noch mit ihm die Akkordstruktur diskutieren.

Warum ist das Ergebnis dieses Prozesses auch außerhalb von Österreich so erfolgreich, vor allem in Deutschland?

Wenn man danach sucht, würde man gewiss gute Gründe für den aktuellen Österreich-Hype in Deutschland finden, aber wir wollen da gar nicht so analytisch rangehen.

Und falls doch, ausnahmsweise?

Spielt das transportierte Gefühl aus meiner Sicht die größere Rolle als der Wiener Dialekt mit seinem vermeintlichen Charme.

Der Erfolg deines Landsmanns Voodoo Jürgens könnte also daran liegen, dass sich die notorisch verkopften Deutschen nach dieser völlig unverstellten Bauchigkeit sehnen?

Ich glaube schon. Voodoo Jürgens ist sehr erzählerisch, Nino aus Wien eher prosaisch, Bilderbuch eher spielerisch – so bringt jeder sein Gemüt auf sehr individuelle Art so zum Ausdruck, dass man dem glaubt und zuhören will. Wir machen einfach gute Texte.

Sorgt das bereits für die Existenz einer Art Wiener Popkultur, in der alle miteinander rumhängen wie einst die Hamburger Schule?

Teils schon. Von loser Bekanntschaft bis echter Freundschaft ist alles dabei. Nino aus Wien zum Beispiel ist definitiv ein guter Freund von mir, Voodoo Jürgens kennen wir auch schon seit zehn Jahren, der Ansa Sauermann ist auch ein ganz Lieber, mit dem wir uns gut verstehen. Es gibt schon wertvolle Begegnungen, aber wir sind jetzt nicht als geschlossene Szene aktiv.

Wie weit reicht eure Resonanz – über den deutschsprachigen Raum hinaus?

A bissl. Wir haben mal in Luxemburg gespielt und es gibt immer mal wieder Berichte von Bekannten, die jemanden in London oder so kennen, aber das ist extrem vereinzelt. Aber vielleicht ergibt sich ja was in Italien, größere Ambitionen haben wir nicht.

Eines eurer Bandmitglieder ist gerade erkrankt. Sorgt so etwas dafür, nach drei Jahren Vollgas mal einen Gang zurückzuschalten?

Das würde voraussetzen, an der Sache mit dem Vollgas wäre was dran. Im letzten halben Jahr nämlich war es bei uns ziemlich ruhig, das Album haben wir eigentlich in zwei Wochen eingespielt, es gab eine Tour im März und relativ wenig im Festivalsommer. Es war eher zu wenig zu tun, was bis zur Tour im Frühjahr kaum anders werden dürfte. Bisschen gefährlich.

Inwiefern?

Ach, wenn man Zeit hat und etwas Geld auf der Kante, wird es in einem Beruf, für den man ohnehin nicht ständig früh aufstehen muss, rasch etwas strukturlos. Ich hatte zum Beispiel vor, mehr Sport zu machen, mich besser zu ernähren, mal mit einem Therapeuten über Dinge zu plaudern – hat alles nicht funktioniert, keine Chance. Meine sportlichen Ambitionen sind über die Bettkante nicht hinausgekommen, aus der Ernährung wurden Alibi-Smoothies in der Früh und aus dem Therapeuten eine Putzfrau, immerhin.

Das Interview ist vorab erschienen beim MusikBlog

Martin Brambach: 1 Honecker & 4 Hitlers

Täter als Menschen zeigen

Martin Brambach hat sich zu einem der Stars des deutschen Films entwickelt. Warum, das zeigte er zuletzt am Einheitsfeiertag als Titelfigur der halbrealen Wende-Groteske Willkommen bei den Honeckers (zu sehen noch in der ARD-Medieathek). Ein Gespräch über Witzfiguren in der Tyrannei,  seine Jugend unterm Staatsratsvorsitzenden und wie er mal mit drei Adolf Hitlers im Raum saß.

Von Jan Freitag

Herr Brambach, als man Sie gefragt hat, den fast achtzigjährigen Erich Honecker zu spielen – was ist Ihnen da als Erstes durch den Kopf geschossen?

Martin Brambach: Na welche älteren Kollegen haben denn da bitteschön abgesagt…

Und als Zweites?

Habe ich mich sehr gefreut über diese Aufgabe. Schon weil es so ungewöhnlich ist, eine solch bekannte Figur der Zeitgeschichte in ihrer Ambivalenz, also abseits all der Bilder zu spielen, die man von ihr im Kopf hat. Das war nicht nur wegen des Altersunterschiedes spannend.

Also gar nicht so sehr maskenbildnerisch?

Nee, die kriegen ja mittlerweile fast alles hin. Einen alten Mann dramaturgisch glaubhaft zu machen, den dazu auch noch jeder genau zu kennen glaubt – das ist herausfordernd.

Zumal er Sie selbst die ganze Jugend hindurch als Staats- und Parteichef begleitet hat.

Ich bin 1984 als Siebzehnjähriger in den Westen gekommen, aber bis dahin gab es seit ich denken konnte in der Tat nur Erich Honecker da oben.

Was war denn da ihr persönliches Bild von ihm?

Na ja, als er Mitte der Siebziger Staatsratsvorsitzender wurde, hieß es zunächst mal, jetzt gehe es wirtschaftlich aufwärts, und als ich so mit zehn Jahren kurz darauf bei den Jugendweltfestspielen in Berlin war, dachten Kinder wie wir halt schon, alles sei gut. Nachdem ich begonnen habe, mir eine eigene Meinung zu bilden, wurde er allerdings zügig zur Witzfigur, die man nicht richtig ernst nehmen kann.

Wenngleich eine mit teils tödlicher Wirkung…

Und trotzdem war es für die Beschäftigung mit der Rolle wichtig, ihn als jemanden darzustellen, der an das, was er getan, auch wirklich geglaubt hat. Dieser Dachdecker war ja aus tiefster Überzeugung Antifaschist. Das macht Schießbefehl, Umerziehungslager, den Mauerbau nicht besser, aber plausibler. Umso mehr ist bei mir hängengeblieben, dass in Wandlitz nach der Wende eine Pornosammlung gefunden wurde. Da verbietet er den Leuten unter Androhung des Todes, den dekadenten Westen zu sehen, und deckt sich zuhause mit allem daraus ein? Was für eine Pervertierung seiner eigenen Ideale…

Ist die Interpretation Ihres Film-Honeckers also auch persönlich geprägt?

Absolut, gerade die Worthülsen in dieser Stimmlage – das klingt mir noch im Ohr nach und fließt ins Spiel mit ein. Aber natürlich auch das Uneinsichtige, Starrköpfige am Täter Honecker, der Anfang der Neunziger in einem ARD-Interview zum Schießbefehl meinte, niemand sei zur Flucht gezwungen worden. Dennoch wollte ich ihn mit meiner Darstellung nicht denunzieren.

Wird der Film nach 60 eher ulkigen Minuten, in denen der Reporter seine Reise nach Chile vorbereitet, auch deshalb plötzlich so ernst, als Ihr Erich Honecker auftaucht?

Genau. Wir wollten halt keine Karikatur kreieren, sondern den Menschen, der auf der Zielgerade seines Lebens ebenso betrogen wird, wie er zuvor viele andere betrogen hat. Das macht die Komödie am Ende zur Tragödie.

Besteht dabei nicht die Gefahr, dass beim Publikum Mitleid mit diesem gebrochenen alten Mann übrigbleibt?

Die Frage, ob man solche Täter als Menschen zeigen muss, kam ja schon bei Bruno Ganz als Adolf Hitler im Führerbunker auf. Meine Antwort: Man muss! Es waren ja welche. Wenn mir gelingt, Erich Honecker in dieser Ambivalenz darzustellen, sehe ich das demnach als Kompliment. Andererseits geht es auch um einen Reporter, der für sein Ziel alle ethischen Prinzipien über Bord wirft. Mein Mitleid für die Honeckers hält sich zwar in Grenzen, aber da treffen doch zwei sehr fragwürdige Figuren aufeinander.

Können Sie sich an diesen real existierenden Medienscoop erinnern?

Nein. Und ich habe zuerst auch gar nicht geglaubt, dass die Story wahr ist. Dann hab ich aber sogar den Journalisten von damals getroffen. Irre Geschichte! Ich muss allerdings zu meiner Entschuldigung sagen, bis Ende der Neunzigerjahre in Österreich gelebt zu haben; da war es wohl weniger ein Thema, was ein deutsches Magazin abdruckt. Die Wende ist seltsamerweise ein bisschen an mir vorbeigegangen.

Vielleicht auch, weil Sie von der ganzen Sache DDR die Schnauze voll hatten?

Ich wollte die Phrasenhaftigkeit des Systems damals schon möglichst weit hinter mir lassen. Schließlich hat nicht nur Honecker so geredet, als ginge es selbst beim Altpapiersammeln um die Weltrevolution, sondern jeder Staatsbürgerkundelehrer, FDJ-Funktionär oder Volkspolizist. Mit dem heutigen Abstand jedoch finde ich all dies schon wieder spannend.

Wenn man Sie mit kaum 50 einen Mann spielt, der 30 Jahre älter ist – sind den Möglichkeiten als Schauspieler jetzt eigentlich überhaupt noch Grenzen gesetzt?

Nein, keine mehr (lacht laut). So ein Greis ist körperlich wie inhaltlich eine Riesenherausforderung, die aber auch ungemein Spaß macht. Ein echtes Geschenk. Da bleibt mir glaube ich keine Figur der Zeitgeschichte mehr verschlossen.

Gibt es eine, die Sie sich förmlich wünschen?

Ach, da gibt’s so viele, besonders von den widersprüchlichen. Für Deutsche ist es sicherlich am schwierigsten, Faschisten so zu spielen, dass auch Empathie mit ihnen möglich ist. Deshalb ist das – trotz der Masse an Schauspielern, die es bereits versucht haben – nur in den seltensten Fällen geglückt, Adolf Hitler glaubhaft zu machen. Tobias Moretti war mal in Speer und Er ganz toll darin.

Entfacht es da nicht umso mehr Ihren Ehrgeiz, es selber mal zu versuchen?

Ach nee. Aber immerhin hatte ich mal ein Casting, damals bei diesem Film über Rommel, auf dem seinerzeit noch der Heiner Lauterbach saß. Bei dem Termin waren vier Hitlers in Kostüm und Maske – alle völlig verschieden und ich dabei. Ich hatte also meinen Auftritt.


Eva Löbau: Graue Maus & Tatort-Star

Der Weltstar des Studentenfilms

Eva Löbau ist nicht schön, sie hat auch keinen Glamour, sie spielt ihre Rollen einfach mit so geradliniger Wahrhaftigkeit, dass es die Schwäbin mittlerweile zu einer festen Größe des deutschen Films gebracht hat. Dafür spricht zum Beispiel, dass sie ab Sonntag die neue Ermittlerin des Schwarzwald-Tatorts ist. Und dabei gemeinsam mit ihrem Kollegen Hans-Jochen Wagner (Foto: Alexander Kluge/SWR) entscheidend zur grandiosen Atmosphäre des Auftaktfalles Goldbach beiträgt.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Löbau, gleich Ihr erster Tatort macht kriminologisch mit Kindsmord und Waffenhandel ein großes Fass auf. Ging’s zum Auftakt nicht ein bisschen kleiner?

Eva Löbau: Ach, es gab mal eine Phase, wo der Waffenhandel noch weiter im Vordergrund des Drehbuchs stand. Daraus ist erst im Verlaufe der Entstehungsgeschichte ein Worst-Case-Szenario dreier Familien geworden. Mir ist es allerdings sehr recht, dass unser Tatort so schwer, ernst und melancholisch einsteigt.

Warum?

Für mich als Ermittlerin gerät die Einführung dadurch sogar sanfter, weil wir unsere Arbeit in einem Umfeld erledigen, dem mehr Raum gegeben wird als uns. Also, ist mir natürlich bewusst, dass Krimis in Deutschland die Realität verdichten. So ein Fall kommt im Schwarzwald sicher nicht häufig vor.

Wirken Ihre beiden Kommissare deshalb so wenig abgebrüht oder legt es die Messlatte gleich mal auf ein Niveau ganz gewöhnlicher Ermittler?

Schon, aber es hat auch mit unseren Gesprächen mit der Freiburger Polizei zu tun, wie Kommissare in so einer Situation normalerweise reagieren. Daran schließt sich ja die Frage an, wie viel Routine im Polizeialltag realistisch ist, wie viel man psychisch aushält. Es war mein Wunsch, dass die Polizeiarbeit mehr im Vordergrund steht als meine Figur; die sollte nicht so exaltiert sein.

Das entspricht durchaus dem Rollentypus, den Sie öfter mal spielen oder?

Inwiefern?

Da sind schon öfter eher graue Mäuse wie damals in Lerchenberg und jetzt hier beim Tatort auch.

Echt?  Oh, das war hier nicht meine Absicht. Graue Maus ist generell nicht mein Interesse. Mir geht‘s immer um die jeweilige Funktion einer Figur im ganzen System. Und hier in der Reihe vielleicht um einen  gewissen Pragmatismus. Ich gebe da doch auch Anweisungen, und die werden sogar befolgt Hahaha. Auch in Lerchenberg steigt die graue Maus, wenn Sie das so nennen wollen, letztlich aus Sascha Hehns Schatten und lässt sich Haifischzähne wachsen.

Wird der Tatort auch für Sie selbst was ändern, einen Schwung aus der zweiten Reihe ins Rampenlicht?

Das weiß ich jetzt natürlich noch nicht, aber davon abgesehen, dass ich auch Hauptrollen spiele, meinte eine befreundete Regisseurin zu mir, der deutsche Film interessiert sich jetzt nicht sooo sehr für dich, da gibt dir der Tatort vielleicht mal einen Aufmerksamkeitsschub. Ich komme ja eher aus dem Autorenkino und nenne mich manchmal scherzhaft einen Weltstar des internationalen Studentenfilms. In Theaterstücken spiele ich oft Leute, die dominieren und sagen wo‘s lang geht. Andererseits stimmt es schon – im Film kommt das bislang eher seltener vor.

Sie sind in Waiblingen aufgewachsen oder?

Geboren. Aufgewachsen bin ich in Plochingen. Beides ist in der Nähe von Stuttgart.

Kennen Sie die Gegend, in der der Tatort spielt?

Ich wohne zum Teil in Karlsruhe und bin dann oft im Schwarzwald wandern. Ich kenne die Gegend also ganz gut.

Ist sie wirklich so düster wie der Film es suggeriert?

Er hat natürlich auch eine liebliche Seite. Aber durch die tiefen Taleinschnitte unter den hohen Plateaus mit ihren Mooren ist er vielfach schon auch schroff und abweisend.

Welche Reaktionen erwarten Sie von Schwarzwäldern auf den ersten Fall? Richtig gut kommen ja weder Wald noch Mensch, die als ziemliche Waffennarren dargestellt werden, weg.

Ach, das ist halt der Blickwinkel dieses Falles. Manche Leute werden gewiss auf korrekte Dialekte achten, und enttäuscht sein. Aber die Waffenszene wird ja als sehr vielfältig dargestellt: vom Schützenverein bis zum Freak. Und den Global Player der Waffenindustrie gibt’s dort wirklich. Ich finde die Gegend sehr nachvollziehbar.

Sind Sie selbst ein urbaner Typ?

(lacht) Ja. Aber einer mit großer Sehnsucht nach dem Land. Ich habe gemeinsam mit meinen Geschwistern kürzlich die Hütte meines Großvaters an einem See bei Salzburg zurückgekauft. Aus nostalgischen Gründen. Ansonsten wohne ich meistens in Berlin.

Werden Sie dort auf der Straße erkannt?

Kaum. Ich kann mich unbehelligt bewegen. Als ich neulich vorm Geldautomat stand, meinte aber mal ein anderer Kunde zu mir, ah, Sie sind doch die Schauspielerin? Aber das war ein positives Erlebnis, weil er Filme mit mir gesehen hatte, die er mochte.

Sind Sie denn Zuhause bei Stuttgart bekannt?

Das wüsste ich, wenn es dieses Zuhause dort noch gäbe. Meine Eltern wohnen nicht mehr da, wo ich aufgewachsen bin, sondern teilweise auf Sardinien, teilweise bei Salzburg. Ich komme daher nicht in mein „Dorf“ zurück und jeder sagt, ach guck mal, die Eva! Mit meiner Verwandtschaft hatte teilweise in den letzten Jahren nicht so viel Kontakt; aber jetzt, wo der Tatort kommt, führt uns das wieder ein bisschen zusammen. Ich bin ohne Fernseher aufgewachsen. Erst kürzlich haben sich meine Eltern einen gekauft. Nur um mich im Fernsehen zu sehen. Sagen sie zumindest. Also, Tatort sorgt bei mir zu Familienzusammenführung.

Setzen Sie sich ein Limit, wie lange Sie ihn machen wollen, ohne darin festzuhängen?

Ich hab mir im Voraus natürlich Gedanken gemacht, inwieweit er eine berufliche Weiterentwicklung ist oder inwieweit mich das schädigen könnte. Dadurch, dass es schon so viele Tatort- Kommissarinnen gibt, empfinde ich mich jetzt auch nicht nur darauf festgelegt. Ich freu ich mich auch, dass ich mich längere Zeit mit dieser Figur in diesem Umfeld auseinander setzen kann. Aber ich werd schon weiter auch anderen Arbeiten und Interessen nachgehen.

Denken Sie bezogen auf Ihre Arbeit strategisch?

Gar nicht. Im Gegenteil. Ich bin sehr unstrategisch und habe schon Entscheidungen getroffen, die eher nicht karriereförderlich waren.

Zum Beispiel?

Etwas Größeres abzusagen, weil ich noch mit etwas Kleinerem beschäftigt war, das mir allerdings am Herzen lag.

Wie viel Zeit und Arbeit nehmen zwei Tatorte pro Jahr in Anspruch?

Je einen Monat drehen plus Vor- und Nachbereitung. Ist schon eine Weile. Mitte Oktober drehen wir ja auch schon den nächsten. Da geht es speziell um Heimatverbundenheit.

Und kriegt Franziska Tobler ein bisschen mehr Privatleben als bislang?

Klar, nach und nach.


Eule findet den Beat: Kindermusik mit Niveau

Die Eltern haben sich geändert

Kindermusik – das waren jahrzehntelang simple Beats mit argloser Poesie. Langsam jedoch traut man dem Nachwuchs selbst im Vorschulalter mehr zu als Heididei im Dur-Sound. Bestes Beispiel ist das HipHop-Trio Deine Freunde, auf deren Label ein weiteres Projekt mit Anspruch erscheint: Eule findet den Beat. Angestoßen vom Hamburg-Berliner Trio Charlotte Simon, Christina Raack und Nina Grätz erklären sie Musikstile von Pop über Klassik, Rock, Jazz bis hin zu Folklore spielerisch, aber versiert und grafisch illustriert, was zu einem Theater-Stück mit echten Schauspielern ausgeweitet wurde. Am Sonntag, 24. September, läuft es um 16 Uhr in der Hamburger Fabrik – und es gibt noch .

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Eule findet den Beat ist eine Art frühkindlicher Musikerziehung mit Spaßfaktor. Was war zuerst da – die Theorie oder die Praxis?

Nina: Ach, das kam fast gleichzeitig. Wir wollten ein Hörspiel machen, was den Kindern qualitativ anspruchsvoll einen ersten oder auch zweiten Zugang zur Musik verschafft. Da kam die Idee auf, das über verschiedene Genres zu machen, damit Kinder bewusst einen Geschmack entwickeln können, der nicht nur von den Erwachsenen vorgegeben wird.

Bringen die Kinder da heutzutage größere Kompetenz mit als früher, wo Musik für diese Zielgruppe wenig fordernd war?

Nina: Das hängt natürlich stark von den jeweiligen Eltern ab, die den Musikzugang glaube ich mehr beeinflussen als in meiner Kindheit, und das, was im Kinderzimmer läuft, grad zu Beginn stark mitgestalten. Aber es ist in der Tat so, dass heute schon mit wenigen Jahren Präferenzen für Stile entstehen, die es früher eher seltener gab.

Christina: Was vielleicht auch ein wenig damit zu tun hat, dass weniger Mainstream übers Radio gehört wird, während über iPod oder Streamingdienste mehr Eigeninitiative entsteht, die schon frühzeitig für eigene Geschmacksnuancen sorgen.

Nina: Und über klassische Kinderlieder früherer Zeiten hinaus gibt es nun verstärkt Tendenzen, bestimmte Musikstile gezielt auf deren Anspruch zuzuschneiden. Das reicht von Kinderschlager über Singer/Songwriter bis hin zum HipHop von Deine Freunde.

Christina: Und genau das ist ja unser Anspruch: einen Pool zu eröffnen, der den Anfängern im Publikum die Möglichkeit gibt, selbstständig Vorlieben zu entwickeln, die ihnen niemand vorgibt, schon gar nicht wertend.

Charlotte: Oder schlimmer noch, abwertend.

Und wie ist die Resonanz der Kernzielgruppe – gehen die erleuchtet aus euren Konzerten raus?

Christina: Weniger nach Konzerten, wo die Kinder oft leicht verstrahlt sind. Aber auf unsere CDs kriegen wir ziemlich süßes Feedback, das zwar noch eher von den Eltern aufgeschrieben wird, weil die Kinder ja noch nicht so flink am Computer sind, aber da steht dann schon mal, dass ihr Sohn sauer war und dreimal hintereinander den Punk-Song der ersten Platte hören musste, um wieder ein bisschen runterzukommen. Oder eine Tochter, die im Beach-Club ein Lied hörte und dank unserer CD wusste, dass es Reggae ist.

Charlotte: Die Kinder erkennen Beats, die sie zuvor nicht zuordnen konnten, leichter wieder. Zu Anfang war das gar nicht unsere Intention; die sollten erstmal Spaß haben und dabei was Neues entdecken. Aber jetzt merken sie eben, dass das nicht nur etwas ist, das ihnen irgendwie gefällt, sondern HipHop, Elektro oder auf der neuen Platte eben Irish-Folk oder Salsa.

Nina: Und sie finden auch nicht nur die Beats an sich, sondern den popkulturellen Kontext dazu, der neben dem Lied ja auch Einstellungen oder Kleidungsstile wiedergibt. Punk steht da für Aufsässigkeit und Pop für Spaß. Auch das vermittelt Eule.

Musstet ihr selbst euch all die Stile erst theoretisch erschließen, um sie Kindern näher bringen zu können?

Nina: Teilweise schon.

Charlotte: Absolut.

Christina: Ich bin halt überhaupt keine Musikexpertin im pädagogischen Sinne, musste mir also vieles zusammengoogeln und wichtiger noch: so verinnerlichen, dass es nicht trocken klingt, wenn ich es für andere greifbar mache, ohne es zu pädagogisch klingen zu lassen.

Ihr seid also gar keine Pädagoginnen?!

Charlotte: Nein, Null!

Christina: Überhaupt nicht, ich hab Germanistik studiert und eher journalistisch gearbeitet, Drehbücher lektoriert, alles rund um Schrift.

Nina: Charlotte und ich sind schon seit dem Kindergarten befreundet, hatten allerdings bis zu Eule nie miteinander gearbeitet. Vor ein paar Jahren haben wir uns dann überlegt, gemeinsam was für Kinder zu machen. Charlotte kommt als Grafikerin aus der visuellen Richtung, ich komme aus der Musikindustrie – da dachten wir, mit einem Kindermusikhörspiel würden wir uns in der Mitte treffen und zugleich etwas besetzen, was noch ausbaufähig ist. Christina hat das Ganze dann textlich mit Leben gefüllt.

Vermittelt von Rolf Zuckowski, so eine Art Keimzelle deutschsprachiger Kindermusik mit zeitgemäßem Anspruch.

Nina: Das war ein verrückter Zufall. Als ich gerade meine Bachelor-Arbeit geschrieben habe, hab ich ihn bei Universal im Fahrstuhl getroffen und in den paar Sekunden Zeit mein Konzept geschildert. Er fand es gleich so toll, dass wir in Kontakt geblieben sind.

Christina: Kreativ war das Konzept zu dem Zeitpunkt allerdings schon fast fertig, er hat es dann aber sehr unterstützt.

Nina: Er hatte gerade bei Universal ein Unter-Label namens Noch Mal! gegründet.

Charlotte: Damals übrigens extra für Deine Freunde.

Nina: Um Musik speziell für Kinder zu fördern. Da passten wir natürlich prima rein.

Habt Ihr das Gefühl, Kinder sind musikalisch belastbarer als früher, als man ihnen selten mehr als einfache Dur-Abfolgen mit Heididei-Texten zugemutet hat?

Charlotte: Ich glaube, nicht die Kinder haben sich geändert, sondern die Eltern. Kinder waren schon immer belastbar, wurden aber musikalisch sonderbar unterschätzt. Dabei sind sie im Grunde viel offener selbst für abseitige Stilrichtungen, weil sie neugieriger sind und weniger voreingenommen.

Nina: Man sieht das auch gut am Theaterstück. Während Erwachsene im Publikum auf Stile wie Techno oder Rock schnell mal verhalten reagieren, oft gar skeptisch, gehen ihre Kinder voll ab. Da hättest du mal bei der Vorstellung heute Morgen dabei sein sollen.

Christina: Eltern fühlen sich da manchmal mehr an ihre Jugend erinnert als wirklich aufrichtig mitzugehen.

Nina: Andererseits achten wir schon darauf, Musik anzubieten, die auch für Eltern was ist; die müssen das schließlich den ganzen Tag ertragen.

War die Erweiterung eures sehr visuellen Live-Konzeptes grafisch animierter Tiercharaktere ins Theater eigentlich eine logische Konsequenz?

Christina: Es war jedenfalls früh unser Wunsch, der allerdings erst Wirklichkeit werden konnte, als wir die Fördermöglichkeiten entdeckt haben, vor allem von der Kulturbehörde. Kunst kostet Geld.

Charlotte: Das Kunst alleine dummerweise selten einspielt.

Zur ersten Platte von Pop über Jazz bis Punk und Oper, die ja alle auch im Theaterstück vorkommen, gibt es auch eine Reise durch volkstümliche Melodien Europas. Welche Abzweige sind da noch denkbar?

Nina: Oh, da ist in der Welt noch vieles zu entdecken.

Deathmetal zum Beispiel…

Christina: Ist bereits angedacht. Eule war ja gerade in Finnland, wo Metal zum Mainstream gehört. Der Metal-Elch ist zwar zwischendurch wieder rausgeflogen…

Nina: … aber theoretisch ist alles möglich.

http://www.eule-findet-den-beat.de/


Casper: HipHop, Hardcore & Extremmetall

Das Ziel ist der Weg

Unterm Pseudonym Casper hat es der Wahlberliner Benjamin Griffey in kürzester Zeit auf den HipHop-Olymp geschafft. Wie XOXO und Hinterland dürfte also auch Lang lebe der Tod auf Platz 1 landen. Kurz bevor er die Platte einem ausgesuchten Publikum am Abend im Hamburger Mojo-Club vorstellt, erzählt Casper, warum sein drittes Album voriges Jahr plötzlich verschoben wurde, was ihm Erfolg bedeutet und weshalb sich der Sohn eines amerikanischen GI aus Westfalen manchmal wie ein gescheiterter Baumhaus-Architekt fühlt.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Gibt es schon erste Verkaufszahlen deiner neuen Platte „Lang lebe der Tod“?

Benjamin Griffey aka Casper: Noch keine, die ich kennen würde, aber ich habe das Gefühl, es läuft unerwartet gut.

Unerwartet? Alles was du seit deinem Wechsel zu Four Music 2010 angefasst hast, wurde zu Gold, beiden Alben waren Nr. 1, jetzt der Wechsel zu Sony…

Schon, aber auf XOXO und Hinterland waren auch mehr eindeutige Hits drauf. (zögert) Glaub ich… Besonders, wenn man es mit der ersten Single vergleicht, wo einer wie Blixa Bargeld dabei ist. Lang lebe der Tod ist eine viel sperrigere Platte geworden als die vorherigen. Außerdem lagen zwischen dem letzten und dem neuen vier Jahre.

Was macht es mit einem Künstler, der sich wahrscheinlich ja immer noch dem Independent näher sieht als dem Mainstream, wenn alles, was er tut, durch die Decke geht?

Einiges. Wenn man Kollegen sagt, klingt das zwar, als stünde man gemeinsam an der Zerspanungsmaschine. Aber ich habe viele, die mit dem Erfolg immer selbstsicherer geworden sind – was ich sehr bewundere. Ich dagegen hatte schon immer so ein Impostor-Syndrom.

Impostor-Syndrom?

Wenn man glaubt, sich hochgeschummelt zu haben. Ich fühle mich manchmal wie ein Hochstapler, der ist, wo er gar nicht hingehört. Deshalb stehe ich morgens auch nicht auf und sehe im Spiegel den Platin-Künstler, mit megageilen Songs, der jetzt bloß mal schnell ins Studio gehen braucht, um noch megageilere Songs zu machen.

Ist das angeborene Bescheidenheit oder erlernte Selbstreflexion?

Platten zu machen, ist bei mir ein komplett verkopfter, zugleich aber sehr emotionaler Puzzle-Prozess, der mir im Grunde gar nicht so viel Spaß macht. Ich liebe das Aufführen, live auf der Bühne, zu sehen was dort passiert mit mir, mit dem Publikum. Ich möchte ein Gesamtwerk erschaffen, das mehr ist als die einzelnen Teile. Irgendwann will ich nämlich vor der Galerie meiner Albumcover stehen und sagen, jedes davon ergibt im großen Gesamtbild meines Schaffens Sinn und ist gleichermaßen liebenswert.

Das Ziel ist der Weg.

Bei mir schon.

Hast du Lang lebe der Tod kurz vorm Release Ende 2016 noch mal zurückgezogen, weil das Ziel auf diesem Weg nicht zu erreichen war?

Kann man so sagen. Wobei das keine spontane Entscheidung nach dem Aufwachen war, sondern ein schleichender Prozess, in dem mir einfach immer klarer geworden ist – oh Mann, ich pack’s nicht, ich pack’s nicht! Persönlich und musikalisch.

Inwiefern?

Persönlich war dieser Sprint aus neuer Platte, Tour, Tour, Tour, nächste Platte, Festivals, Festivals, Festivals so lange okay wie sich die Hysterie ums Ganze gedreht hat, nicht um mich als Person. Dann aber haben die Leute so viel in mich hineinprojiziert, dass es mir echt zu viel wurde. Ich habe zwar einen Vertrag unterschrieben, der einen Teil der Privatsphäre zur Veröffentlichung freigibt; aber es wurde irgendwann so invasiv wie bei einer Boyband.

Und musikalisch?

War mein Produzent Marcus Ganter einfach schon viel weiter als ich mit meinen Texten. Umso weniger fühlte es sich für mich so an als hätten wir mit der Verschiebung Zeit gewonnen. Im Gegenteil, das war wie eine Riesenniederlage. Mir kam es vor, als wäre ich ein Stararchitekt, der nach riesigen Skyscrapern ein Baumhaus bauen soll und daran scheitert. Ich hatte das Gefühl, nochmals ganz von vorne zu beginnen.

Ist der Perfektionist in dir denn jetzt trotzdem zufrieden oder wird er das nie ganz?

Doch das wird und ist er, sonst hätte ich die Platte nicht rausgebracht. Wenn du Christopher Nolan fragst, wie er seine fantastische Batman-Trilogie findet, hätte er garantiert massig daran auszusetzen. Perfektion gibt es nicht. Und wenn ich einen Wunsch für meine Musik frei hätte, würde ich mir daher die Platte gern mal von außen anhören, ohne sie vorher gekannt zu haben. Ich klopfe mir daher nicht auf die Schulter, weiß aber trotzdem, dass sie einen Platz in meiner Galerie verdient hat.

Welche grundlegenden Veränderungen haben das bewirkt.

Vor allem, dass zwei Songs gestrichen wurden. Trim the fat, cut the shit! Außerdem ist alles noch detaillierter produziert und inhaltlich pointierter.

Weil es noch mehr von seiner Welt ringsum aufgesaugt hat, in der seit der Verschiebung unglaublich viel passiert ist?

Thematisch ist es gleich geblieben, aber es wurde schon viel geschliffen. Böse Zungen meinten ja, weil der Titelsong mit Blixa bei den Kids nicht so reingehauen hat, werfen sie es über den Haufen und machen was Poppigeres. Das stimmt nicht. Es lebe der Tod war schon vorher distorted. Es gab massig Blast. Aber alles einfach nur zu übersteuern und dann gegen die Wand rauschen zu lassen kann jeder; wir wollten einen besseren Film erzählen als im ersten Versuch und das ist uns aus meiner Sicht gelungen.

Ist das Ergebnis ein politisches HipHop-Album oder ein HipHop-Album mit Politik?

Weil ich mich subjektiv als politisch begreife, sind es meine Platten objektiv auch. Wichtig daran ist allerdings, dass ich weder mit erhobenem Zeigefinger Lösungen anbiete noch für die geilste Punchline alles bloß ironisch breche. Ich versuche vor allem meine eigene Rolle im Jetzt zu beschreiben. Deshalb fängt die Platte auch düster beschreibend, fast dystopisch an, wird dann aber zusehends persönlicher.

Und was ist deine Rolle in diesem Jetzt – Aufklärung?

Eher Beschreibung. Zum Beispiel, wie seltsam es ist, dass die Menschen hierzulande offenbar mehr Angst vor Flüchtlingen haben als vor deren Fluchtursachen wie Krieg, Armut, Unterdrückung. Als jemand, der in der DIY- und Hardcoreszene aufgewachsen ist, fällt mir das womöglich mehr auf als jemandem, der immer im HipHop zuhause war. Wobei Lang lebe der Tod mein erstes Album ist, das wirklich in der Gegenwart stattfindet. Meine vorherigen waren ja noch sehr Coming-of-Age-inspiriert und haben den Leuten vor der großen Bühne erst mal erklärt, wo der Junge vom Dorf herkommt, was er ist. Ich könnte noch drei XOXO und zwei Hinterland schreiben und wäre damit wohl riesenerfolgreich. Aber Musik ist für mich eine Entdeckungsreise.

Daher auch die Kollaboration mit Künstlern wie Blixa Bargeld, Sizarr oder Dagobert.

Casper: Genau, das waren ganz neue, sehr inspirierende Einflüsse für mich. Auf der Suche danach bin ich von Throbbing Gristle über KMFDM bei den Einstürzenden Neubauten gelandet, um über Japan Harsh Noise auf Lethargy zu stoßen, einer Black-Metal-Band aus New York, die mir gezeigt hat, was jenseits vom klassischen listening pleasure möglich ist. Fuck – so kann Musik aussehen? Rap entsteht ja vor allem aus die Möglichkeit, alles Umliegende aufzusaugen, aber irgendwann entstand darin das Dogma, nur noch Soul zu sampeln, Aber ich bin halt kein funky Typ und zitiere lieber Gesaffelstein oder Skinny Puppy als Soul, den ich gar nicht mag.

Was dazu führt, dass viele dich gar nicht mehr für einen HipHopper halten.

Ja klar.

Stört dich das?

Weiß gar nicht. Ich verstehe jeden, der mich nicht für einen Rapper hält, würde auf die Frage, ob ich mich selber für einen halte, aber immer Ja antworten – obwohl ich mir selbst unsicher bin, ob ich auf ein Festival wie das Splash gehöre. Aber beine gesamte Herangehensweise an die Musik stammt ja vom HipHop: Ich suche mir einen armen Tor, der mein Chaos, meine Zweifel aushält und passende Beats um meine Lyrics bastelt.

Was könnte denn dein nächster Einfluss sein?

Zurzeit entdecke ich gerade meinen Zugang zum Jazz. Und da kann es gut sein, dass ich in ein Wormhole falle und monatelang nicht mehr rausfinde. So war es bei mir vor sechs Jahren mit Postrock, so ist zuletzt mit Industrial und Noise geschehen. Als Kind habe ich unablässig Samy Deluxe oder Eins, Zwo gehört, aber plötzlich kommt spätnachts Extreme Metal wie Satyricon auf Viva 2 und es packt mich. Es heißt ja, Reisen bildet. Für mich ist auch Musikhören so eine Reise. Das öffnet Horizonte.

Das Interview ist zuvor beim MusikBlog erschienen

B. Staschen: G20-Reporter & Autonomenzähler

Ich bin kein Vermittler

Beim G20-Gipfel war die Presse nicht nur Opfer von Willkür, Gewalt und Akkreditierungsentzug, sondern auch Täterin einer Berichterstattung, die journalistische Standards vernachlässigt. Eine Ausnahme heißt: Björn Staschen. Anders als viele seiner Kollegen hat der erfahrene NDR-Reporter vier Tage für die ARD ausgewogen von den Ausschreitungen berichtet. Ein Interview mit dem Oldenburger über Neutralität im Chaos, verlässliche Quellen, das Zählen von Menschenmengen und Security im Rücken.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Staschen, wie zählt man in einem Demonstrationsaufzug von mehr als 10.000 Menschen die Vermummten ab?

Björn Staschen: Ich habe berichtet, was zwischen Fischmarkt und Landungsbrücken passiert ist, also da, wo es zur Eskalation kam. Die Zahl ließ sich ganz gut schätzen, weil sich die Vermummten organisiert am Anfang des Zuges aufgestellt haben. Genau dort haben wir über lange Zeit beobachtet, wie nach und nach Gruppen Vermummter ankamen. Unser Gefühl war dann, es seien jedenfalls am Ort des Geschehens einige hundert im größeren Schwarzen Block, nicht jene Eintausend, die von der Polizei gemeldet wurden.

Genau so haben Sie das in Ihrem Live-Bericht vor Ort auch gesagt. Was war die Zielrichtung dieser Richtigstellung?

Na ja, was habe ich da draußen: Eine gut organisierte Polizei, die mich über ihre Arbeit stets auf dem Laufenden hält. Und eine Gegenseite, die wenn überhaupt, dann nur unstrukturiert mit den Medien kommuniziert. Zwischen den zwei Polen verlasse ich mich am liebsten auf meine eigenen Eindrücke und die meiner Teamkolleginnen und -kollegen, denen zufolge es weit weniger Vermummte gab als von der Polizei angegeben. Und sie hat ihre Zahl im Nachhinein ja auch fast halbiert.

Hatten Sie je das Gefühl, die Polizei würde mit der überhöhten Zahl bewusst die anschließende Eskalation rechtfertigen?

Nein. Als Konfliktpartei ist sie zwar interessengeleitet, hat aber in dieser Situation aus meiner Sicht schlicht „Schwarzen Block“ mit „Vermummten“ verwechselt. Das war eher Verkürzung als Kalkül. In meinem Kopf läuft in so einem Fall vor allem eines ab: Wirklich verstehen zu wollen, was da passiert. Deshalb lege ich alle Fakten vor mir auf den Tisch und versuche mir daraus ein stimmiges Bild zu erstellen. Schließlich geben Polizei und Veranstalter eigentlich immer verschiedene Teilnehmerzahlen an. Und wo die Wahrheit liegt, ist ja bekannt.

Ist es Aufgabe des Reporters, zwischen den Rändern dieser Wahrheit zu vermitteln?

Nein. Mein Job da draußen ist, möglichst gut zu beschreiben, was ich sehe, was ich höre, was ich fühle und all dies möglichst korrekt einzuordnen. Ich bin kein Vermittler, sondern allenfalls Erklärer – so gut das eben möglich ist, wenn man mittendrin ist.

Kann man aus dieser Position heraus überhaupt neutral sein?

Das hängt im Falle von Demos auch davon ab, ob und wie sie eskalieren. Bei der autonomen „Welcome to Hell“ am Donnerstag vorm Gipfel befand ich mich in einer Lage, die mir von früheren Protesten bekannt war; da konnte ich mich selbst mittendrin gedanklich gut danebenstellen. Geholfen hat mir dabei aber auch, dass unser Team zwei Sicherheitskräfte von einer sehr guten Security-Firma zur Seite hatte. Die hätten vom Aussehen her auch friedliche Teilnehmer der Demonstration sein können und haben uns dadurch sehr unauffällig den Rücken freigehalten.

War das denn wirklich nötig?

Wenn man wie ich bei einer Live-Schalte vor der Kamera mit dem Rücken zum Geschehen stehen muss, schon. Ohne zu sehen, was da passiert, habe ich schon manchmal ein mulmiges Gefühl. Genau davon haben mich die beiden befreit. Ich kam mir ziemlich sicher vor.

Sicher auch vor der Polizei oder nur den Demonstranten?

Insgesamt vor Entwicklungen im Rücken, die uns vielleicht auch übersehen. Als die Polizei am Freitag über Stunden keine Kontrolle mehr über Teile des Schanzenviertels hatte, haben die Sicherheitsleute uns rausgeschoben, nachdem ihnen ein Sanitäter der Demo-Seite mitgeteilt hatte, von jetzt ab würden keine Gefangenen mehr gemacht, geht mal lieber. Als die Security uns das jenseits der Polizeikette erzählt hat, fand ich es aus purem Selbstschutz völlig richtig, gegangen zu sein. Unsere Sicherheitsschwelle liegt da vielleicht niedriger als bei anderen. Es gab ja weiter Bilder aus dem Innersten der Ausschreitungen.

Waren das jene Digitalmedien, die Sie in Ihrem Buch Mobiler Journalismus beschreiben?

Das vermag ich nicht zu qualifizieren, vielleicht sind die auch einfach zufällig vor Ort geblieben und hatten womöglich auch weniger Equipment als wir. Aber weil mobiler Journalismus in solch einer Situation weniger mit Mut als Unauffälligkeit zu tun hat, können Reporter mit kleinem Besteck oft besser arbeiten als wir. Ich habe zum Beispiel einen Kollegen von Buzz Feed getroffen, der auch, als es richtig hoch her ging, live aus dem Viertel berichtet hat. Allein mit wenig Gepäck ist man halt flexibler.

Arbeiten Sie selbst auch manchmal so?

Das News Lab des NDR arbeitet sogar oft so. Neben meinem Live-Team mit Kamera, Ton, dem großen Besteck halt, haben Benjamin Unger, Alina Stiegler und Daniel Sprehe für die Tagesschau Facebook-Livestreams vom Protest geliefert.

Was liegt Ihnen persönlich mehr?

Schwer zu sagen, aber ein Arbeitsumfang wie beim G20-Protest ließe sich mit kleinem Gepäck schon wegen der geringen Akku-Laufzeit kaum bewältigen. Aber auch unser Equipment wird gerade enorm abgespeckt. Und vor ein paar Jahren hätte ich ja auch als VJ noch einen riesigen Rucksack getragen, jetzt reicht das Telefon – das die Leute übrigens weniger verschreckt, als wenn man ihnen eine riesige Kamera unter die Nase hält; Smartphones sind die gewohnt. Ich finde ohnehin, dass das Auftreten oft wichtiger ist als die Ausrüstung.

Aber wird man mit einer klassischen nicht gerade staatlicherseits ernster genommen?

Wenn mich das jemand in Schulungen fragt, würde ich ihm antworten: Für Journalisten gibt es nichts besseres, als unterschätzt zu werden. Nicht umsonst hat sich schon manch ein Politiker im Gespräch mit einer Schülerzeitung um Kopf und Kragen geredet. Andererseits gibt es auch welche, von denen einige übrigens am Gipfelort Hamburg regieren, die ein Videoteam schon mal mit Hinweis ablehnen, sie hätten doch lieber ein richtiges Fernsehteam. Ansonsten wissen die meisten, auch die Polizei, dass Smartphones längst professionelle Arbeitsgeräte sind, die qualitativ hochwertige Bilder liefern. Man kriegt damit alle Informationen, die nötig sind.

Gibt es für einen Reporter im Getümmel überhaupt verlässliche Quellen abseits der eigenen Sicht auf die Dinge?

Zumindest keine, auf die ich mich verlasse, ohne zu hinterfragen. Die Polizei hat ein Video verbreitet, das angeblich zeigt, wie von jenem Haus, dessen Dach das SEK später geräumt hat, ein Molotowcocktail geworfen wurde. Für mich hätte das aber auch ein Feuerwerkskörper sein können. Deshalb traue ich lieber der eigenen Wahrnehmung. Und die kam, zurück zur Einstiegsfrage, eben auf weniger als 1000 Vermummte.

Trotzdem flottierte diese Zahl auch durch seriöse Medien. Gibt es einen Trend zur unkritischen Übernahme offizieller Angaben?

Eher einen Trend zur schnellen Verbreitung vermeintlicher Fakten, der auch Profis naturgemäß mehr Glauben schenken, wenn der Absender wie die Polizei eine Pressestelle mit Twitter-Timeline hat. Deshalb gibt es auch weitestgehend verlässliche Zahlen verletzter Polizisten, aber nicht der Demonstranten. Die fehlende Balance zwischen beiden Seiten gepaart mit dem hohen Tempo der Berichterstattung kann da schnell zur Verbreitung auch falscher Zahlen führen. Voreingenommenheit würde ich da niemandem unterstellen.

Auch nicht Ihrem Chefredakteur Andreas Cichowicz, der die 1000 Vermummten unkommentiert übernommen und Hamburgs Polizei-Präsident im Interview nicht nach exekutiver Verhältnismäßigkeit gefragt hat?

Ich kenne das Interview nicht und weiß nicht, ob der Vorwurf stimmt. Vielleicht stand zu dem Zeitpunkt Aussage gegen Aussage. Immer wenn ich direkt mit Andreas Cichowicz verbunden war, war er offen für alle Fakten.

Gibt es in Extremsituationen wie dem G20-Gipfel eine Standleitung des Reporters zur Chefredaktion?

Nein. Dann bräuchte die Chefredaktion gleich ein ganzes Bündel von Standleitungen zu den Reporterinnen und Reportern. Für mich ist es viel wichtiger, einen festen Ansprechpartner im Sendezentrum vor Ort für alle Belange zu haben als einen permanenten Draht nach ganz oben. Wenn ich dieser Person sage, sie möge dem Moderator dieses oder jenes mitteilen, passiert das auch in Echtzeit. Und wenn der Chefredakteur Fragen hat, kann er mich jederzeit anrufen, was er bei Bedarf auch tut. Ein rotes Telefon brauchen wir nicht.

Gab es mal Situationen, in denen Sie von jeder Bezugsperson abgeschnitten waren?

Als der Samstagabend nochmals eskaliert ist, war es zwischendurch mal schwierig, jemanden zu erreichen, weil die Sondersendungen im NDR bereits beendet waren. Aber das war nur ein kurzer Moment, kein Problem. Insgesamt hat die Kommunikation extrem professionell geklappt. Wenn man sich vor Ort auch noch mit Organisatorischem befassen müsste, würde man ja auch wahnsinnig. Gerade, wenn die Lage so intensiv ist wie während der ganzen vier Tage, die ich vom Gipfelprotest berichtet habe.

Hat sich Ihre Sicht auf die Ereignisse während dieser Zeit verändert, ist womöglich gar irgendetwas in ihnen gekippt?

Ich habe zum Glück keine feste Meinung dazu, wer für die Eskalation auf Demonstrationen tendenziell eher verantwortlich ist – Polizei oder Demonstranten. Diese Neutralität konnte ich auf vielen vergleichbaren Demos in Hamburg schärfen. Seien es die am 1. Mai, sei es der 21. Dezember 2013, als es vor der Roten Flora zu heftigen Auseinandersetzungen kam. Auch als ich selbst mal um die Ecke wohnte, war ich regelmäßig unentschieden, wer da die Henne ist und wer das Ei. So gesehen empfand ich die „Welcome to Hell“-Demo beim G20, die vor allem ausländische Journalisten als Bürgerkrieg bezeichnet haben, in der Konstellation an dem Ort als – wenn man das so sagen darf – ganz normale Eskalation.

Anders als die am Tag drauf.

Genau. Umso mehr hat mir die Nüchternheit, mit der ich die Ereignisse vom Vortag einzuordnen versucht habe, dabei geholfen, möglichst ebenso sachlich an den Ausnahmezustand am Samstag heranzugehen. Denn dass die Polizei über Stunden die Kontrolle verliert und Anwohner beim Versuch, Feuer vor ihrer Haustür zu löschen, mit Steinen beworfen werden – das hatte ich so noch nie erlebt.

Fachlich waren Sie also jederzeit Herr der Lage. Aber wie war es emotional – hat Sie die Gewaltspirale auch persönlich kalt gelassen?

Das hat es natürlich nicht. Unsere Security hat zwar viel Druck von uns genommen; uns war jederzeit bewusst, dass wir im Zweifel heil da raus kommen. Dennoch wuchs mit zunehmender Dauer auch das Unwohlsein. Dagegen hilft allerdings besonders, sich und ebenso dem Zuschauer dieses Gefühl auch einzugestehen. Das schlimmste ist, eine Gefahr zu ignorieren. Das würde im Übrigen auch der Zuschauer sofort bemerken.

Können Sie Ihre Empathie für den Berichtsgegenstand vor und nach dem Einsatz aus- und wieder einschalten?

Ich bin wohl eher jemand, der in Drucksituationen nüchtern reagiert und rational durchgeht, was zu tun ist.

Hat das was mit ihrem norddeutschen Gemüt zu tun?

Vielleicht. Das ist bei der Arbeit sehr hilfreich.

Gäbe es denn Themen, über die Sie aus persönlicher Betroffenheit dennoch nicht berichten würden?

Zum Glück ging mir bisher kein Thema emotional so nahe, dass ich für eine Berichterstattung zu betroffen wäre. Aber ich habe immer gesagt, nicht aus Krisen- und Kriegsgebieten berichten zu wollen, auch, weil mir der journalistische Ertrag in keinem Verhältnis zur persönlichen Bedrohung zu stehen scheint: Da hätte ich schlichtweg zu viel Angst, um meine Arbeit gut zu machen. Darüber hinaus saß ich im Landeselternausschuss Hamburger Kitas, als diese flächendeckend bestreikt wurden. Darüber habe ich damals nicht berichtet.

Sie berichten auch fleißig per Twitter. Ist das eine Art subjektiver Gegenpol Ihrer objektiven Berichterstattung im Fernsehen?

Nein, weil auch meine Tweets selten subjektiv sind. Beim G20 etwa hab ich, wenn es stressiger wurde, meist nur Fotos, Ortsmarken und Timestamps getwittert. Da ich nicht immer auf Sendung bin, hilft mir das einfach, zwischendurch die Situation zu dokumentieren, sofern sie berichtenswert ist. Für mich ist das integraler Bestandteil der Berichterstattung, der von einem Reporter heutzutage auch erwartet wird. Als Informationsmedium funktioniere ich bei Twitter allerdings nur dann, wenn ich es dialogisch mache. Erst durch meine Aktivität werde ich retweetet und erfahre so von anderen Tweets, die womöglich wichtige Informationen enthalten.

Ihre Timeline ist also immer auf dem Display?

Als eine von vielen Quellen, ja. Bei Demos rufe ich vor jeder Schalte die Polizei an und falls ich deren Nummern habe, auch die Veranstalter. Und wir tauschen uns über Kurznachrichtendienste mit NDR-Kollegen aus, die anderswo beobachten.

Hat der G20-Gipfel Ihr Selbstverständnis als Journalist beeinflusst, gar verändert?

Er hat mich zumindest darin bestärkt, mit dem Handwerk, das ich über die Jahre beim NDR gelernt habe, auch in Stresssituationen gut zurechtzukommen, ohne mich selbst zu überschätzen. Für diese Arbeit nun Wertschätzung zu erfahren, freut mich sehr. Dennoch bin ich überrascht, wie viel positive Rückmeldung ich nach diesen vier Tagen erhalten habe. Ich dachte, eigentlich nur meinen Job zu machen.

 

Das Interview ist vorab im journalist erschienen