Helene Hegemann: Axoloatl & Strafe

Ich trete ungern im Wettbewerb an

 

Wie ein Orkan fegte Helene Hegemann (Foto: Manfred Werner) als Teenager durch Berlins Popkultur. Ein halbes Leben später ist die 30-Jährige so etabliert, dass sie neben Stars wie Oliver Hirschbiegel Schirach-Bestseller wie Strafe (RTL+) verfilmen darf. Ein Gespräch über Regievergleiche, Männermachtsysteme und ob sie als Anwältin Vergewaltiger verteidigen könnte.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Helene Hegemann, sind Sie ein Wettkampftyp?

Helene Hegemann: Im Gegenteil, mein Lebenskonzept lautet seit jeher, mich nie auf Wettbewerbe einzulassen. Ich habe mich schon als Kind aus Konkurrenzkämpfen rausgehalten, und als ich die Verfügungsgewalt über mich selbst hatte, zumindest die Deutungshoheit darüber behalten, was ein Wettbewerb ist. 

Weil Sie die Niederlage scheuen oder den Vergleich?

Weil ich das Konzept von Sieg und Niederlage weder verinnerlicht noch je verstanden habe. Deshalb – und darauf wollen Sie vermutlich hinaus – empfinde ich auch die Arbeit von sechs Regisseuren und Regisseurinnen an Strafe nicht als Wettbewerb.

Sondern?

Als Arbeit an den Stücken desselben Autors, die schon deshalb nicht gegeneinander auf- oder abgewogen werden können, weil alle. Wirklich. Machen. Konnten. Was. Sie. Wollen. Und da sich diese Freiheit vor nichts und niemandem rechtfertigen muss, kann man diese Filme auch nicht nebeneinanderstellen, sondern allenfalls hintereinander.

Sie haben die Beiträge Ihrer Kollegen absolut gar nicht mit ihrem verglichen?!

Verglichen schon, aber nicht im Sinne einer Hierarchie, sondern weil wir alle so einen Spaß daran hatten – übrigens auch Ferdinand von Schirach, der beim Screening aller Folgen in Berlin dabei war. Die Universen der anderen zu mitzukriegen und sie mit dem eigenen abgleichen zu können und festzustellen, dass da andere Leute ähnlich intensiv in etwas Vergleichbarem versunken sind und daraus ein völlig anderer Outcome resultierte, war viel zu genussvoll und aufregend für Konkurrenzdenken.

Interessanterweise sind die Universen aber allesamt gleichermaßen ruhig und langsam. Ist es ein unausgesprochenes Statement an die schnelle, laute Fernsehbranche?

Falls das so rüberkommt, war es jedenfalls nicht abgesprochen. Es gab kein konspiratives Treffen, um Konventionen zu brechen. Das war aber auch gar nicht nötig, denn in den vergangen 25 Jahren hat die Branche ja bewiesen, wie Formate jenseits aller Erwartungen das Fernsehen verändert haben. HBO zum Beispiel, das als Sportsender Ende der Neunziger ein neues Zielpublikum finden wollte und dafür die besten Serienmacher des Landes gefragt hat, was sie in einer Pilotfolge niemals machen dürften.

Und?

Die Hauptfigur sterben lassen! Der Legende nach sagte der HBO-Chef daraufhin: macht genau das. Und danach halt das, worauf ihr Bock habt, macht einfach. So sind Serien wie Oz oder Six Feet Under und Sopranos entstanden, die alles verändert haben und damit enorm erfolgreich waren. Obwohl dieser Konventionsbruch am Ende profitorientiert war, reagieren viele Produzenten allerdings immer noch mit Panik, wenn nach dem dritten Schnitt nichts passiert – weshalb sie weiterhin alles mit Knalleffekten oder Musik zuballern.

Subotnik dagegen zeigt ewige 15 Minuten, wie das Opfer von Zwangsprostitution vor Gericht die Brutalität des Angeklagten auf Rumänisch schildert und wie es der Dolmetscher ins Deutsche übersetzt. Nehmen Sie sich die Zeit, weil es für die Geschichte wichtig ist oder weil man das eigentlich nicht macht?

Weil es mir wichtig war. Bei Schirach wird die Szene auf einer Seite abgehandelt, das reichte mir nicht. Ich wollte nie einen Film über Gewalt gegen Frauen machen, um sie dadurch nicht abermals zu verletzen. Weil mir die Darstellung der Frau von Schirach zu sehr die Perspektive des armen Opfers einnimmt, sollte es bei der Begegnung mit dem Täter das Heft in die Hand nehmen und anders als er hörbar sein, ohne dessen Gewalt zu zeigen.

Ist die Erzählung der Brutalität intensiver als ihre Visualisierung, weil wir so abgebrüht sind, was Gewaltbilder betrifft, aber so unerfahren, was Gewaltschilderungen?

Ich hoffe jedenfalls sehr, dass die Schilderungen in der Nüchternheit dieses Gerichtssaals stärker wirken als explizite Bilder dieses Machtgefälles.

Ein Gefälle, in dem sich auch ihre Anwältin befindet, die nach Formfehlern im Prozess sucht, um ihren Mandanten freizukriegen, was aber gegen ihre moralischen Prinzipien verstößt. Könnten Sie das – amoralisch handeln, um Erfolg zu haben?

Da hätte ich mir besser mal vorher Gedanken drüber gemacht; zumal man als Frau permanent über so was nachdenkt. Im Schirach-Universum geht es immer um die Frage Recht vs. Moral, Strafprozessordnung vs. Gerechtigkeit. Das im Flugzeugabschuss-Stück Terror vom Publikum abstimmen zu lassen, finde ich aus künstlerischer Sicht und moralischer Sicht falsch. Wir können den Sachverhalt nur differenzieren, um zum Schluss zu kommen: es gibt nicht für alles eine Lösung.

Wie würden Sie denn anstelle Ihrer Anwältin entscheiden: den schuldigen Täter raushauen oder das Mandat abgeben?

Wenn ich wie sie die Entscheidung getroffen hätte, als junge Juristin in einer großen Kanzlei anzufangen und mich nach oben durchzubeißen, würde ich wohl wie sie weitermachen. Aber das ist hypothetisch. Und wie gesagt, ich trete ungern im Wettbewerb an, mein Aufstiegswille war entsprechend immer schwächer als meine moralische Intention.

Nicht so hypothetisch ist die Vergleichbarkeit der Rolle als junge Anwältin im Haifischbecken Strafrecht mit ihrer eigenen, vor zwölf Jahren als junge Autorin im Haifischbecken Literaturbetrieb aufzutauchen…

Da sehe ich keine Parallele. Obwohl, vielleicht die, dass ich als Underdog gegen den ultimativen Mainstream angeschrieben, mich ihm aber gleichzeitig zur Verfügung gestellt hatte. Dieser Widerspruch hat vielleicht ähnlich an mir genagt wie der zwischen Recht und Gerechtigkeit meiner Anwältin im Film. Auf die Gefahr hin, meinen Auftraggeber zu diskreditieren: Ich drehe für einen Sender, in demsonst Princess Charming läuft oder Alarm für Cobra 11, einen Sender also, der als mein Gegner definiert wurde. Weil wir ausgerechnet dort so fantastische Arbeitsbedingen hatten, zeigt sich darin aber auch die Neuaufstellung der gesamten Fernsehbranche.

Welche Selbstbehauptungskräfte hatten Sie als Teenager im Kulturbetrieb der späten Nullerjahre?

Irgendeine Überlebensstrategie werde ich gehabt haben, aber ich erinnere mich nicht, welche.

Weil es so lange her ist oder weil Sie es verdrängt haben?

Ich habe mit Sicherheit einiges verdrängt. Aber man muss dazu sagen: als ich mit 15, 16 meinen ersten Film veröffentlicht hatte, hab ich mich in einem geschützten Arthaus-Rahmen aufgehalten und lief nur in tollen Programmkinos, wo es keine Gefahr einer verzerrenden Öffentlichkeit gab. Als ich dann mit 18 in den Mainstream reingedrängt wurde, habe ich das entsprechend als großes Missverständnis verstanden.

Damals kam ihr Roman Axolotl Roadkill raus und wurde zum Riesenerfolg.

Den ich jedoch für 3000 Lyrikfans geschrieben habe, die mal Bock auf Prosa haben. Dass sich da ein Hype verselbständigt, war weder geplant noch absehbar noch angemessen.

Als Teenager von Erwachsenen unterschätzt zu werden, ist nicht illegitim. Gab es einen Punkt in Ihrer Karriere, wo Sie das Gefühl hatten, jetzt für voll genommen zu werden?

Also einerseits habe ich mich damals schon für voll genommen gefühlt (lacht). Andererseits halte ich es für übertriebenen Ehrgeiz, überhaupt jemals für voll genommen werden zu wollen. Nehmt mich bitte nicht zu ernst!

Was im Berliner Partyszeneroman Axolotl Roadkill, in dem Sie auch die eigene Feierzeit beschreiben, ein bisschen leichter fällt als mit einer Regiearbeit wie Subotnik, in dem es um misogyne Männermachtsysteme geht.

Stimmt.

Macht man als Erwachsene automatisch Erwachsenendinge?

Im Gegenteil: Während Jugendliche gern ihren Ernst unter Beweis stellen wollen, erlauben sich viele erst im Erwachsenenalter richtige Albernheiten.

Sie sind jetzt 30, schon die Hälfte Ihres Lebens im Kulturbetrieb tätig und auf diverse Bühnen von Literatur über Film und Fernsehen bis hin zu Theater, selbst Oper gestiegen. Macht Sie das schon zur Universalkünstlerin?

Ach, das hängt doch alles eng miteinander zusammen. Ich finde allerdings, dass sich Literatur und Film ähnlicher sind als Film und Theater. Letzteres hat immer das Ganze im Blick, während du beim Schreiben und Drehen ständig am Schneiden und Zoomen bist.

Was fehlt denn noch zur Universalkünstlerin – Musik?

Ich spiele zwar kein Instrument, aber meine Lesungen haben inzwischen fast Konzertcharakter, einfach, weil ich gerne so tue, als wäre ich mit meiner Band unterwegs

Und bildende Kunst?

Also mit Skulpturen fange ich ganz sicher nicht an. Versprochen.


Sophie Passmann: echte & falsche Podcasterin

Ich liebe die Kardashians

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Sophie Passmann wurde mit Poetry-Slam bekannt, mit Büchern berühmt, mit Meinungsstärke berüchtigt. Jetzt macht sie einen Podcast übers Internet, spielt sich in der Amazon-Serie Damaged Goods (Foto: Marc Reimann(Ratpack/Amazon Prime) quasi selbst und ist in beiden Formaten gewohnt böse, bissig, direkt – vor allem aber: ziemlich gut.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Sophie Passmann, sind Sie ein suchtgefährdeter Mensch?

Sophie Passmann: Nur Heroin. Nein, Quatsch – überhaupt nicht. Warum?

Gleich zu Beginn Ihres neuen Podcast Quelle Internet erzählen Sie, von morgens bis abends auf Smartphone zu glotzen. Das ist kein Suchtverhalten?

Gut, dann bin ich definitiv nicht substanzsuchtanfällig, habe also kein Problem mit Tabak, Alkohol und anderen Drogen, verbringe aber viel Zeit im Internet.

Viel oder zu viel?

Viel. Wenn ich nicht einschlafen kann, ist es nicht die dümmste Idee, sich eine halbe Stunde mit Instagram zuzuballern. Aber so oft ich aufs Handy glotze, hab‘ ich auch kein Problem damit, es nicht zu tun – sofern mir was Besseres einfällt. Und weil ich meine Timelines sorgsam pflege, poppt selten etwas auf, das ich irrelevant finde oder mich ärgert. Ich folge nur Medien, Personen, popkulturellen Phänomenen, die mich wirklich interessieren. Selbst, wenn es eine Illusion ist, Social Media autonom kuratieren zu können, bin ich nicht anfällig dafür, ins Rabbithole zu fallen.

Einer Blase also, aus der abweichende Meinungen automatisch gefiltert werden.

Am Ende behalte schon ich die Kontrolle und bin deshalb nicht so anfällig für TikTok. Auch, wenn es nach intellektueller Selbstüberhöhung klingt, ist mir das schlicht zu blöde und nicht lustig genug.

Sie sind im Internet stets auf der Suche nach Substanz, also Bereicherung?

Schon. Wobei es das Privileg einer Kulturkritikerin ist, aus fast allem bereichernde Substanz herauspressen zu können. Wenn ein popkulturelles Zeitgeistphänomen banal ist, überlege ich halt, warum es das ist und beschäftige mich feuilletonistisch damit.

Will der Podcast die bereichernde Substanz im Internet ergründen?

Zum einen. Zum anderen fehlende Substanz ergründen – und zwar in aller Ruhe. Also etwa, warum etwas viral gegangen ist, was uns daran freut, was uns ärgert, wer womöglich dahintersteht. Ich finde es zum Beispiel aufrichtig faszinierend, warum ein Video der Poetry-Slammerin Julia Engelmann vor neun Jahren millionenfach aufgerufen wurde.

Aber besteht nicht das Risiko, durchs abermalige Behandeln von Internetphänomenen selbst die unsinnigen, womöglich gar gefährlichen zu reproduzieren?

Das Risiko besteht. Aber darauf nehme ich insofern kaum Einfluss, als mir vor jeder Sendung ein Phänomen präsentiert wird, das ich dann einzuordnen versuche. Ansonsten würde ich nur solche aus meiner Blase nehmen. Darüber hinaus finde ich das Reproduktionsargument genau wie „Framing“ oder so immer etwas unterkomplex. Die Welt wird zwar nicht besser, wenn wir einen rassistischen Kommentar von Erika Steinbach kommentieren. Aber wenn wir uns konstruktive, intellektuelle Debatten darüber verbieten, erst recht nicht.

Zeigt der Podcast also nur die hässlichen oder auch die schönen Seiten sozialer Medien?

Wer mir nur hässliche Seiten vorsetzt, kriegt Ärger. Schon weil die Frage, was schön ist, viel seltener gestellt wird als die, was problematisch ist. Ich liebe zum Beispiel die Kardashians. Aber weil unser Muskel, etwas proaktiv lustig zu finden, chronisch untertrainiert wurde, gilt das als kulturjournalistisch sinnlos.

Haben Sie selbst eigentlich je einen Hasskommentar abgesondert?

Noch nie! Ich habe allerdings das Gefühl, dass wir mittlerweile viel zu viel über Hass und viel zu wenig über Häme sprechen, die kleine, nicht justiziable Schwester des Hasses. Und ich war viel zu oft hämisch im Internet. Solang ich durch blanken, schwanzgesteuerten Hass keine Angst um mich und meine Familie haben muss, trifft mich Häme viel stärker.

Sind Sie demnach, was digitale Beschimpfungen angeht, souverän oder abgestumpft?

Beides bedingt einander. Ich fühle mich souveräner als vor fünf Jahren, was aber auch mit einem Gewöhnungsprozess zu tun hat, der gesellschaftspsychologisch schwierig sein mag. Anders kommt man in meiner Position allerdings nicht gesund durch soziale Medien. Ich bin halt nicht mehr wütend und 23, sondern amüsiert und 28, genieße aber auch das Privileg, zum Inventar der guten Ecken des Internets zu gehören.

Inventar im Sinne von Influencerin?

Populärwissenschaftlich werden Influencer:innen dadurch definiert, Reichweite zu nutzen, um Produkte zu verkaufen. Bei mir ist es umgekehrt: ich habe durch das, was ich verkaufe, nämlich Bücher und Lesungen, Reichweite erzeugt, passe also nicht ganz ins Raster, zucke aber auch nicht mehr, wenn man mich Influencerin nennt.

Und Sinnfluencerin?

Da schon, das vielleicht schlimmste Wort aller Internetzeiten. Aber Influencerin ist schon deshalb okay, weil der deutsche Kulturbetrieb schlicht nicht gewöhnt ist, dass es Journalist:innen oder Autor:innen mit viel Reichweite gibt. Alles über 300.000 Follower riecht hier irgendwie nach Shampoo-Werbung. Kann ich mit leben.

Hat Amazon Prime für Damaged Goods, wo Sie eine Podcasterin spielen, also Ihre 300.000 Follower eingekauft oder die Schauspielerin Sophie Passmann?

Meine Reichweite natürlich, aber die wird auch bei gelernten Schauspieler:innen immer wichtiger. Darüber hinaus war ich aber auch zuvor schon schauspielerisch aktiv, bin zu einem Casting gegangen und musste mich mit dem Stempel „Frau aus dem Internet“ beweisen. Unterschätzt zu werden, ist die angenehmste Art, Leute zu beeindrucken.

Beeindrucken Sie in dieser Rolle als Sophie Passmann, die wir Ihre Figur auch schon ein paar Podcasts gemacht hat, oder bleibt die Rolle komplett abstrakt?

Komplett abstrakt. Klar gebe ich Nola meine Stimme und Sprachlichkeit, die ein paar Aspekte meiner realen Lebenswelt widerspiegeln, sonst hätte man dafür ja nicht Sophie Passmann nehmen müssen. Aber das Drehbuch hat fast nichts mit mir zu tun.

Haben Sie so eine Art Karriere-Plan, in dem Schauspielerin auch seinen Platz hatte?

Nee, es gibt Bereiche meiner Karriere, die ich sehr bewusst plane, aber viel von dem passiert einfach nicht. Deshalb habe ich meinen Kontrollzwang bei der Karriereplanung ein bisschen eingedämmt und habe in den vergangenen Jahren, was vorher weniger der Fall war, mehr Interesse an einer fiktionalen Lebenswelt zugelassen.

Gibt es dennoch etwas auf der To-Do-Liste, das unbedingt noch kommen muss – Musik?

Um Gottes Willen… Es wird kein Album mit mir geben. Außer, Barbara Schöneberger fragt mich. Niemals Musik.


Matthias Brandt: Normalos und Exzentriker

Ohne Betrogene gibt’s keine Betrüger

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Matthias Brandt hat schon so einiges gespielt, aber einen Finanzjongleur wie Magnus Cramer in der Wirecard-Persiflage King of Stonks (bei Netflix) hatte er noch nicht im Repertoire. Ein Interview über falsche Zähne und Karottenöl, die Faszination böser Figuren und ob er einen Obersturmbannführer mögen könnte.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Brandt, ihr Finanzbetrüger Magnus Cramer trägt seine Schmierigkeit mit weißem Kunstgebiss und Bräunungscreme vor sich her. Musste Sie dafür ins Solarium oder nur in die Maske?

Matthias Brandt: Das ist tatsächlich ganz klassisches Theater-Makeup. Allerdings wurde für Magnus Cramers Hautton viel herumexperimentiert. Ich glaube, das Geheimnis ist Karottenöl.

Können Sie das auch für den Alltagsgebrauch empfehlen?

Hab‘ ich privat nicht ausprobiert, aber wenn Sie interessiert sind, lasse ich Ihnen das Rezept gern zukommen. Wirklich neu waren für mich aber eher die falschen Zähne. Es war aufwändig, die so anzufertigen, dass sie beim Sprechen nicht zu sehr stören, sie haben mir aber großen Spaß bereitet.

Beeinflussen äußere Veränderungen wie diese automatisch das Spiel?

Klar. Viele fangen überhaupt erst an mit diesem seltsamen Beruf, weil sie sich gerne verkleiden. Schließlich denken und fühlen sich alle Menschen gerne in andere hinein; wir aber genießen das Privileg, dies professionell tun zu dürfen. Und damit das gelingt, gibt es innere Dispositionen, aber eben auch äußere, und sei es ein komischer Hut.

Wobei Sie sonst eher selten mit komischem Hut oder falschem Gebiss kostümiert sind.

Beides existiert aber ja in der Realität. Ich meine auch Typen wie Magnus Cramer gelegentlich zu begegnen.

Zähne und Bräune sind also keine Behauptungen?

Nein, aber wie in jeder Komödie üblich, natürlich Verdichtungen. Die Dinge in unserer Serie passieren also komprimierter, in kürzerer zeitlicher Abfolge, aber isoliert betrachtet ist keines der einzelnen Elemente etwa an Magnus Cramer irreal.

Zumal er offensichtlich eine Mischung aus dem flüchtigen Wirecard-Manager Jan Marsalek und Tesla-Chef Elon Musk sein soll.

Solche Figuren sind generell Bastelarbeiten. Auch in die hier ist alles Mögliche eingeflossen, also womöglich auch Marsalek und Musk, vielleicht aber auch ein größenwahnsinniger Erdkundelehrer. Sie sind zum Glück völlig frei in Ihrer Assoziation.

Die, dass Cramers Onlinezahlungsdienstleister CableCash Marsaleks Onlinezahlungsdienstleister Wirecard ähnelt, wirkt allerdings nicht ganz so frei assoziiert…

Nur weil vor Urzeiten irgendwo mal der erste Mord geschehen ist, werden ja auch nicht sämtliche Krimis von dem einen abgeleitet. Wirecard dürfte demnach ein wichtiger Impuls der Geschichte sein; der mir persönlich komplett unverständliche Finanzsektor treibt jedoch so bizarre Blüten, dass die hier bloß eine von vielen ist. Weil das alles so weit weg von mir ist, genieße ich das große Privileg, als Schauspieler dort eintauchen zu dürfen, sehr.

Sie investieren also auch privat nicht in FinTech oder Finanzderivate?

Ich weiß ja gar nicht genau, was das alles ist.

Das geht vielen so, von denen viele dennoch in solche hochspekulativen Anlagearten investieren. Mehr noch: Verkäufer solcher Produkte wie Magnus Cramer förmlich verehren. Wie erklären Sie sich das?

Ganz einfach eigentlich: ohne Betrogene gibt’s auch keine Betrüger. Beides bedingt einander.

Sind Sie folglich immun dagegen, sich von einem PR-Genie wie Cramer betrügen zu lassen?

Weil ich für jegliche Form von Pathos sehr unempfänglich bin und mit diesem ganzen Selbst- oder Lebensoptimierungsquatsch entsprechend wenig anfangen kann, vielleicht schon. Trotzdem kann ich es nachvollziehen, wie die künstliche Euphorie solcher Konzepte Menschen anlockt. Das tut mir dann immer ein bisschen leid.

Hat die Serie da ein Aufklärungs-, also Sendungsbewusstsein oder will sie einfach unterhalten?

Unterhaltung und Aufklärung muss ja kein Widerspruch sein. Denn bei aller Unterhaltsamkeit haben mir Sequenzen, in denen hier Finanzprodukte erklärt werden, sehr geholfen, sie zumindest partiell zu verstehen. Ich finde die Serie lustig und hilfreich zugleich, ob das allerdings mit Sendungsbewusstsein zu tun hat, müssten Sie die Macher fragen.

Verbinden Sie mit Ihrer Arbeit denn generell ein Sendungsbewusstsein, Zuschauer und Leser aufzuklären, womöglich aufzurütteln?

Meine Arbeit ist zunächst mal eher eine beobachtende, forschende. Ich beschäftige mich gern mit der Widersprüchlichkeit des Menschen, seiner Uneindeutigkeit; Begriffe wie Sendungsbewusstsein oder noch schlimmer: Belehrung erfordern dagegen Eindeutigkeit, die keiner schauspielerischen Darstellung zugutekommt. Menschen sind immer ein bisschen komplizierter als gedacht.

Suchen Sie in einer eher negativen Figur wie Magnus Cramer daher positive Seiten?

Nein, ich suche nach Glaubwürdigkeit. Ob dafür noch 20 Gramm Sympathie in Magnus Cramer muss, damit der Kuchen schmeckt, wäre mir zu kalkuliert. Ich muss es nicht gut finden, was er macht, ich muss es nur verstehen. Alles andere überlasse ich den Zuschauern.

Viele Ihrer Kolleg:innen entgegnen auf diese Frage, sie versuchen selbst im Obersturmbannführer Aspekte zu finden, die sie an ihm mögen.

Ich glaube, da geht es eher darum, Filmfiguren nicht eindimensional darzustellen, weil eindimensionale Figuren schnell langweilig werden. Ich persönlich möchte einen Obersturmbannführer weder privat noch beruflich mögen.

Weit jenseits vom Obersturmbannführer gibt es den Fernsehtrend, Betrügern wie dem WeWork-Gründer Adam Newman oder dem Kaufhauserpresser Dagobert verständnisvolle Serien zu widmen. Wie erklären Sie sich diese Faszination fürs vermeintlich Böse?

Dadurch, dass diese Faszination eher Leuten zwischen den Polen von Gut und Böse gilt. Dagobert zum Beispiel hatte ja versucht, Handelskonzerne so zu erpressen, dass niemand zu Schaden kommt. Für viele hat ihn das zu einer Art Robin Hood gemacht. Je normierter das Leben ist, desto beliebter werden Exzentriker. Von denen möchte ich schon deshalb erzählen, weil sie das Spektrum übers Gewöhnliche hinaus erweitern, also bereichern. Kategorien wie Gut und Böse sind dabei eher nebensächlich; die Leute interessieren sich für interessante Figuren.

Spielen Sie denn lieber Normalos oder Exzentriker?

Am allerliebsten möchte ich nicht vor der Frage, was ich zu spielen kriege, schon entscheiden müssen, was es sein darf und was nicht. Nur, wenn ich mich nicht festlege, werden mir sämtliche Varianten des Lebens angeboten.

Dann wünsche ich Ihnen, dass Ihnen auch weiter alle spannenden Varianten des Lebens angeboten werden.

Oh, danke sehr. Ihr Wort in des Produzenten Ohr!


Köster & van der Horst: heute-show-spezial

"heute-show spezial"

In guten Momenten Journalismus

Als Oli Welkes Außenreporter gehen Fabian Köster und Lutz van der Horst (Foto: Wolfschläger/ZDF) dahin, wo’s wehtut. Zum Auftakt ihrer Reportage-Reihe heute-show spezial zum Beispiel zur CDU. Ein Gespräch mit den Kölnern über humoristische Entlarvung und journalistische Erkenntnis, Schienbeintritte und was Studienabbrecher als Komiker prädestiniert.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Köster, Herr van der Horst, was ist die Kernkompetenz eines Außenreporters der heute-show, dessen Kampfzone im spezial erweitert wird – keine Angst vor großen Tieren?

Lutz van der Horst: Bisschen erweitert ist gut; wir haben statt vier Minuten für den Außeneinsatz im Spezial über 30, in denen wir informativ, zugleich aber auch lustig sein wollen.

Fabian Köster: Wobei die fehlende Angst vor großen Tieren gerade angesichts der Tatsache, dass die heute-show im Vergleich zu den Anfängen viel ihrer Albernheit verloren und zugleich journalistische Perspektiven entwickelt hat, schon nicht unwichtig ist.

Um beispielsweise einem Alpharüden wie Markus Söder vors Schienbein zu treten.

Köster: Theoretisch ja. Aber ich persönlich will Politikern schon aus Respekt vor deren Job nicht vors Schienbein zu treten. Wir versuchen, unsere Informationen unterhaltsam zu überspitzen, aber ohne jemanden lächerlich zu machen.

Van der Horst: Wobei wir bei den Drehs öfter von der Seite angesprochen werden: Los jetzt, mach‘ den mal richtig fertig! Darum geht es nicht.

Aber darum, Entscheidungsträger mit ihren Entscheidungen zu konfrontieren und Ungleichgewichte gegebenenfalls, wenn schon nicht lächerlich zu machen, dann doch bloßzustellen und damit zu entlarven?

Köster: Stimmt. Weil wir andere, lustigere, unerwartetere Fragen als seriöse Journalisten stellen und selbst Medienprofis damit schon mal dem Konzept erlernter Interviewschemata bringen. Aber im Zentrum steht auch bei denen die Antwort, nicht der Antwortgeber.

Ist es leichter, Antwortgeber zu entlarven, wenn es keine Medienprofis, sondern -laien sind?

Van der Horst: Profis sind natürlich geschulter und wissen eher als Laien, wie sie geschmeidig antworten, sind aber auch oft schlagfertiger.

Köster: Wobei man bei Profis ohnehin viel mehr Stoff zum Nachfragen hat, weil die in der Regel ja ständig mit ihren Aussagen in der Öffentlichkeit stehen und daran messbar sind.

Van der Horst: Umso mehr Spaß macht es dann, deren Floskelsprache zu entlarven. Bei medial Ungeschulten führt das allerdings zur Bloßstellung, die uns schnell unsympathisch macht.

Haben Politiker und Politikerinnen womöglich mehr Angst vor Ihnen als umgekehrt?

Van der Horst: Es gibt nur die, die auf uns zukommen, und die, die vor uns wegrennen. Seit das ZDF-Mikro nicht mehr automatisch mit heute, sondern uns verbunden wird, ist letzteres Lager allerdings geschrumpft.

Köster: Wobei es schon wieder Rückkoppelungen gibt. Es hauen nicht mehr so viele ab wie zwischendurch. Zum einen, weil viele merken, dass es uns nicht nur um Gags geht, zum anderen, weil sie auch durch uns wertvolle Bildschirmzeit kriegen.

Van der Horst: In der sie mal ihre lustige Seite zeigen dürfen. Das ist nicht zu unterschätzen.

Ist am Ende die komödiantische Punchline oder die journalistische Erkenntnis wichtiger?

Van der Horst: Im Idealfall hält es sich die Waage, aber unser Ziel ist, Erkenntnisse zutage zu fördern und mit guten Punchlines abzubinden. In einer normalen „heute-show“ stellt sich allerdings schon aus Zeitgründen die Frage, mit was man die Zuschauer bei Laune hält. Und da bietet sich der bessere Gag oft eher an als die bessere Info.

Köster: Aus meiner Bühnenerfahrung weiß ich ja, wie unangenehm es ist, wenn das Publikum schweigt. Weil wir hier keines haben, dürfen wir Politiker also mal 45 Sekunden ausgiebig zu Wort kommen lassen, ohne dass es witzig werden muss. Der Gag kommt dann einfach ein paar Momente später als in einem auf drei Minuten verdichteten Einspieler.

Kommen zum Auftakt Quo vadis, CDU? auch Fachleute oder nur Politiker zu Wort?

Köster: Weil es nicht so viele Drostens in der CDU gibt, die Politik wissenschaftlich erklären können, mussten wir uns in der Tat einen Fachmann holen, nämlich Robin Alexander, von der Welt, der uns seriös durch die Sendung leitet und uns gelegentlich einnordet, wenn wir vom Pfad der Tatsachenberichterstattung abweichen.

Van der Horst: Politisch wird es bei allem Humor eigentlich immer.

Hilft Humor bei der politischen Aufklärung oder macht er sie nur unterhaltsamer?

Van der Horst: Auf jeden Fall auch ersteres, weil politische Aufklärung oft zugeknöpft und damit unzugänglich wirkt.

Köster: Überspitzt gesagt, weiß man von Politikern oft schon bei der Frage, was und wie sie darauf antworten. Um das aufzubrechen, nutzen wir das Stilmittel der Unterhaltsamkeit.

Van der Horst: Und an Jugendlichen, die sagen, sie hätten erst durch Sendungen wie unser Interesse an Politik gewonnen, sieht man, welche Resonanz wir damit erzielen. Idealerweise schauen die aber natürlich nicht nur uns zur Information, sondern noch richtige Nachrichten. Nur heute-show zu gucken, finde ich schwierig.

Köster: Meine Schwester ist zehn Jahre jünger als ich

Also 17.

Köster: Die Generation TikTok kriegt man nicht zu Frontal 21. Mit etwas Glück regen unsere kurzen Beiträge, von denen viele bei Youtube laufen, sie aber dazu an, sich wenn schon nicht linear öffentlich-rechtlich, dann doch in den Mediatheken zu informieren.

Van der Horst: Dazu passt, dass die heute-show dort seit 13 Jahren erfolgreich und mittlerweile sogar am erfolgreichsten aller ZDF-Formate ist. Wir hatten auch früher als andere einen Facebook-Kanal.

Heutzutage eher cringe als cool…

Van der Horst: Aber ein Zeichen, wie digital die Sendung von Beginn an aufgestellt war, um jüngeres Publikum zu erreichen, das im Idealfall dann sachlichere Informationsquellen sucht.

Was sind denn Ihre Informationsquellen – eher Spiegel oder eher Postillon?

Köster: Wir genießen das Privileg einer Presselandschaft, in der man unabhängige Medien von der Tagesschau bis zur FAZ nutzen kann. Ein Lieblingsmedium hab‘ ich aber nicht. Du, Lutz?

Van der Horst: Ich komme ja noch aus einer Zeit der Papierzeitungen, die schon nicht mehr ganz aktuell waren, wenn man sie beim Frühstück gelesen hat. Da ist mein Spiegel-Online-Abo natürlich praktischer, und gehört zu meinem Morgenritual beim Kaffee. Um plakative Themen mitzukriegen, lese ich sogar die Bild, schaue aber auch gern bei „Postillon“ oder Extra 3 vorbei, wie die welche Themen so aufbereiten.

Köster: Ich jedenfalls bin sehr froh, dass es im Gegensatz zu uns auch noch seriöse Journalisten gibt, die seriös informieren.

Sie bezeichnen sich als Quereinsteiger aus der Comedy-Szene als Journalisten?

Van der Horst: Ich hatte sogar mal einen Journalistenausweis, aber das lohnte sich einfach nicht mehr, weil der eh nie abgefragt wurde und mir die Antragstellung zu aufwändig war.

Köster: In guten Momenten kommen wir an journalistische Tätigkeiten ran, aber am Ende sind wir glaube ich zu sehr Unterhalter.

Immerhin mit einer Redaktion im Rücken, die auch ein Ingo Zamperoni braucht, um bei einer Reportage in die USA vor der Präsidentschaftswahl dekorativ sein Gesicht in die Kamera zu halten…

Van der Horst: Das nehme ich geschmeichelt zur Kenntnis und hole ich mir jetzt wieder einen Journalistenausweis.

Köster: Mit Visitenkarte „Hauptstadtjournalist“.

Sie stammen beide aus der Comedy-Hauptstadt Köln, haben bei „TV total“ angefangen und Studiengänge mit Erwerbslosigkeitspotenzial abgebrochen – sind das drei Einstiegskriterien für deutsche Fernsehhumorkarrieren?

Köster: So hab‘ ich das noch nie betrachtet, aber stimmt: wäre ich nicht in Köln zur Schule gegangen, hätte ich währenddessen auch nicht hier bei der heute-show angefangen.

Van der Horst: Ich bin superdankbar, in Köln aufgewachsen zu sein, weil ich schon immer das machen wollte, was ich jetzt mache, aber niemanden in der Familie mit Kontakten in die Fernsehbranche hatte. Die konnte man sich hier leichter aufbauen.

Köster: Im Grunde musst du nur irgendwo in der Stadt Kölsch trinken und Zack hast du jemanden aus der Comedy-Szene an der Backe.

Van der Horst: Mein Studium hab‘ ich auch nur angefangen, damit ich aus Sicht meiner Eltern was Vernünftiges mache. Als ich dann bei TV total immer mehr zu tun hatte, fiel es mir daher leicht, es abzubrechen.

Wo sehen Sie sich nach jeweils der Hälfte Ihres Lebens als Komiker 2032 – in der „Anstalt“?

Van der Horst: Traumschiff.

Köster: Ich dachte, dein Ziel sei der Fernsehgarten? Wenn du aufs Traumschiff gehst, mach‘ ich aber ein heute-show spezial zur Umweltbilanz der Kreuzfahrtbranche, die sich gewaschen hat, mein Lieber.


Joachim Kosack: Ufa & Fachkräftemangel

Wir waren immer eine Quereinstiegsbranche

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Wie alle Film- und Fernsehproduzenten leidet auch die altehrwürdige Ufa unterm Fachkräftemangel. Helfen soll seit ein paar Monaten eine Weiterbildungsoffensive. Ufa-Geschäftsführer Joachim Kosack (Foto: Ufa) im freitagsmedien-Interview über Learning by doing, Berufswechsel und seine eigenen Quereinstiege.

Von Jan Freitag

Herr Kosack, wenn die UFA im Fachkräftemangel um Quereinsteiger für ein Weiterbildungsprogramm wirbt – ist das ein Hilfegesuch oder ein Hilferuf?

Joachim Kosack: Zunächst mal ist es eine Win-win-Situation. Auch wenn die UFA ihre Projekte noch produzieren kann, ist der Fachkräftemangel ein Thema, das die ganze Branche betrifft. Anders als früher stehen die Menschen nicht mehr Schlange, um beim Film zu arbeiten. Abgesehen vom zunehmenden Alter der geburtenstarken Jahrgänge hat das viele Gründe.

Welche genau?

Durchs Streaming wird seit Jahren so viel produziert, dass es schlicht nicht genug Leute gibt. Und selbst im Privatfernsehboom brauchte man noch große Produktionshäuser, um auf Film zu drehen. Heute können alle auf YouTube oder Instagram eigene Sachen machen und digital verbreiten. Andererseits hat man gerade Leuten wie mir vom Theater früher die Jobs förmlich hinterhergeschmissen. So einfach funktioniert das aber nicht mehr – zum Glück.

Zum Glück?

Weil die Branche damals bürgerlich, akademisch, weiß und männlich geprägt war, kann es ihr nur guttun, wenn sie durch Quereinsteiger:innen mit anderem Hintergrund diverser wird. Vor der Kamera gibt es mittlerweile genug, die sich dafür interessieren. Dass es auch dahinter interessante Jobs gibt, muss vielen erst noch vermittelt werden. Wer weiß schon was ein Focus Puller ist?

Sie meinen Kamera-Assistenz?

So etwas wird auf unserer Homepage erklärt. Darüber hinaus haben wir den dringlichsten Bedarf evaluiert und vier Felder gefunden: Regieassistenz, Aufnahmeleitung, Script/Continuity, Filmgeschäftsführung. Dafür werben wir auf Social Media, aber auch analog mit einer Agentur, die im deutschsprachigen Raum Casting-Events in Einkaufspassagen organisiert, bei denen wir Bewerber:innen für Scripted-Reality-Formate auch über Berufe jenseits der Kamera informieren. An denen besteht seit dem Telenovela-Boom der Nuller Riesenbedarf, der nicht mit dem Sozialprestige der Formate mithält.

Zumal diese Jobs selten mal lineare Ausbildungsberufe sind.

Unserer Branche ist von learning by doing geprägt. Selbst Gewerke, die wie Kostüm, Maske, Ausstattung handwerklich orientiert sind, wurden lange nicht in der Lehre, sondern Praxis erlernt. Film und Fernsehen war immer eine Quereinstiegsbranche. Dem wurde erst durch Mindestlohn, Praktikumsregulierung oder der Anerkennung vieler Ausbildungen durch Industrie- und Handelskammern richtigerweise politisch Einhalt geboten. Ob man sich noch grundsätzlich orientiert, wegen des kaputten Rückens umsatteln oder noch einmal was Neues erlernen möchte: bei uns sind alle willkommen, die Interesse an unserer Ausbildung haben.

Wofür Sie Ihnen auch etwas zahlen?

Im Rahmen rechtlicher Vorgaben; auch das gehört zur Professionalisierung. Und es wirkt. Nach 24 Stunden hatten wir bereits 20 Bewerber und Bewerberinnen.

Alles Freunde, von Freundinnen, also aus der eigenen Blase?

Zur Herkunft kann ich noch nichts sagen, aber wir setzen bewusst neben Anzeigen bei Branchenmedien wie „Quotenmeter“ auch auf eine aktuelle Plakataktion an Hauptbahnhöfen und Volkshochschulen, damit es mehr als die Freunde von Freundinnen sind.

Freunde von Freundinnen, die laut Homepage 26 bis 60 sein dürfen. Bildet sich die UFA Leute aus, die sieben Jahre später vielleicht in Rente gehen?

Zum einen erleben wir, dass Menschen heute länger arbeiten und auch mit 60 agiler und fitter sind als zur Zeit von Norbert Blüms Satz, die Rente sei sicher. Zum anderen schließt Diversität auch das Alter ein. Warum sollen wir dringend benötigte Fachkräfte aufgrund ihrer Reife ausschließen, also diskriminieren? Eine Steuerberaterin, die nach 30 Jahren keine Lust mehr auf Kanzlei hat, kriegt das, was sie in der Filmgeschäftsführung braucht, doch in sechs Monaten locker drauf. Sie muss nur wollen.

Was muss sich in Film & Fernsehen noch ändern, damit Jung & Alt wieder dahin will?

Die Betonung agiler Teamarbeit. In der öffentlichen Wahrnehmung gilt alle Aufmerksamkeit nach wie vor Schauspiel und Regie, dann möglicherweise Drehbuch und Kamera. Dass Serien und Filme nur gemeinsam gut werden, haben trotz starker Hierarchien fast alle begriffen, aber es muss noch besser kommuniziert werden. Die Leute wollen heutzutage mit allen auf Augenhöhe arbeiten – ganz gleich ob Direkt- oder Quereinstieg.

Nehmen Sie letzterem somit ein wenig vom Makel des Scheiterns im alten Beruf und der Unterqualifikation im neuen?

Den Gedanken hatte ich als jemand, der selbst quereingestiegen ist, zwar nie, aber es stimmt: Quereinstiege hatten lange keinen allzu guten Ruf. Nur: wie viele studieren Psychologie, landen danach im Callcenter und steigen über die Teamleitung in den Vorstand auf. Die Wendigkeit der Start-up-Gesellschaft macht elitäres Expertentum zusehends überflüssig, während soziale Kompetenz, Gestaltungswille, Leidenschaft wichtiger werden. Beruflich flexibler zu sein, hat – auch durch Corona – an Bedeutung gewonnen. Die Zeit des Makels ist vorbei.

Wie quer war denn Ihr eigener Einstieg?

Sehr quer. Ich habe seit dem Abi keine Prüfung abgelegt und abgesehen von zwei Scheinen in neuer deutscher Geschichte nichts Formelles vorzuweisen. Meine Qualifikation stammt vom Theater und Kabarett, irgendwann wurde ich Regieassistent, dann Spielleiter, und weil meine Schwester als Storylinerin bei „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ tätig war, habe ich es 1996 dort versucht und dachte – nach sechs Monaten gehe ich zurück zum Theater. Dann bin ich vom Regisseur über den Producer und Produzenten zum Geschäftsführer geworden – und denke das immer noch (lacht).

Wenn Ihnen die UFA-Leitung zu langweilig wird – welcher Quereinstieg wäre denkbar?

Keinen Quereinstieg, eher ein Rückeinstieg: Theaterintendant im kleinen Drei-Sparten-Haus der deutschen Provinz. Ich plane das nicht, fände es aber toll.

Zur Person

Joachim Kosack, 1965 als Sohn eines christlichen Missionars in Indonesien geboren, widmete sich nach dem Abitur in Wuppertal früh dem Theater, bevor er mit 30 zur Ufa wechselte und dort Serien wie GZSZ schrieb. Nach Zwischenetappen bei Sat1 und teamWorx kehrte er 2012 zurück, übernahm die neu gegründete Ufa Fiction und ist dort seit 2017 federführend für Dramaserien zuständig.


Becoming Charlie: Geschlecht & Misgendern

Becoming Charlie

Unterhaltung mit Haltung

Die Neo-Serie Becoming Charlie steckt Lea Drinda als nonbinäre Person im Plattenbau statt Luxusviertel und behandelt das Nischenthema LGBTQ+ auch sonst praktisch klischeefrei. Hier ist meine Originalkritik der Serie auf DWDL. Gleich dahinter veröffentliche ich hiermit aber auch die Reaktion von Lion H. Lau, verantwortlich fürs Drehbuch und mit einer ganzen Reihe von Kritikpunkten an meiner Rezension, die ich im Anschluss beantworte.

Von Jan Freitag

Was wäre, wenn? Ja, was wäre eigentlich, wenn Frauen Männer wären. Wenn sie Schwänze hätten statt Schamlippen und damit vielleicht nicht gleich die ganze Ungerechtigkeit tausender Jahre Patriarchat beseitigt, aber vorerst wenigstens das körperliche Leid hinterm doppelten X-Chromosom von Regelschmerz über Geburtswehen bis Wechseljahre? Was also wäre, wenn Charlie keine Vagina, sondern einen Penis besäße? „Dann könntest du im Stehen pinkeln“, antwortet Alina auf die Frage ihrer besten Freundin und lacht. Noch.

Die Titelfigur der Instant-Dramaserie Becoming Charlie, das merkt Alina nach wenigen der insgesamt kaum 100 Minuten Sendezeit, ist sich nämlich unsicher, welches primäre Geschlechtsmerkmal ihr lieber wäre. Schon der Vorname unterwandert ja die standesamtlich geforderte Abgrenzung zu den richtigen, den Bio-Jungs. Und auch sonst ist Charlie eher burschikos als feminin. Ihr Schlabberlook, der Cowboygang, das kurze Strubbelhaar – habituell passt alles am Twentysomething im Offenbacher Plattenbauviertel zum Faible für die Protzkarren der Block-Babos.

Charlie prollt, Charlie flucht, Charlie rangelt. Charlie hat zwar kindliche Gesichtszüge, aber raue Manieren. Sie schreibt Gangstaraps, fährt für Lieferdienste Lebensmittel durch Häuserschluchten, kommt so natürlich nie aus der Schuldenfalle einer alleinerziehenden Mutter und steht auch noch bei Tante Fabia in der Kreide. Alles Alltagssorgen eines reichen Landes mit wachsendem Armutssockel, die das Gefühlschaos vervielfachen. Charlie, so wirkt es ab heute in der ZDF-Mediathek (24. Mai, 20.15 Uhr: Neo), will Charlotte im Ausweis beerdigen. Wenn es denn so einfach wäre…

Denn in der Realfiktion von Lion H. Lau ist alles noch komplizierter als ohnehin – und somit das Beste, was uns im Steinbruch sexueller Identitätssuche passieren konnte. In Becoming Charlie erzählt die nonbinäre Autorin schließlich ein Stück weit ihr eigenes Leben jenseits von Mann oder Frau in der Lausitz nach. Und was die explizit feministische Regisseurin Kerstin Polte („WIR“) mit der Newcomerin Greta Benkelmann sechs hochpräzise Folgen lang daraus macht, stellt einiges auf den Kopf, was das LGBTQ+-Spektrum am Bildschirm prägt.

Ob nun Queer as Folk oder The L-Word, Transparent oder Will and Grace: Seit ein schwuler Anwalt in Philadelphia an Aids erkrankte, sind Abweichungen vom heteronormativen Mainstream Oberschichtenphänomene, also außerhalb der Frauenknastmauern von Orange is the New Black allenfalls Ausnahmen vom Regelfall. Neue Hauptfiguren subkultureller Fiktionen von Please Like Me bis All you need mögen zwar prekär beschäftig sein, aber immerhin kultiviert, also gut situiert. Dass Lion H. Laus Titelheld:in im 9. Stock eines sozialen Brennpunktes am sozialen Geschlecht verzweifelt, ist da schon mal bemerkenswert.

Noch auffälliger ist allerdings, wie ein vornehmlich weibliches Team Lions Drehbuch in lebensgroße Bilder gießt. Gut ein Jahr nach dem Durchbruch als Junkie im Prime-Remake der Kinder vom Bahnhof Zoo sticht dabei besonders Lea Drinda hervor. Wie die 21-Jährige gegen ihre pilchertaugliche Kulleraugenoptik anspielt, ohne sie zu negieren ist dabei schlicht sensationell. Denn wie ihre Babsi den Berliner Heroinabgrund der späten 1970er, bringt ihre Charlie den Offenbacher Hartz-4-Abgrund der frühen 2020er mit einer Dringlichkeit von fast schon einschüchternder Ambivalenz zum Ausdruck.

Mal angriffslustig, mal lebensmüde, aber meist auf den Punkt einer zerrissenen Selbstreflexion, ringt die vierfachdiskriminierte Transgender-Person um Halt(ung). Als lesbische Frau kämpft sie um die Beziehung zur schwangeren Alina (Aiken-Stretje Andresen). Als arme Frau kämpft sie im Dunkel einer stromlosen Etagenwohnung gegen die Realitätsverweigerung ihrer kaufsüchtigen Mutter (Bärbel Schwarz). Als süße Frau kämpft sie gegen Vorurteile einer männlichen Umgebung (Danilo Kamperidis). Und als Frau, die weder das noch ein Mann sein will, kämpft sie mithilfe der Nachbarin Ronja (Sira Anna Faal) gegen sich selber – was Kerstin Polte in der eindrücklichsten Szene dieser tollen Serie zum Ausdruck bringt.

Im Bad ihrer Tante Fabia (fabelhaft grantig: Katja Bürkle) spielt Charlie mit Schminke Geschlechterstereotypen durch, und Lotta Kilians Kamera hält so ewig drauf, bis alle Persönlichkeiten in Körper, Geist und Seele zur retrofuturistischen Musik von Pelle Paar und Alice Dee am Spiegel kondensieren. Keine fünf Minuten später dann kippt dieser visuelle Ritt ins Durcheinander einer lebenden Normabweichung sogar buchstäblich, als Charlie ihrer liebevollen, aber verständnislosen Mutter „ich bin keine Frau“ zuflüstert und im Splittscreen rechts kopfüber steht.

Statt lauter Wut oft stille Verzweiflung, statt aggressiver Rebellion eher innere Immigration: Becoming Charlie, übersetzbar mit „Charlie werden“, enthält sich vieler Klischees, die filmische Sichtweisen auf alternative Sexualitäten oft so didaktisch machen und damit anstrengend. Hier strengt allenfalls der Wust queerer Lebensentwürfe an, die Lion H. Lau auf engstem Raum einer Betonwüste verdichtet. Tante, Kumpel, Chef, Nachbarn – alle sexuell außergewöhnlich. Weil die Figuren dabei nicht randgruppengerecht überzeichnet sind, sondern im Gegenteil: auf dezente Art gewöhnlich, klärt die Serie jedoch mehr auf als zu unterwandern. Und erschafft so etwas Beachtliches: Unterhaltung mit Haltung.

Reaktion von Lion H. Lau

Hallo liebe dwdl-Redaktion, hallo Jan Freitag,

danke für diesen unglaublich positiven und begeisterten Beitrag zu unserer ZDFneo Serie BECOMING CHARLIE. Ich bin für das Buch und gemeinsam mit Kerstin Polte und Greta Benkelmann für das Konzept der Serie verantwortliche Person. Es geht um folgende Kritik:

https://www.dwdl.de/meinungen/87994/becoming_charlie_bei_zdfneo_unterhaltung_mit_haltung/?utm_source=&utm_medium=&utm_campaign=&utm_term=

Dass die Serie auch Menschen erreicht, die zuvor keine Berührungspunkte mit dem Thema hatten und dass es emotional berührt, freut uns im Team ungemein. Ob so etwas gelingt, weiß ja niemand so richtig vor dem Release. Danke für den Enthusiasmus und die ausführliche Kritik! Das vorweg genommen, gibt es jedoch Punkte, die ich anmerken muss.

Hier geht es ganz klar nicht um die Infragestellung einer Meinung/Haltung und der Kritik. Und nichts ist schwerer, als mit einer Korrektur von einer so überschwänglich positiven Kritik um die Ecke zu kommen. Ich möchte ja nicht undankbar sein. Ich habe mir das Wochenende Zeit genommen, mir zu überlegen, ob, und wenn ja, wie ich reagiere. Erstmal vorweg meine Motivation: Das ist die gleiche, weshalb ich überhaupt BECOMING CHARLIE geschrieben habe. Um aufzuzeigen, zu sensibilisieren und wenn nötig, in Dialog zu kommen. Aufklärung ist ein wichtiger Beitrag zur Inklusion von trans und nicht-binären Menschen. Die Aufklärung dazu ist schrecklich komplex. Aber ich versuch es mal.

Aber ein wichtiger Punkt vorweg: Charlie, unser Hauptcharakter, so wie auch ich, werden im Text misgendert. Kontinuierlich. Das tut mir als trans und nicht-binäre Person, die in der Öffentlichkeit steht, keinen Gefallen. Im Gegenteil. Ich muss nun erneut bei Presseanfragen etc., die sich z.T. auf eben diese Rezension beziehen, erneut Stellung zu meinen Pronomen nehmen. Nicht-binäre Menschen, die sich eine solche Serie herbeigesehnt haben, sind irritiert oder getriggert. Der Kampf um unsere gesellschaftliche Akzeptanz auch in der Sprache, beispielsweise im Rahmen unserer Pronomen statt – etwas, was BECOMING CHARLIE versucht, zu bebildern. Ich habe mir auch den Podcast von Jan Freitag angehört und war schlichtweg begeistert, als er und sein Moderationspartner von mir als Person gesprochen haben. Dafür bin ich sehr dankbar.

Ich benutze keinerlei Pronomen (auch keine Neopronomen) und deswegen wird in meinem Fall tatsächlich von Person gesprochen oder Lion Lau. Genauso verhält es sich bei unserem Hauptcharakter Charlie. Ich bitte hierbei um Korrektur. Jetzt gehe ich mehr ins Detail:

“Was wäre, wenn? Ja, was wäre eigentlich, wenn Frauen Männer wären. Wenn sie Schwänze hätten statt Schamlippen und damit vielleicht nicht gleich die ganze Ungerechtigkeit tausender Jahre Patriarchat beseitigt, aber vorerst wenigstens das körperliche Leid hinterm doppelten X-Chromosom von Regelschmerz über Geburtswehen bis Wechseljahre?”

– Das ist natürlich ein möglicher Einstieg in eine Rezension. Wir behandeln mit BECOMING CHARLIE jedoch keinerlei primäre Geschlechtsmerkmale. Vielmehr geht es um die soziale Rezension von Geschlecht. (Cis) Männer können in der Öffentlichkeit, im Stehen, visuell sichtbar für alle pinkeln. Weiblich gelesene Menschen können das nicht. Wem ist was im öffentlichen Raum erlaubt und wem nicht. Penisse und Vaginen spielen hier keine Rolle – außer man sieht sie als einziges Indiz für Geschlechtszugehörigkeit.

Sprechen wir vom biologischen Geschlecht, werden meist auch nur männlich und weiblich als einzige Spielarten genannt. Frauen haben Vaginen, Männer Penisse. Auch das ist wissenschaftlich veraltet. Nicht nur inter* Personen gelten hier als Beispiele, die aus dieser nicht mehr der wissenschaftlich belegten Norm entsprechen. Mittlerweile haben Wissenschaftler*innen neben zusätzlichen Chromosomen (zusätzlich heißt über die im Bio-Unterricht verankerte Lehre zu XY und XX-Chromosomen hinausgehenden Chromosomen), die zur Geschlechtsbildung beitragen, auch Hormone tiefergehend untersucht. Auch hier gilt: Biologisches Geschlecht ist ein Spektrum.

Heißt: Am Genital eines Menschen kann niemand das Geschlecht ablesen. Heißt konkret für Charlie: Charlie kam als Baby zu Welt, welches Geschlecht Charlie zugeschrieben wurde? We don’t care. Klar, die Charaktere, die Charlie umgeben, referieren auf das Geschlecht, welches Charlie bei der Geburt zugeschrieben wurde. Aber wir (also damit meine ich uns Kreativen hinter BECOMING CHARLIE) tun das nicht. Niemals.

“Die Titelfigur der Instant-Dramaserie „Becoming Charlie“, das merkt Alina nach ein paar der insgesamt kaum 100 Minuten Sendezeit, ist sich nämlich unsicher, welches primäre Geschlechtsmerkmal ihr lieber wäre.” Nein. Das ist kein Thema. Kein einziges Mal. Tatsächlich spielen primäre Geschlechtsmerkmale für die meisten trans und nicht-binären Menschen eine untergeordnete Rolle. Ich glaube, hier könnten eventuell Themenfelder wie gender expression (also Geschlechtsausdruck), biologisches Geschlecht und sexuelles Begehren durcheinander geraten sein. Mit Geschlechtsausdruck ist gemeint: Wie will ich von der Gesellschaft gelesen werden/wie liest die Gesellschaft mich? Männlich? Weiblich? Weder noch? Hier stehen wir vor einem gewaltigen Problem: dem fehlenden nicht-binären visuellen Narrativ, bzw. einem Anspruch, das eine Eindeutigkeit/bzw. eine Uneindeutigkeit Aufschluss geben muss über die Geschlechtsidentität. Das ist nicht der Fall. Menschen, die sich weiblich/männlich präsentieren, können cis/trans männlich bzw. weiblich/nicht-binär sein.

Das Thema, welches sich bei uns in der Serie u.a. durch Kleidung und einem Frischhaltefolien-Binding-Versuch äußert, nennt sich Dysphorie. Dysphorie lässt sich gemeinhin als immenser (teils lebensgefährlicher) Leidensdruck aufgrund der fehlenden Übereinstimmung des Körpers mit der eigenen Geschlechtsidentität beschreiben – natürlich können da primäre Geschlechtsmerkmale eine Rolle spielen. Muss aber nicht.

“Denn Charlie, so wirkt es ab heute in der ZDF-Mediathek (24. Mai, 20.15 Uhr: Neo), will Charlotte im Ausweis beerdigen.” Den Deadname (oder auch Geburtsnamen) unseres Hauptcharakters verraten wir nie. Dass Jan Freitag sich einen möglicherweise passenden weiblich gelesenen Vornamen ausdenkt, verwirrt mich. Weder im Drehbuch noch am Set, noch irgendwo sonst geben wir (Spieler*innen, ZDF-Redaktion, Produktionsfirma) an einer Stelle Charlies weiblich gelesenen Namen preis. Eine klare Entscheidung, denn es geht hier darum, einen nicht-binären Menschen als den zu nehmen, der er ist und nicht auf eine binäre Lesung herunterzubrechen. Also: Es gibt keine Charlotte und selbst wenn, dann wäre eine Nennung des Namens nicht im Sinne des Teams oder der Menschen, die trans und nicht-binär sind.

“Denn in der Realfiktion von Lion H. Lau ist alles noch komplizierter als ohnehin – und somit das Beste, was uns im Steinbruch sexueller Identitätssuche passieren konnte. In „Becoming Charlie“ erzählt die nonbinäre Autorin schließlich ein Stück weit ihr eigenes Leben jenseits von Mann oder Frau in der Lausitz nach.” Erstmal Danke für das Kompliment. Ich glaube, es ist auch faktisch viel komplizierter ;). Hier sind einige komplexe Zusammenhänge durcheinandergeraten.

a) Zum einen beschreibe ich ganz ausdrücklich keine sexuelle Identitätssuche, sondern die Suche nach der geschlechtlichen Identität. Wo ist der Unterschied? Cis Männer, die ausschließlich Männer lieben, sind homosexuell. Homosexualität ist ihr Begehren, ihre Sexualität. Cis ist ihre Geschlechtszuschreibung. Trans Männer, die ausschließlich Männer lieben, sind ebenfalls homosexuell, nur ihre Geschlechtszuschreibung variiert hier.

Häufig wird Transidentität oder auch Nicht-Binarität mit Sexualität gleichgesetzt. Aber: Die Identität eines Menschen gibt keinen Aufschluss über das Begehren. Charlie ist selbst noch auf der Suche nach der eigenen Sexualität. Ob Charlie nur auf weiblich gelesene Personen steht oder ob das Interesse vielleicht unabhängig vom Geschlecht ist, weiß Charlie noch nicht. Und wir wissen es somit auch nicht. Für viele Menschen ist das eine lebenslange Suche. Für manche Menschen öffnet sich ihre Sexualität während ihrer Identitätssuche. Für viele bleibt die gefundene Sexualität auch nach ihrer Transition bzw. Identitätssuche die gleiche, für andere wiederum verändert sich ihre Sexualität mit der Zeit. Wie gesagt: In BECOMING CHARLIE geht es nicht um die sexuelle Selbstfindung (also um das Begehren), sondern darum, in welchem Geschlecht Charlie verortet ist.

b) Sehr persönliche Note, aber im Sinne der korrekten Berichterstattung möchte ich offen legen, dass ich in meiner Kindheit/Jugend/frühem Erwachsenenalter nicht dem ausgesetzt war, dem Charlie sich aussetzen muss. Ganz einfach, weil ich mein Coming Out in meinen Dreißigern hatte. Charlies Lebenswelt ist weit entfernt von meiner eigenen, einzig die Schritte (hier in zeitlich komprimierter Weise) stellen eine Parallele her. Ich wundere mich, woher der Eindruck kommt, es könne sich um eine Nacherzählung meines eigenen Lebens handeln?

c) Also wenn schon, dann “non-binäre Autor*in”. Misgendern ist etwas, was mir – und ich bin keine fiktive Person, sondern ein real verankerter Mensch – böse aufstößt.

“Mal angriffslustig, mal lebensmüde, aber meist auf den Punkt einer zerrissenen Selbstreflexion, ringt die vierfachdiskriminierte Transgender-Person um Halt(ung). Als lesbische Frau kämpft sie um die Beziehung zur schwangeren Alina (Aiken-Stretje Andresen). Als arme Frau kämpft sie im Dunkel einer stromlosen Etagenwohnung gegen die Realitätsverweigerung ihrer kaufsüchtigen Mutter (Bärbel Schwarz). Als süße Frau kämpft sie gegen Vorurteile einer männlichen Umgebung (Danilo Kamperidis). Und als Frau, die weder das noch ein Mann sein will, kämpft sie mithilfe der Nachbarin Ronja (Sira Anna Faal) gegen sich selber – was Kerstin Polte in der eindrücklichsten Szene dieser tollen Serie zum Ausdruck bringt.”

Mich irritiert hier stark, dass unser ausdrücklich nicht-binärer Charakter Charlie – ich mein, es ist das Thema der Serie – hier als Frau geframed und misgendert wird. Mehrfachdiskriminierung: ja. Als queere trans und nicht-binäre Person um eine Beziehung zu kämpfen. Als queere nicht-binäre Person im Prekariat ums Überleben zu kämpfen (übrigens eine sehr queere Perspektive, da die meisten queeren Menschen in Existenznotständen leben). Als Mensch, der außerhalb des binären Spektrums in einer patriarchal geprägten Umwelt aufwächst – ja, das sind alles Marginalisierungen und Diskriminierungsaspekte, hat aber mit der weiblichen Lesbarkeit der Figur wenig zu tun.

“Tante, Kumpel, Chef, Nachbarn – alle sexuell außergewöhnlich.”

Wie gesagt: Charlies Findungsprozess hat nichts mit dem Begehren zu tun. Die queere Diversität hingegen, die wir zeigen, erzählt auch vom Begehren, also von Sexualitäten. Das queere Menschen einander suchen, ist nichts Neues, hat Tradition seit Jahrtausenden. Wir sind einander Schutz und Halt, was wir außerhalb der Schutzzonen selten oder nicht erfahren.

Also, eine lange Mail. Wenn es Rückfragen gibt, bin ich erreichbar. Besten Dank, dass Sie sich dem Thema annehmen!

Ich wünsch Ihnen noch einen guten Resttag und eine gute Woche!

Lion H. Lau

(Pronouns: none or they/them)

Meine Antwort an Lion H. Lau

Hallo Lion H. Lau,

danke für die sehr ausführliche Kritik zu meinem DWDL-Text, die ich sehr ernst nehme, aber auch zu einem Gefühl der Überforderung führt. Ich bewege mich durch meinen Wohnort St. Pauli in einem sehr diversen Umfeld, habe auch im engeren Umfeld viele LGBTQ+-Personen und scheitere trotzdem oft daran, allen sprachlich gerecht zu werden. Einige Formulierungen, das haben Sie womöglich am Podcast gehört, verwende ich bereits organisch, andere muss ich weiterhin kognitiv steuern, was immer noch zu oft, aber zusehends weniger in die Hose geht. Ihre Kritik an meiner Kritik ist demnach praktisch vollumfänglich gerechtfertigt, betrifft aber auch Fragen der Lesbarkeit solcher Texte.

Den Einstieg habe ich deshalb über primäre Geschlechtsmerkmale gewählt, weil es darin ums Pinkeln im Stehen geht, was ihnen, also den Merkmalen zumindest räumlich sehr nahe kommt. Damit negiere ich nicht Charlies Kampf für oder gegen ein soziales Geschlecht, sondern hole die Lesenden bei Bildern ab, die sie schnell verstehen. Unser Publikum hat vermutlich überwiegend heteronormative Denkstrukturen, die leicht zu überfordern sind. Auch, wenn Penisse und Vaginen bei der Definition des sozialen Geschlechts keine Rolle spielen, triggert beides die Vorstellung der meisten Menschen von Geschlecht und hilft daher bei der Einordnung. Meine Hoffnung war, dass die Lesenden das anhand meiner Formulierung, Charlie wolle weder Mann noch Frau, sondern beides oder etwas völlig anderes sein, schon verstehen. Auch die Verwendung des Begriffes “sexuell” im Zusammenhang mit “Identität” sollte hier nicht der Einengung aufs biologische Geschlecht dienen, sondern der leichteren Verständlichkeit.

Weil Charlies Entwicklungsprozess in diesem Zusammenhang meiner Deutung nach zudem noch in einem recht frühen Stadium ist, habe ich in einigen Formulierungen von ihr als Frau gesprochen, die sie aus Perspektive der meisten Menschen noch ist, aber nicht sein möchte. Als fiktionale Person kann ich ihr damit zwar keine sprachliche Gewalt antun, aber das muss ich in Zukunft dringend diverser formulieren – zumal sie als reale Person durch meine Formulierungen sehr wohl davon betroffen sind, wofür ich um Entschuldigung bitte. Nonbinäre Autorin statt Autor:in war allerdings keine Zuschreibung, sondern schlicht nachlässig.

Ein Satz noch zu Charlies Namen: Charlotte wird zwar nie erwähnt, die Wahrscheinlichkeit allerdings, dass ihre nicht grad gender fluide Mutter sie so genannt hat und daraus der Spitzname Charly entstand, würde ich mal so ungefähr bei 1 einordnen. Das war auch der einzige Punkt, an dem Ihre Kritik an meinem Text ein bisschen spitzfindig ist. Macht aber nix, wie ich finde – der Rest ist unbedingt dazu geeignet, mich und damit am Ende auch meine Lesenden weiterzubringen auf dem Weg zu einer vorurteils- und diskriminierungsfreien (ich sage bewusst nicht “toleranten”, da ich den Begriff kritisch sehe) Gesellschaft.

Nur eine Bitte noch, ohne damit irgendwas zu relativieren: Seien Sie bitte nicht so streng mit mir und meinesgleichen. Ich bin ein straighter, weißer, pass- und biodeutscher Mann, der in seinem Leben noch nie Diskriminierung erfahren hat und für ein Publikum schreibt, das mir vermutlich von diesen Voraussetzungen her (abgesehen vom Geschlecht) nicht unähnlich ist. Auf dieser Grundlage gebe ich mir alle Mühe, mich für diversere Personen gut und richtig und verletzungs- und gewaltfrei auszudrücken, ohne dass meine Texte Proseminare in Sachen Gender Studies werden. So wie Gas auf dem Weg zur grünen Wirtschaft ist meine Sprache eine Art Brückentechnologie, um LGBTQ+-Personen einzubinden, ohne den heteronormativen Mainstream zu überfordern. Der Weg dorthin ist mühsam, aber er lohnt sich. Wenn ich Fehler mache, mache ich Fehler, weil Menschen Fehler machen, nicht weil es mir an Willen oder Überzeugung mangelt, dass es der richtige Weg ist.

In diesem Sinne schönen Gruß und Glückauf aus Hamburg,

Jan Freitag


Harry Wijnvoord: Heiße Preise & neue Ideen

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Der Greis ist heiß

Nach 25 Jahren ist Der Preis ist heiß ohne Walter Freiwald, aber mit Harry Wijnvoord (Foto: RTL) zu RTL zurückgekehrt und damit eins Mix aus Nostalgie und Unterhaltung, wie das lebende Fernsehfossil im freitagsmedien-Interview sagt. Am 8. Juni läuft die zweite von vorerst drei Ausgaben, die erste ist abrufbar bei RTL+.

Von Jan Freitag

Herr Wijnvoord, wollen wir mal eben die aktuellen Preise der deutschen Konsumlandschaft durchgehen?

Harry Wijnvoord: Die ändern sich ja gerade ständig, aber schießen Sie los!

Was kostet ein Liter Biomilch bei Aldi?

Ein Euro und neun Cent.

Das haben Sie doch geraten!

Natürlich. So wie es meine Kandidatinnen und Kandidaten bei Der Preis ist heiß ja auch meistens tun.

Der Showmaster muss also gar nicht alles können, was er seinen Kandidatinnen und Kandidaten abverlangt?

Informiert sollte man schon sein. Deshalb schaue ich mir vor der Sendung die Preise alle mal an – schon, um vor der Kamera nicht ständig überrascht zu wirken. Ob ich die dann abrufen kann, ist eine andere Frage. Aber wer weiß denn aus dem Kopf, was Neuwagen oder Nudeln kosten. Deshalb lohnt es sich heute wie vor 25 Jahren, regelmäßig einkaufen zu gehen, um bei mir zu großen Preisen vorzustoßen.

Was ändert sich denn im Vergleich zu Ihrer letzten Sendung 1997?

Mein Sprecher, weil der wunderbare Walter Freiwald ja zwischenzeitlich leider gestorben ist. Aber Thorsten Schorn macht das auf seine Weise genauso gut. Und auch mit ihm war es dasselbe tolle Gefühl, hinter dieser Tür zu stehen, von der Assistentin das Mikro zu kriegen und aufs Publikum zuzulaufen. Dass ist heute wie damals Adrenalin pur für mich.

Zumal Ihre Assistentinnen noch die gleichen sind.

Auf meinen Wunsch hin. Wenn wir so eine Reise zurück in die Zukunft machen, dann doch mit allen, die damals dabei waren und es heute noch sein wollen. Damit möchte ich auch zeigen, dass Frauen mit 50 telegen sind und längst nicht zum alten Eisen zählen. Die Jahre sind an denen schließlich genauso spurlos vorübergegangen wie an mir (lacht).

Spaß beiseite: welche Spuren haben 25 Jahre an und in Ihnen hinterlassen?

Ich bin ruhiger geworden.

Noch ruhiger?!

Weil ich ein glücklicher Mensch war und bin, habe ich stets in mir geruht. Aber äußerlich war ich ruhiger als innerlich, das hat sich mittlerweile angeglichen. Bevor ich zum ersten Mal wieder am Set war, dachte ich schon kurz, mein Gott Harry, was machst du jetzt im Studio statt im Liegestuhl. Und nach drei Tagen vor der Kamera war ich natürlich todmüde, aber ich habe mich jünger gefühlt. Wobei ich nach dem Ende 1997 ja nicht die Füße hochgelegt habe.

Sondern?

Nachdem ich vergeblich darauf gewartet habe, dass mir jemand die Seniorenkuppelshow „Der Greis ist heiß“ anbietet, habe ich die Kochsendung Der Reis ist heiß gemacht und Teleshopping. Ich war zu Gast in Quiz- oder Talkshows, als Mann der Touristik acht Jahre lang Reiseexperte bei Sonnenklar.TV, habe Aufklärungskampagnen für Diabetes gemacht. Selbst während der Pandemie war ich immer gut beschäftigt.

Am besten beschäftigt waren Sie aber in 1873 Folgen Der Preis ist heiß, die seinerzeit Ausdruck einer sorgenfreieren Zeit waren. Wie passt die Sendung da in die Gegenwart unablässiger Krisen?

Es ist eine Mischung aus Nostalgie und Unterhaltung, damals wie heute. Die Sendung wurde ja auch nicht wegen ihrer Erfolglosigkeit eingestellt; wir hatten bis zuletzt 40 Prozent Marktanteil. Es lag am neuen Senderchef, der Akzente nach seiner Fasson setzen wollte. Da spielten Gameshows eine kleinere Rolle. Aber was man an den Formaten von damals hatte, sieht man heute ja im Programm aller Kanäle.

Wo von TV total bis Geh aufs Ganze vieles zurückkehrt. Träumt sich das Publikum damit in bessere Zeiten zu träumen?

Das folgt zuerst dem Bedürfnis, sich einfach gut unterhalten zu lassen. Aber es stimmt schon: gerade in dieser schwierigen Zeit ist es wichtig, dass die Leute nach der „Tagesschau“ zwei Stunden komplett vom Weltgeschehen abschalten. Das Prinzip lautet da Brot und Spiele.

Lassen Sie sich als Konsument lieber leicht oder schwer unterhalten?

Natürlich sehe ich bei aller Liebe zur leichten Unterhaltung auch harte Nachrichten oder Dokumentationen. Wobei sich auch mein Fernsehverhalten geändert hat. Ich bin mittlerweile mein eigener Programmchef und schaue, was mein Streaming-Dienst anbietet, wann ich es will – auch, weil mich das lineare Fernsehen immer weniger vor die Mattscheibe gelockt hat.

Locken Sie Revivals wie Wetten, dass…? denn zurück ins Regelprogramm?

Schon, denn gerade das empfinde ich als revolutionär. Die Erkenntnis nämlich, das Fernsehen nicht ständig neu erfinden zu müssen, sondern auf alte Stärken zu setzen.

Haben Sie dennoch neue Ideen?

Ja.

Aber Sie sprechen nicht drüber?

Richtig (lacht). Es geht Richtung Schlager, was wir wegen eines Corona-Falles im Team aber um zehn Tage verschieben mussten, sonst wäre ich heute schon am Set gewesen. Schließlich bin ich als früherer Radiomoderator schlageraffin und habe grad selbst einen gemacht. Wobei ich den Begriff „Schlager“ für das meiste, was heute so genannt wird, falsch finde. Im Prinzip ist das Popmusik. Das nenne ich mal schlechtes Marketing.

Also machen Sie eine Popsendung?

Das auch wieder nicht. Wir müssen mit dem Label jetzt leben, das ist okay.

Der Preis ist heiß ist dagegen keine Rateshow, sondern eine Dauerwerbesendung.

Und das ärgert mich damals wie heute gleich. Von 27 Nationen, in denen die Sendung läuft – seit neuestem auch Uruguay, wo ich als Berater tätig bin –, ist Deutschland die einzige, in der diese Warnung im Bildschirmeck steht. Das nenne ich Beamtenmentalität, die den Leuten das Denken abnimmt. Als würden es nicht alle merken, wenn wirklich Werbung läuft.

Meinen Sie wirklich?

Mein Gott, wenn jede Sendung mit sichtbaren Markenprodukten Dauerwerbesendung hieße, gäbe es doch keine anderen mehr…

Zur Person

Harry Wijnvoord, geboren 1949 in Den Haag, macht Lehren als Kürschner und Steuerberater, kommt allerdings zu RTL, als dort jemand sein Talent als Reisebegleiter auf Kreuzfahrtschiffen erkennt. Mit 40 moderiert er 1. Folge „Der Preis ist heiß“, acht Jahre später die 1872. und letzte. Seither verwaltet Wijnvoord sein Erbe mit Kochsendungen, Cameo-Auftritten, Reiseformaten und einem Besuch im Dschungelcamp 2004. Der 72-Jährige lebt mit seiner zweiten Frau im Münsterland.


Hebestreit: Scholz-Sprecher & Krisenerklärer

Steffen Hebestreit for DJV Journalist

There’s no glory in prevention

Normalerweise kriegen neue Regierungen eine Schonfrist, 100 Tage zumeist. Die von Olaf Scholz jedoch steckt vom Start weg im Krisenmodus, den sein Regierungssprecher Steffen Hebestreit (49, Foto: Marzena Skubatz) erklären muss. Als Chef des Bundespresseamts steht der frühere Journalist vor der Frage: Wie kann man in Kriegszeiten transparent und glaubwürdig kommunizieren? freitagsmedien dokumentiert das journalist-Interview vom Monatsanfang in voller Länge.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Hebestreit, normalerweise wird neuen Regierungen und damit auch ihren Kommunikationsabteilungen eine Schonfrist von 100 Tagen eingeräumt, in denen beide ein wenig unter Welpenschutz stehen. Wie lang war Ihre Schonfrist – 100 Minuten?

Steffen Hebestreit: Wenn überhaupt… Aber diese 100 Tage sind schon immer mehr ein hehrer Wunsch gewesen als die Wirklichkeit, seit Franklin D. Roosevelt bei seinem Amtsantritt gesagt hatte: Give me a hundred days. Ich habe jedenfalls nach 28 Tagen den ersten Leitartikel gelesen, der sagte, eigentlich habe eine Regierung ja 100 Tage Schonzeit, aber schon jetzt müsse man sagen: alles Mist.

Also 27 Tage Schonfrist?

Wieso sollte es überhaupt eine Schonzeit geben, das habe ich nie verstanden. Eine neue Regierung, ein neuer Kanzler, neue Politik, das ist doch wahnsinnig spannend. Ich kann schon verstehen, dass Journalisten und Opposition das vom ersten Tag an kritisch begleiten wollen.

Zumal in einer hochtourigen Zeit, in der sich Menschheitskrisen nicht bloß abwechseln, sondern überlappen.

Mir hat gut gefallen, dass es zwischen alter und neuer Regierung einen so reibungslosen und vertrauensvollen Übergang gegeben hat. Hier an dem Tisch, an dem wir gerade sitzen, saß ich seinerzeit mit Steffen Seibert und wir haben uns ausgiebig darüber ausgetauscht, was auf mich als Regierungssprecher zukommen wird. Das war bei früheren Regierungswechseln nicht üblich. Da Olaf Scholz als Vizekanzler der scheidenden Regierung schon angehörte, mag es leichter gewesen sein, uns frühzeitig einzubinden. Bei den Bund-Länder-Runden zur Pandemie waren wir ohnehin immer zugeschaltet. Ab Mitte November saßen Scholz und ich dann im Kanzleramt mit in diesen Runden. Die neue Bundesregierung wurde am 8. Dezember vereidigt, einen Tag später leitete der neue Kanzler dann erstmals diese Runde.

Ansonsten werden Regierungssprecher – das -innen kann man sich mangels Frauen seit 1949 leicht sparen – hier im Bundespresseamt also nicht förmlich eingearbeitet?

Nein, das ist eigentlich nirgends üblich. Normalerweise gibt es eine kurze Tasse Kaffee, ein paar freundliche Worte und Hinweise, hier wäre dann die Toilette, dort das Vorzimmer. Fertig. Ich habe mich sehr gefreut, dass mein Vorgänger sich da mehr Zeit genommen hat. Dadurch, dass wir uns schon gut kannten seit meiner Zeit als Korrespondent und wir in der letzten Regierung ja auch einiges miteinander zu tun hatten, war das sehr kollegial, offen und vertrauensvoll.

Was war denn üblich?

Nun, als ich seinerzeit am allerersten Tag mit dem frisch vereidigten Bundesminister der Finanzen ins Ministerium ankam, wurde mir ein freies Zimmer zugeteilt. Jemand, den ich nicht kannte, legte mir kurze Zeit später einen Stapel Akten auf den Tisch. Ich fragte: „Was mache ich damit?“ Er: „Verfügen!“ Ich: „An wen?“ Er: „Ans Haus“. Das war’s.

Immerhin wussten Sie, was „verfügen“ heißt

Immerhin. Beim Wechsel ins Bundespresseamt war das einfacher, weil ich wusste, was auf mich zukommt. Als früherer Korrespondent, Ex-Vorstand der BPK, Leiter der Hamburger Landesvertretung und zuletzt als Sprecher des Finanzministeriums hatte ich auch immer wieder mit dem Bundespresseamt zu tun.

Wenn Sie Ihren Start als Hauptstadtjournalist mit dem jetzigen als deren Informationsversorger vergleichen – wären Sie lieber damals, als Regierungen noch Krisen bewältigt haben, Sprecher geworden, oder ist heute, wo Krisen Regierungen überwältigen, besser?

Darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht. Natürlich ist die gegenwärtige Situation mit dem schrecklichen Krieg in der Ukraine eine außergewöhnliche Herausforderung, die uns alle sehr besorgt. Aber auch früher mangelte es nicht an Megathemen: 2008 die Finanzkrise, 2011 Fukushima, 2015 Flüchtlingssituation, seit 2020 die Pandemie…

Zwischendurch Klimawandel in beschleunigter Dauerschleife…

…wie gesagt, jede Regierung hat ihre Herausforderungen.

Das Besondere an den genannten Megathemen ist allerdings, dass sie sich einst nacheinander ereignet haben, während sie sich heute parallel auftürmen und nicht mehr den Eindruck erwecken, noch beherrschbar zu sein. Drohen Regierungssprecher da bei aller Spannung nicht eher an Krisen zu scheitern, deren Lösbarkeit sie eigentlich vermitteln sollen?

Ich bin nicht sicher, ob die damals Beteiligten das Gefühl hatten, alles ginge schön geordnet nacheinander vonstatten. Die Aufgabe des Regierungssprechers ist es, das Handeln der Regierung zu erklären und zu vermitteln, was sie tut. Natürlich stellt der erste Angriffskrieg in Europa seit Ende des Zweiten Weltkriegs eine Zäsur da. Ich bin aber überzeugt, dass die Bundesregierung in dieser schweren Krise das Richtige tut und richtig handelt.

Das sollten Sie auch, als deren Sprecher.

Unsere Aufgabe ist es zu erklären, wie die Regierung handelt und welche Politik sie verfolgt.

Gabe es in den vier Monaten Momente, wo das aus Ihrer Sicht mal geklappt hat?

Natürlich, immer wieder. In der Corona-Pandemie waren wir vor Weihnachten in einer sehr heiklen Phase, die Delta-Welle war noch nicht abgeebbt und Omikron tauchte auf. Es gab Rufe nach einem abermaligen Lockdown, die Sorge davor, dass unser Gesundheitssystem zusammenbrechen könnte und die kritische Infrastruktur. Die neue Bundesregierung hat daraufhin strikte Maßnahmen erlassen wie Maskenpflicht, 3G, 2G, aber keinen Lockdown verfügt – und gleichzeitig eine Impfkampagne aufgesetzt. Innerhalb von sechs Wochen haben sich 30 Millionen Bürgerinnen und Bürger ein drittes Mal impfen lassen, das hatte uns vorher niemand zugetraut. Das war ein wichtiger Schritt, damit wir einigermaßen durch diesen Winter gekommen sind. Aber: There’s no glory in prevention! Solche Erfolge sind kurzlebig. Die Pandemie ist nirgends in der Welt wirklich überwunden. Umso wichtiger ist es, das Erreichte ins Verhältnis zum Möglichen zu setzen.

Wie sieht ihre Bilanz mit Blick auf den Krieg in der Ukraine aus? Die Bundesregierung steht gerade unter gehörigem Druck…

Einmal vorweg: Dieser Krieg ist furchtbar und das Leid ist unermesslich – für uns alle ist das doch alles kaum zu ertragen. Emotional verstehe ich daher den Wunsch, es möge den einen Knopf geben, den man nur schnell drücken müsse, und der Horror wäre vorüber. Anfangs schien es, man müsse nur Nordstream 2 aufgeben, und alles werde gut. Nächster Knopf: Sanktionen gegen Moskau erlassen. Dritter Knopf: Russland vom internationalen Zahlungsverkehr abkoppeln. Als nächstes: Auch Deutschland müsse Waffen liefern. Dann: Immer stärkere und tiefgreifende Sanktionen. Und jetzt also die Frage nach der Lieferung schwerer Waffen. All diese Schritte ist Deutschland nach gründlicher Abwägung, in enger Abstimmung mit unseren internationalen Verbündeten diesseits und jenseits des Atlantiks gegangen – und doch konnte und kann es einigen nicht schnell genug gehen.

Bislang sehr offensichtlich nicht nur ein politisches, sondern kommunikatives Desaster!

Nein. Im Krieg gibt es keine einfachen Lösungen – und wer einfache Lösungen verspricht, wird seiner Verantwortung nicht gerecht. Und wie gesagt: Abschaltknöpfe gibt es nicht…

Klingt die Knopf-Metapher nicht ein bisschen fatalistisch nach dem Sprecher einer Regierung, deren Schritte grundsätzlich ein Stück zu kurz sind für die Realität?

Falsch. Nach dem Sprecher einer Regierung, die ihre Entscheidungen wohl abwägt und von klaren Prinzipien leiten lässt: Erstens: Deutschland will der Ukraine so gut es irgend geht im Kampf gegen den Aggressor Putin helfen. Zweitens: Die Nato und Deutschland wollen eine direkte Konfrontation mit der Atommacht Russland vermeiden, die in eine unvorstellbare Katastrophe weit über die Ukraine hinausführen würde. Und drittens prescht Deutschland nirgends voran, sondern bewegt sich immer in enger Abstimmung mit unseren Verbündeten. Im Bewusstsein, dass sich die Lage ständig verändert und wir auch darauf reagieren müssen. Deshalb können nicht alle Forderungen, die an Deutschland gerichtet werden, sofort erfüllt werden. Das sind oft schwierige Abwägungsentscheidungen, aber so funktioniert verantwortungsvolle Politik.

Ist die Kritik an der aktuellen Politik also vor allem ein kommunikatives Problem der akzeptanzfördernden Vermittlung dieser Sachentscheidungen?

Im Augenblick dominieren die Stimmen in der Öffentlichkeit, die mit Blick auf den furchtbaren Krieg ein Vorpreschen Deutschlands verlangen. Die Bundesregierung folgt der oben beschriebenen abwägenden Linie in enger Absprache mit unseren Verbündeten. Und der Bundeskanzler ist ein sehr erfahrener Politiker, der öffentlichen Druck gewohnt ist und sich nicht kirre machen lässt. Dafür ist er gewählt worden. Als Regierungssprecher ist es meine Aufgabe, diese Position deutlich zu machen und zu erklären, auch wenn manche eine andere Politik wollen.

Aber macht das den Regierungssprecher nicht zum Regierungskrisensprecher?

Tja, das gehört zur Stellenbeschreibung. Fragen Sie mal meine Vorgänger, wie oft sie das Gefühl hatten, Zuspruch fürs Handeln ihrer Regierungen zu kriegen. Alles eine Frage der Erwartungshaltung. Nur wer nichts tut, macht auch nichts falsch – und selbst das kann ein Fehler sein. Wenn ich von journalistischer Seite Lob bekäme, würde ich vermutlich einiges falsch machen. Was aber nicht heißt, dass ich meine Arbeit dann am besten mache, wenn es viel Kritik gibt.

Olaf Scholz hat in Bezug auf den russischen Angriffskrieg den Begriff der politischen Zeitenwende verwendet. Gibt es auch eine Zeitenwende der politischen Kommunikation, die damit einhergeht?

Die politische Zeitenwende muss kommunikativ begleitet werden. Allerdings befinden wir uns, wie Sie es anfangs ausgedrückt haben, vom ersten Tag an im Krisenbewältigungsmodus, insofern gibt es dafür kein vorgefertigtes Kommunikationskonzept. Mit meinen Stellvertretern habe ich aber vereinbart, dass wir noch transparenter, erklärender und umfassender kommunizieren wollen.

Von welcher Seite aus gesehen?

Regierungsseitig wollen wir nicht nur senden. Deshalb geht der Bundeskanzler anders als seine Vorgängerin häufiger in Formate wie heute-journal, Bericht aus Berlin, RTL-aktuell oder in Talkshows wie Illner und Anne Will, um sich befragen und hinterfragen zu lassen. Das gilt mindestens so stark für Regierungsmitglieder wie Robert Habeck, Christian Lindner, Annalena Baerbock oder Nancy Faeser – alle erläutern öffentlich, wofür diese Regierung steht.

Gibt es eine Art Handwerkskasten, der Ihnen zur Hand gegeben wurde, um Stresssituation zu meistern?

Schön wär’s, aber da hat wohl jeder und jede eigene Strategien.

Werden bewegte Zeiten grundlegend anders kommuniziert als ruhigere?

(überlegt lange) Da hat jede Sprecherin, jeder Sprecher vermutlich individuelle Herangehensweisen, aber ich versuche zusammen mit den beiden stellvertretenden Regierungssprechern in der Bundespressekonferenz…

Wo Sie nur zu Gast sind.

…dort versuchen wir jede Frage, ob über ruhigere oder bewegendere Themen, mit der angemessenen Klarheit zu beantworten. Das mag nicht immer gelingen, aber wir streben es an. Manchmal geht es auch gar nicht darum, nichts sagen zu wollen, sondern nichts sagen zu können. Ich sage manchmal ketzerisch: Der Bundeskanzler folgt mitunter dem Ricola-Prinzip der Kommunikation.

Sie meinen das Schweizer Kräuterbonbon?

Genau. Deren Slogan lautete: „Wer hat’s erfunden? Die Schweizer.“ Während viele Politiker oft und gerne vollmundig ankündigen, was sie vorhaben, bereitet Scholz erst abseits der Öffentlichkeit seine Entscheidungen gründlich vor und verweist im Anschluss öffentlich auf das, was geschafft worden ist.

Aber wird ihm nicht genau das gerade massiv zum Nachteil ausgelegt?

Das mag vorkommen, aber insgesamt ist er mit diesem Prinzip in den letzten Jahren doch recht erfolgreich gewesen – unlängst hat er eine Bundestagswahl gewonnen. Aber natürlich ist das kein Rezept für jede Lebenslage. Manchmal ist es nötig, konkrete Zielvorgaben zu verkünden, damit die nötige politische Dynamik entsteht. Im vorigen November kündigte Scholz an, bis Ende Dezember 30 Millionen Impfungen durchgeführt haben zu wollen. Daran gab es viel Kritik, weil es angeblich nicht zu schaffen wäre. Noch vor Heiligabend allerdings war das Ziel erfüllt. Ein toller Erfolg. Daraufhin hat der Kanzler die Parole ausgegeben, die nächsten 30 Millionen bis Ende Januar erreichen zu wollen – was bekanntlich nicht ganz hingehauen hat.

Und das Bundespresseamt in Schockstarre versetzt?

Ach nein, dafür sind die meisten der 500 Frauen und Männer hier im Haus zu erfahren und bleiben selbst dann gelassen, wenn der neue Regierungssprecher mal etwas frei von der Leber weg redet. Jetzt aber die Preisfrage: Hätte der Kanzler das Ziel lieber nicht formulieren sollen, weil es die Gefahr gab, dass es nicht erreicht wird? Oder müssen Führungskräfte ab und an Zielmarken setzen – und sei es nur, um sich ihnen anzunähern? Der Bundeskanzler neigt relativ selten dazu, da fällt es umso mehr auf, wenn er es doch mal tut.

Genau deshalb wird ihm vorgeworfen, er eiert rum.

(nickt)

Bleibt im Ungefähren.

(nickt)

Liefert also nicht jene Führung, die er im Wahlkampf versprochen hatte.

Na ja…

Ist das ein Problem von Olaf Scholz oder seinem Kommunikationsteam?

Grundsätzlich ist immer die Kommunikation schuld (lacht). Manchmal habe ich den Eindruck, dass der Anspruch, wie politische Kommunikation angeblich zu funktionieren habe, selten dem Praxistest standhält. Jedenfalls wenn ich mich im Land umblicke oder in den Vorgänger-Regierungen. Jeder und jede hat einen eigenen Stil und bleibt diesem Stil einigermaßen treu. Die wenigsten folgen den vielen klugen Ratschlägen, die sie Tag für Tag in den Zeitungen lesen. Alles andere würden die Bürgerinnen und Bürger auch als unauthentisch empfinden. 

Was bedeutet das für die aktuelle Debatte über den Ukraine-Krieg?

Trotz aller Emotionen muss die Regierung einen kühlen Kopf bewahren und stets das große Ganze im Blick behalten. Alle, wirklich alle wollen diesen Krieg schnellstmöglich beendet sehen.

Aber?

Unsere Möglichkeiten, das aus eigener Kraft zu bewirken, sind begrenzt. Da wären wir wieder beim ersehnten Knopf, den es nicht gibt. Beispiel: Ein sofortiger Energie-Boykott, um Putin in die Knie zu zwingen. Man könne doch einen warmen Pulli anziehen und die Heizung herunterdrehen oder das Auto öfter stehenlassen, wird argumentiert. Dass es dabei um ganze Industriezweige geht mit Abertausenden von Arbeitsplätzen, die von einem solchen Boykott massiv betroffen wären, gilt oft als lästiges Detail. So etwas muss verantwortungsvolles Regierungshandeln aber berücksichtigen. Das ist, wie der Wirtschaftsminister sagt, reine Physik. Ein Chemiepark, der 30 Prozent weniger Gas zur Verfügung hat, produziert nicht 70 Prozent, sondern null.

Ein gern gewähltes Beispiel: die Glasherstellung.

Wenn da der Kessel einmal auskühlt, können Sie ihn wegschmeißen. Und wenn der Spiegel, die Zeit oder auch Ihr journalist innerhalb weniger Wochen nicht mehr erscheinen kann wegen Papiermangels, ist womöglich ganz Schluss, weil Sie nichts mehr verdienen. All dies gilt es zu bedenken und Entscheidungen zu treffen, die durchzuhalten sind.

Und Ihr Job als Regierungssprecher ist es also, sich dabei schützend vor den Kanzler zu stellen und die Kommunikation so zu gestalten, dass von solchen Entscheidungen nichts an seinem Amt hängenbleibt?

Nein, mein Job ist es, in Gesprächen, Interviews und Pressekonferenzen die Politik und die Komplexität zu erläutern. Transparenz herzustellen! Die zweite Hauptaufgabe besteht darin, zwischen öffentlicher und veröffentlichter Meinung innerhalb der Berliner Politblase zu moderieren, in der es häufig ein bisschen aufgeregter zugeht als außerhalb. Ich habe in meinem Politologie-Studium ausgiebig qualitative und quantitative Sozialforschung betrieben. Es kommt schon darauf an, wie ich eine Frage formuliere: Wenn ich frage, ob Deutschland die Ukraine mit schweren Waffen unterstützen sollte, um weitere russische Kriegsverbrechen zu verhindern, werden 90 Prozent zustimmen. Wenn ich frage, ob man für die Lieferung schwerer Waffen einen Dritten Weltkrieg riskieren sollte, sieht das ganz anders aus…

Womit was bewiesen wäre?

Dass es nicht nur um Meinungsbilder geht, sondern auch um Machbarkeiten. Erfahrene Spitzenpolitikerinnen und Spitzenpolitiker bringen ein gutes Gefühl dafür mit, beides zu berücksichtigen. Meine Aufgabe ist es, diese Zusammenhänge darzustellen.

Wir befinden uns allerdings nicht nur im Krieg Russlands gegen die Ukraine, sondern auch im Krieg rechter Populisten gegen Demokratie und Pressefreiheit oder im Krieg der Menschheit gegen den eigenen Planeten – sind Kriege nicht Zeiten der Geheimhaltung, nicht der Transparenz?

Gerade in diesen Tagen sollten wir den Begriff Krieg nicht zu inflationär verwenden. Aber den beschriebenen Spagat müssen wir in der Tat aushalten. Es braucht Geheimhaltung, insbesondere im Bereich von militärischer Sicherheit. Andererseits ist das Informationsbedürfnis verständlicherweise riesig – und es wird gerne unterstellt, dass Fakten aus niederträchtigen Motiven verheimlicht würden, am Ende also, dass die Wahrheit bewusst verheimlicht werden solle.

Wobei Sie nicht dafür da sind, Wahrheiten zu kommunizieren, sondern Regierungshandeln.

Ein demokratisch legitimiertes Handeln auf Grundlage des Grundgesetzes. Aber für jeden Regierungssprecher, jede Regierungssprecherin gilt: Du darfst nicht lügen.

Aber ungeliebte Wahrheiten wie jene, dass der Klimawandel nur aufzuhalten ist, wenn wir unseren Wohlstand zumindest materiell massiv einschränken, müssen Sie verschweigen?

Das ist, glaube ich, auch eine Frage des sprachlichen Geschmacks, der im Blick behalten muss, dass die einen Tacheles hören wollen, während andere irgendwann komplett abblocken, wenn die Aussichten fortwährend als katastrophal dargestellt werden. Der Wirtschaftsminister spricht von „Zumutungen“, der Bundeskanzler formuliert lösungsorientierter, dass er dafür sorgen möchte, dass wir mit der Situation „gut zurechtkommen“.

Christian Lindners Sprachgeschmack wiederum ginge in Richtung „dornige Chancen“. Was ist denn ihrer als Sprecher?

Mein Geschmack spielt da keine große Rolle. Wenn man wie ich seit 2015 für den gleichen Chef tätig ist, nähern sich die Geschmäcker sowieso ein bisschen an. Manchmal ertappe ich mich dabei, privat Dinge zu sagen, die von ihm stammen könnten; ich weiß nicht, ob es ihm umgekehrt auch mal so geht. Wenn ich ständig etwas anderes denken würde als der, für den ich arbeite, sollte ich mir einen anderen Job suchen. Kennen Sie The WestWing?

Eine Politserie der späten Neunzigerjahre, die vor allem im Weißen Haus spielt?

Genau. Meine Lieblingsfigur ist US-Präsident Josiah Bartlet. An einer Stelle überlegt sein Team, wie der Präsident medial zu platzieren sei. Ob er nicht so sein müsse oder dies anders tun solle. Und dabei fällt ein für mich entscheidender Satz der politischen Kommunikation: „Let Bartlet be Bartlet.“ Man kann und soll Menschen in politischer Verantwortung kommunikativ nicht neu erfinden, sondern abbilden – davon bin ich fest überzeugt.

Geht es um Authentizität oder Glaubwürdigkeit, wenn Sie Scholz Scholz sein lassen?

Beides – wenn eins von beiden fehlt, spüren die Bürgerinnen und Bürger das sehr genau. Deshalb wägt er seine Worte und Taten so genau. Wenn man versuchen würde, aus dem Kanzler kommunikativ einen Barack Obama zu machen, ginge das definitiv nach hinten los.

Sind Sie trotz Ihrer Aufgabe, sich schützend und erklärend vor die  Bundesregierung zu stellen, auch jener Bote, der wie einst in der Antike stellvertretend für die Botschaften gegrillt wird?

Wer würde in diesem Szenario jetzt wen bestrafen?

Die Öffentlichkeit den Überbringer schlechter oder unerwünschter Informationen, also Sie.

Diese Frage kommt in meinem Fall vielleicht etwas früh. Außerhalb der engeren Berliner Szene hat bislang doch kaum jemand eine Wahrnehmung von mir. Das war bei meinem Vorgänger vielleicht etwas anders, weil er als ZDF-Moderator schon vor Amtsantritt sehr bekannt war. Wenn Sie jetzt eine Umfrage machen, wer Uwe-Carsten Heye, Béla Anda oder Ulrich Wilhelm waren…

Drei Ihrer Vorgänger.

… wüssten das vermutlich die wenigsten. Regierungssprecher sind nicht gewählte Repräsentanten, sondern das Sprachrohr ihrer Chefinnen und Chefs.

Kriegen Sie im Zeitalter der kommunikativen Verrohung trotzdem Teile der digitalen Shitstorms ab, die der der Regierung gelten?

Ein bisschen was. Ich nehme das, was auf Plattformen wie Twitter so abläuft, aber auch nicht allzu ernst.

Darüber hinaus haben Sie als Chef des Bundespresseamtes auch eine Schutzfunktion für ihre 500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Wie sorgen Sie dort für kommunikative Hygiene?

Ich setze mich für einen offenen Kommunikationsstil im Haus ein. Das Potenzial der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist groß und Probleme gilt es offen anzusprechen. Ich denke auch, dass ich recht zugänglich bin. Und wie gesagt: Die meisten Kolleginnen und Kollegen hier sind lange dabei, krisenerprobt und können einiges ab. Die Kanzlermappe, also den täglichen Pressespiegel über die Regierungspolitik, kann ich an manchen Tagen nur den Hartgesotteneren empfehlen (lacht); da wird uns ja nur im Ausnahmefall mal die eigene Grandiosität bescheinigt. Ansonsten heißt es gerade bei Leuten, die hauptberuflich kommunizieren: kommuniziert auch untereinander.

Und wie ist es, wenn Hatespeech und anderes Geschwurbel nicht anonym im Internet auf Sie und Ihre Leute einprasselt, sondern in Gestalt des Querdenker-Journalisten Boris Reitschuster Auge in Auge bei der Bundespressekonferenz?

Das ist Ihre Einordnung. Grundsätzlich bin ich mir darüber bewusst, dass es manchen weniger um Informationen geht als um ihr journalistisches Erlösmodell.

Gibt es noch andere Journalistinnen und Journalisten mit Erlösmodell statt Informationsbedarf?

Die Regierungs-PK empfinde ich meist als ziemlich sachorientiert. Es mag ein paar Orchideen-Themen geben, die einzelne mehr interessieren als den Rest. Die Frage nach einem generellen Tempolimit fällt regelmäßig, obwohl sich jeder und jede die Antwort im Grunde längst selber geben kann.

Nicht mit den Deutschen!

Natürlich ist es völlig legitim, die jeweiligen Vertreterinnen des Verkehrs- oder Wirtschaftsministeriums mit dieser Frage ein wenig zu zwiebeln, aber am Ende bleibt es doch mehr Unterhaltung- als Informationsbedürfnis. Das gilt es sportlich zu nehmen.

Wie sportlich sollte das publizistische Berlin da vermeintliche Kollegen wie Boris Reitschuster nehmen, dem es ersichtlich um Polemik statt Politik geht. Anders gefragt: Hätten Sie ihn als Vorstandsmitglied der BPK 2015 auch ausgeschlossen?

Als Regierungssprecher habe ich schon gelernt, auf hypothetische Fragen nicht zu antworten. Ich kenne auch die Details des Falles nicht. Die Berufsbezeichnung Journalist ist nicht geschützt in Deutschland, deshalb war die Abgrenzung für die BPK schon früher nicht immer einfach. Zu meiner Zeit lautete die Definition der Bundespressekonferenz, glaube ich, in etwa: Jeder, der in Berlin hauptberuflich für ein deutsches Medium schreibt und davon leben kann, kann Mitglied werden…

Gerade für Freelancer schwierig, in wirtschaftlich komplizierter Zeit…

Eben. Die Printkrise brachte es mit sich, dass gestandene Journalistinnen und Journalisten noch nebenbei einen Brot-und-Butter-Job annehmen mussten, um ihre Miete bezahlen zu können. Die BPK ist eine wirklich spannende und weltweit einmalige Einrichtung, die es seit 1949 gibt. Damals fragten sich die Bonner Korrespondenten, wie sie am besten an Informationen gelangen können. Und was macht der Deutsche, wenn er nicht weiter weiß?

Er gründet einen Verein?

Und in diesem Fall einen, für den die Bonner Hauptstadtjournalisten anfangs noch alle paar Wochen Ministeriumsvertreter eingeladen haben, später bürgerten sich die Regierungspressekonferenzen dreimal die Woche ein. Und der Clou ist, dass die Journalistinnen und Journalisten die Moderation übernehmen und die Fragen aufrufen – damit ist sichergestellt, dass jeder und jede Fragen stellen kann. Auf Regierungsseite erfordert das einen erheblichen Aufwand, weil natürlich alle Ressorts und die Regierungssprecher sich auf mögliche Themen vorbereiten müssen. Das bedeutet an drei Tagen der Woche manchmal mehrere Stunden intensiver Vorbereitung für die jeweiligen Ressorts – ohne dass sie wissen, ob sie am Ende überhaupt was gefragt werden.

Arbeiten im Bundespresseamt eigentlich überwiegend frühere Kollegen wie Sie oder was ist das gängige Berufsprofil?

Nein, es gibt bei uns die verschiedensten Berufsprofile. Da ist schließlich auch reichlich Quellenstudium dabei, klassische Verwaltungsaufgaben, viel Organisation, Medienbetreuung, Reisevorbereitung, all sowas. Dass mit mir, Christiane Hoffmann und Wolfgang Büchner…

Letztere zwei vom Spiegel übrigens.

… drei Journalisten an der Spitze stehen, heißt nicht, dass es im Bundespresseamt nur so von früheren Journalistinnen und Journalisten wimmelt.

Qualifiziert unser Beruf denn grundlegend dazu, für andere zu sprechen?

Es hilft jedenfalls ungemein, wenn man weiß, was die journalistische Seite braucht.

Oder vielleicht besser nicht wissen wollte…

Als Regierungssprecher fühle ich mich aufgrund meiner verschiedenen früheren Tätigkeiten jedenfalls gut gewappnet. Neben dem journalistischen Handwerk sind die Kenntnisse von Verwaltungsabläufen und Regierungsmechanismen sehr hilfreich für mich – wie gesagt, es geht darum, Politik zu erklären.

Ist Ihnen der Weg zurück in den Journalismus als Pressesprecher verschlossen?

Ob ich mir das persönlich vorstellen könnte, weiß ich jetzt gar nicht. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es der Branche schwer zu vermitteln wäre. Als ich den Journalismus vor acht Jahren in Richtung Kommunikation verlassen habe, sagte ich selbstironisch: Ich wechsle von der hellen auf die dunkle Seite der Macht. So ist das Gefühl.

Nur Ihres?

Ganz allgemein in der Branche, denke ich. Anfangs wurde ich öfter gefragt, wie man sein Berufsethos so verraten könne. Ich sehe es anders: Wenn man seine Aufgabe gut macht, leistet man auf beiden Seiten einen wichtigen Beitrag für unser Gemeinwesen. Im Übrigen wäre ich heute, mit den Erfahrungen und Kenntnissen, die ich als Sprecher gesammelt habe, ein besserer Journalist als früher. Jemand wie Steffen Seibert wäre doch, mit etwas Abstand zur Regierungszeit Merkel, ein Gewinn für jede Talkshow, weil er Erfahrungen von beiden Seiten beisteuern könnte. Trotzdem ist das bei uns schwer vorstellbar – insofern: Es gibt wohl keinen Weg zurück.

Und was machen Sie da, wenn die Ampelkoalition irgendwann mal abgewählt wird?

Urlaub.


Sebastian Koch: Your Honor & Euer Ehren

koch

Spielberg ist ein extrem freundlicher Mann

Spätestens seit seinem oscargekrönten Welterfolg Das Leben der Anderen ist Sebastian Koch (Foto: Andreas H. Bitesnich) einer der international profiliertesten deutschen Schauspieler. Warum, zeigt er in der ARD-Serie Euer Ehren (abrufbar in der Mediathek). Sein Richter auf Abwegen ist zwar ein Remake vom Remake, aber brillant verkörpert.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Koch, haben Sie vor den Dreharbeiten zu Euer Ehren die amerikanische Version dieser israelischen Serie mit Bryan Cranston gesehen?

Sebastian Koch: Ich hab‘ mich nicht getraut – aus Angst, dass es mich irgendwie besetzt und beschränkt. Aber jetzt, wo ich unsere Serie am Stück gesehen habe und sehr begeistert bin, kann ich das ja nachholen.

Cranston meint über den Michael Desiato, der wie Ihr Michael Jacobi zur Rettung seines straffälligen Sohns unablässig Recht bricht, wer wie er mit Anfang 60 Richter spielt, könnte sich bereits auf dem Weg ins Alterswerk befinden. Sie sind jetzt Ende 50…

Der Titel „Euer Ehren“ klingt natürlich mehr noch als Your Honor ein bisschen sakral, aber ich empfinde den Versuch, seine demokratischen Werte und Einstellungen aktiv umzusetzen als so dynamisch, dass er überhaupt kein alter Sack ist. Deswegen bewerte ich ihn auch nicht nach Alterskriterien.

Nach welchen dann?

Seinem Anspruch an sich selber. Bislang lief bei ihm alles nach Plan, seine Karriere entsprach unserer Wunschvorstellung vom Richter als Idealist, der für die Gerechtigkeit alles sehr genau bewertet. Trotzdem reicht am Ende eine Lüge, um seine Fähigkeiten in einem Abwärtsstrudel so zu überfordern, dass er seine Werte nach und nach aufgibt und aufhört, ein Richter zu sein.

Haben Sie selber schon mal vor einem Richter gesessen?

Vor einer Richterin. In einem Verkehrsdelikt.

Welches Bild von dieser Institution hat sich Ihnen dabei eingeprägt?

Ein beklemmendes. Das liegt im Umstand eines gewissen Freiheitsentzuges, aber auch an der Berufskleidung, die einem Pfarrer nicht unähnlich ist. Wobei Jacobi die Rechtsprechung wirklich als Rechtsprechung auffasst, in seiner Haltung fast schon links ist und deshalb auch dieses einschüchternde, emotionslose Juristendeutsch vermeidet. Ich selbst bin mit Anwälten befreundet, bei denen der Paragrafenwald auf distanzierte Art bis in die Alltagssprache wächst. Bisweilen sehr befremdlich. Jacobi ist da anders, wird von den Ereignissen am Ende aber genauso vor sich hergetrieben, wie alle anderen.

Wie würden Sie als Vater von zwei Kindern denn reagieren, wenn die Rettung eines der beiden nur auf der schiefen Bahn möglich scheint?

Das ist mir zu hypothetisch, deshalb habe ich den Gedanken auch gar nicht zugelassen für die Rolle. Jacobs Reaktion folgt keinem Plan, sondern ist rein intuitiv. Können Sie mit Sicherheit sagen, dass Sie in eine Kugel springen, die auf ihr Kind abgeschossen wird?

Ich würde es mir jedenfalls sehr wünschen.

Gut gelöst, Herr Freitag. Michael Jacobi ist gesprungen, aus dem Bauch heraus, aber mit allen Konsequenzen. Genau das macht den Stoff so spannend und aussagekräftig, was grad unsere Gesellschaft betrifft, die durch Krisen wie den Rechtsruck so durcheinandergeschüttelt wird, dass sich die Kategorien richtig und falsch zusehends auflösen. Die Serie hebt deshalb nie den Zeigefinger, das gefällt mir sehr. Auch, weil das deutsche Fernsehen Gut und Böse gerne klar voneinander abgrenzt. Wer wo steht, erfährt man oft schon durch die Musik. Deshalb mag ich Geschichten wie diese, die auch mir als Darsteller lieber Fragen stellen als Antworten zu geben und damit wirklich nahekommt, ohne moralisch zu werden.

Wenn man wie Sie öfter abgründige Figuren wie Albert Speer, Rudolf Höß oder Stauffenberg spielt – bergen Fragen ohne Antworten und Nähe ohne Moral da nicht die Gefahr der Verharmlosung?

Gute Frage. Denn gerade beim Speer war ich mit Heinrich Breloer nicht ganz d’accord, wie er diesen Täter zum Mitläufer gemacht hat, der sein Umfeld nur perfekt und mit ausgeklügeltem, hochintelligentem Kalkül belogen hat. Ich bin mir sicher, der hat sich geglaubt, das Richtige zu tun, war also im besten Sinne dieses deutschen Wortes in seiner Realität „ver-rückt“, also einer der Guten. Und gerade da fängt es ja an in unsere Nähe zu kommen. Das Monster können wir wegschieben, indem wir sagen, „das hat nichts mit uns zu tun“, den Menschen aber müssen wir aushalten und uns mit ihm beschäftigen. Sich in diesem Bereich zu bewegen, ist für mich nicht nur als Schauspieler enorm spannend.

Durch Formate wie Speer und Er ist auch der internationale Film auf Sie aufmerksam geworden. Wie war es, vom beengten deutschen auf den globalen Markt zu kommen?

Unabhängig von der Frage, ob das mit der deutschen Enge stimmt, war es auf jedenfalls etwas völlig anderes, international zu drehen – schon wegen der Sprache. Auf Französisch zum Beispiel ist meine Stimme ein bisschen höher, auf Englisch geht sie runter. Ich finde es großartig, in Fremdsprachen zu drehen; das Improvisieren fällt zwar schwerer, es öffnet aber neue Türen auf größere Märkte mit anderen, oft besseren Stoffen.

Wenn Sie zugleich ein deutsches und ein englisches Drehbuch von vergleichbarer Qualität auf den Tisch kriegen – für welches entscheiden Sie sich da?

Kommt auf die Menschen an. Als ich vor Euer Ehren David Nawrath traf, wusste ich sofort, in seiner liebevollen Atmosphäre möchte ich arbeiten. Es ist ein Geschenk, jemanden wie ihn zu finden, der in seinen Filmen nichts behauptet, sondern einfach zeigt, wie es ist. So was findet man auch bei Steven Spielberg, mit ihm Bridge of Spies zu machen, war ein Fest.

Aber auch ohne Fest: Spielberg spricht doch für sich, oder?

Eben nicht. Wenn Atmosphäre und Buch gut sind, ist der Name egal und wenn er es nicht ist, dann eben, weil Steven Spielberg so ein extrem freundlicher Mann ist. Ich urteile da eher nach meinem Bauchgefühl.

Das man sich aber auch erarbeitet haben muss?

Da ist ein bissl was dran, führt allerdings eher dazu, sich auch mal zur Ruhe kommen zu lassen und nicht alles anzunehmen. Es gefällt mir sehr, weniger zu drehen als vor fünf oder zehn Jahren und das, was ich mache, mehr zu genießen.

Kann ein Filmstar dennoch starstruck sein, wenn sich zum Beispiel die Möglichkeit bietet, mit Benedict Cumberbatch zu arbeiten?

Kann sein, hab‘ ich auch einmal gemacht, um mit Julianne Moore zu arbeiten, die ich unbedingt mal kennenlernen wollte. Der Film hieß Belcanto, und ganz ehrlich? Da gibt es Bessere. Aber mit Julianne Moore zu drehen, war toll, die ist echt ‘ne Wucht. Trotzdem, die Geschichte sollte doch im Mittelpunkt stehen und das erste Kriterium sein.

Gibt es jemanden, für den Sie alles stehen und liegen lassen würden?

Natürlich kann mir sowas immer wieder passieren (lacht). Guillermo del Toro zum Beispiel, der so spezielle Sachen wie Nightmare Alley oder Pan’s Labyrinth gemacht hat, Sean Baker mit „The Florida Project“, oder Paul Thomas Anderson, dessen Licorice Pizza Lust auf Filme macht, weil es darin um so wenig und zugleich um alles geht. Da kann die Geschichte auch mal den ein oder anderen Schwachpunkt haben.

Auch für Low- oder No Budget Filme junger, hungriger Regisseure, bei denen es außer Renommee womöglich nichts zu verdienen gäbe?

Es geht mir nicht in erster Linie um Gage, aber wenn ein Film am äußersten Gießkannenrand der deutschen Filmförderung liegt, nur im Feuilleton euphorisch besprochen wird und ihn außer 400 deutschen Akademiemitgliedern niemand sieht, würde ich mir doch überlegen, vielleicht abzusagen. Aus meiner Erfahrung findet aber ein wirklich kraftvolles Drehbuch seinen Weg und die damit verbundene Finanzierung und Aufmerksamkeit. Es gibt halt nicht so viele davon…


Daniela Hoffmann: Julia Roberts & Gaslit

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Hello, I’m your voice, oder wat?!

Wer Julia Hoffmann berlinern hört, ahnt nicht, dass sie seit 30 Jahren die deutsche Stimme von Julia Roberts ist – auch in der Starzplay-Serie Gaslit. Ein DWDL-Gespräch mit Deutschlands bekanntester Synchronspercherin über Labiallaute, Übersetzungssexismus, Julias Kiekser und warum sie unfreiwillig oft Originalfassungen schaut.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Hoffmann, Sie meinten vorm Interview, eigentlich nicht so gern im Mittelpunkt zu
stehen, aber für Gaslit würden Sie mal eine Ausnahme machen. Warum?

Daniela Hoffmann: Weil es eine unglaublich hochwertige Produktion ist, für die Starzplay
Oscars kriegen müsste, wenn das für Serien ginge. Maske, Schnitt, Regie, die Schauspieler
natürlich, allen voran Sean Penn – alles einfach genial gut.

Und Julia Roberts?

Ach, die war ja eigentlich schon immer gut, aber mittlerweile ist sie es auch deshalb, weil sie so normal gereift ist, ohne sich botoxen zu lassen. Ich bewundere das auch, weil Frauen über 50 normalerweise gar keine Rollen mehr kriegen und wenn doch, nur beschissene. Da sich hat Julia Roberts gesagt, sie produziert eben selbst.

So wie Gaslit.

Und vorher Homecoming. Auch wenn das vielleicht blöd klingt: mit ihrem Geld und Einfluss kauft sie sich gewissermaßen die Würde ihrer Charaktere, die zwar immer noch sexy sind; ist halt Julia Roberts. Aber eben auch altersgerecht und anspruchsvoll, ohne nur weibliche Rollenklischees zu bedienen.

Sie selbst sind ungefähr in Julia Roberts Alter. Synchronisiert man sie da einfach reifer oder verändert sich die Arbeit am gealterten Original grundsätzlich?

Ach, ich kenne Julia Roberts mittlerweile so gut, dass die Art, wie ich sie spreche einfach mitgealtert. Bei Pretty Woman musste ich ihre charakteristischen Kiekser und Tonsprünge noch kopieren. Mittlerweise sind die einfach drin in mir, alles automatisch.

Sind Sie am Sprecherinnenpult dann ein bisschen Julia Roberts oder bleiben sie Daniela Hoffmann?

Da ticken alle Synchronsprecher anders, aber ich verschmelze wirklich mit der Figur, die ich spreche, nicht nur im Falle Julia Roberts. Einige von uns machen ihr eigenes Ding und versuchen – was manchmal möglich ist – das Original zu verbessern. Obwohl ich Schauspielerin bin, orientiere ich mich dagegen voll und ganz am Original; das bin ich der Figur, aber auch dem Drehbuch oder Regisseur schuldig. Haben Sie die Serie gesehen?

Nur im Original; Ihre Synchronisation war noch nicht verfügbar.

Da haben Sie ja gehört, wie emotional Julia Roberts Martha Mitchell interpretiert. Diese Verzweiflung ziehe ich mir als Sprecherin so rein, dass ich beim Sprechen schon mal weine und nach Feierabend besser nicht angesprochen werde – so aufgewühlt bin ich noch. Das passiert aber nur bei hochwertigen Formaten wie diesem hier, nicht immer. Bei weniger hochwertigen bleibe ich außerhalb der Figur, das ist auch okay.

Was ist Ihnen in beiden Fällen wichtiger: Lippensynchronität oder Textauthentizität, also Form oder Inhalt?

Das Spiel bleibt am wichtigsten, aber mit der nötigen Hingabe ist es zu 99 Prozent möglich, beides in Einklang zu bringen. Und falls das nicht geht, mach ich die Sache schon lange genug, um Texte so abzuändern, dass sie passen. Manchmal übersehen selbst erfahrene Schreiber ja einen Labial.

Labial?

Konsonanten mit Lippenverschluss.

M, B, P, F, V, W.

Wobei die letzten drei Halblabiale sind. Regisseur, Cutter, Toningenieur oder eben ich finden fast immer Worte, wo die Übersetzung zu viel oder zu wenig Labiale hat; das fällt beim Zusehen auf. „Remember“ hat drei, „erinnern“ null; da muss man eine Alternative finden, die das Gleiche aussagt, aber lippensynchron ist. Gerade bei Julia Roberts sind aber alle so gut eingespielt, dass das kein Problem ist. Problematisch ist eher was anderes mittlerweile.

Nämlich?

Sie ist ein bisschen tiefer geworden, während ich etwas höher geblieben bin. Hier hat das aber auch mit ihrem texanischen Slang zu tun, den man auf Deutsch kaum kopieren kann.

Wobei Frauen hierzulande auffallend oft höher synchronisiert und gelegentlich sogar zu kleinen Mädchen verniedlich werden.

Aber doch nicht meine Julia?

Nein.

Als gebürtige Ostberlinerin, die sehr emanzipiert erzogen wurde und aufgewachsen ist, stört mich das auch manchmal, auch im Privaten. Dieses Mädchenschema. Julia Roberts und ich sind inzwischen so verschmolzen, dass der tiefere Ton automatisch kommt.

Wie klingt sie denn so im persönlichen Gespräch?

Keine Ahnung, ich habe sie nie getroffen. Was aber eher daran liegt, dass sie seit Jahrzehnten nicht so gerne reist, auch Premieren bleibt sie meistens fern. Vor der von Pretty Woman, als sie noch keine Kinder hatte, sollte es ein Treffen geben, aber weil mich Journalisten gebeten hatten, dabei mit ihr wie auf dem berühmten Filmplakat mit Overknee-Stiefeln an der Wand zu lehnen, hab‘ ich dankend abgelehnt.

Und bei anderer Gelegenheit?

Stand mir vielleicht ein bisschen die DDR-Schule im Weg. Da hat man nämlich Russisch statt Englisch gelernt, und meine Zweitsprache war Französisch. Mittlerweile kann ich zwar ganz gut Englisch und verstehe auch fast alles. Aber damals hätte ich mich gar nicht mit ihr unterhalten können. „Hello, I’m your voice“ und sie dann: „Hello, I’m your body“, oder wat?!

Kennt Julia Roberts wenigstens Ihre Stimme?

Ich weiß nicht, ob das stimmt, aber es gibt die Erzählung, dass amerikanische Produzenten meine Art ihrer drei Arten, dreckig zu lachen, beim Casting zu Pretty Woman am besten fanden. Vielleicht hat sie die Probeaufnahmen auch gehört.

Am besten, weil Sie damals noch eher Schauspielerin als Synchronsprecherin waren?

Vielleicht. Aber mittlerweile spreche ich mehr als zu spielen. Was auch daran liegt, dass es für Frauen meines Alters weniger gute Rollen gibt und ich kein Geld habe, mir wie Julia eigene schreiben zu lassen. Beim Sprechen mag ich erste Liga sein, als Darstellerin durfte ich nie so ganz vorne mitspielen. Aber alles hat seine Zeit und diese ging irgendwann einfach zu Ende.

Wurden Sie als Schauspielerin auch mal wegen Ihrer Stimme gebucht, so als Hollywood-Zugabe?

Im Gegenteil, das war eher kontraproduktiv, weshalb ich beim Casting auch extra berlinere. Mir fehlt einfach das Glamouröse ihrer Ausstrahlung, die stünde meinen Rollenprofilen im Weg; ich war da oft eher Typ Putzfrau.

So wie Sie hier gerade sprechen, werden Sie in der Öffentlichkeit vermutlich auch gar
nicht als Julia Roberts erkannt.

Nie. Als Hamburger kennen Sie vermutlich nicht Radio Paradiso, den gefühlt alle Taxifahrer in Berlin hören. Ich mache da die Station-Voice, spreche also Jingles und so. Trotzdem erkennen mich Taxifahrer selbst dann nicht, wenn ich dabei gerade neben ihnen sitze.

Sie klingen da jetzt auch nicht enttäuscht, unerkannt zu bleiben.

Da fehlt mir ehrlich die Eitelkeit. Manchmal werde ich wegen meiner Rollen im „Landarzt“
oder so erkannt, das finde ich irgendwie nett. Aber als Synchronsprecherin stehe ich nun mal
nicht im Mittelpunkt.

Wie hat sich Ihre Arbeit in dieser langen Zeit verändert?

Sie ist unglaublich schneller geworden. Wir leisten in derselben Zeit das vierfache Pensum als 1990 – ohne, dass sich die Gage mitvervierfacht hätte (lacht). Dafür standen wir damals oft zu viert im Studio, jetzt werden alle einzeln aufgenommen; das spart natürlich Wartezeit. Früher lag das Tagespensum dagegen bei 80 Takes, heute sind es 250, können aber auch 400 sein.

Ist es organischer, also schauspielerischer, wenn alle gemeinsam im Studio sind?

Für manche mag das so sein, für mich nicht. Auch wegen der Erfahrung, zu wissen, wie Kollegen ihre Takes sprechen, ohne dass ich sie dabei sehe. Was allerdings komplizierter ist als damals: wir kriegen die Filme aus Gründen der Geheimhaltung selten im Ganzen, sondern nur noch stückweise zu sehen. Alles sehr verschwiegen.

Wie sehen Sie selbst eigentlich fern – synchronisiert oder original?

Ich beginne oft im Original, um mein Englisch aufzufrischen, ende aber gern in der Synchronfassung. Wenn meine Kinder hier sind, läuft aber fast nur original, weil beide perfekt Englisch sprechen. Mein Großer kann sogar noch Koreanisch, der ist mit einer Koreanerin verheiratet; da bin ich natürlich der Doofdepp aus dem Osten, die darum kämpfen muss, wenigstens Untertitel anzuschalten. Selbst, wenn wir was mit Julia Roberts schauen, läuft das Original.

Nee!

Doch (lacht). Dann sag ich manchmal, Mensch, ihr lebt von der Synchro, verdammte Hacke. Aber machen wir uns nichts vor: es gibt auch unter Jüngeren viele, die nicht genug Englisch sprechen oder zu wenig Lust auf Mitlesen haben. Wir werden noch gebraucht!

Und wie lange werden Sie noch für Julia Roberts gebraucht?

Bis sie aufhört und der Verleih mich bezahlt. Verglichen mit Julia Roberts verdiene ich zwar fast nichts, bin aber durch meine Erfahrung schon etwas teurer. 2000 Mark vor Steuern wie für „Pretty Woman“ sind es jedenfalls nicht mehr. Wenn da jemand entscheidet, sie wollen wen Günstigeres, bin ich weg und irgendwann vergessen. Es ist, wie’s ist.