Das Wichtigste im Leben: Vogel & Lamprecht

Normaler Wahnsinn des Lebens

Jürgen Vogel ist ein alter Hase in der obersten ersten Besetzungsriege von Film und Fernsehen, Bettina Lamprecht dagegen noch relativ neu dort, gemeinsam spielen sie nun die Eltern dreier Kinder in der fabelhaft leichtfüßigen und dennoch höchst präzisen Familienserie Das Wichtigste im Leben, mittwochs auf Vox.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Lamprecht, Herr Vogel – wenn man hinter Ihrer Familienserie Das Wichtigste im Leben ein Satzzeichen setzen würde, wäre es ein Frage- oder Ausrufezeichen?

Jürgen Vogel: Gute Frage, keine Ahnung. Aber wir beide hatten mit der Auswahl des Titels ja auch nichts zu tun. Und wenn es anders gewesen wäre, hätten wir ganz sicher einen anderen gewählt.

Lamprecht: Und weil der Titel außerdem ja kein Satzzeichen hat, würde ich mal denken, dass eher beide gelten.

Gibt die Serie denn Antworten darauf, was das Wichtigste im Leben sein könnte, oder stellt sie nur Fragen?

Lamprecht: Ich hoffe jedenfalls schwer, dass nicht ersteres der Fall ist. Ich finde Fragen grundsätzlich interessanter als Antworten.

Vogel: Wobei gar nicht so wichtig ist, welche Fragen es stellt oder wie klug die genau sind, sondern ob sie dem Zuschauer Anregungen zum Nachdenken liefern. Und weil jede Figur unserer Serie auf der Suche nach dem jeweils besten Weg durchs Leben in einem berührenden, authentischen Tonfall erzählt wird, könnte das aus meiner Sicht auch klappen.

Lamprecht: Es geht darum, welche Rolle jeder in der Familie und darüber hinaus spielt. Wie viel Raum muss man sich selber nehmen, wie viel Raum den anderen geben? Darum geht es doch schließlich in jedem sozialen Zusammenhang.

Der sich im Fall der Familie Fankhauser mit schwer pubertierender Tochter, kleinerem Bruder und einem Adoptivkind mit abruptem Interessenswandel von Basketball zu einer völlig anderen Beschäftigung als dauerhaftes Ringen, fast schon Kämpfen um Nähe und Abgrenzung zeigt.

Lamprecht: Stimmt, Nähe und Abgrenzung bilden den Kern der Serie, aber nicht nur der Kindern, sondern auch meiner Rolle als Frau und Mutter, die nach Aufgaben außerhalb der Familie sucht, ohne sich von ihr abzugrenzen.

Vogel: Und diese Suche ist in der Tat oft ein Kampf.

Der Genrebegriff Feel Good, mit dem hierzulande Familienserien oft etikettiert werden, passt demnach nicht so richtig auf Das Wichtigste im Leben oder?

Lamprecht: Absolut, aber die offizielle Überschrift „Familiendramaserie“ trifft es irgendwie auch nicht; dafür steht das Drama nicht genug im Vordergrund.

Vogel: Für Etiketten sind aus meiner Sicht eher Kritiker wie Sie zuständig; wir sind dafür zu sehr involviert. Richtig ist aber, dass solche Serien vor zwanzig Jahren noch anders konzipiert waren. Da wurde Familie tendenziell viel eher als heile Welt erzählt. Heutzutage ist Realismus wichtiger, also die Normalität des Lebens nicht weich zu zeichnen. Das schafft definitiv mehr Identifikationsmöglichkeiten.

Lamprecht: Und genau deshalb schlagen die Amplituden wie im wahren Leben bei uns in beide Richtungen aus, also Tragödie und Komödie – weil der alltägliche Wahnsinn des Familienlebens auch in der Realität oft eine Prise Humor enthält.

Vogel: Es geht eben darum, Normalität unterhaltsam zu machen, ohne sie zu überzeichnen.

Im Laufe der Serie tauchen also nicht noch dunkle Geheimnisse und menschliche Abgründe auf?

Vogel: Nein, wir wollen den normalen Wahnsinn des Lebens so erzählen, dass er auch ohne Knalleffekte spannend ist.

Lamprecht: Am Ende der ersten Staffel löst sich schon ein geheimnisvoller Bogen auf, aber eben kein allzu ausgefallener. Es gibt also weder eine Drogenküche im Keller noch Ufos auf dem Dach. Gibt’s bei uns zuhause ja auch nicht.

Schöpfen Sie für Ihre Rollen daher auch aus eigener Familienerfahrung?

Vogel: Ich schöpfe auf der Suche nach der bestmöglichen Lösung bei jeder Rolle aus meinem eigenen Leben oder wie ich die Dinge als Schauspieler und Mensch sehe – selbst, wenn es um einen Mörder geht.

Lamprecht: Anders könnte ich gar nicht spielen. Aber bei diesen Drehbüchern war es auch leicht, an eigene Erfahrungen anzuknüpfen.

Haben Sie sich als Eltern beide denn manchmal auch wiederentdeckt in Kurt und Sandra Fankhauser, ihren Denkweisen, Alltagshandlungen, womöglich auch Verschrobenheiten?

Vogel: Ich finde Kurt besonders in seiner Verschrobenheit toll, will mich aber nicht in dieser Figur spiegeln.

Lamprecht: Ich konnte in fast jeder Szene irgendwelche privaten Gefühle oder Erlebnisse heranziehen, und hätte da entsprechend oft genauso oder genau anders reagiert als Sandra. Zum Glück geht es hier aber nicht um mein Leben.

Vogel: Über mein eigenes will ich öffentlich aber ohnehin auch gar nicht so viel preisgeben, ganz ehrlich.

Die Frage war Ihnen also zu boulevardesk?

Vogel: (lacht) mir persönlich ja.

Ist trotzdem die erlaubt, was für Sie beide das Wichtigste im Leben ist?

Vogel: Fragen darf man alles, aber schon, weil diese hier jetzt fast unvermeidbar ist, war ich so strikt gegen den Titel. Meine Antwort lautet daher: gute Verdauung.

Lamprecht: Für mich ist es ein Zusammenspiel aus mehreren Dingen, und das sage ich nicht, um mich vor der Antwort zu drücken, sondern weil es die eine eben nicht gibt. Unter den vielen Faktoren, die mein Leben besser machen, ist daher natürlich auch Familie enthalten. Aber auch mein Beruf, Humor, Offenheit, Selbstreflexion – all so was ist mir wichtig.

Hatten Sie denn einen Alternativ-Titel im Kopf?

Lamprecht: Es gab sogar einen, aber der wurde verändert.

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Axel Stein: Pudelmütze & Rainman

Ich habe noch viel auf der Agenda

Nach seinem Durchbruch mit Hausmeister Krause, drohte Axel Stein die ewige Pudelmütze mit Babyspeck. 20 Jahre später und 45 Kilo leichter überzeugt er in Filmen wie Die Goldfische oder Mein Freund das Ekel als seriöser Darsteller. Ein Gespräch über Kindheitsidole, Selbstbefreiung, Dürrephasen und warum er möchte, dass man sich an seinen Horrorfilm erinnert.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Stein, mit Hausmeister Krause hat Ihre Karriere 1999 eher ulkig begonnen und ging auch danach meist komödiantisch weiter. Wann haben Sie erstmals gemerkt, dass die Branche Ihnen auch ernstere, um nicht zu sagen: seriösere Rollen zutraut?

Axel Stein: Das war ein schleichender Prozess. Wer elf Jahre eine Sitcom mit Pudelmütze auf dem Kopf dreht, wird natürlich schon mal in Schubladen gesteckt. Aber ich habe auch zu Beginn meiner Karriere ganz andere Sachen gedreht, um die nur weniger Hype gemacht wurde.

Aber wenn man wahllos auf der Straße fragt, für welche Art Filme Axel Stein so steht, verweisen sicher 100 Prozent all jener, die Sie kennen, auf die Sachen mit dem Hype…

Mag sein. Aber auch, wenn die Branche das wohl differenzierter sieht, ist es absolut okay so. Ich liebe Komödien, weil ich es liebe, zu unterhalten. Der Großteil meiner Filme darf daher auch weiterhin lustig bleiben. Aber wenn man weiterhin in der Pudelmützenschublade steckt, obwohl die Bandbreite längst erweitert ist, wird halt deutlich, dass man‘s nie allen recht machen kann. Muss man ja auch nicht; ich habe mit dem, was ich tue, meine Mitte gefunden und lasse mich da von außen nicht beeinflussen.

Nein?

Nein.

Aber?

Es ist eben so, dass Komödien oft besonders erfolgreich sind, weil sich die Leute damit besser von der Realität ablenken als mit einem Drama. Das lässt sich gerade im Kino einfach schwerer vermarkten als was Lustiges.

Das heißt, Sie waren auch in Ihrer Pudelmützen-Phase stets mit ernsten Stoffen präsent, aber nur nicht so sichtbar damit?

Ja, natürlich. Auch wenn das erst mit zunehmenden Alter mehr wurde.

Mir persönlich ist der ernste Axel Stein als ernster Axel Stein erstmals bei Pastewka aufgefallen, als er das Gegenteil der ulkigen Titelfigur war.

Mit Christina do Rego, ich erinnere mich. Das ist auch schon 13 Jahre her und war seinerzeit genauso gewollt, um mich als Gegenteil meines eigenen Klischees zu zeigen. Hat gut funktioniert, finde ich.

So gut, dass Sie jetzt zwar immer noch Komödien spielen, aber mit komplizierterem Rollenprofil wie Ihr Autist „Rainman“ im Kinofilm Die Goldfische.

Genau, eine enorme Herausforderung – schon weil die Vorbereitung so umfangreich war. Wir haben uns monatelang mit Autismus in all seinen Ausprägungen beschäftigt, um uns über die Figur nie lustig zu machen und Betroffenen auf die Füße zu treten, sondern ernst zu nehmen. Das ist ein sehr schmaler Grat.

Bereiten Sie sich auf all Ihre Rollen so vor, um diesen Grat nicht zu verlassen?

Ich bereite mich in der Tat immer gut vor. Aber um den Rainman so hinzukriegen, wie ich mir das vorstelle, war schon noch etwas mehr als üblich vonnöten.

Ist diese Vorstellungskraft der wichtigste Maßstab Ihrer eigenen Qualitätsansprüche?

Weil ich es am Ende selber umsetzen muss, schon. Andererseits kommt es immer auf den Regisseur oder die Regisseurin an, wie viel Freiraum sie mir als Schauspieler gewähren. Bei Alireza Golofshan war er relativ groß; zumal viel von dem, was letztlich zu sehen ist, improvisiert war.

Das kommt dem Komödianten in Ihnen vermutlich besonders zupass; nichts ist unkomischer als abgelesene Witze!

Weil Improvisation weniger mit Humor als mit Timing zu tun hat, bin ich mir da gar nicht so sicher und halte mich auch generell gern ans Drehbuch, sofern das erforderlich ist. Unabhängig vom Genre kommt es darüber hinaus halt aufs Projekt an. Beim einen ist Improvisation verschwendete Zeit, beim anderen der Wesenskern. Die Kunst des Schauspielens besteht darin, zu wissen, wann was angebracht ist. Und manche Kollegen mögen Improvisation überhaupt nicht, andere blühen dabei förmlich auf.

Zum Beispiel?

Moritz Bleibtreu. Mit dem läuft so was super! Oder Dieter Hallervorden, eines meiner absoluten Kindheitsidole.

Neben dem Sie in der ZDF-Komödie Mein Freund, das Ekel allerdings mal wieder nur sich selbst als lustigen Sidekick spielen…

Was heißt nur? Ich spiele da mit einem der besten Schauspieler. Nach einem Buch, das ich sehr gut finde. Unter einem Regisseur, mit dem ich schon etliche Filme gedreht habe.

Wobei Dieter Hallervorden im hohen Alter eine ähnliche Entwicklung von der Ulknudel zum Charakterdarsteller gemacht hat und nun dafür kämpft, dass auch sein Frühwerk Anerkennung findet.

Zu Recht!

Stecken in Ihren Frühwerken bei tieferer Betrachtung auch anspruchsvollere Metaebenen oder waren die einfach leichte, fröhliche Unterhaltung?

Größtenteils waren die einfach leichte, fröhliche Unterhaltung. Ob ich dafür im Alter größere Anerkennung suche, ist dann vermutlich eine Charakterfrage. Aber es wäre schon auch schön, wenn man sich dann zum Beispiel an mein Regiedebüt „Tape_13“ erinnert, einen Horrorfilm, den zwar nur wenige gesehen haben, dem aber die Ehre zuteil wurde, auf der Berlinale zu laufen. Ansonsten lernt man mit jedem Projekt dazu und erweitert den Horizont. Das ist ja das Schöne an diesem Beruf.

Welches Projekt könnte da denn noch fehlen?

Ach, so einige. Ich bin diesbezüglich noch ziemlich hungrig, wage mich grundsätzlich in jedes Casting und drehe deshalb ab nächster Woche in Madrid meinen ersten internationalen Kinofilm, so eine Art spanisches Ocean‘s Eleven, mit mir als deutschen Hacker.

Sie sprechen Spanisch?

Nee, wir drehen Englisch. Und auch das wird mit Sicherheit eine Erfahrung, aus der ich lange schöpfen kann. Schließich hab ich noch unheimlich viel auf der Agenda und neige dazu, mehrere Sachen gleichzeitig anzupacken.

Neigen Sie angesichts der unsicheren Lage als Schauspieler denn auch dazu, lieber mal ein Projekt mehr anzunehmen als nötig, um für Dürrephasen vorzusorgen?

Kommt drauf an. Wir alle haben schon Filme gemacht, die man im Rückblick betrachtet besser mal gelassen hätte. Das hat allerdings oft eher damit zu tun, als Schauspieler den Einfluss aufs Projekt mit der Vertragsunterschrift abzugeben. Man weiß zwar nie genau, was am Ende rauskommt, aber auch da bleibe ich gelassen.

Sie werden also nicht nervös, wenn mal ein halbes Jahr nichts zu tun ist?

Ja. Obwohl selbst dann nicht untätig herumsitzen und auf Anrufe warten würde. Im Zweifel würde ich mir selber etwas entwickeln. Zurzeit versuche wir grad eine Serie an den Mann zu bringen, über die ich allerdings noch nichts sagen darf. Mir wird gewiss nicht langweilig.


Constantin Lieb: Arte, Eden & Dominik Graf

Fiktion ist subtiler

Obwohl der Nachwuchsautor Constantin Lieb (Foto: Antony Sojka) vor sechs Jahren noch weithin unerfahren war, hat ihn Arte für sein sechsteiliges Flüchtlingsdrama Eden verpflichtet, das derzeit mittwochs in der ARD läuft. Im Interview spricht der 32-Jährige über das europäische Großprojekt, amerikanisierten Kitsch in Serie und warum er gern mit Platzhirschen wie Dominik Graf arbeitet.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Lieb, während zeitgeschichtliche Ereignisse oft Jahrzehnte brauchen, bis daraus fiktionale Fernsehunterhaltung wird, hat es die sogenannten Flüchtlingskrise sofort zu Dutzenden von Spielfilmen und Seriengeführt. Woher rührt dieses Tempo?

Constantin Lieb: Es gab sogar vor Eden großartige Verfilmungen wie Maggie Perens Die Farbe des Ozeans. Unabhängig davon vollzieht mediale Berichterstattung sich aber generell in Wellen, die je nach Intensität auch das Thema Migration immer mal wieder an die Oberfläche spült – im Autorenkino der Siebziger etwa zum Thema Gastarbeiter.

Allerdings mit großer Verzögerung. Die Anwerbung von Gastarbeitern war schon 1973 beendet. Wie erklären Sie sich die Echtzeit, in der Migration derzeit verarbeitet wird?

Mit dem Hochdruck, unter dem dieses Thema unumgänglich ins kollektive Bewusstsein geraten ist. Es wurde in gewisser Hinsicht unmöglich, einfach wegzuschauen. Wir thematisieren ja etwas, das nicht Teil der Geschichte ist, sondern Tag für Tag für jeden relevant und damit die Politik zum Handeln zwingt. Sich damit nicht nur dokumentarisch auseinanderzusetzen, sondern fiktional, sehe ich als Chance. Fiktion ist emotionaler. Und subtiler. Für viele Menschen sind das unglaubliche Leid und die Strapazen auf der Flucht weiterhin abstrakt. Insofern ist die Fiktion auch eine Möglichkeit der Sensibilisierung.

Erwarten die Zuschauer womöglich sogar vom Fernsehen, ein derart schwelendes Thema umgehend auch fiktional aufzugreifen, um dafür sensibilisiert zu werden?

Erwartungen sind schwer einzuschätzen und noch schwerer zu erfüllen. In einem Land mit so starkem öffentlich-rechtlichen Rundfunk dürfen, ja sollten wir allerdings eine gewisse Erwartungshaltung an die Sender und ihre Verantwortung stellen – auch im Kontrast zu Privatsendern und Streamingportalen, also jenseits marktökonomischer Mechanismen. Dieser Auftrag ist auch eine Chance zur Profilbildung gegenüber dieser vermeintlichen Konkurrenz.

Gab es demnach Direktiven von Arte, das Thema in einer publikumswirksamen Tonalität und Stoßrichtung umzusetzen?

Was ich in der gesamten Entwicklungsphase nach meinem Einstieg in das Projekt erlebt habe, ist eine unglaubliche Offenheit hinsichtlich des dramaturgischen Zugangs und der politischen Haltung. Da haben wirklich alle an einem Strang gezogen, das Thema so realistisch und wertfrei wie möglich und konsequent multiperspektivisch zu erzählen. Es gab zu keiner Zeit Einwände, irgendwas könnte zu drastisch oder verharmlosend dargestellt werden.

Dennoch bedient Arte gewisse Zielgruppen stärker als RTL2. Sollten Sie der kultivierten Filterblase da nicht unterschwellig auch die Schattenseiten der Migration zeigen?

Es war stets unser Anliegen, nicht nur eine Seite dieses brisanten Themas zu zeigen. Dabei haben wir auch immer wieder darüber gesprochen, wie jene zu erreichen sind, die Ressentiments gegen Flüchtlinge hegen. Ich glaube nicht, dass Fernsehen Menschen in die eine oder andere Richtung nachhaltig beeinflussen, also politische Einstellungen verändern kann, aber es gibt Denkanstöße und regt zum Dialog an, ohne zu belehren. Aggressivität basiert ja in der Regel auf Angst, Unkenntnis, Distanz und Fremdheit; all dies kann Fiktion eindämmen. Allerdings nur, wenn man ein Thema wie dieses nicht ausnutzt, um rein unterhaltend zu sein.

Also eine Liebesgeschichte ins Zentrum stellen?

Das wollten wir keinesfalls! Es ging bei aller Komplexität um Augenhöhe aller Protagonisten. Worum es nicht ging: irgendeine Art Wahrheit zu präsentieren oder die Fiktion durch Schauwert, Cliffhanger, emotionalen Kitsch zu amerikanisieren. Ich finde es erschreckend wie sehr deutsche Serienmacher teilweise versuchen, einen bestimmten internationalen Style zu kopieren, der die eigene Identität ignoriert. In unserem Zentrum stehen die Motivationen und Konflikte unserer Protagonisten, ohne Hierarchie und Zuordnung von „richtig“ oder „falsch“.

Wie wird man bei so einem Thema sechsmal 45 Minuten nie pädagogisch?

Indem wir keine der Figuren bloß als gut oder böse darstellen. Eine Unternehmerin zum Beispiel, die ein Konzept erarbeitet hat, wie man Camps privat führt, ließe sich leicht als neoliberale Antagonistin selbstloser Helfer aufbauen. So einfach ist es aber nicht. Sie will in diesem Multimillionen-Markt zwar Geld verdienen, aber mit einem Weitblick, der auch das Wohl der Betroffenen im Auge behält, also nicht nur auf Wachstum gerichtet ist, sondern auch auf das Potential jener Menschen, die ihre Heimat verlassen müssen.

Aber entstammt solch eine Figur nicht dramaturgischem Wunschdenken?

Nein, die gesamte Fiktion basiert auf akribischer Recherche. Wir hatten umfassenden Zugang zu Nichtregierungsorganisationen, der EU und verschiedenen Flüchtlingscamps, haben NGO-Mitarbeiter getroffen, Politiker, Rechtsexperten, Flüchtlinge und Menschen, die sich mit Schmugglern auskennen. Es war dem gesamten Team ungeheuer wichtig, keine Märchen zu erzählen, sondern der Wirklichkeit so nah wie möglich zu kommen.

Haben Sie in der kurzen Zeit, in der Sie als Autor tätig sind, je so umfassend geforscht?

Nie. Es war von Beginn an klar, dass man sich bei solch einem Projekt verpflichtet, ununterbrochen daran zu arbeiten und keine anderen Stoffe parallel entwickelt, wie es oft der Fall ist. Anfangs war ich daher kurz davor, abzusagen; der Respekt, fast die Angst vor der Komplexität war enorm. Gerade deshalb habe ich es aber doch gemacht; schon, um an dieser universellen, oft tagesaktuellen Herausforderung im permanenten Austausch mit allen zu wachsen.

Permanenter Austausch mit allen kann allerdings auch bedeuten, dass einem ständig andere in die Arbeit hineinreden!

Grundsätzlich ja, ich habe es allerdings zu keinem Zeitpunkt so empfunden. Mit etwas Erfahrung findet man heraus, wer bloß aus subjektiver Haltung statt inhaltlicher Beschäftigung Einfluss nimmt. Dies war aber bei keinem im Team der Fall. Eden war für alle Beteiligten ein Ausnahmeprojekt und für mich die Chance, mich zu beweisen und zu lernen.

Begonnen hat das Projekt allerdings mit anderen Autoren…

…richtig. Die Grundidee etwas über die politische Situation in Europa zu machen stammt von Felix Randau und Jano Ben Chaabane. Edward Berger hat dann als erster Regisseur mit Nele Mueller-Stöfen, Marianne Wendt und Laurent Mercier den Stoff entwickelt. Er ist allerdings ausgestiegen, um Patrick Melrose zu drehen. Damit hat sich auch die Autorensituation neu formiert.

Bis dahin war nur eins ihrer mittlerweile drei langen Bücher realisiert worden – Detlev Bucks Asphaltgorillas. Wie bitte kam ein Jungautor wie Sie zu diesem Riesenprojekt?

(lacht) Als Dominik Moll das Projekt als Regisseur übernahm und damit auch der ästhetische, narrative Zugang wechselte, sollte ich zunächst zwei Bücher schreiben. Der Produzent Felix von Boehm, mit dem ich schon lange eine große Vertrauensbasis habe, hat mich schließlich mit seiner Begeisterung fürs Projekt angesteckt und ich konnte mich mehr und mehr einbringen. Die Rolle des Headautors hat sich dann sukzessive herauskristallisiert, da Dominik und ich eine sehr gute Arbeitsbeziehung entwickelt haben. Außerdem bin ich ein Freund des multigenerationellen Arbeitens, das auch bei Detlev Buck und Dominik Graf gut funktioniert hat.

Spüren Sie dennoch ein hierarchisches Gefälle zu den Platzhirschen?

Überhaupt nicht, ehrlich. Das beste Argument gegen Hierarchien ist Qualität, Offenheit und Reflexionsvermögen. Auch Selbstironie sollte man nicht unterschätzen – egal mit wem und für was ich arbeite.

Sehen Sie Ihre Zukunft eher im neuen Kino Serie oder im alten Kino Kino?

Definitiv sowohl als auch. Ich kann und will Serie nicht ohne Kino denken. Es ist fatal, wenn man durch den sich weiter aufblähenden Hype das Kino als Medium vergisst. Als sozialer Ort des Erzählens ist es einmalig und wird es immer bleiben, egal wie groß die Retina-Displays dieser Welt auch sein werden.

Der Text ist vorab bei DWDL erschienen

Claus Kleber: heute-journal & Entertainment

Wer langweilt, informiert nicht

Claus Kleber (Foto: Bernd Arnold/journalist) ist Nachrichtenmoderator und Schwiegermuttertraum, Korrespondent und Anchor, gutes und schlechtes Gewissen der deutsche Medienlandschaft schlechthin. Ein Gespräch mit dem 63-jährigen Gesicht des heute-journal über Eye-Candy am Bildschirm, die Tücken der Haltung und warum er sich andauernd nach Feldarbeit sehnt.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Claus Kleber, wenn das Thema auf Ihre Person fällt, ist schnell auch von der Augenfarbe die Rede. Stört es Sie, so auf Äußerlichkeiten reduziert zu werden?

Claus Kleber: wie kommen Sie darauf – hat Ihre Erkenntnis empirische Grundlagen?

Abgesehen von meiner eigenen Mutter, die ständig von Ihren Augen schwärmt, sind es allein 88.000 Google-Treffer, die „Blaue Augen“ plus „Claus Kleber“ ergeben.

Das ist wirklich interessant, weil ich persönlich eigentlich nie darauf angesprochen werde und ehrlich auch meinen Namen nie in Kombination mit anderen Begriffen google.

Sie fühlen sich also nie auf Äußerlichkeiten reduziert?

Nein. Ich erinnere mich allerdings daran, dass mir ein Pharma-Konzern ganz am Anfang meiner Zeit beim heute-journal ein irrsinniges Honorar dafür geboten hat, meine Augen für irgendwelche Tropfen fotografieren zu lassen. Völlig absurd!

Und?

Hab‘ ich nie drauf reagiert. Ansonsten kommt zwar ab und zu mal jemand an und bezeichnet sich mit Verweis auf irgendetwas Optisches an mir als mein größter Fan. Das war’s. Was ich hingegen öfter höre, ist „der Typ mit dem schiefen Gesicht“, was ja nicht nur schmeichelhaft ist. Soll ich mich über die Frage mit den Augen eigentlich freuen, ärgern oder worauf zielt sie ab?

Darauf, wie viel Emotionalität, Entertainment, Eye-Candy seriöse Nachrichten und Magazine im öffentlich-rechtlichen Programm vertragen?

Verglichen damit, wie wichtig Themen, Auswahl, Präsentation und Zuschnitt der Informationen sind, nicht viel. Wenn die Form wichtiger als der Inhalt, ist das alles irrelevant. Ich bin nie auf die Idee gekommen, dass der Erfolg von Nachrichten mit dem Look zusammenhängt. Ich erinnere mich gut an einige der ganz großen Reporter-Gestalten wie Walter Cronkite, die okay aussahen, aber doch nicht wie Models. Gilt genauso für Friedrich Nowottny, Ernst Dieter Lueg oder Peter Scholl-Latour die gewiss keine Dressmen waren, sondern ihren Appeal aus der Sache zogen. Gehen Sie deutschsprachige Moderatoren doch mal durch.

Nehmen wir Peter Kloeppel.

Zum Beispiel. Wirklich jeder und jede strahlt da Seriosität aus. Dennoch käme ich nie auf die Idee, sie nach Poster-Kriterien zu bewerten. Wichtiger als Verpackung ist das Geschick, dem Publikum die Bedeutung des Inhalts zu vermitteln.

Was sind diesbezüglich Kriterien, dass Nachrichten für glaubwürdig, gar wahrhaftig gehalten werden?

Werden sie das? Ich habe den Eindruck, dass das immer schwieriger wird. Was den Auftritt von Moderatoren angeht, deckt die Kamera Fakes erbarmungslos auf. Wir sind keine Schauspieler. Wenn wir Banalitäten mit künstlicher Empathie oder Begeisterung vermitteln, spürt das Publikum sehr schnell, dass da ein Missverhältnis besteht. Deshalb provoziere ich in unserer Konferenz, die wie vorhin ganz schön kontrovers ablaufen kann, gerne mal den Widerspruch der Redaktion.

Das Kontroverse war allerdings am Rande des Streits.

Weil in einer engagierten Debatte am besten rauskommt, wo der interessante Kern einer Geschichte liegt. Wenn es keinen gibt, schmeißen wir sie raus. Ich hoffe, es hat nichts mit Nabelschau zu tun: Nach meiner Erfahrung ist es ganz gut, danach zu fragen, was wir als Redakteure eigentlich selbst am Abend sehen wollten, wenn wir heute frei hätten. Was mich nicht interessiert, kann ich auch nicht als interessant verkaufen.

Heißt das, Sie haben eine Art Vetorecht?

Das ist nirgendwo geregelt. Es gibt aber so was wie ein unausgesprochenes Vorrecht des Moderators notfalls „nein“ zu sagen. Ich habe noch keinen Beitrag moderiert, den ich nicht senden wollte. Wesentlich schwieriger ist es, etwas unbedingt in der Sendung haben zu wollen. Dafür muss man  ja auch jemanden finden, der oder die den Beitrag macht. Aber auch wenn unsere Konferenzen diskursiv bis streitbar sind – am Ende finden wir immer einen Konsens.

Heißt das sogar, dass redaktioneller Streit zur besseren Sendung führt?

Ja! Wenn alle nur dasitzen und nicken, würde der Job erstens keinen Spaß machen, weil zweitens Langeweile entsteht. Wir fetzen uns gerne und oft. Aber sachlich.

Ist das das Wesen von Journalismus mit Haltung?

Ich habe Schwierigkeiten mit dem Begriff, weil Haltung oft als Feigenblatt für Denkfaulheit dient, das Mittreiben im Mainstream: Trump ist blöd, die Rüstungsindustrie kriminell, Autoindustrie neuerdings auch, die Politik verlogen – wer in diesem bequemen Korridor deftige Formulierungen findet, darf sich einbilden, eine Haltung zu haben, ohne sich mit der Sache wirklich zu befassen.

Zum Beispiel?

Besteht der Diesel-Skandal wirklich nur aus einer Branche, die betrogen hat, und dem CSU-Minister, der das deckt? Nein! Die Geschichte geht tiefer. Um dahin vorzudringen, muss man allerdings tief graben, was sich manche Journalisten durch Haltung ersparen. Wenn ich auf VW oder Herrn Scheuer herumhacke, darf ich mir breiter Zustimmung gewiss sein. Nur, wer  mit tiefergehender Recherche auch mal gegen den Strom schwimmt, riskiert Widerspruch.

Aber war es nicht Ausdruck einer solchen Mainstream-Haltung, im August 2016 Zweifler an der Willkommenskultur mit Nationalisten gleichzusetzen, wofür Sie der Spiegel damals heftig kritisiert hat?

In der Tat. Damit hat der Kollege Fleischhauer einen Punkt gemacht. Der Vergleich war von meiner Seite so zwar nicht gemeint, aber missverständlich formuliert. Die Kritik des Spiegelwar berechtigt. „Touchè“, wie der Fechter sagt. Ich glaube, das habe ich ihm damals auch geschrieben.

Teilen Sie denn die Meinung vieler Beobachter, klassische Medien hätten im Kampf mit den digitalen nur dann eine Überlebenschance, wenn Sie meinungsstark sind?

Nochmal: ich sehe das nur, wenn die meinungsstarke Haltung Ergebnis offener Recherche ist. Natürlich gibt es Themen, die dieser Prüfung nicht mehr bedürfen. Menschenrechte zum Beispiel, damit treibt man keine Scherze. Darüber hinaus aber macht es mir viel Spaß, Gegenpositionen einzunehmen – da kommt vielleicht meine juristische Ausbildung durch. Das macht die Sendung lebendig, damit sehenswert, also konkurrenzfähig.

Was heißt lebendig in diesem Fall?

Als die Berichterstattung nach den mutmaßlichen Mord eines Flüchtlings reflexartig schrieb, um Gottes Willen nicht zu verallgemeinern und keine voreiligen Schlüsse zu ziehen, begrüßte ich mit „Guten Abend. Was wir zu berichten haben, begann mit einem Mord. Ein Mensch ist tot, weil ein anderer ihn umgebracht hat“. Dafür gab es natürlich auch Beifall von der falschen Seite, aber mir war es wichtig, nicht aus Abneigung gegen die „Ausländer-raus-Brüller“ auf Klartext zur ursprünglichen Tat zu verzichten.

Könnte man dieser Anmoderation nicht vorhalten, effekthascherisch zu dramatisieren?

Bei oberflächlicher Betrachtung vielleicht. Einen Schritt weiter gedacht, fällt Wohlmeinenden hoffentlich auf, dass hier Dinge ins Lot gebracht werden. Mit Effekthascherei hatte das nichts zu tun.

Ersetzen wir Effekt durch Entertainment: Wie viel Unterhaltsamkeit vertragen seriöse Nachrichten, ohne an Seriosität zu verlieren?

Wer langweilt, kann nicht informieren. Das macht unterhaltsame Nachrichten aber noch nicht zu Infotainment, sondern verpackt Fakten auf eingängige Art. Trotzdem geht es uns nicht um Unterhaltung, sondern darum Informationen zu gewichten, sortieren, verständlich zu machen. Das macht 80 Prozent unserer Arbeit aus und ist anstrengend. Über den Tag hinweg werden viele Nachrichten ja einfach von Leuten wiedergekäut, die sich keinen Kopf über die Zusammenhänge machen. Die Welt ist zu kompliziert für einfache Lösungen.

Ist die Ansprache abgesehen von der Auswahl seit Ihrem Einstieg im heute-journal vor 16 Jahren dennoch lockerer geworden, weniger staatstragend?

Hab‘ ich nicht das Gefühl. So zu reden, wie die Menschen auch vor den Bildschirmen reden, war ein Gründungsimpuls des heute-journals, aber auch der Tagesthemen, also nicht so verschraubt wie es in den Nachrichten damals üblich war. Weil ich zu Schachtelsätzen neige und meine Wortkaskaden oftmals zu kompliziert sind, muss da permanent an mir arbeiten.

War das 15-minütige heute-journal am Wochenende da womöglich ein gutes Training, schneller auf den Punkt zu kommen als alltags auf doppelter Länge?

Nicht unbedingt, schon weil die Soll-Länge meiner Moderation in der Woche im Schnitt 50 Sekunden beträgt und am Wochenende 40. Der Unterschied ist nicht so grausam.

Zumal die Sendezeit am sonntags künftig so lang ist wie werktags. Warum?

Weil wir das Gefühl hatten, dass wir ausgerechnet am Sonntag, wo man die Dinge mal etwas ruhiger Revue passieren lassen und sortieren kann, am wenigsten „Journal“ waren. Sogar die Hauptnachrichten sind da ja länger. Unser aller Ziel in der Redaktion ist es, aus der Sonntagsausgabe fortan eine besonders abwechslungsreiche, wenn Sie so wollen: interessantere zu machen. Eine, die nicht unbedingt am Tag klebt. Das Geschehen mit mehr Ruhe zuzubereiten, heißt aber nicht, dass es langsamer werden muss. Im Gegenteil.

Ist die Erweiterung auch ein Signal an die Branche, seriöser Information im Getöse von Netz und Populisten mehr Raum zu geben?

Unbedingt, das ist eine Entscheidung – da haben wir’s wieder – gegen den Strom. Und wir belegen, dass das Gerede vom absteigenden Ast, auf dem sich öffentlich-rechtliche Medien angeblich befinden, nicht stimmt. Im Gegenteil. Das heute-journal ist erfolgreich wie seit 25 Jahren nicht mehr. Da ist die Erweiterung ein ermutigendes Signal in die Medienlandschaft. Ich bilde mir nicht ein, dafür verantwortlich zu sein, werbe dafür aber seit meinem ersten Tag beim ZDF.

Ist das dennoch auch als Signal an die Gegner der freien Presse zu verstehen, jetzt erst recht!

Das würde ich bei bislang drei Stunden heute-journal pro Woche angesichts von 15 Minuten mehr nicht überschätzen. Ich freue mich über die zusätzliche Spielfläche an diesem wichtigen Tag, aber wir lassen die Kirche im Dorf. Viel mehr würde ich mir wünschen, dass unsere Ressourcen wachsen, denn wir stoßen hier jeden Tag an die Grenzen des Möglichen. Sie kennen das ja…

Sparzwänge.

Genau. Die ARD hat mit 18.000 Mitarbeitern weit größere Ressourcen als wir mit 3000. Das ZDF durfte ja fünf Jahre de facto niemanden einstellen. Uli Gack, unser Reporter in Kairo, berichtet daher im Moment über vier Kriege einer riesigen Region. Aber bei unvorhergesehenen Ereignissen wie in Chemnitz wünsche ich mir auch hier mehr Personal vor Ort, und zwar nicht nur, wenn’s brennt, sondern auf Dauer.

Das kostet natürlich.

Aber der finanzielle Druck ist nicht heilsam, der personelle schon gar nicht. Ich bin zwar jeden Tag dankbar, dass mir hier niemand in den Nacken atmet und sagt, wir sollen mehr Quote machen. Aber wenn ich einen Wunsch frei hätte, wäre es nicht nur mehr Sendezeit, sondern vor allem mehr Reporter.

Sind es demnach harte Zeiten für Journalisten oder im Gegenteil besonders spannende, weil sie sowohl personell als auch inhaltlich besonders gefordert werden?

Eindeutig spannendere. Fordernde sind gute Zeiten. Zumal sich nichts mehr versendet, wie man früher sagte. Weil alles, was wir zeigen, im Netz verfügbar bleibt, ist unsere Arbeit für die Ewigkeit. Das gilt auch im Negativen. Wenn ich Fehler mache, bleibt das viel länger im Gedächtnis als früher. Dass uns ständig Menschen über die Schulter blicken hat die Anspannung erhöht, aber ohne dieses Feedback könnte man vom Studio aus den Eindruck gewinnen, nur für uns zu arbeiten. In Wirklichkeit sind wir für vier Millionen Menschen Tag für Tag womöglich die wichtigste Informationsquelle. Nehmen wir diese Verantwortung nicht im Dienst der Zuschauer wahr, wird  uns das von um die Ohren gehauen. Mit Recht.

Reagieren Sie auf solche Kritik im Zweifel persönlich?

Soweit es mir möglich ist, schon – sofern es in anständigem Tonfall erfolgt, der gerne scharf, aber nicht beleidigend sein darf. Anders verhält es sich, wenn wir mit Dreck beworfen werden, denn das hat nichts mit konstruktiver Kritik zu tun. Darauf reagiere ich nicht. Wobei ich da gewiss nicht das bevorzugte Opfer bin; das betrifft Kolleginnen wie Dunja Hayali wesentlich stärker als mich.

Sie haben annähernd 20 Jahren in den USA gearbeitet.

17, um genau zu sein.

Und dabei vier Präsidenten erlebt.

Angefangen noch bei Ronald Reagan, dann Bush Senior, Clinton, Bush Junior. Und Obama habe ich immerhin bei Wahlsendungen erlebt und später – im NSA-Skandal – interviewt.

Wäre es aus journalistischer Sicht verlockend, im Amerika Donald Trumps zu arbeiten, der den Dreck von höchster Stelle wirft und die Presse regierungsamtlich angreift?

Verlockend ja. Aber Trump ist der erste US-Präsident, den zu interviewen mich nicht interessiert. Weil er im Grunde nur Selbstgespräche führt, kann man ihn ja nur vor sich hin plaudern lassen und erhält dabei die gleichen Antworten, als würde man ihn herausfordern. Im Gegensatz dazu hatte ich bei all seinen Vorgängern wirklich gute Zeiten. Dass es für freie Medien schwieriger, ja unerfreulich geworden ist, in den USA tätig zu sein, liegt allerdings nicht an Trump allein, sondern dem Wandel der gesamten Diskussionskultur. Schon vor der letzten Präsidentschaftswahl bröckelte dieser unausgesprochene Konsens, dass Politiker und Journalisten zwar bisweilen scharf, aber nie feindselig miteinander umgehen.

Das war schon unter Obama der Fall?

Ja, aber nicht mit Obama. Als ich ihm mal die Frage gestellt habe, wieso seine Amtszeit nach der anfänglichen Euphorie zu solch einer Enttäuschung werden konnte, hat er offen und ehrlich geantwortet. Das wäre im Interview mit deutschen Spitzenpolitikern kaum denkbar. Diese Art harten Respekts voreinander habe ich aus den USA mit nach Deutschland genommen.

Was haben Sie beruflich noch von dort mit heimgebracht?

Eine gewisse Gelassenheit. Und die Wertschätzung fürs Reporting, das, was wir Recherche nennen, aber nicht am Schreibtisch erfolgt, sondern am Ort des Geschehens. Ich habe mein Handwerk als Lokalreporter gelernt. Immer noch die beste Schule. Wir alle gehen zu wenig dorthin, wo Geschichte wirklich stattfindet. Das Internet hat alle, auch uns Journalisten, dazu verführt, die Welt vom Computer aus verstehen zu wollen. Als Reporter an Ort und Stelle zu sein, wird – jedenfalls dem Anspruch nach – im amerikanischen Fernsehen weit höher gehalten als im deutschen. Das habe ich mir bewahrt. Und ich merke es auch Kolleginnen und Kollegen an, die ein paar Monate oder länger in den USA sind, dass sie diesbezüglich verändert nach Deutschland zurückkehren. Meist sind sie begeistert.

Sehnen Sie sich manchmal ein wenig nach echter Feldarbeit, wenn Sie die Welt so vom Mainzer Lerchenberg aus betrachten?

Nicht nur manchmal. Deswegen ist es für mich so wichtig, für unsere Dokumentationen raus zu gehen. Aber in den 16 Jahren beim heute-journal konnte ich das so regelmäßig tun, dass ich sogar mehr von der Welt gesehen habe als in den Korrespondentenzeiten zuvor. Die Arbeit daran ist zwar mörderisch, da mir zum Drehen immer nur das Zeitfenster zwischen zwei Moderationswochen bleibt. Sieben Tage bis Sonntag moderieren, Montag früh in den Flieger, Samstag zurück und aufs journal vorbereiten – da arbeitet man schnell mal sieben Wochen ohne freien Tag durch.

Immerhin gelten Sie dafür als bestbezahlter Fernsehjournalist Deutschlands…

Das glaube ich nicht. Das hat irgendwann mal jemand behauptet und seitdem schreibt es jeder vom anderen ab. Ich werde gut bezahlt, aber das ZDF schmeißt kein Geld raus.

Können Sie sich vorstellen, das Studio irgendwann wieder ganz gegen die Welt freiberuflicher Recherche-Reporter zu tauschen, wie es viele ihrer Kollegen von Jens Jessen bis Georg Mascolo getan haben?

Als Korrespondent? Ja! Aber ich fürchte, es bietet mir keiner an. Das ZDF will wohl, dass ich den Job hier noch weitermache. Solange ich außerdem Dokus machen kann, sind alle meine Wünsche erfüllt.

Vor zehn Jahren haben Sie Ihre Festanstellung beim ZDF in Freiberuflichkeit verwandelt, nachdem es zuvor nicht mit der Chefredaktion des Spiegel geklappt hatte.

Was heißt nicht geklappt? Es war zwar ein sehr verlockendes Angebot, aber das vom ZDF war es ebenfalls.

Wenn man das Nachrichtenmagazin jetzt betrachtet: sind Sie angesichts der Affäre um Claas Relotius froh, es heute nicht zu leiten?

Nein. Man denkt schon darüber nach, was sich im Leben geändert hätte, wäre man irgendwo anders abgebogen. Aber ohne jede Wehmut. Jedenfalls werde ich mich hüten, zu behaupten, unter meiner Leitung könnte es einen Fall Relotius nicht geben.

Wie wappnet sich das heute-journal dagegen, Lügen oder auch nur unsauberen Recherchen seiner Mitarbeiter aufzuliegen?

Unsere Sinne sind geschärft. Aber ich kann mir von keinem meiner Kollegen vorstellen, dass er oder sie dazu in der Lage wäre.

So wie es sich niemand von Claas Relotius vorstellen konnte.

Von dem wohl sogar am wenigsten! Wir fragen selbst verlässliche, altgediente Korrespondenten schon mal, ob alles wirklich genauso vorgefallen ist, aber ohne Argwohn. Es geht nicht ohne Vertrauen. In einer tagesaktuellen Sendung wie unserer greifen Kontrollmechanismen aber schon deshalb weniger, weil viele Stücke erst kurz vorm Beginn reinkommen. Das kriegt oft nicht mal die Schlussredaktion zu sehen.

Als die Verhandlungen der Jamaika-Koalition geplatzt sind, ging das heute-journal sogar mal länger live auf Sendung…

Live sind wir immer! Außer, wir können einen Gesprächspartner nicht überreden, zu unserer späten Zeit zu kommen oder es ist ein besonders komplexer Erklär-Raum mit 3D-Elementen. Beim End of Jamaica haben wir gesendet, bis alles im Bett war. Aber es war aus journalistischer Sicht ein großartiger Abend.

Wie groß schätzen Sie als eine der prominentesten Figuren der deutschen Medienlandschaft Ihren Einfluss aufs Metier ein?

Als weit überschätzt. Das habe ich früh gelernt. Als ich noch ARD-Studioleiter in Washington wurde, kam gerade die Affäre Bill Clintons mit Monica Lewinsky hoch. Es gab dazu anfangs fast täglich einen Brennpunkt, und ich hatte Abend für Abend dieselbe Botschaft: Das ist weit mehr als Wühlen im Privaten! Der amerikanische Präsident ist nicht nur der leitende Angestellte eines Landes, wie sich Helmut Schmidt genannt hat, sondern dicht hinter Patriotismus, Dollar und American Dream der integrierende Bestandteil dieser diversen Nation!

Und das heißt?

Wenn er sich mit Dreck besudelt, ist das demnach nicht privat, sondern öffentlich. Und das habe ich durchs denkbar größte Megafon – die Tageschau mit zehn Millionen Zuschauern – in die Republik gerufen. Jeden Tag. Doch dann komme ich zurück nach Deutschland, und was passiert? Alle, wirklich alle sagen mir: Tolle Berichte machst du! Hab ich alles gesehen. Aber die Amis spinnen doch. Dieses irre Rumwühlen in einer Privat-Affäre… Seither weiß ich: Mein Einfluss ist minimal.

Gibt es da kein Gegenbeispiel?

Nö. Wenn ich was über Menschenrechte mache, höre ich schon mal, dass den Zuschauern ein Licht über deren Bedeutung aufgegangen sei. Aber ich habe nie jemanden erlebt, der meinte, ich hätte seine Weltsicht verändert oder auch nur die meiner Branche.

Reicht Ihre Eitelkeit aus, sich das Gegenteil zu wünschen und ihr Metier verändern, also aktiv gestalten zu können?

Das überlasse ich den Politikern, und zwar gern. Ich fühle mich als kritischer Beobachter am besten eingesetzt.

Der Text ist vorab im Medienmagazin journalist erschienen

G. Rubenbauer: Lebenswerk & Reporterpreis

Das Zumüllen mit Zahlen nervt

Ehrungen fürs Lebenswerk fühlen sich oft nach Ende an. Weil Gerd Rubenbauer (Foto: firo sportphoto/Augenklick) schon zehn Jahre im Ruhestand ist, nahm er den Sportjournalistenpreis zuletzt in Hamburg jedoch gelassen zur Kenntnis. Ein Interview mit dem Münchner Veteranen des Fernsehsport (vorab auf DWDL) über alte Hasen und junge Hüpfer, die Liebe zum Radio und den Hass auf Statistik.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Rubenbauer, Sie haben 40 Jahre das Sportgeschehen in aller Welt kommentiert.

Gerd Rubenbauer: Das kommt hin.

Und im Anschluss die vergangenen zehn Jahre zumindest aufmerksam beobachtet.

Eine ziemlich lange Zeit.

Was machen Sportberichterstatter im Fernsehen heute anders als zu Ihrer Zeit?

Ach, es hat früher schon solche und solche gegeben und gibt heute solche und solche. Interessanterweise kann ich meinen Beruf aber jetzt viel besser beurteilen als in meiner aktiven Zeit. Wenn ich vor zehn Jahren über Olympische Spiele berichtet habe, kriegte ich mit viel Mühe ein wenig von anderen Kernsportarten mit, war aber ansonsten auf das fixiert, worüber ich berichte. So gefangen wie damals in meiner Disziplin bin ich heute zum Glück nicht mehr.

Mit welcher Folge?

Alles zu sehen, was öffentlich-rechtlich, privat oder kostenpflichtig gezeigt wird. Ich bin vom eingeengt begeisterten Kommentator zum uneingeschränkt begeisterten Zuschauer geworden. Wenn ich sehe, wie das Produkt Fußball von Sky inszeniert oder wie man in unserer Sprache sagt: verkauft wird, ist das super.

Gilt das für alle Sportarten?

Leider nein. Wer wie Sky Geld verdienen muss, interessiert sich naturgemäß stärker für Fußball, während das olympische Gesamtpaketweiter bei ARD, ZDF und Eurosport landet. Wer wie ich dort hineingeboren wurde, hat sich daher nie nur als Fußballreporter verstanden. Wir waren Sportreporter. Alle. Diese Breite vermisse ich heute manchmal bei den Jüngeren. Was aber noch einen anderen Grund hat.

Welchen?

Die Ausbildung. Aus meiner Sicht sollte jeder Fernsehsportreporter beim Radio begonnen haben, es ist das Nonplusultra. Nichts schult die Augen besser als fürs Hören zu kommentieren. Du musst in Windeseile aus Worten Bilder machen, die alle auch ohne selbst zu sehen verstehen. Deshalb habe ich mich mein Leben lang immer am meisten über die Reaktionen von Blinden gefreut, denen ich das Spiel ohne überflüssige Sprüche, nur dank präziser Beschreibungen nähergebracht habe.

Aber sind am Bildschirm nicht eher Sprüche als Beschreibungen gefragt?

Absolut. Umso mehr stört es mich senderübergreifend, wenn mir als Zuschauer das erklärt wird, was ohnehin zu sehen ist.

Aber genau das tun jüngere Kollegen doch, indem sie das reine Beschreiben von Spielzügen durch Emotionen ersetzen.

Das war zu meiner Zeit nicht anders, ich habe mich auch dank meines süddeutschen Naturells emotional anstecken lassen und wurde für meine Begeisterung nicht selten kritisiert.

Aber es gab doch auch Kommentatoren, die in sonorem Tonfall geschildert haben, wer gerade wem den Ball zuspielt, und wenn ein Tor fiel, klang das wie ein Amtsvermerk.

Da haben Sie Recht, aber nochmals: es gibt und gab solche wie solche. So gesehen hat sich im Grunde nur eins an meinem Beruf grundlegend verändert, und ich beklage das sehr: ein Übermaß an Statistik. Dieses Zumüllen mit Zahlen nervt mich unglaublich, manchmal mitten im Spielzug. Furchtbar!

Ist das auch Geschmackssache?

Nein, das Publikum teilt zu großen Teilen diese Kritik, das weiß ich aus vielen Reaktionen. Fragen Sie mal, wer sich am Tag nach dem Spiel an Statistiken erinnert und wer an Analysen? Ich kenne niemanden, der ersteres im Gedächtnis behält. Interessiert abgesehen von seltenen Ausnahmen halt kein Schwein.

Aber welche Motivation steckt denn aus Ihrer Sicht hinter dieser Zahlenwut?

Vielleicht der Wunsch, als besonders fachkundig zu gelten. Aber das kommt kaum mal rüber. Ich wünsche mir da den Mut, das Live-Erlebnis plastisch zu machen. Ein guter Kommentator muss engagiert, kompetent und emotional sein, aber auch so kritisch, dass er sein Temperament zügelt, sobald es der Wettkampf nicht wert ist.

Dummerweise würde das bedeuten, dass man im Milliardengeschäft Profisport sein teuer bezahltes Produkt schlechtredet…

In der Tat, das ist ein echtes Problem. Ich war früher ja genauso gefährdet, in die eine oder die andere Richtung zu überspannen. Trotzdem denke ich, dass man zwar auch zu euphorisch sein kann, aber zu kritisch, geht den Zuschauern mehr auf die Nerven.

Parteilichkeit ist also erlaubt?

In der Bundesliga auf keinen Fall, und auch bei einem Länderspiel sollte die Bewertung sachlich bleiben. Trotzdem darf und soll man seine Freude über ein gutes Spiel der eigenen Mannschaft zeigen. Wichtig ist, dass die Gratwanderung zwischen eigener Zuneigung und objektiver Einschätzung gelingt.

Ist Ihnen diese Objektivität je komplett flöten gegangen?

Ja, aber es ist dann meist gelungen, mir innerlich auf die Zunge zu beißen. Beim WM-Finale in Italien 1990 habe ich 90 Minuten lang gedacht, wenn die Argentinier, die meist nur durch Fouls aufgefallen sind, jetzt durch irgend so einen Glückstreffer gewinnen, beiß ich mir, pardon, in den Arsch. Aus Angst vor solcher Ungerechtigkeit macht man das Spiel vielleicht hier und da etwas besser, als es tatsächlich ist, das hat es gewiss gegeben. Aber auch als Reporter fiebert man mit, ist doch logisch.

Hören Sie sich manchmal alte Rubenbauer-Kommentare an?

Höchstens zufällig.

Und sagen Sie dann tendenziell, gut gemacht oder um Gottes Willen?

Teils, teils. Wie jeder Mensch, der sich in früherer Vergangenheit sieht. Aber selbst, wenn etwas misslungen war: Der Zuschauer verzeiht dir einiges, sofern du mit Herz, Hirn, Sachverstand dabei warst.

Wie lautet da denn der Ratschlag des alten Hasen an junge Hüpfer, objektive Euphorie nicht in kritikloses Hochjubeln abgleiten zu lassen?

Genau über dieses Abgleiten nicht nachzudenken, also freien Lauf lassen. Je mehr Erfahrung man gerade im Alter hat, desto natürlicher klingt es dann.

Kann man sich nach 50 Jahren intensiver Sportbeschäftigung eigentlich einfach vor den Fernseher setzen und das Ereignis genießen oder beginnt man da automatisch Inszenierung, Technik, Kollegen zu bewerten?

In keiner Weise, denn erstens weiß ich, wie schwer der Job für alle ist, und finde zweitens, dass ihn die meisten wirklich gut machen.

Gibt es jemanden von den jüngeren, den Sie besonders wertschätzen?

Natürlich, etliche. Einige davon habe ich ja selbst als Coach geschult, aber ich werde den Teufel tun, einzelne herauszuheben.

Sie selbst erhalten in ein paar Stunden den Sportjournalistenpreis fürs Lebenswerk. Fühlt man sich da wirklich geehrt oder auch ein wenig beerdigt?

Ich fühle mich durchaus geehrt, aber mein großartiger Kollege Harry Valérien hat mal zu mir gesagt, Bursch, wennst Preise fürs Lebenswerk kriegst, weißt du, jetzt geht’s nimmer lang. Da fragst du dich schon: nutzen sie da nur die Chance, bevor du geistig und körperlich gebrechlich wirst, oder meinen die das ernst? Andererseits ist so ein Preis auch Anlass, diese 40 Jahre in dem Beruf mal Revue passieren zu lassen. Die meisten davon fand ich ja schon faszinierend und viele Momente unvergesslich.

Zum Beispiel?

Ach, da gab es so viele. Als ich den Abfahrer Franz Klammer mal heulend in der Wachshütte getroffen habe oder erlebt, wie aggressiv, aufbrausend, jähzornig Franz Beckenbauer bei seiner ersten WM als Trainer 1986 zu Journalisten war und wie gelassen, umgänglich, nett vier Jahre später beim Sieg in Italien. Das bleibt ebenso haften wie die wunderbaren Winterspiele von Lillehammer 1994, als die Olympische Bewegung zum vielleicht letzten Mal für Sportler, Publikum und Journalisten ganz bei sich selbst war.

Haben Sie Hoffnung, dass sich das nochmals wiederholen kann?

Ich bin da eher skeptisch.


Patrick Dempsey: Dr. Shepherd & H. Quebert

Ich bin glücklich, aber hungrig

Obwohl er mehr als zwei Drittel seines Lebens vor Kameras steht, wird Patrick Dempsey (Foto: MGM) auf Dr. Shepherd in Grey’s Anatomy reduziert. Da könnte Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert auf der RTL-Plattform TVNow für Abhilfe sorgen. Ein Gespräch mit dem 53-jährigen Schauspieler aus Maine über Selbstwahrnehmung, Äußerlichkeiten, Achtsamkeit und was er vom Autorennen fürs Leben lernt.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Mr. Dempsey, Sie spielen Ihre Serien-Figur Harry Quebert mit Mitte 30 und Ende 60. Ist das nicht ein etwas großer Zeitsprung für ein und denselben Schauspieler?

Jack Dempsey: (lacht) Es war anfangs auch für mich überraschend, dass Jean-Jacques Annaud dieses Wagnis eingehen wollte. Andererseits macht gerade der Zeitsprung die Wirkung des Charakters aus. Zumal die Leute von der Maske einen sehr guten Job gemacht haben, der für mich zwar ein Experiment war, aber auch eine ganz neue Erfahrung für meine Selbstwahrnehmung. Außerdem ist die Aussicht, mit so einem Regisseur zu drehen, viel zu verlockend, um wegen Äußerlichkeiten abzusagen.

Und es hat sich gelohnt?

Unbedingt! Unter Jean-Jacques muss man praktisch nicht proben. Wurde eine Szene doch mal wiederholt, dann wegen technischer Gründe. Mit ihm zu arbeiten ist gleichermaßen spontan und effizient. Mit so viel Raum zur Improvisation habe ich noch nie gearbeitet. Auch die intensiven Gespräche mit einem Regisseur waren mir neu. Und zwar nicht nur übers Drehbuch, sondern das Leben insgesamt, seine Dynamik, wie wichtig es beim Blick nach vorn ist, auch mal zurückzublicken. Das hat meine Altersspanne seltsam natürlich erscheinen lassen.

Wo Sie mit Anfang 50 exakt in der Mitte beider Charaktere stehen – was war herausfordernder: den älteren oder den jüngeren Harry Quebert zu spielen?

Den jüngeren. Es dauerte zwar viel länger, als mich älter zu machen (lacht), aber ich hatte so mehr Zeit, mich damit auseinanderzusetzen. Außerdem lieb ich es, mich hinterm Makeup zu verstecken. Wohler gefühlt habe ich mich allerdings als älterer Harry, weil sich erst da zeigt, dass er sein Leben lang Geheimnisse mit sich herumträgt. Komplexe Charaktere zu spielen ist anspruchsvoller als nur romantische Figuren. Die waren bei mir zwar auch selten anspruchslos, aber dieser macht schon deshalb mehr Spaß, weil unklar bleibt, ob er Täter oder Opfer ist.

Mögen Sie die Figur unabhängig von der Frage auch persönlich?

Sonst würde ich ihn nicht spielen! Man muss Figuren moralisch verteidigen können, um sie glaubhaft zu machen. Mitgefühl und Sympathie sind da unerlässlich. Aber das fiel mir in diesem Fall auch wirklich leicht. Ich verrate angesichts des enormen Erfolgs, den die Romanvorlage auch in Europa hatte, nicht zu viel, wenn ich sage, dass er bei all seinen Fehlern zu Unrecht beschuldigt wird. Diesen Kampf ums eigene Bild in der Öffentlichkeit kann ich gut nachvollziehen.

Weil auch ihr eigenes Bild umkämpft ist?

Wie meinen Sie das?

Ihr Management bat vorm Gespräch, keine Fragen über Grey’s Anatomy oder Ihre Karriere als Rennfahrer zu stellen. Das klingt, als wäre Ihnen beides unangenehm…

Ach, das meinten die nur, weil es vor allem um die Serie gehen soll. Denn ehrlich: Wie kann ich nicht über Dinge sprechen, die mich so prägen wie Grey’s Anatomy und besonders Autorennen. Teamwork, Vertrauen, dieses Miteinander hat mein gesamtes Leben positiv verändert und mich damit zu einem besseren Vater, Menschen, Mann und Künstler gemacht. Ich hatte lustigerweise grad heute Morgen ein Gespräch mit meiner Frau, in dem klar wurde, wie viel von dem, was ich von meinen Mechanikern lerne, sich aufs alltägliche Leben anwenden lässt. Dafür bin ich ungeheuer dankbar.

Haben Rennfahrer und Schauspieler generell oder nur in Ihrem Fall Schnittstellen?

Weil sich beide mental extrem auf den Punkt konzentrieren müssen, gilt das grundsätzlich. So wie der Schauspieler lernen muss, im öffentlichen Raum privat zu agieren, ist jeder Meter auf der Rennstrecke wie ein Take, den es exakt in diesem einen Moment unter Druck zu bewältigen gilt.

Es geht Ihnen auf dem Asphalt also gar nicht um den Kick der Beschleunigung?

Wichtiger ist mir die Achtsamkeit im Auftrag eines Teams.

Wer Sie so übers Rennen reden hört, könnte meinen, nach fast 40 Jahren als Schauspieler seien Ihnen längst andere Dinge wichtiger.

Schauspielen ist mir immer noch ungemein wichtig, ich lege nur mehr als früher Wert darauf, was genau ich mit wem mache. Auch deshalb wende ich mich zusehends dem Produzieren zu.

Zum Beispiel?

Unter anderem eine Dokumentation über den amerikanischen Rennfahrer Hurley Haywood, die nächste Woche rauskommt. Darüber hinaus genieße ich es aber mit zunehmendem Alter, Zeit mit meiner Familie zu verbringen, und investiere viel davon in meine Krebsstiftung. Je älter ich werde, desto wichtiger ist es mir, nicht nur gesund zu bleiben, sondern multidimensional zu denken.

Bezieht sich das auch darauf, im Schauspiel variabler zu werden, womöglich mehr Komödien oder Bad Guys zu spielen?

Dummerweise hängt das immer stark von den Büchern und Regisseuren ab. Ich suche allerdings mehr als früher Aufgaben, die mich herausfordern. Ich bin zwar glücklich, aber immer noch hungrig.


Heinrich Breloer: Dokudramen & Brecht

Es wird eine lange Nacht!

Seit mehr als 40 Jahren ist Heinrich Breloer (Foto: Overmann/WDR) einer der einflussreichsten Filmemacher im Land. Mit seinem Dokudrama Brecht schließt sich heute ein Kreis: Schon 1978 porträtierte er den großen Dramatiker, im Ersten erweckt der 77-Jährige sein früheres Vorbild heute mit Tom Schilling und Burghart Klaußner zum Leben. Ein Interview mit dem Regisseur über neun Jahre Vorbereitung auf Brecht, was uns der Dichter heute noch zu sagen hat und warum auch Geschichte Gefühle braucht.   

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Breloer, vielleicht ist da was an uns vorbeigegangen, aber Bertolt Brecht feiert im März weder Geburts- noch Todestag oder sonst ein Jubiläum. Warum dann jetzt dieses ausschweifende Biopic?

Heinrich Breloer: Weil der Film Ergebnis einer intensiven Beschäftigung ist, die bereits vor neun Jahren begonnen hat. Ein Problem dabei war, vertraglich alles zu regeln, falls wir irgendein Copyright berühren. Außerdem musste ein Stück entwickelt werden, das die beteiligten Sender im Rahmen der Sparmaßnahmen auch finanzieren können.

Was genau war denn so teuer?

Unter anderem, dass Brecht nach dem Reichstagsbrand ins Exil ging. Um Brechts Zeit in der Schweiz, Paris, Dänemark, Schweden, Finnland, Moskau und den USA nicht darstellen zu müssen, machen wir einen recht großen Sprung in die Nachkriegszeit, wo Burghart Klaußner vorm Ausschuss für unamerikanische Umtriebe versichert, „I was never a member of the communist party“. Dieser Satz führt uns dann zurück nach Deutschland, also in den Film.

Weil ein fließender Übergang von Tom Schilling als junger auf Burghart Klaußner als alter Brecht unglaubwürdig gewesen wäre?

In jedem Fall schwierig. Außerdem gibt es über Brechts Zeit in Amerika kaum bewegte Bilder. Ich habe zwar welche gefunden, auf denen dieser kleine Mann ein sehr dickes Auto besteigt oder am Schreibtisch von seiner Freundin gefilmt wird; ansonsten fehlt sie im Zweiteiler. Das ist aber nicht gravierend; wir erzählen das Leben halt weiter, wenn er nach der Rückkehr mit dem Berliner Ensemble ein Stück befreites Land zwischen Ost und West erschafft.

Darüber erzählt die Dokumentation im Anschluss?

Nochmals interessante 52 Minuten lang.

Und das, nachdem der Zweiteiler am Stück vorweg läuft!

Es wird eine lange Nacht! Aber das wird dieser Figur ja auch gerecht.

Was hat sie der Gegenwart übers nostalgische Element zeitgeschichtlicher Unterhaltung hinaus noch zu geben, dass ihr ein ganzer Abend gewidmet wird?

Zum einen unglaublich schöne, kluge, lehrreiche Gedichte. Und dann die Dramen, in denen ja wichtige Fragen gestellt werden, die uns heute umtreiben. Mutter Courage, wie verhältst du dich zu Krieg, Pazifismus, zur Rüstungsindustrie? Oder im Galilei nach Verantwortung der Wissenschaft für ihre Erfindungen; damals die Atombombe, jetzt künstliche Intelligenz.

Und Ihnen persönlich?

Brecht hat mich fast mein Leben lang fasziniert. Ich habe seine erste große Liebe schon 1976 für meinen Film Bi und Bidi in Augsburg getroffen.

Im Grunde arbeiten Sie also seit damals am Zweiteiler?

Schon. Damals habe ich erstmals erlebt, welch starken Eindruck der junge Brecht auf Freunde und seine Geliebten gemacht hat. Schon als Schüler stellte er sich für ein Foto vor dem Theater in eine Nische unter Schiller und sagte „Ich komme gleich nach Goethe. Ich bin das letzte Genie der deutschen Sprache.“ Und sie haben es ihm geglaubt. Als junger Filmemacher stand ich bewundernd vor dieser Selbstinszenierung; gut dreißig Jahre später konnte ich nun zeigen, was hinter dieser Chuzpe stand, wie viel alter Brecht im jungen steckt und umgekehrt.

Und dafür ist ein Dokudrama nach wie vor am geeignetsten?

Ja, denn das Dokumentarische liegt wie eine zweite Spur über den Spielszenen und sorgt dafür, dass diese unlenkbare, eigensinnige, zutiefst dialektische, ständig kämpfende Figur nicht nur nostalgisch historisiert, sondern in den Kontext seiner, aber auch unserer Zeit eingeordnet wird. Brechts appellierender Glaube an die Kraft der Vernunft, das Recht auf Zweifel, den Mut zum Widerstand und Willen zur Wahrheit – all dies ist auch heute von höchster Aktualität.

Sein Medium war jedoch das Theater, von dem damals gesellschaftspolitisch größtmögliche Wucht ausging, während es nun ein hochkulturelles Nischenprodukt ist. Lässt sich die Bühne als Medium aufs Fernsehzeitalter übertragen?

Wenn man sich vor Augen hält, dass ich in den Sechzigerjahren viel von ihm gelernt und auf mein Wirken fürs Fernsehen übertragen konnte, ja. Durch ihn sind wir zum kritischen Denken gekommen, was sich auch in dieser Arbeit wiederfindet.

Aber verglichen mit dem Internet ist das das Fernsehen seinerseits ein schrumpfendes Medium.

Es ist aber noch immer ganz gut im Geschäft. Und das Dokudrama als Darstellungsform, um Fiktion und Realität dialektisch gegenüberzustellen, ohne es moralisch zu bewerten, ist dem Brecht’schen Theater durchaus nachempfunden.

War die Form des Dokudramas, das Sie hierzulande quasi erfunden haben…

Na ja, sagen wir, mit weiterentwickelt.

War es demnach die beste oder einzige Form, sich Brechts Widersprüchen zu nähern?

Es war die griffigste und hat sich gewissermaßen natürlich entwickelt. Ein Denkmal lebendig zu machen, ohne es einzureißen, kommt für mich weder ohne Dokumentation noch Inszenierung aus. Zumal kein Filmmaterial seiner aufgewühlten Jugend existiert.

Ihr letztes großes Projekt Buddenbrooks war ein reiner Spielfilm. Den haben Sie hier nicht in Erwägung gezogen?

Doch. Aber wenn Spielszenen auf die Sekunde genau klug kalkuliert auf Dokumente prallen, kann im Kopf des Zuschauers etwas  Neues Drittes entstehen, das so allein im Dokument und im Spiel nicht vorhanden  ist. Und das wirkt intensiver und länger als pure Erzählung. Ganz ähnlich hat Brecht ja auch selber gearbeitet. Die berühmte Verfremdung.

Klug kalkuliert, heißt in diesem Fall auch: sehr emotional. Warum führen Sie den jungen Brecht als verliebten Teenager ein?

So beginnt der Spaziergang mit Paula am sommerlichen Lech. Aber das andere, die Angst vor dem Verlust, der unromantische Kampf um die Macht über dieses Mädchen – auch das ist in dieser ersten Liebesszene angelegt.

Dennoch scheint sein Liebesleben auch Zucker fürs breite Publikum zu sein…

Na, wenn das mein Hauptziel gewesen wäre, hätte ich davon doch viel mehr berichtet. Dass er in seiner Entwicklung, die Jahr für Jahr aufwärts geht, von einer Frau zur nächsten wechselt, bis er teilweise drei gleichzeitig hat, muss halt erzählt werden, um Brecht zu verstehen. Aber da habe ich mich sogar zurückgehalten; sein Liebesleben hat Zumutungen bis hin zu Selbstmordversuchen erzeugt. Das kommt bei uns gar nicht vor.

Sein Zeitgenosse Theo Lingen, erwähnt im Film: Brecht wolle besitzen, und zwar auch Menschen.

Genauso war’s.

Wird diese Lichtgestalt des deutschen Theaters damit auch ein wenig entzaubert?

Nein. Aber wir sind erstmals dabei, wie sie als Person handelt, denkt, fühlt und dabei ängstlicher, schüchterner, verletzlicher, manchmal auch opportunistischer und kleiner ist, als viele denken. Brecht wird bei uns vom Dichter und Denker auch zum leidenschaftlichen Menschen.

Ist dieser Mensch ein anderer als der, den Sie für Ihre Doku Bi und Bidi in Augsburg 1976 kennengelernt haben?

Aber sicher.

Und hat sich damit ein Kreis für Sie geschlossen, der Ihr gesamtes Schaffen umschließt?

Das könnte man so sagen, aber endgültig kennengelernt habe ich ihn trotzdem nicht. Als ich die Schauspielerin Regine Lutz im Film frage, ob Sie Brecht kenne, überlegt sie sehr lang – was in Dokumentationen höchst eindrücklich ist, wenn man die richtigen Fragen stellt – und sagt dann: Er kannte mich, und zwar sehr gut. Ihn konnte man nicht kennen.

Gibt es dennoch Brecht in einem Wort?

Höchstens in vier: Schauen Sie diesen Film!