Charlotte Roche: Feuchtgebiete & Love Rituals

Ich bin bis heute schambehaftet

Groß geworden im Musikfernsehen, war Charlotte Roche lange Zeit nicht mehr als eine Moderatorin mit Hang zu seltsamer Kleidung – bis sie im autobiografisch angehauchten Roman Feuchtgebiete 2008 ihre Sexualität fiktionalisiert hatte und somit zur Ikone eines zwanglosen Umgangs mit dem eigenen Körper wurde. Nach ein paar Abstechern ins Talkshowfach bereist die 41-jährige Westfalin aus England nun in Love Rituals auf Arte sechs verschiedene Länder auf der Suche nach deren Liebesleben.

Von Jan Freitag

Charlotte Roche, beim Anflug aufs erste von sechs Ländern, in denen sie das Liebesleben erkundet haben, fiel etwas auf, was man von Ihnen überhaupt nicht gewohnt ist.

Charlotte Roche: Na da bin ich ja gespannt.

Sie haben bei der Erzählung über ein japanisches Penis-Festival fast so was wie schamhafte Unsicherheit gezeigt.

Aber warum denn auch nicht?! Es gibt offenbar viele Leute, die meine offenherzigen Bücher zum Thema Sexualität mit mir als Person verwechseln. Deshalb ist es ein riesiges Missverständnis, mich als schamlos zu betrachten, denn ich wurde im Gegenteil total schambehaftet erzogen und bin es bis heute.

Was Sie demnach mit Ihren Büchern kompensieren?

Absolut. Indem ich darüber schreibe, bekämpfe ich mein Schamgefühl über Dinge, für die man sich echt nicht schämen sollte, das war fast eine Therapie. Ich bin mein Schamgefühl zwar trotzdem keinesfalls los, aber in Japan ging es ja vor allem darum die Sexualität in einem anderen kulturellen Kontext anzusehen, um dadurch vielleicht Sexualität, wie wir sie bei uns ausleben, besser zu verstehen. Sich mit Sexualität zu beschäftigen, darüber nachzudenken, was sie bedeutet, finde ich tatsächlich sehr gesund. Umso mehr könnte dieser Einstieg zum Missverständnis führen, in Love Rituals gehe es bloß um Sex.

Das tut es ja gar nicht…

Nein, es geht um die Liebe verschiedener Kulturen, wie Menschen zueinanderfinden und beieinander bleiben. Wäre es Arte um irgendwas Pornografisches gegangen, hätte ich auch nicht zugesagt. Aber wir waren uns da von Anfang an einig – zumal die Autorin Michaela Vieser zuvor bereits ein Sachbuch zum Thema geschrieben hat. Ganz ohne Sex kann man Beziehungen aus meiner Sicht zwar nicht denken, aber für uns steht er nicht im Vordergrund.

Dennoch tut er das in der Auftaktfolge aus Japan von Anfang bis Ende.

Das stimmt, aber so sexuell wie dort wird es in keiner der anschließenden fünf Folgen.

War es programmstrategisch gewollt, die Reihe mit einer solchen Freakshow sexueller Kuriositäten beginnen zu lassen, quasi als Ankocher für den dezenteren Rest?

Nein, denn wie man vielleicht auch meiner Art zu moderieren anmerkt, läuft in der Sendung vieles ungeplant und spontan. Wir sind selten mit einer starren Vorstellung davon, was nun passiert, irgendwohin gefahren. Das gibt der Reihe einen sehr dynamischen Spin. Andererseits hat die Vorrecherche ergeben: wenn Japaner so fortpflanzungsfeindlich weitermachen wie bisher, gibt’s bald keine mehr. Sex ohne Anfassen oder mit lebensechten Gummipuppen, der Ekel vor Körperflüssigkeiten und Schambehaarung – all dies funktioniert auf Dauer nicht.

Trotzdem hätte man auch den zweiten Teil aus Israel vorziehen können, in dem es sehr viel bedächtiger um Eheanbahnung und religiöse Gräben geht.

Ach, da sind wir einfach insofern chronologisch vorgegangen, als Japan unser erster Drehort war. Darüber hinaus sind die Liebesrituale der sechs Folgen – ob in Japan, Israel, Kenia, Indien, den USA oder Orkney Inseln – extrem unterschiedlich. Mal geht es um Liebe und Geld, um Liebe und Sex, um Liebe und Magie und so weiter. Alles stand und fiel da mit dem Protagonisten oder der Protagonistin, die uns durchs jeweilige Land geführt haben.

Was ist denn da der Mehrwert dieser Reihe – lernt das Publikum nur andere Kulturkreise kennen oder halten sie ihm auch ein wenig den Spiegel vor?

Beides. Und da hoffe ich auf eine ähnliche Horizonterweiterung, wie ich selber sie erlebt habe. Mit Menschen derart verschiedener Kulturen über die Liebe zu reden, verändert definitiv das Bewusstsein.

Inwiefern?

Etwa über die Bedeutung von Liebe. Wenn ich Kenianern erzählt habe, welchen Stellenwert sie bei uns zuhause hat, wie sie als Lebenselixier betrachtet wird, wurde ich oft ausgelacht.

Weil die Menschen dort ganz andere Sorgen haben als die Suche nach Romantik?

Genau. Als ich eine Friseurin gefragt hab, die aus einer brutalen Ehe geflohen ist und nun vier Kinder alleine erzieht, ob sie nun auf der Suche nach einer neuen Beziehung sei, erschien ihr dieses Denken fast lächerlich. Liebe ist für solche Menschen ein absoluter Luxus, den die sich gar nicht leisten können; dafür hat die weder Zeit noch Energie, geschweige denn die Muße. Während wir in unserem Wolkenkuckucksheim auf der Suche nach der großen Liebe leben, muss sie Geld verdienen.

Umso mehr fällt auf, dass ihr in den ersten zwei Folgen etwas Spirituelles, oft Schicksalhaftes beigemessen wird wie in Israel, wo Ehen oft durch Kupplerinnen arrangiert werden, weil sie angeblich über mehrere Leben hinweg perfektioniert werden.

Hat Sie das gestört?

Nicht gestört, aber es nimmt dem Menschen seine Autonomie bei der Partnerwahl.

Mich hat es sogar extrem gerührt, wie die Heiratsvermittlerin ans Schicksalhafte ihrer Arbeit glaubt. Natürlich verdient die auch Geld damit, aber Seelenverwandte für andere zu finden, ist doch toll. Ich bin zwar froh, in einem Land zu leben, wo diese Art Kuppelei weniger verbreitet ist, beneide aber manchmal Leute, die sich damit von diesem Monsteraufwand befreien, unbedingt alleine the one and only finden zu müssen.

Sie haben den ja auch – ohne jetzt boulevardesk klingen zu wollen – schon sehr früh und scheinbar für die Ewigkeit gefunden…

In der Tat. Vielleicht liegt es daran, dass ich ein Scheidungskind war; aber mir war eben klar, dass es das, was ich da gefunden habe, nicht noch mal in besser gibt. Ich war aber auch vorher in keiner Beziehung so ruhelos, ständig nach Verbesserung zu streben. Seit ich mit Jungs zusammen bin, also mehr als 25 Jahre schon, fand ich immer denjenigen, den ich grad habe, am allerallerallerbesten von allen. Das mag Glück gewesen sein; andererseits  haben mich meine Eltern halt dazu erzogen, mir emanzipierte, frauenfreundliche, tolle Partner zu suchen.

Was aber auch wieder mit unserem Wolkenkuckucksheim zusammenhängt, in dem diese Suche möglich ist oder?

Schon, aber machen wir uns nichts vor: selbst wenn es hier nicht so offen ausgesprochen wird wie in Kenia, spielt das Geld bei der Partnerwahl auch in unserem Kulturkreis eine Riesenrolle. Sie werden in kaum einem Krankenhaus Ärztinnen finden, die einen Pfleger heiraten, aber massenhaft Ärzte, die Krankenschwestern heiraten. Beziehungen sind auch bei uns oft eine sehr traditionelle, oft unromantische Abwägung von Vor- und Nachteilen. Von wegen: wo die Liebe hinfällt… Auch wenn unsere Gesellschaft gern was anderes behauptet, sind Familiengründungen oft sehr pragmatisch. Oder haben Sie sich schon mal in eine Obdachlose verliebt?

Nein, zugegeben.

Ich auch nicht. Trotzdem empfinde ich dieses zwanghafte Suchen nach Perfektion in der Liebe als fatal. Die Illusion vieler Dating-Plattformen, wer nur intensiv genug sucht, oder einem angeblich perfekten Algorithmus folgt, findet schon den idealen Partner, versäumt aber leider auch alle anderen, die womöglich noch idealer sind, führt in die Irre. Das klingt jetzt vielleicht ein wenig unromantisch, und ich will auch gewiss meinen Mann nicht beleidigen, aber wenn eine Beziehung langfristig funktionieren soll, schraubt man seine Ansprüche lieber etwas nach unten. Wer andauernd das Bessere sucht, weiß das Gute nicht zu schätzen und schafft es nie, sich wirklich festzulegen.

Würden Sie sich trotz dieser pragmatischen Sicht auf die Liebe als Romantikerin bezeichnen?

Auf jeden Fall! Aber für mich ist es eben manchmal romantischer, ein bisschen unromantisch zu sein. In der Paartherapie habe ich gelernt: wer eine Beziehung beim ersten Problem beendet, nimmt es in die nächste mit. Deshalb ergibt es fürs gesamte Leben Sinn, Schwierigkeiten gemeinsam mit dem Partner – sofern er nicht grad ein prügelnder Alkoholiker ist – auszuräumen, anstatt beim ersten Ärger abzuhauen. Da sind Liebende wie Bauern, die sich gemeinsam um zarte Pflänzchen der Liebe kümmern.

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Oliver Welke: 10 Jahre heute-show Teil 2

Satire ist eine Einstiegsdroge

Seit zehn Jahren moderiert Oliver Welke die heute-show im Zweiten und hat das Satire-Format dort trotz aller Kritik an vielfach brachialer Komik zu einer wichtigen Stimme der heiteren Vernunft im Land gemacht. Im zweiten Teil des Interviews spricht er über satirische Dringlichkeit, Skandalisierungspolitik, lustige Versprecher und Oli Kahns Reifungsprozess.

Von Jan Freitag

Herr Welke, hatte die heute-show anfangs den journalistischen Wirkungsgrad von Jon Stewarts Vorbild im Sinn? In der extrem polarisierten US-Medienlandschaft war er ja besonders junge Menschen keine Unterhaltungssendung, sondern Informationsmedium.

Nicht nur das; er verstand sich explizit als politischer Akteur, eine Art inoffizieller Oppositionsführer gegen George W. Bush, bei dem man damals ja dachte, viel irrer könnte es an der Spitze nicht werden. Damit war John Stewart auch eine Antwort auf die extrem rechten Fox-News, die bis heute stolz sind auf ihre Parteilichkeit. In Deutschland völlig undenkbar.

Noch.

Noch. Momentan ist die Gefechtslage klar erkennbarer Freund- und Feindbilder in den USA aber schwer mit unserer Konsensdemokratie zu vergleichen, in der eine Groko der nächsten die Klinke in die Hand gibt. Deswegen mussten wir uns zunächst eher an einzelnen Themen als Akteuren abarbeiten.

Gab es dennoch eine politische, gar journalistische Dringlichkeit für die heute-show?

Schon. In unserem Geburtsjahr ist ja auch besagte schwarz-gelbe Koalition zur Welt gekommen. Es ging also noch nicht um die fehlende Unterscheidbarkeit der klassischen Regierungsparteien, sondern eher um einen neoliberalen Rollback. Vorlagen gab es also genug, die FDP war der wichtigste Medienpartner für unser journalistisch-satirisches Angebot.

Gab es dabei je eine Unwucht in Richtung von Journalismus oder Satire?

Nein, wir waren und sind eine Mischform aus Satire, Comedy und echter Information. Es gibt bei uns natürlich auch Pointen um ihrer selbst Willen oder wie es wissenschaftliche Studien, von denen mittlerweile einige über uns kursieren, lieber ausdrücken: Kalauer. Allerdings sind die meist in sehr ernste Informations-, sogar Aufklärungssequenzen eingebettet. Wir wollen informieren und unterhalten. Die Reihenfolge kann jeder im Publikum selbst festlegen .

Es gibt also Zuschauer, die die heute-show wie das heute-journal als Nachrichtenmedium nutzen?

Ich bin überzeugt, es hilft gerade bei komplexeren Themen, wenn sie unterhaltsam, gar lustig erklärt werden. Ein wenig herablassend ausgedrückt, sind wir die Hundemedizin in einer Scheibe Mortadella. Manche Themen schmecken halt fad, aber wenn man es schafft, Leute durch Geschmacksverstärker darauf zu stoßen, gibt‘s oftmals sogar die größte Resonanz.

Zum Beispiel?

Dass es anders als in den meisten Staaten Europas noch immer kein Lobby-Register gibt, was schlichtweg ein Skandal ist, aber wenig aufregend klingt. Und das Informationsfreiheitsgesetz erlaubt eigentlich jedem Bürger, bei allen Behörden Akteneinsicht zu kriegen. Wie bestimmte Bundesländer, allen voran Bayern, da mauern, ist juristisch vielleicht trocken, satirisch jedoch hochspannend. Wir müssen zwar aufpassen, nicht belehrend zu klingen, aber es macht großen Spaß, Dinge zu verarbeiten, die niemand so richtig auf dem Zettel hat. Und manchmal haben diese Geschichten dann sogar ein Echo im echten Journalismus.

Weil andere Medien darauf anspringen?

Das war zum Beispiel bei  einem Beitrag über Bildungsministerin Anja Karliczek der Fall, bei der uns aufgefallen war, dass sie nach einem Jahr im Amt keine einzige Gesetzesvorlage eingebracht hat und in jedem Interview meinte, sie sei ja noch dabei, sich einzuarbeiten. Ausgearbeitet war hingegen ihr Sensorium für Fettnäpfchen wie jenes, Kinder würden in gleichgeschlechtlicher Ehe eventuell nicht schadlos aufwachsen, technischer Fortschritt müsste sich stets am christlichen Menschenbild orientieren und nicht jedes Dorf brauche 5G-Internet. Als wir das thematisiert haben, ist es so viral gegangen, dass es später sogar der Spiegel aufgegriffen hat. Ähnliches ist mit dem AfD-Pranger für Lehrer geschehen. Als wir in der Sendung Schüler dazu aufgerufen haben, ihn mit allem Möglichen zu fluten, sind die Server kollabiert.

Das allerdings ist schon nicht mehr langweilig, sondern Skandalisierungspolitik perfidester Art.

Von der zu dem Zeitpunkt aber trotzdem nur in circa zwei Zeitungen Dreizeiler standen.

Macht Humor diese Menschenverachtung am Ende sogar nicht nur kognitiv verständlich, sondern überhaupt erst physisch erträglich?

Das kann schon sein. Auch dabei müssen wir uns aber stets vor Augen halten, dass derart unappetitliche Politik auch durch uns überhaupt erst in der öffentlichen Debatte gehalten wird. Ob man wirklich über jedes Stöckchen springen muss, diskutieren wir hier echt jede Woche.

Und die Antwort?

Ja, sofern es im Rahmen einer inhaltlichen Auseinandersetzung erfolgt. Wenn man die rechten Tabubrüche nur stumpf wiederkäut, hilft man am Ende nur deren Agenda . Die Strategie hinter Gaulands Vogelschiss Spruch war aber beispielsweise schlicht zu empörend, um ihn unkommentiert zu lassen. Besser ist es allerdings, die AfD am Parteiprogramm zu packen, gern auch da, wo es ausnahmsweise mal nichts mit Rassismus oder Revisionismus zu tun hat. Befragen Sie Jörg Meuthen mal zur Rentenpolitik; da ist die vermeintliche Partei der Abgehängten rasch beim neoliberalen Flügel der FDP.

Am Parteiprogramm packen – klingt irgendwie öde…

Aber als radikaler Anhänger der Versammlungs- und Meinungsfreiheit sage ich: wir müssen im Umgang mit Populismus gleichzeitig auch mehr aushalten. Deshalb halte ich es auch  für  einen Riesenfehler, die AfD nicht ins Vizepräsidium des Bundestags zu wählen. Es regt mich auf, wenn man  es denen in diesem Punkt so einfach macht, das Opfer zu geben.

Aber sorgt die nüchterne Betrachtung der politischen Lüge am Ende nicht auch dafür, diese Lüge salonfähig zu machen?

Kommt auf den Adressaten an. Es gibt Untersuchungen darüber, dass es vielen mittlerweile egal ist, ob sie einer Lüge aufgesessen sind. Wer Fakten als Ansichtssache betrachtet, ist für die echten unempfänglich. Das haben Rechtspopulisten wie die AfD ja vor allem deshalb geschafft, weil sie die Kraft der sozialen Medien schneller für sich entdeckt haben als bürgerliche Parteien. Selbst wenn nur hinter einem Bruchteil der AfD-Kommentatoren verschiedene echte Menschen stecken, sind die Zahlen im Vergleich mit anderen Parteien erschreckend.

Was auch daran liegt, dass Rechtspopulisten nicht auf Argumente, sondern Emotionen setzen.

Darüber hinaus sind sie aber auch schlichtweg beharrlicher in der Nutzung – und zwar nicht nur im Umfeld großer Ereignisse wie Wahlen, sondern permanent. Wie die AfD ihre Anhänger ununterbrochen mit der Gefühlstaste bespielt – da kann einem schon ein bisschen bange werden. Die Frage ist ja: was soll man dem entgegensetzen, ohne sich auf deren Niveau zu begeben? Gerade für Journalisten besteht darin eine der schwierigsten Aufgaben der näheren Zukunft. Und ihr müssen wir uns auch in der heute-show stellen.

Aber birgt das nicht auch die Gefahr, reale Risiken durch Leichtigkeit zu relativieren?

Satire ist doch nicht nur Leichtigkeit. Bei uns im Team sitzen drei Journalisten, die außerhalb der Abteilung lustig alle unsere  Themen der Woche komplett durchrecherchieren, damit uns am Ende keine Fehler um die Ohren fliegen. An diesem Prozess ist die gesamte Produktion permanent beteiligt.

Wenn man sich dann die beiden Standbeine Ihrer journalistischen Karriere betrachtet.

Humor und Sport.

Ist ersteres angesichts dieser seriösen Recherche womöglich sogar näher am Journalismus als letzteres, bei dem ja manchmal auch einfach nur die Emotionen der 80 Millionen Bundestrainer bedient werden wollen?

Nein, denn das ist in erster Linie eine Frage der kreativen Herausforderung. Ich habe vor mehr als 20 Jahren als Fieldreporter am Spielfeldrand mit Interviews begonnen…

Die ja auch ein Stück Realsatire sind.

Manchmal wie  ein Boulevardtheaterstück, dass jeden Spieltag mit wechselnden Darstellern, aber identischem Text aufgeführt wird. Wer wie ich damals neu dabei war, hat oft den Ehrgeiz, besonders originell und kritisch zu fragen, prallte aber zumindest seinerzeit oft gnadenlos dabei ab.

Abprallen heißt in diesem Fall?

Dass der Interviewte meine Frage ignoriert und einfach irgendwas antwortet . Trotzdem ist guter Sportjournalismus spannend und wichtig. Deshalb ärgert es mich so, dass der Sport als vermeintlich leichtere Kost trotz seiner gesellschaftlichen und  wirtschaftlichen Bedeutung noch immer am redaktionellen Katzentisch sitzt, auf den die anderen Ressorts ein wenig milde herabblicken. Vielleicht versuchen Sportreporter deshalb so oft, auch in anderen Genres wie Unterhaltung oder Politik Fuß zu fassen, um dort zu beweisen, in Anführungszeichen richtige Journalisten zu sein.

Bei Ihnen diente weder Sport noch Humor zur Kompensation vom mangelnden Renommee des jeweils anderen?

Nein, das lief bei mir von Anfang an parallel. Gutgemachter Sportjournalismus ist selbstverständlich ebenso wichtig wie gutgemachte Comedy. Man muss ja auch nicht bloß doof fragen, und all die großen Turniere mit Oli Kahn möchte ich schon deshalb nicht missen, weil ich wenige Menschen kenne, die in seinem Alter noch eine derartige Entwicklung auf dem Schirm machen. Vom leicht brummigen Titan zu einem großartigen Analysten mit regelrechter  Selbstironie. Früher als junger  Fieldreporter hatte ich Todesangst vor dem Mann.

Profitieren die beiden Genres demnach voneinander?

Unbedingt. Meiner festen Überzeugung nach, ist Sport vor allem live eine großartige Schule für alle Genres, die man besonders jungen Kollegen anderer Ressorts nur wärmstens empfehlen kann. Erstens, weil man bei aller Vorbereitung immer spontan und frei spricht; in der heute-show musste ich mich deshalb mit dem Tele-Prompter erst langsam anfreunden und habe stets darum gekämpft, wenigstens ab und zu Politiker ins Studio einzuladen, damit ich mal länger  ungescriptet  reden kann.

Und zweitens?

Weil man in Echtzeit erkennen muss, was die Geschichte des Abends wird. Das Schönste am Sport ist ja, dass sie sich bis zum letzten Moment nochmals komplett drehen und jedes redaktionelle Konzept über den Haufen werfen kann. Wenn kurz vor Schluss ein Tor fällt, kann man sich in der Sekunde lauter neue Fragen ausdenken. Dennoch nimmt man im Vergleich zur Satire als Moderator natürlich mehr eine Service-Funktion ein, bei der man sich nicht zu sehr in den Vordergrund drängen sollte.

Haben Sie nach ersten Erfahrungen als Zeitungsjournalist ihr komödiantisches Talent deshalb zunächst im brachial komödiantischen Frühstyxradio bei Radio FFN ausprobiert, wo man als Person unsichtbar bleibt?

Klar ist man im Radio etwas anonymer. Die Zeit beim Frühstyxradio möchte ich nicht missen,  wir  haben damals eine ganze Generation in Norddeutschland charakterlich und sprachlich versaut. Von dort bin ich allerdings relativ schnell über Reinhold Beckmann bei Sat1 und ran gelandet, wo ich mehrere Jahre lang nur Sport moderiert habe, als Autor und auf der Bühne aber weiterhin Comedian war.

Gibt es demnach eine Linearität ihrer journalistisch-humoristischen Entwicklung?

Nein. Das einzige, was sich seit Anfang der Neunziger durch mein ganzes Berufsleben zieht, ist das Schreiben für mich und andere. Das  Frühstyxradio war eine gute Vorbereitung in Sachen Wochenaktualität irgendwie  lustig kriegen,  während mich ran daran gewöhnt hat, vor der Kamera zu stehen – was ja nicht allen in die Wiege gelegt ist. Auch wenn ich jetzt klinge, wie Opa erzählt vom Krieg: alles was man in Medienberufen ausprobiert,  ist für irgendwas gut.  Fast nichts davon ließ sich wirklich planen, aber Abwechslung war mir tatsächlich immer wichtig.

Auch, um kein Fachidiot zu werden?

Und geistig wacher zu bleiben. Trotzdem ist da auch immer Glück im Spiel. Wenn das ZDF nicht die Rechte an der Champions League gekauft hätte, wäre ich dort kein Sportreporter geworden. Ich moderiere bis heute gerne Sport, auch wenn die heute show natürlich mein eigentliches Standbein ist.

Wo, was daran gern kritisiert wird, weit mehr mit Grimassen und Lautstärke gearbeitet wird als, sagen wir: in Die Anstalt von Max Uthoff und Claus von Wagner?

Keine Ahnung, welche Folge Sie gesehen haben, aber Grimassen spielen eigentlich keine Rolle in unserem Konzept. Was stimmt, wir behandeln drei, eher vier Themen pro Sendung, die Anstalt in 45 Minuten nur eins. Klar gehen die mehr in die Tiefe, wir haben uns halt früh für ein höheres Tempo und eine bestimmte  Pointendichte entschieden. Zu dieser Form von Leichtigkeit stehe ich.

Und haben nicht das Bedürfnis, auch mal ins gravitätischere, vom Feuilleton hochgeachtete Kabarett zu wechseln?

Die Anerkennung des Feuilletons verläuft immer in Wellen. Die Tatsache, das wir einen Grimme und einen Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis haben, deutet ja darauf hin, das wir in Wirklichkeit nicht ausschließlich für platte Gags stehen. Fakt ist, meine persönliche Sehnsucht nach humoristischem Frontalunterricht hält sich weiter in Grenzen. Der Preis, den wir dafür zahlen , ist zwar, dass sich das Feuilleton zur Beschreibung unseres Humors auch in Zukunft wohl nur jene Gags herauspicken wird, die voll auf die Zwölf gehen, aber hilft ja nix.  Es ärgert mich zugegebenermaßen manchmal, andererseits wer beruflich austeilt, sollte auch einstecken können.

Trotzdem reiten Sie noch immer gern auf Versprechern herum.

Versprecher um ihrer selbst Willen kommen bei uns nicht vor. Auch so ein unausrottbares Vorurteil. Die schaffen es nur in die Sendung, wenn es eine zusätzliche inhaltliche Ebene gibt, oder wenn es sich um Freudsche Versprecher handelt.  Wie  neulich, als Frau Merkel aus Versehen gesagt hat, sie würde am Jahresende aufhören.

Der schwerere Vorwurf, den sich die heute-show etwa in einem Artikel des Cicero gefallen lassen musste…

… die Förderung von Politikverdrossenheit, ich weiß. Aber so wie wir – mich eingeschlossen – alle mehr aushalten müssen, muss es auch die Politik. Was sich nicht bestreiten lässt, in der aktuellen Die-da-oben-wir-da-unten-Stimmung haben auch wir als Komiker eine größere Verantwortung als früher, immer sachlich korrekt  zu arbeiten. Die Crux ist, dabei nicht zu verkrampfen. Andererseits hatte Satire noch nie die Aufgabe, zu beschreiben, was gerade richtig gut  läuft im Land.

Das machen die Objekte ihres Spotts ja auch selber.

Deshalb sind weder Satire noch Journalismus schuld daran, wenn die Politik mal  im schlechten Licht steht, sondern die Politik selber. Alles andere wäre auch zu viel der Ehre. Satire bewirkt gesellschaftlich betrachtet wenig, kann aber als eine Art Einstiegsdroge  wirken, Menschen auf bestimmte Themen stoßen, und so im Idealfall der Politikverdrossenheit entgegen wirken. Wir erleben ja gerade eine unglaublich politisierte junge Generation, und tatsächlich freue ich mich über jeden, der heute Politiker werden will. Die vielleicht größte Gefahr für repräsentative Demokratie ist, dass sie irgendwann niemand mehr repräsentieren will.


Oliver Welke: 10 Jahre heute-show Teil 1

Wir habe keine Fünfjahrespläne

Seit zehn Jahren moderiert Oliver Welke die heute-show im Zweiten und hat das Satire-Format dort trotz aller Kritik an vielfach brachialer Komik zu einer wichtigen Stimme der heiteren Vernunft im Land gemacht. Ein Interview in zwei Teilen über politischen Humor, schwarz-gelbe Pointenlieferanten, das große Vorbild John Stewart und warum das Radiogewächs Welke gut ohne Instagram auskommt.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Welke, vor ein paar Tagen war die Europawahl – haben Sie eigentlich auch gewählt?

Oliver Welke: Selbstverständlich, warum sollte ich denn nicht?

Weil es schwerfällt, sich eine Partei vorzustellen, die auch nur im Entferntesten Ihren Ansprüchen genügt – so hart, wie sie auf wirklich jede einzelne davon Woche für Woche eindreschen.

Was unbedingt für die Sendung spricht. Das was Sie dreschen nennen ist ja nie Selbstzweck sondern geschieht aus Gründen.

Aber es spricht nicht für irgendeine der grundsätzlich wählbaren Parteien.

Mag sein, aber das ist die Aufgabe der politischen Satire. Und anders als in Talkshows, wo schon darauf geachtet wird, eine gewisse Parität herzustellen, führt bei uns ganz ehrlich niemand Buch darüber, welche Partei gerade zu viel oder zu wenig Fett wegkriegt. Unser einziges Kriterium ist Aktualität. Wenn sich Politiker und Parteien dabei aufdrängen, wird dem nachgegangen.

Und sich wenn eine Partei Sendung für Sendung zum Draufhauen aufdrängt, wäre sie für Sie noch wählbar?

Theoretisch schon. Parteien sind schließlich komplexer als manche einzelne Themen. Und das größte Problem unserer Autoren, mich eingeschossen, ist ja, dass manche dieser Themen auf der Stelle treten, zum Beispiel ständig neue Enthüllungen über den Grenzwertbetrug beim Schadstoffausstoß. Da immer und immer wieder aufs Neue dranzubleiben, ist aus journalistischer Sicht Normalität, aus satirischer hingegen echt kompliziert. Trotzdem müssen wir es unabhängig von jeder Parteipräferenz weiter bedienen.

Rufen die Vertreter der bedienten Parteien oder Unternehmen am Montag drauf noch in der Redaktion an, um sich über die Ungleichgewichtung zu beschweren?

Früher vielleicht. Heute läuft das deutlich subtiler. Angeblich meldet sich zwar schon hin und wieder jemand in Mainz, aber weil wir eine Produktionsfirma sind, die ihr Produkt schlüsselfertig in Köln produziert und dann ans ZDF übergibt, ruft hier keiner an. Außerdem sitzen die Betroffenen ja teilweise in den Gremien der Fernsehsender, wo sie sich wahrscheinlich schon mal offen oder hinterher in der Kantine beklagen. Mit dem Sender ist klar vereinbart, dass ich nicht jeden Wasserstand beleidigter Leberwurst vom Lerchenberg hören muss .

Es gibt also nicht Reaktionen aus der CSU, die Sie ständig zwischen den Zähnen haben?

Natürlich ist in zehn Jahren ab und an zu uns durchgedrungen, dass die sich doch etwas zu oft bei uns im Bild sieht. Aber falls es der Nachrichtenlage entspricht, ist das eben so. Wir sind argumentativ absolut safe, haben keine Fünfjahrespläne, keine Kampagnen, keine Agenda, nur die Aktualität. Von einer Nachrichtensendung unterscheiden wir uns also nur darin, über Sachen, die eigentlich gar nicht lustig sind, auch noch Witze machen zu müssen.

Aber gibt es nicht dieses journalistisch verankerte Bedürfnis, ausgewogen zu berichten?

Für meine Kollegen kann ich da nicht sprechen. Ich habe dieses Bedürfnis nicht. Sicher entstehen zu vielen Sachverhalten schon deshalb Überzeugungen, weil sie irgendwann auf mehr als nur oberflächlicher Tageszeitungslektüre beruhen. Aber das sorgt nicht dafür, alle Seiten stets gleichermaßen beleuchten zu wollen. Nehmen Sie das Beispiel Grundrente.

Klingt nur bedingt humortauglich…

Es wird aber dadurch spannend, dass dieses Thema seit 2009 ununterbrochen in Koalitionsverträgen steht und jede Regierung versichert, wie wichtig es sei, dass auch Geringverdiener später  mehr als Grundsicherung kriegen. Bis auf die Tatsache, dass die Grundrente seither mindestens siebenmal den Namen verändert hat, passiert jedoch nichts, Null. Das allein ist für  uns Antrieb genug, es immer und immer wieder in die Sendung zu nehmen.

Ist Ihr persönlicher Antrieb ausschlaggebend dafür, was in der Sendung landet?

Nicht nur, aber auch, ja. Ich arbeite zwar an meiner absolutistischen Herrschaft über die Redaktion, aber bislang sind wir noch immer ein Team aus immerhin sieben Autoren, plus Redakteure, die sich jeden Dienstag hier in der Redaktion fürs erste Brainstorming treffen. Und beim Austarieren unserer Grundhaltung zu einzelnen Themen werde ich häufiger mal überstimmt, keine Sorge. Das hat sich in zehn Jahren kaum geändert.

Darüber hinaus ist das Jahr 2009 mit dem jetzigen kaum vergleichbar. Vor der ersten heute-show hatte Obama gerade den Amtseid abgelegt, die AfD gab es noch nicht und trotz Finanzkrise schien die Welt auf eine Art kollektiver Problemlösung zuzusteuern.

Ich erinnere mich dunkel.

War diese Ausgangslage für Satire Ihrer Art dennoch vergleichbar mit der heutigen?

Nein, dafür sind die Zeiten tatsächlich zu anders. Dass eine rechtspopulistische Partei bald darauf in allen Parlamenten sitzen würde, war seinerzeit ebenso undenkbar wie ein Präsident Donald Trump. Andererseits gab es die Überzeugungen beider auch 2009 schon, sie wurden nur weder legislativ noch exekutiv repräsentiert. Und wenn Sie die Tea Party nehmen, die schon damals in den USA die Grenzen des Sagbaren ausgeweitet hat, frage ich mich, ob wirklich die Zeiten so grundlegend andere sind oder doch nur die Aufmerksamkeit dafür.

Und Ihre Antwort?

Beides richtig. Mit den sozialen Medien, die damals noch weit weniger Einfluss hatten, wird die Aufmerksamkeitsspanne zusehends kürzer. Was zur Folge hat, dass sich alle politischen Akteure bis hin zu uns Moderatoren und Medien permanent unter dem Zwang sehen, jede noch so irre News sofort rauszuhauen oder  zu kommentieren. Säue wurden auch früher durchs Dorf getrieben, aber heute jagt man immer nur neue hinterher, statt die alten einzufangen.

Was allerdings auch für ein Format wie die heute-show gilt.

Absolut. Deshalb müssen wir uns ständig aufs Neue fragen, worauf wie anspringen und worauf nicht. Ich selber bin da ein wenig Oldschool.

Inwiefern?

Mir geht das oft zu schnell. Ich appelliere gern mal an die Jüngeren, Netzaffineren, noch mal kurz in sich zu gehen, ob die Welt diesen Hype jedesmal  braucht und vor allem: ob sich was Originelles, Lustiges daraus machen lässt. Da hat unsere Show  den Vorteil, dass wir von Montag bis Freitag  Zeit haben,  darauf herum zu denken und wahrscheinlich ein Drittel aller Ideen wegzuwerfen, bevor sie auf Sendung gehen. Die Zeit hat das heute-journal nicht, vom Internet ganz zu schweigen.

Sind Sie auch insofern Oldschool, dem Internet generell zu misstrauen?

Das nicht, aber es birgt die Gefahr, sich permanent zu wichtig zu nehmen. Deshalb komme ich sehr gut ohne Twitter oder Instagram aus und beantworte mir die Frage, ob die Welt meine Meinung oder Fotos wirklich braucht, meistens mit Nein. Klingt wie Kokettieren oder?

Schon.

Meine Eitelkeit findet es durchaus schön, dass ich einmal die Woche sehr prominent in einem Fernsehformat auftauche. Aber den Rest der Woche kann ich prima Privatperson bleiben, die der Öffentlichkeit einfach unterschlägt, was auf ihrem Mittagsteller zu sehen ist. Ich bin nichtmal bei WhatsApp.

Zugleich aber füttert das Internet die heute-show permanent mit Input.

Deshalb möchte ich es auch definitiv nicht mehr missen; die sozialen Medienkanäle von Söder bis Scheuer sind pures Comedy-Gold; da beiße ich nicht in die Hand, die mich füttert.

Sind diese verrückten Zeiten also bessere oder schlechtere Zeiten für Komiker als die ruhigeren vor zehn Jahren?

Bessere, definitiv. Unsere Quellenlage hat sich immens verbessert. Hinzu kommt, dass die Parteien mittlerweile eigene Newsrooms betreiben und Informationen ohne lästiges Kuratieren durch Journalisten nach außen geben. Darüber hinaus wäre ich mir aber gar nicht so sicher, ob die Jahre unter Schwarz-Gelb dramaturgisch anders waren; sie wurden weniger aufgeregt verarbeitet als heute, waren aber nicht weniger irre. Auch vor zehn Jahren gab es also viel zu tun für uns.

Ihr Vorbild war seinerzeit die Daily Show von John Stewart.

Na ja, eines von ungefähr drei, vier Fake-News-Formaten, wie diese Pseudo-Nachrichten damals noch relativ arglos hießen, bevor Donald Trump den Begriff kontaminiert hat. Aber John Stewarts war definitiv die beste, klügste, einflussreichste. Von der wir allerdings praktisch nur den Schreibtisch mit Grafikacheln und Fake-Schalten aus der Greenbox übernommen hatten – wenngleich mit sehr deutschem Fokus und deutschen Figuren, die wir parodiert haben.

Das Interview ist vorab im Medienmagazin journalist erschienen. Freitagsmedien bringt den 2. Teil am kommenden Donnerstag

Jantje Friese & Baran bo Odar: Dark & Drogen

Lieber dorthin, wo es wehtut

Das neue Traumpaar des Streamingfernsehens heißt Jantje Friese und Baran bo Odar (Foto: Netflix) Seit Jahren schon sind die Autorin und der Regisseur nicht nur ein Liebespaar, sondern das derzeit erfolgreichste Team am Serienhimmel. Davon zeugt besonders ihr Netflix-Welterfolg Dark. Ein Gespräch über dunkle Phantasien, schicksalhaften Determinismus und wie es war, mal getrennt zu arbeiten.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Friese, Herr Odar, die Atmosphäre der zweiten Staffeln von Dark ist sogar noch trübsinniger als in der ersten. Spiegelt sich das eigentlich auch in der Stimmung am Set wieder oder lacht man sich die Dunkelheit dort im Gegenteil sogar weg?

Baran bo Odar: Eher letzteres. Das ist bei mir allerdings fast immer der Fall, weil ich – obwohl ich bislang eigentlich nur so düsteres Zeug gemacht habe – am Set eher ein Clown bin. Andererseits finden wir Dark gar nicht so düster wie die meisten.

Ach…

Jantje Friese: Also die Bücher sind schon sehr ernst, sehr dramatisch, mit ganz seltenen humoristischen Akzenten. Aber was Bo meint: Wir empfinden Dinge, die andere womöglich als düster und abschreckend empfinden, oftmals als viel heller und können uns sehr gut über abgründige Themen unterhalten.

Odar: Am Set geht es aber auch deshalb so lustig zu, weil die Schauspielerinnen und Schauspieler etwas extrem emotional darstellen, was nicht einfach so stattfindet, sondern meistens große Bedeutung hat. Das ist auch ein Grund, warum ich stets bemüht bin, die Leute zwischen den Takes aufzulockern. Am Ende steht das schöne deutsche Wort Schauspieler ja anders als der englische Actor fürs Spielerische; da kann und muss man auch mal was riskieren. Ein Filmset ist da wie ein Sandkasten.

In dem Sie Ihre Adressaten – das Publikum – allerdings über Stunden hinweg um jede Chance bringen, Licht am Horizont zu sehen, also Hoffnung zu schöpfen…

Odar: Und zwar ganz bewusst. Ich glaube nämlich, dass der Zuschauer bei seiner Suche nach Hoffnung umso eher im eigenen Leben fündig wird, je schwieriger sie darin zu finden ist. Ich erinnere mich da an David Finchers Seven.

Um einen Serienkiller, der die sieben Totsünden inszeniert.

Odar: Dessen Düsternis fand ich so faszinierend, dass ich zweimal hintereinander ins Kino gegangen bin. Nur eben auch wegen eines Hemingway-Zitats am Schluss: Die Welt ist ein schöner Ort und wert, dass man um sie kämpft. Dieser Hoffnungsschimmer ist uns beiden am Ende wichtig. Es sind schließlich Geheimnisse, die uns kaputt machen, nicht Offenheit. Drogen zum Beispiel: Je geheimnisvoller die behandelt werden, desto verlockender werden sie. Das versuchen wir auch unserer Tochter weiterzugeben.

Friese: Für uns gehört die dunkle Seite fundamental zum Menschen dazu. Wer immer lächelt, ändert ja nichts an den Grausamkeiten der Welt, sondern blendet sie nur aus. Da empfinde ich es als Zuschauerin geradezu als Erlösung, wenn mir die Ambivalenz der Menschheit auch im Film nicht unterschlagen wird.

Das wäre das andere Extrem, jeden Sonntagabend im ZDF. Aufgeweckte Zuschauer suchen allerdings doch auch mal den Mittelweg, von dem zumindest in den ersten drei Folgen der neuen Staffel nicht die geringste Spur zu finden ist. Ändert sich das noch?

Friese: Wenn man sich wie in Dark mit dem schicksalhaften Determinismus beschäftigt, steht die Frage im Zentrum, ob man dem ewigen Kreislauf des Leidens wirklich entgehen kann. Die Antwort gibt es womöglich am Ende der dritten Staffel. Wenn Sie so lange durchhalten, gibt es dort vielleicht die gewünschte Erlösung (lacht).

Baran: Und alle tanzen singend in den Sonnenaufgang.

Sind Sie eigentlich auch von Anfang bis Ende am Entstehungsprozess beteiligt oder endet ihre Arbeit am Schreibtisch?

Friese: Anders als in der ersten Staffel war ich diesmal selten am Set. Weil ich es ehrlich gesagt so langweilig finde, dass ich mich schnell deplatziert fühle. Außerdem bleibt bei der Geschwindigkeit, in der wir für die dritte Staffel liefern müssen, kaum Zeit. Keine Ahnung, wie Showrunner, die alles auf ihre Schultern legen, das alleine hinkriegen. Vier Schultern sind besser.

Odar: Und wir sind ja auch nicht nur privat ein Paar, sondern arbeiten auch seit 16 Jahren die meiste Zeit zusammen.

Und das klappt?

Odar: Das klappt. Wir haben bei Moviepilot die Liste unserer Lieblingsfilme eingegeben und gemerkt, dass der Match bei nahezu 100 Prozent lag. Zwischen uns herrscht eine so organische Übereinstimmung, dass Jantjes Wortsprache oft von selbst zu meiner Bildsprache passt.

Friese: Trotzdem sprechen wir natürlich, viel sogar. Ich brauche unbedingt sein Feedback. Aber schon, weil wir früher auch vieles gemeinsam geschrieben haben, wissen wir oft auch ohne viel Worte, wo es hingehen soll.

Sind Sie dennoch trotz dieser Bindung quasi Tag und Nacht bei der Arbeit?

Friese: Da kommt man in unserer Konstellation nicht drumherum.

Odar: Keine Chance.

Friese: Wir sind zwar nicht mit uns, aber unseren Projekten verheiratet.

Odar: Und die gehen so nahtlos ineinander über, dass am Ende vom einen bereits die Arbeit am nächsten beginnt.

Puh, klingt anstrengend.

Odar: Ist es auch manchmal und macht bisweilen sehr müde. Aber ich habe es lieber so, als fünf Jahre auf den nächsten Film zu warten. Wir können uns nicht beschweren. Ein Künstler hört nie auf, Kunst zu machen. Meine schlimmste Vorstellung war immer, fünf Tage von nine to five aufs Wochenende hinzuarbeiten.

Friese: Das ist für Außenstehende oft schwer zu verstehen, aber genau das, was wir wollen. Dennoch brauchen wir die Wochenenden gerade äußerst dringend.

Könnten Sie denn nach zehn Jahren im Duett überhaupt noch mit anderen arbeiten?

Odar: Doch, ich habe in den USA einen Film gemacht. Komplett ohne Jantje.

Friese: Verrückt.

Odar: Aber da habe ich schon auch gemerkt, dass ich mit ihr lieber arbeite.

Was ja auch dem Vertrag entspricht, in dem Netflix sie beide vollständig an sich gebunden hat.

Friese: Nur fürs Fernsehen. Wir haben einen exklusiven Serien-Deal mit Netflix. Kinofilme dürften wir auch woanders machen.

Ist denn nach der dritten Staffel definitiv Schluss mit Dark?

Odar: Das war von Anfang an der Plan, und er bleibt es auch. Wir wollten nie das Schicksal von Lost teilen, das klar ersichtlich auf drei Staffeln ausgelegt war, wegen des Riesenerfolgs aber immer noch weiter und weiter fortgesetzt wurde.

Haben Sie nach all der Tristesse danach denn womöglich das Bedürfnis, etwas Leichtes, womöglich gar Heiteres zu machen?

Friese: Nee, wir sind als Menschen schon heiter genug. Außerdem musste ich beim Versuch, zwei Komödien zu entwickeln, feststellen, dass das nichts für mich ist. Es hat mich in meinem Fach des Dramas zwar ungeheuer weitergebracht, kommt aber nicht organisch aus mir heraus. Ich gehe lieber tiefer dorthin, wo es wehtut.

Odar: Weil ich am Set so viel Quatsch mache, wird mir zwar oft nahegelegt, mal Komödie zu machen. Aber wenn, dann müsste es was richtig bizarr Fieses wie die norwegische Serie Norsemen sein, die Vikings verarscht.

Friese: Unglaublich witzig, wir haben echt Tränen gelacht.

Odar: Sehen Sie – wir beide.

Das Interview ist vorab bei DWDL erschienen

Das Wichtigste im Leben: Vogel & Lamprecht

Normaler Wahnsinn des Lebens

Jürgen Vogel ist ein alter Hase in der obersten ersten Besetzungsriege von Film und Fernsehen, Bettina Lamprecht dagegen noch relativ neu dort, gemeinsam spielen sie nun die Eltern dreier Kinder in der fabelhaft leichtfüßigen und dennoch höchst präzisen Familienserie Das Wichtigste im Leben, mittwochs auf Vox.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Lamprecht, Herr Vogel – wenn man hinter Ihrer Familienserie Das Wichtigste im Leben ein Satzzeichen setzen würde, wäre es ein Frage- oder Ausrufezeichen?

Jürgen Vogel: Gute Frage, keine Ahnung. Aber wir beide hatten mit der Auswahl des Titels ja auch nichts zu tun. Und wenn es anders gewesen wäre, hätten wir ganz sicher einen anderen gewählt.

Lamprecht: Und weil der Titel außerdem ja kein Satzzeichen hat, würde ich mal denken, dass eher beide gelten.

Gibt die Serie denn Antworten darauf, was das Wichtigste im Leben sein könnte, oder stellt sie nur Fragen?

Lamprecht: Ich hoffe jedenfalls schwer, dass nicht ersteres der Fall ist. Ich finde Fragen grundsätzlich interessanter als Antworten.

Vogel: Wobei gar nicht so wichtig ist, welche Fragen es stellt oder wie klug die genau sind, sondern ob sie dem Zuschauer Anregungen zum Nachdenken liefern. Und weil jede Figur unserer Serie auf der Suche nach dem jeweils besten Weg durchs Leben in einem berührenden, authentischen Tonfall erzählt wird, könnte das aus meiner Sicht auch klappen.

Lamprecht: Es geht darum, welche Rolle jeder in der Familie und darüber hinaus spielt. Wie viel Raum muss man sich selber nehmen, wie viel Raum den anderen geben? Darum geht es doch schließlich in jedem sozialen Zusammenhang.

Der sich im Fall der Familie Fankhauser mit schwer pubertierender Tochter, kleinerem Bruder und einem Adoptivkind mit abruptem Interessenswandel von Basketball zu einer völlig anderen Beschäftigung als dauerhaftes Ringen, fast schon Kämpfen um Nähe und Abgrenzung zeigt.

Lamprecht: Stimmt, Nähe und Abgrenzung bilden den Kern der Serie, aber nicht nur der Kindern, sondern auch meiner Rolle als Frau und Mutter, die nach Aufgaben außerhalb der Familie sucht, ohne sich von ihr abzugrenzen.

Vogel: Und diese Suche ist in der Tat oft ein Kampf.

Der Genrebegriff Feel Good, mit dem hierzulande Familienserien oft etikettiert werden, passt demnach nicht so richtig auf Das Wichtigste im Leben oder?

Lamprecht: Absolut, aber die offizielle Überschrift „Familiendramaserie“ trifft es irgendwie auch nicht; dafür steht das Drama nicht genug im Vordergrund.

Vogel: Für Etiketten sind aus meiner Sicht eher Kritiker wie Sie zuständig; wir sind dafür zu sehr involviert. Richtig ist aber, dass solche Serien vor zwanzig Jahren noch anders konzipiert waren. Da wurde Familie tendenziell viel eher als heile Welt erzählt. Heutzutage ist Realismus wichtiger, also die Normalität des Lebens nicht weich zu zeichnen. Das schafft definitiv mehr Identifikationsmöglichkeiten.

Lamprecht: Und genau deshalb schlagen die Amplituden wie im wahren Leben bei uns in beide Richtungen aus, also Tragödie und Komödie – weil der alltägliche Wahnsinn des Familienlebens auch in der Realität oft eine Prise Humor enthält.

Vogel: Es geht eben darum, Normalität unterhaltsam zu machen, ohne sie zu überzeichnen.

Im Laufe der Serie tauchen also nicht noch dunkle Geheimnisse und menschliche Abgründe auf?

Vogel: Nein, wir wollen den normalen Wahnsinn des Lebens so erzählen, dass er auch ohne Knalleffekte spannend ist.

Lamprecht: Am Ende der ersten Staffel löst sich schon ein geheimnisvoller Bogen auf, aber eben kein allzu ausgefallener. Es gibt also weder eine Drogenküche im Keller noch Ufos auf dem Dach. Gibt’s bei uns zuhause ja auch nicht.

Schöpfen Sie für Ihre Rollen daher auch aus eigener Familienerfahrung?

Vogel: Ich schöpfe auf der Suche nach der bestmöglichen Lösung bei jeder Rolle aus meinem eigenen Leben oder wie ich die Dinge als Schauspieler und Mensch sehe – selbst, wenn es um einen Mörder geht.

Lamprecht: Anders könnte ich gar nicht spielen. Aber bei diesen Drehbüchern war es auch leicht, an eigene Erfahrungen anzuknüpfen.

Haben Sie sich als Eltern beide denn manchmal auch wiederentdeckt in Kurt und Sandra Fankhauser, ihren Denkweisen, Alltagshandlungen, womöglich auch Verschrobenheiten?

Vogel: Ich finde Kurt besonders in seiner Verschrobenheit toll, will mich aber nicht in dieser Figur spiegeln.

Lamprecht: Ich konnte in fast jeder Szene irgendwelche privaten Gefühle oder Erlebnisse heranziehen, und hätte da entsprechend oft genauso oder genau anders reagiert als Sandra. Zum Glück geht es hier aber nicht um mein Leben.

Vogel: Über mein eigenes will ich öffentlich aber ohnehin auch gar nicht so viel preisgeben, ganz ehrlich.

Die Frage war Ihnen also zu boulevardesk?

Vogel: (lacht) mir persönlich ja.

Ist trotzdem die erlaubt, was für Sie beide das Wichtigste im Leben ist?

Vogel: Fragen darf man alles, aber schon, weil diese hier jetzt fast unvermeidbar ist, war ich so strikt gegen den Titel. Meine Antwort lautet daher: gute Verdauung.

Lamprecht: Für mich ist es ein Zusammenspiel aus mehreren Dingen, und das sage ich nicht, um mich vor der Antwort zu drücken, sondern weil es die eine eben nicht gibt. Unter den vielen Faktoren, die mein Leben besser machen, ist daher natürlich auch Familie enthalten. Aber auch mein Beruf, Humor, Offenheit, Selbstreflexion – all so was ist mir wichtig.

Hatten Sie denn einen Alternativ-Titel im Kopf?

Lamprecht: Es gab sogar einen, aber der wurde verändert.


Axel Stein: Pudelmütze & Rainman

Ich habe noch viel auf der Agenda

Nach seinem Durchbruch mit Hausmeister Krause, drohte Axel Stein die ewige Pudelmütze mit Babyspeck. 20 Jahre später und 45 Kilo leichter überzeugt er in Filmen wie Die Goldfische oder Mein Freund das Ekel als seriöser Darsteller. Ein Gespräch über Kindheitsidole, Selbstbefreiung, Dürrephasen und warum er möchte, dass man sich an seinen Horrorfilm erinnert.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Stein, mit Hausmeister Krause hat Ihre Karriere 1999 eher ulkig begonnen und ging auch danach meist komödiantisch weiter. Wann haben Sie erstmals gemerkt, dass die Branche Ihnen auch ernstere, um nicht zu sagen: seriösere Rollen zutraut?

Axel Stein: Das war ein schleichender Prozess. Wer elf Jahre eine Sitcom mit Pudelmütze auf dem Kopf dreht, wird natürlich schon mal in Schubladen gesteckt. Aber ich habe auch zu Beginn meiner Karriere ganz andere Sachen gedreht, um die nur weniger Hype gemacht wurde.

Aber wenn man wahllos auf der Straße fragt, für welche Art Filme Axel Stein so steht, verweisen sicher 100 Prozent all jener, die Sie kennen, auf die Sachen mit dem Hype…

Mag sein. Aber auch, wenn die Branche das wohl differenzierter sieht, ist es absolut okay so. Ich liebe Komödien, weil ich es liebe, zu unterhalten. Der Großteil meiner Filme darf daher auch weiterhin lustig bleiben. Aber wenn man weiterhin in der Pudelmützenschublade steckt, obwohl die Bandbreite längst erweitert ist, wird halt deutlich, dass man‘s nie allen recht machen kann. Muss man ja auch nicht; ich habe mit dem, was ich tue, meine Mitte gefunden und lasse mich da von außen nicht beeinflussen.

Nein?

Nein.

Aber?

Es ist eben so, dass Komödien oft besonders erfolgreich sind, weil sich die Leute damit besser von der Realität ablenken als mit einem Drama. Das lässt sich gerade im Kino einfach schwerer vermarkten als was Lustiges.

Das heißt, Sie waren auch in Ihrer Pudelmützen-Phase stets mit ernsten Stoffen präsent, aber nur nicht so sichtbar damit?

Ja, natürlich. Auch wenn das erst mit zunehmenden Alter mehr wurde.

Mir persönlich ist der ernste Axel Stein als ernster Axel Stein erstmals bei Pastewka aufgefallen, als er das Gegenteil der ulkigen Titelfigur war.

Mit Christina do Rego, ich erinnere mich. Das ist auch schon 13 Jahre her und war seinerzeit genauso gewollt, um mich als Gegenteil meines eigenen Klischees zu zeigen. Hat gut funktioniert, finde ich.

So gut, dass Sie jetzt zwar immer noch Komödien spielen, aber mit komplizierterem Rollenprofil wie Ihr Autist „Rainman“ im Kinofilm Die Goldfische.

Genau, eine enorme Herausforderung – schon weil die Vorbereitung so umfangreich war. Wir haben uns monatelang mit Autismus in all seinen Ausprägungen beschäftigt, um uns über die Figur nie lustig zu machen und Betroffenen auf die Füße zu treten, sondern ernst zu nehmen. Das ist ein sehr schmaler Grat.

Bereiten Sie sich auf all Ihre Rollen so vor, um diesen Grat nicht zu verlassen?

Ich bereite mich in der Tat immer gut vor. Aber um den Rainman so hinzukriegen, wie ich mir das vorstelle, war schon noch etwas mehr als üblich vonnöten.

Ist diese Vorstellungskraft der wichtigste Maßstab Ihrer eigenen Qualitätsansprüche?

Weil ich es am Ende selber umsetzen muss, schon. Andererseits kommt es immer auf den Regisseur oder die Regisseurin an, wie viel Freiraum sie mir als Schauspieler gewähren. Bei Alireza Golofshan war er relativ groß; zumal viel von dem, was letztlich zu sehen ist, improvisiert war.

Das kommt dem Komödianten in Ihnen vermutlich besonders zupass; nichts ist unkomischer als abgelesene Witze!

Weil Improvisation weniger mit Humor als mit Timing zu tun hat, bin ich mir da gar nicht so sicher und halte mich auch generell gern ans Drehbuch, sofern das erforderlich ist. Unabhängig vom Genre kommt es darüber hinaus halt aufs Projekt an. Beim einen ist Improvisation verschwendete Zeit, beim anderen der Wesenskern. Die Kunst des Schauspielens besteht darin, zu wissen, wann was angebracht ist. Und manche Kollegen mögen Improvisation überhaupt nicht, andere blühen dabei förmlich auf.

Zum Beispiel?

Moritz Bleibtreu. Mit dem läuft so was super! Oder Dieter Hallervorden, eines meiner absoluten Kindheitsidole.

Neben dem Sie in der ZDF-Komödie Mein Freund, das Ekel allerdings mal wieder nur sich selbst als lustigen Sidekick spielen…

Was heißt nur? Ich spiele da mit einem der besten Schauspieler. Nach einem Buch, das ich sehr gut finde. Unter einem Regisseur, mit dem ich schon etliche Filme gedreht habe.

Wobei Dieter Hallervorden im hohen Alter eine ähnliche Entwicklung von der Ulknudel zum Charakterdarsteller gemacht hat und nun dafür kämpft, dass auch sein Frühwerk Anerkennung findet.

Zu Recht!

Stecken in Ihren Frühwerken bei tieferer Betrachtung auch anspruchsvollere Metaebenen oder waren die einfach leichte, fröhliche Unterhaltung?

Größtenteils waren die einfach leichte, fröhliche Unterhaltung. Ob ich dafür im Alter größere Anerkennung suche, ist dann vermutlich eine Charakterfrage. Aber es wäre schon auch schön, wenn man sich dann zum Beispiel an mein Regiedebüt „Tape_13“ erinnert, einen Horrorfilm, den zwar nur wenige gesehen haben, dem aber die Ehre zuteil wurde, auf der Berlinale zu laufen. Ansonsten lernt man mit jedem Projekt dazu und erweitert den Horizont. Das ist ja das Schöne an diesem Beruf.

Welches Projekt könnte da denn noch fehlen?

Ach, so einige. Ich bin diesbezüglich noch ziemlich hungrig, wage mich grundsätzlich in jedes Casting und drehe deshalb ab nächster Woche in Madrid meinen ersten internationalen Kinofilm, so eine Art spanisches Ocean‘s Eleven, mit mir als deutschen Hacker.

Sie sprechen Spanisch?

Nee, wir drehen Englisch. Und auch das wird mit Sicherheit eine Erfahrung, aus der ich lange schöpfen kann. Schließich hab ich noch unheimlich viel auf der Agenda und neige dazu, mehrere Sachen gleichzeitig anzupacken.

Neigen Sie angesichts der unsicheren Lage als Schauspieler denn auch dazu, lieber mal ein Projekt mehr anzunehmen als nötig, um für Dürrephasen vorzusorgen?

Kommt drauf an. Wir alle haben schon Filme gemacht, die man im Rückblick betrachtet besser mal gelassen hätte. Das hat allerdings oft eher damit zu tun, als Schauspieler den Einfluss aufs Projekt mit der Vertragsunterschrift abzugeben. Man weiß zwar nie genau, was am Ende rauskommt, aber auch da bleibe ich gelassen.

Sie werden also nicht nervös, wenn mal ein halbes Jahr nichts zu tun ist?

Ja. Obwohl selbst dann nicht untätig herumsitzen und auf Anrufe warten würde. Im Zweifel würde ich mir selber etwas entwickeln. Zurzeit versuche wir grad eine Serie an den Mann zu bringen, über die ich allerdings noch nichts sagen darf. Mir wird gewiss nicht langweilig.


Constantin Lieb: Arte, Eden & Dominik Graf

Fiktion ist subtiler

Obwohl der Nachwuchsautor Constantin Lieb (Foto: Antony Sojka) vor sechs Jahren noch weithin unerfahren war, hat ihn Arte für sein sechsteiliges Flüchtlingsdrama Eden verpflichtet, das derzeit mittwochs in der ARD läuft. Im Interview spricht der 32-Jährige über das europäische Großprojekt, amerikanisierten Kitsch in Serie und warum er gern mit Platzhirschen wie Dominik Graf arbeitet.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Lieb, während zeitgeschichtliche Ereignisse oft Jahrzehnte brauchen, bis daraus fiktionale Fernsehunterhaltung wird, hat es die sogenannten Flüchtlingskrise sofort zu Dutzenden von Spielfilmen und Seriengeführt. Woher rührt dieses Tempo?

Constantin Lieb: Es gab sogar vor Eden großartige Verfilmungen wie Maggie Perens Die Farbe des Ozeans. Unabhängig davon vollzieht mediale Berichterstattung sich aber generell in Wellen, die je nach Intensität auch das Thema Migration immer mal wieder an die Oberfläche spült – im Autorenkino der Siebziger etwa zum Thema Gastarbeiter.

Allerdings mit großer Verzögerung. Die Anwerbung von Gastarbeitern war schon 1973 beendet. Wie erklären Sie sich die Echtzeit, in der Migration derzeit verarbeitet wird?

Mit dem Hochdruck, unter dem dieses Thema unumgänglich ins kollektive Bewusstsein geraten ist. Es wurde in gewisser Hinsicht unmöglich, einfach wegzuschauen. Wir thematisieren ja etwas, das nicht Teil der Geschichte ist, sondern Tag für Tag für jeden relevant und damit die Politik zum Handeln zwingt. Sich damit nicht nur dokumentarisch auseinanderzusetzen, sondern fiktional, sehe ich als Chance. Fiktion ist emotionaler. Und subtiler. Für viele Menschen sind das unglaubliche Leid und die Strapazen auf der Flucht weiterhin abstrakt. Insofern ist die Fiktion auch eine Möglichkeit der Sensibilisierung.

Erwarten die Zuschauer womöglich sogar vom Fernsehen, ein derart schwelendes Thema umgehend auch fiktional aufzugreifen, um dafür sensibilisiert zu werden?

Erwartungen sind schwer einzuschätzen und noch schwerer zu erfüllen. In einem Land mit so starkem öffentlich-rechtlichen Rundfunk dürfen, ja sollten wir allerdings eine gewisse Erwartungshaltung an die Sender und ihre Verantwortung stellen – auch im Kontrast zu Privatsendern und Streamingportalen, also jenseits marktökonomischer Mechanismen. Dieser Auftrag ist auch eine Chance zur Profilbildung gegenüber dieser vermeintlichen Konkurrenz.

Gab es demnach Direktiven von Arte, das Thema in einer publikumswirksamen Tonalität und Stoßrichtung umzusetzen?

Was ich in der gesamten Entwicklungsphase nach meinem Einstieg in das Projekt erlebt habe, ist eine unglaubliche Offenheit hinsichtlich des dramaturgischen Zugangs und der politischen Haltung. Da haben wirklich alle an einem Strang gezogen, das Thema so realistisch und wertfrei wie möglich und konsequent multiperspektivisch zu erzählen. Es gab zu keiner Zeit Einwände, irgendwas könnte zu drastisch oder verharmlosend dargestellt werden.

Dennoch bedient Arte gewisse Zielgruppen stärker als RTL2. Sollten Sie der kultivierten Filterblase da nicht unterschwellig auch die Schattenseiten der Migration zeigen?

Es war stets unser Anliegen, nicht nur eine Seite dieses brisanten Themas zu zeigen. Dabei haben wir auch immer wieder darüber gesprochen, wie jene zu erreichen sind, die Ressentiments gegen Flüchtlinge hegen. Ich glaube nicht, dass Fernsehen Menschen in die eine oder andere Richtung nachhaltig beeinflussen, also politische Einstellungen verändern kann, aber es gibt Denkanstöße und regt zum Dialog an, ohne zu belehren. Aggressivität basiert ja in der Regel auf Angst, Unkenntnis, Distanz und Fremdheit; all dies kann Fiktion eindämmen. Allerdings nur, wenn man ein Thema wie dieses nicht ausnutzt, um rein unterhaltend zu sein.

Also eine Liebesgeschichte ins Zentrum stellen?

Das wollten wir keinesfalls! Es ging bei aller Komplexität um Augenhöhe aller Protagonisten. Worum es nicht ging: irgendeine Art Wahrheit zu präsentieren oder die Fiktion durch Schauwert, Cliffhanger, emotionalen Kitsch zu amerikanisieren. Ich finde es erschreckend wie sehr deutsche Serienmacher teilweise versuchen, einen bestimmten internationalen Style zu kopieren, der die eigene Identität ignoriert. In unserem Zentrum stehen die Motivationen und Konflikte unserer Protagonisten, ohne Hierarchie und Zuordnung von „richtig“ oder „falsch“.

Wie wird man bei so einem Thema sechsmal 45 Minuten nie pädagogisch?

Indem wir keine der Figuren bloß als gut oder böse darstellen. Eine Unternehmerin zum Beispiel, die ein Konzept erarbeitet hat, wie man Camps privat führt, ließe sich leicht als neoliberale Antagonistin selbstloser Helfer aufbauen. So einfach ist es aber nicht. Sie will in diesem Multimillionen-Markt zwar Geld verdienen, aber mit einem Weitblick, der auch das Wohl der Betroffenen im Auge behält, also nicht nur auf Wachstum gerichtet ist, sondern auch auf das Potential jener Menschen, die ihre Heimat verlassen müssen.

Aber entstammt solch eine Figur nicht dramaturgischem Wunschdenken?

Nein, die gesamte Fiktion basiert auf akribischer Recherche. Wir hatten umfassenden Zugang zu Nichtregierungsorganisationen, der EU und verschiedenen Flüchtlingscamps, haben NGO-Mitarbeiter getroffen, Politiker, Rechtsexperten, Flüchtlinge und Menschen, die sich mit Schmugglern auskennen. Es war dem gesamten Team ungeheuer wichtig, keine Märchen zu erzählen, sondern der Wirklichkeit so nah wie möglich zu kommen.

Haben Sie in der kurzen Zeit, in der Sie als Autor tätig sind, je so umfassend geforscht?

Nie. Es war von Beginn an klar, dass man sich bei solch einem Projekt verpflichtet, ununterbrochen daran zu arbeiten und keine anderen Stoffe parallel entwickelt, wie es oft der Fall ist. Anfangs war ich daher kurz davor, abzusagen; der Respekt, fast die Angst vor der Komplexität war enorm. Gerade deshalb habe ich es aber doch gemacht; schon, um an dieser universellen, oft tagesaktuellen Herausforderung im permanenten Austausch mit allen zu wachsen.

Permanenter Austausch mit allen kann allerdings auch bedeuten, dass einem ständig andere in die Arbeit hineinreden!

Grundsätzlich ja, ich habe es allerdings zu keinem Zeitpunkt so empfunden. Mit etwas Erfahrung findet man heraus, wer bloß aus subjektiver Haltung statt inhaltlicher Beschäftigung Einfluss nimmt. Dies war aber bei keinem im Team der Fall. Eden war für alle Beteiligten ein Ausnahmeprojekt und für mich die Chance, mich zu beweisen und zu lernen.

Begonnen hat das Projekt allerdings mit anderen Autoren…

…richtig. Die Grundidee etwas über die politische Situation in Europa zu machen stammt von Felix Randau und Jano Ben Chaabane. Edward Berger hat dann als erster Regisseur mit Nele Mueller-Stöfen, Marianne Wendt und Laurent Mercier den Stoff entwickelt. Er ist allerdings ausgestiegen, um Patrick Melrose zu drehen. Damit hat sich auch die Autorensituation neu formiert.

Bis dahin war nur eins ihrer mittlerweile drei langen Bücher realisiert worden – Detlev Bucks Asphaltgorillas. Wie bitte kam ein Jungautor wie Sie zu diesem Riesenprojekt?

(lacht) Als Dominik Moll das Projekt als Regisseur übernahm und damit auch der ästhetische, narrative Zugang wechselte, sollte ich zunächst zwei Bücher schreiben. Der Produzent Felix von Boehm, mit dem ich schon lange eine große Vertrauensbasis habe, hat mich schließlich mit seiner Begeisterung fürs Projekt angesteckt und ich konnte mich mehr und mehr einbringen. Die Rolle des Headautors hat sich dann sukzessive herauskristallisiert, da Dominik und ich eine sehr gute Arbeitsbeziehung entwickelt haben. Außerdem bin ich ein Freund des multigenerationellen Arbeitens, das auch bei Detlev Buck und Dominik Graf gut funktioniert hat.

Spüren Sie dennoch ein hierarchisches Gefälle zu den Platzhirschen?

Überhaupt nicht, ehrlich. Das beste Argument gegen Hierarchien ist Qualität, Offenheit und Reflexionsvermögen. Auch Selbstironie sollte man nicht unterschätzen – egal mit wem und für was ich arbeite.

Sehen Sie Ihre Zukunft eher im neuen Kino Serie oder im alten Kino Kino?

Definitiv sowohl als auch. Ich kann und will Serie nicht ohne Kino denken. Es ist fatal, wenn man durch den sich weiter aufblähenden Hype das Kino als Medium vergisst. Als sozialer Ort des Erzählens ist es einmalig und wird es immer bleiben, egal wie groß die Retina-Displays dieser Welt auch sein werden.

Der Text ist vorab bei DWDL erschienen