Ex:Re, Farai, Daniel Romano

Ex: Re

Gescheiterte Beziehungen zu verarbeiten sind oftmals Akte tiefster Zerrüttung. Und während die einen dabei all den Schmerz in sich vergraben, kehren ihn andere radikal nach außen. Elena Tonra ist vom ersten zum Stadium gelangt und hat sich sogar entsprechend umbenannt. Ex:Re heißt das Soloprojekt der singenden Gitarristin des englischen Indiefolk-Trios Daughter. Und als singende Gitarristin arbeitet sie das Scheitern ihrer letzten Liebe nicht nur musikalisch auf, sie verarbeitet es zu einer Ode an den hoffnungsvollen Schmerz. Es ist ein Manifest der reflexiven Konfrontation, schonungslos offen, kompromisslos prosaisch, dennoch oft poetisch.

Mehr aber noch ist es ein musikalisches Werk von unvergleichlicher Emotionalität, dessen Stil an den femizistischen Songwriterpop der frühen Neunziger erinnert. Heather Nova, Alanis Morisette, K’s Choice, Sarah McLaughlin. die mit hingebungsvollem Selbstbewusstsein ihre Schwächen besungen haben und damit erst recht Stärke gezeigt. Auch Elena Tonras Stücke sind von dieser selbstentblößenden Wucht, mit der selbst große Krisen kreativ gemeistert werden. Gesanglich fragil, instrumentell aufmüpfig, geschmeidige Harmonien, durchsetzt von sägenden Samples, dass es in den Ohren schmerzt. Das perfekte Album für die missrate Weihnacht.

Ex:Re – Ex:Re (beggars)

Farai

Zum Auftakt eines Debütalbums gleich mal die Queen dissen, über Drogen, Elend, Armut in der Nähe von Lizzys Buckingham Palast pesten und düstere Drones drunter mixen, das ist ja schon mal ein Statement, wenn man in London lebt. Trotzdem ist die Musikerin mit Namen Farai meilenweit davon entfernt, nur mal einen möglichst provokanten Einstieg in den Nachfolger ihrer hochgelobten EP zu wählen. Um Aufmerksamkeit zu kriegen, Likes womöglich, wohlfeile PR im systemkritischen Underground. Rebirth will schließlich niemanden umwerben. Allein schon, weil Rebirth wirklich von Herzen wehtun will.

Geboren in Zimbabwe, aber schon lange auf der Insel zuhause, drischt die ausdrucksstarke Sängerin eine Art von PolitHop unter die technoiden Flächen ihres Produzenten TONE, dass man schon genau nach Harmonie und Gefälligkeit suchen muss. Dennoch wollen ihre Hymnen an die Heldinnen ihrer feministischen Biografie, die Klagen über Ungerechtigkeit und Armut, die indiegitarrebegleiteten Liebeshasslieder aus dem Abgrund ihrer Wut nicht nur verstören. Sie wollen wachmachen und machen das grandios. Eine furioses Erstlingswerk von der Straße für den Club, drittes Untergeschoss, keine Luftzufuhr, Schweiß von der Decke. Großartig.

Farai – Rebirth (Ninjatune)

Hype der Woche

Daniel Romano

Und wenn man schon ins Obergeschoss will, Saloon-Atmosphäre, viel Licht, höchstens Achselschweiß – dann doch bitte mit einem Sound, wie ihn Daniel Romano in höchster Frequenz produziert. Das achte Album des Kanadiers in acht Jahren macht zum wiederholten Male einen Alternative-Country, der oberflächlich schmeichelt, aber tief darunter gehörig kratzt. Sein ausgesprochen merkwürdiger Gesang in einer Tonhöhe, die der Mittdreißiger eigentlich nicht beherrscht, ist von so entzückender Brüchigkeit, dass man mit ihm danach sofort in die Prärie reiten und am Lagerfeuer weitermachen will. Trotz seiner absurden Cowboy-Outfits ist Finally Free (New West Records) am Ende aber doch eher was für die Kiezbar auf St. Pauli mit schlechtem Bier, aber exzellentem Rausch.

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Collien Ulmen-Fernandes: Boys & Girls

Im  Backmischungswerbespot

Collien Ulmen-Fernandes (Foto: ZDF) ist wunderschön und mit einem A-Promi verheiratet. Umso verbissener löst sich die Moderatorin 20 Jahre nach Bravo-TV vom süßen Image. In der Neo-Reportage No More Boys and Girls kämpft sie – noch in der Mediathek – nun darum, dass auch Kinder den Klischeefallen ihres Geschlechts entkommen. Ein Gespräch über reaktionäre Weltbilder, die frühere Macht des Fernsehens und welche Serien-Figur ihr Vorbild war.

Von Jan Freitag

Frau Ulmen-Fernandes, in der Neo-Reportage No More Boys and Girls machen Sie einen Streifzug durch die Geschlechterwelten unserer Kinder. Wie rosa ist das Leben Ihrer sechsjährigen Tochter?

Collien Ulmen-Fernandes: Für die Antwort würde ich gern etwas weiter ausholen. Es geht weder mir noch der Sendung darum, Kinderzimmer umzugestalten. Mädchen dürfen rosa tragen, genauso wie Jungs mit Autos spielen dürfen. Wir wollen ja nicht den Zeigefinger heben, sondern Horizonte erweitern. Es geht darum, Kindern jenseits tradierter Rollenbilder die Vielfalt der Welt zu zeigen.

Umso schockierender muss es da doch gewesen sein, welch reaktionäre Weltbilder die Kinder der Klasse hatten, die Sie besucht haben?

Absolut. Dass Frauen Flugzeuge fliegen und Männer Floristen sein können, war unvorstellbar. Aber wir dürfen uns als Eltern keine Illusionen über unseren Einfluss machen. Weit wichtiger ist der der Medien, des Fernsehens vor allem, ihrer Freunde und Vorbilder.

Also – wie rosa ist das Zimmer ihrer Tochter?

Sehr! (lacht). Meine Tochter ist zum Beispiel sehr mutig und wild, findet aber, dass Mädchen beim Sprung ins Schwimmbad kreischen müssen und große Autos oder HipHop für Jungs sind. Das hat sie von den Stereotypen ihrer Filme und Bücher. Deshalb appelliere ich mit meinem Buch dafür, im Bücherregal für Diversifikation zu sorgen, um Kinder selbst entscheiden zu lassen, wie sie sein wollen. Rollenbilder sind ein riesiges Puzzlespiel, sie setzen sich aus vielen Teilen und Einflüssen zusammen. Wir Eltern sind nur ein Teil des Puzzles.

Das klingt ganz schön fatalistisch.

Eher realistisch. Die Peer-Group ist halt schon früh wichtiger als Eltern. Ich hab meiner Tochter eine Werkbank geschenkt, aber als sie merkte, dass ihre Freundinnen das blöd fanden, meinte sie, Mama, das ist nichts für mich. Andererseits erleben wir in der Sendung auch, dass Eltern vierjähriger Jungs, die sich T-Shirts aussuchen sollen und welche mit Blumen nehmen, sagen, leg‘ das weg, das ist für Mädchen.

Angesichts der Fortschritte in der Gleichberechtigung ist das doch zum Haareraufen!

Das mag vielleicht für die rechtliche Situation gelten, aber gesellschaftlich sind wir doch nicht wesentlich weiter als in diesem Backmischungswerbespot der 50er, wo es heißt, die Frau habe zwei Lebensfragen: Was soll ich anziehen und was kochen? Faktisch schmeißen 80 Prozent allein den Haushalt. Wenn die Kinder in unserem Film zu 100 Prozent ankreuzen, Putzen sei Frauen- und Geldverdienen Männersache, ist das also nicht reaktionär, sondern deren Realität.

Was hätte Ihre Tochter denn angekreuzt?

Interessanterweise hat sie ihren Vater schon vor der Doku mal gefragt, warum eigentlich immer Mama kocht und den Tisch deckt – kannst du das etwa nicht? Ich finde cool, dass sie sich ohne unser Zutun damit auseinandergesetzt hat.

Können Fernsehsendungen wir diese dafür sorgen, dass das mehr Kinder tun?

Ich glaube schon. Weil die Politik in Fragen nach der gleichberechtigten Aufgabenteilung im Haushalt nicht eingreifen kann und sollte, müssen wir anders in die Köpfe der Menschen. Die Kinder selbst sind häufig ja viel offener für Veränderungen als ihre Eltern. Ich selbst habe es in meiner Kindheit erlebt, dass man mir vor allem technische Fähigkeiten nicht zugetraut hat, also versucht man gar nicht erst, gewisse Dinge zu verstehen.

Wurden Sie klassisch als Mädchen erzogen?

Es gab in dem Spielzeugladen, wo meine Eltern eingekauft haben, keine verschiedenen Abteilungen für Jungs und Mädchen wie heute. Deshalb hatte ich neben Puppen auch Roboter und Dinosaurier. Andererseits war mein Vater gut in handwerklichen Dingen, hat mir aber nie gezeigt, wie das geht. Als ich dann aber meinen ersten Freund mit nachhause brachte, kriegte der sofort einen Werkzeugkoffer in die Hand gedrückt. Das ist mir jedoch erst viel später aufgefallen.

Wann genau?

Als Christian mit zu mir nachhause kam und sofort einen Werkzeugkoffer von meinem Vater kriegte. Und das, obwohl er sich dafür überhaupt nicht interessiert (lacht). Also hab ich angefangen, damit Möbel zu bauen.

Würden Sie sich da als emanzipiert oder gar feministisch bezeichnen?

Weil ich die exakte Definition dafür nicht kenne, lieber nicht.

Emanzipiert ist schon, wer das eigene Handeln verändert, feministisch hingegen, wer auch gesellschaftlich für Gleichberechtigung sorgen will.

Aha. Trotzdem möchte ich mich lieber nicht so bezeichnen. Die Debatten zu der Frage sind mir zu aufgeheizt.

Welches Role Model bieten Sie der Gesellschaft da an – gerade wenn man sich den Anfang Ihrer Karriere vor Augen hält, wo das Fernsehen sie stark auf Ihre Oberfläche reduzieren wollte?

Typisch für den Umgang mit Frauen oder? Andererseits habe ich schon sehr früh damit begonnen, mich gegen schlechte Moderationstexte zu wehren und meine eigenen zu schreiben.

Bucht ein Sender wie Neo dennoch eher die „Sexiest Woman in the World“ des FHM-Magazins 2010 oder doch die Familienkolumnistin der Süddeutsche Zeitung.

Also nach dem, was ich weiß, waren die Redakteure Fans der Kolumne. Trotzdem finde ich, dass Frauen ihre Weiblichkeit sehr wohl zeigen dürfen, ohne dass ihnen gleich jegliche Intelligenz abgesprochen wird.

Dafür gibt es diesen schönen neuen Begriff des Femizissmus.

Und was ist das?

Eine Mischung aus Feminismus und Narzissmus, die Eitelkeit und Geschlechterkampf nicht gegenseitig ausschließt.

Klingt interessant.

Was wollten Sie denn eigentlich mit sechs Jahren werden?

In dem Alter ist die Vorstellung von Beruf noch diffus, aber ich war stark durch die Fernsehserie „Anna“ beeinflusst.

Ende der Achtziger mit Silvia Seidel als Ballerina.

Genau. Das wollte ich damals auch werden. Ich habe später tatsächlich eine Berufsausbildung zur klassischen Tänzerin gemacht und bin dafür schon sehr früh von zuhause ausgezogen.

Was Fernsehen doch mal für einen Einfluss hatte…

Wahnsinn oder?


RTL-Wechsel & Pastoren-Saga

Die Gebrauchtwoche

19. – 25. November

Es gibt Paare, die schienen auf immer und ewig miteinander verbunden zu sein. Das Erste und die Lindenstraße zum Beispiel, der FC Bayern und die Tabellenspitze oder der CDU-Vorsitz und Angela Merkel. Doch weil selbst eherne Verbindungen mal rissig werden, kann selbst die spektakulärste Trennung der Vorwoche nichtüberraschen: Anke Schäferkordt verlässt RTL. Nach 27 Jahren, davon 13 in leitender Funktion. Warum die Geschäftsführerin der deutschen Sendergruppe ihr Amt zum 1. Januar niederlegt und den Aufsichtsrat der Konzernmutter Bertelsmann verlässt, bleibt bislang offen. Zu vermuten ist allerdings, dass der RTL ein Wandel bevorsteht. Und zwar zum Guten.

Schäferkordt war schließlich bis zur Besinnungslosigkeit quoten- und werbehörig. Die Fortsetzung von Deutschland 83in Kooperation mit Amazon Prime zeigte zwar, dass sie wirtschaftlich neue Wege geht. Die wässrige Informationssparte bekam unter der Frontfrau wieder Boden unter den Füßen. Und der Emmy Award für Anna Schudtals Gaby Köster im Biopic Ein Schnupfen hätte auch gereicht bewies gerade in New York, dassder Rot- und Blaulichtsender abseits vom Blitzlichtgewitter durchaus helle Momente hat. Insgesamt aber dürfte das Niveau unterm bisherigen Vox-Chef Bernd Reichart steigen. Die Öffentlich-Rechtlichen sollten gewarnt sein…

Bisdato machen sie sich aber erstmal kleiner als nötig: Nachdem im Rostocker Polizeiruf: Für Janinamehrfach der Slogan FCK AFD zu sehen war, hat die ARD den zugehörigen Aufkleber in der Mediathek retuschiert. Illegale Partei(anti)werbungdröhnte es da von rechts, Verlust der Kunstfreiheit kommt von links – fertig ist ein Sturm im Wasserglas von herausragend lauer Wucht. Da ist es fast relevanter, was die Süddeutsche Zeitung meldet: Der Funk-YouTuber Fynn Kliemann hat sich mit dem Pro7-Berserker Oli Schulz das Hausboot von Gunther Gabriel gekauft. Wenn es so was in den Wirtschaftsteil angesehener Medien schafft, ist der Weltuntergang wohl noch ein bisschen hin.

Die Frischwoche

26. November – 2. Dezember

Apropos Randthemen in zentraler Lage: für alle, die zum Beispiel der Flüchtlingsfrage mehr Bedeutung beimessen als zum Beispiel dem Klimawandel, sind Wölfe mindestens das zweitwichtigste Thema der Welt. Wenn ihnen das Erste heute um 22.45 Uhr die „Story im Ersten“ namens Schützen oder schießen? widmet, dürfte das zwar niemandem vom Gegenteil seiner Meinung überzeugen, aber man kann es ja mal versuchen. Einer der Orte, wo Wölfe wieder heimisch sind, ist übrigens der Spreewald. Seit acht Jahren ermittelt der einsame Wolf Krüger (Christian Redl) zweieinhalb Stunden zuvor in der ostdeutschen ZDF-Wildnis. Und da Nadja Uhl im elften Spreewaldkrimi als seine Ex-Geliebte Tanja vom 2. Fall (im ersten 2006 hatte Krüger nur eine Nebenrolle) zurückkehrt, schließt sich gewissermaßen der Kreis.

Noch am Anfang einer theoretisch endlosen Reihe Roman-Verfilmungen nach Sebastian Fitzeks Bestsellern steht dagegen Amokspiel.Mit Franziska Weisz als Kriminalpsychologin, die einem wirren Entführer (Kai Schumann) das Geiselerschießen ausredet, zeigt Sat1 am Dienstag (20.15 Uhr) den nächsten Baukastenthriller mit Quotengarantie. Wenn Arte ab Donnerstag den dänischen Zehnteiler Ride upon the Storm zeigt, dürfte die faszinierende Pastoren-Saga mit Lars Mikkelsen als Seelsorger, dessen zwei Söhne das Schicksal von Kain und Abel in die Neuzeit übertragen, dagegen kaum beachtet werden. Kulturkanalschicksal.

Ähnliches gilt fürs kreativste Talkformat deutscher Art. In Geschichte eines Abends unterhalten sich wild zusammen gewürfelte Gäste bei steigendem Promillepegel über Gott, die Welt, und das außergewöhnlich unterhaltsam. Weil die Sendung diesmal mit Charlotte Roche als Gastgeberin in der Nacht auf Samstag um 0.15 Uhr im NDR läuft, dürften die Mediathekenzugriffe ihre Erstausstrahlung allerdings weit übertreffen. Noch was? Frank Roisin spielt ab Donnerstag auf Kabel1 Christian Rach und saniert in Ein Sternekoch räumt auf marode Restaurants.

Mit 1983 zeigt Netflix tags drauf sein polnisches Seriendebüt, in dem es natürlich um Solidarność geht. Und die schwarzweiße Wiederholung der Woche ist noch älter als der Anfang vom Ende des Eisernen Vorhangs.Freitag um 23.35 Uhr zeigt der SWR den hochbetagten Wallace-Film Der unheimliche Mönch. Unheimlich beeindruckend ist Peter Kurth als alternder Ex-Boxer Herbert (Montag, 23.05 Uhr, MDR), den krankhafter Muskelschwund zur Reflexion seines bisherigen Lebens nötigt. Und was sie seit 1994 aus ihrem gemacht hat, könnte Veronica mal hinterfragen, wenn sie ihren Münchner Tatort-Auftritt … und die Musik spielt dazu betrachtet. Der BR zeigt ihn morgen zur unverändert besten Sendezeit.


Hotel-Tipp: Arborea Neustadt

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Das Premierenhaus einer brandneuen Hotel-Kette legt gemeinhin die Messlatte für das, was folgen soll. Im „Arborea Marina Resort Neustadt“ ist alles nachhaltig und kommunikativ, dadurch zwar manchmal etwas überspannt, aber ungemein gesellig und zeitgemäß.

Von Jan Freitag

Mascha-Lou sagt „Du“. Aber gut, Mascha-Lou sieht auch nicht nach Siezen aus. Schließlich hat Mascha-Lou diesen Turm schwarz gefärbter Haare überm exaltierten Make-up, von dem allenfalls ihr mannigfaltiges Portfolio an Tattoos in Hundert Farben auf Tausend Hautpartien ablenkt. Mascha-Lou ist halt keine „Rezeptionistin“, wie die Empfangsdamen der gehobenen Gastronomie einst hießen; im „Arborea Marina Resort Neustadt“ nennt sie sich „Welcome Host“. Und der mag es mit Blick auf die Ostsee offenbar zutraulich. Zumindest im „Gasthaus von morgen“, wie Johann Kerkhofs das erste Kind seiner frisch gegründeten Hotel-Familie schon heute nennt.

Vor gut vier Jahren hatte er die Idee einer „total neuen Art Gasthaus mit kommunikativem Konzept“, das er nun – mit zwölfmonatiger Verspätung – mit zwei Partnern nahe Lübeck eröffnet hat. Bis 2028 sollen 19 weitere hinzukommen. Das zweite entsteht bereits im Vorarlberger St. Gallenkirch, dicht gefolgt vom Harzer Gebirgsdorf Schierke. Gemeinsames Motto: „Experience. Together“. Andernorts klänge der Slogan nach der handelsüblichen PR-Prosa, die jede Sauna im Keller zum Spa verklärt und Strukturholzkubismus mit Design verwechselt. Der hemdsärmelige Hotellier allerdings, seit drei Jahrzehnten in der Spitzengastronomie auf drei Kontinenten tätig, hat am Rande von Nordeuropas größtem privat betriebenem Yachthafen tatsächlich dort für Innovation gesorgt, wo zuvor jahrelang ein wilder Parkplatz für Verdruss im Dorf gesorgt hatte.

Und das liegt keineswegs nur am optisch kapriziösen Personal wie Mascha-Lou, die Neuankömmlinge auf dem iPad registriert und en passant veganen Cappuccino aus der sündteuren Siebträger-Maschine nebenan serviert; es hat auch mit dem Ort ihrer Andersartigkeit zu tun. Rein äußerlich mag der dreistöckige Staffelbau im Sandsteindekor noch recht unspektakulär zwischen Ankerplatz und Naturschutzgebiet errichtet sein. Im Innern herrscht das, was der – natürlich sichtbar tätowierte – Gründungsdirektor Jens Lassen „industrieller Look meets maritimes Flair meets open space“ nennt: Wenig Tradition, noch weniger Standards und kaum Glamour, stattdessen viel Holz, mehr Sichtbeton und reichlich Licht.

„Bämm!“, so beschreibt Jens Lassen den Effekt jener Perspektive, die sich den Gästen gleich beim Betreten des Neubaus eröffnet. Vorbei am sorgsamen Durcheinander der luftigen Lobby geht der erste Blick unweigerlich durch ein gewaltiges Panoramafenster aufs sanft gekräuselte Meer vor der Tür. Und dazwischen, quasi als Pufferzone saturierter Ferienkonzepte: The Stairs. Die affenfelsenartige Sitzlandschaft ist das pulsierende Herz des Hotels. Hier materialisiert sich sein Prinzip unbedingter Kommunikation ohne Sicht-, ohne Kontaktbeschränkung. Der Gast soll hier auf Gäste treffen und den Menschen somit vom Individualreisenden zum Gesprächspartner machen. Soweit die Theorie. Und die Praxis? Ist, nun ja, ausbaufähig, aber auf dem richtigen, dem gewünschten Weg.

An einem dieser siedend heißen Tage des ausklingenden Jahrhundertsommers sitzt das Gros der Besucher naturgemäß in den hoteleigenen Strandkörben oder sucht am hoteleigenen Strand nach Abkühlung. Dennoch sind die klimatisierten Polsterbuchten schon tagsüber gut besetzt. Und was sich beim gemeinsamen „Tatort“ auf der Großbildleinwand sogar noch steigert, grenzte am Abend zuvor fast an Disco-Feeling, als ein DJ aus Hamburg „The Stairs“ in etwas zappeligen House tauchte. Alles für Digital Natives der Generationen X bis Z, könnte man meinen, denen der Server im Untergeschoss rasend schnelles W-LAN liefert, während für analogere Altersgruppen ein Set klassischer Brettspiele herumliegt. Und in einer Sitzecke, diesen Anschein erweckt zumindest der merkliche Alters- und Kleidungsunterschied dreier Gesprächspartner, reden tatsächlich Fremde miteinander über das, was hier, klar, „Activity“ heißt.

Trotz der vielen „Hangout-Areas“ ist längeres Stillsitzen in dieser Art Hotellerie ja fast ebenso verpönt wie Industriefleisch. Während blutjunge Animateure mit umgedrehte Basecap noch im Akkord E-Bikes und Standup-Paddles verteilen, wird in der offenen Restaurantküche „Grand Grand Grill“ gerade ein ganzer Holstein-Büffel fürs Abendessen zerlegt. „Der kommt frisch vom regionalen Bauern“, erklärt Jens Lassen die Herkunft des Tieres, das „vorher sogar einen Vornamen hatte“, wie der Steak-Fan spürbar stolz hinzufügt. Er kennt ihn zwar ebenso wenig wie den seines Grillmeisters. In der betont urbanen Atmosphäre des Arborea nennt ihn aber ohnehin jeder nur „Gonzo“, was irgendwie auch besser zu seiner uralten St. Pauli-Mütze passt als förmlichere Anreden.

Die Schollen auf der Karte kamen übrigens am Morgen zuvor direkt vom Kutter und die Brötchen zum Frühstück vom Bäcker ums Eck. Das Gemüse ist regional, das Obst saisonal, vom Ei über den Schinken bis zur Milch alles so nachhaltig, wie es das elegante „Arbor“ im Titel der neuen Hotel-Gruppe, lateinisch für „Baum“, gebietet. Aber ist das schicke Label mit dem blätterumrankten Weingottes am Ende nicht doch bloß gutes Marketing? Natürlich verschwinden in 124 Zimmern der gehobenen Kategorie, die erst gebaut und dann dekoriert, sommers gekühlt und winters geheizt werden, ja enorme Mengen Energie, Ressourcen, Anfahrtswege. Und natürlich ist der ökologische Fußbadruck dieser Art Hotellerie tief.

Darüber hinaus aber wird das Arborea seinem Ziel durchaus gerecht, der Verschwendungssucht im Metier mit allem Komfort Einhalt zu gebieten. Und wenn der fest angestellte Tischler Hagen in der hauseigenen Werkstatt mit Kindern Müll upcyclet, also aus Altglas oder Restholz Lampen und Möbel bastelt, hängt die Moral nach der Abreise womöglich zuhause beim Gast an der Wand. Um Euphorie vorzubeugen: die Flut hipper Anglizismen nervt bisweilen ebenso wie der unterschwellige Zwang, dauernd irgendwie aktiv zu sein – vom horrenden Getränkepreis an den Bars, der den ohnehin kostspieligen Aufenthalt zusätzlich verteuert, bis hin zum unverputzten Zimmer, das zu selten erholsame Gemütlichkeit verströmt, ganz zu schweigen.

Alles in allem aber ist vieles, wenn schon nicht jedermanns Sache, so doch sehr stimmig. Und wer das „Du“ nicht will, beteuert Jens Lassen, kriege auf Wunsch sogar sein „Sie“, kein Problem. Das Arborea sei jenem Robinson-Club, in dem er 16 Jahre lang gearbeitet hat, zwar durchaus ähnlich. „Aber wir wollen dessen Fehler nicht wiederholen“. Gerade an der Ostsee müssten Coolness und Spießigkeit daher sorgfältig kombiniert werden. „Alles zu Ihrer Zufriedenheit?“, fragt Mascha-Lou zum Abschied und scheint beim Wischen übers Tablet kurz vergessen zu haben, wo sie arbeitet. Die Antwort: War schon richtig geil!

Der Text ist vorab in der Süddeutschen Zeitung erschienen

INFO

Preise: Doppelzimmer ab 104 Euro, Familienzimmer ab 189 Euro

Anfahrt: Mit der Bahn über Lübeck bis Neustadt-Holstein, mit dem Auto auf der A1 Richtung Puttgarden, Abfahrt 14 „Neustadt iH Mitte“, rechts auf L309

Adresse: An der Wiek 7-15, 23730 Neustadt in Holstein, Tel.: 04561.71990

https://www.arborea-resorts.com

 


Pranke, Jacco Gardner, Art Brut

Pranke

Es war kein guter Tag für die zeitgenössische Musik, als sich das kanadische Posthardcore-Trio Nomeansno 2016 nach fast 40 Jahren aufgelöst hat – allein schon, weil es ohnehin kaum Bands gibt, die es so virtuos verstehen, Jazz und Punk miteinander zu verbinden, ohne das eins von beiden dabei peinlich wirkt. Jetzt aber gibt es ein Duo, dass – nein; keine würdigen Nachfolger sind, aber der Leerstelle ein wenig anspruchsvollen Füllstoff verpassen. Es heißt mit großem Gespür für gute Namen Pranke und verbindet experimentellen Synthierock so unterhaltsam mit jazzigem Avantgardepop, dass man sich fast schon bei Nomeansno wähnt.

Kennengelernt haben sich der isländische Gitarrist Daniel Bödvarsson und der deutsche Drummer Max Andrzejewski nicht so wahnsinnig überraschend in Berlin, wo kein Geringerer als der unverwüstliche Moses Schneider das Debütalbum produziert hat. Unfassbar gut ausgesteuert zappelt Monkey Business putzmunter, also gar nicht genretypisch verkopft zwischen Mouse on Mars, Retro Stefson, Frank Zappa hin und her, dass man sich unwillkürlich auf einer Karibikkreuzfahrt durch die Plattenbausiedlung wähnt. Das Ergebnis: Pseudodigitaler Krauttechno der allerfeinsten Sorte.

Pranke – Monkey Business (staatsakt)

Jacco Gardner

Kleine Preisfrage: Wer hat wann den ersten Science-Fiction-Roman verfasst und wie hieß er? Die Antwort muss nun wirklich niemand kennen, aber gut: der legendäre Universalgelehrte Johannes Kepler schrieb bereits im Jahr 1608 eine Zukunftsvision mit Namen Somnium, in der er selbst Ende des 16. Jahrhunderts auf dem Mond flog, um damit seine astronomischen Erkenntnisse literarisch zu untermalen. Kein Wunder also, dass Jacco Gardners neues Album mit demselben Titel oberflächlich ein bisschen barock klingt, unterschwellig jedoch leicht futuristisch. Wie immer testet der holländische Multiinstrumentalist mit Wohnsitz Lissabon schließlich die Grenzen der Widersprüche aus.

Auf Platte 3 allerdings kreiert er dabei etwas wirklich Bemerkenswertes: Somnium klingt zugleich nostalgisch und modern, psychedelisch und nüchtern, irgendwie gefühlvoll kopflastig. Ein wenig nach Air, ein wenig nach Jarre, ein wenig aber auch nach analogen Digitaldaddlern wie Matthieu Chedid oder Chapelier Fou, die ebenfalls klassizistischen Pop kreieren, der zwar ulkig ist, aber nie albern, wenn drolliges Vogelgezwitscher zur Lagerfeuergitarre über Rechnersequenzen huscht. Selten zuvor konnte man ein hochkonzentriertes Album so wunderbar nebenbei hören.

Jacco Gardner – Somnium (Full Time Hobby)

Hyper der Woche

Art Brut

Eddie Argos ist der Typ. mit dem man sich schon immer mal gemeinsam die Lichter ausschießen wollte. Am besten mit Absinth oder richtig gutem Gin, in rauer Menge genossen und dann über Liebe, Freundschaft, Hass, den Alltag faseln und wie man alles in richtig existenziellen Pop packt. Genau das machen Art Brut ja seit 15 Jahren. Und auch wenn ihr Debüt Bang Bang Rock’n’Roll unerreicht ist, haben die fünf Nachfolger mindestens so viele Ausrufezeichen verdient wie der Titel des (nach sieben Jahren Pause) 7. Albums Wham! Bang! Pow! Let’s Rock Out (Alcopop! Records). Wie immer nämlich hat das britische Quartett mit inhaltlichem Hang zu den deutschen Indiehotspots Hamburg/Berlin ein Punk-Album für HipHop-Fans mit Bigband-Attitüde gemacht. Alles daran ist Lebenskraft, jeder Track ein Fanal für retrofuturistische Rockexzentrik. Und wenn Argos im aufsässig-nasalen Sprechmodus “I hope your’re very happy together / and if you’re not that’s even better” singt, weiß man, dass ihn auch das geplante Besäufnis nie aus der Ruhe bringt.


Kominsky Method: Michael Douglas & Netflix

Das schwache Gemächt

Oberflächlich schenkt Netflix den Filmlegenden Michael Douglas und Alan Arkin bloß ein heiteres Serienvermächtnis. Unter The Kominsky Method lauert jedoch eine Parabel auf die postheroische Selbstvermarktungsgesellschaft von generationsübergreifendem Tiefgang.

Von Jan Freitag

Ach weißer Mann, du arme Sau. Hunderte von Generationen hast du den Planeten beherrscht wie einst die Saurier. Berge, Täler, Weib und Tier, später gar Krankheit, Klima, Tod und Vernichtung – fast alles war dir ein volles Erdzeitalter lang so zu Diensten, dass du selbst hochbetagt weder Opposition noch Konkurrenz dulden musstest. Und jetzt, kaum 10.000 Jahre nach dem Beginn deiner Regentschaft, stehst du im Klo und pisst traurige Tropfen statt harter Fontänen? „Nun komm schon!“, raunzt ein verwittertes Exemplar sein altersschwaches Gemächt an und erntet auch noch in aller Öffentlich den Spott der eigenen Tochter fürs Blasendrama.

Man könnte glatt Mitleid kriegen mit Sandy Kominsky, wäre er nicht derart viele seiner 74 Jahre vor Kraft und Ego fast geplatzt! Vor allem aber: würde dieses fiktionale Prachtstück eines durch und durch destruktiven Geschlechts nicht von einem Darsteller verkörpert, der im Alter nur immer und immer noch besser und besser wird. Denn nachdem Amazon die Riege der Oscar-Sieger in TV-Produktionen erst vor zwei Wochen um Julia Roberts (Homecoming) erweitert hat, steigt auch Michael Douglas vom Kino-Olymp in die Welt des Serienfernsehens hernieder. Und das ist, bei aller Zurückhaltung, zum Niederknien.

Mitte der Siebziger auf den Straßen von San Franzisco zum Weltstar geworden, hatte der legendäre Sohn eines legendären Vaters den Bildschirm abgesehen von einem Cameo bei „Will & Grace“ gemieden. Nun spielt er die Titelrolle im Netflix-Original The Kominsky Method. Und nach Ansicht der ersten fünf von acht Folgen ist sein ebenso lebenssatter wie lebenshungriger, aber auch leicht lebenswunder Schauspiellehrer ein Glücksfall fürs alte, neue Medium. Schon wie er es betritt!

Minute1, mattes Licht, Kellerclubatmosphäre: „Bevor wir anfangen zu arbeiten“, sagt er zum guten Dutzend Studenten im Seminar des Ex-Filmstars, „erzähle ich euch etwas übers Handwerk“. Messerscharf zerschneidet der Blick dieser Hollywoodikone als Hollywoodikone dabei den Klassenraum, ein cineastisches Raubtier auf Beutezug nach Respekt, Achtung, echten Gegnern. Abgesehen vom Faltengebirge in seinem Gesicht scheint also alles wie in seiner Glanzzeit der Achtziger, Neunzigerjahre, denen Douglas Banker, Ermittler, Amokläufer von imposanter Dominanz verpasst hat. Und dann beißt es auch noch zu wie damals: „Ein Schauspieler tut so als sei er Gott!“ Denn was tue der? Kominsky antwortet selbst: „Gott erschafft!“

So wuchtig führt der Showrunner ein archaisches Alphatier ein, das ein archaischeres Alphatier spielt. Doch da Chuck Lorre neben Big Bang Theory auch Two and a half Men erschaffen hat und damit zum Gott des Gelächters über männliche Selbstüberschätzung wurde, steht Michael Douglas‘ Kominsky später mit seinem Freund und Agenten Norman – noch greisenhafter gespielt vom noch älteren Alan Arkin (Catch 22) – knietief im Selbstmitleid. Wie die Kinofossile bei Old-Fashion-Drinks in Old-Fashion-Bars Old-Fashion-Probleme diskutieren ist schlicht zum Niederknien – und liftet die Messlatte eines Old-Fashion-Formats, das gottlob mehr will, als zwei Pensionären in spe ein humoristisches Spätwerk zu schenken.

Vom ersten Moment an ist The Kominsky Method nämlich eine bissige, pointenlos lustige, selten nostalgische Abrechnung mit dem Jugendwahn und wie man ihm im Alter einigermaßen würdevoll trotzt. Gemeinhin erliegen TV-Senioren ja entweder dem saftigen Spott der Golden Girls oder öligen Herrenwitz des Odd-Couple. Diese alternden Leithammel hingegen macht der schleichende Bedeutungsverlust nicht zu Zynikern. Es sind Realisten, die den Urologen schon mal fragen, ob anstelle ihrer Prostata nicht doch der Arsch gewachsen sei und ihrer schwächelnden Libido skeptisch, statt mit einer Extraportion Viagra begegnen.

Resultat ist eine Sitcom, die zwar im saturierten Mainstream der letzten Weltkriegsgeneration spielt. Doch sie erzählt uns auch viel übers postheroische Digitalzeitalter: den ewigen Zwang zur Selbstvermarktung bis ins Grab, die Sprachlosigkeit im Dauergequassel sozialer Netzwerke, das Risiko, zwischen #MeToo und #MeTwo das Falsche, also Sexistische, Rassistische, Populistische zu sagen/machen/unterlassen. Wirklich gehaltvoll wird all das indes erst, weil den alten Männern jüngere Frauen zur Seite stehen, die ihr Bemühen um Reflexion sorgsam spiegeln: Normans exaltierte Tochter Phoebe (Lisa Edelstein), deren hochgeachtete Mutter Eileen (Susan Sullivan) bald verstirbt, während sich Sandys resolute Tochter Mindy (Sarah Baker) mit der Schauspielschülerin Lisa (Nancy Travis) verschwestert, die sich im Kurs (und Herz) ihres Vaters von einer gescheiterten Langzeitehe erholt.

Ergänzt um Gaststars von Danny DeVito bis Ann-Margret blickt dieses Sextett schonungslos, aber sanftmütig in die gekippte Alterspyramide, stellt jedoch niemanden darin bloß. Das macht The Kominsky Method zur unterhaltsamen Prophylaxe der drohenden Mid- bis Endlifecrisis. Beipackzettel: Wenn man das Alter nimmt, wie es kommt, also eher tröpfchenweise als fontänenhart, wird es nicht nur erträglich, sondern echt lebenswert. Und wer könnte das besser verkörpern als der siegreiche Krebspatient Michael Douglas.


Die Lindenstraße & Das Boot

Die Gebrauchtwoche

12. – 18. November

Irgendwann ist alles vorbei – das gilt fürs Fernsehen nicht weniger als alles andere. Trotzdem war es irgendwie seltsam zu hören, was sich schon lange vor der Pressemitteilung vom Freitag abgezeichnet hatte: Die Lindenstraße wird eingestellt. Sie habe zwar „Akzente gesetzt, die prägend bleiben werden“, heuchelte ein streng quotenorientierter Programmchef Bedauern. Volker Herres stellte aber sogleich nüchtern fest, „Zuschauerinteresse und unsere unvermeidbaren Sparzwänge sind nicht vereinbar mit den Produktionskosten für eine solch hochwertige Serie“.

Die Folge war ein medienöffentlich ausgetragener Tumult zwischen Fans und Feinden in Echtzeit, der angesichts der öffentlich-rechtlichen Sparzwänge und Mechanismen allerdings wenig am Ende lustig-deprimierend-dramatisch-relevant-radebrechen-banal-bieder-übertrieben-realen Dauerserie ändern dürfte. Bis Deutschlands älteste Soap vom Bildschirm verschwindet, bleiben also noch 60 Folgen Zeit, jene vier, fünf Restprobleme menschlicher Zivilisation, die in 34 Jahren (angeblich gab es bislang weder ein schwarzes Loch noch Königsmord) nicht abgearbeitet wurden, nachzuholen – dann ist neben Tages- und Sportschau das letzte Lagerfeuer der deutschen TV-Historie Geschichte.

Da ist es nicht weniger als ein zynischer Tiefschlag des Schicksals, dass dem Moderator des vorletzten in Malibu nicht nur, aber auch die Fernsehpreise abgebrannt sind. Immerhin boten sie dem Boulevard Gelegenheit, lieber über Thomas Gottschalks Leid als die Ursachen der kalifornischen Feuerhölle – Klimawandel und so konsumschädliches Zeugs – zu berichten. In den USA selbst hatten nebenbei auch Medieninterna Spitzenmeldungswert. Und zwar nicht, weil CNN das Weiße Haus wegen der (mittlerweile widerrufenen) Aussperrung ihres Reporters Jim Acosta verklagt, sondern dass Donald Trumps Sprachrohr Fox News offen Partei für die Konkurrenz ergriff und sich damit gegen jenen Amtsinhaber stellte, der ohne den Krawallkanal niemals im Oval Office säße.

Die Frischwoche

12. – 18. November

Das wäre natürlich ein gutes Thema für die Zeit nach den Tagesthemen, in der das Erste gemeinhin gehaltvolle Dokumentationen zeigt. Doch weil ein Länderspiel abermals ganzabendlich das Programm verstopft, ist heute leider kein Platz für Informationen jenseits des Fußballs. Dafür ist am Mittwoch Platz für Daniel Harrichs neuen Versuch, Zeitgeschichte journalistisch recherchiert in Spielfilmform zu bringen. Wie der Westen in Saat des Terrors allerdings mit Islamisten paktiert, ist zwar hochinteressant, aber nicht so schlüssig fiktionalisiert wie zuvor Oktoberfest-Attentat oder Waffenhandel.

Am Donnerstag ist dann wie üblich Platz für die nächste Auslandsklassenfahrt deutscher Polizisten. Im Amsterdam-Krimi reist Hannes Jaenicke mit Alice Dwyer nach Holland, um dort einen Drogenring zu sprengen. Doch anders als in Lissabon, Athen, Istanbul und wo die ARD sonst noch ermitteln lässt, sprechen die Niederländer zwar Deutsch mit Akzent – allerdings auch untereinander. Merkwürdig. Fast so sehr wie das, was die intellektuell leicht unterschätzbare Collien Ulmen-Fernandes zeitgleich auf ZDFneo ans Tageslicht befördert. In ihrer zweiteiligen Reportage No More Boys and Girls enthüllt die Moderatorin und Mutter nämlich bis zur Schmerzgrenze des Erträglichen, wie reaktionär die Erziehung in deutschen Kinderzimmern noch immer abläuft.

Reaktionär ist natürlich ein passender Übergang zum fraglos wichtigsten Neustart der Woche: Am Freitag startet auf Amazon die Neuverfilmung von Lothar-Günther Buchheims Das Boot. Unter Andreas Prochaskas Regie hat der Achtteiler übers Abtauchen unter Nazis und Mitläufern indes nur atmosphärisch mit Wolfgang Petersens Original zu tun. Ansonsten wurde die Seekriegserzählung mit viel Thriller, Liebe, Pathos angedickt und hat daher nicht annähernd die klaustrophobische Wucht von 1981. Routiniert inszeniertes Entertainment ist die Serie aber natürlich schon – bei dem Budge… Als Referenzgröße kann man sich am Freitag (22 Uhr, ARD) übrigens gut den Director’s Cut von 1996 mit Jürgen Prochnow, Herbert Grönemeyer und wer noch so alles aus der Besatzung zum Star geworden ist ansehen.

Was nach der dringenden Empfehlung, die bild- und wortgewaltige Western-Anthologie The Ballad of Buster Scruggs der Coen-Brueder auf Netflix anzusehen, bereits eine Wiederholung der Woche wäre. Auch die führt ja in den Weltkrieg: Um 23.50 Uhr zeigt der WDR (gleich nach dem Remake des Buchenwald-Dramas Nackt unter Wölfen von 2015) den frühesten Versuch der besiegten Nation, sich aus deutscher Sicht mit dem frisch verlorenen Krieg zu befassen. So weit die Füße tragen gelang das 1946 sogar vergleichsweise gut – auch wenn Nazis darin seltsam selten sind. Und zum Abschluss der Tatort-Tipp (Montag, 22 Uhr, RBB), in dem Kommissar Bülow 1986 zum Teil eines Fernsehfilms im Fernsehfilm wird, bei dem – wie der Titel Tödliche Blende schon sagt – natürlich trotzdem ein Mord passiert.