Fröhlicher Fatalismus & Hakenkreuzporno

TVDie Gebrauchtwoche

23. – 29. Januar

Es ist jetzt auch mal gut. Selbst Kolumnisten, deren Nährstoff naturgemäß faktenbasierte, aber meinungsstarke Kritik mit einer Prise hoffnungsfrohem Fatalismus ist, müssen sich ab und zu mit leichter Lektüre in die Sonne legen und das Böse darunter gedanklich ins nächste Regentief verdrängen. Schluss also an dieser Stelle mit dem dauernden Geheule über Pegida oder Trump, schlechte Menschen und schlechtes Fernsehen, eben alles, was die Welt zurzeit so wenig lebenswert erscheinen lässt. Als Ersatz böte sich ein wenig lebensbejahende Hinwendung zu allem an, das schön ist auf (Programm-)Erden und gut.

Wenn wir an dieser Stelle alternative Fakten besprechen, dann also höchstens jene von Til Schweiger, dessen Leitungswasser im eigenen Restaurant anders als die benachbarte Hamburger Morgenpost schrieb, echt nicht überteuert sei. Im Gegenteil, antwortet das sensibelste Blockbusterseelchen im Stern: Für 4,20 Euro werde das noble Nass – Kubikmeter-Preis im Cent-Bereich – ja durch Filterung veredelt und dennoch billiger verkauft als handelsüblich. Stünde Kai Diekmann noch der Bild vor, er hätte dem Konkurrenzblatt die Leviten gelesen, die tausendfache Titelfigur von Springers Gnaden so zu kritisieren.

Pfui!

Aber der frühere Chefredakteur verlässt morgen ja 5163 Jahre, nachdem Gott die Erde Schuf, Diekmanns Verlag für ewig gestrigen Empörungs-„Journalismus“ und hinterlässt, ja was eigentlich – einen Medienkonzern, der längst nicht mehr weiß, ob Gedanken nun eigentlich noch im Kopf oder schon im Prozessor entstehen? Aber wir wollten ja im leichten Fach bleiben diese Woche. 5163 Jahre, nachdem das Traumschiff erstmals mit Heide Keller als Beatrice von Ledebur an Bord in Fernsee gestochen ist, verlässt die ewige Chefstewardess laut DWDL den schwimmenden Seifenhalter. Spätestens nach der Neujahrsfolge 2018 stellt sich also die Frage, wie das deutsche Fernweh am Bildschirm fortan ohne Mord & Totschlag bedient werden soll.

0-FrischwocheDie Frischwoche

30. Januar – 5. Februar

Vielleicht mit einer Art Binnenrevision, wie sie die ARD ab Donnerstag auf ihrem Auslandskrimisplatz wagt. Statt deutsche Kommissardarsteller an Ferieneinsatzorte wie Athen zu schicken, holt sie das Erste heim und eröffnet Adam Boudouskos als Dimitrios Schulze eine Anwaltskanzlei in Mannheim. Zwischen Liebling Kreuzberg und Better Call Saul soll der Deutschgrieche dem juristisch unterfütterten Milieu-Humor dabei jene Authentizität verpassen, mit der er jeden Film von Fatih Akin bereichert. Das scheitert zum Auftakt zwar am hölzernen Drehbuch; trotzdem sollte man der Reihe die Chance zur Fortsetzung geben.

Wie „Dimi“ seinen Brennpunkt zu ordnen versucht, ist fast so liebenswert wie die Idee, alle Hauptfiguren mit Migrationshintergrund zu besetzen. Im 2. Teil könnte es passieren, dass türkischstämmige Polizisten abstammungsdeutsche Täter verfolgen, die der griechischstämmige Anwalt raushaut. Wäre mal was anderes als das ewige TV-Allerlei. Dazu zählt auf den ersten Blick auch Landgericht, Montag/Mittwoch im ZDF. Selten jedoch hat sich ein zweiter Blick auf die Melodramatisierung des NS mehr gelohnt. Nach Ursula Krechels Bestseller wird der jüdische Richter Richard Kornitzer erst in die innere, dann äußere Immigration getrieben, während seine arische Frau Claire vergebens darauf wartet, ihm nach Kuba folgen zu können.

Matthias Glasners Zweiteiler hebt sich schmerzhaft und doch wohltuend vom üblichen Hakenkreuzporno zum Thema ab. Sein wahres Wesen entfaltet sich schließlich erst im 2. Teil, wenn das Paar nach der Heimkehr gegen braune Seilschaften in der Nachkriegsjustiz und das Ende seiner Ehe kämpft. Beides vergebens, beides grandios gespielt und inszeniert. Das trifft Mittwoch (20.15 Uhr) auch auf Barbara Sukowa als Hannah Arendt zu, gefolgt von einem Porträt der Philosophin. Und während der Batchelor zugleich ein paar potenzielle Nachfolger des neuen Dschungelkönigs Marc Terenzi fürs Jahr 2018 castet, tischt das ZDF am Samstag den nächsten lieblos gekochten Krimireihenbrei auf. Trotz Matthias Matschke als soziopathisches Genie bei der polizeilichen Amtshilfe, verliert sich Professor T. von Beginn an in öder Berechenbarkeit.

Als Gegenmittel hilft da weder die Rückkehr vom Neo Magazin Royale (Donnerstag, 22.30 Uhr) noch die neue Netflix-Serie Santa Clarita Diet mit Drew Barrymore als lustiger Zombie-Kannibale ab Freitag. Na, wenigstens die Wiederholungen der Woche wirken da entspannend. Etwa Herzklopfen von 1968 (Montag, 22.10 Uhr, Arte) mit Catherine Deneuve als Luxusweib, das sich in den armen Antoine (Michel Piccoli) verliebt. Oder Ein irrer Typ (Mittwoch, 1.55 Uhr, ARD) mit Jean-Paul Belmondo, der sich 1977 als liebestoller Stuntman im Kampf um seine Kollegin Raquel Welch auf den Arm nahm. Beide Filme sind übrigens in Farbe und doch deutlich älter als der Schwarzweiß-Tipp Frances Ha von 2010 (Dienstag, 20.15 Uhr, Servus), mit Greta Gerwig als bittersüßestes Gesicht der Generation Y. Das bittersüßeste Gesicht des Tatort trägt seit 2012 Jörg Hartmann in Dortmund, dessen ersten Fall der WDR am Donnerstag um 20.15 Uhr) zeigt.

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tt17-foreignForeign Diplomats

Kanada ist ja vom Umbruch unserer Epoche derzeit fast ebenso unmittelbar betroffen wie Mexiko und Iran. Den personifizierten Irrsinn gewissermaßen direkt vor der unverschlossenen Haustür, muss das betuliche Land mit den vielen Bäumen und den wenigen Waffen also irgendwie damit umgehen, diplomatisch zwar, aber auch selbstbewusst, robust und möglichst eigensinnig. Die Foreign Diplomats versuchen es unterm denkbar stichhaltigsten Bandnamen dieser Tage mit etwas, das der globalen Diplomatie eigentlich absolut wesensfremd ist: Herzzerreißendem Frohsinn. Gepaart allerdings mit großer Vielfalt auf einem eher abgegrasten Acker, den man irgendwann vielleicht mal mit Britpop umschrieben hätte.

Über den geht das Debütalbum nämlich elegant hinweg, bleibt ihm aber strukturell treu. So klingt Princess Flash an manchen Stellen wie die Kooks, an anderen wie We are Scientist, alles allerdings immer um ein paar hinreißende Spielereien angereichert, dass das Herz zu vibrieren beginnt. Es ist zum Niederknien, wenn durchs geschmeidige Color im Stile der späten Nuller plötzlich Trombonen huschen wie im Heist-Movie der frühen 60er, gefolgt von ebenso euphorischen Bläsersequenzen in Flash Signs For Us gleich danach. Ständig flattert etwas ins Arrangement, das sich nüchterne Kollegen verbieten würden. Zu überdreht. Zu herzlich. Schön, dass sich die fünf Hochwasserhosenslacker trotz aller inszenierten Coolness zur Wärme mit Schwung bekennen. Gerade heute.

Foreign Diplomats – Princess Flash (Indica Records)

tt17-flamingFlaming Lips

Um dem popkulturellen Tod durch fortschreitenden Altersstarrsinn oder schleichenden Kraftverlust von der Schippe zu hüpfen, gibt es für Künstler mit Beharrungsvermögen zwei Wege: alles wie immer. Oder nichts wie zuvor. Während die Rolling Stones auf ersterem vermutlich sogar post mortem noch Stadien füllen, erneuern sich die Flaming Lips auf letzterem beständig selbst. Es ist zwar schwer nachzuzählen, wie viele Alben die Progressive Rocker um den geborenen Bühnenshowmaster Wayne Coyne aus Oklahoma exakt veröffentlicht haben. Fest aber steht: das aktuelle klingt wie keines der mindestens 15 zuvor und vermutlich wie keines der 15, die da noch kommen.

Seit 1983 lautet das Erfolgsgeheimnis schließlich: Alles rein, was geht, alles raus, was langweilt. Keine Anarchie, sondern Tabulosigkeit. Im Studio wird das gern mit Geigen und Gitarrensoli, Flüstern und Gebrüll im sekündlichen Wechsel serviert, live hingen mit Effekthascherei von Kinderchor bis Kunstblutdusche, was allerdings nie selbstreferenziell klingt. Auf Oczy Mlody folgt dem seifenopernhaften Sunrise in diesem Duktus übergangslos das Wavemetalgefiepse Nigdy Nie und nichts daran wirkt bemüht, geschweige denn banal. Seit 33 Jahren.

Flaming Lips – Oczy Mlody (Bella Union)

Klez.E

tt17-klezeNun aber doch unserer dystopischen Gegenwart angemessener zu etwas Getragenem, Tristem: Klez.e. Das Berliner Trio entstand vor gut zehn Jahren kaum zufällig zwischen zwei Urkatastrophen (9/11 & Lehman), die damals noch als Zivilisationsbrüche galten. Einige Hundert zum Dauerzustand verdichtete Krisen später, wirkt das Gespinst monochromer Bass- und zitternder Gitarrenläufe zu Tobias Sieberts bedrückter Stimme erst jetzt richtig zeitgemäß. Mauern, Flammen, Nachtfahrt, November, Schwarz, Lobbyist, Drohnen, Requiem heißen die Tracks auf dem ersten Album seit 2009. Und genau in dieser Reihenfolge könnten die Titel auch den Text jedes einzelnen davon bilden.

Ungefähr so, als träfen sich The Cure und The XX unter Sieberts robertsmithhafter Haarexplosion zum gemeinsamen Gräbertanz, quillt aus jeder Note, jeder Zeile, jedem einzelnen Lied ein anrührender Weltschmerz, der nichts anderes will als leiden. Für ausgewiesene Melodramatiker lässt es sich da wirklich gut mitleiden, wenn Siebert minimalistisch untermalt „Fukushima-Lachs ins Bett“ auskotzt, während „die Wolken so dicht und so schwer“ sind. Alle anderen dürfen zu lebensbejahenderer Musik weiterhoffen, dass es bald auch mal wieder gut wird.

Klez.E – Desintegration (Staatsakt)

tt17-foxygenFoxygen

Und dafür sind einmal mehr und immer wieder und mit so furioser Grandezza Foxygen zuständig, dass man innerlich von einer gewaltigen Showtreppe auf eine noch viel gewaltigere Showbühne paartanzt. Seit mehr als zehn Jahren bereits machen die zwei kalifornischen Milchgesichter Sam France und Jonathan Rado aus ein paar electronischen Geräten in Hüfthöhe ein kolossales Opus Popdei, mit dem sich spielend jeder Silvesterabschlusshochzeitsjubiläumsball zum Kochen bringen ließe. Und auch auf der fünften Platte, die vom Label Jagjaguwar nach allerlei Garagen-Produktionen als erstes echtes Studio-Album überhöht wird, scheppert das zeitgenössische Instrumentarium quasi ausnahmslos aus den Boxen, bis die Ohren schmerzen.

Das könnte aufdringlich sein, übersteuert, selbstreferenziell, irgendwie nervig also. Ist es aber nicht. Es ist einfach nur fantastisch. Wie eine Supergroup aus David Bowie, Dean Martin, Freddy Mercury, Robbie Williams und Amy Winehouse verkleistert Hang den Sound aus ungefähr sechs Jahrzehnten Größenwahn des Pop zu einer Art Oper, bei der sich das anfängliche Kopfschütteln instinktiv in die Beine fortsetzt und zum Schütteln bringt. Die Bretter, an denen das Duo herumbohrt, vollbringt dabei das Wunder, gleichermaßen zu dick und zu dünn zu sein. Aber weil Foxygen sie mit so viel Hingabe bohren, ist das eigentlich auch egal. Weil es großartig ist!

Foxygen – Hang (Jagjaguwar)


Schnipo Schranke: Spermahand & Feminismus

schnipoKeine Ironie!

Mit ihrem Debütalbum Satt hat das Hamburger Indiepop-Duo Schnipo Schranke vor zwei Jahren ganz schön das Feuilleton aufwirbelt und tourt seither erfolgreich durch die Clubs der deutschen Subkultur. Jetzt legen Daniela Reis und Fritzi Ernst (Foto: Simone Scardovelli) den Nachfolger Rare (Buback) vor – und wieder klingt die Sprache darin so derbe, wie sie es von einem ihrer früheren Lieblingsrapper Sido gelernt haben. Ein Gespräch über Fäkalhumor im Alltag, Pop als Verarbeitungsstrategie und ob die Multiinstrumentalistinnen mit klassischer Ausbildung zur Zackengitarre greifen.

Von Jan Freitag

freitagsmedien. Daniela, Fritzi – auch auf eurem zweiten Album Rare wimmelt es von Ausdrücken, die in der Öffentlichkeit aus Taktgründen gemieden werden. Bin ich als Mann eher verklemmt oder emanzipiert, wenn mich Pimmel, Furzen, Spermahand peinlich berührt?

Fritzi Ernst: Was es über dich aussagt, will ich lieber nicht beurteilen. Was es über uns aussagt, ist ein Hang zum Fäkalhumor. Den finden wir beide einfach lustig und scheuen uns auch privat nie vor solchen Worten.

Daniela Reis: Und weil diese Sprache privat schon immer Teil unseres Humors war, findet er halt auch Eingang in unsere Musik. Andererseits steht die Sprache des Humors überhaupt nicht so im Vordergrund unserer Texte, wie es dir scheinbar vorkommt.

Fritzi: Natürlich kann da jeder eine Metaebene herauslesen, aber als Teil unseres Alltags ist sie vor allem eine Ausdrucksform unserer selbst.

Ist alles also viel weniger ironisch gemeint als es den Anschein hat?

Daniela: Genau – keine Ironie! Wir wollen einfach nichts durch die Blume sagen, wie es in vielen Produktionen gerade dann der Fall ist, wenn es um Liebeslieder geht. Wir bleiben da lieber näher an unserer Realität. Wir wollen nichts beschönigen.

Fritzi: Manchmal entsteht ein Song, weil kurz zuvor einer dieser Sätze gefallen ist. Das wird uns oft allerdings dann bewusst, wenn wir es singen, und finden es auch erst dann lustig.

Aber ist das Vulgäre auf der Männerbastion Bühne nicht auch eine Art Aneignung männlicher Verhaltensweisen, die kulturhistorisch ja schon immer eher derber war?

Fritzi: Nicht als bewusster Schritt, unterschwellig womöglich schon. Als es mit uns losging, haben wir gerade viel deutschen HipHop gehört.

Daniela: Gangster-Rap, Sido und so.

Fritzi: Da ist diese Sprache in der Tat gang und gäbe. Insofern fanden wir es komisch, so etwas selber auch zu machen.

Lustig im Sinne von humorvoll oder lächerlich, wenn sich Männer durch alberne Arschfick-Prosa profilieren?

Fritzi: Letzteres.

Daniela: Ich finde es ganz und gar nicht lustig, wenn Männer mit so was Frauen degradieren, natürlich nicht. Weil ich Sido das nicht unterstellen will, finde ich es zunächst mal lustig, dass da einer über so was Widerliches offen singt!

Fritzi: Der nimmt doch nur Posen ein, um damit Tabus zu brechen. Natürlich kann man darüber philosophieren, ob Gewalt im Kleinen wie Sprache beginnt; aber wir als Band sind nicht dafür zuständig, das Gute mit musikalischen Botschaften vom Bösen zu trennen.

Daniela: Wir wollen ja keine Vorbilder sein, sondern unsere Gefühle im Rahmen der Musik schildern. Dabei offen über Depressionen oder Schmerz zu berichten, ist uns viel wichtiger als die Frage, ob die Texte ausreichend feministisch klingen.

Aber ist es womöglich leichter, über etwas Intimes wie Depressionen zu singen, wenn man es sprachlich vulgär, humorvoll, unernst tut, als schützender Filter quasi?

Daniela: Man macht sich schon ein bisschen weniger angreifbar, wenn man über etwas lacht, statt darüber zu weinen, stimmt schon.

Fritzi: Dennoch sind die Themen auf der zweiten Platte negativer als auf der ersten. Man kann zwar davon abstrahieren, weil die Situation im Moment des Komponierens in der Regel abgeschlossen ist. Wenn die Leute vor der Bühne zu einem Text tanzen, der beschreibt, wie schlecht es dir mal ging, ist das eine wirklich schöne Art der nachträglichen Verarbeitung.

Daniela: Insofern haben unsere Songs durchaus therapeutische Wirkung. Für uns selbst, aber auch für andere. Das hören wir immer wieder. Von daher hast du schon recht mit dem Filter – Humor und Spaß sind definitiv zwei unserer Verarbeitungsstrategien persönlicher Probleme. Deshalb legen wir gern mal eine absurd banale Melodie unter ein schwerwiegendes Thema.

Beides – Text und Musik – wirken insgesamt meist ziemlich dadaistisch.

Fritzi: Ich höre sogar häufiger mal dilettantisch. Da fühle ich mich fast schon angegriffen.

Die Frage des Dilettantismus entsteht ja auch aus dem Wissen, dass ihr beide klassisch ausgebildete Musikerinnen seid.

Fritzi: Aber ja nicht an den Instrumenten, die wir auf der Bühne spielen.

Daniela: Wir haben Schlagzeug gelernt, um auf der Bühne Beat zu haben, da lernen wir noch. Aber Klavier konnten wir beide vorher; dennoch ist es weder bewusst noch unbewusst dadaistisch oder dilettantisch, sondern unser Sound. Und der ist schon anspruchsvoll.

Fritzi: Na ja…

Daniela: Für mich schon. Aber was ist denn Dada – Trio?

Fritzi: Zum Beispiel. Wir beide lieben einen Sound, in dem die einzelnen Elemente komplett durchsichtig sind. Gitarrenbandrock, wo alles ineinander verschwimmt, trifft eben nicht unseren Geschmack, wir sind da minimalistischer. Weil wir uns genau darüber jedoch krass Gedanken machen, ist das eben nicht dadaistisch oder so, sondern ziemlich ausgebufft.

Dada beschreibt ja auch weniger Inkompetenz als den bewussten Bruch tradierter Harmonien mit möglichst absurden Mitteln.

Daniela: Witzigerweise hatte ich überhaupt keine Ahnung, was Dada ist, bevor an uns herangetragen wurde, dass wir den machen. Wir machen zwar generell, was unserem Geschmack entspricht und nicht einem bestimmten Label. Aber wie es aussieht, trifft ihn Dada unterbewusst ganz gut.

Fritzi: Wir haben da jedoch keinen Masterplan.

Aber schon ein Konzept, das beide Platten recht ähnlich klingen lässt?

Fritzi: Na ja, wir spielen dieselben Instrumente als auf der ersten, so fängt’s schon mal an.

Daniela: Die erste Platte ist keine zwei Jahre her, da entwickelt man ja keinen komplett neuen Sound. Solche Prozesse verlaufen bei Bands generell eher schleichend. Wir wollten auf Rare aber schon ausfeilen, was auf Satt begonnen hat. Synthesizer zum Beispiel waren damals völlig neu für uns, jetzt sind wir da versierter und kennen ihre Möglichkeiten besser.

Fritzi: Das ist doch ein roter Faden.

Gibt es den Ehrgeiz, Neuland zu betreten – Synthesizer und Drums haben wir gelernt, jetzt kommen Zackengitarren und Gabba?

Fritzi: Da ist auf jeden Fall noch einiges zu entdecken.

Daniela: Und auch wenn die neue Platte soundtechnisch nah an der ersten ist, wollen wir uns natürlich nicht wiederholen.

Fritzi: Da wissen wir sehr genau, wo es auf der dritten hingehen soll.

Aber das rückt ihr nicht raus….

Beide: Nein!

An wenig richtet sich Nr. 3 – Leute die sich fröhlich vom Mainstream abwenden?

Fritzi: Keine Zielgruppen, bitte! Unser Publikum ist dafür viel zu bunt gemischt.

Daniela: Gerade bei so etwas Sensiblem wie Musik finde ich es falsch, sie für bestimmte Leute zu machen. Dann wird es schnell gefällig und berechnend.

Apropos – habt ihr je damit gerechnet, dass ihr mit dem, was ihr tut, Erfolg habt?

Fritzi: Wir waren irgendwie schon überzeugt, von dem, was wir tun. Aber wenn das, woran du glaubst, plötzlich wirklich funktioniert, ist es schon krass.

Daniela: Ich betrachte das nicht nur als Erleichterung, sondern kleines Wunder. Davon zehren wir, haben aber auch etwas zu verlieren. Das ist die Kehrseite.

Fritzi: Wir haben bislang aber gut ausgeblendet, Erwartungshorizonte befriedigen zu müssen.

Daniela: Wenn ich an das, was wir machen, mit Verstand, nicht dem Bauch ranginge, würde vieles davon nicht funktionieren. Ich hab da immer falsch gelegen bislang. Bei Pisse zum Beispiel war ich mir ganz sicher, dass das der schlechteste Song ist, den niemand mag. Der wäre beinahe nach dem ersten Demo rausgeflogen. Jetzt ist das so eine Art Hit von uns.

Lebt ihr von eurer Musik?

Daniela: Ja, das ist super. Aber damit das so bleibt, müssen wir uns auch steigern.

Fritzi: Man sollte von Album zu Album einen draufsetzen und besser werden?

Was genau ist das – besser werden?

Fritzi: Das Gegenteil von Stagnation oder gar Rückschritten.

Daniela: Neue Themen abdecken unter anderem. Auf der ersten Platte hatten wir fast nur Liebeslieder, von denen gibt es jetzt kaum noch welche.

Weil ihr so ein zerrüttetes Liebesleben habt?

Daniela: Im Gegenteil.

Fritzi: Auf der Love-Ebene ist alles in bester Ordnung, auch wenn es nicht immer so klingt. Es gibt einfach noch zu viel Chaos im Kopf, das es zu verarbeiten gilt.

Daniela: Aber immer mit der Bewältigungsstrategie Humor. Damit bin ich bis jetzt gut durchs Leben gekommen.

Das Interview ist vorab beim MusikBlog erschienen

Meike Droste: Bühnentier & Carla Temme

meike-droste2-100-_v-standard644_9d63f6Bärbel Medea Droste

Wer die Schauspielerin Meike Droste (Foto: Jens van Zoest/ARD) fortan dienstags um 20.15 Uhr im Ersten Programm als spröde Versicherungsanalystin Frau Temme sieht, fühlt sich gewiss an ihre Dorfpolizistin Bärbel Schmied in Mord mit Aussicht erinnert, nicht an die dramatische Theaterschauspielerin aus Berlin. Porträt einer Grenzgängerin.

Von Jan Freitag

Es funktioniert nicht, keine Chance, so sehr man sich müht: Wenn Meike Droste heute Abend im Ersten als Carla Temme erstmals ins Bild tritt, steht Meike Droste als Bärbel Schmied daneben. Neun Jahre lang hat die Berlinerin aus Augsburg ihre wunderbar spröde Dorfpolizistin schließlich im ARD-Spaß Mord mit Aussicht gespielt. Und zwar so hingebungsvoll, so eindrücklich, so glaubhaft, dass man Frau Schmied auch in der Versicherungsangestellten Frau Temme sucht, die laut Titel das Glück sucht. Gar kein Wunder, könnten gewöhnliche Fernsehzuschauer da sagen; das deutsche Publikum ist nun mal stets um ordnungsgemäßes Lagern seiner Schauspieler in Schubladen bemüht. Doch ein Wunder, könnten Kenner des gehobenen Sprechtheaters entgegnen; denn dort ist Meike Droste anders.

Ganz anders.

Am  Bildschirm auf heitere, oft ulkige, irgendwie beschwingte Figuren gebucht, ist die 36-Jährige auf der Bühne von Beginn an zuständig für dramatische Hauptrollen von geringer Leichtigkeit. Klassische Tragödinnen von Desdemona bis Medea, tiefschürfende Frauen wie die Mascha in Tschechows Möwe oder Brechts wuchtige Schlachthof-Kämpferin Johanna – damit hat sich Meike Droste zu einem glühenden Sterne am Bühnenhimmel gemausert. Preisgekrönt und bestens gebucht. Da ist es mehr als bloß Zufall, die Titelheldin einer Primetimeserie am wichtigen Dienstagabend zu sein. Es ist ein Statement.

„Man besetzt in Deutschland leider viel zu selten gegen den Typ“, meint die zweifache Mutter ziemlich großer Kinder. Dabei sei grad dies doch „ein gutes Mittel, um Stoffe interessant und spannend zu machen.“ Wer Meike Droste nur aus Claus Peymanns Berliner Ensemble kennt oder dem Schauspielhaus in Zürich, sollte sie daher dringend als Carla Temme sehen. Das krankt wie so oft zwar an einer arg klischeehaften Familienaufstellung mit bisweilen berechenbarem Handlungsablauf und zu wenig Mut zur echten Verstörung. Dennoch lohnt es sich. Dank Meike Droste. Auch über den Bühnenvergleich hinaus.

Qua Geburt mit mathematischer Hochbegabung ausgestattet, analysiert das logikfixierte Mauerblümchen die Vertragsrisiken einer kleinen Versicherung. Der perfekte Job, so scheint es. Bis ihre Firma beschließt, mit absurden Policen aus dem Minus zu kommen. Gegen fliegende Gefrierhühnchen etwa oder außereheliche Untreue. Im Gemüt der logikfixierten Fachfrau sorgt das fortan ebenso amüsant für Konfusion wie der hyperaktive Abteilungsleiter Hans-Peter Mühlens (Martin Brambach) oder ihr verwirrend freigeistiger Freund Mikael (Richard Ulfsäter).

Zugleich bedient es aber auch ein Thema, das derzeit fiktional Konjunktur: Aus Normalität Exzentrik zu gewinnen. Spätestens seit Dr. House zählt das Prinzip zum festen Fernsehrepertoire. Radikalisiert von Bryan Cranston als methkochender Chemielehrer Walther White, humorisiert von Christoph Maria Herbst als jämmerlicher Bürohengst Bernd Stromberg, westfalisiert von Peter Jordan als biederer Staubsaugervertreter Hasso Gründel im WDR, findet es nun seine Fortsetzung im Ersten. Und wie bei Stromberg dient eine Versicherung dazu, Abgründe jeder Art auszuloten.

Schließlich leben wir im Land „mit den meisten diagnostizierten Ängsten“, hat Droste bei der Vorbereitung auf Frau Temme sucht das Glück erfahren. Schon das mache diesen Berufszweig so verwendbar fürs Fernsehen. Es kommt aber noch etwas anderes hinzu: Die Möglichkeit, deutsches Ordnungsdenken im resopalgrauen Ambiente bürokratischer Verwaltungseinheiten ironisch zu brechen, also ein bisschen abzumildern. Und das tut Meike Droste mit der ganzen Bandbreite ihrer Möglichkeiten. Augenscheinlich leicht abwesend, mit diesem betulichen Dackelblick aus Mord mit Aussicht, unter der betulichen Oberfläche jedoch mit großer Freude am gelebten Widerspruch.

Damit bereichert das langjährige Ensemblemitglied am Deutschen Theater Berlin episodenweise TV-Serien von Danni Lowinski bis Bettys Diagnose. So rockt sie seit ihrer Schauspielausbildung an der renommierten Münchner Falckenberg-Schule aber auch die großen Bühnen der Republik. In der gilt ist es nach wie vor als Spagat, beides zu bieten: Unterhaltung und Hochkultur, Spaß und Ernst. Meike Droste schafft ihn. Spielend.


Sturmhaubitzen & Gefrierhühnchen

TVDie Gebrauchtwoche

16. – 22. Januar

Die gute Nachricht vorweg: Auch drei Tage nach Donald Trumps feierlichen Amtsantritt wurden nicht alle Informationskanäle außer Twitter, Breitbart, Fox verboten. Die schlechte hintendran: Seine Antrittsrede vom vorigen Freitag verheißt dennoch Schlimmes für die USA (und damit uns). Denn was passiert, wenn sich ein demokratisch gewählter Potentat die Medien Untertan macht, war bereits bei Silvio Berlusconi zu beobachten und ist zurzeit unter anderem in Russland, wo seriöse Nachrichten allenfalls Splittergruppen noch erreichen. Vielleicht sollten wir uns also atmosphärisch darauf einstellen, dass im Falle wachsenden Einflusses der AfD Kaugummikanäle wie Pro7 die Meinungshoheit übernehmen, wo Trumps Machtübernahme in einer Simpsons-Folge aus dem Jahr 2000 vorhergesehen wurde. Oder schlimmer noch: RTL2.

Vier Exempel gefällig, welche Art Mainstream-Unterhaltung uns dann blüht? Die dreckige kleine Schwester von RTL hat grad folgende Formate angekündigt: Meine Eltern, ihre Kilos und ich, dazu Die Diät-Tester, gefolgt vom großen Promi-Curling, garniert mit den Sturmhaubitzen des Geschmacks von Jenny Elvers über Walter Freiwald bis Micaela Schäfer in Ich liebe einen Promi. Ob so was dann auch Grimme-Preise gewinnt, sei mal dahingestellt. Doch schon jetzt zeigt die Vorauswahl der Jury in Marl, wie durchlässig unsere Hochkultur für so manche Niederung des Entertainments geworden ist.

Unter den 81 Nominierungen aus mehr als 1000 Vorschlägen befinden sich natürlich auch herausragende Produktionen wie der dreiteilige NSU-Komplex im Ersten oder zwei Tatorte an gleicher Stelle. Dazu Jan Böhmermann, Bastian Pastewka, Checker Tobi oder Der Fall Barschel und Dokumentation wie Der Clown. Aber eben auch Bares für Rares oder den Pro7-Trashtalk Applaus und raus, was es früher wohl nicht mal in die Videorekorder der Juroren geschafft hätte, geschweige denn in die engere Auswahl.

0-FrischwocheDie Frischwoche

23. – 29. Januar

Dort wird sich im kommenden Jahr vermutlich auch nicht Frau Temme sucht das Glück wiederfinden. Was dem Charme dieser neuen Dienstagsreihe im Ersten allerdings keinen Abbruch tut. Von Natur aus mit mathematischer Begabung ausgestattet, analysiert die Titelfigur Vertragsrisiken einer kleinen Versicherung. Es ist der perfekte Job für das eigenbrötlerische Genie – bis sein Arbeitgeber beschließt, mit absurden Policen aus dem Minus zu kommen. Gegen herumfliegende Gefrierhühnchen zum Beispiel oder eheliche Untreue, Irrungen und Wirrungen inklusive.

Es ist aber auch der perfekte Job für Meike Droste. Bekannt geworden als Dorfpolizistin Bärbel in Mord mit Aussicht, spielt sie ihre Rolle mit ähnlicher Ulkigkeit. Das ist insofern bemerkenswert, als Meike Droste auf der Bühne gern die weibliche Hauptfigur großer Dramen spielt. Doch gerade das macht die ARD-Reihe (dienstags, 20.15 Uhr) so nett, wofür auch der famose Martin Brambach als hyperaktiver Abteilungsleiter sorgt. Keine Fernsehsensation, aber sehr solide Unterhaltung von heute. Die sich ab Donnerstag gut mit der von morgen vergleichen lässt.

Dann zeigt Maxdome die erste Video-on-Demand-Serie auf Deutsch Jerks. Unter der Regie von Christian Ulmen spielen er selbst und Fahri Yardim darin zwei Spacken im Kampf mit Geschlecherklischees und anderen Peinlichkeiten. Humoristisch betrachtet ist das eher grober Säbel als feines Florett, aber für die Zielgruppe der Generation Snapchat gewiss ganz unterhaltsam. Für die Generation NDW witziger ist Inas Nacht, von der die ARD am gleichen Tag um 23.30 Uhr das Beste aus zehn Jahren zeigt, während die Generation Big Brother sich am Sonntag (22.15 Uhr) aufs Wiedersehen der frisch ausgezogenen Dschungelcamp-Bewohner freuen dürfte.

Und damit aber doch zum trübsinnigen Ereignis der Woche, dem zumindest Arte eifrig Tribut zollt: Dem Holocaust-Gedenktag zur Auschwitz-Befreiung am 27. Januar. Während sich das Erste am Montag zuvor interessanterweise lieber deutschen Kriegsgefangenen in Frankreich widmet (23.30 Uhr, Schuften für den Erzfeind), porträtiert der Kulturkanal zeitgleich Shoah-Überlebende, bevor er tags drauf bis in die Nacht aufs Erinnern verwendet. Darunter Alfred Hitchcocks grandiose Befreiungs-Doku Night Will Fall (23.55).

Wobei das wäre im Grunde schon eine Wiederholung der Woche wie diese hier in schwarzweiß wäre: Hafen im Nebel (Montag, 22.10 Uhr, Arte), ein französisches Melodram von 1938 über die Liebe in Zeiten des drohenden Krieges. Der in Ernst Lubitschs Klassiker Sein oder Nichtsein von 1942 (Freitag, 23.30 Uhr, BR) bereits in vollem Gange war. Auch in Farbe diesmal zwei Tipps: Der Coen-Brüder-Geniestreich Fargo von 1996 (Dienstag, 22.10 und Donnerstag, 0.20 Uhr, Tele5). Dazu Wes Andersons ähnlich skurrile Indien-Reise Darjeeling Limited von 2007 (Mittwoch, 20.15 Uhr, Arte). Und am selben Tag (22 Uhr) läuft im SWR der Tatort von gestern: LU aus Ludwigshafen mit Jürgen Vogel als Täter, der irgendwie keiner ist.


Yalta Club.Brandon Can’t Dance.Cherry Glazerr

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Und jetzt? Das alte Jahr war in nahezu jeder Hinsicht ein Desaster, sein Nachfolger ist längst auf dem bestem Wege dorthin, am Tag von Donald Trumps offiziellem Amtsantritt regiert ein Größenwahn, der alle Humanität und Wahrheit kraftstrotzend verachtet. Stellt sich die Frage, was ihm wahrheitsliebende Humanisten noch entgegenzusetzen haben – Angst, Wut, Zynismus? Yalta Club empfiehlt da Folgendes: einen eigenen Größenwahn, der die kraftstrotzende Verachtung mit optimistischer Selbstüberschätzung fröhlich zurückverachtet. Das zweite Album der französisch-deutschen Popband heißt daher Hybris und lacht kaputt, was sie kaputt zu machen droht.

Schon das Auftaktstück, komponiert angeblich nur wenige Stunden nach dem Anschlag aufs Pariser Satire-Magazin Charlie Hebdo, fragt scheinbar bedrückt „why can’t we both / love each other“, ummantelt die trübsinnige Feststellung allerdings musikalisch mit so gut gelaunten Loops und Steeldrums, dass daraus rasch Hoffnung erwächst. Und die verpackt das Sextett fast alle elf Stücke in den eskapistischen Sound der Achtziger – nur fetter produziert, weniger pathetisch, ohne den Sarkasmus des Vorgängers oder überflüssige Orgelpeitschen, dafür voller Liebe zum elektronischen  Detail und der Botschaft, es besser zu machen als die Größenwahnsinnigen des Hasses. Hybris heißt schließlich auch Übermut. Und davon kann ein wenig mehr mitunter nicht schaden.

Yalta Club – Hybris (Radicalis)

tt17-brandonBrandon Can’t Dance

Vielleicht lautet die Botschaft 2017 ja generell: Weitermachen! Spaß haben! Jetzt erst recht! Vielleicht ist der emotionale Dauerwinter 2017 demnach die richtige Zeit, um einen Leguan mit Sonnenbrille und Energydrink im Puppenstubenliegestuhl aufs Plattencover zu setzen und die Orgeln dazu nicht eskapistisch, sondern hoffnungsfroh durch entfesselten Fuzzpop zu jagen. So jedenfalls tut es die ostamerikanische Band Brandon Cant’t Dance auf ihrem grandiosen Debütalbum Graveyard Of Good Times. Wenn ihr namensgebender Kopf Brandon Ayres dazu in kratzigem Indie-Falsett statt Trübsinn zu blasen „Dance with somebody / smoke and drive around“ empfiehlt, sind alle Sorgen Ruck Zuck weggeblasen.

Dass dieses Wegblasen allerdings nicht wohlfeil nach seifigem Radiogedudel oder Schlimmerem klingt, dafür sorgen zum Glück schon die sperrig schönen Arrangements, deren Sound gelegentlich daherkommt wie abgetauchte Zackengitarren: blubbernd, fließend, verzerrt, tonal meistens eher dem Moll zugewandt und dabei verschroben wie einst Talk Talk. Dann aber auch wieder voll sprühender  Lebensfreude, als stünden Vampire Weekend und Retro Stefson Pate. Die gute Zeit ist längst noch nicht begraben.

Brandon Can’t Dance – Graveyard Of Good Times (Lucky Number)

tt17-cherryCherry Blazerr

Bisweilen nervig an der mitunter nicht so guten Zeit von heute ist weniger das zwanghafte Recycling gebrauchter Waren, als dessen lieblose Nachverwertung zu kommerziellen Zwecken. Wenn Clementine Creevy in ihrer Ode an Trash People wie sie selbst mit fragiler Stimme “My room smells like an ashtray” krächzt und dazu grob verzerrt die Psychobeat-Gitarre flattern lässt, ward auch das schon tausendmal gehört. Begleitet vom multiinstrumentellen Tausendsassa Sasami Ashworth und ihrer beider Drummer Tabor Allen wird bei der kaum zwanzigjährigen Kalifornierin daraus jedoch kein abgeschmacktes Retrogeschepper im Sonic-Youth-Mantel, sondern ausgesprochen feinsinniger Alternative-Rock.

Bereits nach dem zweiten Album als neuer crazy L.A.-Sound gelabelt, drehen Cherry Glazerr auf ihrem neuen mit dem bandnamentauglich fantastischen Titel Apocalipstick nochmals wilder am Regler psychedelischer Schwermut. Weil das Produzenten-Duo Joe Chicarelli (White Stripes, The Strokes) und Carlos de la Garza (Bleached, M83) das Ganze aber zusätzlich mit wilden Synths und Soundfragmenten wie eingeprengselten Waldhörnern aufgemischt hat, klingt die genretypische Melancholie hinreißend aufgekratzt und lebensfroh – als würden Tegan and Sara mit The Cramps und Elvis Hitler Absinth saufen. Oder so ähnlich. Und wer mal sehen will, wie innig eine Liebesbeziehung mit der eigenen Gitarre sein kann: bitte dringend das Video zu Nuclear Bomb ansehen! Viel Spaß.

Cherry Glazerr – Apocalipstick (Secretly Canadian)


Dirk Thiele: Skispringer & Phrasenschweine

hqdefaultMir fällt’s halt ein

Nach einem Vierteljahrhundert am Mikrofon kommentiert Dirk Thiele seit dieser Saison – offenbar ein bisschen unfreiwillig – kein Skispringen mehr beim künftigen Olympia-Sender Eurosport. Zeit, ein Interview mit dem heute 74-Jährigen zu bringen, das er zu seiner aktiven Zeit an den Schanzen der Welt geführt hatte – und dabei ein Bild der Sportberichterstattung malte, das ihren elaborierten Aberwitz ein bisschen verständlicher macht.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Thiele, Gibt es in Ihrer Redaktion ein Phrasenschwein?

Dirk Thiele: Oh je, da müsste ich sicher einiges einzahlen.

Hier ist einer Ihrer live kommentierten Redensarten: Keiner wirft die Brandfackel, an der sich die anderen mal die Finger verbrennen können. Worauf bezog sich das?

(Lacht) Das ist vielleicht typisch für mich. Ich werde oft danach gefragt: Was hast du denn da und da gesagt. Ich weiß das abschließend oft gar nicht.

Sie haben damit von den deutschen Skispringern bei der Vierschanzentournee gefordert, einer müsse die anderen mit seiner Leistung mitreißen.

Da sind wir schon mitten beim Thema. Es ist vielleicht bei allen Schwächen eine meiner Stärken – diese Impulsivität, dass mir in bestimmten Situationen Dinge einfallen, die anders sind. Ich habe einen Fan, der offenbar Tag und Nacht nur Eurosport guckt. Er hat mittlerweile 657 Zitate, Sprüche von mir aufgeschrieben und sie mir geschickt.

Haben Sie sich da selbst gewundert, was Sie so vom Stapel lassen?

Auf jedem Fall hab ich mich in der Häufigkeit wieder erkannt. Und als ich ihn bei einigen Sachen fragte: Sag, mal hab ich das wirklich gesagt? Da meinte er selbstverständlich.

Suchen Sie sich Ihre Sprüche vor der Sendung?

Nein, ich recherchiere nicht so richtig, wo ich das her hab. Ich denke, dass ich das meiste irgendwann mal gehört habe. Das fällt mir spontan wieder ein und dann bringe ich’s an. Ich weiß, das ist ein schmaler Grat, auf dem ich da wandere. Es muss eben nicht immer hundertprozentig treffen, aber mir fällt’s halt ein und dann sag ich’s. Tja.

Ihr Kommentar zum finnischen Skispringer Ville Kante – „der Wille ist da, aber trifft er auch die Kante“ – kam Ihnen spontan in den Sinn?

Ich will’s nicht ganz ausschließen, dass ich mir vorher Gedanken mache: Was könntest du denn Originelles sagen. Aber man hört es, wenn solche Sätze aufgesetzt sind. Da bin ich fest von überzeugt.

Ist das die alte Schule reifer Sportreporter wie Werner Hansch im Fußball, bildhafter, aphoristischer zu reden?

Würde ich nicht sagen. Ich stehe auf dem Standpunkt: Jeder muss sich von den anderen irgendwie unterscheiden. Wenn es keine Unterschiede in diesem Geschäft gebe, wäre man fehl am Platze. Das ist ja vielleicht unsere einzige Stärke bei Eurosport – ohne Interviews, ohne alles. Es ist ein Konkurrenzkampf der Kommentatoren und man kann nur Äpfel mit Äpfeln vergleichen. Das heißt, ich kann ein Skispringen nur vergleichen, wenn es ein anderer Sender auch bringt. Alles andere wären Äpfel und Birnen. Wenn wir aufgrund des Kommentars 15 Prozent Einschaltquote von den Öffentlich-Rechtlichen holen, ist das ein Erfolg, der auf den Kommentator zuzuschneiden ist.

Es gibt also Zuschauer, die den Sender nur anhand des Kommentators sehen?

Davon bin ich fest überzeugt. Diese Resonanz kriege ich. Wir haben 300.000 Zuschauer, ARD und ZDF dagegen 2,5 Millionen. Sagen Sie mir einen anderen Grund, warum jemand sonst Eurosport gucken soll?

Die Frage gebe ich zurück.

Ich denke mal, das ist der einzige Grund.

Aber es gibt schon noch weitere Unterschiede in der Art der Sportübertragung?

Natürlich. Die Öffentlich-Rechtlichen sind aufgrund ihres Personals, ihres Überangebots ja im Vorteil – die sind ja grundsätzlich mit zehnmal soviel Leuten vor Ort, während wir noch nicht mal einen Redakteur haben. Wir sind auf uns allein gestellt. Die haben ihre Recherchen, die Interviews, eine Plattform, reichern alles an – das müssen wir alles verbal kompensieren.

Und das zieht bei Olympischen Spielen trotz Werbung, trotz lückenloser Übertragung Publikum von ARD und ZDF ab?

Bei den Sommerspielen gibt es noch einen Aspekt: dass sich die Öffentlich-Rechtlichen ein wenig verzetteln. Mal dahin schalten, mal das zeigen. Wir sind da konsequenter und bleiben einfach an einer Sportart dran – ob es nun redaktionelle Gründe sind oder vielleicht, weil wir diese vielen Schaltmöglichkeiten haben, weil wir auch 17 Sprachen bedienen müssen. Bei den Winterspielen gibt es keine anderen Gründe als die Moderation. Zu diesem Zeitpunkt findet nur dieser 15-Kilometer-Langlauf statt. Da sticht eben diese Karte oder sie sticht nicht. Entweder, ich bin mit Gerd Siegmund oder Fritz Becker in der Lage, Zuschauer abzuziehen oder nicht. Wenn’s nicht gelingt – liegt’s an mir!

Haben Sie vom Sender alle Freiheiten, zu kommentieren wie Sie es wollen? Bei den anderen wird es da Restriktionen geben.

Da bin ich mir sogar ganz sicher. Das ist ein Vorteil, den ich habe. Die Dramaturgie kann ich selbst wählen, ich kann sprachlich in Grenzbereiche gehen, von der Kritik her anders rangehen.

Sind Sie ein Vielredner?

(Seufzt) Im Nachhinein, wenn ich mich so abhöre, sage ich: leider ja, dass die Pferde manchmal mit einem durchgehen, dass man mehr redet und fast ein wenig ins Radio reinkommt. Da lässt man sich verführen, wenn die Dramatik zunimmt, kulminiert, dann ist man automatisch dabei mehr zu reden. Das ist eigentlich falsch, wird aber generell so gemacht. Auch bei den anderen.

Erfordert Nordischer Wintersport nicht auch mehr Worte als Fußball, wo einfach mehr los ist und weniger erklärt werden muss?

Sehen Sie, das ist Grenzbereich. Ist das wirklich so? Entscheidend ist der Zuschauer. Und wenn da mal fünf oder zehn Sekunden Lehrlauf sind, denkt der sich: da passiert wohl nichts, wie langweilig. Das kann durchaus der neue Stil sein, gezwungen zu sein, mehr zu reden als früher. Das beste Beispiel ist Boxen. Früher hat man nur in den Ringpausen gesprochen. Gut, da gab es auch die Werbung noch nicht, aber was es zu sagen gab, wurde in die Ringpause verlegt und ansonsten ganz, ganz sparsam kommentiert. Heute ganz anders.

Daran trägt die private Berichterstattung großen Anteil.

Ganz sicher sogar.

Klingt da auch Kritik von Ihrer Seite durch?

(Überlegt lange) Nee, ich hab es eigentlich nur geschildert wie es ist; ich mach’s ja selber auch nicht anders.

Haben Sie schon Boxen kommentiert?

Nein, meine Kernsportarten sind Nordischer Ski und Leichtathletik. Ich hab auch schon lange Strecken Fußball gemacht, aber das hat sich irgendwann gebissen mit dem Rest. Es musste eine Entscheidung her und nun bin ich da sehr erfolgreich, denn für einen kleinen Sender wie Eurosport ist es eine Menge, wenn man wie ich in der Ausscheidung zum deutschen Fernsehpreis ist, wenn man von der FIS als bester deutschsprachiger Kommentator im nordischen Ski 2004 ausgezeichnet wurde und für den Grimmepreis nominiert.

Wie Sie Ihren Sender schildern, wird man dennoch schneller zum Mädchen für alles.

Ja, aber das hat sich in letzter Zeit doch gebessert. Es ist nicht mehr so schlimm. Jemand wie Sigi Heinrich ist zum Beispiel noch sehr vordergründig auf dem Sender, weil er sehr viele Sportarten hat. Ansonsten haben wir eine ziemliche Spezialisierung erreicht. Das schließt aber nicht aus, dass, wenn mal was passiert wie im letzten Sommer beim Frauenfußball, als eine Leitung zusammengebrochen ist und sich der Kollege nicht gemeldet hat, ich angerufen werde: Du musst ganz schnell ins Studio fahren und Frauenfußball kommentieren. Das hab ich natürlich gemacht, dazu hab ich die Grundausbildung. Und dann hab ich mir – um mich einigermaßen aus der Affäre zu ziehen – den Bernd Schröder von Turbine Potsdam dazu geholt.

Der Teamkommentar. Schwer in Mode zurzeit.

Ja, ja. Aber ich weiß gar nicht, ob es unbedingt das Nonplusultra ist. Ich mache auch gern mal wieder einen Wettbewerb allein. Es ist eine gute Geschichte, aber es muss auch passen. Wenn sich Kommentator und Experte nicht verstehen, wenn die Chemie nicht stimmt, dann hat das überhaupt keinen Sinn, dann kommt nix raus. Mit Ernst Vettori und mir – das war ein Traum. Deutschland und Österreich stimmen auch von den Mentalitäten her. Um ein Haar hätte ich den Andi Goldberger gekriegt, aber das hat der ORF verhindert. Man muss in dem Sport drinstecken, es muss auch vom Charakter her stimmen, man sollte sich nicht anpassen, sondern es muss passen.

Droht bei einer breiten Streuung der Sportarten neben der Abnutzung letztlich auch eine Art gefährliches Halbwissen?

Die Gefahr droht. Ich zum Beispiel bin im Sommer total ausgelastet, weil ich mein eigener Statistiker bin. Ich sitze am Computer, gebe alle Daten ein und was ich nicht eingebe, hab ich nicht. Sie wissen, wie umfangreich manche Sportarten sind; das kostet viel Zeit. Eine ganz wichtige Frage, die jeder für sich allein beantworten muss.

Die Sie beantwortet haben.

Das ist richtig. Vielleicht noch mal Curling, aber sonst keine weiteren Sportarten.

Sie haben Ihre Kernsportarten beim DFF herausgebildet. Was war damals anders in Ihrem Job?

Man hat ganz einfach nicht den Spielraum von heute gehabt. Was aber vielleicht sogar besser war: Wir sind alle ausgebildet worden. Heute gibt’s so viele Seiteneinsteiger, die diese Sparte fast ein bisschen beschädigen. Ich hab studiert, bin Sportlehrer, hab Journalistik gemacht und das ganze Fernsehgeschäft von der Pike auf gelernt. Ich weiß wie ein Film gemacht und geschnitten wird und das ist es, was ich heute vielleicht beklage: die fehlende journalistische Grundausbildung.

Wie oft waren Sie bei Olympia?

Sommer und Winter zusammen? Da muss ich kurz zählen: die elften.

Wird auch dort viel aus der Box, abseits des Ereignisses vorm Bildschirm moderiert?

Schauen Sie, das ist auch ein Grund für meine Entscheidung. Beim Fußball hätte ich in der Tat viel in der Kabine gesessen. Bei der Leichtathletik bin ich in der Regel vor Ort und im Nordischen Ski weitestgehend. Das ist ein großer Vorteil, ein Privileg, weil diese Sportarten bei Eurosport sehr erfolgreich sind, denn nichts ist schlimmer als beim Kommentar nur vier Wände anzustarren, da muss man ein guter Schauspieler sein.

Das haben Sie aber auch gemacht.

Na aber sicher doch. Ich habe Leichtathletik-Europameisterschaften und Olympische Spiele aus dem Studio gemacht, wo ein Hochspringer im Bild ist und man weiß nicht, wie hoch die Latte liegt, nebenan knallt ein Startschuss, auf einmal kommt Schnitt – das ist nicht einfach. Man nimmt über Bildschirme weniger wahr, den Informationsverlust kann man kaum kompensieren. Auf einmal kommt eine Einblendung, da steht 2,30 Meter obwohl es 2,27 Meter sind. Das ist peinlich, aber nicht zu ändern.

Gibt es das Problem bei ARD und ZDF auch noch?

Ich bitte Sie! Die können doch aus den Vollen schöpfen. Das gibt’s überhaupt nicht, dass jemand da was im Studio macht.

Könnten Sie sich vorstellen noch mal dorthin zu wechseln?

Nein, das denke ich nicht. Ich bin auch ganz zufrieden mit dem, was ich jetzt tue. Ich kann mich hier wirklich in meinen Vorstellungen austoben, ich kann mich absetzen, ich kann es anders machen. Es gab mal lockere Gespräche als RTL in das Skispringen eingestiegen ist. Aber das würde gar nicht passen, weil die Philosophien der Sender andere sind. Da gab es Thoma und Jauch, der Kommentator Bartels hat schön im Hintergrund zu bleiben. Bei uns ist es anders, da bin ich im Vordergrund und das sagt mir doch eher zu.