Tilmann Otto alias Gentleman, Hamburg 2012

Jamaika kommt auch ohne mich gut aus

Tilmann Otto kennt kaum ein Mensch, Gentleman dagegen sogar halb Jamaika. Der 39-Jährige Kölner aus Osnabrück ist Deutschlands weltweit populärster Reggae-Export und selbst im Heimatland des Genres anerkannt. Sein neues Album New Day Dawn ist wie immer sofort hoch in die Charts gestiegen und die anschließende Tour dürfte volle Hallen garantieren. Ein Gespräch über Reggae, Sexismus, Heimat und Weiße in der schwarzen Musik.

freitagsmedien: Gentleman…

Gentleman: Oh, Tilmann bitte.

Also, Tilmann. Wenn man jemandem Reggae erklären muss, der davon das übliche Bild zwischen Karibik und Kiffen hat – wie würden Sie ihn umschreiben?

Tilmann Otto: Wenn man Musik erklären muss, hat sie oft zu wenig Substanz, um aus sich selbst zu sprechen. Deshalb würde ich es gar nicht erst versuchen, und es muss auch wirklich nicht jeder Reggae hören. Andererseits sind einige der größeren Klischees langsam auch mal gut. Es gibt pappeflachen, stumpfsinnigen Dancehall und hochintelligenten, sozialkritischen Roots ohne Sunshine-Feeling, dafür mit permanenter Attacke gegen Missstände und Establishment. Es gibt moderne und traditionelle Ansätze, so wie es auch im HipHop stupide und schlaue Lyrics gibt. Gäbe es nur einen der Pole, wäre es doch wieder Musik, die man erst erklären muss, um sie Nicht-Eingeweihten schmackhaft zu machen.

Läuft in Jamaika denn nur der auserlesene, feine Reggae, ohne den Schrott?

Im Gegenteil. Wenn man da das Radio anmacht, läuft das ganze Spektrum. Das einzig vereinende Element ist, dass tatsächlich zu 80 Prozent Reggae, hauseigene Musik gespielt wird.

Die jamaikanische Volksmusik.

Kann man so sagen.

Und sie wird auch als solche wahrgenommen?

Mehr noch: Musik, also Reggae, bildet den größten Teil der jamaikanischen Kultur. Trotzdem wird sie im positiven Sinne so globalisiert, dass immer mehr Produktionen, die dort zu hören sind, international produziert werden. Selbst in Deutschland. Das Netzwerk funktioniert überall. Als ich dort mein erstes Album produziert habe, gab’s noch diese Blase heimischer Künstler, in die man als auswärtiger kaum rein gekommen ist. Heute sind die Türen offener.

Hat das mit Globalisierung als solcher oder mit der Entwicklung des Sounds zu tun?

Mit beidem, aber auch Jamaika hat festgestellt, dass in der Masse Klasse stecken kann. Dass unter der schieren Menge von Tracks, die unablässig in Jamaika releast werden, unter all dem Bullshit auch unglaublich viele Perlen zu finden sind, die man nie entdecken würde, hätte sich die Insel nicht ausländischen Szenen geöffnet. Da ist mittlerweile einiges textlich und technisch so hochwertig, dass es sein Publikum findet.

Wie erleben Sie das vor Ort?

Also meine zweite Heimat, wie oft geschrieben wird, ist Jamaika nicht. Meine erste ist Köln, meine zweite überall. Aber ich fühle mich zuhause in Jamaika und je länger ich fort bin, desto mehr zieht es mich zurück nach Kingston, dem Nashville des Reggaes. Das ist ein Weg an die Quelle.

Waren Sie dort denn je der Reggae-Musiker, der zufällig aus Deutschland kommt, oder doch der Deutsche, der auch Reggae macht?

Ich glaube, Jamaika kommt auch ohne mich ganz gut aus. Trotzdem werde ich eher als Musiker wahrgenommen, der auch aus Deutschland kommt. Zeit verwischt da vieles. Mein erster Song, der da im Radio lief, war Jah Jah Never Fail von meinem ersten Album vor zwölf Jahren. Viele, die ich heute auf der Straße treffe, im Studio, wussten damals gar nicht, dass das von außerhalb kommt.

Muss man als weißer Künstler in genuin schwarzer Musik um Anerkennung kämpfen?

Generell vielleicht, ich nicht, weil ich oft das Glück hatte, zur rechten Zeit die richtigen Leute zu treffen, um es eine Stufe weiter zu bringen. Sicher gibt es immer Leute, die es merkwürdig finden, dass jemand, der mit Willy Millowitsch groß geworden ist, plötzlich auf Bob Marley macht. Aber ich hab immer mit der Gewissheit geantwortet, eine Musik zu machen, die überall auf der Welt funktioniert.

Nichtsdestotrotz haben Sie sich dabei eine Sprache angeeignet, die manche als Anbiederung ans Mutterland verstehen könnten.

Natürlich hat mein Englisch einen jamaikanischen Einschlag, aber ich singe bewusst so, dass ich auch verstanden werde. Deshalb versuche ich so englisch wie möglich zu singen, nicht im tiefsten Patois, um zu suggerieren, ich sei wer weiß wie jamaikanisch. Es kann sein, dass ich manchmal bemüht klinge. Aber wenn du lange Zeit in der Fremde lebst, färben sich viele Gewohnheiten regional ein, nicht nur die Sprache. Deshalb folgt es noch lange keinem Kalkül; es passiert einfach. Ich wollte ja auch nicht mein Leben lang Reggae machen oder unbedingt, da ist es wieder, nach Jamaika gehen.

Sondern?

Ich wollte schon früh im Leben so viel wie möglich im Moment leben, ohne ständig der Spontaneität zu huldigen. Ich hatte immer eher Visionen als Pläne, wollte natürlich Musik machen, hab aber gerade deshalb lange mit Existenzängsten zu kämpfen gehabt, ohne zu wissen, wohin die Reise geht. Erst als ich nach dem Zivildienst in den Freundeskreis geraten bin…

Den Conscious Rappern aus Stuttgart.

… da wurde der Weg klarer. Ich war viel auf Tour, viel fort, viel am Probieren. Mein erster Plattenvertrag bei Four Music hat mich dann förmlich getragen. Trotzdem fängt man bei jedem Album bei Null an, und ich weiß ehrlich gesagt auch nicht, was ich in fünf Jahren mache, ob es überhaupt noch Reggae ist. Ich will immer Musik machen und davon meine Familie ernähren, aber die Richtung gilt nicht für die Ewigkeit.

Wobei Reggae wie HipHop weniger Musikrichtung als Lebenseinstellung ist.

Auf meinem Skateboard stand „Skateboarder for ever“, aber irgendwann wurde aus ever doch over, vielleicht mache ich also irgendwann Punk. Glaub ich zwar nicht, weil ich auch nach 25 Jahren des Hörens und Machens nicht ansatzweise müde bin. Aber ich hab mich auch immer geöffnet; ich hab mit den Toten Hosen Songs gemacht, mit einem türkischen Popact wie Mustafa Sandal, Filmmusik. Die einzige Konstante im Leben ist Veränderung, aber ich komme immer wieder zurück zum Roots-Reggae.

Auch wegen der Spiritualität?

Ich bin davon überzeugt, dass es eine Energie gibt, die alles zusammenhält. Aber einer Religion fühle ich mich ebenso wenig zugehörig wie einer Kirche, obwohl mein Vater Pastor ist. Auch von den Rastas habe ich über lange Zeit in den Bergen Jamaikas viel gelernt, über die Philosophie hinter der Musik, das bewusste Leben im Moment, von Atmen bis Essen. Diese Spiritualität ist sehr tief, stößt aber an ihre Grenzen, wenn es dogmatisch wird und Haile Selassie der Allmächtige sein soll. Ich glaube, dass jede Religion einen guten Kern hat, aber die Göttlichkeit des Moments entsteht für mich nur aus Musik und Sex; alles andere verbindet sich zu sehr mit Zukunft und Vergangenheit.

Macht das Ihre Texte im jamaikanischen Sinne spirituell?

Nein, denn mich inspiriert diese Spiritualität genauso wie die „Tagesschau“ oder ein Bericht in der „Zeit“, Alltägliches, Songs, alles.

Sorgen diese Quellen für Botschaften, die Ihren Texten innewohnen?

Früher dachte ich, es gibt schwarz und weiß, heute denke ich auch in Grautönen. Das will ich in meinen Songs rüberbringen. Meistens teile ich aber nur Gefühle mit den Zuhörern, um nicht allein zu sein damit und sie nicht allein zu lassen mit ihren. Ich glaube noch immer an das Gute im Menschen.

Ist das die Message?

Schon. Die Kraft des Wortes sollte man nicht unterschätzen und ich spüre als Musiker eine gewisse Verantwortung.

Auch gegenüber dem Vorwurf, Reggae sei schwulenfeindlich?

Sicher, aber die Debatte hat ein Level erreicht, wo wegen einiger Künstler wie Sizzla ein ganzes Genre kriminalisiert wird. Mich stört Homophobie extrem und ich distanziere mich klar davon; manche Lyrics sind absolut unverantwortlich. Trotzdem hat jeder das Recht, Homosexualität abzulehnen. Ich glaube an Veränderung, und jede davon wird durch Musik begleitet. Deshalb werden in meinen Texten keine Minderheiten gedisst, sondern unterstützt. Wir als Musiker können die Welt vielleicht nicht verändern, aber ein bisschen erträglicher machen. Und da liegt die Betonung auf Eigenverantwortung. Es ist leicht, alles auf Verantwortliche aus Wirtschaft und Politik abzuwälzen. Deshalb fordern meine Texte eher Aktivität im Mikrokosmos der eigenen kleinen Welt.

So was treibt einen schnell ins Schneckenhaus.

Stimmt. Und wenn man aus dem engsten Umfeld in Kingston ständig Geschichten hört, wie da aus nichtigsten Gründen Gewalt eskaliert und Menschen getötet werden, dann kann man nicht nur an Eigenverantwortlichkeit appellieren; die Kritik muss sich also auch ans System darüber richten, an den Kapitalismus, an Eliten.

Gibt es gesellschaftliche Umstände, in denen Reggae besser funktioniert oder schlechter?

Eher nicht. Reggae war immer schon Underground, auch wenn es einige Künstler immer mal in den Mainstream schaffen. Krise trifft den Reggae deshalb eher aus sehr profanen Gründen: Downloads und all so was machen ihr zu schaffen wie jeder anderen Musikrichtung. Da ist im Moment die Phase des Umbruchs.

Ihre Platten gehen doch blendend.

Es liegt mir auch fern, mich persönlich zu beschweren. Aber auch ich befinde mich da in Aufs und Abs. Zwischendurch lagen meine Zuschauerzahlen so in 5000er-Venues, im Moment eher im 2000er-Bereich. Das Wichtigste ist, die Leidenschaft nicht zu verlieren.

Singen Sie irgendwann auch mal auf Deutsch?

Wer weiß, kann sein, im Moment eher nicht, vielleicht als Intermezzo. Deutschland ist meine Heimat, mit meiner Sprache, die eine ganz eigene Tiefe hat. Aber wenn ich mir unsere Tourpläne so ansehe, sind deutsche Städte eben nur ein kleiner Teil. Vielleicht eher auf Kölsch.


Schaumdusche

fragezeichen_1_Dass bei feierlichen Filmanlässen gern mal die Korken knallen, ist ja dramaturgisch durchaus nachvollziehbar. Aber warum bitteschön muss es dabei immer so schäumen? Merkwürdig

Es gibt Verbote des Alltags, die kriegt man schon als kleines Kind unablässig eingebimst: Kau nicht an den Fingernägeln! Füße runter vom Tisch! Weg mit dem Draht von der Steckdose! Sprich nicht beim Essen! Iss nicht beim Sprechen! Oder das hier: Öffne keine Brause, die zuvor geschüttelt wurde! Zu dumm, dass sich auf Bildschirm und Leinwand niemand daran hält. Zumindest, wenn die Brause Wein enthält und feuchtfröhlich prickelt. Denn wann immer es was zu Feiern gibt – irgendjemand muss den Champagner vorm Entkorken noch kurz in die Zentrifuge gesteckt haben, so sehr spritzt es grundsätzlich aus der Buddel.

Das könnte zunächst mal anlassbezogen sein. Es geht ja beim Schampus in der Regel ums Feiern, und weil Film wie Fernsehen nun mal sehr visuelle, also eher plakative Medien sind, müssen sich knallende Korken irgendwie auch optisch manifestieren. Warum aber müssen gleich riesige Fontänen aus dem Flaschenhals schießen, die zudem grundsätzlich durch den ganzen Raum verteilt werden? Ganz einfach: dann darf der begleitende Akustik-Overkill noch um das übliche Gieksen, Kreischen, wowowow-Gerufe der eingenässten Partygäste erweitert werden. Denn merke: im Fiktionalen hat jede Handlung alle Beteiligten aufs Höchste zu erregen. Wie soll es andernfalls genau das mit Zuschauern machen, die es seit Einführung der Privatsender nicht mehr gewohnt sind, Gefühle ohne Bildunterstützung zu registrieren. Also: Schütteln, Öffnen, Trallala – Verbote sind zum Brechen da.


Nazi-Tappert und Inzest-Willem

Werbung, RFT Color 20, FernseherRücksichtnahme

Die Woche, die war: 22.-28. April

Reporter sind die Pest. Besonders in Film, Funk, Fernsehen kommen sie daher vorwiegend als sensationslüsterne Schmierfinken weg, die „für eine gute Story“ über Leichen gehen, mindestens aber knietief durch Blut und Sperma waten. Doch auch sonst lässt kaum jemand ein gutes Wort an der Presse: “Journaille” ist da noch der freundlichste Ausdruck für eine Spezies, die im öffentlichen Bewusstsein vor allem niedere Instinkte hat und bedient. Da ist also Vorsicht geboten, wenn mal einer warme Worte für die vierte Gewalt findet. Karl-Heinz Rummenigge zum Beispiel. „Kompliment an den Journalisten“, sagte der Bayern-Boss nach dem Halbfinale der Champions League zum publik gewordenen Transfer des besten Dortmunder Spielers namens Götze zur Münchner Konkurrenz und wiederholte auch in den Tagen drauf mehrfach: „Das hat er sehr, sehr gut recherchiert“. Hat er das, Herr Rummenigge? Hat der mächtige, machtbewusste FCB den Infotank nicht doch selbst kurz leck geschlagen und sodann die Presse dazu genutzt, den aufmüpfigen Ruhrpottrivalen zur Unzeit zu verunsichern?

Darüber hätte man nach dem Hinspiel in der Sky-Expertenrunde schön reden könnten, wären die Herren Beckenbauer, Gulitt, Polster nicht fortwährend abgelenkt gewesen von zwei vollbusigen Kellnerinnen in nahezu textilfreier Pornouniform auf 24-cm-Killerheels, die komischerweise nur dann reinen Wein einschenken, wenn die Kamera läuft. Dann doch lieber die Hotpants von Petra Schmidt-Schaller, die an der neuen Assistentin des neuen Tatort-Kommissars Wotan Wilke Möhring zwar auch keinen tieferen Sinn erfüllten, als männlichen Zuschauern Zugang zum neuen Hamburger Team zu gewähren und nebenbei ein paar Blondinenklischees zu bedienen, aber gut: Ihr erster Fall Feuerteufel war auch sonst eher konstruierte Kost.

Konstruiert wie (Pardon für den konstruierten Übergang) die Biografie von Horst Tappert, der seine SS-Mitgliedschaft mit einer Sanitäter-Legende kaschiert hatte, die Samstag aufflog. Als wäre das nötig gewesen… Im männerreduzierten Nachkriegsdeutschland waren Nazikarrieren bekanntlich selten ein Aufstiegshindernis. Das zeigten alle Eliten aus Politik, Wirtschaft, Justiz und Militär mit ihren dicht gewobenen Seilschaften bis in die höchsten Ränge von NSDAP und BRD, das zeigte aber auch ein Kulturbetrieb, der mit NS-Höflingen von Heesters über Rühmann bis hin zu Herbert Reinecker, der aus seiner Vergangenheit als SS-Propagandist nie einen Hehl machte und Tappert trotzdem 281 Folgen Derrick schreiben durfte. Tja, ging halt irgendwie einfach – sorry, echt blöd gelaufen – nicht ohne Nazis…

Aussichtsplattform

Die Woche, die wird: 29. April – 5. Mai

Geht ja auch nicht (ja, noch so ein Übergangskonstrukt) ohne den Adel. Deshalb bläst das Fernsehen im Zusammenspiel mit dem Restboulevard Dienstag auch zum aristokratischen Overkill, wenn Hollands Königin Beatrix die Krone an ihren Inzestzögling Willem-Alexander übergibt, was in demokratischen Zeiten eigentlich keine Sau interessieren sollte, der ARD aber fast 12 Stunden Thematisierung ab 9 Uhr wert ist und immerhin noch deren 5 bei RTL. Dort geht es ansonsten selten ohne Titten, Spoiler, harte Jungs. Deshalb startet der Sender auf dem konsequenten Weg programmatischer Selbst- wie Fremddebilisierung sein neues Action-Krimi-Hochglanzformat Medcrimes gleich mal mit einem kernigen Einsatz im Stripclub, wo dem sabbernden Pennälerkernpublikum, kurz bevor der „knallharte Polizist Alex Steiner“ lächelnd ein paar Ganoven vermöbelt, noch flugs ein paar Hochglanzbrüste vor die Nase gehalten werden. Ansonsten geht’s um irgendwas mit Verbrechen und Medizin und Bullen mit alten Sportwagen und flapsigen Sprüchen und ist ja eigentlich auch egal, bei so viel – schon wieder! – konstruierter Dummheit. Wichtiger ist ohnehin die Drohung, das soundsoßenertränkte Machwerk sei ein Pilot, also Auftakt einer Serie.

Ach Privatfernsehen.

Dabei kannst du es besser, das zeigst du ja bisweilen. Sat1 etwa, heute um 23 Uhr, mit der Spiegel-TV-Reportage Zeugen des Untergangs, wo Überlebende von den letzten Tagen im Führerbunker berichten. Oder der Gummibärchenbrausesender Servus TV, auf dem Dienstag die bemerkenswerte BBC-Serie Call the Midwife über Hebammen in den 50er Jahren anläuft. Oder – nee, das war’s auch schon, danach regiert kommerziell wieder RTL-Geprolle wie Teenage Boss, bei dem Jugendliche mit Namen wie Jaqueline ab Mittwoch zur besten Sendezeit je vier Wochen lang die Haushaltskasse ihrer Familien verwalten sollen. Also doch wieder zurück zum öffentlich-rechtlichen Programm, wo es zwar auch nicht viel innovativer zugeht, aber wenigstens weniger voyeuristisch. Heute Abend zum Beispiel, wo ZDFkultur ab 19.20 Uhr Queens of Pop porträtiert, zunächst Aretha Franklin, Diana Ross, Donna Summer und Kate Bush. Oder beim RBB, wo Rosa von Praunheim dem Sender zum 10, Geburtstag zehn Lebensgemälde aus diversen Metropolen namens Rosen haben Dornen widmet. Perlen zwar, schwer zu finden, aber wer nicht sucht…

… findet auf den besten Sendeplätzen nun mal entweder Fußball, der Montag/Dienstag dank deutscher Bayerisch-Dortmunder Finalhoffnungen in der Champions League das kollektive Sehverhalten dominieren wird. Oder Stromlinienware wie Die Kinder meiner Tochter, wo Jürgen Prochnow einen „Richter Eisenhart“ spielt, der nicht zufällig an „Richter Gnadenlos“ Schill aus Hamburg erinnert und den intellektuell ausgedörrten Zuschauerstamm des ZDF am Sonntagabend mal mit einem komplizierten Rezept fordern will, am Ende aber doch nur Hausmannskost serviert. Apropos Servieren: Zurück zu Servus TV, das den TV-Tipp der Woche liefert: Ab morgen, 21.15 Uhr, läuft dort die Wiederholung der famosen 30-teiligen Krimiserie Anna Pihl aus dem famosen Krimiland Dänemark.


Die Samstagsreise: Freeride, Tirol

Der Berg rast

Wer Radfahren sagt, meint meist, von A nach B zu kommen. Beim Freeride in Leogang heißt es eher: von einem Adrenalinschub zum nächsten. Eine gepanzerte Testfahrt ins Glück

Von Jan Freitag

Es gibt Dinge, die tut man einfach nicht, nicht bei klarem Verstand. Fassadenklettern, Stiere reizen, Komasaufen, Gesichts-Tattoos, solche Dinge. Oder Steilhänge mit 20 Prozent Gefälle im Schuss abwärts rasen, über dicke Baumwurzeln und schmale Holzstege, durch enge Baumgruppen, noch engere Kurven und das Ganze: mit dem Fahrrad! Es gibt also eine ganze Reihe innerer Blockaden, die einrasten, wenn Sabine Enzinger ihr argloses Lächeln zeigt und dazu rät: „Einfach laufen lassen.“ Einfach. Laufen. Lassen. Leichter gesagt als getan.

Wenn Sabine Enzinger in ihrer Hochgeschwindigkeitswelt zum Einfachlaufenlassen bittet, öffnet sich schließlich nicht nur Anfängern ein Tor in Abgründe, vor denen vorsichtige Eltern schon immer gewarnt haben. Abfahrten, die schwarz gekennzeichnet würden, wären sie weiß beschneit. Doch es ist Frühling und gefahren wird im österreichischen Leogang auf zwei Rädern. Acht Parcours schlängeln sich im Bikepark die Nordwand des Asitz Richtung Talstation hinab, mal einige Hundert Meter lang, mal mehrere Tausend. Mit Namen von „Bongo Bongo“ bis „Terminator“ durchziehen sie Hanglagen, in denen vernunftbegabte Menschen ihr Rad normalerweise schöben. Doch was ist schon normal beim „Freeride“, einer radikalen Spielart des Querfeldeinrasens, deren Radikalität nur vom „Downhill“ übertroffen wird. Beides mag zusammen eine Funsportart auf zwei Pedalen bilden – mit Radeln hat sie so viel zu tun wie die bemannte Raumfahrt mit Propellerantrieb.

Seit Skigebiete weltweit ihre Pisten zur ganzjährigen Nutzung für Mountainbikes freigeben, schießen solche Anlagen aus dem Bergboden wie einst Schlepplifte. Allein im Alpenraum konkurrieren mehr als 60 Bikeparks um Adrenalinfans. Doch keiner garantiert die Ausschüttung wie Leogang. Wer im Salzburger Land nahe der Deutschen Grenze aufs Rad steigt, panzert sich wie Eishockeytorwarte. Wer oben losfährt, tut es tendenziell ungebremst. Wer trotzdem sicher unten ankommen will, sollte zunächst mal ein paar Takte mit Sabine Enzinger reden. Die ziemlich zierliche Tirolerin mit dem flachsblonden Haar mag auf den ersten Blick nicht so wirken – als Leiterin der Bikeschule Leogang ist sie „DIE Freeriderin überhaupt“, wie das Szeneblatt „World of Mountain Biking“ in seinem Parktest feststellt. Und eben das ist Sabine Enzinger nur, weil ihr Lächeln auch mal kippen kann. „Einfach laufen lassen“, wiederholt sie am Eingangstor des „Flying Gangster“. Ein schwerer Kurs, Freeride für Fortgeschrittene, aber durchaus Laientauglich. Dann guckt sie plötzlich streng: „Aber bloß nicht selbst überschätzen!“ Es ist keine Bitte.

Dabei bedarf es wirklich keines Befehls, um Neulingen Achtung vor dem zu verschaffen, was sich da talwärts windet. Nach ein paar vertrauensbildenden Maßnahmen – Slalom, Bremsen, Körperbeherrschung, ein Crashtest – an der Talstation jener Bergbahn, die im Sekundentakt Biker hoch zur Mittelstation bringt, nach drei vorsichtigen Abfahrten den anfängerfreundlichen „Hangman“ hinab, steht man nun also vorm „Flying Gangster“ und stellt kurz seine Zurechnungsfähigkeit in Frage. „Das sieht nur so steil aus“, flötet Sabine, „wenn du mal drauf bist, geht’s“. In der Tat – es geht. Es geht rasant über regenweiche Sandrinnen von einer Armlänge Breite und „Roller“ genannte Hügel, die zwei kräftige Federgabeln am Vorderrad schlucken, als sei der Weg plan. Es geht nach einer Weile zusehends selbstsicherer über schmale Bretterstege und hölzerne Steilkurven, von Kennern – wir sind hier in der Skaterszene – als „Wallrides“ bekannt, in die man sich wider jede Vernunft mit vollem Gewicht hineindrückt, um aus der Kehre förmlich herauszuschießen. Es geht dies alles ohnehin mit der durchschnittlichen Fliehkraft von 20 Prozent und mehr, zurückhaltend ausgebremst – um die Stabilität zu halten. Die geht dann doch jäh flöten, als unverhofft ein Satz Bodenwurzeln auftaucht. Was Könnern kein Wimpernzucken wert wäre, wirbelt den Anfänger auf dem stabilen Leihrad mit anderthalb Saltos durch die Luft und verdeutlicht gleich mal den Sinn all der Protektoren bis hin zu Rückenpanzer und Integralhelm. Denn danach geht es: sofort weiter.

Kurz abklopfen, Rad checken, Matsch von der Skibrille. „Lebsch noch?“, fragt Sabine lässig und steigt nicht mal ab. Mit 40 Jahren Lebenserfahrung, der Hälfte davon im Gelände, weiß sie: Das Material hält, die Endorphine fluten, der gibt nicht auf! Es braucht halt „Guts“, wird sie nach der sechsten (oder siebten?) Abfahrt sagen, wenn alle Muskeln brennen und die Handballen pochen, als parke darauf ein Kleinwagen. „Eier“, würde Oli Kahn sagen. Aber das trifft es nicht, nicht nur. Man braucht die exakte Mischung aus Kühnheit und Kontrolle, Ratio und Bauch. Deshalb sind Sabine Enzinger sportliche Thirtysomethings mit Familie lieber im Debütantenkurs als manch heißblütiger Teenager. „Die haben Angst, als zu alt für so was zu gelten, aber noch mehr, dass was dabei passiert“. Sie nennt das Respekt vorm Berg und den eigenen Grenzen. Rasen soll schließlich nur der Puls, kein Krankenwagen.

Da überlassen wir „Speedster“ doch lieber den jungen Desperados im Wald nebenan. Auf dem Downhillkurs, wo das Gefälle noch größer ist, der Untergrund noch ruppiger, die Wege noch enger, die Steilkurven noch höher. Wo zu alledem alles voller Bäume ist und schon mal reihenhaushohe Holzrampen im Wege stehen. Wer da runter fährt, ohne Zögern und mit Spaß dabei, der kann im Gelände alles, der packt auch die „Big 5 Bike Challenge“, 5000 Höhenmeter abwärts durch fünf Skiorte. An einem Tag. Nach dem allerersten im Bikepark packt der Neuling aber erstmal seine geschundenen Glieder in die Badewanne. „Nie hinsetzen. Spannung halten. Ein Finger an die Bremse. Pedale parallel. Augen in Fahrtrichtung. Keep focused!“ Sabine Enzingers Appelle hallen noch im heißen Wasser nach, wenn der Körper so langsam regeneriert. Morgen muss er wieder funktionieren. Der Berg ruft. Und übermorgen? Ist man ein besserer Radfahrer. Versprochen.

Bikepark Leogang, c/o Leoganger Bergbahnen, Hütten 39, A-5771 Leogang, Tel.: 0043(0)6583-8219; info@bikepark-leogang.com, www.bikepark-leogang.com


Adolf Kujau, Führer und Tagebuchautor

Stern_Logo.svgKonrad Hitler Superstar

Heute vor genau 30 Jahren verkündete der Stern stolz vor versammelter Weltpresse, Adolf Hitlers Tagebücher entdeckt zu haben. Es waren zwar dreiste Fälschungen, aber sie passten bestens zur neuen Medienwelt. Was seither mehr denn je zählt, ist der Knüller, nicht die Recherche.

Der Sieg des Boulevards über die Nachricht hat ein Datum: Am 1. Januar 1984 ging der erste deutsche Privatsender auf Sendung. Vielleicht fand er aber auch gut acht Monate früher statt. Ganz sicher aber wurde Winston Churchills Victory nicht erst von Josef Ackermann entweiht, sondern durch einen kleinen Reporter einer großen Zeitschrift. Nervös reckte Gerd Heidemann am 25. April 1983 ein paar Bücher in die Höhe, und als die Meute Fotografen vor ihm brüllte, er möge das Siegeszeichen machen, da spreizte der blasse Reporter die Finger zum V. Es war das Zeichen eines Sündenfalls.

Denn gegen alle Bedenken, ein abschließendes Gutachten des BKA zum Trotz, veröffentlichte der Stern heute vor 30 Jahren Sensationelles. „Hitlers Tagebücher entdeckt“, prangte drei Tage zuvor bei der internationalen Pressekonferenz in Hamburg auf überdimensionalen Titelbildern hinter Heidemann. Sie sollten bald darauf in stark erhöhter Auflage die Zeitungskioske prägen. Dass es sich um Fälschungen handelt, wehte durch die Gerüchteküchen der Republik, blieb aber den Zauderern vorbehalten, den Nostalgikern und Mutlosen. Ihren prominentesten, Andreas Hillgruber, schmähte das Magazin im Editorial als „Archiv-Ayatollah“ mit rechtem Stallgeruch. Es war nicht unbedingt die Zeit der Recherche, es war die des Scoops, der Knüller um des Knüllers Willen. Eine hektische Zeit. Denn es dräute etwas am Medienhimmel. Die Yellowpress wurde um den Begriff des Lifestyle erweitert und expandierte kräftig, der Nachrichtenwert von Königshäusern war mit Lady Dianas Hochzeit enorm gewachsen, vor allem aber planten die Privatsender den Sprung ins Programm. Was das bedeutet, konnte man bereits im Frankreich beobachten: Dort bauschte RTL Stars wie Sternchen zu echten News auf und füllte den Platz zwischen Hollywoodfilmen mit Soapoperas oder langen Werbeblöcken.

Die neue, kommerzielle, aufgeregte Mediengesellschaft war im Anflug, ihre Verbreitungstechniken beschleunigten sich, die Generation Golf hatte es eilig. Da konnte es sich ein großes Blatt wie der Stern nicht leisten, zaghaft mit seinem Exklusivmaterial umzugehen. Nur wenige Wochen dauerte es vom Ankauf der ersten von 60 Bänden aus der Hand des brillanten Fälschers Konrad Kujau bis zur Druckfahne (an Führers Geburtstag, ausgerechnet). Vorbei an großen Teilen der Redaktion wurde der Deal, bei dem mindestens neun Millionen Mark in Plastiktüten den Besitzer wechselten, getätigt. Materialproben, Gegenexpertisen, ja selbst die Überprüfung der Initialen auf den Buchdeckeln wurden verschoben. Die Akteure im Verlagshaus waren „high von der Droge Sensation“, schrieb der damalige Tagesthemen-Moderator Manfred Buchwald. Geschichte wird gemacht, es geht voran, dachte sich dagegen der damalige Stern-Chefredakteur Peter Koch und verkündete vollmundig, die Historie des Nationalsozialismus müsse „in großen Teilen neu geschrieben werden“.

Dieser „heilige Eifer“, wie Buchwald es nennt, galt auch Hitler selbst, dem unbekannten Wesen. Seine vermeintlichen Gedanken rückten nach den Tätervolkdebatten der Ausschwitzprozesse und 68er-Proteste die Führungsclique der Nazis in den Fokus. Nicht zufällig gründete Guido Knopp kurz nach dem Skandal die ZDF-Redaktion Zeitgeschichte und verbreitet seither emsig die Theorie des verführten Volkes. Auch Helmut Kohls Besuch der SS-Gräber von Bitburg oder Oliver Hirschbiegels Untergang kann man im Lichte des Skandals betrachten. Der Nationalsozialismus wurde nicht gerade salonfähig, aber seine Thematisierung massentauglich. Und Massentauglichkeit zugleich zur Existenzberechtigung der Medien. Die Tagebücher von Adolf Hitler Superstar haben also nicht das Pressewesen beschädigt, sondern seine Seriosität. Konrad Kujau und Gerd Heidemann wanderten ins Gefängnis, nicht jedoch die zwei Chefredakteure. Und der Stern erholte sich bald wieder, nicht aber das Renommee des Qualitätsjournalismus, ob gedruckt oder gesendet.

Sachlichkeit wird seither oft mit Vielfalt verwechselt. Privatsender und Regenbogenpresse galten plötzlich nicht nur als Unterhaltungsfaktoren, sondern Lieferanten relevanten Lebensinhalts. Verglichen mit der drögen Tagesschau sehen viele in den glitzernden RTL-News längst die verlässlichere Quelle – auch weil reines Entertainment weniger korrumpierbar scheint, weil harte Nachrichten Reflexion erfordern, weil Realität anstrengend ist. Selbst die FAZ hat heute ein Farbbild auf Seite 1. Ernst gilt irgendwie als fadenscheinig und Politik als dubios. Verlässlicher sind da doch die Monarchien mit ihrer betonierten Tradition oder Hollywoods ferner Glanz. Wie nah sich Buckingham und Bonn kamen, zeigte fünf Jahre nach der Stern-Affäre das Geiseldrama von Gladbeck. Wie nie zuvor wurden die Medien Teil der Story und Reporter von Frank Plasberg bis Udo Röbel lange vor dem 2. Golfkrieg quasi embedded, das Mikro tief im Fluchtauto, die Kamera voll auf Silke Bischoffs leere Augen. Im Rennen um Titelstorys hatte sich die Medienrepublik selbst überholt. Erst kommt die Schlagzeile, dann die Recherche.


Kopf runter oder Kopf ab!

fragezeichen_1_Bei handelsüblichen Hubschraubern sind die Rotorblätter geschätzte 2,50 Meter hoch. Trotzdem ducken sich selbst Kleinwüchsige darunter weg, als drohe sonst Enthauptung. Merkwürdig

Bei James Bond wird ja eigentlich ständig rotiert. In Adelsschnulzen auch. Und Kriegsfilmen. Oder Wirtschaftskrimis. Ganz zu schweigen von Cobra 11. Die unterschiedlichsten Formate belegen also mit regelmäßigen Helikopterflügen durchs Bild die Relevanz ihrer Protagonisten, Handlung oder Budgetgröße. Und dennoch eint sie alle ein seltsames Gebaren: Wer auch immer aus den gediegenen Flugflitzern steigt: er/sie/es duckt sich darunter, als drohte andernfalls Enthauptung. Das ist angesichts der luftigen Höhe, in der die Rotorblätter selbst am Boden noch wirbeln, völlig unnötig. Oder?

Nun, das hängt von der Perspektive ab. Schließlich hält sich fast jeder, der einen Hubschrauber zu fliegen berechtigt ist, qua Geld oder Blut per se für was Besseres, also erhaben, ein bis drei Köpfe über dem Pöbel jedenfalls, der naturgemäß zu ihm aufzublicken hat. Deshalb bleiben die der Rettungsflieger eines Bergdramas, das demnächst im ZDF läuft, auch selbstbewusst oben. Sie haben das Ding ja nicht selber bezahlt. Ganz anders verhält es sich bei Soldaten, die aber vielleicht auch deshalb Buckel machen, da im Kampfeinsatz ohnehin ständig etwas tief fliegt, Kugeln zum Beispiel. Und Cobra 11? Man möchte ja hoffen, die verkleinern sich vor Scham vor so viel filmischer Dummheit. Ist aber wohl doch eher das Bewusstsein, Fernsehen für alle ohne Einfluss zu machen. Und seiner Unterschicht bimst RTL ja unablässig devote Haltung vor den oberen Zehntausend ein. Also: Kopf runter!


Nichtssager und Feuerteufel

Werbung, RFT Color 20, FernseherRücksichtnahme

Die Woche, die war: 15.-21. April

Kann man die routinierte Redundanz des Talkens besser auf den Punkt bringen als Oliver Pocher, seinerseits die routinierte Redundanz des Fernsehens insgesamt? „Da kann ich, wie gesagt, nicht viel zu sagen“, sagte der nichtigste aller Entertainer gestern bei Günther Jauch zum Fall Uli Hoeneß und fuhr mit „aber ich würde sagen…“ fort, was er zudem in einer reinen Männerrunde tat, wobei wir beim eigentlichen Thema der Woche waren. Der Quote.

Wenn die formierte Zivilgesellschaft emanzipatorisch mal so richtig Fahrt aufnimmt, ist aber auch echt kein Halten mehr. Kaum darf der Herr seiner Frau nicht mehr den Job kündigen, steigt auch schon die erste in eine relevante Chefredaktion auf. Gut, Isabelle Arnold darf sich bei der Nachrichtenagentur dpa von oben herab bloß – wie in feminin dekorierten Konzernspitzen üblich – vor allem ums Personal kümmern, Gedöns eben, weibliche Skills und so. Aber während das periodisch progressive Fernsehen seine programmatischen Führungskräfte Monika Piel (WDR) und Anke Schäferkordt (RTL) grad wieder durch echte Kerle ersetzt, wird Arnold (vielleicht auch wegen des maskulinen Namens) 68 Jahre nach der ersten bundesdeutschen Zeitungslizenz und acht weniger seit Gründung der dpa die allererste Frau sein, die im deutschen Pressewesen etwas anderes als Regionalblätter, Gossipmagazine oder die taz leiten darf.

Trotzdem ist die Tatsache, dass sie das so ganz ohne Frauenquote geschafft hat, für das teutonisch blondierte Politkarrieregirlie Katrin Albsteiger Grund genug, Frauenquoten abzulehnen. Mit wie hohen Heels, aber flachen Argumenten sie das belegt, konnte man Mittwoch bei Anne Will bestaunen, wo sich die rhetorisch ungleich besser als logisch geschulte Chefin der Jungen Union Bayerns erst von der dreimal älteren, viermal weiseren, fünfmal moderneren Ex-Bundestagpräsidentin Rita Süßmut, dann vom erzkonservativen Ex-Stoiber-Berater Michael Spring zurechtweisen lassen musste, dass Emanzipation vielleicht doch ein klein bisschen mehr ist, als die freie Wahl der Brillengröße.

Die freie Wahl des Jubelforums hat dagegen Maria Furtwängler. Nicht, dass sich irgendein Klatschblatt der Republik je traute, die beliebte Tatort-Ermittlerin je offen zu kritisieren, aber dass die Bunte ein Exklusiv-Interview „über Erfolg, Träume und was sie für die Zukunft plant“ unverhohlen lobhudelnd mit „Die Superfrau“ betitelt, hat sicher nix damit zu tun, dass ihr Mann Hubert Burda die Regenbogengazette herausgibt. So hält das gut geölte System medialer Seilschaften selbst Protagonist(inn)en ohne tiefer gründendes Schauspieltalent gemütlich auf den guten Sendeplätzen, während sich die begnadeten in der Nische drängeln. Bjarne Mädel zum Beispiel, dessen famoser Tatortreiniger Schotty samstags nach dem Wort zum Sonntag versauert, wo er diesmal einen Nazi-Treffpunkt politisch so unkorrekt reinigt, dass ihm dafür schon der zweite Grimme-Preis zuteil wurde. Vielleicht klappt’s ja nach dem dritten mit der Primetime.

Aussichtsplattform

Die Woche, die wird: 22.-28. April

In der ist der Platz allerdings auch eng im Ersten. Alles belegt mit wichtigeren Dingen: Montag die dröhnende Tierdoku Tricks der Überlebenden, Dienstag die katholische Erweckungsserie Um Himmels Willen, Donnerstag die lokalpatriotische Stadtflucht-Reihe Reiff für die Insel, Freitag die Gefühlsbaukastenschnulze Utta Danella – Wer küsst den Doc?, Samstag die soziokulturell bedeutsamen Melodien der Berge, Sonntag dann etwas, das Qualität verspricht, aber nur teilweise einhält: Der neue Nord-Tatort mit Wotan Wilke Möhring als – Überraschung! – bindungsgestörter Kommissar plus neuer Assistentin (Petra Schmidt-Schaller) mit – Sensation! –  mit reichlich kurzen Hotpants und völlig anderer Berufsauffassung, die gemeinsam den abstrus konstruierten Fall vom Feuerteufel lösen, der beim Autoanzünden vergisst, einer Insassin Bescheid zu sagen. Das ist trotz des spielerisch überzeugenden Ermittlerpaars einer der schlechtesten Tatorte seit langem und passt somit in die Reihe der Sendeplatzblockierer für besseres Fernsehen.

Aber wollen wir mal nicht selbstgefällig pauschalieren. Denn aufmerksame Lesende werden ja bemerkt haben, dass in der Auflistung oben der Mittwoch fehlt. Da nämlich läuft eine Eigenproduktion, die das viele Gebührengeld allein schon rechtfertigt: der brillante Psychotherapeut Bloch, diesmal unter Verdacht der sexuellen Nötigung einer depressiven Frau, furios gespielt von Anna Maria Mühe. Zu dumm, dass Die Lavendelkönigin der letzte Fall des viel zu früh verstorbenen Dieter Pfaff ist. Noch mehr als das Aus der vielleicht eindrücklichsten Serie im Land, deprimiert allerdings die Tatsache, dass es gegen das zeitgleich übertragene Championsleague-Halbinale in der Zuschauergunst wohl gnadenlos untergehen wird. Branchengesetz.

Wenden wir uns also dem nächsten, garantiert fußballfreien Refugium relevanten Fernsehens zu: Arte. Dort läuft seit gestern der Schwerpunkt Die Zukunft beginnt jetzt über alles, was uns künftig selten Hoffnung, aber viel Angst macht: Vom mächtigen Biotech-Konzern Monsanto, (Dienstag, 14.20 Uhr: Mit Gift und Genen), der sich die Erde wirklich Untertan macht, bis zur Müllhalde Meeresgrund, die sechs Stunden später beleuchtet wird. Von Gencode geknackt – Segen oder Fluch (Donnerstag, 22.15 Uhr) bis Jagdzeit – Walfängern auf der Spur (Freitag, 14.30 Uhr). Alles interessant, authentisch, spannend, kreativ, nur leider nicht allein wegen der bizarren Sendzeiten arg deprimierend. Aber eben auch nicht so deprimierend wie der Schrott, den uns (wer sonst?) RTL ab Donnerstag zur besten Sendezeit als Entertainment auftischt: Mantrailer, dem Pilotfilm einer Serie, die den Spürhundklassiker Kommissar Rex so schäbig, schamlos, grottenschlecht zu Tode belebt, dass der dritte Teil der unfassbar debilen Aschenputtel-Trilogie Vorzimmer zur Hölle 3 – Plötzlich Boss, zeitgleich im Zweiten, fast schon sehenswert wird.

Bleibt also nur der Fernsehtipp der Woche, natürlich zur Unzeit, samstags um 0.50 Uhr im Hessischen Rundfunk: Graf Yoster gibt sich die Ehre, der erste lustig gemeinte Serienkrimi im Röhrenfernseher, schwarzweiße Nostalgie der Sixties, selten komisch, aber voll Charme.