Markus Lanz, wettender Talkhost

Anständig alt werden

Wer dieser Tage auf Markus Lanz rumhackt, sollte sich vor Augen halten, was er zumindest ein bisschen besser kann als Samstagabendshows: Seine Talkshow im ZDF, seit 500 Folgen, obwohl es auch da ständig um um Wetten, dass…? geht, irgendwie

Die Welt von heute ist eine Zahlenwelt. Algorithmen sorgen für Wissen und binäre Codes für Kommunikation. Von Sieg bis Niederlage, gut bis mies, von „weiter so“ bis „geht nicht mehr“ lässt sich alles exakt beziffern. In dem Licht muss man auch diese beiden sehen: 500 und 6,7 Millionen. Erstere wirkt bescheiden, nach Hartz-IV und Pauschalurlaub, ist aber Ausdruck eines Erfolgs. Letztere dagegen atmet Rendite, Reichtum, Villenviertel, kennzeichnet aber den Abstieg. Womit bewiesen wäre: Über Wohl und Wehe einer Zahl entscheidet nicht die Größe allein.

Davon kann Markus Lanz zurzeit ein Lied singen. Elf Tage vor jener Show, die stolze 500 Folgen seinen Namen trägt, servierte ihm das Publikum jener Show, über der ein anderer schwebt, die tiefste Quote überhaupt. Keine sieben Millionen Zuschauer bei Wetten, dass…? – die hätte ein Gottschalk selbst ohne Wetten geschafft, die musste nicht mal ein Lippert erdulden, die waren auch beim Antritt des Neuen kaum denkbar. Und so waidwund geschissen, pardon: -schossen, wie Markus Lanz ob der aberwitzig missratenen Mallorca-Ausgabe durch den Shitstorm alter wie neuer Medien watet, dürfte es kein Trost sein, dass abseits des letzten TV-Lagerfeuers nur Tatorte und Fußballspiele höheren Zuspruch ernten.

Also die 500.

Eine imposante Zahl, Balsam für die Moderatorenseele. 500 Folgen Markus Lanz hat Markus Lanz seit 3. Juni 2008 geleitet, Zuschauerschnitt stabil über 1,5 Millionen. Und das nicht zehnmal zur Familienzeit, sondern dreimal die Woche gen Mitternacht. So oft hatte der dialekt- wie kantenfreie Südtiroler alles vor sich sitzen, was von Rang und namenlos ist: Wähler und Politiker. Hollywoodstars und Couchpotatoes. Funktionäre samt ihrer Opfer. Objekte, Subjekte, Sessel an Sessel. Unbekannten, die 35 Jahre zu Unrecht im Knast gesessen hatten, begegnet er mit großer Zurückhaltung, den Weltgestalter Tony Blair dagegen fragt Lanz, ob er Katholik geworden sei, „um die Sache mit dem Irak besser beichten zu können“. Das passt nicht zum Klischee vom geschmeidigen Streber, nicht nur. Findet auch Lanz und sagt es auch. „Ich war doch derjenige, der Roland Koch die wirklich harten Fragen stellt“.

Weil da was dran ist, waren 500 mal 75 Minuten Lanz also nicht die schlechtesten 625 Stunden der letzten fünf Jahre Fernsehen. Aber waren es deshalb gute? Dazu mal keine Zahl, sondern ein Zwiegespräch vom Juni. Bis zur Bundestagswahl wolle er jeden grünen Spitzengrünen fragen: „Ist es denkbar, mit den Schwarzen zu koalieren“, so ging der Ex-Radio-, Ex-RTL-, Ex-Kochshow-, Ex-alles-mögliche-Moderator den spitzesten aller Grünen mit der lanztypischen Klappmesserpose an. Dass weder CDU noch FDP bei Betreuungsgeld oder Vermögensabgabe mitmachen, hielt Jürgen Trittin gegen. Dann ging es los.

Lanz: „Ich glaube, die sagen ja.“

Trittin: „Öhhh.“

„Was ist, wenn die ja sagen, Herr Trittin?“

„Sehen Sie, Sie können auch behaupten.“

„Im Ernst jetzt, wenn die ja sagen.“

„Ich kann mir viel vorstellen, aber dass die CDU sich vier Jahre selbst verleugnet…“

„Aber Sie müssen ja mit Angela Merkel klarkommen.“

„Ich habe bewusst dieses Beispiel gewählt, weil ich wie viele der Auffassung bin, dass die Bundeskanzlerin ein gutes Berufsverständnis hat.“

„Jetzt waren Sie kurz davor, Angela Merkel ein Kompliment zu machen.“

„Nein.“

„Doch.“

„Das ist ein Kompliment.“

„Aber man hätte das noch netter formulieren können.“

Stakkato, Raubtierspannung, Stirnrunzeln im Dauerwechsel mit Zurückhaltung, Nähe, Empathie – so schmeckt das Tiroler Emotionsallerlei aus fünf Minuten Verhör mit den Großen und fünf Minuten Gefühl für die Kleinen seit jeher. Diese lächelnde Dauerpose im engen Zweiteiler macht Markus Lanz zum Robin Hood von Flatscreen Forrest, seine Interviews zum Pingpong aus privater Gefühlsduselei und öffentlich-rechtlicher Sachlichkeit. Das zeigt sich auch im Gespräch um ihn selbst. Dann spricht der drahtige Mittvierziger gern vom „Arsch“, in den er sich bei einer Südpolarexpedition fürs Zweite treten musste, um zwei Atemzüge später „anständig alt zu werden“ als größere Herausforderung zu nennen, verglichen mit minus 40 Grad.

Vielleicht wirkt Markus Lanz darum nie ganz locker, nie ganz Gottschalk: Stets wirkt er um Kurskorrektur seines Kuschelimages bemüht, ohne es ganz zu verleugnen. Früher hätte er über die Sinnlosigkeit, Vorurteile zu bekämpfen, gesagt: „Da stehe ich drüber.“ Heute sagt er: „Es nervt!“ Fragt sich, ob es Wetten, dass…? bald so tut, dass dessen Exmoderator in spe den geordneten Rückzug auf die kleine Bühne antritt: bisschen Publikum, bisschen Attacke, bisschen Kuscheln mit Raub- wie Beutetieren, aufgezeichnet nach Karteikartenlage. „Kennst du drei Leute, die dich einfach nicht ausstehen können?“, fragt Karl Lagerfeld zur Jubiläumssendung. Um nicht bald „alle“ antworten zu müssen, sollte Markus Lanz das tun, was er am besten kann: Markus Lanz.

Von Jan Freitag

Der Text ist auch in der Berliner Zeitung erschienen: http://www.berliner-zeitung.de/medien/markus-lanz-raubtier-auf-dem-sprung,10809188,23418634.html


Klaus Maria Brandauer, Hamburg 2013

Wir lügen und täuschen

Seit 40 Jahren gilt Klaus Maria Brandauer, 1943 als Klaus Georg Steng im Salzkammergut geboren, als einer der besten Schauspieler deutscher Zunge und seit gut 30 als einer der international bekanntesten. Nach seiner Jugend am deutschen Ufer des Bodensees wurde Brandauer Anfang der Siebziger zum gefeierten Bühnenstar, bevor er 1981 als Hendrik Höfgen in István Szabós Kinoerfolg Mephisto auch die Leinwand eroberte. Es folgten Hollywoodfilme wie Jenseits von Afrika, für den er eine Oscar-Nominierung erhielt, der Bond-Bösewicht Largo (Sag niemals nie) oder das Biopic Georg Elser, wo er 1989 erstmals selbst Regie führte. Wegen seiner exaltierten Spielweise extremer Charaktere wird der vielfach preisgekrönte Charakterdarsteller seit jeher ebenso gefeiert wie kritisiert. Zum 70. Geburtstag wiederholt der SWR am Samstag (20.15 Uhr) das Drama Die Auslöschung vom April, wo er so glaubhaft einen Alzheimer-Kranken spielt, dass man förmlich miterkrankt.

 

freitagsmedien: Herr Brandauer, es ist wenig charmant, aber bei einem Film, der sich mit der Alterskrankheit Alzheimer beschäftigt, kommt man ums Thema Altern nicht herum.

Klaus Maria Brandauer: Ach, damit habe ich kein Problem.

Mit dem Altern oder mit dem Drüberreden?

Mit dem Drüberreden. Altern tue ich natürlich wie alle anderen nicht sonderlich gern, aber ein Problem habe ich damit nicht gerade.

Merkt man dennoch mit fast 70 Jahren, dass der Kopf manchmal hakt?

Ach der hakt schon länger, seit Jahrzehnten, würde ich sogar sagen. Das ist ja nicht nur eine Sache des Alters. Aber ich werde Ihnen nicht den Gefallen tun, am Beispiel des Films meine eigenen Zerfallsprozesse zu thematisieren. Nur so viel: Ich fühle mich sicher nicht mehr so wie mit 18 und das macht mir durchaus etwas aus.

Bleibt der Verlust aller geistigen Fähigkeiten, die sie im Film „Die Auslöschung“ verkörpern, also abstrakt als etwas, das Sie persönlich nicht betrifft?

Nein, das ist sogar sehr konkret. Alles, was uns im Leben ausmacht, was uns Spaß macht und erhält wird zwar über die Hypophyse gesteuert, darüber aber liegt, tief im Gehirn, das Häubchen der Erinnerung. Und wer sich nicht mehr an sein Leben erinnert, hört auf, zu existieren, was jedoch vor allem für die Umgebung ein Problem darstellt, die sich dafür fremd geniert. Ansonsten aber kann ich über dieses Krankheit wenig sagen.

Haben Sie sich nicht mit Krankheitsverläufen kundig gemacht für Ihre Rolle?

Nein, ich habe niemanden mit dieser Krankheit in meiner Familie und mich auch sonst – wie ich es bei fast jeder Rolle halte – nicht tiefer mit dem Filmthema auseinandergesetzt, sondern in meiner eigenen Vorstellungskraft danach gesucht, wie es sich anfühlt, wenn man langsam ausrinnt.

Sie sind also ein Method Actor, der seine Rollen aus der eigenen Persönlichkeit speist?

Method Acting – haha! Da kann ich nur lachen. Ich habe ja nicht mal eine Methode, hatte ich nie. Denn obwohl ich kilometerweise Bücher über Schauspielerei, Kunst, über alles gelesen habe, bleibt jede Figur, mit der ich mich beschäftige, wie eine geflickte Vase: Aus der Ferne betrachtet mag sie schön sein, doch es ist die Aufgabe des Schauspielers – wie übrigens im Leben insgesamt – so nah heranzugehen, dass die Sprünge sichtbar werden. Und das kann ich durchaus aus mir selbst schöpfen.

Aber ein bisschen Vorbereitung kann doch bei so einem so sensiblen Thema nicht schaden.

Mag sein, aber ich behandle jede meiner Szene in jedem meiner Filme wie eine Uraufführung. Aus. Selbst am Theater, wo Texte immer und immer wieder reproduziert werden, gehe ich an jedes Stück so heran, als würde ich es das erste Mal lesen. Das war bei diesem hier nicht anders. Wobei es gar kein Krankheitsfilm ist.

Sondern?

Eine hinreißende Liebesgeschichte. Ich treffe noch mal eine Frau! Und verliebe mich neu! In dem Alter! Donnerwetter! Das ist doch fantastisch, lass uns nicht über Krankheit reden…

Also ist, wie zu vermuten wäre, die Liebesgeschichte gar kein Vehikel um über Alzheimer zu erzählen, sondern umgekehrt – Alzheimer ein Vehikel für die Liebesgeschichte?

Ich will weder Botschaften versenden noch Vehikel benutzen, auch deshalb erscheine ich so selten auf dem Bildschirm. Die Beschäftigung mit einem Text mag meine eigenen Ansichten ändern oder bestätigen, gar meine Lebensqualität verbessern; wenn andere das Resultat zu Gesicht kriegen, soll es vor allem bestmöglich unterhalten. Un-ter-hal-ten! Wenn sie sich über den Inhalt auch noch Gedanken machen, umso besser.

Worüber wäre das?

Etwa unser Umgang mit Krankheit. Wir pflegen lieber ein Klischee der Erlösung als das Leben davor zu würdigen. Dabei ist es viel zu fantastisch, um es vom Ende her zu denken. Auch in dem Bewusstsein, dass es irgendwann endet, oft abrupter, als man denkt. Ich bitte alle Menschen und mich selber auch: Sagt nicht am Ende eines Daseins, der Tod habe ihm etwas erspart. Der Film heißt zwar „Die Auslöschung“, aber er feiert das Leben.

Und Ihr Alzheimerkranker tut das bis zum Ende?

Es ist nie schön, so krank zu sein, dass mit letalem Ausgang zu rechnen ist. Aber man kann es sich entsprechend aller Einschränkungen ja so lebenswert wie möglich machen. Und das tut dieser Ernst wie auch sein Umfeld. Denn was ist der Tod? Wann er eintritt, ist schwer zu beweisen, doch so lange wir atmen, leben wir. Aber jetzt sind wir schon wieder bei der Krankheit – ich möchte bei der Liebesgeschichte bleiben.

Nur zu!

Mich interessiert daran, was Leute wirklich unter Liebe verstehen. Man sagt das so rasch daher und liebt sogar Pudding. Im wahren Sinne des Wortes bedeutet Liebe, für einen anderen da zu sein, aber im Alltag wird er zusehends als Deal behandelt. Auch Ehen, die auf Abkommen statt Hingabe basieren, können toll sein, keine Frage, aber die Liebe in diesem Film besteht um ihrer Selbst Willen, kompromisslos und schön. Denn wahre Liebe kann auch die sein, die nicht erwidert wird.

Aber glauben Sie denn, irgendein Zuschauer wird am Ende sagen: schöne Liebesgeschichte statt tragischer Sterbensgeschichte?

Es ist meine Hoffnung, dass die Menschen begreifen, wie sehr Liebe unter Druck noch wachsen kann.

Hätten Sie dafür auch die andere Seite gespielt, als gesunder Mann einer Kranken?

Selbstverständlich. Und ich hätte wie bei jeder Figur alles daran gesetzt, dem Betrachter das Gefühl zu vermitteln, ich spiele nicht, ich bin diese Figur, immer mit dem Anspruch: Hat der Film unterhalten, hat er berührt, hat er was gebracht?

Die Antwort lautet: Dreimal Ja. Aber welche Rolle ist – im Leben wie im Film – schwerer zu spielen: Die des Betroffenen oder seines Umfelds?

Das klingt jetzt so nach der Frage nach Opfer und Täter. Nur so viel: Es ist für beide kein Honigschlecken.

Ist es das umso weniger für einen Intellektuellen wie Ernst, der sich vor allem über seinen Geist definiert oder ließe sich die Geschichte auch mit einem bildungsfernen Fabrikarbeiter erzählen?

Bei dem ließe sich der Verlust einer Hand sicher stimmiger in seinen Konsequenzen erzählen als der des Geistes, aber wenn dieser Unfall als Anbahnung eine Demenzerkrankung gezeichnet wird, wäre die Geschichte auch dort erzählbar.

Nur anspruchsvoller, weil schwerer vermittelbar.

Nein, nur anders. An meinem Stammtisch daheim im Salzkammergut gibt es fantastische Unterhaltungen mit ganz einfachen Leuten. Oder gehen Sie in die nächste Kneipe und beginnen ein Gespräch – Sie werden sich wundern! Intellekt manifestiert sich nicht in Bildung, sondern in Neugierde. Ich hätte also als ungebildeter Alzheimer-Patient weder elegante Anzüge getragen noch gewundene Reden über Malerei gehalten, aber unterschätzen Sie nicht die Intellektualität des so genannten gemeinen Volkes.

Das Sie jedoch selten spielen. Liegen Ihnen die distinguierten, exaltierten Figuren mehr – die Mephistos, Neros und Dantons, Bond-Bösewichte, Blender und Professoren?

Das mag den Anschein haben, aber ich verfahre nach dem Motto, jedes Leben, egal in welcher Zeit, sollte hochinteressant sein, jeder Mensch, egal in welcher Struktur, ausgeprägt individuell. Da habe ich das Privileg eines Berufes, in dem dieser Anspruch spielerisch ausgelebt werden kann. Aber mal ehrlich: Ich bin noch nie auf etwas gekommen, auf das zuvor niemand anderes bereits gekommen wäre. Alles, was ich spiele, bin und rede, hab ich irgendwo gelernt, erlebt oder aufgeschnappt. Ich habe nichts erfunden, nichts erschaffen, bin aber in einer Art Religion tätig: im Künstlerischen, im Kreativen, im Nachdenken, im Lesen, im Singen, im Tanzen, im Bewegen, im Atmen, ich bin gern dabei. Ich bin gern dabei.

Heißt „dabei“ auch „darin“? Sieht man im Film also nur die Rolle oder auch den Brandauer dahinter?

Sie sehen nur mich und nichts von mir. Wenn Sie mich im Film erleben, habe ich den größtmöglichen Einfluss darauf genommen, kann aber trotzdem dahinter verschwinden. Wie hat Mozart es ausgedrückt: Spiel auch das, was du nicht komponiert hast, so, dass jeder glaubt, du wärst es gewesen. Darum ist Tür und Tor geöffnet, dass wir manipulieren, lügen, täuschen, dass man am Ende unsicher ist, wer das da auf der Bühne eigentlich ist: Der Schauspieler oder seine Figur. Aber so sehr jeder Film auch manipuliert, manipuliert er auch immer mich als Darsteller. Film ist die größtmögliche Manipulation, deshalb haben ihn sämtliche Despoten des Filmzeitalters auch sofort für ihre Interessen missbraucht.

Ohne Machtanspruch versucht er aber doch wie dieser hier eher aufzurütteln oder?

Das wäre nett, aber nur als Dreingabe der Unterhaltung. Ich bin ja kein Religionsstifter. Es geht ja ohnehin nicht um mich.

Das spricht nicht für Ihre sprichwörtliche Eitelkeit, wie Sie Ihnen zuletzt die FAZ vorgehalten hat.

Ja, es gibt nur mich allein, ich bin eitel und die anderen sieben Milliarden nicht… Aber ernsthaft: in einem Punkt bin ich wirklich ungeheuer eitel: Ich will das beste Drehbuch, die besten Stücke, die besten Mitspieler, den besten Regisseur, die beste Produktion, die besten Bedingungen, denn ich spiele keine Rollen, ich spiele Stücke, sonst mach ich es nicht. Nur deshalb kann ich fast immer vertreten, was ich tue.

Gab es je etwas in Ihrem Werk, wo das nicht ging?

Natürlich. Auch ich hatte anfangs eine schwierige Phase, wo ich erst an meine Familie, dann an die Güte denken musste. Aber ich habe das ungeheure Glück, meinen Beruf fünf Jahrzehnte lang recht bewusst gestalten zu dürfen. Wenn’s denn überhaupt ein Beruf ist.

Ist es denn keiner?

Wahrscheinlich doch. Aber am liebsten hätte ich daraus keinen gemacht, sondern einfach nebenher weitergelebt als Klaus Maria Brandauer.

Wobei Sie so gar nicht heißen.

Das hat einen einfachen Grund: Meine Großmutter hieß Maria Fischer und hat einen Hans Brandauer geheiratet, so dass meine Mutter als Mädchennamen Maria Brandauer hatte, die dann einen Herrn Steng geheiratet hat, weshalb ich Klaus Georg Steng war. Weil aber meine Mutter, als mein Vater in Gefangenschaft war, sich so um mich bemüht hat und ich auch in der Schule der Brandauer Klausi war, blieb es dabei. Kein Künstlername, keine Manipulation.

Interview: Jan Freitag

Neubaueritis

fragezeichen_1_Während in anderen Ländern Shakespeare-Mimen und Ex-Kinderstars am beliebtesten sind, mag das hiesige Publikum vor allem Laiendarsteller wie Christine Neubauer. Merkwürdig

Die deutsche Zunge verfügt ja durchaus über äußerlich telegene Schauspieler von außergewöhnlicher Brillanz: Ludwig Trepte oder Martin Brambach zum Beispiel, Sandra Borgmann, Margarita Broich – um nur ein paar zu nennen. Sie alle jedoch sind weit weniger beliebt, weit weniger präsent, weit schlechter bezahlt als ausgewiesene Laienschauspieler mit Zwei-Mimiken-Gesicht wie Veronica Ferres (mütterlich/kämpferisch), Til Schweiger (treudoof/böse), Jürgen Vogel (böse/treudoof), Christine Neubauer (lasziv/tough), die vor allem. Was nach schreiender Ungerechtigkeit klingt, dem Untergangslied des Abendlandes, hat indes logische Gründe.

Der erste, arglose: brillante Mimen stellen sich ohne Hungersnot selten für schlechte Filme selten zur Verfügung, weshalb sie auf den Hauptsendeplätzen selten zu sehen sind. Der zweite, soziologische: das Publikum macht sich gern mit der eigenen Mittelmäßigkeit gemein, weshalb die Quote gewordene Inkompetenz Christine Neubauer, die auch nach 30 Fernsehjahren wie im Grundkurs Schultheater agiert, so derart mies spielt, dass der Durchschnittszuschauer seine eigene Durchschnittlichkeit kurz mal vergisst. Der dritte, deprimierende Grund aber ist die wachsende Intellektuellenfeindlichkeit. Was klug ist, gebildet, belesen, scheint ihr zusehends suspekt. Je dämlicher man in diesem debilen Umfeld daherkommt, desto größer die Chance auf Anerkennung von geistig unten. Vorteil Neubauer.


Schöne Moderatoren und fröhliche Downies

Werbung, RFT Color 20, FernseherRücksichtnahme

Die Woche, die war: 10.-16. Juni

Manchmal muss man nicht bloß über den eigenen Tellerrand blicken, um klarer (fern) zu sehen, sondern gleich über den ganzen Tisch, besser noch: das Esszimmer hinaus. Es ist Dienstag voriger Woche, 23 Uhr 11, als bei den drei öffentlich-rechtlichen Sendern des griechischen Rundfunks ERT die Lichter ausgehen und bei den 19 Radiokanälen der Ton. Mitten im Programm, nur Stunden nach der Ankündigung und 75 Jahren on air. Schlimm genug. Doch den 2700 Angestellten werden nicht nur die Jobs gekündigt, sondern zugleich das Internet in der Senderzentrale – als gehe es Regierungschef Samaras darum, neben 300 Millionen Euro Kosten auch noch die Würde der Staatsjournalisten einzusparen. Das Kalkül ist ein ordnungspolitisches, wie es deutsche Parteikonservative ebenfalls pflegen: Deren Ideologie propagiert zwar neben weitreichender polizeilicher, militärischer, juristischer Eingriffe in alle Lebensbereiche die flächendeckende Überwachung aller – aus Wirtschaft und Medien allerdings solle sich der Staat möglichst raushalten, was natürlich rein gar nichts mit den Interessen ökonomischer Verbündeter zu tun hat.

Im Falle Athens ist daran allerdings bemerkenswert, dass sich gegen die ERT-Schließung ein nationaler Proteststurm erhebt. Und das, obwohl deren Programme nicht annähernd die öffentlich-rechtliche (Rest-)Qualität in Deutschland erreichen und erwiesenermaßen verschwenderisch erstellt werden. Sicher, die Streiks und Demos haben auch mit oppositionellem Symbolismus zu tun, aber ebenso mit der Erkenntnis, staatliches Fernsehen erfülle nicht bloß einen Sendauftrag, sondern einen demokratischen. Allerdings keinen dezidiert patriotischen, was die ARD nicht davon abhält, seit Dienstag seine Doktrin von Heimatliebe durchs Nachmittagsprogramm zu blasen. Doch auch da macht das Publikum nicht mit und straft Lust auf Deutschland so konsequent mit Missachtung, dass schon wieder Schluss ist mit dem Friede-Freude-Eierkuchen-Nationalismus zu Kaffee und Kuchen.

Schluss ist ab 2014 übrigens ebenso mit der Mallorca-Version von Wetten, dass…?. Offiziell, weil das ZDF die Konkurrenz der Fußball-WM fürchtet, tatsächlich wohl eher, da es sich und Markus Lanz den erwartbaren Shitstorm vom Juni 2013 ersparen will. Aber es gab auch gute News für die geplagte Showmasterseele: einer Umfrage der kritischen Kulturzeitschrift Auf einen Blick zufolge ist Markus Lanz der schönste Moderator im deutschen Fernsehen. Vor seinen Nachfolgern in spe: Günther Jauch, Kai Pflaume, Jörg Pilawa, einem gewissen Gottschalk, ja selbst Florian Silbereisen. Nicht zur Wahl stand dagegen Rolf Kleine. Der ist indes weder Moderator noch im Fernsehen, sorgt aber künftig dafür, dass ein anderer genau da gut aussieht. Peer Steinbrück nämlich, der die langjährige Dreckschleuder des Drecksblatts Bild in sein Wahlkampfteam berief, jenen Parlamentskorrespondent also, der sich von Kurnaz (http://www.bildblog.de/2033/was-bild-nicht-am-fall-kurnaz-interessiert/) bis Griechen (http://www.bildblog.de/16969/haeme-kleine-wills-wissen/) darauf spezialisiert hat, Hetze in schlechten Journalismus zu verpacken und gleich zu Beginn seiner PR-Tätigkeit für den SPD-Kandidaten mit einem rassistischen Facebook-Eintrag gegen Philipp Rösler auffiel.

So wird das nix mit einem Biopic für den Exkanzler Steinbrück im Jahr 2046. Dafür kommt 2014 nach den abgedrehten für Kohl und Adenauer Peers Ziehvater zu Fernsehehren: Teamworx hat ein Filmporträt Helmut Schmidts angekündigt, was angesichts der gefallenen Emporkömmlinge von Guttenberg über Wulff bis Maizière und Hoeneß den Bedarf nach noch älteren Helden belegt.

Aussichtsplattform

Die Woche, die wird: 17.-23. Juni

Die neuen kennt schließlich keine Sau mehr, außer sie guckt tageweise Kommerz-TV. Oder kennt irgendwer die Teilnehmer der neuen Freitagsshow Die Pool Champions – Promis unter Wasser bei RTL? Sie heißen Melanie Müller, Konny Reimann, Lina van de Mars, Jan Kralitschka, Antonia aus Tirol, Caroline Noeding, Massimo Sinató, Magdalena Brzeska oder Thomas Drechsel, müssen – was sicher rein zufällig an das Turmspringen von Stefan Raab erinnert – irgendwelche tollen Sachen im Schwimmbecken machen, und wer lückenlos zuordnen kann, welcher dieser Berühmtheiten im Fernsehen auswandert, moderiert, tanzt, turnt, kandidiert, singt, seifenopert oder einfach nur scharf aussieht, kriegt eine Gastrolle in der geplanten freitagsmedien-Soap Gute Seife, schlechte Seife mit Christine Neubauer als intrigante Hornhautraspel und Kai Pflaume als sympathischer Duschvorhang.

Wenn er denn Zeit hat, der Kai. Nächste Woche nämlich muss die Kuppelmutter der Sat1-Nation ja erst mal in die Lachtherapie mit Trägern des Down Syndrom, denen die Mutation Trisomie 21 einst das Stigma „schwierig“ zur Bezeichnung „mongoloid“ verpasste, in Pflaumes Reportagereihe Zeig mir deine Welt ab Mittwoch aber immer gut drauf sind. Pflaumes Versuch, sechs etwas andere Menschen in ihrem recht gewöhnlichen Alltag zu zeigen, ist dabei zwar löblich. Aber zwei, drei Misstöne, ach was: ein einziger hätte der Informationspflicht bei allem Entertainment schon genüge getan. So bleibt das Format wie der dramaturgisch gleich gelagerte ARD-Film So wie du bist um einen verliebten Downie zuvor in seiner heiteren Horizontverengung doch belanglos.

Ganz im Gegensatz zur heutigen ARD-Verfilmung des Tellkamp-Bestsellers Der Turm, eine Wiederholung zwar vom Frühjahr, aber eine sehenswerte. Oder zum fraglos erhellenden und aller Säkularisierung zum Trotz noch immer nötigen Arte-Themenabend 100 Tage Papst tags drauf, was das ZDF am Donnerstag unter 100 Tage Franziskus zu später Stunde (23.15 Uhr) nachholt. Ganz im Gegensatz aber auch zur aberwitzigen Sitcom Wilfred, mit der Pro7 ab heute mal wieder zeigt, dass der Kaugummikanal zwar weniger ernstzunehmen ist als ein FDP-Spitzenkandidat an der Hotelbar, dafür aber ungleich lustiger. Denn die Geschichte um den depressiven Ryan (Elijah Wood), der sich nach versemmeltem Suizidversuch mit einem menschlichen Plüschhund rumplagt, den dummerweise nur er nicht als Tier erkennt, ist wirklich brüllend komische Fernsehunterhaltung. Was man von Schlag den Star (Matze Knop) am Samstag nun wirklich nicht sagen kann. Und ob das Promiduell danach besser wird, daruf könnte der Titel einen Hinweis geben: Clash! Boom! Bang! Schönen Dank, Privatfernsehen!

Ob der auch für Team Walraff: Reporter Undercover gebührt?. Zum Auftakt der Reportagereihe geht es heute (21.15 Uhr) ins Reich der Billiglöhne, und wer Walraff kennt, weiß: Das könnte sogar bei RTL was werden. Und wer den Tatort Konstanz kennt, weiß: Eva Matthes wird ihn auch Sonntag vermasseln. Umso wichtiger wird der TV-Tipp der Woche: Das Satireviertelstündchen Tagesschaum, mit – erstmals seit 15 Jahren Bildschirmabstinenz – Friedrich Küppersbusch, Montag, Dienstag, Donnerstag ab 23.15 Uhr im WDR und auf http://www.youtube.com/user/TagesSchaum auch online.


Tupac 2Pac Shakur, 42

Ein Comic-Leben

Sonntag wäre Tupac Shakur, Künstlerkürzel 2Pac, 42 Jahre alt geworden. Wäre. Hätte der Gangsta-Rapper seine aggressiven Texte nicht auch real gelebt. Ein leich akutalisiertes Porträt, das seinerzeit in der FR erschienen ist, fast 20 Jahre nach 2Pacs Tod und sieben nach einem bemerkensewerten Comic über sein Leben

Von Jan Freitag

Im HipHop, so hört man oft, ist alles Inszenierung: Die Gewalt, das Potenzgehabe, aller Ghetto-Ethos, ja selbst der Tod. „My only fear oft Death is coming back reincarnated“, steht auf dem Arm von Tupac Shakur: Sterben ist soweit okay, sofern er nur endgültig ist. So lautet also auch die Attitüde des Gangsta-Rappers. Und von denen war 2Pac schließlich der größte. Annähernd zwei Jahrzehnte ist es her, dass die muskelbepackte Ikone des delinquenten, brutalen, aufsässigen, dabei jedoch zutiefst lyrischen, anteilnehmenden und empathibegabten Sprechgesangs auf offener Straße erschossen wurde. Wie es dazu kam, das erzählt neben all den Platten, Gedichtsammlungen und Texten vom gefallenen Poeten, den Fotobänden, Biografien, Theorien und Filmen über ihn auch ein Comic. Ausgerechnet, selbstverständlich.

Der Mann mit PR-tauglichem Künstlerkürzeln war ja schon zu Leben dem Jenseits so nahe wie dem Diesseits, getrieben von todesverachtender Ruhmsucht. Sie wurde in jeder Hinsicht befriedigt, sie machte ihn zum Erfolgreichsten seiner Branche, zum millionenschweren Vorzeige-Outcast. Und das war er nicht wegen seiner Musik; die war allenfalls guter Durchschnitt, kaum provozierender jedenfalls als das Werk seiner Kollegen; er war es, weil wohl nie zuvor jemand derart gezielt im Rampenlicht auf seine postmortale Karriere hingearbeitet hat. „Live fast, die young“ – 2Pac hat die alte Parole des späten Rock’n’Roll mit nur 25 Jahren vollendet. Und das nicht bloß, indem er wie ihre Erfinder The Who gelegentlich beim Auftritt das Schlagzeug zerlegt, sondern alles: Menschen, Konventionen, Moral Gesetze, geschriebene wie ungeschriebene, vor allem aber: sich selbst. „Keinen Platz in der zivilisierten Gesellschaft?“, kommentierte er seinerzeit den entsprechenden Vorwurf von George Bushs Vizepräsidenten Dan Quayle, „dann scheiß ich auf die zivilisierte Gesellschaft“. Bis zum Exodus.

Denn 2Pacs Werdegang war ein Mix aus Attitüde und Überzeichnung, aus echter Wut und ihrem marktgerechtem Ausleben, aus Brooklyn, dem Ort seiner Geburt, und Las Vegas, wo er aus einem fahrenden Auto heraus erschossen wurde. So gesehen taugt natürlich kein Medium besser zur Darstellung seines Werdegangs als ein Comic. Zu seinem 42. Geburtstag sei also nochmals an Death Rap erinnert, wie ihn der Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf zum 10. Todestag leicht pathetisch betitelt. Mit penibler Strichführung, sehr kontextbewusst und bewusst brutal, wie es die Szene von Southeast-LA bis Aggro-Berlin gern konstruiert. Ein Leben in Bildern, waffenstarrend, blutig, aggressiv. Männergewalt, Frauenerniedrigung, Weißenhass, harte Jungs, böse Cops und der videoerprobte Code vom afroamerikanischen Bling Bling, jener teils grotesken Zurschaustellung von Muskeln, Geld und dicken Autos als Insignien des besiegten Ghettos – Death Rap ist wie ein Glossar aller Klischees aus einem Vierteljahrhundert HipHopHistory. Die Polizisten sind stiernackig, ihre Opfer körperbetont, Frauen bloß Sexobjekte (oder Mutter), geweint wird nie, aufgegeben nur im Kugelhagel.

Doch schon im Vorwort zerlegt der Popkultur-Kritiker Nick Hasted das dichtmaschige Fangnetz aus Absonderung, Fluchtwegsuche und Sackgassen in seine historischen Elemente und fügt sie zur Gegenwartskultur der USA zusammen. Michael Jackson, O.J. Simpson oder ein Mike Tysen seien nun mal die wahren Helden afroamerikanischen Selbstwertgefühls, schreibt Hasted, nicht die wenigen, die dem immerwährenden Abstieg ohne Basketball oder Schnellfeuergewehr in der Hand entkommen sind und schon gar nicht der ehrliche Angestellte mit Häuschen in Suburbia. Aus jeder Liedzeile über Tits’n’Guns’n’Ghettolife, über willige Bitches, phallische Pistolen und beherrschte Häuserblocks, auf HipHop-Covers oft gekennzeichnet durch das verlockende Parental Advisory: Explicit Lyrics, quillt Gesellschaftskritik, die nicht sonderlich an Argumente glaubt. Das mag der europäischen Mittelschicht so übertrieben vorkommen wie die Videos selbst, aber Death Rap zeigt das in einer kontrastierten Farbigkeit, die wohl nur diesem Medium derart plakativ zur Verfügung steht.

Dabei hält sich das Autorentrio von Death Rap nur als Applikation mit Klischees auf. Den groben Rahmen bilden Rassentrennung, Repression, Ausschluss. Zu Tode kommen bei ihnen nicht nur ein prominenter Gangsta-Rapper, sondern auch der Nation of Islam-Führer Malxom X, ein unbeteiligter schwarzer Jugendlicher oder der drogensüchtige Schmusesänger Marvin Gaye. Die Täter – Schwarze, Weiße, Väter, Verschwörer, Unbekannte – werden symbolisiert durch den erzählenden Raben Jim Crow, Synonym für gesetzlich zementierte Rassentrennung made in USA. Doch Flameboy, Barnaby Legg und Jim McCarthy, die für Schwarzkopf auch Kurt Cobains und Eminems Leben nachgezeichnet haben, deuten Segregation ebenso als Geschäftsmodell. Für und wider die (weiße) Kundschaft, für und wider das (weiße) Establishment, für und wider den (schwarzen) Bruderfeind. „Zwischen der 27. und Vermont gibt es keine zivilisierte Gesellschaft“, fügt 2Pac seiner Replik auf den Republikaner Quayle hinzu. Er steht dabei vorm Graffito einer erleuchteten Madonna. „Behaltet eure zivilisierte Gesellschaft bei euch im Haus für weiße Jungs und verpisst euch aus unserem Hood.“

Integration, so lautet die Botschaft drei Jahre vor dem ersten schwarzen Präsidenten, ist gescheitert, die gegenseitige Skepsis zu groß, alle Gräben zu tief. Auch untereinander, vor allem da: Death Rap erzählt primär vom HipHop-Krieg zwischen West- und Ostküste. Schuld an den Fronten ist die bekannte Reaktionskette von ghettoisierter Chancenlosigkeit über Knasterfahrung bis hin zum Mangel an unbescholtenen Vorbildern. Und sie mündet in der Überbetonung schwarzer Popkultur. „Wer nichts hat“, schreibt Jennifer McLunie in ihrem brillanten Essay HipHop Betrays Black Woman, „hat ja immer noch seinen Körper“. Und der wird gestählt, befriedigt, geplündert, präsentiert, beschossen, tätowiert, bis jeder Inhalt dahinter verschwimmt.

Auch 2Pac war so gesehen vor allem Projektionsfläche, seine Haut bedruckt wie eine Litfasssäule, eine Hülle ganz im Sinne des Public Enemy-Sängers Chuck D, Rap sei das CNN der Schwarzen. Auf Tupacs Sixpack prangt folglich Thug Life, übersetzbar mit Gangsterleben und Akronym für The Hate U Give Little Infants, Fuck Everybody. Darüber die Black Unity-Parole 50 Niggaz, mit Schnellfeuergewehr, versteht sich. Und neben Dutzenden anderer Tätowierungen der Panterkopf am Oberarm als Referenz an seine Mutter, der Black Panther-Aktivistin Afeni Shakur, die ihn erst intellektuell stählte, dann politisch und später mit in den Cracksumpf zog. Bereits auf dem Cover von Death Rap steht die Fleischbeschau im Mittelpunkt: Ein Leib mit ausgestrecktem Mittelfinger und Knarre in der tief sitzenden Hose, im Rücken Gefängnisgitter. Es ist eine selbstreferenzielle Show aus Macht und Muskeln, aus denen 2Pac Seite für Seite mehr blutet, bis der Leib drum herum in einem finalen Drive-by-Shooting stirbt. Ein Schicksal, das das Genre seit den Tagen der ersten authentischen Gangster-Rapper von NWA bis Run DMC kommerziell befeuert, seit das weiße Establishment, so geht die passende Verschwörungstheorie, zu Beginn der Neunzigerjahre Drogen in die schwarzen Viertel geschleust hat.

So werden sie alle zu Opfern: 2Pacs Rivale Notorious B.I.G., Jam Master J von Run DMC, Ol’Dirty Bastard aus dem berüchtigten Wu Tang Clan oder drei Fünftel der Crossover-Rapper Bodycount – abgeknallt, verelendet, ausgebrannt, aber weiter höchst erfolgreich. „Indem sie sich früh verabschieden“, schreibt Penny Stallings in ihrer Prominenzbetrachtung Flesh and Fantasy, „ersparen uns die Stars die Peinlichkeit, mit ansehen zu müssen, wie sie in Vergessenheit geraten“. Der Rock’n’Roll-Tod des Clubs der 27-Jährigen deutet die Kulturwissenschaftlerin so geradezu als Gefallen am Publikum. Zumindest macht er ein bisschen unsterblicher. Vom toten 2Pac wurden doppelt so viele Platten herausgebracht wie vom lebenden, digital aufbereitet verkaufen sie sich bis heute prächtig. Der postmortale Kult um ihren Sohn nahm solche Ausmaße an, dass seine Mutter die Verwertungskette mit allen Mitteln zu stoppen versucht. Auch, weil zunehmend Zweifel an deren Echtheit aufkommen. Das Online-Magazin zyn.de hält die Wahrscheinlichkeit, Tupac Shakur habe derart große Teile seines Lebenswerkes nicht veröffentlicht, für ähnlich groß, wie „auf dem Mond intelligentes Leben zu finden“.

Ebenso undenkbar ist, dass eine der unzähligen Biografien über 2Pac besser an seine Existenz heranreichen könnte als Death Rap. Das Dasein des Ghetto-Elvis, wie ihn der Kulturwissenschaftler Michael Dyson nennt, war eben ein echtes Comic-Leben.

2Pac Shakur – Death Rap. Sein Leben als Comic – Schwarzkopf & Schwarzkopf, 96 Seiten, 19,90 Euro


Martin Wuttke, Theater-Wolf auf Tatort-Jagd

Der stille Berserker

Seit fünf Jahren ermittelt Martin Wuttke am Tatort Leipzig. Sonntag folgt mit Die Wahrheit stirbt zuletzt bereits sein 17. Fall an der Seite von Simone Thomalla. Dabei fühlt sich der 51-jährige Theaterschauspieler im Fernsehen eigentlich alles andere als wohl und ist auch im Kino ein unbeschriebenes Blatt. Begegnung mit einem Bühnenberserker auf Filmabwegen

Von Jan Freitag

Es gleicht einem Bild wie aus dem Kriegswinter: Den Kragen hochgeschlagen, streift Martin Wuttke durchs Foyer. Die Hand am Hals wie ein Schal, die andere über der Brust wie zum Schutz zurrt er den aschgrauen Mantel zusammen, als herrschen Minusgrade im Hamburger Edelrestaurant. Hager, fahrig, das dünne Haar streng nach hinten gekämmt – wer den Schauspieler bei der Präsentation seiner Rolle im neuen Leipziger Tatort sieht, kann sich des Eindrucks nicht erwehren: Martin Wuttke ist der ideale Ermittler. Wie ein einsamer Wolf stromert er allerdings nicht nur hier, in einem Hamburger Nobelrestaurant  mit Elbblick, durch die Menschenreihen und meidet scheinbar jeden Kontakt, stets auf irgendeiner imaginären Suche nach irgendwas. Nein, genauso kennt man den Theatervirtuosen aus seinen wenigen Filmrollen, so spielt er Joseph Goebbels in Margarethe von Trottas Rosenstraße, so gibt er den Stasi-Offizier Erwin Hull in Volker Schlöndorffs Die Stille nach dem Schuss, so verkörpert er auch seinen Andreas Keppler, den introvertierten Sonderling neben der quirlig-strahlenden Simone Thomalla, das Ermittlerduo im Leipziger Tatort, mittlerweile fünf Jahre nach dem spröden Sachsenduo Kain und Ehrlicher.

„Ich weiß, dass ich manchmal sehr beobachtend wirke“, erklärt er frühmorgens im Hotel, dasselbe düstere Äußere wie tags zuvor unter Leuten. Auch introvertiert, bedächtig, abwesend wirke er gelegentlich. „Aber meistens langweile ich mich einfach nur, eigentlich bin ich sehr gesellig.“ Jetzt lächelt er, das passiert ihm selten, im Film wie im Leben. Ob er mal so richtig aus sich raus komme, den Panzer der Stille verlasse? Er zündet sich die x-te Zigarette an: „Wenn ich erwache, kann ich richtig aufblühen.“ Und auf der Bühne, da sei er sogar „das krasse Gegenteil“. Die Bühne, Martin Wuttkes Feuchtbiotop oder besser: sein Gehege. Denn wenn einer die Symbiose von Theatralik und Alltagsverhalten vollzogen hat, dann der Gelsenkirchener Mime mit dem gefurchten Gesicht, dem die berühmten Bretter nur dann die Welt bedeuten, wenn er auf ihnen steht. „Ich gehe ungern ins Theater“, sagt da allen Ernstes Anfangsfünfziger, der seit 1995 Brechts Arturo Ui spielt, viele Hundert Mal bereits. Der nach seiner Ausbildung in Bochum an den renommiertesten Sprechbühnen tätig war und nach Heiner Müllers Tod kurzzeitig die Intendanz des Berliner Ensembles innehatte, der zweimal zum Schauspieler des Jahres gekürt noch immer so viel im Kleinen spielt, dass er unerkannt durch die Hauptstadt laufen kann.

Damit dürfte jetzt Schluss sein. Der Tatort ist eine Popularisierungsmaschine. Wenn man dann noch die beiden zweitdienstältesten Kommissare ersetzt, wird eine Hypothek daraus. Auch deshalb will er die Rolle ein wenig mit sich selbst auffüllen, wie er es nennt. Sein Arbeiten verlaufe ja ähnlich pedantisch, bisweilen eigenbrötlerisch wie das seines künftigen Alter Ego. Und so wenig man über den zweifachen Vater Wuttke weiß, so wenig solle man auch über den geschiedenen Kommissar Keppler wissen. „Krimis werden hierzulande immer mehr zu Gesellschaftsromanen.“ Nächste Zigarette. „Das will ich ein wenig zurückbauen.“ In Richtung Marlowe, Cottan, Detektive ohne Mütter, Hobbys, Biografien.

Das klingt fast nach Rebellion in einem Genre, das dem Privatleben der Protagonisten den gleichen Platz einräumt wie ihren Fällen. Doch Aufruhr ist Martin Wuttke eher fremd. Die Schule mit 16 verlassen zu haben, lag eher daran, dass der Halbwaise mit hart arbeitendem Vater dort erfolglos einen Familienersatz gesucht hatte. Und das Theater könne nichts mehr bewegen, ihr fehle das übergeordnete Projekt, das Sendungsbewusstsein der Achtziger, das Subversive der Vorjahrzehnte. Bleibt das Fernsehen. Ein „Super-Medium“, wie es der TV-Neuling Wuttke nennt, „weil es Inhalte so breit vermittelt“. Und nun also sein Medium, solange es Instrumente zur Verfügung stellt, „die ich für mich nutzen kann“, statt ihn selbst zu instrumentalisieren. „Noch benutze ich den Tatort“, sagt er. Das Gegenteil würde ihn nervös machen, aber keinen Revolutionsimpuls auslösen. Höchstens Fluchtinstinkte.

Oder akribisches Hineinarbeiten. Noch so eine Parallele zu Andreas Keppler, der den Ort des Mordes schon mal räumen lässt, um dort mit ihm und sich allein zu sein, nicht auf der Suche nach Beweisen, sondern Atmosphären, einer Art Aura, nach Ruhe, die er auch abends beim Rotwein in der Pension findet. „Ich schätze die unverbindliche Freundlichkeit anonymer Hotels“, sagt Keppler durch Wuttke hindurch, „keiner ist recht daran interessiert, was einer macht“. Diese Vertrautheit der Fremde nomadisierender Schauspieler überträgt er auf auch seine neue Figur. „Man wird in gewisser Weise asozial“, er schweigt lange, „aber das kann ich durchaus genießen“. Eigentlich müsste man ihn einen Kauz nennen. Bleiben wir bei Eigenbrötler: Auf der Bühne genial, im Fernsehen ungewöhnlich. Aber bei Martin Wuttke dreht sich so was schnell mal um.

Der Text ist in ähnlicher Form in der FAZ erschienen: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/tatort-novize-martin-wuttke-er-schlaegt-den-kragen-hoch-1542215.html


Bastian Pastewka, Hamburg 2012

Ich spiele am liebsten Durchschnitt

Wenn Normalität brüllend komisch wird und aus dem Nichts Comedy, dann ist hierzulande meist Bastian Pastewka am Werk. Der Bochumer hat es in geschafft, sich vom Brsikos Schneider der Wochenshow zu emanzipieren und eine eigene Marke zu schaffen. In Serien wie Pastewka (derzeit freitags ab 23 Uhr, Sat.1) oder Filmen wie Mutter muss weg spielt er immer auch ein bisschen sich selbst und tut damit im anschwellenden Wahnsinn ringsum das, was er am besten kann: aus Alltagshandeln Humor gewinnen. Ein Gespräch über die Basis guter Witze und das Potenzial der Normalität, über Eitelkeit, Würde und seine allererste Sexszene.

freitagsmedien: Herr Pastewka, ernsthaft – hatten Sie im Fernsehfilm Mutter muss weg kürzlich allen Ernstes eine Sexszene?

Bastian Pastewka: Sogar meine erste.

Und wie war’s?

Toll!

Weil es Spaß gemacht hat oder weil man Ihnen das noch zutraut?

Ich bin 40 und daher im Grunde nur noch Sexobjekt. Das ist ja bekannt! Aber viel intensiver als die Kuschel-Szene war ja unsere gemeinsame Tanzszene.

Sie können offenbar sogar Tango.

Überrascht Sie das? Ich hab zwar als Teenager die Tanzschule oft geschwänzt, weil ich damals zu unbeweglich war. Aber für die Szene hat’s gereicht. Außerdem haben Rosalie und ich viel geübt.

Hatten Sie keine Angst, bei der Fast-Bett-Szene oder dem Tanz gängigen Schönheitsidealen solcher Einstellungen zu widersprechen?

Ach, es bringt ja nichts, sich schöner machen zu wollen, als man ist. Deshalb nehme ich mir auch immer wieder vor, weniger Sport zu machen, um mehr Zeit zum Essen zu haben. Mich stört im Grunde bereits, morgens am Filmset gleich stundenlang geschminkt zu werden. Diese Fummelei im Gesicht kann ich kaum ertragen. Bei Wolfgang & Anneliese

Ihrer Volksmusikpersiflage mit Anke Engelke.

… bleibt das natürlich nicht aus. Aber in einer Real-Life-Geschichte wie bei Mutter muss weg…

Der mit der Bettzene.

… bin ich dogmatisch: Verschönern oder gar doubeln ist nicht notwendig. Und es macht mir auch keine Angst, wenn Zuschauer sich fragen, wie der mit dieser Wampe und den Runzeln am Hintern eine Sexszene drehen kann. So sehen Menschen halt aus.

Versucht man Sie da vielleicht sogar eher unansehnlicher zu machen, um dem Bild der Normalität, das Sie etwa in Pastewka verkörpern, besser zu entsprechen?

Vielleicht. Denn ein Supermodel kriegt man bei mir mit der besten Maske nicht hin, einen hässlichen Dicken ohne Probleme. Frauen gehen auch ganz gut, weil ich so lange Beine habe. Für meinen Bastian in Pastewka sitze ich zehn Minuten in der Maske. Schneller geht nicht. Ich spiele am liebsten Durchschnitt. Ich liefere mich der Kamera bedingungslos aus.

Ist das ein Mangel an Eitelkeit oder ein Überfluss an Professionalität?

Es ist ein Höchstmaß an Eitelkeit und ein Mindestmaß an Professionalität. Ich verrate Ihnen mein Mantra: „Liebe Regie, liebe Ausstattung, liebe Autoren: Sprecht mit mir! Komplizierte Szenen lösen wir gemeinsam! Ich bin zu allem bereit, wenn es dem Großen Ganzen dient!“ Ich will vorab wissen, was für ein Film es wird, denn am Set selber will ich arbeiten, nicht diskutieren. Außerdem möchte ich es gern nett haben bei der Arbeit; auch wenn ich den anstrengenden Stinkstiefel Pastewka spiele.

Viele glauben, Sie spielen nicht nur da eigentlich sich selbst.

Da ist was dran. Wie jeder Komödiant überzeichne ich das wahre Leben, aber alle Emotionen, die ich spiele, haben irgendwie mit mir zu tun. Auch bei Mutter muss weg, wenngleich sich die Situation, einen Killer auf nahe Verwandte anzusetzen, bei mir nicht aus dem wahren Leben schöpfen ließe. Trotzdem steckt darin viel Humor.

Der entsteht bei Ihnen oft eher aus Leerstellen und Pausen, weniger aus Knalleffekten und aufgerissenen Augen. Wie gewinnt man aus dem Normalen Pointen?

Wenn eine Film-Komödie 90 Minuten lang ist, sollte man günstigstenfalls normal beginnen und dann unauffällig ins grotesk Komische übergehen. Man kann das Publikum mit Normalität anlocken. Wenn man es jedoch gleich zu Beginn an überdrehten Quatsch gewöhnt, ist das Pulver schnell verschossen. Ich hab überhaupt nichts gegen anständige Albernheit; auch mein Publikum freut sich über ein paar zünftige Zoten, was ich erleben durfte, als wir Pastewka im Kino gezeigt haben. Viel wahnsinniger macht mich, wenn Filmemacher sich ständig in ihrem Werk dafür entschuldigen, eine Komödie gedreht zu haben.

Klingt ziemlich deutsch.

Stimmt. Daher mein Appell: Steht zu eurem Genre! Traut euch Humor! Pfeift mal auf Bedeutung, auf Anspruch, History! Komödie ist ganz simpel, wenn man mal einmal den Schalter umgelegt hat.

Ist das auch ein Plädoyer, mehr Komik im Drama zuzulassen.

Unbedingt! Und mehr Klamauk in der Komik. Wichtig ist, dass die Rechnung am Ende aufgeht, dass es stimmig ist. Komik entsteht aus Schmerz, Verlangen, dem Wunsch, zu erreichen, was womöglich misslingt. Deshalb muss jede Komik einen gewissen Ernst enthalten. Ein Muttersöhnchen an sich ist nicht komisch; es muss dagegen angehen. Das Wesentliche ist, diesem Scheitern inmitten des Wahnsinns zuzusehen.

Aber selbst im Wahnsinn sind Sie ein ruhender Pol, der ohne Lärm zum Lachen bringt.

Oh, danke. Ich kenne aber auch kein allemeingültiges Rezept. Humor funktioniert bei mir wie ein guter Soundtrack: Ich mag Pausen. Das Komische liegt im Langsamen. Jeder fragende Blick ist bei mir meist lustiger als ein zappeliges „Was?“. Ich durchforste das jeweilige Drehbuch zunächst nach diesen kleinen Momenten.

Das klingt nun wiederum nach harter Arbeit.

Selbstverständlich. Nichts, was ein fiktionaler Film zeigt, ist spontan entstanden. Es gibt keine Zufälle im Film, höchstens mal originelle Ergänzungen.

Drehbücher sind Gesetzeswerke?

Ich finde ja.

Da darf nichts mehr rein?

Als ich mich bei Pastewka mal unabsichtlich bekleckerte, haben wir das drin gelassen, weil es gepasst hat. Aber wenn so was zur Methode wird, geht es daneben. Unserem Vorbild Curb your Enthusiasm von Larry David wird gern unterstellt, es sei improvisiert. Nix da! Alles gewollt, alles verabredet. Wir machen ja keine Impro-Comedy, wo die Bühne spontan mit dem Publikum interagiert. Das ist die Königsdisziplin. Ach, wie gern würde ich die beherrschen… Wenn das Bonner Improvisationstheater Springmaus aus einem Zuruf Fünfminutensketche macht, weine ich vor Glück. Mir selbst zitterten dagegen schon die Knie, als Sat1 bei mir für die Schillerstraße angefragt hat. Ich wusste genau, bei da würde ich spektakulär scheitern.

Wo bleibt da Ihr Ehrgeiz, neue Fallhöhen auszuloten?

Ich besitze keinen! Ich lese meine Drehbücher und plane, plane, plane. Am Filmset weiche ich zwar gern mal von meinen Vorstellungen ab, kann aber nur vorbereitet in den Tag gehen. Es gibt viele Kollegen, die sagen. „Ich lese nicht das Drehbuch, das Drehbuch liest mich“; ich will das so nicht!

Wie vernünftig…

Tja. Vielleicht liegt es daran, dass ich nie eine Schauspielschule besucht habe. Ich befürchte immer noch, dass irgendwann jemand mit einem Aktenkoffer in der Hand bei mir klingelt und sagt: „Herr Pastewka, hier haben Sie es schriftlich: Sie können das gar nicht richtig, was Sie da tun.“ Richtig gute Schauspieler sind meist gute Komiker; umgekehrt ist das selten. Weil Komödianten eher auf den unmittelbaren Effekt aus sind – das Lachen. Danach suchen sie auch im Schauspiel instinktiv, kriegen es aber nicht, kämpfen dann umso mehr darum und scheitern noch fulminanter. Mir ist das im 1. Teil vom Wixxer so gegangen. Da wollte ich zu viel.

Gibt es einen Unterschied zwischen gewollt komisch und komisch?

Wenn das Gewollte gut ist, nicht. Mir gefällt das versteckt Komische allerdings besser. Wenn ich mich hier in der Hotellobby umsehe, ist es womöglich viel witziger, wenn jemand sich mit merkwürdiger strenger Geste die Haare aus dem Gesicht streicht, als wenn er voll gegen den Türpfosten knallt. Kleinigkeiten interessieren mich, Alltägliches, das Unbeobachtete. Auch, was die Reaktion betrifft. Wenn es etwa irgendwo im Restaurant laut scheppert, dreht sich in schlechter Comedy alles um; in der Realität ist das Gegenteil der Fall; da ist so ein Knall bedrohlich und lässt den Blick sinken. Darin liegt vielleicht sogar die stärkste Komik der Comedy.

Haben Sie eigentlich Probleme mit dem schlechten Image dieses Begriffs?

Ich kann ja nichts gegen ihn tun. Wer auf der Straße fragt, ob jemand Comedy mag, kriegt fast immer ein Nein, gern versehen mit dem Zusatz, in Deutschland gäbe es ohnehin keine Humorkultur blablabla. Diese Leute gucken dann abends „Sketche mit Herbert und Schnipsi“ oder strömen in Comedy-Shows und das sind nicht nur Prolls, die billige Zoten wollen. Dem Publikum zu unterstellen, es hätte keinen oder gar schlechten Humor, ist vermessen.

Aber man kann ihm unterstellen, es reagiert auf billige Fließbandpointen, die ohne Aufwand zum Lachen bringen.

Ich glaube, dass kein Publikum der Welt langfristig auf billige Pointen hereinfällt. Aber es ist einfacher, sich über populäre Comedy-Stars aufzureiben als, sagen wir: über Zoodokumentationen. Eisbär, Affe und Co. oder wie diese Dinger am Nachmittag heißen, sind das Deprimierendste überhaupt. Man sieht traurige Tiere in winzigen Käfigen, denen von noch ärmeren Pflegern mit Shampoo-Allergie das Fell geschoren wird. Das ist schlimmer als jede schwache Comedy, schlimmer sogar als Scripted Reality. Darüber regt sich aber niemand auf, weil die Strahlkraft fehlt, weil es keine Lobby gibt, die mit einstimmt ins Lamento, wie beim Verfall der Humorkultur. Es sind ja nur Tiere…

Das Abendprogramm zieht halt mehr Aufmerksamkeit auf sich.

Und da finde ich bedenkenswert, dass es nicht zu wenig guten Humor gibt, sondern zu wenig Humor insgesamt. Zwischen Tausenden von Krimis und dem Rest aus Show, News und Pilcher-Schmalz gibt es nur ein paar kleine erzählerische Inseln namens Dittsche, Stromberg und Tatortreiniger. Das war’s. Wir haben keinen zu schlechten Humor für’s deutsche Fernsehen, sondern zu schlechtes deutsches Fernsehen für guten Humor.

Liegt das am deutschen Hang, auf alles einzuhacken, was erfolgreich ist?

Unbedingt. Ich rufe allen zu: „Macht es besser! Schreibt Komödien! Schreibt auch albernen Unsinn, aber eben erhobenen Hauptes. Trivial, nicht banal! Bringt uns zum Lachen! Vielen Dank!“

Aber wenn es doch zusehends banal wird, muss man doch auch das anspruchslose Publikum kritisieren dürfen.

Aber die 75.000 Live-Zuschauer bei Mario Barth lachen doch gar nicht unbedingt über jede einzelne Handtaschenpointe, sondern im Chor. Es geht um Wiedererkennung, um ein Stück Vertrautheit. Und um Respekt vor jemandem, der das, was er da vor einer Riesenmenge tut, wirklich beherrscht. Mario Barth ist in seinem Fach ein Könner. Er ist in der Lage, nichts dem Zufall zu überlassen, er stellt sich dem Publikum absolut zur Verfügung. Das ist nicht immer feinsinnig, aber keinesfalls schlecht.

Das Niveau sinkt, wenn einparkende Frauen zum Wesen des Witzes werden.

Nicht automatisch, wenn man aus dem Phänomen einen guten Scherz ableitet. Zugegeben, mich interessiert dieses Thema auch nicht. Aber ist das ein Grund, die Flinte ins Korn zu werfen und das Publikum zu geißeln? Gehen Sie mal nach England, nach Amerika – da hat Comedy denselben Stellenwert wie Reality, Show und Drama. Bei der Verleihung der Emmy’s in L.A. bekommt jede Rubrik eine ganze Stunde Sendezeit. Beim Deutschen Fernsehpreis findet man seit einigen Jahren nicht mal mehr drei gute heimische Comdeyserien für eine mögliche Nominierung. Die Kategorie „Comedy“ wurde daher abgeschafft.

Nicht zuletzt, weil die guten Stoffe fehlen.

Oder der Mut, ernste Stoffe mit Humor und Homoristen zu versetzen.

Und wenn sich das ändert, sehen wir Sie auch mal in ernsten Stoffen.

Ich hoffe doch. Ich hab mir viel Mühe gegeben, mein Image so zu schärfen, um in Untergang II einen Nazi zu spielen. Aber im Ernst: Ich muss nicht mit meinem Image brechen, um es mir und anderen zu beweisen. Sonst scheitere ich, und zwar zu Recht. Mein Anspruch ist es, Komödie so viel Ernsthaftigkeit zu lassen, dass das Komödiantische erkennbar bleibt. Ich mag diese kleinen Oszillationen zwischen Spaß und Ernst in Mutter muss weg, aber danach freue ich mich auch wieder auf Durchschnitt bis zum Äußersten.

Gibt es dabei eine Form der Selbstentblößung, die Sie nicht bieten würden, etwa eine Sexszene, die übers Anbahnen hinausgeht?

Nö. Schon gar nicht körperlich. Es gibt ja weit entblößendere Dinge, als sich auszuziehen.

Zum Beispiel?

Wenn ich mich verspiele. Wenn ich laute Töne anschlage, wo leise gebraucht werden. Das ist im Ernstfall viel nachteiliger für mich als Person, als halbnackt im Gegenlicht gefilmt zu werden. Vor solchen Fehlern werde ich vielleicht nie gefeit sein. Bitte schreiben Sie: „Pastewka weiß doch auch nichts!“

Interview: Jan Freitag