Rezos Angebot & Anwälte des Bösen

TV

Die Gebrauchtwoche

14. – 20. Juni

Die Menschen der aktuellen Mediengesellschaft neigen ja bekanntlich zur Heroisierung. Alles von Jan Böhmermann wird dabei zur satirischen Demaskierung erklärt, alles mit Iris Berben zum cineastischen Hochgenuss, alles auf Arte zur sozialkritischen Hochkultur, besonders aber wird dabei alles, was der klassenbewusste Influencer Rezo von sich gibt, unbedingt bedeutsam. Eine Einladung in sein Jugendzimmer auszuschlagen, gilt demnach mindestens als Realitätsverweigerung, wenn nicht gar geriatrisch.

Gerade, wenn sie von Armin Laschet kommt, Kanzlerkandidat jener Partei, die – wir erinnern uns grinsend – Rezos Zerstörung der CDU nicht mit einem Video ihres früh vergreisten Schlaumeiers Philipp Amthor konterte, der sich kurz darauf als korrupter Lobbyist dubioser IT-Firmen erwies, sondern dem einer blondierten Knallcharge, die allen Ernstes Armin heißt. Sein Namensvetter hat Rezos Einladung zum Bundestagswahldiskurs nun dankend abgelehnt. Damit erhärtet er den Verdacht, eher Alterskohorten im Blick zu haben, die das Rentnerfernsehen Um Himmels Willen so erfolgreich machen.

Nach 20 Jahren und 29963 Folgen, hat Fritz Wepper Kaltenthal verlassen und hinterlässt, tja – was eigentlich? Ein klaffendes Loch da, wo die ARD mit etwas mehr Nachwuchsfürsorge wohl auch noch Zuschauer unter 66 hätte. Im ZDF steht deren Schwiegersohntraum Claus Kleber demnächst nicht mehr als Sexsymbol zur Verfügung. Anders als seine Tagesthemen-Kollegin Pinar Atalay – demnächst ersetzt durch den ZDF-Ankauf Aline Abboud – verlässt er das heute-journal allerdings nicht in Richtung Privatsender, sondern Ruhestand.

Also immerhin nicht in den Knast, wo der westfälische GEZ-Rebell Georg Thiel seit mehr als 100 Tagen seine Erzwingungshaft absitzt, weil er dem WDR 465,50 Euro an Rundfunkbeiträgen schuldet. Ein schönes Signal an alle identitären Querdenker übrigens, dass Demokratieverachtung nicht für umme ist. Deren Preis ist übrigens messbar: 70 Cent. So viel kostet die Bild-Zeitung am Kiosk, wo sie am Samstag für die Meinungsfreiheit von Corona-Leugnern, Querdenkern, Islamfeinden und Neonazis warb.

Die Frischwoche

21. – 27. Juni

Eigentlich müssten die Bild-Justiziare also in der True-Crime-Serie Anwälte des Bösen porträtiert werden. Weil es ab Donnerstag auf Sky allerdings um Mandanten von Adam Ahmed geht, der vor allem Kindermörder und ähnliche Verbrecher verteidigt, bleibt der Springer-Konzern ausnahmsweise außen vor und kann weiterhin Shit in den Storm der gesellschaftlichen Verrohung blasen.

Ein paar der Lieblingshassobjekte: Frauen jenseits von Küche und Ehebett, die sich für Gleichberechtigung einsetzen. Ihrem Kampf gegen misogyne Gewalt widmet Arte Mittwoch ab 21.50 Uhr die Dokus Bis zum bitteren Ende und #dreckshure. Bitte nicht verwechseln mit #offline, einer Reality-Soap, in der joyn tags drauf so genannte Influencer in den Wald schickt, um ohne ihre Lebenselixier Smartphone zu überleben.

Am Freitag dann geht David Weils Anthology-Serie Solos bei Amazon online, in der Superstars wie Morgan Freeman, Anne Hathaway, Helen Mirren sieben Teile lang dramaturgisch lose verknüpft das Thema Einsamkeit erzählen. Parallel zeigt Disney+ Die geheime Benedict Gesellschaft, ein hinreißende absurdes Fantasy-Epos mit vier Kindern unterschiedlicher Superkräfte, die einen verrückten Wissenschaftler an der Weltherrschaft hindern. Und Sonnabend geht derselbe Sender einer Legende auf den Grund und fragt: Wer war Charlie Brown?

Einer weniger sympathischen Legende spürt das Biopic The Program zeitgleich in der ZDF-Mediathek nach: Lance Armstrong. Begleitet von der hinreißenden Doku The Saxons um drei ostdeutsche Breakdancer. Klingt ungleich kreativer als das, was der Hauptsender Sonntagnachmittag mit der RTL-Anwerbung Sonja Zietlow macht: die Tiershow Mein Hund fürs Leb… schnarch. Dann doch lieber die Standup-Komödie Good on Paper, Mittwoch bei Netflix.


ARD-EM: Sedlaczek & Neumann

704x396Emanzipation ist nicht nur Frauensache

Als Sportjournalistinnen im Männerbusiness Fußball sind Esther Sedlaczek und Claudia Neumann Kummer gewohnt. Jetzt arbeiten beide für die ARD und zeigen bei der Europameisterschaft gerade, wie irrelevant ihr Geschlecht ist, wenn es um Qualität geht. Ein Gespräch über EM-Euphorie, Medien-Sexismus und wie weit die Sportschau vom Matriarchat entfernt ist.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Neumann, Frau Sedlaczek – wissen Sie, wo Sie am 11. Juni, dem Tag des EM-Eröffnungsspiels, sein werden?

Esther Sedlaczek: Also ich bin in Hamburg.

Claudia Neumann: Weil wir Reporter noch immer von den Corona-Regeln und Inzidenzzahlen abhängen, weiß ich es tatsächlich noch nicht genau. Am 12. kommentiere ich zwar Russland gegen Belgien in St. Petersburg, weiß aber auch noch nicht genau, von wo aus.

Sedlaczek: Die Moderation jedenfalls findet sowohl bei uns in der ARD als auch beim ZDF, wie ich meine, komplett in Deutschland statt.

Neumann: Aber auch für Reporter macht es vorerst keinen Sinn, Reisen in alle ausrichtenden Länder zu planen, wo man womöglich vor Ort oder nach der Rückreise fünf Tage und mehr in Quarantäne muss. Wir planen da mindestens doppelgleisig, das wird sehr spannend und frisst wohl mehr Zeit, Geld und Nerven als die eigentliche Durchführung.

Sedlaczek: Deshalb mache ich bei meiner EM-Premiere auch keine Field-Interviews, sondern bleibe mit dem Sportschau-Club komplett im deutschen Studio. Immerhin ist das sehr viel leichter planbar. Meine Reiserouten stehen längst: Hamburg-München-Hamburg-München.

Aber wie soll bei all den Unwägbarkeiten so was wie Fußballstimmung, gar EM-Euphorie aufkommen?

Neumann: Ach, ich bin diesem Sport so nah, dass meine Gemütslage von der fußballerischen Qualität abhängt. Wenn die stimmt, verbessert sich meine Stimmung automatisch. Denn machen wir uns nichts vor: das übliche Drumherum so großer Turniere, Esther kennt das ja auch schon von Champions League, ist für uns Journalisten selten von euphorischer Stimmung geprägt. Akkreditierungen, Sicherheitsvorkehrungen, Schlangestehen, Abwarten.

Sedlaczek: Jetzt noch ergänzt um Schnelltests.

Neumann: Das war ohnehin immer nervig. Als Journalisten befinden wir uns da seit jeher in einer Blase. Während immerhin wieder Publikum im Stadion sein darf, wird allerdings die Atmosphäre in den Städten, der Kontakt zu den Menschen vor Ort, die Begegnungen mit den Fans umso mehr fehlen.

Sedlaczek: Wir haben bei Sky ja auch vor Corona schon wichtige Spiele wie das DFB-Pokalfinale aus dem Studio gemacht, das kenne ich also schon. Und durch die Pandemie haben wir uns ein wenig an größere Distanz bei weniger Atmosphäre gewöhnt. Umso nervöser werde ich sein, am 11. Juni das erste Mal für die ARD bei so einem Ereignis vor der Kamera zu stehen.

Nervös im Sinne von Hose voll oder im Sinne von aufgeregt?

Sedlaczek: Nee, meine Hose bleibt leer (lacht), aber die Mischung aus Vorfreude, Anspannung und Konzentration, die ich vor jeder Sendung habe, wird in der Situation vermutlich noch etwas größer sein. Bei einer neuen Herausforderung steht man natürlich unter anderer Beobachtung und will besonders gut performen. Eine halbe Stunde vorm Beginn geht einem der Allerwerteste daher schon noch mal auf Grundeis, aber sobald das rote Lämpchen leuchtet, kommt der Spaß.

Neumann: Eine Portion Anspannung bleibt wohl stets, aber den Druck eines Millionenpublikums, das teilweise auf Fehler nur wartet, habe ich mit meiner Erfahrung ganz gut im Griff. Und weil ich weniger im Bild bin als Esther, ist die Beobachtung auch eine andere. Zum Glück (lacht).

Anderseits war die Beobachtung für Sie als erste Frau, die 2018 ein WM-Spiel der Männer kommentieren durfte, enorm.

Neumann: Das stimmt natürlich, da schwappte einiges aus Deutschland nach Russland rüber. Das wurde auch mit der Chefredaktion besprochen, die sehr beruhigt war, wie – ich will nicht sagen locker, aber souverän ich mit der Netz-Hetze umgegangen bin. Doch wer wie ich in Russland 2018 rund drei Wochen bis zum Achtelfinale quer durchs Land gereist ist, für den war der Zeitplan so straff, dass er wenig Möglichkeiten bot, sich mit allzu vielem darüber hinaus zu beschäftigen. Aber das ist kein Thema mehr, ich bin fein mit allem, auch mit den scheinbar unvermeidbaren Social-Media-Reflexen. Punkt, Aus, Ende.

Heißt Punkt, Aus, Ende für Sie, am liebsten gar nicht mehr übers Thema Frauen im Fußballjournalismus und den irritierenden Sexismus, der dabei noch immer offenbart wird, reden zu wollen?

Sedlaczek: Mir wäre es in der Tat am liebsten, wenn die Frage nach Frauen im Fußball gar nicht mehr gestellt würde. Aber da sind wir nun mal noch nicht, weshalb auch unsere Stimmen gebraucht werden, um auf Missstände aufmerksam zu machen.

Neumann: Denn machen wir uns nichts vor: Medienfrauen im Männerfußball sind abgesehen von der Printbranche, wo sie etwas unauffälliger Topjobs erledigen, weiter ein Riesenthema. Aber wir werden es nicht verkleinern, indem immer nur auf die negativen Aspekte Bezug genommen wird. Umso mehr spüre ich mittlerweile eine gewisse Verantwortung und Sensibilität, dabei zu helfen, Frauen im Sportjournalismus sichtbar, also normal zu machen. Vielleicht braucht es dafür der Erfahrung und Reife aus 30 Berufsjahren, die ich mitbringe.

Sedlaczek: Jeder Kollegin, aber auch jeder Kollege muss da für sich entscheiden, wie er oder sie damit umgeht. Emanzipation ist ja nicht nur Frauensache und Sexismus weit über unseren Arbeitsbereich hinaus ein gesellschaftliches Problem. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass es nach der Geburt meiner Tochter hieß, jetzt geht sie endlich wieder an den Herd.

Neumann: Wahnsinn!

Sedlaczek: Das hat mich persönlich gar nicht so sehr berührt, macht aber trotzdem betroffen und traurig. Im Jahr 2019! Denn auch, wenn mir die großen Shitstorms bisher erspart geblieben sind, wird bei uns Frauen bei jedem Versprecher, jedem Fehler viel genauer hingehört als bei Männern. Und auch, wenn das mit den Jahren weniger wird, habe ich mit Hass und Hetze im Netz zu tun. Ich habe zwar meinen Umgang damit gefunden, das nicht persönlich an mich herankommen zu lassen, muss und werde es aber immer kritisch hinterfragen.

Neumann: Wobei Moderatorinnen im Fußball weit etablierter sind als Kommentatorinnen.

Spätestens seit Monica Lierhaus Anfang der Nuller zumindest.

Neumann: Trotzdem bleibt die Grundhaltung uns gegenüber skeptisch. Wenn ein Mann kommentiert, kommentiert er eben. Wenn es eine Frau tut, kommt sofort die Frage auf: kann die das überhaupt? Das gilt ebenso für Moderatorinnen. Oder nehmen Sie die Suche nach einem DFB-Präsidenten. Wollte bei den Herren Koch, Peters, Grindel irgendwer wissen, ob der das grundsätzlich kann? Nee! Das wird nur bei Frauen hinterfragt.

Sind Sie deshalb Teil einer Kampagne für mehr weibliche Führungskräfte im DFB?

Neumann: Es geht uns keinesfalls ausschließlich um den DFB, sondern das gesamte Fußball-Spektrum. Frauen sind in allen Bereichen nur im marginalen Prozentbereich vertreten, das bildet die Vielfalt unserer Gesellschaft einfach nicht ab. Die Diskussion über die Neubesetzung des DFB-Präsidentenamtes folgt überholten Mechanismen und wirkt damit ziemlich hilflos. Vor irgendwelchen Personaldebatten sollten inhaltliche und strukturelle Fragen geklärt werden. Stattdessen erleben wir gerade wieder Machtgehabe, Intrigen, ausgeprägte Beharrungskräfte. Es geht ausschließlich um persönliche Interessen, eigentlich unfassbar.

Immerhin gibt es jetzt bei der Berichterstattung einen Fortschritt. Wenn Sie Matthias Opdenhövel im August bei der legendären Samstags-Sportschau ablösen, Frau Sedlaczek – haben Frauen dort dann die Mehrheit?

Sedlaczek: Lassen Sie mich mal durchzählen – 2:1, in der Tat. Wie geil ist das denn!

Sind wir etwa vorm Umweg über echte Parität gleich auf dem Weg ins Matriarchat oder ist das bloß Episode?

Sedlaczek: Mir würde es reichen, wenn wir dadurch so viel darüber reden, dass wir irgendwann gar nicht mehr darüber reden. Ich glaube nicht, dass die ARD hier Quoten erfüllen wollte, sondern ich mir den Job verdient habe. Aber es ist ein schönes Signal, oder?

Neumann: Unbedingt sogar, es verändert sich was.

Könnte sich das auch sprachlich auswirken – werden Sie bei der EM und in der Sportschau zum Beispiel gendern?

Sedlaczek: Bei der Sportschau verwenden wir aktuell das Gender-Sternchen im Schriftverkehr, in der Regel aber nicht auf dem Sender.

Neumann: Obwohl ich mich persönlich nicht herabgewürdigt fühle, bei „Sportreporter“ mitgemeint zu sein, mache ich mir darüber immer mehr Gedanken in den letzten Wochen. Ich bin unbedingt auf allen Ebenen der Gesellschaft für absolute Gleichberechtigung und verstehe die Haltung derer, die Gendern wichtig finden, weil Sprache nun mal Haltungen definiert. In der Live-Situation empfinde ich es aber als sperrig. Vermutlich wähle ich da einen Mittelweg, der mir aber schon deshalb leichter fällt, weil ich als Kommentatorin eines Männerturniers naturgemäß selten von Frauen rede.

Letzte Frage, darf nicht fehlen, sorry: Wer wird Europameister?

Sedlaczek: Mangels Kristallkugel sage ich: sag ich nicht, bei so vielen starke Teams!

Neumann: Der beste (lacht). In den redaktionellen Tipprunden gewinnen eh immer die, die bekennend am wenigsten Ahnung von Fußball haben.

Bios

Esther Sedlaczek, Tochter des Schauspielers Sven Martinek, war Modejournalistin, bevor sie 2011 als Fußballreporterin zu Sky geht. Im August wechselt die 36-jährige Ostberlinerin zur ARD-„Sportschau“

Claudia Neumann, 1964 geboren in Düren, ist seit 30 Jahren Sportreporterin, gut zwei Drittel davon beim ZDF, für das sie bei der EM 2016 als erste deutsche Frau ein Männer-Länderspiel kommentiert.


Fußball-EM & Physical

TV

Die Gebrauchtwoche

7. – 13. Juni

Der Halbgötterglaube des ZDF ist mindestens ebenso legendär wie der des Ersten Programms. In den Achtzigern heilte Prof. Brinkmann den halben Schwarzwald, in den Neunzigern heilte Der Landarzt die ganze Ostsee, in den Nullern folgte beiden ein Bergdoktor, der auch vorgestern zum Einsatz kam, als die Fußball-EM kurz im Wachkoma lag. Im Spiel gegen Finnland musste ein Däne wiederbelebt werden. Schockstarre auf dem Rasen, Schockstarre im Stadion, Schockstarre am Bildschirm, Schockstarre sogar bei der Quasselstrippe Béla Réthy – da schaltete das Zweite aus Kopenhagen zum, kein Witz: Bergdoktor Hans Sigl.

Dabei saßen mit Christoph Kramer, Manuel Gräfe und Per Mertesacker drei exzellente Experten im Studio, mit denen Moderator Jochen Breyer die lange Zeit bis zum Wideranpfiff souverän überbrückt hätte. Die ARD dagegen bot gestern zwei originelle Rookies auf: Welttorhüterin Almuth Schult nennt sich selber zwar so konstant ZuschauEr und SpielEr, dass Friedrich Merz vor Glück wohl Testosteron aus Ohren, Mund und Nase läuft, überzeugt jedoch durch kenntnisreiche Einordnungen. Kevin Prince Boateng dagegen bezieht Stellung gegen Rassismus und bleibt auch sprachlich der Emanzipation verpflichtet.

Wem sich Jeff Bezos verpflichtet fühlt, haben Rechercheure nun enthüllt: me, myself and I. Nicht nur, dass der egomanische Manchester-Kapitalist für Einkünfte, die ihm ein Vermögen von sagenhaften 188 Milliarden Dollar bescherten, ganze 1 Prozent Steuern zahlt; er nutzt sie auch nicht wie Bill Gates für sinnhafte Hilfsprojekte, sondern wie Elon Musk für sinnlose Weltraumflüge. Wie gut, dass der Menschheitsfeind die Kontrolle über Amazon bald abgibt. Damit zu Guido Cantz, der Ende 2021 Verstehen Sie Spaß? verlässt – und hoffentlich bis an sein Lebensende ins ARD-Schweigekloster geht.

Verstummt schien auch Tanit Koch. Drei Jahre jedoch, nachdem Julian Reichelt sie von der Bild-Spitze gepimmelt hatte, holt Armin Laschet die zwischenzeitliche RTL-Chefredakteurin in sein Wahlkampfteam. RTL, Springer, CDU – seit langem schon ein Dreamteam. Küche, Böhmi, ZDF ist dagegen bislang kein organisches Dreigespann. Ob die angekündigte Kochshow mit Jan Böhmermann im Zweiten ein Prank ist, muss sich also erst noch zeigen. Kein Prank war hingegen, dass Putins Regime dem WDR-Sportreporter Robert Kempe die EM-Akkreditierung entzog – und nach kurzer Hektik wieder zubilligte.

Die Frischwoche

14. – 20. Juni

Darüber hinaus ist das Fernsehprogramm dieser Tage zwar reich an Fußball (zumindest, wenn es Magenta schafft, die Spiele anders als beim Auftakt am Samstag störungsfrei zu übertragen), aber arm an unterhaltsamem Tiefgang. Daran könnte indes der jüdische Schauspieler Daniel Donskoy etwas ändern, wenn sein Zielgruppentalk Freitagnacht Jews aus dem Netz ins ARD-Spätprogramm wechselt. Gleiches widerfährt der ZDF-Gesprächsperle 13 Fragen. Ab Sonntag diskutieren Salwa Houmsi und Jo Schück nämlich statt in der Mediathek bei Neo über unsere Gesellschaft.

Fiktionale Unterhaltung von Bedeutung liefern indes eher Streamingdienste. Besonders empfehlenswert wäre dabei Physical ab Freitag (Apple TV+) eine tragikomische Kostümserie aus dem Kalifornien der frühen Achtziger, wo sich eine Hausfrau an der eigenen Dauerwelle aus dem Sumpf einer reaktionären Ehe auf die Aerobic-Welle zieht. In derselben Epoche eher tragi als komisch, aber auf hinreißende Art woke und bedeutsam ist der Starzplay-Fünfteiler It’s A Sin, in dem vier schwule Männer im homophoben England anno 1981ff aus der Selbstbefreiung in die Aids-Katastrophe schlittern und doch die Köpfe hochhalten.

Weitere Neustarts: nach dem Start der achtteiligen Netflix-Doku Stadt der Pinguine über wilde Tiere im urbanen Kapstadt am Mittwoch, zeigt der Marktführer ab Freitag zwei, nun ja, nicht ganz so zuckersüße Horrorserien – die Fortsetzung der Zombie-Serie Black Summer, gefolgt von der postapokalyptischen Mystery-Dystopie Katla aus Island. Tags zuvor startet die 2. Staffel der dänischen Skandi-Noir-Serie Darkness. Auch in Blinded jagen bildschöne Cops einen Ritualkiller, der schon in der ersten von acht Folgen bekannt ist. Das ist bei aller Effekthascherei enorm spannend – und weitaus weniger lieblich als die Pixar-Komödie Luca um zwei animierte Jungs im Urlaub, die ab Freitag bei Disney+ ein kleines, aber nicht unwichtiges Geheimnis teilen.


Tina Hassel & Helen Hunt

Die Gebrauchtwoche

TV

31. Mai – 6. Juni

Das ZDF anno 2021 ist schon ein ganz schön emanzipierter Laden. Chefredakteurin ist nämlich, ach nee – mit Peter Frey keine Frau, sondern der 6. Mann seit 1962. Gut, dafür wird gewiss die Programmdirektion weiblich geleitet? Fast! Mit Norbert Himmler ist der 9. Herr seit Anbeginn des Zweiten inhaltsverantwortlich. Und weil gleiches für Produktionsdirektor Michael Rombach gilt, ist Karin Brieden nach zuvor fünf Kerlen an der Spitze des Verwaltungsdirektoriums die einzige Topmanagerin des ZDF in 59 Jahren.

Noch.

Denn wenn das erweiterte Präsidium am 15. Juni mögliche Nachfolger von Intendant Thomas Bellut – natürlich Nachfolger von vier Anzugträgern – einlädt, könnte der Fernsehrat zwei Wochen später doch glatt Tina Hassel zur ersten aller Mainzelmännchen und ein paar weniger -weibchen küren. Könnte… Denn natürlich werden der Leiterin des ARD-Hauptstadtstudios nicht nur wegen ihrer Stellung beim Konkurrenzkanal, sondern mehr noch wegen ihres Geschlechts weit schlechtere Chancen zugerechnet als Norbert Himmler, der wiederum mit Hausmacht und wichtiger noch: Y-Chromosom versehen ist.

Eigentlich eine Mutation, in Deutschlands TV-Kreisen jedoch unverdrossen die wichtigste Zugangsberechtigung an die Hebel der Macht. Daran ändert wenig, dass Talkshows hierzulande mittlerweile überparitätisch besetzt sind. Mit Maybrit Illner zum Beispiel, die vorigen Donnerstag Alexander Gauland zu Gast hatte. Aushängeschild einer Partei also, die bei der gestrigen Landtagswahl in Sachsen-Anhalt zugleich verloren und gewonnen hat – interessanterweise gegen jenen CDU-Ministerpräsidenten, dessen Partei dem Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk durch die Ablehnung der notwendigen Gebührenerhöhung den Garaus machten möchte.

Die Frischwoche

7. – 13. Juni

Ob das dem Produktionsstandort fiktional schaden würde, sei in Anbetracht der herrschenden Programmierungsverhältnisse allerdings dahingestellt. Denn wer Tamar Jandalis dokumentarischen Streifzug Easy Love durchs Paarungsverhalten junger Menschen in Deutschland morgen 45 Minuten nach Mitternacht im Ersten versteckt, weil um 20.15 Uhr die serielle Publikumsverachtung Um Himmels Willen zu laufen hat, scheint ebenso leicht ersetzbar wie das ZDF, wo die siebenteilige Männlichkeits-Analyse Boys nur in der Mediathek zu sehen ist. Freitagabend ist halt Krimizeit.

Noch übler wird es beim WDR, der Mittwochabend als Warm-up zum EM-Eröffnungsspiel zwei Tage später die wirklich wunderbare Fußball-Doku You’ll Never Walk Allone zeigt – und fast schon boshaft auf 45 Minuten halbiert, als sei es irgendwie auch egal, was Filmemacher sich so ausdenken über den besten Fan-Song aller Zeiten. Würde die FDP damit nicht so plump am rechten Rand fischen, man müsste ihre Forderung, ARZDF aufs Informationelle zu beschränken, fast unterstützen.

Machen wir aber nicht.

Sondern bitten jüngere Zuschauer*innen lieber, das zu tun, was sie ohnehin machen, nämlich streamen. Der Giftanschlag von Salisbury, die fiktionale Rekonstruktion des Nowitschok-Attentats auf den russischen Überläufer Sergej Skripal läuft am Donnerstag zwar vier Teile am Stück auf Arte. Alle anderen Tipps der Woche laufen allerdings online. Etwa das Serien-Sequel Blindspotting, mit dem Starzplay ab Sonntag den gleichnamigen Kinoerfolg um amerikanischen Alltagsrassismus mit viel Tragikomik, noch mehr Musik und einer tollen Helen Hunt fortsetzt.  

Gewohnt hinreißend ist auch die 2. Staffel Lupin ab Freitag auf Netflix mit dem unvergleichlichen Omar Sy als Meisterdieb in Nöten. Parallel dazu startet dort das indische Empowerment-Drama Skater Girl, während Disney+ mit Loki mal wieder am Erfolgsmodell fehlerbehafteter Superhelden andockt. Bliebe noch die SciFi-Dystopie Awake auf Netflix, in der die Menschen einer postapokalyptischen Zukunft nicht mehr schlafen können. Bisschen plakativ, aber professionell gemacht.


Filip Zumbrunn: Wackelkamera & Tatort

Nur Schauspieler sind unersetzbar

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Filip Zumbrunn (Foto: Zumbrunn) zählt zu den besten Kameraleuten der Schweiz. Durch seine One-Takt-Tatort Die Musik stirbt zuletzt wurde er 2017 auch hierzulande berühmt, zuletzt feierte sein Bremer Tatort Neugeboren Premiere, bei dem der 52-Jährige wie so oft auf viel Bewegung setzt. Mein DWDL-Interview übers Leben außerhalb des Rampenlichts, Wackeln als Prinzip, Hierarchien am Set und wie es sich auf dem Teppich der Berlinale anfühlt.

Von Jan Freitag

Filip Zumbrunn: (lacht) Nein, das kann gut sein. Wir haben, glaube ich, ein oder zwei Einstellungen vom Stativ gedreht. Aber selbst da kam die Idee auf, in der Postproduktion zusätzlich etwas Handbewegung zu simulieren. Abgesehen von ein paar Ausnahmen habe ich jedes Bild aus der Hand gedreht. Idee und Konzept war, dass die Perspektive nie ganz zum Stillstand kommt.

Aber sind Idee und Konzept einer Philosophie geschuldet oder dem Format, also der Geschichte?

Immer der Geschichte. Wir wollten damit der Lebendigkeit der Figuren in diesem Milieu gerecht werden. Um die atmende Bewegung zu verstärken, hatten wir die Handkamera überall dabei.

Aber entsteht für Sie als Kameramann und den Tatort als Film nicht die Gefahr, manieriert zu wirken, wenn dieses Konzept zum Prinzip wird, wenn die Kamera also nicht mehr mit den Figuren korrespondiert, sondern der ästhetischen Idee?

Wie gesagt, es war keine ästhetische Idee, sondern ging darum, ein dokumentarisches Gefühl zu erzeugen, das die Zuschauer wirklich einbindet. Die Direktheit der Figuren findet in der Direktheit ihrer Abbildung visuellen Widerhall.

Sie benutzen also schon auch mal ein Stativ, wenn das Thema Ruhe erfordert?

Da bin ich flexibel. Grundsätzlich verlangt jede Geschichte ihre eigene Erzählstruktur, Bilderwelt und Dynamik. Aber dadurch, dass ich schon einige Spielfilme mit Handkamera gedreht habe, werde ich gerne von Produktionen ins Boot geholt, die eine lebendige Kamera bevorzugen, um möglichst nah am Menschen zu sein.

Gibt es grundsätzlich bestimmte Kameraführungen, die sich für bestimmte Erzählstrukturen, womöglich gar Genres eignen, etwa Krimi oder Romantic Comedy?

Finde ich nicht. Das Genre findet sich gelegentlich bei Faktoren wie Schnitt oder Tempo wieder, aber die Bildsprache als Ganzes variiert selbst innerhalb verschiedener Genres enorm. Im Gegenteil: je mehr Genre und Bildsprache auseinandergehen, also Kontraste offenbaren, desto interessanter, überraschender, origineller wird die Umsetzung.

Passt Ihre Handkamera besser zum jungen Bremer Tatort mit der notorisch hitzköpfig besetzten Jasna Fritzi Bauer als, sagen wir: zu gereiften Ermittlern wie in Köln oder München?

Um es für ein jüngeres Publikum zugänglicher zu machen, könnte ich mir das tatsächlich vorstellen. Dessen Serien-Konsum, der visuelle Überfluss, dem sie auch über soziale Netzwerke ausgesetzt sind, verschafft ihnen Zugang zu höherer Bildbeweglichkeit, die man durchaus bedienen kann und darf.

Und wer entscheidet darüber – holt man sich mit Filip Zumbrunn automatisch mehr Bewegung in die Ästhetik oder ist das Aushandlungssache?

Da wird viel diskutiert. Ich lese das Drehbuch meist, bevor ich erstmals mit der Regie zusammensitze. Und Barbara kannte ich schon gut, wir stammen aus der Schweiz, haben bereits viel miteinander durchlebt, wussten also genau, was auf uns zukommt. Aber egal, ob man von Anfang an auf gleicher Wellenlänge liegt oder sich erst später findet: den Prozess des Austauschs finde ich spannend.

An welchem Punkt von der Idee bis zur ersten Aufnahme treten Kameraleute normalerweise in den Produktionsprozess ein?

In dem Moment, wenn das Drehbuch freigegeben wird und die Regie ihre visuelle Idee entwickelt. Kameraleute werden aber auch nicht nur im professionellen, sondern persönlichen Sinn eingebunden. Weil man eine lange, intensive Zeit miteinander verbringt, wäre es anstrengend für alle, wenn sich Regie und Kamera nicht verstehen. Schon deshalb werden wir mit der letzten Drehbuchzeile zumindest mitgedacht, und bereits da beginnt auch der Austausch mit der Regie.

Sind Sie als Kameramann demnach ein verlängerter Arm der Regie oder eher der linke oder rechte?

Kommt auf die jeweilige Person an. Es gibt Regisseur*innen mit einer glasklaren Vorstellung, die setzen ausschließlich den eigenen Stil durch. Auch da kann ich mich einbringen, aber die Spielräume sind begrenzter. Auf der anderen Seite gibt’s aber auch Regisseur*innen, die es lieben und einfordern, von außen Input zu kriegen. Dazwischen ist das Spektrum echt riesig.

Lassen Sie sich lieber leiten oder leiten gerne selbst?

Kommt drauf an. Es gibt Visionäre, die derart klare Vorstellungen vom Film haben, dass ich ihnen bedingungslos folgen kann. Solche Genies sind allerdings sehr selten. Wenn ich hingegen merke, dass die klare Vorstellung nur unbegründeter Ausdruck eigener Machtbedürfnisse ist, wird es schwieriger, mich ihr unterzuordnen.

Wer hatte die Idee, Ihren Schweizer Tatort vor vier Jahren in einem Take durchzudrehen?

Die war von Dani Levy, mit dem ich auch Die Känguru-Chroniken gemacht habe. Wir waren beide extrem angefixt von Sebastian Schippers Viktoria, den Sturla Brandth Grøvlen ebenfalls in einem Take aufgenommen hat.

Und dafür den Silbernen Bären gekriegt.

Im Kino gab es das schon öfter. Dani Levy wollte es zum ersten Mal in so einer Länge fürs Fernsehen ausprobieren. Ich war mir absolut sicher, dass Sender und Redaktion die Idee abschießen, aber erstaunlicherweise haben alle sofort mitgezogen.

Animieren solche Experimente im Erfolgsfall zur Wiederholung oder sollten es Ausnahmen bleiben, um sich nicht abzunutzen?

Ausnahmen! Bei Projekten wie diesem merkt man, dass der Schnitt erfunden wurde, um die Filme besser zu machen. Das hat sich bereits im Entstehungsprozess gezeigt. One-Take-Film klingt nach kurzem Arbeitsprozess, aber wir konnten erst nach vier Wochen Probe mal 90 Minuten am Stück drehen, und als wir uns die angesehen haben, war das Resultat so schlecht, dass wir alles umstellen mussten. Nicht nachträglich eingreifen zu können, ist eine Riesenherausforderung.

Zumal die Vorbereitung vom Kameramann ein fotografisches Gedächtnis erfordert.

Ich konnte den Film Sekunde für Sekunde im Kopf präzise abspulen, aber das konnten alle am Set, der Regisseur sowieso.

Als Dokumentarfilmer sind Sie Ihr eigener.

Dokumentarfilm drehen benötigt Intuition. Im Dokumentarfilm kannst du nicht unbedingt einer Regieanweisung folgen oder noch einen Take drehen, sondern reagierst darauf, was sich vor der Kamera abspielt, nicht dahinter.

Haben Sie schon mal eigene Ideen in Fiktion umgesetzt, standen also ganz am Anfang eines Produktionsprozesses?

Das überlasse ich den Fachleuten. Vielleicht kommt das irgendwann mal, aber momentan fehlen mir Ideen, die mir so dringlich erscheinen, dass ich sie unbedingt der Menschheit erzählen müsste. Ich lasse mich gerne inspirieren von Geschichten, die andere schreiben.

Haben Sie als Kameramann das Gefühl, von der Branche, vom Publikum, auch von der Kritik ausreichend gewürdigt zu werden?

Puh, schwere Frage. Offen gesagt, sind alle hinter der Kamera prinzipiell uninteressanter als die vor der Kamera. Das war schon immer so und wird wohl auch so bleiben. Falls es anders wäre, erscheint mir die Regie doch wichtiger als ich. Da laufen schließlich alle Fäden zusammen. In der Pandemie kam öfter die Frage auf, wer austauschbar ist, wer nicht. Da zeigte sich, dass eigentlich nur die vor der Kamera unersetzbar sind, also Schauspieler. So gern ich wertgeschätzt werde, habe ich damit aber auch kein Problem. Selbst die Kameraleute in Hollywood kennen schließlich die wenigsten mit Namen.

Dafür tragen sie mit „Director of Photography“ den aufregenderen Titel.

(lacht) Kameramann ist völlig okay.

Sie wirken gelassen im Umgang mit Hierarchien. Aber gibt es nicht doch Konkurrenzdenken, gar Minderwertigkeitskomplexe der Gewerke vom Casting über die Maske bis hin zur Postproduktion, von denen allenfalls am Ende des Abspanns kurz die Rede ist?

Das ist wie in jeder Position jeder Branche vor allem ein Ego-Problem. Mir reicht es, wenn ich gut durchs Leben komme, ausreichend zu Essen habe und die Kinder gesund sind. Ich bin glücklich mit dem, was ich habe.

Hat Michael Ballhaus, den nicht nur Cineasten kennen, demnach ein größeres Ego als Sie oder einfach das Glück gehabt, so bekannte Filme zu drehen, dass sein Name nicht mehr zu verschweigen war?

Natürlich hatte er Glück, mit Leuten wie Scorsese filmgeschichtlich so neue Wege zu gehen, dass die Leute neugierig waren, wer da die Kamera führte. Wie groß sein Ego war, kann ich nicht beurteilen, aber er hat auch in einer Zeit gearbeitet, als Experimente vom Arthaus-Kino in den Mainstream geflossen sind. Mit krasser Bildsprache so berühmt zu werden, ist in einer Zeit wie heute, wo grundsätzlich alles möglich ist, definitiv schwieriger

Waren Sie jemals auf dem Roten Teppich?

Als Nachtzug nach Lissabon auf der Berlinale Premiere feierte, bin ich drüber gegangen, aber für mich hat sich gar niemand interessiert. Dennoch war es toll, aus der Limousine auszusteigen und ins Blitzlichtgewitter von Journalisten zu gehen, die wie verrückt Vornamen schreien.

Nur nicht Ihren.

Natürlich nicht. Umso lustiger fand ich es, wie panisch die Stimmung auf dem Roten Teppich ist. Ich würde durchdrehen, die ständig erleben zu müssen.