Dan Deacon, Squarepusher, Squirrel Flower

Dan Deacon

Als Robert Moog den Synthesizer vor gut 50 Jahren zu dem gemacht hat, was er bis heute ist, hatte er vermutlich nicht den analogsten Schimmer, wer damit bis tief in unsere Gegenwart hinein was genau machen würde. Aber falls Moog eine Art emblematischen Sound im Sinn hatte, dürfte er dem von Dan Deacon nah sein. Der Alleinunterhalter aus Baltimore kreiert schließlich nicht nur, aber vor allem per Synthie elektronphone Klangkaskaden, die alles aus ihm heraus holen, was er zu zaubern vermag.

Denn nach allerlei Filmscores und Kooperationen bis hin zu den L.A. Philharmonics, kehrt der 40-jährige Supernerd auf seiner sechsten Soloplatte zum Ein-Personen-Orchester zurück, das sein virales Spiel mit Samples, Footage, Harmonien und endlich mal einer Stimme unterfüttert, die zwar nicht singt, aber wie ein Instrument funktioniert. Das Ergebnis von Mystic Familiar ist eine Art sinfonisch aufgeblasener Jean-Michel Jarre im Whirlpool des Dadapop. Anders ausgedrückt: Klangvoller Irrsinn für Weltraumreisende mit Stil.

Dan Deacon – Mystic Familiar (Domino)

Squarepusher

Dass auch gestandene Techno-Wizzards zuweilen den Weg vom binären Code zurück zum analogen Signal gehen, zeigt der britische Produzent und DJ Thomas Jenkinson alias Squarepusher. Nach fast 25 Jahren  elaboriertem Hochgeschwindigkeitskrach auf einschlägigen Festivals und Clubbühnen, kehrt er nun zu den Wurzeln elektronischer Musik zurück und schafft es seinen Drill’n’Bass dabei sogar noch zu beschleunigen – nur klingt es nicht schneller, sondern klüger.

Während sich die ersten zwei Tracks seines 18. (!) Studioalbums Be Up A Hello dabei noch ein wenig in die eigene Vielfalt verlieben, hämmert der Mittvierziger fortan einen Cyberpunk aus den Reglern, der beim Hören alle Synapsen durcheinander bringt und gerade darin für Ordnung sorgt. Das Ergebnis ist eine Art Acid-Math, als würde ein Wissenschaftler komplexe Formeln nicht schreiben, sondern drummen. Kein Album für daheim, aber eins für Connaisseure des technoiden Wahnsinns.

Squarepusher – Be Up A Hello (Warp)

Squirrel Flower

Betrachten wir es mal nüchtern: Die Lücke, die Bands wie Velvet Underground oder Sonic Youth im Alternativerock gerissen haben, ließ und lässt sich wohl niemals ganz schließen. Ihre filigran geschredderte Weltverachtung, eingehüllt im Glanzpapier nihilistischer Arroganz: als daraus erst Protopunk, dann Punk, zuletzt Postpunk wurde, geriet die gediegene Langeweile der Gitarrenmusik meistens nur langweiliger, nicht gediegener. Und ehrlich: auch Ella O’Connor wird daran nichts ändern.

Unterm Projektnamen Squirrel Flower ist die Songwriterin aus Boston allerdings immerhin ein trübes Licht am dunklen Horizont. Der musikalische Missing Link zwischen 1960ern und 2020ern, dass man auch heutzutage ganz ohne Pathos melodramatisch sein kann und dabei doch nicht weinerlich klingt. Mit ihrem distanziert blechernem Gesang und einer Gitarre wie eiskalter Sprühregen ist das Debütalbum I Was Born Swimming die perfekte Anleitung zum Weltschmerz mit Lebensfreude.

Squirrel Flower – I Was Born Swimming (Full Time Hobby)


Hamburger MoPo: Feuilleton & Fake News

Fünf Minuten Lesezeit

Die Hamburger Morgenpost war mal ein wichtiges Blatt der Pressestadt Hamburg. Ihr Chefredakteur allerdings hat sie derart auf populistischen Kurs gebracht, dass die drohende Abwanderung ins Netz irgendwie gar nicht so furchtbar klingt. Dabei könnte sie viel mehr. Versuch einer Ehrenrettung.

Von Jan Freitag

Am 10. Januar war‘s mal wieder so weit, da hat sich die grassierende Dummheit unserer Zeit weit rechts überholt: in der Mopo. So nennen viele Menschen der Pressehauptstadt jener Tage, als „Presse“ noch für Papierpublikationen stand und „Hauptstadt“ für Bonn, eine Zeitung, die wirklich mal bedeutsam war. Lange her. Jetzt füllt die Hamburger Morgenpost ihre Titelseiten gern mit Schlagzeilen wie der vor drei Wochen: „Diese 5 Radlertypen nerven uns“. Außen illustriert mit plump gestelltem Foto, innen ergänzt von faktenfreier Attacke gegen „Dunkelraser“ und „Kopfhörer-Zombies“.

Dicke Lettern, dürre Substanz, dreiste Anbiederung an Klimawandelleugner und ähnliche Populisten rechts der FDP – so tickt eines der ältesten Boulevardblätter im Land heute. Es ist zum Heulen. Denn nur zur Erinnerung: das frühere Parteiorgan der SPD nach dem Verkauf an den G+J-Verlag 1986 auch weiterhin die wichtigste Stimme sozial benachteiligter, kulturell interessierter, tendenziell linksalternativer, aber nicht ideologisch festgelegter Bürger*innen der Hansestadt. Sicher, sie hatten früher noch taz und Szene, Oxmox und ein Magazin namens Die Woche für den progressiveren Blick aufs örtliche Geschehen. Aber die MoPo besaß eben nicht nur Haltung, sondern auch die passende Auflage, sie zu verbreiten.

Gut 450.000 Stück wurden Ende der Fünfziger verkauft, immerhin noch ein Drittel davon 40 Jahre später, als der Kulturmäzen Frank Otto sie von G+J übernahm. Und wann immer es seinerzeit zwischen Hafenstraße und Hamburger Kessel, FC St. Pauli und Roter Flora sozialpolitisch hoch her ging, nahm die Redaktion an der Bahrenfelder Griegstraße alle Seiten in den Blick, nicht nur die bürgerlich-konservative. Doch spätestens, seit Frank Niggemeier das regionale Flaggschiff journalistischer Vielfalt 2008 leitet, steht „Boulevard“ darin nicht mehr für „bunt“, sondern „blöde“, schlimmer noch: bis zur intellektuellen Selbstverleugnung populistisch.

Das zeigt sich nicht nur im Pkw-seligen Fahrradbashing einer Belegschaft, die jeden Schlagermove bedingungslos feiert. Mehr noch zeigte es sich, als Proteste gegen die Hamburger Flüchtlings- und Strukturpolitik vor fünf Jahren Schlagzeile für Schlagzeile kriminalisiert wurde, was beim G20-Gipfel im fachlich-ethischen Bankrott gipfelte, ausschließlich Gewalt gegen, nicht von Polizisten anzuprangern. Im Grunde ist die Nachricht also gar nicht mal so schlecht, dass der Kölner DuMont-Verlag das Hamburger Regenbogenblatt wohl an die Essener Funke-Mediengruppe verkauft, wo es zur Digitalmarke geschrumpft werden soll. Schließlich ist die Auflage ausgerechnet zum 70. Geburtstag 2019 unter 50.000 gesunken, schließlich werden die überregionalen Inhalte schon jetzt von einer Gemeinschaftsredaktion in Hannover geliefert, schließlich benötigt man auch für die lokalen keine fünf Minuten Lesezeit – so belanglos billig, so bildlastig brachial werden sie vorwiegend zubereitet.

Dennoch wäre es ein herber Schlag für die Presselandschaft, wenn eines der letzten redaktionell erstellten Blätter Hamburgs vom Kiosk verschwände. Noch immer berichten dort schließlich ausgebildete Journalistinnen und Journalisten, deren Output zwar oft kritikwürdig ist, verglichen mit dem clickorientierten Erregungscontent sozialer Medien allerdings hochseriös. Noch immer schafft es das Feuilleton, trotz Personalmangels, Eventisierung und Frank Niggemeier, die örtliche Subkultur mit Leidenschaft abzubilden. Noch immer berichten echte Menschen statt Bots und Influencern vom Mikrokosmos einer bewohnten Metropole. Und noch immer gehört sie aus Sicht von Kultursenator Carsten Brosda damit zu Hamburg „wie der Michel und die Elbe“. Einerseits.

Andererseits gibt es mit dem Abendblatt, das Springer vor sechs Jahren an Funke verscherbelt hat, bereits ein politisch konservatives Blatt in Hamburg, das zwar staubig wie Krümelkekse, aber qualitativ hochwertig den Standort feiert. Für die alternativere Lokalberichterstattung hält sich – wenn auch künftig nur noch im Netz – die kämpferische taz. Wer es offen rechtspopulistisch mag, greift ohnehin zur Bild. Und online steht die Mopo erstaunlicherweise seit Jahren in den Top-10 der meistgelesenen Presseseiten. Nüchtern betrachtet ist die Existenzberechtigung dieser selbstverzwergten Zeitung also umstritten. Doch mit etwas Empathie für Personal und Kundschaft möchte man ihr wünschen, nicht von Essen aus in den Orkus digitaler Sensationslust verklappt zu werden.

Wer weiß – sollte Frank Niggemeier abtreten, hätte vielleicht auch der ewige Kampagnenjournalismus ein Ende. Und mit ihm die ritualisierte Schlacht gegen Hamburgs Fahrradverkehr. In der nämlich hatte die Mopo bereits Anfang vorigen Jahres unterm Titel „Rambo-Radler“ mitsamt gestelltem Foto alle journalistischen Ideale verraten, mit denen sie einst relevant geworden war. Sollten solche Fake News die Regel bleiben, darf die Mopo gern sterben.

Der Text ist vorab bei Mitvergnügen-Hamburg erschienen

 

 


Smartphonehacks & Anfängerblut

Die Gebrauchtwoche

20. – 26. Januar

Wenn Smartphones gehackt werden, ist das in der Regel ein schwerer Schlag gegen die informationelle Selbstbestimmung – ganz egal, ob es von staatlicher, ökonomischer oder privater Seite geschieht. Als bekannt wurde, dass Jeff Bezos nun davon betroffen war, konnte man sich selbst dann etwas Schadenfreude nicht verkneifen, als die Urheber bekannt wurden: Mohammed bin Salman, ein besonders perfider Tyrann und doch best buddy all jener, die wie Bezos Plutonium an Kinder verkauften, ließe sich so der Profit mehren.

Und die Häme legt sich auch nicht, weil er wegen der Berichte seiner Washington Post über den Mord am Journalisten Kashoggi ins Fadenkreuz des saudischen Königshauses geraten ist. Unaufhaltsam in Richtung dieser Glitzerdiktatur befindet sich derweil das rechtsradikal regierte Brasilien, wo im offensichtlichen Fall von Korruption des Justizministers – nein, nicht der Justizminister, sondern Glenn Greenwald angezeigt wurde, dem investigativen Reporter, der die Geschichte im Guardian publik gemacht hatte.

Ob Til Schweiger auch solche Rechtspopulisten gemeint hatte, als er sie Mittwoch bei Markus Lanz gemeinsam mit CDU-Fraktionsvize Carsten Linnemann ebenso lobte wie die Eskalationstaktik der Leipziger Polizei im linksalternativen Connewitz und lautstark über die Lügenpresse herzog? Es bleibt ähnlich erratisch wie die Zugriffe bei Netflix, mit denen der Streamingdienst seinen Umsatz im IV. Quartal 2019 um satte 31 Prozent auf 5,5 Milliarden Dollar gesteigert und damit 587 Millionen Gewinn erzielt hat.

Die Frischwoche

27. Januar – 2. Februar

Allein Freitag gesellt sich ein halbes Dutzend Serien zu Dracula und The Ghost Bride – darunter im Fach History Luna Nera, im Fach Fantasy Spectros, im Fach Mystery Rangarök oder im Fach Family Ich schweige für dich. Nichts davon ist außergewöhnlich, aber Teil der Strategie, die Leute unablässig mit Nachschub einzulullen – und zwar selten so mittelmäßig wie das, was Montag, Dienstag, Donnerstag im ZDF läuft. Mit dem dreiligen Melodram Die verlorene Tochter will Kai Wessel zwar an Hans-Christian Schmids Das Verschwinden anknüpfen, verliert sich trotz der famosen Henriette Confurius als Missbrauchsopfer mit Amnesie aber in Effekthascherei.

Mit dem halten sich Blutige Anfänger aus Halle 50 Minuten zuvor an selber Stelle erstaunlich zurück. Der zwölfteilige Krimi um schicke Polizeischüler*innen ist zwar wie üblich am ZDF-Vorabend so authentisch wie ein Traumschiff-Landgang; die jungen Darsteller spielen das miese Drehbuch jedoch erfrischend weg. Erschreckend glaubhaft ist Sherry Hormanns Meisterwerk Nur eine Frau mit Almila Bagriacik, die als reales Ehrenmordopfer Hatun Sürücü am Mittwoch im Ersten mit tödlichen Folgen aus ihrer Ehe ausbricht.

Darüber hinaus findet sich viel Gedenken an die Auschwitz-Befreiung vor 75 Jahren – heute zum Beispiel das Arte-Porträt Die Kinder aus der Rue Satin-Maur, morgen die ZDF-Doku Ein Tag in Auschwitz, Mittwoch ein 3sat-Film über Juden in der DDR. Freitag dann widmet sich (kauft nicht bei) Amazon einem Mordfall der Gegenwart, wenn Prime Video fünf Teile lang den amerikanischen Serienkiller Ted Bundy porträtiert. Bei so viel Schwermut ist es fast schon entspannend, wenn RTL seinem Publikum um 20.15 Uhr drei Stunden leichte Kost verabreicht.

In der Quizdaddelshow Alles auf Freundschaft kämpfen die Kumpels Tim Mälzer und Sasha nämlich ohne Nachnamen gegen andere Kumpels ohne Promistatus um 100.000 Euro, die entweder (gewiss für Kinder) gespendet oder (von den Nobuddies) eingesteckt werden. Das Preisgeld der nächsten Runde Ding des Jahres fließt Mittwoch wieder in kreative Start-ups – allerdings sollen es diesmal vor allem besonders nachhaltige sein.

Und damit zurück zum Shoah-Gedenken in der Gestalt einiger Wiederholungen der Woche – etwa Stefan Ruzowitzkys KZ-Drama Die Fälscher, (Mittwoch, 22.25 Uhr, 3sat), für das es 2008 den Oscar gab. Oder heute um 23.05 Uhr im MDR: Frank Beyers DEFA-Legende Jakob der Lügner (1974). Zur Entspannung: Und täglich grüßt das Murmeltier (Samstag, 20.15 Uhr, RTLzwei), seit 1993 global gesehen so legendär wie hierzulande der Tatort, von dem es Freitag (22 Uhr, ARD) einen mit Ulmen/Tschirner (Der scheidenden Schupo) gibt.


Kefeider, Bareley Autumn, Antilopen Gang

Kefeider

Ja, ja, ja – die Pet Shop Boys haben ein neues Album gemacht, und es soll so gelungen wie das von Eminem, der wie immer ebenso polarisiert, wie entertaint. Der Pop ist eben ständig voller Großprojekte, die alle Aufmerksamkeit ansaugen – und damit das verdecken, was es erst zu entdecken gilt. Keifelder zum Beispiel oder Vetle Løvgaard, die außerhalb Norwegens keine Sau kennt, aber das soll sich jetzt ändern, denn letzterer ist ersteres mithilfe von Øyvind Blomstrøm und Chris Holm, also zwei Dritteln von Orions Belte, deren sämig-süßer Buttermilchpop auch durch Keifelders Debütalbum kriecht.

Auch deshalb klingt Podium ein wenig wie die Beatles auf dem Holodeck. Manchmal mit Krautrockgitarren beschleunigt, meist von Løvgaards verträumten Beck-meets-Beachboys-Gesang gebremst, sind die 13 Songs überwiegend so uneitel in sich versunken, dass man auch beim fünften Hören gar nicht merkt, wie die Zeit vergangen ist. Was unter anderen daran liegt, dass jedes Instrument dem anderen eine Achtelnote hinterherzuhinken scheint. Und so findet man sich dank dieses Wunderwerks der Entschleunigung in einer musikalischen Hängematte, aus der leider kein Weg mehr hinausführt. Warum auch…

Kefeider – Podium (Blance Records)

Barely Autumn

Und wo wir schon bei bemerkenswertem Indierock unterhalb der Wahrnehmungsschwelle sind: die belgische Band Barely Autumn hat ihr zweites Album fertig gestellt. Es heißt Day Trip To The Petting Zoo und ist so herzzerreißend melodramatisch, dass man den Eindruck gewinnen könnte, der singende Songwriter Nico Kennes aus Brüssel steht kurz vorm Freitod. Auch die Texte handeln schließlich gern von seiner erfolglosen Suche nach Glück, besser noch: dem Gegenteil von Unglück, in dem er sich zehn Stücke lang nach Herzenslust suhlt.

Dabei darf man die Grundstimmung aber auch nicht missverstehen. Denn dieser synthieschwangere Pop Noir findet in der Dunkelheit seiner eigenen Melancholie immer wieder Momente großer musikalischer Dringlichkeit. So emotional aufgeladen Songs wie Abortion Coffee schon dem Titel nach klingen: im tränennassen Pathos lauert eine Kraft breit ausgewalzter Gitarrarrenriffs und pittoresker Sample-Gespinste, die ihre Lebenslust nicht ganz verleugnen. Ist eben gar nicht so traurig im Streichelzoo, bloß eben nicht immer lustig.

Barley Autumn – Day Trip To The Petting Zoo (Popup Records)

Hype der Woche

Antilopen Gang

Wer Gangstarap mag, diesen melodramatisch simplizifizierten Bauchgruben-HipHop mit ghettoeskem Kopfstimmengefasel, aber nichts mit Sexismus, Eigenlob und Kampfansagen am Hut hat, wer also ein Gehirn zum Musikgeschmack hat und es auch einzusetzen weiß, wird seit zehn Jahren von der Antilopen Gang bestens versorgt. Gesanglich testosteronrau, aber textlich klassenbewusst, genderneutral und lebensklug, schaffen es Koljah, Panik Panzer und Danger Dan bis zur Chromfelgenpolitur prollig zu klingen, aber intellektuell zu rappen. Auch das 4. Album Abbruch Abbruch ist für Klangästheten daher schlicht zu schlicht für Lyrik. Aber die Lyrics sind halt einfach geil! “Sogar von der Punkerkneipe angezeigt / Trommelfell kann platzen, wenn man DJs in den Teller greift” – schlauer als in Ist der Ruf erst ruiniert kann HipHop kaum zur linken Selbstreflexion blasen.


Hans Sigl: Bergdoktor & Gossipgeschichten

Operetten mag ich sehr

Anfang des Jahres begann die 13 Staffel Der Bergdoktor. Stets dabei: Hans Sigl (Foto: Erika Hauri/ZDF), steirisches Mannsbild von fast zwei Metern, der seit 2008 am Bildschirm praktisch nur in seiner Alpenpraxis zu sehen ist. Ein Gespräch mit dem 50-jährigen Schauspieler über leichtes Fernsehen und schweres Theater, blutige Operationen und ob er nach 121 Folgen in derselben Rolle noch immer Lust auf seinen Martin Gruber hat.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Sigl, was halten Sie vom Titel „Quotenkönig“, den Ihnen in die Medien oft verleihen?

Hans Sigl: Ich finde die Wortkombination seltsam. Insofern ist er mir sehr fremd.

Wird im Gegensatz dazu aber auch anerkennend verwendet – wenngleich quantitativ.

Das ist der Punkt. Ich freue mich stets über gute Quoten, weil uns dann viele Menschen zugeschaut haben. Aber daraus einen Wert über die Qualität hinaus zu machen, liegt mir fern.

Erreichen Sie denn lieber viele Menschen mit weniger Anspruch oder wenige Menschen mit mehr?

Ach, im Künstlerherz schlagen doch stets beide Seelen. Ich spiele im Theater ebenso gern auf samstags der großen Bühne vor vollem Haus Musicals wie Donnerstagnacht ein Ibsen-Stück im kleinen Studio. Dasselbe gilt fürs Fernsehen; auch da hat beides seine Berechtigung, seinen Wert – zumindest sofern es gut gemacht ist. Die leichtesten Stücke sind oft am schwersten zu spielen. Operetten zum Beispiel, die ich sehr mag.

Hat der vermeintliche Gegensatz von leicht und schwer, Masse und Klasse auch damit zu tun, dass erstere einfacher zu erreichen ist – etwa wenn beim Bergdoktor stets die Sonne überm Gipfel strahlt und Mutti zuhause das Frühstück macht wie in der angeblich guten alten Zeit?

Das ist eine Frage der Mischung von Bildsprache und Dramaturgie. Während die Kombination Bergformat plus Quote im Feuilleton reflexartig zur Ablehnung führt, bemüht man sich als Schauspieler umso mehr, dieser Art Unterhaltung Qualität zu entlocken. Natürlich geht es von der Figurenzeichnung bis zur Optik immer noch mutiger. Aber der Bergdoktor ist nun mal eine Familienreihe, also für alle Altersgruppen und Schichten gemacht. Ein sogenanntes Well Made Play.

Bedingt das einen eher konservativen Ansatz, bei dem die Familie so über allem steht, dass ein ungewollt schwangerer Teenager zum Start der neuen Staffel nie infrage stellt, das Kind zu kriegen?

In mittlerweile 121 Folgen variiert das von Geschichte zu Geschichte und Regisseur zu Regisseur, hätte in anderen Episoden also auch anders ausgehen können. In diesem Fall ist es in der Tat ein traditionelles, eher ländliches Modell der Familienplanung. Aber glauben Sie mir: ich kämpfe durchaus für modernere, eher städtische Perspektiven. Und manchmal gewinne ich, manchmal gewinnen andere.

Liegt es demnach an Ihnen, dass sich beim Bergdoktor im Gegensatz zum restlichen Genre der Himmel schon auch mal zuzieht?

Ich hoffe schon, aber den Anspruch hatte die Serie von Beginn an. Natürlich kann man immer noch radikaler werden, aber es gibt halt Formatgrenzen, die das ZDF am Donnerstag nicht so überschreiten darf wie Solo für Weiß am Montag, wo es auf fast unerträgliche Art um Kindesmissbrauch ging. Würden wir in jeder Folge drastisch über Krankheit, Tod und Abgründe erzählen, hätten wir definitiv weniger Erfolg. Und ehrlich: Anfangs haben wir öfter mal blutige Operationsszenen gezeigt; das möchte ich als Zuschauer auch nicht immer sehen.

Zumal so was schnell selbstreferenziell wird wie in Game of Thrones, wo Feinde lieber gehäutet werden als einfach nur getötet…

Und deshalb erzählen wir lieber emotional als alles explizit zu bebildern. Umso mehr stört es mich, dass Kritiker gar nicht so sehr uns, sondern das Genre kritisieren. Denn so harmonisch geht es bei uns gar nicht zu.

Im Vergleich zu Ihrem Privatleben mit Frau und Kindern geht es bei Martin Gruber im Gegenteil sogar ziemlich durcheinander zu.

Genau so kann man das beschreiben. Zwinkersmiley.

Gibt es überhaupt Ähnlichkeiten zur Serienfigur, die Sie seit 2008 spielen?

Als Österreicher bin ich verglichen mit deutschen Kollegen vermutlich eher ein Bauchmensch mit einer gewissen Gemütlichkeit, aber auch Grantigkeit, der nicht „und wie geht es dir, mein Schatz“ fragt, sondern einfach „was is?!“. Davon steckt eine Menge im Martin; weil ich nun mal so bin, aber auch, weil die Figur in mittlerweile 121 Produktionseinheiten, wie man einzelne Folgen so schön nennt, aus meiner Sicht ganz gut funktioniert.

Haben Sie nach so langer Zeit nicht manchmal die Schnauze voll von ihr?

Nein, dann könnte ich es ja nicht machen.

Na ja, als Dienstleister am Publikum könnten Sie auch einfach deren Bedarf befriedigen oder einfach vertraglich noch länger gebunden sein?

Emotionale Dienstleitung bearbeite ich schon in meinem Kabarettprogramm. Nein, ich muss von jeder Rolle emotional berührt sein, um mich und andere dafür zu motivieren. Dienst nach Vorschrift funktioniert bei mir nicht. Und um mal was ganz anderes zu machen, hab ich gerade den Actionthriller „Flucht ins Höllental gedreht.

Und – Adrenalin geleckt?

Schon ein bisschen, deshalb wollen wir das vielleicht fortsetzen. Als Schauspieler will man ja grundsätzlich Genres wechseln. Deshalb würde ich zum Beispiel gern Komödien drehen. Andererseits freue ich mich nach dem Winterspecial des Bergdoktors im Frühjahr oft schon Wochen vor Drehbeginn darauf, dass es im Juni wieder losgeht.

Und in der Zwischenzeit stehen Sie auf der Kabarettbühne?

Unter anderem, ja. Grundsätzlich findet die Bühne aber auch parallel zum Drehen statt. Obwohl das im Grunde zwei ganz verschiedene Berufe sind.

Nicht bloß verschiedene Ebenen desselben Berufs?

Eigentlich nicht, aber bei mir trifft das offensichtlich insofern zu, als es Regenbogenjournalisten gibt, die Passagen meines Kabarettprogramms dafür benutzen, Gossip-Geschichten über mich zu schreiben. Dieses Verschmelzen von beruflicher und privater Figur ist echt irre. Und spornt mich zu neuen Dingen an. Man darf gespannt sein.


Schwei(nstei)ger & Dilemmashows

Die Gebrauchtwoche

13. – 19 Januar

Nein, so politisch war Ich bin ein Star, holt mich hier raus wohl noch nie. Erst äußern sich Sonja Zietlow und Daniel Hartwich durchaus besonnen über die angrenzenden Buschbrände, dann rufen sie zu Spenden auf, übermitteln gar ein regierungsoffizielles Grußwort – und dann zieht mit Ex-Bundesverkehrsminister Krause auch noch der erste Politiker ins Dschungelcamp. Aber abgesehen davon, dass er auch gleich wieder auszieht? Alles wie gehabt, also nicht der Rede wert und gerade deshalb so viel gehaltvoller als ein Umweltsau-Video des WDR, das Intendant Tom Burow zum Bückling vor Rechtsradikalen bewegte.

Immerhin gab es dafür tüchtig was aus der Shitstormkanone. Weit geringer war da die Medienresonanz auf jenen Mann, der kurz zuvor in Südtirol sieben Menschen getötet hat. Kein Aufschrei kollektiver Empörung, gar ein ARD-Brennpunkt, nur routinierte Einordnung eines Terroranschlags, der nur nicht als solcher benannt wird, weil es im Gegensatz zu denen mit islamistischen oder rechtsradikalen Hintergrund Alltag ist, dass Besoffene mit ihrem Mordwerkzeug Sportwagen Leben auslöschen. Da hat die Bild zwar ein bisschen Betroffenheit geheuchelt, aber nicht das Fahrverhalten ihrer Stammkundschaft kritisiert.

Dafür kroch sie Donald Trump mit der Titelseite Kein Krieg! Danke Mr. President in den Hintern, was so fern aller Logik ist, dass Der Stürmer verglichen damit zur Qualitätszeitung wird. Die ARD hat derweil mit einer Enthüllungsstory im Dopingsumpf Gewichtheben ihre sportpolitische Kompetenz mit Folgen belegt, während Hank Azaria die Reißleine zog und den Simpsons-Inder Apu fortan nicht mehr als voll rassistischer Stereotype spricht. Noch was? Ach ja. Trotz 15 Nominierungen gewann Netflix nur den Golden Globe für Laura Dern als beste Nebendarstellerin in Noah Baumbachs Marriage Story. Und Til Schweiger hat ein Gefälligkeitsgut…, äh, Porträt von Bastian Schweinsteiger angekündigt, und falls es nicht Schwei(nstei)ger heißt, wäre vielleicht „Ich und Ich, einfach geil“ ein guter Titel.

Die Frischwoche

20. – 26. Januar

Ein, hüstel, nicht ganz sooo guter Untertitel ist Hautärztin aus Leidenschaft für die TLC-Serie Dr. Emma ab heute auf dem Turner-Kanal TLC, den sich wirklich nur deutsche Übersetzer ausdenken können. Richtig bescheuert ist auch der von Nicht dein Ernst!, womit Jürgen von der Lippe ab Sonntag den verwaisten WDR-Sendeplatz von Zimmer frei! beerbt. Warum Die Dilemma-Show Alltagsfallen beschreiben soll, die das lebende Hawaiihemd und seine Kollegin Sabine Heinrich ab Sonntag mit wechselnden Gästen – in Folge 1 von 6 Frank Plasberg zum Thema Partysünden – diskutiert, bleibt ein öffentlich-rechtliches Geheimnis.

Partysünden sind selbstredend auch ein wichtiger Faktor bei der 3. Staffel von Babylon Berlin ab Freitag bei Sky, die vermeintlich goldenen Zwanziger am Rande der braunen Katastrophe weiterspinnt. Bereits heute zeigt der Bezahlkanal Hugh Laurie in der absurd komischen HBO-Serie Avenue 5, wo Doctor House einen interplanetarischen Kreuzfahrtraumschiffskapitän spielt, der eigentlich als schicker Statist an Bord ist, plötzlich aber das Ruder übernehmen muss. Seit ein paar Tagen läuft auf Netflix bereits die Eigenproduktion Dracula der Macher von Sherlock, die Bram Stokers klassischen Vampirstoff zum Nervenzerfetzen radikalisieren.

Weil die menschliche Natur allerdings noch viel drastischer ist, als sie jeder Horrorproduzent ersinnen könnte, bereits uns Arte am Dienstag schon mal unsanft auf den 75. Jahrestag der Auschwitzbefreiung in acht Tagen vor. Das dokumentarische Drama 1944 stellt dabei die wahre Begebenheit zweier KZ-Gefangener nach, die den Alliierten nach ihrer Flucht erstmals hautnah von den Gräueln dort berichtet haben. Gefolgt wird es von einer Doku über die Medizinversuche in Auschwitz, aber auch einer über Die Kinder von Indersdorf, wo sich unter all den deutschen Mitläufern ein paar Mithelfer fanden. Nicht ganz leicht, besser: fast unmöglich davon auf unterhaltsame Wiederholungen der Woche überzuleiten, aber auch der Tatort-Tipp hat ja seine menschlichen Abgründe.

In Der Eskimo (Montag, 21.45 Uhr, HR) hatte es Joachim Król 2014 nämlich erstmals ohne Nina Kunzendorf noch schlimmer als sonst mit seinem Alkoholismus zu kämpfen. Im Anschluss läuft dann an gleicher Stelle Cotton Club, Francis Ford Coppolas Gangsterjazzrevue mit Richard Gere von 1984, als Kino noch wirklich groß war. So groß, wie sechs Jahre zuvor das fünffach oscarprämierte Scheidungsdrama Kramer gegen Kramer mit Meryl Streep und Dustin Hofman.


Holy Fuck, Kinderzimmer Productions, AJJ

Holy Fuck

Falls irgendwer meint, die Achtziger kämen zurück: Keine Chance! Zeitreisen hat Albert Einstein eine Strich durch den Flux Kompensator gemacht und überhaupt kommt nie irgendwas wieder, es wird nur mal mehr, mal weniger gut kopiert. High-Waist-Hosen zum Beispiel eher weniger, New Wave eher besser. Sofern er so interpretiert wird wie von der kanadischen Experimentalkrautband Holy Fuck. Seit 15 Jahren bereits reist ihr elegischer Keyboardrock durch die Epochen und landet nun mal wieder an der Grenze vom Postpunk zum Techno.

Mit analogem Bass und digitalen Drones zappelt Deleter, das fünfte Album seit 2004, hingebungsvoll in der Gegenwart nostalgischer Rückbesinnung herum und klingt dabei manchmal wie Depeche Mode auf Amphetamin – ein bisschen breiig und überdreht, aber hochkonzentriert und präzise. Repetitive Dada-Fetzen à la “I know, it’s not fortune / Come through,  Ooooooo” fläzen sich dabei im Sitzsack getragener Synths. Eine Ode an die Achtziger, gewiss. Aber kein Retrozeugs, sondern gelungene Wiederbelebung.

Holy Fuck – Deleter (Holy EF Music)

Kinderzimmer Productions

Wer sich auf die Suche nach den Wurzeln politisch haltungsstarken, unbedingt spaßorientierten HipHops begibt, landet eher früher als später in Hamburg – bei Deluxe, Delay, Beginner, zuletzt sogar bei Deichkind, die dem Concious Rap lustige Drogen in die Großhirnrinde blasen. Sie alle aber sind undenkbar ohne das, was ihnen seit einem Vierteljahrundert von Ulm aus zugeflüstert wird. Damals machten Textor und Quasi Modo als Kinderzimmer Productions einen derart lebensklugen Sprechgesang salonfähig, dass er vom Aggro genervt 2007 die Segel streichen musste.

Zwölf Jahre später ist das Duo zurück – und zeigt uns mit irritierenden Beats über philosophischem Gaga, wie viel Leben im Deutschrap steckt. “Ich hab die Fakten gekaut / und die Wahrheit ausgespuckt / sie ist klein, hart und rund / wie ein Eishockeypuck” textet Textor auf Todesverachtung to Go und lässt dazu “alle toten Augen sind auf Solingen gerichtet / alle deine Freunde sind mit Folien beschichtet” folgen. Kann man sinnig finden oder nicht, bleibt aber mit das Beste, was hierzulande gesangsgesprochen Haltung zeigt.

Kinderzimmer Productions – Todesverachtung to Go (Grönland)

Hype der Woche

AJJ

Wenn man das australische Dadapopduo Flight of the Concords mit den psychotischen Alleinunterhalter Daniel Johnston – R.I.P. – ein eine Kiste packt und durch den Kakao von Jello Biafras Alternative Tentacles zieht – was kommt dabei ungefähr heraus? Genau: das sensationell durchgeknallte Folkpunkensemple AJJ aus Phoenix/Arizona, das man ohnehin nur mit einer gehörigen Portion Wahnsinn überlebt. Auch das siebte Album Good Luck Everybody (Specialist Subject Records) vom singenden Skateboarder Sean Bonnette ist voll von einer eleganten Sinnlosigkeit und überspannten Coolness – da möchte man glatt mit ihm in die Wüste zum Skifahren.