Das Musikjahr, das war

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Katastrophen überall, auch in der Musik. Von Bowie über Lemmie bis Cohen und zuletzt sogar noch unvermittelter George Michael – Leichen pflastern den Weg des ausklingenden Jahres. Aber auch allerlei Dinge, die im Gedächtnis haften bleiben werden. Hier sind ein paar davon. Schwer subjektiv, aber nach bestem Wissen und Gewissen ausgewählt von freitagsmedien:

Großer Star

tt16-questA Tribe Called Quest

We Got It From Here … Thank You For Your Service (Sony) Die Geburt eines Genres:  Wiedervereinigungsabschiedswerk als virtuos eingespielte Retrospektive und weitsichtiger Ausblick des HipHop von Legenden, die man beinahe schon vom Schirm verloren hatte. Beinahe.

 

Junges Talent

a2196616097_16Whitney

Light Upon The Lake (Secretly Canadian) Der beste Westcoast-Folk’n’Roll seit den Beach Boys, kreiert mit Falsett, Bläsern und hinreißend schönen Sommermelodien von einer Handvoll Slacker aus dem winterkalten Chicago, dass es Herz und Hirn erwärmt wie selten zuvor in diesem frostigen Jahr.

 

Deutsch und doch…

tt16-sunlightFriedrich Sunlight

Friedrich Sunlight (Tapete) Fünf ausgelassene Augsburger machen Schlager ziemlich banaler Art, singen dazu auf Deutsch von allerlei Trallalli und Trallala, haben sichtlich Spaß dabei und vor allem: wir auch! Das Manfred-Krug-Gedächtnis-Album 2016 schlechthin und doch voller Eigensinn.

 

Geheimtipp

TT16.klein.Klein

Bengal Sparks (Spezialmaterial) Mit seinem Mix aus funkigen HipHop und rockigem Trashpop macht der Multiinstrumentalist Lutz Nikolaus Kratzer aus Hamburg jeden Kellerclub zur Großraumdisco, theoretisch aber auch umgekehrt. Wenn man ihn mal hinein ließe. Lässt man aber nicht. Leider.

 

Bekannttipp

indexA Tribe Called Red

We Are The Halluci Nation (Radicalizd Record) Von indischer Folklore bis Walgesang – was wurde dem afroamerikanischen HipHop nicht schon alles ethnologisch angedichtet! Und jetzt also auch noch US-indianischer Tribalismus mit Trommeln, Schreien, Hejahejahej? Ja, genau, grandios!

 

Gute Unterhaltung

tt16-dohertyPeter Doherty

The Hamburg Demonstrations (Clouds Hill) Auf seinem Grundpegel an Heroin und Kreativität, anhaltendem Selbstzerstörungsdrang und unverwüstlichem Lebenswillen, feiert das fröhlichste Wrack des Britrock in seiner mittelfristigen Wahlheimat Hamburg den Zauber der Analogie.

 

And 12 for the record:

Clipping – Splendor & Misery (Sub Pop)

Leonard Cohen – You Want It Darker (Sony)

Danny Brown – Atrocity Exhibition (Warp Records)

Secuoia – flac (Humming Records)

Júniús Meyvant – Floating Harmonies (Record Records)

Astronautalis – Cut The Body Loose (Cargo Records)

Iggy Pop – Post Pop Depression (Caroline)

Jain – Zanaka (Columbia)

Anderson .Paak – Malibu (Stell Wool Entertainment

Robbing Millions – Robbing Millions (PIAS)

LNZNDRF – LNZNDRF (4AD)

T Der Bär – Bienenwolf (Rummelplatzmusik)


Das TV-Jahr: Rückblick 16 & Ausblick 17

mehr1Katastrophen, überall

Auch das Fernsehen stand 2016 natürlich im Schatten dramatischer Ereignisse. Und hat es allem Anschein nach politischer gemacht als je zuvor. Ein TV-Rückblick mit Ausblick.

Von Jan Freitag

Es war Anfang August, als dem TV-Jahr Erstaunliches widerfuhr: Acht Tage lang kein ARD-Brennpunkt, nicht die kleinste Sondersendung zu Terror, Brexit, Krieg, Putsch, was den Globus in 52 Wochen ringsum so geschüttelt hat. Die standen so konstant im Bannstrahl radikaler Weltereignisse, dass der des türkischen Sultans Erdoğan gegen Böhmermanns Schmähgedicht nach dem Spottlied bei extra 3 nicht acht Monate her zu sein scheint, sondern ewig. Anders gesagt: Positive Nachrichten hatten es 2016 echt schwer.

Ein Schicksal übrigens, dass sie sich mit positiver Fiktion teilen. Das Klima war so gereizt, dass selbst leichtes Entertainment oft schwere Kost war. Der Fall Barschel zum Beispiel am 6. Februar: Im Kern war dieses Meisterwerk wie Der gute Göring, dessen weniger guten Bruder Francis Fulton-Smith zuvor akkurat überdreht auferstehen ließ, nur ein weiteres Stück Historytainment, mit der die ARD ihre Primetime füllt. Hinter Kilian Riedhofs furioser Inszenierung des Politik- und Medienbetriebs der 80er jedoch schimmerte die populistische Systemkritik von heute mit. Vom zweiten Highlight dieser Art ganz zu schweigen.

Erst bebilderte das ZDF den NSU-Prozess mit Beate Zschäpes Fahrt zur Oma (Letzte Ausfahrt Gera). Dann durchleuchtete ihn ARD-Trilogie Mitten in Deutschland aus Sicht von Tätern, Opfern, Polizei fiktional, aber realitätsgetreu. Was wiederum an den Staatsanwalt Fritz Bauer (Ulrich Noethen) erinnert, der im exzellenten ARD-Biopic Der General gegen braune Seilschaften der Nachkriegsjustiz kämpft. Und als das Publikum übers Urteil für Florian David Fitz als Bundeswehrpilot abstimmen durfte, der im ARD-Drama Terror ein entführtes Passagierflugzeug abschießt, war klar: Unterhaltung ist politisch wie selten.

Daran konnte weder der 1000. Tatort was ändern, bei dem sich Axel Milberg zu Maria Furtwängler ins Taxi nach Leipzig setzte. Auch nicht Winnetous weihnachtliche Wiedergeburt auf RTL. Und schon gar nicht Ku’damm 56, in dem das ZDF den Wirtschaftswundermuff so erfolgreich wegkoloriert, dass Fortsetzung folgt. Deutsche Serien hingegen beackern gern mal das parlamentarische Feld. Allen voran Die Stadt und die Macht mit Anna Loos im Berliner Korruptionssumpf – hervorragend gespielt, durchaus glaubhaft, allerdings wenig populär. Was beweist: Wenn sich die Zuschauer über längere Strecken auf Fiktion einlassen, sollte es die Wirklichkeit eher streifen als kopieren.

Das hat neben Arte, das dank Serien wie Jordskott oder Die Erbschaft hervorragt, besonders Netflix begriffen. Vom nostalgisch schönen Mysterium Stranger Things mit Winona Ryder in 83er-Beige übers famose Queen-Porträt The Crown bis zur reizenden Krimigroteske Dirk Gently’s holistische Detektei hat der Streamingdienst verinnerlicht, wie man das lineare Fernsehen aufmischt. Das zieht nicht nur Konkurrenz wie Sky nach oben, die mit dem Kiffer-Panoptikum High Maintenance, einer Popkulturreise namens Vinyl oder der seriellen Dystopie Westworld ebenfalls die nächste Niveaustufe erreicht; auch unser Markt ist geweckt.

Gut, nicht grad RTL, das die Fortsetzung von Deutschland 83 an Amazon Corp. (die wir angesichts der menschen- und umweltfeindlichen Firmenpolitik nur wegen ihres Testosteron-Vollbads Top Gear erwähnen, dem sie mentalitätsgemäß Asyl gewährt) verkauft hat und sonst Altmetall (Heißer Stuhl, Gottschalk, Tutti Frutti) recycelt. Die ARD schickt weiterhin Ermittler um den Globus (Urbino, Kroatien, Island), statt kreativ zu werden. Nur beim ZDF zeigen das Boxer-Melodram Tempel oder die Nazi-Persiflage Familie Braun, dass man öffentlich-rechtlich nicht nur mit Information überzeugen kann. Und für die steht am Ende neben NDR-Reporter Michel Abdollahi vor allem er: Claus Kleber.

Sein brillantes Interview mit dem deutschen Erdoğan-Anwalt steht ebenso wie die Reportage aus dem Silicon Valley (Schöne neue Welt) stellvertretend für Sachkenntnis von ARZDF, zu der sich allerdings gerade nach dem Verlust der Olympischen Spiele gern Unterhaltungskompetenz jenseits von Sport und Show gesellen darf. Also nicht nur Biopics (Die Dasslers), Krimis (Maigret), Remakes (Das doppelte Lottchen) im Ersten oder eine Eigeneloge auf 50. Jahren Farbfernsehen im Zweiten, sondern wahrer Wagemut, wie ihn Sky im Herbst mit Tom Tykwers Babylon Berlin an den Tag legen dürfte.

Überhaupt: Das Netz entdeckt die deutsche Sprache. Maxdome nutzt sie erstmals in der Buddy-Reihe Jerks mit Christian Ulmen. Netflix besetzt Tom Schilling im Familiendrama Dark. Amazon mietet für You Are Wanted natürlich den wohlfeilen Mainstreamking Matthias Schweighöfer an. Da sehen die privaten Platzhirsche mit Iny Klockes nächstem Sat1-Mittelalterschinken Ketzerbraut oder der Trampolinsause Big Bounce (RTL) natürlich älter aus, als die großen Fernsehverluste dieses Katastrophenjahres geworden sind: Roger Willemsen, Götz George und Manfred Krug, Zimmer frei!, Domian oder ZDFkultur. Ruhet sanft! Da oben ist es vermutlich friedlicher als hier unten.


Shovels & Rope, Matthew & The Atlas, Hodgy

tt16-shovelsShovels & Rope

Wenn dieser Tage etwas allzu arg nach USA klingt, das allzu aufdringlich great again werden will, reagieren liberale Gemüter instinktiv skeptisch. Der Genremix Americana, stilistisch zwischen Country und Folk angesiedelt, hat es demnach gerade schwer, unpolitische Aufmerksamkeit zu kriegen. Durch diese hohle Gasse müssen Cary Ann Hearst und Michael Trent also erstmal kommen, um zu uns durchzudringen. Dann aber schaffen sie es spielend. Unterm Duett-Namen Shovels & Rope zelebriert das Ehepaar aus South Carolina bereits seit fast zehn Jahren seine alternative Version des Westernsounds. Unterm Titel Little Seeds erscheint ihr fünftes Album jetzt auch in Deutschland. Und es ist ganz hinreißend.

Mit einem klingenden Fuhrpark analoger Instrumente, grundiert von Gitarre (Trent) und Schlagzeug (Hearst), schlingert ihr bezaubernder Doppelgesang durch Harmonien, die nie harmonisch sein müssen, aber sind, weil sie Harmonie als Zusammenspiel, nicht Wohlklang definieren. Gewiss, manchmal klingt das schon wie Dolly Parton und Willie Nelson im Duett. Zwischendurch aber kratzt und hakt ständig es in den Arrangements, die dadurch etwas Räudiges, Ungeschliffenes kriegen. Mit einer gehörigen Portion Humor und Politik in den Texten hat das Ganze dann mit den hässlichen Seiten der USA ohnehin weniger zu tun als Donald Trump mit einem Intellektuellen.

Shovels & Rope – Little Seeds (New West Records)

tt16-mataMatthew & The Atlas

Mit Vergleichen sollte man sich tunlichst zurückhalten, wenn man den Vergleichssubjekten keine allzu große Last auf die Schultern bürden möchte wie Atlas die Erdkugel, an der er sich bekanntlich schwer verhoben hat. Den unscheinbaren Singer/Songwriter Matthew Hegarty als “britischen Bon Iver” zu bezeichnen, mag also atmosphärisch nahe liegen, ist aber wenig konstruktiv. Zu gediegen ist das Werk des kanadischen Vergleichsgegenstands; zu eigensinnig ist der Verglichene als Kopf des Folk-Quartetts Matthew & The Atlas, also der mit dem Globus. Ihn scheint der singende Gitarrist durchaus herumzutragen, so gequält klingt sein Gesang manchmal. Aber das umschreibt es nur wenig erschöpfend.

Auf der Unplugged-Version ihres zweiten Albums Temple, das im Frühjahr zumindest ein paar Experten des Genres verzückt hat, entspringt dem strikt analogen Gemisch aus Gitarren, Kontrabass, Harfe nämlich etwas Außergewöhnlich: Lebensbejahende Melodramatik, die den Eindruck erweckt, Matthews Schultern trägt die Last des Planeten durchaus gern. So gesehen könnte man einen weiteren Vergleich anstellen und gleich widerlegen: Antony and the Johnsons. Nicht, weil beide Sänger den Nachnamen teilen, sondern tief verwurzelte Schwermut in bezaubernde Melodien pressen. Der britische Hegarty schafft es dabei jedoch anders als der aus New York, ein bisschen am Pathos zu sparen. Ohne Strom übrigens noch schöner als mit.

Matthew & The Atlas – Temple unplugged (Communion)

tt16-hodgyHodgy

Kein Sonderzeichen im Titel, aber dafür umso mehr Text wie in seinem Metier üblich, verabreicht uns ein alter Bekannter des HipHop: Hodgy (Beats). Ohne sein kalifornisches Rap-Kollektiv Odd Future Wolf Gang Kill Them All, kurz OFWGKT, also auch ohne Tyler, the Creator, treibt er für seine Lyrics diesmal allerdings nicht in einem Seitenarm seines Metiers und macht aus Splatterfilm-Sequenzen Horror-Sprechgesang, sondern krault in einen der Hauptströme, die man schon fast vergessen hat. Auf seinem Solo-Debüt Fireplace: TheNotTheOtherSide macht Hodgy nämlich eine Art Gangsta-Rap, allerdings ohne jede Gangsta-Attitüde, wofür man sich allerdings mühsam am Gangsta-Vokabular vorbeihören muss.

Schon im dritten Track Barbell dekliniert er schließlich so unfassbar oft das bös N****-Wort durch, dass Pulp Fiction im Vergleich völlig frei davon wirkt. Auch danach wird wild weiter geniggert, gelegentlich angereichert um jene “Fucks” und “Bitches”, die sich selbst moralisierender Conscious-Rap wie dieser nicht verkneifen kann. Dennoch sprechen drei Gründe dafür, zuzuhören: Die Texte ironisieren das selbstreferenzielle Ghettogelaber eher als es zu feiern; Gaststars wie Busta Rhymes oder Salomon Faye verweisen wie Hodgy selbst auf eher kritische Perspektiven zu den inkriminierten Lyrics. Und dann ist der Sound so großartig reduziert, dass man nicht umhin kommt, Fireplace als gelungenen Jahresabschluss des HipHop zu bezeichnen. Fucking Christmas, N****z!

Hodgy – Fireplace: TheNotTheOtherSide (Sony)


Sky Du Mont: FDP-Schnösel & Fernsehikone

schuh-des-manitu-der-dumont-sky-sky-du-mont-2-rcm260x260uDas Leben besteht aus Klischees

Wer dem Schauspieler Sky Du Mont gegenübersitzt, ist überrascht, wie sehr er seiner bevorzugten Rolle als augenzwinkernder Schnösel entspricht und zugleich davon abweicht. Selten zuvor hatten die freitagsmedien einen interessanteren Interviewpartner, der sich für nichts schämt und zugleich vieles kritisch reflektiert. Sein Einstehen fürs Eliteinstitut Gymnasium darf man natürlich trotzdem wie viele seiner Rollen ablehnen, aber als Gesprächspartner zu Themen vom Schuh des Manitu (Freitag, 20.15 Uhr, ProSieben) über Haarausfall bis Rainer Brüderle ist er die Wucht.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Du Mont, war es eigentlich im Sinne Ihrer Familie, dass Sie Schauspieler geworden sind, oder hätte die sich einen standesgemäßen Beruf gewünscht?

Sky Du Mont: Nein, das war nicht in ihrem Sinne.

Sie waren aber nicht folgsam.

Natürlich nicht. Ich hatte schon immer meinen eigenen Kopf. Es war nur so, dass meine Lehrerin an der Schauspielschule, wo ich später die staatliche Prüfung abgelegt habe, zu mir sagte: Mit deinem Äußeren wirst du immer abgestempelt werden. Also mach die Prüfung, geh ans Theater.

Ihr Äußeres, das ist eher aristokratisch.

Kann man so sagen. Aber dann müssen Sie mal sehen, was passiert, wenn die Leute am Set meine Tätowierungen entdecken. Die wollen das dann immer ganz hektisch überschmücken, weil das oft nicht zur Rolle passt.

Wo haben Sie denn überall welche?

Och, überall, hier (zeigt auf den Arm), am Rücken, zu viel für klassische Aristokraten jedenfalls. Ein Sakko trage ich jetzt nur für Sie, sonst bevorzuge ich lockere Kleidung.

Seit wann sehen Sie denn aus, wie Sie aussehen?

Immer schon.

Früh ergraut also?

Auch. Haben Sie sich nicht verändert?

Natürlich.

Wo konkret?

Die Haare vor allem. Als Jugendlicher Dreadlocks, später kahl rasiert, jetzt etwas bürgerlicher mit kahlen Zonen.

Sehen Sie! Ich würde mir liebend gern den Kopf rasieren, aber dann verdiene ich nichts mehr, weil ich immer ins Klischee dieser Seidenschal-Rollen gedrängt werde. Ich wollte mir meine Haare mal blau färben – ging nicht.

Kann man sich ab einem bestimmten Zeitpunkt seiner Karriere nicht mehr erlauben?

Nein, weil ich dann nicht mehr das erfülle, was man mit mir verkaufen will.

Klingt da eine Klage durch?

Keine Klage, bloß eine Feststellung. Julia Roberts hat ihr halbes Leben gegen Pretty Woman angespielt. Aber je weniger Schönheit diese ausgezeichnete Schauspielerin gezeigt hat, desto weniger Menschen sahen ihr dabei zu. Man kann das Publikum halt zu nichts zwingen. Darunter leide ich nicht, es geht mir gut, was gäbe es zu klagen. Ich habe also was von den Klischees, in die man mich besetzt. Aber Snobs spiele ich heute zutage kaum noch.

Ihr Theo Schlikker, der seiner entlassenen Verkäuferin auf die Frage, wie sie ihre Kinder ernähren soll, antwortet, dann müsse sie sich halt etwas zurücknehmen, ist kein Snob?

Mein Schlikker hat als Metzgerlehrling begonnen, weiß also, was Armut ist, hat dann aber ein Vermögen verdient, war in den höchsten Kreisen eingeladen, alle kamen angekrochen – da hat er die Bodenhaftung verloren. Das ist nicht snobistisch, das ist weltfremd.

Wie würden Sie denn einen Snob beschreiben?

Als Narzisst, der sich für einen besseren Menschen hält. Ein Snob klebt sich Aufkleber mit „Eure Armut kotzt mich an“ auf den Porsche. Grauenvoll. Früher habe ich solche Typen in der Tat öfter spielen müssen; ich war halt jünger und musste meine Miete verdienen. Aber das war noch die Zeit von Derrick.

Verhöre in der Grünwalder Villa.

Genau. Aber dann hab ich meine Liebe zur Komödie entdeckt, so vor 15 Jahren. Und glauben Sie mir: es folgten finanziell schlanke Jahre. Weil ich viel abgesagt habe und zugleich Industriezeugs machen musste. Imagefilme für Fräsmaschinen, solche Sachen. Ich hatte keine Lust mehr, nur noch die miesen Typen zu spielen. Die Wende begann mit dem ersten Otto-Film. Ich durfte zeigen, dass ich auch komödiantisch sein konnte. Ich habe dann viele Komödien am Theater gespielt und dann kam der Schuh des Manitu.

Wo Sie einen miesen Typen spielen.

Weil ich vorher zu Bully gesagt habe, ich mach nur mit, wenn ich mich über mich selber lustig machen kann und mein eigenes Klischee karikieren. Mein Credo lautet: Mach alle Witze über dich selbst, bevor es andere tun.

Und finden Sie den Ansatz gelungen, das ernste Thema Schlecker-Pleite humoristisch zu verarbeiten?

Das ist eine sehr deutsche Frage, die man im angelsächsischen Raum nie stellen würde. Meine Antwort: Warum nicht!

Deutsche Anschlussfrage: Muss man über alles lachen dürfen?

Solange man über sich selbst lacht, schon.

Wie viel vom fiktionalen Sky Du Mont, über den wir gemeinsam am Bildschirm lachen, entspricht denn dem realen?

Nichts, Null. Aber als ich mal einen Todkranken gespielt habe, musste ich plötzlich fürchterlich anfangen zu weinen. Weil ein Schauspieler nur glaubhaft machen kann, was er empfinden kann.

Könnten Sie sich so in einen arbeitslosen Handwerker fühlen, dass er glaubhaft wird?

Ja.

Schon mal versucht?

Ich überlege. Nein. So was bietet man mir nicht an. Ist aber nicht schlimm. Das ganze Leben besteht aus Klischees und wer es in der Kürze eines Fernsehfilms so abbilden möchte, dass es viele verstehen, ist gut beraten, bestimmte Bilder im Zuschauer zu bedienen, sonst wird es Art-Haus. Und meine Klischees passen nun mal auch einfach gut zu mir.

Zumal Sie sie auch privat erfüllen.

Inwiefern?

Als aktives FDP-Mitglied, dass sich zum Beispiel an vorderster Front fürs Elitesystem Gymnasium einsetzt.

Da satteln Sie das falsche Pferd, Herr Freitag. Sie gehen nämlich davon aus, dass die FDP eine Apotheken-Partei der sozialen Kälte ist.

Ach, das ist sie nicht?

Nein. Zumindest entspräche das nicht meinem Begriff von Liberalität. Ich finde, jeder hat das Recht, zu tun, was er will, solange er nicht anderen schadet. Ich bin dagegen, dass der Staat mir alles vorschreibt, was ich zu tun habe. Ich bin dagegen, dass er mehr reguliert, als nötig. Aber um es klar zu sagen: Nur weil ich liberal bin, muss ich kein Anhänger der FDP unter Rainer Brüderle sein.

Im Gegensatz zu Ihrer Partei sind Sie derzeit zudem überaus wahrnehmbar – auch, weil Sie wie in Typisch Frau, typisch Mann an der Seite Ihrer Frau Intimes aus Ihrem Privatleben preisgeben.

Weil das eine unheimlich unterhaltsame Sendung ist. Ein reines Vergnügen. Für das es unter uns auch ein bisschen Geld gab.

Man könnte meinen, bei der Reputation, die Sie auch im Ausland genießen, wäre das kein Kriterium mehr. Besetzt man Sie dort auch nach Klischee?

Dort besetzt man mich wie hier nach meinem Äußeren, darüber hinaus aber auch, weil ich zweisprachig aufgewachsen bin. Für Hollywood war ich immer der englische Aristokrat. Aber nach drei Jahren Amerika hat es mich nicht mehr interessiert. Jetzt interessieren mich Sachen wie die Schlikker-Frauen.

Was genau?

Die Fallhöhe. Schlikker kommt von ganz oben, bleibt stehen, ist faul, kleinlich, bequem und verliert alles. Diese Situationen kenne ich aus meinem eigenen Leben: ganz unten angekommen zu sein und zwei Alternativen zu haben: Entweder ich mache mit Tränen in den Augen weiter und rappel mich auf. Oder ich springe aus dem Fenster. Andererseits bin ich kein großer Kämpfer. Ich gebe eher auf, hänge auch nicht an meine Karriere und bin ihr nie nachgelaufen.


Fest-Mehrteiler: Winnetou, Gotthard & Pregau

mehr1Geteilte Gefühle

Bis vor 20 Jahren hatte der Adventsmehrteiler – erst für Abenteurer, dann für Kids – große Tradition im deutschen Fernsehen. Dann wurde es ruhig ums Lagerfeuer der Weihnachtszeit. Dieses Jahr jedoch buhlen gleich drei Ausgaben um Zuschauer: Winnetou, Gotthard und Mörderisches Tal. Mit sehr, sehr, sehr unterschiedlicher Qualität.

Von Jan Freitag

Freundschaft ist ein großer Schatz, vielleicht der größte. Selbst die Liebe, Melodramenthema schlechthin, handelt letztlich davon wie alles, was dem Menschlichen in Film, Funk & Fernsehen Gefühl verleiht. Wobei Freundschaft natürlich nicht Freundschaft ist. Nehmen wir eine ungebrochen populäre Version deutscher Herkunft: Winnetou und Old Shatterhand, der vollfiktive Häuptling vom Stamme der Apachen und sein teilrealer Kumpel von dem der Sachsen. Selten wurde die Wesens- ohne Blutsverwandtschaft verschiedener Charaktere inniger inszeniert als in den Kinoadaptionen von Karl Mays Büchern. Daran ändert auch die jüngste nichts, mit der RTL ab 1. Weihnachtstag ein Stück vorankommt auf dem Weg zum Modeschmucksender mit echten Perlen im Programm.

Fünfeinhalb Jahrzehnte, nachdem Horst Wendlandts legendäre Rialto die Nachkriegsrepublik aus dem Schwarzwald an den Silbersee entführte, kehren die Blutsbrüder zurück auf den Bildschirm. Allerdings nicht im kommerziellen Effektgewitter zu lauter Musik über zu grellen Bildern zu platter Charaktere. In drei Teilen hat Philipp Stölzl den Märchenstoff des notorischen Lügners May so überarbeitet, dass Harald Reinls Westernklamotten der Sechziger dagegen knallbunt verblassen. Die Fieslinge Rattler (Jürgen Vogel), Loco (Fahri Yardim) und Santer (Michael Maertens) überdrehen die Boshaftigkeit ihrer Fieslinge in der Neuauflage zwar nach Kräften. Auch sonst ist sendertypisch vieles zu laut, schrill, zu kommerziell. Doch wie authentisch das Indianerleben dargestellt wird, wie anarchisch jenes der invasiven Siedler, wie liebevoll der Regisseur die Helden aneinander wachsen lässt – das ist in seiner unterhaltsamen Tiefe moderner als mancher Mittwochsfilm im Ersten.

Auch und gerade wegen jener salbungsvollen, aber wunderschönen Beziehung, mit der Wotan Wilke Möhring und ein albanischer TV-Star namens Nik Xhelilaj, statt einst Lex Barker und ein französischer Nobody namens Pierre Brice den Kampf edler Wilder gegen gierige Weiße grundieren. Beide beleben eine Freundschaft zum Niederknien, die nach Karl Mays Eintritt in Eine neue Welt sorgsam sprießen darf, bei der Jagd nach dem Geheimnis vom Silbersee erblüht und im Letzten Kampf tränenreich stirbt, wie es ergreifender kaum sein kann.

Womit wir beim nächsten Mehrteiler wären, der das Megathema im Mainstream surft. Wie Winnetou soll auch Gotthard von Liebe, Freundschaft, Gefühl und mehr3Menschlichkeit handeln. Tatsächlich aber verseift das ZDF die historische Grundlage seines Melodrams so lang mit einer saftigen Lovestory, bis es weiblich genug für Topquoten wird. Pünktlich zur Eröffnung des neuen Tunnels im gleichen Massiv, erzählt die Koproduktion vierer Alpenanrainer die erdachte Geschichte eines Ingenieurs, der 1873 am Megaprojekt des realen Louis Favre mitbaut. Wie üblich in derlei Epen, kommt es jedoch nicht nur zum Klassenkampf entrechteter Proletarier (gut) gegen profitgeile Unternehmer (böse), sondern zur Dreiecksbeziehung der schönen Anna (Miriam Stein) mit dem schlauen Max (Maxim Mehmet) und dem stattlichen Tommaso (Pasquale Aleardi), die dummerweise dick befreundet sind.

Das ist detailgetreu ausgestattet, angemessen spannend dargeboten und offensiv sozialkritisch. Doch anders als in der Wirklichkeit, inszeniert Urs Egger das menschliche Beziehungsgeflecht dabei als geordnete Abfolge größtmöglicher Eruptionen von extremer Hingabe bis totales Zerwürfnis und zurück, während alle Beteiligten bloß emotionale Beamtenlaufbahnen ohne jede Persönlichkeitsveränderung einschlagen. Dekoriert wird diese Wirklichkeitsferne von Frauenfiguren, die sich unzeitgemäß selbstbewusst durch die Männergesellschaft jener Tage beißen. Das seltsam verständliche Schwiezerdütsch in berechenbarer Inhaltsarithmetik macht den ZDF-Beitrag dann endgültig zur ärgerlichen Ausnahme im Festprogramm. Besonders, wenn man es mit dem dritten Mehrteiler vergleicht.

Mörderisches Tal: Pregau mag idiotisch betitelt sein und mit 360 Minuten etwas lang;  verteilt auf vier Filme (25.-28. Dezember) ist das ARD-Epos ein herausragendes weil skurriles, aber nie absurdes Stück Unterhaltung, das in deutscher Sprache so nur im Land von Manfred Deix und Josef Hader entsteht. Nach einem Familienfest erwischt der österreichische Dorfpolizist Hannes die Nichte seiner reichen Frau betrunken am Steuer und lässt sich das Schweigen mit einem Blowjob bezahlen, der eine fatale Kettenreaktion in Gang setzt: das Mädchen stirbt auf der erkauften Heimfahrt, ihr Beifahrer aber überlebt und stellt ebenso wie Armin Rohde als Zeuge eine Gefahr fürs Spießerleben des schüchternen Inspektors dar. Die Folgen eskalieren mit jeder Minute mehr Richtung Finale, das es nochmals in sich hat.

Russische Zuhälter spielen da ebenso tragende Rollen wie korrupte Provinzfürsten, ein Autobahnschütze nebst verschrobenem Bruder, dazu entflohene Zwangsprostituierte und entfesselte Teenager in einem Fantasie-Ort mit 9325 Einwohnern, Autobahnausfahrt plus Tierverwertungsfabrik. Eingebettet in eine mehr2Landschaft, die nichts mit dem porentiefreinen Postkartenambiente alpiner Schnulzenstoffe im Mainstream zu tun hat. In den dreckigen Ecken des Heimatfilms alter Prägung glänzt besonders die überwältigende Ursula Strauss. Sie wird aber von ihrem Film-Mann noch in den Schatten gestellt: Maximilian Brückner.

Wie seine Hauptfigur von Desaster zu Desaster schlingert, ohne die Abwärtsspirale je zu überdrehen, wie er mit desparatem Trotz ums Überleben kämpft und dabei Stück für Stück ein bisschen stirbt, wie dieser Zerfallsprozess am Bildschirm fast körperlich spürbar wird – das ist eine der reifsten Einzelleistungen des ausgehenden Filmjahrs im herausragenden Ensemble nationaler Bühnenstars von Robert Palfrader über Patricia Aulitzky bis hin zu Wolfgang Böck. Reich bebildert vom Kölner Kameragenie Peter Nix, badet Regisseur Nils Willbrandt dabei zwar mitunter arg tief im Pathos sterbender Schwäne und innbrünstiger Mimiken; er versucht damit jedoch weniger Eindruck zu schinden, als vielmehr die Tristesse ringsum sinnvoll abzufedern.

Mit – besonders menschlicher – Tristesse, haben demnach fast alle Protagonisten der drei Weihnachtsmehrteiler zu tun: Pregau mit ländlicher Sittenverrohung hinterm Schaufenster urbaner Freizeitrefugien; „Winnetou“ mit den Abgründen europäischer Eindringlinge, die den Lebensraum der Ureinwohner frei von jeder Empathie zugrunde richten; Gotthard im manchesterkapitalistischen Ambiente verantwortungsloser Gewinnsteigerung. Umso erstaunlicher ist es, wie unterschiedlich die zwei letztgenannten ihr Zeitalter behandeln, das sich nur um wenige Jahre unterscheidet.

Anders als bei RTL sonst üblich, benutzt der Privatsender seine 76 Schauspieler unter 4000 Komparsen am bewährten Winnetou-Drehort Kroatien vorwiegend nicht als Platzhalter gewünschter Effekte, sondern gewährt ihnen ein entwicklungsfähiges Eigenleben, das selbst den Gegenrassismus der unterdrückten Rothäute – mit Untertiteln, statt absurder Fremdsprachenkenntnisse! – zulässt. Anders als im ZDF möglich, sind dem öffentlich-rechtlichen Kanal hingegen sämtliche Figuren herzlich egal. Etwa, wenn drei wildfremde Menschen verschiedenen Geschlechts im prüden 1873 verkleistert von zukunftsbejahender Orchestermusik gleich nach dem Kennenlernen eine halberotische Kissenschlacht vollführen, während wenige Häuser weiter zum putzigen Westernsound eine Wirtshausschlägerei tobt, als sei der Filmtross kurz mal nach Dodge City gewechselt.

Was das mit Liebe, Freundschaft, Gefühl und Menschlichkeit zu tun hat? Nichts! Was Winnetou damit zu tun hat? Auch dank der fabelhaft interpretierten Originalmusik: Alles! Im Mörderischen Tal erweitert um Aberwitz und Fatalismus. Die ganze Vielfalt des Fernsehens in zwölf Tagen.


Quotenranking & Historienquatsch

TVDie Gebrauchtwoche

26. Dezember – 1. Januar

Von wegen – die Öffentlich-Rechtlichen schaffen es nur noch mit Fußball, massenhaft Menschen vor die Glotze zu locken: 2016 belegte Deutschlands liebster Sport trotz EM im Quotenranking nicht sämtliche der ersten 20 Plätze. Auf Rang 17 kommt mit 13 Millionen Zuschauern etwas völlig komplett total anderes: Handball. Und für den Relaunch der umstrittenen Tagesschau-App, die Mittwoch in Hamburg vorgestellt wurde, war auch noch ein bisschen Geld übrig. Sage also niemand, die Gebührenmilliarden würden nur in Pensionskassen und Sportmainstream fließen…

… sie fließen auch in Talkshows. Daher dürfte man es besonders in der ARD mit Argwohn betrachten, dass ein völlig komplett total anderer Kanal nun wieder auf diesem Erbpachtterrain des Ersten wildert: RTL. Wobei sie es da natürlich so brachial gestalten, wie vor der Wiederbelebung vom Heißen Stuhl befürchtet. Darauf saß vorigen Montag nämlich Thilo Sarrazin und faselte gewohnt dummheitsstolz von Billionen Beweisen für Millionen orientalischer Vergewaltiger okzidentaler Frauen, die man allerdings nicht unbedingt en detail nennen müsse, weil das ja eh alle wüssten.

Womit er insofern richtig lag, als nicht der postfaktische Scharfmacher unter Steffen Hallaschkas wohlwollender Moderation im Kreuzfeuer stand, sondern seine Kontrahentin muslimischen Glaubens: Eine Journalistin mit dem schönen Namen Khola Maryam Hübsch, die für jedes Wort vom sarrazinesken Publikum niedergebrüllt wurde, was nahelegt, nach welchen Kriterien es gecastet wurde. Fazit: Krawall kann „Rammeln, Titten, Leichen“, wie man RTL 1989 gern ausschrieb, auch im Jahr 2016. Und damals wie heute hat dessen Stammpublikum gewiss Null Interesse an einem ARD-Mittwochsfilm, der ihm ermöglichen könnte, die Sache mit den bösen Ausländern und guten Ariern doch mal zu überdenken.

0-FrischwocheDie Frischwoche

19. – 25. Dezember

Der weiße Äthiopier handelt vom Bankräuber Michalka (Jürgen Vogel), der vor Gericht völlig komplett total anderes ist, als AfD, Pegida und längst auch wieder die CSU gern hätten: ein Waisenkind mit elender Kindheit, das kriminell wird, weil es der deutschen Männergewalt von Elternhaus über Schule bis Beruf entfliehen will, und in Äthiopien landet, wo ihm erstmals Liebe und Respekt zuteil wird.

Dabei geht es manchmal rührselig, aber stets ergreifend nicht nur um eine deformierte Seele, sondern uns alle: Was die Umstände aus Leuten machen – im Guten wie im Schlechten. Inszeniert als Justizdrama mit Thomas Thieme als Staranwalt, dessen Feuer für Gerechtigkeit durch seine Referendarin (Paula Kalenberg) neu entfacht wird. Afrika erscheint zwar etwas warm und Deutschland arg kalt; darüber hinaus geht die Message an alle Rassisten da draußen: die Armen wollen gar nicht alle hierher, sie wollen bloß leben. Am liebsten, wo man geliebt wird und lieben kann. Selten war Moral so unterhaltsam.

Im Gegensatz zur Keule, die uns das Historienevent Gotthard heute im ZDF vor den Bug knallt. Augenscheinlich beleuchtet der Zweiteiler den Bau des damaligen Weltwunders durchs gleichnamige Schweizer Bergmassiv vor fast 150 Jahren. Weil das ganze aber wieder mit einer fiktiven Dreiecksbeziehung viel zu schematischer Kerle im Kampf um eine viel zu selbstbestimmte Frau verklebt wird, sei lieber auf die Dokumentation im Anschluss des Finales am Mittwoch verwiesen. Der Spielfilm zuvor ist sorgsam kostümiert, aber lausig erzählt.

Irgendwo zwischen Doku und Fiktion steht hingegen der Dreiteiler Mundo, mit dem der NDR voller Stolz das kommerzielle Real Crime-Genre ausprobiert, also wahre Kriminalfälle spielerisch nachverfolgt. Na ja. Dann doch lieber eine andere Dokumentation, die das Spielerische zum Thema, aber nicht zum Wesen hat: A Documentary, mit der der HR am Donnerstag (23.45 Uhr) das Schaffen, vor allem aber Leben eines der bedeutendsten, aber auch umstrittensten Regisseure unserer Zeit beleuchtet: Woody Allen.

Und vor den Wiederholungen der Woche noch was Packendes auf Netflix, nämlich die mitreißend unergründliche Mystery-Serie The OA. Und was Neues für Kinder an Heiligabend, der programmatisch zwar wie gewohnt ein paar alten Märchen im Ersten umfrisiert, ansonsten aber eher durch Heavy Rotation der üblichen Gebrauchtware (Das Leben ist schön) auffällt: Stockmann die britische Animationsadaption eines der schönsten Vorlesebilderbücher überhaupt (Samstag, 11.20 Uhr, ZDF). Bekannt, aber sehenswert und aus Anlass des 100. Geburtstag vom Hauptdarsteller Kirk Douglas doppelt sehenswert: Mit stahlharter Faust, 1955 unterm Titel Man Without A Star gedrehter Viehzüchterwestern mit Cowboys, die den Namen auch verdienen (Montag, 20.15 Uhr, Arte). Am selben Abend in Schwarzweiß (3sat): Dreimal Laurel & Hardy: In Oxford (20.15), Die lieben Verwandten (21.15) und Wüstensöhne (3.05). Bliebe noch der Tatort-Tipp: Schwarzer Advent (Dienstag, 20.15 Uhr, BR) von 1998 mit Christian Berkel als Kindermordverdächtiger in München. Oder alternativ am Mittwoch ab 22 Uhr im NDR: Der Tatortreiniger.


Elbphilharmonie: Luxus & Gewissenbisse

elbphilharmonie-hotel-westinAussicht mit Zimmer

Erst das Mövenpick im Schanzenpark, nun das Westin über der Elbphilharmonie: Hamburg hat einen Hang zu umstrittenen Hotels. Ich war in beiden früh zu Gast – und fühlte sich angemessen deplatziert. Das fanden übrigens auch viele Kommentatoren auf ZEIT-Online, die mich wütend als korrupter Günstling des Luxushotels, ergo: Lügenpressesau bezeichnen. Von daher: ruhig auch die zugehörige Meckerecke lesen.

Von Jan Freitag

Die Ruhe im Sturm ist greifbar. Bei geöffnetem Bullauge im riesigen Panoramafenster dröhnt die Stadt darunter, als läge sie nicht 90 Meter tiefer, sondern auf Ohrenhöhe. Strammer Wind treibt das Grundrauschen der Rushhour aufwärts wie ein Tornado Dachziegel. Es hupt, braust, brummt, klingelt – eine Großstadtsinfonie in Feierabendverkehrsmoll. Wenn man die ovale Klappe mit dem gewöhnlichen Griff aber schließt, wenn man das Licht dimmt und die Beine auf der Chaiselongue durchs wellig geformte Glas in die Ferne blickt, ist das abendliche Abkühlen der hitzigen City auch 19 Etagen höher fast körperlich spürbar.

So also fühlt es sich an, in der Elbphilharmonie die Nacht zu begrüßen, genauer: in jenem Teil derselben, von dem bislang noch am wenigsten zu hören war im jahrelangen Sperrfeuer selten schmeichelhafter Schlagzeilen. Hamburgs erstaunlichste Immobilie beherbergt ja nicht bloß – und das ist nur eins all der Superlative, die sich darin ständig aufdrängen – den spektakulärsten Konzertsaal des Kontinents; es gibt auch Restaurants, Studios, Flaniermeilen, Shops und ein Fünfsternehotel namens Westin, mein Domizil für die Nacht der offiziellen Eröffnung. Fast 250 Zimmer zum saisonal variablen Preis von rund 300 Euro aufwärts, die sich in der größten von 39 Suiten schon mal verzehnfachen. Pro Nacht, versteht sich. Es ist also ein etwas absurdes Domizil für kritische Begleiter der wachsenden Ungleichheit in Stadt, Land, Welt wie mich.

Und nicht das erste.

Denn ich habe schon mal ein nobelgastronomisch aufgewertetes Baudenkmal beruflich bewohnt: Neun Jahre, bevor ich im aufgestockten Kaispeicher A auf Hotelkosten einchecken konnte, um architektonische Eleganz im Zusammenspiel mit elitärer Servilität zu lobpreisen, wurde mir das gleiche Wohlfühlpaket zum selben Zweck vom Wasserturmhotel spendiert. Eine Nobelherbere der Marke Mövenpick, unter massivem Polizeischutz im Schanzenpark errichtet auf den Trümmern geplatzter Träume vom Wohnviertel von allen für alle. Als ich dort damals in einer kalten Herbstnacht eingecheckt habe, überkam mich von Beginn an dieses nagende Gefühl des Hochverrats: an meinen Idealen, weil ich seit dem ersten Spatenstich lautstark dagegen protestiert hatte. An meinem Umfeld, weil die Artikel in diversen Medien trotz aller Kritik am Objekt auch Werbung dafür gemacht haben. Und nicht zuletzt: am Betreiber, auf dessen Kosten ich es mir eine Nacht lang mit fantastischem Panoramablick über die halbe Stadt, Abendessen und Wellness inklusive, mal so richtig gut gehen ließ.

Richtig schäbig kam ich mir damals vor. Und nicht nur mir, sondern auch dem Umfeld der anderen Hotelgegner im Alternativviertel, die aus Verachtung über meine Anbiederung in verbündeten Blättern von taz bis FR ein Plenum in der Roten Flora einberufen wollten, auf dem ich mich rechtfertigen sollte. Passiert ist dann doch nichts, weshalb ich es jetzt gefahrlos wieder tun konnte: Im luxusgastronomischen Ostflügel von Ole von Beusts Prestigeprojekt einzuchecken, dessen Budget sich bei dreifacher Bauzeit verzehnfachte und bis zur Fertigstellung im Oktober millionenfach mehr Protest hervorgerufen hatte, als bei seriöser Prognose!

Hier zu nächtigen, fühlte sich aber aus einem anderen Grund falsch: der Umbau betrifft mich höchstpersönlich und das gleich doppelt! Ich selbst lebe ganz in der Nähe, leide also sehr unmittelbar unter der permanenten Aufwertung des Viertels, die ja doch nur eine für die Reichen bis Superreichen ist. Und dann hat auch noch mein Vater 20 Jahre im Kaispeicher A gearbeitet, als es noch ein Lager für Handelswaren war. Erst als Schauermann, dann Stauerviz, zuletzt als Speicherleiter, der mich sonntags oft mitnahm, wenn Extraladungen amerikanischer Superheldencomics oder Plastiksporthosen aus Fernost umzupacken waren.

Peter Freitag war Hafenarbeiter durch und durch, den allein der Krebs davor bewahrte, seinen alten Arbeitsplatz im Griff von Steppjackenträgern in Wildlederslippern zu sehen wie nun sein Sohn, der das natürlich nicht ganz so emotional sieht, aber durchaus kritisch – da kann die österreichische Hotelmanagerin Dagmar Zechmann ihre Eröffnungsgäste noch so integrationswillig mit „Moin“ begrüßen und auch sonst viel Mühe darauf verwenden, lokales Flair in ihr Globalisierungsprodukt zu stopfen. Das Personal wurde im Millerntor-Stadion gecastet, die Innenarchitektur ist bullaugig wie so vieles, was an der Elbe Neues entsteht, um Altes zu heucheln. Überall unterm wellenförmigen Dach gibt es Referenzen ans Hafenambiente; hier sorgsam drapiertes Treibholz im Spa, dort fotografierte Kiezimpressionen (Onkel Otto!) auf den Gängen, an der Rezeption in geschwungenem Holz bläst ein Bildschirm mit Dampfer virtuellen Filmrauch zum historischen Kaiserspeicher an gleicher Stelle. Hamburg Alaaf!

Alle Referenzen an die christliche Seefahrt vergangener Tage sind schließlich eher Pose, also bestenfalls gut gemeint. Was aber wirklich authentisch ist, ja wahrhaftig: Dieser Ausblick! Der Hafen von heute in seiner modernisierten Pracht. Langsam schält er sich an diesem winterlichen Dezembermorgen vorm Standardzimmer 1944 aus der Dunkelheit. Links, noch schlafend, die Landungsbrücken in ihrer touristischen Pracht, rechts das Superreichenghetto Marco-Polo-Tower, den der Industriedreck ringsum langsam zur Walking-Dead-Kulisse verwittert, dazwischen das winzig kleine Morgengewusel der Hafen City, als wäre das nahe Miniaturwunderland kurz auf die Straße gewandert.

Über ein Dutzend Kirchtürme hinweg kann man nordwärts bis Schleswig-Holstein blicken, vom höchsten Gebäude ohne kirchliche Weihen weit und breit, das seinerseits fast sakral verklärt wird. Ein Wunder von Wahrzeichen, mindestens. „Sie haben kein Zimmer mit Ausblick, sondern ein Ausblick mit Zimmer“, schwärmt Hotelchefin Zechmann und hat noch nicht mal Unrecht. In einem Hotel, das in der Startphase mehrheitlich Einheimische bewohnen – so umstritten, überteuert, elitär, spalterisch, überdimensioniert wie das im Schanzenwasserturm. Und ebenso schön.


Fraktus II, Friedrich Sunlight, Ian Fisher

tt16-fraktusFraktus II

Es gibt Bands, die erreichen ihren Zenit bereits mit der Gründung, bemühen sich allenfalls noch eine Weile, ihn nicht zu schnell zu überschreiten und steuern dann unvermeidbar darauf zu, genau daran zu scheitern. Fraktus zum Beispiel war ein herausragendes Projekt des Hamburger Off-Art-Trios Studio Braun, das mit der Fähigkeit, alle Grenzen des guten Geschmacks künstlerisch anspruchsvoll zu übertreten, für viel Freude sorgt. Etwa mit der Idee, eine Fake-Band der Achtziger für einen Film wiederzuvereinen und mit einem echten Sound zu versehen, der absolut discotauglich ist. Schon auf dem zweiten Album, das immer noch sehr hörbar war, begann das Ganze daran zu scheitern, dass die Mockumentary hinter der Platte verschwand. Und jetzt?

Bringt Jacques Palminger alias Bernd Wand ohne Schamoni/Strunk (Schubert/Bage) ein eigenes Fake-Werk heraus, nennt es Optische Täuschung und ist damit auch dank Unterstützer wie Erobique oder der Krautrock-Legende Faust musikalisch recht unterhaltsam. Aber eben auch ein bisschen egal. Denn unabhängig davon, ob man das herumirrende Electrogefiepse mit chaotischer, aber lustiger Halbstruktur nun inhaltlich mag, beraubt die Loslösung vom Ursprungskontext auch Fraktus II aller Relevanz. Denn was Palminger am Sequencer kann, können andere schon lange. Optische Täuschung ist daher nett, aber eher was für Fans statt Connaisseure. Für die Zenit-Unterschreitung bedarf es also dringend was anderes: einen neuen Film. Wir warten!

Fraktus II – Optische Täuschung (Klangbad)

tt16-sunlightFriedrich Sunlight

Seit dem Tod des unvergesslichen, unvergleichlichen Manfred Krug scheint die Sonne ein bisschen fahler, glänzt die Liebe etwas matter, ist alles irgendwie viel trüber. Zumindest auf Deutsch besingt auf lange Sicht wohl keiner mehr so unbeschwert lässig und dabei gehaltvoll subversiv unser aller Gefühlshaushalt wie der sperrige Superstar zweier Systeme. Nicht mal Friedrich Sunlight. Aber sie geben sich immerhin große Mühe. Auf ihrem gleichnamigen Debütalbum zelebriert das junge Quintett aus Augsburg eine chansoneske Geschmeidigkeit, die mit wehendem Seidenschal im offenen Cabrio durchs Land fährt und dabei allen Schwermut fortsingt.

Wie im Musikfilm alter Schule umschmeicheln Bass, Gitarre, Drums und Klavier mit ständigem Badabababa im Hintergrund Kenji Kitahamas fernöstlich akzentuierte Stimme, deren Androgynität so cheezy ist, dass man die Schwere allen Diskurspops ringsum kurz mal vergisst. Zum Krug-Erbe fehlt zwar der subversive Subtext, in dem Manne einst sein Date am 1. Mai auf dem Marx-Engels-Platz suchte, statt für die internationale Solidarität zu kämpfen; musikalisch jedoch ist Friedrich Sunlight so fein austariert, dass wir darauf gerne kurz verzichten. Alles andere ist bloß Schlager. Und Manfred Krug ist tot. Es lebe Friedrich Sunlight!

Friedrich Sunlight – Friedrich Sunlight (Tapete)

tt16-kofferIan Fisher

Einen Koffer in Berlin zu haben ist für Musiker aus aller Welt kaum noch der Rede wert. Wie gefühlt zwei Drittel aller Songwriter hat auch Ian Fisher in dieser noch immer unvergleichlich coolen Metropole ja länger Halt gemacht. Mit zwei Unterschieden: der amerikanische Globetrotter ist darin heimisch geworden. Und er schlägt sich, was dort locker möglich ist, nicht auf Englisch durch, sondern hat der Stadt eine hinreißend kratzige Hymne in deutscher Sprache geschrieben. Sie heißt Koffer, betitelt auch sein hinreißend kratziges Album und enthält sich jeder Versuchung seifiger Lobhudelei auf „sexy Armut“ oder ähnlichen Bullshit.

Nirgends ist dieses Bündel straßenmusikalisch inspirierter Folksongs von poppigem Country bis orchestraler Americana mit einem Schuss Rock anbiedernd. Fishers Reise ist ja längst nicht zu Ende, er bleibt ein Vagabund. „Ich will kein Ami sein / ich will kein Deutscher sein“, kräht der exzellente Gitarrist begleitet von Kontrabass und Drums im Titelsong, „ich will gar nix sein / außer was ich bin“. Das passe in einen Koffer, der halt gerade in Berlin steht. Zufalls. Kosmopolitische Reduktion aufs Wesentliche – Ian Fishers macht daraus Lagerfeuerbandmusik mit Tiefgang und Schwung.

Ian Fisher – Koffer (Popup Records)

 


Interview Classics: Yvonne Catterfeld

goerlitz-wird-krimistadt-19122014-100-_v-standard644_cf1289Jetzt ist Schluss mit hübsch sein!

Vom Soap-Sternchen über den Popstar zur respektablen Größe des deutschen Fernsehmelodrams weiter ins Casting-Fach: Yvonne Catterfeld (Foto: Jens Trenkler/MDR) kennt viele Facetten des Showgeschäfts. Heute Abend spielt sie zum zweiten Mal die ARD-Kommissarin in Wolfsland. Ihre erste Polizistin im Sat1-Film Schatten der Gerechtigkeit ist jedoch bereits sechs Jahre her. Ein überraschend aussagekräftiges Interview mit der damals 29-Jährigen über gute und schlechte Zeiten ihrer Karriere, den Boulevard und wie es war, erstmals nicht hübsch sein zu müssen.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Catterfeld, gibt es bedeutende und weniger bedeutende Rollen im Leben einer Schauspielerin?

Yvonne Catterfeld: Selbstverständlich. Aber weniger bedeutend  darf nicht die Leistung beeinflussen, warum gibt es sonst die Auszeichnung für „beste Nebenrolle“. Man muss versuchen, jedem Moment im Film eine Bedeutung zu geben. Diese Einstellung führt meines Erachtens  dazu, dass man beim  Publikum eine Bedeutung erwirbt, auch wenn die eine oder andere Rolle weniger bedeutend war.

Merkt man schon am Drehbuch, beim Spielen, welche Rolle haltbar sein könnte?

Alles fängt mit der Lust auf die Rolle an und ich überlege nicht in dem frühen Stadium, wenn ich das Drehbuch lese, ob ich mit dem Film langfristig in Erinnerung bleibe. Darüber entscheidet sowieso das Publikum. Je besser ich bin umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich helfe, etwas Haltbares zu schaffen. Aber ich glaube, bislang noch keine Rolle angenommen zu haben, weil ich das Geld brauchte.

Was an Ihrem Haupterwerb als Sängerin liegt.

Auch, sicher. Und ich glaube gerade jetzt, in der Krise, sagen viele Schauspieler öfter mal ja, wo sie vorher nein gesagt hätten. Abzulehnen muss man sich auch schließlich leisten können, obwohl viele Schauspieler in dem Beruf auch so was wie Berufung fühlen und hart bleiben. Ich habe mich bislang zu jeder Rolle bewusst entschieden, auch wenn man hinterher schon mal sagt, das war eher Teil eines Entwicklungsprozesses und nicht so bedeutend.

Da denkt man spontan an Gute Zeiten, schlechte Zeiten.

Aber nicht, wenn man genauer nachdenkt. Zum einen wäre ich durch GZSZ nie zur Schauspielerei gekommen, sonst hätte ich ja das studiert und nicht Musik. Zum anderen habe ich da unheimlich viel gelernt, dieses unablässige Drehen, dreieinhalb Jahre jeden Tag vor der Kamera, hochkonzentriertes Arbeiten mit wenigen Möglichkeiten zur Wiederholung. Klar – heute kann ich mir die Folgen von damals nicht mehr ansehen; das ist Vergangenheit. Und in der Schauspielschule lernt man sicher mehr als in so einer Rolle, die bei der Intensität ohnehin irgendwann mit einem selbst verschmilzt. Das Gute war aber, dass ich damals sehr intuitiv zu spielen gelernt habe.

Reduziert man Sie eher auf die Schauspielerin, die eigentlich singt, oder auf die, die gar nicht ordentlich ausgebildet ist?

Das verändert sich durch meine Arbeit. Jetzt kommen drei höchst unterschiedliche Filme, die die öffentliche Wahrnehmung sicherlich beeinflussen. Wenn die Leute merken, meine Musik berührt und meine Schauspielerei tut es auch, dann werden solche Überlegungen überflüssig.  Deutschland hatte eine große Tradition mit Künstlerinnen, die beide Fächer beherrscht haben.  In den USA dagegen gehört die Kombination immer noch zum Pflichtprogramm, was man an den erstaunlichen Gesangseinlagen in Mamma Mia gesehen hat oder Moulin Rouge. Für mich gehört beides selbstverständlich zusammen.  Aber keine Frage – mein Weg als Sängerin und Schauspielerin bietet mehr Angriffsflächen. Manche denken, die sollte doch nur singen und manche die sollte nur noch Filme drehen. Ich bereue den Weg dennoch nicht.

Hat Ihre Rolle in Schatten der Gerechtigkeit so gesehen die Bedeutung, sich sowohl von der Sängerin als auch der Soap-Darstellerin freizuschwimmen?

Absolut. Die Rolle war für mich wie ein Geschenk, auf so etwas habe ich hingearbeitet. Dass sie mir dann angeboten wurde, beweist auch, dass Leute Vertrauen in meine Fähigkeiten haben oder glauben, dass ich noch mehr kann.

Hat der Trubel um Romy Schneider dabei geholfen, die sie ursprünglich spielen sollten?

Vielleicht, aber hinter Entscheidungen stehen immer Leute, die Verantwortung tragen und für die ist Rummel weniger wichtig als das Vertrauen, dass man den Job gut oder sehr gut machen wird. Im Nachhinein hätte ich mir trotzdem gewünscht, dass man den Romy-Film an eine kleinere Glocke gehängt hätte, weil die Aufmerksamkeit um meine Person im Moment meiner Absage natürlich genauso groß war, wie bei der Bekanntgabe, dass ich die Rolle spielen werde.

Herrscht jetzt, nachdem der Rummel abgeebbt ist, Enttäuschung darüber, dass es nichts geworden ist mit der Romy?

Dafür schließe ich zu schnell und zu konsequent mit der Vergangenheit ab, wenn ich sehe, dass ich nichts mehr ändern kann.

Dann können Sie sich also Jessica Schwarz als Romy in der ARD ganz vorbehaltlos ansehen.

Warum nicht, ich hab gehört, dass er gut geworden ist. Natürlich gucke ich ihn mir an.

Frau Schwarz sieht Romy jedenfalls nicht halb so ähnlich wie Sie. Glauben Sie, das war ausschlaggebender für Ihre anfängliche Besetzung als ihr schauspielerisches Können?

Aber ganz bestimmt nicht. Ich war nur eine von vielen Schauspielerinnen, die in Rom, Paris, Berlin und Hamburg gecastet worden sind. So eine bedeutsame Rolle bietet man doch niemandem an, nur weil die Optik stimmt. Nein, nein – ich habe Castings gemacht und dabei offenbar überzeugt, wobei Romys zweiter Mann Daniel Biasini und der französische Produzent…

Raymond Danon

… der den letzten Film mit Romy gemacht hatte, sogar ausdrücklich meinten, die Ähnlichkeit sei eher hinderlich, weil man keine Kopie von etwas schaffen wolle, was einmalig ist. Das Risiko bloßer optischer Übereinstimmung wäre man da sicher nicht eingegangen.

Spielt ihr Aussehen ansonsten eine Hauptrolle Ihrer Besetzungsgeschichten oder durften Sie schon mal richtig hässlich sein?

Na ja, Hans-Günther Bücking, der Regisseur von Schatten der Gerechtigkeit, meinte gleich zu Beginn: so, jetzt ist Schluss mit Hübschsein! Er wollte mich also das erste Mal anders als gut aussehend besetzen.

Kann Schönheit eine Bürde sein auf der Suche nach ernstzunehmenden Rollen?

(überlegt lange) Dann gab es für Schönheiten wie Ingrid Bergmann, Katherine Hepburn, Liz Taylor, Catherine Deneuve offenbar keine Bürden. Sie haben alle ernstzunehmende Rollen gespielt, die zu Klassikern geworden sind. Heutzutage ist das mit Angelina Jolie und Penelope Cruz doch nicht anders. Wenn hinter der Schönheit kein Ausdruck steht und so ins klischeehafte mündet, stört es mich wirklich.

Wenn etwa kommerzielle Thriller mit 21-jährigen Quantenphysikerinnen vom Laufsteg erzählt werden.

Mein Regisseur dachte zunächst, dass ich permanent drauf achte, wie mein Haar und Make-up sitzen, und glaubte nun, mir das erstmal austreiben zu müssen.

Musste er?

Nein. Auch ich bin natürlich eitel, aber für mich hat das überhaupt keine Relevanz und Frauen, die morgens frisch geschminkt aus dem Bett steigen, haben ja nichts mit der Realität zu tun. Solange es jedoch nichts mit dem Kern der Rolle zu tun hat wie Charlize Theron in „Monster“, muss man sich auch nicht zwanghaft Makel überstülpen.

Übergestülpt an ihrer Polizistin wirkt allerdings, dass sie nicht nur bildschön, sondern auch kompetent, tough, klug, loyal, gerecht und edel ist. Ein Bulle wie im Märchen.

(lacht) Die Frage habe ich mir auch gestellt, aber wenn jemand so extrem gerecht ist wie sie, muss es eine Geschichte dahinter geben.

Die im Film nur nicht erzählt wird.

Ja, schade, stand halt nicht im Buch. Aber als ich mir diese Gedanken gemacht habe, wie sie sich auch jeder Zuschauer machen kann, dachte ich: da kann sich halt jeder seinen Reim draus machen. Jeder hat ja seine dunkle Seite.

Wie Richy Müller als Ihr Kollege, der zur Ergreifung des Täters gern illegale Methoden benutzt.

Da fragt sich aber auch, ob das System dahinter gerecht ist. Wenn man trotz ausreichender Indizien ewig auf Durchsuchungsbefehle warten muss, wenn das Leben eines Menschen in Gefahr ist, wenn Bürokratie der Gerechtigkeit im Weg steht. Man muss sicher das Maß wahren, aber an der Leine, sagt man, fängt der Hund keinen Hasen.

Warum müssen Sie eigentlich ausgerechnet einen Kinderschänder fangen, den es in der Realität weit seltener gibt als im Film?

Also wenn ich die Zeitung aufschlage, finde ich ständig Geschichten von kleinen verschwundenen Mädchen.

Weil auch die Medien daran Schuld sind, dass die Realität so verschoben wird.

Da habe ich mich also täuschen lassen, weil die Medien offenbar vieles präsenter machen, als tatsächlich stattfindet. Die Realität ist ja auch künstlich hergestellt. Als zum Beispiel gestern in der Zeitung stand, dass Oliver Pocher ohne Sandy zur Fernsehpreis-Verleihung kommt, musste ich lachen, weil das so irrelevant ist, aber zur Meldung seriöser Tageszeitungen wird.

Wie ihr eigenes Privatleben auch.

Kein Sorge, eigentlich erfährt man gar nichts über mich. Die Boulevardpresse muss da sehr improvisieren. Auch wenn alle glauben, sich ein Bild von mir machen zu können. Andererseits versuchen nicht wenige meiner Kollegen, das auf Teufel komm heraus mitzugestalten.

Sie nicht?

Bloß nicht!

Trotzdem eine private Frage: Hatten Sie schon mal einen jüngeren Freund?

Mit 17, da hatte ich mal was mit einem 15-Jährigen. Warum fragen Sie?

In Schatten der Gerechtigkeit haben Sie Affären mit zwei viel älteren Männern. Warum darf das hier Episode sein, während der umgekehrte Fall einer älteren Frau stets zum Thema des Films wird?

Das Denken ist da noch relativ konservativ. Aber ich hätte mir als 20-Jährige nicht vorstellen können, mit einem zehn Jahre älteren Mann zusammen zu sein. Heute erscheint mir das zunehmend belanglos. Der Abstand relativiert sich.


Netflix: Dirk Gently’s Holistische Detektei

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Wenn selbst Krimi zum absurden Theater wird, stammt es schnell mal von Douglas Adams, aber eher selten aus Deutschland: Die Netflix-Serie Dirk Gently‘s Holistische Detektei beweist seit Sonntag, wie grandios Fernsehen sein kann, das bedingungslos steilgeht…

Von Jan Freitag

Die wirre Welt in der wir leben, neurechte Vereinfacher von Trump bis Pegida mögen es gern noch so laut brüllend bestreiten, ist höchst komplex. Fast alles darin ist mit fast allem derart dichtmaschig verwoben, dass einfache Problemlösungen die zu lösenden Probleme oft nur noch weiter verschlimmern. Da muss gar kein chaostheoretischer Schmetterlingseffekt oder ähnlich vielschichtige Deutungsmuster diffiziler Phänomene bemüht werden; es reicht bereits, einer skurrilen Frohnatur wie Dirk Gently zuzuhören. Als der freiberufliche Detektiv bei einem chronischen Loser namens Todd einbricht und ihm erklären soll, was er denn bitte sehr auf dessen Fensterbrett zu suchen habe, gibt er nämlich „etwas sehr Wichtiges“ zur Antwort und fügt lachend hinzu: „Nichts!“

Also alles.

In einer Netflix-Serie, die mit herkömmlich zubereiteter Krimikost aus deutschen Landen weniger zu tun hat als der Streamingdienst mit 3sat, hängt schließlich jede, wirklich jede scheinbar belanglose Nebensächlichkeit mit dem Rest dieser aberwitzigsten Ermittlungsstory zusammen. Dirk Gently, viel mehr erfährt man zunächst nicht über die herrlich durchgeknallte Titelfigur, ist ein Privatschnüffler mit der Gabe, Beziehungsketten zu erkennen, wo andere nur Einzelfälle sehen. Alles hänge mit allem zusammen, so lautet sein Mantra, weshalb die Serie folgerichtig Dirk Gentlys holistische Detektei heißt. Und genau darum sitzt ihr Chef und bislang einziger Mitarbeiter nun auch auf dem Fensterbrett von Todd, der kurz zuvor seinen Job als schlecht bezahlter Lobby-Boy eines Grandhotels verloren hat, in dem zum Auftakt ein gut sichtbares Massaker stattgefunden hat. Mit tiefenentspannter Selbstverständlichkeit verkündet ihm der Detektiv, er sei fortan sein Assistent in einem Kriminalfall, der – leider, leider – zu komplex sei, um ihn jetzt grad näher zu erläutern.

Was folgt, ist eine Feuerwerk bizarrer Gewalttaten, deren Subjekte ebenso wie die Objekte reichlich miteinander zu tun haben, was schon in Folge 1 des Achtteilers zu erahnen ist und Richtung Staffelfinale immer deutlicher Gestalt annimmt. Katzenbabys sind da in direkter Linie mit Hooligans verbunden, Rassehunde mit Kidnappern, das FBI mit Todds Lottogewinn und alle gemeinsam mit Dirk Gently samt seinem Helfer in spe. Ein cineastisch sprühendes Potpourri, das sich so wohl nur jemand wie Douglas Adams ausdenken kann.

Nach dem Roman des kalifornischen Erfinders von Per Anhalter durch die Galaxis hat sein kalifornischer Landsmann, der Showrunner Max Landis, dieses außergewöhnliche Stück Bildschirmunterhaltung umgeschrieben und fernsehgerecht zurechtgemacht. Ein „Geister-Horror-Wer-ist-der-Täter-Zeitmaschinen-Romanzen-Komödien-Musical-Epos“, wie es der viel zu früh verstorbene Vorlagenautor vor Fertigstellung des dritten Teils umschrieb. Dass die verfilmte Version da spielend mithält, hat gleich mehrere Gründe. Allen voran Samuel Barnett, der seiner Titelfigur im amerikanischen Seattle mit britischem Akzent und kanariengelber Lederjacke eine Verschrobenheit von hinreißender Tiefe verleiht. Glänzend assistiert von Elijah Wood, dessen dauerpanisches Hobbit-Gesicht ideal zur konstanten Überforderung seines Todd passt.

Wie all die anderen Freaks und Bullen, Täter und Opfer, Schwergewichte und Accessoires ringsum, treiben sie die Fähigkeit angloamerikanischer Komödianten, angemessen statt selbstreferenziell zu grimassieren, dabei leichter Hand gen Perfektion. In seiner raumgreifenden Absurdität mag das Ganze die Grenzen von Logik und Verstand dabei zwar ein ums andere Mal frontal attackieren; vollständig überschritten wird sie allerdings fast nie; zu sorgfältig fließt letztlich jeder Handlungsstrang in den nächsten, zu liebevoll sind die unterschiedlichsten Charaktere gezeichnet, zu dezent grundiert ein brillanter Soundtrack jeden Anflug ziellosen Irrsinns.

Das ist trotz all der bluttriefenden Brutalität unzähliger liebevoll inszenierter Tötungsdelikte oft so brüllend komisch, als zöge hier Quentin Tarantino mit den Simpsons ins Grand Budapest Hotel ein, um dort Twin Peaks nachzudrehen. Das zieht unweigerlich die Frage nach sich: Warum ist so großes, lustiges, aber selten albernes Fernsehen aus deutscher Produktion eigentlich schlicht undenkbar? Wie gesagt – die Welt ist viel zu komplex für einfache Antworten…