Peter Frankenfeld, Showmaster (100)

Der Gesangsmoderatorenkomiker

Es gab eine Zeit, da waren Showmaster noch Grandseigneure mit guten Manieren. Ihr Pionier wäre heute 100 geworden. Eine kleine Eloge auf Peter Frankenfeld, den ersten und letzten Entertainer alter Schule des alten Fernsehens.

Von Jan Freitag

Fernsehen ist gern ein Spiel mit Zahlen: Einschaltquote, Produktionskosten, Senderumsatz, Werbeeinnahmen – je größter desto besser. Insofern sagt diese Zahl mehr aus als das tollste Attribut: 4000. So viele Menschen gaben vor 34 Jahren Willi Julius August Frankenfeldt das letzte Geleit. Eine gewaltige Ziffer für einen so kleinen Friedhof wie den von Wedel bei Hamburg. Es fragt sich jedoch, ob dieser Massenauflauf nicht doch jemand völlig anderem kondolierte als jenem Will, mit ähnlichem Namen zwar, aber doch unvergleichlich. Er lautet Peter, hintendran mit Frankenfeld, allerdings ohne „t“. Es ist ein Pseudonym, das die junge Republik weit mehr geprägt hat als manch echte mit Geburtsurkundenbeleg.

Auch dazu nur kurz eine Zahl. Sie ist etwas kleiner, aber umso eindrücklicher: 100. So viel Prozent befragter Volksschulabsolventen kannten Ende der Fünfziger den ersten Showmaster in Fernsehland. Elvis Presley brachte es auf einen Punkt weniger, Freddy Quinn, seinerzeit der Star schlechthin, gar nur auf 94. Das sagt einiges aus über Peter Frankenfeld, der heute 100 Jahre alt geworden wäre. Noch mehr aber sagt es was übers Fernsehen von gestern wie heute und jene Menschen, die darin von Bedeutung sind und waren. Denn Peter Frankenfeld, der Mann mit dem karierten Sakko, das die Schwarzweißära des Fernsehens kolorierte als gäbe es das längst in Farbe, er war nicht einfach ein Showmaster; der Handwerkersohn aus Kreuzberg war der Inbegriff des jungen Mediums, auf Sendung seit dem zweiten Tag seiner Existenz, ein TV-Inventar bis tief in die Siebzigerjahre wie heute nicht mal ein Thomas Gottschalk. Geschweige denn Markus Lanz. Oder gar Stefan Raab.

Das hat einen Grund, der sich nicht durch öffentlich-rechtliches Monopol oder die formierte Gesellschaft (West) und sedierte Gesellschaft (Ost) allein erklären lässt. Dass ein Kleinbürger wie dieser, der seine drei sperrigen Vorkriegsnamen sehr weitsichtig gegen das populäre Peter der Nachkriegszeit getauscht hatte, zum Superstar aufstieg, lag ja zu allererst daran, dass Fernsehen mal wirklich alle Generationen des Publikums gleichermaßen erreicht hat. Und dass dies auch sieben Jahre nach Hitler noch immer ein wenig nach Führung verlangte, nach klaren Regeln, klarer Sprache, klaren Sitten, im Entertainment zumal, das damals noch treudeutsch Unterhaltung hieß.

Seit Frankenfeld 1952 (ersatzweise) das NWDR-Potpourri „Eine nette Bescherung“ geleitet und zwei Jahre später mit 1:0 für Sie die Fernsehspielshow erfunden hatte, war der zeitlebens skandalfreie Moderator nämlich alles in einem für Zuschauer aller Schichten, Neigungen, Alterskohorten: Der Conférencier und der Clown, der Zirkusdirektor und der Alleinunterhalter, der nette Onkel und gestrenge Herr, der respektable Opa und freche Enkel. Mit hackenschlagendem Diener begrüßte der fragende wie antwortende Tanzgesangsmoderatorenkomiker sein Publikum und nahm es danach mit guten Manieren und zahmen Witzen in den Würgegriff des Varietés, wie es sonst nur wenige konnten: Hans-Joachim Kuhlenkampff, Lou van Burg, Vicco Torriani, Rudi Carrell und auf ostdeutsche Köpfe verteilt Die drei Dialektiker im Kessel Buntes.

Sie waren nicht nur Händler der leichten Abendunterhaltung von nationalem Gewicht, sondern Grandseigneure gewaltiger Conférencen, in denen sich die Fernsehrepublik ihrer seriösen Heiterkeitsbegabung versicherte. Deshalb erhielt ein Peter Alexander, dessen gleichnamige Show ab 1963 mehr als 30 Jahren lang locker die Hälfte der gesamtdeutschen Bevölkerung vorm Röhrenapparat fesselte, den Goldenen Otto der Bravo ebenso wie die Goldene Kamera der Hörzu. Deshalb schaffte es ein Kuhlenkampff aufs Cover von seriöser und Regenbogen-Presse zugleich. Deshalb galt Frankenfeld bis zu seinem Ausstieg bei Musik ist Trumpf 1978 als idealer Entertainer, der eine Show auch ohne thematische Fokussierung über die Sendezeit brachte.

Heute fehlen dazu nicht nur Typen, sondern auch Formate. Das große Samstagabendallerlei ist nur noch als Einerlei mit Volksmusik präsent, dem zuletzt ausgerechnet eine Frau ziemlich lange, meist ziemlich nackte Beine machte: Helene Fischer, das neue Zentralgestirn am Volksschlagerrumpftatahimmel mit prominentem Freund (Florian Silbereisen) und generationenübergreifender Strahlkraft (dank Dauer-PR via ARZDF). Auch Peter Frankenfeld müsste jetzt wahrscheinlich irgendwas mit Wok oder Wetten moderieren. Er könnte wohl auch das.


Kenneth Branagh, Berlin 2013

621px-KennethBranaghJuly09Ich bin ein Positivdenker

Foto: Giorgia Meschini

Kenneth Branagh ist sowohl vor der Kamera als auch auf der Bühne einer von Englands renommiertesten Schauspielern. Geboren in Belfast, aufgewachsen bei London macht er als Shakespeare-Interpret Karriere, bevor er Mitte der Achtziger zum Film wechselt und fünf Jahre später mit der ersten zahlreicher Filminterpretationen des größten englischen Dichters berühmt wird. Von Viel Lärm um nichts über Othello und Hamlet spielt er jedoch nicht nur die Hauptrollen, sondern führt auch Regie der eigenen Drehbücher. Sein Hollywood-Durchbruch erfolgt 1998 in Woody Allens Celebrity“. Trotz dieser Erfolge spielt der 53-Jährige, einst verheiratet mit seinen Kolleginnen Emma Thompson und Helena Bonham Carter, seit geraumer Zeit einen Fernsehkommissar: Henning Mankells Wallander (Samstag, 23 Uhr, MDR). Ein Gespräch über Ritterpflichten, schwedische Winter, Verantwortung am Set und wie er Wallander sterben ließe.

freitagsmedien: Hallo Mr. Branagh, oder muss man jetzt Sir Branagh sagen?

Kenneth Branagh: Nein, nein. Weder noch. Ken wäre mir am liebsten. Sir sagt kein Mensch zu mir.

Obwohl Sie erst kürzlich von der Queen zum Ritter geschlagen wurden.

Das ist korrekt. Und es war eine große Ehre für mich, ein wundervoller, sehr ergreifender Moment einer guten alten Tradition. Aber Sie ändert nichts an meinem bisherigen Leben.

Trotzdem klingt Ritter Kenneth beeindruckend, für ein Kind, dass mit neun Jahren aus Belfast nach London geflohen ist. Gewissermaßen ein Bürgerkriegskind

Na ja, es war nicht wirklich eine Flucht. Wir waren wie alle Menschen in Belfast unmittelbar involviert in die Struggles, Ende der Sechzigerjahre. Und wir sind auch nur sehr, sehr schweren Herzens gegangen, weil wir dort eine große Familie haben. Aber mein Vater hat damals einfach einen Job in der Nähe von London gefunden. Wir waren also bestenfalls Wirtschaftsflüchtlinge [lacht]. Und ich bin immer gern wieder gekommen, ohne Probleme. Mein erster Job als Schauspieler hat mich nach Dublin geführt. Ich war gerade dort auf einer Literaturbühne. Sie sehen – alles wie immer, auch als Ritter.

Ist der eigentlich mit ritterlichen Pflichten verbunden?

Vermutlich schon, ich weiß darüber nur noch nicht allzu viel. Es gibt da wohl ein paar Wohltätigkeitsaufgaben, besonders bei mir zuhause in Nordirland, aber die muss ich erst lernen. Ich gehe also erstmal lieber von ritterlichen Rechten aus [lacht]. Ich glaube, es gibt Menschen, die lassen sich von einem Ritter leichter überzeugen. Und vielleicht erhöht es ja meinen Marktwert [lacht]. Aber im Grunde will ich so bleiben wie vorher, der alte Ken. Der Shakespeareliebhaber, zurzeit Kurt Wallander.

Wie viel vom dem einen steckt im anderen?

Ich denke, Henning Mankell liebt es wie einst Shakespeare in einem populären Genre mit populärer Sprache über populäre Charaktere zu schreiben und dabei einen großen Bogen von Tragödie über Comedy zu Thriller und zurück zu spannen. Außerdem sind beide dabei stets auf der Suche nach anspruchsvoller emotionaler Tiefe. Mankell zeigt da allerdings einen etwas einfühlsameren Umgang mit seinen weiblichen Charakteren, selbst wenn sie gar nicht auftauchen; bei Shakespeare haben Frauen generell eine untergeordnete Rolle gespielt.

Dafür kommt bei Mankell kommt aber diese typisch skandinavische, bisweilen sehr triste Atmosphäre hinzu, in denen die meisten seiner Geschichten spielen.

Sehr schwedisch, das stimmt. Aber Mankell hat dabei wie Shakespeare keine Angst davor, bei aller Spannung in kreativer Hinsicht ambitioniert zu sein; das unterscheidet ihn von vielen populären, auch skandinavischen Autoren unserer Zeit.

Haben Sie selbst etwas vom latent depressiven Ermittler Wallander in sich?

Nein, nicht viel. Henning Mankell hat da einen sehr ernsthaften, politisch motivierten Stil geprägt, der seinen Wallander an der Welt da draußen leiden lässt. Ihm geht wirklich alles persönlich nah, so dass er das Leid anderer nicht gut von sich fern halten kann.

Ist das eine Stärke oder eine Schwäche?

Literarisch gesehen eine Stärke. Denn anders als die meisten Kommissare der Krimigeschichte hat Wallander nicht dieses sexualisierte Machogehabe, dieses offenherzige Selbstbewusstsein mit offenem Mantel und großen Marotten. Da gefällt mir sein Prinzip der offenen Wunde besser. In mir ruht auch eine tiefe Ernsthaftigkeit übers Elend da draußen, ich bin aber doch eher der optimistische Typ, ein Positivdenker. Und das fällt Schweden ja allein deshalb schwerer als mir, weil sie in einem Land der Extreme leben.

Sehr dunkle Winter, sehr helle Sommer.

Genau, mal sehr kalt, dann wieder sehr heiß. Überhaupt nichts für mich. Aber er begegnet diesen Extremen mit etwas, das wir beide teilen: einen aberwitzigen Sinn für Humor, verbunden mit dem Glauben ans Gute im Menschen. Dass sich jeder ändern kann.

Verfolgen Sie eigentlich die anderen Wallander-Interpreten Rolf Lassgård und Krister Henriksson?

Nein, ich habe Krister mal getroffen, sehr netter Kerl. Aber weder die Filme des einen noch des anderen habe ich je gesehen, keinen einzigen. Wenn ich meinen letzten Wallander abgedreht habe, also endgültig Schluss ist, werde ich mir jeden einzelnen mit den beiden Jungs ansehen. Das ist ein sehr konkreter Plan, glauben Sie mir. Aber bis dahin will ich mich nicht von Rollenmodellen des Originalschauplatzes unter Druck setzen lassen.

Ist es ein Prinzip von Ihnen, solche Vergleiche zu meiden?

Womöglich. Ich versuche es zu vermeiden, allzu mechanisch an meine Rollen heranzugehen, was schnell passiert, wenn man sich an anderen orientiert. Ich kannte vorher kein einziges von Mankells Büchern, keine Verfilmung, gar nichts. Dann aber hab ich sämtliche Romane in zwei Monaten förmlich verschlungen und somit aus einer sehr persönlichen, unbelasteten Art auf den Stoff reagiert. Wir wollten nicht so sklavisch schwedisch sein, wie andere Verfilmungen aus dieser Region es oft sind, sondern unsere eigene, dunstige Vorstellung der Gegend entwickeln. Aber ich mag es generell nicht so gern, von fremden Interpretationen beeinflusst zu werden.

Das ist bei einem Shakespeare-Interpreten fast ein Ding der Unmöglichkeit.

(lacht) Stimmt, da ist Fremdinterpretationen schwer zu entgehen, wenn man gern ins Theater geht. Gerade deshalb werde ich mir aber sicherlich keinen Hamlet auf einer anderen Bühne ansehen, wenn ich ihn selber demnächst spiele. Das verwirrt bloß. Ich halte da die Fäden gern in der eigenen Hand.

Das haben Sie auch als Regisseur oft getan, wo Sie sich regelmäßig in eigenen Filmen besetzt haben. Wie ist es da, wie in dieser Reihe, unter anderen Regisseuren zu arbeiten und nur für die eigene Rolle verantwortlich zu sein?

Sehr entspannend, gerade, wenn man mit guten Leuten zusammenarbeiten. Zumal unser Wallander ein extrem feinfühliger, detaillierter Charakter sein sollte; da war es hilfreich, alle Konzentration in mein Spiel stecken zu können. So hatte ich zudem viel mehr Zeit, mich von der Figur förmlich durchdringen zu lassen. Ich war vorher viel in Schweden, habe mich mit dortigen Polizisten unterhalten, die Atmosphäre eingeatmet. Das wäre als Regisseur nicht möglich gewesen. Ich liebe es, Verantwortung abzugeben.

Sie scheinen einen eher wissenschaftlichen Ansatz ans Schauspiel zu haben, mit langer Recherche und großer Faktentreue.

Kann man so sehen. Ich lese viel, schaue mir Filme aus der Region an, besuche die Orte, Bibliotheken, Galerien, alles. Ich lerne. Aber am wichtigsten ist es mir, die Menschen zu treffen. Deshalb habe ich auch mit Henning Mankell selber geredet.

Werden Sie weiterhin seine Bücher spielen?

Hoffentlich. Wenn es nach mir ginge, würden wir noch drei weitere Episoden drehen, inklusive der letzten.

Wo Wallander an Alzheimer erkrankt?

Genau. Es gäbe da noch eine frühere Geschichte von Wallander, die mir sehr gefällt, aber dieses Finale wäre ein guter Abschluss, nach zwölf Filmen und mehr als fünf Jahren Arbeit.

Na ja, den großen Kriminalisten seine Denkfähigkeit verlieren zu lassen, ist auch ein etwas tragisches Ende.

Das ist auch wieder wahr.

Welches würden Sie empfehlen – vielleicht doch eher eine Schießerei mit tödlichem Ausgang?

Da wird Henning, glaube ich, selbst ein Wörtchen mitreden wollen. Wenn es nach mir ginge, würde es jedenfalls ein überraschendes Ende geben, eins, dass niemand erwartet. Jemand wie er sollte nicht auf gewöhnliche Weise enden. Vielleicht nicht grad eine Schießerei, das wäre zu profan. Aber es sollte unvergesslich sein.

Interview: Jan Freitag

Gruppenheiterkeitsdruck

fragezeichen_1_Wenn sich Freunde im Fernsehen zum Abendessen treffen, reden alle immer durchweg miteinander, verstehen sich dabei prächtig und streiten nie. Merkwürdig

Wer je mit gewöhnlichen Amerikanern gesellige Konversation betrieben hat, weiß: Harmonie ist da gern oberstes Gebot, weshalb schwere Themen gern klein und leichte groß geredet werden. Gewöhnliche Amerikaner gelten eben als ungekrönte Könige des belanglosen Geplauders, sprachlich zum Smalltalk gekrönt. Das erklärt, warum Gesprächsharmonie in amerikanischer Fiktion stets zur feucht-fröhlichen Seifigkeit anschwillt, sobald sich Freunde zum Essen treffen. Weniger erklärt es,  warum solche Tischrunden weltweit  Bilderbuchkommunikation betreiben. Denn es ist doch so: Trifft sich eine Peer-Group am Bildschirm, reden alle miteinander, verstehen sich prächtig, streiten nie. Merkwürdig.

Und doch aus drei Gründen logisch: Geraten Gespräche nämlich televisionär ins Stocken, geriete das Format insgesamt zu kompliziert für ein Publikum, dass den Effekt der Pause zusehends von der inneren Fernbedienung löscht. Geraten sie gar zum handfesten Streit, geriete das Format zu tiefgründig, was das Publikum ebenfalls grad von der Agenda streicht. Geraten Gespräche also aus den Fugen dessen, was als arglos, unterhaltsam und nett empfunden wird, könnten sich die Zuschauer genötigt sehen, es wieder selbst mit Reden zu versuchen, statt jeden Abend in die Glotze zu starren. Diese Option wiederum haben die Fernsehverantwortlichen von ihrer inneren wie äußeren Fernbedienungsagenda gestrichen. Also bleibt es heiter beim Abendbrot.


Diekmanns Druck und Choco Crossies

Werbung, RFT Color 20, FernseherRücksichtnahme

Die Woche, die war: 20.-26. Mai

Die Zeitung ist Geschichte, eine Hospizpatientin, bestenfalls Wachkoma – das jedenfalls wird ihre gehässige Online-Konkurrenz nicht müde zu betonen. Immer und immer und immer wieder. Wie Thomas Lückerat, Chef der Internet-Plattform DWDL, beim radikalhumanistischen Weltverbesserer Facebook. Alles tote Holz-Medien wettert er da wegen einer gebrochenen Vereinbarung der Servicpopulisten vom Focus. Und die digitalen Kritiker gedruckter Analogie habe ja Recht: zu langsam, unspontan, pixelarm, und dann diese Ressourcenvergeudung – Print ist voll Achtziger. Dann aber liest man in Erwartung des Championsleague-Finales die Sonderbeilage der Süddeutschen und kniet nieder vor Ehrfurcht. Mit Sätzen wie dem, dass junge Berliner auf die Frage nach dem besten Club der Welt „Berghain, natürlich“ antworten und der Komparativ gerade im Sport bloß „der doofe kleine Bruder des Superlativs“ sei, zeigt Boris Herrmann dem Internet, wo es wohl erst hinkommt, wenn der letzte Baum gerodet ist.

Es wird also auch weiter werthaltiger, wertvoller, wertgeschätzter Journalismus wie dieser sein, der Analysen wie die liefert, dass es große Spiele manchmal so schwer wie Silvesterpartys hätten: „Jeder meint, es müsse etwas Einzigartiges passieren und nicht selten sackt dann der ganze Abend unter der Last der Erwartungen in sich zusammen.“ Das ist der Finalabend nicht – weder dank noch wegen der zwei umstrittensten deutschen Fußballreporter an den Mikros: Bela Réthy im ZDF, Marcel Reif bei Sky. Das Spiel samt Kommentierung war am Ende jedenfalls um Längen besser als die bizarre Show vor Anpfiff, die jede Fairplay-gegen-Gewalt-Pyros-sind-Waffen-Kampagne mit martialischen Ritterkämpfen ad absurdum führte. Umso besser, dass der Bohai um Borussia Bayern nun auch televisionär vorüber ist. Fast so gut, wie die einjährige Auszeit des ESC. Dabei war die Übertragung aus Malmö nicht annähernd jene epileptische LED-Kanonade vergangener Ausgaben, aber noch immer eine Beleidigung jeder Art von Ästhetik http://www.zeit.de/kultur/musik/2013-05/esc-resumee-malmoe und so aufdringlich, dass manch gute Sendung, etwa zum 200. Geburtstag Richard Wagners, im Ethnopopeinerlei unterging.

Schlimmer war da im Grunde nur viererlei: Dass die Klugscheißer Bruno Jonas, Monika Gruber, Rick Kavanian den Scheibenwischer qualitativ so radikal unterlaufen. Dass der lässige Moritz Bleibtreu seine schauspielerische und menschliche Würde nun für ein paar Dollar mehr als Werbegesicht an McDonalds verhökert. Dass Thomas Gottschalk endgültig zu RTL wechselt, um dort eine Show mit Jauch zu machen. Und dass man im Internet eklige Bilder von Kai Diekmann erdulden muss, auf denen er beim Lehrjahr im Silicon Valley nicht nur reihenweise Jungunternehmer http://www.deutsche-startups.de/2013/05/24/german-entrepreneurs-hug-kai/, sondern auch Philipp Rösler umarmt, der den Bild -Chef drückte wie frisch verliebt. Da ist es sicher reiner Zufall, dass der FDP-Chef im Springer-Blatt als das gilt, was man Rösler nicht mal nach drei Wochen im Eisfach attestieren dürfte, nämlich „cool“ zu sein. Cool dürfte allenfalls Rösler finden, dass Diekmann künftig auf bis zu 200 Mitarbeiter verzichtet, um die Schere zwischen Rendite und Auflage noch weiter zu öffnen. Entlassungen für den Profit – das ist ja quasi freiheitlich liberale Kernpolitik in Verlagsform.

Aussichtsplattform

Die Woche, die wird: 27.5.-2.6.

Um diesen internetinduzierten Kater zu kontern, hilft womöglich nur Joschka und Herr Fischer. Pepe Danquarts Doku porträtiert den grünen Ex-Politiker am Dienstag (22.45 Uhr) so furios zwischen Ex-Sponti und Ex-Außenminister, dass der Albdruck über die Achse des Bösen Rösler-Diekmann kurz mal verfliegt. Nicht zu empfehlen gegen realitätsbedingten Kopfschmerz ist dagegen die 1500. Folge der Lüneburger Telenovela Rote Rosen am Nachmittag zuvor, auch wenn sich eine solide Zuschauergemeinde jenseits des Renteintrittsalters damit seit sieben Jahren täglich die raue Wirklichkeit da draußen zur weichgezeichneten Harmlosigkeit sediert.

Die weiche Wirklichkeit rau gezeichnet wird dagegen zumindest dieses Jahr letztmalig bei Germany’s Next Topmodel, wo das Finale am Donnerstag zum Leidwesen echter Fans keinen Zickenkrieg mehr zu bieten hat (der wird die Woche drauf mit der ersten von diversen Best-of-GNTM 2013 aufbereitet), weshalb Heidi Klums gern auf Sonntagspredigtlänge gedehnter Satz „denn … nur … eine … kann … Germany’s…“ nicht wie üblich 136, sondern 3762 Mal pro Sendung unter sinistrem Brummen aus dem Off verlautbart wird. Ganz ähnlich geht es dann einen Kanal tiefer auf der Niveauskala bei RTL zu, wo Let’s Dance ins Finale geht, weshalb Moderatorin Sylvie van der Vaart zur Feier des Tages vielleicht noch ein paar mehr sekundäre Geschlechtsteile in die Kamera hält als üblich.

Erbaulicher wird es da doch am Donnerstag im ZDF, wo der famose, aber völlig unterbesetzte Nebendarsteller Martin Brambach endlich mal eine große Hauptrolle kriegt. Neue Adresse Paradies handelt vom Abstieg eines gescheiterten Bauunternehmers, was eine geradezu Ken-Loachige Balance zwischen Sozialkritik und Heiterkeit wahrt. Etwas klamaukiger, aber ähnlich charmant ist Eine Insel Namens Udo, Freitag auf Arte, wo der Comedien Kurt Kröhmer neben Fritzi Haberland nicht nur seine erste Haupt-, sondern gleich echte Filmrolle spielt: Einen Unsichtbaren, der erst durch die Liebe sichtbar wird.

Ein sehr Sichtbarer, der durchs Fernsehen über Jahrzehnte schier unübersehbar wurde, war Peter Frankenfeld. Die Jüngeren werden sich da womöglich fragen, wer beim Heiligen Google das ist; bei Älteren dagegen kehren schon beim Namen unweigerlich Choco Crossies, Kaba und Käseigel ins Geschmacksgedächtnis zurück. Denn der Berliner Entertainer war bis zu seinem Tod 1979 nicht nur der erste, sondern vielleicht auch der letzte Grandsegnieur am Fernsehabend, ein Conferencier mit Fliege, Manieren und gefalteten Händen, der das Samstagsentertainment zu einer Kunstform heiterer Redundanz erhob. Apropos Redundanz: Mittwoch und Samstag noch je ein Länderspiel, dazwischen das DFB-Finale, dann ist aber auch mal gut mit Livefußball für ein paar Wochen – und somit mehr Zeit für Fernsehen wie unser TV-Tipp der Woche: London Calling, zwei Doppelfolgen, ab heute bei ZDFkultur, wo die Entstehung des Britpop so aufregend, so versiert analytisch und doch voller Musik beschrieben wird, dass man direkt per Zeitmaschine in die Roaring Sixties möchte.


Richard Wagner Superfilmstar

And the Oscar goes to: Wagner

Für einen richtigen Filmkomponisten hätte Richard Wagner nicht im Mai 1813, sondern 1913 geboren werden müssen. Dennoch ist sein Einfluss auf den Soundtrack unerreicht. Ein Geburtstagsüberblick

Von Jan Freitag

Die Melodie kennt jeder: Es beginnt mit Streichern. Schicht für Schicht peitschen sie sich empor, bis mächtige Hörner hineinjagen wie Fanfaren vorm Jüngsten Gericht – dann kulminiert der Walkürenritt in einem gewaltigen Orchestercrescendo. Acht Geisterwesen sind es, die in Richard Wagners zweitem Teil der Nibelungen zur Bergung der Toten himmelwärts reiten. Acht Helikopter dagegen bringen zur selben Melodie in Francis Ford Coppolas Apokalypse Now. Denn bevor die Flugformation ein vietnamesisches Dorf in Feuer badet, dreht Lieutenant Colonel Bill Kilgore die Lautsprecher auf. „I use Wagner“, erklärt er die Opernbegleitung zum Bombardement, „it scare’s the hell out of the slopes“.

Wagner, der Vietcong-Schreck, sein dröhnender Ring als Soundtrack – was nach cineastischer Episode klingt, der brillanten Vertonung einer brillanten Szene des wohl brillantesten aller Kriegsfilme, ist bei näherer Betrachtung ein gebräuchliches Stilmittel auf Leinwand und Bildschirm. Schließlich zählt der Walkürenritt dort wie kein zweites Thema der Klassik zum akustischen Standardrepertoire: In der Wochenschau intonierte er 1941 die Landung auf Kreta und in Operation Walküre 70 Jahre darauf Bomben auf Stauffenbergs Landsitz. Die Blues Brothers begleitet es auf der Flucht vor Neonazis und Desperados im Westernkampf mit Nobody. Dramen von Fellini, Serien wie Simpsons, Ballerspiele à la Far Cry 3, ja selbst die Empfängnisverkündung in Billy Wilders Komödie Eins, zwei, drei bedienen sich des Walküren-Zitats. Doch keine Szene ist so berühmt geworden wie die des Wagnerianers im Luft-Boden-Einsatz.

Aus gutem Grund. Meint Sabine Sonntag. Die Dozentin an der Musikhochschule Hannover weiß, wovon sie spricht. Sie hat schließlich nicht nur über Wagner und die Oper promoviert, sie inszeniert selber Singstücke von Mendelssohn bis Rossini. Klangmuster wie der Ritt, sagt Sabine Sonntag, erfülle gleich beide Kriterien, warum der deutsche Erweckungskomponist schlechthin auch 200 Jahre nach seiner Geburt für Film und Fernsehen unverzichtbar scheint: Das Leitmotivische und die Emotionalität. Dank dieser Komponenten, so Sonntag,  interagieren Text und Ton „wie bei keinem Komponisten zuvor und danach.“ Was ihn aus ihrer Sicht zum „ersten Filmkomponisten der Geschichte“ macht.

Schon mit Lohengrin hatte Wagner 1850 ja ein Drama geschaffen, dem Epigonen von John Williams (Star Wars, Harry Potter) bis Hans Zimmer (König der Löwen, Piraten der Karibik) im Grunde näher waren als Zeitgenossen von Weber bis Verdi. Wagners Oper über Himmlers Lieblingskönig Heinrich I. im Kampf mit den einfallenden Ungarn gilt schließlich als erstes durchkomponiertes Singspiel: Statt einzelner Nummern setzt es auf Fläche; Arien, Chöre, Zäsuren und Sätze verwob Wagner fortan zu Klangteppichen, die den Kintopp der Stummfilmära ebenso prägten wie den Blockbuster von jetzt. Wer den pausenlosen Bombast überm Herrn der Ringe beklagt (der dem Ring der Nibelungen auch dramaturgisch verteufelt ähnelt), sollte sein Protestschreiben also nach Bayreuth schicken.

Oder ein kleines Dankesschön.

Denn so sehr Wagners fehlender Mut zur Lücke, der militärische Duktus, sein permanentes Mythenverarbeiten, Mittelalterverklären, Kampfverherrlichen und Deutschlandvergöttern seit jeher voll lautstarkem Pathos Fantasy, Science Fiction, Dramen, gar Comedy durchwabert wie Bodennebel die Walhalla, so passgenaue Orchestrierungen hat er dem Film im Ganzen geschenkt, lange bevor die Bilder laufen lernten. Erst die ätherischen Geigen im Vorspiel des Lohengrin, vom früheren Fan, seit dem Parcival jedoch leidenschaftlichen Wagner-Verächter Nietzsche als „blau, von opiatischer, narkotischer Wirkung“ verhöhnt, machen aus Chaplins Großem Diktator beim Spiel mit dem Globus eine Perle bissigen Humors. Erst Tristans Tristesse verleiht Lars von Triers Weltuntergangsgemälde Melancholia die depressive Stimmung, in der Kirstin Dunst förmlich zerfließt. Erst wenn die Artrocker Laibach aus der Walküre industriellen Metal schmieden, entfaltet Timo Vuorensolas Iron Sky jene subtile Brachialität, die seine Groteske einer Nazikolonie auf dem Mond vorm Klamauk bewahrt. Und erst wenn Werner Herzogs Dokumentation Lektionen der Finsternis Kuwaits brennende Ölfelder mit Siegfrieds Trauermarsch untermalt, entsteht daraus jenes Endzeitpathos, das dem Zweiten Golfkrieg gerecht wird.

Jede gewünschte Emotion, erklärt Sabine Sonntag, sei so tief im Werk des Meisters veranlagt, „dass man sie praktisch nur abspielen muss“: Trauer, Freude, Angst, Liebe, Leid und Kampfeslust, vor allem die. Es hat also seinen Grund, dass Woody Allen sagt, sobald er Wagner höre, „habe ich das Bedürfnis, in Polen einzumarschieren“. Einen besseren aber hat es, wenn der zigfach oscarnominierte Soundtrackfabrikant Max Steiner (Casablanca) behauptet, 100 Jahre später geboren, wäre sein Vorbild „Filmkomponist Nummer eins geworden“. So wurde Wagner aus Sicht Christoph Irrgeher posthum zum State of the Art orchestraler Begleitung: „Die wuchtigen Bläser aus Indiana Jones, die Sphärenstreicher bei Star Wars“ – für den Wiener Kinokenner sind das „raffinierte Leihnahmen“ vom Göttervater aus Leipzig.

Dem Spät-, besser: zu Spätgeborenen, wie es seine Chronistin Sonntag beschreibt. Denn ob Schnitt, Beleuchtung, Kulisse oder Ton – der Film biete Möglichkeiten, die er sich 1876, als die Uraufführung seines Rings an den eigenen Ansprüchen gescheitert ist, „sehnlich gewünscht hätte.“ And the Oscar would have gone to: Richard Wagner.

Aus: http://www.zeit.de/kultur/musik/2013-05/richard-wagner-filmmusik-walkuerenritt


Afrika, Elend oder Urlaub

Stöhnen hilft

Das Fernsehen zeigt Afrika gern als Himmel oder Hölle. Komödien wie  Buschpiloten küsst man nicht und Schnulzen wie Stürme in Afrika wollen vor allem ein leichtes Bild des Kontinents vermitteln und landen damit zielsicher im Klischeegewitter.

Von Jan Freitag

Glutrot steigt die Sonne über Afrika. Es ist flirrend und fremd, schön und exotisch. Und dann erwacht die Wüste zum Leben: eine Giraffe, zwei Nashörner, drei Antilopen – kaum vier Minuten dauert die TV-Komödie Buschpiloten küsst man nicht, da war von Elefant über Strauß bis Flusspferd die prospekttaugliche Fauna des Kontinents bereits im Bild. Und als die sehr blonde Alexandra Neldel sodann aus einer Propellermaschine steigt, um den hilfsbedürftigen Kontinent mit Rollkoffer an der Hand als Ärztin zu heilen, zischelt neben dösenden Löwen gar eine Klapperschlange.

Klapperschlange?

Die gibt es zwar einzig und allein in Amerika, aber wenn deutsche Sender in Afrika drehen, geht es eben nicht um Fakten, es geht um Thrill, Romantik, Stereotypen. Deshalb wimmelt es auch am Samstag in der heiteren ARD-Romanze Stürme in Afrika nur so vor tollen Tieren und irren Pflanzen, freundlichen Schwarzen und ein bisschen Sex auf Safari. Aus Sicht des Unterhaltungsfernsehens von öffentlich-rechtlich bis Sat1 sorgen die lästigen Nachrichten schließlich schon mehr als genug für den elenden Teil des Erzählenswerten. Am Bildschirm firmiert Afrika folglich nur in zwei Aggregatszuständen: als Schlachtfeld oder Reiseziel, ausgebeutetes Gesetzlosenland wie Freitag im Actiondrama Blood Diamond auf Pro7 oder eben tags darauf im Ersten, wo die weißen Europaflüchtlinge ihr Exil unter schwarzen Bewohnern genießen, die ihnen stets zudiensten sind. Ein Mittelweg existiert nur nachts und bei Arte; kein Wunder, dass sich Binyavanga Wainaina in Zynismus flüchtet. „Zeigen Sie nie das Bild eines modernen Afrikaners“, rät der Kenianische Literat den Medien. Besser seien „Kalaschnikows, hervortretende Rippen, nackte Brüste“. Und nicht vergessen: Der Erdteil mag 53 Staaten haben, im Titel reicht „Afrika“.

Wenn Christine Neubauer also Meine Heimat Afrika besingt, meint die ARD Namibia. Wenn das ZDF ins alte Deutschsüdwest reist, ist die SOKO Leipzig Verloren in Afrika. Katja Flint erlebt ihre Stürme in Afrika, nicht am Kap, wo Wolke Hegenbarth unlängst vor Diamantenjägern Im Brautkleid durch Afrika hetzte. Man fährt im Traumschiff nach Botswana, folgt Sophie Schütt nach Afrika – wohin mein Herz mich trägt und Alexandra Neldel nach Simbabwe, wo ihre schöne wie gescheite Ärztin Maria (!) lieber Eingeborenen hilft (!!) und Buschpiloten (!!!) küsst, als mit ihrem Einserabschluss (!!!!) daheim Karriere zu machen.

Es ist das typische Primetime-Epos vom guten Europäer, der den armen Süden retten will. Die heile Welt wird darin zwar durchaus mal bedroht. Aber nur von einzelnen, versteht sich, von schwarzen Schafen, nie vom System im Ganzen. Und nur bis zum Happyend. Versprochen! Denn Afrika ist die perfekte Projektionsfläche für Fernweh plus Romantik. Und weil sich das Publikum nach Feierabend, Jobsuche oder Frühschoppen lieber berieseln als belehren lässt, taugt der Kontinent nur dann zur Hauptsendezeit, wenn die Probleme so simpel sind wie ihre Lösung. So lässt auch öffentlich-rechtliche Unterhaltung aufgeblähte Babybäuche ebenso beiseite wie Agrarprojekte äthiopischer Fraueninitiativen. Für derart differenzierte Blicke muss man schon die letzten Reportageplätze zur Nacht einschalten – obwohl es den 28 Korrespondenten deutscher Medien schwer fällt, ein vielschichtiges Afrika-Bild zu zeichnen; schließlich sind sie im Schnitt für 33 Länder zuständig und kriegen nur späte Programmplätze.

Gleich nach der Tagesschau zählen dagegen weiße Identifikationsfiguren, gern Mediziner, alle attraktiv. Und falls Kriegelendhunger doch mal im Hauptfilm landet, dann auf der sicheren Seite. Iris Berbens Auswandererepos Afrika, mon Amour etwa spielt zu einer Zeit, da Farbige noch Neger waren und macht es sich somit leicht: Die Kolonialära zu schildern, befreit die Filmemacher unterm Deckmantel historischer Chronistenpflicht vom Aufklärungsdruck. Wer hielt Schwarze damals nicht für Wilde? Heute hält man sie für kläglich bis süß. Die schneeweißen, gern auch strohblonden Wohlstandseindringlinge aus dem Norden treffen da vor allem Ureinwohner, die ihre putzigen Bräuche in fließendem Deutsch auf Augenhöhe pflegen. Im Grunde sind Afrikaner also die gleichen Ausstellungsstücke wie bei Carl Hagenbecks Völkerschauen: holzschnittartig, hilfebedürftig, hübsch anzuschauen. Selbst sachliche Medien, klagt der zuständige Botschafter im Auswärtigen Amt Matthias Mülmenstedt, „würdigen die positiven Entwicklungen zu wenig“. Ein Teufelskreis: Ständig von Korruption oder HIV zu berichten, schrecke Investoren ab.

Und Zuschauer. So gibt es Afrika nur als Ort der Extreme oder Verliebten: im Film als Paradies mit Mängeln, im Bericht als Mangel im Paradies. Den Autoren Revisionismus vorzuwerfen, ginge aber zu weit. Eher dramaturgische Nachlässigkeit zum Wohle der Unterhaltung. Da hilft nur Binyavanga Wainainas Rat: „Stöhnen ist gut.“


Marie Bäumer, Hamburg 2013

Es gibt mehr gute Männerrollen

Marie Bäumer ist eine der umstrittensten Schauspielerinnen im Land, mindestens. Sie gilt als außergewöhnlich große Zicke, aber auch als außergewöhnlich gute Darstellerin. Letzteres kann man Freitag (20.15 Uhr, Arte) in der Roman-Verfilmung Das andere Kind nach Charlotte Links Bestseller begutachten, für letzteres empfiehlt sich eine persönliche Begegnung. Dann gibt die Düsseldorferin eine Diva wie aus dem Lehrbuch, die in Sekundenschnelle von der exaltierten Rampensau zur angenehmen Gesprächspartner wechselt, das offene Interview über den Zwang zur Hochhackigkeit oder ihren schlechten Ruf zusammenstreicht wie eine Politikerin. Schade eigentlich – nötig hätte sie das nicht. Denn ihr akzentuiertes, variables Spiel hat die 44-Jährige in den vergangenen zehn Jahren in fast 30 Filme geführt, darunter preisgekrönte wie Der alte Affe Angst und banale wie Die Grenze, bildgewaltige wie Dresden und sprachgewaltige wie Dominik Grafs Zehnteiler Im Angesicht des Verbrechens.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Marie Bäumer, Sie waren allein Anfang Januar in drei großen Produktion hintereinander zu sehen – dem Vierteiler Adlon, dem Zweiteiler Das andere Kind und der Suter-Verfilmung Der letzte Weynfeldt.

Marie Bäumer: Wahnsinn oder?

Bleibt das im ganzen Jahr 2013 so?

Nach langer Pause nun der Bäumer-Overkill? Nein, nein. Dass jetzt all meine Filme aus dem Jahr 2012 hintereinander weg laufen ist, ist reiner Zufall. Zuvor hatte ich ja ein Jahr gar nicht gedreht.

Warum?

Eine Produktion, an der ich sehr hing, war geplatzt. Dann sind wir umgezogen, ich wollte mal für meinen Sohn da sein, hatte aber auch mit mir genug zu tun; diese Zeit musste ich mir mal nehmen. Und seither habe ich wieder richtig Lust zu arbeiten. Eine Auszeit tut manchmal sehr gut, dann gehen sogar vier Filme durcheinander.

Kommen sich die nicht manchmal in die Quere?

Ach was, ich hab zwischendurch sogar noch ein französisches Low-Budget-Kammerspiel gedreht, was nun etwas wirklich total anderes war als dieses bombastische Hotel-Projekt. Trotzdem gerät man da nicht durcheinander. Es ist sicher schwer, sich immer wieder auf eine völlig neue Familie am Set einzulassen, aber ich wollte keins der Projekte weglassen, schon gar nicht im Kino.

Auch deshalb haben Sie seit 2002 sage und schreibe 30 Filme gemacht, darunter mit Im Angesicht des Verbrechens sogar einen Zehnteiler.

So viel?! Das überrascht mich jetzt selber ein wenig. Ich mache tendenziell ja vergleichsweise wenig. Aber das muss man nach Geschlecht differenzieren. Es gibt definitiv mehr gute Männerrollen. Auch übers Actionfach hinaus gibt es konsequent weniger tragende Frauenrollen.

Beklagen Sie das?

Na klar! An den Schauspielschulen gibt es bloß 30 Prozent Bewerber, der Rest ist weiblich, aber schon in der klassischen Literatur stehen Ihnen bis auf Lady Macbeth, Maria Steward und vielleicht noch Romeos Julia kaum große Figuren zur Verfügung. Das setzt sich im Film fort, der so gesehen auch nur ein Spiegel der Gesellschaft ist. Dabei bewegen uns darin doch vor allem die Frauenfiguren. Als Sibel Kekilli auf der Berlinale-Bühne unter Tränen sagte, lasst mich nicht wieder sechs Jahre warten, hat sie uns allen aus der Seele gesprochen.

Neigen Schauspielerinnen in diesem dünnen Angebot dann eher dazu, Sachen anzunehmen, hinter der frau gar nicht steht?

Unterkomplexe Figuren meinen Sie? Mag sein. Aber ich persönlich zöge zwei kleine, aber widersprüchliche Rollen allemal der einen großen, aber einsilbigen vor. Es ist wahnsinnig anstrengend, gegen die Oberfläche anzuarbeiten. Zu wollen, aber nicht zu dürfen, frustriert ungemein.

Müssen Sie denn heute noch gegen Produzenten anspielen, die Sie als Eye Candy besetzen?

Das mag am Anfang mal so gewesen sein; jetzt hat es sich erledigt. Durch meine Erfahrung, aber auch mein Alter. Weil ich mittlerweile ein wenig oft auf die filigranen, abgründigen Wesen gebucht bin, wünsche ich mir im Gegenteil manchmal sogar mehr leichtere, lustigere, auch schrulligere Charaktere.

Vor denen ihre drei aktuellen Projekte auch nicht grad strotzen.

Na ja, beim „Adlon“ gibt es doch ansatzweise Screwball-Momente; die kriegen dann eine gewisse Leichtigkeit, der ich erstmal wieder zu vertrauen lernen musste. Diese Freiheit und Lockerheit hab ich in den Jahren ein wenig verloren. Ich würde gern mehr zwischen den Genres wechseln.

Das ist schwer in Deutschland.

In der Tat. Aber ich gebe mein Bestes. Moritz Bleibtreu sagte vor Jahren zu mir, man müsse den Leuten da immer wieder was vor den Bug ihrer Erwartungen knallen, und dann kam innerhalb kürzester Zeit Der Schuh des Manitou und „Der alte Affe Angst raus, die unter- schiedlicher nicht sein können. Das führte dann zu einer befriedigenden Verunsicherung…

Liegt Ihnen bei all den Unterschieden irgendetwas mehr – opulente Kostümepen wie Adlon oder eher realistisches Jetztzeitdrama wie Das andere Kind?

Um das zu sagen, bin ich einfach zu glücklich über die Bandbreite. Vom Arbeiten her ist es allerdings schöner, mit wenigen Kollegen im kleinen Kammerspiel zu spielen und spielen und spielen, als beim Historiendrama ständig stundenlang in der Maske zu sitzen und auf den Auftritte zu warten. Das hat mit Glamour weit weniger zu tun, als es im Produkt den Anschein hat. Trotzdem macht die Kulisse was mit uns als Schauspieler, das hat seinen eigenen Zauber.

Auch Ihre zwei Rollen Leslie und Hedda sind äußerst verschieden – die eine problembe- lastet und trist, die andere schillernd und lebensfroh. Steckt in einer der beiden mehr von Ihnen?

Ganz ehrlich: damit beschäftige ich mich nicht. Es gibt da diese zwei groben Richtungen der Annäherung: das amerikanische Method Acting, also die Verschmelzung mit der eigenen Person, und die Brechtsche Schule, sich auf die Figur zuzubewegen. Letzteres ist meine Richtung. Auch wenn mich die Rolle mal mehr oder weni ger berührt, habe ich privat mit keiner zu tun. Sonst droht die Gefahr der Wiederholung. Trotzdem – als Hedda in einer Szene der Mann von den Russen genommen wird, konnte ich diesen Schmerz vollends nachempfinden.

Ansonsten aber nehmen Sie keine Figur nach Feierabend mit nach Hause.

Zum Glück nicht. Nach Hause kommt allein Marie, denn diese Arbeit ist sehr anstrengend. Ich vergleiche zwei Drehstunden nach Mitternacht, in denen man ständig den Rand des Nervenzusammenbruch darstellen soll, mit zwei Stunden Kneippkur und Sauna im Wechsel, nur, dass es danach noch längst nicht zu Ende ist. Die Dynamik emotionaler Wechsel ist extrem erschöpfend, auch wenn wir Gefühle wie ein Werkzeug verwenden, mit dem ich bloß ein gutes Produkt hinterlassen will.

Wenn man es gewohnt ist, Gefühle an- und abzulegen wie ein Kostüm – kann einem das auch privat…

Nein! Obwohl es manchmal natürlich angenehm wäre, die Wut in einem einfach auszuziehen wie ein Hemd. Aber wenn es um die Nächsten geht und unsere ureigenen Gefühle, hat man eben keine Hedda, aus der man wieder aussteigen kann.

Hedda klingt auch ein bisschen nach Ibsens Romanfigur Hedda Gabler, die sich Ende des 19. Jahrhunderts von männlicher Bevormundung lösen will. Wovon müssen sich Frauen heutzutage noch dringend befreien?

Die Angst vor Abhängigkeit.