Hotel Herzklopfen: Altersliebe & Fremdscham

Im Seniorenzoo

Seit Sonntag (17.55 Uhr) steckt Sat1 zwei Dutzend Senioren ins Hotel Herzklopfen, um sie innerhalb von drei Doppelfolgen möglichst anrührend zu verkuppeln. Im Boom-Genre Flirtshow klingt das nach einer Extraportion Zynismus. Wären da nicht die überraschend eigensinnigen und selbstbestimmten Teilnehmer…

Von Jan Freitag

Fremdscham ist ein lukratives Fernsehgut – erst recht, wenn sie den Desperados der Zivilgesellschaft gilt. Außenseitern bei der Suche nach Anerkennung etwa, Arbeitslosen bei der Suche nach Jobs oder Alleinstehenden bei der Suche nach Nestwärme. Damit selbst untere Zuschauerschichten ab und an ein Gefühl von Erhabenheit haben, verkuppeln Privatsender beziehungsgestörte Menschen ja gern mit Bäuerinnen, Schwiegertöchtern, Traum-, gar Jungfrauen. Kein Wunder, das nun auch solche ins Rampenlicht der Kuppelindustrie geraten, deren Gegner im Kampf mit der Einsamkeit unbesiegbar scheint: Die Zeit.

Deshalb lädt Sat1 ab Sonntag zwei Dutzend Senioren in ein pittoreskes Gasthaus unter den Gipfeln der Schweiz, um ihnen sechs Folgen lang den Weg in die Zweisamkeit zu ebnen. Oder wie es die Dokusoap genannte Realitätssimulation aufgekratzt vom Flatscreen brüllt: für die „Liebe ihres Lebens“, stürzen sich 24 Singles über 60 ins „größte Abenteuer ihres Lebens“ – darunter macht es das kommerzielle Fernsehen auch nicht, falls die Betroffenen jahrzehntelang lang Zeit für weit umfangreichere Risiken und Wagnisse hatten.

Während der ARD-Film Altersglühen das Thema Ende 2014 noch als improvisiertes Speeddating mit Schauspielerin inszeniert hat, simuliert Sat1 die Wirklichkeit altersbedingter Isolation nun also in einer ulkigen Flirtshow. Dafür durchlaufen vom hemdsärmeligen Metzger Gusti bis zum Hansi-Hinterseer-Double Alf, von der aktiven Hamburgerin Astrid bis zur häuslichen Kölnerin Christine je zwölf Frauen und Männer aller Dialekte und Biografien den Unterhaltungsparcours des Beobachtungsfernsehens: Tretrollerrennen, Kostümdisco, Wettbacken – stets unterm Argusblick diverser Kameras und dreier Moderatoren, die jede Regung süffisant kommentieren.

Das klingt – zumal im Soundbrei aus Kirmestechno und Liebesschnulze – so zynisch wie alles, was im kommerziellen Programm unterm Label Real Life firmiert. Schließlich setzt das Plagiat des belgischen Originals die werberelevante Generation 60+ den Reizkollektoren der Erregungsgesellschaft aus. Und das wird selten schmeichelhaft. Als Gastgeber Lutz van der Horst die Gruppe auf grellpink dekoriertem Trecker grölend ins Hotel Herzklopfen fährt, liegt die Messlatte des Niveaus jedenfalls frühzeitig tief. Und sie rutscht auch nicht höher, wenn seine Ko-Moderatoren Sarah Mangione und Daniel Boschmann all die entzweiten Rest-Ager ständig zu Signalen der Paarungsbereitschaft („nun küss euch mal“) auffordern.

Der Fernsehmenschenzoo, er hat also wieder Stoßzeit. Besser: noch immer. Seit RTL die Zugkraft unvermittelbarer Landwirte 2005 aus Österreich importierte, stand besonders die Sendergruppe aus Köln tief im Dreck ausgestellter Bindungsstörungen. Wurden beim Bachelor noch wohlgeformte Modepüppchen frauenverachtet, die in Formaten wie Adam sucht Eva nicht mal mehr Zeit mit Ausziehen verplempern, stellte die Sendergruppe bald Heiratsmarktverlierer von dick bis doof ins Schaufenster ihrer Menschenverachtung. Mal mehr, eher weniger selbstbestimmte Voyeurismusobjekte auf der Jagd nach Geborgenheit zu verhöhnen, zählt seither zum Markenkern der Scripted Reality.

Während die Kopie vom arglosen Herzblatt auf Sat1Gold floppte, sank die Hemmschwelle – vom Pöbel begafft, vom Feuilleton ignoriert – also zügig ab. Wie tief, zeigt Vera int Veen. Vor zwei Jahren lancierte Jan Böhmermann in ihrer Freakshow Schwiegertochter gesucht einen Darsteller mit gespielter Geistesschwäche, die von RTL genüsslich ausgeweidet wurde. Der Aufschrei war groß, die Wirkung weniger. Im Gegenteil. Weil schlechte Werbung allemal besser ist als keine, wird weiter nach unten getreten. „Bauer sucht Frau“ erzielt damit noch immer fünf Millionen Zuschauer. Und so liegt der Verdacht nah, auch im Hotel Herzklopfen gehe es um Fremdscham. Das tut es, ohne Frage. Aber nicht nur.

Die Bewohner zeigen nämlich etwas Ungewöhnliches im Kuppelgenre: Noch weithin unverbildet von der Selbstdarstellungsdiktatur des Internets, sind viele der 24 Gäste glaubhaft authentisch. Wenn ältere Herren beim Balzen ständig zugreifen, wirkt das im Angesicht von #MeToo zwar erschreckend übergriffig. Weil ältere Damen darauf giggelnd entgegnen, vom „starken Mann“ halt gern „erobert werden“ zu wollen, passt das allerdings zu einer Generation, die noch Prügel als Erziehungsmethode kennt und nicht bei Tinder, sondern der Lokalzeitung Anschluss sucht. „Mehr als manche jungen Kandidaten“, meint Moderator van der Horst, „können die Senioren Verantwortung für sich übernehmen“. Wenn er versucht, sie mit Witzen über Langsamkeit und Torschlusspanik aufzuziehen, stellt er demnach meist sich selber bloß. Ansehnlich ist das zwar nur für die passende Alterskohorte. Aber ein Format ohne Zynismus im Billigmetier Flirtshow – das ist ja schon mal was…

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The Alienist: Daniel Brühl & Lazlo Kreizler

History für starke Mägen

Wenn der deutsche Weltstar Daniel Brühl ab heute auf Netflix The Alienist ist, sucht sein Nervenarzt Lazlo Kreizler (Foto: Netflix) im menschlichen und stofflichen Morast des New York von 1896 nicht nur einen Kindermörder, sondern sich selbst. Das ist zwar gelegentlich Effekthascherei, aber sehr unterhaltsam und spannend.

Von Jan Freitag

Historytainment ist schon lang nichts mehr für schwache Mägen. Wird die Welt vorm Siegeszug der Menschlichkeit Mitte des vorigen Jahrhunderts verfilmt, starrt das Fernsehbild meist vor Dreck, Gewalt, vor Grauen und Tod, der möglichst grausam eingetreten sein sollte. Auch der feminin gekleidete Stricher im neuen Netfix-Produkt The Alienst wurde daher nicht nur umgebracht, sondern ausgeweidet. Und die Kamera zoomt fast genüsslich durchs leere Loch der kindlichen Augenhöhle ins New York des Jahres 1896, eine Arte Vorhölle der Zivilisation – zumindest in der Fernsehunterhaltung.

Die Bestseller-Verfilmung des belgischen Regisseurs Jakob Verbruggen (Black Mirror) entführt uns demnach an einen Schauplatz, der nur noch im Groschenroman oder ZDF-Melodram romantisch sein darf. Hier jedoch leidet das Fin de Siècle und stinkt, es lärmt und blutet aus jedem Morast, der sich Straße schimpft. Statt Recht herrscht Gewalt, statt Ordnung Korruption. Nach dem Leichenfund arbeitet daher nicht die mafiöse Polizei an der Klärung des Mordes, sondern Lazlo Kreizler. Ein Nervenarzt, der wegen seiner Suche nach dem entfremdeten Geist Wahnsinniger auf Englisch einst „Alienist“ genannt wurde. „Heute würde man ihn als Kriminalpsychologen bezeichnen“, beschreibt der deutsche Weltbürger Daniel Brühl seine bislang größte Rolle auf dem globalen Parkett.

Bald 25 Jahre nach seinem ungelernten Karrierestart in der ARD-Telenovela Verbotene Liebe, dem 2001 der preisgekrönte Durchbruch als schizophrener Student in Das weiße Rauschen folgte, ist das der nächste Schritt zum Superstar. Dabei war der 39-Jährige – geboren in Barcelona, aufgewachsen in Köln, großgeworden in Berlin – schon mit 22 international tätig. Drei Jahre vor Good Bye Lenin (2003) drehte er fürs Teenagerdrama Deeply an der Seite von Kirsten Dunst auf Englisch. Es folgten Geschichtsepen (Salvador), Liebeskomödien (2 Tage in Paris), Actionbombast (The Bourne Ultimatum), bevor ihn sein Fliegerheld in Quentin Tarantinos Inglorious Basterds endgültig nach Hollywood katapultierte, wo er mal mehr (Rush), mal weniger tiefgründiges (Captain America) Popkornentertainment macht und zuletzt im Politthriller Colonia Dignidad glänzte.

Im neuen Kino Serie aber ist The Alienist nochmals eine Stufe bergan – auch weil er weit weniger heroisch ist, als es scheint. Brühls Lazlo Kreizler ist ein zutiefst diffuser, spürbar seelenwunder, äußerst eindringlicher Charakter, dem im Kampf gegen das Böse mit oder ohne Uniform nur zwei Verbündete beistehen: Der Presseillustrator John Moore (Luke Evans) und die Polizeisekretärin Sara Howard (Dakota Fanning), deren Boss kein Geringerer als der spätere US-Präsident Theodore Roosevelt ist und schwer am unaufdringlichen Feminismus der Frau im Männerberuf zu tragen hat. Je tiefer das Trio nun in den bizarren Fall eines Serienkillers eintaucht und je weniger die Staatsmacht dagegen tut, desto mehr wird besonders Brühls Figur vom Beobachter zum Beteiligten.

„Weil er in seinem Leben viel Schmerz erlitten hat“, meint dessen Darsteller, „versteht man besser, warum Kreizler so besessen davon ist, den Killer zu finden“. Diese oft rauschhafte, mitfühlende Verbissenheit spielt Daniel Brühl mit der glaubhaften Arroganz eines Wissenschaftlers, der sich noch vorm Siegeszug von Freuds Psychoanalyse ins Innerste menschlicher Seelen wagt. Was genau ihn antreibt, bleibt zwar wie vielen der Protagonisten knapp unter der Oberfläche; die aber ist von einer Detailverliebtheit, der man gelegentliche Effekthascherei gern nachsieht. Huschende Schatten sind geräuschvoll und Gangsterblicke verschlagen, Tote werden nur nachts exhumiert, wobei es das Tageslicht sowieso nur in die Stadt schafft, wenn es durchs Kellerfenster in die Irrenanstalt dringt, während vor der Tür nicht nur dauermorbide Stimmung, sondern ewig mieses Wetter herrscht.

Gut, das sind nun mal die Regeln des Genres. Und dramaturgisch hat die aufgeblasene Historienästhetik ohnehin Gründe. Im hygienisch-juristisch-sozialen Desaster von „Charité“ über The Knick bis Babylon Berlin darf sich das Publikum anders als bei der vormodernen Wanderhure nämlich seiner eigenen Behaglichkeit versichern; zugleich jedoch erfährt es mit etwas Grusel, wie dünn der zivilisatorische Firnis sein kann, wenn selbst New York nur 122 Jahre zuvor ein solches Höllenloch war. Daniel Brühl bewegt sich darin mit einer Souveränität, die nicht nur am beeindruckenden Englisch des Sprachtalents liegt; es ist seine Aura zwischen wehrhaft und sensibel, nüchtern und zornig, die der „Einkreisung“, wie der Mix aus Jack the Ripper und Gangs of New York hierzulande heißt, ihren Stempel aufdrückt. Ein ziemlich unterhaltsamer. Zumindest für stabile Mägen.


Der Grenzgänger: Krimi & Moral

Scandi Noir ohne Blutwurst

Seit vorigen Freitag serviert Der Grenzgänger auf Sky etwas äußerst Ungewöhnliches: skandinavische Krimithrillerkost ohne Blutwurst und Innereien. Stattdessen taucht der norwegische Achtteiler tief in die Seelen der Protagonisten ein und verstrickt sie miteinander, dass es im dunklen Winterwald nur so knirscht.

Von Jan Freitag

Die Ausgangslage skandinavischer Krimis ist schnell umrissen: Tendenziell eigenbrötlerische Ermittler mit eher mehr als weniger Macken müssen am Tatort zunächst mal das zerstückelte, gefolterte, verätzte, lebendig begrabene oder ähnlich grausam zugerichtete Opfer zusammenpuzzeln, bevor sie bei der Jagd nach dem Täter in Abgründe ritueller Gewalt blicken, die stets noch mehr zerstückelte, gefolterte, verätzte, lebendig begrabene oder sonstwie grausam zugerichtete Leichen zutage fördern. Seit der fiktionale Blutdurst des schwedischen Autorenpaars Sjöwall/Wahlöö vor ziemlich genau 25 Jahren fürs Fernsehen entdeckt wurde, pflegen Regisseure nördlich von Flensburg einen Überbietungswettbewerb krimineller Brutalität, in der ein gewöhnlicher Todschlag praktisch als Streicheleinheit gilt.

Das muss im Hinterkopf haben, wenn der pflichtbewusste Polizist Nikolai Andreassen im neuen Produkt des Scandi Noir genannten Genres ins grüne Umland von Oslo fährt und dort einen Mann vom Baum schneidet. Weil er körperlich ansonsten unversehrt wirkt, hätten Serienkommissar von Thomas Beck über Sarah Lund bis Kurt Wallander jetzt wohl dasselbe gesagt wie jene im norwegischen Wald: Suizid, ab zu den Akten, Feierabend. Doch nicht mit Nikolai Andreassen! Da der Erhängte am Kopf blutet, spricht der Kommissar von Verbrechen – und löst damit eine Kettenreaktion aus, die mit jeder Minute dieses beeindruckenden Achtteilers mehr sein eigenes Leben an den Rand des Abgrunds reißt.

Der Täter erweist sich nämlich nicht nur als Polizist. „Ich bin dein Bruder“, fleht dieser Lars Andreassen nach seinem Geständnis, den Toten im Suff erwürgt zu haben. Und das macht den prinzipientreuen Nikolai, der einige Szenen zuvor noch wider jeden Kodex gegen einen Kollegen unter Mordverdacht ausgesagt hat, zum „Grenzgänger“, wie die Serie hierzulande heißt. Eingepfercht zwischen ähnlich starker Solidarität für das erworbene Berufsethos und die angeborene Blutsverwandtschaft, hilft Nikolai seinem Bruder die Tat zu verschleiern. Dabei unterdrückt er allerdings nicht nur Informationen, sondern fälscht gar Beweise und verrät somit alles, was seinem Rechtsverständnis entspricht.

Diesen Zwiespalt spielt der norwegische Superstar Tobias Santelmann aus dem badischen Freiburg (The Last Kingdom) mit einer reduzierten Präzision, die das kongeniale Gegenstück zum fiebrigen Wankelmut von Benjamin Helstad als Lars bildet. Ihr Metier wäre allerdings ein anderes als Scandi Noir, gäbe es nicht noch weit dickere Bretter zu bohren als moralische Befindlichkeiten. Der Grenzgänger präsentiert zudem stolz: den grobschlächtigen Cop Bengt (Frode Winther), den windigen Lokalpolitiker Josef (Eivind Sander), den haltlosen Kiffer Ove (Ole Christoffer Ertvaag ) und allerlei doppelbödige Haupt- wie Nebenfiguren, die unterm kritischen Blick der unterkühlten Kommissarin Anniken (Ellen Dorrit Petersen) immer tiefer im Morast kollektiver Schuld versinken.

Dass sich dieses undurchdringliche Gestrüpp aus organisierter und beiläufiger Kriminalität, aus Korruption, Geltungssucht und Drogen nicht heillos ineinander verknotet, hat dabei gute Gründe: ein schlüssiges Drehbuch der Showrunnerin Megan Gallagher etwa, das die Regisseure Bård Fjulsrud und Gunnar Vikene kunstvoll, aber frei von Effekthascherei inszenieren. Im diffusen Dämmerlicht des winterkargen Waldes ringsum entfalten die Charaktere vielfach einen Tiefgang, der die inhaltliche Bedeutung durch den dauernden Kampf um einen Sinn im Einerlei des Alltags bereichert. Selbst Nikolais verheimlichte Homosexualität fügt sich hier angenehm unprätentiös in die Zeichnung verschiedenartigster Persönlichkeiten im selben Mikrokosmos ein.

Nachdem Grenseland 2017 das heimische Publikum begeistert hat, lief die Serie zuletzt unterm weit stimmigeren Titel Borderliner auf Netflix USA, Russland und Großbritannien. Seit Freitag nun ist sie in Doppelfolgen bei Sky Atlantic abrufbar. Und nach den ersten drei Episoden zu urteilen, kommt Der Grenzgänger zwar nicht ohne die übliche Entstellung durch überdrehte Synchronstimmen aus, verkneift sich aber jene blutspritzenden Gewaltexzesse, die man sonst aus Norwegen, Dänemark, Schweden kennt. Es geht hier erkennbar nicht um den größtmöglichen Thrill, sondern den Versuch, selbst unter Unmenschen human zu bleiben – und krachend daran zu scheitern. Tiefgang kann so spannend sein.


The Terror: Weißer Tod & Mythenmonster

Der weiße Terror

Die fesselnde AMC-Serie The Terror erzählt seit Anfang der Woche auf Amazon Prime die halbwegs wahre Geschichte einer katastrophalen Polarexpedition der entdeckersüchtigen Zeit vor 170 Jahren (Foto: AMC) – mit reichlich Horrorelementen und doch ohne viel allzu Effekthascherei. Das macht den Zehnteiler jeden Dienstag aufs Neue so herausragend.

Von Jan Freitag

Manchmal, zugegeben sehr selten, dann aber umso sehnsüchtiger, wünscht man sich die Vergangenheit zurück. Im Herbst 1846 zum Beispiel hatte der Klimawandel die legendäre Nordwestpassage noch nicht enteist, weshalb Winter weltweit richtige Winter waren, Sommer echte Sommer und die Überlebenschancen der Menschheit auf dickerem Eis gebaut als das, was heutzutage den kanadisch-arktischen Archipel bedeckt. Wer sich seinerzeit jedoch jenes hausgemachte Tauwetter gewünscht hätte, das die Pole jetzt unaufhaltsam zum Schmelzen bringt, war die Besatzung eines Schiffs, dessen Name damals noch nicht für Islamisten, sondern Entdeckergeist stand.

Terror.

So hieß einer der beiden Zweimaster, auf denen die Exkursion des Polarforschers John Franklin vor 172 Jahren im Auftrag seiner Majestät den Pazifik durchs Packeis erreichen sollte. Seit Christoph Columbus war die Abkürzung der Handelsroute Richtung Asien ein europäischer Traum. Für die Besatzungen der HMS Erebus und Terror hingegen wurde er zum Albtraum. Der war zwar schon öfter Inhalt dokumentarischer und literarischer Werke; nun aber wird die berühmte Franklin-Expedition zum Stoff einer fiktionalen TV-Serie. Und auch wenn dessen Ausgang bekannt sein dürfte: Spannender, intelligenter und dabei unterhaltsamer kann man den Hergang dieser nautischen Katastrophe kaum erzählen.

Im Mittelpunkt der zehnstündigen Adaption von Dan Simmons‘ Tatsachenroman „The Terror“ steht dessen Kapitän Francis Crozier. Mit reduzierter Virtuosität macht der Shakespeare-Virtuose Jared Harris (The Crown) daraus das grüblerische Gegenstück zum Schwesterschiffkommandeur James Fitzjames, dem Tobias Menzies (Game of Thrones) seinerseits einen betriebsblinden Optimismus verleiht, der nur vom Reiseleiter Franklin (Ciarán Hinds) noch übertroffen wird. Während Crozier vorm zweiten dreier gnadenlos strenger Polarwinter rät, in sicheres Gewässer abzubiegen, schlägt der fast kindliche Enthusiasmus seiner Kollegen alle Warnungen in den eisigen Wind. Wie David Kajganich und Soo Hugh dieses Gefälle inszenieren, das ist mindestens zwei Seewölfe, drei Schatzinseln und vier Meutereien auf der Bounty entfernt von dem, was im Abenteuermetier zur See üblich ist.

Allenfalls unterlegt vom bedrohlichen Geräuschteppich synthetisch verstärkter Naturgeräusche, verbietet Produzent Ridley Scott sich und seinem Team nämlich alle Effekthascherei. Zur Eindrucksverstärkung bedarf der Überlebenskampf in so lebensfeindlicher Umgebung bedarf schließlich weder Geigenteppiche noch Gewaltorgien geschweige denn telegene Filmgesichter. Und dass bis auf seltene Rückblenden in die Zeit vor der Abreise auch keine Frauen im Cast nötig sind, ist eher der Epoche als Geschlechterklischees geschuldet. Zum Männerformat macht es den Zehnteiler nicht. Im Gegenteil.

Die Erbarmungslosigkeit von klirrender Kälte über ewige Dunkelheit bis hin zur Enge an Bord wird im Auftrag des US-Kabelkanals AMC selten dramatischer dargestellt als es die Umstände erfordern. Wenn 134 Männern im ewigen Dämmerlicht des arktischen Winters acht Monate nur bleiverseuchter Dosenfraß und die Ödnis totaler Untätigkeit vorgesetzt wird, sind Konflikte zwar unausweichlich; es ist allerdings das Verdienst der Shworunner, daraus keinen Actionthriller zu machen. Die Sitten an Bord bleiben abzüglich einiger Ausbrüche selbst dann sehr britisch, wenn die Besatzung auf unerklärliche Weise dezimiert oder die schwule Frohnatur Cornelius Hickey (Adam Nagaitis) für einen Anflug von Renitenz ausgepeitscht wird.

Im Zentrum der 600 Minuten steht daher trotz drastischer, gelegentlich bluttriefender Morde durch unsichtbare Schreckenswesen der regionalen Mythologie kein Horrorkabinett klaustrophobischer Exzesse, sondern die Frage: Warum dringt der Mensch notorisch dorthin vor, wo er nicht hingehört? Und was macht dieser Mensch daraus, sich dessen bewusst zu werden? Eine Antwort von The Terror ist das feine Austarieren von Humanität und Barbarei im Angesicht einer Natur, in der die vermeintliche Krone der Schöpfung bis zur Unkenntlichkeit schrumpft. Die Kamera fängt das besonders dann imposant ein, wenn sie wie so oft himmelwärts fährt und Mensch samt Material im gleißenden Weiß des ewigen Eises verschwinden lässt.

Es ist das Gegenteil opulent kostümierter Zeitsprünge in den Londoner Adel, der die abfahrbereiten Entdecker vor ihrer Abfahrt umjubelt. Denn nur einen Schnitt später schrumpfen die Popstars ihrer Epoche mit jeder Stunde, jedem Tag, jeder Woche, jedem Jahr mehr im eisigen Gefängnis der Arktis zu Opfern ihrer eigenen Zuversicht. „Diese Gegend will uns tot sehen“, sagt Kapitän Francis frühzeitig und dringt auf Umkehr, wofür ihm Kollege Fitzjames verächtlich vorwirft, „er verachtet den Ruhm, sogar den Ruhm eines guten Puddings“. Dass beide Recht haben? Am Ende einer herausragenden Serie, die so viel besser ist als alles, was dazu bislang bekannt war, wird das furchtbar egal sein.


Freitagsmedien-Serie: 75 Jahre TV-Musik

Generation Youtube: die Zukunft

Als MTV ab 1997 auf Deutsch zu sehen war, schien das Fernsehen auf dem Weg zur Disco mit Bildschirm. Dabei stand es schon beim deutschen Neustart vor 65 Jahren im Zeichen der Musik und sollte fortan nie mehr ganz aufhören zu singen, swingen, rocken, jingeln. Zeit also für eine kleine Bestandsaufnahme des TV-Sounds im Laufe der ersten sechs Jahrzehnte, als die Bilder nicht nur zuhause laufen, sondern musizieren lernten. Heute: die Zukunft.

Von Jan Freitag

Wer heute Fernsehen sagt, meint damit gemeinhin alles Mögliche, Musik hingegen eher seltener. Nicht, dass sie darin gänzlich fehlt. Besonders die Privatsender verstehen schließlich unter Soundtrack – ob importiert oder eigenproduziert – derart lückenlose Dauerbeschallung mit orchestral angefettetem Gefühlsquark, dass man sich in fast jedem Format ein wenig weniger Musik am Bildschirm wünscht. Beim Tauschkonzert indes ersetzt Vox seit 2014 ausnehmend erfolgreich die Kreation neuer Songs durch die Interpretation alter, während The Voice of Germany auf ProSieben zwar anspruchsvoller ist als die unverwüstliche Superstarsuche auf – ja, wo noch mal genau? Ein wirklich eigensinniges, selbstverantwortetes, handgemachtes Musikangebot allerdings, das sucht man zumindest an prominenter Stelle vergebens.

Als MTV mit dem Buggles-Clip Video Killed The Radiostar 1981 auf Sendung ging, wurde die Kunstform des Musikvideos für Jahrzehnte zur wirkmächtigsten visueller Medien, von denen es neben dem Kino anfangs eben nur eins gab: Das Fernsehen. Selbst im digitalen Zeitalter galt es als unerlässliche Plattform der Popindustrie, deren Geschäft untrennbar an visuelle Darreichungen gekoppelt ist. Vor zehn Jahren jedoch, das Internet wird wie zuvor Heimcomputer und Handy Standard, drehen die angehenden Kommunikationsdesigner Kathrin Wetzel und Christian Jegl den Titel des ersten MTV-Tracks in ihrer Abschlussarbeit über die „Zukunft des Musikvideos“ um und nennen sie „Future thrilled the Video Star“. Es ist ein Abgesang. Denn aus popkultureller Sicht, so scheint es nach dem Ende von MTV und Viva als Musiksender mit Musik, ist der ungekrönte König des Fernsehens mit Rhythmus tot.

Es lebe der König!

Der nämlich erobert sich bald ein neues Reich: Videoportale. Nachdem das New Yorker Dotcom-Unternehmen InterActiveCorp Ende 2004 die Plattform Vimeo online schickt, folgen fast im Monatstakt weitere. Doch einzeln mal mehr, mal weniger erfolgreich, schaffen internationale Anbieter wie Vevo oder Twitch selbst gemeinsam mit den deutschen MyVideo und Clipfish nur einen Bruchteil dessen, was der Marktführer bald vollbringt. Bringt es Youtube bereits ein Jahr nach seiner Gründung 2006 bei täglich 65.000 neugeladenen Videos auf rund 100.000 Millionen Clicks, so haben heute allein die 73 beliebtesten Filme jeweils mindestens eine Milliarde Zugriffe – und 90 Prozent davon sind Musikvideos.

Das Ende dieser Gattung wurde also nicht eingeläutet, sondern im Gegenteil: umgedreht. Dank Streamingdiensten und Smartphones, Spotify und iTunes fand Musik zu keiner anderen Zeit der Geschichte mehr Verbreitung. Selbst das vorwiegend rückgratlose Gedudel des Radios ist partout nicht totzukriegen. Nur ein Medium ist nahezu völlig auf der Strecke geblieben: Das Fernsehen. Es gibt zwar Ausnahmen. Der Landshuter Nischensender Deluxe Music zum Beispiel behauptet sich seit seiner zwischenzeitlichen Insolvenz vor fünf Jahren durchaus wahrnehmbar im Kabelnetz und zeigt dort rund um die Uhr sorgsam kuratierte Musikvideos aller Epochen.

Zugleich jedoch hat das Zweite vor ziemlich genau zwölf Monaten seinen Spartenkanal ZDFkultur beerdigt, wo bis dato tatsächlich noch Live-Konzerte liefen und gelegentlich sogar journalistisch aufgearbeitete Betrachtungen des Sounds seiner Zeit. Dann aber wurde der Sender dem öffentlich-rechtliche Onlineprojekt funk geopfert und nun? Gibt es eigentlich nur noch den gelegentlichen Rock-Palast im Ersten, Opernklänge auf 3sat und das popkulturelle Arte-Magazin Tracks, wo regelmäßig Newcomer vorgestellt werden, aber eben auch allerlei unmelodische Lifestyle-Entwicklungen.

Immerhin überraschte Viva vor zwei Jahren mit seiner Nachricht aus der Versenkung, es würde auf Reality-Formate verzichten. Die Musiksendungen zum Ersatz gab es allerdings nur vier Stunden lang ab zwei Uhr nachts, unterbrochen von Erotikclips. Ansonsten heuchelt Oliver Geissens Ultimative Charts Show auf RTL weiter Interesse an Hits, während Thomas Gottschalk 40 Jahre nach Szene gelegentlich in der Rumpelkammer des Rock stöbert. Und seit ein paar Tagen ist MTV angeblich hwieder kostenlos im Kabelnetz verfügbar, was allerdings schon deshalb niemand so richtig bemerkt hat, weil darin allenfalls Werbejingles ertönen? Es ist überall Sound im Fernsehen, nur Musik – die gibt es dort fast nirgends mehr.


freitagsmedien-Serie: 75 Jahre TV-Musik

Aufstieg & Fall – das Millennium

Als MTV ab 1997 auf Deutsch zu sehen war, schien das Fernsehen auf dem Weg zur Disco mit Bildschirm. Dabei stand es schon beim deutschen Neustart vor 65 Jahren im Zeichen der Musik und sollte fortan nie mehr ganz aufhören zu singen, swingen, rocken, jingeln. Zeit also für eine kleine Bestandsaufnahme des TV-Sounds im Laufe der ersten sechs Jahrzehnte, als die Bilder nicht nur zuhause laufen, sondern musizieren lernten. Heute: das Millennium.

Von Jan Freitag

Ein frischer Herbstwind weht durch Köln, als das Musikfernsehen ist, was es mal gewesen sein wird, bevor eine schwüler Sommersturm das Musikfernsehen, wie es niemals mehr sein darf, endgültig zu Grabe trägt. Am 1. Dezember 1993 nämlich erblickt ein rotzfrecher Emporkömmling das Licht der deutschen Fernsehwelt, um einem noch immer ebenso vorlauten Platzhirsch die Stirn zu bieten, der sich am 1. Juli 2011 selbst beerdigt. Im Rückblick könnte man also sagen: Kaum war das Musikfernsehen, wie wir es kannten, der Pubertät entwachsen, da saß es schon wie ein lüsterner Greis im Rollstuhl, pfiff jungen Dingern nach und nervte Nachgeborene mit der ewig gleiche Erzählung, wie toll es doch zuging, als er noch jung war.

Als MTViva noch lebte.

Musik ist Trumpf, da lehrt Music Television made in USA sein Medium, dass Fernsehen auch im Land von Karl Moiks Musikantenstadl über Schlager im Marschgewand hinaus gehen kann. Auf dem Umweg der Londoner Filiale ist Mitte der Neunziger auch hierzulande unübersehbar, wie der ungelernte Moderator Ray Cokes in seiner radikal improvisierten Live-Show MTV Most Wanted den Begriff „Konzept“ pulverisiert, Robbie Williams animiert, vor laufender Kamera blank zu ziehen, bei aller Aufmüpfigkeit vor einem aber nie den Respekt verliert: der Musik. Nirvana und Steve Blame, Kristiane Backer und Ganstarap, Jackass, Music Awards, Beavis and Butt-Head – all dies justiert die Vorstellung vom zweidimensionalen Sound so grundlegend neu, dass vier deutsche Majorlabels vor 24 Jahren in seltener Eintracht ein Konkurrenzprodukt für hiesige Ansprüche entwarfen.

Viva ist im Sog von Boygroups und Grrlies so einflussreich, dass die Media AG 1995 einen zweiten Kanal fürs alternativere Publikum über 25 auf Sendung schickt und der Kreditkartenkonzern American Express zwei Jahre drauf MTV Germany durchs Kabelnetz schickt. Vier Stunden deutsches Programm gibt es zum Auftakt – inhaltlich kaum der Rede wert, atmosphärisch ein Urknall. Beide rasen die Spirale der Aufmerksamkeitsindustrie empor und sorgen trotz Quoten im Promillebereich für zweierlei: Vollprogramme von ARD bis RTL begehen durch die vorauseilende Reduzierung ihres musischen Angebot auf Marianne & Michael künstlerischen Selbstmord. Und die Verantwortlichen dieser Todessehnsucht stehen rasch an der gleichen Klippe.

So bedeutsam das Musikvideo als kreatives Massenprodukt auch ist, so nachhaltig es die vorerst letzte Innovation zeitgenössischer Musik (HipHop) zum Milliardenbusiness bläht, so groß MTViva in der Nische geraten: die Revolution wird ihre Kinder schneller fressen als jede zuvor. Zu geil für diese Welt von den Fantastischen Vier, mit dem Viva einst on air ging, gilt bald auch fürs Musikfernsehen. Schon Ende des Jahrzehnts sind Videostrecken so selten, dass zwischen Real Life und Datingshow oft nur Werbung erklingt. Die mühsame Arbeit popkultureller Innovationsauslese erledigen daher ausgerechnet andere: das Viva-Gewächs Stefan Raab zum Beispiel in TV total oder das Arte-Magazin Tracks. Und während Viva dank Nerds wie Markus Kavka oder Sarah Kuttner zunächst in der Indie-Ecke gewichtig war, moderiert Collien Fernandes ab 2003 die Ringtone Charts. Ein Schicksal, dem ihr späterer Mann Christian Ulmen bei MTV bereits 1999 durch Kündigung entgangen war.

Fünf Jahre, nachdem der Medienmulti Viacom nach MTV auch den Konkurrenten Viva kauft, steuert das stilbildende Boom-Genre früherer Tage auf jenen Tiefpunkt zu, der am 1. Juli 2011 nicht nur hör-, sondern sichtbar wird: MTV streicht in Deutschland das „Music Television“ aus dem Senderlogo. Kein Wunder: der Videoclip, mit dem spätere Regiestars von Michel Gondry bis Anton Corbijn zu Ikonografen ihrer Epoche wurden, ist überwiegend aus dem linearen Programmschema verschwunden. Und mehr noch: MTV ist kostenpflichtig, der deutsche Ableger geschlossen, Viva nur vormittags auf Sendung und RTL verwechselt Imitate ausgenudelter Hitmaschinen mit Superstars. Selbst als sich die Plattform Youtube Mitte des vorigen Jahrzehnts anschickt, die Lücke zu füllen, sehen viele Kritiker Schwarz fürs prägendste Kunstprodukt des Fin de Siècle. Das Musikvideo, heißt es, sei tot. Welch ein Irrtum!


freitagsmedien-Serie: 75 Jahre TV-Musik

Music Television: duales System

Als MTV ab 1997 auf Deutsch zu sehen war, schien das Fernsehen auf dem Weg zur Disco mit Bildschirm. Dabei stand es schon beim deutschen Neustart vor 65 Jahren im Zeichen der Musik und sollte fortan nie mehr ganz aufhören zu singen, swingen, rocken, jingeln. Zeit also für eine kleine Bestandsaufnahme des TV-Sounds im Laufe der ersten sechs Jahrzehnte, als die Bilder nicht nur zuhause laufen, sondern musizieren lernten. Heute: das duale System.

Von Jan Freitag

Am Anfang der Achtziger war, nein – nicht das Feuer, sondern der Ton. Fernsehen ist auch ohne private Konkurrenz bereits voller Musik. Titelmelodien selbst politischer Formate prägen das kollektive Gedächtnis wie die Jingles von Allianz bis Bärenmarke. Ohne Liveauftritte großer Popstars sind die Straßenfeger von Rudi Carrell, Joachim Fuchsberger, Harald Juhnke unvorstellbar. Aufregende Serienimporte aus Amerika nutzen den Soundtrack als PR-Faktor. Und erste Autorenfilmer merken, dass die sperrigen Dialoge ihrer Dramen ruhig musikalisch garniert werden dürfen. Doch den Hörgenuss beim Glotzen stört ein vermeintlich technisches Detail: Der Mono-Klang.

Als die Empfangsgeräte 1981 serienmäßig den zweiten Tonkanal erhalten, klingt das Angebot endlich weniger wie Opas Volksempfänger als nach jener HiFi-Anlage, die sich seinerzeit daheim gerade durchsetzt. ARD und ZDF gibt‘s von nun an auch – Licht aus, Spot an! – mit echtem Raumklang. Ein Quantensprung fürs Musik-TV. Doch bevor es in einschlägig bekannter Abkürzung sein Genre umwälzen wird, stellt ein junger Blondschopf aus Bayern den Medienkonsum seiner noch jüngeren Zielgruppe auf den Kopf: 1976 übernimmt Thomas Gottschalk die Moderation des ARD-Magazins Szene.

Wie im nachfolgenden Pop-Stop gewährt sein Mix aus Livebands, Chartsnews und Klamauk der faktischen wie gefühlten Jugend mehr noch als Ilja Richters Generationskompromiss disco ein klingendes Asyl am Bildschirm. Und die Resonanz ist so groß, dass der Moderator rasch zu Höherem berufen wird: 1982 kommt Thommys Pop-Show ins Vorabendprogramm des ZDF. Die Primetime wird zwar weiter durch die Antiquariate nostalgischer Hörgewohnheiten wie Musik ist Trumpf verstopft. Manfred Sexauers Musikladen hat sich trotz aller Lässigkeit schon 1972 von der Radikalität des Vorgängers Beat Club verabschiedet. Und als fünf Jahre später die Rockpalast Nacht bis sonntagsfrüh Konzerte aus der Essener Grugahalle überträgt, sorgt das zwar auch international für Aufsehen, bleibt aber leicht prollig. Trotzdem ist die Popkultur fortan so integraler Programmbestandteil, dass der Weg zur nächsten Revolte geebnet ist.

Sie heißt Formel eins und macht ab 1983 abgesehen etwas weitestgehend Unerhörtes, besser: Ungesehenes massentauglich: Videoclips. War die optische Darstellung der Musik zuvor auf Konzertsituationen beschränkt, verabreicht sie der thommyblonde Peter Illmann nun (was die DDR mit Stop!Rock! schnell kopiert) in Form vertonter Kurzfilme. Weitere Sender wie der Tele5-Vorläufer musicbox ziehen bald nach. Es wird zappelig auf dem Bildschirm. Video Killed The Radio Star heißt der passende Hit zum neuen Zeitalter. Mit dem holprigen Clip der Buggles nämlich hatte ein völlig neuartiger Kanal am Fernsehhimmel zwei Jahre zuvor sein Programm eröffnet. Sein Name: MTV.

Was da von den USA aus um 168 Videos in Dauerschleife herum gestrickt wird, widerspricht jedoch nicht nur optisch jeder Norm. Die Moderatoren sind Freaks, ihre Sendungen improvisiert, am Sendeplatz New York herrscht Anarchie wie in London, von wo aus MTV ab 1987 auch das frisch verlegte Kabelnetz in Deutschland versorgt. Die Musik spielt im Privatfernsehen. Und die Platzhirsche? Hecheln ihm von Anfang an hilflos, vor allem aber lieblos hinterher. Doch das gilt bald auch für die Emporkömmlinge im Dualen System. Abgesehen vom abseitigen Tele 5 nämlich nutzen weder RTL noch Sat1 den Sound der Popkultur je grundlegend anders als zur fortwährenden Steigerung des Lärmpegels. So wird er allerorts ausgelagert: Öffentlich-rechtlich an Arte und 3sat, kommerziell an VH1 und VIVA. Obwohl das Musikfernsehen sein Medium ähnlich verändert hat wie Daily Soap und Tutti Frutti, landet es auch schon wieder in der Nische.

Was bleibt also abgesehen von MTV Germany, so kurz vorm Millennium? Nach Peter Frankenfeld mag auch Harald Juhnke die TV-Bühne verlassen haben; da sie allerdings nahtlos durch Marianne & Michael, Karl Moik oder Hansi Hinterseer ersetzt werden, bleibt ARZDF offenbar auf ewig in der Endlosschleife des Schunkelns gefangen, während SatTL7 nichts als Chartshows einfällt und MTViva merkt, dass mit Videos viel, mit Klingeltönen aber noch viel mehr zu verdienen ist. Willkommen im Millennium!