ProSieben: Erfindergeist & Alltagssexismus

Das Geschlechterding des Jahres

In der ProSieben-Show Das Ding des Jahres wird fraglos auch viel Sinnvolles erfunden. Allerdings meistens von Männern. Frauen kommen auch im Finale am kommenden Dienstag meist nur mit textilem Lifestyle daher (Foto: Pro7/Willi Weber) und giggeln dazu servil. Eine Emanzipationskritik mit Nachhaltigkeitsschlenker.

Von Jan Freitag

Die Welt da draußen ist voller Probleme. Manipulierte Diesel verpesten unsere Luft, populistische Hetzer den Umgangston, Plastikmassen das Meer und Treibhausgase die Welt im Ganzen. Aber das alles ist noch gar nichts dagegen, was Jennifer, Ulrike und Larissa so umtreibt. Ihnen nämlich lässt die dringlichste aller Sorgen partout keine Ruhe. „Man hat einfach nicht für jedes Outfit die passende Handtasche.“ Bis jetzt. Denn die drei Designerinnen haben eine mit austauschbarer Deckklappe in „vielen tollen Farben und Mustern“ entwickelt und nebenbei eine Plattform gefunden, sie kostenlos zu bewerben: Das Ding des Jahres.

Um diesen Titel und 100.000 Euro Preisgeld kämpfen auf ProSieben grad fünf Dienstage lang Erfinderinnen wie Jennifer, Ulrike und Larissa. Wobei es analog zur Premiere 2018 vor allem Erfinder sind. Und falls sich doch mal weibliche Tüftler unter die männliche Übermacht mischen, haben sie so sicher wie Schleichwerbung bei der Wok-WM irgendetwas mit Kochen, Mode, Styling kreiert. Im zweiten Duell der dritten Folge bekam es das Taschentrio daher mit Katrin Liebers austauschbaren Pumps-Hacken zu tun. Die Herren der Alltagsschöpfung befassen sich dagegen mit Computergadgets, Transportsystemen und sonstiger Hardware. Schöne alte Geschlechterwelt.

Weil die Herren der Warenschöpfung auch Babymilch-Portionierer oder Silikonbackformen erdacht haben, weist ProSieben-Sprecher Christoph Körfer den Sexismus-Vorwurf zwar von sich. „Wenn Sie wollen“, kommentiert er weibliche Erfindungen männlicher Protagonisten auf DWDL-Anfrage „können Sie da gerne ein klischeehaftes Rollenbild hineininterpretieren“. Um männliche Entfaltungsmöglichkeiten geht es allerdings gar nicht, es geht um die Beschränkung der weiblichen. Etwa wenn der schmächtige Mittsiebziger Ernstfried den Mehrwert einer leichten Hundebox damit erklärt, wie eine Frau das schwere Standardmodell denn bitte ins Auto heben solle und Moderatorin Janin Ullmann dazu im schrittkurzen Minirock giggelt, als säßen wir uns noch im Fernsehzeitalter dekorativer Assistentinnen honoriger Conférenciers.

Als solche fungiert auch die Frau des Glasers Rolf. Gaby muss zwar vor seinem Spiegel mit digitaler Rückansicht posieren, aber schön die Klappe halten. Dass Heidi Klum in der Pause für ihre Modelzuchtshow wirbt, passt ins Bild einer Sendung, die das Rad der Emanzipation trotz paritätischer Jury um zwei, drei soziale Bewegungen zurückdreht. Nur zwei Wochen also, nachdem Maria Furtwänglers MaLisa-Stiftung belegen konnte, wie stereotyp Rollenbilder nicht nur in Film & Fernsehen, sondern auf Plattformen wie YouTube oder Instagram sind, erhob ProSieben das Klischee erneut zum Markenkern.

Schon 2018 stammten von 32 Erfindungen ja ganze sieben von Frauen, die bis auf ein Schuhgrößenmessgerät nichts als Textilien verarbeitet haben. Wenn ihr Anteil heute Abend in Folge 4 zurück auf Vorjahrsniveau fällt, werden die Damen – sofern sie nicht Teil gemischter Erfinderteams ist – ausnahmslos Lifestyle ersinnen. Ein mobiles Nagelstudio etwa oder kein Scherz: Sohlen-Tattoos für Stöckelschuhe. Mehr noch als beim Sendungsdebüt, das seinerzeit als „Trullala-Version“ der Höhle des Löwen kritisiert wurde, trifft klassische Geschlechterkonstruktionen also auf einen Konsumfetischismus, dem ernste Problemlagen im Zweifel halb so wichtig sind wie die passende Handtasche für jedes Outfit. Und diese Besinnungslosigkeit findet nirgendwo besser seinen Ausdruck als im „Smart Mirror“ von Max und René, der den akuten Kommunikationsoverkill nun auch ins Badezimmer trägt.

Dass Männer beim Rasieren ihre Business-Termine am digitalen Spiegel sortieren und Frauen beim Schminken Makeup-Tutorials betrachten, könnte der Jury um den heiteren Skeptiker Joko nun ein paar Fragen zu Ressourcenverbrauch und medialer Erschöpfung entlocken. Doch in dieser Art Dauerwerbesendung geht es ihm wie dem Supermodel Lena Gehrcke oder der Erotik-Versandhändlerin Lea-Sophie Cramer einzig um Verkäuflichkeit. Eine ProSieben-Pressemitteilung feierte gestern entsprechend stolz „Verkaufsrekorden“ mehrere Webseiten teilnehmender Start-ups. Da hat Rewe-Verkaufsleiter Hans-Jürgen Moog im Jury-Sessel keine weiteren Fragen, als im Bildschirmeck der dritten Folge „unterstützt durch Produktplatzierungen“ aufpoppt.

Kurz vorm echten Reklame-Break gibt es dann noch einen SUV mit 178 PS zu gewinnen, den die Generation sorglos als „urbanen Crossover“ verharmlos. Und dass ein Tragegurt für Plastikflaschengebinde nicht nur den Wegwerfkonsum im Land der weltbesten Trinkwasserqualität erhöht, sondern „von Hausfrauen gemacht“ wird, wie der Erfinder arglos die Produktionsbedingungen schildert – hey: We love to entertain you! Obwohl das Ding des Jahres nachhaltig sein könnte wie ein revolutionärer Fahrradschlauch oder Einweggeschirr aus Laub, ähnelt der sexistisch grundierte Fortschrittsoptimismus in Stefan Raabs Format dem von Galileo, wo Fun stets schwerer wiegt als Verantwortung.

Um ProSieben nicht Unrecht zu tun: Sein Personal ist jünger, weiblicher, migrationshintergründiger als bei der Konkurrenz. Ähnliches gilt für viele Serien oder Shows. Zugleich aber (ent-)kleiden sich selbst Meteorologinnen wie Frischfleisch vorm Bachelor, von Moderatorinnen der Gossip-Magazine ganz zu schweigen. Wie heißt es in der MaLisa-Studie: „Sie sind dünn, langhaarig und beschäftigen sich hauptsächlich mit den Themen Mode, Ernährung und Beauty.“ Gemeint sind damit die Influencer digitaler Plattformen. Bei ProSieben gilt das auch für Erfinderinnen.

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True Detective III: Mahershala & Pizzolatto

Schonungslos ohne Schaum

Anders als in der viel kritisierten Staffel 2 knüpft die Fortsetzung von True Detective ab heute auf Sky ans grandiose Debüt der HBO-Thrillerserie an – und skizziert bei der Aufklärung eines Ritualmords gleich noch das reaktionäre Kernland der Trump-Wähler.

Von Jan Freitag

Das Böse, so sehr die Popularier aller Ränder vom Gegenteil brüllen, lauert da, wo man’s am wenigsten erwartet: unter Freunden, Verwandten, Nachbarn. Äußerlich gesehen ist etwa der subtropische Süden Nordamerikas von solch unspektakulärer Ödnis, dass die Menschen darin unmöglich für das infrage kommen können, was ab heute auf Sky ermittelt wird: den Ritualmord an einem Kind. Eigentlich. Doch der Täter hat das Opfer ja nicht nur getötet, sondern betend im Gebirge drapiert, was für seine verschwundene Schwester Schreckliches befürchten lässt. Wer tut sowas bloß?

Gut, in der Realität fast keiner; Ritualmorde sind ein Fetisch des Fernsehens, das sein Publikum lieber mit absurder als realistischer Gewalt unterhält. Aber im Bibelgürtel der USA traut man den Leuten alles zu – was allerdings weder an ihnen noch dem Ort liegt. Es liegt an der Art, wie Nic Pizzolatto beides in Szene setzt. Nach missratenem Zwischenstopp in L.A., verlegt der Showrunner die 3. Staffel True Detective nämlich zurück zum Start seiner Reihe: Arkansas – ähnlich arm, reaktionär, zerrüttet wie das angrenzende Louisiana, wo Woody Harrilson und Matthew McConaughey 2014 Krimiseriengeschichte schrieben.

Jetzt also stochert Oscar-Gewinner Mahershala Ali (Moonlight) mit dem dramaturgisch schlichteren Actiondarsteller Stephen Dorff im provinziellen Dickicht. Ende 1980, am Tag als – wie ständig erwähnt wird – Steve McQueen stirbt, sitzen die Polizisten Hays und West auf einem Schrottplatz und erschießen beim Feierabendbier Ratten. Kurz darauf aber werden sie zu einem Redneck mit Schnauzbart und Basecap gerufen, dessen Kinder verschwunden sind. So beginnt eine Jagd, die den empathischen Hays vom Moment der Tat über ein Wiederaufnahmeverfahren zehn Jahre später in unsere Gegenwart führt, wo der demente Ex-Cop als Protagonist eines True-Crime-Formats auf die Dämonen seiner beruflichen Vergangenheit trifft.

Dieser Wechsel der Zeitebene erinnert wie die Kulisse ans preisgekrönte Reihendebüt. Und wie damals ist alles von einer unterschwelligen Intensität, die das Publikum von der ersten Sekunde bar aller Effekthascherei fesselt. Es beginnt bereits bei den Hauptfiguren. Anders als vor fünf Jahren Detective Rust (McConaughey) und Hart (Harrelson), sind ihre Kollegen Hays (Ali) und West (Dorff) zwar der Hautfarbe, nicht aber dem Wesen nach grundverschieden. Während ersterer bei der Tätersuche im rassistischen Süden gegen eine Mauer der Verachtung prallt, gibt letzterer so wenig auf Vorurteile wie die drei Filmemacher.

Gemeinsam mit Regie-Neuling Pizzolatto skizzieren die erfahrenen Jeremy Saulnier und Daniel Sackheim den white trash, hierzulande wohl mit „Wutbürger“ übersetzbar, schonungslos, aber ohne Schaum vorm Mund. Und diese Neutralität wird durch eine Ästhetik gestützt, in der keine Figur, kein Stein, nicht das kleinste Requisit berechnend wirkt. Die Sonne scheint, nur selten gleißend. Die Kleidung ist zeitgemäß, ohne je kostümiert zu wirken. Und Mahershala Ali darf 25 Jahre berufliches Leiden mit einer Diskretion spielen, an der selbst im Alter kein Fältchen geschminkt daherkommt.

So gelingt es True Detective abermals, ein präzises Gesellschaftsporträt als Kriminalfall zu verkleiden, der nirgends mit Ermittlungsstandards nervt und nebenbei erklärt, warum Donald Trump in Gegenden erfolgreich ist, wo Rasse plus Nation das letzte ist, was weiße Männer in ihrer Misere sinkender Bedeutung noch eint. So relevant, wertes deutsches Fernsehen, kann Entertainment sein.


Fernsehjahr 2019: Apple-TV & 8 Tage

Die Freizeit von morgen

Das lineare Fernsehen, darüber herrscht fast flächendeckende Einigkeit, wird es auch weiterhin noch geben. Die Bewegung am Markt der Videoportale und Streamingdienste ist jedoch längst mehr als ein lang anhaltendes Erdbeben in Fernsehland. Ein komprimierter, konzentrierter, hoffnungsfroher Ausblick.

Von Jan Freitag

Hundert Milliarden! Man muss diese Zahl kurz mal Null für Null durchgehen, um ihr Ausmaß zu begreifen. Zwölf davon hat nämlich der Börsenwert einer Videothek in Dollar, die auch 22 Jahre nach der Gründung rote Zahlen schreibt. Und dabei ist Netflix noch nichts gegen Apple! Der Tech-Gigant aus Cupertino agiert zwar hochprofitabel; wäre allerdings jene Billion Dollar, die er seit August wert ist, das Bruttoinlandsprodukt einer Nation: mit 123.000 Mitarbeitern rangierte Apple nur knapp hinter Indonesien auf Platz 16 der wirtschaftsstärksten Länder.

Das sollten auch die Mitbewerber von Sky bis Amazon im Kopf haben, wenn sie das neue Jahr planen. Denn Apple, man darf das als Drohung verstehen, will 2019 ins boomende Streaming-Geschäft einsteigen. Parallel drängt der Medien-Multi Warner auf einen Markt, der erneut um 30 Prozent auf 31 Milliarden Euro Umsatz explodiert ist. Und da war vom weltweit wertvollsten Entertainer Disney, dessen gewaltiger Filmfundus künftig auch online abrufbar sein wird, noch nicht mal die Rede.

Das sollte aber nicht nur die Internet-Branche im Kopf haben. Auch das alte Fernsehen blickt gespannt auf die neuen Dienste. Schließlich machen sie ihm gerade hierzulande Feuer unterm Ohrensessel. Prime Video zum Beispiel adaptiert die populäre Kinderfilmreihe Bibi & Tina grad als Serien-Event und bindet künftige Versandkunden damit von klein auf an die kalifornische Konsumkrake. Benno Fürmann zeigt sich derweil als Held des europäischen Reihenthrillers Hanna, während der britische Aberwitz von Good Omens sechs Teile lang ganz entzückend an Dirk Gentley’s Holistische Detektei erinnert, mit der Netflix seit 2016 Furore macht.

Dort plant man drei Jahre später gleich fünf deutschsprachige Serien: Die Barbaren wird ein römisch-germanisches Game of Thrones, den Tribes of Europe ins postapokalyptische Morgen verlegt. Die Milieustudien Skylines oder Dont’t try this at home wildern mit Gangstarap und Gangsterchic in der konsumfreudigen Zuschauerzielgruppe von 4 Blocks bis Narcos. Und dann mischt der Frischling mit einem Weihnachtsmehrteiler auch noch die Familienkuschelecke der Platzhirsche auf. Was die dagegen wohl machen – na? Genau: Weiter wie bisher.

Das Erste etwa verlagert den Quotenerfolg der Charité am 19. Februar in den Nationalsozialismus. Vor der Tagesschau debütieren Watzmann-Ermittler, im Anschluss Irland-Krimis und nachdem Tom Schilling Brecht verkörpert das Mauerfall-Drama Wendezeit. Zum 30. Jahrestag setzt auch das Zweite mit dem Zweiteiler Walpurgisnacht auf zweitstaatliche Zweit-, äh Zeitgeschichte. Dazu gibt‘s ein Rührstück zum 100. Bauhaus-Geburtstag und die Brauerei-Erzählung Bier Royal. Sicher: mit Montagsfilmen und Mittwochsdramen, Infotainment und Nachrichtenkompetenz setzen ARZDF samt Arte und Neo weiter die Maßstäbe seriöser Vollprogrammversorgung.

Neue Serien jedoch dreht eher andere. Nun muss man wegen Der Bulle & das Biest, einer Exhumierung von Kommissar Rex von Sat1, sicher ebenso wenig die Filmpreisjurys alarmieren wie im Fall von RTL-Reihen mit Klempnerin und Nachtschwestern oder einer TNT-Mockumentary über Helikoptereltern im März. Immerhin versuche es die Privaten aber mit Stoffen jenseits des medizinisch-kriminologisch-juristischen Mainstreams. Weltgeltung indes ist offenbar nur im Tandem mit Videoportalen denkbar. Amazon arbeitet weiter an der Deutschland-Saga von RTL, Netflix stellt fröhlich Pro7Sat1-Serien online. Und da Babylon Berlin ein ähnlicher Erfolg im Ersten war wie Ende 2017 bei Sky, wird das Projekt mit Topstars in Topkulissen fortgesetzt, die man sich einzeln kaum leisten könnte. „Erst durch solche Kooperationen sei es aus Sicht von Sky-Vize Elke Walthelm möglich, „Content zu produzieren, der im internationalen Vergleich absolut mithalten kann“. Im zunehmenden Wettbewerb gebe es also einen Zug zum Miteinander. Umso mehr machen Digitalkanäle der einst analogen Konkurrenz auf ihrem Kerngebiet Konkurrenz: Herausragender Fiktion mit kriminalistischem Kern.

Ab 25. Januar jagen Nicholas Ofczarek und Julia Jentsch daher im Stile der Brücke einen Serienkiller aufs Sky durchs österreichisch-deutsche Grenzgebiet. Und im März schlagen sich Mark Waschke und Christiane Paul 8 Tage durch eine präapokalyptische Zivilisation vorm Meteoriteneinschlag. Alles hochwertig, spannend, oft couragierter als das Regelprogramm. So richtig Geld aber wird dann doch durch einen Koproduktionsdeal über 250 Millionen Dollar mit HBO – dessen Bestseller Game of Thrones im Juni bei Sky endet – bewegt.

Wenn Netflix zugleich neunstellige Summen in Mafiafilme von Martin Scorces steckt, wenn Warner sein Spielfilmarchiv ins Netzstellt, wenn selbst YouTube Inhalt produziert – dann stellt sich allerdings die Frage: Wer soll das eigentlich alles gucken, um es wie genau noch mal zu finanzieren? Selbst Serienjunkies haben ja nur 24 Stunden Zeit zum Binge-Watching. Das Angebot Hunderter Portale und Sender übersteigt die Nachfrage ja schon jetzt. Es ist wie im Fußball: Weil Spielergagen ins Unermessliche steigen, wird das Publikum mit aufgeblähtem TV-Sport gemästet bis die Liebe Verdruss weicht. So faszinierend das neue Fernsehen also ist: es muss bald mal rentabel wirtschaften. Anders als das Sportportal DAZN sind Streamingdienste nicht nur einem Milliardär, sondern Aktionären verpflichtet. Von den Gläubigern gigantischer Kredite, die besonders Netflix aufnimmt, ganz zu schweigen.

Gerade darin allerdings liegt womöglich auch die Chance des alten Fernsehens. Winzlinge wie Funk oder Neo zeigen ja mit drolliger Lowbudget-Fiktion, wie viel wenig erreichen kann. Bei den Scheinriesen hingegen macht das ZDF Frank Schätzings Schwarm und RTL ein Remake von M – Eine Stadt sucht einen Mörder, Jörg Kachelmann kehrt ins Erste zurück und ProSieben mit einer – padautz! – Datingshow auf den Kuppelmarkt. Allenfalls Arte traut sich mit einer deutsch-französischen Fiktion übers Flüchtlingselend an Europas Stränden gelegentlich aus der Deckung gefälliger Unterhaltung. Aber wo genau bitte sind die noch mal auf der Fernbedienung?

Auch wegen seiner strukturellen Randlage stärkt der Kulturkanal daher wie niemand sonst im linearen Segment seine Mediathek und positioniert sich somit im Grunde längst zwischen den echten Onlinern. Nur: Was die bisweilen für einzelne Hochglanzformate raushauen, damit finanziert Arte mit Mühe ein Senderquartal. Und durch die neuen, milliardenschweren  Konzerne im Starthaus wird der Markt gewiss nicht luftiger. Christoph Schneider zeigt sich im Münchner Industrie-Gebiet zwar fast aufreizend gelassen, wenn der deutsche Geschäftsführer von Amazon Prime Video beteuert, „angesichts der vielen Pläne, von denen da dauernd zu hören ist, muss man erst mal sehen, was am Ende des Tages umgesetzt wird.“ Aber falls Disney mit Superhelden ums Portaleck biegt, Warner mit Harry Potter und beide mit Originalserien, dann kriegt das selbst sein mächtiger Handelskonzern zu spüren. Und das Niveau sowieso. Masse, ganz gleich welcher Güte, siegt 2019 wohl doch über Klasse.


Kominsky Method: Michael Douglas & Netflix

Das schwache Gemächt

Oberflächlich schenkt Netflix den Filmlegenden Michael Douglas und Alan Arkin bloß ein heiteres Serienvermächtnis. Unter The Kominsky Method lauert jedoch eine Parabel auf die postheroische Selbstvermarktungsgesellschaft von generationsübergreifendem Tiefgang.

Von Jan Freitag

Ach weißer Mann, du arme Sau. Hunderte von Generationen hast du den Planeten beherrscht wie einst die Saurier. Berge, Täler, Weib und Tier, später gar Krankheit, Klima, Tod und Vernichtung – fast alles war dir ein volles Erdzeitalter lang so zu Diensten, dass du selbst hochbetagt weder Opposition noch Konkurrenz dulden musstest. Und jetzt, kaum 10.000 Jahre nach dem Beginn deiner Regentschaft, stehst du im Klo und pisst traurige Tropfen statt harter Fontänen? „Nun komm schon!“, raunzt ein verwittertes Exemplar sein altersschwaches Gemächt an und erntet auch noch in aller Öffentlich den Spott der eigenen Tochter fürs Blasendrama.

Man könnte glatt Mitleid kriegen mit Sandy Kominsky, wäre er nicht derart viele seiner 74 Jahre vor Kraft und Ego fast geplatzt! Vor allem aber: würde dieses fiktionale Prachtstück eines durch und durch destruktiven Geschlechts nicht von einem Darsteller verkörpert, der im Alter nur immer und immer noch besser und besser wird. Denn nachdem Amazon die Riege der Oscar-Sieger in TV-Produktionen erst vor zwei Wochen um Julia Roberts (Homecoming) erweitert hat, steigt auch Michael Douglas vom Kino-Olymp in die Welt des Serienfernsehens hernieder. Und das ist, bei aller Zurückhaltung, zum Niederknien.

Mitte der Siebziger auf den Straßen von San Franzisco zum Weltstar geworden, hatte der legendäre Sohn eines legendären Vaters den Bildschirm abgesehen von einem Cameo bei „Will & Grace“ gemieden. Nun spielt er die Titelrolle im Netflix-Original The Kominsky Method. Und nach Ansicht der ersten fünf von acht Folgen ist sein ebenso lebenssatter wie lebenshungriger, aber auch leicht lebenswunder Schauspiellehrer ein Glücksfall fürs alte, neue Medium. Schon wie er es betritt!

Minute1, mattes Licht, Kellerclubatmosphäre: „Bevor wir anfangen zu arbeiten“, sagt er zum guten Dutzend Studenten im Seminar des Ex-Filmstars, „erzähle ich euch etwas übers Handwerk“. Messerscharf zerschneidet der Blick dieser Hollywoodikone als Hollywoodikone dabei den Klassenraum, ein cineastisches Raubtier auf Beutezug nach Respekt, Achtung, echten Gegnern. Abgesehen vom Faltengebirge in seinem Gesicht scheint also alles wie in seiner Glanzzeit der Achtziger, Neunzigerjahre, denen Douglas Banker, Ermittler, Amokläufer von imposanter Dominanz verpasst hat. Und dann beißt es auch noch zu wie damals: „Ein Schauspieler tut so als sei er Gott!“ Denn was tue der? Kominsky antwortet selbst: „Gott erschafft!“

So wuchtig führt der Showrunner ein archaisches Alphatier ein, das ein archaischeres Alphatier spielt. Doch da Chuck Lorre neben Big Bang Theory auch Two and a half Men erschaffen hat und damit zum Gott des Gelächters über männliche Selbstüberschätzung wurde, steht Michael Douglas‘ Kominsky später mit seinem Freund und Agenten Norman – noch greisenhafter gespielt vom noch älteren Alan Arkin (Catch 22) – knietief im Selbstmitleid. Wie die Kinofossile bei Old-Fashion-Drinks in Old-Fashion-Bars Old-Fashion-Probleme diskutieren ist schlicht zum Niederknien – und liftet die Messlatte eines Old-Fashion-Formats, das gottlob mehr will, als zwei Pensionären in spe ein humoristisches Spätwerk zu schenken.

Vom ersten Moment an ist The Kominsky Method nämlich eine bissige, pointenlos lustige, selten nostalgische Abrechnung mit dem Jugendwahn und wie man ihm im Alter einigermaßen würdevoll trotzt. Gemeinhin erliegen TV-Senioren ja entweder dem saftigen Spott der Golden Girls oder öligen Herrenwitz des Odd-Couple. Diese alternden Leithammel hingegen macht der schleichende Bedeutungsverlust nicht zu Zynikern. Es sind Realisten, die den Urologen schon mal fragen, ob anstelle ihrer Prostata nicht doch der Arsch gewachsen sei und ihrer schwächelnden Libido skeptisch, statt mit einer Extraportion Viagra begegnen.

Resultat ist eine Sitcom, die zwar im saturierten Mainstream der letzten Weltkriegsgeneration spielt. Doch sie erzählt uns auch viel übers postheroische Digitalzeitalter: den ewigen Zwang zur Selbstvermarktung bis ins Grab, die Sprachlosigkeit im Dauergequassel sozialer Netzwerke, das Risiko, zwischen #MeToo und #MeTwo das Falsche, also Sexistische, Rassistische, Populistische zu sagen/machen/unterlassen. Wirklich gehaltvoll wird all das indes erst, weil den alten Männern jüngere Frauen zur Seite stehen, die ihr Bemühen um Reflexion sorgsam spiegeln: Normans exaltierte Tochter Phoebe (Lisa Edelstein), deren hochgeachtete Mutter Eileen (Susan Sullivan) bald verstirbt, während sich Sandys resolute Tochter Mindy (Sarah Baker) mit der Schauspielschülerin Lisa (Nancy Travis) verschwestert, die sich im Kurs (und Herz) ihres Vaters von einer gescheiterten Langzeitehe erholt.

Ergänzt um Gaststars von Danny DeVito bis Ann-Margret blickt dieses Sextett schonungslos, aber sanftmütig in die gekippte Alterspyramide, stellt jedoch niemanden darin bloß. Das macht The Kominsky Method zur unterhaltsamen Prophylaxe der drohenden Mid- bis Endlifecrisis. Beipackzettel: Wenn man das Alter nimmt, wie es kommt, also eher tröpfchenweise als fontänenhart, wird es nicht nur erträglich, sondern echt lebenswert. Und wer könnte das besser verkörpern als der siegreiche Krebspatient Michael Douglas.


Nordlichter: Horror & Hallervorden

Heizkessel mit Hexe

Nach zwei Liebesschwerpunkten verlegt sich die NDR-Debütfilmreihe Nordlichter aufs Gruseln und macht das drei Donnerstage lang ab 22.50 Uhr sogar (meistens) sehr gut. Selbst der dramaturgisch holprige Auftakt Tian hat heute echten Mehrwert: Der Gothic-Horror aus St. Pauli thematisiert die Räumung des Chinesenviertel auf St. Pauli durch die Nazis, was sogar für die Schulbildung taugt.

Von Jan Freitag

Manchmal muss man ganz schön weit reisen, um die eigene Nachbarschaft ein bisschen besser kennenzulernen. Damian Schipporeit zum Beispiel ist erst bei einem Besuch in Shanghai aufs Chinesen-Viertel seiner Wahlheimat Hamburg gestoßen und sofort hellhörig geworden. Zurück in St. Pauli machte sich der Regisseur mit dem befreundeten Drehbuchautor Georg Tiefenbach auf die Suche nach der fernöstliche Enklave im hanseatischen Rotlichtbezirk, wurde ums Eck der Großen Freiheit fündig und bastelte daraus sein Langfilmdebüt. Genau hier nun könnte die Geschichte zu handelsüblichem Historytainment des Unterhaltungsfernsehens verflachen. Einer deutsch-asiatischen Lovestory zum Beispiel mit exotischem Flair am fotogenen Handelsplatz Hamburg.

Sehr hübsch.

Das ortsansässige Duo aber hatte etwas völlig anderes im Sinn: Einen Grusel-Thriller. Und es fand sogar einen Fernsehsender zur Realisierung: Den NDR. Dort nämlich hatte der zuständige Abteilungsleiter Christian Ganderath grad beschlossen, die Debütfilmreihe „Nordlichter“ nach zwei Liebesschwerpunkten mal zu mystifizieren. Obwohl Fiktion zum Gruseln meist aus Amerika importiert wird, erzählt Ganderath beim Pressetermin im Horror-Museum Hamburg Dungeon, reichen ihre deutschen Wurzeln „bis tief in den expressionistischen Stummfilm hinein“. Und so wurde Tian, wie Schipporeits Erstlingswerk heißt, zum Auftakt schauriger Eigenproduktionen, die ab heute donnerstags im Dritten laufen.

Der Bauingenieur Michael (Stephan Kampwirth) zieht darin mit Frau und Tochter in die real existierende Schmuckstraße, wo die Gestapo 74 Jahre zuvor das missliebige, weil „unarische“ Chinesenviertel geräumt hat. Im verwitterten Altbau wohnt allerdings nicht nur Michaels Schwiegervater Heinrich (Hermann Beyer), sondern auch eine Schar Geister der getöteten Opfer, mit denen besonders die psychisch labile Friederike (Katharina Schüttler) zu kämpfen hat. Tian, zu Deutsch: Himmel ist klassischer Gothic-Horror im Poltergeisterhaus, was die Netflix-Serie The Haunting of Hill House gerade dezent schaurig zur Perfektion führt. Im NDR jedoch werden Suspense und Tiefgang ein wenig zu oft durch dräuende Musik und zischende Heizkessel ersetzt, weshalb das zweite Nordlicht am 1. November weitaus sehenswerter ist.

In Jenseits des Spiegels zieht Julia mit Mann und Sohn auf den abgelegenen Hof ihrer verstorbenen Schwester Jette, die nach dem vermeintlichen Suizid offenbar noch immer durchs verwunschene Anwesen spukt – oder tut sie es nur im Kopf der schönen Neubewohnerin? Anders als „Tian“ gelingt es dem Hannoveraner Regisseur Nils Loofs zweiter Spielfilm nach dem Drehbuch von Ingo Lechner und Jens Pantring, die rätselhafte Atmosphäre (fast) frei von Effekthascherei aufzuladen. Julia Hartmann und Bernhard Piesk gelingt es zudem als – fürs Provinzleben etwas arg urbanes – Paar Normalität im Wahnsinn zu bewahren. Ähnliches gilt dann auch für den dritten Film der Reihe namens Wo kein Schatten fällt.

Das Debütprojekt des Kreativteams „Das Kind mit der goldene Jacke“ um Regisseurin Esther Bialas ist eine Art Coming-of-Age-Story der jungen Hanna (Valerie Stoll) die im Moor ihrer Ahnen erkennt, dass sie eine Art Hexe ist. Mit Godehard Giese, Rick Okon und Sascha Alexander Geršak bis in die Nebenrollen hinein prominent besetzt, beschränken sich die 95 Minuten allerdings nicht auf die mythologischen Aspekte moderner Magie, sondern verknüpfen sie – manchmal etwas bemüht popmodern, aber gehaltvoll – mit Themen wie der Unterdrückung weiblicher Emanzipation, die mit der Hexenverfolgung ja keinesfalls ihr Ende nahm.

Würde der NDR die Reihe am 15. November nicht absurderweise mit der völlig unmysteriösen Dieter-Hallervorden-Komödie Friesisch für Anfänger vollenden – allein die Vielfalt der Gruselstoffe wären ein gutes Argument, auch hierzulande öfters mal aufs Boomfach Mystery zu setzen. Schließlich taugt es anscheinend sogar zur Erziehung. Tian nämlich, frohlocken die Macher, wird von Drehbeginn an medienpädagogisch begleitet und demnächst an Hamburger Schulen als Teil stadtsoziologischer Bildungsprojekte eingesetzt. Horror als Hauptfach mit Film plus Exkursionen – kein schlechtes Konzept, um die fernsehferne Jugend wieder ein bisschen ans alte Leitmedium zu binden.


Spuk in Hill House: Horror & Familienepos

Retrogruselperfektion

Die unfassbar fesselnde Netflix-Serie Spuk in Hill House zeigt, was Streaming-Dienste der linearen Konkurrenz noch immer voraus haben: Horror darf, muss aber nicht unerträglich krass sein, um Nerds wie Normalos zu bedienen. Im Zehnteiler führt das zu einer fesselnden Mischung aus Familiendrama und Gothic-Grusel.

Von Jan Freitag

Der perfekte Moment des Horrorfilms geht aus Sicht des Altmeisters John Carpenter ungefähr so: Wenn man das Grauen besonders erwartet, lässt es garantiert solange auf sich warten, bis eine Entspannung eintritt, die dann umso brutaler zuzuschlagen wird. Den perfekten Moment des Horrorfilms kostet daher kaum jemand so aus wie Sheryl, wenn die Bestatterin der Netlix-Serie The Haunting of Hill House, zu deutsch etwas weniger unheimlich Spuk in Hill House ab heute einen Leichnam fürs Begräbnis im offenen Sarg zurechtmacht.

Sein Gesicht ist aschfahl, das Kellerlicht kühl. Kein Laut durchdringt die Stille, in der Sheryl allein mit sich, ihrer Schwester und der bohrenden Erinnerung ans verfluchte Elternhaus verbringt, das dem Nesthäkchen Nelly am Ende doch das Leben gekostet hat. Dank präziser Rückblenden wissen aufmerksame Zuschauer dieser unfassbar fesselnden Gruselserie nämlich längst: Shelly und Nelly sind zwei von fünf Geschwistern, die das transsylvanisch anmutende Vorstadtchalet der Architektenfamilie Crane einst so derart gespenstisch traumatisiert hat, dass die jüngste Tochter 20 Jahre später nach erfolgreichem Suizid auf dem Einbalsamierungstisch der ältesten liegt.

Gemäß den Regeln des Genres müsste nun also folgendes passieren: die Lebende pinselt an der Toten herum, letztere reißt schlagartig die Augen auf, woraufhin erstere wie am Spieß schreit und entweder den Monsteropfertod stirbt oder schweißgebadet im eigenen Bett erwacht. Doch es geschieht: Nichts. Zwischendurch kriecht zwar ein Käfer aus Nellys Mund, den Sheryl rasch als Trugbild entlarvt. Ansonsten aber dehnt John Carpenters äußerst erfolgreicher Epigone Mike Flanagan (Ouija) den perfekten Moment des Horrorfilms so in die Länge, bis er das Blut gefrieren lässt: Denn auf dem Seziertisch nebenan sitzt plötzlich Sheryls Mutter. Klar, dass die seit Jahren tot ist.

Es sind Szenen wie diese, die das Publikum von Spuk in Hill House genüsslich an den Rand des Erträglichen treiben, ohne es ganz darüber hinweg zu stoßen. Relativ frei nach Shirley Jacksons gleichnamigem, mehrfach adaptiertem Romanschocker von 1959 flößt der Zehnteiler schließlich weder mit der impulsiven Effekthascherei billiger Slasher-Movies noch virtuoser Splatter-Maskeraden zeitgenössischer Zombieserien Furcht ein. Dem Regisseur und Autor Flanagan reichen dafür nadelstichartige Andeutungen einer verborgenen Macht, die das schaurig-schöne Herrenhaus in Gestalt einer geisterhaften Frau besetzt und ihre Bewohner zu psychischen Wrack verschiedenster Art gemacht hat.

Während es die Bestatterin Sheryl (Elizabeth Reaser) ebenso wie ihre bindungsunfähige, aber lebensfrohe Schwester Theo (Kate Siegel) und den erfolgreichen Schriftsteller Steve (Michael Huisman), der für seine Spukgeschichten echte Horrorstorys einsammelt, allerdings noch recht gut getroffen hat, landen die zwei Nesthäkchen wahrhaftig im Wahnsinn. Luke (Oliver Jackson-Cohen) wird zum drogensüchtigen Loser, seine Zwillingsschwester Nelly (Victoria Pedretti) zerbricht gar vollends an der geisterhaften Erscheinung, die ihr einst am eindrücklichsten im Traum erschienen ist.

All dies macht Spuk in Hill House zu weit mehr als nur versiertem Gothic-Horror im Retro-Stil. Dank eines Casts, der bis in die virtuos verkörperten Kindercharaktere viel Erfahrung mit dem Genre hat, erschafft Mike Flanagan dazu noch ein ergreifendes Familienepos, das auch diesseits des Übernatürlichen bestens funktioniert. Da das Drama umgekehrt nicht den Zweck erfüllt, Gruseleffekte zu verkleben, erinnert die Eigenproduktion von Netflix an die besseren Momente von American Horrorstory. Von beidem kommt man kaum los – wie brutal das Grauen auch zuschlägt.


Albrecht Schuch: Uwe M. & Kruso

In der Natur werde ich ruhig

In der atmosphärischen Roman-Verfilmung Kruso um eine Schar Freigeister auf Hiddensee, die Republikflüchtlinge zum Bleiben in der DDR ermutigen, spielt Albrecht Schuch heute Abend (20.15 Uhr) im Ersten die Titelfigur – und zeigt damit zum zweiten Mal in nur drei Tagen, warum er zum Besten zählt, was das deutsche Schauspiel derzeit im Angebot hat. Ein Gespräch über Heimat, Lyrik, Rückzugsorte und warum seine Figuren oft irre lachen.

Von Jan Freitag

Herr Schuch, Sie laufen innerhalb von drei Tagen zweimal zur besten Sendezeit im Fernsehen.

Albrecht Schuch: Der Polizist und das Mädchen, Dienstag vor Kruso, stimmt.

Liegt Ihnen einer der beiden mehr am Herzen?

Ich mag beide sehr, aber das Poetische an Kruso ist schon was Besonderes.

Sind Sie ein lyrischer Typ?

Wenn es bedeutet, länger über Gedanken zu sprechen und mehr auszudrücken als nötig, absolut. Ich habe spät, erst mit elf oder so angefangen mich mit Büchern zu beschäftigen und bin bis jetzt keine Leseratte, die 15 Romane im Jahr verschlingt. Aber mein zweites Buch war von Hermann Hesse; seine ausschweifende Art zu formulieren hat mich ungemein geprägt; ich schweife ja auch unglaublich aus.

Kannten Sie die Literatur-Vorlage von Kruso?

Nein. Und als ich sie gelesen habe, brauchte ich auch etwas, um reinzukommen. Aber dann bekam die Lektüre sowas Wogendes, als stünde man auf einem Schiff. Das hat fast körperliche Empfindungen bei mir ausgelöst.

Setzt der Film das bildlich um?

Ich wünsche mir bei Buchvorlagen zwar oft, sie nicht zu kennen – aber ja, unbedingt. Unter anderem, weil man den Film nicht konsumiert, sondern auf sich wirken lässt. Weil er keine Antworten gibt, sondern Fragen aufwirft. Weil er sinnlich ist, ohne berechnend zu sein. Um das einzufangen, haben wir auch nicht auf Hiddensee gedreht; mittlerweile zu verbaut. Sondern in Litauen. Kurische Nehrung. Wild, schön, Wahnsinn! Das sah da noch aus wie vor 30 Jahren und das Wetter hat fünfmal am Tag gewechselt… Ich versuche mich stets mit dem Drehort innerlich zu verbinden, das hat da wunderbar geklappt.

Mit welchen Mitteln?

Indem ich mir zum Beispiel ein uraltes Klapprad aus Sowjet-Zeiten gekauft habe und durch die Gegend gefahren bin, um die Menschen zu erleben. So hätte Kruso das auch gemacht. Er ist da zwar noch drei Stufen weiter, aber wir beide sind sehr sensitive Menschen, die eingreifen, wenn irgendwo Gefühle offen liegen. Und am Set lagen fast alle offen. Wir haben eigentlich alle ständig geheult (lacht).

Weil Sie sich so nahe waren?

Auch das. Die meisten Darsteller kannte ich noch vom Gorki-Theater, wo Anja Schneider mal selbst den Kruso gespielt. Das waren Jugendidole, die mich trotzdem nie spüren ließen, wie viel erfahrener sie sind. Dieses Familienfest merkt man dem Film glaube ich an.

Besonders wird er allerdings durch etwas anderes.

Was denn?

Er erzählt die DDR nach all den Flucht-, Rettungs- und Wendegeschichten erstmals als Verlust, dem nachzutrauern nicht nostalgisch, sondern menschlich ist.

Definitiv! Und das hat mich, nicht nur weil ich selber aus dem Osten komme, von Anfang an so fasziniert. In dieser Heimatliebe steckt ja etwas Universelles: Warum wollen wir stets weg von dem, was wir haben, und was erhoffen wir uns, woanders zu finden, das es nicht dort, wo wir sind, bereits gibt? Das hat natürlich was Räucherstäbchenumnebeltes, ist im Kern aber die Frage aller Fragen nach dem Sinn des Lebens.

Macht das den Film im besseren Sinne zum Heimatfilm?

Kruso würde das mit einem Fragezeichen versehen: Wo ist Heimat?

Und?

In dir selbst. Das gilt für Kruso, der alle, alles verloren hat, diese Leerstellen ohne Wurzeln und Familie aber durch die Nähe zu Menschen seines Vertrauens zu füllen versucht. Das gilt für uns alle, mich eingeschlossen. Auch mein Heimatbegriff ist ja nicht mit einem Stück Land oder Erde verbunden, solang man sich dort nicht mit seinen Liebsten trifft, um es mit ihnen zu teilen. Ansonsten lenkt es nur davon ab, was uns wirklich wichtig ist.

Und dafür ist ja der „Klausner“, dieser selbstverwaltete, abgewrackte, liebevoll erhaltene Gasthof ein Synonym.

Genau.

Haben Sie auch so einen Ort außerhalb der eigenen Wohnung?

Berge. Ich lebe zwar die Hälfte meiner Zeit in der Stadt, aber Natur im Allgemeinen ist mein wichtigster Rückzugsort. Ich habe von Punk bis Skater alle Modeerscheinungen der Großstadt ausprobiert, aber sobald ich zurück auf dem Land war, fiel mir auf, wie wenig Substanz alles Äußere hat. In der Natur werde ich ganz ruhig.

Das steht im Gegensatz zu Rollen von Neue Vahr Süd über NSU-Komplex bis Bad Banks und Gladbeck, in denen Sie etwas Unruhiges, Fiebriges ausstrahlen, oft ausgedrückt durch so ein unkontrolliertes Lachen.

Die Wahrnehmung höre ich zum ersten Mal, ist aber hochinteressant; schön, das mal gespiegelt zu kriegen. Abgesehen vom Reporter in Gladbeck hab ich das bislang nämlich nie bewusst eingesetzt. Ich mag allerdings die Nähe von Melancholie und Wahnsinn, vielleicht findet das darin unterbewusst seinen Ausdruck, vielleicht ist das auch die Verbindung meiner Rollen zu mir, die ich stets suche. Nach meiner Rolle im NSU-Komplex brauchte ich daher ein Jahr, um mich von meiner Rolle zu reinigen.

Angeblich musste das der gesamte Cast, nachdem er vorher beim Drehen Sieg Heil brüllend durch die Straßen gezogen ist.

Genau, da brauchten wir alle erstmal ‘ne Seelendusche, das hat auch mit Selbstschutz zu tun – zumal die Glatzen ja fast ausschließlich von Antifas aus der Umgebung gespielt wurden. Da haben wir abends am Lagerfeuer erstmal alle zusammen „Nazis raus!“gebrüllt, krieg ich jetzt noch Gänsehaut, wenn ich daran denke. Umso verständlicher ist es, dass meine Begeisterung offenbar manchmal manisch wirkt. Darüber denke ich mal nach.