Ozark: Liliyhammer & Walther Soprano

Grüne Hölle

Etwas Walther White, etwas Tony Soprano: In der fabelhaften Netflix-Serie Ozark (Foto: Netflix) flieht ein Geldwäscher ab heute aus Chicago nach Missouri und zeigt dort, wie fies die Provinz sein kann. Und wie gut mutiges Fernsehen.

Von Jan Freitag

Das horizontal erzählte Fernsehen auf Kinoniveau spielt oft an den Rändern zweier Pole, die sich gern ineinander verkeilen: hier das biedere Bürgertum beim Abstecher in die kriminelle Subkultur, da Gesetzlose auf der Suche nach Behaglichkeit, ersteres verkörpert durch Breaking Bad, letzteres durch Tony Soprano. Wobei: das Gute im Bösen und umgekehrt ist mittlerweile ein so verbreiteter Handlungsstrang, dass er langsam schon wieder langweilig wird.

Da kommt Ozark gerade recht.

Was geografisch ein Plateau im Herzen Amerikas ist, betitelt fiktional eine Serie, die ab sofort auf Netflix den Drang zur gegenseitigen Durchdringung sozialer Randlagen unterläuft. Ihr Hauptdarsteller ist ja weder ein biederer Chemielehrer noch ein skrupelloser Mafioso auf Abwegen, sondern ein Finanzjongleur, der von seinem Drogenboss aus dem hyperkapitalistischen Chicago in die aufgestaute Seenlandschaft des Staates Missouri vertrieben wird.

Da bricht niemand aus, es bricht auch keiner ein. Dieser Marty Byrde zieht seine Frau nebst Kindern aus Geldgier in den Abgrund. Zehn Jahre hat er nicht nur mexikanisches Blutgeld gewaschen, sondern auch noch geduldet, dass sein Partner genug abzweigt, um in ein repräsentableres Büro umziehen zu können. Kurz zuvor jedoch kommt ihm sein Gangsterboss auf die Schliche, richtet Martys Geschäftspartner hin und gibt dem einzig Überlebenden eine letzte Chance: In den Ozark-Mountains soll er ein Vielfaches der bisherigen Geldmenge waschen.

Hier beginnt in Folge 2 die klassische Fish-out-of-water-Geschichte: Großstädter landet bei Provinzgewächsen, im Amerikanischen Hillibillies genannt. Was folgt, könnte also der branchenübliche Gesinnungscrash gegensätzlicher Charaktere sein, wie man es auf gleichem Kanal bereits bei der ebenso brutalen, aber oft brüllend komischen Flucht eines amerikanischen Mafia-Killers ins norwegische Lilyhammer gesehen hat. Hier jedoch gibt es nach dem Buch von Bill Dubuque (The Judge) zunächst zehn Folgen lang wenig zu lachen. Und verschiedene Mentalitäten prallen hier eigentlich auch nicht aufeinander. Denn die Landeier vor Ort, so zeigt sich rasch, haben es mindestens ebenso faustdick hinter den Ohren wie der zugezogene Bandenverbrecher.

So entspinnt sich unter der Regie von Hauptdarsteller Jason Bateman, der für Netflix bereits in der Sitcom Arrested Development dabei war, eine durch und durch spannende Story, die vor allem handwerklich gut gemacht ist und trotz einiger Standards derartiger Stoffe nie sonderlich klischeehaft gerät. Ständig ist man beim Zusehen sehnsüchtig auf der Suche nach Sympathieträgern und wird ebenso oft enttäuscht. Familie Byrde zum Beispiel mag anfangs ein recht normales Mittelstandsleben führen; beim der Finanzplanung für zwei arglose Kunden aber schaut Vater Marty ein Video, auf dem ihn seine Frau Charlotte (Laura Linney) mit ihrem Anwalt betrügt. Im Anschluss geht er auf den Straßenstrich. Die vermeintlich gottesfürchtigen Provinzbewohner im amerikanischen Bibelgürtel hingegen erweisen sich als mindestens genauso gottlos wie das organisierte Verbrechen aus der Großstadt. Kaum einer ist unschuldig, jeder verdächtig. Selten traf „Grüne Hölle“ ein landschaftliches Idyll demnach besser als in Ozark.

Und das weiß Jason Bateman nicht nur durch sein undurchschaubares Spiel in Szene zu setzen; als Regisseur und Produzent tut er es auch durch fehlendes Kunstlicht, das der Kulisse eine Aura permanenter Dämmerung verpasst. Zugleich wird fast jede Einstellung in geruhsamer Kamerafahrt durch eine einzelne Geige knapp unterm Schmerzpegel zersägt. Selten zuvor war eine Thriller-Handlung ohne Effekthascherei daher so zum Zerreißen gespannt wie diese. Und selten zuvor hatte eine Serie das Potenzial, sein Publikum schon in der Auftaktfolge, die üblicherweise noch mühsam Charaktere einführen muss, derart zu fesseln. Solch einen Grenzgang kann zurzeit vermutlich nur ein Streamingdienst mit seiner Möglichkeit zum Bingewatching gewährleisten. Wer hier nach der ersten Folge abbricht, ist beim alten Fernsehen vermutlich besser aufgehoben.


Angela Merkel: Ehe für alle & Brigitte Live

Merkels Bühnenhomestory

Seit vier Jahren lädt das Frauenmagazin Brigitte Politikerinnen zum Live-Austausch über die Grenzen von Privatem und Beruf. Gerade zum zweiten Mal dabei, nachdem zuvor bereits ihr Herausforderer Martin Schulz auf dem Podium gesessen hatte: Angela Merkel (Foto: Alexander Körner/Getty Images). freitagsmedien hat zugesehen, als die Kanzlerin mehr oder weniger gewollt die Ehe für alle auf den Weg gebracht hat, ansonsten aber in Ruhe gelassen wurde.

Von Jan Freitag

Wenn Angela Merkel tatenlos zuhören muss, entgleiten ihr gern die Gesichtszüge, bis man sie lesen kann wie ein offenes Buch. Anfang Juli zum Beispiel im Maxim-Gorki-Theater, da dauert es keine fünf Minuten, bis ihr Lächeln Bände spricht. Ende September sei Bundestagswahl, hatte ihr die Chefredakteurin der Brigitte auf einer Berliner Bühne gerade in Erinnerung gerufen und hinzugefügt, „aber Sie, liebe Frau Merkel, dürfen wie vor vier Jahren auch jetzt schon wählen.“ Als Brigitte Huber fortfuhr, diese Wahl bestünde „zwischen zwei Begriffspaaren“, entglitt Merkels Mimik bereits ins Ironische, was beim ersten Begriffspaar „zuhause oder unterwegs“ fast spöttisch wurde. Damit war nicht nur die Stimmungslage des Gastes für gut 90 Minuten festgelegt, sondern auch der Veranstaltung insgesamt.

Seit der Bundestagswahl 2013 lädt dieses Frauenmagazin aus Zeiten, da sein Name für Mädchen noch schwer en vogue war, Politikerinnen zum Kammerplaudern in die Hauptstadt. BRIGITTE LIVE ist dabei trotz der Buchstabengröße ein lockeres Beisammensein jenseits der harten Realität. Zu Beginn dieser Gesprächsreihe durfte die Kanzlerin bereits über den Tellerrand tagesaktueller Berichterstattung blicken und ihre Handhaltung erklären oder was sie an Männern attraktiv finde. Im ernsten Nachrichtengeschäft wäre das unschicklich, im Kosmos der Regenbogen-Presse ist es allenfalls das Aufwärmprogramm für die Homestory. Zu der es dann aber nicht kommt.

Angela Merkel wählt „unterwegs“.

Dumm aber auch. Aber eine prima Gelegenheit, dem World Wide Web zu zeigen, dass die mächtigste Frau der Welt mehr ist als eine jener Phrasenmaschinen, den ihr Beruf in Massen erzeugt. Merkel ist witzig, Merkel ist schlagfertig, Merkel fühle sich wohler, „seit nicht mehr so über meine Haare gelästert wird“, und wünsche sich, dass Männer ohne Elternzeit „in Erklärungsnot geraten“. Merkel ist alles, was man stets zu ahnen glaubte, aber nicht recht glauben wollte. Sie spricht von den Tücken der Hotel-Fernseher und was sie mit dem Alter zu tun haben, das selbst dieses Alphatier mit Sorgen erfülle, „ob ich die ganze moderne Entwicklung noch hinkriege“.

Kriegt sie. Bei aller Koketterie. So viel darf man voraussetzen. Was man, bei aller Güte, besser nicht voraussetzen sollte, ist das naturgegebene Talent einer Chefredakteurin zum Interview maximal prominenter Gäste. „Ja, vor allem nachts, wenn man sonst wie“ stammelt Brigitte Huber zurück und spätestens jetzt wird klar: Sie sitzt wohl doch eher fürs Protokoll hier mit ihren diagonal drapierten Beinen im Audienzstil. Das Substanzielle regelt schon Meike Dinklage. „Unser nächstes Begriffspaar lautet bergauf, bergab“, sagt Hubers Chefreporterin und zielt zwar auf Urlaubsziele ab. Doch dann entlockt sie Angela Merkel etwas von Belang. Thema Entscheidungen. Die nämlich „dauern bei mir oft sehr, sehr lang“. Wie einst in der Griechenland-Krise. Aber dann, fügt sie später hinzu, „hadere ich eigentlich nie damit“.

Es sind starke Passagen im heiteren Begriffe-Teilen, das auf der Homepage des Blattes allen Ernstes zwischen den Rubriken „Ernährung umstellen? Das passiert im Körper“ und „6 Sätze, die du niemals zu deinem Ex sagen solltest“ zu klicken ist. „Also deine neue Freundin … was willst du denn mit DER???“, solle man sich im Beisein des früheren Partners verkneifen. Darf man das im Brigitte-Kosmos bereits als Abrechnung mit Jamaika vorm dritten Treffen in vier Jahren werten? Jedenfalls wird es nun politisch – auch wenn das duale Themensystem nicht immer ganz hinhaut. Mit „80 oder 120 Prozent“ tarnt Brigitte Huber die Frage nach weiblichem Perfektionismus und erntet dafür nicht nur ein Gesichtsentgleiten der markanteren Art, sondern das Bekenntnis, bei Merkels daheim klappe es nicht so mit dem Wäscheaufhängen, „oder was meinen Sie?“

Ja, was meinen die, wenn Teilzeitarbeit angeschnitten, aber durch Wortpärchenspiele verbrämt wird? Was soll der Gegensatz von SMS und Twitter oder die Wahl zwischen Macho und Feministin? So mäandert das Podiumsgespräch warm, aber drückend wie föniger Wind durch den vollen Saal, der artig lacht, wenn Merkel scherzt, und sittsam schweigt, wenn der Journalismus versagt. Aus „Wut oder Mut“ wählt erstere jedenfalls letzteres, schwadroniert über eigene Leistungen beim Umweltschutz. Und die Reporter? Schweigen so huldvoll wie nach Merkels Satz, ihre bislang mutigste Entscheidung sei der Atomausstieg, wobei sie selbst darauf hinweisen muss, kurz zuvor noch die Laufzeit verlängert zu haben. Erst aus dem Publikum gibt es am Ende so was wie Widerspruch, der ihr beim Thema Adoptionsrecht gleichgeschlechtlicher Paare sogar eine Art Bekenntnis zur Ehe für alle abrang, die nur Tage später Gesetzeskraft erlangte. Auf der Bühne blieb es derweil artig.

Und das ist nicht mal tragisch. BRIGITTE LIVE will ja nur die menschliche Seite des Politischen präsentieren und ein bisschen die politische des Menschlichen. der Kanzlerin hat diese Wohlfühlatmosphäre unter Geschlechtsgenossinnen erstaunliche Offenheit abgetrotzt. Trotzdem darf man dem Charme des Gegenübers ruhig mehr entgegensetzen als „Lächeln oder Zähnezeigen“, worauf die Kanzlerin antwortet, sie „träume davon, auch dann interessiert auszusehen, wenn ich schweige“. An diesem Abend gelingt ihr das fast immer. Man lässt sie ja auch reden. Am Schluss noch mal über Ehe oder Liebe. Schön.


Arte: Wir sind alle Millionäre

Soziale Kälte, warm verpackt

Die britische Miniserie Wir sind alle Millionäre (Donnerstag, 20.15 Uhr, Arte) vereint am Donnerstag auf Arte alles, was es hierzulande meist nur getrennt gibt: Politik, Humor, Relevanz, Drama, Leichtigkeit, Gewalt, Humanismus und Liebe.

Von Jan Freitag

Gentrifizierung ist ein Phantom. Sie steht nicht leibhaftig vorm Haus, stellt sich kurz vor und spricht dann Klartext. Nein, der profitgesteuerte Strukturwandel von Mammons Gnaden spukt durchs pittoreske Wohnviertel der englischen Hauptstadt wie ein Dieb oder schlimmer noch: ein böser Geist – gewissenlos, unsichtbar, ohne Erbarmen. So scheint es zumindest in der britischen Miniserie Wir sind alle Millionäre. Im Schutze der Nacht grast dieser gierige Bereicherungsdämon der modernen Klassengesellschaft die real existierende Londoner Pepys Road nach steinernem Frischfleisch ab und traktiert die fiktiven Ureinwohner des Arbeiterviertels besserer Tage mit einer Drohung auf Papier, DVD, dem Asphalt: „We want what you have“, steht darauf geschrieben. „Wie wollen, was ihr habt“. Und rasch wird deutlich: Es geht hier ums Ganze.

Ein Stück Heimat so grundverschiedener Menschen nämlich wie dem Finanzjongleur Roger oder der Malocherwitwe Petunia, dem polnischen Handwerker Bogdan oder der übereifrigen Politesse Quentina, dazu einer pakistanischen Kleinhändlersippe vom Eck und überhaupt allen, die das pittoreske Altbauquartier am Südufer der Themse ihr „Zuhause“ nennen. Zum Teil seit Ewigkeiten, jedenfalls jetzt und hier. Man nennt das heutzutage Lebensmittelpunkt, Betonung auf den ersten zwei Silben. Im Jahr 2017 allerdings, die nächste große Immobilienblase vor Augen, rattert eine Registrierkasse im Bildschirmeck regelmäßig den steigenden Preis der einst eher unattraktiven Wohngegend ab.

September: 2.750.000 Pfund. Dezember: 2.805.000 Pfund. Juni: 2.895.000 Pfund. Ende nach oben hin offen. Es sind die rasant steigenden Zahlencodes einer entfesselten Lebensmittelpunktvernichtungspolitik, die den Grund- und Bodenbesitz längst zum reinen Spekulationsobjekt machen und Spekulation zum Wesenskern der kapitalistischen Turbomarktwirtschaft. Wären wir jetzt am Mittwochabend im Ersten, entstünde aus dieser Konstellation also vermutlich ein wohlmeinendes, aber sperriges Sozialdrama mit viel gesellschaftspolitischer Wucht, aber ohne Humor.

Zum Glück jedoch sind wir bei Arte und der Regisseur heißt nicht, sagen wir: Aelrun Goette, sondern Euros Lyn. Wie zuvor schon in seiner grandiosen Provinzkrimiserie Happy Valley oder der achtteiligen Queer-Comedy Cucumber schafft es der walisische Filmemacher auch hier, die tiefgreifenden Brüche unserer vertrackten Gegenwart durch die Erzählung ihrer humanen Aspekte erlebbar zu machen, ohne in Trübsinn zu verfallen. Vor allem aber: ohne je die Leichtigkeit zu verlieren, den Humor.

In den drei Episoden, die der Kulturkanal Donnerstag zur besten Sendezeit 180 Minuten am Stück zeigt, verarbeitet Lyn zwar nahezu alles, was unser aller Zusammenleben gerade von außen wie innen beeinflusst: Banken-Irrsinn und Boni-Wahnsinn, Flüchtlingskrise und Abschiebepraxis, islamistischer Terror und rassistische Konterrevolution, Hyperindividualismus und Überwachungsfuror, Rückzug ins Private und das World Wide Web, Werteverfall und soziales Networking. All dies stülpt er seinen Filmfiguren allerdings nicht bloß über, sondern lässt sie darin erblühen wie Blumen im Beton.

Die wiederum wären, zurück zu ARZDF, aus hiesiger Produktion vermutlich ziemlich ansehnlich, höchstwahrscheinlich gar sehr attraktiv. In England hingegen darf ein Knautschgesicht wie Tobi Jones, der bei Harry Potter einst den grottenolmigen Hauself Dobby gab, die Hauptrolle des selbstgerechten Bankers Roger spielen, dessen luxuriöser Lebensstil durchs Ausbleiben einer millionenschweren Bonuszahlung ebenso ins Wanken gerät wie die prekäre Existenz der illegalen Einwanderin Quentina. Nach der vielgelesenen Romanvorlage von John Lanchester ist die Sache mit den Drohbriefen am Ende zwar ein wenig komplizierter als das bedrohliche Gentrifizierungsthema anfangs vermuten lässt. Aber so innbrünstig, so glaubhaft, so authentisch und dabei federleicht würde man sich als deutscher Zuschauer auch ein heimisches Sozialdrama öfter mal wünschen.

Das würde dann auch den Zwang zur Synchronfassung vermeiden, die hier abermals bis ins Groteske überbetont, als würde Waschmittel verkauft statt Emotionalität menschlicher Schicksale. Doch selbst in der Übersetzung bleibt Wir sind alle Millionäre ein ungeheuer sehenswertes Stück Sozialkritik mit der Kraft des Menschlichen.


Kerners Köche: Alter Wein & alte Schläuche

Kochklassentreffen

Nach neun Jahren Pause bitte Johannes B. Kerner von Lafer über Poletto bis Schuhbeck mal wieder Spitzenköche zum kollektiven Kochen vor die Kamera (ab Samstag, 1. April, 16.15 Uhr, ZDF). Beim Probelauf in einer Hamburger Showküche zeigte sich: alles beim Alten, mit dem der Kochboom am Bildschirm einst begann und partout nicht abzuflauen gedenkt.

Von Jan Freitag

Klassentreffen jeder Art suchen sich bekanntlich gern runde Zahlen als Anlass. Zehn Jahre Abi 2007 etwa, das Examenstutorium von 1967, ein Vierteljahrhundert Mittlere Reife – außergewöhnliche Ereignisse erfordern außergewöhnliche Zeitspannen. Da zeugt es vom außergewöhnlichen Wiedervereinigungsdrang einer Klasse, die sich am 31. Mai 2008 letztmals vor der Kamera getroffen und nun so große Sehnsucht nacheinander hat, dass sie ihr Treffen zum runden Abschiedsjubiläum ein Jahr vorzieht. Auf heute, um genau zu sein.

Gegen Mittag nämlich trifft sich das Stammpersonal einer, ach was, der Kochsendung schlechthin in einer coolen Showküche und feiert fröhliche Auferstehung: Kerners Köche. Kurz vor Weihnachten 2004 wurde die Keimzelle des hiesigen Zubereitungsbooms am Bildschirm im Rahmen von Johannes B. Kerners Talkshow geboren. Gut 13 Jahre später nun sind drei davon in die schwer angesagte Hamburger Gründerzeitperle Ottensen gereist, um einem „tiefsitzenden Drang“ zu folgen, wie Gastgeber JBK es leicht pathetisch ausdrückt. Als Kerners Köche durch Lanz kocht ersetzt wurde, sagt der Namensgeber von einst und heute, „war die Geschichte ja noch nicht auserzählt.“

Sie ging wie folgt: Fünf mehr oder weniger bekannte Küchenkünstler trafen sich Freitagsabend ganz in der Nähe des heutigen Klassentreffens und taten etwas, das vor laufender Kamera seinerzeit noch ungewöhnlich war: Sie quatschten beim Kochen, kochten beim Quatschen, kredenzten Gerichte von erlesener Güte scheinbar nebenbei. „Es war das reinste Chaos“, erinnert sich der Gastgeber, „für viele gar Anarchie“, doch dabei „sehr unterhaltsam und ziemlich beliebt“. Bis zu 17.000 Studiotickets hätte das ZDF damals pro Sendung verkaufen können. Mehr hatte nur Wetten, dass…?.

Wetten, was…?

Das erfolgreichste Lagerfeuer der hiesigen TV-Historie ist längst erloschen, Kerner jedoch entzündet sein eigenes aufs Neue und hat mit Alfons Schuhbeck, Cornelia Poletto und Johann Lafer drei zur offiziellen Präsentation geladen, die schon früher dabei waren. Und wie sie jetzt im gediegenen Hinterhof-Altbau interagieren, wie sie beim Kochen durchs chromblitzende Luxusmobiliär flitzen, wie sie hier eine Ingwer-Karotten-Suppe mit Jakobsmuscheln kredenzen (Schuhbeck), dort Winterkabeljau auf Beluga-Linsen (Poletto) und dazwischen kalorienarme Schwarzwälder Kirschtorte im Glas (Lafer), da wird man das Gefühl nicht los, Kerner hätte recht mit seinem Pathos vom kollektiven Drang zurück in die Zukunft.

Wobei keineswegs alles beim Alten bleibt. Der Sendetermin wandert vom Follow-up der Freitagskrimis auf den Samstagnachmittag um 16.15 Uhr, wo zuvor Lafer! Lichter! Lecker! lief. Zur Rezeptumsetzung kommt ein kleiner, nicht näher definierter Wettbewerb mit Publikumsbeteiligung hinzu. Und neben Veteranen von Mälzer über Wiener bis Rosin werden neue Gesichter im Bratendunst glänzen. Darunter vergleichsweise branchenfremde wie Sebastian Lege, der dem ZDF bislang nur als Lebensmitteltester diente und hier in Hamburg für den robusteren Teil der Haute Cuisine zuständig ist: Grüner Spargel im Speckmantel zu Wirsingchips aus der Mikrowelle. Mit den sichtbar gereiften Maîtres am Nebenherd wolle sich der junge „Food-Entertainer“ eben nicht messen. Deshalb trägt er als einziger in dem Quartett mit Kochausbildung keinen schneeweißen Kittel, sondern handwerkerdunkle Schürze. Deshalb sei sein Beitrag eher einfach als raffiniert. „Ich bin kein Mensch, der so viel nachdenkt.“

Andererseits: auch die Stars agieren gern aus dem Rückenmark. Wenn der fast doppelt so alte Sterne-Gastronom Alfons Schuhbeck ein paar Meter weiter mit bayerischer Mir-san-mir-Lässigkeit „Petersil‘ ist die Sonnenbrille des Menschen“ durch den Raum bellt, kommt es tief aus dem Bauch des Kochfernsehens. Auch sein süddeutscher Landsmann Lafer ist instinktiv im Studiomodus, wenn er die Zubereitung seiner Nachspeise wie ein Wasserfall kommentiert. „Ah geh, no‘h an Löffel Kirschwasser drüber, für’s Gemüt“, fertig ist die Show, selbst wenn nirgendwo Kameras laufen, sondern allenfalls die Smartphones der geladenen Reporter.

Und am Rande, eher dabei als mittendrin: Johannes B. Kerner. Ob er keine Angst habe, von der schubladenfreudigen Öffentlichkeit nun wieder in die des Kochonkels gesteckt zu werden? „Ach Gott“, antwortet er im Maßanzug mit Einstecktuch. Nach Tausenden von Talkrunden, Hunderten Shows, dazu dem ganzen Sport, hatte er „schon so viele Stempel“, dass der des Kochens „nach 126 Folgen doch eher klein war“. Außerdem, das ist ihm nach bald 30 seiner kaum 53 Jahre im Geschäft schon wichtig, „habe ich dem Drängen der Köche nachgegeben, nicht umgekehrt.“

Die Schuhbecks, Polettos, Lafers, Wieners, Mälzers also waren es, denen das Klassentreffen wichtig schien. Aufgezeichnet jeweils kurz vor der Ausstrahlung, sind ab Samstag zunächst mal 16. Sendungen geplant. Alles Weitere regelt die Quote. Und die Lust der wechselnden Belegschaft, unterhaltsame Informationen über leckeres, gesundes, gutes Essen mit einem Schuss Anarchie zu servieren. Um Nachhaltigkeit gehe es dabei schon auch, beteuert der Gastgeber im Angesicht von Klimawandel und Massentierhaltung. „Mehr aber noch um Wahrhaftigkeit“. Und natürlich Spaß, bellt Alfons Schuhbeck bayerisch robust und reibt noch etwas Ingwer in die Suppe. „An Guad’n!“

Der Text ist vorab auf DWDL erschienen

Kommissar Pascha: Migra-Krimi & Mundart

Türken vor Grünwald

Mit Kommissar Pascha erfindet die ARD am Donnerstag einen Ermittler mit Migrationshintergrund (Foto: Hendrik Heiden/Degeto) und macht auch sonst nicht alles gut, aber vieles erfrischend anders als im deutschen Krimi-Einerlei üblich.

Von Jan Freitag

Die Erzählung der global gesehen erfolgreichsten Krimireihe deutscher Herkunft ging gefühlt 250 von 281 Fällen ungefähr so: Im noblen Münchner Vorort Grünwald starb irgendwer mit viel Geld eines gewaltsamen Todes, gern per Messer oder Gift. Kurz darauf dann entstiegen Derrick & Harry ihrem Auto der Marke BMW, klingelten an einem Gebäude der Bauart Residenz, trafen dort distinguierte Damen im Pelzmantel, meist Ruth Maria Kubitschek, verhafteten am Ende deren standesbewussten Mann, gern Wolfgang Kieling, und verließen die Upper Class sodann zurück ins biedere Bürgertum. Doch so fremd sich Ober- und Mittelschicht bei Derrick auch waren, so hermetisch die eine von der anderen abgeschlossen war – eins hatten beide 24 Serienjahre gemeinsam: Villenbesitzer namens Güzeloglu gab‘s im TV-München nirgends, Polizisten namens Demirbilek schon gar nicht. Und selbst Tatverdächtige hießen niemals Furat oder Gül.

Wie sich die Zeiten ändern.

Im Grünwald der fernsehkriminalistischen Gegenwart sind die Herrensitze von damals bei aller Pracht längst weniger protzig verziert als kubistisch schlicht, während ihre Bewohner zwar wie gewohnt Unternehmer sind. Ihren Reichtum allerdings haben sie gar nicht zwingend  über Generationen mit Maschinenbauteilen erwirtschaftet, sondern durchaus mal aus eigener Kraft mit Dönerfleisch. Genau damit nämlich hat es Süleyman Güzeloglu in die Oberen Zehntausend gebracht, wo er es sich ein bisschen deutscher sogar als seine eingeborenen Nachbarn stilvoll gut gehen lässt. Bis ihm Zeki Demirbilek alias Kommissar Pascha in die Quere kommt, ein lässig-cooler Grantler mit ortsüblichem Idiom, wie sie wohl nur in der Schickimicki-Hauptstadt glaubhaft ist.

Am gewohnt mörderischen Donnerstagabend im Ersten leitet er eine „Migra“ genannte Abteilung der örtlichen Polizei, die im fremdländisch geprägten Milieu ermittelt. Deutsche Kollegen sind dabei eher beiläufige Sidekicks von latent rassistischer Inkompetenz, Landsleute seiner Ahnen hingegen zum Niederknien cool wie Zekis Assistentin Jale Cengiz, popmodern kernig schön verkörpert von der hinreißenden Almila Bagriacik. Auch wenn der Auftaktfall sogleich mal mit Ehrenmord, Jungefernhäutschen, arrangierter Ehe  und einer Leiche zu tun hat, der das arabische Wort für „Teufel“ mit Heftzwecken in die Brust gestanzt wurde, ist das gesamt Setting kosmopolitisch, ohne in Zuwanderungsfolklore abzudriften.

Das liegt vor allem an Tim Seyfi. Der bayerische Schauspieler, 1971 als Timur Seyfettin Ölmez im Herzen der Türkei geboren, füllt seine Titelfigur mit einer Authentizität, die er in ansehnlichen Episodenrollen mit Migrationshintergrund von Polizeiruf bis Tatort kultiviert hat. Nach dem Roman von Su Turhan inszeniert Regisseur Sascha Bigler seinen Helden als Mitglied zweier Kulturkreise, die sich nah sind und doch so fern, also nur eines coolen Grenzgängers wie den hier benötigen, um ein wenig besser miteinander klarzukommen. Gewiss, manchmal wirkt dessen vorbildlich assimilierter Eigensinn leicht konstruiert, wenn Zeki seinen Frust über die (vielen) Frauen in seinem Leben mit Raki und Obstler ertränkt oder mit akkurat gefalteten Taschentüchern im Schrank deutschen Ordnungssinn zeigt, bevor er jedem Leichenfund ein Gebet zu Allah hinterherschickt. Trotzdem ist der Wille aller Beteiligten spürbar, multikulturelle Differenz nicht bloß auszustellen, sondern durchzufühlen.

Das unterscheidet „Kommissar Pascha“ angenehm vom gängigen Bild des vermeintlichen Ausländers im inländischen Film. Jahrzehntelang hatte es nur drei Typen geduldet: Kriminelle, Armutsopfer, Islamisten – nicht selten in Personalunion. Neuere Serien wie Dimitrios Schulze mit Adam Bousdoukos als griechischer Anwalt am Mannheimer Brennpunkt oder Fahri Yardim als durch und durch norddeutschen Kommissar an Til Schweigers Hamburger Tatort-Seite zeigen allerdings, dass sich sogar das klischeeanfällige Fernsehen von seinen Stereotypen entfernt.

All die Damen in Zeki Demirbileks emotional eher unübersichtlichen Leben müssen natürlich dennoch bildschön sein, ein Bombengürtel kommt selbstredend auch noch vor und Christian Paschmanns arabeske Blasmusik im Hintergrund geht nach einer Weile doch auf den Geist. Davon abgesehen aber macht die Pilotfolge durchaus Lust auf die Fortsetzung am Donnerstag drauf. Am Anfang steht wieder ein türkisches Mordopfer. Es ist allerdings in bayerischem Bier ertrunken. Prosit!


Zimmer 108: Arte-Serie & Real-Mystery

Totgeburt

In der belgischen Mystery-Serie Zimmer 108 sucht eine Tote seit vorigen Donnerstag auf Arte ihren eigenen Mörder. Der Zehnteiler ist so unterhaltsam morbide, dass man sich fragt, warum sowas eigentlich nie aus Deutschland stammt.

Von Jan Freitag

Es ist eine jener Alltagssituationen, in die keine Frau, kein Mann, eigentlich niemand geraten will: Aufzuwachen in einem fremden Bett, angezogen zwar, aber ohne jede Erinnerung an die Nacht zuvor und zudem spürbar verletzt. Vergewaltigung – das scheint auch Kato durch den Kopf zu schießen, als sich die junge Frau mutterseelenallein auf einem blutbefleckten Laken wiederfindet. Kaum vorstellbar, dass es schlimmer kommen könnte.

Doch es kommt schlimmer.

Denn bei der Suche nach dem Grund ihres unfreiwilligen Aufenthaltsortes, findet die Belgierin eine Leiche in der Badewanne: Sich selbst! So bizarr, so irre ist die Ausgangslage der fabelhaften Mysteryserie Zimmer 108. Sie ist betitelt nach dem Raum von Katos Erwachen in einem wallonischen Provinzhotel namens Beau Sejour, wie der Zehnteiler auf Arte im belgischen Original heißt. Von hier aus bricht die lebende Leiche auf, um in der öden deprimierenden Kleinstadt Limbourg den Mord an sich selbst aufzuklären. Dabei ist sie umringt von ein paar Menschen, die Kato sehen können, und der überwiegenden Mehrheit jener, die durch sie hindurch blicken als wäre sie Luft, was sie ja irgendwie ist und auch wieder nicht.

Fürs Opfer macht es die Suche dabei nicht leichter, dass zur ersten Kategorie Zeitgenossen ihr Vater gehört und zur zweiten ihre Mutter. Angesichts dieser Konstellation muss man sich nur mal vorstellen, rein hypothetisch und ganz kurz, jemand wäre in Deutschland auf die äußerst unwahrscheinliche Idee gekommen, solch einen außergewöhnlichen Stoff zu entwickeln. Diese Person hätte dann, zweitens, sogar Geldgeber gefunden, um das Ganze zu realisieren. Und anschließend auch noch eine Produktionsfirma, die es fortan mit Leben füllt: Der Handlungsort wäre vermutlich Berlin gewesen oder was visuell Ansehnliches à la Ostsee, Alpen, Touristenregionen halt. Und das Personal? Höchst attraktiv, möglichst populär, Jürgen Vogel und Heike Makatsch wären toll, aber wohl zu teuer…

Das Nachwuchstalent Lynn van Royen hingegen ist als Zombie ohne Appetit auf Gehirne zwar hintergründig hübsch. Für ein TV-Produkt auf ARZDF wäre sie aber viel zu burschikos. Überhaupt sind sämtliche Figuren normale Alltagsfiguren mit Pickeln und Problemzonen statt telegene Platzhalter dramaturgisch verwertbarer Klischees. Und die Region, in der sie alle agieren ist von solcher Ödnis, dass man dort nicht tot überm Zaun hängen mag. Genau das aber gibt der Geschichte von Nathalie Basteyns und Kaat Beels, die beide auch am Drehbuch beteiligt waren, jenes Aroma, das Kameramann Anton Mertens trotz des weiten Lands klaustrophobisch in Szene setzt. So morbide die Atmosphäre auch ist und so kriminalistisch der Inhalt – Zimmer 108 will mehr als das übliche Whodunit sein.

Als Sittenporträt einer abgehängten Region, die zwischen Tradition und Fatalismus, Schützenfest und häuslicher Gewalt um ihren Platz im globalisierten Europa ringt, schert sich die Serie spürbar um ihr Personalen – selbst wenn es erst wie Kato erst nach dem Tod zu Leben erwacht. Gewiss, es gibt ein paar Ungereimtheiten. Warum Katos Mutter die Umarmung ihrer Tochter zum Beispiel nicht bemerkt, während dieser Geist andernorts allerlei Irdisches in Bewegung setzen kann. Doch wenn der unsichtbare Teenager beim Motocross-Rennen eine Polizeipistole abfeuert, um an der Reaktion Umstehender zu erkennen, wer den Schuss gehört hat und wer nicht, wird dieser Logikbruch wenigstens konsequent fortgesetzt.

Trotz kürzerer Längen und zweier eher blasser Stadtermittlerinnen im Landeinsatz ist Zimmer 108 daher absolut sehenswert. Nach dem dänischen Drama Die Erbschaft und vorm Komödienimport Helden am Herd ab Mai ist es aber auch ein weiterer Beleg, dass gute Serien ohne skandinavischen Zwang zum Gewaltexzess auf Arte laufen. Oder eben bei Netflix. Sieht nicht gut aus fürs Mehrheitsprogramm.


Sportpatriotismus: Reporterjubel & Distanz

patriot-1Ich verstehe die Frage nicht

Sportberichterstattung ist nicht nur eine ganz eigene Medien-Disziplin, sondern eine andere Welt. Während sich viele Journalisten gerade in Zeiten des gepöbelten Lügenpresse-Vorwurfs fast verbissen um Neutralität bemühen, pflegen ihre Kollegen am Pisten-, Becken-, Spielfeldrand einen Patriotismus, der mit dem Berufsethos überparteilicher Objektivität bisweilen weniger zu tun hat als Donald Trump mit Political Correctness. Besonders auf Schnee und Eis gehen die Pferde der Voreingenommenheit da mit manchem Reporter durch. Erst am Wochenende zum Beispiel brüllte der Reporter beim Sieg einer deutschen Biathletin völlig enthemmt ins Mikrofon, der Himmel über Hochfilzen sei Schwarzrotgold (Foto: ARD). freitagsmedien hat eine Reihe von Berichterstattern der vier wichtigsten Sportsender ARD, ZDF, Eurosport und Sport1 mit Fragen nach ihrem Selbstverständnis befragt. Folgende Fragen:

  1. Wie definieren Sie journalistische Distanz zum Berichtsobjekt und welche Art Distanz pflegen Sie?
  1. Wie verträgt sich Überparteilichkeit mit Patriotismus?
  1. Darf oder muss ein Sportreporter für die Sportler seines Landes sein und warum?
  1. Gelten im Sport diesbezüglich andere Regeln als in anderen Ressorts und falls ja – warum?
  1. Soll der Bessere gewinnen oder der Deutsche?
  1. Haben Sie einen Journalistenausweis im Portemonnaie und was bedeutet er Ihnen?

Dass ein besonders unkritischer Wintersportmoderator wie Matthias Opdenhövel (ARD), der die deutschen Adler gemeinsam mit dem früheren Skispringer Dieter Thoma am Schanzentisch mit Vorliebe kritiklos feiert, überhaupt nicht reagiert hat, zeigt ebenso wie manch trotzige Antwort besonders öffentlich-rechtlicher Teilnehmer, dass der Fragekatalog bei vielen einen Nerv getroffen hat. Im Einzelnen sah das so aus:

patriot-bartelsTom Bartels, geboren 1965 in Celle, ging 1996 vom WDR zu RTL und kehrte über Premiere 2006 zur ARD zurück, wo der Kommentator des Fußball-WM-Finales 2014 v.a. Skispringen kommentiert.

  1. Distanz zum Berichtsgegenstand ist Grundvoraussetzung für jeden Journalisten. Der Spagat ist nicht immer einfach. Ohne Nähe ist es schwer, gut informiert zu sein. Aber noch wichtiger als Nähe ist es, Grenzen zu ziehen. Für Hintergrundinformationen darf keine Hofberichterstattung erwartet werden. Meine Erfahrung ist, dass im Sport die meisten Personen mit fairer Kritik gut umgehen können.
  2. Für mich sehr gut. Ich sitze nicht als Fan, sondern Berichterstatter am Mikro. Weil meine Kommentare in Deutschland gehört werden, liegt es in der Natur der Sache, dass ich mehr über dessen Sportler recherchiere und spreche als etwa über italienische. Patriotismus ist mir fremd, aber sie werden bei mir ehrliche Freude über herausragende Leistungen deutscher Sportlerinnen und Sportler durchhören. Genauso kann ich mich über Leistungen anderer Nationen freuen. Sportreporter bin ich aus Leidenschaft zum Sport geworden. Wichtig ist bei aller Anerkennung einer Leistung immer der Rückzug auf eine neutrale Position, die deren Wie und Warum hinterfragt. Im Live-Ereignis ist das nicht immer möglich, grundsätzlich steht Distanz zum Sportler/Trainer/Team aber über allem.
  3. Ein Sportreporter sollte selbstverständlich neutral und objektiv sein. Wenn er aber für ein deutsches Publikum berichtet, wird er sich intensiver mit deren Sportlerinnen und Sportlern beschäftigen und darf sich in einem vertretbaren Rahmen mitfreuen. Es wäre in meinen Augen widersinnig, ein WM-Finale ohne Sympathie für das übertragende Land zu kommentieren. Ist der Gegner allerdings besser, muss der Reporter dies einordnen. Als ich Spanien im EM-Finale 2008 als verdienten Europameister und klar besseres Team bezeichnete, habe ich allerdings die Erfahrung gemacht, dass Kritik an deutschen Sportlern nicht gut ankommt.
  4. Ich wüsste nicht, warum im Sport andere Regeln gelten sollten.
  5. Warum „soll“ jemand gewinnen? Es gewinnt immer der Bessere. Umso erfreulicher für deutsche Zuschauer, wenn es der oder die Deutsche ist…
  6. Ich bin Mitglied im Deutschen Sportjournalistenverband, hatte aber noch nie einen Presseausweis. Zu den Veranstaltungen, die ich besuche, werde ich akkreditiert.
Katrin Müller-Hohenstein

Foto: Bänsch/ZDF

Katrin Müller Hohenstein, geboren 1965 in Erlangen, löste 2006 Rudi Cerne bei das aktuelle sportstudio ab. Im Wintersport berichtet die Fußballexpertin mit besonderer Nähe zur „Nati“ aus dem ZDF-Sendezentrum.

  1. Meine journalistische Distanz ergibt sich aus einer Mischung von verschiedenen Komponenten von ganz alleine. Objektivität, Respekt, Fairplay und Empathie.
  2. Patriotismus ist in dem Zusammenhang ein großes Wort. Tatsächlich ist es aber so, dass zur Sport-Berichterstattung auch immer eine gewisse Begeisterung für herausragende Leistungen der Athleten aus dem eigenen Land gehört. Fragen Sie mal unsere Zuschauer – sie lieben bei Live-Übertragungen das Mitfiebern mit „ihren Sportlern“.
  3. Klar darf er. Warum denn nicht?
  4. Falls Sie mit anderen Ressorts Themenfelder wie Politik oder Wirtschaft meinen, stellt sich mir die Frage nicht; das lässt sich nicht wirklich vergleichen. Einerseits ist der Sport zum Glück nicht so wichtig und eben eine der schönsten Nebensachen. Andererseits ist eher die Frage nach den unterschiedlichen Aspekten einer umfassenden Sportberichterstattung interessant: hier das Live-Erlebnis im Wettkampf, da rechercheaufwändige Hintergrundgeschichten.
  5. Ich fürchte, an dieser Stelle ist der Fragenkatalog von feindlichen Hackern übernommen worden. Die Frage haben Sie sich nicht wirklich ausgedacht?
  6. Mein Kind bedeutet mir etwas, meine Familie, meine Freunde. In diesem Sinne „bedeutet“ mir der Journalistenausweis nichts. Doch es ist gut, dass ich ihn habe – ich bin gern Teil eines großen Ganzen.

patriot-heinrichSigi Heinrich, geboren 1953 in Wolfratshausen, zählt zu den Eurosport-Kommentatoren der ersten Stunde und ist seit 1989 schwerpunktmäßig für Biathlon, Eiskunstlauf und Ski Alpin zuständig.

  1. Man sitzt nicht in einem Boot, aber treibt im selben Fluss, weshalb man das teuer erworbene Produkt des „Verkaufsjournalismus“ nicht kaputt reden darf und dennoch Distanz wahren muss. Ich habe stets versucht, keine Freundschaften mit Aktiven und Trainern aufzubauen, was ein paar Mal misslungen ist. Dennoch betone haben Journalisten eigene Meinungen, die sie in ihrem Medium auch kundtun sollen und hoffentlich dürfen. Umso mehr bringt mich der Start vieler Interviews mit „ich gratuliere, tolles Tor…“ dem Wahnsinn nahe. Auch im Verlautbarungsjournalismus muss der Kommentator den Mut haben, seine Stimme zu erheben, statt zum Wunschkonzert einzuladen. Ich habe nach klaren Worten viele Diskussionen führen müssen und hoffe, dass wir unsere Freiheit der Gedanken und Wörter auch mit zunehmender Popularität weiter ausüben können.
  2. Wohl dosiert verträgt sich Überparteilichkeit selbstverständlich mit Patriotismus. Wobei für mich immer die Überparteilichkeit Vorrang haben wird. Als Verkaufsargument soll Patriotismus wohl auch so etwas wie eine Identifikation mit dem Sportler sein. Man darf durchaus Gefühle zeigen, sofern sie wirklich ehrlich sind. Aber er ist Deutscher, ich bin Deutscher, weshalb ich für ihn, also gegen andere bin – das sind die Anfänge des Populismus und deshalb gefährlich. Wir haben da eine Vorbildfunktion, die wir nutzen müssen in Zeiten wie diesen, in denen außerhalb des Sports die Grenzen des guten Geschmacks und des fairen Umgangs miteinander nicht mehr vorhanden sind.
  3. Ein Sportreporter ist zuvorderst die Stimme des Sports, der von den Athleten ausgeübt wird. Es ist im Grund egal, aus welchem Land er kommt. Aber die Antworten wiederholen sich. Verkaufen heißt die Devise. Ist der Sportreporter zu neutral, fällt ihm das garantiert irgendwann auf die Füße. Die Haie warten schon, respektive die Kollegen, die es ja alle viel besser können.
  4. Eigentlich sollten im Sport die gleichen Regeln neutraler Beobachtung gelten wie in anderen Ressorts. Aber tun sie das dort überhaupt? Sportreporter reden sich gern damit heraus, dass sie über Belangloses berichten. Dabei haben sie eine wichtige soziale Aufgabe. Je mehr Parteilichkeit sie zeigen, umso beliebter können sie möglicherweise bei bestimmten Gruppen werden. Sportreporter lechzen nach der gleichen Berühmtheit, die diejenigen haben über die sie berichten. Das verschleiert mitunter den Blickwinkel. Aber auch politische Redakteure müssen manchmal mit den Wölfen heulen und tun das mitunter auf befremdliche Art und Weise, wie die vielen ätzenden Talkrunden zeigen.
  5. Wer wird wie der Bessere? Wenn ich das einwandfrei feststellen kann und weiß, dann ist diese Frage beantwortet. Natürlich der Bessere. Ohne Wenn und Aber.
  6. Ich bin im Verein der Deutschen Sportjournalisten, entrichte meinen Jahresbeitrag schon aus Gründen der Solidarität, habe aber keinen Journalistenausweis. Aus Nachlässigkeit, aber auch weil er nicht viel bringt. Ich hätte ihn in den letzten 20 Jahren auch nie benötigt und konnte doch überall arbeiten, wo es notwendig war.

sport-bier-c-rico-rossivalStefan Bier, geboren 1962 in Düsseldorf, ist die Allzweckwaffe des ZDF (Foto: Rico Rossival). Seit 1996 war er bei jeder Fußball-WM und EM am Mikrofon und berichtet von Skispringen oder der Nordischen Kombination.

  1. Aus den Grundsätzen unseres Berufs ergeben sich die Handlungsweisen im Prinzip von ganz allein. Journalistische Distanz bleibt dabei grundsätzlich die entscheidende Voraussetzung für eine unvoreingenommene und unparteiische Haltung. Das ist nicht zu ändern. Ich versuche mich beim Umgang mit Sportlern, Trainern, Funktionären, Veranstaltern, Sponsoren usw. auf den Austausch von Informationen oder gelegentlich auch Meinungen zu konzentrieren. Im Interesse der Genannten zu agieren oder auf einen Austausch von Gefälligkeiten einzugehen, wird vermieden.
  2. Ich weiß nicht, was Sie unter zuschauerfreundlichem Patriotismus verstehen, glaube aber, dass der Eindruck einer Nähe zwischen Sportreporter und Sportlerlandsmann sich schon aus der Tatsache ergibt, dass für gewöhnlich die Sportler des eigenen Landes aus leicht nachvollziehbaren Gründen in der Berichterstattung einen besonderen Raum einnehmen.
  3. Im internationalen Vergleich schneidet die Sportberichterstattung in Deutschland meiner Meinung nach übrigens weitaus neutraler und distanzierter ab, als es ohne diesen Vergleich erscheint. In Island, Italien, Russland oder Norwegen würde Ihre Recherche vermutlich auf Unverständnis stoßen.
  4. Ich halte es für irrelevant, wo ich meinen Presseausweis aufbewahre.

patriot-bielekMatthias Bielek, 1981 geboren im bayerischen Dettelbach, kam in dieser Saison von Sky zu Eurosport, wo er mit dem Vierschanzentournee-Sieger  Sven Hannawald vom Skispringen berichtet.

  1. Der journalistische Leitsatz „mach dich nie mit einer Sache gemein, auch keiner guten“ gilt. Grundsätzlich muss man kritische Distanz wahren, aber Sport ist nicht nur Technik und Athletik, er lebt von Emotionen, die der Zuschauer erleben will. Der Kommentator kann dieses sehr wichtige Element von Sport transportieren. Im Infotainment sehe ich meine Rolle als „Schweiz“, muss also neutral sein oder zumindest in der Lage, nicht nur für „mein“ Team oder „meine“ Sportler Begeisterung zu zeigen.
  2. Da sehe ich keine Probleme. Bei internationalen Wettbewerben darf der Reporter für sein Heimatland Emotionen zeigen. Allerdings sollte er das auch tun, wenn ein Konkurrent dank besserer Leistung gewinnt. Begeisterung für sportliche Leistung ist überparteilich, Kritik und Analyse sind es ebenfalls.
  3. Er darf und ich finde sogar: muss. Er macht sein Programm ja für eine bestimmte Zuschauergruppe. Diejenigen, die ihm zuschauen, tun das oft, weil sie mit ihren Landsleuten fiebern wollen. Allerdings muss die Waage stimmen. Auch gegnerische Leistungen müssen erkannt, gewürdigt, gar bejubelt werden, wenn die grandios sind.
  4. Beim Sportevent selbst: ja. Beim Thema Sportpolitik ist das natürlich anders. Da kann es aktuell fast gar nicht genug Distanz und kritische Betrachtung geben.
  5. Eindeutig immer der Bessere. Das ist der Kern des Sports.
  6. Ich hatte mal einen, aber habe ihn nie gebraucht. Wenn ich dienstlich zu einer Veranstaltung komme, bin ich meist über meinen Arbeitgeber akkreditiert. Die Möglichkeit zu freier und unabhängiger journalistischer Arbeit ist aber immens wichtig, der Zugang zu Informationen zentral. Dafür steht der Journalistenausweis.
Norbert König

Foto: Schlesinger

Norbert König, 1958 geboren im niedersächsischen Nordholz, moderiert seit 1987 beim ZDF alles von Leichtathletik über Fechten bis Skisport, mit Schwerpunkt Interviews vor allen Biathlon oder Skispringen.

  1. Die journalistische Distanz zum Berichterstattungsgegenstand und zu den Protagonisten der Sportereignisse gehört für mich selbstverständlich zur professionellen Grundhaltung.
  2. Mein Patriotismus hält sich bei der journalistischen Arbeit in den gebotenen Grenzen.
  3. Als Moderator beim Skispringen oder bei der Leichtathletik kommt es für mich darauf an, in den Gesprächen mit den Athletinnen und Athleten interessante Antworten zum laufenden Wettbewerb zu erhalten, unabhängig von der Nationalität. Ich verstehe mich dabei als Mittler zwischen Zuschauer und Sportler. Eine gewisse (zurückhaltende) Freude über deutsche Erfolge liegt da für mich in der Natur der Sache.
  4. Journalistische Interviews zielen darauf ab, ergänzende Aspekte für die Berichterstattung zu erfragen. Dennoch gibt es natürlich atmosphärische Unterschiede, ob ein Interview am Rande einer Sprungschanze oder an der Frankfurter Börse geführt wird.
  5. Die Frage ist mir zu billig.

sport-hofmannRuth Hofmann, geboren 1986 in Augsburg, moderiert nach ihrem Volontariat bei Sky seit 2013 für Sport1 von der Europa-League bis zur 2. Liga alles was mit Fußball zu tun hat.

  1. Begeisterungsfähigkeit und Emotionalität sind wichtige Aspekte von Sportberichterstattung, die das kritische Urteilsvermögen allerdings nicht beeinflussen sollten. Eine gewisse Nähe zu den handelnden Personen kann bei der Informationsbeschaffung hilfreich sein; es sollte aber so viel Distanz bestehen, dass eine ausgewogene Berichterstattung möglich ist.
  2. Eine gewisse Heimatverbundenheit schließt meiner Ansicht nach die Offenheit gegenüber anderen Nationen sowie die Fähigkeit zur kritischen Berichterstattung nicht aus. Die journalistisch notwendige Überparteilichkeit ist in diesem Rahmen also durchaus möglich.
  3. Er darf, muss aber nicht. In erster Linie ist die Aufgabe des Reporters, objektiv über die Sportveranstaltung zu berichten. Eine grundsätzliche Sympathie für die Sportler des eigenen Landes halte ich dabei für angebracht. So kann der Reporter mit den heimischen Sportlern und Fans mitfühlen, entsprechend Emotionen übermitteln und gleichzeitig in gesundem Maße Kritik üben.
  4. Sportberichterstattung transportiert auf besondere Art Emotionen: Sie lässt Leser, Hörer, Zuschauer mit fiebern, leiden, jubeln. Vor diesem Hintergrund kann unserem Ressort durchaus eine Sonderstellung zugewiesen werden. Während in anderen Bereichen von vornherein eine nüchterne Herangehensweise unabdingbar ist, bedarf es bei Sportjournalisten – um eben diese Emotionen zu übermitteln – stets eines gewissen Maßes an Begeisterungsfähigkeit.
  5. Der Bessere.
  6. Ja, aber ich benötige ihn selten.

sport-stutzkyJochen Stutzky, geboren 1980 in Schwäbisch-Gmünd, hat während seines Sport-Studiums als Blindenkommentator beim FC Bayern München gearbeitet und moderiert seit 2007 bei Sport1 vor allem Fußball.

  1. Der Zuschauer sollte immer den Eindruck haben, dass der Journalist objektiv an die Sache herangeht. Ein einfaches Beispiel wäre das Duzen und Siezen des Gegenübers bei Interviews. Dies ist nicht immer einfach, da man in gewissen Interviewsituationen per Du eine spürbar bessere Atmosphäre schafft und vor allem dem Interviewpartner damit ein gutes Gefühl gibt sowie teilweise auch für den Zuschauer bessere Antworten gewinnt. Im Hinblick auf Patriotismus sollte meiner Ansicht nach im Sport zum Beispiel bei Länderspielen eine gewisse Tendenz sogar nötig und auch erlaubt sein. Emotionalisierung ist in der Sportberichterstattung enorm wichtig. Einzelne Szenen, wie zum Beispiel eine Elfmeterentscheidung oder ähnliches, muss der Reporter aber natürlich immer objektiv beurteilen.
  2. Neutralität und Unabhängigkeit gehören für mich ebenso zur Sportberichterstattung wie Patriotismus. Beides zusammen ist möglich! Meiner Meinung nach gehört ein gesundes Maß an Patriotismus im Sport dazu und sollte auch beim Sportreporter nicht negativ ausgelegt werden.
  3. Er muss es zum Teil sogar: Man stelle sich Länderspiele deutscher Nationalteams ohne die Botschaft des Sportreporters vor, dass man sich ruhig auch freuen darf, wenn sie ein Spiel gewinnt oder gar einen Titel holt. Olympische Spiele ohne Daumen drücken für die Deutschen? Unvorstellbar! Trotzdem muss der Respekt vor dem sportlichen Gegner erhalten bleiben und seine Leistung honoriert werden. Als schlechter Verlierer sollte sich niemand zeigen.
  4. Im Grunde gelten im Sportjournalismus keine anderen Regeln. Allerdings ist Patriotismus im Sport tief verwurzelt und mittlerweile auch in Deutschland wieder stärker akzeptiert. Solange die Kernkriterien journalistischer Arbeit wie unter anderem Richtigkeit, Sorgfalt und Ausgewogenheit beachtet werden, darf ein deutscher Sportjournalist durchaus andeuten, dass er bei einem Länderspiel Deutschland gegen England die Daumen drückt für ‚Die Mannschaft‘. Und was wäre diese Paarung ohne die Berichterstattung rund um die sportliche Rivalität beider Nationen, ohne ironische Breitseiten aus beiden sportjournalistischen Lagern?
  5. Im Sinne der sportlichen Leistung sollte eigentlich stets der Bessere, Fleißigere, Talentiertere gewinnen. Grundsätzlich sollte ein sportlicher Sieg verdient sein. Das ist er aber eben nicht immer. Ich halte gerne zu deutschen Sportlern. Aber ich sehe das keinesfalls als Dogma. Jeder sollte für sich entscheiden, wer gewinnen soll.
  6. Natürlich! Er identifiziert mich in meinem Traumberuf als Sportjournalist, ist aber oft auch meine Eintrittskarte. Bei Länderspielen brauche ich ihn in der Regel, um Zugang zum Training oder zur Pressekonferenz des DFB oder des Gegners zu erhalten.
Der Text ist zuvor im Medienmagazin journalist erschienen