Dietmar Hopp: Männermacht & Sexismus

Schwule, Fotzen, Dietmar Hopp

In der Empörung über die vermeintliche Diskriminierung des mächtigen Milliardärs Dietmar Hopp zeigt sich die Verlogenheit des Toleranzgeschwafels von DFB und Medien. Ergebnis: Beleidigungen sind nicht so schlimm, solange sie Farbige, Frauen, Homosexuelle betreffen, keine reichen weißen Männer.

Von Jan Freitag

Eine Schweigeminute, das fehlt jetzt eigentlich noch. Einen Moment kollektiven Innehaltens für Dietmar Hopp. Dietmar Hopp, den Geschmähten, Dietmar Hopp, die Hassfigur, Dietmar Hopp, das Diffamierungsopfer. Es steht außer Frage, wie verabscheuungswürdig es ist, Menschen gleich welcher Herkunft, Denkweise, Lebensart ins Fadenkreuz zu stellen, also zum Abschuss freizugeben. Konsens besteht wohl auch darüber, dass der Verrohung öffentlicher Diskurse – ob im Messenger oder Stadion – gemeinsam entgegengewirkt werden muss. Beleidigungen, wie sie der Erfinder des Bundesligisten TSG Hoffenheim erfährt, sind nicht nur stupide, sie sind auch populistisch, ignorant und äußerst riskant.

Aber diskriminierend?

Diesen Eindruck haben Berichte von der Sportschau übers sportstudio bis zu den Tagesthemen erweckt, als sie am Wochenende übers Spiel des FC Bayern in Sinsheim berichtet haben, das wegen unflätiger Transparente der Auswärtsfans kurz vorm Abbruch stand. Dietmar Hopp, nur zur Erinnerung, ist einer der mächtigsten Männer Deutschlands. Sein Computerkonzern SAP hat ihn zum Milliardär gemacht, der es sich leisten kann, einen Amateurclub mit Abermillionen aus der Portokasse in die Champions League zu kaufen. Dank seines Geschlechts, seiner Hautfarbe, seinem Status kann er also durchaus beleidigt werden kann, diskriminiert hingegen nicht. Denn dafür bedarf es die Zugehörigkeit zu einer sozial geächteten, mithin existenzgefährdeten Gruppe. Schön wär’s, wenn damit mal die Kaste der Superreichen gemeint wäre…

Die Empörung über geschmacklose Kritik, der er sich zuletzt in den Kurven selbsternannter Lordsiegelbewahrer sportlicher Traditionen von Dortmund über Köln bis Berlin ausgesetzt sah, mag demnach aufrichtig sein; angemessen ist sie nicht. Und dafür muss man noch nicht mal der Frage nachgehen, warum es eigentlich despektierlich sein soll, ein „Hurensohn“, also das Kind einer Prostituierten zu sein; entscheidender ist die Frage nach Maß und Mitte der journalistischen, also gesellschaftlichen Haltung.

Denn während rassistische Anfeindungen nach jahrzehntelanger Duldung sehr, sehr langsam verurteilt werden, regt sich über sexistische oder homophobe Schmähungen noch immer kein bürgerliches Gewissen. Wer sich die DFB-Seite nach verhängten Strafen wegen Fehlverhaltens des Publikums ansieht, findet unter Stichworten wie Rauchbombe oder Pyrotechnik zwar Hunderte von Urteilen; sobald es Beleidigungen wegen Geschlecht, Sexualität oder Herkunft geht, purzelt die Zahl in den niedrigen einstelligen Bereich.

Als Dresdner Fans weibliche des FC St. Pauli unlängst per Transparent als „Fotzen“ bezeichnete, blieb es bis auf eine Anfangsermittlung folgenlos. Auch ein Banner im Stuttgarter Block mit der Aufschrift „Geizige Schwaben ficken eure Mütter zu fairen Preisen!“ ließ den Schiedsrichter an gleicher Stelle Anfang Februar offenbar so kalt wie den DFB. In derselben Sportschau jedenfalls, die sich nun zu Recht über die Herabwürdigung von Dietmar Hopp echauffierte, fanden solch misogynen Auswüchse zu Unrecht keine Erwähnung.

Dass sich der DFB-Präsident wegen homophober Sprechchöre, die unverdrossen durch deutsche Arenen gebrüllt werden, ins aktuelle sportstudio einfliegen lässt, scheint da vorerst undenkbar. Wer seine undifferenzierten Worte dort hörte, muss darüber indes wohl ganz froh sein. Die Feststellung jedenfalls, wer Hopp diffamiere, sei kein Fußballfan, geht ähnlich am Kern der Sache vorbei wie die Bemerkung, Hopp habe für sein Vermögen schwer gearbeitet. Dass er überdies sozial eingestellt und überhaupt „ein feiner Kerl“, hat schlichtweg nichts mit dem Fall zu tun.

In dem nämlich protestieren Ultras diverser Couleur gegen ein DFB-Urteil, das Borussia Dortmund entgegen anderslautender Bekundungen eine Kollektivstrafe für Attacken auf Dietmar Hopp verpasste. Das vielfach geäußerte „Hurensohn“ plus Fadenkreuz wiederholte dabei bewusst den Tatbestand von damals. Einerseits. Andererseits steht die Kritik an seiner Person stellvertretend für eine Kommerzialisierung, die es Menschen wie ihm erlaubt, unterklassige Clubs mit der Kraft willkürlich gestreuter Millionen erstklassig zu pampern und damit den Wettbewerb zu verzerren.

Kein Wunder, dass es im Leipziger Stadion am Sonntag keinerlei Proteste gegen den Gönner gab. Wunderlich ist es hingegen, dass im ARD-Beitrag von der Partie gelobt wurde, wie vorbildlich tolerant sich das Heimpublikum verhalten habe. Das ignoriert die Tatsache, dass RB Leipzig selbst ein Retortenclub von Milliardärs Gnaden ist. Auch hier stellt sich also die Frage, warum Journalist*inn*en aller Medien ihrer Sorgfaltspflicht so wenig nachgekommen.

Genauer: warum Katrin Müller-Hohenstein im sportstudio beim DFB-Präsidenten mit keiner Silbe auf Ursache und Wirkung hingewiesen, warum Alexander Bommes in der Sportschau weder von Kollektivstrafen noch Kommerzialisierung berichtet, warum ein Sport1-Reporter tags drauf bei der Zusammenfassung des Zweitligaspiels Bochum gegen Sandhausen allen Ernstes ein Transparent im Heimblock verurteilt, ohne – wie er offen zugab – den Text darauf zu kennen, warum – in einem Satz – professionelle Berichterstatter derart ihr Handwerk verachten?

Dahinter, so scheint es, steckt eine Agenda, die sportlichen Erfolg ungeachtet aller sozialen, kulturellen, humanistischen Belange so überhöht, dass sämtlich Medien nur noch vom tollen Fußball sprechen, wenn RB Leipzig (aber auch der zusehends machiavellistisch herrschende FC Bayern) spielt, statt zu thematisieren, wie brutal dieser Erfolg zu Lasten sportlich gewachsener Vereine durchgeprügelt wurde. Diese Agenda muss nicht ausgehandelt werden, sie ist selbsterhaltend, ein Perpetuum Mobile der Marktwirtschaft. Sinnbildlich dafür steht die Gesprächsendung Sky90, in der Patrick Wasserziehr am Sonntag mit drei Männern und einer Frau diskutierte, die meist nur dekorativ nickte – bis sie den Fall Hopp unwidersprochen in den Kontext von Halle und Hanau stellte.

Doch anstatt ihr in die populistische Parade zu fahren, überbot sie der Moderator noch an geistiger Schlichtheit, indem er von Nazis-raus-Rufen faselte, die es bei gleicher Gelegenheit in Münster gegeben habe. Immerhin konnte ihm der besonnene Gladbacher Max Eberl darauf hinweisen, dies sei in der 3. Liga geschehen. Nach einem rassistischen Vorfall. Egal, mag sich der Journalist da gedacht haben: Schwule, Ausländer, Weibsvolk, Dietmar Hopp – werden doch alle gleichermaßen diskriminiert…


Hamburger MoPo: Feuilleton & Fake News

Fünf Minuten Lesezeit

Die Hamburger Morgenpost war mal ein wichtiges Blatt der Pressestadt Hamburg. Ihr Chefredakteur allerdings hat sie derart auf populistischen Kurs gebracht, dass die drohende Abwanderung ins Netz irgendwie gar nicht so furchtbar klingt. Dabei könnte sie viel mehr. Versuch einer Ehrenrettung.

Von Jan Freitag

Am 10. Januar war‘s mal wieder so weit, da hat sich die grassierende Dummheit unserer Zeit weit rechts überholt: in der Mopo. So nennen viele Menschen der Pressehauptstadt jener Tage, als „Presse“ noch für Papierpublikationen stand und „Hauptstadt“ für Bonn, eine Zeitung, die wirklich mal bedeutsam war. Lange her. Jetzt füllt die Hamburger Morgenpost ihre Titelseiten gern mit Schlagzeilen wie der vor drei Wochen: „Diese 5 Radlertypen nerven uns“. Außen illustriert mit plump gestelltem Foto, innen ergänzt von faktenfreier Attacke gegen „Dunkelraser“ und „Kopfhörer-Zombies“.

Dicke Lettern, dürre Substanz, dreiste Anbiederung an Klimawandelleugner und ähnliche Populisten rechts der FDP – so tickt eines der ältesten Boulevardblätter im Land heute. Es ist zum Heulen. Denn nur zur Erinnerung: das frühere Parteiorgan der SPD nach dem Verkauf an den G+J-Verlag 1986 auch weiterhin die wichtigste Stimme sozial benachteiligter, kulturell interessierter, tendenziell linksalternativer, aber nicht ideologisch festgelegter Bürger*innen der Hansestadt. Sicher, sie hatten früher noch taz und Szene, Oxmox und ein Magazin namens Die Woche für den progressiveren Blick aufs örtliche Geschehen. Aber die MoPo besaß eben nicht nur Haltung, sondern auch die passende Auflage, sie zu verbreiten.

Gut 450.000 Stück wurden Ende der Fünfziger verkauft, immerhin noch ein Drittel davon 40 Jahre später, als der Kulturmäzen Frank Otto sie von G+J übernahm. Und wann immer es seinerzeit zwischen Hafenstraße und Hamburger Kessel, FC St. Pauli und Roter Flora sozialpolitisch hoch her ging, nahm die Redaktion an der Bahrenfelder Griegstraße alle Seiten in den Blick, nicht nur die bürgerlich-konservative. Doch spätestens, seit Frank Niggemeier das regionale Flaggschiff journalistischer Vielfalt 2008 leitet, steht „Boulevard“ darin nicht mehr für „bunt“, sondern „blöde“, schlimmer noch: bis zur intellektuellen Selbstverleugnung populistisch.

Das zeigt sich nicht nur im Pkw-seligen Fahrradbashing einer Belegschaft, die jeden Schlagermove bedingungslos feiert. Mehr noch zeigte es sich, als Proteste gegen die Hamburger Flüchtlings- und Strukturpolitik vor fünf Jahren Schlagzeile für Schlagzeile kriminalisiert wurde, was beim G20-Gipfel im fachlich-ethischen Bankrott gipfelte, ausschließlich Gewalt gegen, nicht von Polizisten anzuprangern. Im Grunde ist die Nachricht also gar nicht mal so schlecht, dass der Kölner DuMont-Verlag das Hamburger Regenbogenblatt wohl an die Essener Funke-Mediengruppe verkauft, wo es zur Digitalmarke geschrumpft werden soll. Schließlich ist die Auflage ausgerechnet zum 70. Geburtstag 2019 unter 50.000 gesunken, schließlich werden die überregionalen Inhalte schon jetzt von einer Gemeinschaftsredaktion in Hannover geliefert, schließlich benötigt man auch für die lokalen keine fünf Minuten Lesezeit – so belanglos billig, so bildlastig brachial werden sie vorwiegend zubereitet.

Dennoch wäre es ein herber Schlag für die Presselandschaft, wenn eines der letzten redaktionell erstellten Blätter Hamburgs vom Kiosk verschwände. Noch immer berichten dort schließlich ausgebildete Journalistinnen und Journalisten, deren Output zwar oft kritikwürdig ist, verglichen mit dem clickorientierten Erregungscontent sozialer Medien allerdings hochseriös. Noch immer schafft es das Feuilleton, trotz Personalmangels, Eventisierung und Frank Niggemeier, die örtliche Subkultur mit Leidenschaft abzubilden. Noch immer berichten echte Menschen statt Bots und Influencern vom Mikrokosmos einer bewohnten Metropole. Und noch immer gehört sie aus Sicht von Kultursenator Carsten Brosda damit zu Hamburg „wie der Michel und die Elbe“. Einerseits.

Andererseits gibt es mit dem Abendblatt, das Springer vor sechs Jahren an Funke verscherbelt hat, bereits ein politisch konservatives Blatt in Hamburg, das zwar staubig wie Krümelkekse, aber qualitativ hochwertig den Standort feiert. Für die alternativere Lokalberichterstattung hält sich – wenn auch künftig nur noch im Netz – die kämpferische taz. Wer es offen rechtspopulistisch mag, greift ohnehin zur Bild. Und online steht die Mopo erstaunlicherweise seit Jahren in den Top-10 der meistgelesenen Presseseiten. Nüchtern betrachtet ist die Existenzberechtigung dieser selbstverzwergten Zeitung also umstritten. Doch mit etwas Empathie für Personal und Kundschaft möchte man ihr wünschen, nicht von Essen aus in den Orkus digitaler Sensationslust verklappt zu werden.

Wer weiß – sollte Frank Niggemeier abtreten, hätte vielleicht auch der ewige Kampagnenjournalismus ein Ende. Und mit ihm die ritualisierte Schlacht gegen Hamburgs Fahrradverkehr. In der nämlich hatte die Mopo bereits Anfang vorigen Jahres unterm Titel „Rambo-Radler“ mitsamt gestelltem Foto alle journalistischen Ideale verraten, mit denen sie einst relevant geworden war. Sollten solche Fake News die Regel bleiben, darf die Mopo gern sterben.

Der Text ist vorab bei Mitvergnügen-Hamburg erschienen

 

 


Uwe Kockisch: Comm. Brunetti & Stasi-Kupfer

Die Ruhe selbst

Seit mehr als 20 Jahren zählt Uwe Kockisch bereits zum Kernbestand des Fernsehpersonals – trotz und wegen seiner Rolle als Commissario Brunetti (Bild: Nicolas Maack/Degeto) nach den Krimiromanen von Donna Leon, die Weihnachten mit der 26. Folge im Ersten zu Ende ging. Ein Abgesang.

Von Jan Freitag

Uwe bleibt ganz ruhig, obwohl: das tut er ja selbst dann, wenn es spürbar in ihm brodelt. Vor ihm im Wasser treibt die Leiche eines Bekannten, mit dem er eben noch angeregt übers Böse der Welt diskutiert hatte. Uwe mochte diesen Imker, auch wenn er das nicht so richtig zeigen konnte – schon weil eigentlich keine seiner Filmrollen Gefühle so richtig zeigen darf. Diese Gefühlsunterdrückung ist geradezu ihr Markenzeichen, sie macht ihn ja gewissermaßen zur Marke, diesen Uwe, der große Grübler des deutschen Fernsehens.

Doch jetzt hat es sich ausgegrübelt.

Denn mit einer Fahrt Richtung Horizont hat Uwe, Nachname Kockisch, jenes Gewässer, in dem die Leiche des geselligen Imkers, Vorname Davide, vor sich hin dümpelt, endgültig verlassen. Es ist die Lagune von Venedig, ein bezaubernd schönes Biotop – wäre da nicht der Mensch an sich. Ein zerstörerisches, abgründiges, zutiefst selbstsüchtiges Wesen, mit dem es Uwe Kockisch seit Oktober 2003 als Commissario Brunetti in aller brodelnden Ruhe zu tun bekam. Nach der 22. von insgesamt 26 Folgen „Donna Leon“ endet also eine ARD-Reihe, in der er einst den atmosphärisch ähnlich introvertierten Joachim Król als Hauptdarsteller mit neuem Gesicht zur alten Figur beerbt hatte.

Nicht, dass es dem Krimi an Publikumsresonanz mangeln würde; die Einschaltquoten waren bis zuletzt wie an fast jedem Donnerstagabend im Ersten hervorragend. Die vorletzte Episode im April etwa haben annähernd sechs Millionen Zuschauer gesehen, und hätte RLT parallel dazu nicht ein zugkräftiges Fußballspiel übertragen – es wären gewiss noch deutlich mehr gewesen. Umso interessanter müsste es sein, Uwe Kockischs Abschiedsmotive von ihm persönlich zu erfahren. Weil er das vereinbarte Interview jedoch unmittelbar vorm Termin – womöglich aus Angst vor kritischen Fragen – ohne Erklärung abgesagt hat, kann man darüber nur spekulieren. Der wichtigste Grund bedarf allerdings keiner Zeugenaussage: Commissario Brunetti ist auserzählt. Seit langem schon.

Auch sein letzter Fall treibt daher wie die Leiche des Bienenzüchters (Hermann Beyer) in einer kruden Story voll gestanzter Charaktere, die in der Regel keine dramaturgische, sondern allenfalls Platzhalter-Funktion haben. Nur leidlich von einem Burnout genesen, soll der ausgebrannte Ermittler eigentlich auf der Laguneninsel Sant’Erasmo regenerieren, wird durch den gewaltsamen Tod des biografisch verbundenen Imkers, der bereits Brunettis Vater kannte, jedoch zur Arbeit genötigt. Im Fall eines vermeintlichen Umweltskandals ringen sodann brutale Wasserschutzpolizisten (Anton Spieker) und dubiose Umweltanwälte (Suzanne von Borsody), aasige Unternehmer (Roman Knižka) oder bullige Bauern (Paul Faßnacht) um eine Art Klischeehoheit, in der sich jeder Gemütszustand zu 100 Prozent im Gesichtsausdruck spiegelt und auch sonst alles den Regeln leichtverständlicher Fiktion folgt.

Gut, dass alles nicht allzu schlüssig, aber immerhin ein bisschen anders als insinuiert, also einigermaßen überraschend endet, ist in allen 23 Leon-Verfilmungen unter Rothemunds Regie Teil des Spanungsprinzips. Aber um Logik geht es bei Krimireihen wie dieser ohnehin nur am Rande. Dazwischen geht es ums Geschäft. Und das hat kaum jemand so geprägt wie Uwe Kockisch alias Guido Brunetti. Erst seit seinem Dienstantritt ergießt sich ja ein nie versiegender Strom hiesiger Darsteller auf den Bildschirm, die im Ausland Einheimische jeder Herkunft spielen und dabei wie Deutsche klingen oder noch absurder: Österreicher. Der erste Epigone war 2006 an gleicher Stelle Henry Hübchens Triester Commissario Laurenti, bevor ihm Der Kommissar und das Meer Walter Sittler ein Jahr drauf fürs ZDF aufs schwedische Gotland folgte.

Was alle drei eint, ist dabei ein angenehm reserviertes, vielfach arg melodramatisches, aber vergleichsweise authentisches Spiel vorm Poster-Ambiente aufgeräumter Drehorte, die dem Publikum gleich zweierlei boten: Reisetipps ohne Reue plus Identifikation mittels Sprache. Während sich die Kulissen oft auf Sehenswürdigkeiten reduziert, reden alle Schauspieler darin schließlich stets geschliffen Hochdeutsch oder werden entsprechend (mies) synchronisiert. Spätestens, als Francis Fulton-Smith – natürlich unter Sigi Rothemund Regie – erst den Pariser Kommissar LaBréa und danach dessen Athener Kollegen Richter zur Abziehfolie nationaler Klischees machte, klang das dann nur noch lächerlich. Erfolgreich war es trotzdem.

Wenn Deutsche nun von Tel Aviv bis Lissabon, von Barcelona bis Island unter Deutschen auf Deutsch ermitteln, entsteht daraus fast zwangsläufig artifizielles Erklärbärfernsehen für Begriffsstutzige, bei dem sich jeder Protagonist ungefragt mit Wohnort, Name, Beruf vorstellt und fies aus der Wäsche guckt, falls er was auf dem Kerbholz hat. Warum sich der achtbare Uwe Kockisch das die vergangenen 16 von mittlerweile fast 70 Jahren angetan hat, hätte man ihn da wie gesagt gern selbst gefragt. Aber wer ihm letztmals dabei zusieht, kann sich im Meer der Ödnis wenigstens  am Zufluss seiner Ruhe erfreuen.

Es ist ein gleichermaßen trauriges und kämpferisches Spiel, mit dem er einst sogar den Stasi-General Kupfer in Weissensee zum Sympathieträger machte. Dank dieser Hybris zählte der gescheiterte Republikflüchtling schon im Osten zu den Großen seiner Branche und schaffte auch den Übergang ins gesamtdeutsche Fernsehen. Schön, dass er dort nun wieder mehr Zeit für bessere Rollen hat.


The Walking Dead: untot & unendlich

Fortsetzungsgemetzel

Nach insgesamt 5600 Minuten in neun Jahren geht The Walking Dead (Foto: FOX/Sky) in die zehnte Staffel. Kurz bevor Breaking Bad am Freitag mit El Camino sein nächstes Spin-off auf Netflix kriegt und auch sonst alles bis zum Erbrechen ausgelutscht wird, was Erfolg am Bildschirm hatte, wird es also Zeit für den Appell, das Zombiegemetzel endlich mal ausbluten zu lassen. Es hat sich auserzählt.

Von Jan Freitag

Da grunzen sie also wieder und beißen, vermodern sichtbar und sind als Wasserleichen noch etwas ekliger, aber irgendwie noch immer dieselben Zombies, mit denen Film und Fernsehen uns seit – ja, seit wann eigentlich die Zeit stiehlt? Wenn die Murdoch-Tochter FOX heute bei Sky die 10. Staffel The Walking Dead zeigt, dehnt sich die Comic-Adaption um acht auf 139 Episoden aus. Und wer sich den Kampf der Menschen mit Untoten, vor allem aber sich selbst ansieht, dürfte zusehends ratlos sein, warum die Serie einfach kein Ende nimmt. Nach 5600 Minuten seit 2010 haben wir die Kernaussage des Showrunners Frank Darabont nämlich verstanden, großes Bingewatcher-Ehrenwort.

Falls die Apokalypse in Gestalt lebloser Monstren ohne Mitgefühl, gar Moral über uns hereinbricht, werden wir selber zu Bestien, okay. Bestien, die gnadenlos nach Macht streben oder wenigstens der Befriedigung sadistischer Triebe. Wie in den ersten neun Staffeln wiegt uns auch Nummer 10 diesbezüglich zwar anfangs in Sicherheit: das Böse jeder Art ist besiegt, der Endzeit-Tyrann Negan geflohen, ein neuer nicht in Sicht. Da können sich die Wohlgesinnten um Carol, Michonne und Daryl scheinbar aufs Wesentliche konzentrieren. Doch wie eine Kohorte Überlebender in römischer Formation zu Trainingszwecken skelettierte Ungeheuer köpft, wird rasch deutlich: TWD, wie Fans die Serie nennen, kreist um sich selbst, je weiter sie sich von Robert Kirkmans Graphic Novel und dem Ursprung des Genres entfernt.

Als Bela Lugosis White Zombie den karibischen Voodoo-Kult 1932 leinwandtauglich machte, waren die Untoten eher melancholische Geister als hirnsüchtige Beißer. Seit den Sechzigern dann kommentierten die gefühlskalten Kannibalen der Splatter-Könige George A. Romero und Peter Jackson erstmals die konsumsedierte, technikgläubige, kriegslüsterne Klassengesellschaft, deren Mitglieder gern in Industriebrachen oder Einkaufszentren ausgeweidet wurden. Mit dem Blockbuster I am Legend oder Marvin Krens deutscher TV-Produktionen Rammbock wurde der Handlungsrahmen zwar schon im vorigen Jahrzehnt erweitert; doch erst Kirkman und Darabont schminkten die Gesellschaftskritik mit Schauwert für Horrorfans zur Menschheitskritik von relevanter Tragweite um. Zumindest fünf, sechs Staffeln lang.

Dann aber begann der Schlagabtausch Mensch vs. Monster, Zivilisation gegen Barbarei zügig zu ermüden. Das Böse wurde stetig böser, seine Gewalt selbstreferenzieller, weshalb die Guten selbst oben auf der Besetzungsliste zwar dezimiert wurden, aber ständig hoffnungsvollen Zuwachs hatten. Und genau hier zeigt sich der gehende Tod von seiner plumpsten Seite. Wenn eines im Personalkarussell nämlich sicher ist, dann dass sämtliche Frauen darin bildschön sind und gleich nach ihrer Modelkarriere in Echtzeit zu todesmutigen Marines mutieren. Dass die siedend heiße Nadia Hilker nun von der Neben- zur Hauptfigur wird, dürfte da eher weniger an ihrer Arbeit im deutschen Vorabendfernsehen zu tun haben. Effekthascherei deluxe für die Generation Men’s Health.

Klar, wenn die kleine Tochter des (ausgestiegenen) Rick wie afrikanische Kindersoldaten stoisch Untote zerhackt als seien es Moorhühner, klingt das postapokalyptische Drama noch immer nach präapokalyptischer Sozialkritik. Der Rest aber bleibt zutiefst narzisstisch – eine Wesenseigenschaft, lehrt uns das Weiße Haus tagtäglich, die wenig Raum für Besinnung bietet. Zum Spin-off Fear of the Walking Dead auf Amazon hat AMC daher für 2020 eins mit zwei Teenagern im Zentrum angekündigt. Oberfiesling Negan kriegt ebenso wie sein Ex-Gegner Rick eine Handvoll eigener Spielfilme. Und ob das Original wirklich endet, hängt von Einschaltquote ab. In den USA ist sie zwar auf weniger als ein Drittel der Topwerte in Staffel 5 abgesackt, aber angesichts der Vielfalt des Senderangebots noch immer solide. Es droht uns also die ewige Apokalypse. Herr, lass bitte kein Hirn regnen! Zumindest nicht auf Serienzombies…


The Loudest Voice: Fox-News & Russell Crowe

Trumps Erfinder

Ohne Roger Ailes und sein antiliberales Sturmgeschütz Fox-News säße heute höchstwahrscheinlich jemand anderes im Weißen Haus und die Welt drumherum wäre weniger gespalten. Die Showtime-Serie The Loudest Voice mit Russell Crowe (Foto: Sky) in der Hauptrolle skizziert seit Montag auf Sky nun das bizarre Leben des Medienmoguls – und macht Angst, was da noch kommt.

Von Jan Freitag

Das Ende dieser Fernsehfiktion aus dem ganz realen Nachrichtenwesen der USA kommt bereits nach drei Sekunden – und bei aller Pietät, es ist für lange Zeit die erste gute, aufrichtig journalistische, solide recherchierte News: Roger Ailes ist bereits tot, als eine Showtime-Serie über den legendären Mastermind von Rupert Murdochs reaktionärem Fernsehsturmgeschütz Fox-News gerade mal anfängt. Pillen am Boden, ein Fleischberg daneben, als Bluter verblutet, Gegner hoffen bis heute: elendig verreckt. Zu Lebzeiten hat The Loudest Voice der USA schließlich auch all jenen ein schmerzhaftes Ende gewünscht, die seinem Ideal einer Gesellschaft zum Wohle von Nation, Rasse, Kapital und Roger Ailes im Wege stehen. Er wisse daher, sagt der Verstorbene aus dem Jenseits, was die Leute nach seinem Tod über ihn sagen: rechts, paranoid, fett. „Ich werde nicht mit ihnen darüber streiten.“

Dieser Satz ist insofern bemerkenswert, als das berufliche Dasein des ehemaligen Nixon-Beraters aus Streit, Streit und nochmals Streit bestand. Das Alphatier aus dem konservativen Rostgürtel, erfahren wir ab heute im furiosen Siebenteiler The Loudest Voice auf Sky, war nur im Kampfmodus glücklich, auf dem Schlachtfeld erhaben, unter Feinden befriedigt. Und um zu verstehen, wie es dazu wurde, zieht uns Regisseurin Kari Skogland nach Gabriel Shermans Biografie ganz in den Bann eines Mannes im publizistischen Blutrausch, der vieles von dem erklärt, was die Welt seit Jahren an den Abgrund drängt. Als Roger Ailes 300 Pfund Gewicht 22 Jahre vorm Serientod über den Fernseher wälzt, startet er nämlich gerade einen Krieg gegen die Demokratie.

Doch der Reihe nach…

Zunächst mal zieht er mit Methoden gegen den Journalismus zu Felde, die Showtime spürbar schaudernd bebildert. Im ersten Teil wird die sechsmonatige Gründungsphase seiner Erfindung Fox vom aufrichtig rechten Gegenstrom im angeblich linken Medienmainstreams zum erfolgreichsten Senderstart der Geschichte skizziert. Im zweiten folgt die Zuspitzung des antiliberalen Kreuzzugs auf einen Militärschlag, den Ailes nach den Anschlägen von 9/11 mit der Kraft seines Netzwerks im Irak herbeiführt. Der dritte zeigt den Frontalangriff auf Barack Obama, den Ailes beharrlich „afrikanischer Sozialist“ schimpft. Stets animiert er sein Team, Ethos durch Rendite zu ersetzen und Fakten durch Fakes. Als die seriöse Starreporterin angesichts dieses dauernden Prinzipienbruchs mahnt, „das ist eine Nachrichtensendung, keine Sitcom“, antwortet Ailes süffisant: „Missy, das ist eine Meinungssendung.“

Das Sklavensynonym Missy und der Neutralitätskontrast Meinung – zwei Worte, die Ailes‘ Rassismus, Sexismus, Radikalismus auf den Punkt bringen. Zwei Worte, denen aber auch jemand Nachdruck verleiht, von dem es nicht zu erwarten war: Russell Crowe. Der versierte Heldendarsteller spielt den virtuosen Spin-Doctor trotz Fatsuit mit einer Variationsbreite, die mindestens ebenso erschüttert wie sein Original. Denn das engagierte ja nicht nur deshalb Models statt Moderatorinnen, um schlichte Zuschauer zu blenden, sondern – Kernthema der letzten drei Folgen – um sie sexuell zu missbrauchen. Anspruchsvolle Zuschauer lernen also von der ersten bis zur letzten Minute: Ailes vereint alles, was an Männern mit Macht verachtenswert ist.

Umso dankenswerter ist es, ihn nicht (nur) als Monster zu zeigen. Seine Trauer beim Abschied als Chef des Kaufkanals CNBC ist schließlich so echt wie die Wut über Obama und verdeutlichen: hier ist kein narzisstischer Opportunist wie sein Premiumprodukt Trump am Werk, sondern ein Überzeugungstäter, dem der Niedergang seiner Heimatstadt so glaubhaft zu Herzen geht, dass er die liberale Lokalzeitung kauft und von Ehefrau Beth (Sienna Miller) auf Kurs bringen lässt. Es ist ein weiterer Baustein in der reaktionären Mauer durch Amerikas Gesellschaft. Und wie nah dessen Erbauer auch posthum der Vollendung ist, zeigten Donald Trumps Twitter-Tiraden gegen etwas zaghafte Fox-Kritik am Nachmittag. Im Reich des Königsmachers Roger Ailes eine Majestätsbeleidigung.


Orange is the new Black: divers & böse

Woman is the new Bad

Mit der siebten Staffel endet heute die Frauenknast-Serie Orange is the new Black (Foto: Netflix), mit der Netflix nicht nur sechs Jahre lang richtungsweisende Unterhaltung geboten hat, sondern die Frau in ihrer ganzen Vielfalt gefeiert. Ein trauriger Abgesang.

Von Jan Freitag

Es gibt da eine Konstante in Film & Fernsehen, die fast so haltbar ist wie der Hang zum Happyend: Frauen sind die Guten. Falls sie ausnahmsweise nicht die Guten sind, sind Frauen zumindest nie die richtig Bösen. Und wenn sie doch mal richtig böse werden, sind Frauen gern allein unter noch böseren Männern. So weit ein Branchengesetz, das selbst Gegenspielerinnen von 007 selten in Frage gestellt haben; es sei denn, kurz vorm Abspann wären sie nicht unter ihm gelandet, sondern in Litchfield.

Kein fiktionaler Ort beherbergt schließlich mehr weibliche Delinquenz, Grausamkeit und Heimtücke bei weniger Erbarmen, Mitgefühl, gar Gnade als das Frauengefängnis irgendwo im Nirgendwo der USA. Umso erstaunlicher, dass es seit 11. Juli 2013 den Rahmen einer Art Großkammerspiel bildet, die in der Rubrik „Comedy“ TV-Preise hortet wie Netflix Neukunden: Orange is the new Black. Mit der siebten Staffel leitet der Streamingdienst nun das Finale ein. Doch schon vor den letzten 13 von dann 91 Folgen ist absehbar: So außergewöhnliche Protagonistinnen in so vielschichtigen Problemlagen wird es auf so unterhaltsame Art so bald nicht mehr geben.

Aber warum auch? Der beständig wachsende Hauptcast einer Notgemeinschaft, deren Umfang allenfalls mit Game of Thrones vergleichbar ist, hinterlässt auch ohne Fortsetzung oder Kopien augenfällige Stempel auf dem Markt horizontaler Dramaserien. Bis die leutselige Managerin Piper Chapman (Taylor Schilling) vor fast genau sieben Jahren wegen eines lange zurückliegenden Drogendeliktes für zunächst 14 Monate aus ihrer New Yorker LOHAS-Blase gerissen wird, waren Justizdramen im Allgemeinen und Knastdramen im Besonderen meist Männersache mit weiblichen Accessoires.

RTL hat zwar schon 1997 straffällige Frauen Hinter Gittern inszeniert; im Vergleich zu Pipers Anstaltsgenossinnen bestand das Personal der Seifenoper jedoch aus Kleinkriminellen mit leicht verrohtem Umgangston. Litchfield dagegen versammelte die gesamte Kriminalstatistik auf engstem Raum und räumte dort frei von moralisierender Küchenpsychologie mit dem Mythos auf, der zivilisatorische Abgrund sei für schwere Jungs reserviert. Die gewissen- und rücksichtslose Knastpatin Vee (Lorraine Toussaint) etwa hätte dem Genre-Pionier Oz ebenso alle Gangsterehre bereitet wie ihre Geschlechtsgenossin Fig (Alysia Reiner), die als knallharte Anstaltsleiterin bedenkenlos alle Humanität der Rentabilität unterordnet.

Und auch sonst wimmelt es im Netflix-Panoptikum menschlicher Untiefen nur so vor Wölf(inn)en im Wolfspelz von beispielloser Diversität, während uniformierte Unschuldslämmer noch seltener sind als solche im orangenen Gefängnisdress. Weil von der evangelikalen Psychopathin Pennsatucky bis zum empathischen Drogenwrack Nicky, von der russischen Knastglucke Red bis zur fröhlichen Kampflesbe Big Boo nahezu jede Figur mit ausführlicher Biografie versehen ist, eignet sich jede davon gleichsam zur Hassfigur oder Sympathieträgerin, die man wahlweise fürchten oder lieben darf, manchmal gar beides zugleich. Kein Wunder, dass gefallene Engel wie Piper und ihre Hop-on-hop-off-Affäre Alex (Laura Prepon) in dieser helllichten Vorhölle bisweilen auf der dunklen Seite der Macht landen, aber stets zurückkehren auf den Pfad der Tugend.

Als erstere zum Start der letzten Staffel mit dem sprechenden Titel „Der Anfang vom Ende“ entlassen wird, zeigt Showrunnerin Jenji Kohan daher nochmals ihre dramaturgische Finesse. Während Piper nach der vorherigen Verlegung in ein noch viel brutaleres Gefängnis auch jenseits der Mauern Gefangene des inhumanen US-Strafsystems bleibt, schöpft die lebenslang verurteilte Taystee (Danielle Brooks) aus ihrer Hoffnungslosigkeit zusehends neue Kraft. Erst dank solcher Sollbruchstellen bleibt OITNB ein bitterböses, subtil komisches, sehr präzises Sittengemälde einer zutiefst zerrütteten, gespaltenen, ungerechten Nation – und zwar bis in den melodramatischen Schlussakkord, der jedes Einzelschicksal geigenumflort gen Zukunft entlässt.

Klingt schwulstig, zugegeben. Doch diese Art finaler Trauerbewältigung ist spätestens seit Six Feet Under nicht nur üblich, sondern in diesem Fall auch dringend nötig. Schließlich sorgt sie für ein wenig Erlösung im epischen Leid mehr oder minder schuldbeladener Individuen, die nun endlich auch weiblich sein dürfen. Ein schwacher, schöner, sehenswerter Trost.


Netflix: How To Sell Drugs Online (Fast)

Böser Nettewicht

In der schwer unterhaltsamen Netflix-Serie How To Sell Drugs Online (Fast) wird ab Freitag ein deutscher Außenseiter aus Liebeskummer zum Drogendealer. Das ist mit großer Lässigkeit gespielt – und passt in eine Epoche voller Fernsehbösewichter, die im Grunde gar nicht so sind.

Von Jan Freitag

Das Bösewichte richtig böse aussehen, ach überhaupt richtig böse sind – diesen Fetisch einer gottlob längst vergangenen Fernsehästhetik hat uns spätestens der psychisch labile, physisch biedere Mafiaboss Toni Soprano ausgetrieben. Seither sprießen sympathische Gangster mit Familie und Durchschnittsjobs von Buchhändler bis Chemielehrer wie Pilze aus dem Streamingwald, der für Bösewichte klassischer Prägung längst keinen Nährwert mehr hat. Als Zuschauer ist man Freundliches vom Fiesen also durchaus gewohnt. Aber dieser böser Nettewicht auf Netflix, der ist schon noch mal was anderes.

Moritz Zimmermann heißt die Hauptfigur einer deutschen Serie mit dem englischen Titel How To Sell Drugs Online (Fast), und wer ihm im realen Rinteln am Rande Niedersachsens begegnen würde, ginge vermutlich achtlos vorbei. Gespielt vom neun Jahre älteren, angemessen picklig dekorierten, aber nicht überschminkten Maximilian Mundt (26), ist dieser Teenager ein spätpubertierender Nerd der Generation Z wie er bei im Wikipedia-Eintrage steht: kontaktgestört, schüchtern, unzugänglich, stillos. Ein echter Prototyp seiner sozialen Randlage. Mit einem Unterschied: Er verkauft Drogen. Und zwar im ganz großen Stil. Wenngleich nicht ganz freiwillig.

Wie einst Walther White wird der Schüler von äußeren Umständen in die Kriminalität getrieben. Weil seine Freundin Lisa nach ihrem Auslandsaufenthalt mit dem Kleindealer Daniel anbändelt, versucht er den Nebenbuhler erwerbsmäßig auszutrocknen und kauft das gesamte Ecstasy des Weserberglands auf. Klar, dass der Plan krachend scheitert. Anstatt diesem Kampfsportler auf Lisas Willkommensparty den Rang abzulaufen, kriegt er vom sportlich schönen „Dan“ aufs Maul, weil er das Geld ihres gemeinsamen Gamer-Startups veruntreut hat, auch noch Ärger mit seinem körperbehinderten Kumpel Lenny. Und dann kommt ihm auch noch der bewaffnete Drogenhändler ins Haus.

Schon nach anderthalb von sechs halbstündigen Folgen liegt das ohnehin ernüchternde Leben des Außenseiters also heillos in Scherben. Die Lösung: Ein digitaler Rauschgift-Shop im Darknet. Klingt irre, wird irre, ist irre, vor allem aber irre unterhaltsam. Wie in Coming-of-Age-Serien mit krimineller Backstory – etwa The End ofthe F***cking World an gleicher Stelle – üblich, eskaliert die Komödie schließlich rasch Richtung Gangstergroteske im Kreisverkehr unerwarteter Wendungen. Und nebenbei lehrt sie uns noch einiges über Heranwachsende, deren Rationalität unterm Dauerbeschuss maximaler Onlinekommunikation bei minimaler Impulskontrolle steht.

Genau hier allerdings hätte man den Autoren ein wenig mehr dramaturgische Sorgfalt gewünscht. Warum der innerlich wie äußerlich verwahrloste Moritz überhaupt mit dem innerlich wie äußerlich bezaubernden Influencer Lisa zusammenwar, bleibt ebenso rätselhaft wie der Anachronismus, dass die jungen Digital Natives hier alle noch über Facebook kommunizieren. Dafür sind sie allesamt gestylt wie frisch aus Kreuzberg geschlüpft, wohnen aber entweder in Gelsenkirchener Barock oder Rem-Koolhaas-Villen.

Doch davon abgesehen sorgt Regisseur Lars Montag in den ersten drei Episoden, mehr aber noch Arne Feldhusen in den letzten drei dafür, dass dem stilistischen Durcheinander nie der Schwung ausgeht. Sie können sich ja auch leichten Herzens auf die Darsteller verlassen – besonders wie Maximilian Mundt als überforderter Antiheld der mit stammelndem Trotz im anschwellenden Chaos die Würde zu wahren versucht. Auch Anna Lena Klenke und Damian Hardung machen ihre Parts als Serienbeautys gut. Wie Ulrike Folkerts zwanghaft lachend die Egoshooter-Höhle ihres gehbehinderten Sohns Lenny (Danilo Kamperidis) mit Raumspray lüftet, ist zudem herrlich lakonisch – und aus erwachsener Sicht gehaltvoller als Chatverläufe, Schnittgewitter, Videoclips, die unablässig den Screen zu splitten. Aber so sind halt die neuen Sehgewohnheiten einer Generation, die erkennbare Bösewichter kaum noch kennt. Der nette Dealer Moritz ist einer von ihnen. Und das sehr unterhaltsam.