Die Ringe der Macht: Tolkien & Amazon

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Sicherheitslücken in Mittelerde

Selten wurde ein Spin-off lautstärker angekündigt als das Serienprequel von Herr der Ringe. Jetzt laufen Die Ringe der Macht bei Amazon, und nicht nur 1,25 Milliarden Dollar Gesamtkosten sind überwältigend – auch Storytelling, Bildsprache, Originalität.

Von Jan Freitag

Die Bedeutung einer Serie, das war in analoger Zeit noch anders, bemisst sich auch am Grad der Security bei ihrer Preview. Das Handy auszuschalten, zählt zwar schon seit der Markreife kluger Telefone zum Repertoire. Aber Abgeben, Einschweißen, Versiegeln und Wegstecken, gefolgt von einem Sicherheitscheck auf Flughafenniveau – es ist offenbar ein wichtiges Stück neues Kino Fernsehen, das im nostalgischen Zoo Palast zu Berlin gezeigt wird. Prime Video behauptet gar: das wichtigste, was buchstäblich Ansichtssache ist. Im Gegensatz zum Preis.

Denn worauf eine Handvoll Influencer und Journalistinnen ohne Smartphone, aber mit Podcast, Blog oder Youtube-Kanal am Donnerstag zwei Stunden lang als erste gestarrt haben, kostet pro Folge den Gegenwert einer Villa am Wannsee plus Yacht, Limousine, Pool, Butler-Service. Schließlich hat Amazon angeblich 1,25 Milliarden Dollar für das Prequel vom „Herr der Ringe“ bezahlt, 20 Prozent allein für die Rechte. Bei fünf Staffeln dürften die ersten zwei von acht Folgen 50 Millionen vertilgt haben und somit mehr als House of the Dragon, das also nur kurz Rekordhalter war.

So viel zum Zahlenwerk, das Fragen aufwirft. Die wichtigste: Wird der Aufwand vom Ergebnis gerechtfertigt. Die Antwort ist ein bisschen überraschend, bedarf der Erklärung, darf aber erstmal im Konfettiregen durchs Traditionskino fliegen: Ja, nein, mehr als das! Denn natürlich rechtfertigt in Zeiten von Krieg und Krisen, Armut und Inflation, Energiemangel und Klimawandel mal abgesehen vom eskapistischen Nach-uns-die-Sintflut-Denken nichts, absolut gar nichts zwölfstellige Summen für Unterhaltung um ihrer selbst willen. Auch ein noch so obszönes Investment ins übernächste Spin-off von J.R.R. Tolkiens Fantasy-Legende kann jedoch Gutes bewirken.

Und damit zum Finished Product, wie Filmfiktionen in Zeiten von CGI und SFX, Stakeholder-TV und Börsenentertainment heißen. Damit zu Die Ringe der Macht. Sie spielen ein paar Tausend Jahre vor der finalen Schlacht von Peter Jacksons Trilogie und den nachfolgenden Hobbit-Märchen. Nachdem die Orks zu Beginn besiegt wurden, erlebt Mittelerde eine Ära des Friedens. Elben und Zwerge, Menschen und Haarfüßer, die mal possierlichen, meist bedrohlichen Stämme – Berg an Tal an Wüste an Wald an See an Meer existieren sie in ethnischer Homogenität, begegnen sich hier und da, halten aber respektvollen Abstand und wähnen sich auch deshalb in Sicherheit vor Unbill à la Sauron samt seiner Mutantenarmee.

Nur eine mag nicht in die kollektive Harmoniesucht einstimmen: Galadriel, die wir zu Beginn der Auftaktfolge erleben, wie sie sich dank traumatisierender Kindheitserlebnisse mit Feinden aller Art zur skeptischen Kriegerin mit der Überzeugung entwickelt, die Orks hätten sich nur versteckt. Vom Elbenkönig Gil-galad (Benjamin Walker) auf Monstersuche in sämtliche Ecken der topografisch spektakulären Mittelalterkopie entsandt, stößt sie zwar auf Spuren; nur glaubt ihr bei der Rückkehr ins Spitzohr-Idyll Lindon niemand, was da noch im Untergrund schlummert. Am wenigsten der einflussreiche Politiker Elrond (Robert Aramayo) – da kann Galadriel noch so kernig mit dem Waliser Akzent ihrer Darstellerin Morfydd Clark insistieren, „das Böse stirbt nicht, es wartet auf den Moment unserer Selbstzufriedenheit“.

Und wie uns die Showrunner Patrick MacKay und John D. Payne an vielen ihrer großflächig verteilten Handlungsorte klarmachen, ist er längst gekommen. Das wagemutige Haarfußmädchen Nori (Markella Kavenagh) spürt es zwar ebenso wie die naturheilkundige Menschenfrau Bronwyn (Nazanin Boniadi), deren Sohn – Gollum lässt grüßen – vom Keim des Bösen infiziert wurde. Mittelerdes bürgerlicher Mainstream dagegen wiegt sich in betriebslinder Sicherheit – was mit etwas Einbildungskraft als Analogie auf unsere Gegenwart mit einer elbischen EU auf Appeasement-Kurs mit Putin alias Sauron werden kann.

Aber das bleibt schon wegen der jahrelangen Planungsphase Spekulation. Denn Tatsache ist, dass Regisseur J.A. Bayona, durch Jurassic World bombastgeschult, mit finanzieller und digitaler Hilfe einen Kosmos kreiert, der das Sequel vielerorts übertrifft, ja überragt. Anders als die Kinotrilogie „Herr der Ringe“ nämlich emanzipieren sich Amazon Primes „Ringe der Macht“ vom selbstreferenziellen, männerdominierten, effekthascherischen Bombast eines Peter Jackson, der letztlich nur Schlachten reproduziert und damit selbst handfeste Jünger der Bücher verschreckt hatte.

MacKay und Payne nutzen das serielle Format dagegen – zumindest nach Ansicht der ersten zwei Teile – etwas nachhaltiger, um horizontal zu erzählen. Den Charakteren bleibt dabei echte Zeit zur Entfaltung, Dialoge dienen nicht mehr nur der unerlässlichen Vorbereitung anschließender Gemetzel, können sogar von Zwergenkönig zu Elbenkumpel Tiefgang haben. Und auch, wenn Bear McCrearys brachialer Soundtrack wirklich niemals Ruhe gibt, zieht das grob Vertonte sein Publikum mit contentgetriebener Dringlichkeit ins esoterisch angehauchte Universum, als wäre Sauron von Shakespeare statt Tolkien.

Wenn man das bildgewaltige Mythengewitter von Mittelerde also mit irgendetwas von heute vergleichen will, wäre Jacksons Version wohl Wacken und das von Payne/McKay eher Woodstock. Gelegentlich flattern zwar ein paar zu viele Hippies über Auen und Bäche. Doch Actionfans aufgepasst: der titelgebende Ring stet kurz vorm Schmieden. Galadriels Schwertkampfstil deutet an, dass auch die aktuellen Macher Bock auf Martial Arts haben. Und schon bald, so scheint es, sammeln sich neue Gefährten, um Sauron die Hölle kalt zu machen. Das Ringe-Spektakel, es geht also weiter. Immer weiter. Noch sind ja mindestens 750 Millionen Dollar zu verprassen.


House of the Dragon: Geburt & Töten

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Game of Dragons

Endlich erzählt die HBO-Serie House of the Dragon (Sky/WOW) wie es 200 Jahre vor Game of Thrones zur späteren Schlacht der Clans von Westeros kommen konnte. Ergebnis: beeindruckend opulenter Eskapismus für 20 Millionen Dollar pro Folge mit Analogien in die Gegenwart – und brillanten Darsteller*innen.

Von Jan Freitag

Tod und Geburt, Sieg und Verlust, Aufstieg und Fall – die Gleichzeitigkeit fundamentaler Gegensätze zählt seit Shakespeare zum Fundus unzähliger Dramen. Selten aber sind sich Anfang und Ende näher als in Westeros, wo ersterer für jeden schon letzteres bedeuten kann. Dort, so lehrte uns Game of Thrones acht Staffeln lang, sterben selbst Hauptfiguren wie Fußsoldaten unterm Schwert berittener Ritter. Dort, so setzt es House of the Dragon fort, sind sich Kreation und Zerstörung nah genug, um sie im Wechselschnitt als wesensverwandt darzustellen.

200 Jahre, bevor sich die sieben Königreiche der mittelalterlichen Fantasiewelt gegenseitig in Schutt und Asche gelegt haben, regiert sie ein Urahn jener Daenerys Targaryen, die dafür mitverantwortlich war: Viserys I, für GoT-Verhältnisse ein milder König auf dem Eisernen Thron, wenngleich mit Sorgen. Seine Frau hat ihm nach vielen Fehl- und Todgeburten „nur“ eine Tochter geschenkt – im Wertekanon der misogynen Männerwelt von Westeros zu wenig. Falls das nächste Kind kein Junge wird, drohen die Targaryans trotz feuriger Drachen auszusterben.

Es sind Probleme einer vormodernen Epoche, die ebenso existenzieller Natur sind wie Zuckerbrot und Peitsche eines grausamen Turniers, das parallel zur königlichen Niederkunft stattfindet. Und so sieht das Fernsehpublikum in der ersten von zehn Folgen nicht nur, wie sich Lanzenträger die Schädel einschlagen, bis ihr Blut zu den Edeldamen spritzt; als Auftaktregisseur schwenkt Sapochnik, der auch mal zwei Folgen Game of Thrones drehte, die Kamera dabei ständig ins Gemach der Königin, wo es so blutig zugeht wie auf dem Spielfeld darunter.

Tod und Geburt, Sieg oder Niederlage, Aufstieg und Fall: wie üblich in der verfilmten Romanreihe von George R. R. Martin, rücken die neuen Showrunner Ryan J. Condal & Miguel Sapochnik Anfang und Ende eng aneinander, zollen dem Werk ihrer legendären Vorgänger David Benioff & D. B. Weiss also unverkennbar Tribut. Umso erstaunlicher, dass House of the Dragon weit mehr ist als eine Kopie von „Game of Thrones“.

Skeptischen Fans in der globalen GoT-Gemeinde sei daher versichert: die Erzählung früherer Schlachten um den Thron aus Schwertern besiegter Feinde ist nach Ansicht der ersten fünf Episoden ganz großes Fernsehkino – und dürfte zügig weitere Staffeln nach sich ziehen. Wobei die Gründe dafür nicht nur in profaner Suchtbefriedigung zu suchen sind; mindestens mitverantwortlich ist das herausragende Storrytelling von Headautor Condal und seinem Cast, den er für 20 Millionen Dollar pro Folge mit akribischer Anteilnahme zusammengestellt hat.

Der Brite Paddy Considine zum Beispiel spielt Viserys zwischen Pflichterfüllung und Familiensinn mit einer schwächlichen Freundlichkeit, die das exakte Gegenteil seines impulsiven Bruders Daemon ist, dem Matt Smith – bekannt als junger Queen-Gatte in „The Crown“ – zum faszinierendsten Bösewicht seit Cersei Lennister fiebert. Dazwischen brilliert Milly Alcock als junge Königstochter Rhaenyra, die nach dem Kindstod ihres Bruders wider alle Konventionen zur Thronfolgerin erklärt wird und so zum Teil einer machtpolitischen Eskalationsspirale wird, die – für GoT-Verhältnisse unvorstellbare – 75 Jahre Frieden beendet.

Krieg und Intrigen, Inzest und Korruption, expliziter Sex und noch explizitere Gewalt: um eine Vielzahl computergenerierter Drachen am Rande des digital Möglichen erweitert, ist das Spin-Off wie sein Original ein hochintelligentes Gebräu kreativer Jungsfantasien, gleichsam infantil und ernsthaft, sozialkritisch und selbstreferenziell. Obwohl die Produktion vielerorts frei von weiblichem Einfluss bleibt, gelingt House of the Dragon erneut Außergewöhnliches: Mehr denn je kommentiert es die Rolle der Frau im Patriarchat und gleicht sie subtil mit unserer ab. „Das Kindbett ist unser Schlachtfeld“, antwortet Rhaenyras Mutter auf deren Bitte, Schlachten zu schlagen, statt Prinzen zu heiraten. Dumm gelaufen. Für beide.

Kurz darauf verliert Mama Targaryan für Vaters Wunsch nach einem Thronfolger die eigene und macht klar, was die Darstellerin der erwachsenen Tochter kürzlich auf dem Premierenteppich sagte. Die Serie sei ein „Spiegel aktueller Ungleichheit“, erklärte Emma D’Arcy dem überhitzten WOW-Reporter in London kühl und fügte hinzu, dass Fantasy dem Publikum genügend Distanz bötet, „um sie leichter zu reflektieren“. Ein Satz, so groß und klein, so klug und schlicht, so laut und leise wie das gesamte Vorspiel von Game of Thrones. Trotz allem.

Wie das Nachspiel krankt es nämlich am Aushebeln physikalischer Gesetze. Natürlich genießt märchenhafter Firlefanz wie dieser besondere Freiheiten. Aber dass sich in 200 Jahren Thronspiel weder Sitten noch Mode ändern, von Alltags- oder Kampfgerät zu schweigen, ist ähnlich absurd wie Helden, die Tausende tödlicher Hiebe überleben. Fast drollig, dass sich da im Grunde nur der Thron sichtbar wandeln durfte. Verglichen mit dem raumgreifenden Stück im „House of the Dragon“, hat er beim „Game of Thrones“ Sesselgröße. Aber gut: dafür wird der Vorspann von Miniaturwunderland auf ein simples Wappen reduziert.

Entschlacken hier, aufblähen dort: an Aufwand, Opulenz, Dramatik steht das Prequel dem Sequel in nichts nach. Die Musik, wie immer von Ramin Djawadi (vorerst der einzige Deutsche in tragender Verantwortung), ist präziser, Ryan J. Condals Cast brillanter, aber Bild- oder Tonsprache auf eigensinnige Art werkgetreu. Und wer abseits vom Eskapismus neofeudale Analogien zur Gegenwart sucht, sieht hinter den Lennisters und Targaryans, den Hightowers oder Velaryons von Putin über Trump bis Musk und Zuckerberg moderne Fürsten der Finsternis aus dem Mittelalter von Westeros winken, die ähnlich zur Weltmacht streben wie der finstere Daemon im Drachenhaus. Gute Unterhaltung!


Flight 666: Iron Maiden & Ed Force One

Im Privatflieger der Metalprediger

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Ein hinreißender Konzertfilm über die Welttour der unverwüstlichen Iron Maiden macht deutlich, warum die Zackengitarrenszene keine Zweckgemeinschaft, sondern eine Familie ist. Nach 13 Jahren DVD-Dasein steht er jetzt endlich in der Arte-Mediathek.

Von Jan Freitag

Die Boing 757: zweistrahliger Stolz des American Way of Life, Symbol entgrenzter Mobilität, ein Stück US-Identität, das zwar im Schatten der Boing 747 steht, aber genau wie der Jumbo-Jet fossile Fortschrittsgläubigkeit auf kurzer Strecke verkörpert und damit etwa so zeitgemäß ist wie Pfälzer Schlachtplatten, Rohrstockzüchtigung oder, sagen wir: Iron Maiden. An dieser Stelle dürfte es (zumindest unterm zeitunglesenden Teil der Rockszene) einen Aufschrei der Entrüstung geben. Also Ohren zu, Augen auf.

Die Urväter harten Rocks mögen jahrelang in bandeigener Boing 757 um den Globus gejettet sein, als sei der Klimawandel ein flüchtiges E-Gitarrensolo; wer ihnen dort volle 45 Tage im grandiosen Dokumentarfilm Flight 666 beiwohnen darf, kann nur zu einem Urteil gelangen: Pfälzer Schlachtplatten und Rohrstockzüchtigung bleiben wohl (hoffentlich) für alle Ewigkeit Anachronismen; Iron Maiden aber sind auch nach 50.000 Meilen in ihrer Ed Force One genannten Kerosinschleuder zukunftstauglich wie Mediationen und Veggieburger.

Zur Erklärung für Spätgeborene, Ungläubige, beide in einem: Iron Maiden, lange vor Maggie Thatchers Wahl zum Prime Minister unweit vom Westminster Palace gegründet und seit 40 Jahren in nahezu gleicher Besetzung auf Tour, waren aus Rockstarsicht bereits 2008 Fossile. Damals überzeugte der Anthropologe und Regisseur Sam Dunn seine Lieblingsband davon, ihre Welttournee begleiten zu dürfen. Und wie in den meisten seiner Genre-Analysen unterstützt vom kanadischen Filmemacher Scot McFadyen, sollte das Resultat ein Mix aus gefilmtem Fanzine und gefühlter Sozialstudie werden.

Hierzulande allenfalls in Programmkinos oder Festivalzelten sichtbar, haben die beiden Showrunner 2009 mit Flight 666 ein zweistündiges Juwel publizistischer Distanzlosigkeit geschliffen, das trotz ihrer spürbaren Vergötterung der Berichtsgegenstände jedoch über den Wolken nie an Bodenhaftung verliert. Mehr als ein Jahrzehnt später steht es nun endlich in der Arte-Mediathek. Und wem beim Gedanken an hochtourige Riff-Stakkatos zum Pathos operettenhafter Gesänge die Fußnägel hochklappen: bitte dennoch reinhören. Es lohnt sich.

Die – für einen Konzertfilm verblüffend schlecht gemischte – Tourneebegleitung handelt zwar wesentlich von der Wall of Sound turmhoch gestapelter Stromgitarren im Doublebass-Gewitter. Darunter jedoch schwingen zarte Liebesmelodien im Takt einer organischen Verbindung zwischen Sender und Empfänger, die so vermutlich kein anderes Musikgenre herzustellen vermag. Die Weltreise in 21 Städte auf vier Kontinenten zeigt schließlich keine Konzert-, sondern Messebesucher (das zeitgenössische -innen kann man sich getrost sparen; neun von zehn Besuchern sind Männer, aber das stört hier gar nicht weiter).

Vom Start in Mumbai über Perth (Tag 7, 10.924 Meilen) und Tokio (Tag 16, 16.277 Meilen), Los Angeles (Tag 19, 22.073 Meilen) oder Sao Paolo (Tag 31, 28.863 Meilen) bis nach Toronto (Tag 46, 36.192 Meilen) haben Hunderttausende zahlender Gäste nicht nur Eintrittskarten, sondern Himmelsleitern erworben. Ihr kollektives Glücksgefühl wird auch in der zweidimensionalen Fernsehversion jederzeit deutlich. Noch bemerkenswerter ist da nur, mit welcher Demut sechs alternde Prediger der Church of Heavy Metal – schon damals alle über 50 und noch heute auf Tour – die bedingungslose Zärtlichkeit ihrer Fans in klassenlose Energie verwandeln.

Iron Maidens Boing 757, gelenkt von Sänger Dickinson persönlich, kennt keine First Class für eiserne Jungfrauen, nur einen Teamspirit, den die Kameras zwar kaum unbeeinflusst lassen; Heisenbergs Unschärferelation macht schließlich auch an der heiligen Zackengitarre nicht Halt. Aber wie Crew und Band auf Augenhöhe interagieren, wie ihnen die Hingabe des Publikums den Atem verschlägt, wie würdevoll sie dabei ihr schütteres Haupthaar schütteln, altersgemäß „bloody“ statt „fucking“ sagen, vor den Gigs gern Golf spielen, aber abzüglich eigenen Starruhms plus Flieger nicht grundlegend anders drauf sind als vier Generationen entfesselter Fans vor der Bühne – das macht diese Zweckgemeinschaft zur Familie.

Von der darf sich die Welt vorm Stadiontor also ruhig eine Scheibe abschneiden. Zumal die Ed Force One mittlerweile ausgemustert wurde. Nicht mehr nachhaltig genug, hieß es. Iron Maiden aber fliegen einfach weiter. Und weiter. Und weiter. Und weiter. Flight 666 zeigt eindrücklich, warum.

https://programm.ard.de/TV/arte/iron-maiden—flight-666/eid_287244000695085


WeCrashed: CoWorking & Supernovae

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Liebe in Zeiten des Spätkapitalismus

Die großartige Miniserie WeCrashed erzählt vom Aufstieg und Fall der real existierenden Immobilien-Firma WeWork und ihres charismatischen Gründers, belässt es bei Apple+ aber zum Glück nicht bei wohlfeiler Kritik am Blasen-Kapitalismus.

Von Jan Freitag

Eine Supernova ist Anfang und Ende zugleich. Im Moment seiner größten Ausdehnung kollabiert dieser enorm massige Stern mit solcher Strahlkraft, dass ihr Anblick – würde er sich nur wenige Tausend Lichtjahre entfernt ereignen – nicht nur der imposanteste, sondern letzte aller Lebewesen wäre. Rebekah hätte sich also besser mal ein weniger explosives Kosewort ausgesucht, um Adam Neumann zu beschreiben. Zu spät.

Als sie ihren Mann zu Beginn der Apple-Serie WeCrashed mit „du bist eine Supernova“ zur Aufsichtsratssitzung seiner eigenen Firma schickt, dürften aufmerksame Zuschauer schließlich ahnen: es wird seine letzte. Denn am Ende der ersten von acht Folgen ist der CEO des hellsten Sterns am New Yorker Start-up-Himmel schon wieder verglüht. Danach aber erzählt WeCrashed auf Basis des gleichnamigen Podcasts vom Aufstieg und Fall eines realen Immobilien-Unternehmens, das Rebekah und Adam Neumann 2010 aus den Ruinen der Finanzkrise gestampft haben.

Zwölf Jahre vorm schicksalhaften Septembertag 2018 nämlich schicken die Autoren Lee Eisenberg und Drew Crevello ihre Hauptfigur mit dem Rollkoffer durch Manhattan, wo er Babyknieschützer und Wechselhacken verkaufen und den überhitzten Mietmarkt nebenbei mit einer Idee umwälzen: Coworking-Spaces. „Könnte man Ihr Selbstbewusstsein in Flaschen abfüllen“, meint ein potenzieller Geldgeber über sein Konzept geteilter Büroflächen, „wäre ich dabei“. Luftschlösser jedoch wolle er nicht bauen. Offenbar ein Fehler. Oscar-Preisträger Jared Leto spielt Adam schließlich wie das israelische-amerikanische Original als charismatischen Überzeugungstäter, der sich von Rückschlägen nie einschüchtern lässt.

Weder als seine Idee kollektiver Arbeitswelten in rummelplatzartigen Lofts Absagen erntet, noch als ihn die Yogalehrerin Rebekah – mit kerniger Empathie von Anne Hathaway verkörpert – mehrfach abblitzen lässt. In ihr findet der unwiderstehliche Träumer folglich eine Seelenverwandte, die das gemeinsame Luftschloss mit Worthülsen von „Familie“ über „Lifestyle“ bis „Community“ zum Weltkonzern mit 425 Immobilien in 100 Toplagen aller Global Cities aufplustert. Gesamtwert zwischenzeitlich: Rund 47 Milliarden Dollar – Mitte der Zehnerjahre das drittwertvollste Privatunternehmen Amerikas und schillerndster Ausdruck einer kapitalistischen Kultur, die Eisenbergs und Crevellos Regisseure grandios in Szenen setzen.

Was WeCrushed – Deutsch: wir sind zerbrochen – in achtmal 50 Minuten zeigt, ist das Dotcom-Versprechen explodierender Renditen auf Fabriketagen ohne Produktionsmittel. Wie Popstars werden die Neumanns von Beleg- wie Kundschaft gefeiert, wenn sie ihre Lyrik von der ethischen Gewinnmaximierung vortragen. Eine „Share Economy“ genannte Form urbaner Nachhaltigkeit, in der Besitz zugunsten kollektivierter Waren und Räume an Bedeutung verliert – für andere zumindest. Denn bevor Adam die eigene Kündigung kriegt, lässt er sich von Dienstboten im Luxusloft zum Aufwachen seine Bong anzünden, während die jüdische Millionenerbin Rebekah mit dem Helikopter zur Firmensause ins Grüne fliegt.

Weil fiktionale Fundamentalkritik der Klassengesellschaft 2.0 aber schnell öde wird und auch ein wenig wohlfeil, erzählen die Showrunner parallel noch andere Geschichten. Die einer Börsenblase zum Beispiel, in der Autobauer, bei denen kaum Autos vom Band laufen, mehr wert sind als alle deutschen Autobauer zusammen. Die einer Selbstbetrugsbranche, in der ein Kapitalist zum anderen sagt, „ich habe kein Wort von dem verstanden, was Sie grad gesagt haben, aber ich wünschte, ich hätte es als erster gesagt“. Oder die einer vermeintlich emanzipierten Arbeitsatmosphäre, in der Frauen auf „Fuck-Klos“ gefügig gemacht werden.

Noch bedeutungsvoller jedoch ist, dass WeCrashed abseits der sozioökonomischen Stoßrichtung eine wundervoll gleichberechtigte Lovestory erzählt, deren Tonfall das Ende der ersten Folge setzt. Nachdem Adam abgesetzt wurde und bei der Fahrt im Fahrstuhl abwärts so laut schweigt, dass es schmerzt, meint Rebekah „fertig mit Schmollen?“ und fordert ihre Assistentin auf, die Anwälte anzurufen. „Welche?“, fragt die. „Alle!“. Hier erst geht der Kampf richtig los. Es ist einer um Lebenswerke und Liebesbeziehungen, Überzeugungen und Ideale, männliche und weibliche Egos, also den Spätkapitalismus im Ganzen. Und das sehr sehenswert.


Oh Hell: Selbstoptimierung & Selbstbetrug

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Fucking Hell!

In der brüllend komischen Magenta-Serie Oh Hell spielt die verblüffend humorbegabte Mala Emde einen Loser, der sich und andere betrügt – oder doch zu aufrichtig ist für die Selbstoptimierungsgesellschaft? Das überlässt Showrunner und Jerks-Autor Johannes Bosse dem Publikum.

Von Jan Freitag

Das Fernsehen ist seit schwarzweißer Zeit voller Hochstapler. Es gibt die großen und die kleinen, die charmanten und die schamlosen, die echten und die falschen, die Krulls und Madoffs, die Kujaus und Lupins. Mit Anna Sorokin gab es zuletzt zwar eine Frau im Betrugszirkus Maximus; meist aber sind es doch Männer, die publikumswirksam betrügen. Auf Helene hat das Fernsehen daher lange gewartet. Zu lange. Weshalb ihm das Streaming abermals zuvorkommt und der sehenswertesten Hochstaplerin seit Erfindung der Täuschung die Bühne bereitet.

Also Vorhang auf für Hell. Besser: Oh Hell! Da das Fake-Leben dieser Fake-Studentin mit Fake-Freunden und Fake-Jobs bei der Anrede stets unausgesprochen Ausrufe des Erstaunens vor sich zieht, sind Serientitel und Hauptfigur ab heute bei Magenta TV quasi deckungsgleich. (Oh) Hell Sternberg, 24 Jahre alt und auf der Karriereleiter noch deutlich unterhalb der ersten Sprosse, ist nämlich ein autobiografisches Desaster, dem die fabelhafte Mala Emde ein gleichermaßen naives wie abgebrühtes Gesicht verleiht.

Denn anders als Papa Günter (Knut Berger) glaubt, sitzt sie Mitte der zweiten von vorerst acht Folgen keineswegs im Audimax, um ihr Staatsexamen abzuholen, sondern im Call-Center, um Gartenartikel zu verkaufen. Und so geht es weiter. Immer weiter. Angefangen bei Rückblenden zur pubertären Gymnasiastin (Romi Pauline Dörlitz), die wegen fortgesetzten Schwänzens beim Psychologen (Roland Bonjour) ist, dort aber das Liebesleben ihrer Eltern („Ich gehe wieder zur Schule, wenn meine Eltern wieder richtig saftigen Geschlechtsverkehr haben, mit dem Penis in der Scheide“) kitten will und sich zur manipulativen Lügnerin ausbildet.

Nichts an Oh Hell, das wird mit jeder von jeweils 25 Minuten pro Episode offensichtlicher, entspricht den Erwartungen anderer, also: aller. Aber „das Tolle, wenn du immer verkackst“, beteuert sie mit gefälschtem Zeugnis auf dem Weg zur eigenen Abschlussfeier, für die ihr Vater überraschend seine Dienstreise absagt: „Du bist unglaublich gut darin, das Verkacken zu vertuschen“. Und so hangelt sich Oh Hell vom Verkacken zum Vertuschen zum Verkacken zum Vertuschen und wieder zurück. Nur: wen sie mehr betrügt, lässt der frühere Journalist Johannes Boss auf ähnlich brillante Art offen, wie in seiner fabelhaften Männlichkeitsstudie „Jerks“.

Mit Dialogen nahe Monty Python und einer Bildsprache Richtung Wes Anderson, also einer realsatirischen Portion Aberwitz, die hierzulande selten ist, zeichnen die Drehbücher des Showrunners nicht nur das tragikomische Bild einer zwanghaften (Selbst-)Betrügerin. Simon Ostermann und Lisa Miller machen daraus ein entwaffnend lustiges Lehrstück über die Mechanik unserer hochglanzpolierten Aufmerksamkeitsgesellschaft, an der grobkörnige Freigeister wie dieser halt traurig oder fröhlich scheitern. Hell entscheidet sich für letzteres. Was für ein Glück.

Während das strahlende Rolemodel Maike (Salka Weber) schon in der Geburtsklinik besser aussah, täglich ein paar Tausend Insta-Follower zwischen sich und ihre Krippenfreundin legt, reihenweise Weltverbesserungsstart-ups hat und einen Freund zum Niederknien, kultiviert Oh Hell mangelnden Geschmack mit Ramschware, plant ein Losergram mit Don’t Likes für Menschen ohne Stil, Freunde und Einfluss, lebt so mittel- wie ideenlos in den Tag hinein und sucht in Laternenpfahlannoncen Anschluss, den sie im dritten Teil sogar findet.

Der schüchterne Musiklehrer Oskar (furios: Edin Hasanovic), dem sie (natürlich) vorlügt, Cello-Virtuosin ohne Praxis zu sein, entdeckt an seiner neuen Schülerin etwas, das sonst niemand in ihr sieht. Und so wird aus dem bizarren Psychogramm nebenbei die aktuell wohl schönste Lovestory im Serienfernsehen von heute – auch, weil zu keinem Zeitpunkt klar wird, ob Helene alias Oh Hell sich das alles nur einbildet oder wirklich erlebt. Und genau hierin liegt die eigentliche Kunst von Johannes Boss, der alle Fragen nach wahr oder falsch im Ungefähren lässt, also Interpretationsspielräume statt Filterblasen öffnet. Was Helene niemals träumt, ist nämlich eine Aufrichtigkeit, die der bürgerliche Kontrollwahn schon vor den sozialen Netzwerken als übergriffig empfunden hat.

Aus seiner Sicht versagt Helene pädagogisch, als sie der siebenjährigen Madlen (Rosa Löwe) im Kindergarten „wenn du später kiffst, achte auf die richtige Musik“ oder „fuck the system and create your own“ mit auf den Weg gibt, aber Kindern, die sie mobben, „noch eine dumme Bemerkung, dann wacht ihr morgen auf und habt Krebs“. Aus humanistischer Sicht begegnet sie Kindern damit auf Augenhöhe. Ob Oh Hell sich selbst betrügt oder andere, ob hier überhaupt irgendwer betrogen wird oder doch nur zur Aufrichtigkeit animiert – das überlässt Boss demnach uns, dem Publikum.

Es gelingt ihm auch mithilfe der Hintergrundmusik von Daniel Strohhäcker und Felix Raffel blendend, die ein wenig so klingt, als hätten Bach und Buxtehude den Soundtrack von Clockwork Orange auf Ketamin im Kinderkarussell komponiert. Er untermalt eine meist brüllend komische, gelegentlich melancholische Figur, die in uns allen steckt, aber von den Konventionen einer ordnungsliebenden Selbstoptimierungsgesellschaft partout nicht rausgelassen wird. „Wenn die Welt eine Vernissage wäre, wärst du ein tolles Exponat“, sagt die Callcenter-Chefin zu Hell, die nach zwei Wochen nur einen Kaktus verkauft hat, weil sie am Telefon halt lieber quatscht als belabert. „Ist sie aber leider nicht“. Schade eigentlich.


Inventing Anna: Sorokin & Delvey

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Die Welt will betrogen werden

Im hochinteressanten Biopic Inventing Anna fiktionalisiert Netflix die reale Millionenbetrügerin Anna Sorokin alias Delvey und fragt neun Teile lang mit lipstickfeministischem Trotz: verdienen wir es nicht anders? Tja…

Von Jan Freitag

Kein Profilfoto mit Falten, kein Insta-Post ohne Farbfilter, kein Wort der Wahrheit, kein Lachen von Herzen. Mundus vult decipi, sagten Lateiner lange, bevor Social Media digitalisiert wurde – die Welt will betrogen werden. Ergo decipiatur, folgt darauf bis heute – dann betrügen wir sie! Zwar ist nicht überliefert, ob Anna Delvey zusätzlich zum halben Dutzend lebendiger Sprachen auch tote spricht. Aber wenn jemand das altrömische Sprichwort bis hin zum Pseudonym verinnerlicht hat – dann die Großbetrügerin aus Deutschland, der halb Amerika auf den Leim gegangen ist.

Geboren 1991 in Moskau, als Russland eine Diktatur war, umgezogen 2007 ins Rheinland, als Putins sie grad erneuerte, zog Anna Sorokin, so lautet ihr echter Namen, mit Anfang 20 über Paris nach New York und fand eine Stadt vor, die um Betrug förmlich bettelte. Also gab ihr Anna Sorokin alias Delvey, was sie wollte, flog höher als alle Hochhäuser, fiel tiefer als jeder Metro-Schacht und lieferte den Stoff einer Realfiktion, die Shonda Rhimes zum Auftakt jeder Episode mit „diese Geschichte ist total wahr“ einleitet, „außer alles, was daran total erfunden ist.“

Geht das? Und wie das geht! Zumindest, wenn sich die Schöpferin stilbildender Serien von Grey’s Anatomy bis Bridgerton der total wahr erfundenen Geschichte annimmt. Zusammen mit Jessica Pressler hat sie deren Magazin-Story How Anna Delvey Tricked New York’s Party People für Netflix in ein neunteiliges Biopic übersetzt. Und ließe sich nicht so gut recherchieren, was darin alles stimmt – vieles wäre zu fantastisch, um wahr zu sein. So wahr, dass selbst die Urheberin dran glaubt.

„Bitches, ich arbeite für meinen Erfolg“ sagt sie zu Beginn in die Polizeikamera, pöbelt „fickt euch“ hinterher und zeigt: hier betrügt jede jeden und alle sich selbst, Titelfigur inklusive. Weil die ehrgeizige, aber erfolglose Reporterin Vivian (Anna Chlumsky) eine Story wittert, nimmt sie Kontakt auf zur inhaftierten Anna (Julia Garner), die der ebenso ehrgeizige, aber erfolglose Anwalt Todd (Arian Moayed) lieber öffentlich verteidigen will, als einen Deal anzunehmen – schließlich brächte der spektakuläre Fall Schwung in seine Berufskarriere und der Angeklagten die Aussicht auf noch mehr Publicity.

Schon früh wird deutlich: Inventing Anna handelt nur vordergründig von der manipulativen Hochstaplerin, die sich als Milliardenerbin ausgibt und New Yorks Boheme im Stil von Mark Twains Novelle The Million Pound Bank Note ohne einen Cent im Gucci-Täschchen um Kleider, Kunst, Luxusgüter erleichtert; dahinter geht es um die Aufmerksamkeitsgesellschaft, die Neidgesellschaft, die Statusgesellschaft, die Profilneurosengesellschaft. Eine Klassengesellschaft massenhafter Individuen auf der Jagd nach Distinktion oder wie es Vivians Informantin Neff (Alexis Floyd) ausdrückt: jeder in New York will „Geld, Macht, Image, Liebe“. Nur die Wahrheit, die will hier niemand.

Ob Anna Objekt oder Subjekt ihrer betrügerischen Energie ist, darauf können sich alle nun volle neun Stunden kurzweiliger Fernsehunterhaltung ihre eigenen Reime machen. Doch je tiefer Vivian mithilfe eines Quartetts abgehalfterter Kollegen ins Glamourdasein der Fake-Erbin taucht, desto mehr sagt Netflix über unsere Zeit aus. Eine Zeit unablässig veröffentlichter Privatsphären, die Blender zu Influencern macht, also aus Parias früherer Gemeinwesen angehimmelte Parvenüs. Doch hier, da emanzipiert sich Shonda Rhimes erneut von Frauenrechtlerinnen der Generation Alice Schwarzer, formuliert die Serie einen Feminismus fernab bloßer Gleichstellungsträume.

Annas Freund Chase (Saamer Usmani) und sein Start-up dienen ja allenfalls als Einfallstore der Ambitionen willensstarker Frauen wie ihre Mentorin Nora (Kate Burton). Überhaupt sind Männer wahlweise Helfer oder Hemmnisse weiblicher Selbstermächtigung – verkörpert durch Alphatiere in Prada-Kostümen, die ihre Interessen ähnlich skrupellos verfolgen wie jene in Boss-Anzügen, aber nicht annähernd so erbärmlich aussehen, wenn sie dabei auf Anna reinfallen.

Obwohl Anna Chlumsky ihre Vivian sketchupmäßig überspitzt, macht das die Serie zur lohnenswerten Feldstudie einer autoaggressiven Konsumepoche. „Anna ist alles, was an Amerika schiefläuft“, sagt eine Staatsanwältin. „Und sie ist noch nicht mal Amerika“. Wer Anna Sorokin alias Delvey, der shondaland angeblich 325.000 Dollar Honorar für die Verfilmung ihrer Story zahlte, stattdessen ist – die Frage zieht sich durch neun Teile und gibt doch keine Antwort außer der, dass unsere Welt betrogen werden will. Ergo decipiatur.


Suspicion: Überwachung & Entführung

Apple_TV_Suspicion_key_art_graphic_header_4_1_show_home.jpg.largeIm Fadenkreuz des liberalen Kontrollwahns

Der irritierende Apple-Thriller Suspicion mit Uma Thurman hetzt uns an der Seite scheinbar argloser Briten unter Entführungsverdacht acht Teile lang atemlos durch die Welt der Überwachungskameras und sozialen Medien.

Von Jan Freitag

1984, das muss man 73 Jahre nach der berühmten Dystopie anerkennen, blickte lang vorm digitalen Zeitalter furchtbar visionär in die Zukunft moderner Überwachungsstaaten. Das London von heute ist George Orwells Version von damals also alles andere als unähnlich. Mit einer Ausnahme: Es hält seine Bürger nicht in Beugehaft freudloser Alltagsroutinen und bei Zuwiderhandlung schon mal hungrige Ratten vor ihre Gesichter. Die gegenwärtige Gedankenpolizei hat bessere Methoden zur kollektiven Kontrolle. Feinere, geschicktere, smartere – garantiert durch Millionen Kameras.

Allein im öffentlichen Raum der britischen Hauptstadt kommen unfassbare 73,3 davon auf 1000 Einwohner – mehr als Peking und Moskau zusammen. Bei aktuell 8.961.989 Londonern, erfassen also gut 650.000 Objektive jeder Art alle, wirklich alle, die sich durch Straßen und Häuser, Geschäfte oder Parks bewegen. Auch Eddie, Tara, Aadesh und Natalie. Nachdem maskierte Kidnapper den Sohn der einflussreichen Unternehmerin Katherine Newman (Uma Thurman) aus einem New Yorker Luxushotel entführt haben, geraten sie schon darum ins Visier der Polizei, weil die vier Londoner zur falschen Zeit am falschen Ort waren.

Und so werden drei davon gleich am Anfang des achtteiligen Apple-Thrillers Suspicion nach ihrer Rückkehr aus den USA festgenommen. Die begüterte Finanzmanagerin Natalie Thompson (Georgina Campbell) bei der eigenen Traumhochzeit. Der mittellose IT-Experte Aadesh Chopra (Kunal Nayyar) im Teppichladen seiner Familie. Die kultivierte Uni-Dozentin Tara McAllister (Elizabeth Henstridge) vor den Augen ihrer Klasse. Als es den Studenten Eddie (Tom Rhys Harries) Ende der dritten Folge vorm Pup erwischt, sind seine Leidensgenossen also längst Teil einer Eskalationsspirale, wie sie die weltweite Paranoia im Jahr 20 nach 9/11 allerorten hervorruft.

Nach getrenntem Verhör des englischen Good Cops Vanessa Okoye (Angel Coulby) mit dem amerikanischen Bad Cop Scott Anderson (Noah Emmerich), wird das Trio tags drauf zwar gemeinsam entlassen. Scheinbar auf freiem Fuß aber lässt es Regisseur Chris Long nicht nur durch die Linsen seiner drei Kameraleute verfolgen; mindestens ebenso oft erscheinen sie auf dem CCTV genannten Arsenal omnipräsenter Monitore westlicher Konsumgesellschaften, die ihre Kundschaft pauschal zu Verdächtigen aller denkbaren Delikte erklären oder einfach süchtig nach Informationen sind.

Nur einer entkommt der allumfassenden Verfolgung filmender Drohnen, ausgerechnet: der Hauptverdächtige Sean Tilson (Elyes Gabel), den wir anfangs als Passagier Richtung Belfast kennengelernt haben, bevor er sich im Stil eines Doppelagenten mit der Lizenz zum kaltblütigen Töten nach London durchschlägt. Spätestens hier wird die stille Jagd der Staatsmacht auf ihre mutmaßlichen Gegner zur wilden Jagd aller gegen alle. Denn je mehr das Hollywood-Remake der israelischen Thriller-Serie „False Flag“ Fahrt aufnimmt, desto unlösbarer verknotet Showrunner Rob Williams ihre Fäden. Denn während die Tatbeteiligung des Quartetts im 400-minütigen Spannungsbogen denkbarer wird, geraten sie auch noch ins Fadenkreuz machtpolitischer Intrigen.

Wie Suspicion von einer klugen Sozialkritik am paranoiden Kontrollwahn liberaler Prägung zum Verschwörungsthriller anschwillt, behandelt er aber auch ein paar Randaspekte von 1984 Baujahr 2021. Soziale Medien etwa, die jedes digitale Raunen durch Links & Likes zur Tatsache aufblasen und Wahrheiten noch schneller zerstören als Existenzen. „Das Geschwätz hört auf, sobald jemand einen Hund beim Bellen eines Mariah-Carey-Songs filmt“, sagt Dozentin Tara zum Rektor, als er sie wegen des Sturms in der Hochschulblase entlassen will. Sie sollte sich irren. Zum Leidwesen der Demokratie, zur Freude des Entertainments.


Arte-Doku: Rottet die Bestien aus!

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Der endlose Kreislauf des Rassismus

Die vierteilige Arte-Doku Rottet die Bestien aus vom preisgekrönten Filmemacher Raoul Peck (online in der Mediathek) zieht erschreckend gerade Linien von der Inquisition über den Kolonialismus Richtung Holocaust und weiter zum Alltagsrassismus von heute.

Von Jan Freitag

Florida, fast 200 Jahre vor unserer Zeit. Friedlich sirrt der Dschungel, als die stolze Frau vom unbeugsamen Volk der Seminolen im Dezember 1836 mit einer Gruppe entflohener Sklaven den Kampf gegen rücksichtslose Invasoren beschließt, die sich Siedler nennen. „Gebt uns unser Eigentum zurück“, sagt ein US-Soldat, sonst drohe ein Blutvergießen. „Ihr stehlt Land, ihr stehlt Leben, ihr stehlt Menschen“, entgegnet die Eingeborene und fragt: „Welche Spezies tut so was?“ Diese hier, sagt der Angehörige einer Zivilisation, die sich für zivilisierter hält als ihre. Dann schießt er ihr ins Gesicht.

So beginnt ein Arte-Essay, das beim Blick aufs Äußere der amerikanischen Eroberung ins Innere einer ganzen Gattung sieht. Unserer Gattung. Homo Sapiens. Krone der Schöpfung, so loben sich viele Schriftreligionen. Ausgeburt der Hölle, so korrigiert sie Raoul Peck in seiner vierteiligen Dokumentation Rottet die Bestien aus!. Nach einem Zitat aus Joseph Conrads berühmter Novelle Herz der Finsternis, zeichnet der Filmemacher aus eigener Perspektive ein Menschenbild, dessen Titel offenlässt, ob er vollzogene Ausrottungen unserer Spezies beschreibt oder den Aufruf zur eigenen. Beides wäre schlüssig.

Denn Peck, der nahezu zeitlebens die Abgründe gewöhnlicher Gesellschaften und Geschöpfe erforscht und für sein Rassismus-Essay I Am Not Your Negro 2018 fast den Oscar gewann, zeichnet ein fürchterliches Bild der Bestie Mensch. Aus Sicht seiner eigenen Biografie, die den Haitianer Ende der Fünfzigerjahre von Port-au-Prince übers kolonialistisch ausgeschlachtete Belgisch-Kongo oder das amerikanische Schwarzen-Ghetto Brooklyn zum Filmstudium nach Berlin führte, macht er die Unterdrückung aller Nichtweißen zu seiner und umgekehrt.

Viermal 60 Minuten reist er damit durch die kolonisierte Welt entrechteter, geknechteter, vernichteter Bevölkerungen der letzten 600 Jahre und findet Belege destruktiver Energie, die selbst das Mittelalter in den Schatten stellen, aber keineswegs nur finster sind. Während die Siedler genannten Eroberer von Komparsen gespielt noch wehrlose Seminolen niedermetzeln, schneidet Peck zwar Finsterlinge von heute dazwischen wie hitlergrüßende Neonazihorden oder Donald Trump. Mittendrin allerdings poppt ein Musical von 1949 auf, in dem Gene Kelly debil grinsend durch ein zeitgenössisches Völkerkundemuseum tanzt, das Ethnien aller Herren Länder abseits der Weißen ausnahmslos als Wilde zeigt.

Ziel dieser Gegenüberstellung: Klarheit. Anders als es der herrschende, also westliche, also weiße, also männliche Diskurs suggeriert, bleibt der Holocaust in seiner industriellen Effizienz zwar singulär, nicht aber die Basis aller Vernichtungsexzesse. Sie nämlich verortet der schwedische Literaturhistoriker Sven Lindquist, auf dessen Werk Pecks Serie beruht, in Europas Expansionsdrang der Neuzeit. „Zivilisation, Kolonisation, Vernichtung“, sagt der Ich-Erzähler aus dem Off – „diese drei Worte reißen eine gewaltsame Spur in die westliche Weltgeschichte.“

Wer der popkulturellen Collage aus gezieltem Reenactment und kreativem Archivmaterial fast ohne Talking Heads, die deutsches Zeitgeschichtsfernsehen Art gern überfrachten, vier Stunden lang schadlos folgen kann, blickt fortan anders auf Gewissheiten westlichen Perspektiven. Die „Entdeckung“ Amerikas zum Beispiel, die einen der elendsten Völkermorde der an Völkermorden so reichen Menschheitsgeschichte nach sich zog. Die „Missionierung“ der neuen Welt, die den Katholizismus endgültig als rassistische Doktrin entlarvte. Oder die „Inquisition“ des 13. Jahrhunderts, die einen Grundstein fürs hartnäckige Selbstbild Weißer Überlegenheit legte. Was Pecks Serie so beispiellos macht, ist seine Bereitschaft, auch dort nach Ursachen rassistischer Handlungsmuster zu suchen, wo andere nicht mal hinsehen.

Irlands Eroberung durch England etwa im 16. Jahrhundert, die nicht nur Abertausende angeblich minderwertiger Iren vorsätzlich das Leben kostete, sondern weitere Abermillionen infolge von Plünderung und Misswirtschaft westwärts drängte – nach Amerika, dessen Ureinwohner aus Sicht der Neuankömmlinge ihrerseits minderwertig waren und beinahe ausgerottet wurden. Bestien halt. Wie Wölfe. Oder Ratten. Der Todesschütze vom Anfang, Angehöriger einer Zivilisation, die sich für zivilisierter hält als andere, war womöglich Nachfahre verachteter Ahnen aus Irland und schloss den Kreis des Rassismus. Er dreht sich immer weiter.


Heide Keller: Beatrice & Ungeduld

keller

Ich habe eben Humor

Heide Keller, besser bekannt als Traumschiff-Chefstewardess Beatrice – auf dem ZDF-Foto aus den 80ern zwischen den damals noch völlig unbekannten Robert Redford und Stewart Granger – ist mit 81 gestorben. Erinnerung an einen Superstar des Regenbogenfernsehens – in Gestalt eines Interviews zu ihrem Rückzug vom Traumschiff vor vier Jahren.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Keller, auf ihrer letzten Fahrt mit dem Traumschiff sagt Beatrice zu Käpt‘n Victor, der Job habe ihr nur Freude gebracht, deshalb wolle sie aufhören, bevor er zur Belastung wird. Spricht da Heide Keller auch ein bisschen selbst durch ihre größte Rolle?

Heide Keller: Genau das ist auch meine Meinung, deshalb sagen wir es beide zugleich.

Ich selbst hab Ihre Jungfernfahrt vor 36 Jahren noch im Frotteeschlafanzug gesehen und kann mir die Sendung ohne Beatrice gar nicht vorstellen.

Ach, das höre ich gern, da freue ich mich.

Können Sie sich ein Traumschiff ohne Beatrice denn vorstellen?

Das kann ich. Nach 37 Jahren Arbeit an dieser Reihe blicke ich ja auf eine sehr glückliche, erfüllte Zeit zurück. Aber man muss auch wissen, wann etwas vorbei sein sollte. Ich kenne den Plan des ZDF, dieses Vorzeigeprodukt noch möglichst lange weiter zu drehen, und wünsche ihm auch ohne mich allzeit gute Fahrt und immer ‘ne Handbreit Wasser unterm Kiel.

Wer könnte denn Ihren Part übernehmen?

Erster Vorwurf, Herr Freitag. Ich bin streng, das weiß ich, aber das sollte man wissen. Als neues Mitglied der Stammbesatzung kommt Barbara Wussow hinzu, eine sehr gute und erfahrene Schauspielerin.

Aber ja nicht als Chefstewardess – darauf zielte die Frage ab.

Nein, als Direktorin des Hotels an Bord. Beatrice, also die Chefstewardess, bleibt unbesetzt. An ihrer Stelle wurde ein kleiner Sockel mit Trikot hingestellt. Verstehen Sie was ich meine?

Vermutlich nicht, dass nun ein kleiner Sockel mit ihrer Uniform im Gang steht?

Natürlich nicht, das war ein Witz. Ich habe eben Humor und bin berühmt für meine Pointen. Der einzige, der diese hier verstanden hat, war bislang Herr Kerner. Man muss schon richtig hinhören. Frau Keller ist alt und streng.

War Barbara Wussow denn schon als Passagier an Bord?

Einmal, ja. Ich weiß aber nicht mehr wann und in welcher Folge.

Wissen Sie noch, wer Ihr allererster Gesprächspartner in der allerersten Folge war?

Der erste Satz, der jemals fürs Traumschiff gesprochen wurde, war meiner, morgens um acht auf Barbados zu Maria Sebaldt: Wo wollte ihr Mann denn hin? Aber wir haben ja nicht chronologisch gedreht, von daher könnte ich im Film zunächst mit jemand anderem geredet haben.

Walter Richter, damals zugleich der allererste „Tatort“-Kommissar Trimmel.

Und bei uns der Gewinner eines Fernsehquiz.

Ein Mann aus der Unterschicht, der sich im Urlaubsdomizil der Oberschicht spürbar unwohl fühlt. Das ist heutzutage kaum mehr vorstellbar oder?

In der Tat. Diesen Glamour gibt es ja heute nicht mehr. Leider. Durch die vielen Ozeanwohnblocks ist die Kreuzfahrt als Ereignis fast ausgestorben. Ich weiß gar nicht, was es mit einer Schiffsreise zu tun haben soll, im Hochhaus um die Welt zu schippern. Deshalb freut es mich auch so, dass das ZDF für die Produktion ein echtes Schiff mit richtigem Bug finden konnte. Es heißt ja Traumschiff, nicht Traumklotz.

Sie trauern der Exklusivität des Kreuzfahrens nach?

Ich versuche grundsätzlich, möglichst wenigen Dingen nachzutrauern. Alles hat seine Zeit. Unsere war diesbezüglich sehr besonders; und es gibt ja noch ein paar Schiffe unserer Art.

Andere Passagiere der ersten Stunde trugen Namen wie Josef Meinrad, Bruni Löbel, Günter Lamprecht, Ursula Monn, Manfred Krug, Wolfgang Kieling, Monika Peitsch, Ivan Desny – alles seinerzeit Superstars mit Bühnenerfahrung. Warum fahren von denen heute so wenige mit?

Weil es die gar nicht mehr gibt. Jeder, der mal in irgendeiner Soap drei Sätze gesagt hat, bezeichnet sich selbst als Star. Und dass die wenigen, die diesen Titel wirklich verdienen, nicht mitmachen, liegt vermutlich daran, dass der Markt mit Massenware, vor allem Krimis, überschwemmt wird. Da fehlt vielen schlicht die Zeit. Außerdem werden Schauspieler längst wie Wegwerfware behandelt. Wenn einmal die Quote nicht stimmt, wird das Format eingestellt.

Haben Sie sich je so behandelt gefühlt?

Nie. Ich hatte das Glück, dass zwischen mir und der Fernsehwelt, in der die Entscheidungen getroffen werden, immer ein Mensch dazwischen war, der alles von uns Schauspielern ferngehalten hat.

So wie Sie die Lage schildern…

Wenn Sie intelligent wären, würden Sie mich jetzt fragen, welcher Mensch das war?

Ach, die Antwort von eben klang, als hätte es an ihrer Seite immer Menschen gegeben, die sich um Sie persönlich bemüht hätten, nicht ein bestimmter.

Natürlich war es ein bestimmter. Und zwar Wolfgang Rademann.

Der dem deutschen Fernsehen auch die Schwarzwaldklinik geschenkt hat.

Genau der. Rademann war derjenige, der immer dafür gesorgt hat, dass all der Mist hinter den Kulissen nie bis zu uns Darstellern vorgedrungen ist. 

Künstlerisch hat ihm das Feuilleton stets vorgeworfen, das Publikum mit leichter Kost zu unterfordern.

Das lag aber nicht an Wolfgang Rademann, sondern einem Großteil sogenannter Journalisten, die es nicht mitkriegen, wenn etwas lustig ist. Weil lustig als Gegenteil von gut gilt. Als Dieter Hallervorden mit „Honig im Kopf“ Preis um Preis gewonnen hat, war das Erstaunen daher groß. Komik hat was mit Können zu tun; das können viele Journalisten, aber auch Schauspieler nicht beurteilen. Als sei Unterhaltung minderwertig… Kein geringerer als Berthold Brecht hat doch mal gesagt: Theater ist in erster Linie Unterhaltung. Das war meine Antwort.

Wobei die Kritik weniger dem Humor galt als der Ausblendung aller Probleme, die sich nicht bis zum Käpt’ns-Dinner lösen lassen.

Ach wissen Sie, es gibt doch auch Märchen. Deshalb heißt die Serie auch nicht Realitätsschiff oder Problemschiff oder Konfliktschiff, sondern Traumschiff. Wir erzählen Träume. Wer das nicht versteht, soll abschalten und weiter Krimis gucken.

Als Harald Schmidt von Journalisten ohne Ahnung gefragt wurde, warum er sich das Traumschiff antue, sagte er sinngemäß, weil er sonst nirgends beim Arbeiten Urlaub machen könne und umgekehrt.

Gute Antwort.

Wohin verreist man, wenn man wie Sie schon jeden Hafen der Welt angelaufen hat?

Dorthin, wo ich gerne bin. Wie jedermann. Im Sommer nach Italien oder Frankreich oder an die Nordsee. Lange Flüge mache ich nicht mehr.

Haben Sie je privat eine Kreuzfahrt unternommen?

Habe ich auch mal.

Gerät man als Chefstewardess mit jahrzehntelanger Berufserfahrung da nicht in so eine Art Arbeitsmodus und betrachtet das Schiff durch die Augen der Kamera?

Nein, wenn ich privat bin, bin ich privat. Auf Reisen bin ich doch keine Kritikerin.

Beenden Sie nach ihrem Abschied vom Traumschiff eigentlich auch ihre Schauspielkarriere insgesamt?

Den Gefallen werde ich Ihnen nicht tun. Ich beende eine wunderbare Phase meines Lebens, das damit hoffentlich noch lange nicht zu Ende ist. Meine Hoffnung ist eine Rolle, in der ich endlich mal so alt sein darf, wie ich bin.

Dafür alles Gute, Frau Keller.

Danke. Und verzeihen Sie meine Ungeduld.


8 Zeugen: Erinnerung & Lügen

8ZWorte statt Taten

In der sehenswerten TVNow-Serie 8 Zeugen sucht Alexandra Maria Lara als polizeiliche Gedächtnisforscherin in den Erinnerungen von Beobachtern einer Kindesentführung nach Spuren. Selten zuvor war Krimi konzentrierter auf Sprache und trotzdem aufregend. Was nicht nur, aber auch an grandiosen Darsteller*inn*en liegt.

Von Jan Freitag

Das Gedächtnis ist ein selektiver, unzuverlässiger, trügerischer Ort. „Erinnern“, wusste schon Günter Grass, „heißt auswählen“. Jasmin Braun geht noch einen Schritt weiter. „Jede Erinnerung ist falsch“, sagt die Gedächtnisforscherin zu Beginn der TVNow-Serie 8 Zeugen und erklärt: „Wir erleben etwas, und Sekunden danach beginnt es sich zu verändern.“ Wer seiner Festplatte im Kopf trauen will oder derjenigen anderer, sollte deshalb so wenig Einfluss wie möglich darauf nehmen. Gerade, wenn es um Leben und Tod geht.

Eben noch hat sie als Sachverständige vor Gericht die Befragungstechnik mehrerer Polizisten kritisiert, da trifft Dr. Braun (Alexandra Maria Lara) einige davon dort, wo drei Stunden zuvor die Tochter des Innensenators entführt wurde. Es herrscht also gegenseitige Skepsis im Berliner Naturkundemuseum: Hier der zupackende Einsatzleiter Dietz (Ralph Herforth) und seine Ermittler, da die tastende Psychologin Braun (Alexandra Maria Lara) und ihr Wissen, alle gemeinsam entzweit im Kampf gegen die Uhr.

Während die Polizei ihre Augenzeugen schnell auf den Pfad verdrängter Tathergänge schicken will, möchte die Wissenschaftlerin, „kein Teil des Gedächtnisprozesses werden, deshalb arbeite ich mit Transkripten, nicht mit Menschen.“ Anderseits sei es nicht ihre Art, Hilfsbedürftigen die Hand auszuschlagen. „So funktioniere ich nicht.“ Deshalb vergisst die Expertin das akademische Prinzip methodischer Distanz und fühlt den Anwesenden der Kindesentführung Folge für Folge auf den Zahn ihrer Erinnerungen.

Vom kolumbianischen Kindermädchen oder der profilneurotischen Studentin über den vorbestraften Wachmann und die Exfreundin des Tatverdächtigen bis hin zu dessen Vermieterin oder Jasmin Brauns früherem Professor versucht die fachlich geschulte Vernehmungslaiin also die komplizierte Balance zwischen Distanz und Nähe, Beobachtung und Intervention zu wahren. Es geht daher nicht um Täter und Opfer, es geht auch nicht um Action oder Blaulicht. In achtmal 20 Minuten geht es dieser Anthologie-Serie fast ausschließlich um Worte.

Fürs Videoportal eines strukturell oberflächlichen Privatsenders wie RTL ist das vielleicht ein wenig inhaltlicher als üblich. Beraten und inspiriert von der rechtspsychologischen Bestsellerautorin Julia Shaw bietet Showrunner Jörg Lühdorff folglich ebenso komplexes wie fesselndes Entertainment für Herz, Hirn und Magen. Vergleichbar dem gefeierten Netflix-Experiment Criminal, das Ende 2019 Verhörspezialisten aus Großbritannien, Deutschland, Frankreich und Spanien im selben Verhörraum auf Mörderjagd schickte, brilliert auch dieses Krimikammerspiel schließlich durch extreme Fokussierung auf verborgene Details, statt blutiger Spuren.

Getragen wird die bildgewaltige Zuspitzung aufs scheinbar Belanglose durchs kollegiale Duell von Alexandra Maria Lara und Ralph Herforth. Während der deutsch-rumänische Weltstar seine Psychologin zwischen fachlicher Kompetenz und fragiler Persönlichkeit zerreibt, lässt der westfälische Abo-Gangster seine Figur vor lauter Testosteron zwar förmlich dampfen; zugleich stellt Kommissar Dietz Misogynie und Mackertum so strikt in den Dienst der Falllösung, als hätte Herforth fünf Jahre in Mordkommissionen hospitiert.

Und so bleibt bei aller Konzentration aufs Wesentliche – nämlich das Mädchen zu finden – noch genug Raum für Nebenschauplätze: den unverwüstlichen Corpsgeist uniformierter Institutionen zum Beispiel. Clan-Kriminalität und wie viel sie mit Rassismus zu tun hat. Die zunehmende Bildungsverachtung einkommensschwächerer Schichten, gepaart mit wachsendem Standesdünkel einkommensstärkerer. Dazu das offene Geheimnis, Reden, Hören, Kommunikation seien noch immer die besten Problemlösungskonzepte. Und manchmal auch noch sensationell unterhaltsam.