Fünf Jahre #allesdichtmachen
Posted: April 29, 2026 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentBerufsverbote & Mängelempathie
Vor fünf Jahren sorgten 50 Filmschaffende mit ihrer Lockdown-Kritik #allesdichtmachen für Aufsehen in der Pandemie. Es gab seinerzeit ebenso viel Zuspruch wie Ablehnung, letzteres vor allem aus der Querdenker- und AfD-Szene. Was hat die Initiative bewirkt? Eine Nachforschung mit Hindernissen.
Von Jan Freitag
Hinterher ist man stets schlauer. Manuel Rubey zum Beispiel. Anfang 2021 drehte der Wiener gerade mit seiner Kollegin Vicky Krieps, als sie ihm „von einer Aktion, die auf die Bedeutung von Kunst hinweisen sollte“ erzählte. „Ich habe daraufhin etwas aufgenommen, ohne den Zusammenhang zu hinterfragen oder Kontext zu kennen“, sagt der nebenamtliche Kabarettist genau fünf Jahre später und bekennt: „Das hätte man sich einfach nur sparen können.“
Eins von 52 Videos nämlich, die deutschsprachige Künstlerinnen und Künstler damals unter einem berühmt-berüchtigten Hashtag verbreitet haben: #allesdichtmachen. Kurz zur Erinnerung: Weil die Inzidenzen der Covid19-Pandemie explodierten, ging das Land Ende 2020 in einen Lockdown von beispielloser Härte. Er dauerte bis tief ins folgende Frühjahr. Für vulnerable Gruppen mitunter die Lebensrettung, kam sie für Film- und Fernsehschaffende einem zeitlich befristeten Berufsverbot gleich.
Es überrascht daher wenig, dass einige davon Handwerkszeug und Reichweite nutzten, um auf ihr Schicksal hinzuweisen. Schließlich ist Sendungsbewusstsein nicht nur Kernkompetenz, sondern Wesenskern darstellender Künste. In Satiren von 48 bis 172 Sekunden karikierten Superstars von Meret Becker oder Ulrike Folkerts bis Felix Klare oder Ulrich Tukur plus einige Soapsterne wie Samia Dauenhauer und Kea Könnecker allerdings nicht bloß ihr professionelles Dasein im Bann eines wütenden Virus.
Initiiert vom rauflustigen Regisseur Dietrich Brüggemann stellen sie Beteiligten staatliches Handeln unter Generalverdacht autokratischer Triebe. Sie verurteilen „die Medien“ für Desinformation, ziehen Parallelen zum Obrigkeitsstaat totalitärer Zeit, insinuieren Denk- und Meinungsverbote oder sehen rechts und links verschwimmen. Schon das war bisweilen populistischer Tobak. Obendrein aber mangelte es der humorvollen Aktion an etwas Wesentlichem: Mitgefühl für die Opfer.
Während liberale Menschen und Medien weit über Jan Böhmermann und Georg Restle hinaus den Zynismus der Inhalte anprangern, ernten sie in der rechtsesoterischen Querdenker-Blase mehrheitlich Applaus. Kein Wunder, wie der Kommunikationswissenschaftler Bernhard Pörksen seinerzeit befand. In Krisenzeiten könne „Mehrdeutigkeit von Ironie“ missverstanden und instrumentalisiert werden. Als beides geschah, zog die Hälfte der Autoren ihre Beiträge in Windeseile zurück. Manuel Rubey zum Beispiel.
„Weil ich mich schlecht informiert hatte und zu spät erkannt, dass es falsch war mitzumachen“, räumt er ein und erklärt seine Schubumkehr so: „Man muss Fehler zugeben können und sich diese auch irgendwann verzeihen.“ Eine Selbsterkenntnis von großer Haltungsstärke, die womöglich auch andere erlangt haben. Theoretisch. Denn praktisch bleibt das Gros derjenigen, die sich Ende April 2021 lautstark geäußert hatten, fünf Jahre später seltsam kleinlaut.
Von 47 angeschriebenen Corona-Komikern reagierten 43 entweder gar nicht oder abschätzig aufs Gesuch zur Stellungnahme. Manche mag es verfehlt haben. Andere wie Nicolas Ofczarek und Hanns Zischler seien nach Auskunft ihrer Agenten auf Reisen, also unabkömmlich. Peri Baumeister und Inka Friedrich, hieß es mit freundlicher Bitte um Verständnis, hätten sich abschließend geäußert. Alles akzeptabel. Wenn die Berliner Großagentur Players für ihre acht Klienten ebenso lapidar wie pauschal absagt, legt sie allerdings Zeugnis einer irritierenden Verweigerungshaltung ab.
Besonders brüll das Schweigen der Wortführer Miriam Stein und Volker Bruch, während Urheber Brüggemann nach Fristablauf neun Worte auf vier Fragen schickt. Für Christian Schicha alles naheliegend. „Wenn sie jetzt erneut mit der Aktion in Verbindung gebracht werden“, glaubt der fränkische Professor für Medienethik, „befürchten die Schauspieler einen Reputationsverlust“. Immerhin galt Kritik an #allesdichtmachen oft hochbezahlten Promis wie Heike Makatsch oder Jan Josef Liefers, die „im Gegensatz zu anderen keine Existenzängste“ hätten und das auch noch mit Videos in baumumstandenen Luxusappartements belegen.
Dabei sei „Ironie bis zum Sarkasmus“ in Ausnahmesituationen nicht nur legitim; nach fünf Jahren steht sie auch in einem ganz anderen, buchstäblich reflektierten Licht. Selbst ordnungspolitische Hardliner halten die Radikalität der Lockdowns ja mittlerweile für überzogen. Ausgangs- und Kontaktsperren, die den ausgangs- und kontaktintensiven Job des Schauspielers existenziell bedroht haben: das konnten auch improvisierte Distanz-Serien wie Drinnen oder Liebe!Jetzt nicht kompensieren.
Drei Jahre und 30 zivilisatorische Katastrophen später haben wir uns also (in den Worten des damaligen Gesundheitsministers Jens Spahn) viel zu verzeihen. Fürs tiefere Verständnis vom Einfluss pandemische Reaktionsmuster à la #allesdichtmachen auf heutige Krisen allerdings wäre Diskursbereitschaft sinnvoll. Umso mutiger ist es, dass Bernd Gnann seine Teilnahme nicht nur erklärt, sondern verteidigt. „Ich bin stolz, meine kreative Meinung gesagt zu haben“, sagt der zehnfache Tatort-Darsteller. Und das, obwohl ihn die Beteiligung Aufträge gekostet habe.
Ähnliches ist von seiner Kollegin Christiane Sommer nicht überliefert. Aber auch sie steht „zu 100 %“ hinter der damaligen Aktion. Ihr Verdacht, der Regierung sei es „in erster Linie um „Milliardendeals“ mit Geimpften als „Versuchskaninchen“ unerforschter Vakzine gegangen, die „zu anderen Krankheiten und Todesfällen geführt“ hätten, führt tief in verschwörungsideologische Ecken. Doch untersagt ist diese Meinung 2026 so wenig wie 2021. Umso interessanter, wie sie von der ihres Mannes abweicht.
Martin Brambach hatte sein Video – aus Rücksicht auf seine Schirmherrschaften – gelöscht. Auch er distanziert sich nicht von der Initiative, hätte ihr im Rückblick aber „die Empathie der allermeisten von uns mit Erkrankten und Pflegekräften vorangestellt“. Das Ziel einer „breiten gesellschaftlichen Diskussion“, um „Kritikpunkte und Gedanken mit den Mitteln unserer Kunst in die Öffentlichkeit“ zu bringen, ist daher gescheitert. Dabei hätte #allesdichtmachen mit weniger Polemik plus mehr Substanz das Zeug, den dringend benötigten Diskurs über die Arbeitsbedingungen der Schauspielbranche anzustoßen.
After Benjamin: Rassismus & Empathie
Posted: April 7, 2026 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentBrüllende Stille am Fjord
Die ZDF-Serie After Benjamin (Foto: ZDF) erzählt einen rassistischen Mord in Norwegen 2001 nach – und zwar strikt aus Sicht der Betroffenen. Die Täter bleiben dabei unsichtbar. Gute Entscheidung in einer Realfiktion, die das Schlechte im Menschen thematisiert, aber an das Gute im Menschen glaubt
Von Jan Freitag
Das Böse ist nicht nur faszinierender als das Gute, es ist auch lauter. Was Sozialwissenschaftler mal Rage Baiting, mal Negativity Bias nennen, dringt schneller ins Bewusstsein vor, verweilt dort länger, hinterlässt tieferen Eindruck und wirft die Frage auf, ob Radau der Ruhe grundsätzlich überlegen ist. Mikael Diseth beantwortet sie nun mit der brüllenden Stille einer Serie, die fast zu leise ist, um wahrnehmbar zu sein.
In After Benjamin erzählt der Regisseur mit Co-Autor Lev David einen realen Kriminalfall nach. Am 26. Januar 2001 haben Neonazis den schwarzen Teenager im Osloer Vorort Holmlia erstochen. Es war der erste nachgewiesen rassistische Mord Norwegens seit dem 2. Weltkrieg. Hundertausende demonstrierten landesweit gegen rechte Gewalt. Die Empörung übers lokale Weltereignis war so laut, dass Michael Jackson dem 15-Jährigen sein letztes Album Invincible widmete. Es war ein Aufschrei.
Umso erstaunlicher ist es, wie leise ihn das norwegische NRK mit sieben Sendern ums deutsche ZDF inszeniert. Wobei: erstaunlich wäre es nur, wenn auch diese Real-Crime-Fiction den Fokus auf Täter, statt Opfer legen würde wie die voyeuristischen Gewaltpornos der Netflix-Reihe Monster. In der ZDF-Mediathek wird ab heute dagegen nicht nur das Verbrechen selbst nur angedeutet. Sechs Teile lang bleiben auch die Verbrecher komplett unsichtbar.
Dieser Perspektivwechsel vom Objekt zum Subjekt ist gerade am Tatort Deutschland selten. Neun Jahre nachdem Züli Aladağs Beitrag zur ARD-Trilogie „Mitten in Deutschland“ die Familie des NSU-Opfers Enver Şimşek bei der Trauerarbeit begleitete, nahm Dustin Lohses Drama Die Nichte des Polizisten vorigen Herbst zwar ebenfalls die Ziele der drei Neonazis in den Blick. Ansonsten aber sind besonders Skandi Noir genannte Krimis nordeuropäischer Herkunft geradezu versessen auf Täterbiografien.
So gesehen betritt After Benjamin echtes Neuland. Im Grunde geht es Mikael Diseth nämlich noch nicht mal ausschließlich um die Hinterbliebenen einer monströsen Tat überführter und verurteilter Neonazis. Seine Erzählung nimmt den Ort des Geschehens unter die Lupe. „Du hast sich schon von Holmlia gehört, ein echtes Dreckslos“, sagt ihr eingeborener Erzähler (Nader Khademi) gleich zu Beginn in der Gegenwart und fragt uns: „Aber warst du mal da?“ Waren wir – wie auch die meisten Norweger – noch nicht. Noch nie.
Umgeben von Wald und Reichtum, aber ohne Renommee und Haltestelle, meint seine Jugendversion (Asher Abbas Naqvi) zwei Jahrzehnte zuvor, sei der Vorort das genaue Gegenteil dessen, was Medien und Mehrheitsgesellschaft darin sehen. Eine Gemeinschaft nämlich, in der Menschen aller Nationalitäten nicht nur friedlich miteinander leben, sondern füreinander da sind. Und das zeigte sich nirgends deutlicher als nach Benjamin Hermansens brutalem Tod Anfang 2001.
Zehn Jahre, bevor Anders Breivik die norwegische Konsensdemokratie Mitte 2011 im Blut seiner 77 Todesopfer ertränkte, schildert die Serie den Vorort als leicht zerkratztes, aber sehr intaktes Paradies, aus dem sich die Bewohner selbst vom Sündenfall des rechten Terrors nicht vertreiben lassen. Und um die Resilienz des dörflichen Kollektivs zu zeigen, beleuchtet Mikael Diseth seine Kinder – vor allem Bennys zwei besten Freunde Elias (Sam Ashraf) und Lina (Victoria Hoang).
Durch ihre glasigen Augen sieht das Publikum, was blinder Hass mit den Betroffenen macht – und was eben nicht. „Ich hoffe, wo du bist, gibt es keine Dunkelheit und keine Hautfarben“, liest die vietnamesische Norwegerin Lina wie so oft in der Serie aus ihrem Tagebuch vor. „Ich hoffe, da sind gute Menschen, die gute Sachen sagen“. Gute Menschen wie zuhause in Holmlia also, die wie Benny Mutter Marit (Linn Skåber) ihre Arme nicht nur verschränken, sondern öffnen. Die wie Elias lieber schweigen als herumzubrüllen. Die allesamt keine Engel sind, aber eher in sich gehen, statt aus der Haut zu fahren.
Zum Glück allerdings taucht Mikael Ditseth diesen Geräuschpegel nicht in die sämige Soße einer philorassistischen Ode an Frieden, Freude, Eierkuchen. Mitunter dürfen Opfer deshalb Täter sein. Auch Holmlia kennt Hakenkreuze, Delinquenz, Gewalt. Der Lichterkettenmoment täuscht kurz vorm islamophoben Backlash nach 9/11 nie darüber hinweg, dass der Rassismus auch in Norwegen nur pausierte. Aber die Stille, mit der After Benjamin den Mord in aller Konsequenz schildert, ist eindrücklicher als jeder True-Crime-Thriller mit Who-Dunnit-Spannung. Der Sechsteiler klingt mehr nach Tinnitus als Tatort. Und das ist gut so.
Mesut Özil: ZDF-Doku Zu Gast bei Freunden
Posted: March 25, 2026 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentLinksfuß und Rechtsruck
Mesut Özil (Foto: ZDF und picture alliance/Markus Gilliar) ist fraglos einer der besten Fußballer aller Zeiten. Und obendrein einer der umstrittensten. Die ZDF-Doku Zu Gast bei Freunden? nähert sich dem Zwiespalt einer außergewöhnlichen Persönlichkeit seit 20. März in der Mediathek drei Teile an – ohne ihn zu werten.
Von Jan Freitag
Markus vermutlich. Thomas natürlich. Oder wenigstens Jens. „Wir haben kurze Zeit überlegt, ob ich mich umbenennen soll“, erinnert sich ein Mann, der dummerweise weder Markus noch Thomas oder wenigstens Jens heißt, sondern anders, fremder, türkisch. Genau 100 Jahre nach seiner Vereinsgründung hätte Schalke 04 einen der, wenn nicht den besten Fußballer Deutschlands ja in die Jugendabteilung aufgenommen, falls sein Name eingeboren klänge. Reine Spekulation, gewiss.
Aber wie Mesut Özil im Sommer 2017, als alles noch irgendwie gut war, dem Sportreporter Frank Buschmann in London von seinem Karrierestart berichtet, da deutet sich schon irgendwie an, was noch auf ihn zukommen sollte. Mehr als genug jedenfalls fürs sanfte Gemüt eines begnadeten Linksfußes, der den Rechtsruck seiner vermeintlichen Heimat am eigenen Leib erfahren musste wie kaum jemand sonst im Rampenlicht. Mehr als genug also auch für eine Dokumentation, die beides ergründen möchte – den Linksfuß und den Rechtsruck.
Vorweg: es gelingt Regisseur Florian Opitz mindestens genauso gut wie in seiner brillanten Arte-Erkundung Capital B, die das wiedervereinigte Land vor drei Jahren fünf Teile lang am Beispiel der erwachenden Berliner Clubkultur nach 1989 erklärt. Jetzt also erklärt er das tiefgespaltene Land am Beispiel ihres besten Fußballers seit Kaiser Franz. Und schon das Satzzeichen am Ende des Titels macht deutlich, wie kompliziert diese Beziehung ist: Zu Gast bei Freunden? Daheim war er hier nämlich nie so ganz. Doch der Reihe nach.
Aufgewachsen in Rufweite des Schalker Stadions, die nur von PR-Beratern und Sport-Reportern „Veltins-Arena“ genannt wird, hat sich Mesut Özil über alle Klippen einer tendenziell xenophoben Mehrheitsgesellschaft hinweg nach oben gekickt. Als Gastarbeiterkind der dritten Generation 1988 in Gelsenkirchen geboren, behinderte Mesut Özils Buchstabenfolge nur anfangs den Aufstieg. Nach kurzem Exil bei Rot-Weiß Essen, erzählte er dem Sky-Reporter Buschmann vor neun Jahren im bislang unveröffentlichten Fernsehinterview, holte ihn sein Herzensverein doch noch in die U-19 von Schalke 04.
Und von da ab? Aufwärts, sonst nichts. 2006 erstes Ligaspiel. 2009 erstes Länderspiel. 2010 erstes WM-Spiel. Danach Wechsel zu Real und Arsenal, Landes- und Weltmeister, Megastar mit 100 Millionen Followern und Eigenmarke M10. The sky was the limit. Bis zum 14. Mai 2018. Da wurde ein Foto mit ihm (und Nationalmannschaftskollege Ilkay Gündoğan) an der Seite von Recep Tayyip Erdoğan publik. Als türkischer Präsident auf dem Weg zum Diktator der denkbar schlechteste Bildbegleiter eines muslimischen Fußballers mit Migrationshintergrund. In einem Land zumal, das gerade hart nach rechts abgebogen war.
Mit stichhaltigen Zeitzeugen von Özils Vater und Manager Mustafa über Gesamtschullehrer, Jugendtrainer, Langzeitbeobachter, Spielerberater bis hin zu A-Promis Kategorie Löw, Bierhoff, Mertesacker grast das ZDF die Geschichte nach der üblichen Starporträt-Metrik ab: In drei Episoden à 45-60 Minuten folgt dem Aufstieg (Der will doch nur spielen) demnach die Ankunft (Staatsfreund Nr. 1), bevor es mit Das Foto abwärts geht.
Virtuos, aber (zum Glück) nicht übertrieben ehrgeizig montiert von Jamin Benazzouz und Marielle Pohlmann, verbindet Florian Opitz die Einzelteile seiner verblüffenden Karriere dabei zu einem Gesamtbild, das mehr über unsere Gesellschaft als Mesut Özil aussagt. Ohne Details zu spoilern, wurde der Rand des Puzzles vorm Winter 2015 gelegt, als seine Heimat offen, divers, liberal war wie nie zuvor und selten danach. Mit einem Weltmeister von so erfrischender Vielfalt im Herzen, dass selbst der rechte Rand ein bisschen mitjubelte.
Zumindest bis die „Flüchtlingskrise“ Ende 2015 auch das Innere eines Puzzles füllte – erst mit Pegida und dann einer rassistischen Partei, die mittlerweile 14 von 16 Landesparlamenten plus Bundestag besetzt. In dieser Atmosphäre bauschten AfD und Springerpresse, aber auch DFB und bürgerliche Parteien bis hin zu den Grünen Mesut Özils kurze Erdoğan-Visite so lautstark zum Landesverrat hoch, dass der Bruch kaum noch zu kitten war. Wer nicht alle Details dieser kollektiven Entfremdung kennt, dürfte daher besonders vom dritten Teil (negativ) überrascht werden. Die Stimmung jedenfalls, sagt der Sportsoziologe und Özil-Biograf Dietrich Schulze-Marmeling, wurde seinerzeit „immer hysterischer“.
Dass Florian Opitz den damaligen Bild-Sportchef Walter M. Straten nicht als publizistischen Brandstifter, sondern gewöhnlichen Berichterstatter interviewt, ist da zwar ebenso seltsam wie die ständige Einblendung seiner Zeitung als Wasserstandsmeldung der jeweiligen Debatte. Alle anderen aber machen verständlich, wie groß die ideologische Last auf dem kleinen Ausnahmekicker war. Die Spiegel-Korrespondentin Özlem Topçu und ihr Welt-Kollege Deniz Yücel etwa schaffen es souverän, Deutschlands Migrationsgeschichte mit Mesut Özils Einzelfall abzugleichen.
Besonders hoch ist Zu Gast bei Freunden? dabei anzurechnen, dass die meisten von Florian Opitz Gesprächspartnerin ihr Untersuchungsobjekt zur psychotischen Musik der Kölner Elektro-Avantgardisten Von Spar erst am Ende kurz bewerten. Mesut Özils politische Haltung bleibt somit Privatsache statt Gegenstand wilder Spekulationen. Ähnlich wie die Frage übrigens, was aus Mesut Özil geworden wäre, wenn er, sagen wir: Thomas Müller hieße. Ein schlechterer Fußballer vermutlich nicht.
Taylor Sheridan: Cowboys & The Madison
Posted: March 18, 2026 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentFliegenfischende Konsumgören
Wie in Yellowstone schickt Taylor Sheridans (Foto: Paramount) Neo-Western The Madison das Land ins letzte Gefecht mit der Stadt. So wurde er zum wirkmächtigsten Showrunner unserer Zeit. Und nebenbei auch zum umstrittensten. Porträt eines modernen Cowboys.
Von Jan Freitag
Städter sind wankelmütige Wesen. So zäh der Asphalt durch ihre Adern fließt, so geduldig sie den Lärm tagheller Betonwüsten bei Nacht ertragen, so komfortabel die Infrastruktur urbaner Räume das Leben darin auch macht: Für den sehr amerikanischen Filmemacher Taylor Sheridan reichen normalerweise ein, zwei Nächte unterm Sternenzelt der unberührten Landschaft Montanas, um selbst eingefleischte Metropolengewächse zu renaturieren.
Wie lange es bei Preston Clyborn gedauert hat, lässt die Paramount+-Serie The Madison zwar zunächst offen. Doch so, wie der New Yorker beim Fliegenfischen aufblüht, kann es kaum länger gedauert haben als kurz darauf bei seiner Frau Stacy – obwohl die Umstände völlig andere sind. Während der reiche Logistik-Tycoon (Kurt Russell) in der Blockhütte seines genügsamen Bruders Paul Erholung sucht und Erlösung findet, wird Stacy (Michelle Pfeiffer) wenig später ins Madison River Valley zitiert, um die Leiche ihres verunglückten Mannes zu identifizieren.
Weil er – so legen zahllose Rückblenden in Telefongespräche der glücklich verheirateten Großstädter nahe – fest entschlossen war, in Montana leben und sterben zu wollen, nimmt sie ihre verhätschelten Töchter plus Anhang mit zu einem Abschied. Er entwickelt sich allerdings zu einer Ankunft. Denn besonders Stacy gerät rasch in den Bann einer unberührten Natur, die auch von ihrem Mann Besitz ergriffen hatte.
Warum, zeigt Showrunner Sheridan nach eigenem Drehbuch in exakt jener Bild- und Tonsprache, die seit fast einem Jahrzehnt seine Philosophie und damit das fiktionale Erzählen insgesamt prägt. Es ist ein Duell der Tradition gegen die Moderne, den er trotz tougher Frauen im Cast vornehmlich Mann gegen Mann austragen lässt. Dafür schneidet Christina Alexandra Voros die Gegensätze wie so viele seiner Regisseure zuvor geschickt ineinander.
Wenn Preston im Westen glückselig Forellen angelt, schwenkt ihre Kamera aus Montanas Stille 2300 Kilometer ostwärts zur affektierten Konsumgöre Paige, die mit Designertüten bepackt durchs verkehrsumtoste Manhattan stöckelt. Wenn ihr Vater mit seinem räumlich getrennten, aber seelisch verwandten Bruder im Mondschein angeregt über die Sinnlosigkeit überschüssigen Reichtums sinniert, glotzt ihre Verwandtschaft einen Schnitt weiter auf teure iPhones im New Yorker Sterne-Restaurant und hat sich partout nichts zu sagen.
Wer hier wem moralisch überlegen ist, bedarf da ebenso wenig weiterer Erklärungen wie in Sheridans Welterfolg Yellowstone. Kein Wunder: Anfangs war The Madison als Spin-Off des wuchtigen Neo-Westerns mit Kevin Costner als Rancher im ungleichen Kampf mit der globalisierten Marktwirtschaft gedacht. Dafür ist vor knapp zwei Wochen ein anders Sequel gestartet. Es heißt Marshals und begleitet John Duttons Sohn Kayce (Luke Grimes) bei der Arbeit als Bundespolizist im ungleichen Kampf mit – genau: der Gegenwart in Gestalt skrupelloser Turbokapitalisten.
Moral gegen Milliarden, Überzeugung vs. Profitgier – wer wäre da nicht auf Seiten der vermeintlich Schwächeren. Problematisch an Sheridans Metaphorik ist jedoch, wie sie das reaktionäre Narrativ eines romantisierten Urzustands im Würgegriff des dramatisierten Ist-Zustands an der Kluft zwischen Stadt und Land, Ost und West, gestern und heute bedient. „Hollywood hat keine Ahnung, wie Menschen außerhalb von Los Angeles leben“, klagt Sheridan. Deshalb schreibe er nicht für „Kritiker in New York“, sondern „Leute, die dort leben“. Kein Wunder, dass „Yellowstone“ in den Trump-States der US-Provinz am besten läuft.
Sheridan ideologisch einzuordnen, schlägt dennoch fehlt. Der texanische Farmersohn sieht zwar aus wie ein Bilderbuch-Redneck. Und wie glaubhaft er als Rodeo-Macho Travis in „Yellowstone“ reiten, fluchen, Linke verachten kann, könnte auf vererbten Konservatismus hindeuten. Seit der 1. Staffel allerdings, die 2018 alle Abruf-Rekorde bei Paramount+ bracht, schafft es der Mittfünziger, politisch neutral zu sein. Dabei ist seine Prärie seit dem Reservat-Thriller Hell or High Water zwei Jahre zuvor ein dermaßen schönes Aufmarschgebiet sympathischer Steak- und Waffenfanatiker mit seltsamem Freiheits-, Natur-, Gewaltverständnis auf panzerartigen Pickup-Trucks, dass sie perfekt in die Werbespots der abgesetzten Heimatschutzministerin Kristi Noem gepasst hätten.
Von Sons of Anarchy bis Marshals ginge Sheridans Werk demnach häufig als PR für die National Rifle Association durch. Und da Frauen in dieser testosterongesättigten Welt mitunter einflussreich, aber stets sexy sind, käme es auch bei Trad Wifes gut an. Andererseits zieht sich der Respekt für amerikanische Ureinwohner bei spürbarem Hass auf rechte Milizen durch jede seiner Fiktionen. So schafft es der Showrunner, den reaktionären Ultraliberalismus gleichermaßen zu untergraben und überhöhen.
Vielleicht gelingt es dem eingefleischten Landei ja deshalb so unterhaltsam, die Kluft der Großstadt zu seiner Wahlheimat Montana in ergreifende Geschichten zu packen. Michelle Pfeiffer zum Beispiel spielt das verwitwete It-Girl mit einer trotzigen Würde, die es dem Publikum schwer macht, ihren Snobismus zu verachten. Mit Stacys standesbewusster Sippe fällt das zwar etwas leichter; die frisch getrennte Abby (Beau Garrett) und deren zickige Schwester Page (Elle Chapman) sind schlicht zu elitär für echte Empathie.
Da ihr Sprung aus der Metropole in die Einöde ohne Komfort, dafür mit Hornissennest im Plumpsklo, noch größter wirkt als bei Mama, konzentriert man die Schadenfreude jedoch auf andere. Pages linkischen Mann Russell (Patrick J. Adams) zum Beispiel, den die Natur in den Grundfesten seiner unternehmerischen Selbstgerechtigkeit erschüttert. Selbst ihm schaut man aber gern dabei zu, sich wie bei einem Stromausfall durchs finstere Tal zu tasten. Nachdem ihre Eltern stundenlang über Vor- und Nachteile von Stadt oder Land diskutiert hatten, müssen sie die fremde Umgebung schließlich in Echtzeit akzeptieren. Wer sich das aus Hamburg, München, Berlin zutraut, werfe den ersten Stein!
Man muss Städter halt – so lautet Sheridans Mantra aus jeweils drei realisierten und geplanten Yellowstone-Ablegern – nur mal so richtig mit Gottes Schöpfung konfrontieren, dann renaturieren sie sich quasi von selbst. Und wenn es nicht automatisch klappen will, tut das manipulative Sensorium des kontrollsüchtigen Filmemachers eben ihr Übriges. Montana gibt es daher nur zu majestätischer Geigenmusik, New York ausschließlich mit kakophonischem Hupkonzert.
Keine Frage also, wo Taylor Sheridans Herz schlägt: Weder links noch rechts, sondern in der Mitte eines Flusses namens Madison River, der sein Land metaphorisch teilt, aber auch bewässert. Mit Menschen wie Stacy, die ans andere Ufer tritt und schaut, wie es sich dort anfühlt. „Honey, I’m a beach girl“, sagt sie einmal zu Preston, als er ihr ein Foto seiner neuen Liebe Montana schickt. Weil das Strandmädchen vor Ort Herz, Augen, Seele öffnet, wird es allerdings zur Landfrau. Die Natur, Taylor Sheridans große Liebe, sie kann das.
GoT: A Knight of the Seven Kingdoms
Posted: January 28, 2026 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentRutsch ins Ritterbiz
A Knight of the Seven Kingdoms, nach House of the Dragon das zweite Prequel des Game of Thrones, macht vieles anders als im Original und dabei viel richtig. Neben zwei außergewöhnlichen Hauptfiguren ist das vor allem sein Humor. Und ein erfrischender Mangel an Heldentum.
Von Jan Freitag
Und dann wallt sie auf, die Titelmelodie, eher schon ein Choral: Ramin Djawadis Soundtrack, der Game of Thrones zur Serienlegende machen half. Nur wenige Minuten ist das zweite Prequel nach House of the Dragon dabei, die Vorgeschichte der Drachensaga zu erkunden, als sich das weltberühmte Cello durchs Fantasy-Szenario von A Knight of the Seven Kingdoms wühlt – und dann? Bricht es abrupt ab. Denn Ser Duncan muss erstmal, pardon: scheißen. Sittsamere Umschreibungen wie „auf Klo“ wären angesichts der unverblümten Art, wie sich der Ritter unter einem Baum erleichtert, einfach unangemessen.
Soweit also alles ähnlich explizit wie im Original der Showrunner David Benioff und D. B. Weiss. Nie zuvor und nur selten danach ging es in einer Blockbuster-Serie vulgärer zu. Getötet, gelitten, gehurt, gestorben, gefoltert, gedemütigt, geschändet, gequält – was immer Menschen miteinander anstellen: GoT hat es in so drastische Bilder gepackt, dass man mitunter kaum hinsehen konnte – und es doch 73 Folgen fast zwanghaft tat. Wenn die Geschichte nun rund 90 Jahre rückwärts zu George R.R. Martins dreiteiligem Spin-off Tales of Dunk and Egg reist, bleibt also einiges beim Alten. Wenngleich nicht mal annähernd alles.
Das beginnt bereits bei Djawadis ikonischer Musik, die nach dem Stuhlgang-Auftakt nicht mehr zu hören sein wird. Es geht aber auf nahezu jeder Handlungsebene weiter. Anders als House of the Dragon nämlich, mit dem Benioff und Weiss ihr Game of Thrones 200 Jahre zuvor historisch hergeleitet hatten, erzählt A Knight of the Seven Kingdoms eine weitestgehend autarke Story abseits vom dynastischen Intrigantenstadl der Lennisters und Starks. Mit einer Hauptfigur, die deren Armee elitärer Superkämpfer ferner kaum sein könnte.
Dem Serientitel nach mag Ser Duncan (Peter Claffey) zu einer Zeit, da die Sieben Königreiche noch vom Drachengeschlecht Targaryon regiert werden, ein Mann von edler Geburt sein. Schon die Eingangssequenz aber belegt, dass er ins Ritterbusiness eher so reinrutscht als hineinzugehören. Kurz nachdem der Knappe des altersschwachen Ser Arlen seinen langjährigen Meister bei Nacht und Nebel begraben muss, versucht er dessen Erbe anzutreten. Mehr als Schild plus Schwert und drei Pferde weisen „Ser Duncan the Tall“, wie sich der zerlumpte Koloss fortan nennt, zwar nicht als Aristokrat aus. Dafür ist sein Streben nach Anerkennung fast ebenso unerschütterlich wie seine Bescheidenheit.
Damit haben Owen Harris und Sarah Adina Smith nach Drehbüchern des GoT-erfahrenen Hauptautors Ira Parker einen Charakter kreiert, der vom Gardemaß handelsüblicher Fantasy-Helden fast noch weiter abweicht als Peter Dinklages kleinwüchsiger Tyrion Lennister im Original. Schließlich ist Ser Duncan selbstkritisch, zuvorkommend, rechtschaffen, anständig, ein bisschen schlicht gestrickt vielleicht, aber auf grobschlächtige Art bauernschlau, dabei sehr sympathisch und damit das genaue Gegenteil von, sagen wir: Tyrions Bruder Jamie.
Beim Versuch, am Ritterturnier von Ashford teilzunehmen, sind das allerdings definitiv keine Eigenschaften, die einen Krieger im Hauen und Stechen mittelalterlicher Riten und Gebräuche sonderlich voranbrächten – hätte er keinen Wegbegleiter von noch eigentümlicherer Gestalt: ein kahler Neunmalklug von vielleicht zwölf Jahren namens Egg (Dexter Sol Ansell), den – natürlich – ein biografisches Rätsel umweht. Sechs halbe Stunden lang weicht er Ser Duncan nach kurzer Kennenlernphase nicht mehr von der Seite und sorgt dabei für etwas, das im „GoT“-Imperium bislang bestenfalls Nebenrollen spielte: Heiterkeit.
Allein schon die Vielzahl alltagsphilosophischer Dialoge, in denen sich das ungleiche Gespann näherkommt, hat in jeder Episode mehr Humor als ganze „Game of Thrones“-Staffeln. „Ich bin sogar klein für mein Alter“, sagt Egg einmal auf seinen Wuchs angesprochen. „Früher sagten alle, ich sei dumm“, entgegnet Dunk daraufhin. Pause. „Und?“, fragt Egg. So debattiert das originellste Odd-Couple seit langem ständig. Und kriegt dabei scherzhaftes Geleit von Lynoel Baratheon. Wie bereits in Guy Ritchies Ganoven-Groteske „The Gentlemen“ spielt Daniel Ings das schwarze Schaf seines Adelsgeschlechts auf so impertinente Art megalomanisch, dass man aus dieser Figur glatt ein eigenes Spin-off machen könnte.
All das macht A Knight of the Seven Kingdoms zur amüsanten Weitererzählung eines eigentlich längst auserzählten Stoffes. Mit etwas Wohlwollen könnte man ihn gar als kleinen Kommentar auf eine Klassen- und Statusgesellschaft sehen, gegen die sich Dunk and Egg couragiert auflehnen. Vor allem aber gelingt es der Serie, den strukturellen Heroismus von George R.R. Martin in Gestalt benachteiligter, verwundeter, zerkratzter, aber angenehm resilienter Protagonisten zu brechen. Wie Ser Duncan mit jedem Schritt auf seinem Weg zur Standesmäßigkeit ein wenig versehrter aussieht und dennoch immer ganz bei sich bleibt – das ist schließlich nicht nur herzzerreißend, sondern ungeheuer empathisch.
„Müsst ihr mich verspotten?“, fragt er einmal zwei Prostituierte, die sich über sein Erscheinungsbild lustig machen. „Ich wollte doch nur Hilfe.“ So viel menschliche Größe abseits testosterongesättigter Kampfkraft sucht man in Martins Song of Ice and Fire sonst ebenso vergeblich wie Zurückhaltung beim Zeigen kriegerischer Gemetzel. Hier besteht die härteste Schlacht eigentlich in einem Tauziehen. Schon deshalb wäre eine Fortsetzung der Fortsetzung unbedingt wünschenswert – und alles andere als unwahrscheinlich.
30 Jahre Harald Schmidt Show
Posted: December 21, 2025 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentZwischen Hildebrandt und Mario Barth
Vor ziemlich genau 30 Jahren lief bei Sat1 die erste Harald Schmidt Show. (Foto: Sat1) Nach ein paar Pleiten mit Gottschalk und anderen, war die erste echte Late Nite ein absoluter Wendepunkt in der deutschen Fernsehunterhaltung. Zum Guten wie zum Schlechten.
Von Jan Freitag
Das Feuilleton, dieses hochkulturelle Scherbengericht der Mediendemokratie, ist traditionell nicht allzu gut aufs Privatfernsehen zu sprechen. Bevor unterhaltsame Moderatoren wie Joko und Klaas sogar fürs öffentlich-rechtliche Wettsofa in Frage kamen, gehörte es daher zum guten Ton angesehener Kulturressorts, über Kommerzkanäle wie ProSieben bestenfalls die Nase zu rümpfen. Normalerweise jedoch herrschte ein Tonfall kultivierter Verachtung. Bis zum 5. Dezember 1995.
Damals betrat einer der Ihren die Bühne des – vergleichsweise seriösen – „Kanzlersenders“ Sat1 und wagte den dritten Versuch, amerikanische Late Night Shows einzudeutschen. Die RTL-Herren Gottschalk und Koschwitz, beide wie in Dax-Vorständen üblich Thomas mit Vornamen, waren daran zwar gescheitert. Ein katholisches Kind sudetendeutscher Schwaben aber brachte neben seiner öffentlich-rechtlichen Erfahrung in der WDR-Comedy „Schmidteinander“ noch etwas anderes, weitaus wohler gelittenes mit: sein Bildungsbürgertum.
Als Harald Schmidt vor 30 Jahren erstmals die selbstbetitelte Show moderierte, war das Feuilleton folglich nur kurz geschockt. Anders als seine US-Vorbilder wie Jay Leno begann er die Premiere mit einer losen Folge billiger Zoten. Viele davon übers Liebesleben des virilen Fußballers Lothar Matthäus. Der saftelnde Sound (gern zulasten marginalisierter Gruppen) sollte allerdings nicht nur sein Debüt prägen; er blieb das Markenzeichen von „Dirty Harry“, wie Harald Schmidt bald darauf gern genannt wurde.
„Witzeln, nicht Witz, Tusch statt Pointe“, klagte der jetzige Zeit-Herausgeber Josef Joffe seinerzeit in der Süddeutschen Zeitung über die „misslungene Letterman-Kopie“, wie das Sonntagsblatt sekundierte. Darüber hätte Programmchef Fred Kogel nur milde gelächelt – wären die Einschaltquoten, damals wie heute Goldstandard des dualen Systems, besser gewesen. Anfangs bei fast zwei Millionen Zuschauern, sanken sie bald auf sechsstelliges Niveau und verharrten dort.
Offenbar wirkte das deutsche Publikum nicht reif fürs formatierte Late-Night-Besteck aus Stand-up, Sketchen, Talkshow. Vielleicht sahen es viele als unverfroren an, ein zugeschaltetes Interview von Thomas Gottschalk mit dem neuen 007 Pierce Brosnan brachial abzuwürgen. Vielleicht war ihnen Helmut Zerletts peitschende Studioband zu amerikanisch. Vielleicht fanden sie Blondinenwitze à la „Hausfrauenkongress Madrid. Programmpunkte sind: autogenes Training gegen Kalkpanik, Rückwärtseinparken und – seit Monaten ausgebucht – Was ist Abseits?“ auch einfach nicht witzig.
Tatsache ist: Schmidts „sexuelle, aggressive, tendenziöse Komik gegen Frauen, Polen, Ostdeutsche“, die der Münchner Mediensoziologin Karin Knop auf den Keks ging, lief monatelang unter der Aufmerksamkeitsschwelle. Wer sich schon damals auf die breiten Schenkel klopfte, sah zwar womöglich auch wohlwollend über Gottschalks Knie-Fummeleien hinweg und hielt „Tutti Frutti“ für gute Unterhaltung. Aber es waren halt schlicht zu wenige. Bis das Feuilleton einsprang.
Für seine Jubiläumssendung vom 5. Dezember 1996 nämlich wurde Harald Schmidts Show vom Grimme-Institut gewürdigt. Und weil ihm fortan reihenweise Fernsehpreise zuteilwurden, begann die Hochkultur der Tiefkultur zu huldigen. Popliterat Rainald Goetz verglich den gelernten Kirchenmusiker sogar mit Adorno. Und dass er Bochums Sinfonieorchester im Studio begrüßte, Prince am Mikro oder den Ruhepol Manuel Andrack als Sidekick, ließ selbst sittenstrenge Kritiker die heitere Niedertracht dahinter tolerieren.
Misogynie und Rassismus, „Die dicken Kinder von Landau“ und Mohrenköpfe, Ossi-Bashing, Bodyshaming und das volle Programm kultureller Aneignung: Schmidts politisch unkorrekter Provokationshumor machte ihn zu einer Art distinguierter Maßanzugausgabe des Rammstein-Frontschweins Till Lindemann ohne Groupies unter und Pimmel auf der brennenden Bühne. Doch obwohl er – abgesehen von Juden – auf alle(s) und jede(n) abwärts der eigenen Komfortzone eintrat, mündete Schmidts Kloake mit dem Wechsel zur ARD 2004 endgültig im bürgerlichen Mainstream. Nur leider nicht rückstandslos.
Zu einer Zeit nämlich, als Emanzipationsbewegungen im rot-grünen Fahrwasser erstmals seit Willy Brandt die Deutungshoheit über die Profiteure soziokultureller Privilegien erlangten, galt seine Impertinenz als Akt der Befreiung gegen vieles, das heute unter „woke“ firmiert. Bei Harald Schmidt lachte sich die Mehrheitsgesellschaft ihre Minderheitenverachtung schön und kaschierte es mit einem „Das-wird-man-ja-wohl-noch-sagen-dürfen“, die jede Kritik daran als „Man-darf-ja-gar-nichts-mehr-sagen“ abbügelt.
Nur weil der WDR vor Passagen alter Schmidteinander-Folgen warnt, die „heute als diskriminierend“ gelten, ist deren Urheber natürlich kein Nazi – da kann er sich noch so fröhlich beim Sektempfang mit Rechtsaußen wie Hans-Georg Maaßen anstoßen. Sein kalkulierter Slalom durch Hochkultur und Tabubruch, Dieter Hildebrandt und Mario Barth, Jungliberale und CSU-Stammtisch sprengt allerdings bis heute Grenzen des Sagbaren. Das gefällt Björn Höcke wohl besser als Klaas Heufer-Umlauf, Ralf Husmann oder Ralf Kabelka, die seinerzeit an Schmidts Humor gefeilt haben.
Der war übrigens oft ebenso gut wie seine Talkshow-Gespräche. Harald Schmidt hat nachweislich frischen Wind durch die verstaubte Nachkriegsunterhaltung geblasen. Nur dass man sich daran dank seiner Polarisierung kaum noch erinnert. „Im deutschen Fernsehen muss man entweder kochen, singen oder im Dschungel verrotten“, sagte er nach dem Aus seiner Show bei Sky vor elf Jahren und fügte hinzu: „Ich habe mich für den Ruhestand entschieden.“ Möge er ihn auch künftig in der Freiheit genießen, alles sagen zu dürfen, was ihm beliebt.
Leck-mich-Faktor auf XXL-Format
Mit seiner Late Night Show wurde Harald Schmidt vor 30 Jahren zum Posterboy tabufreier Unterhaltung. Hat er damit womöglich den Rechtsruck befördert? Ein würdigender Denkanstoß.
Von Jan Freitag
Es war ein, nun ja – nicht gerade ein Erdbeben, aber doch schon ganz schön erschütternd, was am 5. Dezember 1995 auf dem ehedem (Ältere erinnern sich dunkel) sehr relevanten Privatsender Sat.1 geschah. Ein graumelierter Mann mit viel zu weitem Jackett über viel zu gemusterter Krawatte betrat da ein typisches Neunzigerjahre-Studio und begrüßte sein Publikum mit „mein Name ist überraschenderweise Harald Schmidt“. Die zugehörige Show trug zwar nicht als erste den Namen des viel zu lauten Moderators. Danach aber war das Unterhaltungsland der Gottschalks, Elstners, Kulenkampffs ein anderes. Was angesichts anderer Umwälzungen jener dualen Fernsehtage schon einiges heißt.
Vor exakt 30 Jahren war es schließlich bereits gehörig in Unordnung geraten. Die werbefinanzierten TV-Frischlinge um RTL herum hatten das Revier öffentlich-rechtlicher Platzhirsche mit Heißem Stuhl, Daily-Talks und „Tutti Frutti“ bereits rücksichtslos untergraben – da schoss ihnen der schwäbische Kirchenmusiker nach Schmidteinander und Pssst… die nächste Ladung despektierlichen Schrots in das öffentlich-rechtliche Gewissen. „Sie hat mich reingelegt: Väter wider Willen“, zitierte er zum Auftakt der bis heute wirkmächtigsten Late Night Show die aktuelle Nachmittagserniedrigung seines angeblichen Vorbilds Hans Meiser.
Es folgte der erste von gefühlt 1800 Zoten aus dem Liebesleben von Lothar Matthäus, die auch in gut 1800 Folgen danach das Durchschnittsniveau der Harald Schmidt Show mitgeprägt haben: die heitere Verachtung gesellschaftlich marginalisierter Gruppen ohne Gift und Galle sexistischer Rassisten oder umgekehrt. Denn anders als so viele Brachial-Entertainer ihrer Zeit, wurde der Sohn streng katholischer Sudeten nicht nur ins Neu-Ulmer Herz der nivellierten Wirtschaftswunderrepublik hinein geboren. Fast 40 Jahre später hob er sie mit bildungsbürgerlichem Gestus aus den Angeln.
Wenn Männer schwanger werden können, heißt das dann umgekehrt, Frauen können in Zukunft auch Auto fahren?
Im US-erprobten Ablauf von Stand-up, Live-Musik, Schlagzeilenanalyse und Einzeltalk jonglierte „Dirty Harry“ virtuos zwischen „Hochkultur und Stammtisch-Zote, Falschwitz und tiefgründigem Gespräch“, wie es die Medienpädagogin Barbara Hornberger in ihrem Essay „Harald Schmidt als Meister der Distanz“ mal beschrieb. Im Gegensatz zu David Letterman oder Jay Leno trat er allerdings dorthin, wo es seine Vorbilder kaum je taten: nach unten. Und dafür muss man noch nicht mal „Die dicken Kinder von Landau“ bemühen. Es reicht ein Blick nahezu in jede seiner – zumindest frühen – Shows.
Trotz (oder wegen?) verheerender Quoten im sechsstelligen Bereich ließ ihn Sat1 ein Jahr lang Ausländerwitz an Blondinenwitz an Ossiwitz an Unterschichtenwitz reihen. Mit seiner „tendenziösen Komik“ der „kalkulierten Grenzüberschreitung“, meint Barbara Hornberger, habe er „bewusst die Grenzen und Tabus“ übertreten und sich damit „einerseits Aufmerksamkeit, andererseits öffentliche Empörung“ verdient. Dass auch die Stars und Sternchen auf seinem Sessel vor Schmidts Respektlosigkeiten nicht verschont blieben, führte zwar zu ungeheuer originellen Interviews. Es änderte aber wenig am Kernproblem der Harald Schmidt Show: Sie wurde zum Hochamt des gediegenen „Das-wird-man-ja-wohl-noch-mal-sagen-dürfen“.
In Polen gibt es jetzt auch Viagra. Viele Polen nehmen es gar nicht selbst, weil – sie haben in der Hose kein Platz für noch ‘ne zweite Brechstange.
Parallel zur Popularisierung der Volksmusik durch Superhits von Herzilein bis Holzmichl und dem Aufstieg misogyner Stand-up-Patriarchen wie Mario Barth oder Atze Schröder, half Harald Schmidt dem grassierenden Populismus damit zumindest auf die Sprünge. Den Operetten-Fan mit „Traumschiff“-Kabine deshalb ins recht(sradikal)e Eck zu stellen, wäre trotz anhaltender Attacken auf Genderwahn, Sprachpolizei und Feminismus zwar überinterpretiert. Nur weil Harald Schmidt beim Sektempfang der nationallibertären Schweizer Weltwoche mit Hans-Georg Maaßen und Matthias Matussek plaudert, ist er noch lange kein Steigbügelhalter selbsterklärter Alternativen für Deutschland.
Doch ohne die intellektuell verbrämte Banalisierung diskriminierender Witze über alles, was Alice Weidels Weltbild widerstrebt, hätte sie es womöglich nicht so weit ins Rampenlicht der Demokratie geschafft. Dass Harald Schmidt seine Show – die er als einer der ersten Entertainer mit seiner Produktionsfirma Bonito auch eigenhändig herstellte – spätestens seit ihrem Wechsel zur ARD 2004 sprachlich abgerüstet hat, ändert wenig an dieser beiläufigen Ursünde des kommerziellen Unterhaltungsprogramms.
Zumal er bis heute wenig bis gar keinen Hang zur Selbstreflexion zeigt. Im Gegenteil. „Keinen einzigen“, antwortet er zackig, als ihn das österreichische Magazin profil vor drei Jahren nach Witzen fragt, die er bereue. Damit stimmt der 68-Jährige in den Chor seiner Generation um Hallervorden, Gottschalk, Dieter Nuhr ein, die sich in Ermangelung jedes Privilegien-Bewusstseins als Verfolgte einer feindlich gesinnten, linksliberalen, woken Moderne betrachten.
Zirkus Krone hat ein Solarium für Pferde. Man hat nämlich festgestellt, dass Pferde gesünder sind, wenn sie regelmäßig unter dem Solarium stehen. Es ist also bei ‘Krone’ wie im ganz normalen Sonnenstudio – alles voller Araber.
Das ist auch deshalb schade, weil die Harald Schmidt Show immer dann herausragend unterhielt, wenn ihr Host Zynismus kurz mal durch Ironie ersetzt und damit Entertainment auf Augenhöhe geboten hat. Das zeigte er schon bei der Premiere anno 1995, als er ein inhaltsleeres Interview des zugeschalteten Thomas Gottschalk mit dem Bond-Darsteller Pierce Brosnan geringschätzig, aber völlig zu Recht abwürgte. Perfekt auf den Punkt brachte er es dann allerdings knapp 13 Jahre später. Damals machte er seinen Sidekick Oliver Pocher dafür öffentlich rund, dass „so’ne kleine miese Type“ wie üblich nach unten trat, im Mega-Ego der Rapperin Lady Bitch Ray aber die Falsche traf.
Ob sein Chef mit diesem Affront vor laufender Kamera am Ende ein Stück weit auch sich selber meinte, sei mal dahingestellt. Es deutet aber an, was Harald Schmidt nicht zum ersten, aber besten Late-Night-Talker im Land der Primetime-Plauderer machte: die elaborierte Regelverachtung. Oder wie er es im profil-Interview ausdrückt: „Leck-mich-Faktor auf XXL-Format“. Hätte er dieses Talent nicht nur zur passiv-aggressiven Selbstbeweihräucherung genutzt: hier stünde jetzt ein anerkennender Nachruf auf eine der einflussreichsten Fernsehsendungen der linearen Epoche.
Schließlich haben sich all seine Epigonen von Anke Engelke über Kurt Krömer bis Edin Hasanovic vergeblich am Monolith des geselligen Grenzübertritts abgearbeitet, aber niemals seine Leichtigkeit erreicht. So aber warnt der WDR irgendwie stellvertretend für alle anderen Formate von und mit Harald Schmidt unter archivierten Schmidteinander-Ausgaben, sie enthielten „Passagen, die heute als diskriminierend betrachtet werden.“ Kleiner Hinweis noch nach Köln: das wurden sie damals auch. Es war Harald Schmidt bloß bestenfalls egal.
Being Jérôme Boateng
Posted: December 12, 2025 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentBolzplatz, Bayern, Boulevard
Jérôme Boateng war (Foto: ARD) schon vieles: Aufsteiger, Fußballstar, Stilikone, Rassismusopfer, Integrationsfigur, Frauenschläger, Straftäter. Eine ARD-Doku versucht gerade all seinen Persönlichkeiten gerecht zu werden. Besonders seine Gewalt gegen Frauen bleibt seltsam unterbelichtet. Auch deshalb distanzieren sich mittlerweile mehrere Gesprächspartner:innen von der Doku.
Von Jan Freitag
Wandlungsfähigkeit ist in der digitalen Unterhaltungsökonomie von unschätzbarem Wert. Seriencharaktere zum Beispiel, die sich von der ersten bis zur letzten Episode nicht verändern? Langweilig! Und warum bitte ist ein vielfach gefallener, aber ebenso oft aufgestandener Tennisstar aus Leimen fast drei Jahrzehnte nach seiner siegreichen Ära noch immer ständig in aller Munde? Weil er für großes Entertainment steht! Da lohnt sich ein Blick auf Boris Beckers lange Zeit schillerndsten Rampenlichtkollegen doch umso mehr.
Von Wilmersdorf zum Wedding, vom Bolzplatz zum Bayernstar, vom Weltmeister zum Trendsetter, vom Rassismusopfer zum Gewalttäter, vom Parvenü zum Paria – alles in einem Bruchteil jener Zeit, die unser Bobele bereits in der Achterbahn des hiesigen Boulevards sitzt: Jérôme Boateng. Landauf, stadtab sorgt allein sein Name fast sieben Jahre seit seinem letzten Länderspiel noch verlässlich für Schnappatmung. Man könnte also fragen, ob es nach all dem Klatsch & Tratsch, nach Biografien, Podcasts plus Abertausend Schlagzeilen eines weiteren Porträts bedarf. Anna Grün und Ulrike Schwerdtner meinen: Ja.
Denn weil sich im Porträtierten „gesellschaftliche Erwartungen und mediale Dynamiken“ spiegeln, wollte das Produzentinnen-Duo „diese komplexe Biografie erzählen“. Und dafür hat es nicht nur die versierte Co-Regisseurin Annette Baumeister gewonnen, sondern fast wichtiger noch: den Porträtierten selbst, der buchstäblich aus erster Hand erzählt, wie es ist, er selbst zu sein. Oder wie man neudeutsch titelt: Being Jérôme Boateng.“ Unter diesem Label hat die ARD schon ähnlich polarisierende Topsportler porträtiert. Jan Ulrich, zuletzt Franziska van Almsick, demnächst Katharina Witt.
Mit der genretypischen Chronologie von Aufstieg über Ankunft bis Abstieg, zeigt auch Annette Baumeisters Starschnitt, wie die aufmerksamkeitsindustrielle Revolution ihre Kinder erst zeugt, dann frisst und gegebenenfalls wiederkäut. In dieser Metrik begleiten wir Jérôme Boatengs steilen Weg über drei vierzigminütige Folgen vom fußballbegabten Scheidungskind im Berliner Problemkiez auf den Olymp seiner Sportart und, nun ja, zumindest ein Stück weit wieder herab, seit er gleich mehrfach für Gewaltdelikte gegen die Frauen an seiner Seite angeklagt worden war.
Zu Wort kommt dabei das branchenübliche Ensemble aus professioneller Beteiligung, Bewertung, Beobachtung. Freunde und Kollegen, Streetworker und Journalisten, Anwälte und Influencerinnen. Dazu Papa Prince, der unerlässliche Bild-Reporter und Prominente Marke Lukas Podolski, Horst Hrubesch, Marcel Reif. Im Wechsel mit der Titelfigur persönlich vertonen sie eine Mischung aus Milieu-, Gesellschafts- und Charakterstudie, die den Werdegang des kleinen Jérôme zum großen Boateng wirklich erlebbar machen.
Alles exzellent recherchiert, alles originell konstruiert, alles auch von der Titelfigur in respektabler Selbstreflexion kommentiert. Alles gut also? Beinahe. Was der Serie zur journalistischen Vollkommenheit fehlt, ist nämlich die dringend nötige Einbettung in den gesellschaftlichen Kontext unserer postpostheroischen Epoche. Jérôme Boateng steht ja nicht nur für den nimmermüden Krach digitaler Erregungs- und Echoräume. Zugleich verkörpert er den reaktionären Backlash dessen, was man mal etwas altbacken das Patriarchat nannte.
Es ist zwar richtig, die öffentliche Figur nicht auf seine justiziablen Straftatbestände zu reduzieren. Jérôme Boateng war schließlich einer der besten Fußballer, die jemals für Bayern oder Deutschland, gespielt haben und auch als Integrationsfigur ungeheuer wichtig. Die richtungsweisende Sequenz der Serie folgt allerdings erst im dritten Teil und wird auf ganzen 40 Sekunden abgehandelt: Ein Post, in dem der verurteilte Gewalttäter Jérôme Boateng mit Till Lindemann die #MeToo-Bewegung feixend als Geschäftsmodell zu Lasten Unschuldiger wie, genau: Jérôme Boateng und Till Lindemann verunglimpft.
Schien es vor der Pandemie kurz so, als hätten die Emanzipationsbewegungen männliches Machtgebaren endgültig als Hauptursache weiblichen Leids in seine Schranken verwiesen, schlägt das misogyne Imperium längst zurück. Zuletzt mit Thomas Gottschalk als frauenverachtender Bambi-Laudator. Da hätte es der ARD weit besser zu Gesicht gestanden, Jérôme Boateng ein wenig härter anzupacken. Stattdessen aber machen seine Weggefährten regelmäßig die prekären Verhältnisse, in denen er aufgewachsen ist, für spätere Handlungen haftbar. Besonders Cathy Hummels nimmt den Teamkameraden ihres Ex-Mannes Mats irritierend oft dafür in Schutz, wie Geld und Ruhm im Milliardengeschäft Fußball „optikorientierten“ Jungs halt zu Kopf steigen, wenn sie plötzlich von bildschönen Girls umschwärmt werden.
Damit ist sie nur einen Schritt von der reaktionären Schutzbehauptung entfernt, weibliches Verhalten sei für männliche Gewalt irgendwie mitverantwortlich. Hätt’se mal keinen Minirock getragen… Wenn die ARD für Jérôme Boatengs Gewaltbiografie ganze zehn Minuten aufwendet und der Beklagte nach dem Suizid seiner öffentlich diskreditierten Exfreundin Kasia Lenhardt auch noch seinerseits beklagen darf, man habe ihm „das Recht zu trauern“ abgesprochen, öffnet die Doku jedenfalls erstaunlich viel Interpretationsspielraum zu Lasten der Objekte seines problematischen Verhaltens. Nicht umsonst haben sich mittlerweile gleich mehrere Talking Heads von der Serie distanziert. Alexander Stevens, das juristische Feigenblatt dieser Doku, wirft den Macherinnen vor, sie hätte “geschätzt 95 Prozent meines Interviews schlicht rausgeschnitten” und “drei kurze Statements, die völlig aus dem Kontext gerissen und zum Teil in neue Zusammenhänge hineinkopiert wurden” übrig gelassen. Alles im Dienste von Boatengs Exkulpation.
Dabei ist häusliche Gewalt weder „Rangelei“ noch Bestandteil einer „toxischen Beziehungen“ oder „Schlammschlacht“, wie es im Lauf mehrerer Prozesse mitunter hieß. Sie steht für eine Form nahezu ausnahmslos männlicher Aggressivität, die in letzter Konsequenz durchschnittlich einen Femizid pro Tag zur Folge hat. Was bei Boatengs daheim tatsächlich geschehen ist, da haben selbst verständnisvolle Zeitzeugen Recht, lässt sich seit dem Tod der Beteiligten nie mehr nachvollziehen.
Aber dass jemandem mit einer Prozessakte, die sogar noch größer ist als seine Vorbildfunktion als Fußballer und Stilikone, womöglich mehr alte Chancen verwirkt hat als neue verdient – dazu dürfte die Doku bei aller Objektivität gern klarer Stellung beziehen. Durch Interviews mit Frauenhaus-Betreuerinnen zum Beispiel oder Gewaltopfern, die weniger Durchsetzungskraft haben als alle Influencerinnen in Boatengs Schlafzimmern. Zumal auch dieser verhaltensauffällige A-Promi ebenso butterweich hochfallen dürfte wie Thomas Gottschalk, Didi Hallervorden oder Till Lindemann. In einer Doku über die Terroranschläge vom 13. Dezember 2015 saß er unlängst schon wieder als normaler Zeitzeuge vor der Sky-Kamera. Als wäre Jérôme Boateng einfach nur ein Fußballer von früher.
ZDFneo: House of Bellevue
Posted: December 5, 2025 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentKurzweilige Selbstermächtigung
Die sechsteilige ZDF-Serie House of Bellevue (Foto: Daniel Lwowski/ZDF) macht nicht nur Berlins queer-migrantische Ballroom-Tanzszene sichtbar. Sie gibt den Figuren darin auch vielschichtige Gesichter jenseits ihrer intersektionalen Diversität. Das ist zwar manchmal stereotyp, aber ungeheuer empowernd. Und hat gestern völlig zu Recht den Serienpreis der TeleVisionale in Weimar gewonnen.
Von Jan Freitag
Voguing, progressive Wirtschaftswunderkinder West erinnern sich womöglich dunkel, war ein expressiver Tanz der Siebzigerjahre. Damals trat New Yorks queere Community aus ihrer gesellschaftlichen Nische ins Rampenlicht tagheller Diskotheken und verschwand ebenso wenig von dort wie Drogenkonsum, Diversität oder elektronische Beats. Drei, vier Befreiungsbewegungen später könnte man also meinen, weil die Emanzipation seither auch hierzulande schier unaufhörlich vorangeschritten ist, wäre Voguing kaum noch der Rede, geschweige denn Fernsehserien wert. Ein schöner Traum. Und ein trügerischer.
Das Rampenlicht der Siebzigerjahre leuchtet nämlich noch immer eher jenseits des heteronormativen Mainstreams. 2025 gönnt sich zwar jeder Vorabendkrimi ein paar schwule Randfiguren und mitunter gar Hauptkommissare. Halbwegs authentische Subkulturen aber schaffen es normalerweise nur als Dekorationen oder Opfer und Täter ins Drehbuch. „Ballrooms“ genannte Sammlungen verschiedenster Performances, bei denen sich marginalisierte, meist migrationshintergründige Gruppen wie vor 50 Jahren im Big Apple bei Battles von Fashion über Beauty bis Tanz miteinander messen, gibt es daher höchstens mal im Spartenprogramm von Arte.
Mit der ZDF-Serie House of Bellevue arbeiten sie sich jetzt allerdings ins Unterhaltungsprogramm des ZDF vor. Zunächst zwar nur in der Mediathek zuzüglich nächtlicher Neo-Ausstrahlung drei Tage drauf. Aber immerhin – es ist Teil des öffentlich-rechtlichen Angebots an alle. Rein inhaltlich zieht der Schwarze Emm (Ricco-Jarret Boateng) darin vom ereignisarmen Lausitzer Provinznest Spremberg ins pulsierende Berlin, um Vogue-Performer zu werden. Sein erster Versuch auf dem Laufsteg endet ähnlich enttäuschend wie der Einzug in ein überteuertes, abweisendes, dunkles Plattenbau-Zimmer. Doch weil er bald darauf Gleichgesinnte trifft, geht es für ihn danach erstmal bergauf.
Die einflussreiche Ballroom-Organisatorin Lia (Nora Henes) fördert den bisexuellen Frischling in ihrer eigenen Tanzschule. Auch Mother Calista (Florence Kasumba), als offiziell amtierende Königin aller deutschen Vogue-Events geradezu anbetungswürdig, erkennt Emms Potenzial. Und der angehende Modedesigner Djamal (Abed Haddad) gewährt ihm Asyl in seiner bezahlbaren, einladenden, lichtdurchfluteten WG plus tiefe Freundschaft auf Augenhöhe. So tanzt sich der 19-Jährige rasch aufwärts in der Hierarchie dieser schillernd-schönen Party-Blase. Und das ist für sich genommen schon sehr amüsant.
Der Writers Room von Kai S. Pieck zeichnet den Berliner Ballroom schließlich als bodypositive Version von Heidi Klums Supermodel-Zucht bei ProSieben, spart trotz aller Diversität aber nicht an deren Eifersucht, Drama und Zickenkrieg. Weil selbst Tanzfilme von Flashdance bis Dirty Dancing nicht ohne Handlung auskommen, war der Hauptautor obendrein gut beraten, seinen Co-Regisseuren Gabriel B. Arrahnio und Toby Chlosta mehr als dufte Musik mit an den Set zu geben. In House of Bellevue geht es daher mindestens nebenbei auch noch um Spielarten intersektionaler, also mehrfacher Diskriminierung, denen die Charaktere hier ausgesetzt sind.
Zumal einer der Stoffentwickler dieser deutschen Pose-Variante (bis zu seinem Ausstieg) Lamin Leroy Gibba war, der mit Schwarze Früchte Ende 2024 mindestens 99 Thesen entwaffnend ehrlichen Empowerments ans staubige ARD-Kirchenportal genagelt hatte. Sein anfänglicher Einfluss hat der Serie womöglich den Philorassismus ausgetrieben – jene wohlmeinende, aber leicht ölige Schonhaltung, mit der besagte Vorabendkrimis gelegentlich Vielfalt simulieren, statt abzubilden. Die queeren Zuwandererkinder dagegen dürfen unangenehm auffallen. Die Schwarze Lia zum Beispiel ist von ähnlichem Ehrgeiz zerfressen wie ihr afrodeutscher Vater, der sie gern in den Fußstapfen seiner eigenen Architektur-Karriere gesehen hätte.
Auch Emm sieht in Leas House of Bellevue eher Sprungbrett als Safespace, weshalb er selbst Freunden oder Verwandten ständig vor den Kopf stößt. Und die sexuelle Identität des irakischen Ballroom-Stars Mo (Kawian Paigal) ist ebenso dubios wie sein Umgang mit Rauschdrogen. Damit zeigt Producer David Ekow Herman, wie nah seine Crew dem Thema kommen wollte – und konnte. Selbst als Ballroom-Promoter aktiv, ging es ihm nach eigener Aussage schließlich um einen Raum für „respektvollen und offenen Austausch“, in dem „Individualität gefeiert und kollektive Kreativität gestärkt“ werde.
Ob es ein „tiefes Verständnis für Schwarze und Latinx-queere Kultur, Körperbewusstsein und Selbstinszenierung“ erzeugt, „das sich aufs Publikum überträgt“, bleibt allerdings abzuwarten. Weil das ZDF einerseits wie immer viel zu feige ist, so ein Format auch mal in der linearen Hauptsendezeit auszustrahlen, dürfte House of Bellevue ja vor allem für Gläubige predigen. Weil es (vermutlich mangels Budget) andererseits oft leicht schäbig ausgestattet wurde und dabei (wohl eher aus Bevormundungs- als Kostengründen) öfter das Drehbuchpapier raschelt, könnte es allerdings selbst in der eigenen Gemeinde auf Kritik stoßen.
Schließlich ist die Serie, der es abseits allen Entertainments auch um Beseitigung kulturkreisüblicher Klischees geht, manchmal ihrerseits stereotyp. Dass Emms gierige Vermieter im Märkischen Viertel zwei queerphobe Knalltüten wie aus dem AfD-Katalog sind, hätte sich Kai S. Piecks Team jedenfalls ebenso verkneifen dürfen, wie das wiederkehrende Starren auf Fotos oder Smartphones, um Emotionen zweidimensional zu machen. All das sind aber allenfalls handwerkliche Mängel.
Dazwischen und außerhalb verbirgt sich aber ein ersichtlich empathisches Bemühen um Ausgewogenheit mit Unterhaltungsanspruch, vor allem jedoch Haltung. Oder wer hat sich außerhalb der entsprechenden Community schon mal gefragt, wofür eigentlich der letzte Buchstabe im sprechenden Diversitätskürzel LGBTQIA+ steht? Hier gibt die scheinbar einsame DJ-Ikone TJ (Ilonka Petruschka) darüber angenehm unaufgeregt, vor allem aber ohne erhobenen Zeigefinger Auskunft.
Damit sorgt die Serie des jungen Berliner Produktionsunternehmens Don’t Panic Films im Kreis eines absolut typgerecht zusammengestellten Ensembles (Casting: Liza Stutzky und Jan Nwattu) für etwas, das selten ist im deutschen Regelprogramm: Diversität für alle Interessierten kurzweilig sichtbar zu machen. Und mal ehrlich: Eine Serie, die Alice Weidel nach Lage der Dinge hassen dürfte, kann nicht ganz schlecht sein.
Arte-Doku: Pawel Durow & Telegram
Posted: November 27, 2025 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentInformationen nach Gutsherrenart
Zwölf Jahre nach der Gründung des Messenger-Dienstes Telegram ist immer noch unklar, was dessen Gründer Pawel Durow wirklich will. Eine Arte-Doku nährt sich Antworten über den absolutistischen Herrscher eines liberalen Messengers aus der angehenden Diktatur Russland zumindest mal an.
Von Jan Freitag
Tech-Milliardäre gönnen sich gerne exklusives Spielzeug. Marsmissionen zum Beispiel, US-Präsidenten, Kryptowährungen und seit neuestem, für Normalsterbliche so unerreichbar wie unerschwinglich: Longevity. So heißt das Selbstoptimierungskonzept superreicher, meist männlicher Menschen, mithilfe biomedizinischer Prozesse länger zu leben. Peter Thiel oder Jeff Bezos investieren dafür Unsummen in gentherapeutische Start-ups. Pawel Durow bevorzugt klassische Methoden.
Disziplin, Ernährung, Askese, Sport: dieses pausenlose Trainingsprogramm hat seine inneren 41 Jahre äußerlich auf gut die Hälfte reduziert. Damit wäre das russische Mathe- und Marketinggenie nur unwesentlich älter als sein wichtigstes Selbstoptimierungskonzept: Telegram. Ein weltumspannender Messenger-Dienst, der fast so gut in Form ist wie dessen Erfinder. Vor allem aber: ähnlich dubios. Und beides fasziniert seinen Landsmann Aleksandr Urzhanov seit der Geburt des jüngeren Pawel Durow.
Zwei Jahrzehnte beobachtet der Investigativ-Journalist den steilen Aufstieg eines St. Petersburger Elitestudenten in die Broconomy genannte Aristokratie mächtiger Digital-Unternehmer. Gemeinsam mit Regisseur Igor Sadreev hat der Exil-Berliner seine Recherchen jetzt zur RBB-Serie verdichtet. Und schon der Titel deutet an, dass es keine Lobeshymne geworden ist: „Das dunkle Imperium von Pawel Durow.“ Wie dunkel, wie imperial – das fragt die Dokumentation dreimal 40 Minuten. Und vorweg: einfach Antworten gibt es nicht.
Zur Erkennungsmelodie der brachialen Kapitalismus-Schelte Succession beginnt die Reise mit ihrem (vorläufigen) Ende: Am 24. August 2024 steigt Durow in Paris aus seinem Privatjet und wird festgenommen. Der Vorwurf lautet Drogenhandel, Hassverbrechen, Kindesmissbrauch. Wenngleich nicht eigenhändig, sondern durch Unterlassen entsprechender Schutzvorrichtungen für weltweit angeblich eine Milliarde Telegram-Nutzer.
Seit seiner (vorläufigen) Freilassung residiert der russische Staatsbürger mit französischem Pass in einem Pariser Luxushotel für angeblich 25.000 Euro pro Nacht. Und von dort aus arbeitet er nicht nur an seiner physischen Unvergänglichkeit. Es geht ihm auch um sein Kernanliegen: die „Beseitigung der Informationsasymmetrie“, wie es ein Biograf in der Serie beschreibt. Genauer: das Ende klassischer Medien als Gatekeeper der gesellschaftlichen Kommunikation zum Wohle informationeller Eigenverantwortung.
Und hier wird es kompliziert. Denn Durow mag seine Unternehmen, die teilweise mit dem Geld organisierter Banden aufgebaut wurden, nach Gutsherrenart führen – ohne Regeln, Betriebsräte, Transparenz und Belegschaft. Er weigert sich nachweislich, seinen Messenger auch nur ansatzweise gegen Radikale, Pädophile, Gesetzlose abzusichern und vergleicht das 30-köpfige Ingenieur-Team beim Interview mit dem rechtsradikalen Trump-Fan Tucker Carlson als „Navy Seals“. Mehr noch!
Geld verdient Durow fast nur mit nebulösen Krypto- oder Blockchain-Deals. Und das, nach Stress mit der amerikanischen Börsenaufsicht, mittlerweile vom autokratischen Zockerparadies Dubai aus, wo ihn das Bundesjustizministerium wegen zahlloser Verstöße gegen das Netzwerkdurchsuchungsgesetz seit Jahren vergeblich haftbar machen möchte. Nahezu alles am Gebaren des Vaters von angeblich 100 Kindern ähnelt daher dem ruchlosen Turbokapitalismus von Elon Musk bis Mark Zuckerberg.
Mit einer Ausnahme: der einzige Europäer im Kreis US-amerikanischer Tech-Narzissten hält sich bis heute relativ glaubhaft fern vom Sumpf geschmeidiger Autokraten-Kuschler à la Bezos und Thiel. Seine Weigerung sich irgendeiner anderen Macht als der eigenen unterzuordnen, wirkt demnach einigermaßen authentisch. Dass Verschwörungsideologen und Antifaschisten, der IS und die Linke, Reichsbürger und Demokraten, Putins Propagandisten und Selenskyjs Freiheitskämpfer gleichberechtigt auf Telegram kommunizieren, scheint das eher zu be- als widerlegen.
Immerhin, so lehrt uns die ARD-Doku, hat Pawel Durow sein russisches Facebook VK nach der Krim-Invasion verkauft und mit kolportierten 300 Millionen Dollar Erlös das staatsferne Telegram aufgebaut. Die geflohene Online-Reporterin Galina Timchenko vergleicht den Messenger deshalb mit einem Küchenmesser. Man könne damit „Brot schneiden oder jemanden erstechen“. Pawel Durow macht beides, ohne selbst Hand anzulegen. Noch.
Denn wenn uns Donald Trumps neoliberale Monarchie etwas lehrt, dann dass sie mehr als alle anderen die Mächtigen korrumpiert. Zwölf Jahre nach der Gründung von Telegram jedenfalls zeigt sich: auf dem Weg zur globalen Autokratie nutzen es vor allem die Feinde von Demokratie und Pluralismus.
Stabil: Psychiatrie & Happyend
Posted: November 19, 2025 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentFeelgood-Depressionen
Die ARD-Serie Stabil um ein halbes Dutzend Insassen einer Jugendpsychiatrie dockt an Formate wie Euphorie oder Hungry an. Junges Seelenleid wird von erwachsenen Filmemachern darin endlich mal ernst genommen. Das tut der deutsche Sechsteiler im Grunde auch – und landet dennoch im Bällebad fiktionaler Klischees.
Von Jan Freitag
Im Zeitalter des neuen Kinos Serie hat es eine Regel zur Gesetzeskraft gebracht: Nie spoilern! Sie gilt also auch für Stabil. Wenn die ARD den Sechsteiler heute online stellt, verböte es sich deshalb normalerweise von selbst, das finale Kapitel der Geschichte einer Jugendpsychiatrie und ihrer Insassen zu verraten. Einerseits. Andererseits gibt es eine Art feuilletonistischer Fürsorgepflicht, das Publikum vor verschwendeter Lebenszeit zu warnen. Nach fünfeinhalb Folgen existenzbedrohender Probleme nämlich gleiten nahezu alle Hauptfiguren nicht nur lachend ins Happyend; zwei davon genießen gar die Aussicht auf ein sorgenfreies Leben in trauter Zweisamkeit.
Man kann, nein: muss von dieser Verharmlosung der dystopischen Krankheit Depression in all ihren Facetten also nur abraten. Dabei ist die Thematik durchaus verheißungsvoll. Nach einem Suizidversuch landet Greta (Luna Mwesi) in der psychiatrischen Klinik von Dr. Kim (Abak Safaei-Rad). Sechs halbe Stunden kämpft die 16-Jährige fortan mit einer Gruppe Gleichaltriger buchstäblich ums eigene Seelenheil. Zugleich aber versucht sie im geschlossenen System medizinisch-sozialer Kontrolle, das weder Außenkontakt noch Intimitäten gestattet, erwachsen zu werden. Ein pubertärer Spagat, den zurzeit reihenweise fiktionaler Formate wagen.
Aktuell etwa brillieren Derya Akyol und Sira-Anna Faal im fabelhaften RTL+-Reboot zur US-Serie Euphoria als mental kollabierende Prototypen der Generation Z. Ein Jahr zuvor ließ ZDFneo die essgestörte Ronnie (Zoe Magdalena) in Hungry an sich und ihrer Welt verzweifeln, nachdem Caroline Links Meisterwerk Safe an gleicher Stelle für zwei Psychologen und ihre Patienten Preise abgeräumt hatte. Gerade erst wurde Staffel 2 des Genre-Pioniers Club der roten Bänder abgedreht. Und jede dieser Serien wirft ein ebenso glaubhaftes wie anregendes Bild auf Jugendliche im Dauerstress ihrer krisengebeutelten Epoche.
Wenn sich Regisseurin Teresa Fritzi Hoerl drei der sechs Folgen Stabil selber aufgeschrieben hat, könnte es auf dem gebührenfinanzierten Online-Portal daher gehaltvoll werden. Schließlich trägt die Serie durch ihre Existenz allein schon dazu bei, das Chaos im Kopf Heranwachsender für voll zu nehmen. Schade nur, dass Hoerls Vorqualifikation in einer cremigen Melange aus Werbefilmen, Feelgood-Movies und dem gesendeten Pony-Fanzine Reiterhof Wildenstein besteht. Was die Hauptautorin mithilfe dreier Kolleginnen verzapft, hat deshalb den Tiefgang einer mittelmäßigen Vorabendserie. Schlimmer noch: inhaltlich grenzt sie oft an Körper-, Geist- und Seelenverletzung. Es nimmt bereits in Minute zwei seinen Anfang.
Vom vermeintlich mitverschuldeten Tod ihrer Schwester Nele lebensmüde, rast Greta mit dem Motorroller frontal gegen die Wand. Dass sie dabei nur zwei, drei dekorative Cuts im makellos geschminkten Gesicht davonträgt, ist nur das erste einiger Dutzend schlecht gescripteter Melodramen. Rückstandslos genesen nämlich zieht die 16-Jährige in eine Kinder und Jugendpsychiatrie, wo ihr eine Betreuerin „Uwe, dein Bezugspfleger, hier in der Kinder- und Jugendpsychiatrie“ vorstellt.
Das bevormundende Erklärbär-Fernsehen deutscher Art schießt sofort aus allen Didaktik-Rohren und sichert es mit einem Kugelhagel stereotyper Charaktere ab. Der spielsüchtige Killer (Uhud Karakoç) heißt wie sein Egoshooter und ist natürlich übergewichtig. Die autoaggressive Michelle (Katharina Hirschberg) wäscht sich nie und nascht dazu Chilischoten. Ein exoaggressiver Hooligan namens Fresse (Beren Zint) schlägt um sich und trägt Goldkettchen. Keine drei Sekunden nach ihrer Einführung packt jede Figur all ihre Macken auf den Stationstisch, damit auch ja niemand Zweifel daran hat, wie krass so eine Einrichtung ist.
Für alle inszenatorischen Mängel und Widersprüche fehlen hier Zeit und Raum. Nur so viel: dass der Gewalttäter im Zimmer des Gewaltopfers Alireza (Caspar Kamyar) einquartiert (und hinter ihm abgeschlossen) wird, ist sogar noch absurder als Alizeras Turtelei mit der verlusttraumatisierten Greta zwei Szenen später. Nach drei Folgen, bei denen fast permanent das Drehbuchpapier raschelt („eine psychische Erkrankung ist immer ein Zusammenspiel aus genetischen Faktoren, neurobiologischen Prozessen und ja, auch dem Umfeld“), setzt man daher Hoffnungen in die zweite Regisseurin Sinje Köhler. Schließlich verdanken wir ihr gelungene Serien wie Doppelhaushälfte – und werden sofort bitter enttäuscht.
Wie der gemobbte Alireza beim Ausflug ins Shoppingcenter Sekundenbruchteile vorm ersten Kuss mit Greta die Täter aus Schulzeiten trifft, ist ebenso billig konstruiert wie Fresses weicher Kern, den uns sein behutsamer Umgang mit Faltern (im Abendlicht) und Pferden (in Zeitlupe) einzuprügeln versucht. Und kleiner Tipp für Nachwuchsfilmemacher: Gelegentliche Flashbacks sind ein legitimes Hilfsmittel zeitüberlappender Erzählungen. Permanent verwendet, stehen sie einfach nur für Denkfaulheit.
Das ist schon deshalb schade, weil sich Luna Mwezi – die 2020 mit 13 Jahren als drogensüchtiges „Platzspitzbaby“ im Kino auffiel – spürbar für ihre Figur aufreibt. Auch Ronald Zehrfelds Pfleger Uwe ist in jeder Sekunde authentisch. Und dass wir viele Patienten viertelstundenweise beim Therapie-Dialog beobachten, ringt dem Boom-Genre Jugend-Medical eindrückliche Facetten ab. Wäre das anschließende Happyend kein so lächerlicher Schlag ins Gesicht aller Psychiatriepatienten, die statt fünf klischeehafter Episoden oft lebenslang mit ihrer Krankheit kämpfen. Vielleicht machen Köhler und Hoerl doch lieber was mit Ponys.

