Orange is the new Black: divers & böse

Woman is the new Bad

Mit der siebten Staffel endet heute die Frauenknast-Serie Orange is the new Black (Foto: Netflix), mit der Netflix nicht nur sechs Jahre lang richtungsweisende Unterhaltung geboten hat, sondern die Frau in ihrer ganzen Vielfalt gefeiert. Ein trauriger Abgesang.

Von Jan Freitag

Es gibt da eine Konstante in Film & Fernsehen, die fast so haltbar ist wie der Hang zum Happyend: Frauen sind die Guten. Falls sie ausnahmsweise nicht die Guten sind, sind Frauen zumindest nie die richtig Bösen. Und wenn sie doch mal richtig böse werden, sind Frauen gern allein unter noch böseren Männern. So weit ein Branchengesetz, das selbst Gegenspielerinnen von 007 selten in Frage gestellt haben; es sei denn, kurz vorm Abspann wären sie nicht unter ihm gelandet, sondern in Litchfield.

Kein fiktionaler Ort beherbergt schließlich mehr weibliche Delinquenz, Grausamkeit und Heimtücke bei weniger Erbarmen, Mitgefühl, gar Gnade als das Frauengefängnis irgendwo im Nirgendwo der USA. Umso erstaunlicher, dass es seit 11. Juli 2013 den Rahmen einer Art Großkammerspiel bildet, die in der Rubrik „Comedy“ TV-Preise hortet wie Netflix Neukunden: Orange is the new Black. Mit der siebten Staffel leitet der Streamingdienst nun das Finale ein. Doch schon vor den letzten 13 von dann 91 Folgen ist absehbar: So außergewöhnliche Protagonistinnen in so vielschichtigen Problemlagen wird es auf so unterhaltsame Art so bald nicht mehr geben.

Aber warum auch? Der beständig wachsende Hauptcast einer Notgemeinschaft, deren Umfang allenfalls mit Game of Thrones vergleichbar ist, hinterlässt auch ohne Fortsetzung oder Kopien augenfällige Stempel auf dem Markt horizontaler Dramaserien. Bis die leutselige Managerin Piper Chapman (Taylor Schilling) vor fast genau sieben Jahren wegen eines lange zurückliegenden Drogendeliktes für zunächst 14 Monate aus ihrer New Yorker LOHAS-Blase gerissen wird, waren Justizdramen im Allgemeinen und Knastdramen im Besonderen meist Männersache mit weiblichen Accessoires.

RTL hat zwar schon 1997 straffällige Frauen Hinter Gittern inszeniert; im Vergleich zu Pipers Anstaltsgenossinnen bestand das Personal der Seifenoper jedoch aus Kleinkriminellen mit leicht verrohtem Umgangston. Litchfield dagegen versammelte die gesamte Kriminalstatistik auf engstem Raum und räumte dort frei von moralisierender Küchenpsychologie mit dem Mythos auf, der zivilisatorische Abgrund sei für schwere Jungs reserviert. Die gewissen- und rücksichtslose Knastpatin Vee (Lorraine Toussaint) etwa hätte dem Genre-Pionier Oz ebenso alle Gangsterehre bereitet wie ihre Geschlechtsgenossin Fig (Alysia Reiner), die als knallharte Anstaltsleiterin bedenkenlos alle Humanität der Rentabilität unterordnet.

Und auch sonst wimmelt es im Netflix-Panoptikum menschlicher Untiefen nur so vor Wölf(inn)en im Wolfspelz von beispielloser Diversität, während uniformierte Unschuldslämmer noch seltener sind als solche im orangenen Gefängnisdress. Weil von der evangelikalen Psychopathin Pennsatucky bis zum empathischen Drogenwrack Nicky, von der russischen Knastglucke Red bis zur fröhlichen Kampflesbe Big Boo nahezu jede Figur mit ausführlicher Biografie versehen ist, eignet sich jede davon gleichsam zur Hassfigur oder Sympathieträgerin, die man wahlweise fürchten oder lieben darf, manchmal gar beides zugleich. Kein Wunder, dass gefallene Engel wie Piper und ihre Hop-on-hop-off-Affäre Alex (Laura Prepon) in dieser helllichten Vorhölle bisweilen auf der dunklen Seite der Macht landen, aber stets zurückkehren auf den Pfad der Tugend.

Als erstere zum Start der letzten Staffel mit dem sprechenden Titel „Der Anfang vom Ende“ entlassen wird, zeigt Showrunnerin Jenji Kohan daher nochmals ihre dramaturgische Finesse. Während Piper nach der vorherigen Verlegung in ein noch viel brutaleres Gefängnis auch jenseits der Mauern Gefangene des inhumanen US-Strafsystems bleibt, schöpft die lebenslang verurteilte Taystee (Danielle Brooks) aus ihrer Hoffnungslosigkeit zusehends neue Kraft. Erst dank solcher Sollbruchstellen bleibt OITNB ein bitterböses, subtil komisches, sehr präzises Sittengemälde einer zutiefst zerrütteten, gespaltenen, ungerechten Nation – und zwar bis in den melodramatischen Schlussakkord, der jedes Einzelschicksal geigenumflort gen Zukunft entlässt.

Klingt schwulstig, zugegeben. Doch diese Art finaler Trauerbewältigung ist spätestens seit Six Feet Under nicht nur üblich, sondern in diesem Fall auch dringend nötig. Schließlich sorgt sie für ein wenig Erlösung im epischen Leid mehr oder minder schuldbeladener Individuen, die nun endlich auch weiblich sein dürfen. Ein schwacher, schöner, sehenswerter Trost.

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Netflix: How To Sell Drugs Online (Fast)

Böser Nettewicht

In der schwer unterhaltsamen Netflix-Serie How To Sell Drugs Online (Fast) wird ab Freitag ein deutscher Außenseiter aus Liebeskummer zum Drogendealer. Das ist mit großer Lässigkeit gespielt – und passt in eine Epoche voller Fernsehbösewichter, die im Grunde gar nicht so sind.

Von Jan Freitag

Das Bösewichte richtig böse aussehen, ach überhaupt richtig böse sind – diesen Fetisch einer gottlob längst vergangenen Fernsehästhetik hat uns spätestens der psychisch labile, physisch biedere Mafiaboss Toni Soprano ausgetrieben. Seither sprießen sympathische Gangster mit Familie und Durchschnittsjobs von Buchhändler bis Chemielehrer wie Pilze aus dem Streamingwald, der für Bösewichte klassischer Prägung längst keinen Nährwert mehr hat. Als Zuschauer ist man Freundliches vom Fiesen also durchaus gewohnt. Aber dieser böser Nettewicht auf Netflix, der ist schon noch mal was anderes.

Moritz Zimmermann heißt die Hauptfigur einer deutschen Serie mit dem englischen Titel How To Sell Drugs Online (Fast), und wer ihm im realen Rinteln am Rande Niedersachsens begegnen würde, ginge vermutlich achtlos vorbei. Gespielt vom neun Jahre älteren, angemessen picklig dekorierten, aber nicht überschminkten Maximilian Mundt (26), ist dieser Teenager ein spätpubertierender Nerd der Generation Z wie er bei im Wikipedia-Eintrage steht: kontaktgestört, schüchtern, unzugänglich, stillos. Ein echter Prototyp seiner sozialen Randlage. Mit einem Unterschied: Er verkauft Drogen. Und zwar im ganz großen Stil. Wenngleich nicht ganz freiwillig.

Wie einst Walther White wird der Schüler von äußeren Umständen in die Kriminalität getrieben. Weil seine Freundin Lisa nach ihrem Auslandsaufenthalt mit dem Kleindealer Daniel anbändelt, versucht er den Nebenbuhler erwerbsmäßig auszutrocknen und kauft das gesamte Ecstasy des Weserberglands auf. Klar, dass der Plan krachend scheitert. Anstatt diesem Kampfsportler auf Lisas Willkommensparty den Rang abzulaufen, kriegt er vom sportlich schönen „Dan“ aufs Maul, weil er das Geld ihres gemeinsamen Gamer-Startups veruntreut hat, auch noch Ärger mit seinem körperbehinderten Kumpel Lenny. Und dann kommt ihm auch noch der bewaffnete Drogenhändler ins Haus.

Schon nach anderthalb von sechs halbstündigen Folgen liegt das ohnehin ernüchternde Leben des Außenseiters also heillos in Scherben. Die Lösung: Ein digitaler Rauschgift-Shop im Darknet. Klingt irre, wird irre, ist irre, vor allem aber irre unterhaltsam. Wie in Coming-of-Age-Serien mit krimineller Backstory – etwa The End ofthe F***cking World an gleicher Stelle – üblich, eskaliert die Komödie schließlich rasch Richtung Gangstergroteske im Kreisverkehr unerwarteter Wendungen. Und nebenbei lehrt sie uns noch einiges über Heranwachsende, deren Rationalität unterm Dauerbeschuss maximaler Onlinekommunikation bei minimaler Impulskontrolle steht.

Genau hier allerdings hätte man den Autoren ein wenig mehr dramaturgische Sorgfalt gewünscht. Warum der innerlich wie äußerlich verwahrloste Moritz überhaupt mit dem innerlich wie äußerlich bezaubernden Influencer Lisa zusammenwar, bleibt ebenso rätselhaft wie der Anachronismus, dass die jungen Digital Natives hier alle noch über Facebook kommunizieren. Dafür sind sie allesamt gestylt wie frisch aus Kreuzberg geschlüpft, wohnen aber entweder in Gelsenkirchener Barock oder Rem-Koolhaas-Villen.

Doch davon abgesehen sorgt Regisseur Lars Montag in den ersten drei Episoden, mehr aber noch Arne Feldhusen in den letzten drei dafür, dass dem stilistischen Durcheinander nie der Schwung ausgeht. Sie können sich ja auch leichten Herzens auf die Darsteller verlassen – besonders wie Maximilian Mundt als überforderter Antiheld der mit stammelndem Trotz im anschwellenden Chaos die Würde zu wahren versucht. Auch Anna Lena Klenke und Damian Hardung machen ihre Parts als Serienbeautys gut. Wie Ulrike Folkerts zwanghaft lachend die Egoshooter-Höhle ihres gehbehinderten Sohns Lenny (Danilo Kamperidis) mit Raumspray lüftet, ist zudem herrlich lakonisch – und aus erwachsener Sicht gehaltvoller als Chatverläufe, Schnittgewitter, Videoclips, die unablässig den Screen zu splitten. Aber so sind halt die neuen Sehgewohnheiten einer Generation, die erkennbare Bösewichter kaum noch kennt. Der nette Dealer Moritz ist einer von ihnen. Und das sehr unterhaltsam.


ProSieben: Erfindergeist & Alltagssexismus

Das Geschlechterding des Jahres

In der ProSieben-Show Das Ding des Jahres wird fraglos auch viel Sinnvolles erfunden. Allerdings meistens von Männern. Frauen kommen auch im Finale am kommenden Dienstag meist nur mit textilem Lifestyle daher (Foto: Pro7/Willi Weber) und giggeln dazu servil. Eine Emanzipationskritik mit Nachhaltigkeitsschlenker.

Von Jan Freitag

Die Welt da draußen ist voller Probleme. Manipulierte Diesel verpesten unsere Luft, populistische Hetzer den Umgangston, Plastikmassen das Meer und Treibhausgase die Welt im Ganzen. Aber das alles ist noch gar nichts dagegen, was Jennifer, Ulrike und Larissa so umtreibt. Ihnen nämlich lässt die dringlichste aller Sorgen partout keine Ruhe. „Man hat einfach nicht für jedes Outfit die passende Handtasche.“ Bis jetzt. Denn die drei Designerinnen haben eine mit austauschbarer Deckklappe in „vielen tollen Farben und Mustern“ entwickelt und nebenbei eine Plattform gefunden, sie kostenlos zu bewerben: Das Ding des Jahres.

Um diesen Titel und 100.000 Euro Preisgeld kämpfen auf ProSieben grad fünf Dienstage lang Erfinderinnen wie Jennifer, Ulrike und Larissa. Wobei es analog zur Premiere 2018 vor allem Erfinder sind. Und falls sich doch mal weibliche Tüftler unter die männliche Übermacht mischen, haben sie so sicher wie Schleichwerbung bei der Wok-WM irgendetwas mit Kochen, Mode, Styling kreiert. Im zweiten Duell der dritten Folge bekam es das Taschentrio daher mit Katrin Liebers austauschbaren Pumps-Hacken zu tun. Die Herren der Alltagsschöpfung befassen sich dagegen mit Computergadgets, Transportsystemen und sonstiger Hardware. Schöne alte Geschlechterwelt.

Weil die Herren der Warenschöpfung auch Babymilch-Portionierer oder Silikonbackformen erdacht haben, weist ProSieben-Sprecher Christoph Körfer den Sexismus-Vorwurf zwar von sich. „Wenn Sie wollen“, kommentiert er weibliche Erfindungen männlicher Protagonisten auf DWDL-Anfrage „können Sie da gerne ein klischeehaftes Rollenbild hineininterpretieren“. Um männliche Entfaltungsmöglichkeiten geht es allerdings gar nicht, es geht um die Beschränkung der weiblichen. Etwa wenn der schmächtige Mittsiebziger Ernstfried den Mehrwert einer leichten Hundebox damit erklärt, wie eine Frau das schwere Standardmodell denn bitte ins Auto heben solle und Moderatorin Janin Ullmann dazu im schrittkurzen Minirock giggelt, als säßen wir uns noch im Fernsehzeitalter dekorativer Assistentinnen honoriger Conférenciers.

Als solche fungiert auch die Frau des Glasers Rolf. Gaby muss zwar vor seinem Spiegel mit digitaler Rückansicht posieren, aber schön die Klappe halten. Dass Heidi Klum in der Pause für ihre Modelzuchtshow wirbt, passt ins Bild einer Sendung, die das Rad der Emanzipation trotz paritätischer Jury um zwei, drei soziale Bewegungen zurückdreht. Nur zwei Wochen also, nachdem Maria Furtwänglers MaLisa-Stiftung belegen konnte, wie stereotyp Rollenbilder nicht nur in Film & Fernsehen, sondern auf Plattformen wie YouTube oder Instagram sind, erhob ProSieben das Klischee erneut zum Markenkern.

Schon 2018 stammten von 32 Erfindungen ja ganze sieben von Frauen, die bis auf ein Schuhgrößenmessgerät nichts als Textilien verarbeitet haben. Wenn ihr Anteil heute Abend in Folge 4 zurück auf Vorjahrsniveau fällt, werden die Damen – sofern sie nicht Teil gemischter Erfinderteams ist – ausnahmslos Lifestyle ersinnen. Ein mobiles Nagelstudio etwa oder kein Scherz: Sohlen-Tattoos für Stöckelschuhe. Mehr noch als beim Sendungsdebüt, das seinerzeit als „Trullala-Version“ der Höhle des Löwen kritisiert wurde, trifft klassische Geschlechterkonstruktionen also auf einen Konsumfetischismus, dem ernste Problemlagen im Zweifel halb so wichtig sind wie die passende Handtasche für jedes Outfit. Und diese Besinnungslosigkeit findet nirgendwo besser seinen Ausdruck als im „Smart Mirror“ von Max und René, der den akuten Kommunikationsoverkill nun auch ins Badezimmer trägt.

Dass Männer beim Rasieren ihre Business-Termine am digitalen Spiegel sortieren und Frauen beim Schminken Makeup-Tutorials betrachten, könnte der Jury um den heiteren Skeptiker Joko nun ein paar Fragen zu Ressourcenverbrauch und medialer Erschöpfung entlocken. Doch in dieser Art Dauerwerbesendung geht es ihm wie dem Supermodel Lena Gehrcke oder der Erotik-Versandhändlerin Lea-Sophie Cramer einzig um Verkäuflichkeit. Eine ProSieben-Pressemitteilung feierte gestern entsprechend stolz „Verkaufsrekorden“ mehrere Webseiten teilnehmender Start-ups. Da hat Rewe-Verkaufsleiter Hans-Jürgen Moog im Jury-Sessel keine weiteren Fragen, als im Bildschirmeck der dritten Folge „unterstützt durch Produktplatzierungen“ aufpoppt.

Kurz vorm echten Reklame-Break gibt es dann noch einen SUV mit 178 PS zu gewinnen, den die Generation sorglos als „urbanen Crossover“ verharmlos. Und dass ein Tragegurt für Plastikflaschengebinde nicht nur den Wegwerfkonsum im Land der weltbesten Trinkwasserqualität erhöht, sondern „von Hausfrauen gemacht“ wird, wie der Erfinder arglos die Produktionsbedingungen schildert – hey: We love to entertain you! Obwohl das Ding des Jahres nachhaltig sein könnte wie ein revolutionärer Fahrradschlauch oder Einweggeschirr aus Laub, ähnelt der sexistisch grundierte Fortschrittsoptimismus in Stefan Raabs Format dem von Galileo, wo Fun stets schwerer wiegt als Verantwortung.

Um ProSieben nicht Unrecht zu tun: Sein Personal ist jünger, weiblicher, migrationshintergründiger als bei der Konkurrenz. Ähnliches gilt für viele Serien oder Shows. Zugleich aber (ent-)kleiden sich selbst Meteorologinnen wie Frischfleisch vorm Bachelor, von Moderatorinnen der Gossip-Magazine ganz zu schweigen. Wie heißt es in der MaLisa-Studie: „Sie sind dünn, langhaarig und beschäftigen sich hauptsächlich mit den Themen Mode, Ernährung und Beauty.“ Gemeint sind damit die Influencer digitaler Plattformen. Bei ProSieben gilt das auch für Erfinderinnen.


True Detective III: Mahershala & Pizzolatto

Schonungslos ohne Schaum

Anders als in der viel kritisierten Staffel 2 knüpft die Fortsetzung von True Detective ab heute auf Sky ans grandiose Debüt der HBO-Thrillerserie an – und skizziert bei der Aufklärung eines Ritualmords gleich noch das reaktionäre Kernland der Trump-Wähler.

Von Jan Freitag

Das Böse, so sehr die Popularier aller Ränder vom Gegenteil brüllen, lauert da, wo man’s am wenigsten erwartet: unter Freunden, Verwandten, Nachbarn. Äußerlich gesehen ist etwa der subtropische Süden Nordamerikas von solch unspektakulärer Ödnis, dass die Menschen darin unmöglich für das infrage kommen können, was ab heute auf Sky ermittelt wird: den Ritualmord an einem Kind. Eigentlich. Doch der Täter hat das Opfer ja nicht nur getötet, sondern betend im Gebirge drapiert, was für seine verschwundene Schwester Schreckliches befürchten lässt. Wer tut sowas bloß?

Gut, in der Realität fast keiner; Ritualmorde sind ein Fetisch des Fernsehens, das sein Publikum lieber mit absurder als realistischer Gewalt unterhält. Aber im Bibelgürtel der USA traut man den Leuten alles zu – was allerdings weder an ihnen noch dem Ort liegt. Es liegt an der Art, wie Nic Pizzolatto beides in Szene setzt. Nach missratenem Zwischenstopp in L.A., verlegt der Showrunner die 3. Staffel True Detective nämlich zurück zum Start seiner Reihe: Arkansas – ähnlich arm, reaktionär, zerrüttet wie das angrenzende Louisiana, wo Woody Harrilson und Matthew McConaughey 2014 Krimiseriengeschichte schrieben.

Jetzt also stochert Oscar-Gewinner Mahershala Ali (Moonlight) mit dem dramaturgisch schlichteren Actiondarsteller Stephen Dorff im provinziellen Dickicht. Ende 1980, am Tag als – wie ständig erwähnt wird – Steve McQueen stirbt, sitzen die Polizisten Hays und West auf einem Schrottplatz und erschießen beim Feierabendbier Ratten. Kurz darauf aber werden sie zu einem Redneck mit Schnauzbart und Basecap gerufen, dessen Kinder verschwunden sind. So beginnt eine Jagd, die den empathischen Hays vom Moment der Tat über ein Wiederaufnahmeverfahren zehn Jahre später in unsere Gegenwart führt, wo der demente Ex-Cop als Protagonist eines True-Crime-Formats auf die Dämonen seiner beruflichen Vergangenheit trifft.

Dieser Wechsel der Zeitebene erinnert wie die Kulisse ans preisgekrönte Reihendebüt. Und wie damals ist alles von einer unterschwelligen Intensität, die das Publikum von der ersten Sekunde bar aller Effekthascherei fesselt. Es beginnt bereits bei den Hauptfiguren. Anders als vor fünf Jahren Detective Rust (McConaughey) und Hart (Harrelson), sind ihre Kollegen Hays (Ali) und West (Dorff) zwar der Hautfarbe, nicht aber dem Wesen nach grundverschieden. Während ersterer bei der Tätersuche im rassistischen Süden gegen eine Mauer der Verachtung prallt, gibt letzterer so wenig auf Vorurteile wie die drei Filmemacher.

Gemeinsam mit Regie-Neuling Pizzolatto skizzieren die erfahrenen Jeremy Saulnier und Daniel Sackheim den white trash, hierzulande wohl mit „Wutbürger“ übersetzbar, schonungslos, aber ohne Schaum vorm Mund. Und diese Neutralität wird durch eine Ästhetik gestützt, in der keine Figur, kein Stein, nicht das kleinste Requisit berechnend wirkt. Die Sonne scheint, nur selten gleißend. Die Kleidung ist zeitgemäß, ohne je kostümiert zu wirken. Und Mahershala Ali darf 25 Jahre berufliches Leiden mit einer Diskretion spielen, an der selbst im Alter kein Fältchen geschminkt daherkommt.

So gelingt es True Detective abermals, ein präzises Gesellschaftsporträt als Kriminalfall zu verkleiden, der nirgends mit Ermittlungsstandards nervt und nebenbei erklärt, warum Donald Trump in Gegenden erfolgreich ist, wo Rasse plus Nation das letzte ist, was weiße Männer in ihrer Misere sinkender Bedeutung noch eint. So relevant, wertes deutsches Fernsehen, kann Entertainment sein.


Fernsehjahr 2019: Apple-TV & 8 Tage

Die Freizeit von morgen

Das lineare Fernsehen, darüber herrscht fast flächendeckende Einigkeit, wird es auch weiterhin noch geben. Die Bewegung am Markt der Videoportale und Streamingdienste ist jedoch längst mehr als ein lang anhaltendes Erdbeben in Fernsehland. Ein komprimierter, konzentrierter, hoffnungsfroher Ausblick.

Von Jan Freitag

Hundert Milliarden! Man muss diese Zahl kurz mal Null für Null durchgehen, um ihr Ausmaß zu begreifen. Zwölf davon hat nämlich der Börsenwert einer Videothek in Dollar, die auch 22 Jahre nach der Gründung rote Zahlen schreibt. Und dabei ist Netflix noch nichts gegen Apple! Der Tech-Gigant aus Cupertino agiert zwar hochprofitabel; wäre allerdings jene Billion Dollar, die er seit August wert ist, das Bruttoinlandsprodukt einer Nation: mit 123.000 Mitarbeitern rangierte Apple nur knapp hinter Indonesien auf Platz 16 der wirtschaftsstärksten Länder.

Das sollten auch die Mitbewerber von Sky bis Amazon im Kopf haben, wenn sie das neue Jahr planen. Denn Apple, man darf das als Drohung verstehen, will 2019 ins boomende Streaming-Geschäft einsteigen. Parallel drängt der Medien-Multi Warner auf einen Markt, der erneut um 30 Prozent auf 31 Milliarden Euro Umsatz explodiert ist. Und da war vom weltweit wertvollsten Entertainer Disney, dessen gewaltiger Filmfundus künftig auch online abrufbar sein wird, noch nicht mal die Rede.

Das sollte aber nicht nur die Internet-Branche im Kopf haben. Auch das alte Fernsehen blickt gespannt auf die neuen Dienste. Schließlich machen sie ihm gerade hierzulande Feuer unterm Ohrensessel. Prime Video zum Beispiel adaptiert die populäre Kinderfilmreihe Bibi & Tina grad als Serien-Event und bindet künftige Versandkunden damit von klein auf an die kalifornische Konsumkrake. Benno Fürmann zeigt sich derweil als Held des europäischen Reihenthrillers Hanna, während der britische Aberwitz von Good Omens sechs Teile lang ganz entzückend an Dirk Gentley’s Holistische Detektei erinnert, mit der Netflix seit 2016 Furore macht.

Dort plant man drei Jahre später gleich fünf deutschsprachige Serien: Die Barbaren wird ein römisch-germanisches Game of Thrones, den Tribes of Europe ins postapokalyptische Morgen verlegt. Die Milieustudien Skylines oder Dont’t try this at home wildern mit Gangstarap und Gangsterchic in der konsumfreudigen Zuschauerzielgruppe von 4 Blocks bis Narcos. Und dann mischt der Frischling mit einem Weihnachtsmehrteiler auch noch die Familienkuschelecke der Platzhirsche auf. Was die dagegen wohl machen – na? Genau: Weiter wie bisher.

Das Erste etwa verlagert den Quotenerfolg der Charité am 19. Februar in den Nationalsozialismus. Vor der Tagesschau debütieren Watzmann-Ermittler, im Anschluss Irland-Krimis und nachdem Tom Schilling Brecht verkörpert das Mauerfall-Drama Wendezeit. Zum 30. Jahrestag setzt auch das Zweite mit dem Zweiteiler Walpurgisnacht auf zweitstaatliche Zweit-, äh Zeitgeschichte. Dazu gibt‘s ein Rührstück zum 100. Bauhaus-Geburtstag und die Brauerei-Erzählung Bier Royal. Sicher: mit Montagsfilmen und Mittwochsdramen, Infotainment und Nachrichtenkompetenz setzen ARZDF samt Arte und Neo weiter die Maßstäbe seriöser Vollprogrammversorgung.

Neue Serien jedoch dreht eher andere. Nun muss man wegen Der Bulle & das Biest, einer Exhumierung von Kommissar Rex von Sat1, sicher ebenso wenig die Filmpreisjurys alarmieren wie im Fall von RTL-Reihen mit Klempnerin und Nachtschwestern oder einer TNT-Mockumentary über Helikoptereltern im März. Immerhin versuche es die Privaten aber mit Stoffen jenseits des medizinisch-kriminologisch-juristischen Mainstreams. Weltgeltung indes ist offenbar nur im Tandem mit Videoportalen denkbar. Amazon arbeitet weiter an der Deutschland-Saga von RTL, Netflix stellt fröhlich Pro7Sat1-Serien online. Und da Babylon Berlin ein ähnlicher Erfolg im Ersten war wie Ende 2017 bei Sky, wird das Projekt mit Topstars in Topkulissen fortgesetzt, die man sich einzeln kaum leisten könnte. „Erst durch solche Kooperationen sei es aus Sicht von Sky-Vize Elke Walthelm möglich, „Content zu produzieren, der im internationalen Vergleich absolut mithalten kann“. Im zunehmenden Wettbewerb gebe es also einen Zug zum Miteinander. Umso mehr machen Digitalkanäle der einst analogen Konkurrenz auf ihrem Kerngebiet Konkurrenz: Herausragender Fiktion mit kriminalistischem Kern.

Ab 25. Januar jagen Nicholas Ofczarek und Julia Jentsch daher im Stile der Brücke einen Serienkiller aufs Sky durchs österreichisch-deutsche Grenzgebiet. Und im März schlagen sich Mark Waschke und Christiane Paul 8 Tage durch eine präapokalyptische Zivilisation vorm Meteoriteneinschlag. Alles hochwertig, spannend, oft couragierter als das Regelprogramm. So richtig Geld aber wird dann doch durch einen Koproduktionsdeal über 250 Millionen Dollar mit HBO – dessen Bestseller Game of Thrones im Juni bei Sky endet – bewegt.

Wenn Netflix zugleich neunstellige Summen in Mafiafilme von Martin Scorces steckt, wenn Warner sein Spielfilmarchiv ins Netzstellt, wenn selbst YouTube Inhalt produziert – dann stellt sich allerdings die Frage: Wer soll das eigentlich alles gucken, um es wie genau noch mal zu finanzieren? Selbst Serienjunkies haben ja nur 24 Stunden Zeit zum Binge-Watching. Das Angebot Hunderter Portale und Sender übersteigt die Nachfrage ja schon jetzt. Es ist wie im Fußball: Weil Spielergagen ins Unermessliche steigen, wird das Publikum mit aufgeblähtem TV-Sport gemästet bis die Liebe Verdruss weicht. So faszinierend das neue Fernsehen also ist: es muss bald mal rentabel wirtschaften. Anders als das Sportportal DAZN sind Streamingdienste nicht nur einem Milliardär, sondern Aktionären verpflichtet. Von den Gläubigern gigantischer Kredite, die besonders Netflix aufnimmt, ganz zu schweigen.

Gerade darin allerdings liegt womöglich auch die Chance des alten Fernsehens. Winzlinge wie Funk oder Neo zeigen ja mit drolliger Lowbudget-Fiktion, wie viel wenig erreichen kann. Bei den Scheinriesen hingegen macht das ZDF Frank Schätzings Schwarm und RTL ein Remake von M – Eine Stadt sucht einen Mörder, Jörg Kachelmann kehrt ins Erste zurück und ProSieben mit einer – padautz! – Datingshow auf den Kuppelmarkt. Allenfalls Arte traut sich mit einer deutsch-französischen Fiktion übers Flüchtlingselend an Europas Stränden gelegentlich aus der Deckung gefälliger Unterhaltung. Aber wo genau bitte sind die noch mal auf der Fernbedienung?

Auch wegen seiner strukturellen Randlage stärkt der Kulturkanal daher wie niemand sonst im linearen Segment seine Mediathek und positioniert sich somit im Grunde längst zwischen den echten Onlinern. Nur: Was die bisweilen für einzelne Hochglanzformate raushauen, damit finanziert Arte mit Mühe ein Senderquartal. Und durch die neuen, milliardenschweren  Konzerne im Starthaus wird der Markt gewiss nicht luftiger. Christoph Schneider zeigt sich im Münchner Industrie-Gebiet zwar fast aufreizend gelassen, wenn der deutsche Geschäftsführer von Amazon Prime Video beteuert, „angesichts der vielen Pläne, von denen da dauernd zu hören ist, muss man erst mal sehen, was am Ende des Tages umgesetzt wird.“ Aber falls Disney mit Superhelden ums Portaleck biegt, Warner mit Harry Potter und beide mit Originalserien, dann kriegt das selbst sein mächtiger Handelskonzern zu spüren. Und das Niveau sowieso. Masse, ganz gleich welcher Güte, siegt 2019 wohl doch über Klasse.


Kominsky Method: Michael Douglas & Netflix

Das schwache Gemächt

Oberflächlich schenkt Netflix den Filmlegenden Michael Douglas und Alan Arkin bloß ein heiteres Serienvermächtnis. Unter The Kominsky Method lauert jedoch eine Parabel auf die postheroische Selbstvermarktungsgesellschaft von generationsübergreifendem Tiefgang.

Von Jan Freitag

Ach weißer Mann, du arme Sau. Hunderte von Generationen hast du den Planeten beherrscht wie einst die Saurier. Berge, Täler, Weib und Tier, später gar Krankheit, Klima, Tod und Vernichtung – fast alles war dir ein volles Erdzeitalter lang so zu Diensten, dass du selbst hochbetagt weder Opposition noch Konkurrenz dulden musstest. Und jetzt, kaum 10.000 Jahre nach dem Beginn deiner Regentschaft, stehst du im Klo und pisst traurige Tropfen statt harter Fontänen? „Nun komm schon!“, raunzt ein verwittertes Exemplar sein altersschwaches Gemächt an und erntet auch noch in aller Öffentlich den Spott der eigenen Tochter fürs Blasendrama.

Man könnte glatt Mitleid kriegen mit Sandy Kominsky, wäre er nicht derart viele seiner 74 Jahre vor Kraft und Ego fast geplatzt! Vor allem aber: würde dieses fiktionale Prachtstück eines durch und durch destruktiven Geschlechts nicht von einem Darsteller verkörpert, der im Alter nur immer und immer noch besser und besser wird. Denn nachdem Amazon die Riege der Oscar-Sieger in TV-Produktionen erst vor zwei Wochen um Julia Roberts (Homecoming) erweitert hat, steigt auch Michael Douglas vom Kino-Olymp in die Welt des Serienfernsehens hernieder. Und das ist, bei aller Zurückhaltung, zum Niederknien.

Mitte der Siebziger auf den Straßen von San Franzisco zum Weltstar geworden, hatte der legendäre Sohn eines legendären Vaters den Bildschirm abgesehen von einem Cameo bei „Will & Grace“ gemieden. Nun spielt er die Titelrolle im Netflix-Original The Kominsky Method. Und nach Ansicht der ersten fünf von acht Folgen ist sein ebenso lebenssatter wie lebenshungriger, aber auch leicht lebenswunder Schauspiellehrer ein Glücksfall fürs alte, neue Medium. Schon wie er es betritt!

Minute1, mattes Licht, Kellerclubatmosphäre: „Bevor wir anfangen zu arbeiten“, sagt er zum guten Dutzend Studenten im Seminar des Ex-Filmstars, „erzähle ich euch etwas übers Handwerk“. Messerscharf zerschneidet der Blick dieser Hollywoodikone als Hollywoodikone dabei den Klassenraum, ein cineastisches Raubtier auf Beutezug nach Respekt, Achtung, echten Gegnern. Abgesehen vom Faltengebirge in seinem Gesicht scheint also alles wie in seiner Glanzzeit der Achtziger, Neunzigerjahre, denen Douglas Banker, Ermittler, Amokläufer von imposanter Dominanz verpasst hat. Und dann beißt es auch noch zu wie damals: „Ein Schauspieler tut so als sei er Gott!“ Denn was tue der? Kominsky antwortet selbst: „Gott erschafft!“

So wuchtig führt der Showrunner ein archaisches Alphatier ein, das ein archaischeres Alphatier spielt. Doch da Chuck Lorre neben Big Bang Theory auch Two and a half Men erschaffen hat und damit zum Gott des Gelächters über männliche Selbstüberschätzung wurde, steht Michael Douglas‘ Kominsky später mit seinem Freund und Agenten Norman – noch greisenhafter gespielt vom noch älteren Alan Arkin (Catch 22) – knietief im Selbstmitleid. Wie die Kinofossile bei Old-Fashion-Drinks in Old-Fashion-Bars Old-Fashion-Probleme diskutieren ist schlicht zum Niederknien – und liftet die Messlatte eines Old-Fashion-Formats, das gottlob mehr will, als zwei Pensionären in spe ein humoristisches Spätwerk zu schenken.

Vom ersten Moment an ist The Kominsky Method nämlich eine bissige, pointenlos lustige, selten nostalgische Abrechnung mit dem Jugendwahn und wie man ihm im Alter einigermaßen würdevoll trotzt. Gemeinhin erliegen TV-Senioren ja entweder dem saftigen Spott der Golden Girls oder öligen Herrenwitz des Odd-Couple. Diese alternden Leithammel hingegen macht der schleichende Bedeutungsverlust nicht zu Zynikern. Es sind Realisten, die den Urologen schon mal fragen, ob anstelle ihrer Prostata nicht doch der Arsch gewachsen sei und ihrer schwächelnden Libido skeptisch, statt mit einer Extraportion Viagra begegnen.

Resultat ist eine Sitcom, die zwar im saturierten Mainstream der letzten Weltkriegsgeneration spielt. Doch sie erzählt uns auch viel übers postheroische Digitalzeitalter: den ewigen Zwang zur Selbstvermarktung bis ins Grab, die Sprachlosigkeit im Dauergequassel sozialer Netzwerke, das Risiko, zwischen #MeToo und #MeTwo das Falsche, also Sexistische, Rassistische, Populistische zu sagen/machen/unterlassen. Wirklich gehaltvoll wird all das indes erst, weil den alten Männern jüngere Frauen zur Seite stehen, die ihr Bemühen um Reflexion sorgsam spiegeln: Normans exaltierte Tochter Phoebe (Lisa Edelstein), deren hochgeachtete Mutter Eileen (Susan Sullivan) bald verstirbt, während sich Sandys resolute Tochter Mindy (Sarah Baker) mit der Schauspielschülerin Lisa (Nancy Travis) verschwestert, die sich im Kurs (und Herz) ihres Vaters von einer gescheiterten Langzeitehe erholt.

Ergänzt um Gaststars von Danny DeVito bis Ann-Margret blickt dieses Sextett schonungslos, aber sanftmütig in die gekippte Alterspyramide, stellt jedoch niemanden darin bloß. Das macht The Kominsky Method zur unterhaltsamen Prophylaxe der drohenden Mid- bis Endlifecrisis. Beipackzettel: Wenn man das Alter nimmt, wie es kommt, also eher tröpfchenweise als fontänenhart, wird es nicht nur erträglich, sondern echt lebenswert. Und wer könnte das besser verkörpern als der siegreiche Krebspatient Michael Douglas.


Nordlichter: Horror & Hallervorden

Heizkessel mit Hexe

Nach zwei Liebesschwerpunkten verlegt sich die NDR-Debütfilmreihe Nordlichter aufs Gruseln und macht das drei Donnerstage lang ab 22.50 Uhr sogar (meistens) sehr gut. Selbst der dramaturgisch holprige Auftakt Tian hat heute echten Mehrwert: Der Gothic-Horror aus St. Pauli thematisiert die Räumung des Chinesenviertel auf St. Pauli durch die Nazis, was sogar für die Schulbildung taugt.

Von Jan Freitag

Manchmal muss man ganz schön weit reisen, um die eigene Nachbarschaft ein bisschen besser kennenzulernen. Damian Schipporeit zum Beispiel ist erst bei einem Besuch in Shanghai aufs Chinesen-Viertel seiner Wahlheimat Hamburg gestoßen und sofort hellhörig geworden. Zurück in St. Pauli machte sich der Regisseur mit dem befreundeten Drehbuchautor Georg Tiefenbach auf die Suche nach der fernöstliche Enklave im hanseatischen Rotlichtbezirk, wurde ums Eck der Großen Freiheit fündig und bastelte daraus sein Langfilmdebüt. Genau hier nun könnte die Geschichte zu handelsüblichem Historytainment des Unterhaltungsfernsehens verflachen. Einer deutsch-asiatischen Lovestory zum Beispiel mit exotischem Flair am fotogenen Handelsplatz Hamburg.

Sehr hübsch.

Das ortsansässige Duo aber hatte etwas völlig anderes im Sinn: Einen Grusel-Thriller. Und es fand sogar einen Fernsehsender zur Realisierung: Den NDR. Dort nämlich hatte der zuständige Abteilungsleiter Christian Ganderath grad beschlossen, die Debütfilmreihe „Nordlichter“ nach zwei Liebesschwerpunkten mal zu mystifizieren. Obwohl Fiktion zum Gruseln meist aus Amerika importiert wird, erzählt Ganderath beim Pressetermin im Horror-Museum Hamburg Dungeon, reichen ihre deutschen Wurzeln „bis tief in den expressionistischen Stummfilm hinein“. Und so wurde Tian, wie Schipporeits Erstlingswerk heißt, zum Auftakt schauriger Eigenproduktionen, die ab heute donnerstags im Dritten laufen.

Der Bauingenieur Michael (Stephan Kampwirth) zieht darin mit Frau und Tochter in die real existierende Schmuckstraße, wo die Gestapo 74 Jahre zuvor das missliebige, weil „unarische“ Chinesenviertel geräumt hat. Im verwitterten Altbau wohnt allerdings nicht nur Michaels Schwiegervater Heinrich (Hermann Beyer), sondern auch eine Schar Geister der getöteten Opfer, mit denen besonders die psychisch labile Friederike (Katharina Schüttler) zu kämpfen hat. Tian, zu Deutsch: Himmel ist klassischer Gothic-Horror im Poltergeisterhaus, was die Netflix-Serie The Haunting of Hill House gerade dezent schaurig zur Perfektion führt. Im NDR jedoch werden Suspense und Tiefgang ein wenig zu oft durch dräuende Musik und zischende Heizkessel ersetzt, weshalb das zweite Nordlicht am 1. November weitaus sehenswerter ist.

In Jenseits des Spiegels zieht Julia mit Mann und Sohn auf den abgelegenen Hof ihrer verstorbenen Schwester Jette, die nach dem vermeintlichen Suizid offenbar noch immer durchs verwunschene Anwesen spukt – oder tut sie es nur im Kopf der schönen Neubewohnerin? Anders als „Tian“ gelingt es dem Hannoveraner Regisseur Nils Loofs zweiter Spielfilm nach dem Drehbuch von Ingo Lechner und Jens Pantring, die rätselhafte Atmosphäre (fast) frei von Effekthascherei aufzuladen. Julia Hartmann und Bernhard Piesk gelingt es zudem als – fürs Provinzleben etwas arg urbanes – Paar Normalität im Wahnsinn zu bewahren. Ähnliches gilt dann auch für den dritten Film der Reihe namens Wo kein Schatten fällt.

Das Debütprojekt des Kreativteams „Das Kind mit der goldene Jacke“ um Regisseurin Esther Bialas ist eine Art Coming-of-Age-Story der jungen Hanna (Valerie Stoll) die im Moor ihrer Ahnen erkennt, dass sie eine Art Hexe ist. Mit Godehard Giese, Rick Okon und Sascha Alexander Geršak bis in die Nebenrollen hinein prominent besetzt, beschränken sich die 95 Minuten allerdings nicht auf die mythologischen Aspekte moderner Magie, sondern verknüpfen sie – manchmal etwas bemüht popmodern, aber gehaltvoll – mit Themen wie der Unterdrückung weiblicher Emanzipation, die mit der Hexenverfolgung ja keinesfalls ihr Ende nahm.

Würde der NDR die Reihe am 15. November nicht absurderweise mit der völlig unmysteriösen Dieter-Hallervorden-Komödie Friesisch für Anfänger vollenden – allein die Vielfalt der Gruselstoffe wären ein gutes Argument, auch hierzulande öfters mal aufs Boomfach Mystery zu setzen. Schließlich taugt es anscheinend sogar zur Erziehung. Tian nämlich, frohlocken die Macher, wird von Drehbeginn an medienpädagogisch begleitet und demnächst an Hamburger Schulen als Teil stadtsoziologischer Bildungsprojekte eingesetzt. Horror als Hauptfach mit Film plus Exkursionen – kein schlechtes Konzept, um die fernsehferne Jugend wieder ein bisschen ans alte Leitmedium zu binden.