Bastis Rücktritt & Schüttes Kranitz

Die Gebrauchtwoche

TV

4 – 10. Oktober

Es ist zwar ein bisschen wohlfeil, auf Facebook rumzuhacken, aber die Gründe dafür werden halt Tag für Tag triftiger. Amoralisch und geldgeil, niederträchtig und korrupt, würdelos und dann auch noch zusehends irrelevant: die Gründe, sich über den sechsstündigen Blackout diverser Messenger-Dienste, Milliardenverlust inklusive, sind so mannigfaltig, dass selbst die Enthüllungen der Whistleblowerin Frances Haugen vorm US-Kongress kaum überraschen – daran kann auch die Sperrung der russischen Propaganda-Plattform RT Deutsch nichts mehr ändern.

Was allerdings viel ändern könnte, ist der Rücktritt von Sebastian Kurz. Perfider als sein rechtsradikaler Ex-Spezl Heinz-Christian Strache, hat der rechtspopulistischen Bundeskanzler versucht, die Pressefreiheit auszuhöhlen – für diese Erkenntnis muss ihm niemand Bestechlichkeit nachweisen, das ist Teil seiner neoliberal-völkischen Agenda, die er mit oder ohne Nazis als Vizekanzler verfolgt. Ach, wäre Volker Bruch doch Österreicher, er würde den Basti und seinen Geistesbruder HC gewiss wählen.

So aber muss der schauspielerisch begabte, menschlich talentfreie Querdenken-Superstar mit Geistesbrüdern wie Wotan Wilke Möhring eben hierzulande Demokratie und Rechtstaat mit verschwörungstheoretischem Bullshit wie #allesaufdentisch destabilisieren. Frage an die staatsvertraglich organisierte, immerhin gebührenfinanzierte ARD: wieso schmeißt ihr den QAnon Fan Xaver Naidoo eigentlich beim ESC raus, lasst seine Buddies Bruch und Möhring aber fröhlich Tatort oder Babylon Berlin für euch drehen?

Würde die schauspielerisch limitierte, menschlich qualifizierte Maria Furtwängler männliche Menschenverachtung ebenso hingebungsvoll anprangern wie weibliche Benachteiligung – öffentlich-rechtlich gäbe es für beide weit weniger zu verdienen. Dennoch war die neue Studie der Malisa-Stiftung zur Benachteiligung von Frauen im Fernsehen bedeutsam. Und bietet Anlass, die aktuellen TV-Tipps unterm Aspekt der Frauenpräsenz zu betrachten.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

11. – 17. Oktober

In der deutschen Netflix-Serie The Billion Dollar Code um zwei realexistierende Hacker, die Anfang der 90er Jahre den Algorithmus des späteren Milliardenprogramms Google Earth programmiert haben, hat zum Beispiel gleich sieben Hauptdarsteller, während mit ihrer Film-Anwältin (Lavinia Wilson) nur ein Charakter doppelte X-Chromosomen trägt. Im etwas langen, aber famosen ARD-Porträt Kevin Kühnert und die SPD dagegen ist der Protagonist naturgemäß genetisch mutiert.

Wenn sich Daniel Cohn-Bendit ab heute (23.35 Uhr) in der Doku Wir sind alle deutsche Juden an gleicher Stelle in Frankreich und Israel auf die Suche nach Glaubensgenossen begibt, herrscht auch fast unvermeidlich Frauenmangel. Weniger unvermeidlich war es hingegen, dass der fesselnde Thriller Blackout ab Mittwoch Moritz Bleibtreu sechs Teile lang auf die Jagd nach den Ursachen eines europaweiten Stromausfalls bei Joyn+ schickt.

Der Rest ist abgesehen der neuen Sat1-Show Halbpension Schmitz ab Donnerstag allerdings paritätisch, was der deutsche Netflix-Partnertauschfilm Du, Sie, Er & Wir tags drauf sogar im Titel trägt. Gehen wir mal durch: das achtteilige Mädchenhandelsdrama Box 21 aus Schweden? Männer sind Schweine, Frauen wehrhaft. Die Influencerinnen-Nabelschau The D’Amelio Show ab Mittwoch bei Disney+? Sexistisch, aber immerhin von weiblicher Seite. Die dortige Coming-of-Age-Serie Reservation Dogs um fiktive native americans beim Großwerden? Nicht sexistisch, beiderseits.

Der Dänemark Krimi parallel im Ersten? Konventionell, aber gemischt. Die Sky-Mockumentary Wellington Paranormal ab morgen? Unkonventionell. Punkt. Die Neo-Milieustudie Wir um ein halbes Dutzend sinnsuchender Mitglieder der Generation Y im Berliner Speckgürtel? Aufdringlich, aber angenehm beiläufig divers. Der neue Geniestreich von und mit Jan Georg Schütte als Paartherapeut Kranitz, Donnerstag in der ARD-Mediathek? Sechsmal höchste Improvisationskunst für alle. Zu guter Letzt die britische Dramaserie The Drowning um eine Mutter, die neun Jahre nach dessen Verschwinden (Freitag, 13th Street) glaubt, ihren Sohn zu sehen und ihn zu stalken beginnt? Mutter, Sohn, Liebe – noch Fragen?


Ferienbreak

Die freitagsmedien machen mal Pause – Herbstferien! Am 18. Oktober geht es weiter mit dem montagsfernsehen.


Laschets Kinder & Lambys Machtwege

Die Gebrauchtwoche

TV

13. – 19. September

Boah, sind Kinder anstrengend. Sie schmutzen, lärmen, kosten und stellen auch noch dauernd dumme Fragen, die Erwachsene zur Weißglut bringen. Also einige davon… KiKa-Reporter Alexander zum Beispiel ging Tino Chrupalla mit der Bitte um eines jener Gedichte auf den Sack, die der AfD-Chef dem deutschen Volke zur national(sozialistisch)en Erweckung eintrichtern will. Dann maßregelte Armin Laschet (von Klaas Heufer-Umlauf instruierte) Schüler für unbotmäßiges Nachhaken zum Unionshöcke Hans-Georg Maaßen. Und hier wie dort wurde klar, wie sehr sich beide in dem Moment nach einer Renaissance der Züchtigung sehnten.

Beim dritten Triell hatte sich der Kanzlerkandidat also einige Streicheleinheiten seiner früheren PR-Journalistin Claudia von Brauchitsch erhofft, die gestern mit Linda Zervakis in die Fernsehwahlkampfbütt ging. Aber Pustekuchen: als Sat1-Moderatorin machte sie Laschet mehr Dampf als Olaf Scholz. Mehr Dampf sauch als Annalena Baerbock. Mehr, vor allem aber konstruktiveren Dampf sogar als es ARZDF oder RTL, geschweige denn das heillos chaotische Kleinparteien-Quatriell im Ersten zuvor taten.

Das ist auch deshalb auffällig, weil ProSieben mit dem Politainment-Magazin Zervakis und Opdenhövel.Live. am Montag dilettantischen Mumpitz geliefert hatte. Dafür belegt der Sender beim Deutschen Fernsehpreis die ersten zwei Plätzen der Kategorie Infotainment für Pflege ist #NichtSelbstverständlich und Männerwelten von Joko & Klaas, von denen ersterer sogar nochmals für Wer stiehlt mir die Show prämiert wurde. Weitere Preisträger: Markus Lanz und Anja Reschke, Para und Das letzte Wort, Böhmermanns Magazin Royal und Donzkoys Freitagnacht Jews, Petra Schmidt-Schaller und Sascha Alexander Geršak, Für immer Sommer 90 und, äh, Moment – Oktoberfest 1900?!

Das klingt, als habe die Jury wie vor der Wahl von Andrea Kiewel oder der Sat1-Show Catch dasselbe geraucht wie Nemi El-Hassan, als die spätere WDR-Moderatorin 2014 mit 19 – was sie heute offenbar für die Wissenssendung Quarks disqualifiziert – auf einer antisemitischen Al-Quds-Demo war. Illegalen Stoff hatte wohl auch ServusTV-Chef Ferdinand Wegscheider intus, als er Verschwörerisches über 9/11 und Covid10 verbreitete. Dafür war Facebook mal trocken, als es vorige Woche Dutzende von Querdenker-Konten löschte.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

20. – 26. September

An die, also effektorientierte, leichterregbare, sprich schlichtere Gemüter, widmet sich heute hingegen die TVNow-Doku mit dem dezenten Titel Der Todespfleger. Wie das vortreffliche Sky-Pendent Schwarzer Schatten porträtiert sie den 85-fachen Mörder Niels Högel. Anders als dort allerdings kommt er persönlich am Telefon zu Wort, was der Sender auch noch mit „packendes Interview aus der JVA Oldenburg“ ankündigt und damit die niedersten Zuschauerinstinkte triggert. Höhere davon werden dafür zur besten Sendezeit im Ersten bedient.

Da nämlich zeigt das Erste Wege der Macht, Stephan Lambys journalistisch gewohnt perfekt recherchierte Milieu-Studie der politischen Kultur im Bundestagswahlkampf. Ungewohnt sehenswert ist parallel dazu der sendeplatzübliche Montagsfilm im ZDF. Carlo Ljubek befindet sich darin als Obdachloser, an dem die erschöpfte Köchin Ira (Julia Koschitz) ihr lädiertes Gewissen aufmöbelt, so anrührend wie schlüssig Auf dünnem Eis – und damit im fiktionalen Kerngebiet der ARD.

Genau dort macht sich Gabriela Maria Schmeide als alleinerziehende Mutter nach ihrer Kündigung selbstständig. Ihr mobiler Brotservice Tina Mobil berlinert sechsmal 45 Minuten zwar ein bisschen zu aufdringlich durch verwaiste Dörfer im Dreckgürtel der Hauptstadt. Da Schmeide jedoch wie kaum eine Kollegin richtige Realität glaubhaft machen kann, ist die Primetime-Serie trotzdem sehenswert – und damit das genau Gegenteil von Jürgen Vogel in der neuen ZDF-Freitagskrimireihe Jenseits der Spree, über den wir hier Derricks Trenchcoat des Schweigens hüllen.

Was demgegenüber zu empfehlen wäre: Morgen um 0.10 Uhr das Kleine Fernsehspiel Freaks mit Cornelia Gröschel als unverhoffte Superheldin. Oder die erste Staffel der Comic-Adaption Y – The Last Man von Disney+ um eine Zukunft (fast) ohne fortpflanzungsfähige Männer. Oder tags drauf bei Amazon das opulente Ballettdrama Bords of Paradise. Und zum Wochenendfinale die nicht nur musikalisch wuchtige Achtzigerjahre-HipHop-Gangcrime-Serie BMF auf Starzplay.


Ohlens Schlamm & Schalkos Egos

TV

Die Gebrauchtwoche

19. – 25. Juli

Huch – ein IT-Unternehmen stellt den Staaten der Welt, also ausdrücklich allen, geheimnisvolle Spy-Ware zur barrierefreien Komplettüberwachung von Smartphones zur Verfügung und einige dieser Staaten nun benutzen Pegasus, so heißt dieses demokratiefeindliche Premiumprodukt, das der israelische Hersteller mit dem sprechenden Namen NSO sogar ans antisemitische Saudi-Arabien verhökert, nicht wie vereinbart gegen vermeintlichen Terror, sondern auch Journalist*innen und politisch anders Unbotmäßige anderer Art?

Gibt’s ja gar nicht!

Vielleicht hat die RTL-Reporterin Susanne Ohlen also nur ein bisschen Schlamm der Flutkatastrophe im Gesicht verteilt, um sich zumindest analog unsichtbar für Despoten zu machen. Vielleicht hat Armin Laschet einen ähnlich ulkigen Vorgang beobachtet, als der CDU-Kanzlerkandidat vor laufenden Kameras feixte, während Bundespräsident Steinmeier (dem bei gleicher Gelegenheit ähnliches passierte) den Todesopfern kondolierte. Und vielleicht haben zwei gut erkennbare Neonazis, die Philipp Amthor andernorts zum geselligen Fotoshooting baten, auch nur Spitzenwitze über die „Judenpresse“ oder so gemacht, über die sich Laschets kleiner Parteifreund so freut.

Sinn für verschrobenen Humor beweist derweil der frühere Kanzlersender auf seinem Rückweg Richtung ernstzunehmendes Vollprogramm mit etwas mehr als Heididei und Trash-TV. Wenn Sat1 fünf Tage nach Matthias Opdenhövels Reanimation von ran ins Fußballfernsehgeschehen übermorgen seine Sommerinterviews beginnt, bleibt neben der völkischen AfD nämlich auch die bürgerliche Linke ausgeschlossen. Rinks, Lechts – für Sat1 irgendwie alles die gleichen Extremisten.

Die Frischwoche

26. Juli – 1. August

Apropos extrem: Seit genau 25 Jahren auf einer Überdosis Testosteron in explodierenden Kisten auf brennendem Asphalt unterwegs ist Erdogan Atalay, Hauptdarsteller der vollfiktionalen Autobahnpolizei Cobra 11, die am Donnerstag in Staffel 26 geht. Allerdings mit mittlerweile zwei Kolleginnen und dank eines Kollegen im Rollstuhl auch sonst maximal divers. Das gilt auch für eine Fortsetzung der zeitversetzten Art. Zwei Jahrzehnte, nachdem die HBO-Serie In Treatment zu Ende ging, wird Gabriel Byrne ab morgen auf Sky von einer Frau ersetzt. Und nicht nur das.

Die neue Therapeutin – gespielt von Ubo Aduba (Orange is the New Black) – ist eine Schwarze, die vor allem intersektional diskriminierte Figuren therapiert. Das ist löblich, originell, zudem pandemiegerecht inszeniert, aber manchmal doch etwas bemüht divers. Damit hat David Schalkos neuer Streich Ich und die anderen auf gleichem Kanal hingegen weniger Probleme. Die Charaktere seiner sechsteiligen Groteske sind viel zu absurd (und weiß), um sich mit so viel Realität auseinanderzusetzen.

Zur Handlung: Der Werber Tristan (Tom Schilling) erwacht jeden Tag in einer Welt, die sich auf verschiedene Art vollständig um ihn dreht – alle wissen alles über ihn etwa oder vergöttern ihn hingebungsvoll. Und wie immer beim Wiener Regisseur ist auch dieser Murmeltier-Mindfuck zu irre, um wahr zu sein, aber grad deshalb so wahrhaftig. Ähnliches gilt für das fünffach oscarprämierte Gesellschaftsdrama Parasite aus Südkorea, dessen Free-TV-Premiere die ARD allerdings morgen erst um 23 Uhr zeigt.

Vorher kann man sich daher noch gut die dritte Staffel der ewig heiteren Netflix-Serie Hot To Sell Drugs Online (Fast) ansehen. Nachher dann bei Bedarf ein bisschen Olympia im ZDF. Oder ab Freitag die Überraschung der Woche. In Watch the Sound begibt sich Superduperüberproduzent Mark Ronson sechs Teile lang bei Apple+ auf die Spur des Pop. Dafür trifft der Superproduzent ab Freitag Stars von Paul McCartney über Dave Grohl bis Charli XCX und schafft es tatsächlich, ein paar Geheimnisse zeitgenössischer Musik zu enträtseln, bevor Böhmi tags drauf bei Neo weiter bruzzelt.


Gesinnungstests & Dissidenten

TV

Die Gebrauchtwoche

28. Juni – 4. Juli

Hipphipphurra – es ist ein Junge! Ein weißer zudem, klar. Und mit genau 50 an Jahren reich genug, um alt genannt zu werden. In der Wahl Norbert Himmlers zum neuen ZDF-Intendanten zeigt das hiesige Patriarchat seine Stressresilienz nochmals in voller Stärke und nein, das hat zunächst wenig mit der Befähigung eines weißen, mittelalten Mannes zu tun, der dem Sender aus seiner Heimatstadt Mainz bereits als studentische Hilfskraft tätig ist. Himmler ist nach Lage der Dinge ein exzellenter Fernsehmacher.

Gemeinsam mit seinem Vorgänger (und Ziehvater) Thomas Bellut, hat er das Zweite zur Plattform diversifizierter Sehgewohnheiten gemacht, auf der Jan Böhmermann locker neben Katie Fjorde (be)steht und das Traumschiff neben dem Browser Ballett. Trotzdem hinterlässt die Wahl vom Freitag einen schalen Beigeschmack. Denn nicht nur, dass der sechste Intendant seit 1962 abermals männlich ist; seine Konkurrentin Tina Hassel zog sich nach drohendem Patt vor der dritten Wahlrunde auch noch freiwillig zurück – ein Move, den Alpharüden wie Himmler noch nicht mal theoretisch im psychosozialen Handlungsrepertoire haben.

Nochmals: Himmler ist eine gute, zielführende, eine konkurrenzfähige Wahl. Peinlich ist es dennoch, dass sein Haussender in 61 Jahren keine, nicht eine einzige Frau vom eigenen Hof gefunden hat, um ihn zu leiten. Dass Tina Hassel 2022 Chefredakteur Peter Frey ablösen dürfte, ist da zunächst nur ein schwacher Trost. Und damit zurück zum Fußball. Denn auch da ist es – Hipphipphurra – ein Junge, der die Geschicke des Kontinents leitet, weshalb die EM-Stadien der Viertel- und Halbfinals am Bildschirm so voll sind, dass die Delta-Variante hüpft vor Freude.

Für Regenbögen allerdings brauchen wir da schon Sonnenscheinregen. UEFA-Präsident Aleksander Čeferin hat VW verboten, Bandenwerbung in die Farben der LGBTQ-Bewegung zu tauchen. Andernfalls könnte das Čeferins totalitäre Geldgeber von Orbán bis Putin verstören – und soweit sollten Respekt-Kampagnen nun wirklich nicht gehen… Auf seinem Rechtskurs Richtung NPD noch weiter geht derweil Hans-Georg Maaßen, der in einem Interview mit dem dubiosen Regionalsender TV Berlin Gesinnungsprüfungen für Tagesschau-Sprecher*innen forderte.

Die Frischwoche

5. – 11. Juli

Von Charaktertests für Soldaten hat man aus Maaßens Mund hingegen noch nichts gehört. Das Thema der gleichnamigen ARD-Dokumentation dürfte den Landser-Fan jedoch aus seinem geistigen Führerbunker vor den Fernseher treiben – um ihn gleich wieder abzuschalten. Denn Christian von Brockhausens Porträt dreier Rekruten auf dem Weg nach Afghanistan ist keine Heldenerzählung, wie Maaßen sie mag, sondern einfühlsam-kritisches Sachfilmfernsehen der Extraklasse.

Das gilt mit Abstrichen auch für die Sky-Doku The Dissident, in der Regisseur Bryan Fogel (Ikarus) den Auftragsmord am saudischen Journalisten Jamal Kashoggi vor drei Jahren rekonstruiert. Alles ein bisschen zu laut, alles ein bisschen zu melodramatisch, alles aber auch sehr erhellend. In entfernterer Vergangenheit, die unverändert gegenwärtig ist, gräbt dagegen Samuel L. Jackson. Selbst Nachfahre afrikanischer Sklaven, begibt sich der Schauspieler ab morgen auf History Play (Apple+/Amazon), sechs Teile lang auf die Spur von zwölf Millionen Menschen, die in 300 Jahren Enslaved wurden.

Auch das ist manchmal ein wenig überdramatisiert, dank der Dreiteilung in Jacksons Familiengeschichte, einer parallelen Schatzsuche nach versunkenen Sklavenschiffen und der notwenigen Geschichtseinordnung aber äußerst gehaltvoll. Ob das auch fürs Klima Update gilt, mit dem RTL ab Donnerstag nach den Hauptnachrichten Umweltschutz simuliert, bleibt abzuwarten. Die Magenta-Serie Der Djatlow-Pass dagegen ist fiktional, befasst sich ab heute aber mit dem wahren Unglück von neun Wanderern, die vor 62 Jahren auf mysteriöse Art im Ural ums Leben gekommen sind.

Ausgedacht und doch auf drollige Art lebendig ist die Neo-Serie Deadlines, ab Freitag in der ZDF-Mediathek. Vier Schulfreundinnen treffen sich Jahre nach der Trennung in Frankfurt und vergleichen ihre scheinbar verschiedenen Großstadt-Existenzen. Apropos Frauen im Rampenlicht: Am Samstag springt Sabine Heinrich aus der WDR-Nische ins ZDF-Rampenlicht und moderiert – zunächst um 19.25 Uhr, im Finale zur Primetime – die Lagerfeuershow Das große Deutschland-Quiz. Und der Vollständigkeit halber wollen wir nicht die 2. Staffel der Netflix-Serie Biohackers tags zuvor verschweigen.


(Luft-)Terroristen & (Dom)inas

Die Gebrauchtwoche

TV

21. – 27. Mai

Schon furchteinflößend, wie rigide die EU offenen Staatsterrorismus ahndet. Nachdem Weißrusslands Diktator Lukaschenko ein europäisches Passagierflugzeug kaperte, um den regimekritischen Blogger Roman Protassewitsch festzunehmen, reagierte sie knallhart und verhängte – nein, weder Handelsbeschränkungen noch Botschafterausweisungen, geschweige denn Handelsboykotte, sondern Einreisebeschränkungen für Spitzenfunktionäre. Krass…

Man mag sich kaum ausmalen, wie brutal die Wertegemeinschaft durchgreifen würde, ließe Lukaschenko Journalisten öffentlich hinrichten; es könnte sein, dass sie die Pressefreiheit dann so verteidigt wie in Ungarn, Polen oder der Türkei, also – ach nee, hoppla, gar nicht. Das erinnert ein bisschen daran, welche Maßnahmen CDU/CSU-Politiker*innen zu befürchten haben, wenn sie mit Maskendeals Millionen oder für lupenreine Demokratien wie Aserbeidschan Werbung kostenpflichtig Werbung machen…

Beides taten übrigens Abgeordnete jener christlichen Dauerregierungsparteien, die das strengere Verbot illegaler Spenden gerade daran knüpfen, dass ein früherer Konkurrent seine Beteiligung am Medienverlag DVVG abstößt, weil das, hüstel, für sozialdemokratische Gewissenskonflikte sorgen könne. Ihren Humor hat die gewissenbissbefreite Union jedenfalls nicht verloren. Anders als ein gewisser Ikke Hüftgold. Wer mit Ballermann-Hits wie Hackevoll durch die Nacht oder Dicke Titten Kartoffelsalat sein Geld verdient, dürfte zwar gewissenbissbefreit sein.

Weil ihm Sat1 beim – mittlerweile abgesetzten – Elendspranger Plötzlich arm, plötzlich reich misshandelte Kinder ins Haus holte, machte Matthias Distel, so sein bürgerlicher Name, den Skandal publik – wofür ihn die Produktionsfirma Imago flugs auf Unterlassung verklagte, weil er auch das Honorar veröffentlicht, nämlich 47.500 Euro für ihn, also 30-mal mehr als das Almosen für die Eltern der geprügelten Kids. Aber um das mal ins Verhältnis zu setzen: Amazon zahlt demnächst das 146.768-fache von Ikkes Salär dafür, MGM zu kaufen und damit das letzte unabhängige Filmstudio Hollywoods.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

28. Mai – 4. Juni

Neben eigener Ware wie der Real-Crime-Serie Dom, die ab Freitag den brasilianischen Drogenkrieg fiktionalisiert, zeigt Amazon demnächst also auch zugkräftige Klassiker von James Bond bis Ben Hur. Was Sky am Tag zuvor sendet, klingt zwar ähnlich wie Dom, ist aber was völlig anders. Die Historienserie Domina stellt das Leben der antiken Herrscherin Livia nach, aus deren Dynastie Roms erster Kaiser Gaius hervorging. Doch so opulent der Achtteiler ist – inhaltlich bleibt das Potpourri aus Sex, Gewalt und Gegenwartssprache die übliche Effekthascherei pseudohistorischen Reenactments.

Dann doch lieber Fantasy, die sich zu ihrer Fantasie bekennt. Sweet Tooth zum Beispiel. In der dystopischen Mystery-Serie führt eine – Achtung, Aktualität – Pandemie ab Freitag auf Netflix zum Kollateralschaden hybrider Wesen, die von den Überlebenden der Katastrophe gejagt werden. Und damit das auch für Kinder verdaulich ist, sehen wir dem kleinen Gus mit Hirschgeweih und Steinschleuder dabei zu, wie er seine Mama in einer Mischwelt aus Bambi und Mad Max sucht. Süß, aber auch sozialkritisch. Ohne Zucker relevant ist die Neo-Serie Exit. Für Sex, Macht und Drogen werfen vier norwegische Broker ab Samstag alle moralischen Werte über Bord ihrer Luxusyacht.

Dabei wäre die achtteilige Schwanzparade fast zu klischeehaft, basierte sie nicht auf wahrer Vorlage. Von der Realität entkoppelt ist hingegen die Sky-Sitcom Intelligence von und mit Nick Mohammed. Eine überaus lustige Mischung aus Stromberg und Homeland mit David Schwimmer als NSA-Spion, der pünktlich zur Reunion seiner Friends auf gleichem Portal in die britische Fernmeldeaufklärung GCHQ strafversetzt wird. Originell ist auch das Geldwäsche-Drama Limbo, morgen (22.45 Uhr, ARD): Regisseur Tim Dünschede hat es in nur einem Take gedreht. Demgegenüber wirkt die Netflix-Sause Carnival um Influencer beim Feiern in Rio ab Mittwoch ebenso zerschnippelt wie tags drauf der achtteilige Apple-Thriller Lisey’s Story nach Motiven von Steven King.


Prinz Philip & Brennpunkt Wedding

Die Gebrauchtwoche

12. – 18. April

Sieben. Was nach einem Drama von David Fincher klingt, ist die Zahl der Sender, denen das Begräbnis von Prinz Philip Übertragungen wert war, Spitzenmeldung bei Tagesschau und heute inklusive. Das Ableben eines Greises, der seine Privilegien, den Reichtum, all die feudale Selbstherrlichkeit auf Usurpation entrechteter Untertanen, Völker, ganzer Nationen begründet, sollte das Jahr 2021 zwar pietätvoll verschweigen, aber gut: zuvor hatte sich Prinz Marcus von Anhalt, Herzog zu Sachsen und Westfalen, mit Drittnamen nicht zufällig Adolf getauft, auf Sat1 so homophob geäußert, dass es die Woche verachtenswerter Aristokratie in den Medien war.

Zumindest in solchen, die Jan Böhmermann tags zuvor im ZDF Magazin Royal als erlogenen Auswurf skrupelloser Verlage entlarvte oder wie er ihn nennt: Quantitäts-Journalismus. Mit dem nämlich belügen Bauer, Burda, Funke, Klambt ihr Publikum nach Strich und Faden, bis auch die Reputation des Qualitäts-Journalismus an den Abgrund des demokratiefeindlichen Rechtspopulismus gerissen wird. An dieser Stelle sind wir gar nicht weit weg von der neofeudalen Kleptokratie unzähliger Unionspolitiker*innen, denen die Schlammschlacht zwischen Armin Laschet und Markus Söder sehr gelegen kam.

Seit sich die Alpharüden der strukturkorrupten CDU/CSU öffentlich um den Eisernen Thron zanken, ist von Maskendeals bestechlicher Mandatsvergewaltiger nicht mehr die Rede. Die Presse liebt nun mal den aktuellen, nicht verachtenswertesten Skandal, weshalb der kleinere um Elke Lehrenkrauss ins Feuilleton der Zeit abgewandert ist, wo die Filmemacherin dem NDR-Redakteur ihrer inszenierten Doku Lovemobil eine Teilschuld zuschob. Der habe sie vernachlässigt. Einmal nur sei er vorbeigekommen. „So baute sich keine vertraute Atmosphäre auf“, sagt Lehrenkrauss.

Lügen wegen Unterbehütung? Muss man auch erst mal drauf kommen. Worauf vor kurzem auch noch niemand gekommen wäre: dass der oder die grüne Spitzenkandidat*in heute nicht ins Hauptstadtstudio von ARZDF zum Antritts-Interview geht, sondern – kein Scherz: zu ProSieben. Aber da gehen neben Baerbock/Habeck ja jetzt auch Leute wie Linda Zervakis hin…

Die Frischwoche

19. – 25. April

Auch interessant: es ist abgesehen von Joko & Klaas gegen ProSieben am Dienstag das einzig bemerkenswerte Angebot der Woche beim Entertainmentkanal. Fast schon uninteressant: Stattdessen bestimmen Streamingdienste das Geschehen. Etwa TNT, wo Özgür Yıldırım nach 4 Blocks die nächste Berliner Kiez-Serie liefert. Herausragend an Para ist dabei nicht nur, wie authentisch seine Hauptfiguren die Sehnsucht des Brennpunkts Wedding nach Krümeln vom Kuchen der Wohlstandsgesellschaft suchen. Herausragender ist, dass es vier erfrischend derbe Frauen sind, die hier im (klein)kriminellen steilgehen.

Nachdem Martin Freeman ab morgen als verklemmter Bibliothekar der Sky-Liebeskomödie Ode to Joy die Richtige sucht, hört Christoph Maria Herbst als vereinsamter Pädagoge Tilo Neumann zwei Tage später bei Now auf innere Stimmen, um sein tristes Dasein umzukrempeln. Zeitgleich wandert derselbe Hauptdarsteller vom gleichen Portal zu RTL, wo Der große Fake mit anschließender Doku zur Wirecard-Story im Free-TV läuft. Tags drauf gibt es mit der Netflix-Serie Shadow & Bone Fantasy-Futter für Fans der Roman-Trilogie Legenden der Grisha, während Sky mangels ausreichender Kino-Auswertung bereits Christopher Nolans Lockdown-Meisterwerk Tenet zeigt.

Anything else? Nicht viel. Ab Freitag (23.30 Uhr) unterhält sich der Berliner Schauspieler Daniel Donskoy in der WDR-Latenight Freitagnacht Jews ausgerechnet am Ruhetag Schabbat mit Glaubensbrüdern und -schwestern über jüdisches Leben in Deutschland. Zwei Tage, nachdem ProSieben die bedrückende SuperGau-Serie Chernobyl fortsetzt, zeigt Arte am Mittwoch um 20.15 Uhr seine themengleiche Dokufiktion Die letzten Tage Luxemburgs. Und Freitag zeigt der Kulturkanal die ganz und gar wunderbare Christina Hecke beim nächsten Einsatz als Kommissarin Mohn der Krimi-Reihe In Wahrheit. Darüber hinaus bieten die realen Krimis vom Führungsstreit der Union bis zum Kampf der Inzidenzwerte aber ja schon genug reales Entertainment.


Stahlknechts Reich & Bettys Board

Die Gebrauchtwoche

30. November – 6. Dezember

Der Weg in die Zukunft von Kino und Fernsehen ist bekanntermaßen schwer vorherzusagen, aber Jason Kilar hätte mal eine Idde: Derjenige, „um der Gemeinschaft der Filmtheater das Wichtigste zu geben, was wir ihnen liefern können“, sagte der CEO von WarnerMedia vorigen Mittwoch in New York, sei „einen stetigen Strom neuer und frischer Filme, auf die Kinobesitzer und Zuschauer und sich verlassen können“. Sein Unterhaltungskonzern will nächstes Jahr nämlich alle Produktionen zeitgleich auf Bildschirm und Leinwand verbreiten.

Alle.

Klingt autoaggressiv, ist aber womöglich ein Ausweg, um Blockbuster finanzierbar, ergo: lukrativ zu machen und wirft ein grelles Licht in die schwach beleuchtete Sitzgarnitur deutscher Wohnstuben, wo gerade über den Betrag von 86 Cent eine Koalition zu kollabieren droht. Weil ihm die rechts-braun versiffte AfD nähersteht als der links-grün versiffte Regierungspartner, wurde Sachsen-Anhalts Innenminister – kein Scherz: Stahlknecht entlassen und die Entscheidung über die Erhöhung der Rundfunkgebühr vertagt.

Wenn das mal kein Serienstoff wäre. Allemal innovativer immerhin als die Übernahme fremder Formate, wie es TVNow mit der ARD-Soap Verbotene Liebe tut, Pro7 mit dem RTL-Abenteurer Jenke oder Amazon mit der Pro7-Parodie Binge aka Switch Reloaded. Dagegen erscheint Trumps repetitive Verschwörungsshow auch nach fünf Wochen fast so frisch wie die RTL-Idee, das Dschungelcamp 2021 nur als Castingshow fürs Dschungelcamp 2022 zu inszenieren.

Wirklich neu ist es indes, wie Netflix mit dem Coming-Out von Elliot Page (Umbrella Society) umgeht: dass er sich als Transgender bekennt, war dem Streamingdienst schlichtweg egal. Egal war es dem ZDF Samstag erneut, dass es Julian Reichelts menschenverachtender Bild mit der Übertragung ihrer zynischen Kinderkampagne (hoffentlich?!) kostenlos Werbung geschenkt hat. Zur Strafe für diese Selbstentwürdigung ignorieren wir das Zweite im Frischfernsehen und empfehlen nur Programm der kommerziellen Konkurrenz.

Die Frischwoche

7. – 13. November

Sat1 zum Beispiel, das morgen mit Zerrissen mächtig auf die Tränendrüse drückt. Trotzdem ist das Rührstück mit Alwara Höfels, die ihr verschwundenes Kind Jahre später als Tochter einer anderen (Katharina Wackernagel) entdeckt, relativ anspruchsvoll. Parallel zeigt Sky eine HBO-Serie, die das ZDF allenfalls bei Neo verklappen würde: In Chrystal Moselles Betty kämpfen fünf junge Skateboarderinnen aus New York acht Teile lang hinreißend authentisch um Anerkennung männlicher Platzhirsche.

In der gleichen Altersgruppe spielt Freitag auf (kauft nicht bei) Amazon die Lost-Variante The Wilds. Nachdem ihr Flugzeug vor einer einsamen Insel abstürzt, kämpfen neun Schülerinnen darauf ums Überleben, sind allerdings auch Teil eines bizarren Experiments. An gleicher Stelle startet zugleich die Gangsterballade I’m Your Woman, in der Mrs. Maisel Rachel Brosnahan vorm Vater ihres eigenen Kindes flieht und dem fiktionalen Entertainment ein Stück fesselnder Ereignisarmut hinzufügt.

Das kann man vom Netflix-Musical The Prom mit Nicole Kidman und Meryl Streep ab Freitag nicht behaupten, wäre in dem Genre aber auch ziemlich seltsam. Aus Deutschland wird übrigens auch was Bemerkenswertes gestreamt: In der TV Now-Serie Unter Freunden stirbt man nicht, versuchen Darsteller wie Berben und Lauterbach ihren toten Freund solange frisch zu halten, bis ihm ein Nobelpreis verliehen wird, den es nicht posthum gibt. 

Während der Mutterkanal RTL am Sonntag sein letztes F1-Rennen zeigt und damit die Ära des testosterongetränkten Scheißegal beendet, flutet Pro7 seine Mittwochsprimetime mit der hinreißenden Schnodderigkeit von Jeannine Michaelsen, die in der Show mit dem Sortieren irgendwas ordnet. Die Wiederholungen der Woche sind von heute: Als Das Mädchen in Uniform (20.15 Uhr, Arte) emanzipierte sich Romy Schneider 1958 von Sissi. Als Dr. Kimble Auf der Flucht (20.15 Uhr, Kabel 1) tat Harrison Ford gleiches 1993 mit Indiana Jones. Und der Tatort: Der Spezialist reist zu den Düsseldorfer Cops Flemming/Koch ins Jahr 1996.


Ausreden & Rumspuken

Die Gebrauchtwoche

5. – 11. Oktober

Es war ein denkwürdiger Satz, den Chris Wallace da am vorigen Mittwoch um drei Uhr früh MEZ am Bildschirm aussprach: „Ich denke, es würde unserem Land mehr nützen, wenn Sie sich ausreden ließen“, mahnte er seine zwei Gäste, als ihm die presidential debate zu entgleiten drohte. Besser konnte der Moderator nicht zum Ausdruck bringen, wie entwürdigend das politische Schauspiel vor gut 100 Millionen US-Amerikanern und einer ähnlich hohen Zahl in aller Welt kaum zum Ausdruck bringen.

Als der Moderator explizit an Donald Trumps Adresse „besonders Sie, Sir“ hinzufügte, wurde aber auch deutlich, wie erschöpft selbst Gesinnungsgenossen des US-Präsidenten mittlerweile vom US-Präsidenten sind. Chris Wallace nämlich stammt keinesfalls von Medien, die der Amtsinhaber als „Feinde des Volkes“ beschimpft, sondern ist Anchor seines Hofberichterstatters Fox News – weshab Trump wie ein Kleinkind im Sandkasten „er aber auch“ zurücknölte. Vielleicht ist das die beruhigendste Nachricht dieser grässlichen Nacht: Selbst in Trumps Umfeld existiert noch immer so etwas wie Expertise, Vernunft und Ethos.

Was das an der Präsidentschaftswahl ändern wird, bleibt zwar abzuwarten; die Gräben im Land jedenfalls scheinen zu tief für Kompromisse beiderseits der Fronten. Doch wie wichtig guter Journalismus fürs gesellschaftliche Miteinander ist, hat ein Profiteur der Diskursverrohung begriffen und lässt ihn sich sogar was kosten. Gut, drei Milliarden Dollar, die Google News Showcase über drei Jahre hinweg als Gegenleistung für Einkünfte aus journalistischem Content zahlen will, investiert der Mutterkonzern Alphabet vermutlich auch für kostenlose Softdrinks in Mountain View – aber es ist ein Anfang.

Die Frischwoche

12. – 18. Oktober

Ein Ende der Karriere von Millie Bobby Brown dagegen ist bislang völlig außer Sichtweite. Mit gerade mal 16 Jahren hat die Hauptdarstellerin von Stranger Things das nächste Netflix-Format eigenhändig produziert. In Enola Holmes spielt sie die Schwester des berühmtesten aller Detektive und macht das mit Helena Bonham Carter als feministische Mutter herausragend. Am Freitag startet der Marktführer dann Spuk in Bly Manor, setzt damit denselben in Hill House fort und macht die Woche endgültig zur Horrorshow.

Parallel setzt Sky in Swamp Thing die Tradition unheimlicher Sumpfmonster fort, bereits heute zeigt Amazon World Beyond, ein Spin-Off der Endlosserie Walking Dead. Horror ohne Geister liefert dagegen das ZDF um 22.15 Uhr in der südafrikanischen Serie Trackers um den verheerenden Blutdurst des Kapitalismus. Und wenn Magenta TV ab Donnerstag mit Ein guter Mensch die allererste Fiktion aus der Türkei in Deutschland zeigt, geht es beim Rachefeldzug eines pensionierten Gerichtsschreibers ebenfalls blutrünstig (und sehr, sehr ansehnlich) zur Sache.

Was sonst noch läuft: ab morgen (22.50 Uhr) im Ersten die komödiantische Talkshow Club 1, in der Gastgeber Hannes Ringlstetter seine Gäste erst zu Beginn der Sendung kennenlernt. Gut zwei Stunden früher startet bei One die EU-Komödie Parlament, in dem Christiane Paul mit den Mühen europäischer Bürokratie zu tun hat. Zwei Tage später zieht TNT in die lustige Patchwork-WG Close Enough ein, während die dänische Thriller-Serie Killing Mike dem Genre ab Freitag (23.30 Uhr, Neo) nichts Neues hinzufügt, aber schon auch spannend ist.

Dass die dritte Staffel Babylon Berlin ab Sonntag nun auch im Ersten läuft, klingt da schon ein wenig nach Wiederholungen der Woche. Was allerdings erst jene zwölf Klassiker der Weimarer Republik von Doktor Mabuse über M und Metropolis bis hin zu der Der Blaue Engel vollenden, die zeitgleich dazu in der ARD-Mediathek stehen. Bliebe also noch der Tatort, und weil er zeitlos toll ist, nehmen wir doch einfach Schimansiks Miriam von 1983, morgen um 22.15 Uhr im WDR.


Uli Edel: Bahnhof Zoo & singende Metzger

Vom Writer’s zum Director’s Room

Filme wie Christiane F. oder Letzte Ausfahrt Brooklyn haben Uli Edel (Foto 3.v.l.: Zeitlinger/ARD) um die Welt gebracht. Für den ARD-Dreiteiler Der Club der singenden Metzger (zu sehen in der ARD-Mediathek) kehrt er zurück zu seinen badisch-amerikanischen Auswandererwurzeln. Ein Gespräch über alte und neue Heimaten, deutsche Wurst in L.A. und warum er unbedingt Serien machen will.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Edel, Der Club der singenden Metzger spielt in Ihrer Heimat vor rund 100 Jahren; ist das insofern auch ein autobiografischer Film?

Uli Edel: Autobiographisch ist das soziale Milieu, aus dem ich und die Hauptfigur kommen. Vor 30 Jahren bin ich wie er nach Amerika ausgewandert. Wir kommen tatsächlich beide aus dem Schwarzwald, er aus einer schwäbischen Region, ich aus dem südlich gelegenen Baden. Mit diesen Menschen bin ich aufgewachsen und sind mir daher sehr vertraut.

Haben Sie Vorfahren, die zur selben Zeit ausgewandert sind wie die Protagonisten Ihres Films?

Ja, sogar einige – nach Amerika, Kanada und noch in den 70er Jahre nach Australien. Persönliche Bezüge sind bei mir offenbar nicht selten.

Das war für Sie als Sohn einer Hoteliersfamilie ja schon beim Mehrteiler Adlon im ZDF vor 6 Jahren der Fall…

Genau. Meine Eltern hatten zwar kein Erste Klasse-Haus am Brandenburger Tor, sondern einen Landgasthof, der aber auch als Familienbetrieb geführt wurde, wie das Adlon.

Sorgen persönliche Bezüge bei Ihnen für größere Emotionalität als abstraktere Stoffe?

Hemingway hat einmal übers Schreiben gesagt, dass der Autor die Dinge, über die er schreibt, auf die eine oder andere Weise erlebt haben muss, um darüber wirklich berichten zu können. Ich wollte unseren geschichtlich belasteten Heimatbegriff wieder auf das zurückführen, was er mir ursprünglich bedeutete, nämlich mit einem bestimmten Ort und dessen Menschen emotional verbunden zu sein. In diesem Film wird etwas durch alte, deutsche Volkslieder vermittelt, mit denen sich die singenden Metzger ein Stück Heimat in die Fremde holen. Als ich die Lieder auswählte, ist mir erst klargeworden, wie zeitlos schön manche dieser Lieder sind.

Haben Sie in der Ferne auch von der Heimat gesungen, um an sie erinnert zu werden?

Ich glaube nicht.

Und deutsche Wurst gegessen?

In Hollywood gibt es tatsächlich sehr gute deutsche Metzger und ich weiß, wer von ihnen die beste Blut- und Leberwurst macht. Auch mein Kontakt zur Deutschland ist nie wirklich abgebrochen, weil ich viele amerikanische Produktionen in Europa gedreht habe und deshalb meiner Familie und alten Freunden nah war. Selbst dieser Film, der in Dakota spielt, wurde nicht dort, sondern in Kroatien gedreht. Aber seit den Dreharbeiten daran habe ich einen zweiten Wohnsitz in Berlin und bin überrascht, wie begeistert selbst meine amerikanische Frau von der Stadt ist.

Kann man den Club der singen Metzger angesichts des Themas Flucht vor materieller Not als Kommentar auf die Flüchtlingskrise lesen?

Soll man sogar. Bei mir ist es allerdings umgekehrt. Da sind Deutsche, die vor der Armut in ihrer Heimat fliehen und ihr Glück auf einem ihnen fremden Kontinent suchen. Die Autorin der Buchvorlage zum Film, Louise Erdrich, ist selbst Amerikanerin, genauer Lakota Indianerin mit deutschen Vorfahren. Sie beschreibt diese Menschen mit größtem Respekt und in all ihrer Würde, mit der sie sich in der Fremde zu behaupten versuchen.

Zollt die bisweilen blumige, gefühlige Art, wie Sie diesen Respekt bildsprachlich umsetzen, dabei auch ein bisschen dem Freitagssendeplatz im Ersten kurz nach Weihnachten Tribut?

Dass der Film kurz nach Weihnachten gezeigt werden soll, wurde von der ARD erst festgelegt, nachdem er längst abgedreht war und ihnen vorgeführt wurde.

Louise Erdrich erzählt die Geschichte ihres ausgewanderten Großvaters. Wie nah bleibt der Film am Vorbild?

Bis hin zur frappierenden Ähnlichkeit von Jonas Nay mit Louise Erdrich‘s Großvater, der als junger Metzgermeister tatsächlich nach dem ersten Weltkrieg nach North Dakota ausgewandert ist. Dennoch müssen Adaptionen immer auch etwas vorsortieren.

Die FAZ warf Ihnen mal vor, beim Sortieren nutzen Sie Geschichte wie bei den Nibelungen oft als Konfetti, von dem man eine Handvoll aus dem Beutel nimmt und ins Publikum wirft.

Ich erinnere mich. Der Kritiker bezog sich dabei fälschlicherweise nur aufs Nibelungen-Lied, was nicht die Vorlage meines Films war. Von der Siegried-Sage sind ja sechzehn Versionen überliefert, aus denen ich meine Geschichte erzählte. Dass der Kritiker sie als Konfetti bezeichnet, verrät natürlich, dass er diese Quellen überhaupt nicht kannte. Selbst die Version von Richard Wagner war ihm offenbar unbekannt.

Dennoch: ist die Geschichte der deutschen Auswanderung in diesem Fall nur eine Art Steinbruch, aus dem Sie sich bedienen, um eine Liebesgeschichte zu erzählen?

Die Geschichte des jungen Fidelis Waldvogel, der von zwei unterschiedlichen, aber explizit starken Frauen geliebt wird, steht im Mittelpunkt. Der Roman beschreibt einen Zeitraum von 40 Jahren. In dem dreistündigen Film erzähle ich davon aber drei Jahre. Hätte ich den Roman vollständig verfilmen wollen, wären 20 Stunden rausgekommen. Da muss man sich entscheiden und vor allem: disziplinieren.

Oder eine Serie drehen.

Sie sagen es! Es ist aber schon ein Phänomen, wie begierig der Fernsehzuschauer auf lange Erzählformen wurde. Da nähert sich die Serie heute dem gedruckten Buch. Dort liest man fünfzig oder hundert Seiten, legt es weg, und kann es nicht erwarten am nächsten Tag weitere fünfzig oder hundert Seiten zu lesen. Dasselbe passiert jetzt beim Schauen von Serien.

Stand eine Serie der singenden Metzger zur Debatte?

Diese Geschichte hat sich am besten in drei Stunden erzählen lassen.

Warum haben Sie eigentlich noch nie eine Serie gemacht?

Habe ich ja, aber immer einzelne Episoden. In den USA ist es üblich, Serien von verschiedenen Regisseuren drehen zu lassen. Teilweise sogar gleichzeitig, wie ein Pingpongspiel, wie Tom Tykwer und seine zwei Regiekollegen etwa Babylon Berlin gedreht haben.

Vom Writer’s Room zum Director’s Room.

Das haben Sie schön ausgedrückt.

Aber reizt es Sie nicht, mal eine Serie alleine zu verantworten?

Aus einigen meiner Kinofilme werden grad lange Serien vorbereitet, Wir Kinder vom Bahnhof Zoo wird sogar schon gedreht. Nochmal die Regie bei einem meiner alten Projekte zu übernehmen, die ich schon einmal inszeniert habe, ist nicht sehr spannend. Ich konzentriere mich lieber auf neue Herausforderungen wie Der Friedrichstadt Palast, den ich grad vorbereite. Es ist eine Geschichte um das größte Revue-Theater Europas.