Trumps Kniefall & Schweighöfers Dracula

Die Gebrauchtwoche

21. – 27. September

Die Morgenroutine von Donald Trump und Friedrich Merz dürfte sich schon altersbedingt ein wenig unterscheiden, aber eines haben sie vermutlich doch gemeinsam: beide Machthaber erwachen vermutlich mit grimmigem Blick auf the media beziehungsweise die Medien und sagen sich, von „denen“ wurde „noch niemand jemals schlechter behandelt als ich“. Der Unterschied nur besteht darin, welche Konsequenz Merz und Trump daraus ziehen.

Während ersterer allenfalls leise grummelt, aber grundlegend pluralistisch tickt, poltert letzterer mit autokratischer Schlagseite Richtung Diktatur und ignoriert selbst Gerichtsurteile nach Gutsherrenart. Am Tag, nachdem mehrere US-Medien erfolgreich gegen ihren Verweis aus den Oval Office geklagt hatten, weigerte sich Trump weiter, sie wieder ins Weiße Haus zu lassen. Und als er darum nicht mehr herumkam, schmiss der Präsident CNN abermals aus dem Presse-Pool, ersetzte seine Nemesis durch einen MAGA-Influencer und lobte chinesische Journalisten bei seinem Kniefall vor Xi Jinpeng.

Von dieser devoten Farce eines Staatsbesuchs immerhin, bei der sich Trumps Heimat ausgerechnet daheim in Chinas Staub warf, gab es allerdings kaum Bilder: Trumps Hofpropagandist Fox News berichtet aktuell aus Solidarität mit den Verbannten nicht live über seinen Godfather. In diesem Durcheinander klingt es fast schon strukturiert, dass die deutsche Bild-Zeitung nach eigener Aussage „Regeln“ zum Schutz der Privatsphäre hat. Eine davon betraf gerade ihren Boulevardvertragspartner Jens Spahn.

Zum vermeintlichen Schutz seiner Persönlichkeit hat die Redaktion ein Foto des Haushaltssauschussmitglieds wieder gelöscht, das ihn im Urlaub auf Sardinien statt beim Berliner Haushaltausschuss zeigt – von dem er sich krankheitsbedingt abgemeldet und damit sein sehr besonderes Verhältnis zur Wahrheit bewiesen hatte. Ein Blatt gerade erst wieder einen tatverdächtigen „Klimaterroristen“ mit Foto und Namen vorverurteilt zur Schlachtung preisgab, entdeckt also plötzlich publizistische Fürsorgepflichten?

Die Frischwoche

28. September – 4. Oktober

Es dürfte nur noch eine Frage der Zeit sein, bis jemand Axel Springers wechselseitige Liaison mit Jens Spahn zur Telenovela macht. Vorerst allerdings beschränken sich die deutschen Portale und Kanäle auf das, was neben längst Krimi ihr Markenkern geworden ist: Mystery. Ab Samstag zum Beispiel in der sagenhaft effekthascherischen ZDF-Serie Die Düsteren mit Max Riemelt als Campingplatzbetreiber, auf dessen Nordsee-Insel seltsame Doppelgänger – wie immer sechsmal 45 Minuten – ihr Unwesen in dauerdunkler Dämmerung treiben.

Riemelts Kollege Matthias Schweighöfer leiht ab Donnerstag derweil dem starbesetzten Audible-Hörspiel Dracula Prominenz und Stimme. Aus den USA dagegen stammt bereits morgen die GenZ-Coming-of-Age-Hexerei-Serie Coven Academy. Ungleich realistischer und obendrein fetter dürfte die Netflix-Serie East of Eden sein, in der Joseph Zada ab Donnerstag James Deans Rolle als renitenter Farmer-Sohn in John Steinbecks Kain-und-Abel-Interpretation spielt.

Irgendwo zwischen Fiktion und Wirklichkeit siedelt das ZDF demgegenüber die drollige Workplace-Mockumentary Nine to Five an, die ersten Eindrücken zufolge ab Freitag das Schicksal nahezu sämtlicher Neo-Sitcoms teilen und weder originell noch witzig sein dürfte. Und nach einem Hinweis, dass das Zweite mit Frankfurt Mord am Wochenende die radikale Idee einer humorvollen Städte-Krimi-Reihe ausprobiert, noch drei Doku-Tipps.

Am Dienstag blickt die ARD mit dem Report Mainz in Belästigt. Gemobbt. Missbraucht. auf Soldatinnen in Gefahr, was nicht nur im Angesicht des erhöhten Wehrfähigkeitsbedarfs Alarm schlagen sollte. Am Freitag zeichnet Netflix den Weg von Michael Schumacher nach, als der 1994 vom Emporkömmling zum Weltmeister wurde. Und parallel dazu begleitet AppleTV in The Last First: Winter K2 Extrembergsteiger bei ihrer gefährlichen Arbeit an Achttausendern.


Martensteins Beule & Barbaras Shirin

Die Gebrauchtwoche

2. – 8. März

Wie viel Fernsehprogramme pluralistische Länder brauchen, war noch nie Resultat rationaler Berechnungen. In der öffentlich-rechtlichen Monopolphase etwa wären ein paar mehr als zwei Programme wünschenswert gewesen. Danach war das duale System mit Kanälen wie 9live, Hope TV oder RTL2 am Rande der Kollektivverdummung übersättigt. Im digitalen Zeitalter nun geraten selbst seriöse Sender aufs Abstellgleis der Geschichte.

Namentlich: ARD alpha, tagesschau24 und One. Sie alle, das haben ARD und ZDF am Mittwoch verkündet, werden Ende 2026 abgeschaltet. Wenn die drei Spartenkanäle am Rand der Wahrnehmbarkeitsschwelle dann den Anforderungen des Reformstaatsvertrages zufolge in den Schwerpunkten Infotainment, Dokumentationen, Nachwuchs aufgehen, darf man das also – gerade für die Angestellten – als Einschnitt bezeichnen. Ein Kahlschlag ist es nicht.

Man muss im Gegenteil gespannt sein, wie er ÖRR dort Nachrichten künftig gewichtet. Merkwürdiger als während der Berichterstattung über Donald Trumps Angriffskrieg auf Iran jedenfalls kann es kaum werden. Der erste Rauch war kaum verzogen, da haben Tagesschau und heute ihre Hauptausgaben bereits mit deutschen Urlaubern und Energiepreisen eröffnet. Immerhin – als beide gestern die Landtagswahl in Baden-Württemberg begleitet haben, war das erstklassige Niveau politischer Berichterstattung wieder erreicht.

Besonders die ARD-Moderatorin Hendrike Brenninkmeyer hat ebenso unterhaltsam wie fachkundig durch den Wahlabend geführt und gezeigt, was auch die Volksabstimmung zur Abschaffung der Rundfunkgebühr in der Schweiz gestern belegte: Öffentlich-rechtliche Medien sind und bleiben Leuchttürme im Gegenwind kommerzieller Konkurrenten. Aus welcher fauligen Ecke der weht, stank vorige Woche schließlich gleich zweimal zum Himmel.

Am Montag diskutierten der ostdeutsche Populist Holger Friedrich und der westdeutsche Propagandist Mathias Döpfner in Berlin über irgendwas mit Medien und warum sie (außer ihre eigenen Verschwörungsfanzines Ostdeutsche Allgemeine und Berliner Zeitung oder Bild oder Welt) an allem schuld sind. Zuvor hatte Harald Martenstein (172) in seiner Bild-Kolumne verteidigt, dass der Anblick Minderjähriger bei CDU-Politikern schon mal die Hose ausbeult. Es sei „kein Vergehen, Mensch zu sein“. Stimmt. Ein misogynes Arschloch, schon.

Die Frischwoche

9. – 15. März

Das ist offenbar auch Greg Russo, weshalb alle die Titelfigur der gleichnamigen HBO-Serie nur nach seiner Romanfigur Rooster nennen. Das englische Wort für „Gockel“ scheint den Bestsellerautor halt gut zu umschreiben, als er seine Tochter (Charly Clive) an deren Ostküsten-College besucht und selbst zum Dozenten wird. Ein toxischer Cis-Mann um die 60, der seine Bedeutungslosigkeit nicht akzeptiert. Der Original-Stromberg Steve Carell aber verleiht ihm eine brüllend komische Tiefgründigkeit, die Rooster jetzt schon zu einer der Comedy-Serien des Jahres macht.

Während Showrunner Bill Lawrence den Achtteiler also in luftige Höhen seiner Fußballserie Ted Lasso steigen lässt, soll The Madison an Taylor Sheridanes Yellowstone andocken. Wenn ein Trauerfall die verzogene New Yorker Jet-Set-Sippe Clyborn ins robuste Montana nötigt, lässt er mal wieder bildgewaltig Stadt und Land kollidieren. Trotz Michelle Pfeiffer als Witwe auf Trauerbewältigungstour, zündet die Serie ab Samstag bei Parmount+ allerdings nicht so richtig.

Das gilt – auch wegen Matthias Schweighöfer – ebenso für den britisch-französischen ARD-Thriller Vanished, ab Freitag sechs Teila lang in der Mediathek. Dank Nicole Kidman könnte das Prime-Drama Scarpetta um die legendäre Gerichtsmedizinerin zahlloser Romane ab Mittwoch hingegen respektabler werden. Gleiches gilt auch für die spanische Unfallflucht-Erzählung Jene Nacht ohne Stars, aber mit großer Atmosphäre. Hierzulande steht aber eh alles im Schatten von Barbara.

Vier Tage, nachdem die ARD-Mediathek heute Guido Westerwelle zu dessen 10. Todestag porträtiert, will Netflix ab Freitag das popkulturelle Hamburger HipHop-Phänomen enträtseln. Doch so interessant Becoming Shirin David auch ist – die 90-minütige Doku belegt vor allem den Trend zur vollen (Selbst-)Kontrolle porträtierter Superstars und Medien wie zuletzt auch Bushido oder Bild.


Franziska van Almsick: Boulevard & Porträt

Ich bin bis heute keine Rampensau

Rund um die Jahrhundertwende war sie Liebling, aber auch Prellbock der jungen Aufmerksamkeitsökonomie. Die ARD-Doku Being Franziska van Almsick zeigt, wie die Weltklasseschwimmerin durchs mediale Fegefeuer gegangen ist. Ein Interview mit der 47-Jährigen über Versöhnung, Realismus und die Gnade einer frühen Geburt.

Von Jan Freitag

Frau van Almsick, ich bin ein Journalist und Sie sprechen trotzdem mit mir. Was sagt das über Sie als Person des öffentlichen Lebens aus?

Franziska van Almsick: (lacht) Na, dass ich kein Problem damit habe, mit Journalisten zu sprechen. Das hatte ich auch noch nie. Ich finde es schön, wenn sich Menschen für das, was ich tue, interessieren, mit oder ohne Presseausweis. Oder was meinen Sie denn?

Dass Ihre Erfahrungen mit der Presse in den Neunzigerjahren so negativ waren, dass Sie sie seither meiden…

Ach, das ist jetzt 30 Jahre her und mir geht’s wirklich gut, glauben Sie mir. Daher freue mich doch eher darüber, dass Sie sich für mich und diese Dokumentation interessieren. Ich bin mit der Zeit von damals wirklich versöhnt.

Also nicht nur mit damit, kein olympisches Gold gewonnen zu haben, wie Sie Ende der dritten Folge einräumen?

Nein, auch mit der Presse. Und wir hatten ja nicht nur schlechte Zeiten miteinander, sondern auch gute. Dort, wo ich heute stehe, mit diesem Bekanntheitsgrad, würde ich ohne sie ja nicht stehen, und könnte entsprechend keine Charity-Projekte mit meinem Namen unterstützen, die mir wichtig sind. In der Medienbranche herrscht immer ein Geben und Nehmen. Da habe ich anfangs vielleicht ein bisschen viel eingesteckt.

Insbesondere von der Boulevardpresse wie Bild oder B.Z., die Ihnen regelmäßig bis tief unter die Gürtellinie eingeschenkt haben. Stichwort „Franzi van Speck“. Sogar mit denen sind Sie im Reinen?

Das, was passiert ist, lässt sich nicht ungeschehen machen. Ich habe aus all dem aber gelernt. Heute findet mein mir wichtiges Privatleben außerhalb der Öffentlichkeit statt.

Hat diese Gelassenheit auch mit Ihrer Persönlichkeitsstruktur zu tun?

Ich bin jedenfalls kein nachtragender Mensch. Eher ein realistischer. Und ich kann gut reflektieren und schaue auch bei negativen Berichten: was könnte daran wohl stimmen? Vielleicht sind deshalb ja eher die positiven Aspekte der Berichterstattung bei mir hängengeblieben. Damals war eben einfach eine andere Zeit. Und wir hatten auch viel Spaß miteinander. Ich war ja schon damals ein etwas anderer Typ als viele andere im Rampenlicht.

Inwiefern?

Ich bin in der DDR aufgewachsen, da zählte nur der sportliche Erfolg, nicht Geld oder Ruhm Alles, was darüber hinaus passiert ist, ist einfach passiert. Natürlich gab es dafür irgendwann ein Management, Werbeverträge und alles. Aber ich habe lieber meine Ruhe und bin bis heute keine Rampensau.

So gesehen hatten Sie ja geradezu Glück, in der analogen Medienwelt großgeworden zu sein. Für Facebook und TikTok wären Sie förmlich ein Schlachtopfer gewesen!

Absolut. Ich bin auch deshalb heute nur dann in den sozialen Medien unterwegs, wenn es um meine Projekte geht. Der Umgang dort ist oft schnelllebig, laut und wenig nachhaltig, das war nie meine Welt. Umso schöner ist es, wenn man mich heute in einem Atemzug mit Sportgrößen wie Boris Becker, Steffi Graf, Jan Ulrich oder Michael Schumacher nennt.

Wobei die Öffentlichkeit eher über diese Stars redet als mit ihnen. Holen Sie sich mit dieser Dokumentation auch ein Stück weit Kontrolle übers eigene Narrativ zurück?

Das war jedenfalls nicht meine Motivation, denn wer mit meinem Namen noch was anfangen kann, hat ohnehin meist eine feste Einstellung zu mir. Die ARD ist mit der Doku übrigens auf mich zugekommen, nicht umgekehrt. Das Ergebnis gefällt mir aber ausgesprochen gut. Und es ist nicht nur ein Porträt von mir, sondern eines der damaligen Zeit. Die war zwar in vielerlei Hinsicht völlig anders als heute, bringt aber dieselben Lehren hervor.

Welche wären das?

Das Leben ist für die Wenigsten ein Zuckerschlecken. Und hinfallen ist völlig okay, solange man wieder aufsteht. Niederlagen gehören gerade im Sport unwiderruflich dazu. Wer wirklich Erfolg haben will, muss deshalb weitermachen. Immer weitermachen.

Lernen wir darüber hinaus etwas in der Serie über Sie, was die Öffentlichkeit bis dato nicht wusste?

Das müssten sie mir sagen. Ich glaube aber, wer mich über all die Jahre begleitet hat, wird keine großen Überraschungen erleben.

Haben Sie denn selber etwas Neues über sich erfahren?

Am ehesten vielleicht, wie reflektiert und am Ende auch entspannt ich schon als Teenager oft war und wie viel ich damals verkraften konnte. Vielleicht bin ich auch deshalb so versöhnt mit mir und meiner Karriere.

Was würden Sie Neulingen beim Umgang mit Medien heutzutage denn mit auf den Weg ins Rampenlicht geben?

Authentisch zu bleiben, auch wenn das Mut erfordert. Wie sagte meine Mutter so schön: Wer mit den Medien rauffährt, fährt auch wieder runter. Sich und anderen dabei nichts vorzuspielen, ist natürlich ein Risiko, weil es angreifbarer macht. Trotzdem ist Authentizität mit einer gesunden Portion Vorsicht besser, als in der Öffentlichkeit Masken zu tragen. Das merkt man nämlich ganz genau.

Being Franziska van Almsick, 3×30 Minuten, ARD-Mediathek


Förderprogramme & Margot Friedländer

Die Gebrauchtwoche

TV

30. Oktober – 5. November

Die Entscheidung der ARD ist gefallen: Weil der FC Bayern am Mittwoch in einem denkbar öden Pokalkick kurz vor Schluss ausgeschieden ist, überträgt sie am 5. und 6. Dezember keine der Achtelfinal-Partien. Wie Sportschau-Chef Karl Valks mitteilt, wolle man ausschließlich Münchner Spiele zeigen, selbst wenn sie ereignislos und langweilig seien, „sonst kriegen wir Ärger mit Uli Hoeneß“.

Okay, das Zitat ist erfunden oder könnte einer KI entstammen, die fünf Jahrzehnte Fußball-Übertragungen ausgewertet und dabei das gebührenfinanzierte Förderprogramm für den Serienmeister herausgefunden hat, demzufolge natürlich auch das – bis zur 96 Minute völlig einseitige – Match in Saarbrücken gezeigt wurde, während sportlich originellere wie Dortmund – Hoffenheim oder St. Pauli Schalke keine Extra-Kohle aus Köln wert waren.

Und damit zur Politik, die mit Fußball meist nur zu tun hat, wenn die Fifa mal wieder ihre gierigen Finger ausstreckt. Der Rest? Ist Schweigen. Ein Schweigen, dass Deniz Yücel zu Recht für alle einfordert, die nicht bereit sind, sich öffentlich zu äußern, womit der PEN-Vize auf die Hamas-Attacken am 7. Oktober anspielt. Was er nicht sagt: wie laut das (auch und grad linke) Schweigen über den islamistischen Terror verglichen mit dem globalen Protest gegen Israels Selbstverteidigung ist.

Ein Brüllen, dass zum Glück mehrere US-Film- und Fernsehgewerkschaften anprangern. Was nochmals verdeutlicht, wie leise Deutschlands Kreative diesbezüglich bleiben. Die einzig gute Nachricht daher zum Schluss: Seit Elon Musks Übernahme hat sich der Wert von Twitter aka X auf weniger als 19 Milliarden Euro praktisch halbiert, was immer noch 18,99 Milliarden zu viel sind, aber immerhin.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

6. – 12. November

Immerhin Hoffnung auf bessere Zeiten macht Margot Friedländer, der das ZDF am Dienstag sein beeindruckendes Dokudrama Ich bin! zum 102. Geburtstag schenkt – und damit uns allen. Das realfiktionale Leben der Holocaust-Überlebenden eignet sich geradezu perfekt als filmisches Monument, wie man dem Bösen trotzt, ohne jemals wütend zu werden. Herzlichen Glückwunsch!

Den wir hier ausdrücklich nicht die ARD aussprechen. Denn wo Showrunnern Michaela Taschek die ausgezeichnete Brigitte Hobmeier da ab Donnerstag zunächst in der Arte-Mediathek reinquatschen konnte, das ist mit Theaterdonner noch naturalistisch umschrieben. Im Mystery-Thriller Schnee spielt sie eine Wiener Ärztin, die in düstere Vergangenheitsbewältigungen eines Tiroler Skigebiets mit Umweltschutz-Ärger gerät. Das strotzt sechs zähe Folgen so düster vor Effekthascherei, dass man sich zum Retreat in eine 100-Watt-Birne wünscht.

Dann doch lieber die günstiger produzierte ARD-Online-Serie Wer wir sind mit Lea Drinda als Umweltaktivistin, die Freitag in einen Strudel aus politischer Radikalisierung und Racial Profiling gerät. Das ist nicht nur schauspielerisch, sondern auch thematisch intelligenter als (wenngleich nicht halb so opulent kostümiert wie) die Apple-Serie The Buccaneers um heiratswütige Damen in der englischen Upper-Class des 19. Jahrhunderts, die ab Mittwoch sehr offensichtlich an Bridgerton erinnert.

Was sonst noch bemerkenswert werden könnte: Der großartige Michael Fassbender als Titelfigur im Netflix-Thriller The Killer ab Freitag. Parallel bei Neo das achtteilige belgische Medical-Drama Sense of Tumor aus Belgien, das also ebenso wie Mit Herz und Holly am ZDF-Sonntag im medizinischen Fiktionsfach spielt. Oder Nadja Uhl als Die Jägerin ähnlich Krimineller tags drauf in der ZDF-Mediathek.

Bereits Mittwoch startet ein vierteiliges Netflix-Porträt von Robbie Williams. Und irgendwie bisschen außer Konkurrenz sachlich bewertbarer Formate: Good Luck Guys, eine Art 7 vs. Wild für Reality-Weltstars wie Aurelia Lamprecht, Dominik Brcic oder Zoe Saip, die bei joyn in karibische Container ziehen, also Big Brother vermutlich näher sind als echter Herausforderung.


Prechts Juden & Daums Skandale

Die Gebrauchtwoche

TV

16. – 22. Oktober

Niemand erwartet, dass alles Leben abrupt einfriert im Moment entfesselter Gewalt. Dass die Welt auf Dauer in den Modus kollektiver Anteilnahme schaltet, wenn der Terror mal wieder neue Dimensionen erreicht. Auch nach 9/11 haben die Menschen ferngesehen, und nicht nur Nachrichten. Aber ob die ARD nach einem Brennpunkt über den Angriff der Hamas auf Israel wirklich Verstehen Sie Spaß? senden musste?

Schwer zu sagen, entscheiden, beurteilen im Angesicht einer barbarischen Horde, die an vormoderne Zeiten erinnert, als das Brandschatzen, Vergewaltigen, Entvölkern eroberter Landstriche weithin anerkannte Kriegspraxis war. Was hingegen leichter zu sagen ist: nicht jeder selbstgerechte Bullshit, den telegene Philosophen gelegentlich von sich geben, ist schon antisemitisch, nur weil er antisemitische Klischees verwendet.

Trotzdem war es – wie die vorschnelle Einordnung der offenbar fehlgeleiteten Hamas-Rakete auf ein palästinensisches Krankenhaus als „israelischer Beschuss“ – nicht bloß fahrlässig, was Richard David Precht im Podcast mit Markus Lanz über die Berufswahl orthodoxer Juden (irgendwas mit Geld und Diamanten) unverdaut ausgeschieden hat; seine alterstoxische Logorrhöe zeugt vom Beharrungswillen tradierter Vorurteile, die eine seriöse Berichterstattung ebenso reflektieren sollte wie, sagen wir, misogyne Stereotypen.

Warum nur, fragt sich im aufgeklärten Jahr 2023 b.c., wird die Opferartigkeit der zivilen Opfer bei Krieg und Terror noch immer durch Frauen, Alte und Kinder gekennzeichnet? Weil erstere so wehrlos sind wie letztere? Seriously? Selbst die fraglos emanzipierte Zeit kann sich diesen Dreiklang aus vormoderner Zeit brandschatzender Horden nicht verkneifen. Wie soll man das da von der Bild erwarten?

Erst recht, wenn sie Redakteure wie angekündigt durch elegant Large Language Model genannte KI ersetzt, deren Algorithmus Springer-Populismus wiederkäuen, Gleichberechtigung also für Gedöns halten dürfte. Ob die Bild ihre Führung der kombinierten Print- und Online-Reichweite, wie sie die Arbeitsgemeinschaft Media-Analyse gerade ermittelt hat, so halten kann? Leider ja.

Gut zwölf Millionen User täglich, mehr als die Plätze 3-20 (Rang 2: Welt) zusammen: Hass und Hetze, Lügen und Blödsinn mit oder ohne PR rechnen sich halt noch immer bestens. Stefan Raab hat indes nur mit letzterem total TV-Geschichte geschrieben. Stets im Rücken: die Produktionsfirma Brainpool. Jetzt verkauft er nach 25 Jahren seine Anteile und beendet damit eine Fernsehära, die neben allerlei Unsinn Großes bewirkte.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

23. – 29. Oktober

Wenngleich nichts auch nur annähernd so überdimensional Gewaltiges wie Everything Now. Die Netflix-Mischung aus Euphoria und Sex Education mit Spuren von My Name is Al erzählt von der anorektischen Mia, die nach monatelanger Therapie an ihre Londoner Schule zurückkehrt und in Windeseile zwei Jahre Jugend aufholt. Ein sensationelles Panoptikum der Pubertät, dieser bizarren Lebensphase, in der alles anziehend und abstoßend, schön und schrecklich, zu groß, zu klein, zu alles ist.

Und Sophie Wilde spielt sie mit einem fragilen Trotz, der Zuschauende acht Teile lang zwischen Aberwitz und Wahrhaftigkeit, Lachen oder Weinen hin und her schleudert. Da können aktuelle Neustarts naturgemäß kaum mithalten. Zumal es abgesehen von der Krimi-Serie Polar Park vom kältesten Ort Frankreichs fiktionale nur wenig zu berichten gibt – in diesem Fall vor allem der denkbar dusselig deutsche Titel „Eiskalte Morde“, ab Mittwoch in der Arte-Mediathek.

Das Onlineportal der ARD startet zwei Tage später die bayrische Katholiken-Comedy Himmel, Herrgott, Sakra, während das ZDF seiner Milieu-Studie Doppelhaushälfte parallel ein Zombie-Special verpasst. Fragt sich, ob der wahre Halloween-Horror nicht zwei Tage zuvor bei Paramount+ läuft, das dem popkulturellen Schulterpolster-Fakeduo Milli Vanilli eine Doku beschert. Aus ähnlicher Epoche im selben Land stammt hingegen einer, der fast 20 Jahre den Boulevard zweier Nationen gefüllt hat: Christoph Daum.

Das Sky-Porträt Triumphe & Skandale skizziert die Achterbahnfahrt des Fußballtrainers durch ein Gebirge aus Titeln, Koks, Affären und Krebs ab Freitag in einer Intensität, die zu wirr um wahr zu sein ist. Während Ulrike Krieners Kommissarin Lucas am Samstag nach 20 Jahren ZDF Abschied nimmt, leitet uns die wunderbare 3sat-Doku Deutschlandlieder derweil durch die Musik zugewanderter Türkinnen und Türken – die der Rapper Eko Fresh und sein Vater zu einem unfassbaren Konzert versammeln.


Agitproppresseclubs & Schinkenstraßen

Die Gebrauchtwoche

TV

2. – 8. Oktober

Über politische Auswirkungen sozialer Medien wird seit Jahren vorerst ergebnisoffen diskutiert, aber ein Tweet von Elon Musk auf seiner Plattform namens whatever hat nun gezeigt, dass der unermesslich reichste Internet-Troll direkt in deutsches Regierungshandeln intervenieren kann. Kurz nachdem er deutsche Staatsgelder für Seenotrettungsorganisationen angeprangert hat, fühlte sich Bundeskanzler Scholz bemüßigt, diese Praxis beenden zu wollen.

Dass mediale Kampagnen sogar für politische Erdbeben verantwortlich sind, zeigen derweil beide Landtagswahlen. Ohne die Bild–, Twitter-, RTL-, aber auch SZ-befeuerte Pauschalkritik an der rotgelbgrünen Regierungspolitik, kulminierend im Furor gegen alles Fremde, vulgo: Ausländer, wäre die AfD gestern in Bayern und Hessen kaum so erfolgreich zu werden. Umso drolliger, wie wendig der Agitproppresseclub von Axel Springer wird, wenn sein Gesinnungswechsel Profite generiert.

Ohne rot zu werden wirbt dessen Frontblatt deshalb jetzt, kein Scherz, für die Volks-Wärmepumpe. Nach mehrmonatiger Heiz-Hammer-Dresche für den grünen Erzfeind ist das selbst für Bild-Verhältnisse dreist und erschwert die Solidarität mit einem Team der Welt ungemein, das bei einer Straßenumfrage zum Terrorangriff auf Israel in Berlin bedroht wurde. Ein Glück für Caren Miosga, dass sie sich damit seit ihrem Abschied am Donnerstag nicht mehr täglich in den Tagesthemen befassen muss.

Pech hingegen, dass populistische Windfähnchenhalter der Aufmerksamkeitsindustrie ihr als Nachfolgerin von Anne Will demnächst in Deutschlands wichtigste Talkshow folgen. Die zweiälteste hinter 3 nach 9 dagegen feiert derweil gewaltiges Jubiläum mit noch gewaltigerer Gästeliste. Am Freitag läuft die 1000. NDR Talk Show, die Promis von Günther Jauch über Carolin Kebekus und Ina Müller bis Mario Barth zwar weniger staatstragend machen wie sonntags nach dem Tatort, aber auf unterhaltsame Art bedeutsam.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

9. – 15. Oktober

Das teilt sie mit einer Serie, die es spielend auf alle Best-of-Listen 2023 schaff: Nackt über Berlin. Axel Ranisch verfilmt darin den eigenen Bestseller um zwei Außenseiter, die ihren Schuldirektor (Thorsten Merten) in dessen Smart Home kidnappen und damit, so scheint es, die Chance auf Rache und Selbstermächtigung ergreifen. Anfangs Coming-of-Age, entwickelt der Sechsteiler mit jeder Folge mehr soziokulturellen Sprengstoff und wird ab Donnerstag bei Arte zur Seriensensation.

Das wollte definitiv auch Last Exit Schinkenstraße sein, neuester Streich vom Milieustudienberserker Heinz Strunk.  Wie in Fleisch ist mein Gemüse flieht er darin als gescheiterter Kirmessaxofonist vor der Realität, diesmal nach Malle. Dummerweise verliert Strunk als Ballermann-Barde von RTL+ den warmherzigen Respekt für Unterprivilegierte und verliert sich in – zugegeben oft lustigen, musikalisch brillant untermalten – Kalauern.

Die hagelt es ab Freitag bei Paramount+ auch im Reboot der Neunziger-Serie um den Radio-Psychiater Frasier. Ansonsten jedoch startet die Woche ernster. Heute (23.05 Uhr) mit dem vierteiligen ARD-Porträt des kriminellen Cops Lubi. Morgen mit der Mediathek-Reihe Legendäre Experimente, zum Auftakt: das machtmissbräuchliche im Stanford Prison. Und Mittwoch zur besten Sendezeit im 2. Teil von Bjarne Mädel als Sörensen fängt Feuer.

Zwischendurch beleuchtet Arte ab Dienstag online das unselige Zusammenspiel Die USA und der Holocaust, bevor das ZDF auf seinem Digitalportal Füxe skizziert, das dubiose System deutscher Burschenschaften. Und damit zum Fiktionalen. Seit Freitag schon bei Netflix: vier Geschichten von Roald Dahl, die der unvergleichliche Wes Anderson zum unvergleichlichen Kurzfilmvierteiler Ich sehe was, was du nicht siehst und Der Rattenfänger, dazu Gift und Der Schwan macht.

Freitag bringt uns Mike Flanagan dann an gleicher Stelle zum Gruseln, wenn er den Untergang des Hauses Usher zum Niedergang einer US-Pharmadynastie aktualisiert, dabei allerdings diverse Gruselstücke von Edgar Alan Poe verarbeitet. Zeitgleich dockt AppleTV+ beim Damengambit an. Eine Frage der Chemie zeichnet acht Teile die Karriere von Elizabeth Zott, die in den frauenfeindlichen Fünfzigern versucht, als Wissenschaftlerin Fuß zu fassen – was in seiner inszenatorischen Zurückhaltung einfach großartig ist.


Schmidts PoCs & Partners in Drift

Die Gebrauchtwoche

TV

21. – 27. August

Es war, Padautz, ein echter Paukenschlag fürs öffentlich-rechtliche Programm: Die Gremienaufsicht fordert vom Ersten mehr Talkshow-Vielfalt. Nun muss der ARD nur noch jemand sagen, dass damit nicht mehr Sendungen gemeint sind, sonst schaffen Christine Strobl und Kai Gniffke in Windeseile vier neue mit fünf Stars am Mikro – schon, weil sieben der neun Rundfunkanstalten bereits mit den Proporzhufen scharren.

Dem Vernehmen nach nicht in der engeren Auswahl: Harald Schmidt, dessen Komödienstadl Schmidteinander nun ebenfalls vom WDR mit einem Warnhinweis versehen wird, weil es darin Anfang der hedonistischen Neunziger selten sonderlich woke zuging. Was der sehr alte, sehr weiße, sehr jämmerliche, aber immer noch sehr selbstsichere Ex-Comedian damit kommentierte, er nenne den Schwarzweiß-Karnevalisten Ernst Neger nun Ernst Person of Colour oder so ähnlich.

Darüber lachen dann immerhin noch Schmidts Kamerrrrraden vom neurechten Rand wie Hans-Georg Maaßen und Matthias Matussek. Oder Julian Reichelt und Mathias Döpfner, die sich gerade außergerichtlich zur Entlassung des früheren Bild-Chefs geeinigt haben. Alles Typen, die mit Sicherheit auf Seiten jener streitlustigen Querdenkerin stehen, die wegen „mangelnder Programmvielfalt“ von ARD und ZDF gegen den Rundfunkbeitrag geklagt hatte.

Weil Missfallen kein Zahlungskriterium sei, hat das bayerische Oberverwaltungsgericht die Klage nun abgewiesen. Ob sie mit dem Vorwurf auch Tina Hassel meinte, ist nicht überliefert, aber gestern konnte sie Friedrich Merz im ARD-Sommerinterview nichts Anrüchiges über die AfD entlocken, also keine versteckten Koalitionsangebote. Schon, da sie sich offenbar kritisches Nachhaken untersagt hatte. Am Ende wehte deshalb der unwidersprochene Verdacht durch Berlins Regierungsviertelluft, Merz‘ CDU habe seit 60 Jahren gar nicht mitregiert…

Die Frischwoche

0-Frischwoche

28. August – 3. Dezember

Irgendwie fiktional, was Parteien wie diese da nachrichtlich verbreiten – und damit auch irgendwie empfehlenswerter als hauptamtliche Fiktionen, die irgendwie immer noch tief im Sommerloch stecken. Wirklich bemerkenswert sind bis zum Wochenende daher aktuell nur vier Formate: Die 30639. Staffel der Höhle der Löwen, ab heute bei Vox, ohne die statusbewusste Judith Williams, dafür mit der statusbewussteren Tjena Onaran.

Dazu die zweite Staffel der deutsche Sky-Serie Partners in Drift, einer Streaming-Mischung aus The Fast and the Furious und Alarm für Cobra 11, die sich allerdings spürbar (und manchmal sogar erfolgreich) um Tiefgang bemüht. Außerdem Siehst du mich?, ein neunzigminütiges Porträt von vier deutschen Influencer*innen unterschiedlicher Erfolgsstufen, das der linear-digitalen ARD-Mediathek zeitgleich ab Freitag wirklich gut zu Gesichte steht.

Und dann feiern wie hiermit offiziell und voll aufrichtiger Vorfreude die Fortsetzung der Neo-Serie Loving her um eine Schar junger, meist lesbischer Menschen, die in der deutschen LGBTQ+-Szene nach Liebe, Sex und Zärtlichkeit suchen, gelegentlich sogar finden und dabei ab Sonntag bei ZDFneo ebenso anrührend wie unterhaltsam sind.


Rammsteins Härte & Titanics Six

Die Gebrauchtwoche

TV

5. – 11. Juni

Rezo ist wieder da. Wie lange er weg war, lässt sich in der Schnelllebigkeit unserer digitalen Epoche nur mutmaßen, aber gut zwei Jahre seit seinem Video zur Covid-Politik sind nach Internet-Maßstäben episch und jetzt wurde es eben Zeit für den blauhaarigsten Kommentator bundesdeutscher Befindlichkeiten. Denn #MeToo hat eine neue deutsche Dimension, die viel mit neuer deutscher Härte zu tun hat.

Rezo hat sich über die Missbrauchsvorwürfe gegen den vergewaltigungslyrischen Brachialpennäler Till Lindemann zu Wort gemeldet, und zwar wie so oft sprachgewaltig. Das tut auch bitter not. Nachdem nämlich immer mehr Frauen den strukturellen Machtmissbrauch des Rammstein-Führers beschreiben, dreht das asoziale Netz den Spieß um und bläst unter Hashtags wie #istandwithrammstein zum Gegenangriff, den Lindemanns Anwälte mit Informationsblockaden plus Täter-Opfer-Umkehr flankieren.

Damit nicht genug, verschweigt die Staatsanwaltschaft Berlin Anzahl und Art der Anzeigen, da kein presserechtlicher Auskunftsanspruch bestehe. Interessant, angesichts des öffentlichen Interesses, aber gut: wir sind in einer Phase, wo der misogyne Mainstream nicht nur schon lange vor Claudia Neumanns ziemlich solidem Kommentar des CL-Finales ganz genau wusste, wie sie es vermasselt, und der populistische Merz-Mainstream mit Bild, RTL, AfD jubelt, dass Linksextreme doch schlimmer sind als Rechtsextreme. Na bitte.

Bayerns volkszornige Regierungskabarettistin Monika Gruber hat derweil am Samstag bei ihrer Demo gegen das Heizungsgesetz nicht nur massig Querdenkende angelockt, sondern die rechtspopulistisch anschlussfähigen Regierungslenker Markus Söder und Hubert Aiwanger gleich auch noch als Redner geladen. Besaß das Kabarett nicht mal eine Distanz zur herrschenden Macht? Dorthin also, wo Katrin Vernau dann doch nur kurz verweilte?

Bei der Wahl zur neuen RBB-Chefin jedenfalls wurde die Übergangsleiterin gar nicht erst nominiert. Was noch anzumerken wäre: Servus, TV-Spielzeug des toten Brausemilliardärs Dietrich Matteschitz, stellt 2024 den linearen Betrieb in Deutschland ein. Und Matti Geschonneks Wannseekonferenz ist in gut 2000 chinesischen Kinos gestartet, was im zensurfreudigen Reich der vermeintlichen Mitte ja eigentlich nichts Gutes zu bedeuten hat.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

12. – 18. Juni

Eher so Mittelmäßiges zu bieten hat die neue Fernsehwoche – was schon dadurch ersichtlich wird, dass zu ihrem Auftakt Die Haustierprofis am bemerkenswertesten sind, ein fünfzehnteiliges Nachmittagsformat, in dem Moderator Ralph Morgenstern werktäglich ab 14.10 Uhr im Ersten Dienstleistungsinfotainment der wohlfeilsten Art anbietet, also garantiert kein kritisches Wort über Sinn und Unsinn eingesperrter Kuscheltiere verliert.

An Kritik nicht sparen dürfte dagegen an gleicher Stelle wie so oft abseits der Familienbespaßung zur Primetime: Eckart von Hirschhausen. Seine Doku Was von Corona übrigblieb hätte allerdings weit mehr als 45 Minuten vor hart, aber fair verdient, wo Louis Klamroth im Anschluss mal wieder über Putins Angriffskrieg diskutiert. Ebenfalls sachorientiert ist der interventionistische Doku-Thriller The Six, in dem Arthur Jones mit dem Hobby-Sinologen Steven Schwankert Außergewöhnliches zutage fördert.

Sechs Chinesen nämlich, die als Passagiere auf der Titanic gereist waren, ihren Untergang am 14. April 1912 überlebt hatten und dann verschwunden sind. Produziert von James Cameron, dessen Blockbuster bei jeder Gelegenheit in die Jagd nach Hinterbliebenen montiert wird, gleicht die Spurensuche ab heute beim History Channel einer Schatzsuche, die abseits der Geschichte viel über den euroamerikanischen Rassismus von damals und heute erzählt.

Frei von soziokulturellem Ballast sind demgegenüber drei Fiktionen der Woche: die zweite Staffel des Star-Trek-Spin-Offs Strange New Worlds, ab Donnerstag, Paramount+. Die depperte Söldner-Arie Tyler Rake: Extraction 2 tags drauf bei Netflix. Und parallel dazu die vierteilige Action-Romance Bonnie & Clyde (Freitag, 20.15 Uhr Neo), diesmal in holländischer Interpretation.


Spiegels Hähne & Obamas Arbeit

Die Gebrauchtwoche

TV

22. – 28. Mai

Es ist ja im Grunde gut, wenn alte Medien nochmals die neuen erhitzen. Der Spiegel, den es – Ältere erinnern sich – noch immer in nennenswerter Zahl auf Papier gibt, trennt sich vom Chefredakteur, und selbst online wird auch deshalb darüber berichtet, weil Steffen Klusmann das frühere Flaggschiff der Demokratie gewinnbringend durch den populistischen Sturm unserer Tage gesteuert hatte.

Abseits der Ursachen, die viel mit Machtkämpfen und wenig mit Führungsstärke zu tun haben, bleibt also zweierlei vom geplanten Überraschungsflug übrig: In Dirk Kurbjuweit wird das Blatt erstens wieder von einem maximal analogen Print-Fossil geleitet, das zweitens kein weiblich gelesener Journalist ist. Und so bleibt es bei 17 Männern seit 1947 – auch wenn die vierköpfige Chefredaktion des 61-Jährigen mit Melanie Amann eine Frau enthält.

In der ARD hingegen denkt man da ein wenig zeitgemäßer und ersetzt die scheidende Talk-Moderatorin Anne Will durch ihre Kollegin Caren Miosga, was der Fernsehstreitkultur definitiv besser tut als Markus Lanz. Seine Idee, zur Debatte über den Klimaschutz den energiepolitischen AfD-Sprecher Steffen Kotré einzuladen, war ja durchaus mutig, artete aber in einem völlig willkürlichen Redezeitmanagement aus, das der fachlich inkompetente, aber dramaturgisch besonnene Rechtsextremist zu seinem Vorteil nutzen konnte.

Das wäre womöglich auch Ron DeSantis gelungen – hätte er seinen Wahlkampfauftakt nicht ausgerechnet bei Twitter gestartet. Bis zu Elon Musks Übernahme ein funktionsfähiger Mikroblogging-Dienst, hat ihn sein Besitzer in kürzester Zeit so heruntergewirtschaftet, dass der rechtsextreme Präsidentschaftsbewerber kaum zu hören war, sofern die Übertragung denn überhaupt mal funktionierte.

Und so durfte Donald Trump dabei zusehen, wie sich sein Mitbewerber fast 60 Jahre nach dem Mord an John F. Kennedy quasi selbst erledigte. Genau 60 Jahre wird Samstag das aktuelle sportstudio im ZDF. Und es ist zwar nur noch für jene interessant, die schon bei der Erstausgabe schulpflichtig waren, aber immerhin fußballbegeisterter als der Streamingdienst Sky, der Borussia Dortmund ein Public Viewing vorm Stadion untersagte, um mehr Zugriffe beim irrwitzigen Bundesliga-Finale zu erzielen.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

22. – 28. Mai

Am Samstag nun wird auf gleichem Kanal das DFB-Pokalfinale übertragen, was allerdings außerhalb Leipzigs und Hessen kaum jemanden interessiert. Und damit zum Rest eines Fernseh- oder Streaming-Angebots, das leicht unterm Radar des Massengeschmacks funkt, weshalb es kaum Fiktionales anzupreisen gibt. Am – buchstäblich – bemerkenswertesten wäre da noch die Netflix-Doku Arbeit: Was wir den ganzen Tag machen.

Als Doku über Werktätige in den USA gedacht, bietet sie vor allem dem Gastgeber ein Podium zur Selbstdarstellung. Offiziell steigt Barack Obama drei Teile in ökonomische Maschinenräume. Am Ende aber geht es nur um den Ex-Präsidenten und seinen Kontostand, den Netflix weiter hebt. Dafür porträtiert die Arte-Mediathek morgen einen Mann, den vermutlich fast niemand kennt: Adolf Kanter.

Was für ein scheußlicher Name, dessen Story (Buch & Regie: Claus Räfle) als Teil einer deutsch-deutschen Spionagestory im Licht der Flick-Affäre aber hochinteressant ist. Zwei Tage später zeigt die ARD-Mediathek den Vierteiler Frontman, der Rockopas wie Ozzy Osbourne oder David Lee Roth je 90 Minuten widmet. Ungleich jünger sind die Protagonist:innen der dreiteiligen Doku Dirty Little Secrets, in denen der BR an gleicher Stelle das turbokapitalistische Ausbeutungssystem Spotify analysiert.

Mittig zwischen Sach- und Spielfilm befinden sich das Arte-Dokudrama Die rote Fini mit Adele Neuhauser als Wiener Polit-Ikone (Donnerstag, Mediathek) und das Browser Ballett (Mittwoch, ZDF-Mediathek) auf längerer Strecke. Am Ende daher drei Fiktionen: Die japanische Endzeitserie The Days (Donnerstag, Netflix), die österreichische Mysterykrimi-Serie Der Schatten (Freitag) und die sechsteilige Dating-Persiflage Einsame Herzen mit dem Youtuber Freshtorge (Sonntag, beides ZDF-Mediathek).


Funkes Schumi & Krens Kobold

Die Gebrauchtwoche

TV

17. – 23. April

Was am Boulevard so absolut irre ist, sind gar nicht so sehr die Lügen, Rufmorde oder Kampagnen. Wirklich verrückt, also im Sinne von wahnsinnig, ist ihr Versuch, all dies sporadisch mit Seriosität zu verkleistern. Das absurdeste Manöver vollzog nur Tage nach Mathias Döpfners öliger Schubumkehr in Sachen Ossi-Hass und FDP-Liebe die Funke Mediengruppe. Am Samstag feuerte der Essener Konzern Anne Hoffmann, weil sie als Chefredakteurin der aktuelle ein KI-Interview mit Michael Schumacher aufs Titelblatt gehoben hatte.

Schon drollig: da verkaufen die Lügenbarone von Bauer– bis Jahreszeiten-Verlag ihrer leichtgläubigen Kundschaft wochein, wochaus ausnahmslos lieblos halluzinierten Unfug über Promis wie den verunglückten Rennfahrer. Und wenn sie den Betrug endlich mal kenntlich machen, fliegt die Verantwortliche raus? Das wäre fast, als hätte die Bild ihr neues Führungsduo Robert Schneider und Marion Horn für erste Schlagzeilen wie diese entlassen:

„Bundesgartenschau: Auftrittsverbot für Rentner mit Mexikaner-Hut“

„Naddel: Wieder Sozialhilfe“

Wie immer ist an keiner davon auch nur das geringste Fünkchen Wahrheit, aber es knallt halt, wie es bei der Bild zu knallen hat. Dass Mathias Döpfners geistig-ideologischer Zwilling Rupert Murdoch für Fake-News über den Wahlmaschinen-Hersteller Dominion 779 Millionen Dollar Schadenersatz zahlen muss, fand hingegen – so unter Krähen – leider keinem Platz im Blatt. Auch das Desaster um kostenpflichtige Twitter-Haken von Döpfners Guru Elon Musk blieb offenbar unerwähnt.

Dafür gab es das übliche Bashing öffentlich-rechtlicher Medien auf der Titelseite, die ARD wolle „328 Millionen mehr Zwangsgebühr für Digital-Projekte“, womit die Redaktion aber mal alles durcheinanderbringt, was daran richtig sein könnte, aber egal: Boulevardjournalismus ist kein Bällebad, weshalb wir auf der Suche nach dem bildaffinsten Fernsehformat dieser Woche unwillkürlich bei Amazon Prime landen.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

24. – 30. April

Dort startet am Freitag eine Actionserie namens Citadel. Und an der ist wirklich alles testosterongesteuerter Bullshit, also passgenau für Döpfners springerhochhausgroße Prostata. Im sechsteiligen Spionage-Thriller erwachen zwei Unterwäschemodels nach acht Jahren aus einer Amnesie, retten gemeinsam die Welt, werden dutzendfach rückstandslos vermöbelt, sehen aber stets spitze aus und erreichen fiktional somit das intellektuelle Niveau Oliver Pochers, also immer noch doppelte Höhe vom Boulevard-Publikum.

Citadel ist also ungefähr so realistisch wie die Fantasy-Serie Sweet Tooth um fabelhafte Mischwesen einer postapokalyptischen Zukunft, bekennt sich anders als in der zweiten Staffel bei Netflix allerdings nicht dazu, surreal zu sein. Hyperreal ist hingegen die Miniserie Sam – Ein Sachse. In der deutsch-deutschen Mini-Serie erzählt Disney+ ab Mittwoch die spektakuläre Story von Samuel Njankouo Meffire nach, einst der erster Polizist dunkler Hautfarbe in Ostdeutschland und damit eine Art Kronzeuge von Döpfners wilder Rassisten- oder Kommunisten-These.

Parallel dazu startet die ARD-Mediathek das nächste kleine Meisterwerk von Marvin Kren, der anders als in 4 Blocks oder Freud auch mal humoristisch auf die Kacke hauen darf. Handlung? Ebenso schwer zu erklären wie ihr Titel Der weiße Kobold, aber irgendwas mit Drogen, Österreich, Ganoven und einem Frederick Lau in Bestform, also ähnlich sehenswert wie Poker Face, wenngleich auf ganz andere Art.

In der mystischen Sky-Serie kann die hinreißende Natasha Lyonne – Fans von Orange is the New Black als drogensüchtige Nicky Nichols bestens bekannt – unterbewusst Lügen erspüren, was sie einerseits fünf Folgen lang zur Hobbydetektivin eines ziemlich liebenswerten Crime-Formats macht. Anderseits wären derart telepathische Fähigkeiten ja vielleicht auch für den Springer-Konzern verwertbar, just so…