Hebestreit: Scholz-Sprecher & Krisenerklärer

Steffen Hebestreit for DJV Journalist

There’s no glory in prevention

Normalerweise kriegen neue Regierungen eine Schonfrist, 100 Tage zumeist. Die von Olaf Scholz jedoch steckt vom Start weg im Krisenmodus, den sein Regierungssprecher Steffen Hebestreit (49, Foto: Marzena Skubatz) erklären muss. Als Chef des Bundespresseamts steht der frühere Journalist vor der Frage: Wie kann man in Kriegszeiten transparent und glaubwürdig kommunizieren? freitagsmedien dokumentiert das journalist-Interview vom Monatsanfang in voller Länge.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Hebestreit, normalerweise wird neuen Regierungen und damit auch ihren Kommunikationsabteilungen eine Schonfrist von 100 Tagen eingeräumt, in denen beide ein wenig unter Welpenschutz stehen. Wie lang war Ihre Schonfrist – 100 Minuten?

Steffen Hebestreit: Wenn überhaupt… Aber diese 100 Tage sind schon immer mehr ein hehrer Wunsch gewesen als die Wirklichkeit, seit Franklin D. Roosevelt bei seinem Amtsantritt gesagt hatte: Give me a hundred days. Ich habe jedenfalls nach 28 Tagen den ersten Leitartikel gelesen, der sagte, eigentlich habe eine Regierung ja 100 Tage Schonzeit, aber schon jetzt müsse man sagen: alles Mist.

Also 27 Tage Schonfrist?

Wieso sollte es überhaupt eine Schonzeit geben, das habe ich nie verstanden. Eine neue Regierung, ein neuer Kanzler, neue Politik, das ist doch wahnsinnig spannend. Ich kann schon verstehen, dass Journalisten und Opposition das vom ersten Tag an kritisch begleiten wollen.

Zumal in einer hochtourigen Zeit, in der sich Menschheitskrisen nicht bloß abwechseln, sondern überlappen.

Mir hat gut gefallen, dass es zwischen alter und neuer Regierung einen so reibungslosen und vertrauensvollen Übergang gegeben hat. Hier an dem Tisch, an dem wir gerade sitzen, saß ich seinerzeit mit Steffen Seibert und wir haben uns ausgiebig darüber ausgetauscht, was auf mich als Regierungssprecher zukommen wird. Das war bei früheren Regierungswechseln nicht üblich. Da Olaf Scholz als Vizekanzler der scheidenden Regierung schon angehörte, mag es leichter gewesen sein, uns frühzeitig einzubinden. Bei den Bund-Länder-Runden zur Pandemie waren wir ohnehin immer zugeschaltet. Ab Mitte November saßen Scholz und ich dann im Kanzleramt mit in diesen Runden. Die neue Bundesregierung wurde am 8. Dezember vereidigt, einen Tag später leitete der neue Kanzler dann erstmals diese Runde.

Ansonsten werden Regierungssprecher – das -innen kann man sich mangels Frauen seit 1949 leicht sparen – hier im Bundespresseamt also nicht förmlich eingearbeitet?

Nein, das ist eigentlich nirgends üblich. Normalerweise gibt es eine kurze Tasse Kaffee, ein paar freundliche Worte und Hinweise, hier wäre dann die Toilette, dort das Vorzimmer. Fertig. Ich habe mich sehr gefreut, dass mein Vorgänger sich da mehr Zeit genommen hat. Dadurch, dass wir uns schon gut kannten seit meiner Zeit als Korrespondent und wir in der letzten Regierung ja auch einiges miteinander zu tun hatten, war das sehr kollegial, offen und vertrauensvoll.

Was war denn üblich?

Nun, als ich seinerzeit am allerersten Tag mit dem frisch vereidigten Bundesminister der Finanzen ins Ministerium ankam, wurde mir ein freies Zimmer zugeteilt. Jemand, den ich nicht kannte, legte mir kurze Zeit später einen Stapel Akten auf den Tisch. Ich fragte: „Was mache ich damit?“ Er: „Verfügen!“ Ich: „An wen?“ Er: „Ans Haus“. Das war’s.

Immerhin wussten Sie, was „verfügen“ heißt

Immerhin. Beim Wechsel ins Bundespresseamt war das einfacher, weil ich wusste, was auf mich zukommt. Als früherer Korrespondent, Ex-Vorstand der BPK, Leiter der Hamburger Landesvertretung und zuletzt als Sprecher des Finanzministeriums hatte ich auch immer wieder mit dem Bundespresseamt zu tun.

Wenn Sie Ihren Start als Hauptstadtjournalist mit dem jetzigen als deren Informationsversorger vergleichen – wären Sie lieber damals, als Regierungen noch Krisen bewältigt haben, Sprecher geworden, oder ist heute, wo Krisen Regierungen überwältigen, besser?

Darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht. Natürlich ist die gegenwärtige Situation mit dem schrecklichen Krieg in der Ukraine eine außergewöhnliche Herausforderung, die uns alle sehr besorgt. Aber auch früher mangelte es nicht an Megathemen: 2008 die Finanzkrise, 2011 Fukushima, 2015 Flüchtlingssituation, seit 2020 die Pandemie…

Zwischendurch Klimawandel in beschleunigter Dauerschleife…

…wie gesagt, jede Regierung hat ihre Herausforderungen.

Das Besondere an den genannten Megathemen ist allerdings, dass sie sich einst nacheinander ereignet haben, während sie sich heute parallel auftürmen und nicht mehr den Eindruck erwecken, noch beherrschbar zu sein. Drohen Regierungssprecher da bei aller Spannung nicht eher an Krisen zu scheitern, deren Lösbarkeit sie eigentlich vermitteln sollen?

Ich bin nicht sicher, ob die damals Beteiligten das Gefühl hatten, alles ginge schön geordnet nacheinander vonstatten. Die Aufgabe des Regierungssprechers ist es, das Handeln der Regierung zu erklären und zu vermitteln, was sie tut. Natürlich stellt der erste Angriffskrieg in Europa seit Ende des Zweiten Weltkriegs eine Zäsur da. Ich bin aber überzeugt, dass die Bundesregierung in dieser schweren Krise das Richtige tut und richtig handelt.

Das sollten Sie auch, als deren Sprecher.

Unsere Aufgabe ist es zu erklären, wie die Regierung handelt und welche Politik sie verfolgt.

Gabe es in den vier Monaten Momente, wo das aus Ihrer Sicht mal geklappt hat?

Natürlich, immer wieder. In der Corona-Pandemie waren wir vor Weihnachten in einer sehr heiklen Phase, die Delta-Welle war noch nicht abgeebbt und Omikron tauchte auf. Es gab Rufe nach einem abermaligen Lockdown, die Sorge davor, dass unser Gesundheitssystem zusammenbrechen könnte und die kritische Infrastruktur. Die neue Bundesregierung hat daraufhin strikte Maßnahmen erlassen wie Maskenpflicht, 3G, 2G, aber keinen Lockdown verfügt – und gleichzeitig eine Impfkampagne aufgesetzt. Innerhalb von sechs Wochen haben sich 30 Millionen Bürgerinnen und Bürger ein drittes Mal impfen lassen, das hatte uns vorher niemand zugetraut. Das war ein wichtiger Schritt, damit wir einigermaßen durch diesen Winter gekommen sind. Aber: There’s no glory in prevention! Solche Erfolge sind kurzlebig. Die Pandemie ist nirgends in der Welt wirklich überwunden. Umso wichtiger ist es, das Erreichte ins Verhältnis zum Möglichen zu setzen.

Wie sieht ihre Bilanz mit Blick auf den Krieg in der Ukraine aus? Die Bundesregierung steht gerade unter gehörigem Druck…

Einmal vorweg: Dieser Krieg ist furchtbar und das Leid ist unermesslich – für uns alle ist das doch alles kaum zu ertragen. Emotional verstehe ich daher den Wunsch, es möge den einen Knopf geben, den man nur schnell drücken müsse, und der Horror wäre vorüber. Anfangs schien es, man müsse nur Nordstream 2 aufgeben, und alles werde gut. Nächster Knopf: Sanktionen gegen Moskau erlassen. Dritter Knopf: Russland vom internationalen Zahlungsverkehr abkoppeln. Als nächstes: Auch Deutschland müsse Waffen liefern. Dann: Immer stärkere und tiefgreifende Sanktionen. Und jetzt also die Frage nach der Lieferung schwerer Waffen. All diese Schritte ist Deutschland nach gründlicher Abwägung, in enger Abstimmung mit unseren internationalen Verbündeten diesseits und jenseits des Atlantiks gegangen – und doch konnte und kann es einigen nicht schnell genug gehen.

Bislang sehr offensichtlich nicht nur ein politisches, sondern kommunikatives Desaster!

Nein. Im Krieg gibt es keine einfachen Lösungen – und wer einfache Lösungen verspricht, wird seiner Verantwortung nicht gerecht. Und wie gesagt: Abschaltknöpfe gibt es nicht…

Klingt die Knopf-Metapher nicht ein bisschen fatalistisch nach dem Sprecher einer Regierung, deren Schritte grundsätzlich ein Stück zu kurz sind für die Realität?

Falsch. Nach dem Sprecher einer Regierung, die ihre Entscheidungen wohl abwägt und von klaren Prinzipien leiten lässt: Erstens: Deutschland will der Ukraine so gut es irgend geht im Kampf gegen den Aggressor Putin helfen. Zweitens: Die Nato und Deutschland wollen eine direkte Konfrontation mit der Atommacht Russland vermeiden, die in eine unvorstellbare Katastrophe weit über die Ukraine hinausführen würde. Und drittens prescht Deutschland nirgends voran, sondern bewegt sich immer in enger Abstimmung mit unseren Verbündeten. Im Bewusstsein, dass sich die Lage ständig verändert und wir auch darauf reagieren müssen. Deshalb können nicht alle Forderungen, die an Deutschland gerichtet werden, sofort erfüllt werden. Das sind oft schwierige Abwägungsentscheidungen, aber so funktioniert verantwortungsvolle Politik.

Ist die Kritik an der aktuellen Politik also vor allem ein kommunikatives Problem der akzeptanzfördernden Vermittlung dieser Sachentscheidungen?

Im Augenblick dominieren die Stimmen in der Öffentlichkeit, die mit Blick auf den furchtbaren Krieg ein Vorpreschen Deutschlands verlangen. Die Bundesregierung folgt der oben beschriebenen abwägenden Linie in enger Absprache mit unseren Verbündeten. Und der Bundeskanzler ist ein sehr erfahrener Politiker, der öffentlichen Druck gewohnt ist und sich nicht kirre machen lässt. Dafür ist er gewählt worden. Als Regierungssprecher ist es meine Aufgabe, diese Position deutlich zu machen und zu erklären, auch wenn manche eine andere Politik wollen.

Aber macht das den Regierungssprecher nicht zum Regierungskrisensprecher?

Tja, das gehört zur Stellenbeschreibung. Fragen Sie mal meine Vorgänger, wie oft sie das Gefühl hatten, Zuspruch fürs Handeln ihrer Regierungen zu kriegen. Alles eine Frage der Erwartungshaltung. Nur wer nichts tut, macht auch nichts falsch – und selbst das kann ein Fehler sein. Wenn ich von journalistischer Seite Lob bekäme, würde ich vermutlich einiges falsch machen. Was aber nicht heißt, dass ich meine Arbeit dann am besten mache, wenn es viel Kritik gibt.

Olaf Scholz hat in Bezug auf den russischen Angriffskrieg den Begriff der politischen Zeitenwende verwendet. Gibt es auch eine Zeitenwende der politischen Kommunikation, die damit einhergeht?

Die politische Zeitenwende muss kommunikativ begleitet werden. Allerdings befinden wir uns, wie Sie es anfangs ausgedrückt haben, vom ersten Tag an im Krisenbewältigungsmodus, insofern gibt es dafür kein vorgefertigtes Kommunikationskonzept. Mit meinen Stellvertretern habe ich aber vereinbart, dass wir noch transparenter, erklärender und umfassender kommunizieren wollen.

Von welcher Seite aus gesehen?

Regierungsseitig wollen wir nicht nur senden. Deshalb geht der Bundeskanzler anders als seine Vorgängerin häufiger in Formate wie heute-journal, Bericht aus Berlin, RTL-aktuell oder in Talkshows wie Illner und Anne Will, um sich befragen und hinterfragen zu lassen. Das gilt mindestens so stark für Regierungsmitglieder wie Robert Habeck, Christian Lindner, Annalena Baerbock oder Nancy Faeser – alle erläutern öffentlich, wofür diese Regierung steht.

Gibt es eine Art Handwerkskasten, der Ihnen zur Hand gegeben wurde, um Stresssituation zu meistern?

Schön wär’s, aber da hat wohl jeder und jede eigene Strategien.

Werden bewegte Zeiten grundlegend anders kommuniziert als ruhigere?

(überlegt lange) Da hat jede Sprecherin, jeder Sprecher vermutlich individuelle Herangehensweisen, aber ich versuche zusammen mit den beiden stellvertretenden Regierungssprechern in der Bundespressekonferenz…

Wo Sie nur zu Gast sind.

…dort versuchen wir jede Frage, ob über ruhigere oder bewegendere Themen, mit der angemessenen Klarheit zu beantworten. Das mag nicht immer gelingen, aber wir streben es an. Manchmal geht es auch gar nicht darum, nichts sagen zu wollen, sondern nichts sagen zu können. Ich sage manchmal ketzerisch: Der Bundeskanzler folgt mitunter dem Ricola-Prinzip der Kommunikation.

Sie meinen das Schweizer Kräuterbonbon?

Genau. Deren Slogan lautete: „Wer hat’s erfunden? Die Schweizer.“ Während viele Politiker oft und gerne vollmundig ankündigen, was sie vorhaben, bereitet Scholz erst abseits der Öffentlichkeit seine Entscheidungen gründlich vor und verweist im Anschluss öffentlich auf das, was geschafft worden ist.

Aber wird ihm nicht genau das gerade massiv zum Nachteil ausgelegt?

Das mag vorkommen, aber insgesamt ist er mit diesem Prinzip in den letzten Jahren doch recht erfolgreich gewesen – unlängst hat er eine Bundestagswahl gewonnen. Aber natürlich ist das kein Rezept für jede Lebenslage. Manchmal ist es nötig, konkrete Zielvorgaben zu verkünden, damit die nötige politische Dynamik entsteht. Im vorigen November kündigte Scholz an, bis Ende Dezember 30 Millionen Impfungen durchgeführt haben zu wollen. Daran gab es viel Kritik, weil es angeblich nicht zu schaffen wäre. Noch vor Heiligabend allerdings war das Ziel erfüllt. Ein toller Erfolg. Daraufhin hat der Kanzler die Parole ausgegeben, die nächsten 30 Millionen bis Ende Januar erreichen zu wollen – was bekanntlich nicht ganz hingehauen hat.

Und das Bundespresseamt in Schockstarre versetzt?

Ach nein, dafür sind die meisten der 500 Frauen und Männer hier im Haus zu erfahren und bleiben selbst dann gelassen, wenn der neue Regierungssprecher mal etwas frei von der Leber weg redet. Jetzt aber die Preisfrage: Hätte der Kanzler das Ziel lieber nicht formulieren sollen, weil es die Gefahr gab, dass es nicht erreicht wird? Oder müssen Führungskräfte ab und an Zielmarken setzen – und sei es nur, um sich ihnen anzunähern? Der Bundeskanzler neigt relativ selten dazu, da fällt es umso mehr auf, wenn er es doch mal tut.

Genau deshalb wird ihm vorgeworfen, er eiert rum.

(nickt)

Bleibt im Ungefähren.

(nickt)

Liefert also nicht jene Führung, die er im Wahlkampf versprochen hatte.

Na ja…

Ist das ein Problem von Olaf Scholz oder seinem Kommunikationsteam?

Grundsätzlich ist immer die Kommunikation schuld (lacht). Manchmal habe ich den Eindruck, dass der Anspruch, wie politische Kommunikation angeblich zu funktionieren habe, selten dem Praxistest standhält. Jedenfalls wenn ich mich im Land umblicke oder in den Vorgänger-Regierungen. Jeder und jede hat einen eigenen Stil und bleibt diesem Stil einigermaßen treu. Die wenigsten folgen den vielen klugen Ratschlägen, die sie Tag für Tag in den Zeitungen lesen. Alles andere würden die Bürgerinnen und Bürger auch als unauthentisch empfinden. 

Was bedeutet das für die aktuelle Debatte über den Ukraine-Krieg?

Trotz aller Emotionen muss die Regierung einen kühlen Kopf bewahren und stets das große Ganze im Blick behalten. Alle, wirklich alle wollen diesen Krieg schnellstmöglich beendet sehen.

Aber?

Unsere Möglichkeiten, das aus eigener Kraft zu bewirken, sind begrenzt. Da wären wir wieder beim ersehnten Knopf, den es nicht gibt. Beispiel: Ein sofortiger Energie-Boykott, um Putin in die Knie zu zwingen. Man könne doch einen warmen Pulli anziehen und die Heizung herunterdrehen oder das Auto öfter stehenlassen, wird argumentiert. Dass es dabei um ganze Industriezweige geht mit Abertausenden von Arbeitsplätzen, die von einem solchen Boykott massiv betroffen wären, gilt oft als lästiges Detail. So etwas muss verantwortungsvolles Regierungshandeln aber berücksichtigen. Das ist, wie der Wirtschaftsminister sagt, reine Physik. Ein Chemiepark, der 30 Prozent weniger Gas zur Verfügung hat, produziert nicht 70 Prozent, sondern null.

Ein gern gewähltes Beispiel: die Glasherstellung.

Wenn da der Kessel einmal auskühlt, können Sie ihn wegschmeißen. Und wenn der Spiegel, die Zeit oder auch Ihr journalist innerhalb weniger Wochen nicht mehr erscheinen kann wegen Papiermangels, ist womöglich ganz Schluss, weil Sie nichts mehr verdienen. All dies gilt es zu bedenken und Entscheidungen zu treffen, die durchzuhalten sind.

Und Ihr Job als Regierungssprecher ist es also, sich dabei schützend vor den Kanzler zu stellen und die Kommunikation so zu gestalten, dass von solchen Entscheidungen nichts an seinem Amt hängenbleibt?

Nein, mein Job ist es, in Gesprächen, Interviews und Pressekonferenzen die Politik und die Komplexität zu erläutern. Transparenz herzustellen! Die zweite Hauptaufgabe besteht darin, zwischen öffentlicher und veröffentlichter Meinung innerhalb der Berliner Politblase zu moderieren, in der es häufig ein bisschen aufgeregter zugeht als außerhalb. Ich habe in meinem Politologie-Studium ausgiebig qualitative und quantitative Sozialforschung betrieben. Es kommt schon darauf an, wie ich eine Frage formuliere: Wenn ich frage, ob Deutschland die Ukraine mit schweren Waffen unterstützen sollte, um weitere russische Kriegsverbrechen zu verhindern, werden 90 Prozent zustimmen. Wenn ich frage, ob man für die Lieferung schwerer Waffen einen Dritten Weltkrieg riskieren sollte, sieht das ganz anders aus…

Womit was bewiesen wäre?

Dass es nicht nur um Meinungsbilder geht, sondern auch um Machbarkeiten. Erfahrene Spitzenpolitikerinnen und Spitzenpolitiker bringen ein gutes Gefühl dafür mit, beides zu berücksichtigen. Meine Aufgabe ist es, diese Zusammenhänge darzustellen.

Wir befinden uns allerdings nicht nur im Krieg Russlands gegen die Ukraine, sondern auch im Krieg rechter Populisten gegen Demokratie und Pressefreiheit oder im Krieg der Menschheit gegen den eigenen Planeten – sind Kriege nicht Zeiten der Geheimhaltung, nicht der Transparenz?

Gerade in diesen Tagen sollten wir den Begriff Krieg nicht zu inflationär verwenden. Aber den beschriebenen Spagat müssen wir in der Tat aushalten. Es braucht Geheimhaltung, insbesondere im Bereich von militärischer Sicherheit. Andererseits ist das Informationsbedürfnis verständlicherweise riesig – und es wird gerne unterstellt, dass Fakten aus niederträchtigen Motiven verheimlicht würden, am Ende also, dass die Wahrheit bewusst verheimlicht werden solle.

Wobei Sie nicht dafür da sind, Wahrheiten zu kommunizieren, sondern Regierungshandeln.

Ein demokratisch legitimiertes Handeln auf Grundlage des Grundgesetzes. Aber für jeden Regierungssprecher, jede Regierungssprecherin gilt: Du darfst nicht lügen.

Aber ungeliebte Wahrheiten wie jene, dass der Klimawandel nur aufzuhalten ist, wenn wir unseren Wohlstand zumindest materiell massiv einschränken, müssen Sie verschweigen?

Das ist, glaube ich, auch eine Frage des sprachlichen Geschmacks, der im Blick behalten muss, dass die einen Tacheles hören wollen, während andere irgendwann komplett abblocken, wenn die Aussichten fortwährend als katastrophal dargestellt werden. Der Wirtschaftsminister spricht von „Zumutungen“, der Bundeskanzler formuliert lösungsorientierter, dass er dafür sorgen möchte, dass wir mit der Situation „gut zurechtkommen“.

Christian Lindners Sprachgeschmack wiederum ginge in Richtung „dornige Chancen“. Was ist denn ihrer als Sprecher?

Mein Geschmack spielt da keine große Rolle. Wenn man wie ich seit 2015 für den gleichen Chef tätig ist, nähern sich die Geschmäcker sowieso ein bisschen an. Manchmal ertappe ich mich dabei, privat Dinge zu sagen, die von ihm stammen könnten; ich weiß nicht, ob es ihm umgekehrt auch mal so geht. Wenn ich ständig etwas anderes denken würde als der, für den ich arbeite, sollte ich mir einen anderen Job suchen. Kennen Sie The WestWing?

Eine Politserie der späten Neunzigerjahre, die vor allem im Weißen Haus spielt?

Genau. Meine Lieblingsfigur ist US-Präsident Josiah Bartlet. An einer Stelle überlegt sein Team, wie der Präsident medial zu platzieren sei. Ob er nicht so sein müsse oder dies anders tun solle. Und dabei fällt ein für mich entscheidender Satz der politischen Kommunikation: „Let Bartlet be Bartlet.“ Man kann und soll Menschen in politischer Verantwortung kommunikativ nicht neu erfinden, sondern abbilden – davon bin ich fest überzeugt.

Geht es um Authentizität oder Glaubwürdigkeit, wenn Sie Scholz Scholz sein lassen?

Beides – wenn eins von beiden fehlt, spüren die Bürgerinnen und Bürger das sehr genau. Deshalb wägt er seine Worte und Taten so genau. Wenn man versuchen würde, aus dem Kanzler kommunikativ einen Barack Obama zu machen, ginge das definitiv nach hinten los.

Sind Sie trotz Ihrer Aufgabe, sich schützend und erklärend vor die  Bundesregierung zu stellen, auch jener Bote, der wie einst in der Antike stellvertretend für die Botschaften gegrillt wird?

Wer würde in diesem Szenario jetzt wen bestrafen?

Die Öffentlichkeit den Überbringer schlechter oder unerwünschter Informationen, also Sie.

Diese Frage kommt in meinem Fall vielleicht etwas früh. Außerhalb der engeren Berliner Szene hat bislang doch kaum jemand eine Wahrnehmung von mir. Das war bei meinem Vorgänger vielleicht etwas anders, weil er als ZDF-Moderator schon vor Amtsantritt sehr bekannt war. Wenn Sie jetzt eine Umfrage machen, wer Uwe-Carsten Heye, Béla Anda oder Ulrich Wilhelm waren…

Drei Ihrer Vorgänger.

… wüssten das vermutlich die wenigsten. Regierungssprecher sind nicht gewählte Repräsentanten, sondern das Sprachrohr ihrer Chefinnen und Chefs.

Kriegen Sie im Zeitalter der kommunikativen Verrohung trotzdem Teile der digitalen Shitstorms ab, die der der Regierung gelten?

Ein bisschen was. Ich nehme das, was auf Plattformen wie Twitter so abläuft, aber auch nicht allzu ernst.

Darüber hinaus haben Sie als Chef des Bundespresseamtes auch eine Schutzfunktion für ihre 500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Wie sorgen Sie dort für kommunikative Hygiene?

Ich setze mich für einen offenen Kommunikationsstil im Haus ein. Das Potenzial der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist groß und Probleme gilt es offen anzusprechen. Ich denke auch, dass ich recht zugänglich bin. Und wie gesagt: Die meisten Kolleginnen und Kollegen hier sind lange dabei, krisenerprobt und können einiges ab. Die Kanzlermappe, also den täglichen Pressespiegel über die Regierungspolitik, kann ich an manchen Tagen nur den Hartgesotteneren empfehlen (lacht); da wird uns ja nur im Ausnahmefall mal die eigene Grandiosität bescheinigt. Ansonsten heißt es gerade bei Leuten, die hauptberuflich kommunizieren: kommuniziert auch untereinander.

Und wie ist es, wenn Hatespeech und anderes Geschwurbel nicht anonym im Internet auf Sie und Ihre Leute einprasselt, sondern in Gestalt des Querdenker-Journalisten Boris Reitschuster Auge in Auge bei der Bundespressekonferenz?

Das ist Ihre Einordnung. Grundsätzlich bin ich mir darüber bewusst, dass es manchen weniger um Informationen geht als um ihr journalistisches Erlösmodell.

Gibt es noch andere Journalistinnen und Journalisten mit Erlösmodell statt Informationsbedarf?

Die Regierungs-PK empfinde ich meist als ziemlich sachorientiert. Es mag ein paar Orchideen-Themen geben, die einzelne mehr interessieren als den Rest. Die Frage nach einem generellen Tempolimit fällt regelmäßig, obwohl sich jeder und jede die Antwort im Grunde längst selber geben kann.

Nicht mit den Deutschen!

Natürlich ist es völlig legitim, die jeweiligen Vertreterinnen des Verkehrs- oder Wirtschaftsministeriums mit dieser Frage ein wenig zu zwiebeln, aber am Ende bleibt es doch mehr Unterhaltung- als Informationsbedürfnis. Das gilt es sportlich zu nehmen.

Wie sportlich sollte das publizistische Berlin da vermeintliche Kollegen wie Boris Reitschuster nehmen, dem es ersichtlich um Polemik statt Politik geht. Anders gefragt: Hätten Sie ihn als Vorstandsmitglied der BPK 2015 auch ausgeschlossen?

Als Regierungssprecher habe ich schon gelernt, auf hypothetische Fragen nicht zu antworten. Ich kenne auch die Details des Falles nicht. Die Berufsbezeichnung Journalist ist nicht geschützt in Deutschland, deshalb war die Abgrenzung für die BPK schon früher nicht immer einfach. Zu meiner Zeit lautete die Definition der Bundespressekonferenz, glaube ich, in etwa: Jeder, der in Berlin hauptberuflich für ein deutsches Medium schreibt und davon leben kann, kann Mitglied werden…

Gerade für Freelancer schwierig, in wirtschaftlich komplizierter Zeit…

Eben. Die Printkrise brachte es mit sich, dass gestandene Journalistinnen und Journalisten noch nebenbei einen Brot-und-Butter-Job annehmen mussten, um ihre Miete bezahlen zu können. Die BPK ist eine wirklich spannende und weltweit einmalige Einrichtung, die es seit 1949 gibt. Damals fragten sich die Bonner Korrespondenten, wie sie am besten an Informationen gelangen können. Und was macht der Deutsche, wenn er nicht weiter weiß?

Er gründet einen Verein?

Und in diesem Fall einen, für den die Bonner Hauptstadtjournalisten anfangs noch alle paar Wochen Ministeriumsvertreter eingeladen haben, später bürgerten sich die Regierungspressekonferenzen dreimal die Woche ein. Und der Clou ist, dass die Journalistinnen und Journalisten die Moderation übernehmen und die Fragen aufrufen – damit ist sichergestellt, dass jeder und jede Fragen stellen kann. Auf Regierungsseite erfordert das einen erheblichen Aufwand, weil natürlich alle Ressorts und die Regierungssprecher sich auf mögliche Themen vorbereiten müssen. Das bedeutet an drei Tagen der Woche manchmal mehrere Stunden intensiver Vorbereitung für die jeweiligen Ressorts – ohne dass sie wissen, ob sie am Ende überhaupt was gefragt werden.

Arbeiten im Bundespresseamt eigentlich überwiegend frühere Kollegen wie Sie oder was ist das gängige Berufsprofil?

Nein, es gibt bei uns die verschiedensten Berufsprofile. Da ist schließlich auch reichlich Quellenstudium dabei, klassische Verwaltungsaufgaben, viel Organisation, Medienbetreuung, Reisevorbereitung, all sowas. Dass mit mir, Christiane Hoffmann und Wolfgang Büchner…

Letztere zwei vom Spiegel übrigens.

… drei Journalisten an der Spitze stehen, heißt nicht, dass es im Bundespresseamt nur so von früheren Journalistinnen und Journalisten wimmelt.

Qualifiziert unser Beruf denn grundlegend dazu, für andere zu sprechen?

Es hilft jedenfalls ungemein, wenn man weiß, was die journalistische Seite braucht.

Oder vielleicht besser nicht wissen wollte…

Als Regierungssprecher fühle ich mich aufgrund meiner verschiedenen früheren Tätigkeiten jedenfalls gut gewappnet. Neben dem journalistischen Handwerk sind die Kenntnisse von Verwaltungsabläufen und Regierungsmechanismen sehr hilfreich für mich – wie gesagt, es geht darum, Politik zu erklären.

Ist Ihnen der Weg zurück in den Journalismus als Pressesprecher verschlossen?

Ob ich mir das persönlich vorstellen könnte, weiß ich jetzt gar nicht. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es der Branche schwer zu vermitteln wäre. Als ich den Journalismus vor acht Jahren in Richtung Kommunikation verlassen habe, sagte ich selbstironisch: Ich wechsle von der hellen auf die dunkle Seite der Macht. So ist das Gefühl.

Nur Ihres?

Ganz allgemein in der Branche, denke ich. Anfangs wurde ich öfter gefragt, wie man sein Berufsethos so verraten könne. Ich sehe es anders: Wenn man seine Aufgabe gut macht, leistet man auf beiden Seiten einen wichtigen Beitrag für unser Gemeinwesen. Im Übrigen wäre ich heute, mit den Erfahrungen und Kenntnissen, die ich als Sprecher gesammelt habe, ein besserer Journalist als früher. Jemand wie Steffen Seibert wäre doch, mit etwas Abstand zur Regierungszeit Merkel, ein Gewinn für jede Talkshow, weil er Erfahrungen von beiden Seiten beisteuern könnte. Trotzdem ist das bei uns schwer vorstellbar – insofern: Es gibt wohl keinen Weg zurück.

Und was machen Sie da, wenn die Ampelkoalition irgendwann mal abgewählt wird?

Urlaub.


Bastis Rücktritt & Schüttes Kranitz

Die Gebrauchtwoche

TV

4 – 10. Oktober

Es ist zwar ein bisschen wohlfeil, auf Facebook rumzuhacken, aber die Gründe dafür werden halt Tag für Tag triftiger. Amoralisch und geldgeil, niederträchtig und korrupt, würdelos und dann auch noch zusehends irrelevant: die Gründe, sich über den sechsstündigen Blackout diverser Messenger-Dienste, Milliardenverlust inklusive, sind so mannigfaltig, dass selbst die Enthüllungen der Whistleblowerin Frances Haugen vorm US-Kongress kaum überraschen – daran kann auch die Sperrung der russischen Propaganda-Plattform RT Deutsch nichts mehr ändern.

Was allerdings viel ändern könnte, ist der Rücktritt von Sebastian Kurz. Perfider als sein rechtsradikaler Ex-Spezl Heinz-Christian Strache, hat der rechtspopulistischen Bundeskanzler versucht, die Pressefreiheit auszuhöhlen – für diese Erkenntnis muss ihm niemand Bestechlichkeit nachweisen, das ist Teil seiner neoliberal-völkischen Agenda, die er mit oder ohne Nazis als Vizekanzler verfolgt. Ach, wäre Volker Bruch doch Österreicher, er würde den Basti und seinen Geistesbruder HC gewiss wählen.

So aber muss der schauspielerisch begabte, menschlich talentfreie Querdenken-Superstar mit Geistesbrüdern wie Wotan Wilke Möhring eben hierzulande Demokratie und Rechtstaat mit verschwörungstheoretischem Bullshit wie #allesaufdentisch destabilisieren. Frage an die staatsvertraglich organisierte, immerhin gebührenfinanzierte ARD: wieso schmeißt ihr den QAnon Fan Xaver Naidoo eigentlich beim ESC raus, lasst seine Buddies Bruch und Möhring aber fröhlich Tatort oder Babylon Berlin für euch drehen?

Würde die schauspielerisch limitierte, menschlich qualifizierte Maria Furtwängler männliche Menschenverachtung ebenso hingebungsvoll anprangern wie weibliche Benachteiligung – öffentlich-rechtlich gäbe es für beide weit weniger zu verdienen. Dennoch war die neue Studie der Malisa-Stiftung zur Benachteiligung von Frauen im Fernsehen bedeutsam. Und bietet Anlass, die aktuellen TV-Tipps unterm Aspekt der Frauenpräsenz zu betrachten.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

11. – 17. Oktober

In der deutschen Netflix-Serie The Billion Dollar Code um zwei realexistierende Hacker, die Anfang der 90er Jahre den Algorithmus des späteren Milliardenprogramms Google Earth programmiert haben, hat zum Beispiel gleich sieben Hauptdarsteller, während mit ihrer Film-Anwältin (Lavinia Wilson) nur ein Charakter doppelte X-Chromosomen trägt. Im etwas langen, aber famosen ARD-Porträt Kevin Kühnert und die SPD dagegen ist der Protagonist naturgemäß genetisch mutiert.

Wenn sich Daniel Cohn-Bendit ab heute (23.35 Uhr) in der Doku Wir sind alle deutsche Juden an gleicher Stelle in Frankreich und Israel auf die Suche nach Glaubensgenossen begibt, herrscht auch fast unvermeidlich Frauenmangel. Weniger unvermeidlich war es hingegen, dass der fesselnde Thriller Blackout ab Mittwoch Moritz Bleibtreu sechs Teile lang auf die Jagd nach den Ursachen eines europaweiten Stromausfalls bei Joyn+ schickt.

Der Rest ist abgesehen der neuen Sat1-Show Halbpension Schmitz ab Donnerstag allerdings paritätisch, was der deutsche Netflix-Partnertauschfilm Du, Sie, Er & Wir tags drauf sogar im Titel trägt. Gehen wir mal durch: das achtteilige Mädchenhandelsdrama Box 21 aus Schweden? Männer sind Schweine, Frauen wehrhaft. Die Influencerinnen-Nabelschau The D’Amelio Show ab Mittwoch bei Disney+? Sexistisch, aber immerhin von weiblicher Seite. Die dortige Coming-of-Age-Serie Reservation Dogs um fiktive native americans beim Großwerden? Nicht sexistisch, beiderseits.

Der Dänemark Krimi parallel im Ersten? Konventionell, aber gemischt. Die Sky-Mockumentary Wellington Paranormal ab morgen? Unkonventionell. Punkt. Die Neo-Milieustudie Wir um ein halbes Dutzend sinnsuchender Mitglieder der Generation Y im Berliner Speckgürtel? Aufdringlich, aber angenehm beiläufig divers. Der neue Geniestreich von und mit Jan Georg Schütte als Paartherapeut Kranitz, Donnerstag in der ARD-Mediathek? Sechsmal höchste Improvisationskunst für alle. Zu guter Letzt die britische Dramaserie The Drowning um eine Mutter, die neun Jahre nach dessen Verschwinden (Freitag, 13th Street) glaubt, ihren Sohn zu sehen und ihn zu stalken beginnt? Mutter, Sohn, Liebe – noch Fragen?


Ferienbreak

Die freitagsmedien machen mal Pause – Herbstferien! Am 18. Oktober geht es weiter mit dem montagsfernsehen.


Laschets Kinder & Lambys Machtwege

Die Gebrauchtwoche

TV

13. – 19. September

Boah, sind Kinder anstrengend. Sie schmutzen, lärmen, kosten und stellen auch noch dauernd dumme Fragen, die Erwachsene zur Weißglut bringen. Also einige davon… KiKa-Reporter Alexander zum Beispiel ging Tino Chrupalla mit der Bitte um eines jener Gedichte auf den Sack, die der AfD-Chef dem deutschen Volke zur national(sozialistisch)en Erweckung eintrichtern will. Dann maßregelte Armin Laschet (von Klaas Heufer-Umlauf instruierte) Schüler für unbotmäßiges Nachhaken zum Unionshöcke Hans-Georg Maaßen. Und hier wie dort wurde klar, wie sehr sich beide in dem Moment nach einer Renaissance der Züchtigung sehnten.

Beim dritten Triell hatte sich der Kanzlerkandidat also einige Streicheleinheiten seiner früheren PR-Journalistin Claudia von Brauchitsch erhofft, die gestern mit Linda Zervakis in die Fernsehwahlkampfbütt ging. Aber Pustekuchen: als Sat1-Moderatorin machte sie Laschet mehr Dampf als Olaf Scholz. Mehr Dampf sauch als Annalena Baerbock. Mehr, vor allem aber konstruktiveren Dampf sogar als es ARZDF oder RTL, geschweige denn das heillos chaotische Kleinparteien-Quatriell im Ersten zuvor taten.

Das ist auch deshalb auffällig, weil ProSieben mit dem Politainment-Magazin Zervakis und Opdenhövel.Live. am Montag dilettantischen Mumpitz geliefert hatte. Dafür belegt der Sender beim Deutschen Fernsehpreis die ersten zwei Plätzen der Kategorie Infotainment für Pflege ist #NichtSelbstverständlich und Männerwelten von Joko & Klaas, von denen ersterer sogar nochmals für Wer stiehlt mir die Show prämiert wurde. Weitere Preisträger: Markus Lanz und Anja Reschke, Para und Das letzte Wort, Böhmermanns Magazin Royal und Donzkoys Freitagnacht Jews, Petra Schmidt-Schaller und Sascha Alexander Geršak, Für immer Sommer 90 und, äh, Moment – Oktoberfest 1900?!

Das klingt, als habe die Jury wie vor der Wahl von Andrea Kiewel oder der Sat1-Show Catch dasselbe geraucht wie Nemi El-Hassan, als die spätere WDR-Moderatorin 2014 mit 19 – was sie heute offenbar für die Wissenssendung Quarks disqualifiziert – auf einer antisemitischen Al-Quds-Demo war. Illegalen Stoff hatte wohl auch ServusTV-Chef Ferdinand Wegscheider intus, als er Verschwörerisches über 9/11 und Covid10 verbreitete. Dafür war Facebook mal trocken, als es vorige Woche Dutzende von Querdenker-Konten löschte.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

20. – 26. September

An die, also effektorientierte, leichterregbare, sprich schlichtere Gemüter, widmet sich heute hingegen die TVNow-Doku mit dem dezenten Titel Der Todespfleger. Wie das vortreffliche Sky-Pendent Schwarzer Schatten porträtiert sie den 85-fachen Mörder Niels Högel. Anders als dort allerdings kommt er persönlich am Telefon zu Wort, was der Sender auch noch mit „packendes Interview aus der JVA Oldenburg“ ankündigt und damit die niedersten Zuschauerinstinkte triggert. Höhere davon werden dafür zur besten Sendezeit im Ersten bedient.

Da nämlich zeigt das Erste Wege der Macht, Stephan Lambys journalistisch gewohnt perfekt recherchierte Milieu-Studie der politischen Kultur im Bundestagswahlkampf. Ungewohnt sehenswert ist parallel dazu der sendeplatzübliche Montagsfilm im ZDF. Carlo Ljubek befindet sich darin als Obdachloser, an dem die erschöpfte Köchin Ira (Julia Koschitz) ihr lädiertes Gewissen aufmöbelt, so anrührend wie schlüssig Auf dünnem Eis – und damit im fiktionalen Kerngebiet der ARD.

Genau dort macht sich Gabriela Maria Schmeide als alleinerziehende Mutter nach ihrer Kündigung selbstständig. Ihr mobiler Brotservice Tina Mobil berlinert sechsmal 45 Minuten zwar ein bisschen zu aufdringlich durch verwaiste Dörfer im Dreckgürtel der Hauptstadt. Da Schmeide jedoch wie kaum eine Kollegin richtige Realität glaubhaft machen kann, ist die Primetime-Serie trotzdem sehenswert – und damit das genau Gegenteil von Jürgen Vogel in der neuen ZDF-Freitagskrimireihe Jenseits der Spree, über den wir hier Derricks Trenchcoat des Schweigens hüllen.

Was demgegenüber zu empfehlen wäre: Morgen um 0.10 Uhr das Kleine Fernsehspiel Freaks mit Cornelia Gröschel als unverhoffte Superheldin. Oder die erste Staffel der Comic-Adaption Y – The Last Man von Disney+ um eine Zukunft (fast) ohne fortpflanzungsfähige Männer. Oder tags drauf bei Amazon das opulente Ballettdrama Bords of Paradise. Und zum Wochenendfinale die nicht nur musikalisch wuchtige Achtzigerjahre-HipHop-Gangcrime-Serie BMF auf Starzplay.


Ohlens Schlamm & Schalkos Egos

TV

Die Gebrauchtwoche

19. – 25. Juli

Huch – ein IT-Unternehmen stellt den Staaten der Welt, also ausdrücklich allen, geheimnisvolle Spy-Ware zur barrierefreien Komplettüberwachung von Smartphones zur Verfügung und einige dieser Staaten nun benutzen Pegasus, so heißt dieses demokratiefeindliche Premiumprodukt, das der israelische Hersteller mit dem sprechenden Namen NSO sogar ans antisemitische Saudi-Arabien verhökert, nicht wie vereinbart gegen vermeintlichen Terror, sondern auch Journalist*innen und politisch anders Unbotmäßige anderer Art?

Gibt’s ja gar nicht!

Vielleicht hat die RTL-Reporterin Susanne Ohlen also nur ein bisschen Schlamm der Flutkatastrophe im Gesicht verteilt, um sich zumindest analog unsichtbar für Despoten zu machen. Vielleicht hat Armin Laschet einen ähnlich ulkigen Vorgang beobachtet, als der CDU-Kanzlerkandidat vor laufenden Kameras feixte, während Bundespräsident Steinmeier (dem bei gleicher Gelegenheit ähnliches passierte) den Todesopfern kondolierte. Und vielleicht haben zwei gut erkennbare Neonazis, die Philipp Amthor andernorts zum geselligen Fotoshooting baten, auch nur Spitzenwitze über die „Judenpresse“ oder so gemacht, über die sich Laschets kleiner Parteifreund so freut.

Sinn für verschrobenen Humor beweist derweil der frühere Kanzlersender auf seinem Rückweg Richtung ernstzunehmendes Vollprogramm mit etwas mehr als Heididei und Trash-TV. Wenn Sat1 fünf Tage nach Matthias Opdenhövels Reanimation von ran ins Fußballfernsehgeschehen übermorgen seine Sommerinterviews beginnt, bleibt neben der völkischen AfD nämlich auch die bürgerliche Linke ausgeschlossen. Rinks, Lechts – für Sat1 irgendwie alles die gleichen Extremisten.

Die Frischwoche

26. Juli – 1. August

Apropos extrem: Seit genau 25 Jahren auf einer Überdosis Testosteron in explodierenden Kisten auf brennendem Asphalt unterwegs ist Erdogan Atalay, Hauptdarsteller der vollfiktionalen Autobahnpolizei Cobra 11, die am Donnerstag in Staffel 26 geht. Allerdings mit mittlerweile zwei Kolleginnen und dank eines Kollegen im Rollstuhl auch sonst maximal divers. Das gilt auch für eine Fortsetzung der zeitversetzten Art. Zwei Jahrzehnte, nachdem die HBO-Serie In Treatment zu Ende ging, wird Gabriel Byrne ab morgen auf Sky von einer Frau ersetzt. Und nicht nur das.

Die neue Therapeutin – gespielt von Ubo Aduba (Orange is the New Black) – ist eine Schwarze, die vor allem intersektional diskriminierte Figuren therapiert. Das ist löblich, originell, zudem pandemiegerecht inszeniert, aber manchmal doch etwas bemüht divers. Damit hat David Schalkos neuer Streich Ich und die anderen auf gleichem Kanal hingegen weniger Probleme. Die Charaktere seiner sechsteiligen Groteske sind viel zu absurd (und weiß), um sich mit so viel Realität auseinanderzusetzen.

Zur Handlung: Der Werber Tristan (Tom Schilling) erwacht jeden Tag in einer Welt, die sich auf verschiedene Art vollständig um ihn dreht – alle wissen alles über ihn etwa oder vergöttern ihn hingebungsvoll. Und wie immer beim Wiener Regisseur ist auch dieser Murmeltier-Mindfuck zu irre, um wahr zu sein, aber grad deshalb so wahrhaftig. Ähnliches gilt für das fünffach oscarprämierte Gesellschaftsdrama Parasite aus Südkorea, dessen Free-TV-Premiere die ARD allerdings morgen erst um 23 Uhr zeigt.

Vorher kann man sich daher noch gut die dritte Staffel der ewig heiteren Netflix-Serie Hot To Sell Drugs Online (Fast) ansehen. Nachher dann bei Bedarf ein bisschen Olympia im ZDF. Oder ab Freitag die Überraschung der Woche. In Watch the Sound begibt sich Superduperüberproduzent Mark Ronson sechs Teile lang bei Apple+ auf die Spur des Pop. Dafür trifft der Superproduzent ab Freitag Stars von Paul McCartney über Dave Grohl bis Charli XCX und schafft es tatsächlich, ein paar Geheimnisse zeitgenössischer Musik zu enträtseln, bevor Böhmi tags drauf bei Neo weiter bruzzelt.


Gesinnungstests & Dissidenten

TV

Die Gebrauchtwoche

28. Juni – 4. Juli

Hipphipphurra – es ist ein Junge! Ein weißer zudem, klar. Und mit genau 50 an Jahren reich genug, um alt genannt zu werden. In der Wahl Norbert Himmlers zum neuen ZDF-Intendanten zeigt das hiesige Patriarchat seine Stressresilienz nochmals in voller Stärke und nein, das hat zunächst wenig mit der Befähigung eines weißen, mittelalten Mannes zu tun, der dem Sender aus seiner Heimatstadt Mainz bereits als studentische Hilfskraft tätig ist. Himmler ist nach Lage der Dinge ein exzellenter Fernsehmacher.

Gemeinsam mit seinem Vorgänger (und Ziehvater) Thomas Bellut, hat er das Zweite zur Plattform diversifizierter Sehgewohnheiten gemacht, auf der Jan Böhmermann locker neben Katie Fjorde (be)steht und das Traumschiff neben dem Browser Ballett. Trotzdem hinterlässt die Wahl vom Freitag einen schalen Beigeschmack. Denn nicht nur, dass der sechste Intendant seit 1962 abermals männlich ist; seine Konkurrentin Tina Hassel zog sich nach drohendem Patt vor der dritten Wahlrunde auch noch freiwillig zurück – ein Move, den Alpharüden wie Himmler noch nicht mal theoretisch im psychosozialen Handlungsrepertoire haben.

Nochmals: Himmler ist eine gute, zielführende, eine konkurrenzfähige Wahl. Peinlich ist es dennoch, dass sein Haussender in 61 Jahren keine, nicht eine einzige Frau vom eigenen Hof gefunden hat, um ihn zu leiten. Dass Tina Hassel 2022 Chefredakteur Peter Frey ablösen dürfte, ist da zunächst nur ein schwacher Trost. Und damit zurück zum Fußball. Denn auch da ist es – Hipphipphurra – ein Junge, der die Geschicke des Kontinents leitet, weshalb die EM-Stadien der Viertel- und Halbfinals am Bildschirm so voll sind, dass die Delta-Variante hüpft vor Freude.

Für Regenbögen allerdings brauchen wir da schon Sonnenscheinregen. UEFA-Präsident Aleksander Čeferin hat VW verboten, Bandenwerbung in die Farben der LGBTQ-Bewegung zu tauchen. Andernfalls könnte das Čeferins totalitäre Geldgeber von Orbán bis Putin verstören – und soweit sollten Respekt-Kampagnen nun wirklich nicht gehen… Auf seinem Rechtskurs Richtung NPD noch weiter geht derweil Hans-Georg Maaßen, der in einem Interview mit dem dubiosen Regionalsender TV Berlin Gesinnungsprüfungen für Tagesschau-Sprecher*innen forderte.

Die Frischwoche

5. – 11. Juli

Von Charaktertests für Soldaten hat man aus Maaßens Mund hingegen noch nichts gehört. Das Thema der gleichnamigen ARD-Dokumentation dürfte den Landser-Fan jedoch aus seinem geistigen Führerbunker vor den Fernseher treiben – um ihn gleich wieder abzuschalten. Denn Christian von Brockhausens Porträt dreier Rekruten auf dem Weg nach Afghanistan ist keine Heldenerzählung, wie Maaßen sie mag, sondern einfühlsam-kritisches Sachfilmfernsehen der Extraklasse.

Das gilt mit Abstrichen auch für die Sky-Doku The Dissident, in der Regisseur Bryan Fogel (Ikarus) den Auftragsmord am saudischen Journalisten Jamal Kashoggi vor drei Jahren rekonstruiert. Alles ein bisschen zu laut, alles ein bisschen zu melodramatisch, alles aber auch sehr erhellend. In entfernterer Vergangenheit, die unverändert gegenwärtig ist, gräbt dagegen Samuel L. Jackson. Selbst Nachfahre afrikanischer Sklaven, begibt sich der Schauspieler ab morgen auf History Play (Apple+/Amazon), sechs Teile lang auf die Spur von zwölf Millionen Menschen, die in 300 Jahren Enslaved wurden.

Auch das ist manchmal ein wenig überdramatisiert, dank der Dreiteilung in Jacksons Familiengeschichte, einer parallelen Schatzsuche nach versunkenen Sklavenschiffen und der notwenigen Geschichtseinordnung aber äußerst gehaltvoll. Ob das auch fürs Klima Update gilt, mit dem RTL ab Donnerstag nach den Hauptnachrichten Umweltschutz simuliert, bleibt abzuwarten. Die Magenta-Serie Der Djatlow-Pass dagegen ist fiktional, befasst sich ab heute aber mit dem wahren Unglück von neun Wanderern, die vor 62 Jahren auf mysteriöse Art im Ural ums Leben gekommen sind.

Ausgedacht und doch auf drollige Art lebendig ist die Neo-Serie Deadlines, ab Freitag in der ZDF-Mediathek. Vier Schulfreundinnen treffen sich Jahre nach der Trennung in Frankfurt und vergleichen ihre scheinbar verschiedenen Großstadt-Existenzen. Apropos Frauen im Rampenlicht: Am Samstag springt Sabine Heinrich aus der WDR-Nische ins ZDF-Rampenlicht und moderiert – zunächst um 19.25 Uhr, im Finale zur Primetime – die Lagerfeuershow Das große Deutschland-Quiz. Und der Vollständigkeit halber wollen wir nicht die 2. Staffel der Netflix-Serie Biohackers tags zuvor verschweigen.


(Luft-)Terroristen & (Dom)inas

Die Gebrauchtwoche

TV

21. – 27. Mai

Schon furchteinflößend, wie rigide die EU offenen Staatsterrorismus ahndet. Nachdem Weißrusslands Diktator Lukaschenko ein europäisches Passagierflugzeug kaperte, um den regimekritischen Blogger Roman Protassewitsch festzunehmen, reagierte sie knallhart und verhängte – nein, weder Handelsbeschränkungen noch Botschafterausweisungen, geschweige denn Handelsboykotte, sondern Einreisebeschränkungen für Spitzenfunktionäre. Krass…

Man mag sich kaum ausmalen, wie brutal die Wertegemeinschaft durchgreifen würde, ließe Lukaschenko Journalisten öffentlich hinrichten; es könnte sein, dass sie die Pressefreiheit dann so verteidigt wie in Ungarn, Polen oder der Türkei, also – ach nee, hoppla, gar nicht. Das erinnert ein bisschen daran, welche Maßnahmen CDU/CSU-Politiker*innen zu befürchten haben, wenn sie mit Maskendeals Millionen oder für lupenreine Demokratien wie Aserbeidschan Werbung kostenpflichtig Werbung machen…

Beides taten übrigens Abgeordnete jener christlichen Dauerregierungsparteien, die das strengere Verbot illegaler Spenden gerade daran knüpfen, dass ein früherer Konkurrent seine Beteiligung am Medienverlag DVVG abstößt, weil das, hüstel, für sozialdemokratische Gewissenskonflikte sorgen könne. Ihren Humor hat die gewissenbissbefreite Union jedenfalls nicht verloren. Anders als ein gewisser Ikke Hüftgold. Wer mit Ballermann-Hits wie Hackevoll durch die Nacht oder Dicke Titten Kartoffelsalat sein Geld verdient, dürfte zwar gewissenbissbefreit sein.

Weil ihm Sat1 beim – mittlerweile abgesetzten – Elendspranger Plötzlich arm, plötzlich reich misshandelte Kinder ins Haus holte, machte Matthias Distel, so sein bürgerlicher Name, den Skandal publik – wofür ihn die Produktionsfirma Imago flugs auf Unterlassung verklagte, weil er auch das Honorar veröffentlicht, nämlich 47.500 Euro für ihn, also 30-mal mehr als das Almosen für die Eltern der geprügelten Kids. Aber um das mal ins Verhältnis zu setzen: Amazon zahlt demnächst das 146.768-fache von Ikkes Salär dafür, MGM zu kaufen und damit das letzte unabhängige Filmstudio Hollywoods.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

28. Mai – 4. Juni

Neben eigener Ware wie der Real-Crime-Serie Dom, die ab Freitag den brasilianischen Drogenkrieg fiktionalisiert, zeigt Amazon demnächst also auch zugkräftige Klassiker von James Bond bis Ben Hur. Was Sky am Tag zuvor sendet, klingt zwar ähnlich wie Dom, ist aber was völlig anders. Die Historienserie Domina stellt das Leben der antiken Herrscherin Livia nach, aus deren Dynastie Roms erster Kaiser Gaius hervorging. Doch so opulent der Achtteiler ist – inhaltlich bleibt das Potpourri aus Sex, Gewalt und Gegenwartssprache die übliche Effekthascherei pseudohistorischen Reenactments.

Dann doch lieber Fantasy, die sich zu ihrer Fantasie bekennt. Sweet Tooth zum Beispiel. In der dystopischen Mystery-Serie führt eine – Achtung, Aktualität – Pandemie ab Freitag auf Netflix zum Kollateralschaden hybrider Wesen, die von den Überlebenden der Katastrophe gejagt werden. Und damit das auch für Kinder verdaulich ist, sehen wir dem kleinen Gus mit Hirschgeweih und Steinschleuder dabei zu, wie er seine Mama in einer Mischwelt aus Bambi und Mad Max sucht. Süß, aber auch sozialkritisch. Ohne Zucker relevant ist die Neo-Serie Exit. Für Sex, Macht und Drogen werfen vier norwegische Broker ab Samstag alle moralischen Werte über Bord ihrer Luxusyacht.

Dabei wäre die achtteilige Schwanzparade fast zu klischeehaft, basierte sie nicht auf wahrer Vorlage. Von der Realität entkoppelt ist hingegen die Sky-Sitcom Intelligence von und mit Nick Mohammed. Eine überaus lustige Mischung aus Stromberg und Homeland mit David Schwimmer als NSA-Spion, der pünktlich zur Reunion seiner Friends auf gleichem Portal in die britische Fernmeldeaufklärung GCHQ strafversetzt wird. Originell ist auch das Geldwäsche-Drama Limbo, morgen (22.45 Uhr, ARD): Regisseur Tim Dünschede hat es in nur einem Take gedreht. Demgegenüber wirkt die Netflix-Sause Carnival um Influencer beim Feiern in Rio ab Mittwoch ebenso zerschnippelt wie tags drauf der achtteilige Apple-Thriller Lisey’s Story nach Motiven von Steven King.


Prinz Philip & Brennpunkt Wedding

Die Gebrauchtwoche

12. – 18. April

Sieben. Was nach einem Drama von David Fincher klingt, ist die Zahl der Sender, denen das Begräbnis von Prinz Philip Übertragungen wert war, Spitzenmeldung bei Tagesschau und heute inklusive. Das Ableben eines Greises, der seine Privilegien, den Reichtum, all die feudale Selbstherrlichkeit auf Usurpation entrechteter Untertanen, Völker, ganzer Nationen begründet, sollte das Jahr 2021 zwar pietätvoll verschweigen, aber gut: zuvor hatte sich Prinz Marcus von Anhalt, Herzog zu Sachsen und Westfalen, mit Drittnamen nicht zufällig Adolf getauft, auf Sat1 so homophob geäußert, dass es die Woche verachtenswerter Aristokratie in den Medien war.

Zumindest in solchen, die Jan Böhmermann tags zuvor im ZDF Magazin Royal als erlogenen Auswurf skrupelloser Verlage entlarvte oder wie er ihn nennt: Quantitäts-Journalismus. Mit dem nämlich belügen Bauer, Burda, Funke, Klambt ihr Publikum nach Strich und Faden, bis auch die Reputation des Qualitäts-Journalismus an den Abgrund des demokratiefeindlichen Rechtspopulismus gerissen wird. An dieser Stelle sind wir gar nicht weit weg von der neofeudalen Kleptokratie unzähliger Unionspolitiker*innen, denen die Schlammschlacht zwischen Armin Laschet und Markus Söder sehr gelegen kam.

Seit sich die Alpharüden der strukturkorrupten CDU/CSU öffentlich um den Eisernen Thron zanken, ist von Maskendeals bestechlicher Mandatsvergewaltiger nicht mehr die Rede. Die Presse liebt nun mal den aktuellen, nicht verachtenswertesten Skandal, weshalb der kleinere um Elke Lehrenkrauss ins Feuilleton der Zeit abgewandert ist, wo die Filmemacherin dem NDR-Redakteur ihrer inszenierten Doku Lovemobil eine Teilschuld zuschob. Der habe sie vernachlässigt. Einmal nur sei er vorbeigekommen. „So baute sich keine vertraute Atmosphäre auf“, sagt Lehrenkrauss.

Lügen wegen Unterbehütung? Muss man auch erst mal drauf kommen. Worauf vor kurzem auch noch niemand gekommen wäre: dass der oder die grüne Spitzenkandidat*in heute nicht ins Hauptstadtstudio von ARZDF zum Antritts-Interview geht, sondern – kein Scherz: zu ProSieben. Aber da gehen neben Baerbock/Habeck ja jetzt auch Leute wie Linda Zervakis hin…

Die Frischwoche

19. – 25. April

Auch interessant: es ist abgesehen von Joko & Klaas gegen ProSieben am Dienstag das einzig bemerkenswerte Angebot der Woche beim Entertainmentkanal. Fast schon uninteressant: Stattdessen bestimmen Streamingdienste das Geschehen. Etwa TNT, wo Özgür Yıldırım nach 4 Blocks die nächste Berliner Kiez-Serie liefert. Herausragend an Para ist dabei nicht nur, wie authentisch seine Hauptfiguren die Sehnsucht des Brennpunkts Wedding nach Krümeln vom Kuchen der Wohlstandsgesellschaft suchen. Herausragender ist, dass es vier erfrischend derbe Frauen sind, die hier im (klein)kriminellen steilgehen.

Nachdem Martin Freeman ab morgen als verklemmter Bibliothekar der Sky-Liebeskomödie Ode to Joy die Richtige sucht, hört Christoph Maria Herbst als vereinsamter Pädagoge Tilo Neumann zwei Tage später bei Now auf innere Stimmen, um sein tristes Dasein umzukrempeln. Zeitgleich wandert derselbe Hauptdarsteller vom gleichen Portal zu RTL, wo Der große Fake mit anschließender Doku zur Wirecard-Story im Free-TV läuft. Tags drauf gibt es mit der Netflix-Serie Shadow & Bone Fantasy-Futter für Fans der Roman-Trilogie Legenden der Grisha, während Sky mangels ausreichender Kino-Auswertung bereits Christopher Nolans Lockdown-Meisterwerk Tenet zeigt.

Anything else? Nicht viel. Ab Freitag (23.30 Uhr) unterhält sich der Berliner Schauspieler Daniel Donskoy in der WDR-Latenight Freitagnacht Jews ausgerechnet am Ruhetag Schabbat mit Glaubensbrüdern und -schwestern über jüdisches Leben in Deutschland. Zwei Tage, nachdem ProSieben die bedrückende SuperGau-Serie Chernobyl fortsetzt, zeigt Arte am Mittwoch um 20.15 Uhr seine themengleiche Dokufiktion Die letzten Tage Luxemburgs. Und Freitag zeigt der Kulturkanal die ganz und gar wunderbare Christina Hecke beim nächsten Einsatz als Kommissarin Mohn der Krimi-Reihe In Wahrheit. Darüber hinaus bieten die realen Krimis vom Führungsstreit der Union bis zum Kampf der Inzidenzwerte aber ja schon genug reales Entertainment.


Stahlknechts Reich & Bettys Board

Die Gebrauchtwoche

30. November – 6. Dezember

Der Weg in die Zukunft von Kino und Fernsehen ist bekanntermaßen schwer vorherzusagen, aber Jason Kilar hätte mal eine Idde: Derjenige, „um der Gemeinschaft der Filmtheater das Wichtigste zu geben, was wir ihnen liefern können“, sagte der CEO von WarnerMedia vorigen Mittwoch in New York, sei „einen stetigen Strom neuer und frischer Filme, auf die Kinobesitzer und Zuschauer und sich verlassen können“. Sein Unterhaltungskonzern will nächstes Jahr nämlich alle Produktionen zeitgleich auf Bildschirm und Leinwand verbreiten.

Alle.

Klingt autoaggressiv, ist aber womöglich ein Ausweg, um Blockbuster finanzierbar, ergo: lukrativ zu machen und wirft ein grelles Licht in die schwach beleuchtete Sitzgarnitur deutscher Wohnstuben, wo gerade über den Betrag von 86 Cent eine Koalition zu kollabieren droht. Weil ihm die rechts-braun versiffte AfD nähersteht als der links-grün versiffte Regierungspartner, wurde Sachsen-Anhalts Innenminister – kein Scherz: Stahlknecht entlassen und die Entscheidung über die Erhöhung der Rundfunkgebühr vertagt.

Wenn das mal kein Serienstoff wäre. Allemal innovativer immerhin als die Übernahme fremder Formate, wie es TVNow mit der ARD-Soap Verbotene Liebe tut, Pro7 mit dem RTL-Abenteurer Jenke oder Amazon mit der Pro7-Parodie Binge aka Switch Reloaded. Dagegen erscheint Trumps repetitive Verschwörungsshow auch nach fünf Wochen fast so frisch wie die RTL-Idee, das Dschungelcamp 2021 nur als Castingshow fürs Dschungelcamp 2022 zu inszenieren.

Wirklich neu ist es indes, wie Netflix mit dem Coming-Out von Elliot Page (Umbrella Society) umgeht: dass er sich als Transgender bekennt, war dem Streamingdienst schlichtweg egal. Egal war es dem ZDF Samstag erneut, dass es Julian Reichelts menschenverachtender Bild mit der Übertragung ihrer zynischen Kinderkampagne (hoffentlich?!) kostenlos Werbung geschenkt hat. Zur Strafe für diese Selbstentwürdigung ignorieren wir das Zweite im Frischfernsehen und empfehlen nur Programm der kommerziellen Konkurrenz.

Die Frischwoche

7. – 13. November

Sat1 zum Beispiel, das morgen mit Zerrissen mächtig auf die Tränendrüse drückt. Trotzdem ist das Rührstück mit Alwara Höfels, die ihr verschwundenes Kind Jahre später als Tochter einer anderen (Katharina Wackernagel) entdeckt, relativ anspruchsvoll. Parallel zeigt Sky eine HBO-Serie, die das ZDF allenfalls bei Neo verklappen würde: In Chrystal Moselles Betty kämpfen fünf junge Skateboarderinnen aus New York acht Teile lang hinreißend authentisch um Anerkennung männlicher Platzhirsche.

In der gleichen Altersgruppe spielt Freitag auf (kauft nicht bei) Amazon die Lost-Variante The Wilds. Nachdem ihr Flugzeug vor einer einsamen Insel abstürzt, kämpfen neun Schülerinnen darauf ums Überleben, sind allerdings auch Teil eines bizarren Experiments. An gleicher Stelle startet zugleich die Gangsterballade I’m Your Woman, in der Mrs. Maisel Rachel Brosnahan vorm Vater ihres eigenen Kindes flieht und dem fiktionalen Entertainment ein Stück fesselnder Ereignisarmut hinzufügt.

Das kann man vom Netflix-Musical The Prom mit Nicole Kidman und Meryl Streep ab Freitag nicht behaupten, wäre in dem Genre aber auch ziemlich seltsam. Aus Deutschland wird übrigens auch was Bemerkenswertes gestreamt: In der TV Now-Serie Unter Freunden stirbt man nicht, versuchen Darsteller wie Berben und Lauterbach ihren toten Freund solange frisch zu halten, bis ihm ein Nobelpreis verliehen wird, den es nicht posthum gibt. 

Während der Mutterkanal RTL am Sonntag sein letztes F1-Rennen zeigt und damit die Ära des testosterongetränkten Scheißegal beendet, flutet Pro7 seine Mittwochsprimetime mit der hinreißenden Schnodderigkeit von Jeannine Michaelsen, die in der Show mit dem Sortieren irgendwas ordnet. Die Wiederholungen der Woche sind von heute: Als Das Mädchen in Uniform (20.15 Uhr, Arte) emanzipierte sich Romy Schneider 1958 von Sissi. Als Dr. Kimble Auf der Flucht (20.15 Uhr, Kabel 1) tat Harrison Ford gleiches 1993 mit Indiana Jones. Und der Tatort: Der Spezialist reist zu den Düsseldorfer Cops Flemming/Koch ins Jahr 1996.


Ausreden & Rumspuken

Die Gebrauchtwoche

5. – 11. Oktober

Es war ein denkwürdiger Satz, den Chris Wallace da am vorigen Mittwoch um drei Uhr früh MEZ am Bildschirm aussprach: „Ich denke, es würde unserem Land mehr nützen, wenn Sie sich ausreden ließen“, mahnte er seine zwei Gäste, als ihm die presidential debate zu entgleiten drohte. Besser konnte der Moderator nicht zum Ausdruck bringen, wie entwürdigend das politische Schauspiel vor gut 100 Millionen US-Amerikanern und einer ähnlich hohen Zahl in aller Welt kaum zum Ausdruck bringen.

Als der Moderator explizit an Donald Trumps Adresse „besonders Sie, Sir“ hinzufügte, wurde aber auch deutlich, wie erschöpft selbst Gesinnungsgenossen des US-Präsidenten mittlerweile vom US-Präsidenten sind. Chris Wallace nämlich stammt keinesfalls von Medien, die der Amtsinhaber als „Feinde des Volkes“ beschimpft, sondern ist Anchor seines Hofberichterstatters Fox News – weshab Trump wie ein Kleinkind im Sandkasten „er aber auch“ zurücknölte. Vielleicht ist das die beruhigendste Nachricht dieser grässlichen Nacht: Selbst in Trumps Umfeld existiert noch immer so etwas wie Expertise, Vernunft und Ethos.

Was das an der Präsidentschaftswahl ändern wird, bleibt zwar abzuwarten; die Gräben im Land jedenfalls scheinen zu tief für Kompromisse beiderseits der Fronten. Doch wie wichtig guter Journalismus fürs gesellschaftliche Miteinander ist, hat ein Profiteur der Diskursverrohung begriffen und lässt ihn sich sogar was kosten. Gut, drei Milliarden Dollar, die Google News Showcase über drei Jahre hinweg als Gegenleistung für Einkünfte aus journalistischem Content zahlen will, investiert der Mutterkonzern Alphabet vermutlich auch für kostenlose Softdrinks in Mountain View – aber es ist ein Anfang.

Die Frischwoche

12. – 18. Oktober

Ein Ende der Karriere von Millie Bobby Brown dagegen ist bislang völlig außer Sichtweite. Mit gerade mal 16 Jahren hat die Hauptdarstellerin von Stranger Things das nächste Netflix-Format eigenhändig produziert. In Enola Holmes spielt sie die Schwester des berühmtesten aller Detektive und macht das mit Helena Bonham Carter als feministische Mutter herausragend. Am Freitag startet der Marktführer dann Spuk in Bly Manor, setzt damit denselben in Hill House fort und macht die Woche endgültig zur Horrorshow.

Parallel setzt Sky in Swamp Thing die Tradition unheimlicher Sumpfmonster fort, bereits heute zeigt Amazon World Beyond, ein Spin-Off der Endlosserie Walking Dead. Horror ohne Geister liefert dagegen das ZDF um 22.15 Uhr in der südafrikanischen Serie Trackers um den verheerenden Blutdurst des Kapitalismus. Und wenn Magenta TV ab Donnerstag mit Ein guter Mensch die allererste Fiktion aus der Türkei in Deutschland zeigt, geht es beim Rachefeldzug eines pensionierten Gerichtsschreibers ebenfalls blutrünstig (und sehr, sehr ansehnlich) zur Sache.

Was sonst noch läuft: ab morgen (22.50 Uhr) im Ersten die komödiantische Talkshow Club 1, in der Gastgeber Hannes Ringlstetter seine Gäste erst zu Beginn der Sendung kennenlernt. Gut zwei Stunden früher startet bei One die EU-Komödie Parlament, in dem Christiane Paul mit den Mühen europäischer Bürokratie zu tun hat. Zwei Tage später zieht TNT in die lustige Patchwork-WG Close Enough ein, während die dänische Thriller-Serie Killing Mike dem Genre ab Freitag (23.30 Uhr, Neo) nichts Neues hinzufügt, aber schon auch spannend ist.

Dass die dritte Staffel Babylon Berlin ab Sonntag nun auch im Ersten läuft, klingt da schon ein wenig nach Wiederholungen der Woche. Was allerdings erst jene zwölf Klassiker der Weimarer Republik von Doktor Mabuse über M und Metropolis bis hin zu der Der Blaue Engel vollenden, die zeitgleich dazu in der ARD-Mediathek stehen. Bliebe also noch der Tatort, und weil er zeitlos toll ist, nehmen wir doch einfach Schimansiks Miriam von 1983, morgen um 22.15 Uhr im WDR.