Senta Berger: Kir Royal & Eva Prohacek

Ich komme grad aus dem Garten

Senta Berger (Foto: ZDF) ist seit 60 Jahren im Filmgeschäft. Jetzt aber tritt sie ein bisschen kürzer – weshalb ihr neuer Terror-Fall (in der ZDF-Mediathek abrufbar) von Unter Verdacht der vorletzte sein soll. Ein Gespräch über Amtsmüdigkeit, Hierarchien, Heimatfilme und das Refugium Gartenarbeit.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Berger, gab’s das schon mal – Unter Verdacht als Zweiteiler?

Senta Berger: Nein, das war eine außerordentliche Idee. Sie wurde dadurch geboren, dass ich schon vor zwei Jahren gesagt habe, es wäre jetzt langsam mal an der Zeit, Eva Prohacek – die ja  Beamtin mit festgelegter Pensionsgrenze ist – in Rente gehen zu lassen. Wir wollten eine komplexe Geschichte erzählen. Das persönliche Schicksal der Prohacek mit der gegenwärtigen Situation in Deutschland verknüpfen. Dafür haben wir uns ein umfangreicheres Format gewünscht und vom Sender auch zugestanden bekommen.

Das ist also Ihr Abschied von der Reihe?

Nicht ganz. In der Zeit, in der das Drehbuch für Verlorene Sicherheit geschrieben wurde, liefen im Fernsehen zwei neue Folgen und mehrere Wiederholungen älterer Filme, die nicht nur mir, sondern dem Publikum offensichtlich großen Spaß bereitet haben. So haben wir uns alle auf eine letzte Folge einigen können und freuen uns auf die Dreharbeiten im Herbst.

Nichtsdestoweniger scheint sich die Figur in Verlorene Sicherheit von ihrer Rolle innerlich zu verabschieden.

Ist das so?

Sie wirkt psychisch, aber auch physisch angeschlagener als in den 25 Folgen zuvor.

Na – dann ist uns ja geglückt, was wir uns vorgenommen hatten, für Eva Prohacek ein neues Kapitel aufzuschlagen, einen Aufbruch – und sei es einer ins Ungewisse.

Ist es eher Amts- oder Altersmüdigkeit, die Eva Prohacek da erwischt?

Weder noch. Wir haben das Alter der Kriminalrätin immer unbestimmt gelassen. Dass ich zehn Jahre älter bin als die Prohacek im Staatsdienst eigentlich sein darf, weiß ja jeder, und ich finde, langsam sieht man es auch. Es geht mir um die Glaubwürdigkeit der Figur und damit auch um die Glaubwürdigkeit der Geschichten, die wir erzählen.

Gab es bei Ihnen selbst schon mal so etwas wie Amtsmüdigkeit, was diese Rolle betrifft?

Nein, gar nicht. Sie macht mir großen Spaß und wird mir unglaublich fehlen – nicht nur die Geschichten, sondern das Team, mit dem ich bis auf wenige Ausnahmen seit 2001 zusammen arbeite. Weil ich selber schon lange in der Produktion tätig bin, kenne ich auch die Bedingungen, die Notwendigkeiten hinter der Kamera gut und weiß, was die Menschen dort leisten, aber auch brauchen. Wenn man sich gut versteht, haben Dreharbeiten auch immer etwas vom Schulausflug einer Klasse, in der es verschiedene Temperamente und Aufgaben gibt, aber keine Hierarchien.

Entspricht das auch Ihrer Persönlichkeit, es mit Hierarchien nicht so zu haben?

Absolut, aber die gibt es schon seit Jahrzehnten nur selten am Set. Und falls doch, empfinde ich das immer als ein Zeichen von begrenzter sozialer Intelligenz. Ich werde öfter gefragt, wie sie denn so waren – diese großen Hollywoodstars, mit denen ich gearbeitet habe. Mein Eindruck: Je berühmter, desto bescheidener. Ich werde nie einen Film mit Marcello Mastroianni vergessen, der ganz unscheinbar auf einem Stühlchen in der Ecke saß, an dem ständig Leute vorbeiliefen und fragten, Marcello, was kann ich dir bringen, Marcello willst du noch einen Kaffee. Aber er wollte das alles nicht, er wollte nur arbeiten.

Umschwärmt man Sie nach 60 Jahren im Geschäft ähnlich?

Manchmal, aber man merkt dann schnell, dass es eher den Umschwärmenden schmücken soll als mich.

Sah man Sie darin nach Ihrer Rückkehr aus den USA hierzulande mit anderen Augen?

Ach wissen Sie, dieser Beruf folgt ja selten einer geraden Linie. Als ich aus Amerika zurückgekehrt bin, habe ich in Rom, in der Cinecitta weiter Kinofilme gedreht. Da gab es ja noch bis Anfang der 80er lange Schlangen vor den Kinos, in den Sälen durfte sogar geraucht werden. Das kann ich mir heute gar nicht mehr vorstellen, obwohl das Popcorn-Schmatzen eine ebensolche Pest ist. Aber in Deutschland galt Hollywood dem damaligen Autorenfilm als Feind und ich war seine Vertreterin. Ich habe also jahrelang in Deutschland keine Filme machen können. Aber ich habe Theater gespielt. Begonnen hat es bei den Salzburger Festspielen dass  ich, als erwachsene Frau meine eigene Sprache wieder entdeckt habe, das war sehr aufregend. Unsere Produktionsfirma Sentana-Film hat erste Erfolge gehabt, zum Beispiel mit Die Weiße Rose und ich habe – vielleicht das schönste Abenteuer meines Lebens – zwei Kinder bekommen. Es war also klar, dass ich mich entscheiden musste, wo ich leben und arbeiten wollte. Der Übergang nach Deutschland war also fließend, bevor ich dort die erste wichtige Arbeit hatte.

Nämlich?

Kir Royal, zumal das ausgestattet war wie ein Kinofilm, auf 35mm, pro 45-minütiger Folge 28 Drehtage.

Wann genau ist eine Arbeit inhaltlich wichtig für Sie?

Wenn es etwas ist, an das ich glaube und zugleich das Interesse anderer weckt. Ich bin in der Zeit dieser verlogenen Heimatfilme aufgewachsen, ein gebranntes Kind. In Österreich haben hervorragende Kabarettisten die schlimmsten Drehbücher geschrieben, weil sie glaubten, dem  Publikum sei die Wahrheit nicht zumutbar, die man auch durchaus humorvoll erzählen könnte. Das versteht der Zuschauer nicht – wie oft habe ich das gehört! Welch ein furchtbarer Irrtum! Den Zuschauern ist das Beste zumutbar, selbst wenn sie gar nicht wissen, was genau das ist. Nur ein gemeinsamer Anspruch macht Filme wichtig.

Ist das bei diesem hier aus Ihrer Sicht der Fall?

Ich denke und hoffe es.

Wobei man nicht weiß, was einem mehr Angst macht – der islamistische Terror oder ein Staat, der bei dessen Bekämpfung alle Regeln missachtet.

Weil es nur ein Krimi und kein Dokumentarfilm ist, ganz gewiss nicht letzterer. Dennoch erhebt der Film natürlich einen gewissen Wahrheitsanspruch. Und angesichts der Tatsache, dass seine Ausstrahlung wegen der Anschläge von Frankreich und Berlin verschoben wurde, offenbar auch zu recht. Aber es gibt ja viele Wirklichkeiten. Eine davon erzählt von einer türkischen Familie, die bis auf ein junges Mädchen, das auf der Suche ist, ohne noch  zu wissen, was es sucht, bestens integriert ist. So gesehen ist dieser Film in anderer Hinsicht wichtig.

Wenn Sie die Zeitspanne zurück zu Ihrem ersten im Jahr 1957 betrachten: ist das überhaupt noch derselbe Beruf?

Das ist schwer zu vergleichen. Vom technischen Standpunkt hat sich alles verändert. Was sich nicht geändert hat, ist das Bedürfnis Geschichten zu erzählen, hören, sehen, die die Menschen berühren – das war  immer so. Denken wir nur an Höhlenzeichnungen, das Antike Theater, an Shakespeare, Moliere, ans Kasperletheater…

Was bedeutet Ihnen an der Arbeit über diesen langen Zeitraum hinweg besonders viel?

Dass ich in keine Schublade gesteckt worden bin. Dazu gehört, dass ich nach der glamourösen Mona in Kir Royal sofort Die schnelle Gerdi spielen durfte.

Eine Taxi-Fahrerin.

Die mir als Kind der Wiener Vorstadt sehr vertraut ist. Und fragen sie mal meinen Mann; der kennt meinen Jähzorn nur zu gut, auch wenn er sich gebessert hat. Aber mir haben viele Arbeiten etwas bedeutet. Sie und Er zum Beispiel, der erste Westfilm von Frank Beyer mit der gesamten Schauspielelite des Ostens; so was ist im kollektiven Gedächtnis womöglich nicht mehr präsent, aber in meinem sehr. Das war eine sehr besondere Arbeit, wie Frau Böhm sagt Nein und Lilli Lottofee und… und… und eben die Eva Prohacek. Ich hatte oft Glück, das weiß ich, aber ich möchte mich nicht zu viel mit der Vergangenheit beschäftigen.

Warum?

So sehr ich stets mit ganzem Herzen bei meinem Beruf bin – ich habe auch noch ein anderes Leben. Jetzt grad komme ich aus dem Garten, um neue Pflanzen zu setzen. Nach zuletzt vier, fünf Filmen im Jahr genieße ich es, ein bisschen zuhause zu sein und mich mit meinem Mann wieder mehr aufeinander besinnen zu können. Das ist schön.


Elitenmast & Pressefreiheit

Die Gebrauchtwoche

12. – 18. Juni

Nun ist es amtlich: Das ZDF muss, soll, kann, darf sich ab Sommer 2018 wieder ein bisschen mehr seinem Staatsauftrag widmen, statt sich weiter vom Elitenmastbetrieb Champions League am Nasenring durch die Arenen ziehen zu lassen. Fehlt eigentlich nur noch ein überfälliger Boykott der korrupten Fußballgrößtereignisse von Russland bis Katar. Aber so weit geht das öffentlich-rechtliche Fernsehen im Bereich compliance dann wohl doch nicht. Kurz, nachdem das Zweite den Ausstieg aus diesem Irrsinn verkündet hat, wurde allerdings die Rückkehr eines anderen verkündet: The Team.

Die deutsch-belgisch-dänische Agententhriller-Superduperserie wird nächstes Jahr mit Jürgen Vogel statt Lars Mikkelsen fortgesetzt, was nur dann sehenswert sein dürfte, wenn das Ganze anders als bei den internationalen Kooperationspartnern nicht vollständig übersetzt wird. Wird es aber eh. Und damit gewiss wieder unansehnlicher als nötig. Das Erste hat derweil gezeigt, welch grandiose Unterhaltung darin entstehen kann, wenn Oli Dittrich mit von der Partie ist. Sein achter Camouflage-Auftritt, diesmal als emeritierter Starreporter Sigmar Seelenbrecht, war wieder mal von so perfider Klugheit, dass sich abermals fragt, warum die ARD derartige Perlen donnerstags kurz vor Mitternacht versendet. Ach, es ist so müßig…

Weshalb man geradezu dankbar darüber sein muss, dass sich auch die anspruchsvolle Konkurrenz gelegentlich mal in die Nesseln setzt. Arte nämlich hat sich im Fall der Selbstzensur seiner Dokumentation Auserwählt und Ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa so tapsig, fast dusselig, jedenfalls kurzsichtig angestellt, dass die strukturell intolerante Bild praktisch gar nicht umhin kam, dem zu Tode auf Ausgewogenheit geprüften Film des WDR gönnerhaft auf der eigenen Homepage Asyl zu gewähren. Unter all den Diskriminierungen Andersartiger, die seit der ersten Ausgabe zur DNA des Springer-Blattes gehören, fehlt schließlich seit jeher nur der des Antisemitismus.

Und auch, wenn die ARD dem Nöhlen des Feuilletons nun insofern nachgegeben hat, den Film von Sophie Hafner und Joachiem Schröder am kommenden Mittwoch um 22.15 Uhr zu zeigen: Schöne Steilvorlage.

Die Frischwoche

19. – 25. Juni

Von der es die ein oder andere auch auf dem Rasen geben wird, wenn die öffentlich-rechtlichen (Sport-)Sender den Phantomschmerz der fehlenden Champions-League, Olympia-Rechte und Bundesliga-Exklusivität mit der Übertragung des sportlich bedeutungslosen und politisch anrüchigen Confed-Cups in Russland kompensieren. Aber gut – selbst Panini hat dazu ja ein Sammelalbum erstellt. Darüber hinaus ist das Angebot an Frischformaten aber auch himmelschreiend dünn diese Woche.

Immerhin: auf Netflix gibt es ein bisschen was Überraschendes zu sehen. Freitag startet dort der neunzigminütige Dokumentarfilm Nobody Speak über die grassierende Einschränkung der amerikanischen Pressefreiheit am Beispiel eines Prozesses vom früheren Wrestler Hulk Hogan. Der leitet damit prima über zur neuen Serie des Streamingdienstes. Parallel beginnt nämlich das üppig kostümierte Spektakel Glow um ein real existierendes Team Wresterinnen, die in den Achtzigerjahren kurz für Furore gesorgt haben.

Ansonsten bieten sich frühzeitiger als sonst eher Wiederholungen als Innovationen der Woche an. ZDFneo etwa zeigt ab Donnerstag (21.15 Uhr) nochmals in Doppelfolgen sein unvergleichliches Boxer-Epos Tempel mit Ken Duken und Thomas Thieme, die voriges Jahr gezeigt haben, dass deutsche Serien dramaturgisch doch mithalten können. Wenn man sie lässt. Wer es noch etwas älter mag, hätte hier drei Filme zur Auswahl: Paul Verhoevens Basic Instinct (Samstag, 23.30 Uhr, ZDF) von 1992, als Sharon Stone und Michael Douglas noch jung und heiß waren. Tags drauf um Mitternacht bringt der WDR Sophia Coppolas Meisterwerk Lost in Translation mit der 2003 sehr, sehr jungen Scarlett Johansson und dem noch nicht so richtig alten Bill Murray zurück auf den Bildschirm.

Und dann gibt es ja heute noch die furiose David-Lynche-Retrospektive auf Arte, angefangen um 20.15 Uhr mit Mullholland Drive (2001), abgerundet durch Lost Highway (1996), beides in seinem alltäglichen Mystizismus bahnbrechend und brillant. Wie seinerzeit übrigens der schwarzweiße Westernklassiker Bis zum letzten Mann (Freitag, 23.35 Uhr, BR), mit dem John Ford 1948 nicht nur seine legendäre Kavallerie-Trilogie begann, sondern dem Genre auch filmästhetisch neue Maßstäbe verpasst hat. Sprachlich war hingegen ein gewisser Goetz George stilbildend, als er 1981 in Gestalt des damals unerhörten Tatort-Kommissars Horst Schimanski sein Debüt gab. Am Dienstag um 22.10 Uhr wiederholt der WDR Duisburg-Ruhrpott, einen Film, der das deutsche Fernsehen nachhaltig verändert hat.


J. Bernardt, Big Boi, Danai Moore

J. Bernardt

In einem Land, dass Technotronic hervorgebracht hat oder Stromae, also eurodancigen Ballermann-HipHop ebenso wie intellektuellen New-Beat-Rap ist beim Sprechgesang nahezu alles möglich und nichts. J. Bernardt hat sich für fast alles, also sehr, sehr viel mehr als nichts entschieden. Vom flandrischen Gent aus hat er es als Leadsänger der Indierockband Balthazar unterm nom de guerre Jinte Deprez zunächst mal mit härteren Klängen versucht, die auch schon sehr elaboriert klingen. Jetzt sattelt er um auf Rapper und zeigt mit seinem Debütalbum, dass das absolut die richtige Wahl ist. Running Days erfindet zwar wenig neu, aber es hinterlässt doch einen bleibenden Eindruck.

Sein Flow nämlich ist von so eleganter Schnodderigkeit, als würde der frühe LL Cool J auf Dipset umschulen und sich dafür ein paar der fantastischen Mixer leihen, die Bernardts brillanter Landsmann Stromae für seinen feingliedrigen Electronica-Rap verwendet. Dabei ist es keinesfalls die Stimme des modeltauglichen Hipsterbartträgers allein, mit der sein Neustart glänzt. Fantastische Samples – mal in The Question eine stilisierte Sitar, mal in Wicked Streets gequälte Bläser – unterspülen die Gelassenheit des Gesangs mit großer Vielfalt zu einem breiten Strom schöner Arrangements, die Lust machen aufs nächste Projekt von J. Bernardt. Muss gar nicht HipHop sein. Darf aber gern.

J. Bernardt – Running Days (PIAS)

Big Boi

Wird immer HipHop bleiben, wenngleich der besonderen Art: Big Boi, einst die bessere Hälfte von André 3000. Deren legendäres Eastcoast-Duo OutKast klebte dem Gansta-Rap der Jahrtausendwendzeit einen flamboyanten Sound an die Backe, der all die ausgestellte Männlichkeit jener Tage mit glamouröser Ironie unterwanderte. Bei seinem Solo-Ausflug Sir Lucious Left Foot: The Son of Chico Dusty hatte Antwan André Patton, wie der 42-Jährige bürgerlich heißt, diese Nonchalance dann noch um allerlei Referenzen an den Rest der Popkultur erweitert. Sieben Jahre später erscheint jetzt sein drittes Album ohne die alte Crew. Und es ist ein Schritt zurück nach vorne.

Hatten sich die beiden Vorgänger durchaus poppig von allen Referenzen der früheren Jahre befreit, selbst von dem, nur der robuste Buddy des schillernd schrägen André 3000 zu sein, klingt Boomiverse nun wieder mehr nach altem Atlanta-Rap – schon auch funky, aber sehr viel deeper als alles zuvor. Mit Gastsängern von Killer Mike (im hinreißend japanophilen Kill Jill) über Pimp C bis Adam Levine scheint sich Big Boi sichtlich wohl zu fühlen im großen Pool von Mobb bis Club, von dezenten Harte-Jungs-Avancen bis hin zum lustigen Sarkasmus von OutKast. Ein hinreißendes Album für die kleine Zeitreise durch den testosteronfreien HipHop.

Big Boi – Boomiverse (Sony)

Danai Moore

Danai Moore, auch wenn das im R&B kaum der Rede wert ist, kann famos singen. Stets moduliert sie präzise, jeder Ton sitzt da, wo er hingehört, es klingt herzergreifend schön, wenn die Britin ihr neues Album mit viel Soul zum Ereignis macht. Das aber ist Bring you shame vor allem deshalb, weil Danai Moore weder stimmlich noch dramaturgisch nach jener Perfektion strebt, die ihr Genre oft unangenehm glättet. Zwei Jahre nach dem gefeierten Debüt geht es der Sängerin am Klavier daher um etwas anderes: Versöhnung. Versöhnung mit ihren inneren Dämonen, Versöhnung aber auch mit der begleitenden Musik.

War Elsewhere seinerzeit oft geteilt in den Gospel ihrer jamaikanischen Herkunft und den Alternartive-Rock ihrer Jugend im Londoner Stadtteil Stratford, mischt Danai Moore nun alles durcheinander. Im Titelstück etwa unterwandert eine windschiefe Gitarre die Mondscheinträumerei, bis sich kurz darauf fröhliche Bläser wie ein Sonnenaufgang über die Melancholie legen. Ständig heitert sie ihren Trip-Hop mit lustigem Raumschifffilm-Gefriemel auf oder unterwandert das düstere Bedürfnis „to be someone’s nothing / A hollow plastic bag“ in Trickle mit Trompeten aus luftiger Höhe. Das ganze Album – eine Ode an die Unvollkommenheit.

Danai Moore – Bring you shame (Because)

 


Kraftklub: Provokation & Mitgrölrock

Keine Psychopathen auf Koks

Vor sechs Jahren kannte man Kraftklub allenfalls daheim in Chemnitz, bald darauf waren die fünf Indierocker aus dem Osten schon Headliner großer Festivals und die ersten zwei Alben Nr. 1 in den Charts. Genau dort dürfte also auch Keine Nacht für niemand landen, das heute rauskommt. Frontmann Felix Brummer, verantwortlich für Texte und Gebrüll, erzählt im Interview, wie es dazu kommen konnte, was das aus den fünf Freunden gemacht hat und warum sie diesmal eher lässig als schnell sein wollen.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Felix, ist eure Starrummel-Hymne Band mit K gleich zum Auftakt eures neuen Albums eigentlich nur ironisch gemeint oder auch ein bisschen angenehm überrascht vom Erfolg?

Felix Brummer: Da ist der Interpretationsspielraum bewusst relativ weit gefasst. Wir inszenieren uns ja schon schamlos als Sektenführer, kritisieren aber auch den Kult um Stars inklusive der Youtuber-Szene, die jungen Menschen das Geld aus den Sparschweinen fingert. Andererseits kann man es auch einfach als lustige Überhöhung der Popkultur von außen hören. Denn in der Realität hält sich der Rummel bei uns selbst ja doch noch in Grenzen. Wir haben anders als ein paar unserer Kollegen noch keine campenden Fans vor den Wohnungen.

Wenn anders als im Song keine Schlüpfer fliegen – wie weit geht die Fan-Liebe?

Dass manche wirklich zu jedem einzelnen unserer Konzerte fahren. Das finde ich natürlich schon auch ein wenig verrückt, vor allem aber sehr sympathisch.

Trotzdem lief der Schritt vom kleinen Club auf die ganz große Bühne für euch in einem Tempo, das schon ein wenig Größenwahnsinn rechtfertigen würde oder?

Na ja, es gab 2012 schon eine Phase, wo es im Rückblick ziemlich schnell ging. In dem Jahr ist gefühlt alles auf einmal passiert, zwischen ganz klein, erster Platte und ganz groß haben wir noch eine Kolumbien-Tour gespielt. Ernsthaft! Trotzdem hat sich für uns immer alles natürlich angefühlt, wir haben keinen Schritt übersprungen. Bei Rock am Ring zum Beispiel haben wir erst auf dem Zeltplatz gespielt, im Jahr drauf auf der kleinsten Bühne, zwei Jahre später auf der Hauptbühne, aber um 18 Uhr, dann abends und zuletzt als Headliner. Das ist schon krass, aber eben eine fließende Entwicklung.

Hat sie euch als Band, Musiker und Menschen verändert?

Sicherlich, aber ich könnte gar nicht im Einzelnen aufzählen, was genau. Wir sind jedenfalls keine kokainsüchtigen Psychopathen geworden in den letzten sieben Jahren. Vielleicht aber auch deshalb, weil wir vor dem Album hier eine Pause eingelegt haben, um wieder normale Sachen zu machen, weil man sonst schnell das Leben der anderen verschwitzt. Wir hatten das Gefühl, unsere Freunde nur noch dann zu treffen, wenn wir sie auf unsere Konzerte einladen. Das ist auf Dauer einfach nicht geil.

Ihr habt euch also bewusst wieder ein bisschen geerdet?

Auf jeden Fall, das muss man manchmal. Es gibt bestimmt genügend Menschen, die es total geil finden, sich mit einem crazy Rockstar-Life von der Realität zu entfremden. Für uns war das alte Umfeld schon immer ein wichtiger Quell der Inspiration.

Und hat es etwas an eurer Musik verändert, dass dieser Quell zwischenzeitlich ein bisschen weiter weg war?

Inwiefern?

Das man mit wachsendem Publikum versucht, fetter zu produzieren, mehr Mitgrölsongs zu schreiben, um die Massen in Bewegung zu setzen zum Beispiel?

Nee, gar nicht. Wir lernen zwar mit jedem Auftritt dazu, sind aber bis heute nicht die großartigen Virtuosen an unseren Instrumenten. Ich als Frontmann kann ja im Grunde noch nicht mal richtig singen. Dennoch bleibt es dabei, dass wir jeden Song auch im Club spielen können müssen. Was wir machen, muss sich auch im Proberaum richtig anfühlen; erst wenn es das tut, funktioniert es auch auf der Bühne.

Aber zollt man dem wachsenden Moshpit vor der Bühne nicht dennoch insofern Tribut, als man ihm auch was bieten muss?

Weil wir uns immer sehr als Live-Band begriffen haben, waren die ersten zwei Alben genau dieser Ausgangslage geschuldet. Wir wollten auch im Studio, dass es permanent knallt. Immer schnell, immer ballern. Davon haben wir uns auf diesem Album verabschiedet. Aber eher weil wir das Gefühl hatten, dass das auserzählt ist. Das Ende der Fahnenstange war einfach erreicht, denn bei der Frage, wo es mit uns hingegen soll, wurde einfach deutlich, dass noch mehr Tempo keine Antwort ist.

Welche Antwort gäbe es dann?

Mehr Lässigkeit vielleicht und eine gewisse Antihaltung zu bestimmten Erwartungen einzunehmen. Wenn alle wollen, dass wir noch ein und noch ein Album im 16el-Beat durchhacken, müssen wir mal was anderes machen. Es ist ja schon schwer genug, sich unter fünf Bandmitgliedern auf eine Linie zu einigen; falls dann noch Meinungen und Ansprüche von außen hinzukommen, wird es richtig anstrengend. Wenn den Leuten das, was da dieses Mal rausgekommen ist, nicht gefällt – gut, dann ist es halt so…

Sind eure Einigungsprozesse im Übungsraum so kompliziert wie es jetzt klingt?

Ja, da knallen schon auch Egos aneinander. Aber das war schon immer so, ist also nicht erst mit dem Erfolg passiert. Wenn man zu jemandem sagt, der und der Part passe nicht, dann kommt das schnell so an, als meinte man eigentlich: du bist scheiße! Das ist die Grundschwierigkeit aller Gruppen.

Macht es die Tatsache, dass ihr nicht nur fünf Musiker, sondern fünf Freunde seid, schwieriger oder leichter, da einen Konsens zu finden?

Ich glaube, schwieriger. Der Bassist ist mein Bruder, den kenne ich, seit er auf der Welt ist; da kenne ich seine Stärken und Schwächen so genau, dass es leichter fällt, sich zu verletzen. Zugleich aber ist es eben auch einfach schöner, mit guten Freunden Sachen zu erreichen als mit Kollegen.

Politisch steht ihr dabei ehr links vom Mainstream oder ist das bloß Wunschdenken all jener, die sich freuen, endlich stehe ein unterhaltsame Band mal politisch auf der richtigen Seite?

Das ist insofern Wunschdenken als ich es total arrogant und herablassend finde, sich auf der richtigen Seite zu fühlen. Natürlich kommt, wenn fünf politisch denkende Typen Musik machen, am Ende auch irgendwie politische Musik heraus. Aber weil wir als Menschen alle links sind, heißt das nicht, dass wir irgendeine Agenda hätten, um die Welt da draußen mit Kraftklub-Songs zu retten. Wir lassen uns vor keinen Karren spannen. Aus dem Anspruch, die Wahrheit zu kennen, entsteht ja genau das Denken, gegen das wir draußen auf der Straße demonstrieren. Wir machen Dreieinhalbminutensongs. Wer komplexe Themen in so kurzer Zeit zu lösen vorgibt, dem sollte man grundsätzlich misstrauen.

Aber ein Song wie Fenster richtet sich doch ganz klar gegen Wutbürger von AfD bis Pegida.

Das tut er. Aber nicht, um Lösungen anzubieten, sondern Kommentare auf die Gegenwart.

Ist Dein Lied dann einer für vermeintliche Gutmenschen, die natürlich rote Ohren kriegen, wenn jemand seine Ex als „Du Hure“ beschimpft?

Nein, das ist keine bewusste Provokation, sondern der Versuch, die Perspektive eines verlassenen Freundes von verständnisvoll auf rachsüchtig kippen zu lassen. Und natürlich der Spaß, eine heftige Bildsprache zu benutzen, um heftige Emotionen zu beschreiben. Ich verstehe, dass das manchen zu krass ist – gerade aus unserem Mund, von der netten Indie-Band, nicht dem fiesen Gangsta-Rapper. Und stimmt ja: ich finde es furchtbar, wenn Frauen als Schlampen oder so bezeichnet werden. Aber wenn wir einen Song wie diesen schreiben, machen wir das aus Interesse an der Situation, dass so etwas nun mal existiert.

Ist so ein Song also gar nicht autobiografisch geprägt?

Ich erzähle eine Geschichte, die alle betreffen könnte und zwar möglichst authentisch. Wenn sie in der dritten Person geschrieben wäre, also „er sagt, du Hure!“, würde es niemanden berühren. Aber ich will unsere Songs auch nicht immer erklären. Darum muss ich halt damit leben, dass mich manche Leute wegen solcher Texte für ein sexistisches Schwein halten. Die meisten werden mich schon richtig verstehen…

Dahinter steckt kein Spaß an der Provokation?

Nee. Höchstens an der Reibung . Zumal Dein Song völlig anders ist als unsere anderen Sachen, keine fetten Riffs, sondern mit echtem Orchester. Da reibt sich dann vor allem die schöne Musik an der krassen Sprache.

Habt ihr live einen Satz Streicher dabei, wenn ihr den Song aufführt?

Genau deshalb wissen wir noch gar nicht so genau, ob wir ihn live spielen. Im Studio war das toll, aber wie sollen die alle auf die Bühne passen?

Gut, die sind ja mittlerweile groß genug bei euch.

Stimmt, raufpassen würden sie. Aber was für ein Aufwand! Weiß nicht, ob wir auf den Bock haben, so als Kraftklub.

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Nazischlampen & Glaubensthemen

Die Gebrauchtwoche

5. – 11. Juni

Nein, „Schlampe“ ist kein akzeptables Wort für welche Frau auch immer, und das Präfix „Nazi“ macht es gewiss nicht besser. Es war daher ein wenig mehr als taktlos von Christian Ehring, Alice Weidel vor sechs Wochen im Satiremagazin extra 3 als Nazischlampe beschimpft zu haben. Das frisch gewählte Spitzenbraunhemd der AfD hatte die politische Korrektheit allerdings kurz zuvor „auf den Müllhaufen der Geschichte“ gewünscht, woraufhin der Moderator „da hat die Nazi-Schlampe doch recht“ sprach und fragte: „War das unkorrekt genug?“ Es war. Und wurde nun vom Landgericht Hamburg nachträglich legalisiert. Vorige Woche lehnte es eine einstweilige Verfügung mit der Begründung ab, wegen der Satire- und Meinungsfreiheit müsse Weidel „auch überspitzte Kritik hinnehmen“.

Andererseits reichen manchmal statt derber Worte auch wortlose Bilder, um den rechtspopulistischen Irrsinn da draußen verständlich zu machen. Etwa eine Zusammenfassung jener Journalisten, die Donald Trumps Regierungssprecher Sean Spicer still dabei zuhören, wie er seine offenbar sehr eigentümliche Sicht auf die Dinge präsentiert. Die entgeisterten Gesichter sagen jedenfalls mehr als 1000 Schimpftiraden. Oder auch mehr als alles, was Oliver Pocher in alle den Jahren seiner jämmerlichen Medienexistenz bislang insgesamt abgesondert hat. Im Pro7-Mumpitz Global Gladiators etwa erklärte er den boulevardbekannten Mitstreitern, was ein A-Promi sei: Jemand, antwortete Pocher da lebensklug und altersweise, „der ohne Hilfe anderer etwas auf die Reihe bekommen hat“.

Schön zu hören, dass sich der Protegé von „Bild, BamS & Glotze“ offenbar selbst ans Ende des Alphabets setzt. Weiter vorne, aber längst noch nicht am Anfangsbuchstaben angelangt ist hingegen Carlo Ljubek, den Eingeweihte als Bühnenberserker der renommiertesten Theater kennen. Fernsehzuschauer hingegen mögen sein zerknautscht schönes Gesicht schon mal irgendwo gesehen haben, wenngleich eher in tragenden Nebenrollen.

Die Frischwoche

12. – 18.  Juni

Da ist es schön, dass der kroatische Rheinländer mit Wohnsitz St. Pauli im Mittwochsfilm ganz oben auf der Besetzungsliste steht. Weil er darin einen Vater spielt, den der Hirntod seines Sohnes zwischen Hoffen und Bangen, Fluchen und Beten hin und her schleudert, ist Atempause zugleich einer wichtigsten Filme der diesjährigen Themenwoche Woran glaubst du?, die bis Sonntag wie jedes Jahr um diese Zeit das Programm aller ARD-Kanäle dominiert.

Dazu zählt zum Beispiel auch die Hauptrolle einer anderen Schauspielerin, die es trotz aller Präsenz noch nicht so richtig in die Riege der A-Promis geschafft hat: Ulrike C. Tscharre. Groß geworden in der Lindenstraße spielt Dominik Grafs Lieblingsdarstellerin am Samstag in Konfirmation die Mutter eines Teenagers, der seine Pubertätsrevolte nicht als Nazi, Schlampe oder sonst wie radikal auslebt, sondern religiös zu werden scheint – was seine coolen Eltern allerdings weit schlimmer finden als politische Eskapaden. Diesen Zwiespalt setzt Stefan Krohmer gewohnt tiefgründig und unterhaltsam in Szene.

Am Dienstag zuvor zeigt das Erste ab 22.45 Uhr die nächsten zwei FilmDebüts. Zunächst das getragene Holocaust-Drama Unser letzter Sommer, danach die Komödie 1000 Mexikaner um zwei Hochzeitsfilmer. Klar, dass es Historytainment mit Nazis auf den besseren Sendeplatz schafft, wo am Sonntag auch die neueste Adaption von Mata Hari stattfindet. Mit Natalia Wörner in der Titelrolle und Nora von Waldstätten als real existierender Gegenpol macht die ARD aus dem Spionagestoff zwar ein weibliches Ränkespiel; an die großen Vorbilder wie Greta Garbo reicht der Film allerdings nie heran.

Am Freitag versucht sich auch Netflix daran, eine reale Figur der Zeitgeschichte zu fiktionalisieren: mit El Chapo nimmt sich der Streamingdienst nach Pablo Escobar in Narcos den nächsten mittelamerikanischen Drogenboss vor. Oliver Stone dagegen nimmt es ab Dienstag auf Sky (Freitag auch Sky Atlantic) mit dem noch viel realer existierenden Wladimir Putin auf. Obwohl aufnehmen: der heimatkritische US-Regisseur kriecht ihm in vier Folgen Interview aus Sich der Süddeutschen Zeitung so tief in den Zarenhintern, dass sie „The Putin Interviews“ zur recht als „Autokraten-Porno“ bezeichnet. Recherche, Distanz, Nachhaken? Fehlanzeige! Dann also lieber ab Freitag auf gleichem Bezahlkanal das unterhaltsame Gamour-Drama Riviera um die Schönen und Reichen und Korrupten der Oberen Zehntausend am Traumstrand. Oder wahrhaftige Realismus, etwa im Arte-Themenabend Wir schaffen das!? am Dienstag zum Menschheitsthema Flucht und Empfang, nur ausgewogen mit dem Frage- hinterm Ausrufezeichen.

Von letzteren hat die Tatort– Rückkehr Im Schmerz geboren am Montag um 22.15 Uhr (RBB) ungefähr 2500 Stück verdient. Nicht nur weil es Kommissar Murot  2014 mit mehreren Dutzend Toten zu tun kriegte, aber auch schon ein bisschen darum. Diesbezüglich hatte sich die Wiederholung der Woche 1957 sogar noch zurückgehalten, obwohl Der Seemann und die Nonne (Montag, 13.35 Uhr, ARD), mit Deborah Kerr und Robert Mitchum im 2. Weltkrieg spielt, während dessen sich die Nonne und der Soldat auf einer Pazifikinsel vor den Japanern versteckt.


INVSN, Lola Marsh

INVSN

Wer Großes hinter sich lassen will, muss versuchen, noch ein bisschen größer zu wirken. Die schwedische Alternative-Band INVSN versucht sich gleich von einer ganzen Reihe Einflüssen zu emanzipieren: Punk zum Beispiel , dem sie daher ein “Post” vorweg klemmt. Außerdem Stoner, der unüberhörbar eingewirkt hat auf das Kollektiv. Und dann wären da noch die eigenen Wurzeln als Invasion oder Mitglieder des Consciousrock-Komittees The (International) Noise Conspirancy. Zusammengenommen führt all das zu einer Form von Sound, der mit bombastisch noch zaghaft beschrieben wäre. Das Schöne daran? All das voluminöse Pathos stört auch beim zweiten Album unter ihrem Kürzel INVSN gar nicht weiter. Im Gegenteil.

Auf The Beautiful Stories nämlich macht das Quartett um Dennis Lyxzén und Christina Karlsson aus seiner politischen, alternativen, krachigen Vergangenheit das Beste, nämlich sozialkritischen Indierock, der stets bereit ist, mit viel Pop im Repertoire dicke Bretter zu bohren. Im Opener Immer Zu etwa klingen die dann fast wie Industrial, münden aber in eine Art Psychobeat, während I Dreamt Music später wie klassischer New Wave beginnt, dann aber fast Dubstep-Elemente einfügt. Sicher, das alles ist gerade stimmlich besonders dann zu melodramatisch, wenn der weibliche Doppelgesang einsetzt. Aber egal – die Wucht dahinter ist angemessen. Und der Bass zutiefst beeindruckend.

INVSN – The Beautiful Stories (Dine Allone Records)

Lola Marsh

Wie nah sich Bombast und Stille, Orchester und Kammerspiel kommen können, zeigt ein neues Gesicht des Pop, das wie so oft, wenn es aus Israel stammt, auch noch zum Niederknien schön ist: Lola Marsh. Der Name ist eine Art Kollektivpseudonym für Yael Shoshana Cohen und Gil Landau, die nach einer vielbeachteten EP nun ihr Debütalbum veröffentlichen. Es heißt Remember Roses und klingt so wehmütig nach Roadmovie der Sechziger, dass man sich wie im Video zu You’re Mine in einen alten amerikanischen Straßenschlitten wünscht, um gemeinsam in die Wüste aufzubrechen. Verantwortlich dafür ist vor allem Sängerin Yael, deren Stimme irgendwo zwischen Shirley Bassey, Nina Simone und Nancy Sinatra durch den Raum weht: Mal trotzig, mal zerbrechlich, aber stets von einer tiefen Ergriffenheit.

Doch erst im musikalischen Gewand des Multiinstrumentalisten Gil Landau wird das Duo aus dem funkensprühenden Tel Aviv zu dem, was es so besonders macht in diesen Tagen: Eine Ode ans Leben selbst im noch so hoffnungslosen Umfeld. Da flattert dann schon mal ein fröhliches Pfeifen über melodramatische Geigen hinweg, da klimpert die Lagerfeuergitarre verträumt zu großen Streicherarrangements, da ist überall die Lust aufs ganz dicke Brett zum sehr kleinen Gefühl. Indiefolk-Glampop für gute wie schlechte Zeiten. Hach…

Lola Marsh – Remember Roses (Universal)


Wilson Gonzalez Ochsenknecht: Sohn & Kampf

Der Boulevard-Flüchtling

Komischer Name, exzentrische Eltern, wenig Talent? Wilson Gonzalez Ochsenknecht hat ein gehöriges Imageproblem. Dennoch schafft es der Schauspielersohnschauspieler längst in seriöse Filme wie das amerikanische Schwulendrama Stonewall oder den aktuellen Tatort. Erstaunliche Begegnung mit dem Opfer einer Branche, die ihn gleichermaßen groß und klein gemacht hat.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Wilson Gonzalez Ochsenknecht, was genau machen Sie eigentlich beruflich?

Wilson Gonzales Ochsenknecht: (lacht) Ich bin Schauspieler und Musiker, wobei – das ist ja eher so ein Hobby-Ding. Ich bin Schauspieler, mit Leib und Seele, obwohl ich da eher reingewachsen bin, als es von der Pieke auf gelernt zu haben.

Gar keine Ausbildung?

Mit 17 bin ich auf eine Filmschule gegangen, wo ich Schauspiel, Improvisation, Regie, Stand-up, Kamera, Beleuchtung, also alles ein bisschen gelernt hab. Eigentlich ist mir allerdings da erst wirklich bewusst geworden, wie wichtig es für mich ist, am Set zu sein. Ich wusste, dass es für ehemalige Kinderdarsteller ein harter Kampf ist, sich als Erwachsener durchzusetzen. Mir war klar, dass es kein einfacher Weg wird, aber Film hat schon damals alles bedeutet. Ich hab mich mit allem befasst, was damit zu tun hat, sogar Filmgeschichte. Bis heute schaue ich nach Feierabend zwei bis drei Filme am Tag und zwar alles von Hitchcock über Fassbinder und Herzog bis zu modernen Sachen.

Ist das cineastisches Interesse oder Fortbildung?

Beides, schon seit ich denken kann. Mich interessiert bei jedem Film immer auch die Entstehungsgeschichte; deshalb lese ich parallel Biografien der Beteiligten. Ich fress‘ das förmlich in mich rein und sauge die Fähigkeiten meiner Kollegen auf, ohne sie zu klauen. Gary Oldman zum Beispiel achtet darauf, in jedem Film einen anderen Akzent zu haben. Das hat mich dazu animiert, jedem meiner Charaktere eine Eigenheit zu geben und sei es eine Handhaltung.

Was wäre denn die Eigenheit Ihrer Figur in Level X?

Ihre Gier nach Aufmerksamkeit, die sich in ruckartigen Bewegungen und dem Zwang, ständig „Hey“ und „Yo“ zu brüllen, ausdrückt. Das musste ich mir als jemand ohne Internet-Präsenz erst aneignen, auch wenn mir das oft ziemlich seltsam vorkam.

Sie haben keinen eigenen Youtube-Channel?

Um Gottes willen, nein!

Der würde doch super laufen, Sie passen doch bestens in die Zielgruppe…

Nee, mit 27 bin ich dafür doch schon zu alt. Und inhaltlich interessiert sich von der Zielgruppe bestimmt kaum jemand für das, was mich interessiert. Ich krieg schon mit, was im Netz läuft, schaue mir aber lieber einen „Tatort“ an, als stundenlang zu surfen. Und wer 16, 17 ist, will von mir ganz sicher nichts über alte Filme sehen, sondern Schminktipps, wie meine kleine Schwester, Tutorials über Videospiele. Oder eben Pranks wie in diesem „Tatort“, was allerdings auch nichts anderes ist als Versteckte Kamera, nur dass die jetzt ein Smartphone ist und englisch benannt wird, weil alle immer schwer auf international machen.

Das klingt alles ziemlich analog; sind Sie überhaupt ein digital native?

Schon. Ich habe ein gutes Verhältnis zum Internet, zumal es mir meine Fernbeziehung nach Amerika enorm erleichtert und die Nähe zu meiner Familie und meinem Publikum. Wenn ich heutzutage in die 4. Klasse ginge, wo alle nix als ihr Smartphone im Kopf hätten, wäre mein Zugang zum Internet wohl ein anderer, so wie es zu meiner Zeit eben Tamagochi oder Star Wars war, was alle in den Bann gezogen hat. Aber so käme ich ganz gut ohne Internet klar.

So weit wie der Dezernatsleiter Schnabel, der fragt, ob nicht jemand das Internet wieder abschalten könne, würden Sie also nicht gehen?

Die Uhr lässt sich nicht zurückdrehen. Und es herrscht darin ja auch ein ständiger Kampf darum, die richtige Balance zu finden, Grenzen zu setzen, einen verantwortungsvollen Weg zu finden. Nehmen Sie die Musik; als ich angefangen hab, mich dafür zu interessieren, wurde sie überall illegal runtergeladen. Jetzt bezahlen die meisten ihre Downloads und parallel dazu fangen viele wieder an, sich Vinyl zu kaufen. Ich selbst ersetze grad nach und nach alte CDs durch Schallplatten. Daran sieht man: nach einer Phase der Anarchie reguliert sich auch das Internet. Sogar das Dark Web, in dem die Hälfte aller Aktivitäten kriminell ist, bietet Menschen in Diktaturen die Chance, miteinander zu kommunizieren.

Ist das Bild, das der Tatort vom Internet zeichnet, da nicht viel zu negativ? Seine Nutzer sind ja praktisch ausnahmslos durchgeknallte Egomanen oder konsumgeile Gören…

Das ist halt die Krimi-Story, aber gar nicht mal übertrieben. Denn ganz ehrlich: diese Pranks haben auch in er Realität manchmal drastische Konsequenzen. Es gibt sicher auch sehr lustige Streiche, aber die erfordern Feingefühl und Intelligenz, sonst kann man die Opfer echt schwer traumatisieren.

Apropos Trauma: Zu Beginn Ihrer Karriere war der Name Ochsenknecht unter tatkräftiger Hilfe des Vaters sicher ein großes Einfallstor in die Filmbranche. Ist er jetzt eher Hürde oder immer noch hilfreich?

Ach, beides. Mir war nach Wilde Kerle schnell klar, dass es als Erwachsener gewiss nicht einfacher wird, künstlerisch ernst genommen zu werden. Dieses Bewusstsein hat mir von Beginn an geholfen, Höhen und Tiefen richtig einzuordnen. Ich heiße halt nicht Müller. Mittlerweile kriege ich aber viel positives Feedback, gerade für etwas wie Tatort oder einen Punk-Film an der Seite von Tom Schilling.

Ihre erste Hauptrolle als Erwachsener.

Wobei mir Hauptrollen gar nicht so wichtig sind, weil danach ja irgendwann auch nichts mehr kommt. Deshalb kann ich gern noch ein paar Jahre auf den ganz großen Kinofilm warten, alles andere wäre auch arrogant.

Was bringt so eine Rolle als Junger Wilder auf dem Weg dorthin?

Weiß nicht. Einen zehn Jahre jüngeren im Tatort zu spielen ist schon was, aber eigentlich ist meine Rolle ja eher klein. Von daher ist es einfach erst mal ein Charakter mehr auf einem langen Weg vom Kinderstar zum reifen Schauspieler.

Durften Sie überhaupt je richtig Kind sein?

Voll sogar, meine Kindheit war super. Oft natürlich im Campingbus am Set, aber auch das war super. Und zuhause habe ich sowieso immer auf der Straße gespielt, bis ich mit 19 nach Berlin gezogen bin. Der Film hat mir nicht meine Kindheit geraubt, keine Sorte.

Hat er Sie denn frühzeitig erwachsener gemacht?

Das schon eher. Ich habe mich unter Erwachsenen vermutlich viel jünger wohl gefühlt als Gleichaltrige, das prägt. Außerdem hatte ich einfach coole Eltern. Hab ich immer noch.